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Die Geschwister Oppermann

Informationen zum Buch

Schlüsselroman über das Leben deutscher Emigranten

Wie viele »Unpolitische« verkannten die Oppermanns des Charakter der braunen Barbaren. Gustav, Publizist, flieht erst nach dem Reichstagsbrand. Martin, Chef des angestammten Möbelhauses, wird verhaftet, Edgar, der jüngste Bruder, von SA-Leuten aus der Klinik gejagt. Sie und andere Angehörige können sich später retten, aber Berthold, Martins einziges Kind, treibt ein Nazilehrer in den Freitod. Zum politischer Widerstand entschlossen, kehrt Gustav illegal nach Deutschland zurück. Sein hoffnungsloser Versuch endet im Konzentrationslager.

Lion Feuchtwanger schrieb diesen ersten Roman über die Judenverfolgung im Dritten Reich hellsinnig bereits im Spätsommer 1933, als ein Holocaust im aufgeklärten 20. Jahrhundert noch jede menschliche Vorstellungskraft überstieg.

Das Menschenpack fürchtet sich vor nichts mehr als dem Verstand. Vor der Dummheit sollten sie sich fürchten, wenn sie begriffen, was fürchterlich ist.

Goethe

Als Dr. Gustav Oppermann an diesem 16. November, seinem fünfzigsten Geburtstag, erwachte, war es lange vor Sonnenaufgang. Das war ihm unangenehm. Denn der Tag wird anstrengend werden, und er hatte sich vorgenommen, gut auszuschlafen.

Von seinem Bett aus unterschied er ein paar karge Baumwipfel und ein Stück Himmel. Der Himmel war hoch und klar, kein Nebel war da wie sonst oft im November.

Er streckte und dehnte sich, gähnte. Riß, nun er einmal wach war, mit Entschluß die Decke des breiten, niedrigen Bettes zurück, schwang elastisch beide Beine heraus, stieg aus der Wärme der Laken und Decken in den kalten Morgen, ging hinaus auf den Balkon.

Vor ihm senkte sich sein kleiner Garten in drei Terrassen hinunter in den Wald, rechts und links hoben sich waldige Hügel, auch jenseits des ferneren, baumverdeckten Grundes stieg es nochmals hügelig und waldig an. Von dem kleinen See, der unsichtbar links unten lag, von den Kiefern des Grunewalds wehte es angenehm kühl herauf. Tief und mit Genuß, in der großen Stille vor dem Morgen, atmete er die Waldluft. Fernher kam gedämpft das Schlagen einer Axt; er hörte es gern, das gleichmäßige Geräusch unterstrich, wie still es war. Gustav Oppermann, wie jeden Morgen, freute sich seines Hauses. Wer, wenn er unvorbereitet hierher versetzt wurde, konnte ahnen, daß er nur fünf Kilometer von der Gedächtniskirche entfernt war, dem Zentrum des Berliner Westens? Wirklich, er hat sich für sein Haus den schönsten Fleck Berlins ausgesucht. Hier hat er jeden nur wünschbaren ländlichen Frieden und dennoch alle Vorteile der großen Stadt. Es sind erst wenige Jahre, daß er dies sein kleines Haus an der Max-Reger-Straße gebaut und eingerichtet hat, aber er fühlt sich verwachsen mit Haus und Wald, jede von den Kiefern ist ein Stück von ihm; er, der kleine See und die sandige Straße dort unten, die glücklicherweise für Autos gesperrt ist, das gehört zusammen.

Er stand eine Weile auf dem Balkon, den Morgen und die vertraute Landschaft ohne viel Gedanken einatmend. Dann begann er zu frösteln. Freute sich, daß er bis zu seinem täglichen Morgenritt noch eine kleine halbe Stunde Zeit hatte. Kroch zurück in die Wärme seines Bettes.

Allein er fand keinen Schlaf. Dieser verdammte Geburtstag. Es wäre doch klüger gewesen, er wäre von Berlin fortgereist und hätte sich dem ganzen Trubel entzogen.

Nun er einmal hier war, hätte er wenigstens seinem Bruder Martin den Gefallen tun können, heute ins Geschäft zu gehen. Die Angestellten, wie sie schon sind, werden gekränkt sein, daß er ihre Glückwünsche nicht persönlich entgegennimmt. Ach was. Es ist zu ungemütlich, dazuhocken und sich die verlegenen Glückwünsche der Leute anzuhören.

Ein richtiger Seniorchef müßte so was freilich in Kauf nehmen. Seniorchef. Quatsch. Martin ist nun einmal der beßre Geschäftsmann, von Schwager Jacques Lavendel und den Prokuristen Brieger und Hintze ganz zu schweigen. Nein, es ist schon richtiger, daß er sich dem Geschäft so fern wie möglich hält.

Gustav Oppermann gähnt geräuschvoll. Ein Mann in seiner Situation hätte eigentlich die verdammte Pflicht, an seinem fünfzigsten Geburtstag besser aufgelegt zu sein. Sind diese fünfzig Jahre nicht gute Jahre gewesen? Da liegt er, Besitzer eines schönen, seinem Geschmack angepaßten Hauses, eines stattlichen Bankkontos, eines hochwertigen Geschäftsanteils, Liebhaber und geschätzter Kenner von Büchern, Inhaber des Goldenen Sportabzeichens. Seine beiden Brüder und seine Schwester mögen ihn, er hat einen Freund, dem er vertrauen kann, zahllose erfreuliche Bekannte, Frauen, soviel er will, eine liebenswerte Freundin. Was denn? Wenn einer Ursache hat, an einem solchen Tag guter Laune zu sein, dann er. Warum, verflucht noch eins, ist, er’s nicht? Woran liegt es?

Gustav Oppermann schnaubt verdrießlich, wirft sich auf die andere Seite, klappt entschlossen die schweren Lider über die Augen, hält den großen, fleischigen, männlichen Kopf unbewegt auf dem Kissen. Er wird jetzt schlafen. Aber der ungeduldige Entschluß nützt nichts, er findet keinen Schlaf.

Er lächelt spitzbübisch, jungenhaft. Er wird es mit einem Mittel versuchen, das er seit seiner Jugend nicht angewandt hat. Es geht mir gut, besser, am besten, denkt er. Und immer wieder mechanisch: Es geht mir gut, besser, am besten. Wenn er das zweihundertmal gedacht hat, wird er eingeschlafen sein. Er denkt es dreihundertmal und ist nicht eingeschlafen. Dabei geht es ihm doch wirklich gut. Gesundheitlich, wirtschaftlich, seelisch. Er hat, das darf er wohl sagen, mit seinen fünfzig Jahren das Aussehen eines frühen Vierzigers. Und so fühlt er sich. Er ist nicht zu reich und nicht zu arm, nicht zu weise und nicht zu töricht. Leistungen? Der Dichter Gutwetter wäre nie durchgedrungen ohne ihn. Das ist schon einiges. Auch dem Dr. Frischlin hat er auf die Beine geholfen. Was er selber publiziert hat, die paar Schriften über Männer und Bücher des achtzehnten Jahrhunderts, es sind saubere Bücher eines musischen Menschen, nicht mehr, er macht sich nichts vor. Immerhin, für den Seniorchef eines Möbelhauses ist es allerhand. Er ist ein Mann mittleren Formats, ohne besondere Begabung. Das Mittlere ist das Beste. Er ist nicht ehrgeizig. Oder doch nicht sehr.

Noch zehn Minuten, dann endlich kann er sich für den Morgenritt fertigmachen. Er malmt ein wenig mit den Zähnen, er hat die Augen geschlossen, aber er denkt nicht mehr an Schlaf. Um ganz ehrlich zu sein, es bleibt ihm natürlich noch allerhand zu wünschen. Wunsch eins: Sybil ist eine Freundin, um die viele ihn mit Recht beneiden. Die schöne, gescheite Ellen Rosendorff mag ihn lieber, als er um sie verdient. Trotzdem: wenn heute ein bestimmter Brief einer bestimmten Person nicht einträfe, es wäre ihm eine arge Enttäuschung. Wunsch zwei: er rechnet natürlich nicht damit, daß der Minerva-Verlag über seine Lessing-Biographie mit ihm Vertrag schließt. Es ist auch nicht wichtig, ob in Zeitläuften wie den jetzigen Leben und Werk eines Autors, der vor hundertfünfzig Jahren gestorben ist, noch einmal beschrieben wird oder nicht. Aber wenn der Minerva-Verlag das Buch ablehnt, wird es ihm dennoch einen Stich geben. Wunsch drei: …

Er hat die Augen aufgeschlagen, es sind braune, tiefliegende Augen. Er scheint doch nicht so zufrieden, so einverstanden mit dem Schicksal, wie er vor kaum einer Minute geglaubt hat. Senkrechte, scharfe Furchen über der kräftigen Nase, die dichten Brauen heftig zusammengezogen, starrt er angestrengt, finster, zur Decke. Merkwürdig, wie sein starkes Gesicht sogleich jede Wendung des ungeduldigen, oft wechselnden Sinnes widerspiegelt.

