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Die Gierigen

Über Karine Tuil

Karine Tuil, geboren 1972, studierte Jura in Paris und beschäftigt sich derzeit in ihrer Doktorarbeit mit gesetzlichen Bestimmungen zu Wahlkampfkampagnen in den Medien. Sie ist Autorin mehrerer gefeierter Romane und lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Paris.

Maja Ueberle-Pfaff übersetzt aus dem Englischen und Französischen und hat u.a. Werke von Mark Twain, Jules Verne, Alice Walker, Shimon Peres, Ingrid Betancourt und Pierre Assouline ins Deutsche übertragen.

Informationen zum Buch

Die Lügen des Lebens – das Meisterwerk aus Frankreich

Nina, Samuel und Samir – mit zwanzig Jahren sind die drei Freunde unzertrennlich, sie teilen dieselben Werte, erträumen sich eine Zukunft, in der sie ihre Ideale verwirklichen werden. Nina und Samuel sind ein Paar, doch als Nina eine leidenschaftliche Affäre mit Samir beginnt, sind Liebe, Freundschaft und Vertrauen zerstört. Samir verschwindet aus Frankreich und aus dem Leben der beiden Freunde – bis sie ihn zwanzig Jahre später durch Zufall im Fernsehen wiedersehen. Samir lebt als Staranwalt in New York, er trägt maßgeschneiderte Anzüge und das Lächeln der Erfolgreichen zur Schau, während Nina und Samuel ein tristes Dasein am Rand der Gesellschaft führen. Samuel brennt vor Eifersucht, zumal der Aufstieg des Rivalen auf seiner eigenen tragischen Lebensgeschichte beruht. Und so initiiert er ein Treffen in Paris, um sich an Samir zu rächen – doch am Ende fordert das Schicksal jeden Einzelnen zur Rechenschaft.

Ein großer Gesellschaftsroman über die Lügen des Lebens, über Schein und Sein, über Liebe und Verrat, über zerstörerische Ambitionen und das Scheitern daran. Ein aufwühlendes, »in seiner Intensität überwältigendes Buch« (Les Inrockuptibles).

»Mit Leidenschaft verschlingt man diesen Roman, der das Scheitern in unserer Gesellschaft in allen Variationen durchspielt. Zweifellos einer der wichtigsten Romane dieses Bücherherbstes.« Paris Match

Karine Tuil

Die Gierigen

Roman

Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff

Für Ariel

»Die Liebe ist keineswegs eine so erquickliche Angelegenheit, wie alle sagen – vielleicht foltert man die Leute, damit sie das behaupten? Auf jeden Fall lügen sie alle.«

Orhan Pamuk, Les Inrocks, April 2011

»Hinter jedem Erfolg verbirgt sich eine Entsagung.«

Simone de Beauvoir, Memoiren einer Tochter aus gutem Hause

»Der literarische Erfolg stellt einen kleinen Teil meiner Sorgen dar. Der Erfolg zerrinnt Ihnen zwischen den Fingern, entgleitet Ihnen allenthalben (…), und es ist mein eigenes Leben, das am Ende am meisten zählt.«

Marguerite Yourcenar im Gespräch mit Bernard Pivot, 1979

I

1

Mit seiner Wunde hatte es angefangen, ja, mit ihr hatte es angefangen, dem letzten Stigma einer Tyrannei, der Samir Tahar sein Leben lang zu entkommen suchte: einer drei Zentimeter langen Schnittwunde am Hals, die er einmal von einem Schönheitschirurgen am Times Square mit einem Diamantschleifkopf hatte glätten lassen wollen, vergeblich, es war zu spät gewesen, er würde sie als Souvenir behalten und sie sich jeden Morgen ansehen, um sich daran zu erinnern, woher er kam, aus welcher Gegend/aus welchem Umfeld der Gewalt. Schau hin! Fass sie an! Sie schauten hin, sie fassten sie an, und beim ersten Mal waren sie schockiert über den Anblick und die Beschaffenheit dieser bleichen Narbe, die ihn als Draufgänger auswies, die von der Bereitschaft zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, zum Widerstand zeugte – einer Form von Skrupellosigkeit, die, bis zum Äußersten getrieben, reine Erotik war. Eine Wunde, die er unter einem Schal, einem Seidentuch, einem Rollkragen verstecken konnte, und schon sah man nichts mehr.

An jenem Tag hatte er sie tatsächlich unter dem gestärkten Kragen seines Businesshemds versteckt, für das er garantiert 300 Dollar hingelegt hatte, sicher stammte es aus einer dieser Edelboutiquen, an denen Samuel Baron nicht mehr vorbeigehen konnte, ohne dass ihn der leise Wunsch befiel, mit der Kasse abzuhauen. Samirs ganzes Erscheinungsbild verströmte Wohlstand, Selbstzufriedenheit, Konsumorientierung, Null-Fehler-Prinzip, nichts war geblieben von seiner Vergangenheit, das verrieten auch sein hochmütiger Gesichtsausdruck und sein pseudoaristokratisches Näseln – dabei war er an der Juristischen Fakultät einer der militantesten Aktivisten der proletarischen Linken gewesen. Einer der radikalsten! Einer von denen, die ihre eigenen Demütigungen zu Waffen gegen die Gesellschaft umgeschmiedet hatten! Heute saß da ein Dandy, ein Emporkömmling, ein Spieler, ein grandioser Rhetoriker, eine Lex Machine. Das konnten nur ein radikaler Identitätswechsel, befriedigter Ehrgeiz, ein sozialer Aufstieg bewirkt haben – das genaue Gegenteil dessen also, was Samuel erlebt hatte. Eine Fata Morgana? Vielleicht. Das ist doch nicht wahr, dachte/betete/schrie Samuel, dieser nagelneue, hochgelobte, umschwärmte Mann kann doch nicht Samir sein, nie und nimmer ist er dieses Wesen da im Fernsehen, das sich selbst erschaffen zu haben scheint, dieser von seinen Günstlingen umschwärmte Fürst, dieser Meister der Scheinargumente. Vor der laufenden Kamera spreizte er sich, flirtete, gefiel Männern wie Frauen, wurde von allen beweihräuchert, vielleicht auch neidisch beäugt, aber doch respektiert. Im Gerichtssaal agierte er virtuos, er war einer von den Anwälten, die das Anklageverfahren kurzerhand aus den Angeln hoben, die Beweisführung ihrer Gegner mit vernichtendem Humor zerpflückten und bei alledem nicht mit der Wimper zuckten. Das kann doch nicht Samir sein, dieser scharfe Hund da in New York, auf CNN, auch wenn auf dem Bildschirm sein amerikanisierter Name in Großbuchstaben aufleuchtete, SAM TAHAR, und darunter sein Titel, Lawyer – Rechtsanwalt. Und er, Samuel, hauste für 700 Euro pro Monat zur Untermiete in einer Absteige in Clichy-sous-Bois, rackerte sich acht Stunden täglich als Sozialarbeiter in einer Einrichtung für benachteiligte Jugendliche ab, denen nichts Besseres einfiel, als ihn zu fragen: Baron, ist das ein jüdischer Name? Abendelang surfte Samuel im Internet und las/kommentierte unter dem Namen Witold92 Einträge in Literatur-Blogs, schrieb unter Pseudonym Manuskripte, die regelmäßig zurückgeschickt wurden. Sein großer Gesellschaftsroman? Auf den warten wir noch. Das kann doch nicht Samir Tahar sein, so vollkommen verwandelt, kaum wiederzuerkennen, eine beigefarbene Make-up-Schicht auf dem Gesicht, den Blick in die Kamera gerichtet, mit der unnachahmlichen Souveränität eines Schauspielers/Dompteurs/Scharfschützen, die dunkelbraunen Augenbrauen mit Wachs epiliert, in einem maßgeschneiderten Markenanzug, den er vielleicht sogar für diesen Anlass gekauft hatte und der sein Publikum beeindrucken/verführen/überzeugen sollte – die heilige Dreieinigkeit der politischen Kommunikation, die man ihnen bis zum Erbrechen in ihren Seminaren eingetrichtert hatte und die Samir jetzt mit dem Dünkel und der Selbstsicherheit eines Wahlkämpfers einsetzte. Samir vertrat auf Einladung des amerikanischen Fernsehens die Familien von zwei US-Soldaten1, die in Afghanistan gefallen waren, stimmte das Loblied auf die Interventionspolitik an, schmeichelte der populistischen Moral, spielte auf der Klaviatur der Gefühle und saß der Journalistin2, die ihm ehrerbietig ihre Fragen stellte – ihn befragte, als wäre er das verkörperte Gewissen der freien Welt! –, ruhig und selbstbewusst gegenüber. Offenbar hatte er dem wilden Tier, das in ihm steckte, einen Maulkorb umgebunden und die Aggression gemeistert, die lange jede seiner Gesten infiziert hatte.

