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Die Heilerin

Ulrike Renk

Die Heilerin

Historischer Roman

 

 

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Inhaltsübersicht

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Nachwort

Danksagung

 

Ich liebe Euch – Philipp, Lisa, Tim, Robin, Margret, Walter, Regina, Karl, Ina.

 

Und C. – lass es mich mit den Beatles sagen: Little darling, the smiles returning to the faces / Little darling, it seems like years since it’s been here / Here comes the sun, here comes the sun / and I say it’s all right

Kapitel 1

Margaretha war gerade fünfzehn, als ihre Mutter sie das erste Mal zu einer Geburt mitnahm. Es war eine stürmische Oktobernacht im Jahr 1677. Der Wind heulte durch die Gassen in Krefeld, das Laub der Bäume wurde, Vogelschwärmen gleich, zwischen den Häusern hindurchgejagt. Immer wieder verdunkelten dichte, tiefhängende Wolken den vollen Mond, der knapp über der Stadtmauer zu hängen schien.

»Wach auf, Margret.« Die Mutter schüttelte sanft Margarethas Schulter. »Mevrouw van Holten liegt in den Wehen.«

»Mutter?« Margaretha rieb sich verwirrt über die Augen.

»Schhh.« Ihre Mutter hielt die Kerze hoch, schützte die flackernde Flamme mit der Hand vor dem Windzug, der durch die Ritzen des Fensters drang. »Wecke deine Geschwister nicht. Ziehe dich an und komm.« Bisher hatte Margaretha ihre Mutter zwar bei Wochenbett- oder Krankenbesuchen begleitet, aber noch nie durfte sie einer Geburt beiwohnen. Sie sprang aus dem Bett, griff nach ihren Kleidern und schlüpfte hinein. Es war empfindlich kalt geworden, und nur mit Mühe gelang es ihr, die Haken und Ösen der klammen Kleidung zu schließen.

»Nimm die dicken Socken«, sagte ihre Mutter leise, aber eindringlich. »Es wird schneien.« Sie hatte die Wollsocken schon aus dem Kasten genommen und hielt sie dem Mädchen hin.

»Schneien? Es ist erst Ende Oktober, Moedertje.« Margaretha warf einen zweifelnden Blick aus dem Fenster. Die dichten Wolken drohten allenfalls mit Regen, dachte sie.

»Es liegt Schnee in der Luft«, wisperte die Mutter. Kritisch besah sie sich ihre Tochter, dann nickte sie. »Die Haube noch. Mein Korb steht unten, wir müssen uns sputen.«

Margaretha schlang den Zopf zu einem losen Knoten im Nacken, sie hatte keine Zeit, die Haare ordentlich hochzustecken, zog die Haube über und verknotete das Band unter dem Kinn. Mevrouw van Holten war eine geborene Scheuten, dachte Margaretha, erst letztes Jahr hatte sie geheiratet, und nun erwartete sie ihr erstes Kind.

»Warum müssen wir uns beeilen?« Auch wenn Margaretha noch bei keiner Geburt dabei war, wusste sie doch viele Dinge, die damit zu tun hatten. Von früh an hatte die Mutter ihre einzige Tochter mitgenommen, hatte mit ihr den Kräutergarten gepflegt und war mit ihr durch die Rheinauen gegangen, immer auf der Suche nach Kräutern und Heilpflanzen. Gewissenhaft hatte die Mutter der Tochter den Nutzen und Schaden von Pflanzen, Kräutern, Aufgüssen und Extrakten erklärt. Margaretha wusste, dass die erste Geburt sich oft lange hinziehen konnte.

»Es wird Schwierigkeiten geben«, sagte Gretje op den Graeff, stemmte sich gegen die Haustür, die nach außen öffnete, und zog ihre Tochter mit sich, als sie endlich gegen den Wind ankam. Mevrouw op den Graeff, eine der Hebammen und Heilfrauen der Stadt Krefeld, trug in der einen Hand das Windlicht, in das sie die Kerze gesteckt hatte, in der anderen den großen Korb mit ihren Kräutern und Hilfsmitteln. Margaretha folgte ihr, die Tür glitt ihr aus der Hand und fiel krachend ins Schloss. »Verdomme!«, murmelte sie.

»Nicht fluchen!«, ermahnte die Mutter sie. »Hoffentlich hast du den Vater nicht geweckt.« Nur einen kurzen Blick warf Gretje über ihre Schulter, dann eilte sie weiter.

Margaretha sog die Luft tief ein, ihre Mutter hatte recht, es roch nach Schnee, kalt und ein wenig wie das Eisen, wenn der Hufschmied es zischend aus dem Wasser zog. Die Luft war auch deutlich kühler geworden, und vom Boden her zog es klamm nach oben, trotz der dicken Strümpfe. Sie liefen vom Obertor, wo das Haus der Familie stand, über die Hauptstraße Richtung Schwanenmarkt, passierten den Platz mit dem Brunnen und bogen am Viehmarkt rechts ein in die Burgstraße. Am Viehmarkt roch es nach Dung und Schweinen, das Geschnatter der Gänse und Hühner, die noch am Mittag dort angeboten worden waren, schien noch immer in der Luft zu liegen. In der kleinen Gasse warf sich ihnen der Wind entgegen, als wollte er sie mit aller Macht davon abhalten, ihr Ziel zu erreichen. Hier knirschte der Matsch schon unter den Stiefeln der beiden Frauen. Der Boden fror.

»Godallemachtig«, murmelte Gretje op den Graeff und hielt kurz inne. Der Wind heulte um die Häuserecken, fing sich in den Toreinfahrten, hallte dort. Doch dann wurde Margaretha klar, dass es nicht der Wind war, der dort heulte, sondern eine Frau. Sie wimmerte, steigerte das Wimmern, bis es in einem gellenden Schrei endete, begann wieder zu wimmern.

Die Mutter sah sich kurz zu ihrer Tochter um, hielt ihr das Licht der Kerze ins Gesicht. Das Mädchen war bleich.

»Das wird nicht einfach, Meisje. Willst du lieber nach Hause gehen?«

Margaretha überlegte, ein Schauer rann ihr über den Rücken, aber dann straffte sie die Schultern, biss sich in die Lippe. »Ich komme mit.«

Für einen Augenblick prüfte die Mutter den Blick der Tochter, doch Margaretha hielt stand. Dann nickte Gretje. »Gut. Wenn du das schaffst, schaffst du alles andere auch. Komm.«

Sie klopften an eine Tür, ein hohlwangiger Mann öffnete ihnen.

»Mevrouw op den Graeff, dem Herrn sei Dank. Thilda stirbt, und ich bin schuld.« Er wischte sich die Tränen aus den Augen, hob ein Glas und trank einen großen Schluck, verschluckte sich und hustete. Er stank nach Branntwein. Angeekelt verzog Margaretha das Gesicht. Wieder hatte der Schrei seinen durchdringenden Höhepunkt erreicht und verebbte, jedoch nur kurz. Obwohl sie nun im Haus waren, erschien es Margaretha, als ob der Schrei nicht mehr ganz so laut gewesen war.

»Wo ist sie?«, fragte Gretje und schob den Mann sachte beiseite. »Oben?«

Er nickte stumm.

»Gibt es oben einen Kamin?«

»Nein.«

»Wenigstens eine Kohlepfanne?«

Van Holten sah sie mit weit aufgerissenen Augen an. »Ne… nein«, stotterte er.

»Dann besorgt eine, minn Jong. Und macht Euch keine Sorgen.« Sie tätschelte seinen Arm und ging an ihm vorbei. Margaretha folgte ihr, beeindruckt von der Ruhe, die ihre Mutter ausstrahlte. Im engen Hausflur roch es nach Kohl, nasser Wolle und saurer Milch. Rechts führte eine Tür in das größte Zimmer des schmalen Hauses, das so gebaut war wie viele Häuser der Stadt. Dort stand der Webstuhl und nahm den meisten Raum ein. Van Holten war Leinenweber. Der Kamin erwärmte den Raum, so dass die Weber auch im Winter trotz der Kälte die Schiffchen durch die Fäden ziehen konnten. An der Rückseite des Raumes lag die Wohnküche. Eine schmale und steile Stiege führte in das erste Stockwerk. Am Fuße der Treppe saß ein Mädchen, kaum älter als Margaretha. Sie hatte sich ganz zusammengekauert und hielt die Ohren mit den Händen bedeckt, wiegte sich leise jammernd hin und her.

»Hemeltje, Gottegot, Hemeltje!«, sagte sie leise wieder und wieder.

Gretje stupste sie an. »Bist du die Magd? Wie heißt du?«

»Katrinchen. Gottegot.« Sie sah nach oben, verdrehte die Augen.

»Der gute Gott und der allmächtige Herr werden uns helfen. Aber weder er noch der liebe Himmel kochen Wasser und beschaffen sauberes Tuch, das ist deine Aufgabe. Erfüll sie. Aber vorher schütte die saure Milch weg, lüfte durch und schür dann das Feuer. Wir werden Kohlen brauchen.« Gretje lächelte zuversichtlich, dann stapfte sie die Stiege entschlossen nach oben. Wieder setzte die Frau im oberen Geschoss zu einem entsetzlichen Schrei an.

Margaretha war flau im Magen. Sie drückte das Bündel sauberer Leinentücher, das ihr die Mutter zum Tragen gegeben hatte, gegen ihre Brust, dann fasste sie sich ein Herz und folgte ihr.

Nur zwei Kerzen brannten in dem Schlafzimmer, in dem ein breites Bett stand, dessen dicke Vorhänge zugezogen waren. Die Wollblenden bewegten sich sacht in dem scharfen Luftzug. Bevor Gretje sie beiseitezog, sah sie sich um. Das Fenster ging zur Straße und klapperte unter den Windböen, die sich gegen das Haus zu werfen schienen. Das Gebälk ächzte, und die Dielen knarrten. Irgendwo rief ein Käuzchen.

»Das Fenster ist nicht dicht. Geh nach unten und schau, ob dort Stroh oder Bast ist, damit wir es abdichten können.« Dann schob sie den Vorhang beiseite. Die junge Frau mit dem aufgeblähten Körper krallte sich in das Kissen. Ihr Gesicht war vor Schmerzen zu einer Fratze verzogen, trotz der Kälte lief ihr der Schweiß über die Haut. »Und bring auch frische Laken mit. Warmes Wasser. Eimer. Los!«

Wie erstarrt schaute Margaretha auf die junge Frau, die sich hin und her warf, stöhnte und wimmerte. Natürlich wusste Margaretha, dass Schmerzen zur Geburt gehörten, und hatte auch schon so manche Frau in den Wehen schreien gehört. Doch das, was sie nun sah, überstieg ihre Vorstellung.

»Nun, nun, nun, Meisje, es wird alles gut!«, beschwichtigte Gretje op den Graeff die junge Frau. Sie zog ihr das Nachthemd aus, warf es auf den Boden, legte ihr die Hand auf den nackten Bauch. Margaretha erschien es, als würde die über alle Maßen gespannte Haut gleich aufplatzen. Immer noch konnte sich das Mädchen nicht von dem Anblick lösen.

»Spürst du meine Hand? Du musst hierhin atmen. Einatmen und ganz langsam auspusten. So wie ich …« Geräuschvoll atmete Margarethas Mutter ein und dann aus.

»Ich kann nicht«, stöhnte Thilda.

»Doch, du kannst. Einatmen. Jetzt!« Gretje sprach beruhigend, aber auch bestimmt. Thilda van Holten wurde ruhiger, das Wimmern ließ nach, und sie schien sich ein wenig zu entspannen. Eine Windböe zog pfeifend durch die Ritzen, und Margaretha zuckte zusammen, dann raffte sie ihre Röcke und lief die steile Stiege hinab. In der Küche brannte ein helles Feuer, darüber hing ein rußgeschwärzter Kessel, in dem etwas kochte. Margaretha warf einen Blick hinein. Dicke Fettaugen schwammen auf der Oberfläche.

»Was ist das?«, fragte sie die Magd.

»Ich sollte doch Wasser kochen.«

»Hast du den Topf nicht ausgescheuert? Da schwimmt ja Fett.«

»Ausgescheuert? Nein. Ich habe gestern ein Huhn ausgekocht. Da muss noch ein Rest im Topf gewesen sein.« Katrinchen zuckte die Schultern.

Margaretha hatte schon früh gelernt, dass Sauberkeit wichtig war, nicht nur im Wochenbett. Ohne die Magd anzusehen, nahm sie den Kessel vom Herd, öffnete die Tür zum Hof und schüttete das Wasser aus. Eine Dampfwolke nahm ihr für einen Moment die Sicht. Dann drehte sie sich um, drückte Katrinchen den Kessel in die Hand.

»Wasch ihn aus, und zwar gründlich. Und dann nimmst du sauberes Wasser und erhitzt es. Habt ihr Bast im Haus? Ich brauch zudem einen Eimer, Laken.«

Die Haustür wurde geöffnet und jemand polterte in der Diele. Es war der junge van Holten. Er hatte bei seinen Eltern, die im Nachbarhaus wohnten, eine Kohlepfanne ausgeliehen und schwankte damit nun durch die Diele. Torkelnd stieß er gegen die Küchentür, blieb stehen und sah Margaretha mit großen Augen an.

»Wohin damit?« Er deutete auf das Kohlebecken.

»In der Küche brauchen wir es wohl nicht. Es muss nach oben.« Margaretha verdrehte die Augen und hob lauschend den Kopf. Die furchtbaren Schreie waren verstummt. Auch van Holten horchte.

»Gottegot. Ist sie …?« Doch dann hörte man wieder einen leisen Schrei. Er klang nicht mehr so verzweifelt, aber immer noch schmerzhaft. Van Holten zuckte zusammen. »Was habe ich getan? Was habe ich ihr angetan?«

»Zum Jammern ist es jetzt zu spät. Das Kohlebecken wird gebraucht. Und habt Ihr Bast?«

»Bast?«

»Es zieht wie Hechtsuppe dort oben.« Margaretha stemmte die Hände in die Hüften, so wie sie es oft bei ihrer Mutter gesehen hatte, wenn diese mit Männern sprach.

Van Holten wies mit dem Kopf zur Webstube. »Dort ist Bast. Ja, es zieht dort oben. Aber das große Bett passt nicht in das andere Zimmer, dort zieht es nicht und einen Kamin haben wir da auch.«

»Auch ein Bett?«, fragte Margaretha.

»Nun ja, ein schmales.« Er rülpste, hielt sich verschämt lächelnd die Hand vor den Mund. Die Branntweinfahne schien vor ihm im Raum zu stehen. Angewidert wandte Margaretha den Kopf ab. Sie drückte sich an van Holten vorbei, lief die Treppe empor. Vor der Tür zum großen Schlafzimmer blieb sie stehen, holte tief Luft. Sie hörte das Stöhnen der Frau, die murmelnde Stimme ihrer Mutter. Der Gedanke an den zum Platzen gespannten Leib der Frau und das viele Blut erzeugten Übelkeit in ihr. Sie drehte sich um, sah die andere Tür, öffnete sie. Wohlige Wärme schlug ihr entgegen. In diesem Moment kämpfte sich der Mond durch die Wolken und warf sein Licht in den kleinen, aber behaglichen Raum. Das Bett war in der Tat schmal, doch es wirkte frisch bezogen. Kein Wind pfiff hier, das Zimmer lag nach hinten zum Hof.

Margaretha gab sich einen Ruck und öffnete die Tür zum Schlafzimmer. Thilda lag im Bett, die Beine weit gespreizt. Das flackernde Licht der Kerzen warf gespenstische Schatten, die über die Wände tanzten. Sie atmete zusammen mit Gretje, ein Rhythmus, ein-aus, ein-aus. Hin und wieder entfuhr ihr ein Wimmern. Margaretha wusste nicht, wie sie sich bemerkbar machen sollte, und traute sich nicht, zum Bett zu gehen.

»Schön weiteratmen, Meisje«, sagte Gretje lobend und drehte sich dann zu ihrer Tochter um. »Bringst du Wasser? Wo bleibt die Kohlepfanne? Und hast du Bast? Bevor die nächste Stunde um ist, wird diese Frau krank sein, wenn sie weiter in dem Windzug liegt.«

»Nebenan ist ein warmes Zimmer. Dort zieht es nicht, und der Kamin verläuft durch den Raum, es ist warm.« Margaretha sprach die Frage nicht aus, aber sie hing deutlich in der Luft: Würde die gebärende Frau es dorthin schaffen? Oder wie würden sie sie dahin bringen?