Er hat, wenn die Minerva-Leute den Lessing machen, mit der Fertigstellung noch mehr als ein Jahr zu tun. Machen sie ihn nicht, dann sperrt er das Manuskript, wie es ist, in die Schublade. Was dann soll er den Winter über tun? Er könnte nach Ägypten gehen, nach Palästina. Das hat er seit langem vor. Ägypten, Palästina muß man gesehen haben.

Muß man wirklich?

Quatsch. Wozu sich den schönen Tag mit solchen Betrachtungen verhunzen? Es ist gut, daß es endlich Zeit zum Morgenritt ist.

Er geht durch den kleinen Torgarten der Max-Reger-Straße zu. Sein Körper ist ein wenig füllig, aber gut trainiert, er geht mit steifen, raschen Schritten, mit ganzer Sohle auftretend, aber er trägt den schweren Kopf leicht. Der Diener Schlüter steht am Tor, gratuliert. Auch Bertha, Schlüters Frau, die Köchin, läuft heraus und gratuliert. Gustav, das Gesicht strahlend, dankt laut, herzlich, unter vielem Gelächter. Reitet fort. Er weiß, jetzt stehen sie, schauen ihm nach. Sie können nur konstatieren, daß er sich verdammt gut hält für einen Fünfziger. Er sieht übrigens zu Pferd besonders gut aus, größer, als er in Wirklichkeit ist; denn er ist ein bißchen kurzbeinig, aber von langem Oberkörper. Wie Goethe, pflegt sein Freund aus dem Bibliophilenverein, der Rektor François vom Königin-Luise-Gymnasium, mindestens einmal alle vier Wochen zu bemerken.

Gustav trifft unterwegs manche seiner Bekannten, grüßt mit fröhlichem Handwinken, hält sich nicht auf. Der Ritt tut ihm gut. Er kommt angeregt zurück. Sich abbrausen und baden ist eine herrliche Sache. Er brummt vergnügt und falsch einige nicht ganz leichte Melodien vor sich hin, prustet mächtig unter der Dusche. Frühstückt reichlich.

Er geht hinüber in das Bibliothekzimmer, durchquert es einige Male mit seinem steifen, schnellen Schritt, mit ganzer Sohle auftretend. Freut sich des schönen Raumes und seiner sinnvollen Einrichtung. Setzt sich endlich an den mächtigen Arbeitstisch. Die weiten Fenster bilden kaum eine Trennung von der Landschaft, er sitzt wie im Freien, und vor ihm, ein dicker Haufe, liegt seine Morgenpost, die Geburtstagspost.

Gustav Oppermann sieht seine Post immer mit einer kleinen, freudigen Neugier. Man hat, von früher Jugend an, viele Antennen in die Welt hinausgestreckt: wie reagiert sie? Das da ist Geburtstagspost, Gratulationen, was sonst? Dennoch hat er die leise Hoffnung, es könnte da, aus diesen vierzig oder fünfzig Briefen, vielleicht etwas Erregendes in sein Leben hineinkommen. Er läßt die Briefe zunächst uneröffnet, teilt sie auf nach den Absendern, den angegebenen und den vermuteten. Da, er verspürt eine kleine, jähe Erregung, ist der Brief von Anna, der Brief, den er erwartet hat. Er hält ihn eine ganz kurze Zeit in der Hand. Ein kleines, nervöses Augenzwinkern. Dann geht ein jungenhaftes Strahlen über sein Gesicht, er legt den Brief abseits, ziemlich weit weg, will sich, ein Kind, das die begehrteste Speise für zuletzt aufbewahrt, diesen Brief aufsparen. Er beginnt die anderen Briefe zu lesen. Glückwünsche. Sie gehen einem angenehm ein, aber sensationell sind sie nicht gerade. Er holt sich den Brief Annas wieder heran, wiegt ihn in der Hand, greift nach dem Brieföffner. Zögert. Ist schließlich froh, daß er durch einen Gast gestört wird.

Der Gast ist sein Bruder Martin. Martin Oppermann kommt auf ihn zu, ein wenig schwer von Schritt wie immer. Gustav liebt seinen Bruder und gönnt ihm alles Gute. Aber, das muß er doch im stillen feststellen, Martin, der zwei Jahre jüngere, sieht älter aus als er. Die Geschwister Oppermann sehen sich ähnlich, alle Welt sagt es, sicher ist es so. Martin hat den gleichen großen Kopf wie er, auch seine Augen liegen ziemlich tief in den Höhlen. Aber Martins Augen wirken etwas trüb, sonderbar schläfrig; alles an ihm ist schwerer, fleischiger.

Martin streckt ihm beide Hände hin. »Was soll man sagen? Ich kann dir nur wünschen, daß alles bleibt, wie es ist. Ich wünsche dir’s herzlich.« Die Oppermanns haben brummige Stimmen, sie zeigen, mit Ausnahme Gustavs, ihr Gefühl nicht gern, an Martin ist alles gehalten, würdig. Aber Gustav spürt gut die Herzlichkeit.

Martin Oppermann hat sein Geschenk mitgebracht. Der Diener Schlüter bringt es herein. Aus einem großen Paket schält sich ein Bild heraus, ein Porträt. Es ist ein Brustbild, oval. Über einem flachen Kragen, wie man ihn in den neunziger Jahren trug, sitzt auf einem ziemlich kurzen Hals ein großer Kopf. Der Kopf ist fleischig und hat über tiefliegenden, ein wenig schläfrigen Augen, den Augen der Oppermanns, eine schwere, vorgewölbte Stirn. Der Kopf wirkt schlau, nachdenklich, behaglich. Es ist der Kopf Immanuel Oppermanns, des Großvaters, Gründers des Möbelhauses Oppermann. So sah er aus, als er sechzig Jahre alt wurde, kurz nach der Geburt Gustavs.

Martin hat das Bild auf den großen Arbeitstisch gehoben und hält es da in seinen fleischigen, gepflegten Händen. Gustav, aus braunen, nachdenklichen Augen, schaut in die braunen, schlauen Augen seines Großvaters Immanuel. Nein, sehr bedeutend ist das Bild nicht. Es ist altmodisch, ohne viel Kunstwert. Dennoch hängen die vier Geschwister Oppermann an dem Bild, es ist ihnen seit früher Jugend lieb und vertraut, wahrscheinlich sehen sie mehr hinein, als darin ist. Gustav liebt die hellen Wände seines Hauses leer, es hängt im ganzen Haus ein einziges Bild, im Bibliothekzimmer; aber es war von je ein Lieblingswunsch von ihm, dieses Porträt des Großvaters Immanuel für sein Arbeitszimmer zu haben. Martin andernteils fand, es gehöre ins Chefkontor des Möbelhauses. Gustav, so gut er sich sonst mit Martin vertrug, hatte es ihm übelgenommen, daß er ihm das Bild verweigerte.

Jetzt also, voll Freude und Genugtuung, sah er auf das Bild. Er wußte, es hat Martin Opfer gekostet, sich davon zu trennen. Vielwortig, strahlend äußerte er seine Freude, seinen Dank.

Martin gegangen, rief er den Diener Schlüter und wies ihn an, das Bild aufzuhängen. Die Stelle dafür war längst vorbestimmt. Jetzt also, sogleich, wird es wirklich da hängen. Gustav wartete gierig darauf, daß Schlüter mit seiner Arbeit fertig sei. Endlich war es soweit. Arbeitszimmer, Bibliothek und das dritte Zimmer des Erdgeschosses, das Frühstückszimmer, gingen organisch ineinander über. Langsam, bedacht ließ Gustav seine Augen wandern von dem Porträt Immanuel Oppermanns, des Großvaters, seiner Vergangenheit, zu dem andern, bisher einzigen, Bild des Hauses, dem in der Bibliothek, dem Porträt Sybil Rauchs, seiner Freundin, seiner Gegenwart.

Nein, ein bedeutendes Werk war das Bild Immanuel Oppermanns wirklich nicht. Der Maler Alexander Joels, der es im Auftrag der Freunde Immanuel Oppermanns seinerzeit gemalt hatte, war damals grotesk überschätzt worden. Heute kennt ihn kein Mensch mehr. Aber was Gustav Oppermann an dem Bild liebte, war eben etwas anderes als der Kunstwert. Er und seine Geschwister erblickten in diesem seinem bekannten Porträt den Mann selbst und sein Werk.