Und dennoch nahm man bei der ersten Begegnung mit ihm nur diese heimliche Wunde wahr, den tragischen Widerhall des Grauens: Seine schönsten Jahre hatte Samir zwischen den dreckigen Wänden eines zwanzigstöckigen Hochhauses verbracht, zusammengepfercht mit fünfzehn, zwanzig – wer bietet mehr? – anderen, in Treppenhäusern, in die Hunde und Männer pissten. Jahrelang vegetierte er im achtzehnten Stock dahin, mit Aussicht auf die Balkons und die Wäscheleinen gegenüber, an denen Freizeitklamotten hingen – Imitate von Adidas, Nike, Puma, spottbillig gekauft oder erschachert in Taiwan/Ventimiglia/Marrakesch oder bei Emmaus vom Trödel abgestaubt –, grau verfärbte, schweißgetränkte Unterhemden, abgewetzte Slips, raue Handtücher, kunststoffbeschichtete Tischdecken, Hosen, die durch häufiges Waschen und die Bewegung des Körpers ausgebeult waren. Das ganze Zeug hing unmittelbar vor den Satellitenschüsseln, die sich massenhaft über die Dächer und Fassaden ausbreiteten, wie die Ratten, die man in den düsteren Kellerräumen aufscheuchte, in die freiwillig keiner mehr ging, aus Furcht vor Raubüberfällen/Vergewaltigungen/Angriffen, in die sich keiner mehr wagte, es sei denn, jemand bedrohte ihn mit Revolver/Messer/Cutter/Schlagring/Schlagstock/Schwefelsäure/Pumpgun/Tränengas/Karabiner/Nunchaku, und das war noch vor dem Flächenbrand im Osten gewesen, der massenhaft Kriegswaffen aus Ex-Jugoslawien ins Land spülte, welch eine Gabe des Himmels! Ein Familienausflug und hopp!, schon lag der ganze Plunder zwischen den Spielsachen im Kofferraum: Sturmgewehre, Automatikwaffen, Kalaschnikows, Uzis, Handgranaten mit elektronischem Zünder. Ganze Lager waren da im Niemandsland versteckt, und wenn einem danach war, wenn man Cash auf die Kralle gab, wenn es einen scharfmachte, konnte man auch Panzerfäuste kaufen. Und damit ging man in den Wald, feuerte ganz in Ruhe, in aller Stille, ohne Zeugen. Trainierte für den unterirdischen Krieg in den Tiefgaragen, zwischen Öl- und Urinpfützen, auch dahin ging niemand mehr, außer ein Bulle kam mit, der aber nicht mitkam, wenn ihn nicht ein anderer Bulle begleitete, der aber auch nicht mitkommen wollte. Machte sich fit für den ideologischen Krieg in den besetzten Häusern, wo großmäulige Typen von fünfundzwanzig, dreißig die Welt missbilligten/neu erfanden. Oder für den sexuellen Krieg in den feuchten, vom Gestank der Scheißhaufen verpesteten Kellern, wo Typen von vierzehn, fünfzehn reihum Minderjährige OHNE DEREN EINWILLIGUNG bestiegen, zehn, zwanzig von ihnen nahmen sich die Mädchen vor, einer nach dem anderen – man muss ihnen doch zeigen, dass man ein Mann ist, man muss doch irgendwohin mit der Wut, sagten sie dem Richter zu ihrer Verteidigung, die muss doch irgendwo raus. Oder für den Krieg der Gangs auf dem unbebauten Gelände, das in eine Kampfarena umgemodelt worden war, Tag und Nacht drängten sie sich zu Dutzenden um diesen Kampfplatz, auf dem Pitbulls mit verklebten Augen und den Namen gestürzter Diktatoren – Hitler war besonders beliebt – aufeinander losgingen, setzten hohe Summen auf den Besten, den Wildesten, den Mörderischsten, und aufgeputscht durch das Blut/das zerfetzte Fleisch/das Röcheln, ermutigten sie das Biest, seinen Gegner in Stücke zu reißen, ihm mit seinem kräftigen Kiefer die Augen auszubeißen – während er, Samir, oben blieb und schuftete, weil er nicht ohne Perspektive, ohne Zukunft, ohne sicheres Gehalt leben wollte, weil er nicht als Putzmann/Lagerarbeiter/Lieferant/Hausmeister/Wachmann enden wollte oder im besten Fall, wenn einen der Ehrgeiz stach, als Dealer. Er hatte vor, seiner Mutter Nawel zu beweisen, dass es auch anders ging.

Nawel Tahar war Hausangestellte bei der Familie Brunet – ihr Arbeitgeber, der französische Politiker François Brunet, geboren am 3. September 1945 in Lyon, war Abgeordneter der Sozialistischen Partei, Autor mehrerer Bücher, das aktuellste trug den Titel Für eine gerechte Welt und verkaufte sich bestens (Quelle: Wikipedia). Nawel, eine kleine, dunkelhaarige Frau mit schwarzen Augen, war eine Perle, sie wusste alles über die Familie, wusch deren Wäsche, Geschirr, Fußböden und Kinder, scheuerte, putzte, polierte, saugte, zu fünfzig Prozent schwarz, arbeitete an Feiertagen und Samstagen, manchmal auch abends, um die Brunets/ihre Freunde bei Tisch zu bedienen, sozial engagierte, reizbare Freunde, die ihre Namen in der Presse suchten, die ego-googelten, um im Bilde zu sein, sobald jemand etwas über sie schrieb – gut oder schlecht, Hauptsache, man sprach über sie –, die glücklich waren, wenn sie in ganzjährig gemieteten Dachkammern junge Frauen unter dreißig vögelten, die sich Sorgen machten wegen ihres Gewichts, wegen der Börsenkurse, besessen waren vom Verlust ihrer Jugend, ihres Kapitals, ihrer Haare. Leute, die miteinander schliefen, miteinander arbeiteten, sich Posten, Ehefrauen, Geliebte zuschoben, sich gegenseitig beförderten, einander die Stiefel leckten und sich die eigenen von albanischen Huren lecken ließen, weil die die professionellsten waren, und wenn diese Huren dann in der Abschiebehaft landeten, wo ehrgeizige Beamte (die Statistik!) sie festhielten, versuchten sie ihre Beziehungen spielen zu lassen, ohne Erfolg, wie bedauerlich, sie waren angewidert von der Politik, die ihnen die Objekte ihrer Begierde entriss, ihre Hausangestellten, die Ammen, die ihre Kinder liebgewonnen hatten, die Schwarzarbeiter, die ihnen leerstehende Industriegebäude (die Krise!) zu Luxuslofts umbauten, in denen sie ihren Protest fortsetzten, der genau bis zur Metrostation Assemblée Nationale reichte – was dahinter lag, ging sie nichts mehr an. Nawel, nehmen Sie doch die Reste mit, wir möchten sie nicht wegwerfen, und einen Hund haben wir nicht.

Ja, das Unglück und der Hass von zwanzig Jahren, in denen Samir die fürchterlichsten Dinge erleben musste, hatten Spuren hinterlassen, hatten sich als tragisches Funkeln in seinem Blick eingeprägt – ein harter, verschatteter, messerscharfer Blick, mit dem er einen skalpierte, aber es half nichts, man musste ihn trotzdem lieben. Doch das alles lag vor seinem Auftritt als gemachter Mann, als beifallheischende Fernsehmarionette: Bravo, gut gemacht!

Sie war erobert. Denn Samuel saß nicht allein vor dem Fernseher, dort saßen zwei Personen, beide bemüht, ihre latente Hysterie im Zaum zu halten, zwei Komplizen in der Niederlage – bei ihm war Nina. Sie hatte ihn geliebt, mit zwanzig, als das Spiel noch offen war, als noch alles möglich war, und welche Ziele hatten sie heute? 1. Eine Gehaltserhöhung von 100 Euro aushandeln. 2. Ein Kind bekommen, bevor es zu spät war – aber was für eine Zukunft hätte es? 3. In eine Zweizimmerwohnung umziehen, mit Blick auf einen Bolzplatz/Müllcontainer/ein verschlammtes Ufer, an dem zwei schmutzigweiße Schwäne sich angiften/dekorativ dahingleiten. 4. Ihre Schulden zurückzahlen – aber wie? Kurzfristige Maßnahme: Schuldnerberatung. Ziel: noch zu definieren. 5. In Urlaub fahren, eine Woche Tunesien vielleicht, nach Djerba in einen Club, all inclusive, man wird ja noch träumen dürfen.

»Schau ihn dir an!«, schrie Nina, den Blick wie hypnotisiert auf den Bildschirm geheftet, von ihm angezogen wie ein Insekt vom Schein einer Halogenlampe, an der es verglühen wird, und Samuel, fassungslos, hatte nur eine Erklärung für das, was sie da gerade sahen: Samir verschwendete keinen Gedanken mehr an die Ereignisse, die sich 1987 an der Universität von Paris abgespielt und ihn, Samuel, endgültig gebrochen hatten. Zwanzig Jahre hatte Samir Zeit gehabt, das Drama zu vergessen, das Samuel unbewusst inszeniert hatte und zu dessen Sühneopfer er geworden war, und wo tauchte er jetzt auf? Bei CNN, zur besten Sendezeit.

Sie waren sich Mitte der 1980er Jahre an der Juristischen Fakultät von Paris begegnet. Nina und Samuel waren bereits seit einem Jahr ein Paar, als sie am ersten Tag des Studienjahres Samir Tahar kennenlernten. Man konnte ihn nicht übersehen, er war neunzehn Jahre alt wie sie, wirkte aber älter: ein mittelgroßer, muskulöser Mann mit einem dynamischen Gang, ein Mann, den man auf den ersten Blick nicht besonders attraktiv fand, aber das änderte sich, sobald man mit ihm ins Gespräch kam. Man war gefesselt und dachte: So sieht männliche Autorität aus, das ist animalische Ausstrahlung, so entfacht man sexuelle Begierde. Sein ganzes Wesen verhieß Genuss, er vibrierte vor Erotik, aber es war eine aggressive, verderbliche Erotik. Das war das Verwirrendste an diesem Typ, den sie kaum kannten: Er lebte seinen Eroberungsdrang völlig offen aus. Seine Sucht nach Frauen – Sex war schon damals seine Schwäche – sprang einem sofort ins Auge, ebenso sein Talent zur unverblümten, fast mechanischen Verführung, seine sexuelle Gefräßigkeit, die er nicht einmal zu beherrschen versuchte, die er mit einem einzigen Blick auszudrücken vermochte (einem durchdringenden, starren, pornographischen Blick, der seine Absichten enthüllte und auf das geringste Echo lauerte) und die schleunigst befriedigt werden musste. Man registrierte seinen fordernden, hemmungslosen Hedonismus, sein umwerfend lässiges Auftreten. Jeder freundschaftliche oder soziale Kontakt zu einer Frau hatte für ihn offensichtlich nur dann Sinn, wenn die Möglichkeit bestand, dass daraus eine andere Art von Kontakt wurde.

Aber da war noch etwas anderes … Man nahm eine Art Jagdinstinkt an ihm wahr, man spürte bei diesem Sohn tunesischer Einwanderer den Zorn, der von einer Kränkung gespeist wurde, und diese Kränkung war so offensichtlich, dass man sich fragte, welche Punkte in seiner Biographie und in seinen von Misstrauen geprägten Beziehungen ihn überhaupt so lange und so zuverlässig am Leben erhalten hatten. Gut, er hatte die Ambitionen seiner Mutter. Er war auf Erfolg aus, er wollte den familiären Teufelskreis der Niederlagen und Entbehrungen, des Verzichts und der Entsagung durchbrechen, der seinen Vater das Leben gekostet, die Träume seiner Mutter zunichtegemacht und seine Familie entwurzelt hatte. Er wollte aus seinem sozialen Gefängnis ausbrechen, und wenn er die Gitterstäbe mit den Zähnen durchnagte. Ein Streber? Vielleicht … Auf jeden Fall ein Migrantensohn, der sich nicht bescheiden wollte, der die Botschaft der Politik verinnerlicht hatte: Ihr müsst studieren, ihr müsst arbeiten. Ein Vorbild. Man beneidete den jungen Agitator um seinen anarchischen Mut und um eine intellektuelle Angriffslust, die durchaus ihren Charme hatte. Und wie hätte man ihm auch widerstehen können, wenn er leicht ironisch, aber mit herzergreifender Eindringlichkeit von seiner Kindheit in den schäbigsten Armenvierteln Londons und in der heruntergekommenen Hochhaussiedlung am Rand von Paris erzählte, von seiner Jugend in der Dienstbotenkammer und dem Umzug in einen verwahrlosten Sozialbau, und fünf Minuten später über eine Diskussion zwischen Gorbatschow und Mitterrand referierte, als wäre er dabei gewesen. Seine Stärke war sein Sinn für politische Zusammenhänge und für das Anekdotische. Er konnte ganze Abende lang Memoiren oder Nobelpreisreden lesen, er liebte Berichte über außergewöhnliche Lebensläufe, denn genau das wollte er: ein Schicksal. Die Aura, das Charisma hatte er bereits.