»Ein Bett?«, fragte Gretje knapp.

»Ja. Ein kleines, aber wie mir schien, frisch bezogen.«

»In Hemmelsnaam. Warum sagt das denn keiner?« Gretje stieß wütend die Luft aus. Dann wurde ihre Stimme wieder sanft. »Komm, Meisje, aufstehen. Wir gehen rüber. Margret, nimm die eine Kerze und mach dort Licht.«

»Aufstehen?« Erschrocken sah Thilda die Hebamme an. »Das kann ich nicht.«

»O doch, und du wirst.«

Später wusste Margaretha nicht mehr, wie sie die heulende Frau in das andere Zimmer bekommen hatten, aber sie schafften es. Wenige Stunden danach hielt Gretje op den Graeff dem inzwischen völlig betrunkenen van Holten seinen Erstgeborenen hin. »Wie soll Euer Kind heißen?«

»Mein Kind?« Er verschliff die Silben, seine Augen befanden sich auf Wanderschaft und fanden keinen Fixpunkt. »Ist es tot?«, lallte er.

»Nein. Wohl kaum.« Gretje holte tief Luft und schaukelte den Kleinen sanft, der inzwischen anfing leise zu jammern. »Er lebt, genauso wie Eure Frau. Wie soll der Sohn nun heißen?«

»Er lebt? Meine Frau auch?« Van Holten hob das Glas an die Lippen, doch es war leer. Wütend schleuderte er es gegen die Wand, wo es klirrend zersplitterte, griff nach dem Tonkrug. Wie ein Ertrinkender sog er die letzten Tropfen aus dem Gefäß. Gretje rümpfte die Nase. Die zum Schneiden dicke Luft stand in dem Raum, es stank nach Branntwein, Schweiß und feuchten Strümpfen.

»Mijnheer van Holten, Eure Frau lebt, das Kind auch. Ich habe einige Stunden gearbeitet und würde nun gerne nach Hause gehen. Aber das Kind braucht einen Namen. Überlegt Euch, wie Ihr ihn nennen wollt. Ich bringe ihn nun zu seiner Mutter. Später am Tag komme ich wieder.«

»Ihr wollt gehen?« Verblüfft sah er sie an. »Und mich alleine lassen?«

»Natürlich. Warum nicht? Katrinchen ist doch da. Sie kocht gerade eine gehaltvolle Brühe, damit Eure Frau wieder zu Kräften kommt. Schlaft Euren Rausch aus.« Sie lachte leise, drehte sich um.

»Mevrouw op den Graeff, Ihr könnt nicht einfach gehen. Ist das Kind getauft?«

Langsam drehte sich Gretje wieder zu ihm um. Ihr Gesicht zeigte eine seltsame Ungeduld, stellte Margaretha fest, die mit dem gepackten Korb im Flur stand. Die Nacht war anstrengend und zuerst furchterregend gewesen, doch der Ausgang glücklich. Alle Anspannung und Aufregung war nun von ihr gefallen; sie fröstelte, war müde und ausgelaugt.

»Ich kann das Kind nicht taufen«, sagte Margarethas Mutter mit gepresster Stimme.

»Ihr … Ihr … Ihr seid doch Hebamme, Ihr dürft taufen«, stotterte van Holten. »Was, wenn es in den nächsten Stunden stirbt?«

»Ich dürfte eine Nottaufe vornehmen, wenn es dem Kind schlecht geht. Diesem Kind geht es bisher gut. Ich sehe auch keinen Anlass zur Sorge, dass es ihm in den nächsten Stunden schlechter gehen sollte. Allerdings nur, wenn ich es jetzt aus diesem Mief hier wegbringe, ansonsten könnte er wohlmöglich ersticken. Dann müsste er notgetauft werden.« Sie drehte sich um und ging nach oben.

»Mevrouw! Haltet ein«, rief van Holten. »So wie meine Frau geschrien hat, war die Geburt schwer. Und schwere Geburten führen oft zum Tod. Ich bestehe auf einer Taufe. Das Kind soll …«, er zögerte, aber in seiner Wut war seine Aussprache wieder deutlicher geworden, so als hätte er den Vorhang der Benebelung beiseitegeschoben. »Der Junge soll nach meinem Vater benannt werden. Jakob van Holten!«

»Das ist fein. Ich werde es Eurer Frau ausrichten, sie fragte danach«, rief ihm Gretje über ihre Schulter zu.

»Und tauft Ihr ihn nun?«

Gretje blieb stehen. Margaretha sah, dass ihre Mutter bebte. Ein sicheres Zeichen dafür, dass sie wütend war. Für einen Moment schien die Hebamme zu zögern, dann stieg sie die steile Treppe wieder hinunter, gab Margaretha das kleine Bündel.

»Ich bin Mennonitin, wie Euch sehr wohl bekannt ist. Genauso wie Eure Frau Thilda. Ihr seid Protestant. Eure Art den Glauben an Gott zu leben ist nicht besser und nicht schlechter als unserer. Wir sind alle Kinder Gottes, und zwar von Geburt an. Gott liebt und schützt uns. Wir Mennoniten entscheiden uns dazu, als junge Erwachsene das Taufgelöbnis und dadurch den erneuten Bund mit Gott einzugehen. Bewusst und willentlich.«

»Und wenn das Kind jetzt stirbt?« Er weinte plötzlich fast.

»Dann ist es in der Hand Gottes. Welche Sünden soll es begangen haben? Die Gefahr, dass Euer Sohn an diesem Tag stirbt, sehe ich nicht. Wenn es Euch wichtig ist, dann lasst ihn im Laufe des Tages taufen. Er ist gesund und munter, er hat schon getrunken. Es geht ihm gut. Ich werde ihn nicht taufen.« Sie sah ihn streng an, nickte ihm zu, ging in den Flur und nahm das Kind aus Margarethas Armen. Dann stapfte sie die Treppe empor. Jeder ihrer Schritte auf der hölzernen Stiege schien durch das Haus zu hallen.

Wenig später liefen die beiden Frauen durch das morgendliche Krefeld. Gretje hatte recht behalten, dicke Schneeflocken, weich wie Wollfasern, trieben im ersten Licht des Tages durch die Luft. Die Hähne hatten gekräht, die ersten Wagen fuhren durch die Stadt, und die Tore waren geöffnet worden. Die beiden Frauen, Mutter und Tochter, gingen schweigend nebeneinander her. Ihre Schritte waren schwerfällig und müde. Als sie das Haus in der Nähe des Obertors erreicht hatten, blieb Gretje stehen. Sie sah Margaretha an. Die Fältchen um ihre Augen, die wie Radspeichen um ihre Augen lagen, hatten sich vertieft. Sie lächelte schwach.

»Du hast dich gut gehalten, mein Kind. War es arg schlimm?«

»Am Anfang schon. Ich dachte, sie würde sterben. Was muss sie für Schmerzen gelitten haben!« Margaretha senkte den Kopf. Ihre Knie zitterten, und inzwischen waren ihre Füße, trotz der dicken Strümpfe, kalt.

»Nicht mehr als andere auch, aber auch nicht weniger. Sie hat dagegen angekämpft und das war ihr Fehler. Wir haben ihr geholfen, richtig damit umzugehen. Du hast deine Sache gut gemacht, Meisje. Nun geh zu Bett und ruh dich ein paar Stunden aus. Später am Tag werden wir noch mal nach Thilda und dem kleinen Jakob sehen.« Gretje öffnete die Tür. Es war kalt im Hausflur. Das Feuer im Herd schien ganz heruntergebrannt zu sein. Seufzend stellte Gretje den Korb ab, stützte kurz die Hände in das Kreuz und bog die Schultern nach hinten.

Margaretha schlich an ihr vorbei nach oben. Das Haus der op den Graeffs gehörte zu den älteren der Stadt. Margarethas Großvater hatte es gebaut. Durch Anbauten und Umbauten war es immer wieder verändert worden und wies nun einen sehr winkeligen Grundriss auf. Weil keines der Zimmer groß genug für einen Webstuhl war, hatte die Familie das Nachbarhaus gekauft, nachdem die Bewohner dem Fieber erlegen waren. Dort standen nun drei Webstühle, von der Küche blieb nur noch der Herd, außerdem nutzten sie die Gesindezimmer im oberen Stockwerk. Somit waren die Arbeit und auch die Arbeiter in das zweite Haus gepackt worden und die Familie in das andere.

Margaretha teilte sich das Zimmer mit ihrer Schwester Eva, mit drei Jahren das Nesthäkchen der Familie. Das Kind kam zur Welt, als Gretje schon längst die fruchtbaren Zeiten hinter sich hatte liegen sehen. Der älteste Sohn der Familie war fast dreißig Jahre älter als die jüngste Tochter.

Eva war ein besonderes Kind, ihr Gesicht mondförmig, die Augen glichen Mandeln, sie lachte beständig, war fröhlich und aufgeweckt, konnte jedoch nicht richtig sprechen und hatte Schwierigkeiten zu laufen. Die Familie liebte das Kind und hütete es wie den Augapfel. Margaretha schlich leise in das Zimmer, zog sich aus und kroch unter die inzwischen klammen Laken. Vereinzelte Schneeflocken malten Tupfen auf das kleine Fenster, die Sonne ging an einem diesigen Himmel auf. Irgendwo bellte ein Hund, und der Nachtwächter sang sein Abschiedslied. Margaretha schlief ein.

Kapitel 2

Am nächsten Morgen hing die Sonne vor einem verhangenen Himmel. Die Luft war deutlich kälter, aber die vereinzelten Schneeflocken hatten sich aufgelöst. Margaretha schreckte hoch, als ein Fuhrwerk durch die Gasse kam, der Kutscher laut schimpfte. Sie rieb sich verwundert die Augen, noch nie hatte sie so lange geschlafen. Eva lag nicht in ihrem Bett. Margaretha stand auf, streckte sich, rief die Erinnerungen an die vergangene Nacht zurück, das Schreien, die Qualen und das Blut, aber auch den ersten Ton des Neugeborenen und das glückliche Lächeln der Mutter. Das gute Ende hatte alles andere vergessen lassen. Sie wusch sich flüchtig, das Wasser im Krug schien durch die Kälte schwerer zu sein. Dann zog sie sich frische Sachen an und ging nach unten. Es duftete köstlich nach Grütze. Ihre Mutter saß in der Küche und rupfte energisch ein Huhn. Sie hob den Kopf und lächelte ihre Tochter an. »Ausgeschlafen?« Zu ihren Füßen saß Eva und spielte mit den Federn.

»Ich glaube, ich habe noch nie im Leben so lange geschlafen außer zu Neujahr.« Margaretha nahm sich eine Schüssel und füllte sie mit der Grütze, die in dem großen Topf über dem Herd köchelte.

»Du hast dich wacker gehalten, mein Kind.«

»Ich dachte, Thilda müsse sterben.«

»Das weiß man nie so genau. Sie hatte viel Blut verloren und sich sehr verkrampft. Aber es ist ja gut gegangen. Ich möchte, dass du nachher mitkommst, wenn wir nach ihr schauen. Doch vorher geh bitte in den Wallgarten. Der Frost kommt zu früh, aber vielleicht kannst du ja noch ein paar Sachen retten.«

Die op den Graeffs hatten – so wie viele andere Familien auch – vor der Stadtmauer und dem Graben große Gärten. Dort bauten sie Obst und Gemüse an. In dem kleinen Garten hinter dem Haus zog Gretje Kräuter. Im Schuppen hielten sie ein Schwein, das meist zu Martini geschlachtet wurde, und im Hof lebten ein paar Hühner.

Margaretha aß hungrig den heißen Grützbrei. Wohlige Wärme breitete sich in ihrem Magen aus. Sie hatte gar nicht gemerkt, wie hungrig sie gewesen war. Nachdem sie ihre Schüssel ausgespült hatte, holte sie Wasser aus dem Brunnen im Hof. Vom Nachbarhaus scholl das Klappern der Webstühle zu ihr. Dort arbeiteten ihre Brüder. Der Vater, so erzählte Gretje ihr, war am Morgen nach Moers gereist, um Leinen auszuliefern. Die Familie webte Leinen, hin und wieder bleichten sie den Stoff auch. Alle waren eingebunden, und das Geschäft lief gut.

»Soll ich Evchen mitnehmen?«, fragte Margaretha, als sie die Haken an ihrem Mantel schloss.

Zweifelnd schaute die Mutter zum Boden, wo das kleine Kind in dem wachsenden Federberg wühlte, die Federn und Daunen mit fröhlichem Gejauchze in der Küche verteilte. Hin und wieder flogen ein paar der Federn in das prasselnde Feuer des Kamins und verbrannten. Der Gestank von verglühtem Horn breitete sich aus.

»Ja, nimm sie mit, aber zieh sie warm an. Und pass gut auf sie auf.«

Margaretha nahm das Kind und verdrehte die Augen, jedoch so, dass ihre Mutter es nicht sah. Als wenn sie schon mal nicht gut auf ihre Schwester aufgepasst hätte. Dann aber sah sie die Falten, die sich tief um die Mundwinkel ihrer Mutter eingegraben hatten, und bemerkte, wie müde Gretje war. Ihre Mutter hatte sich nicht hingelegt, als sie nach Hause gekommen waren. Sie hatte die blutigen Sachen ausgewaschen und in den Hof gehängt, das Feuer geschürt und das Essen vorbereitet. Wahrscheinlich hatte sie auch noch Strümpfe gestopft oder etwas anderes getan. Es gab immer etwas zu tun in diesem großen Haushalt, und Gretje konnte Dinge nicht liegen lassen.

Margaretha setzte sich Eva auf die Hüfte und verließ das Haus. Sie ging durch das Obertor hindurch und wandte sich dann links. Der Münkersweg führte nach Linn. Eva erfreute sich an dem Ausflug, zeigte lachend auf die Gänse, die auf einer Wiese vor der Stadt grasten. Hin und wieder fiel eine dicke, flaumige Schneeflocke. »Feder!«, sagte das Kind und klatschte in die Hände.

»Das ist eine Schneeflocke.« Margaretha lächelte. Mit dem linken Arm hielt sie das Kind umschlungen, an der rechten Hand schaukelte munter der noch leere Korb. Sie plauderte mit der kleinen Schwester, scherzte und sang. An der Kreuzung kam ihnen ein junger Mann entgegen. Er hatte seinen Hut tief ins Gesicht gezogen und den Mantelkragen hochgestellt. Margaretha stockte kurz, doch dann erkannte sie ihn. Es war Jan Scheuten. Er war zwei Jahre älter als sie, aber sie hatten gemeinsam die Schule besucht. Vor einem Jahr hatte er die Stadt verlassen, um eine Lehre bei einem Tischler in Linn zu machen. Manchmal kam er übers Wochenende nach Hause und besuchte mit seiner Familie den Gottesdienst. Margaretha und er hatten sich immer gut verstanden. Sie blieb stehen und lächelte ihm entgegen. Er hob den Kopf und sah sie.

»Margaretha, welch entzückender Anblick an diesem kalten Tag. Was treibt dich aus der Stadt?« Er grinste.

»Der Frost. Ich soll im Wallgarten noch schnell einiges an Gemüse retten. Und was bringt dich nach Krefeld?«

»Mein Lehrherr ist verstorben.« Er verzog das Gesicht. »Und nun muss ich mir einen anderen suchen.«

»Du bist ein fleißiger Mann, es wird dir schon gelingen. Deine Schwester hat heute Nacht einen gesunden Jungen entbunden, du wirst deine Familie in Feierstimmung vorfinden.«

»Thilda hat einen Sohn? Das wird Johannes ja freuen, er hat sich einen Stammhalter gewünscht.«

»Dein Schwager wird heute vermutlich arges Schädelbrummen haben, die Nacht über war die Branntweinflasche sein bester Freund.« Margaretha lachte.

»Das kann ich gut verstehen. Vermutlich hatte er große Angst um sie.«

Margaretha beschloss, ihm nichts von dem furchterregenden Schreien seiner Schwester zu erzählen. Eva wurde es langweilig, sie zappelte und begann zu quengeln.

»Ich muss weiter«, sagte Margaretha und spürte, dass sie rot wurde.

