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Die Goldwäscher am Klondike

1. In Dawson City

Wer sich unter dem Worte ‚City‘ eine große Stadt vorstellen sollte – und etwas anderes soll es ja auch eigentlich gar nicht bedeuten –, der würde sich in Bezug auf das halbe Dutzend Citys, das man in den letzten Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Alaska und am Klondike in aller Eile gegründet hatte, schwer irren. Dawson City wenigstens, die größte von ihnen, bestand im Jahre 1897, von dem hier die Rede ist – ein Jahr nach seiner Gründung – aus nicht mehr als etwa fünfzig Häusern. Und auch diese Häuser hatten sehr wenig City-Mäßiges an sich, außen wie innen. Durchweg aus Balken und Brettern und oft auch nur aus roh behauenen Baumstämmen errichtet, wurde ihr wenig versprechendes Äußere meist nur noch von dem Mangel an häuslicher Bequemlichkeit im Inneren übertroffen.

Das erklärte sich ohne Weiteres daraus, dass Dawson City zu dieser Zeit fast ausschließlich eine Männerstadt war, die den im Lande herumwandernden Goldsuchern als Sammelplätze für die nötige Verproviantierung und in den langen, grimmigen Frostmonaten, die jede Arbeit auf den Claims unmöglich machten, zum Winterquartier diente. Nur eine einzige Frau hatte bisher den Mut aufgebracht, ihrem Manne in dieses Land mit seinen kurzen, heißen Sommern und fürchterlichen Wintern zu folgen; in diese lebensfeindliche Nordlandsnatur, die den Starken unter ihrem Eishauch zum Titanen erstarken lässt, den Schwachen aber unbarmherzig vernichtet.

Neben dieser Frau, aber nicht zu den sesshaften Bürgern der neugebackenen Stadt zählend, war noch ein halbes Dutzend Fräuleins von etwas durchlöchertem Charakter und gleichwertigem Ruf vorhanden, die in den beiden Trinkhäusern des Ortes, die zugleich Spiel- und Tanzsalon waren, den Inhabern getreulich halfen, die nach der Stadt kommenden Goldgräber möglichst schnell von aller Sorge um ihr in monatelanger harter Arbeit aus der Erde gewaschenes Gold zu befreien.

Das eine der beiden Trinkhäuser war der Malamut-Salon, der seinen Namen von den ‚Malamuts‘ genannten Schlittenhunden der Eskimos herleitete. Vermutlich aus Gründen der Konkurrenz trug der andere die Bezeichnung ‚Husky-Salon‘, nach den Schlittenhunden der im Norden lebenden Indianer.

Es war an einem Abend im September. Die Azetylenlampen an den Wänden und Decken des Malamut-Salons waren wegen der jetzt bereits früh hereinbrechenden Dunkelheit schon längst angezündet. Ihr grelles weißes Licht beleuchtete aber nur Räume, die von Gästen fast leer waren. Hinter dem Schenktisch, der Bar, stand der Bartender und polierte mehr zum Zeitvertreib als aus Notwendigkeit, wie sein gelegentliches Gähnen verriet, mit einem weißen Tuche eine Anzahl Gläser, die er dann bedächtig in einem Fache des hinter ihm aufgestellten und mit Likörflaschen besetzten Regals nebeneinander reihte. Vor der Bar standen die einzigen zwei oder drei Gäste, hin und wieder einen Schluck aus den vor ihnen stehenden Whiskygläsern nehmend, in halblauter Unterhaltung.

Zur Seite der Bar saß an einem kleinen Tische der Spielhalter, in Ermangelung anderweitiger nutzbringender Beschäftigung in ein Geduldspiel vertieft. Hinter ihm, auffallend herausgeputzt, stand eines der drei in dem Salon beschäftigten Mädchen und beobachtete mit augenscheinlichem Interesse den Fortgang des Spiels. Der Spielhalter, ein noch junger Mann mit Gesichtszügen, die mit ihrer graubraunen Leberfarbe und verschiedenen tiefen Falten von einem hauptsächlich in Kneipen verbrachten Leben zeugten, und stechenden, unruhig umherflackernden Augen, zollte ihr indessen nicht die geringste Aufmerksamkeit. Er fuhr fort, diese oder jene Karte aus dem vor ihm liegenden Reihen herauszuheben und auf einen besonderen Haufen zu legen, wobei er in seinem rechten Mundwinkel geschickt eine Zigarre balancierte.

An der gegenüberliegenden Wand, in der sich eine Tür nach dem daranstoßenden, ebenfalls grell beleuchteten Tanzraum öffnete, saß ein älterer, ausnehmend magerer Mann vor einem Klavier. Er schien eben eine Tanzweise beendet zu haben, denn die anderen beiden Mädchen traten erhitzt und lebhaft atmend aus dem Nebenraum, wo sie bei dem völligen Mangel tanzlustiger Vertreter des stärkeren Geschlechts offenbar miteinander getanzt hatten.

Dieses Piano, Tausende von Meilen von dem nächsten Seehafen entfernt, musste hier überraschen. Es wurde auch allgemein als eine Errungenschaft angesehen, und der Besitzer des Salons war mit Recht stolz darauf, denn er hatte es unter hohen Kosten auf dem Umwege über Nome am Beringmeer und von da an stromauf über den 2000 Meilen langen Yukon heranbringen lassen. Dass der Husky-Salon demgegenüber nur über ein armseliges Grammophon verfügte, erhöhte die Befriedigung des Besitzers über seinen Unternehmungsgeist ganz merklich.

Das Spiel schien den Mann am Klavier angestrengt zu haben, denn ein Hustenanfall hatte ihn gepackt, der seinen Oberkörper eine lange Zeit schüttelte. Als er das Taschentuch vom Munde nahm und betrachtete, bemerkte er Blutspuren darauf. Das schien ihm nichts Neues zu sein, denn die Feststellung entlockte ihm nur ein trübes Lächeln.

„Komm, trink einen Whisky, Pat! Das wärmt dich durch. Man kann kein Haus in diesem verdammten Lande bauen, ohne dass der Wind durchbläst, als wenn er eine Fabrikpfeife in Tätigkeit setzen wollte“, rief ihm einer der Gäste am Schenktische gutmütig zu. Dabei spritzte er einen Strahl braunen Tabaksaftes gegen den in der Mitte des Raumes stehenden eisernen Ofen, als wolle er ihm sein Missfallen darüber bezeigen, dass er trotz der leichten Rotglut, die einige Stellen seiner Eisenwand färbte, so schlechte Arbeit leistete.