Für Samuel, der sich als ein einziges Bündel von Neurosen betrachtete und nur den einen Ehrgeiz besaß, seine persönliche Leidensgeschichte zu einem großen Roman zu verarbeiten, war diese Freundschaft ein Glücksfall. Denn als er Samir kennenlernte, war er völlig am Boden zerstört. Er hatte gerade auf brutale Weise die Wahrheit über seine Herkunft erfahren, und in ihm herrschte das reinste Chaos. Seine Eltern hatten ihm pünktlich zu seinem achtzehnten Geburtstag eröffnet, dass er als Krzysztof Antkowiak in Polen zur Welt gekommen war – Schluss mit der Freude über die Volljährigkeit, willkommen in der Welt der Erwachsenen. Ihm wäre es lieber gewesen, er hätte das alles nicht erfahren … Er wusste nicht, was ihn mehr schockierte: dass seine Eltern nicht seine Erzeuger waren oder dass sein richtiger Vorname von Christus abgeleitet wurde. Denn er war von einem durch und durch religionsfeindlichen Paar erzogen worden, das kompromisslos, stur und aggressiv für eine laizistische Gesellschaft eintrat und dann auf einmal zum jüdisch-orthodoxen Glauben übertrat – eine spektakuläre Umorientierung, für die es keine rationale Erklärung gab. Das allein bot schon Stoff für ein ganzes Buch. Ein paar Stunden nach seiner Geburt war Samuel von seiner Mutter Sofia Antkowiak3 ausgesetzt, von Unbekannten in ein Waisenhaus gebracht und schließlich von Jacques und Martine Baron, einem französischen Ehepaar jüdischer Herkunft, adoptiert worden. Ihre Namen sind in Vergessenheit geraten, aber in den 1960er und 1970er Jahren gehörten sie zu den unermüdlichsten Agitatoren der intellektuell-politischen Protestbewegung in Frankreich. Jacques und Martine Baron, die dem assimilierten jüdischen Kleinbürgertum entstammten, waren Mitglieder des Kommunistischen Studentenverbands UEC und der Kommunistischen Partei Frankreichs, standen Alain Krivine und Henri Weber nahe und hatten seit langem jeden Identitätsanspruch verworfen. Sie lehnten Determinismus und Herdentrieb ab – und diese Prinzipien hatten sie dazu gebracht, sich wie durch Zauberei neu zu erfinden. Sie bewegten sich im Dunstkreis der intellektuellen Schwergewichte, die die Szene beherrschten. Sie hatten gemeinsam an einer Elitehochschule studiert und erfolgreich die Prüfung abgelegt, die sie dazu befähigte, an Universitäten zu lehren. Sie unterrichteten Literatur und Philosophie, waren jung, schön, kämpferisch und hatten alles – außer dem, worauf es ankam: einem Kind. Jacques war zeugungsunfähig und litt sehr darunter, denn er hatte schließlich sein ganzes Leben auf die Weitergabe von Wissen ausgerichtet. Das Paar leitete ein Adoptionsverfahren ein und erhielt nach einer Wartezeit von zwei Jahren endlich einen positiven Bescheid. An jenem Abend feierten sie mit ungefähr dreißig ihrer engsten Freunde die unmittelbar bevorstehende Ankunft des Kindes. Nach einigen Gläsern Wein erhob sich die Frage: »Und wie wollt ihr das Kind nennen?« Diese Frage hatten sie sich – das wurde ihnen jetzt erst bewusst, wie peinlich! – noch nie gestellt. Martine kam als Erste mit dem Vorschlag, sie könnten ihn doch Jacques nennen, nach ihrem Mann. Oder Paul, zum Beispiel, oder Pierre. Der Vorschlag fand allgemeine Zustimmung, man trank auf den zukünftigen PierrePaulJacques. Dieser Abend sollte ihnen als einer der wichtigsten ihres Lebens in Erinnerung bleiben. Zwei Wochen später jedoch beschloss Jacques zur Überraschung aller, die ihn kannten, seinen Sohn beschneiden zu lassen, obwohl er selbst nicht beschnitten war. Er nannte ihn Samuel, was in der wörtlichen Übersetzung aus dem Hebräischen so viel bedeutet wie »Sein Name ist Gott«, veranstaltete ein großes Fest und lud alle seine Freunde dazu ein. Und als der Rabbiner mit lauter Stimme den Vornamen des Kindes nannte, geschah etwas Außerordentliches: Jacques erklärte dem Rabbiner, er wolle von nun an wieder seinen echten Namen – Bembaron – tragen und sich künftig Jacob nennen. Er wolle den Bund, den sein Sohn gerade geschlossen hatte, selbst erneuern. Unter den Anwesenden – im Wesentlichen militante Linke, Journalisten, Schriftsteller, Lehrer und laizistische Intellektuelle – herrschte Ratlosigkeit. Wenn nicht gar Bestürzung. »Rückkehr ins Ghetto«, ging manch einem durch den Kopf. Jacques/Jacob war wie verwandelt, er schwitzte, und sein Gesicht strahlte, obwohl er nichts getrunken hatte, er sah den Rabbiner, er sah die golden schillernden Stickereien, welche die Thorarollen schmückten, er hörte die brausenden Orgelklänge von der Empore herab, und er hatte eine Erleuchtung. Eine andere Erklärung gab es für diese Hinwendung zum Heiligen nicht, die er später tatsächlich »meine Rückkehr« nannte – nicht die Rückkehr ins Ghetto, sondern die Rückkehr zu sich selbst, zum Text. Bald darauf verließ die Familie Paris, das Quartier Latin, das Café de Flore und ihre Freunde, die sie nicht mehr verstanden, die sagten: »Sie sind verrückt geworden, wie traurig, eine Tragödie, sie stecken in einer Krise, sie werden zurückkommen.«

Sie kamen nie mehr zurück. Sie zogen in eine Dreizimmerwohnung in der Rue du Plateau im 19. Pariser Arrondissement, meldeten ihren Sohn in einer ultraorthodoxen jüdischen Schule an, wo die Lehrer Bärte und schwarze Hüte trugen und Gebete und heilige Schriften studiert wurden. In dieser Umgebung fühlte sich Jacob wohl. Er hatte sich noch nie so wohl gefühlt wie an der Seite seines Lehrers, eines charismatischen Siebzigjährigen, der ihm Hebräisch beibrachte und ihn in das Studium von Thora, Talmud und Kabbala einführte. Er fühlte sich wie neugeboren, er war nicht mehr der hochpolitische, rebellische, wütende Mann von früher. Und wenn er letztlich doch den Namen Baron behielt, dann nur, weil die Behörden ihn dazu zwangen.

Samuel wusste nichts über seine Herkunft. Jacob hatte mit der großen Offenbarung bis zur Volljährigkeit des Jungen gewartet. Zuerst reagierte Samuel gar nicht. Dann, nach ein paar Minuten, stand er wortlos auf, ging aus dem Zimmer, verließ das Haus. Kaum eine Stunde war vergangen. In der Toilette der städtischen Badeanstalt rasierte er sich den Bart, schnitt sich die Schläfenlocken ab und zog seine schwarze Kleidung aus. Lüge. Irreführung. Verrat. Schluss damit! Mit seiner Wut hatten die Eltern gerechnet, nicht aber mit der brutalen Zurückweisung, dem Bruch. Samuel schlief fortan in besetzten Häusern, dann begegnete er Nina im Hörsaal seines Fachbereichs. So, sie war keine Jüdin? Umso besser, ihm lag viel daran, seine Eltern zu provozieren. Denn für praktizierende Juden, denen die Weitergabe der jüdischen Identität am Herzen lag, war das ein Drama. Und sie stellten ihn vor die Wahl: Entweder du kommst zurück, oder du bleibst bei ihr und siehst uns nie wieder. Ein kategorisches Ultimatum, eine aggressive Kampfansage war genau das Richtige, um ihn von der Rückkehr ins Elternhaus abzuhalten. Er fand Unterschlupf bei einer Tante, die Eltern waren eingeweiht, sie steckten mit ihr unter einer Decke, aber es funktionierte. Es war ihnen lieber, ihr Sohn wohnte bei ihr als auf der Straße. In jener Zeit war er sehr verliebt in Nina und emotional vollkommen abhängig von ihr, kein angenehmer Zustand, aber die Soldatentochter hatte eine ziemlich strenge Erziehung über sich ergehen lassen müssen und ein starkes Moralempfinden. Loyalität war ihr wichtig. Als Siebenjährige hatte sie erlebt, wie ihre Mutter zu einem anderen Mann gezogen war. Sie war eines Morgens aufgewacht und hatte eine Abschiedskarte der Mutter auf dem Wohnzimmertisch vorgefunden, eine farbenfrohe Grußkarte, wie man sie nach einer Einladung an die Gastgeber schickt, um sich zu bedanken. Auf der Vorderseite stand in Großbuchstaben »DANKE« geschrieben. Auf die Rückseite hatte sie mit zittriger Handschrift ein paar Worte gekritzelt. Danke für die gemeinsam verbrachten Jahre, danke, dass ihr mich nicht verurteilt, danke, dass ihr mir verzeiht. Der Vater hatte die Karte an ein Feuerzeug gehalten und sie vor Ninas Augen verbrannt. Von diesem Schlag hatten sie sich nie erholt. Der Vater hatte angefangen zu trinken. Nina war zu einem aufrechten, moralischen jungen Mädchen ohne Selbstvertrauen und Orientierung herangewachsen, dem Samuel den Spitznamen »die französische Justitia« gab.

Samirs plötzliches Auftauchen hatte frischen Wind in ihre monotone Beziehung gebracht. Von nun an waren sie zu dritt, wie eine Phalanx rückten sie vor, wie eine Welle, man sah sie von weitem kommen, sie waren Freunde, Komplizen, das verliebte Duo und das frei bewegliche Elektron, keine Spur von Eifersucht oder Falschheit. Das gab Anlass zu Gerede, nicht nur auf den Fluren der Universität: Seht euch an, wie sie ihre Freundschaftsnummer abziehen, wie sie im Gleichschritt marschieren! Sie waren Gesprächsthema, und das genossen sie, es war ein Spiel.