»Das ist deine Schwester, nicht wahr?« Jan runzelte die Stirn und sah das Mädchen nachdenklich an.

»Ja, unsere Eva, unser Schatz.« Margaretha wippte das Kind auf der Hüfte, kitzelte es, das Mädchen lachte.

»Sie ist doch schon zwei oder so?«

»Sie ist drei, fast vier. Sie ist ein ganz besonderes Kind.« Immer noch herzte Margaretha die Schwester, lächelte sie an.

»Und dann kann sie nicht laufen? Du musst sie tragen? Warum verwöhnt ihr sie so?«

Margaretha atmete tief ein und hielt für einen Moment die Luft an. »Eva kann noch nicht lange Strecken laufen, ihre Beine tragen sie nicht«, sagte sie schließlich. »Ich muss aber wirklich weiter, Jan.«

Jan kaute auf seiner Lippe, sah die beiden erst skeptisch und nachdenklich an, dann erhellte ein Lächeln sein Gesicht. »Auf mich wartet keiner, sie wissen ja nicht, dass ich zurückkomme. Ich begleite dich in den Garten und helfe dir. Soll ich deine Schwester nehmen? Ich könnte sie auf den Schultern tragen.«

»Das würdest du tun?«

»Ja, warum denn nicht?« Jan lachte, nahm Eva, schwang sie einmal durch die Luft. Das Kind jauchzte. Er setzte sich das Mädchen auf die Schultern und hüpfte mit ihr den Weg entlang. Margaretha folgte ihm lächelnd. Sie erreichten den Wallgarten. Margaretha nahm Jan das Kind ab, hüllte es in eine Decke, die sie mitgebracht hatte, und setzte es auf einen Baumstamm. Dann erntete sie die Wurzeln und Möhren, schnitt große Büschel Kräuter ab. Jan half ihr ein wenig ungelenk. Immer wieder musste Margaretha ihm erklären, welches Gemüse geerntet werden musste und was noch in der schon frostigen Erde verbleiben konnte. Trotz der Kälte bildete sich Schweiß auf Margarethas Stirn. Sie arbeitete fleißig und gewissenhaft, schaute sich immer wieder nach ihrer Schwester um, die zufrieden mit ihrer kleinen Stoffpuppe spielte.

Der Boden war hart, es war mühsam, die Karotten zu ernten, die Bohnen abzuziehen. Irgendwann schaute sich Margaretha um, und Eva saß nicht mehr auf dem Baumstamm. Für einen Moment starrte sie auf den Stamm, als ob das Kind plötzlich wieder auftauchen würde, sie einer optischen Täuschung erlegen wäre. Aber das passierte nicht. Die Starre löste sich, und Margaretha lief los, rief, schrie nach dem Kind.

»Eva. Evale! Wo bist du? Komm her. Zusje, komm zu mir.« Verzweifelt rannte sie zu dem Baumstamm, die Decke lag dort, bedeckte den Stamm, als müsse sie ihm Wärme spenden. Doch von dem kleinen Mädchen war nichts zu sehen. Margaretha schossen die Tränen in die Augen. Wann hatte sie zuletzt nach dem Kind geschaut? Vor fünf Minuten, zehn? Vor einer halben Stunde? Beim Bohnenernten hatte sie sich lustig mit Jan unterhalten, sie hatten Geschwätz aus der Gemeinde ausgetauscht und von Vorkommnissen in der Gegend gesprochen, und darüber hatten sie die Zeit aus den Augen verloren. Die Sonne hatte schon längst den Zenit überschritten, bald würde die Dämmerung hereinbrechen, zumal dichte Wolken inzwischen wieder den Himmel verdunkelten.

»Gottegot, Eva«, murmelte Margaretha verzweifelt. »Wo bist du?«

Das Kind konnte nur wenige Schritte laufen, sie krabbelte meist, das konnte sie allerdings schnell. Der Weg zum Wassergraben, der die Stadtmauer umschloss, war nicht weit. Der Boden war hart und gefroren, es waren keine Spuren zu erkennen. Margaretha schaute in jede Richtung, aber Eva war nicht zu sehen.

»Eva!«, rief sie verzweifelt und lief zum Wassergraben. »Bitte nicht. Eva!«

»Was ist los?« Jan folgte ihr.

»Meine Schwester … sie ist verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Ich muss sie finden.« Margaretha unterdrückte ein Schluchzen.

»Sie kann doch nicht laufen, oder doch?«

»Nein, aber krabbeln«, rief ihm Margaretha über die Schulter hinweg zu, während sie in Richtung Wassergraben lief. Jan wandte sich um, lief zur anderen Seite des Gartens. Auf der Wiese vor den Gärten weideten Schafe. Dort fand er Eva, glücklich in die Betrachtung der Tiere verloren.

»Hey, Meisje«, sagte er unsicher. Eva drehte sich um und strahlte ihn an, ihre Zunge steckte zwischen den Zähnen, ihre Augen funkelten.

»Mäh!«, gluckste sie.

»Da bist du ja, Eva. Margaretha sucht dich.« Ungeschickt nahm er sie hoch, rümpfte die Nase, setzte sie wieder ab. »Komm, ich nehme dich bei der Hand, und wir laufen zu deiner Schwester.«

»Wel, wel!«, rief Eva und nahm seine Hand. Nur langsam kamen sie voran, das Mädchen knickte immer wieder ein.

»Verdomme! Du bist doch bis hierher gekommen, dann musst du es auch zurückschaffen. Gottegot!« Er zog das Kind an der Hand, aber es stolperte und strauchelte, begann leise zu wimmern. »Nun denn«, sagte Jan entnervt und nahm Eva hoch, trug sie vor sich her und achtete darauf, dass er keinen Kontakt zu ihrer verschmutzten Kleidung bekam.

»Margret! Ich habe sie gefunden. Sie ist hier!«, rief er wieder und wieder. Schließlich hörte Margaretha ihn und stürmte ihm entgegen, riss das Kind aus seinen Armen und umschlang es fest. »Goddank! Sie lebt. Eva, Eva, geht es dir gut?« Sie strich die Haarsträhnen aus dem Gesicht des Kindes, schaute es an und küsste es dann.

»Sie stinkt.« Angewidert verzog Jan das Gesicht.

»Ja und? Es ist ein Kind.«

»Sie ist fast vier und noch nicht sauber?«

Margaretha setzte zu einer Antwort an, schloss aber dann wieder den Mund. Zu oft war sie auf Unverständnis bei den Mitmenschen gestoßen. Ihrer Familie war klar, dass dieses Kind etwas Besonderes war. Viele dieser Kinder lebten nicht lange. Entweder wurden sie ausgesetzt, ertränkt oder ins Armenhaus gebracht. Die op den Graeffs wollten diesem besonderen Kind ein Zuhause geben und ihm Liebe schenken, so wie Gott es vorgesehen hatte. Viele Lutheraner und andere Christen glaubten immer noch, dass diese Art von Kindern vom Teufel kam.

Welch ein Blödsinn, dachte Margaretha und drückte die kleine Schwester an sich. Eva strahlte so viel Glück und Liebe aus, sie konnte nicht vom Teufel sein.

»Lass uns zurückgehen«, sagte sie und wickelte Eva in die Decke. Wind kam auf, und dunkle Wolken bezogen Stellung am Himmel.

Margaretha sah, wie Jan nachdenklich und schweigend den Korb nahm, der bis zum Rand gefüllt war. Er ging neben ihr, warf immer wieder einen Blick auf Eva, die sich müde an die Schulter ihrer Schwester kuschelte und versonnen am Daumen lutschte, der in einem seltsamen Winkel von der Hand abstand.

Schließlich brach er das Schweigen, redete über das Wetter, die Kälte, die so früh hereingebrochen war, über Belanglosigkeiten. Sie passierten das Obertor, nickten der Wache zu und hielten vor der Straße, die zu dem Haus der op den Graeffs führte. Jan zögerte. Sein Elternhaus lag in der Nähe des Schwanenmarktes, die Hauptstraße runter. Lachend griff Margaretha nach dem Korb.

»Ich danke dir für deine Hilfe und Gesellschaft«, sagte sie.

Jan sah sie unsicher an. »Ich kann dich auch bis zu eurem Haus bringen. Es ist ja nicht mehr weit.«

»Genau, es ist nicht mehr weit, und die paar Meter schaffe ich auch mit Kind und Korb. Deine Familie wartet. Du hast schon einige Stunden mit mir verschwendet. Wir sehen uns sicherlich spätestens am Sonntag zum Gottesdienst.« Margaretha lächelte ihm zu und drehte sich um.

»Ich freue mich darauf«, rief Jan ihr nach.

Margaretha spürte, dass sie rot wurde. Sie drückte ihre heiße Wange an den Kopf der Schwester, lief beschwingt die letzten Meter.

Zuhause ließ sie den Korb im Flur stehen und brachte Eva in die Küche. Dort duftete es herrlich nach gebratenem Huhn und frischem Brot. Margarethas Brüder wuschen sich lautstark trotz der Kälte im Hof, und die Magd deckte den großen Tisch in der Küche. Der Kamin prasselte, und die Katze strich schnurrend um Margarethas Beine. Hier bin ich zu Hause, dachte sie und war für einen Moment vollends glücklich.

»Da seid ihr ja endlich. Was ist mit Evale?« Gretje nahm Margaretha das Kind aus den Armen, herzte es. Eva wurde wach und schlang die kurzen Arme um den Hals der Mutter. »Oh weh, sie muss gebadet werden. Annemieke, setze Wasser auf.«

Für einen Augenblick sah Margaretha ihrer Mutter zu, wie die das kleine Kind herzte und drückte, dann ging sie zurück in den Flur, nahm den Korb und brachte ihn in die Vorratskammer. Sie band die Pflanzen zum Trocknen in Bündel, hängte sie auf, legte die Wurzeln in die Sandkisten, die dafür bereitstanden. Noch war der Vorratsraum erschreckend leer, denn der frühe Kälteeinbruch prophezeite einen strengen Winter. Aber ihre Mutter würde sicherlich wissen, wie sie die Familie gut über den Winter brachte.

Margaretha ging in ihr Zimmer, wusch sich dort. Das Wasser im Krug war nicht viel wärmer als das aus dem Brunnen, mit dem sich die Brüder reinigten, aber hier war sie alleine. Ihre Brüder Hermann, Abraham und Dirck waren um einige Jahre älter als sie. Sie waren rau aber herzlich. Meistens konnte Margaretha mit ihren Scherzen gut umgehen, doch heute wollte sie noch einen Augenblick alleine sein, bevor sie sich an den Tisch mit der Familie und dem Gesinde setzte. Ihre Gedanken wanderten zu Jan. Die Stunden mit ihm verwirrten sie. Er war nett und hilfsbereit, aber sein Verhalten Eva gegenüber erschien ihr dumm. Trotzdem, dachte sie, hatte er sich nicht abschrecken lassen.

Lächelnd ging sie die Treppe hinab, half Annemieke beim Decken des Tisches und dem Auftragen der Speisen in der großen und warmen Wohnküche. Im Raum nebenan badete die Mutter Eva in einem kleinen Waschzuber. Wenig später versammelten sich alle zum Essen. Eva strahlte die Geschwister an und erzählte lauthals in dem ihr eigenen Kauderwelsch vom Tag. Lächelnd hörten sie ihr zu.

»Wie sieht es im Wallgarten aus?«, fragte dann Gretje ernst.

»Ich habe Möhren geerntet und auch Erbsen und Bohnen. Es ist aber noch einiges übrig. Wir können noch zwei oder drei Körbe füllen.«

»Zwei oder drei Körbe. Gottegot. Das hilft uns nicht annähernd über den Winter. Und dieser wird streng werden. Wir müssen dazukaufen, bevor die Nahrung knapp wird. Hermann, bitte fahre morgen nach Linn auf den Markt. Besser noch nach Uerdingen. Da legen die Rheinschiffe mit allerlei Waren an. Nimm deinen jüngsten Bruder Dirck mit. Er kann lernen, wie man handelt und feilscht. Lass dich ob des Schnees und Frosts nicht verunsichern, das Wetter kann noch umspringen und uns einen goldenen Herbst bescheren.« Gretje schnaufte, trank einen Schluck verdünnten Wein. »Ich selbst glaube da nicht dran, aber das muss ja keiner wissen. Kaufe Bohnen und Erbsen. Rüben und Getreide haben wir. Zwei Schweine, eines hier im Hof, eines drüben. Das reicht nicht, aber nach Martini können wir immer noch Speck kaufen.« Sie senkte den Kopf über ihren Teller, ganz in Gedanken versunken.

»Wir könnten den Stall nebenan ausbauen und eine Kuh einstellen. Dann hätten wir frische Milch«, meinte Dirck. »Die Loers halten es so.«

»Das würde uns an Heu und Futter mehr kosten als die Milch vom Bauern. Loers haben zwei große Wiesen, wir nicht.« Hermann schüttelte den Kopf.

»Es wird schon werden.« Gretje nahm sich ein Stück Brot und saugte den Bratensaft damit auf. Sie reichte den Kanten Eva, die ihn glücklich nahm und daran lutschte. »Margret, wir müssen gleich noch zur Wöchnerin. Annemieke, bring Eva nach dem Essen zu Bett. Leg ihr einen heißen Backstein unter die Decke. Wir werden morgen die Fenster abdichten müssen. Dirck, schau nach, wie viel Kohle noch da ist, eventuell müssen wir die Vorräte auch aufstocken, wenn wir jetzt schon heizen müssen.« Sie stand auf, wusch sich die Hände und ging dann in die kleine Kammer neben der Küche, in der sie ihre Kräuter und Tinkturen aufbewahrte. Margaretha folgte ihr.

»Wenn wir einen strengen Winter bekommen, werden viele Leute unter Husten und Auswurf leiden. Vor allem in den engen Vierteln der neuen Stadt.«

Seit einigen Jahrzehnten zogen immer mehr Mennoniten nach Krefeld. Anderswo wurden sie verfolgt oder gezwungen, ihren Glauben zu verleugnen. Die Oranier hatten in Krefeld die Glaubensfreiheit gestattet, und so wurde die Stadt zu einer Zufluchtsstätte. Allerdings war der Wohnraum knapp, und viele Familien zwängten sich auf engstem Raum. Das begünstigte die Ausbreitung von Krankheiten und Seuchen.

Gretje seufzte. »Noch können wir Birkenblätter ernten und Efeu. Auch Hagebutten gibt es noch im Überfluss. Vielleicht kann Hermann mir Fenchelsamen vom Markt mitbringen.« Sie ging ihre Vorräte durch, schaute in Säckchen, Bottiche, Körbe und strich über die einzelnen Flaschen. »Öl werde ich auch brauchen. Wir sollten uns auf das Schlimmste einstellen.« Sie nahm eine Handvoll getrocknete Blätter und Blüten aus einem Korb und steckte diese in ein kleines Leinensäckchen. »Aber jetzt kümmern wir uns erst einmal um Thilda. Wir kochen ihr einen schönen Aufguss aus Frauenmantel, das hilft im Wochenbett und fördert die Milchbildung.«

Die Luft war frostig, und der Rauch der vielen Kamine lag über der Stadt. Sie eilten durch die Straßen, die Dämmerung brach herein. Gretje hatte die letzte Nacht nicht geschlafen und auch bisher keine Ruhe gefunden. Sie gähnte verstohlen und rieb sich über das Gesicht. Margaretha überlegte, ob sie an diesem Abend ihrer Mutter noch weitere Arbeiten abnehmen konnte. Das Schwein würde sie versorgen und die Strümpfe stopfen. Der Korb mit der Flickwäsche stand immer in der Stube. Sie gingen an dem Haus vorbei, in dem die Familie Scheuten wohnte. Hell leuchtete es durch die Fenster, doch Margaretha konnte niemanden sehen.

»Was ist denn da so spannend, mein Kind?«, fragte Gretje ihre Tochter. Heiße Röte schoss Margaretha ins Gesicht, und sie senkte verschämt den Kopf.

»Ich habe heute Nachmittag Jan Scheuten getroffen.«

»Jan? Ist der nicht in Linn in der Lehre?«

»Er war. Sein Lehrherr ist gestorben, und jetzt ist er zurück in der Stadt.«

»Das wird seine Mutter sicher freuen. Nicht, dass der Lehrherr verstorben ist, sondern dass Jan zurück ist.« Gretje sah ihre Tochter verschmitzt an.