„Lass gut sein, Bob“, wehrte der Mann am Klavier ab. „Ich will lieber nicht trinken; es taugt nicht für mich.“

„Taugt nicht für dich?“, wiederholte der Erste geringschätzig. „Ich sage dir, ein Whisky tut immer gut. So lange man trinkt, stirbt man nicht.“

Und als wolle er diese Behauptung bekräftigen, trank er sein Glas leer, und indem er es mit Nachdruck wieder auf den Schanktisch zurücksetzte, ohne dass es wunderbarer Weise dabei in Stücke brach, sagte er: „Schenk ein, Jimmy!“

Der Mann am Klavier machte keine weitere Bemerkung. Er saß in sich versunken auf seinem Stuhl, und seine Gedanken schienen fernab zu weilen.

Es entstand eine Stille, die die öde Stimmung in dem Lokal fast fühlbar machte. Draußen hörte man die Windstöße an dem Hause rütteln. Bald würde sich das Bild ändern. Der kommende Winter meldete sich bereits an. Binnen Kurzem mussten die Goldgräber von ihren Claims und die Prospektoren aus ihren entlegenen Felsentälern zurückkommen, um in den elenden Behausungen, zusammengepfercht hinter Verschlägen, den langen, traurigen Winter in der ‚Stadt‘ zu verbringen. Dann würde sich der Malamut-Salon füllen, die Paare in dem Tanzraum durcheinander stampfen, die Roulettekugel springen, die Champagnerpfropfen knallen und die Karten im Pharaospiel fliegen. Wer wollte es den Männern verargen oder es gar unbegreiflich finden, wenn sie nach monatelanger Einsamkeit und Entbehrung, harter Arbeit und dürftigster Nahrung hier in einem Taumel wüster Vergnügungen die Stumpfsinnigkeit des Lebens während der langen Wintermonate wenigstens auf Stunden vergessen wollten. Freilich, am Ende des Winters würden sie dann ohne einen Cent und wahrscheinlich noch mit Schulden im Store wieder hinausziehen auf ihre Claims oder dem Laufe unbekannter Bergbäche folgen, um dort Gold und andere Metalle zu suchen. Aber was tat das? Es ging ja nicht anders. Und manchmal würde man doch den großen Fund machen und als reicher Mann nach Hause zurückkehren. Das Gold war da, darüber konnte kein Zweifel mehr bestehen. Man hatte es ja auch schon gefunden. In Juneau und Dyea und Nome. Freilich, es war dort nicht Placergold, also frei in der Erde liegendes Gold in Form von Staub oder Nuggets, sondern es waren niedrigprozentige Golderze, an denen den Prospektoren, wie sie hier in den Bergen und an den Flussläufen herumkrochen, meist nicht viel gelegen ist, weil ihr Abbau und ihre Verarbeitung Kapitalien erfordern, die sie nicht aufbringen konnten. Aber man hatte doch schon vielfach hier an den zahlreichen Creeks und Nebenflüssen des Klondike und Yukon auch Placergold gefunden.

Tausende von Prospektoren lebten doch nur, freilich in den meisten Fällen recht armselig, von den Erträgnissen ihrer Goldwäscherei. Nur der große Fund war noch nicht gemacht worden, aber niemand war mehr überzeugt als die Prospektoren selbst, dass er eines Tages kommen würde. Wo so viel Gold überall im Lande verstreut umherlag, musste es auch Stellen geben, wo es in Massen angehäuft war. Und nachdem man nun schon seit zwanzig Jahren danach gesucht hatte, konnte der Tag nicht mehr fern sein, an dem diese Stellen gefunden wurden.

Allerdings war das Land von einer Ausdehnung, dass man ganze Königreiche des alten Europa darin hätte verstecken können. Aber wer wollte sagen, dass nicht schon morgen die Mutterader, von der all das Gold ursprünglich gekommen sein musste, entdeckt wurde?

Und musste es gerade die Mutterader sein, die eine neue Völkerwanderung von rund um den Erdball nach diesem Lande von Eis und Schnee veranlassen würde? Nach diesem Lande, von dem die Leute, die es kannten, behaupteten, dass Gott es vergessen habe? Für den Einzelnen genügte es doch, wenn er ein ‚Nest‘ fand, um allen Sorgen des Lebens enthoben zu sein. Und solche ‚Nester‘ waren gefunden worden und würden immer wieder gefunden werden. Jeder rechnete damit, dass ihm demnächst ein solches Glück zuteil werden würde. Auf diese Aussicht hin hungerte man, fror und grub in der Erde, bis die Knochen steif wurden, und nur die ungeheure Ermüdung erzwang in der Nacht den Schlaf trotz der Pein der schmerzenden Glieder.

Der Klavierspieler hatte wieder in die Tasten gegriffen. Keine banale Tanzweise diesmal. Es rauschte und sang und klang unter seinen Händen. Er schien seine Umgebung völlig vergessen zu haben.

Und wie konnte er spielen!

Die Töne nahmen Gestalt an. Man fühlte sich draußen in der großen, frostklaren Einsamkeit, eingeschlossen von eisbedeckten Bergen, über denen unbeweglich der kalte Mond schwebte. Und die Stille der Nacht, die man fast greifen konnte. Nur von Zeit zu Zeit wurde sie zerrissen von dem unsagbar traurig klingenden, langgezogenen Geheul eines herumstreunenden Wolfes, das irgendwoher durch das gleiche Geheul beantwortet wurde; oder durch das schrille, katzenartige Geschrei eines Luchses. Man sah sich am Lagerfeuer mit einer Schneewand im Rücken, die die Wärme zurückstrahlen sollte, während hoch oben in der gefrorenen Luft das Nordlicht gelb, rot und blau leuchtende Lanzen über den Himmel schoss.

Das sah man und fühlte man. Hunger und Einsamkeit und kalten Sternenglanz.

Und dann änderte sich plötzlich das Thema. Eine wehe Sehnsucht klang aus den Tönen. Die Sehnsucht nach einem Heim, nach einem traulichen Feuer im Herd, mit lieben Gesichtern um sich – und das Ringen um das nackte Leben vorüber, und der Kampf um das verfluchte Gold, das der Teufel in der Erde dieses kalten Nordlandes verborgen hatte!

Ein neuer langer Hustenanfall zwang ihn plötzlich, wieder abzubrechen. Die roten Flecken in seinem Taschentuch waren diesmal größer.

Eines der beiden Mädchen, die vorher zusammen getanzt hatten, trat zu ihm.