An sich war das Lebenswerk dieses Immanuel Oppermann nichts Großes, es war Geschäft und Erfolg. Aber für die Geschichte der Berliner Judenheit war es mehr. Die Oppermanns saßen seit urdenklichen Zeiten in Deutschland. Sie stammen aus dem Elsaß. Sie waren dort kleine Bankiers gewesen, Kaufleute, Silber- und Goldschmiede. Der Urgroßvater der heutigen Oppermanns war aus Fürth in Bayern nach Berlin gezogen. Der Großvater, dieser Immanuel Oppermann, hatte in den Jahren 1870/71 für die in Frankreich operierende deutsche Armee ansehnliche Lieferungen durchgeführt; in einem Schreiben, das jetzt eingerahmt im Chefkontor des Möbelhauses Oppermann hing, bezeugte der schweigsame Feldmarschall Moltke Herrn Oppermann, daß dieser der deutschen Armee gute Dienste geleistet habe. Wenige Jahre darauf hatte Immanuel das Möbelhaus Oppermann gegründet, ein Unternehmen, welches Hausrat für den Kleinbürger herstellte und durch Standardisierung seiner Erzeugnisse seine Kundschaft preiswert bediente. Immanuel Oppermann liebte seine Kunden, tastete sie ab, lockte ihre verborgenen Wünsche aus ihnen heraus, schuf ihnen neue Bedürfnisse, erfüllte sie. Weithin erzählte man sich seine jovialen Witze, die gesunden Berliner Menschenverstand mit seinem persönlichen, wohlwollenden Skeptizismus behaglich mischten. Er wurde eine populäre Figur in Berlin und bald über Berlin hinaus. Es war keine Überheblichkeit, wenn später die Brüder Oppermann sein Porträt zur Handelsmarke des Möbelhauses machten. Durch seine feste, vielfältige Verknüpfung mit der Bevölkerung trug er dazu bei, die Emanzipation der deutschen Juden aus papierenen Paragraphen in eine Tatsache zu verwandeln, Deutschland den Juden zu einer wirklichen Heimat zu machen.

Der kleine Gustav hatte seinen Großvater noch gut gekannt. Dreimal in der Woche war er in seiner Wohnung gewesen, in der Alten Jacobstraße, im Zentrum Berlins. Das Bild des ziemlich feisten Herrn, wie er behaglich in seinem schwarzen Ohrensessel saß, Käppchen auf dem Kopf, ein Buch in der Hand oder auf dem Schoß, oft ein Glas Wein neben sich, hatte sich dem Jungen tief eingeprägt, Respekt einflößend und zugleich Vertraulichkeit. Er fühlte sich in der Wohnung des Großvaters fromm und dennoch heimelig. Ungehindert durfte er hier in der riesigen Bibliothek herumkramen; hier hatte er gelernt, Bücher zu lieben. Der Großvater ließ es sich nicht verdrießen, ihm, was er an den Büchern nicht verstand, auszuklären, schlau aus seinen schläfrigen Augen blinzelnd, zweideutig, daß man nie wußte, war es Spaß oder Ernst. Niemals später hatte Gustav so deutlich begriffen, daß, was in diesen Büchern stand, Lüge war und dennoch wahrer als die Wirklichkeit. Fragte man den Großvater, dann erhielt man Antworten, die von anderem zu handeln schienen als die Frage; aber zuletzt erwiesen sie sich doch als Antworten, ja als die einzig richtigen.

Gustav Oppermann, wie er jetzt vor dem Bilde stand, dachte nichts von alledem. Aber er sah alles in dem Bild. In den gemalten Augen war so viel von der gutmütigen, hinterhältigen Weisheit des Alten, daß sich Gustav davor klein und doch geborgen fühlte.

Vielleicht war es nicht gut für das andere Bild, für das Bild im Arbeitszimmer, für das Porträt Sybil Rauchs, daß es jetzt diese Entsprechung bekam. Keine Frage, André Greid, der Maler dieses Porträts, war dem alten, simplen Alexander Joels an Kunst und Technik zehnmal überlegen. Auf seinem Bild war viel weiße Fläche; er hatte gewußt, daß das Bild an dieser hellen Wand hängen sollte, und hatte die ganze Wand als Hintergrund mitwirken lassen. Aus dieser hellen Wand heraus trat nun scharf, eigenwillig Sybil Rauch. Dünn, entschieden stand sie da, das eine Bein leicht vorgesetzt. Auf langem Hals hob sich lang der Kopf, unter einer hohen, schmalen, eigensinnigen Stirn schauten eigensinnige Kinderaugen, die Jochbogen prägten sich stark. Das lange Untergesicht wich zurück und endete in einem kindlichen Kinn. Es war ein Bild ohne Kompromisse, ein sehr deutliches Bild; »bis zur Karikatur deutlich«, maulte Sybil Rauch, wenn sie schlechter Laune war. Aber das Porträt unterschlug auch nichts von dem, was einen an Sybil Rauch anzog. Trotz ihrer unverkennbaren dreißig Jahre schaute die Frau auf dem Bild kindlich aus, dabei gescheit und eigenwillig. Eigennützig, dachte Gustav Oppermann, unter dem Einfluß des andern Bildes.

Es waren jetzt zehn Jahre, daß Gustav Sybil kennengelernt hatte. Sie war damals Tänzerin gewesen, mit vielen Einfällen, wenig Rhythmus, nicht ohne Erfolg. Sie hatte Geld, sie lebte angenehm, von einer lebensklugen, duldsamen Mutter verhätschelt. Der süddeutsche, naive Witz des zierlichen Mädchens, der so sonderbar kontrapunktiert war von ihrer dünnen, altklugen Gescheitheit, hatte Gustav angezogen. Sie fühlte sich geschmeichelt durch die offensichtliche Neigung des gefestigten, angesehenen Herrn. Rasch entstand zwischen dem Mädchen und dem zwanzig Jahre älteren Mann eine große, ungewöhnliche Vertrautheit. Er war ihr Liebhaber und Onkel zugleich. Er hatte Sinn für jede ihrer Launen, ihm konnte sie sich rückhaltlos eröffnen, seine Ratschläge waren überlegt, verständig. Er hatte ihr auf behutsame Art beigebracht, daß ihr Getanze bei ihrem Mangel an Musik nie zu wirklichen, inneren Erfolgen führen könne. Sie begriff das, sattelte rasch entschlossen um, bildete sich unter seiner Leitung zur Schriftstellerin aus. Sie wußte sich persönlich, farbig auszudrücken, ihre Stimmungsbilder und kleinen Geschichten wurden von den Zeitungen gern gedruckt. Als in den Wandlungen der deutschen Wirtschaft ihr Vermögen wegschmolz, konnte sie von dem Ertrag ihrer Schriftstellerei ihren Lebensunterhalt zum guten Teil bestreiten. Gustav, selber ohne schöpferisches Talent, aber ein guter Kritiker, unterstützte sie mit beflissenem, verständigem Rat; auch verhalfen ihr seine zahlreichen Beziehungen zu einem guten Markt. Sie hatten oft daran gedacht, zu heiraten, sie wohl heftiger als er. Aber sie begriff, daß er es vorzog, ihre Verbindung nicht durch eine Legalisierung zu versteifen. Alles in allem waren es zehn gute Jahre gewesen, für sie und für ihn.

Gute Jahre? Sagen wir, angenehme Jahre, dachte Gustav Oppermann, das gescheite, liebenswerte, eigenwillige Kind auf dem Bild beschauend.

Und plötzlich war der Brief wieder da, der ungeöffnete Brief auf dem großen Schreibtisch, Annas Brief. Mit Anna wären es keine zehn angenehmen Jahre geworden. Es wären Jahre voller Streit und Aufregung geworden. Aber andernteils, wenn er mit Anna zusammen gewesen wäre, hätte er sich heute morgen schwerlich zu fragen brauchen, was er, falls sie seine Lessing-Biographie ablehnen, mit seinem Winter anfangen soll. Er hätte dann um Was und Wohin genau gewußt, er hätte dann wahrscheinlich so viele Aufgaben gehabt, daß er gestöhnt hätte, man möge ihn nicht mit dem Lessing in Versuchung führen.

Nein, er haßt diese wilde Zappelei, wie er sie an vielen seiner Freunde wahrnimmt. Er liebt seinen anständigen beschäftigten Müßiggang. Es ist gut, in seinem schönen Haus zu sitzen, mit seinen Büchern, mit gesichertem Einkommen, vor den Kiefernhügeln des Grunewalds. Es ist gut, daß er damals nach zwei Jahren mit Anna Schluß gemacht hat.