Und dann auf einmal die Tragödie: Wenige Tage vor den mündlichen Prüfungen, nachdem Samuel lange nichts mehr von seinen Eltern gehört hatte, erfuhr er, dass sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Ein Polizist hatte es ihm im Morgengrauen mitgeteilt. Davor hatte er ihn gefragt, ob er auch wirklich der Sohn von Jacques und Martine Baron sei. Ja, das bin ich. Er ist wirklich der Sohn seines Vaters, als der Polizist ihm erzählt, dass das Auto von der Straße abgekommen und in eine Schlucht gestürzt sei. Samuel erinnert sich nicht mehr an seine Reaktion, ein schwarzes Loch tat sich auf, vielleicht ist er zusammengebrochen, hat geweint, hat geschrien, hat »Das ist doch nicht möglich! Ich kann das nicht glauben. Sagen Sie mir, dass es nicht wahr ist!« hervorgestoßen. Glauben Sie mir, es ist wahr. Aber an die Totenwache erinnert er sich noch gut und auch an den Anblick der beiden mit Leichentüchern bedeckten Körper, umgeben von schwarzgekleideten Männern, die Gebete murmelten, und er selbst stand mit seinem Gebetbuch in der Hand dabei und rezitierte das Kaddisch für den Frieden ihrer Seelen. Samir war auch da, er stand hinter ihm, das Käppchen auf dem Scheitel. Auch er dachte an seinen Vater, zu dessen Beerdigung niemand gekommen war und den niemand beweint hatte. Noch am selben Tag überführte Samuel, begleitet von seiner Tante, die sterblichen Überreste seiner Eltern nach Israel, wie es ihrem letzten Wunsch entsprach. Doch bevor er das Leichenschauhaus verließ, nahm er Samir zur Seite und bat ihn in ernstem Tonfall: »Kümmere dich um Nina. Lass sie nicht allein. Ich verlasse mich auf dich.«

Und Samir kümmerte sich. Er lud sie zum Essen und ins Kino ein, brachte ihr Bücher, begleitete sie in die Bibliothek und ins Museum, hörte sie ab, und als sie kaum eine Woche nach Samuels Abreise in Tränen aufgelöst aus einer mündlichen Prüfung kam, brachte er sie in eine winzige Wohnung, die ihm ein Freund zur Verfügung gestellt hatte, nahm sie in die Arme, damit sie sich beruhigte, und brachte sie innerhalb weniger Minuten dazu, dass sie sich, immer noch weinend, gegen ihn fallen ließ. Er zog sie aus, sie trug einen Rock, das traf sich gut, und er tröstete sie auf seine Weise. Sex war seine Form von Trost, von Wiedergutmachung, seine Antwort auf die Brutalität der Welt – die deutlichste Antwort von allen, er hatte nie eine bessere gefunden. Dabei hätten sie es belassen können, aber das war unmöglich. Es war zu stark. Zu intensiv. Es überwältigte sie. Auf einmal waren sie schutzlos, einander ausgeliefert, das hatten sie nicht vorausgesehen. Und obwohl er ihr hätte sagen müssen, dass alles ein Irrtum war, obwohl er es hätte beenden müssen – denn das tat er immer, ganz instinktiv, ohne böse Absicht, weil er sich langweilte und nicht gern etwas wiederholte –, verliebte er sich in sie. Sie sahen sich wieder, sie trennten sich nicht mehr, verbrachten mehrere Tage eng aneinandergeschmiegt. Er liebte sie, begehrte sie, wollte mit ihr leben und sagte es ihr. Es war ein unsäglicher Verrat, Samuel würde wiederkommen, er hatte gerade unter tragischen Umständen seine Eltern verloren, er war sein Freund. In einer gerechten, fairen, moralisch einwandfreien Gesellschaft war das ein Skandal, aber wir leben nicht in einer gerechten Gesellschaft, dachte Samir, ich kenne mich aus, ich weiß, wovon ich spreche. Vielleicht ist das hier eine unfassbare Gewalttat – und wenn schon. Gewalt ist überall, mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Auch die Liebe ist gewalttätig. Entscheide dich.

Als Samuel zurückkam, erzählten sie ihm nichts von ihrer Affäre. Samuel bedankte sich bei Samir – du bist ein Freund, ein wahrer Freund, auf den man sich verlassen kann, der da ist, wenn man ihn braucht, ein Bruder, dem man vertrauen kann. So ging es neun Monate, vielleicht auch länger, und Nina wollte Samuel, der jetzt allein in der Mietwohnung seiner Eltern zwischen den Möbeln und Habseligkeiten von Toten lebte, immer noch nichts sagen. Sie besuchte Samir nie, er kam nie mehr zu ihr – es war vorbei, sie schliefen nicht mehr miteinander, doch am Ende des akademischen Jahres stellte er ihr ein Ultimatum: er oder ich.

An diese Zeit erinnerte sich Samuel mühelos, und er wusste bald nicht mehr, wie er der Bilderflut von Samir-Superstar Herr werden sollte, die in mächtigen Wellen über ihn hinwegrollte und alles zerriss, was mühsam geflickt war, die alles überschwemmte, auch das fragile Gebäude, das er in sich errichtet hatte und das nun krachend zerbarst, bis kein Stein mehr auf dem anderen blieb.

Sein Erfolg beeindruckt dich, gib’s zu.

Nina betrachtete ihn mit einer Mischung aus Mitleid und Zorn.

Ja.

Das ist wahr.

So ist es.

Es ist so weit.

Sie hatte sich einen kurzen Moment lang vorgestellt, was passiert wäre, wenn sie vor zwanzig Jahren, als Samir sie vor die Entscheidung gestellt hatte, mit ihm weggegangen wäre. Hier ein von Selbstvertrauen strotzender Samir, ein Mann auf Erfolgskurs, dem niemand widerstehen konnte, dort ein von der Liebe geschwächter, vom Unglück gebeutelter, durch die abrupte Trennung von Nina niedergeschmetterter Samuel. Er hatte damals kein anderes Mittel gefunden, sie aufzuhalten, als sich mitten im Hörsaal mit einem Teppichmesser die Pulsadern aufzuschneiden, einem Messer mit blauem Plastikgriff und einziehbarer Klinge, bei dem man den Schieber einrasten lässt – eigentlich sollte es gleich beim ersten Schnitt klappen, selbst wenn die Haut zähen Widerstand bot, selbst wenn es weh tat, damit das Blut und all die Traurigkeit herausrinnen konnten. Ihm war nichts anderes als Liebesbeweis eingefallen, sie sollte wissen, dass er bereit war, für sie zu sterben, und dieser entsetzliche Schmerz sollte aufhören, er wollte ihn mit einem einzigen Schnitt beenden. Ratsch.

Beim Aufwachen hatte er verstanden, dass sie sich für ihn entschieden hatte. Die Illusion, dass der erste Impuls nicht trügt. Dass er nicht manipuliert werden kann. Dass es keine Fehlerquote gibt. Die Fesseln der Theorie, das Gewicht der Vernunft, die Tyrannei der Moral, die Verlockungen des Konformismus und der Wiederholung – all das lässt uns erstarren. Die Geißel der Entscheidung. Ihre Risiken. Ihre Gefahren. Und doch muss man da durch. Nina saß da, mit struppigen Haaren und bleichem, fast ausgezehrtem Gesicht – er leidet, also leide ich. Sie saß am Bettrand, fast zu seinen Füßen, wie ein Hündchen, das Bild drängte sich auf. Sie war ganz für ihn da, schüttelte ihm das Kopfkissen auf, reichte ihm sein Glas, wenn er Durst hatte, half ihm beim Essen – es war die Stunde der Wiedergutmachung, der Mechanismus der Buße funktionierte wie geschmiert. Nina erlag der romantischen Vorstellung vom Selbstmord aus Liebe – wie schön, wie heldenhaft, wie gewaltig. Nina wich nicht von Samuels Seite, ging nur aus dem Zimmer, wenn das medizinische Personal auftauchte, und von Samir war keine Rede mehr. Die Sache war erledigt. Keiner von beiden versuchte je, ihn wiederzusehen. Sein Vorname wurde zum Tabu. Sie taten so, als hätten sie ihn vergessen.

Nach seinem Klinikaufenthalt zog Samuel aus der viel zu teuren Wohnung seiner Eltern aus, überließ ihre Möbel karitativen Einrichtungen, mietete sich eine Einzimmerwohnung und brach sein Jurastudium ab. (Er fragte sich, warum er gegen den Willen seines Vaters überhaupt damit angefangen hatte, aber er kam zu keinem Ergebnis, denn sein Suizidversuch und der Klinikaufenthalt hatten irgendwie jede Entschlusskraft und jedes Durchsetzungsvermögen ausgelöscht, und er bewegte sich von da an in einer verschwommenen, unscharfen Sphäre, in der alles mehrdeutig war.) Er studierte Literatur an einer Fernuniversität und brachte Ausländern Lesen und Schreiben bei. Auch Nina brach das Studium ab, das ihr nicht gefiel, und jobbte erst einmal als Verkäuferin, Kellnerin und Empfangsdame. Später modelte sie für die Kataloge großer Einzelhandelsunternehmen, vor allem für Carrefour und C&A.

Da! Schau dir das an!

Es war etwas Primitiv-Masochistisches an der Beharrlichkeit, mit der sie sich Samirs triumphalem Medienauftritt auslieferten. Umschalten? Nein. Möglicherweise schürte ihre passive Opferhaltung die Wut und die Empörung noch (endlich ein Motiv zum Schreiben, dachte Samuel, endlich der Anlass, einen Roman zu schreiben, der gelesen wird). Nina und Samuel saßen wie versteinert vor ihrem Firstline-Fernseher, den sie für 545 Euro, zahlbar in drei Raten ohne Zusatzkosten, bei Carrefour gekauft hatten (die Anschaffung des Geräts hatte für beträchtlichen Unfrieden gesorgt, da Nina seit Jahren einen Fernseher wollte, Samuel hingegen sah ihn als Bedrohung an und sperrte sich, gab am Ende allerdings nach), und begriffen, dass nichts mehr so sein würde wie bisher, dass etwas für immer verdorben/zerstört/beschmutzt war. Man konnte es Unschuld nennen oder auch den falschen Frieden der Ahnungslosen.

Samuel trat dicht an den Bildschirm heran und nahm Samir genau in Augenschein. Sah die Nase nicht so aus, als sei sie korrigiert worden, waren die Lippen nicht aufgespritzt? Auch die glänzende Stirn war unnatürlich glatt. Durch ein grausames Spiel der Spiegelungen überlagerte sich Samirs Kopf mit seinem. »Geh weg! Ich seh nichts!«, beschwerte sich Nina. Samuel trat zur Seite und stellte sich hinter Nina, sah ihren gebeugten Rücken, wie sie fast demütig vor dem Fernseher kniete und etwas vor sich hin murmelte – aber was?

Samir lächelte die Journalistin mechanisch an, es machte ihn stolz, auf diesem Stuhl zu sitzen, er war glücklich, das merkte man daran, wie er sich aufplusterte und die Oberlippe anspannte, sein Hochgefühl sprang einen direkt an. Nichts von dem, was sie zusammen erlebt hatten, schien ihn wirklich berührt zu haben, er sah aus wie jemand, der nach einem grauenhaften Autounfall dem brennenden Fahrzeug unverletzt entsteigt, während der Beifahrer auf der Stelle tot ist.