»Ich freue mich auch, dass er wieder hier ist«, sagte Margaretha leise. »Er ist nett.«

»Nett. So, so«, sagte die Mutter nachdenklich. Doch sie hatten das Haus der van Holtens erreicht, und nun waren andere Dinge wichtig. Gretje klopfte, die Magd öffnete ihnen. Katrinchen sah erschöpft, aber nicht mehr so verzweifelt aus wie in der letzten Nacht.

»Mevrouw op den Graeff, Goedenavond!« Sie trat zurück, ließ die beiden eintreten.

»Wie geht es Mevrouw van Holten?«

»Sie ist noch schwach, hat heute viel geschlafen.«

Gretje runzelte die Stirn. »Hat das Kind getrunken?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete die Magd leise. »Ich hatte alle Hände voll mit Mijnheer zu tun. Ihm ging es heute gar nicht gut.«

Margaretha verkniff sich ein Lächeln. Ihre Mutter ging entschlossen zur Treppe, stieg diese empor. Margaretha folgte ihr. Im Treppenhaus zog es, aber es roch nicht mehr säuerlich. Aus der Küche kam Bratenduft. Dorthin verzog sich auch die Magd wieder.

»Ist irgendetwas ungewöhnlich?«, fragte Margaretha.

»Das weiß ich noch nicht. Thilda hat viel Blut verloren, sie ist geschwächt. Und trotzdem muss das Kind trinken. Wir hätten früher kommen sollen.« Gretje klang besorgt. Sie öffnete die Tür zu der kleinen Kammer. Hier war es angenehm warm. Sie konnten das leise Wimmern des Säuglings hören, der in der Wiege neben dem Bett lag. Gretje zog ihren Mantel aus, legte ihn achtlos auf einen Stuhl, der neben der Kommode stand. Margaretha folgte dem Beispiel der Mutter. Auf der Kommode standen ein Krug und eine Waschschüssel. Gretje wusch sich die Hände mit einem Stück Seife, dass sie mitgebracht hatte. Die Seife kochte sie selbst, fügte beim letzten Verarbeitungsschritt Kräuter hinzu. Oft waren es Zusätze wie Walnuss oder Dost, manchmal auch Hopfen oder Kamille. Sie reichte Margaretha die Seife, trocknete sich die Hände ab und nahm dann das Kind aus der Wiege. Margaretha wusch sich auch die Hände. Manchmal ekelte sie sich vor dem strengen Geruch der Seife, aber ihre Mutter bestand auf dem Ritual.

»Shh, shh«, murmelte Gretje und legte das Kind Margaretha in den Arm.

»Was soll ich mit ihm machen?«, fragte Margaretha.

»Beruhige ihn ein wenig. Ich schau erst mal nach der Mutter.«

Thilda van Holten schlief. Sie hatte anscheinend gar nicht mitbekommen, dass die Hebamme da war. Gretje berührte die junge Frau sanft an der Schulter. Nur mühsam schaffte Thilda es, die Augen zu öffnen.

»Thilda?« Gretje legte ihr die Hand auf die Stirn, seufzte dann erleichtert. »Du hast kein Fieber, das ist gut. Wie geht es dir?«

»Ich bin so müde«, antwortete die junge Frau leise.

»Wann hast du dein Kind das letzte Mal gestillt?« Gretje schlug die Decke zurück. »Warst du schon deine Notdurft verrichten?«

»Ich war einmal kurz auf, aber mir ist so schwindelig geworden.«

»Und wann hast du das Kind angelegt?«

Thilda runzelte die Stirn. »Das weiß ich gar nicht mehr.«

»Wer hat es denn gewickelt?«

»Gewickelt?«, fragte die junge Frau hilflos.

»War deine Mutter heute hier? Deine Schwiegermutter?«

»Ich glaube schon, aber ich bin mir gar nicht sicher.«

Gretje seufzte wieder. »Hast du gegessen und getrunken?«

»Nur ein wenig Brot und Wasser. Ich bin so müde.«

»Margret, leg das Kind in die Wiege. Nimm die Kräuter und geh nach unten. Wir brauchen kochendes Wasser für einen Aufguss, warmes Wasser zum Waschen, Tücher, ein gutes Essen – etwas Kräftiges. Brühe ist auch gut. Und Wein, am besten Rotwein, der stärkt. Warmer Rotwein, nur warm, nicht kochend, mit einem frischen Ei verquirlt.«

Margaretha legte das Kind in das Bettchen, das Wimmern des Kindes steigerte sich zu einem Schreien. Ihr Herz zog sich zusammen, aber nun war erstmal wichtiger, Thilda zu Kräften zu bringen. Wenn es der Mutter schlecht ging, konnte sie sich nicht um das Kind kümmern. Margaretha kannte nur die Mutter von Thilda, diese jedoch nur flüchtig. Es verwunderte sie, dass Mevrouw Scheuten nicht bei ihrer Tochter war und ihr half. Die meisten Wöchnerinnenhaushalte wurden von den Müttern und Schwiegermüttern, den Nachbarn und Freunden geradezu überschwemmt. Jeder kam, half, brachte Speisen oder Getränke. Oftmals ging es laut und fröhlich zu. Hier jedoch herrschte eine Grabesstille, die fast schon beängstigend war, zumal beide Familien in der Straße wohnten.

»Katrinchen?« Sie betrat die Küche. Das Feuer im Ofen war heruntergebrannt, aber die Glut spendete ausreichende Wärme. Es duftete nach einem gehaltvollen Eintopf und nach gebratenem Fleisch. Die Magd saß auf einem Schemel vor dem Herd und pulte Erbsen aus. Keine Kerze brannte. Margaretha kniff die Augen zusammen. »Katrinchen?«

Die Magd hob müde den Kopf, sah Margaretha an.

»Mach Licht, Mädchen. Meine Mutter braucht einige Dinge. Vor allem ein wenig kochendes Wasser – aus einem sauberen Topf. Eine Schale, Leinentücher, warmes Wasser, Rotwein und ein frisches Ei. Hast du das da?«

Die Magd stand langsam auf, nahm einen Kienspann, entzündete ihn am Herdfeuer, zündete zwei Kerzen an, die auf dem Tisch standen. »Wasser, Brühe, Tücher … und was war das noch alles?«, fragte sie erschöpft.

»Erstmal brauche ich kochendes, sauberes Wasser für einen Aufguss. Am besten direkt aus dem Brunnen. Hast du einen sauberen Topf? Er muss nicht groß sein.«

Katrinchen nahm einen Topf vom Haken über der Herdstelle. »Reicht der?«

Margaretha nickte. Sie dauerte das junge Mädchen, das offensichtlich überfordert war. Wieder fragte Margaretha sich, wo die Familie blieb. »Ist der Topf sauber?«

»Ich werde ihn am Brunnen auswaschen. Er wird selten benutzt.« Die Magd öffnete die Tür zum Hof, ein Schwall eisiger Luft strömte in die Küche, Margaretha zog die Schultern fröstelnd hoch. Während Katrinchen den Topf auswusch und mit frischem Brunnenwasser füllte, suchte Margaretha nach Wein. In der Vorratskammer neben der Küche, dort, wo ihre Mutter offene Weine aufbewahrte, fand sie nichts. Verwirrt sah sie sich um. Die Vorratskammer war gut bestückt. Gepökeltes Fleisch hing von der Decke, Säcke mit Getreide und Bohnen standen am Boden. Aber nirgendwo war eine Flasche Wein zu entdecken.

Inzwischen hatte die Magd den Topf mit dem Wasser über den Herd gehängt, das Feuer wieder angefacht. Es flackerte munter, und die Schatten tanzten Reigen an den Wänden.

»Habt ihr keinen Wein?«, fragte Margaretha.

»Doch, im Keller. Er wird selten getrunken in der letzten Zeit. Mijnheer hält sich an Branntwein, seit es den Streit gab. Rotwein? Ich hole ihn.« Sie nahm eine der beiden Kerzen, schützte die Flamme mit ihrer Hand, ging zum Vorratsraum, öffnete die Luke zum Keller und stieg die steile Stiege hinab.

Den Streit, dachte Margaretha verwirrt und merkte sich diesen Punkt. Er schien wichtig zu sein. Nur wusste sie nicht, wie sie es ansprechen sollte. Das Wasser in dem Topf brodelte und kochte schließlich. Margaretha nahm ein kleines irdenes Gefäß, gab vorsichtig die getrockneten Blätter und Blüten hinein, übergoss sie dann mit dem heißen Wasser und stellte es zum Ziehen auf den Tisch. Das restliche Wasser im Topf ließ sie abkühlen. Sauber und handwarm würde ihre Mutter es brauchen.

Schnaufend kam Katrina aus dem Keller, in der Hand einen Krug mit Rotwein. Sie stellte ihn auf den Tisch, löste die Wachsversiegelung des Korkens und schnupperte am Krug.

»Das ist ein kräftiger Wein. Was soll ich damit machen?« »Hast du frische Eier?«

»Zwei noch. Die Hennen hat der Wetterumschwung offensichtlich so verschreckt wie uns. Wie kann es so schnell so bitterkalt werden? Wir haben kaum noch Holz zum Heizen, und Mijnheer war heute nicht fähig, etwas zu besorgen. Ich hoffe, er kommt allmählich wieder zu Verstand.«

»Das wird schon«, murmelte Margaretha unbeholfen, die sich plötzlich die Lebenserfahrung ihrer Mutter wünschte. Sie spürte die Not der Magd, traute sich aber nicht nachzufragen. Etwas lag hier im Argen. Zusammen brachten die beiden Mädchen die Sachen nach oben. Immer noch schien Thilda nicht ganz bei sich zu sein, aber inzwischen saß sie im Bett, und ihr kleiner Sohn trank gierig an der Brust.

»Du hast nicht viel Milch. Wenn die Milch nicht bald einschießt, wird es schwierig werden. Vielleicht brauchst du eine Amme«, sagte Gretje nachdenklich.

Thilda nickte nur stumm.

Nach einer Weile nahm Gretje das Kind von der Brust, reichte es Margaretha. »Wickel den Kleinen. Wo hast du Tücher, Thilda? Windeln?«

»Meine Mutter wollte das vorbereiten. Ich weiß gar nicht …«

Gretje seufzte, sah sich nach der Magd um, doch diese hatte das Zimmer schon wieder verlassen. Auf dem kleinen Tisch vor dem Fenster dampften ein Stück Braten und eine Schale Brühe. Es roch verführerisch.

»Hast du Hunger, Kind?«

»Nur wenig«, sagte Thilda leise.

»Komm, wir waschen dich erstmal. Ich muss deinen Bauch abtasten, damit ich sehe, ob sich alles richtig zurückentwickelt. Margret, geh nach nebenan schauen, ob du Windeln und Tuch findest.«

Margaretha legte den Säugling vorsichtig in die Wiege, er hatte seine Hand gefunden und saugte daran. Es wirkte verzweifelt. Langsam ging Margaretha zur Tür, öffnete sie und ging über den Flur zur Tür des Schlafzimmers. Ein lautes Schnarchen scholl ihr entgegen. Sie blieb an der Tür stehen, schüttelte verzweifelt den Kopf. Mijnheer van Holten schien dort seinen Rausch auszuschlafen. Immer noch oder vielleicht schon den nächsten. Unmöglich konnte sie das Zimmer betreten. Was sollte sie tun? Katrinchen war abweisend und keine Hilfe, Gretje hatte alle Hände voll zu schaffen und würde eine Störung mit Unbill quittieren.

Das Mädchen trat von dem einen Fuß auf den anderen, schaute sich unsicher um, aber es gab nichts, kein Zeichen oder Hinweis, der ihr weiterhalf. Schließlich öffnete sie verzagt die Tür. Margaretha stellte sich vor, es wäre einfach nur einer ihrer Brüder, der dort schlafend lag, kein fremder Mann. In einem verrußten Windlicht flackerte eine Kerze. Obwohl van Holten das Kohlebecken, das er gestern auf Weisung von Margarethas Mutter beschaffen musste, aufgestellt hatte, und in dem Becken auch Kohlen glühten, war es kalt in dem Raum. Der eisige Wind zog durch die Fenster. Die Vorhänge vor dem Bett waren zugezogen, doch sie bewegten sich im Windzug, flatterten und tanzten. Obwohl es ein dicker Wollstoff war, würde er nicht die Kälte abhalten. Margaretha fror. Schnell suchte sie das Zimmer mit ihren Blicken ab. Dort unter dem Fenster stand eine Truhe, neben dem Bett eine neumodische Kommode mit Auszügen. Wo könnten Windeln und Tücher sein? Entschlossen ging Margaretha zur Truhe, öffnete diese und fand das Gesuchte. Erleichtert nahm sie die Tücher an sich und schloss die Türe leise hinter sich. Van Holten hatte ihren Besuch überhaupt nicht bemerkt, darüber war sie froh. Dass er die schwere Zeit seiner Frau nicht begleitete, machte sie jedoch traurig. So sollte eine Ehe nicht sein, dachte sie. Sie schlich sich zurück, wusch und wickelte das Kind, das wieder leise jammerte. Sie wickelte es, wie Kinder gewickelt wurden, eng in ein Tuch. Nun konnte der Kleine noch nicht mal an seiner Faust lutschen.

»Er hat wohl Hunger, Mutter«, sagte Margaretha. Auf das Wöchnerinnenbett warf sie nur einen flüchtigen Blick. Gretje untersuchte gerade die Frau, drückte auf den Bauch, wechselte die Binden und wusch Thilda.

»Du blutest. Nicht zu stark und nicht zu schwach. Das ist gut«, murmelte Gretje. »Nun musst du noch zu Kräften kommen, damit du dein Kind stillen kannst.«

Gretje half der jungen Mutter sich wieder anzuziehen, gab ihr Braten und Brühe. Thilda hatte Mühe, das Messer zu führen, und deshalb half die Hebamme ihr, fütterte die Wöchnerin geduldig, reichte ihr den Becher mit dem Würzwein. Margaretha nahm den Säugling wieder auf den Arm, trug ihn durch das kleine Zimmer, sang leise auf ihn ein.

»Hast du keine Hilfe, Kind?«, fragte Gretje.

»Hilfe?«

»Mutter, Schwiegermutter, Familie, Freunde, Nachbarn?«

Thilda schluckte, spießte das letzte Stück Fleisch auf ihr Messer. Sie schaute das Fleischstück für einen Moment an, aß es dann, nahm den Bratensaft mit einem Kanten Brot auf, kaute lange, spülte dann den letzten Bissen mit dem Würzwein herunter. Nun wirkte sie wach, aber auch angespannt.

»Warum?«, fragte sie dann leise.

»Weil es üblich ist. Du hast doch Familie?«

»Es gab Streit.« Thildas Worte waren kaum zu verstehen.

»Streit, so, so. Nun ja.« Gretje stand auf, stellte den leeren Teller auf den kleinen Tisch. Sie nahm Margaretha den Neugeborenen ab, wiegte ihn in ihren Armen, setzte sich wieder ans Bett. »Streit? Worüber?«

»Es sind die Familien«, sagte Thilda seufzend, sie schaute sehnsüchtig auf ihr Kind. »Darf ich ihn haben?«

Gretje ging nicht auf die Frage ein, bemerkte Margaretha und lehnte sich neugierig betrachtend zurück. Würde ihre Mutter der jungen Frau helfen können?

»Wer hat gestritten?«, fragte Gretje.

Verlegen senkte Thilda den Kopf. »Vater hat mit Peter gestritten. Es ist schon ein paar Wochen her, aber eine Versöhnung ist nicht in Sicht.«

»Und worüber?«

»Es geht um die Kindstaufe. Peter möchte, dass sein Kind getauft wird. Sofort. Vater will das nicht dulden. Die Schwiegereltern stehen natürlich auf der Seite ihres Sohnes, und ich sitze zwischen den Stühlen. Ich bin Mennonitin, aber ich bin mit einem Protestanten verheiratet. Was soll ich tun? Mit Mutter und Vater brechen und mich meinem Mann beugen?« Thilda war immer hektischer geworden. Margaretha hatte den Eindruck, als sei die junge Frau froh, endlich mit jemandem über ihren Kummer und ihre Sorgen sprechen zu können. Bei meiner Mutter ist sie da richtig, dachte Margaretha. Gretje hatte immer ein offenes Ohr für die Sorgen anderer Leute und ging feinfühlig damit um.