Hat er Schluß gemacht oder sie? Es ist nicht leicht, sich in der Historie des eigenen Lebens durchzufinden. Soviel ist gewiß, er würde es vermissen, wenn Anna ganz aus seinem Leben verschwände. Es bleibt freilich immer Bitterkeit zurück, wenn sie sich treffen. Anna ist so streitbar. Sie hat eine so unumwundene, scharfe Art, jeden Fehler, jede kleinste Schwäche zu charakterisieren. Sooft er mit ihr zusammenkommen soll, selbst vor jedem ihrer Briefe, hat er ein Gefühl, als habe er vor Gericht zu erscheinen.

Er hält den Brief in der Hand, greift zum Öffner, schlitzt ihn auf, mit einem Schnitt. Die dichten Brauen heftig zusammengezogen, senkrechte, scharfe Furchen über der starken Nase, das ganze, große Gesicht gespannt, liest er.

Anna gratuliert, in wenigen Worten, herzlich. Mit ihrer schönen, gleichmäßigen Schrift teilt sie ihm mit, sie habe ihren Urlaub auf Ende April gelegt und werde diese vier Wochen gerne mit ihm verbringen. Wenn er sie treffen wolle, bitte sie um Vorschläge, wo.

Gustavs Gesicht entpannt sich. Er hat Angst vor diesem Brief gehabt. Es ist ein guter Brief. Anna hat kein leichtes Leben. Sie ist Direktionssekretärin der Stuttgarter Elektrizitätswerke, sehr in ihre Arbeit eingespannt, ihr Privatleben drängt sich auf die vier Wochen Urlaub zusammen. Daß sie ihm diese vier Wochen anbietet, beweist, daß sie ihn nicht aufgegeben hat.

Er liest den Brief ein zweites Mal. Nein, Anna hält ihn nicht für abgetan, sie sagt ja zu ihm. Er brummt, falsch und beflissen, die schwierige Melodie von heute morgen vor sich hin. Betrachtet, halb mit Bewußtsein, halb mechanisch, das Bild Immanuel Oppermanns. Ist innig vergnügt.

Martin Oppermann mittlerweile fuhr ins Geschäft. Gustavs Haus lag an der Max-Reger-Straße, an der Grenze von Grunewald und Dahlem. Das Stammhaus der Oppermanns liegt an der Gertraudtenstraße im Zentrum der Innenstadt. Chauffeur Franzke wird mindestens fünfundzwanzig Minuten brauchen. Wenn es gut geht, ist Martin um elf Uhr zehn im Büro; wenn er Pech mit den Ampeln hat, erst nach elf ein Viertel. Er hat Heinrich Wels auf elf Uhr bestellt. Martin Oppermann liebt es nicht, warten zu lassen. Und daß Heinrich Wels warten muß, ist ihm doppelt unangenehm. Die Unterredung wird ohnehin nicht erfreulich werden.

Martin Oppermann sitzt steif im Wagen, unangelehnt, in einer nicht eben schönen und natürlichen Haltung. Die Oppermanns sind schwer von Figur, Edgar, der Arzt, weniger, auch Gustav hat durch Training ein bißchen von dieser Schwere weggebracht. Martin hat keine Zeit für so was. Er ist Geschäftsmann, Familienvater, hat Verpflichtungen aller Art. Er sitzt aufrecht, den großen Kopf vorgestoßen, die Augen geschlossen.

Nein, die Unterredung mit Heinrich Wels wird nicht erfreulich werden. Es ist selten jetzt, daß man im Geschäft Erfreuliches erlebt. Er hätte Wels nicht warten lassen sollen. Er hätte das Bild Gustav am Abend übergeben können, bei dem Essen; es war nicht unbedingt notwendig, daß er es ihm morgens gebracht hat. Er liebt Gustav, doch mit Neid. Gustav hat es leicht, zu leicht. Auch Edgar, der Arzt, hat es leicht. Er, Martin, hat allein die Nachfolge Immanuel Oppermanns übernehmen müssen. Es ist in diesen Zeiten der Krise und des ansteigenden Antisemitismus verdammt schwer, diese Nachfolge würdig zu repräsentieren. Martin Oppermann nahm den steifen Hut ab, strich sich durch das schüttere, schwarze Haar, seufzte leicht. Er hätte Heinrich Wels nicht warten lassen sollen.

Man war an dem menschenwimmelnden Dönhoffplatz. Gleich wird man, endlich, angelangt sein. Da war schon das Haus. Eingepreßt zwischen andern stand es, eng, altmodisch, aber fest, vor langer Zeit auf lange Zeit gebaut, Vertrauen weckend. Der Wagen passierte die vier großen Schaufenster, hielt am Hauptportal. Martin wäre gern schnell herausgesprungen, aber er bezwang sich, er hielt auf Würde. Der alte Türsteher Leschinsky nahm Haltung an, bevor er die Drehtür in Bewegung setzte. Martin Oppermann rührte mit einem Finger den Hut wie jeden Tag. August Leschinsky war nun schon seit Immanuel Oppermann im Geschäft, er wußte Bescheid um jede Kleinigkeit. Er wußte bestimmt, daß Martin seinem Bruder Gustav zum fünfzigsten Geburtstag gratuliert hatte. Ob der Alte die Verspätung aus solchem Grunde billigte? Leschinskys Gesicht mit dem grauen, starren Schnurrbart war immer mürrisch, die Haltung des Mannes immer hölzern. Heute war er besonders stramm und steif: er billigte das Verhalten seines Chefs.

Martin war mit seinem Verhalten weniger einverstanden als sein Portier. Er fuhr hinauf in den dritten Stock, zu seinem Kontor. Benützte den rückwärtigen Eingang. Er wollte nicht sehen, wie Heinrich Wels saß und wartete.

An der Wand über seinem Schreibtisch hing, wie in allen Oppermann-Geschäften, das Porträt des alten Oppermann. Es gab ihm einen kleinen Stich, daß es nun nicht mehr das Original war, sondern eine Kopie. Natürlich war es im Grunde gleichgültig, ob das Original hier hing oder bei Gustav. Gustav hatte sicherlich mehr Verständnis dafür, er hatte ja mehr Zeit, es hing besser bei ihm, und im Grunde hatte Gustav wohl auch den besseren Anspruch. Dennoch war es unbehaglich, daß er von nun an nicht mehr das Original vor Augen haben sollte.

Die Sekretärin kam. Post, die die Prokuristen ihm schickten. Unterschriften. Bitten um Telefonanrufe. Ja, und dann, Herr Wels wartete. Er ist auf elf Uhr bestellt. »Ist Herr Wels schon lange da?« – »Eine kleine halbe Stunde.« – »Bitten Sie ihn herein.«

Martin Oppermann saß immer in Haltung da, er brauchte sich nicht zurechtzusetzen, aber er war heute nicht gut in Form für diese Unterredung. Er hatte sich den Bescheid, den er Wels geben wollte, sorgfältig zurechtgelegt, hatte alles mit seinen Prokuristen Brieger und Hintze durchgesprochen. Aber es galt, Wels nicht zu verstimmen, es kam auf Nuancen an, es war ein Unglück, daß er Wels hatte warten lassen.

Die Sache war die. Im Anfang hatte Immanuel Oppermann die Möbel, die er verkaufte, nicht selbst hergestellt, sondern sie von Heinrich Wels sen. herstellen lassen, einem jungen, zuverlässigen Handwerker. Als man die Berliner Filialen gründete, die in Steglitz und die in der Potsdamer Straße, wurde die Zusammenarbeit mit Wels schwieriger. Wels war zuverlässig, aber er war gezwungen, zu teuer zu arbeiten. Bald nach dem Tode Immanuel Oppermanns begann man auf Betreiben Siegfried Briegers, des jetzigen Prokuristen, einen Teil der Möbel in billigeren Fabriken herstellen zu lassen, und als die Leitung des Geschäftes an Gustav und Martin übergegangen war, gründete man eine eigene Fabrik. Für gewisse schwierigere Arbeiten, für Einzelstücke, zog man die Welsschen Werkstätten nach wie vor heran: aber den Hauptbedarf des Möbelhauses Oppermann, das sich mittlerweile eine weitere Berliner und fünf Provinzfilialen angegliedert hatte, lieferten jetzt die eigenen Werkstätten.