„Du packst morgen deine Sachen, Pat Malony!“, sagte es in einem Tone des Mitleids, aber bestimmt. „Du darfst keinen Tag länger hier bleiben. Der Winter kommt, und er tötet dich. Der Fluss ist noch offen. Ich weiß einen, der morgen in einem Boote den Lewis hinauffährt bis zum Lindemann-See und von dort nach dem White-Pass. Er wird dich mitnehmen, wenn ich mit ihm spreche. Ihr werdet die Pässe durch das Gebirge erreichen, noch ehe sie verschneit sind, und gerade noch zeitig genug in Juneau eintreffen, um den letzten Dampfer dieses Jahres nach San Franzisko zu benutzen.“

„Geht nicht, Peggy“, erwiderte der Mann, den sie Malony genannt hatte. „Ich kann nicht fort von hier.“

Und im Flüsterton setzte er dann hinzu: „Ich habe eine Stelle gefunden, wo ich sicher bin, dass sich Gold findet. Ich konnte nur nicht tief genug graben, denn ich hielt es nicht aus. Es wurde zu kalt, und der Platz war sehr zugig. Aber wenn ich im Frühjahr wieder hinaus kann …“

„Das sagt ihr alle. Im Frühjahr, pshaw! Ich kenne nicht einen, der nicht sicher wäre, einem reichen Fund auf der Spur zu sein. Und es ist doch alles Täuschung. Aber auch wenn es so wäre, so kannst du nicht warten bis zum Frühjahr. Der Winter bringt dich um. Geh fort und komm im Sommer wieder, wenn du so fest an dein Gold glaubst.“

„Ich sage dir, es geht nicht, Peggy. Erstens habe ich kein Geld für die unnütze Reise, und zweitens könnte ich nicht zeitig genug wieder an Ort und Stelle sein, denn ich muss anfangen, sobald der Boden aufgetaut ist, wenn ich bis auf das harte Felsgestein hinunter graben will. Und eher kann man doch nicht sicher sein, dass das Gold nicht da ist. Du kennst den roten Hansen, den Dänen. Er hatte mit einem Partner monatelang gegraben und gab die Sache dann auf, weil sie mit all ihrer Arbeit nicht mehr als einen kargen Tageslohn erzielen konnten, und nach ihnen kamen ein paar Chinesen hin, gruben weiter und fanden das Gold.“

„Du wirst aber nicht graben, Pat Malony“, sagte Peggy bedeutsam.

„O, es ist nicht so schlimm mit dem Winter“, beschwichtigte sie der Mann, „wenn man in der warmen Bude sitzen kann wie ich hier; denn McAllister hat mir versprochen, dass er mich den ganzen Winter hindurch als Klavierspieler behalten will. Und die Zeit will ich benützen, mich gesund zu machen. Ein indianischer Medizinmann hat mir Kräuter gegeben, das heißt, wir haben getauscht. Ich gab ihm Bohnen, und er gab mir die Kräuter. Die werde ich jetzt gebrauchen. Er hat sich selber einmal damit geheilt, als er seine Lungenspitzen erfroren hatte und Blut spuckte.“

„Merk dir, was ich sage, Pat Malony“, beharrte das Mädchen auf ihrer Meinung. „Es gibt kein Kraut für dich gegen den Winter hier am Klondike. Denke an deine Frau – oder hast du keine?“

Der Mann zögerte eine Weile mit der Antwort. Dann sagte er:

„Sie ist tot.“ Und mit leiserer Stimme setzte er hinzu: „Für mich wenigstens.“

„O, steht es so? – Und hast du sonst niemand?“

„Doch, ich habe eine Tochter in San Franzisko. Für sie bin ich hier – und für sie werde ich hier bleiben. Du meinst es gut, Peggy, ich weiß; aber du siehst, es geht nicht anders. Warum gehst du nicht selbst zurück? Du bist anders als die Übrigen. Ich habe das wohl gemerkt. Du bist viel zu schade dazu, dein Leben hier so zu verpfuschen.“

„Es ist längst verpfuscht!“, erklärte das Mädchen, und ein Zug von Bitterkeit legte sich dabei um ihre hübschen Mundwinkel.

„Unser Leben ist niemals verloren, solange wir es nicht selbst verloren geben“, sagte der Mann, indem er jetzt zum ersten Male sein Gesicht zu ihr erhob.

Sie blickte in seine abgezehrten, aschgrauen Wangen, auf die roten Flecke, die sich davon abhoben, und in ein paar Augen, in denen es glühte wie in geheimem Fieber.

„Hast du keine Eltern mehr, Peggy?“, setzte er hinzu.

Auch bei ihr dauerte es eine Weile, ehe sie die Frage beantwortete.

Dann sagte sie in demselben gedämpften Tone wie er selbst vorher:

„Sie sind tot – für mich wenigstens.“

Gleich darauf berichtigte sie sich aber, indem sie sagte: „Lass mich ehrlich sein und sagen: Ich bin tot – für sie.“

Die weitere Unterhaltung erfuhr jetzt eine Unterbrechung, denn die Eingangstür wurde geräuschvoll aufgestoßen, und begleitet von einem Gust kalten Windes erschien ein neuer Ankömmling, dem man es ansah, dass er direkt aus den Minen kam und der Träger wichtiger Neuigkeiten war.

2. Der große Fund

Der Mann schien noch jung zu sein, was man aber höchstens an der dunklen Farbe seines unter einer dicken Mütze hervorquellenden Haares und struppigen Bartes, der fast sein ganzes Gesicht bedeckte, und an den kraftvollen, energischen Bewegungen seines Körper beurteilen konnte. Er war gekleidet in die gewöhnliche derbe Tracht der Goldgräber, die von den Mucklucks an, den wasserdichten Stiefeln aus Seehundsleder, bis hinauf zur Mütze von den Spuren eines tagelangen Marsches durch eine raue, pfadlose Wildnis bedeckt war, was hier freilich nicht weiter auffiel.

„Hallo, Davy Evans!“, rief ihm der Bartender lustig entgegen. „Siehst gut aus! Kalkuliere, deine Mutter – der Herr segne die alte Dame – würde Mühe haben, in dir ihren Sprössling wiederzuerkennen.“

Und „Hallo, Davy!“ begrüßte man ihn von allen Seiten mit einem freundlichen Händeschütteln, und es entwickelte sich ein Durcheinander von Fragen und Antworten, dem der Neuangekommene dadurch ein Ende machte, dass er einen schweren Beutel voll Goldstaub auf den Schenktisch warf.