»Dass du einen Protestanten geheiratet hast, war dir doch schon vorher klar, nicht wahr?« Gretje lächelte. »Und deinen Eltern auch. Sie haben der Vermählung zugestimmt.«

»Aber nur, weil ich versprochen habe, die Kinder in unserem Glauben zu erziehen.«

Johann Scheuten, Thildas Vater, gehörte zu den Gemeindevorstehern, fiel Margaretha ein. Er war ein strenger Mann, der jedoch zu ihr immer sehr gütig gewesen war. Solange man die Regeln der Glaubensgemeinschaft einhielt, war er freundlich und wohlwollend, aber wenn man diese übertrat, konnte er böse werden und äußerte dies auch laut. Margaretha war froh, nicht in Thildas Haut zu stecken. Sie konnte sich vorstellen, wie der Vater der jungen Frau reagiert hatte.

»Und nun willst du dein Versprechen brechen?«, fragte Gretje leise.

»Nein, eigentlich nicht. Aber meinem Gatten ist es plötzlich so wichtig, dass das Kind getauft wird. Wir haben darüber nie gesprochen vorher. Er liebt mich, und es ist für ihn keine Schwierigkeit, dass ich meinen Glauben auch weiterhin lebe. Aber er hat Angst um das Seelenheil des Kindes. Das wurde ihm erst bewusst, als mein Bauch wuchs und er Bewegungen spüren konnte. Davor hat er sich wohl nicht viele Gedanken darüber gemacht.«

»So ist das also.« Gretje drehte sich um. »Margret, geh in die Küche und schick die Magd zu Thildas Eltern. Sie möchten bitte hierher kommen.«

»Meine Eltern?« Die junge Frau zog sich die Decke bis zum Kinn und schüttelte entsetzt den Kopf. »Das gibt Mord und Totschlag.«

»Mitnichten. Wir werden eine Lösung finden, die für alle akzeptabel ist.«

Wie die wohl aussehen wird, dachte Margaretha, während sie die Treppe hinuntereilte. Sie schickte die Magd zu den Scheutens. Nur widerwillig machte sich Katrinchen auf den Weg.

Als Margaretha wieder in das kleine, aber warme Zimmer kam, versuchte Thilda erneut, ihren Sohn zu stillen. Diesmal schien es besser zu gehen. Zum ersten Mal sah sie das Leuchten, das von frischgebackenen Müttern ausging, über das Gesicht der jungen Frau ziehen. Die Mahlzeit, der Wein und vermutlich auch der Zuspruch der Hebamme hatten Thilda aufgemuntert.

Gretje zeigte Thilda, wie sie das Kind anlegen und halten sollte, erklärte ihr, wie wichtig es war, das Kind zwischendurch hochzunehmen, an die Schulter zu lehnen und sanft auf den Rücken zu klopfen, damit die geschluckte Luft wieder entweichen konnte. Margaretha war verblüfft, wie unbedarft Thilda war.

»Wie man ein Kind wickelt und puckt, wisst Ihr?«, fragte Margaretha ein wenig schnippisch.

»Um ehrlich zu sein, nein.« Wieder überzog sich das Gesicht der jungen Frau mit Schamesröte. »Keine meiner Freundinnen hat ein Kind, die meisten sind noch nicht einmal verheiratet. Die Eltern haben mich immer vom Gesinde ferngehalten, und ich habe mich lieber mit anderen Dingen beschäftigt. Meine Mutter wollte es mir zu gegebener Zeit zeigen, aber dann kam der Streit.« Sie schluckte.

»Das werden wir schon alles lösen. Mach dir keine Sorgen, das wird schon«, beruhigte Gretje die junge Frau und sah sich nur kurz um. Margaretha spürte den ärgerlichen Blick ihrer Mutter und schämte sich.

Als unten die Tür schlug und sie Schritte auf der Treppe hören konnten, nahm Gretje den Säugling auf den Arm. Margaretha hatte weitere Kerzen entzündet. Draußen war es inzwischen vollends finster geworden, und wieder jagte der Wind um die Häuser. Jemand klopfte, öffnete dann die Tür zu der kleinen Kammer. Die Wangen der jungen Mutter waren tiefrot, ihre Miene zeigte Besorgnis, aber Gretje hatte ein strahlendes Lächeln aufgesetzt.

»Johann, wie schön Euch zu sehen. Seid Ihr guter Gesundheit? Der Winter scheint ja früh einzukehren. Rebekka, wie geht es Euch? Wollt Ihr Euren Enkel halten? Ein hübscher Bub und ganz gesund. Eure Tochter hat die Geburt gut überstanden.« Gretje drückte der Frau den Säugling in den Arm. Verzückt beugte sich Rebekka Scheuten über das Kind, auch Johann Scheuten konnte sich dem Zauber nicht ganz entziehen, obwohl er immer noch ein finsteres Gesicht zog.

Gretje ließ ihm keine Zeit, sich zu äußern, scheinbar munter plauderte sie weiter. »Erst sah es nicht so gut aus um Eure Tochter. Sie hatte viel Blut verloren und war schon sehr geschwächt, als ich kam, dabei hatten die Wehen kaum eingesetzt. Aber wir haben es geschafft, das Kind kam munter zur Welt. Nur heute macht mir Eure Tochter Sorgen …«

Das Ehepaar Scheuten schaute auf, sie sahen zu Thilda, die immer noch stumm und gegen die Tränen kämpfend im Bett lag.

»Ja, ja«, fuhr Gretje fort. »Schlecht ging es ihr, ganz erschöpft war sie und entkräftet. Es war ja niemand da, um ihr zu helfen, sie einzuweisen in die ersten Dinge und den Umgang mit dem Kind. Das kenne ich gar nicht, außer aus dem Armenviertel, wo Waisen und andere Frauen ohne Familie Kinder bekommen. Aber bei uns Mennoniten? Da ist doch Herzlichkeit und Nächstenliebe oberste Christenpflicht. Eure Tochter hat Euch sehr vermisst, ihr Herz wurde darüber schwer. Noch ist die Milch nicht eingeschossen, und wir müssen uns ein wenig Sorgen machen.« Sie lächelte, und nur Margaretha wusste, dass das Lächeln ein schelmisches war.

»So ist das also, wir müssen uns Sorgen machen. Um sie, um Thilda? Oder um das Kind? Wo ist eigentlich der Vater, der Hundsfott, der elendige? Wo ist er, wenn es seiner Frau schlechtgeht? Hat er sie nicht zum Weibe genommen und geschworen, ihr allzeit zur Seite zu stehen? Wo ist er also? Will er uns nicht begrüßen? Nicht mit uns reden? Das ist doch das Debakel, er ist es, nicht wir.« Johann Scheuten polterte los, seine Stimme füllte den kleinen Raum, schien darin zu hallen. Margaretha zog erschocken den Kopf ein. Ihre Mutter jedoch erschien belustigt.

»Er war es doch«, fuhr Scheuten noch lauter fort, »der sich auf einmal gegen die Vereinbarungen gewandt hat, der sein Kind nun plötzlich getauft haben will, nach protestantischem Glauben und nicht nach unserer Überzeugung. Er wollte uns doch nicht mehr in seinem Haus und an der Seite unserer Tochter. Nicht wir sind die Üblen, er ist es.«

»Was sagt denn unser Glaube, Bruder Johann? Was wollte Menno Simons?«, fragte Gretje sanft und leise.

»Das fragt Ihr mich? Ihr, die Ihr seit Jahren und schon immer in der Gemeinde seid? Wisst Ihr das etwa nicht?«, fuhr Scheuten die Hebamme an.

»Natürlich weiß ich das. Aber wisst Ihr es denn auch? Was ist das Jenseits? Es ist unwichtig für uns. Das Leben hier und jetzt ist wichtig. Ein Leben zu führen im Namen Christi, schlicht und dankend, glaubend an Gott und ihm dienend. Wir leben gottesfürchtig. Aber die Tochter in der Stunde der Not alleine zu lassen, ist das gottesfürchtig? Oder eitel? Kommt es Euch tatsächlich auf die paar Tropfen Wasser an? Wenn dieses Kind getauft, Peter van Holten glücklich gemacht und Eurer Tochter Schmerz und Pein erspart wird, ist das nicht viel eher gottesfürchtig?« Nun schlugen Gretjes Worte zu wie Peitschenhiebe. Johann Scheuten zuckte zusammen. Er verharrte für einen Moment mit gesenktem Kopf, schaute dann zu dem Bett, in dem seine Tochter lag.

»Dochtertje, minn Hartje. Geht es dir gut? Ja, wirklich?« Er ging zu ihr, nahm sie in den Arm, seine Schultern zuckten, er schluchzte auf. »Mevrouw op den Graeff hat recht.« Er setzte sich auf den Bettrand, winkte seine Frau zu sich. »Komm her, Bekka, komm zu unserer Tochter. Gib mir meinen Enkelsohn. Er ist so schön, so schön wie du. Ich Sturkopp, ich alter Sturkopf, ich will doch nur das Beste für euch.«

Gretje lächelte und packte still ihre Sachen in den Korb. In diesem Moment schwang die Tür auf. Peter van Holten betrat unsicher das Zimmer. Er stank aus jeder Pore nach Branntwein und Schweiß, schien aber wieder nüchtern zu sein. Unsicher blieb er im Türrahmen stehen.

»Goedenavond. Ich habe Stimmen gehört, Lärm. Ist alles in Ordnung mit meiner Frau und dem Kind?«

»Peter!« Johann Scheuten stand auf und breitete die Arme aus. »Minn Zoon. Alles ist bestens. Beiden geht es gut. Einen wunderbaren Sohn hast du gezeugt. Wie wird er heißen?«

Peter van Holten räusperte sich verlegen, schaute zu Boden, hob dann wieder ungläubig den Kopf. »Ich dachte daran, ihn Jakob zu nennen.« Er schluckte. »Jakob Johann.« Dann lächelte er. »Ja, Jakob Johann van Holten, so soll sein Name sein.«

»Das klingt wunderbar. Wo ist deine Familie? Wir sollten feiern und Gott danken.« Scheuten stand auf und klopfte seinem Schwiegersohn auf die Schulter, dieser schaute ihn verdattert an.

»Feiern? Ihr seid mir nicht mehr gram?«

»Gott gibt, und Gott nimmt. Diesmal hat er uns reich beschenkt. Lasst uns nicht über Kleinigkeiten streiten. Wenn Ihr ihn taufen wollt, so lasst ihn in Gottes Namen taufen.« Scheuten senkte den Kopf »Und wir beten darum, dass das Kind trotzdem gottesfürchtig erzogen wird«, murmelte er.

»So sei es. Ich werde meine Familie rufen lassen, die Magd soll aufwarten, Wein und Braten und frisches Brot.« Lachend stürmte der junge Vater nach unten. Gretje und Margaretha folgten ihm verhalten. Sie warteten, bis er die überraschte Magd hochgeschreckt und weggeschickt, Wein aus dem Keller geholt hatte und strahlend wieder nach oben geeilt war. Den beiden Frauen schenkte er kaum einen Blick.

»Worauf wartest du, Mutter?«, wisperte Margaretha. Sie war müde, dabei hatte sie bis in den hellen Tag geschlafen, im Gegensatz zu ihrer Mutter, die seit gestern Morgen nicht zur Ruhe gekommen war. Trotz der Lachfältchen in Gretjes Gesicht sah man ihr die Erschöpfung an. Gretje winkte ab.

Wenig später hörte man das leise Trappeln von Schritten auf der Treppe.

»Mevrouw op den Graeff?«

»Wir sind hier in der Küche, am Herd.«

»Dank je wel!« Rebekka Scheuten nahm Gretjes Hände, drückte diese. »Ich liebe meine Tochter so sehr. Aber ich liebe auch meinen Mann. Dieser Streit schien mir nicht lösbar, und mein Herz ist schier zerbrochen daran. Zwei Worte von Euch und alle haben ein Einsehen.« Tränen standen ihr in den Augen.

»Er wäre auch von alleine darauf gekommen. Am Sonntag. Im Gottesdienst, da bin ich mir sicher. Aber hier geht es um zwei Leben – das Eurer Tochter und das ihres Kindes. Sie muss ruhig und gelassen sein, um Milch zu bekommen. Ansonsten müsste sie eine Amme haben. Ich komme morgen wieder, aber jemand sollte bei ihr bleiben und nach ihr schauen. Nach ihr und dem kleinen Jakob Johann.« Gretje verkniff sich ihr breites Lächeln nicht, als sie den Namen erwähnte.

»Jetzt bringt mich kein Pferdegespann mehr vom Bett meiner Tochter! Ich werde mich um sie kümmern.«

»Sollte sie fiebrig werden oder Schmerzen haben, ruft mich, ohne zu zögern. Ich komme dann sofort. Das meine ich ernst, noch steht alles auf der Kippe, und es hängt von Eurem Wohlverhalten ab, wie es sich fügen wird«, sagte Gretje eindringlich.

»Ich weiß das. Mit Gottes Hilfe werden wir es schaffen, Ihr habt uns den rechten Weg gezeigt.« Mit Tränen in den Augen drückte sie Gretje an sich. »Wir lieben unsere Tochter, und auch Johann hat nun verstanden, welche Prüfung ihm auferlegt wurde.«

Gretje verabschiedete sich. Als sie in der Gasse standen, im heulenden Wind, seufzte Gretje laut auf. »Dem Herrn sei Dank«, murmelte sie und eilte in Richtung Oberstraße.

»Wie hast du das geschafft. Mutter? Ich dachte, alle gehen sich an die Kehle, stattdessen sind sie sich um den Hals gefallen.« Margaretha hatte Mühe, mit ihrer Mutter Schritt zu halten.

»Das habe ich auch gedacht, mein Kind. Aber einen Versuch war es wert.« Sie blieb stehen, hakte sich bei Margaretha unter und zog diese mit sich durch die Kälte. »Sie werden für eine Weile stillhalten, um des Kindes willen, und dann werden sie vermutlich wieder streiten.« Die Worte schienen sichtbar als Atemwolken vor ihnen in der Luft zu hängen.

»Und dann werden sie sich wieder hassen?« Margaretha hielt die Luft an, welch ein furchtbarer Gedanke.

»Möglich. Vielleicht kommt es aber auch ganz anders. Jetzt müssen wir Thilda erstmal durch das Wochenbett bringen, das ist unsere Aufgabe.«

Sie erreichten ihr Haus. In der Stube flackerte fröhlich das Feuer, die Brüder saßen dort, Pfeife rauchend und diskutierend. Anheimelnd und gemütlich war es, fröhlich und warm. Margaretha trank einen Schluck Würzwein, den Dirck ihr reichte, dann verabschiedete sie sich ins Bett. Der Tag war lang und voller neuer Eindrücke gewesen. Auch in der kleinen Kammer war es nicht so frostig, wie Margaretha befürchtet hatte. Das Fenster war abgedichtet, die dicken Vorhänge zugezogen. In ihrem Bett fand sie zwei noch warme Backsteine, an die sie ihre Füße drückte. Dann fielen ihr die Augen zu.

Kapitel 3

Auch in den nächsten Tagen begleitete Margaretha ihre Mutter zu Thilda van Holten. Die beiden Familien versuchten nun alles, um der jungen Mutter Geborgenheit und Rückhalt zu geben. Doch der Frieden erschien Margaretha trügerisch.

Der Oktober blieb kalt und frostig, kein goldener Herbst stellte sich in diesem Jahr ein. Jeden Vormittag verbrachte Margaretha im Wallgarten, die Vorratskammer füllte sich mehr und mehr. Ihre Mutter hatte klug gehandelt, beizeiten Vorräte und Kohle zu erwerben, denn die Preise stiegen, und manche Nahrungsmittel wurden knapp. Zwei Schweinehälften, gepökelt die eine, geräuchert die andere, und einige Speckseiten lagerten in einem kleinen Raum neben der Scheune. Dort war es kühl und dunkel. Auch Lagen mit Äpfeln, getrockneten Weintrauben und Pfirsichen, viele Kräuter, Sauerkraut und anderes bewahrte die Familie dort auf. Noch war der Vorrat an Kohl und Rüben in den mit Sand gefüllten Strohmieten groß, im Laufe des Winters würde er mehr und mehr zusammenschrumpfen. Immer wieder ging Gretje durch die Vorräte, überlegte, was sie noch brauchte.