Heinrich Wels jun. sah diese Entwicklung mit Erbitterung. Er war ein paar Jahre älter als Gustav, fleißig, solid, eigenwillig, langsam. Er gliederte seinen Werkstätten Verkaufsläden an. Musterbetriebe, mit größter Sorgfalt geführt, um gegen die Oppermanns aufzukommen. Aber er kam nicht gegen sie auf. Seine Preise konnten mit denen der standardisierten Oppermann-Möbel nicht konkurrieren. Den Namen Oppermann kannten zahllose Leute, die Fabrikmarke der Oppermanns, das Porträt Immanuels, drang in die äußerste Provinz, der biedere, altmodische Text der Oppermannschen Inserate: »Wer bei Oppermann kauft, kauft gut und billig«, war geflügeltes Wort. Überall im Reich arbeiteten Deutsche an Oppermannschen Tischen, aßen von Oppermannschen Tischen, saßen auf Oppermannschen Stühlen, schliefen in Oppermannschen Betten. In Welsschen Betten schlief man wahrscheinlich behaglicher, und Welssche Tische waren dauerhafter gearbeitet. Aber man zog es vor, weniger Geld anzulegen, selbst wenn die erstandenen Dinge vielleicht ein bißchen weniger solid waren. Das begriff Heinrich Wels nicht. Das wurmte ihn in seinem Handwerkerherzen. War der Sinn für Solidität in Deutschland ausgestorben? Sahen diese irregeführten Käufer nicht, daß an seinem, Wels’, Tisch ein Mann achtzehn Stunden gearbeitet hatte, während das Oppermannsche Zeug Fabrikware war? Sie sahen es nicht. Sie sahen nur, bei Wels kostete ein Tisch vierundfünfzig Mark und bei Oppermann vierzig, und sie gingen hin und kauften bei Oppermann.

Heinrich Wels verstand die Welt nicht mehr. Seine Erbitterung stieg.

In den letzten Jahren allerdings wurde es besser. Eine Bewegung brach sich Bahn, die die Erkenntnis verbreitete, daß das Handwerk dem deutschen Volkscharakter besser entsprach als der normalisierte internationale Fabrikbetrieb. Nationalsozialistisch nannte sich diese Bewegung. Sie sprach aus, was Heinrich Wels längst gespürt hatte, daß nämlich die jüdischen Warenhäuser und ihre gerissenen Verkaufsmethoden schuld daran waren an Deutschlands Niedergang. Heinrich Wels schloß sich der Bewegung von ganzem Herzen an. Er wurde Distriktsvorstand der Partei. Erfreut sah er, wie die Bewegung Boden gewann. Zwar kauften die Leute noch immer lieber die billigeren Tische, aber wenigstens schimpften sie dabei auf die Oppermanns. Auch erreichte die Partei, daß den Großgeschäften höhere Auflagen gemacht wurden, so daß die Oppermanns allmählich für die Tische, für die Wels vierundfünfzig Mark verlangte, statt vierzig Mark sechsundvierzig fordern mußten.

In allen neun Oppermannschen Häusern liefen judenfeindliche Schreiben in Massen ein, judenfeindliche Inschriften wurden des Nachts an den Schaufenstern angebracht, alte Kunden sprangen ab. Man mußte die Preise mindestens zehn Prozent niedriger halten als der nichtjüdische Konkurrent; hielt man sie nur fünf Prozent niedriger, dann gab es Leute, die zum Christen gingen. Die Behörden schikanierten unter dem Druck der wachsenden nationalsozialistischen Partei immer mehr. Heinrich Wels hatte den Vorteil. Die Differenz zwischen dem Preis seiner Erzeugnisse und dem der Oppermanns verringerte sich.

Bei alledem hielt das Möbelhaus Oppermann nach wie vor äußerlich die guten Beziehungen zum Hause Wels aufrecht. Ja, unter dem Einfluß Jacques Lavendels und Prokurist Briegers legte man Wels nahe, Vorschläge zu machen, die auf eine Fusion der beiden Firmen oder wenigstens auf engere Zusammenarbeit hinzielten. Kam eine solche Transaktion zustande, dann war der Firma Oppermann das Odium des jüdischen Hauses genommen; auch wurden ihr gegenüber, war erst Wels beteiligt, gewisse behördliche Maßnahmen bestimmt sehr milde gehandhabt.

Als die Oppermanns Heinrich Wels überflügelten, hatte das seinen persönlichen Ehrgeiz noch viel mehr getroffen als seine Profitgier. Er strahlte, als jetzt seine Werkstätten immer mehr Boden gewannen. Nun hatte er gar, nach ein paar mündlichen Tastversuchen Prokurist Briegers, ein sehr höfliches Schreiben der Firma Oppermann bekommen, man habe gehört, er habe der Firma gewisse Vorschläge zu machen, die auf eine noch angenehmere Verbindung hinzielten als bisher. Die Firma sei daran sehr interessiert und bitte ihn, sich zu persönlicher Fühlungnahme am 16. November um elf Uhr im Chefkontor des Hauses in der Gertraudtenstraße einzufinden.

Da saß also Heinrich Wels im Vorzimmer des Oppermannschen Kontors und wartete. Er war ein stattlicher Mann, offenes, hartes Gesicht, starke Falten in der breiten Stirn. Er war ein rechtlicher Mann, und er war für Genauigkeit. Wer war nun eigentlich an den andern herangetreten? Bei einer Sitzung des Verbands der Möbelfabrikanten hatte Prokurist Brieger ihm von den wachsenden Schwierigkeiten seines Hauses gesprochen. Brieger hatte ihm gewisse Fragen geradezu suggeriert. Es war nicht mehr recht zu entwirren, wer an wen herangetreten war. Wie immer, hier saß er mit einem Vorschlag, der für ihn nicht ungünstig war, aber wahrscheinlich noch viel vorteilhafter für den Partner.

Die andern wollten das offenbar nicht wahrhaben. Er sah auf die Uhr. Er war Reserveoffizier gewesen, während des ganzen Krieges an der Front, hatte beim Militär Pünktlichkeit gelernt. Er war einige Minuten vor elf gekommen. Jetzt saß er da, und das hochnäsige Pack ließ ihn warten. Elf Uhr zehn. Sein hartes Gesicht verfinsterte sich. Wenn sie ihn weitere zehn Minuten warten lassen, dann haut er ab, dann sollen sie sich ihren Dreck alleine machen.

Mit wem er wohl zu tun haben wird? Heinrich Wels ist kein Menschenkenner, aber er weiß genau, wo im Haus Oppermann die Leute sitzen, die für sein Projekt zu haben sind, und wo die Gegner. Gustav und Martin Oppermann sind von unerträglichem, echt jüdischem Hochmut, mit ihnen ist kaum auszukommen. Prokurist Brieger ist eine ganze Synagoge, aber mit ihm kann man reden. Wahrscheinlich werden sie fünf oder sechs Mann hoch dasitzen, vielleicht auch haben sie ihren Syndikus bestellt. Leicht machen werden sie es ihm bestimmt nicht, er wird allein gegen die fünf- oder sechsfache Überzahl zu kämpfen haben. Trotz alledem. Er wird es schon schaffen.

Elf Uhr zwanzig. Fünf Minuten wartet er noch. Sie lassen ihn da sitzen, bis er anwächst. Fünf Minuten noch, dann betrachtet er seine Vorschläge als verjährt, und dann lecken Sie mich am Arsch, meine Herren.

Elf Uhr fünfundzwanzig. Er kann jetzt die Nummer des »Möbelhändlers«, die auf dem Tisch liegt, auswendig. Die im Kontor scheinen ja mächtig lange zu beraten. Ist das ein gutes Zeichen? Sekretärin ist auch keine da, die er hinausschicken könnte. Es ist eine Affenschande. Aber er wird’s ihnen heimzahlen.

Elf Uhr sechsundzwanzig. Man bittet ihn hinein.

Martin Oppermann ist allein. Es wäre Herrn Wels plötzlich lieber, er hätte mit fünfen oder sechsen zu tun. Dieser Martin ist der schlimmste. Mit dem wird man am schwersten fertig.

Martin Oppermann stand auf, als Herr Wels eintrat. »Ich bitte sehr um Entschuldigung«, sagte er höflich, »daß ich Sie warten ließ.« Eigentlich hatte er vor, noch höflicher zu sein und den Grund seiner Verspätung anzuführen. Aber das harte, große Gesicht des Wels stieß ihn ab wie immer, er unterließ es.