„Girls und Boys“, rief er dabei, „ihr seid heute alle meine Gäste. Wählt euch, was ihr trinken wollt! – Jimmy, wiege ab. Hundert Dollars fürs Erste. Wenn’s nicht reicht, gibt’s mehr. Was kostet Alaska?“

„Was geht dich Alaska an?“, rief der Spielhalter von seinem Tische herüber. „Wir sind doch hier am Klondike, und der gehört, so viel mir bekannt ist, noch zu Kanada.“

Er schob dabei die Karten seines Spieles zusammen, denn jetzt begann sein Geschäft. Bereits hatte sich in kurzen Zwischenräumen eine Anzahl weiterer Gäste in dem Salon eingefunden. Es schien, als ob eine Bombe von Neuigkeiten in das bisher recht eintönige Leben der Pionierstadt geplatzt wäre, die irgendwie mit Davy Evans, wie man den Neuankömmling hier genannt hatte, in Zusammenhang stehen musste, und über die man hier weitere Aufschlüsse zu erhalten hoffte.

„O, die paar Meilen bis zur Grenze von Alaska machen keinen Unterschied“, entgegnete Evans übermütig. „Aber gleichviel, was kostet der Klondike-Distrikt mit Alaska zusammen?“

„Ich habe noch keinen Auftrag erhalten, sie zu verkaufen“, antwortete der Spielhalter trocken. Er war inzwischen ebenfalls an den Schenktisch getreten.

„Mister Murphy wird’s wissen“, rief einer aus der Menge, auf einen der Gäste deutend, die nach Evans eingetreten waren. Murphy war ein Mann von etwa dreißig Jahren mit intelligentem Gesicht, dem man aber eine große Vorliebe für Whisky anmerkte. Auch stach er durch eine etwas vernachlässigte Stadtkleidung, die sich sogar auf einen nicht mehr völlig reinen Kragen erstreckte, von den Übrigen ab.

„Der Rechtsverdreher!“, höhnte ein anderer.

„Keine Schmeicheleien, Gentlemen“, entgegnete er mit Würde und in einem salbadernden Tone, „oder, so wahr ich Murphy heiße und meiner Mutter ungeratener Sohn bin, ich lasse euch das nächste Mal, wenn euch der Friedensrichter einladet, auf einige Zeit in seinen eisernen Käfigen Gast der kanadischen Regierung zu sein – wahrhaftig, ich lasse euch dann sitzen, bis ihr die Ratten in eurer Zelle für weiße Mäuse anseht. An Gelegenheit dazu lasst ihr’s ja nicht fehlen, denn ich muss zu meinem großen Missfallen und Kummer feststellen, dass die Mehrzahl von euch die Sittsamkeit unserer tugendhaften Gemeinde durch gottlose Gewohnheiten gefährdet. – Da ihr aber an mein weises Urteil appelliert habt, will ich es euch nicht vorenthalten. Der Fall liegt so: Hier ist Mister Davy Evans, und allen der Person nach bekannt. Er scheint eine Neigung zu haben, Alaska, mit dem Klondike-Distrikt als Zugabe, zu kaufen. Als vorsichtiger Mann – auf Ihr Wohl, Ladies und Gentleman! – möchte er aber vorher den Preis wissen. Nun, meine Herren Geschworenen, unter Berücksichtigung des Umstandes, dass die Vereinigten Staaten, als sie im Jahre 1867 Alaska von Russland kauften, sieben Millionen Dollar dafür bezahlt haben, kalkuliere ich, dass der Preis heute, und mit dem Klondike-Distrikt als Zugabe, über das hinausgehen dürfte, was Mister Evans dafür bezahlen kann.“

Alle lachten, und es begann wieder ein Durcheinander von Stimmen.

Der Bartender hatte inzwischen alle augenblicklichen Wünsche der Gäste befriedigt und nahm den Beutel mit Goldstaub, um nach der Rate von sechzehn Dollar die Unze für hundert Dollar davon abzuwiegen. Dann gab er den Beutel an Evans zurück.

„Wer sagt, dass ich Alaska mit dem Klondike-Distrikt nicht bezahlen kann?“, rief er.

Die Worte schlugen wie ein Blitz ein, trotzdem schon die ganze Situation, die von Augenblick seines Eintretens an gespannt gewesen war, die Anwesenden auf etwas Ungewöhnliches vorbereitet hatten. Eine tiefe Stille breitete sich für einen Moment über den Raum. Alle starrten auf den verwildert aussehenden Mann, denn sie fühlten, dass seine Worte mehr als eine leere Prahlerei waren, und dass sie, wenn auch viel Übertreibung in ihnen lag, doch Wahrheit genug enthielten, um darüber den Atem zu verlieren.

Der Mann am Klavier hatte bisher weder an der Begrüßung des Neuangekommenen noch an der allgemeinen Unterhaltung, an der sich auch Peggy und die andern beiden Mädchen lebhaft beteiligten, teilgenommen. Wie in einem Schwächeanfall hatte er auf seinem Stuhle gesessen. Jetzt schien er ihn aber überwunden zu haben, denn er kam herbei, um auch seinerseits Evans zu begrüßen.

„Hallo, Pat, du auch da! Hatte dich gar nicht bemerkt. Aber es tut meinen Augen wohl, dich zu sehen. Ich will aber verdammt sein, wenn du nicht noch magerer geworden bist, seit wir uns das letzte Mal sahen. Du erinnerst mich beinahe an die Vogelscheuche, die mein Vater einst auf unserm Felde aufgestellt hatte. Die sah so furchtbar aus, dass die Spatzen angstzitternd alle die Weizenkörnchen zurückbrachten, die sie von uns gestohlen hatten. Aber lass gut sein, alter Junge, komm, trink ein Glas Champagner mit mir, das wird wieder Leben in deine wackelige Anatomie bringen. Ich habe auch noch eine Neuigkeit für dich – eine gute.“

Der Bartender hatte bereits ein Glas vor den Klavierspieler gestellt, das Evans aus seiner Flasche füllte.

Diesmal weigerte sich Malony nicht mehr zu trinken. Er schien einer Anregung zu bedürfen, und leerte das Glas mit einem schnellen Zuge.

Evans, der noch aller Augen voll Spannung auf sich gerichtet sah, wandte sich jetzt an die Übrigen.

„Well, Girls – und ihr alten Sauerteige und Cheechakos, hört und merkt euch, was ich euch jetzt sage. Von morgen ab – versteht ihr! – von morgen ab kommen der Klondike und Alaska auf die Landkarte. Die Geschichte Alaskas beginnt erst jetzt. Was vorher war, zählt nicht.“

„Hast du einen Fund gemacht?“, fragten mehrere hastig.