2

Seine Mutter4 hatte angerufen – fünf Mal, Samir hatte mitgezählt, das wurde langsam zwanghaft –, jedoch nicht, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren, und auch nicht, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Nein, sie klang verstört und hatte eine beunruhigende Nachricht hinterlassen, in der sie ihn um einen Rückruf bat, es sei »ernst«, es sei »dringend«. Dabei hatte er ihr doch in aller Deutlichkeit klargemacht, dass er keinen Kontakt mehr mit ihr wünschte, so sehr er sie liebte, das hatte er mehrfach hervorgehoben: Ich werfe dir nichts vor. Er reagierte nie auf ihre Anrufe, nicht etwa, weil er sie verachtet hätte – er respektierte seine Mutter –, sondern weil er keinen Missklang wollte. Nur darum ging es: Er wollte im Einklang sein mit dem Leben, das er sich ausgesucht hatte. Du bist vierzig, du hast in den USA eine außergewöhnliche Karriere hingelegt, du hast die Tochter eines der reichsten amerikanischen Unternehmer geheiratet, wie du das angestellt hast, spielt hier keine Rolle, du hast es so gewollt, du hast dich dafür abgerackert, du hast dich mit Beharrlichkeit durchgesetzt, das war nicht leicht, niemand hat dir dabei geholfen, niemand hat dich bei einflussreichen Leuten empfohlen, du hast dir selbst eine Existenz aufgebaut und warst auf dich allein gestellt, mit deinem Willen, der Erste zu sein, der Beste zu sein, getrieben von dem unbezähmbaren Wunsch, reich zu werden (wo ist das Problem?), ein schönes Haus zu besitzen (das schönste), eine Luxuskarosse (die stärkste), du hast die Vorlieben der Reichen, der Neureichen, na und? Mehr als einmal wärst du fast gescheitert, weil sich die Hindernisse auftürmten und ein Scheitern unvermeidlich schien: Du musstest in einem fremden Land studieren, die amerikanische Zweigstelle einer der renommiertesten französischen Anwaltskanzleien auf die Beine stellen und dir dort eine Position schaffen, dir einen Namen machen, du hattest manchmal Angst, die falsche Entscheidung getroffen zu haben, als du aus Frankreich weggegangen bist und jeden Kontakt zu deiner Familie, deiner Mutter abgebrochen hast, aber diese Zerfallsprozesse musste man eben ertragen.

Was wollte sie jetzt auf einmal, warum hatte sie ihn angerufen? Geld schickte er ihr regelmäßig, das vergaß er nie, die Überweisungen linderten seine Schuldgefühle, sie sprachen ihn frei, er unterstützte immerhin seine Mutter, er spendete für wohltätige Zwecke. »Du bist ein guter Sohn«, schrieb seine Mutter dankbar, »und, wie ich hoffe, EIN GUTER MUSLIM« – die letzten Worte hatte sie in Druckschrift geschrieben und unterstrichen. Er verabscheute diese krampfhafte Suche nach Identität, all das, was ihn vertrieben hatte, ihn die Wahrheit verschweigen und betrügen ließ.

Er hatte ihren Brief verbrannt.

Während er sich fragte, ob seine Mutter womöglich den Verstand verloren hatte, hielt er die manikürte Hand seiner Frau fest, die ihn mit verbundenen Augen durch die Dunkelheit führte. Er überließ sich blind ihrer Führung, tastete sich auf einen geheim gehaltenen Ort zu. Nichts war durchgesickert, niemand hatte etwas ausgeplaudert. Er fühlte sich ein wenig beengt in seinem Anzug, den er erst kürzlich bei Dior für seinen CNN-Auftritt gekauft hatte (und ich war gut, dachte er, ich war gelöst, redegewandt, präzise – einen »Fernsehgott« hatte die Moderatorin ihn hinterher augenzwinkernd genannt, und ihr kokettes Lächeln hatte ihn zu einem Wiedersehen eingeladen, sie könnten doch noch ein wenig plaudern/etwas trinken gehen oder auch mehr, wenn es sich ergab, und ob es sich ergeben würde, und er hatte im Stillen erwidert, »wenn du wüsstest, wie göttlich ich erst im Bett bin«, es war seine Art, immer alles auf Leistung zu reduzieren, sich mit anderen zu messen und ihnen überlegen sein zu wollen … in seine erotischen Fähigkeiten hatte er unbedingtes Vertrauen). In solchen Momenten existierte seine Mutter nicht mehr, und als er das leise Glucksen und unterdrückte Lachen im Raum hörte, hatte er sie besiegt, da war von seiner Vergangenheit nicht mehr übrig als von einem Leichnam, den man in Säure gelegt hat, damit er sich auflöst. Es gab nur noch ihn, Samir, inmitten einer riesigen Menschenmenge, die seinetwegen zusammengekommen war, ihn erwartete und ihm applaudierte. Mit der raschen Geste eines Entführers, der seine Geisel freilässt, löste seine Frau mit zarter Hand die Augenbinde, und Samir erblickte Hunderte von Gästen, die »Happy birthday to you, Sami« sangen. Er sah einen Luchs, zwei Timberwölfe, Goldene und Weiße Tiger, einen Sahara-Gepard, einen Asiatischen Löwen – alle waren in Käfige gesperrt und wurden von peitscheschwingenden Frauen, die in aufreizend durchscheinenden Panther-Kostümen steckten, im Zaum gehalten. Er sah einen bemalten Elefanten5, der majestätisch über einen Schaumteppich schritt, einen altersgrauen Gorilla mit Emailleaugen, den man für ausgestopft gehalten hätte, wenn er nicht all jenen, die es wagten, ihn durch die Eisengitter seines Käfigs hindurch zu streicheln, seine riesige, haarige Pranke entgegengestreckt hätte. Zwischen dieser Menagerie standen Herren mit Krawatte und ihre maskierten Begleiterinnen. Die Damen trugen mit Strass besetzte und mit Goldfäden abgesteppte Masken; Masken aus geklöppelter, gehäkelter, handgefertigter Spitze; Masken aus Stoff, Gips, Naturleder; Masken aus Pfauenfedern, Latex, Wildseide, Filz, schwarzem Samt; Piratenmasken, Zorro-Masken, afrikanische Masken, venezianische Masken – alles war erlaubt, was das Objektiv des Fotografen anlockte, der den vierzigsten Geburtstag von Samir Tahar für die Ewigkeit festhielt. In einem der exklusivsten und angesagtesten Clubs von New York drängte sich die Elite der amerikanischen Intellektuellen; Politiker, Anwälte, Verleger, Wirtschaftsexperten waren herbeigeströmt, um der Einladung der Tochter von Rahm Berg zu folgen. Ruth, Tahars Frau, hatte eine vorbildliche Biographie aufzuweisen: eine liebevolle Kindheit im Schoß einer großbürgerlichen, jüdisch-amerikanischen Familie, Jurastudium in Harvard, ein Kommunikationstalent, ein Mathematiktalent, ein Multitalent – und noch dazu uneigennützig, eine Philanthropin, die mehrmals im Jahr Lebensmittel an Bedürftige verteilte, eine reiche, eine immens reiche junge Frau, die jedoch nie vergaß, zehn Prozent ihres Einkommens an karitative Einrichtungen zu spenden, wie es das jüdische Gesetz vorschrieb. Natürlich hielt sie sich an die Traditionen, sie hatte neben den Rechtswissenschaften auch ein Literaturstudium absolviert und bei Joseph Brodsky, der sie als eine seiner brillantesten und feinsinnigsten Studentinnen bezeichnete, dichten gelernt. Sie hatte die klassischen Sprachen studiert und auch die Thora in der Originalsprache – angeleitet von ihrem Großvater mütterlicherseits, Rav Chalom Levine6, einem Rabbiner mit Bart und Schläfenlocken, der einem Roman von Isaac Bashevis Singer7 hätte entsprungen sein können. Es war alles sehr beeindruckend.

Und trotzdem war sie Samir Tahar zunächst nicht aufgefallen, als sie plötzlich in seiner Kanzlei auftauchte, weil sein Partner sie, ohne ihm Bescheid zu sagen, als Praktikantin eingestellt hatte – sie war ihm zu solide, zu zurückhaltend, gab sich allzu klassisch-elegant. Junge Frauen präsentieren sich bei ihrer ersten Stelle gern auf diese Art, weil sie ihre Unerfahrenheit mit damenhafter Kleidung kaschieren wollen – mit knielangen Röcken, Rüschenblusen, sogar viereckigen, gemusterten Seidentüchern, die sie sich von ihren Müttern oder Großmüttern geliehen haben und die sie gleich zehn Jahre älter aussehen lassen, so etwas wirkt gesetzt, professionell. Sie glauben, wenn sie älter wirken, nimmt man sie ernst und erkennt ihre Kompetenzen an. Von wegen! Sie haben nicht begriffen, dass geschlitzte Röcke, Miniröcke und tiefausgeschnittene Tops zehn Jahre Berufserfahrung wettmachen. Sie haben nicht begriffen, dass sie über Macht verfügen. Ihre Jugend ist ihre Macht. Sie sind Mitte, Ende zwanzig. Sie haben studiert, sind fleißig, ehrgeizig, sie profitieren von sämtlichen Errungenschaften des Feminismus, ohne irgendetwas einfordern zu müssen, sie müssen nicht kämpfen. Aber sie schlagen die Augen nieder vor ihren Vorgesetzten, sechzigjährigen, unglücklich verheirateten Männern: Unglaublich! Sie schlagen die Augen nieder, wenn die Männer ihnen Komplimente wegen ihrer Haarfarbe machen. Und wenn sie sie beim Reden fixieren: Mal sehen, ob die alte Hypnosemasche noch funktioniert. In Gegenwart der alten Schwerenöter spielen sie das verängstigte Reh, das schwache Weib, sie schlüpfen in die Frauenrolle früherer Jahrhunderte, sie verlieren ihr Selbstvertrauen, ihre Mütter würden sich für sie schämen, aber seht sie euch nur an, diese Apostel der Potenz, mit ihrem Viagra-gestählten Geschlecht, ihrem flachen Bauch und den gefärbten Haaren, sie setzen zum Sprung an und lassen ihre Beute nicht aus den Augen. Erst anschleichen, dann einen Köder auswerfen, anlocken und schließlich, vielleicht, in Besitz nehmen. Die jungen Frauen merken nichts – oder geben vor, nichts zu merken. Sie ignorieren die chauvinistischen Bemerkungen, die anzüglichen Sprüche. Sie glauben, das alles gehöre zum Spiel: eine Hand, die sich beiläufig auf die Schulter legt (ein Zeichen für Zuneigung), eine Einladung ins Restaurant (ein Arbeitsessen), vertrauliches Geplänkel (ein Zeichen von Interesse). Sie halten sich für angreifbar, weil sie jung sind, deshalb verkleiden sie sich. Manche legen sich einen männlichen Look zu: dunkle Hosenanzüge, flache Halbschuhe, manchmal eine Krawatte, das scheint im Trend zu liegen. Ruth Berg ist auch so ein androgyner Typ. Zu ihrem achtzehnten Geburtstag hatte sie allen Ernstes eine Brustverkleinerung vornehmen lassen. Sie hatte den Brustumfang ihrer Urgroßmutter Judith geerbt, einer kalten, schroffen Frau, deren einziges weibliches Attribut ihr enormer Busen war, an dem (laut Familienlegende) ein Gutteil der Säuglinge von Warschau gestillt worden war8. Während die meisten Frauen von Brustimplantaten träumten, ließ sich Ruth Berg also nach einem Foto ihre Brust verkleinern. Ihr Vorbild war Diane Keaton in dem Film Der Stadtneurotiker – Bundfaltenhose, Männerweste, Hut auf dem Kopf –, eine kleine, modebewusste New Yorker Intellektuelle. Wie hätte sie Samir auffallen sollen? Er phantasierte eher von sinnlichen, üppigen Frauen mit ausladendem Hinterteil, feine Gesichtszüge und intellektuelle Neugier waren zweitrangig.