»Leider ist heute Zeit das einzige«, erwiderte Herr Wels mit seiner düsteren, knarrenden Stimme, »worüber ein Geschäftsmann im Überfluß verfügen kann.«

Ernsthaft und gesammelt aus seinen schläfrigen Augen schaute Martin Oppermann auf den groß dasitzenden Mann. Er bemühte sich, seine Stimme so artig wie möglich zu machen. »Ich habe Ihre Vorschläge lang und reiflich überlegt, verehrter Herr Wels«, sagte er. »Wir sind im Prinzip geneigt, diesen Vorschlägen näherzutreten, trotzdem wir viele Bedenken haben. Unsere Bilanzen sind besser als die Ihren, Herr Wels, aber ich sag es Ihnen offen, befriedigend sind sie nicht. Sie sind unbefriedigend.« Er sah Herrn Wels nicht an, er schaute hinauf zu dem Bild Immanuel Oppermanns und bedauerte, daß es eine Kopie war. Sein Ton war nicht richtig diesem bitteren, gekränkten Manne gegenüber. Man war heute noch nicht genötigt, sich mit Wels zu verständigen, die politische Situation schien ruhig, wahrscheinlich wird man es auch in Monaten und in Jahren nicht sein. Aber Sicherheit war keine gegeben, Vorsicht war geboten, die einzig mögliche Taktik war, Wels hinzuhalten, ihn in guter Stimmung zu halten. Seine, Martins, Art war heute nicht die rechte für eine solche Unterredung; der alte Immanuel hätte es sicher besser verstanden, den hölzernen, harten Menschen anzufassen.

Auch Herr Wels war unzufrieden. So kam man nicht weiter. »Es steht bei mir nicht gut«, sagte er, »und es steht bei Ihnen nicht gut. Unter uns Pfarrerstöchtern können wir uns das ja ruhig sagen.« Er verzog den harten Mund zu einem Lächeln, die scherzhafte Wendung, von seiner dumpfen Stimme vorgebracht, klang doppelt düster.

Man ging ins Detail. Martin zog seinen Zwicker heraus, den er sehr selten benutzte, putzte daran herum. Herr Oppermann konnte wirklich Herrn Wels heute schwer ertragen, und Herr Wels schwer Herrn Oppermann. Einer fand den andern anmaßend, die Konferenz war für beide eine Quälerei. Herr Wels fand, daß es den Oppermanns nicht ernst sei. Worauf sie sich einlassen wollten, war ein Versuch, der sie zu wenig verpflichtete; sie wollten eine der Berliner und eine der Provinzfilialen mit zwei entsprechenden Welsschen Unternehmungen fusionieren. Daran war Herr Wels uninteressiert. Ging die Geschichte schief, dann hatten die Oppermanns zwei von ihren acht Filialen verloren, das konnten sie verschmerzen; er aber hatte dann zwei von seinen drei Filialen verloren und war erledigt.

»Ich sehe, ich habe mich getäuscht«, sagte sauer Herr Wels. »Ich dachte an Verständigung. An einen Waffenstillstand«, verbesserte er sich mit einem dünnen, grimmigen Lächeln. Der schwere Martin Oppermann versicherte höflich, geschmeidig, er denke gar nicht daran, die Verhandlungen als gescheitert zu betrachten. Er sei sicher, wenn man sich nur mehrmals eingehend aber die Materie unterhalte, werde man sich verständigen.

Herr Wels zuckte die Achseln. Er hatte sich eingeredet, die Oppermanns seien am Ende. Jetzt stellte sich heraus, daß sie ihn für erledigt hielten, nicht sich. Ihn wollten sie mit einem Häppchen abspeisen, und das richtige Menü für sich alleine fressen. Er ging düster, im Zorn.

Daß sie sich man nicht schneiden, die Herren, dachte er, während er im Aufzug hinunterfuhr. Er dachte es nicht nur, er sagte es leise vor sich hin. Der Liftboy sah den finstern Mann erstaunt an.

Martin, nach der Unterredung, saß an seinem großen Schreibtisch. Die höfliche, zuversichtliche Miene fiel ab von ihm, kaum daß Wels gegangen war. Er hat sein Ziel nicht erreicht. Er hat eine Pleite gemacht. Verdrossen saß er, unzufrieden mit sich.

Er bat die Prokuristen Siegfried Brieger und Karl Theodor Hintze ins Kontor. »Nu, sind Sie mit dem Gewittergoi fertig geworden?« schoß Siegfried Brieger sogleich los, nach flüchtigem Gruß. Der kleine, quicke Herr, Anfang der Sechzig, mager, heftig, betont jüdisch von Aussehen, zog sich einen Stuhl ganz nah an seinen Chef heran; die große Nase über dem starken, schmutzig-grauen Schnurrbart schnupperte. Karl Theodor Hintze hingegen blieb in gemessenem Abstand stehen, gehalten, die formlose Hast des Kollegen sichtlich mißbilligend.

Karl Theodor Hintze mißbilligte alles, was Herr Brieger tat, und Herr Brieger verulkte alles, was Karl Theodor Hintze tat. Karl Theodor Hintze war während des Krieges Führer der Kompanie gewesen, in der Brieger als gemeiner Landsturmmann diente. Das Verhältnis war schon damals zwischen beiden das gleiche, und schon damals wußten beide, wie sehr sie aneinander hingen. Als es dann nach beendetem Krieg dem feinen Herrn Hintze dreckig ging, hatte Herr Brieger ihn im Möbelhaus Oppermann untergebracht. Von ihm angelernt, war der zäh arbeitende, zuverlässige Mensch rasch hochgeklettert.

Martin Oppermann erstattete seinen beiden Herren Bericht. Die drei kannten einander, jeder jeden, das Resultat der Unterredung war vorauszusehen gewesen; niemand hatte geglaubt, daß Wels annehmen werde. Die Frage war nur der Verlauf. Nach dem Bericht Martins wußten alle, es wäre klüger gewesen, man hätte Herrn Brieger mit Herrn Wels verhandeln lassen. Brieger hätte Wels noch weniger bieten können als Oppermann, und Wels wäre trotzdem befriedigter gegangen.

Was jetzt zu geschehen hatte, war klar. Man mußte Wels zeigen, daß man auch ohne seine Hilfe den Oppermannschen Geschäften das Odium des Jüdischen nehmen konnte. Eine solche Erfahrung wird ihn gefügiger machen. Die augenblickliche politische Ruhe war die beste Gelegenheit, notwendige, längst erwogene Schritte zu tun.

Man mußte nur die jüdische Firma Oppermann in eine Aktiengesellschaft mit neutralem, unverdächtigem Namen umwandeln. Andere jüdische Firmen hatten mit solchen Namensänderungen gute Erfahrungen gemacht. Es kam vor, daß Käufer, die eine bestimmte jüdische Firma boykottieren wollten, ihren Bedarf bei solch einer anonymen nichtjüdischen Gesellschaft deckten, die in Wahrheit nichts war als eine Tochtergesellschaft des gehaßten jüdischen Hauses. Da Wels nicht mitmachte, konnten die Oppermanns alleine eine Aktiengesellschaft Deutsche Möbelwerke gründen und vorerst eine der Berliner und eine der Provinzfilialen in dieser Gesellschaft vereinigen.

Das war technisch leicht zu machen, versprach Erfolg, war das Gegebene. Trotzdem kostete es Entschluß. Deutsche Möbelwerke, was war das? Ein Neutrales, Allgemeines, nichtssagend wie ein Eisenbahnwaggon. Möbelhaus Oppermann hingegen, das war nicht zu trennen von dem Porträt Immanuel Oppermanns, von dem schweren, würdigen Martin, von dem quicken, großnasigen Herrn Brieger. Die Filiale Berlin-Steglitz und die Filiale Breslau als Deutsche Möbelwerke von sich zu trennen, hieß sich einen Finger amputieren oder eine Zehe. Aber mußte man das nicht, um das Ganze zu retten? Man mußte es.

Hatte man sich einmal entschlossen, dann galt es, rasch zu handeln. Martin wird die andern Oppermanns verständigen und sich noch heute mit Professor Mühlheim ins Benehmen setzen, dem Syndikus der Oppermanns.

Allein, stützte Martin beide Arme schwer auf die Lehne seines Stuhls, ließ die Schultern fallen. Vielleicht wäre es doch richtig, jeden Morgen etwas Gymnastik zu treiben, wie seine Frau ihm riet. Achtundvierzig sind kein Alter, aber wenn man sich nicht vorsieht, ist man in zwei Jahren ein alter Mann. Gustav hat erfreulich jung und frisch ausgesehen. Gustav hat es leicht. Wirksam zu trainieren, das kostet mindestens fünfundzwanzig Minuten jeden Morgen. Wo soll er, Martin, diese fünfundzwanzig Minuten hernehmen?