„Einen Fund?“, wiederholte Evans wegwerfend. „Ich sage euch, das Land hier steckt so voll Gold, wie das große hölzerne Pferd, das sie einmal irgendwo dahinten im alten Griechenland gebaut hatten, voll Bewaffneter. Sie wollten nämlich Jericho einnehmen – oder war’s Ninive? Und da sie anders nicht hineinkonnten, bauten sie ein Pferd mit einem mächtigen hohlen Bauche, und in der Nacht krochen die Bewaffneten, nachdem die Bewohner der Stadt das Pferd ‚erobert‘ und in die Stadt hineingeholt hatten, heraus und öffneten die Stadttore. Davon wisst ihr aber nichts. Das ist bloß etwas für gelehrte Leute wie mich und allenfalls noch für unsern ehrenwerten Mister Murphy da. Ich habe die Geschichte aus einem Bilderbuche. Ich war eben schon von klein auf fürs Studium.“

Es war deutlich zu merken, dass er es darauf anlegte, die Geduld seiner Zuhörer auf die Folter zu spannen.

„Hör auf mit deinem dummen Pferde, Davy!“, rief ihm daher auch einer zu. „Ich glaube, du bist ohnehin im Irrtum, und es wird wohl ein Rhinozeros gewesen sein. Erzähle uns lieber von deinem Funde. Wo ist er?“

„Well, Ladies and Gentlemen“, entgegnete Evans, indem er erst noch eine neue künstliche Pause schuf, dadurch, dass er bedächtig sein Glas Champagner leerte, „wie ich schon sagte: Morgen wird diese gesegnete Stadt leer sein, denn alle werden sich unterwegs befinden, um am Karibu-Creek und allen andern Flüssen und Bächen in seiner Nähe Claims zu belegen. Und wer nicht fort kann, der wird sich dadurch an den andern rächen, dass er ihnen zehnfache Preise für den Proviant und alles Sonstige berechnet, was sie an Ausrüstung gebrauchen. Ich sage euch, in einem Jahr wird Dawson City fünfzigtausend Einwohner haben.“

„Hast du am Karibu-Creek ein Deposit gefunden, Davy?“, fragte der Spielhalter.

„Ein mächtiges Deposit“, bestätigte Evans. „Ich komme eben vom Friedensrichter, wo ich meinen Claim – und noch einen andern – habe eintragen lassen. Und da niemand mehr als einen Claim von der Regierung bekommt, so brauche ich kein Geheimnis mehr aus der Sache zu machen. Also viel Glück, Jungens. Ob eure Claims was taugen werden, weiß ich nicht. Meiner ist gut – und der andere auch.“

„Was ist’s mit dem andern, Davy?“, fragte Peggy begierig. „Sag’s schnell, ich weiß, du hast ihn für mich belegt.“

„Für dich? Ich habe gar nicht an dich gedacht“, war Evans ungalante Erwiderung.

„Du Ungeheuer!“

„Für wen haben Sie ihn belegt?“, fragte Murphy, der Kundschaft witterte.

„Well, Boys“, erklärte Evans, „es sind viele hier, die mich einen schlechten Kerl nennen …“

„Nicht hier!“, wurde protestiert.

„Dann meinetwegen draußen“, entgegnete Evans unbeirrt. „Vielleicht haben sie recht. Vielleicht auch nicht, ich weiß es nicht. Aber das weiß ich, dass keiner von den Coyoten, die mich so nennen, auch nur um einen Cent besser ist als ich. Aber mag ich auch ein schlechter Kerl sein – eins habe ich nie getan: nämlich ein Versprechen nicht gehalten. Denn das tun nur die Dummen, und zu denen habe ich mich nie gerechnet. Hier seht euch Pat Malony an. Er hat mir einst einen großen Dienst erwiesen. Es handelte sich nur um ein paar Hände voll Bohnen. Aber diese paar Hände voll Bohnen standen zwischen mir und dem Tode durch Verhungern. Und davon war er selbst nicht sehr weit entfernt, denn er hatte längst nicht genug für sich selbst. Aber er teilte mit mir. Damals habe ich mir vorgenommen, es ihm zu vergelten, wenn ich jemals Gelegenheit dazu finden würde. Ich sagte ihm das nicht. Es war aber deswegen nicht weniger ein Versprechen. – Pat“, er legte dem kranken Manne seine schwere, arbeitsharte Hand auf die Schulter – „ich habe mein Wort eingelöst. Der Claim neben dem meinigen am Karibu-Creek ist auf deinen Namen eingetragen. Du bist ein reicher Mann!“

Malony wollte wohl etwas sagen, aber nur sein Mund öffnete sich, und kein Wort kam hervor. Der Anwesenden hatte sich eine ungeheure Aufregung bemächtigt, und es hatten sich, durch inzwischen weiter Hinzugekommene verstärkt, denn das Gerücht von einem großen Funde schien sich bereits in die ‚Stadt‘ verbreitet zu haben, bereits einzelne Gruppen gebildet, um die Maßregeln zu besprechen, die zur Sicherung guter Claims jetzt unverzüglich unternommen werden mussten. Wer nun überhaupt fort konnte, der würde noch vor Tagesanbruch in irgendeinem Fahrzeug, dessen Planken gerade noch zusammenhielten, den Klondike hinauf unterwegs sein.

„Davy, du gibst mir mehr als du ahnst!“, stammelte Malony endlich, und er wollte noch etwas hinzusetzen, aber Evans unterbrach ihn.

