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Die Goldbarren

Die Goldbarren

 

Es sind jetzt etwa sechs oder sieben Jahre verflossen, dass das Schiff „Isegrimm“, von Kanton kommend, nach Batavia segelte.

In der Nähe der Küste schwärmte die See ordentlich von einer wahren Unmasse kleinerer und größerer Dschunken, die mit ihren wunderlich geformten Segeln bald vor, bald dicht am Wind ihre verschiedenen Bahnen verfolgten. Weiter im Chinesischen Meere wurden aber diese seltener und seltener, und zuletzt tauchte nur noch dann und wann einmal ein einzelnes Segel am Horizont auf.

Der Morgen brach wieder an, und die Sonne stieg glühend am wolkenlosen Himmel empor. Die Leute, die das Deck wuschen, hatten gerade voraus wieder ein Fahrzeug entdeckt, aber nicht ausmachen können, was es eigentlich sei – auch wirklich nicht besonders darauf geachtet. Desto aufmerksamer betrachtete es der Obersteuermann, der mit dem Fernrohr auf dem Hinterdeck stand und nur manchmal das Glas vom Auge nahm und mit dem Kopfe schüttelte.

Endlich schien er aber doch mit sich im Reinen, denn er schob das Glas zusammen und stieg die Treppe hinunter, wo er an des Kapitäns Kajüte klopfte.

„Hallo, Kaptän. – Kaptän!“

„Ja, Störmann – was gibt’s?“

„Grad’ vor uns etwa einen halben Strich vom Landbordbug liegt ein Wrack – sieht aus wie eine Dschunke. Sollen wir drauf zu halten?“

„Ein Wrack!“, sagte der Kapitän, mit beiden Beinen aus seiner Koje springend. „Hm, Stürmann, da müssen wir doch wohl sehen, was drauf ist. Nur einen halben Strich?“

„Nicht weiter.“

„Gut – dann lasst uns gerade drauf zu halten, wie ist der Wind?“

„Schwach.“

„Desto besser. Ich bin gleich oben.“

Es dauerte wirklich nur wenige Minuten, und der Kapitän war in seine vor der Koje liegenden Kleider gefahren und an Deck, wo er freilich, nach echter Seemannsart, den ersten Blick nach Wind, Segeln und Kompass warf.

Dann aber trat er an die Seite seines Steuermanns, der ihm das Fernrohr schon wieder gerichtet hatte und die Stelle mit dem ausgestreckten Arm bezeichnete, an der das Wrack auf den Wellen schaukelte.

Es bedurfte keiner weiteren Erklärung, denn das jedenfalls verlassene chinesische Fahrzeug ließ sich schon recht gut von Deck aus mit bloßen Augen erkennen. Dem steuernden Matrosen war auch schon der Befehl gegeben, gerade darauf zuzuhalten, und der „Isegrimm“ glitt mit der günstigen, aber schwachen Brise langsam dem entmasteten kleinen Fahrzeug entgegen.

Für ein Wrack interessiert sich übrigens die ganze Mannschaft, da gewöhnlich jeder einen Anteil erhält, wenn die gefundene Ladung wertvoll ist. Die Leute beendeten deshalb auch so rasch wie möglich ihr Deckwaschen und nahmen in aller Hast ihr Frühstück ein, denn nachher, das wussten sie schon, blieb ihnen nicht mehr viel Zeit dazu übrig.

Der „Isegrimm“ rückte indessen dem Wrack allmählich näher. Der Steuermann war mit dem Fernrohr in die Fock-Marsen gestiegen, um von dort aus schon von Weitem zu erkennen, ob noch Leute an Bord wären, und die Matrosen standen mit Tauen bereit, um, sobald ihr Fahrzeug langseit laufen würde, hinüberzuspringen und das Wrack festzumachen.

Einzelne Segel waren inzwischen eingenommen; dicht an der Dschunke wurde das Vormarssegel backgebraßt, und als der „Isegrimm“, jetzt nur noch ganz langsam durch die Flut steigend, an dem verlassenen Fahrzeug vorüberglitt, warfen die Matrosen die Taue hinüber und folgten dann selber mit katzenartiger Behändigkeit nach.

Wenige Minuten später hingder Chinese im Schlepptau des stattlichen Schiffes und so dicht hinter dem Spiegel desselben, dass die Leute bei der kaum bewegten See recht gut an dem befestigten Bugspriet desselben aus- und einklettern konnten.

Selbst der Kapitän stieg mit hinüber und ließ den Steuermann vor allen Dingen erst einmal die Kajüte öffnen, ob nicht vielleicht Leichen im Innern derselben lägen und eine Seuche die Mannschaft getötet oder gezwungen habe, das Schiff zu verlassen.

Nichts Derartiges war aber darin zu finden. Kein lebendes oder totes menschliches Wesen schien an Bord zu sein, und nur die zerknickten Masten gaben Zeugnis, dass wahrscheinlich der letzte Taifun die Dschunke getroffen habe, wonach die Mannschaft in blinder Furcht ihre Rettung in dem kleinen Boot suchte. In der Kajüte umhergestreute Lebensmittel machten das noch wahrscheinlicher, und nichts anderes schienen die Schiffbrüchigen auch in ihrer panischen Furcht mitgenommen zu haben, da selbst des Kapitäns Schrank in der Kajüte unberührt und ungeöffnet stand.

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