Er richtete sich auf, atmete, griff nach seiner Post. Nein. Das ist nicht so wichtig. Das Schwierige zuerst, so hat er es immer gehalten. Gustav wird er den heutigen Tag nicht verderben. Daß Gustav Einwände haben wird, ist ausgeschlossen. Er wird seufzen, einige Anmerkungen allgemein philosophischer Natur machen, unterzeichnen. Mit Edgar ist es noch einfacher. Am schwierigsten wird es mit Jacques Lavendel werden, seinem Schwager, dem Manne Klara Oppermanns. Einwände wird auch der nicht machen, im Gegenteil, der geschäftskundige Mann hat schon seit langem auf Namensänderung gedrängt. Nur: Jacques Lavendels Art ist gar so geradezu. Martin hat nichts dagegen, daß man seine Meinung unumwunden heraussagt. Aber Jacques Lavendel ist ein bißchen zu unumwunden.

Er verlangt die beiden Telefonverbindungen, mit Professor Edgar Oppermann und mit Jacques Lavendel. Professor Oppermann, meldet die Sekretärin, ist in der Klinik. Natürlich, das ist er immer. Man wird ihn veranlassen, seinesteils anzurufen. Das wird er natürlich nicht; er hat viel zuviel mit seiner Klinik zu tun und ist viel zuwenig am Geschäft interessiert. Wie immer, ihm gegenüber hat Martin seine Pflicht getan.

Jetzt ist Jacques Lavendel am Apparat. Er macht niemals Umstände. Mit seiner etwas heiseren freundlichen Stimme, sogleich nach Martins ersten einleitenden Sätzen, erklärt er, er möchte die Angelegenheit gern mit Martin persönlich durchsprechen; er werde sich, er wohnt nicht weit von Martin, wenn der nichts dagegen habe, nach dem Mittagessen in Martins Privatwohnung einfinden. Er freue sich, erwidert Martin.

Er freut sich nicht. Das Mittagessen mit Frau und Sohn und die kurze freie Stunde nachher sind Martin die liebste Zeit. Er kann es manchmal nicht vermeiden, auch da Gäste zuzuziehen; gewisse Dinge lassen sich in der Privatwohnung besser erledigen als im Kontor. Aber gern tut er’s nicht, der Tag ist ihm verdorben, wenn er es tun muß.

Immanuel Oppermann, aus seinen schläfrigen, schlauen behaglichen Augen, schaut auf seinen Enkel. Der denkt es nicht, aber er spürt: es ist die Kopie, nicht mehr das Original.

Pünktlich um zwei Uhr wie jeden Tag traf Martin in seiner Wohnung ein, die an der Corneliusstraße im Tiergartenviertel gelegen war. Er wechselte Rock und Kragen, es mußte ein Unterschied sein zwischen Privatleben und Geschäft. Dann ging er in den Wintergarten. Der Wintergarten war ein großes, repräsentativ und etwas banal eingerichtetes Zimmer; Martin hielt darauf, auch in seiner Privatwohnung Oppermann-Möbel zu verwenden.

Er fand Frau und Sohn in regem Gespräch. Der siebzehnjährige Berthold war manchmal etwas wortkarg wie der Vater und ließ, obwohl er gut und lebhaft zu reden verstand, Dinge, die ihm am Herzen lagen, nur ungern ans Licht. Martin freute sich, ihn heute redselig zu finden.

Liselotte unterbrach den Sohn, als Martin eintrat. Über dem hochgeschlossenen Kleid drehte sie ihm ihr großes, helles Gesicht zu, lächelnd: »Wie geht es dir, mein Lieber?« – »Danke, gut,« erwiderte Martin, und »Hallo, mein Junge«, sagte er zu Berthold und lächelte, auch er. Aber Liselottens graue, längliche Augen hatten in den achtzehn Jahren ihrer Ehe gelernt, in dem Gesicht des Mannes zu lesen. Er liebte es nicht, innerhalb der Familie von Berufsdingen zu sprechen; auch ohne daß er sprach, wußte sie, daß er jetzt, heute, inmitten von wichtigen Aktionen stand.

Man setzte sich zu Tisch. Berthold erzählte angeregt. Der Siebzehnjährige hatte in dem fleischigen Gesicht des Vaters die grauen, kühnen Augen der Mutter. Heute schon fast so groß wie der Vater, wird er ihn, ausgewachsen, um einen halben Kopf überragen.

Er sprach von Schulereignissen. Der Ordinarius der Klasse, Dr. Heinzius, war vor einigen Tagen durch einen Autounfall umgekommen, und nun erteilte provisorisch der Leiter der Anstalt, Rektor François, der Unterprima den Unterricht in den Lehrfächern des Verstorbenen, in Deutsch und Geschichte. Dies waren Bertholds Lieblingsfächer – wie sein Onkel Gustav liebte er Sport und Bücher –, und mit Dr. Heinzius hatte er sich ungewöhnlich gut verstanden. Es war nun an dem, daß ihm für den freien Vortrag, den jeder Schüler der Unterprima einmal im Jahr halten mußte, Dr. Heinzius ein besonders schwieriges Thema zugestanden hatte: »Der Humanismus und das zwanzigste Jahrhundert«. Wird man ihn jetzt, nach dem Tode des verehrten Lehrers, diesen Vortrag halten lassen? Und wird er ohne die Hilfe des wohlwollenden Dr. Heinzius mit dem »Humanismus« zu Rande kommen? Rektor François hatte ihm erklärt, er persönlich habe nichts gegen das Thema, er wolle aber der Entscheidung eines neuen Klassenlehrers nicht vorgreifen, der wohl in der nächsten Woche den Unterricht übernehmen werde.

»Ich habe mir da allerhand zugemutet«, meinte Berthold. »Der Humanismus ist ein verflucht hartes Problem«, versicherte er, nachdenklich, mit tiefer Stimme. »Vielleicht wählst du doch ein weniger allgemeines Thema«, riet Martin. »Vielleicht etwas über einen modernen Autor«, schlug Liselotte vor und schickte ihrem Sohn aus ihren grauen, länglichen Augen einen aufmunternden Blick zu. Martin wunderte sich. In der Schule über moderne Literatur zu sprechen, war das nicht heikel? Im Grunde waren Martin und Liselotte gewöhnlich einer Meinung. Aber sie, die Christin, die Tochter der alten preußischen Beamtenfamilie der Ranzow, schlug oft den radikaleren Ton an.

Martin wechselte das Thema. Erzählte, daß er nach dem Mittagessen Jacques Lavendel erwarte. Das brachte Berthold schnell vom »Humanismus« ab. Vielleicht kann jetzt er den Wagen benutzen. Vater ist ein beflissener Geschäftsmann und kutschiert den ganzen Tag herum; sehr selten, daß Berthold einmal den Wagen für sich haben kann. Die Gelegenheit darf er nicht vorübergehen lassen. Er könnte beispielsweise auf den Sportplatz am Sachsendamm hinausfahren, zum Fußballtraining. Das wäre ein guter Vorwand. Der Spaß kostete allerdings an die drei Stunden, die er eigentlich für den »Humanismus« bestimmt hat. Quatsch. Zeit für den »Humanismus« kann er immer herausschinden; wann er den Wagen wieder wird herausschinden können, weiß kein Mensch.

Sowie also das Mittagessen zu Ende ist, verabschiedet sich Berthold von den Eltern. Er telefoniert seinem Schulkameraden Kurt Baumann, fordert ihn auf, er möge sich am Halleschen Tor mit ihm treffen, um zum Sportplatz am Sachsendamm hinauszufahren. Kurt Baumann ist nicht begeistert. Der Radioapparat ist kaputt, er hat ihn zerlegt, er will der Sache auf den Grund kommen, das erfordert Zeit. Allein Berthold läßt nicht locker. Er spricht von einer Überraschung, die er für Kurt Baumann habe, er hat etwas so Sieghaftes in der Stimme, daß Kurt Baumann errät und ausbricht: »Du hast den Wagen. Au Backe, das wird fein.« Berthold Oppermann nämlich ist ein guter Kamerad, er teilt gerecht und fair, er schreibt von Baumann die Mathematik ab und läßt den den deutschen Aufsatz abschreiben, und wenn Chauffeur Franzke die Jungen ans Steuer läßt, dann chauffiert er nur zwei Drittel der Zeit, ein Drittel überläßt er Kurt Baumann.

Dann ist es soweit. Berthold sitzt neben Chauffeur Franzke am Steuer. Er ist dicke mit Chauffeur Franzke. Natürlich hat Franzke seine Launen und läßt nicht immer mit sich reden. Aber heute läßt er mit sich reden, das sieht Berthold sogleich, und sicher wird er ihn ans Steuer lassen, trotzdem man unter achtzehn nicht chauffieren darf. Er fiebert darauf, endlich in die Außenbezirke zu kommen. Aber es wäre unmännlich, diese Ungeduld zu verraten. So führt er mit August ein ernstes Männergespräch über die Lage, über Wirtschaft und Politik. August Franzke und der Junge verstehen sich gut.