„Ich gebe dir nichts als die Kosten der Eintragung. Die habe ich bezahlt, und die fünf Dollar kannst du mir später wieder einmal zurückzahlen. Aber ich wollte dich wenigstens sichern, bevor irgend ein anderer Wind von der Sache erhielt und dir zuvorkommen konnte. Ich habe die Grenzen deines Claims abgemessen, die erforderlichen Vermessungspfähle mit den Tafeln angebracht, und darauf steht zu lesen für jeden, der es wissen will, dass der Platz die Blaue-Mond-Mine heißt und dir, Patrik Malony, gehört. Es war die letzte Nacht vor meinem Weggange, als ich die Pfähle mit den Tafeln einrammte, und es war ein klarer Mondschein. Aber der Mond sah mehr blau als gelb aus. Daher der Name. Dank dafür bist du mir nicht schuldig, denn die Sache hat mich nichts gekostet.“

Und wie um der Szene ein Ende zu machen und sich allen weiteren Versuchen Malonys, ihm seinen Dank auszudrücken, zu entziehen, sagte er:

„Und jetzt setz dich wieder auf deinen Stuhl und spiel uns einen Virginia-Reel. Komm, Peggy, ich will dir zeigen, dass meine Beine da draußen in den Gruben noch nicht steif geworden sind. Ich bin zweihundert Meilen gewandert, aber ich tanze hier noch jeden in Grund und Boden. Jungens, deckt euch mit Damen ein, denn drei sind nur da. In einem Jahre werden’s aber dreitausend sein mit dreißigtausend Cheechakos.“

Und während vom Klavier bereits die ersten Töne des beliebten Tanzes klangen, schritt er mit Peggy, die sich bereitwillig und schon wieder völlig versöhnt an seinen Arm gehangen, dem Tanzraume zu, indem er im Abgehen noch dem Spielhalter zurief:

„Du kannst inzwischen deine Bank aufmachen, Mac; denn heute sollst du von mir etwas erleben. McAllister wird sich morgen einen andern Bankhalter suchen müssen, denn du wirst ausgepumpt sein wie ein leeres Whiskyfass.“

„Erst musst du aber noch mit mir tanzen!“, entschied eines der anderen Mädchen, das sich schnell einen Partner gesucht hatte und mit ihm dem ersten Paare folgte.

„Und mit mir!“, rief hinter ihm jene, die vorher hinter dem Stuhle des Spielers gestanden hatte, indem sie Mr Murphy am Arme fasste und, dem Beispiel der anderen folgend, mit sich nach dem Tanzraume zog. Die anderen hatten heute Wichtigeres zu tun und zu besprechen, als den bei dem Mangel an Weiblichkeit sonst üblichen Ausweg zu wählen, mit einem männlichen Partner zu tanzen.

Der Spielhalter holte aus einem Kasten unter dem Tische eine grüne Decke hervor, die er über den Tisch breitete. Sie trug in der Mitte eine Zeichnung, welche aus den Figuren des Pharao bestand.

Aus dem gleichen Behältnis brachte er dann ein neues Spiel Karten und einen kleinen polierten Kasten zum Vorschein, der sich, als er den Deckel aufschlug, mit roten, blauen, gelben und weißen ‚Chips‘ oder Spielmarken gefüllt erwies.

Unaufgefordert setzte sich einer der Gäste zu ihm an den Tisch, augenscheinlich um die Rolle des Croupiers zu übernehmen. Die Selbstverständlichkeit, mit der das geschah, zeigte, dass er wohl auch schon bei früheren Gelegenheiten, wenn größerer Andrang von Gästen in dem ‚Salon‘ herrschte, in dieser Eigenschaft tätig gewesen sein mochte.

„Gentlemen, vergessen Sie das Spiel nicht. Belegen Sie Ihre Karten! Die Taille beginnt!“, rief er den Gästen zu.

Das Spiel, das sonst immer rege Beteiligung seitens der Gäste fand, schon, weil es die einzige aufregende Unterhaltung in dem sonst so eintönigen und nur durch das gelegentliche Gehen und Kommen von Goldwäschern und Trappern unterbrochenen Leben des Ortes war, verfehlte heute aber zum großen Teil auf diese seine Anziehungskraft.

Es gab heute wichtigere Dinge als das Spiel, die ihrer Aufmerksamkeit wert waren. Denn wenn Evans wahr geredet hatte, der so lange erwartete große Fund also gemacht worden war, dann bedeutete die heutige Nacht einen Wendepunkt für die Stadt und den ganzen Distrikt; einen Wendepunkt, der die wirtschaftliche Existenz jedes Einzelnen umgestalten musste, indem er ihm anstelle der bisherigen bescheidenen Verdienstmöglichkeiten einer Pionierstadt alle die ungeheuren Vorteile einer Entwicklungsperiode bot, in welcher die Nachfrage nach allem und jedem das Angebot bald hundert- und tausendfach übersteigen würde.

Und niemand zweifelte daran, dass Evans die Wahrheit gesprochen hatte. Es kam ja hin und wieder vor, dass einer oder einige von großen Goldfunden in einer Gegend berichteten, wo irgendein gaunerischer Landagent Bauplätze zu fantastischen Preisen zu verkaufen wünschte. Und sie gingen dann oft auch so weit, dass sie vor den Augen etwaiger Zweifler auf ihrem Claim Gold aus der Erde wuschen, was sie vorher erst hineinpraktiziert hatten.

Verschiedenen war es dabei auch schon recht schlecht ergangen, denn ein erfahrener Goldwäscher ist in der Lage, nach Farbe und sonstigen Merkmalen festzustellen, aus welcher Gegend eine bestimmte Sorte Gold stammt. In diesen Fällen war das Gold als von andern Fundplätzen stammend erkannt worden – mit den erwähnten unerfreulichen Resultaten für die Betreffenden.

Das aber kam bei Evans nicht in Frage. Er hatte zwar den Ruf, dass er sich bei jedem Geschäft stets den größeren Vorteil zu sichern wusste, und das war mit Recht oder Unrecht so oft ausgesprochen worden, dass man auch in den Fällen, wo er ohne erkennbaren Vorteil einem Bedrängten aus unverschuldeter Not geholfen hatte, stets vermutete, er müsse doch irgendeinen geheimen Vorteil dabei gehabt haben – aber bei alledem galt er doch als zuverlässig und ehrlich.

Außerdem hatte er den Beweis für seinen Fund mit sich gebracht, und die Menge, die der Bartender aus seinem Beutel abgewogen, war bereits von mehreren Prospektoren aus reiner Neugier und keineswegs aus Misstrauen genau geprüft worden. Auch der Bartender selbst, durch dessen Hände mehr Goldstaub ging als vielleicht durch die manches erfolgreichen Prospektors, erklärte, dass es von einem neuen Fundplatze stamme.

Nein, es war kein Zweifel an der Sache.

Die Vergangenheit mit ihrem kleinlichen, mühsamen Ringen um kleinliche Gewinne war vorüber. Morgen früh begann die Zukunft.

Mit dem Morgengrauen würde Dawson von der Hälfte seiner Bewohner verlassen sein, aber aus den umliegenden Distrikten würden Sauerteige und Cheechakos herbeiströmen und es im Durchwandern doppelt und dreifach füllen. Die Preise würden klettern, jede Leistung ihren zehn- und hundertfachen Wert haben.

Und wenn dann erst die Welt da draußen von dem Boom hier Kenntnis erlangte!