Ruth Berg war ihm zu dünn, zu diskret, flach wie ein Brett, man suchte vergeblich nach Kurven, sie hatte nichts zu bieten, bei ihr hatte man nur Knochen in der Hand, man holte sich ja blaue Flecke. Sie dagegen interessierte sich auf Anhieb für diesen rätselhaften Mann mit dem starken französischen Akzent. Seit sie ihn zum ersten Mal mit einem Stapel Ordner unter dem Arm und einem Zehntausend-Dollar-Lächeln aus seinem Büro hatte kommen sehen, fahndete sie bei seinen Mitarbeitern nach biographischen Details, aber da war nicht viel zu holen. Sie hörte immer nur dasselbe: brillant, eingebildet, verschlossen, fleißig – und ein Frauenheld. Achtung, Gefahr! Seinem erotischen Flair kann keine widerstehen. Siehst du die da drüben? Und die da? Sie hatten eine Affäre mit ihm, aber das hält nie lange. Sobald eine Frau mehr von ihm will, wird er widerspenstig und taucht ab – eine offizielle Trennung gibt es nicht. »Ist eben ein Franzose«, sagten sie spöttisch grinsend. Was so viel heißen sollte wie: Er denkt nur an das eine.

Schwer zu sagen, warum er eine solche Wirkung auf sie ausübte. Er war älter als sie und immun gegen ihre Reize. Sie versuchte es trotzdem, lud eine Kanzleiangestellte9 nach der Arbeit auf einen Kaffee ein. Sie wollte mehr erfahren, möglichst Einzelheiten, alles, was ihr helfen konnte, besser an Tahar heranzukommen. Sechs Monate nach ihrer Affäre grollte ihm die junge Angestellte immer noch, beim Erzählen kamen ihr fast die Tränen. Diese Geschichte habe sie »zerstört«, erklärte sie. »Halte dich von diesem Mann fern, er ist ein Opportunist, er manipuliert seine Umgebung.« Vorsicht, Gefahr. Tahar zog Ruth in seinen Bann, sie wusste nicht warum, sie fühlte sich regelrecht von ihm angesaugt. Doch sie schwor, Tahar interessiere sie nicht, und ihre Kollegin brach in Gelächter aus. »Tahar interessiert alle.« Ruth musterte die Kollegin aufmerksam, als sie nach einer kurzen Pause weitersprach: »Er interessiert alle, Männer und Frauen, weil er anders ist als die anderen, er ist empfindlich, unnahbar, herrisch – das macht seinen Charme aus.« Dann entspannte sie sich ein wenig, beugte sich zu Ruth hinüber und wollte ihr offensichtlich ein Geheimnis offenbaren, sie lächelte, strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und flüsterte in einem Ton, der bloß gekünsteltes Einverständnis verriet: »Er ist …«, aber sie hatte keine Zeit, den Satz zu beenden, denn Ruth hob abwehrend die Hand. Die öffentliche Meinung sollte genügen.

Wie hatte Ruth Tahars Aufmerksamkeit schließlich doch auf sich gezogen? Wie konnte sie ihn halten? Nicht durch Sex – sie war zu diszipliniert, zu berechenbar für ihn. Sie hatte nichts, womit sie ihn überraschen konnte. Als er sie kennenlernte, war sie tatsächlich noch Jungfrau. Sie hatte natürlich in einer Studentenbude in Harvard ein paar junge Männer auf den Mund geküsst, aber dabei vermieden, die Zunge zu benutzen, obwohl sie wusste, wie es ging, und zu Hause geübt hatte. Aber wenn sie wie ein schlabberndes Kätzchen die Zungenspitze über die Handinnenfläche kreisen ließ, kitzelte es nur, und als sie sich schließlich versuchsweise den stürmischen Avancen eines Informatikstudenten überlassen hatte, der sie aus Unerfahrenheit ein wenig zu heftig umarmte (Adam Konigsberg, der Sohn eines Chirurgen am Beth-Sinai-Krankenhaus, eine gute Partie10), empfand sie nichts als tiefen Abscheu vor diesem glibberigen Etwas im Mund, diesem muschelartigen, klebrigen Ding, das nicht einmal zum Verzehr geeignet war – und dafür das ganze Theater? Einmal hatte sie sich die Brüste streicheln lassen, und der Betreffende (Ethan Weinstein, der Sohn eines republikanischen Senators11) hatte wie eine Baggerschaufel auf ihrer Brust herumgescharrt – wollte er sie zerquetschen, oder was? Danach hatte sie eine regelrechte Abneigung gegen Berührungen entwickelt, und als Michael Abramovitch (der Sohn eines New Yorker Bankers12) versucht hatte, während des Films Uhrwerk Orange im Kino seine Hand in ihre Unterhose zu schieben (sehr ungeschickt, denn es war die linke Hand, obwohl er Rechtshänder war), hatte sie sich nicht mehr beherrschen können, ihn angeschrien und geohrfeigt, war aus dem Kino gestürmt und hatte in einem dunklen Winkel das Popcorn erbrochen, das er ihr noch großzügig spendiert hatte, bevor er sich an sie herangemacht hatte. »Wundert mich nicht«, hatte das junge Mädchen13 gesagt, mit dem sie ihr Studentenzimmer teilte. »Ein Typ, der dich beim ersten Date in Uhrwerk Orange schleppt, ist entweder ein Kinofreak oder ein Psychopath.« Ruth neigte zur zweiten Option. Die jungen Männer, die sie kennenlernte – verwöhnte, superverwöhnte, megaverwöhnte Sprösslinge des jüdisch-amerikanischen Großbürgertums, die nichts anderes im Sinn hatten, als Papas Geld an den Stränden von Goa oder Cancún auf den Kopf zu hauen –, brachten mit Milch und Honig aufgepäppelte jüdische Prinzessinnen wie Ruth nicht zum Träumen. Sie war mit ihnen aufgewachsen, hatte mit ihnen Hausaufgaben gemacht und Partys gefeiert, sie betete in derselben Synagoge, inmitten der frommen Juden aus der Nachbarschaft, war Mitglied in denselben Clubs, und dann sollte sie auch noch einen von ihnen heiraten? Eine Schreckensvision, in jeder Hinsicht. Aber: »Du sollst einen Juden heiraten« lautete das elfte Gebot des Vaters. Du sollst dich nicht mit dem Sohn eines Ausländers verbinden, du sollst sein Lager nicht mit ihm teilen, du sollst ihm keine Nachkommen gebären. Ein Dilemma. Und dann hatte sie Sam Tahar gesehen. Ein Jude, aber auch ein Franzose. Ein sephardischer Jude, das war doch mal was anderes. Tahars Vater sei ein Jude tunesischer Abstammung, hieß es, der sich in den fünfziger Jahren in Frankreich niedergelassen hatte. Tahars Mutter war angeblich eine in Frankreich geborene Jüdin und Kind polnischer Juden, die um das Jahr 1910 herum aus ihrem Land geflohen waren. Seine Eltern, sagte man, seien bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als Sam zwanzig war. Er sei ein Einzelkind. Er habe keine Angehörigen mehr. Er sei ein entjudaisierter, assimilierter, antiklerikaler und propalästinensischer Jude (manche wurden deutlicher und nannten ihn »charakterlos«). Und noch dazu ein Provokateur. Der es doch tatsächlich fertigbrachte, bei der alljährlichen Gala des National Jewish Committee am Ehrentisch ein Gedicht von Mahmoud Darwisch14 zu rezitieren. Reden Sie mit ihm nicht über Religion. Kommen Sie ihm nicht mit Israel. Bitten Sie ihn nicht, als zehnter Mann in die Synagoge zu gehen, damit der Gottesdienst stattfinden kann. (Das galt allerdings später nicht mehr, denn als er mit Ruth und ihrer Familie in Berührung kam, musste er sich deren religiösen Bräuchen fügen und sich ihrer Denkweise anpassen.) Vermeiden Sie außenpolitische Themen. Unterhalten Sie sich mit ihm lieber über Frauen, hieß es …

Was das betraf, so hatte einzig sein amerikanischer Partner Dylan Berman15 noch einen gewissen Einfluss auf ihn. Er konnte zu ihm sagen: »Da hast du Mist gebaut, da gehst du zu weit, hör auf damit«, und er hatte Tahar auch gleich gewarnt, als ihm auffiel, dass die Berg-Tochter ihm nachlief: »Lass die Finger von ihr. Sie ist nichts für dich.« Tahar hatte nur gelächelt, während Berman nachlegte: »Geh mit deiner Sekretärin aus, ruf deine Ex an, treib es meinetwegen mit einer Mandantin, aber halte dich von dieser Frau fern.«

»Warum? Sie ist Praktikantin, sie ist über achtzehn, und ich gefalle ihr, das sieht man doch von weitem.«

Aber bei Einfluss, Macht und Geld hörte für Berman der Spaß auf, denn sie garantierten ihm seinen Lebensunterhalt, ernährten ihn und seine Familie, waren der Motor der Kanzlei, sicherten ihm ein ansehnliches Einkommen und einen makellosen Ruf. Berman war für eine strenge Trennung von Sex und Arbeit, Gefühlen und Finanzen: »No sex in business! Sie ist die Tochter von Rahm Berg, einem der vermögendsten Männer der Vereinigten Staaten, dem wichtigsten Mandanten unserer Kanzlei. Wenn wir ihn verlieren, können wir den Laden dichtmachen, verstanden? Wenn du seinem kleinen Mädchen etwas tust, wird er dir den Kopf abreißen. Sei so gut, wenn du etwas zu kopieren hast, bitte lieber deine Assistentin oder mach es selbst, aber Ruth solltest du um gar nichts bitten, nicht einmal um eine Auskunft.«

»Ach, was redest du da … was sind das für Drohungen … Je mehr du mir dieses Mädchen verbietest, desto mehr reizt sie mich!«

»Dann schlaf doch mit der Assistentin des Staatsanwalts, dieser Nabila Farés!«

»Nabila? Machst du Witze? Das wäre ja, als würde ich mit meiner Schwester ins Bett gehen!«

»Mit deiner Schwester? Aber sie ist Araberin!«

Solche Schnitzer unterliefen ihm häufig. Er vergaß, wer er geworden war – ein Jude unter Juden.