Nach zwei Wochen kam endlich der Vater, Isaak op den Graeff, von seiner Reise zurück. Er brachte nicht nur etliche neue Aufträge und eine Fuhre Flachs mit, sondern auch zwei Fässchen mit Heringen. Auch einige gute Öle hatte er erstanden, und Gretje begann sofort, Kräuter in Öl einzulegen.

Anfang November zog die nächste Kältewelle aus dem Norden heran. Die kalte Luft schnitt in die Haut, über der Stadt hing der Rauch der vielen Kamine. Im Wallgarten war alles geerntet, und der Garten wurde winterfest gemacht. Margaretha hatte Reisig und Laub gesammelt, aber es reichte nicht, um die Stauden und Sträucher zu schützen. Deshalb schickte Gretje sie in den Bruch, um Reisig zu sammeln. Am Niedertor traf Margaretha Jan Scheuten. Seit seiner Rückkehr hatten sie sich nur bei den Gottesdiensten gesehen, aber nicht miteinander gesprochen. Verlegen senkte sie den Kopf, doch er strahlte sie an.

»Margret, was machst du bei der scheußlichen Kälte draußen? Du solltest mit einem Becher Würzwein vor dem Kamin sitzen.«

»Das werde ich nachher auch sicherlich machen, aber nun soll ich eine Schütte voll Reisig aus dem Bruch holen, für den Garten.«

»Es ist früh sehr kalt geworden. Den Armen und Bedürftigen wurde das Recht eingeräumt, im Bruch loses Holz zu sammeln. Da wirst du weit gehen müssen.«

»Das weiß ich wohl, aber das macht mir nichts.« Margaretha lächelte. »Und du, was machst du hier?«

»Ich habe inzwischen einen Lehrherren in der Stadt gefunden. Da Thilda ja ausgezogen ist, dachte ich, es wäre nicht verkehrt, im Elternhaus zu bleiben. So verlockend es doch war, woanders hinzugehen, es hatte auch Nachteile. Zuhause ist es doch am schönsten.« Er grinste verschmitzt. »Aber heute habe ich frei. Ich muss nur nachher die Pferde von der Weide holen. Darf ich dich begleiten?«

Margarethas Herz hüpfte. Sie freute sich sehr. In angeregte Gespräche vertieft gingen sie am Krüllshof vorbei in Richtung Bruch. Der Boden war gefroren, und auf den Pfützen hatte sich Eis gebildet. Nur noch wenige Blätter hingen in den Bäumen, der kräftige Wind der letzten Woche hatte ganze Arbeit geleistet. Der Himmel war von einem tiefen Blau, eine Farbe, die er nur im Herbst haben konnte, wenn die Kraft der Sonne abnahm, aber ihre Strahlen immer noch den Tag erhellten. Zusammen gingen sie durch den Bruch, hin und wieder lasen sie Zweige und Äste auf. Auf einer kleinen Lichtung machten sie Rast. Margaretha nahm die Schütte ab, die sie auf dem Rücken getragen hatte. Obwohl sie schon einige Zeit unterwegs waren, war der Korb noch nicht einmal bis zur Hälfte gefüllt. Das lag nicht daran, dass der Wald schon abgesucht worden war. Genügend Äste und Zweige lagen auf dem Laub, doch das Gespräch mit Jan erschien Margaretha so viel interessanter als die Suche nach dem Holz.

Ich habe ja Zeit, dachte sie, und rieb sich ihre kalten Hände.

»Es war wirklich lustig. Die Gesellen mussten den betrunkenen Lehrherren nach Hause tragen. Mein Meister hat noch Wochen später darüber gelacht«, beendete Jan eine Geschichte. Er setzte sich auf eine umgestürzte Eiche, die mit Moos und Efeu bewachsen war.

»Wird in Linn immer so viel gefeiert?«, fragte Margaretha und nahm den Beutel hervor, den die Mutter ihr mitgegeben hatte. Darin war ein Tonkrug mit verdünntem Wein, ein kleiner Laib Brot und etwas Käse. Sie nahm neben Jan auf dem Baumstamm Platz und teilte die Mahlzeit mit ihm.

»Linn gehört zum Kurfürstentum Köln. Die kirchlichen Feiertage sind immer Anlass für Feiern, und oft geht es dort heftig zu. Es wird laut gefeiert, gesungen, getanzt.«

»Dass dein Vater dich dorthin hat ziehen lassen, wundert mich.« Margaretha lächelte. Als Gemeindevorsteher wetterte Johann Scheuten immer wieder gegen das laute und ausgelassene Treiben an Festen. Für die Mennoniten war dies kein anständiges Benehmen. Gott pries man durch Stille, Ehrfurcht und Hingabe.

»Ja«, Jan lachte, »mich hat es auch verwundert. Mutter hat ihm gut zugeredet, damals. Sie meinte etwas wie: Der Jung muss doch die Welt kennenlernen. Ob Linn nun wirklich die Welt ist? Immerhin liegt es eine Tagesreise von Krefeld entfernt. Aber vermutlich war ihr gerade das recht. Ich war fort, jedoch erreichbar.«

»Und jetzt zieht dich nichts mehr in die Fremde?«

»Im Moment habe ich genügend Erfahrungen gemacht. Es ist schon schön, in seinem eigenen Zimmer zu schlafen, alleine, ohne zwei oder drei andere schnarchende Lehrlinge.«

»Du hast ein Zimmer für dich alleine?« Margaretha sah ihn erstaunt an, dann wurde ihr klar, dass seine großen Brüder schon längst eigene Hausstände hatten. Er war der Nachkömmling, der Jüngste der Familie. Sie war es auch lange gewesen, bis Eva kam. Aber die kleine Schwester wollte sie um keinen Deut missen, auch dass sie mit ihr das Zimmer teilte, störte Margaretha nicht. Nachdenklich nahm sie einen Kanten Brot und ein Stück Käse, kaute langsam. Es schmeckte köstlich. Obwohl es kalt war, fror sie nicht. Der Geruch von Laub und den vielen Eicheln, leicht süßlich und doch herb, lag in der Luft. Es roch viel klarer und reiner als in der Stadt mit den vielen Leuten, den Kaminen und Feuern, den Abwässern und dem Unrat, der verrottete.

»Würdest du in die Fremde ziehen wollen?«, fragte Jan sie. Darüber hatte Margaretha nicht nachgedacht, jedenfalls nicht bewusst. Als Frau ihres Standes blieb sie bei ihrer Familie, bis sie heiratete. Die Familien hatten vielerlei Kontakte zu anderen Familien in fremden Städten, und manchmal kam es so durchaus zu einer Heirat. Dann zog die Frau zu ihrem Mann. Aber alleine wegzugehen, dafür gab es weder Anlass noch Möglichkeit.

»Das weiß ich gar nicht. Ich glaube, es würde mir Angst machen. Fremde Leute, die ich nicht kenne, vielleicht auch andere Sitten und Bräuche. So wie du es erlebt hast, obwohl Linn ja gar nicht weit weg ist. Hattest du keine Angst, anfangs?«

Jan nahm einen Schluck aus dem Krug, wischte sich nachdenklich über den Mund. »Doch, schon. Aber dann fand ich es aufregend. Und nachher habe ich mich nach Hause gesehnt, das habe ich aber weder mir noch anderen eingestanden. Als mein Lehrmeister starb, war ich einerseits betrübt, andererseits froh. Ich hätte dort eine andere Stelle haben können, wollte aber nicht. Mich hat es zurück in die Stadt gezogen. Manchmal ärgere ich mich jetzt darüber. Mein Vater führt ein straffes Reglement im Haus, und es ist anders mit dem Vater als mit dem Lehrherrn. Aber in ein paar Jahren werde ich meinen eigenen Hausstand gründen.« Er sah sie an. Ein Grübchen zeichnete sich auf seiner linken Wange ab. Es verzauberte sein kantiges Gesicht, machte es weich, fröhlich. Margaretha hielt den Atem an. Diesen Moment wollte sie sich bewahren.

Sie war so vertieft in ihre Gedanken, dass sie das Schnaufen und Keuchen nicht hörte. Als Jan plötzlich hochsprang, fuhr sie entsetzt zusammen.

»Eine Rotte Schweine. Schnell, kletter auf den Stamm«, wies er sie an. »Verdomme! Wer hat denn die Schweine unbeaufsichtigt zur Mast in den Wald getrieben?« Er erklomm auch den Baumstamm, der alt war und schon tief im Erdreich stak. Für einen wütenden Eber wäre der Baum kein Hindernis. Fünf Schweine brachen durch das Unterholz auf die kleine Lichtung, grunzend und schnaufend wühlten sie die Erde auf. Die Anwesenheit der beiden Menschen schien sie weder zu stören noch zu beeindrucken. Wie die meisten Familien hielten auch op den Graeffs und Scheutens Schweine. Sie wurden im Frühjahr gekauft, im Herbst gemästet und zu Martini geschlachtet. Einige Leute brachten ihre Schweine zur Mast in den Bruch oder die umliegenden Wälder. Meistens aber wurden die Schweine auf die abgeernteten Felder getrieben. Nur selten jedoch lief eine Rotte von mehreren Schweinen unbeaufsichtigt durch den Forst. Der Flurschaden, den sie anrichten konnten, wurde geahndet. Die Tiere, obzwar zahm, waren groß und konnten in Panik ohne Schwierigkeiten einen erwachsenen Menschen umrennen und zu Tode trampeln. Margaretha und Jan war das bewusst. Mühsam versuchten sie sich auf dem durch das Moos rutschigen Baumstamm zu halten.

»Es sind alles Sauen«, flüsterte Jan.

»Ja, aber sie sind trotzdem groß.« Margaretha rutschte ab, sie hockte sich nieder, griff nach einer Efeuranke und versuchte das Gleichgewicht zu finden. Noch hielten sich die Tiere am Rande der Lichtung auf, doch sie kamen immer näher.

»Wenn wir zur anderen Seite runterspringen, können wir weglaufen.« Jan schaute sich um.

»Mein Beutel und die Schütte liegen aber doch noch hier.« Margaretha überlegte. Sie könnte versuchen, leise vom Stamm hinabzugleiten, die Sachen zu greifen und dann in die andere Richtung davonzulaufen. Wie schnell waren Schweine? Sie konnte es nicht einschätzen. Doch nun näherte sich eine der Sauen. Sie hob den Kopf, schnaubte und kam auf den Baumstamm zu. Sie schnupperte an der Schütte, trat dann achtlos darüber, fand den Beutel mit dem Brot und dem Käse, verschlang die Brotzeit grunzend. Es knirschte laut, als sie auf den Tonkrug trat.

»Verdomme!« Margaretha ärgerte sich über sich selbst, wäre sie doch nur schneller gewesen, hätte sie doch nur die Sachen direkt gepackt und mitgenommen. Nun war es zu spät. Der Vater würde grantig sein, die Mutter enttäuscht. Plötzlich wurde ihr bewusst, wie kalt es war. Wolken waren aufgezogen, die Sonne nicht mehr zu sehen. Wann war das geschehen, dachte sie verwirrt.

»Lass uns weglaufen!« Jan schaute nach unten. Die Sau grub nun am Rande des Baumstamms, stieß immer wieder mit ihrem Kopf gegen ihn. Eine zweite Sau war ihr gefolgt, wühlte ebenfalls am Fuße des Stammes. Pilze mochten dort sein oder Getier.

»Komm, wir verschwinden, Margret. Ich spring jetzt runter«, sagte Jan und sprang. Für einen Augenblick zögerte sie, dann folgte sie ihm. Auf der anderen Seite des Baumstammes war eine Kuhle, es war um einiges tiefer als auf der anderen Seite. Durch das bunte Laub hatte das Margaretha nicht erkennen können, umso überraschter war sie und kam falsch auf. Ein Stich fuhr durch ihren Knöchel, scharf wie ein Messer, und für einen Moment blieb ihr die Luft weg.

»Komm!« Jan packte ihre Hand, seine Stimme klang eindringlich, er zog sie mit sich. Sie hörten das Grunzen und Quicken der Sauen, die hinter ihnen die Lichtung absuchten, der Baumstamm ächzte, und mit einem Seufzen neigte er sich zur Seite und kippte um. Wie erstarrt blieb Margaretha stehen, schaute auf die Lichtung, die plötzlich ganz anders aussah, da der Stamm in die Kuhle gefallen war. Sie hatte Blick auf die Rotte, die sich aufgeregt an der nun kahlen Stelle vergnügte. Nicht einen Moment zu spät waren sie davongekommen, sie hatten wirklich Glück gehabt. Nachdem sie eine Weile gelaufen waren, wurde ihnen bewusst, dass die Rotte nicht folgte. Erschöpft machten sie Halt. Nun pochte der Schmerz in Margarethas Knöchel, und ihr Gewissen plagte sie.

»Die Schütte, der Beutel und der Krug – ich habe alles verloren. Ich komme nach Hause ohne Reisig und ohne die Dinge. Es wird fürchterlich werden.« Tränen stiegen ihr in die Augen.

»Onzin. Deine Eltern lieben dich, es sind gütige Menschen. Sie werden es verstehen. Kannst du gehen?«

»Ich weiß es nicht. Es tut weh.« Versuchsweise setzte sie den Fuß auf, verzog das Gesicht.

»Ist es arg schlimm?« Besorgt beugte sich Jan vor.

»Es muss ja gehen.« Langsam kämpften sie sich durch das Unterholz, bis sie wieder auf einen Weg trafen. Margarethas Knöchel pochte und schmerzte, sie humpelte mehr als sie ging. Die Wolken wurden dichter, der Tag schritt voran, es wurde Abend und kühl.

»Gottegot. Wir werden das Stadttor nicht mehr rechtzeitig erreichen«, jammerte Margaretha. »Es wird schließen, bevor wir da sind.«

»Wir müssen es schaffen.« Jan biss die Zähne zusammen, die Kiefermuskeln zeichneten sich deutlich in seinem kantigem Gesicht ab. Er griff nach ihrem Arm, stützte sie, zog Margaretha mit sich. Es wurde immer dunkler, ein Graupelregen setzte ein.

O nein, nicht noch das, dachte Margaretha verzweifelt. Ihr war kalt, aber gleichzeitig lief der Angstschweiß über ihr Gesicht und den Rücken.

Endlich erreichten sie das Ende des Bruchs. Auf der Straße am Krüllshof vorbei lenkte ein Bauer seine Fuhre mit Rüben. Er überholte die beiden, hielt an.

»Soll ich euch mitnehmen?«, fragte der Kutscher und sah besorgt gen Himmel, an dem die Wolken immer tiefer hingen. Er spuckte in den Graben, wischte sich über den Mund. »Ihr wollt doch in die Stadt, oder?«

»Ja!« Jan hob Margaretha auf den Karren, stieg selbst auf, und schon fuhr der Bauer wieder an. Langsam und gemächlich schaukelte der Wagen den Weg entlang. Margaretha kauerte sich zusammen. Der Fuß schmerzte, doch schlimmer war die Kälte, die nun durch die feuchten Kleider in sie drang. Sie begann zu zittern. Dazu kam die Erkenntnis, wie knapp sie einem Unglück entgangen waren. So wie die Sauen ihre Schütte und die anderen Dinge mühelos zertrampelt hatten, so hätte es auch ihnen ergehen können. Tränen stiegen in ihre Augen. Jan saß neben ihr, auch er fröstelte. Sein Gesicht war bleich.

»Liever Hemel«, murmelte er. Margaretha sah ihn an, und sie wussten, dass sie das Gleiche dachten. »Wir haben es aber geschafft.« Unbeholfen legte er den Arm um ihre Schultern, zog sie an sich. »Und gleich sind wir in der Stadt.«

»Ja.« Margaretha sträubte sich erst gegen die enge Berührung, dann aber gab sie nach und schmiegte sich an seine Schulter. Sein Körper strahlte Wärme aus, er roch nach dem herben Geruch des Waldes und frischem Schweiß, nicht unangenehm, aber sehr eigen. Sie schloss die Augen, versuchte nicht mehr an den Nachmittag zu denken.

»Wirst du Ärger bekommen?«, fragte Jan leise.