Jedes, auch das unscheinbarste Unternehmen hatte dann Gelegenheit, sich innerhalb weniger Wochen zum Großbetrieb zu entwickeln, denn in wenigen Monaten würde Dawson, dieses halbe Hundert Blockhütten und Bretterbuden, das bisher so still und verschlafen in dem flachen Winkel dagelegen hatte, den der hier in den Yukon mündende Klondike mit diesem zusammen bildete, eine City und Metropole mit tausend ungeheuren Gewinnmöglichkeiten sein, die über Nacht und ganz von selbst im Schwunge der Entwicklung, und ohne dass die Beteiligten dazu etwas beizutragen nötig hätten, über sich selbst hinauswachsen würden.

Unter diesen Umständen war es begreiflich, dass nur einige wenige aus der Zahl der Gäste an den Spieltisch herantraten. Vielleicht waren es solche, denen das Geld für eine Ausrüstung fehlte und die einfältig genug waren, hier eine Möglichkeit zu sehen, es sich zu verschaffen. Vielleicht auch solche, die an vergangenen Abenden ihr Geld hier verloren hatten und nun den törichten Versuch machten, es wieder zu gewinnen.

Während dieser Zeit hatte der Mann am Klavier versucht, das laute Stimmengewirr der Gäste mit seinem Spiel zu übertönen. Dazwischen klang im abgebrochenem Rhythmus das Stampfen der Tanzenden aus dem Nebenraum herein. Dann, ziemlich unvermittelt, wurden die Töne des Instrumentes schwächer … und dann … es war ein lautes, gurgelndes Aufstöhnen, das mit einer schrillen Dissonanz das Spiel jäh zu Ende brachte … Mit einem Blutstrom, der in dickem Strahle aus seinem Mund quoll, sank der Klavierspieler von seinem Stuhle.

Mehrere der Gäste waren sofort hinzugesprungen und bewahrten ihn davor, zu Boden zu gleiten.

„Legt ihn auf das Sofa dort!“, rief Evans, der eben mit seiner Tänzerin in der Tür nach dem Nebenraume erschien.

Während die beiden andern Mädchen, die sich mit ihren Partner in das Trinkzimmer drängten, sich von dem Anblicke des Blutes schaudernd abwandten, traten Peggy und Evans zu dem Sterbenden, um Hilfe zu leisten. Auch der Bartender kam schon herbei mit einer Schüssel Wasser und einem weißen Leinentuche. Peggy feuchtete es an und wusch das Blut vom Gesicht und der Kleidung des Unglücklichen.

Auf den Gesichtern mehrerer der Umstehenden zeigte sich ein Ausdruck des Mitgefühls. Wohl hatte sie das Leben hart gemacht; auch der Anblick von Blut war ihnen nichts Ungewohntes. Es hätte sie wahrscheinlich auch nicht im Geringsten berührt, wenn irgendein Bully hier zufällig einem Stärkeren begegnet wäre oder wenigstens einem, der seinen Revolver schneller zu gebrauchen wusste, und nun – wie das ja oft genug vorkam – das Ende fand, das seinem Leben entsprach und ihm über kurz oder lang doch beschieden gewesen wäre. Hier aber war die Sache anders. Sie kannten den Mann, und der eine oder andere mochte wohl auch ahnen, dass es nicht allein die heillose Krankheit war, die ihn jetzt tötete, sondern dass er tief in der Brust ein Leid getragen. Tief in der Brust. Tiefer noch, als von wo jetzt dieses Blut gekommen war.

Und welche Tragik, in dem Augenblicke zu sterben, in dem ihm der Reichtum geworden war, für den sie alle hier ihr Leben einsetzten! Den Becher von seinen Lippen gerissen zu sehen in dem Augenblicke, wo es ihm nach langem Schmachten endlich vergönnt gewesen wäre, den prickelnden, süßen Lebenstrank in vollen Zügen zu schlürfen.

„Schnell, lauf einer zum Doktor!“, drängte Evans.

„Ist nicht zu Hause“, wurde ihm erwidert. „Er ist nach Vierzig-Meilen-Creek gefahren. Dort hat einer das Bein gebrochen.“

„Hier hilft auch kein Doktor mehr“, sagte Murphy leise zu Evans.

Der Sterbende schien es aber doch gehört zu haben. Er schlug die Augen auf, aber der Blick war schon halb gebrochen.

„Peggy … meine Tochter …“

Er wandte sich an das Mädchen in der Menge der Umstehenden; denn er mochte wohl wissen, dass trotz des Lebens, das sie hier führte, das Weib in ihr nicht gestorben war. Hatte sie ihm doch erst noch ein paar Minuten zuvor den guten Kern in ihrer Natur offenbart. Aber noch ehe er ein weiteres Wort stammeln konnte, breitete sich die Starre des Todes über seine Gesichtszüge.

„Er hat ausgelitten“, sagte Evans leise.

Hatte Pat Malony es geahnt, als er vor kaum einer halben Stunde zu Peggy sagte: ‚Ich bleibe hier‘, dass er für immer hier bleiben würde, um einsam in der kalten Erde dieses Nordlandes zu ruhen …?

„Hatte er eine Tochter?“, wandte sich Evans an Peggy.

„Er hat heute zum ersten Male von ihr gesprochen.“

„Weißt du ihre Adresse? Sie muss benachrichtigt werden und auch erfahren, dass hier ein reiches Erbe auf sie wartet.“

„Ich weiß gar nichts Näheres über sie“, entgegnete Peggy leise weinend.

„Er wohnte bei dem Schmied“, mischte sich der Rechtsanwalt ein. „Wir werden seine paar Habseligkeiten durchsuchen müssen. Vielleicht findet sich dort irgendein Schriftstück, aus dem wir etwas Näheres über seine Verhältnisse erfahren können.“

„Lasst uns erst mal seine Kleidung nachsehen. Vielleicht trägt er eine Brieftasche bei sich oder sonst etwas?“, empfahl der Spieler, der ebenfalls herangetreten war, und dessen gewandte Finger bereits in den Taschen des Toten in einer Weise zu wühlen begannen, die eine verdächtige Übung verriet.

In der Tat brachte er auch aus einer Seitentasche der Jacke einen Brief zum Vorschein. Der Umschlag war aufgeschnitten und die Adresse:

Mr Patrik Malony

General Delivery

Dawson City. Canada.

in schulmäßig steifen Buchstaben geschrieben.

„Das sieht aus, als wenn es von einem Mädchen käme“, meinte er.