»Hör zu«, drängte Berman, »vergiss Ruth Berg! Wenn du diesem Mädchen ein Haar krümmst, bringt dich ihr Vater um.«

Aber sie hatten nicht mit seiner Sturheit gerechnet, nicht mit dem Eigensinn des Arbeitersohnes, des Gedemütigten, und auch nicht mit einer gewissen Rachsucht – nicht mit seinem Charisma, seinem Einfallsreichtum, seiner Attraktivität. Er gefiel nun einmal Frauen und Männern. Selbst die Kinder liebten ihn. Ganz zu schweigen von den Mandanten … Wenn sie 1000 Dollar pro Stunde berappten, wollten sie dafür ihn und keinen anderen.

Auf den niedrigen Tischchen in seinem Büro stapelten sich Zeitungsartikel über ihn. Zusätzlich sammelte er sie in einer großen schwarzen Ledermappe, auf die er seine Initialen in Gold hatte prägen lassen und die neben seiner juristischen Fachliteratur in einem Regal an der Rückwand hinter dem gläsernen Schreibtisch stand. Die Mappe enthielt eine Reihe von Artikeln, in denen er nur zitiert wurde. Kurze Pressemeldungen. Aber auch lange Zeitungsberichte, in denen er diffamiert oder gelobt wurde. Er schnitt sie selbst mit größter Sorgfalt aus und schob sie mit der Gewissenhaftigkeit eines Schmetterlingssammlers in transparente Hüllen. Ruth Berg las ausnahmslos alle, sogar den Test in einem Männermagazin, für den er sich erstaunlicherweise Zeit genommen hatte. So wusste sie von Anfang an, dass er niemals treu sein würde, dass er ständig an Sex dachte und alles ausprobiert hatte. Sie recherchierte im Internet nach Informationen über ihn, dann machte sie ihm gezielt Komplimente und schmeichelte ihm. Sie war sanft und scharfsinnig. Eine so starke, selbstsichere Frau musste einen Mann beeindrucken, und Tahar ganz gewiss. Ein anderer wäre auf Distanz gegangen, denn Ruth schüchterte Männer ein und war keine leichte Beute. Nicht so Tahar. Er hatte ein zu großes Zutrauen in seine Fähigkeit als Herzensbrecher. Sexuelle Hörigkeit war ihm ein Begriff, in dieser Hinsicht konnte ihm niemand etwas vormachen. Unter seine Geschichte mit Nina hatte er einen Schlussstrich gezogen – es tat zu weh. Als er Ruth kennenlernte, wusste er, was er nicht mehr wollte: sich verlieben, jemanden brauchen, von einer Frau abhängig sein.

Nicht durch ihre Freizügigkeit oder erotische Neugier eroberte ihn die Praktikantin in Prada-Stiefeln, sondern durch ihre gesellschaftliche Unverwundbarkeit – eine seltene Qualität, die es rechtfertigte, dass er auf alle anderen Frauen verzichtete und sich ganz auf sie konzentrierte. Endlich eine Frau, die fremde Blicke nicht fürchtete, die sich nie gekränkt oder erniedrigt fühlte, die nichts zu gewinnen und zu beweisen hatte. Konkurrenz? Welche Konkurrenz? Politik war ein Spiel, Geld ein Mittel zum Zweck, die gesellschaftliche Stellung eine Frage von Beziehungen und Chancen. Ruth war der Inbegriff von Zugehörigkeit und Erfolg. Ihr Klassenbewusstsein äußerte sich darin, dass sie bestimmte Dinge in ihrer Umgebung für selbstverständlich hielt. Sie reiste im Privatjet und fand das normal, sie aß mit Bill Clinton und Shimon Peres zu Abend und langweilte sich dabei. Vor einem ethischen Dilemma stand sie, wenn sie entscheiden musste, ob sie für eine Stiftung spenden sollte, die die Armut in Israel bekämpfte, oder lieber für eine, die sich der Hungernden in der Sahelzone annahm. Andererseits war sie durchaus kein verwöhntes, arrogantes, oberflächliches, vom Geld korrumpiertes Society-Girl, ihr war bewusst, wie privilegiert sie lebte, sie wusste, dass sie vom Glück begünstigt war, aber sie gehörte nun mal zum Club der Erbinnen. Sie stand über den anderen. Sie war von einer Aura, einem Glorienschein umgeben. Nie hatte ihr jemand das Gefühl vermittelt, sie sei nicht am richtigen Platz, denn sie wusste genau, wo ihr Platz war. Auf dem Podest. In der ersten Reihe. Im Vordergrund. Dabei musste sie weder posieren noch sich anstrengen, sie war von Natur aus so. Wenn sie das Wort an einen richtete, fühlte man sich auserwählt. Sie betrat einen Raum, und jeder wusste, dass sie wichtig war. Wieso? Weil sie selbst es wusste. Ihr Vater hatte es ihr gesagt, er hatte es ihr immer wieder eingeschärft. Ihre Angehörigen hatten es ihr beigebracht. Die Verkäuferinnen in den Boutiquen, in denen sie einkaufte, hatten es sie spüren lassen. Wenn sie jemanden anrief, wurde sie noch am selben Tag zurückgerufen. Wenn sie sich zum Mittagessen verabreden wollte, bestimmte sie Tag, Ort und Uhrzeit. Es wäre niemandem eingefallen, ihr einen Korb zu geben. Man ließ sie NIEMALS warten. Sie kannte die Bequemlichkeiten, die eine hohe gesellschaftliche Stellung mit sich brachte. Gleichzeitig war sie frei von Überheblichkeit, von Herablassung. Sie war die Erste, die die Angestellten ihres Vaters grüßte: Guten Tag, Auf Wiedersehen. Wie geht es Ihnen? Haben Sie gute Nachrichten von Ihren Verwandten? Alles in Ordnung? Ihre Fragen klangen aufrichtig, es war für sie eine Ehrensache, den Kontakt zu den Menschen nicht zu verlieren, aber sie wahrte eine Distanz, die einen Unterschied erkennen ließ. Die Leute waren ihr sympathisch, sie respektierte sie, aber sie gehörten nicht zu ihrer Welt. Ihre Welt bestand aus ein paar hundert Metern Fifth Avenue und den Präsidentensuiten der schönsten Nobelhotels, ihre Welt war eine Oase des Luxus und der Sorglosigkeit, unter der sich ein Reich der Finsternis verbarg. Ihre Welt war die der Erneuerung, des Aufschwungs, die Fassade war vergoldet, aber das Haus auf Asche gebaut: Der Vater hatte das Unternehmen auf Verlangen des Großvaters, eines Auschwitz-Überlebenden, gegründet und zum Erfolg geführt. Dieser Großvater unterhielt sich bereitwillig über Politik und Ökologie, brachte ihnen anstandslos Bridge bei, rückte widerstrebend sein Rezept für gehackte Leber heraus, erzählte stundenlang von Hiob und der Erschaffung der Welt, konnte genau erläutern, warum Isaak Jakob lieber hatte als Esau, nahm jedes Jahr am Bibel-Wettbewerb teil, analysierte Wortbedeutungen, doch warum er eine Nummer auf dem Unterarm trug, hätte er nie laut ausgesprochen. Ruhe – und cut!

Deshalb erzählte Ruth bei den ersten Dates mit Tahar von den Büchern, die sie zuletzt gelesen hatte, von ihren Ferien mit Papa in der Toskana, auf der Yacht von Steven Spielberg, von der Schönheit der Strände auf Martha’s Vineyard, wo sie einmal John Kennedy junior über den Weg gelaufen war. Sie war die Tochter eines Mannes, der über seinem inneren Friedhof einen Freizeitpark errichtet hatte. Diese Tochter besaß genug, womit sie Tahar beeindrucken konnte: eines der erlesensten Adressbücher von New York. Gesellschaftliches Ansehen. Das war ihm wichtig. Das zählte für ihn. Ihm fehlte noch die Erfahrung, geschätzt zu werden, berühmt zu sein.

Schließlich hatte Rahm Berg ihm dann doch nicht den Kopf abgerissen. Ganz im Gegenteil, er hatte ihm sogar seine Tochter plus ein 300-Quadratmeter-Penthouse mit Blick auf den Central Park überlassen, das von einem der renommiertesten Immobilienbüros der Ostküste auf 17 Millionen Dollar geschätzt worden war. Tahar hätte ablehnen können, aber so weit ging sein Stolz nun doch nicht. Das Geschenk bestärkte ihn in seinem Glauben, etwas Besonderes zu sein. Kurz gesagt, es war eine Mitgift. Und was für eine! Fünf Schlafzimmer, sechs Badezimmer, eine 70 Quadratmeter große Terrasse mit einer separaten Fläche zur Sondernutzung, auf der Rahm Berg einen Jacuzzi hatte installieren lassen. Seiner Tochter sollte es gutgehen. Sie sollte glücklich sein – und das Glück bestand darin, in einem lichtdurchfluteten Zimmer aufzuwachen, das Frühstück mit Blick auf New York einzunehmen, in der New York Times zu blättern und den eigenen Namen zu lesen. »Meine Tochter ist eine Prinzessin«, hatte Berg gesagt. Er hatte dabei gelacht, aber er hatte es gesagt. Auch Samir nannte sie so: »My Jewish Princess« – meine jüdische Prinzessin. Am Eingang zur Wohnung und an sämtlichen Türrahmen hatten Vater und Großvater, die Kippa und einen großen schwarzen Hut auf dem Kopf, gläserne Mesusot befestigt. Alles in allem zwanzig Schriftkapseln. Zwanzig kleine Behälter mit hebräischen Thoratexten, in denen der Allmächtige gebeten wird, den Hausstand zu beschützen. Das war ein wichtiges Ritual. Berg hatte keine Tür vergessen. Aber eigentlich hätte er eine Schriftkapsel auf den Kopf seiner Tochter legen müssen, um sie zu beschützen.