»Ich weiß es nicht.«

»Soll ich mitkommen? Mit zu euch? Soll ich es deinen Eltern erklären? Dich trifft keine Schuld, es war eine dumme Fügung.«

Für einen Moment dachte Margaretha nach. Ihre Eltern würden nicht erfreut sein, der Verlust der Sachen war nicht so einfach zu verschmerzen, auch wenn es der Familie gerade recht gut ging. Doch sie würden sich, so schätzte Margaretha sie ein, eher freuen, dass ihrer Tochter kein Leid widerfahren war, als zu zürnen. Und doch fand sie es tröstlich, dass er ihr seine Unterstützung anbot.

»Ich glaube nicht, dass das notwendig ist. Auch deine Familie wird auf dich warten«, sagte sie dann.

»Sollte etwas sein, sollten deine Eltern Zweifel haben oder grantig sein, dann hole mich. Ich steh für dich ein, Margaretha. Du bist ein ganz besonderes Mädchen.«

Trotz der Kälte wurde ihr auf einmal warm. Sie schmiegte sich noch enger an ihn, spürte den liebevollen Druck seines Armes.

Der Karren fuhr gerade rechtzeitig durch das Stadttor, erreichte den Schwanenmarkt.

»Meisje, Jong, wo müsst ihr hin?«, fragte der Bauer.

Jan sprang vom Wagen, zog Margaretha mit sich.

»Das ist wunderbar. Herzlichen Dank, Mijnheer. Von hier aus kommen wir gut nach Hause.«

»Prächtig. Beeilt euch, es zieht Sturm auf. Tot ziens.« Er tippte an seine Mütze, schnalzte und lenkte den Wagen in eine der Gassen, die vom Platz abgingen.

»Ich bringe dich nach Hause«, sagte Jan mit fester Stimme. Er schaute nach oben, tatsächlich hingen die Wolken noch tiefer, der Graupelregen nahm zu, stechende Hagelkörner mischten sich darunter.

»Hagel.« Margaretha schüttelte den Kopf. »Du wärst doppelt so lange unterwegs. Ich schaffe das schon. Die Pause auf dem Wagen hat meinem Fuß gut getan, er schmerzt kaum noch. Lass uns schnell gehen. Tot ziens.« Sie drückte noch einmal seine Hand, wandte sich dann um und ging in Richtung Obertor.

»Margret … wann sehen wir uns wieder?«, rief er ihr hinterher.

»Sonntag im Gottesdienst spätestens.« Margaretha lachte. »Bis dahin …«

»Ja! Ich freue mich darauf.«

Sie lief die ersten Schritte eilig die Oberstraße hinunter, schaute sich dann um. Jan war schon abgebogen und nicht mehr zu sehen. Nun verlangsamte sie ihren Schritt. Sie spürte das Pochen im Knöchel, es tat weh. Außerdem fröstelte sie, und so tapfer, wie sie sich gegeben hatte, war sie nicht mehr. Was würden die Eltern sagen?

Als sie vor dem Haus stand und die Hand zum Klopfen hob, öffnete sich die Tür.

»Margret!«, rief ihr Bruder Abraham. »Gerade wollte ich los, um dich zu suchen. Komm rein, komm rein. Ist etwas passiert?« Er packte ihren Arm und zog sie mit sich. »Mutter, Vater, Margret ist da! Sie scheint gesund und unverletzt! Komm, Meisje, komm in die Stube!«

»Nun mal langsam«, versuchte Margaretha ihn zu beschwichtigen. »Es ist alles gut. Nun ja, fast alles …«

Die Anspannung ließ von ihr ab, und nun liefen die Tränen. Sie ließ sich in die Arme ihres großen Bruders fallen, er trug sie mehr als dass er sie führte in die Stube. Der Kamin brannte, die Mutter saß mit dem Korb Flickwäsche rechts davon, der Vater mit Eva auf dem Schoß links. Dirck und Hermann saßen an der Seite und lasen die Zeitungen, die zweimal in der Woche von Amsterdam geschickt wurden. Gretje tat das Flickwerk in den Korb und stand auf.

»Margret, wir haben uns Sorgen gemacht. Warum kommst du so spät? Was ist passiert?« Sie schloss das Mädchen in die Arme. »Gottegot, du bist ja ganz durchfroren, und was ist mit deinem Fuß? Annemieke, bring eine Schüssel heißes Wasser. Oder sollen wir dir den Badezuber füllen?«

Margaretha setzte sich erschöpft auf den Stuhl, sie schnürte den Schuh auf und besah sich den Knöchel.

»Ich bin falsch aufgekommen. Es tut ein wenig weh, aber schlimm ist es wohl nicht.«

»Lass mich mal schauen.« Ihre Mutter kniete sich vor sie, nahm den Fuß vorsichtig in die Hände, strich mit den Daumen sanft am Knöchel entlang. »Du scheinst Glück gehabt zu haben. Abgesehen davon, dass mich dein Fuß an einen Eisklotz erinnert – Annemieke, bring Würzwein –, scheinst du nur umgeknickt zu sein. Sobald wir dich gewärmt haben, mach ich dir einen Breiumschlag. Die nächsten Tage wirst du wohl noch Schmerzen haben, aber bleibende Schäden sind nicht zu erwarten.« Sie stand auf, sah Margaretha an, und strich ihr zärtlich über die Wange. »Was ist denn passiert?«

Margaretha senkte den Kopf. »Es war so furchtbar, Mutter, es tut mir so leid.« Sie versuchte, die Tränen zu unterdrücken, aber es gelang ihr nicht.

»Nun, nun, Meisje, beruhig dich.« Ihr Bruder Abraham zog ihr sanft den Mantel aus, die Magd brachte einen Becher heißen Würzwein. Margaretha lehnte sich zurück, wischte sich die Tränen von den Wangen und trank einen Schluck. Der heiße Wein wärmte sie. Nach und nach fiel die Anspannung von ihr ab.

Gretje war in ihre Kammer gegangen und kam nun mit Verbandsstoff und Salbe zurück.

»Dies ist eine Paste aus der Wurzel des Beinwell. Ich trage sie auf deinen Knöchel auf und werde einen Verband machen, der den Fuß stützt. Die Salbe wird den Schmerz lindern.« Fachmännisch machte sie sich an die Arbeit. Anschließend zog sie Margaretha dicke Socken über, holte einen Schemel für den Fuß. Inzwischen hatte Annemieke eine Schüssel Erbsenbrei gebracht, und Margaretha aß genüsslich.

»Dann erzähl mal«, sagte Isaak sanft. Immer noch hielt er Eva auf dem Schoß, die sich ungeachtet der Unruhe und des Treibens mit einer Kugel aus Stoff beschäftigte, juchzte und fröhlich brabbelte. Hin und wieder zog sie den Vater am Bart, was dieser mit einem Lächeln hinnahm und sie ein wenig auf dem Knie schaukelte. Doch nun schaute Isaak Margaretha forschend an. Sie senkte den Kopf, versuchte ihre Gedanken zu sortieren.

»Ich bin in den Bruch gegangen, um Reisig zu sammeln, so wie Mutter es mir aufgetragen hatte. Es war nicht schwer, denn genügend Äste und Zweige liegen herum.« Sie hielt inne, lauschte. Wind war aufgekommen und heulte zwischen den Häusern.

»Es werden wohl noch mehr werden«, sagte Abraham und schaute zum Fenster. »Gut, dass wir die Fensterläden schon geschlossen haben.«

»Du hast also Reisig gesammelt.« Isaak nickte Margaretha zu.

»Ja.« Sie biss sich auf die Lippe. »Dann habe ich Rast gemacht, auf einer kleinen Lichtung. Eine mächtige Eiche ist dort wohl schon vor Jahren umgefallen, sie war ganz mit Moos bewachsen. Ich setzte mich, lehnte die Schütte an, nahm mir Brot, Käse und Wein, und dann …«, sie stockte, sie schien wieder das Rascheln und Schnaufen, das Brechen des Unterholzes zu hören, sah die mächtigen Sauen vor sich.

»Dann?« Abraham beugte sich vor, legte seiner Schwester beruhigend die Hand auf die Schulter.

»Dann brach eine Rotte Schweine durch das Gebüsch und kam auf mich zu. Ich konnte mich auf den Baumstamm retten, doch wirklich sicher war es nicht.« Margaretha schluckte, trank von dem Wein, atmete tief ein. Sie blickte in die Runde und machte sich klar, dass sie nun in Sicherheit war, bei ihrer Familie, in ihrem Zuhause. »Eine Sau zertrampelte die Schütte, fraß den Proviant.« Beschämt schaute sie zu ihrer Mutter. Diese nickte ihr gütig zu. »Ich hätte die Sachen greifen und mitnehmen sollen, doch ich war zu erschrocken.«

»Es ist schon gut, mein Kind.«

»Eine Rotte Sauen? Ist die Mastzeit nicht vorbei? Dürfen die Schweine jetzt noch in den Forst, wo er doch zum Reisigsammeln freigegeben worden ist? Ich werde mich mit dem Magistrat in Verbindung setzen.« Isaak hob Eva an, reichte das Kind seiner Frau und stand auf. Er ging ein paar Schritte, nahm die Tonpfeife und stopfte sie. »Du hast Glück gehabt, Meisje. Das hätte ganz anders ausgehen können.« Er trat neben Margaretha und strich ihr über den Kopf.

»Zwei Sauen fingen dann an, am Fuße des Baumstammes zu wühlen, es wackelte, und ich bekam so Angst. Ich bin dann heruntergesprungen, dabei muss ich falsch aufgekommen sein.« Margaretha schloss kurz die Augen. »Als ich endlich den Weg zum Krüllshof gefunden hatte, begann der Graupelregen. Ich habe gefürchtet, es nicht mehr rechtzeitig zum Stadttor zu schaffen. Zum Glück hat mich ein Bauer auf seinem Karren mitgenommen.«

»Du hast wirklich Glück gehabt.« Gretje sah sie besorgt an. »Hoffentlich schlägt dir das nicht auf den Magen. Ich werde dir gleich noch einen Trank bereiten, damit du gut und gestärkt schlafen kannst. Annemieke, bring heiße Backsteine in die Betten der Mädchen. Für Eva wird es Zeit, zu Bett zu gehen.«

Eva drückte nacheinander jedem einen dicken, feuchten Kuss auf die Wange, ein Ritual, das sie jeden Abend pflegten. Dann ließ sie sich fröhlich brabbelnd nach oben bringen.

Dirck schenkte Margaretha Würzwein nach.

»Nicht zu viel«, wehrte sie leise ab. »Mir wird schon schummerig.«

»Möchtest du noch etwas essen? In der Küche ist frisches Brot.«

Margaretha nickte. Sie war froh, dass ihre Familie so liebevoll miteinander umging. Dirck brachte ihr Brot und ein Schüsselchen mit Fleischsoße. Die Mahlzeit stärkte sie, und doch spürte Margaretha die Müdigkeit.

Ich habe Jan gar nicht erwähnt, dachte sie später, als sie im Bett lag und sich in das Kissen kuschelte.

Kapitel 4

In den nächsten Tagen konnte Margaretha den Fuß nicht sonderlich belasten. Sie verbrachte die meiste Zeit damit, in der Stube vor dem Kamin zu sitzen, Wäsche zu flicken oder zu nähen. Meist saß Eva zu ihren Füßen, spielte zufrieden mit den kleinen Holzpüppchen, die ihre Brüder für sie geschnitzt hatten.

»Was für ein Wetter.« Gretje zog sich die nasse Haube vom Kopf, setzte sich neben Margaretha. Sie hatte einen Schwall kalter, feuchter Luft mitgebracht. Nun rieb sie sich die Hände, die sie dem Feuer entgegenstreckte. »Ich soll dich von Thilda van Holten grüßen. Das Wochenbett hat sie fast überstanden, und das ganz problemlos.«

»Es tut mir so leid, dass ich dir im Moment keine Hilfe sein kann, Mutter.« Margaretha senkte den Kopf.

»Keine Hilfe?« Die Mutter lachte auf. »Das siehst du aber falsch. Meinst du, flicken und nähen wären keine Arbeit? Sie raubt mir meine Zeit, und dass du nun alles machst, ist eine große Entlastung für mich.«

»Ja, aber ich wollte doch lernen, wie man das Wochenbett betreut, und dir dort helfen.«

»Thilda wird nicht die letzte Frau gewesen sein, die ein Kind bekommt. Und gerade da uns ein kalter Winter bevorsteht, werden wir im nächsten Jahr alle Hände voll zu tun haben.«

»Ja?« Margaretha sah ihre Mutter überrascht an.

»Ja, wenn es kalt ist und die Holzvorräte und die Kohle knapp werden, gehen die Leute früher zu Bett und wärmen sich aneinander. Das konnte ich immer wieder beobachten.« Sie lächelte, lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen.

Sie sieht erschöpft aus, dachte Margaretha, ich müsste sie viel mehr unterstützen. Leise legte sie das Flickwerk zurück in den Korb, stand vorsichtig auf. Der Atem ihrer Mutter wurde tief und gleichmäßig. Margaretha nahm Eva hoch, welche laut protestierte.

»Psst, Moerdertje schläft«, flüsterte Margaretha. »Schau, wir müssen leise sein.«

»Eise ein«, wiederholte Eva und steckte den Daumen in den Mund, nuckelte daran.

»Ja, wir gehen jetzt in die Küche und helfen Annemieke. Bestimmt finden wir eine Leckerei für dich.«

»Ja!« Eva strahlte.

In der Küche schnippelte die Magd Rüben und Wurzeln klein. Margaretha setzte Eva auf die Bank am Ofen, gab ihr zwei Haferküchlein. Gleich würden die hungrigen Männer kommen. Sie würden sich waschen wollen, und deshalb füllte Margaretha den großen Topf mit Wasser, hängte ihn über den Herd. Dann briet sie Speck an, gab Zwiebeln dazu, löschte mit ein wenig Wein ab. Annemieke gab die Rüben und Wurzeln in die tiefe Pfanne, rührte kräftig. Ein weiterer Topf mit Hirsebrei köchelte über der großen Herdstelle, frischgebackenes Brot kühlte auf dem Tisch aus. Es duftete köstlich, langsam füllte Dampf den Raum.

Die beiden jungen Frauen deckten den Tisch, als auch die Männer von nebenan kamen. Dankbar nahmen sie den großen Topf Wasser, brachten ihn in einen kleinen Vorbau im Hof. Im Sommer wuschen sie sich draußen, darauf bestand Gretje. Doch in der kalten Jahreszeit nutzten sie den kleinen Raum, in dem auch der Badezuber stand. Lachend und krakeelend wuschen sie sich, setzten sich dann hungrig an den Tisch.

»Ach, Meisje, warum hast du mich nicht geweckt?«, fragte Gretje und drückte Margaretha kurz, dann trug sie die Schüsseln mit dem dampfenden Gericht auf.

Der Vater fehlte. Fragend schaute Margaretha ihre Mutter an, doch die winkte ab, sprach das Tischgebet. Kurze Zeit später öffnete sich die Haustür. Isaak legte schnaufend seinen Mantel ab, kam in die große Küche. Er wirkte ernst, und doch herzte er Eva als Erstes. »Na, meine kleine Prinzessin, wie war dein Tag? Ich habe dir etwas mitgebracht.« Er gab ihr eine kandierte Frucht, das Kind jauchzte auf und steckte sich die Süßigkeit in den Mund.

»Isaak«, schalt Gretje, »gib ihr doch nichts Süßes vor dem Essen.« Sie seufzte. »Nun setz dich erstmal. Du siehst nicht so aus, als gäbe es gute Neuigkeiten.« Besorgt reichte sie ihm einen Teller, Wein und Brot.

»Es gibt Neuigkeiten, aber ob sie gut sind?« Der Vater sprach still ein Gebet, nahm den Löffel und aß. Jeder in der Familie wusste, er würde erst nach der Mahlzeit sprechen.

Vorher hatte eine rege Betriebsamkeit geherrscht, Lachen, Scherze und Sprüche hatten wie Bälle, die hin und her geworfen wurden, das Essen begleitet, doch nun herrschte angespanntes Schweigen. Isaak schien das nicht zu bemerken, er nahm in Ruhe seine Mahlzeit zu sich, dankte dann Frau und Magd. Dass er ein Glas Branntwein nahm statt des warmen Biers oder des Würzweines, steigerte die Anspannung. Er stand auf, ging schweigend in die Stube, die Söhne folgten ihm. Margaretha half der Magd den Tisch abzuräumen, während Gretje Eva zu Bett brachte. Immer wieder versuchte Margaretha zu hören, ob der Vater in der Stube etwas sagte, doch sie konnte nichts wahrnehmen. Endlich waren sie fertig, und Margaretha konnte nach nebenan gehen. Kurze Zeit später folgte auch die Mutter.