„Mr Murphy mag ihn uns vorlesen“, entschied Evans. „Vielleicht erfahren wir etwas daraus.“

Der Rechtsanwalt nahm ihn, holte geschäftsmäßig einen zusammengefalteten Briefbogen von Form und Größe, wie man sie für privaten Briefwechsel benutzt, heraus, und nachdem er ihn auseinandergefaltet und zuerst eine Minute lang mit kritischem Blick gemustert hatte, las er:

„22, Pacific Avenue

San Franzisko. Cal.

15. Juli 1897

Mein lieber Vater!

Nur ein paar Zeilen will ich Dir heute schreiben, um Dir mit meinem herzlichsten Dank zu sagen, dass ich das Geld, das Du im Mai dort abgesandt hast, richtig erhalten habe. Ich verdiene mir auch schon selbst etwas Geld, denn Professor Dieck lässt mich manchmal in einem Konzert mit auftreten. Er ist sehr zufrieden mit mir und sagt, ich würde noch einmal eine berühmte Violinspielerin werden. Ich gebe mir aber auch furchtbare Mühe und übe fleißig.

Ich bin aber in großer Angst um Dich. Ich hatte letzthin einen bösen Traum, als wenn Dir etwas zugestoßen wäre in dem hässlichen kalten Lande da oben. Schreib mir sofort, ob Du gesund bist und auch nicht Not leidest meinetwegen. Wenn ich mit dem letzten Dampfer, der dieses Jahr von Alaska kommt, keine guten Nachrichten von Dir erhalte, ich glaube, dann halte ich es hier nicht mehr aus und komme selbst, um nach Dir zu sehen, obwohl ich noch nicht weiß, wo ich das Geld dazu hernehmen soll. Also schreibe bald und bleibe gesund. Das wünscht von Herzen

Deine Dich liebende Tochter

Eileen

P.S. Auch Kenlo, den Du mir voriges Jahr als ganz kleinen Kerl mit dem Manne, der von Alaska kam, mitgesandt hattest, damit ich einen Beschützer habe, lässt grüßen. Er ist schon sehr groß und stark geworden, wie ein richtiger Eskimohund und nimmt seine Rolle als mein Beschützer sehr ernst. Neulich erst hat er einen Köter aus unserer Straße, der mich frech anbellte, so zerzaust, dass der sich jetzt schon verkriecht, wenn er uns nur von Weitem sieht. Wenn ich nach Alaska komme, muss er meinen Schlitten ziehen.

P.S. Auch Mrs Walsh, meine Wirtin, lässt grüßen.“

Eine kurze Stille herrschte nach der Verlesung dieses Schreibens. Jeder empfand, dass dieser Augenblick für ein junges Menschenleben zum Schicksal geworden war.

„Murphy. Sie müssen an das Mädchen schreiben!“, sagte Evans. „So was verstehen Sie besser als wir.“

Wie vom Blicke eines anderen magnetisch angezogen, blickte der Rechtsanwalt auf. Er sah die dunklen Augen des Spielhalters mit einem bedeutsamen Blick auf sich gerichtet. Ihn mit einem schnellen gleichen Blicke, in dem sich ein geheimes Einverständnis ausdrückte, erwidernd, wandte er seine Augen sofort wieder zur Seite.

„All right!“, sagte er, indem er den Brief in seine Tasche steckte. „Ich werde alles besorgen.“

Niemand hatte den Blick, den der Spielhalter und der Rechtsanwalt miteinander gewechselt hatten, gesehen. Niemand – außer Peggy.

3. Auf nach Alaska!

Vom Fockmast des Dampfers ‚Star of the North‘ wehte der blaue Peter, die Flagge, welche anzeigt, dass ein Schiff im Begriff steht, seine Ausreise anzutreten. Schon in den frühen Morgenstunden war er aus den Docks herausgebracht und auf die mächtige Bai von San Franzisko gelegt worden, wo er jetzt vor seinem Anker ritt. Der Strömung entsprechend war sein Bug nach dem ‚Goldenen Tore‘ gerichtet, der von zwei Hügeln flankierten Einfahrt der Bai.

Der ‚Nordstern‘ war ein so genannter Tramp-Dampfer, das heißt, ein solcher, der nicht auf einer bestimmten Linie verkehrte, sondern seinen Kurs überall dahin nimmt, wohin er gerade eine Ladung findet. Das ist dann meinst immer nach Häfen, die nicht von den regelmäßigen Dampferlinien versorgt werden. Der ‚Nordstern‘ war aber, wie bereits sein Name andeutete und auch sein schwerfälliger, jedoch ungemein kräftiger und widerstandsfähiger Bau verriet, hauptsächlich auf Reisen nach den nördlichen Ländern bis hinauf nach der Beringstraße eingestellt, die mit Rücksicht auf den häufigen Kampf mit ganzen Feldern von Packeis ebenso kräftige Seitenwände wie wuchtige Maschinen erfordern.

Während aber sonst die nördlichen Häfen im Winter ohne alle Verbindung mit der Außenwelt waren, hatte es ein besonderer Umstand veranlasst, dass der ‚Nordstern‘ sich diesmal – man schrieb das Jahr 1898 – bereits an einem Märzmorgen zur Ausreise anschickte. Der gleiche Umstand war auch die Tatsache, dass, während er sonst immer nur eine geringe Anzahl Passagiere an Bord hatte, sich heute Hunderte auf seinem Deck durcheinander drängten und immer neue Boote an seinen Seiten anlegten, die Passagiere und Ladung brachten.

Seit Beginn des Winters waren nämlich fast täglich die aufregendsten Nachrichten über ungeheure Goldfunde in Alaska und am Klondike durch die Presse gegangen. Zuerst hatte man sie wenig beachtet, denn es war nicht das erste Mal, dass man von solchen berichtete, ohne dass sie sich als mehr wie die übliche Sensation erwiesen hätten, die die amerikanische Presse nicht entbehren zu können glaubt.

Als dann aber nach einer Woche oder zwei die Sache sich nicht wie bisher in völligem Stillschweigen verlor, sondern im Gegenteil den ersten unglaublichen Berichten andere noch viel unglaublichere folgten, begann man doch aufzumerken. Zuletzt konnte kein Zweifel mehr daran bestehen, dass man das Gold gefunden, das die alten kundigen Prospektoren dort immer vermutet und nach dem sie jahrelang unter den härtesten Entbehrungen gesucht hatten, aber immer nur, um von den Neumalklugen als unverbesserliche Toren verlacht zu werden.

D

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