Eine Tochter, ein Haus und ein jüdisches Leben – das hatte Ruths Vater ihm geschenkt. Gut, es war nicht leicht gewesen, er hatte sich ins Zeug legen und bei dem Patriarchen seine Sache überzeugend vertreten müssen, aber schließlich war das Herumkriegen ja sein Beruf. Er hatte sich bei Ruths Mutter, einer großen, unglaublich redseligen Blondine, einschmeicheln müssen. Sie war eine hundertfünfzigprozentige Hausfrau und Mutter, aber auch eine Dermatologin, die auf den ersten Blick ein bösartiges Melanom erkannte, eine unvergleichliche Köchin, die zu den Chanukka-Abenden bis zu 120 Krapfen buk, und eine hervorragende Sportlerin und Marathonläuferin – ihre Tochter schlug ihr offensichtlich nach. Eine starke Frau also, die allem Anschein nach ganz in ihrer Sorge um Heim und Familie aufging.

Du bist ein guter Sohn und, wie ich hoffe, EIN GUTER MUSLIM.

Warum ging ihm dieser Satz ständig durch den Kopf, während er zwischen den Geburtstagsgästen immer weiter in den Saal hineinging? Warum gerade jetzt? Es war doch sein Geburtstag, der gefeiert wurde, und nicht irgendein jüdisches Fest. Man würde ihn nicht mit Klezmer-Musik begrüßen oder ihn auf einen Stuhl setzen und unter »Masel-tov!«-Rufen durch die Luft schwenken. Er musste heute keine Gedanken an das Judentum verschwenden. Das Judentum ist nur ein Detail meines Lebens. Warum verfolgte ihn der Satz seiner Mutter? Warum war ihm plötzlich so heiß? Er schwitzte, sein Hemd war nass (und es war nicht irgendein beliebiges Hemd, es hatte über 300 Dollar gekostet und bestand aus dem besten, luftigsten, feinsten Stoff, den man sich denken konnte, aber jetzt war es so durchweicht, dass es an seiner Haut klebte, und er hatte plötzlich seinen Vater vor Augen, der von der Arbeit nach Hause kam und auf dessen billigem Hemd sich unter den Achseln zwei Flecke mit gelblichen Rändern abzeichneten, von denen ein so starker Schweißgeruch ausging, dass jedes Zimmer, das er betrat, danach roch – ein Geruch, den er unweigerlich mit Armut assoziierte). Tahar schwitzte wie ein Marathonläufer. Das war die Angst. Er wusste – und hatte es im Grunde vom ersten Tag an gewusst –, dass das Judentum kein Detail war, sondern sein ganzes Leben. Man hielt ihn für einen Juden. Seine Partner waren Juden, seine Frau war Jüdin, und auch seine Kinder mussten zwangsläufig Juden werden. Die meisten seiner Freunde waren Juden. Seine Schwiegereltern waren nicht einfach nur Juden, sondern praktizierende, orthodoxe Juden. Die von Freitagabend, wenn die Sonne unterging, bis Samstagabend bei Einbruch der Dunkelheit nicht arbeiteten. Die, wenn sie etwas zu entscheiden oder bedenken hatten, Rabbiner konsultierten wie andere Leute Wahrsager. Die mindestens 400 der 613 Gebote befolgten. Die häufig nach Israel reisten, in Jerusalem an der Klagemauer beteten und Wünsche auf Zettelchen schrieben, die sie in eine der glühend heißen Mauerspalten steckten. Ein einziges Mal hatte er seinen Schwiegervater begleitet (ein Jahr nach seiner ersten Begegnung mit Ruth, sie waren noch nicht verheiratet, nicht einmal verlobt, es war eine Initiationsreise – und ein Härtetest, denn am israelischen Zoll war ihm vor lauter Angst, in Anwesenheit von Ruth und ihrem Vater enttarnt zu werden, der Schweiß aus allen Poren gebrochen, er hatte sich quasi verflüssigt), und bei diesem einen und einzigen Mal war es ihm gelungen, das Zettelchen an sich zu bringen, das Berg in die Mauerritze gesteckt hatte. Er hatte es heimlich auseinandergefaltet und gelesen:

»O Herr, Ewiger, mein Gott, König der Welt, ich bitte Dich:

Wunsch Nummer 1: Beschütze meine Familie, gewähre ihr gute Gesundheit.

Wunsch Nummer 2: Hilf mir zu bewahren, was ich erworben habe.

Wunsch Nummer 3: Möge sich meine Tochter von Sam TAHAR trennen.«

Berg hatte drei Wünsche geäußert, drei Wünsche, von denen er ziemlich sicher sein konnte, dass sie in Erfüllung gehen würden, denn er war stark im Glauben, er glaubte wirklich, er war ein Mystiker. Er hatte nur ein winziges Papierfetzchen und wenige Minuten, um seine Wünsche zu formulieren, er musste sich kurzfassen, präzise sein, und alles, um das er seinen Gott bat, war, dass sich seine Tochter von »Sam TAHAR« trennen möge. Er schrieb nicht: »Herr, heile meine Mutter« (die zu jener Zeit an metastasierendem Leberkrebs litt) oder »Herr, schenke meiner kleinen Schwester ein gesundes Kind« (denn sie war im dritten Monat schwanger, und ein Bluttest hatte ergeben, dass eine Fruchtwasseruntersuchung sinnvoll wäre), nein, vor dem sonnengebleichten Stein, vor einer der überwältigendsten Landschaften der Welt, deren atemberaubende Schönheit die Menschen zu Tränen rührt und existentielle Fragen aufwirft, dachte er an Tahar, und er dachte nichts Gutes. Er wünschte sich, dass er aus dem Leben seiner Tochter verschwände, dass er das Feld räumte. Was wusste er denn über diesen Kerl? Nichts – oder jedenfalls nicht viel. Natürlich hatte er der Heirat seiner Tochter nicht ohne weiteres zugestimmt, er hatte Dokumente verlangt. Tahar hatte behauptet, er besäße die Heiratsurkunde seiner Eltern nicht: »Sie müssen sie verloren haben, und das betreffende Konsistorium ist abgebrannt.« Er habe keine Angehörigen mehr. Wie sollte man so etwas glauben? Berg gefiel das nicht – man war Jude oder man war keiner. Tahar wollte sein Ehrenwort geben? Das taugte nicht viel. Gut, sein Vorname sprach für ihn. Sam war die Abkürzung von Samuel, oder nicht? Dagegen war nichts einzuwenden, sein Vorname war zufriedenstellend. Aber der Nachname, Tahar. Irgendwie verdächtig. Ruths Vater hatte einen Studenten engagiert, der sich auf genealogische Recherchen spezialisiert hatte. Und der hatte Folgendes herausgefunden: »Arabischer Familienname, manchmal von sephardischen Juden übernommen. Im Hebräischen wie im Arabischen gebräuchlich: Tahir, der Keusche, Echte, Tugendsame, Ehrenhafte.«

»Das passt«, sagte Sam. Tahar-der-Keusche, darüber musste Berman herzlich lachen. Samuel war der Name eines Propheten, einer biblischen Gestalt. Und wenn man Samir so betrachtete, mit seinem schönen, sephardischen Haupt, den schwarzglänzenden Haaren, die er häufig mit Gel glättete wie ein Mafia-Pate, mit seiner dunklen Haut, seiner leicht gebogenen Nase, den schwarzen, von hauchdünnen Wimpern gesäumten Augen und den schweren Lidern, dann wirkte er edel und aufrecht. Ein gutaussehender Orientale. Welch ein Kontrast zu den blonden oder rothaarigen aschkenasischen Juden, die ihre helle Haut rund um die Uhr mit Faktor-60-Sonnencreme, einem Hut und extradunklen Brillengläsern vor den Sonnenstrahlen schützen mussten. Dass sie es mit einem Sepharden zu tun hatten, störte sie, das wusste er. Es missfiel ihnen sogar sehr. Dieser Araber! Seien wir doch mal ehrlich. Er ist nicht wie Wir (das hieß, er ist weniger gut als Wir, weniger zivilisiert, weniger integriert, weniger subtil als Wir). Die Bergs mussten sich mit einem Juden aus dem arabischen Kulturkreis arrangieren, und das war für den versnobtesten Zweig der Familie, der eine quasi aristokratische Abstammungslinie anstrebte, eine echte Herausforderung. Er konnte so raffiniert, gebildet und kultiviert sein, wie er wollte, er würde ihnen immer zu emotional, zu heißblütig, zu braun sein. Er redete zu viel und zu laut, während sie flüsterten; er lachte, während sie ernst waren; er war locker, während sie tiefsinnig waren. Er war nicht wirklich einer von ihnen. Und dann hieß er auch noch Tahar, was wie ein Fremdwort klang und das Ohr beleidigte. »Tahar« deklassierte ihn und ängstigte sie.

Eine der ersten Bedingungen, die Ruths Vater ihm stellte, lautete: »Meine Enkelkinder werden den Namen Berg tragen.« Er hatte es etwas abrupt hervorgestoßen, um die Dinge ein für alle Mal klarzustellen und seine Autorität zu unterstreichen: Hier bin ich der Chef. Tahar stand wie versteinert vor ihm. Wie begründete er eine solche Demütigung, eine solche Anomalie? Durch welchen gewieften Schachzug hoffte er sich aus der Affäre ziehen zu können, ohne dass es zu einem Streit und einer heftigen Reaktion kam? »Sachte … sachte … Kommen Sie her.« Berg öffnete die Arme zu einer väterlichen Geste, man hätte meinen können, er wollte Tahar in die Arme schließen, ihm etwas anvertrauen, das er aus Vorsicht noch nie einem Menschen anvertraut hatte. Rahm Berg konnte Gefühle gewinnbringend einsetzen, man lenkte ein. Er sagte nicht zu Samir: Ich will nicht, dass meine Nachkommen einen nordafrikanischen Namen tragen. Er sagte nicht: Es wäre angesichts meines Renommees, meiner Stellung und meines politischen und wirtschaftlichen Gewichts sinnvoll, dass meine Nachkommenschaft denselben Namen wie ich trägt, denn es ist ein nützlicher, lukrativer Name, der Türen öffnet, der einem zehn, fünfzehn Jahre Arbeit ersparen kann. Er schob sich nicht in den Vordergrund, im Gegenteil, er stellte sich hinter seine Familie. Er wirkte aufgewühlt, er schien es ehrlich zu meinen, warum auch nicht, seine Stimme war belegt, aber das lag nicht an Tränen, sondern an einer Art unterdrückter Wut. Praktisch seine gesamte Familie, erzählte er Tahar, sei im Krieg ermordet worden. »Der Name Berg ist so gut wie ausgestorben. Die Nazis haben meinen Namen vernichtet. Da ich keinen Sohn habe, ist meine Tochter die letzte Berg.« Das hatte Tahar außerordentlich erschüttert. Deshalb hatte er sich einverstanden erklärt, seinen Kindern den Namen Berg zu geben, und verzichtete darauf, den Namen seines Vaters zu vererben.

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