»Was gibt es an Neuigkeiten aus der Stadt?«, fragte Gretje und schenkte Wein aus.

Isaak lehnte sich zurück. »Der Krieg ist vermutlich bald beendet. Es sind Friedensverhandlungen im Gange.«

»Dann können wir Gott dem Herrn danken«, sagte Hermann leise.

»Warum? Der Krieg betrifft uns doch nicht. Wir sind vom Dienst an der Waffe befreit, dafür steht der Prinz von Oranien«, sagte Dirck hitzig.

»Ruhig Blut, mein Junge«, beschwichtigte Isaak die Söhne. »Ihr habt beide recht. So ganz ohne Zunder ist es nicht. Der Frieden zwischen dem Haus Oranien und Frankreich ist greifbar. Aber immer noch ist das Herrschaftshaus ohne Erben. Das ist jedoch gar nicht das Bedrohliche. Der König von Frankreich, König Ludwig, wird weiterhin nach Ländern gieren. Er will sein Reich ausdehnen, seine Macht erweitern. Noch sind die Niederlande die stärkste Handelsmacht, aber ihre Kraft schwindet.«

»Und was hat das mit uns zu tun?«, fragte immer noch erregt Dirck. »Wir sind Handwerker, Weber, Händler. Von dem Soldatentum nehmen wir Abstand, der Glaube erlaubt uns keinen Dienst an der Waffe. Wir haben damit nichts zu tun. Und der Prinz hat uns eine friedliche Existenz in dieser Stadt garantiert.«

»Sei nicht blauäugig, Dirck. Die Mennoniten sind in den letzten Jahrzehnten immer wieder vertrieben worden. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis Krefeld uns auch loswerden will. Schon jetzt sind wir ihnen ein Dorn im Auge. Zu viele von uns haben sich in der Stadt niedergelassen.«

»Die Stadt profitiert doch davon. Der Umsatz wächst. Auch die Bauern verdienen an uns. Das ist doch Humbug, warum sollten sie uns gram sein?« Dirck stand auf, ging zum Fenster, das jedoch mit der Lade verschlossen war.

»Weil wir zu viele werden«, wandte Gretje leise ein. Besorgt sah sie ihren Mann an. »Wird es Schwierigkeiten geben?«

»Das weiß ich noch nicht. Es kommt darauf an, wie der Winter wird. Natürlich gibt es eine Schicht von uns Mennoniten, die zu den Bürgern gerechnet werden kann, aber viele andere, mindestens dreißig Haushalte, sind schlichter und ärmer. Es sind einfache Weber, es sind Arbeiter, Küfer, Bierbrauer und anderes. Die Familien sind groß. Ihr wisst doch, welche Zustände in der neuen Stadt herrschen, wenig Raum, viele Menschen, Gestank und Enge. Das kann nicht so weiter gehen. Das weiß der Magistrat auch.«

»Schon seit Jahren wird über eine Stadtauslagerung, eine Erweiterung diskutiert«, wandte Hermann ein.

»Das ist richtig, aber dafür fehlt das Geld. Eben weil wir, und mit uns die Stadt, uns von dem Kriegsdienst freikaufen konnten, fehlt Geld in der Stadtkasse. Eine Erweiterung kostet. Notwendig wird sie ohne Zweifel, aber wer soll es bezahlen? Der Magistrat möchte unsere Gemeinde haftbar machen. Wir sollen die Auslagerung bezahlen. Doch wie soll das gehen? Natürlich gibt es einige Familien wie die unsere, die gut verdienen. Reich sind wir damit nicht. Die Mehrheit der Gemeindemitglieder ist jedoch arm und auf unsere Zuteilungen jetzt schon angewiesen.« Er zog schnaufend an der Tonpfeife. »Damit nicht genug. Obwohl der Franzose den Krieg eigentlich verloren hat, nehmen nun die Trends von seinem Hofstaat immer mehr zu. Das konnten wir schon in den letzten Jahren beobachten, aber nun ist er nicht mehr der Feind. Die Reformierten nehmen das zum Anlass und wollen ein rauschendes Neujahresfest feiern. Galanterie nennt man es – gottesfürchtig und schlicht ist es nicht.«

»Die Reformierten.« Abraham schnaufte. »Wie viele sind das hier in der Stadt? Die kann man an der Hand abzählen.«

»Richtig, mein Sohn, und jeder von ihnen hat ein Amt.«

»Aber wir wollen doch keine Ämter. Ich halte das für einen

Fehler, wir müssen uns einbringen«, wandte Dirck ein.

»Ämter sind nicht gottgefällig.« Isaak schüttelte den Kopf. »Ich sehe schwere Zeiten auf uns zukommen. Jetzt schon habe ich Verbindung zu den Cousins in Amsterdam aufgenommen. Dort und in Rotterdam laufen die Fäden zusammen. Möglicherweise müssen wir längerfristig eine andere Bleibe suchen.«

Gretje ließ das Flickwerk sinken. »Isaak, nein«, flüsterte sie.

»Wir müssen hier weg?« Margaretha riss die Augen auf. »Godallemachtig, bitte nicht.«

»Langfristig. Nicht dies Jahr oder nächstes. Ich frage nur mal an, wo wir willkommen sein könnten. Es wird nicht einfacher, es wird schwieriger.« Isaak stopfte die Pfeife nach.

»Manche Dinge muss man aussitzen«, meinte Abraham leise. »Stell dir vor, alle Mennoniten würden die Stadt verlassen, wer bliebe übrig? Eine Handvoll Reformierter, alles Bürger, und viele katholische Arbeiter. In der Mittelschicht wäre kaum noch jemand. Kein Gewerbe, kein Handel, keine Stadt, keine Steuern, kein Einkommen. So dumm sind die Reformierten auch nicht. Sie wollen uns vielleicht mit ihrer Galanterie, ihren Festen und Prunk reizen, die Frage ist doch nur, lassen wir es zu? Lassen wir uns reizen? Da steht ein güldenes Kalb, aber müssen wir um es tanzen? Nein, müssen wir nicht, wir ignorieren sie einfach.«

»Das ist nicht alles, mein Sohn«, sagte Gretje. »Dein Vater hat recht. Ein kalter und strenger Winter steht bevor, alle Zeichen deuten daraufhin. Gerade unsere Brüder und Schwestern leben in engen Verhältnissen, sind der Armut ausgeliefert. Dort werden am schnellsten Krankheiten ausbrechen. Sicher auch bei den Armen der Katholiken, aber sie gab es schon immer. Die Mennoniten sind relativ neu in der Stadt. Sie werden zum Sündenbock gemacht werden. Das macht mir Angst.«

»Können wir irgendetwas dagegen tun, Mutter? Du kennst doch Mittel und Tinkturen …«, fragte Hermann.

»Ach, Junge, es geht doch nicht um Heilkräuter.« Gretje schüttelte schnalzend den Kopf. »Es geht um Armut, Hunger, Kälte und darauf folgende Krankheiten. Ich bin froh, wenn ich uns und die Gesellen, Lehrjungen und die Magd gesund und satt über den Winter bekomme. Zwanzig oder dreißig weitere Familien können wir nicht durchfüttern. Mit Frau ter Meer und der Familie von Beckerath stehe ich in Verbindung, wir wollen eine Art Suppenküche für die Gemeinde ins Leben rufen. Aber einfach wird das nicht. Nach Martini weiß ich mehr, da sehen wir, wie das Schlachtergebnis ist.«

»Jetzt habe ich es verstanden.« Hermann fuhr sich durch die Haare. »Das sieht tatsächlich arg übel aus. Weißt du denn, wie die Vorratshaltung bei unsern ärmeren Brüdern und Schwestern ist?«

»Nicht genau. Die meisten haben keinen Wallgarten. Das macht sie abhängig vom Markt. Der frühe Frost hat einiges an Ernte verdorben. Die Preise steigen, aber viel Geld steht ihnen nicht zur Verfügung.« Gretje seufzte wieder.

Noch eine Weile diskutierte die Familie. Margaretha verabschiedete sich bald, ließ die Brüder und die Eltern weiterreden. Sie war müde, und der Gedanke an einen Umzug erschreckte sie. Krefeld war ihr Zuhause, ihre Heimat. Hier fühlte sie sich wohl, und hier lebte Jan. Mit dem Gedanken an ihn schlief sie ein.

Ihre Mutter hatte recht, der Winter drohte hart und eisig zu werden. Die Gemeinde rückte eng zusammen, aber das verbesserte die Wohnverhältnisse nicht.

In der Woche vor Martini ging es hektisch im Haushalt op den Graeff und bei vielen anderen Familien zu. Die Waschküche wurde gründlich geschrubbt, nicht eine Spinnenwebe, nicht ein Körnchen Dreck ließ Gretje gelten. Der große Waschkessel, alle Schüsseln, Tröge und Behältnisse wurden gespült und gescheuert. Isaak schärfte die Messer im Hof, so dass die Funken flogen. Hermann kontrollierte die Leiter, sie durfte weder wackeln noch brüchig sein.

Gretje zeigte Margaretha, wie sie die Würzlake für die Räucherware ansetzen musste. Tröge wurden mit Pökelsalz gefüllt, das Abraham säckeweise aus Uerdingen mitbrachte. Margaretha zerstieß Wacholderbeeren, Pfefferkörner und Piment im Mörser, zupfte Rosmarinnadeln von den Zweigen. Die Gewürze wurden mit dem Pökelsalz gut vermengt.

»Das Salz macht das Fleisch haltbar, die Gewürze geben ihm Geschmack, aber sie haben auch eine gute Wirkung auf die Verdauung«, erklärte Gretje ihrer Tochter und gab zwei Handvoll Kümmel hinzu.

Am Morgen des Schlachttags standen alle noch früher auf als gewöhnlich. Bevor die Magd das Feuer entfachte, das man ausnahmsweise hatte ausgehen lassen, kletterte Dirck in den Kamin und fegte ihn mit langen Reisigbesen. Oben, im ersten Stock, gab es eine Tür im Kamin. Dahinter waren die Gestelle vermauert, an denen das Räuchergut aufgehängt werden würde. In den nächsten Wochen würde nur mit Holz gefeuert werden, auf das Wachholder und Rosmarinzweige kamen.

Endlich war es soweit, während die Magd Grütze kochte, entfachte der Vater das Feuer unter dem Kessel in der Waschküche. Hermann und Abraham befüllten den Kessel eimerweise mit frischem Wasser aus dem Brunnen. Der Brunnenschwengel quietschte laut, Eva klatschte begeistert in die Hände und juchzte über die Betriebsamkeit, die alle erfasst hatte. Dirck wusch sich bibbernd den Ruß vom Körper. Er dankte Annemieke, als sie ihm eine dampfende Schüssel Grütze reichte.

Noch bevor das erste Licht des Tages dämmerte, führte Isaak das Schwein im Schein der Fackeln auf den Hof. Hermann stellte sich vor das große Tier, das laut quiekte, zog den Strick straff, während Dirck den Schwanz packte und festhielt.

Gretje nahm Eva mit in die Waschküche, was jetzt kam, gehörte zwar zum Leben dazu, aber das kleine Kind sollte es noch nicht sehen. Evas Aufgabe war es gewesen, dem Schwein die Essensreste und Küchenabfälle zu bringen. Den ganzen Sommer und Herbst über hatte sie dies voller Begeisterung getan.

»Habt ihr es sicher? Ich will nur einmal schlagen, es soll nicht unnötig leiden!« Isaak hob den schweren Hammer und schlug damit gegen die Stirn des Tieres. Betäubt fiel es auf die Seite.

»Goddank!« Er stach in die Kehle, während Margaretha eine große, flache Schale hinhielt, um das Blut aufzufangen.

»Schneller, Margret«, fuhr der Vater sie an. »Es darf kein Blut verlorengehen.«

Immer wieder musste sie die gefüllte Schale gegen eine neue austauschen. Das Blut kam in einen Kessel, Jasper, der jüngste Lehrling, rührte und schlug es beständig, so dass es nicht gerann.

»Nicht so langsam, rühr regelmäßig, Jong!«, sagte die Mutter und schaute ihm über die Schulter.

»Gebt acht!« Hermann und Abraham brachten ächzend einen großen Topf kochendes Wasser in den Hof. Sie mussten das Gefäß gemeinsam tragen, es war zu schwer für einen alleine. Alle traten zur Seite, und mit Schwung überbrühten sie das Schwein.

Es dampfte im Hof.

Als sich die Dampfwolke aufgelöst hatte, begannen Margaretha und Annemieke die Borsten von der Haut abzuschaben. Isaak löste die Klauen von den Pfoten. Die Borsten kamen in eine Schüssel mit Seifenwasser, und Margaretha brachte diese zu Eva.

»Schau, Meisje, du darfst sie waschen!« Voller Freude plantschte das kleine Mädchen in der lauwarmen Lauge. Später würden die ausgewaschenen Borsten getrocknet, gebündelt, gekämmt und auf eine Länge geschnitten und zu Pinseln und Bürsten verarbeitet werden. Margaretha blieb keine Zeit, dem Kind zuzuschauen, die Arbeit wartete.

»Alle zugleich, jetzt hebt es an!«, befahl Isaak. Sie banden das Schwein auf die Leiter, der Vater überprüfte die Stricke, sie durften nicht reißen.

»Gut. Und nun, mit Kraft!« Alle mussten mit anfassen, um die Leiter aufzurichten und gegen die Wand der Waschküche zu lehnen. Mit dem Kopf nach unten hing das mächtige Tier nun dort. Der Vater trennte von oben nach unten den Bauch auf. Nach und nach schnitt Isaak die Innereien heraus und legte sie, nachdem er sie begutachtet hatte, in einen Bottich.

»Sieht es gut aus?«, fragte Gretje besorgt. Verwachsungen und Geschwüre an Herz, Lunge oder dem Organfett deuteten auf Krankheiten hin, und dann hätten sie die Innereien nicht verwerten können.

»Ja, ein gesundes Schwein, schön fett!«

Nun kam die unangenehmste Aufgabe, Margaretha, Annemieke und einer der Gesellen mussten die Därme in einer Hofecke gründlich ausstreichen und spülen. Es stank. Margaretha atmete durch den Mund. Einen Eimer Wasser nach dem anderen füllte Dirck.

»Nochmal«, sagte Margaretha, nachdem sie ein Stück Darm begutachtet hatte. »Es ist noch nicht ganz sauber. Das Wasser muss klar bleiben.« Ihre Hände waren rot und schmerzten vor Kälte.

Währenddessen schlug der Vater das Schwein mit einem Beil in zwei Hälften. Der Kopf samt Ohren, die Pfoten und der Schwanz kamen in den großen Waschkessel und wurden dort ausgekocht. Der Duft der Fleischbrühe zog über den Hof und verdrängte den Gestank des Darminhalts.

»Hinfort! Schleich dich!«, brüllte Isaak und trat nach dem fetten schwarzen Hauskater, der sich ein Stück Fleisch stibitzen wollte. Schmollend verzog sich der Kater in die Ecke. Er wird nicht aufgeben, dachte Margaretha belustigt.

Isaak trennte die vorderen Keulen ab, und Gretje wusch diese gründlich in der Waschküche, dann trocknete sie das Fleisch und legte es in die Tröge mit dem Würzsalz. Sie massierte das Salz in das Fleisch, bedeckte es dann mit einer weiteren Schicht.

»Hier kommen die Braten. Gutes Fleisch.« Isaak reichte Hermann Rücken und Schultern, dieser brachte es ins Waschhaus, wo die Frauen emsig arbeiteten.

»Speck haben wir satt.« Abraham schnitt den Speck aus den Flanken. »Verdomme!« Er war an dem fetten Fleisch abgerutscht und hatte sich in den Daumen geschnitten.

»Zeig her.« Gretje trat zu ihm, wischte mit einem sauberen Tuch über die Wunde. »Wasch es gut aus, ich werde mich nachher darum kümmern.«

»Willst du zur Blutwurst beitragen?« Dirck lachte. Abraham zog ihm eine Grimasse und hielt den Daumen in den eisigen Wasserstrahl.

»Nun noch die Hinterläufe«, murmelte der Vater.

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