Wie dann Franzke richtig Kurt Baumann ans Steuer läßt und Berthold untätig im Fond sitzt, befällt ihn plötzlich die Erinnerung an ein kleines Erlebnis unmittelbar nach der Beerdigung des Dr. Heinzius. Er hatte im Wagen nach dem entfernten Friedhof hinausfahren dürfen, und auf dem Rückweg hatte er Kurt Baumann und seinen Vetter Heinrich Lavendel mitgenommen. Ihn hatten der trübe, graue Waldfriedhof in Stahnsdorf und die Vorgänge bei der Beerdigung sehr angerührt. Die beiden andern aber, schon jetzt, fünf Minuten nach der Eingrabung des Dr. Heinzius, schienen weit mehr an dem Wagen interessiert als an dem Toten, vor allem daran, ob Chauffeur Franzke sie endlich, verbotenerweise, ans Steuer lassen werde. Daß seine Kameraden das eben Erlebte so schnell abschüttelten, hatte Berthold nicht verstanden. Noch jetzt, während Kurt Baumann am Steuer saß, machte es ihn verwirrt und nachdenklich. Als er aber selbst ans Steuer konnte, verflogen diese Gedanken, und in ihm und um ihn war nichts als der Verkehr in Berlin SW.

In der Corneliusstraße mittlerweile erwartet man Herrn Jacques Lavendel. Frau Liselotte freut sich auf ihn. Martin, das weiß sie, sieht in Schwager Jacques nicht eben einen Mann nach seinem Herzen. Es war ihm unlieb, daß seine jüngste Schwester, Klara Oppermann, gerade diesen aus dem Osten stammenden Herrn geheiratet hat. Jacques ist ein ausgezeichneter Geschäftsmann, gewiß, hat Vermögen, kennt die Welt, ist immer gefällig. Aber was ihm fehlt, das ist Sinn für Würde, für Formen, für Gehaltenheit. Nicht als ob er laute, aufdringliche Manieren hätte. Allein er nennt unangenehme Dinge so nackt bei Namen, und sein leises, freundliches Lächeln, wenn jemand von Ehre, Würde und dergleichen spricht, reizt Martin.

Liselotte reizt es nicht. Ihr gefällt Schwager Jacques. Sie ist aus der strengen Familie der Ranzow. Ihr Vater, hochbetitelt, aber kärglich besoldet, hatte die fehlenden äußeren Annehmlichkeiten des Lebens ersetzt durch vornehme Gesinnung und strenge Lebensführung. Liselotte Ranzow, die damals Zweiundzwanzigjährige, froh, die engen Sitten des väterlichen Hauses in Stettin mit der breiten Lebensführung der Oppermanns vertauschen zu können, hatte die wortkarge, ungelenke Neigung des jungen Martin mit allen Mitteln ermutigt.

»Wollen wir mit dem Kaffee warten, bis Jacques da ist?« fragte sie und zeigte lächelnd die großen Zähne des langen, schönen Mundes. Sie sah, daß Martin schwankte, ob er mit Jacques allein sein oder sie dazubitten sollte. »Hast du Wichtiges mit ihm zu besprechen?« fragte sie geradewegs.

Martin überlegte. Sie sind gute Kameraden, er und Liselotte. Er wird ihr selbstverständlich den Beschluß über die Namensänderung der Filialen noch heute mitteilen. Leicht ist das nicht. Er hat bis jetzt selten Gelegenheit gehabt, unangenehme Mitteilungen zu machen. Vielleicht ist es am klügsten, es ihr und Jacques gleichzeitig zu sagen. »Es wäre mir lieb, wenn du uns Gesellschaft leisten wolltest«, sagte er.

Breit saß dann Jacques Lavendel zwischen ihnen. Die kleinen, tiefliegenden Augen über der breiten Stirn schauten klug, freundlich, der starke, rotblonde Schnurrbart kontrastierte mit dem spärlich behaarten Schädel, die leise, heisere Stimme ging Martin Oppermann auf die Nerven wie immer.

Während Martin berichtete, hörte Jacques zu, die Augen halb geschlossen, die Hände über der Weste gefaltet, den Kopf halbschräg, ohne Bewegung in Gesicht und Haltung, scheinbar teilnahmslos. Es wäre Martin lieber gewesen, er hätte unterbrochen, Fragen gestellt; aber er unterbrach nicht. Auch als Martin zu Ende war, schwieg er. Liselotte schaute gespannt auf Jacques Lavendel. Sie war mehr gespannt als betrübt. Martin, so lieb es ihm war, daß es sie nicht tiefer getroffen hatte, dachte mit Bitterkeit: Sie nimmt es nicht ernst. Sie nimmt meine Sache nicht ernst. Man müht sich ab und hat keinen Dank. Jacques schwieg beharrlich. Bis Martin endlich fragte: »Nun, was meinen Sie dazu, Jacques?« – »Gut, gut«, sagte Jacques Lavendel und nickte mehrmals mit dem Kopf. »Ich finde es gut, sage ich. Nur schade, daß ihr es nicht schon lange gemacht habt. Und noch mehr schade, daß ihr es nicht zu Ende gemacht und diesen Wels hereingenommen habt.«

»Wieso?« fragte Martin. Er bemühte sich, gehalten zu sprechen; doch sowohl Liselotte wie Jacques Lavendel bemerkten den Ärger über den Einwand. »Glauben Sie, wir haben nur mehr so kurze Zeit? Ich kenne diese Leute. Er wird unverschämt, sowie wir zusagen. Sie wissen, daß wir beim Warten nur gewinnen können.«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht«, sagte Jacques Lavendel und wiegte den großen, rotblonden Kopf. »Ich bin kein Prophet, ich will beileibe nicht sagen, daß ich ein Prophet hin. Aber waren nicht immer alle zu spät? Es kann noch sechs Monate dauern, es kann noch ein Jahr dauern. Wer kann wissen, wie lange es dauert? Aber wenn wir Schlamassel haben, dann kann es auch vielleicht nur zwei Monate dauern.« Er rückte unversehens den Kopf gerade, richtete die kleinen, tiefliegenden Augen auf Martin, blinzelte ihm schlau zu, erzählte, in einem auffallend frischen, trockenen Ton: »Siebzehnmal hat Grosnowice seinen Besitzer gewechselt. Siebenmal waren dabei Pogrome. Dreimal haben sie einen gewissen Chajim Leibelschitz hinausgeführt und haben ihm gesagt: ›So, jetzt erhängen wir dich.‹ Alle haben zu ihm gesagt: ›Sei gescheit, Chajim, geh fort aus Grosnowice.‹ Er ist nicht fortgegangen. Auch wie sie ihn das viertemal hinausgeführt haben, haben sie ihn nicht erhängt. Aber sie haben ihn erschossen.« Er war zu Ende, er hielt den Kopf wieder schräg, zog die Lider weit über die blauen Augen.

Martin Oppermann kannte die Geschichte, er ärgerte sich. Auch Liselotte hatte die Geschichte schon einmal gehört, aber sie hörte sie auch das zweitemal mit Interesse.

Martin zog seinen Zwicker heraus, putzte daran herum, steckte ihn wieder ein. »Wir können ihm schließlich die Oppermannschen Läden nicht nachschmeißen«, sagte er, und seine braunen Augen sahen keineswegs mehr schläfrig aus. »Nun, nun«, begütigte Jacques, »ich sage ja, daß es gut ist, daß ihr das gemacht habt. Übrigens, wenn ihr wirklich amerikanisches Geld in die Sache kriegen wollt, ich erbiete mich, daß ich es in acht Tagen so manage, daß euch keiner mehr heran kann. Und es soll kein Mensch reden können von ›Hinschmeißen‹«, lächelte er.

Man hatte schon mehrmals den Gedanken erwogen, das Möbelhaus Oppermann auf Jacques Lavendel zu übertragen, der rechtzeitig die amerikanische Staatsangehörigkeit erworben hatte; aber man war aus vielen Gründen davon abgekommen. Merkwürdigerweise führte Martin von diesen vielen sachlichen Gründen jetzt keinen an. »Lavendel wäre kein guter Name für unsere Geschäfte«, sagt er vielmehr, unsachlich, ziemlich bösartig. »Ich weiß«, erwiderte friedfertig Jacques. »Davon war ja auch meines Wissens nie die Rede«, lächelte er.

So ganz einfach war die Umwandlung der beiden Filialen in die Deutschen Möbelwerke nun doch nicht. Eine Menge Details wollten besprochen sein, Jacques Lavendel wußte manchen nützlichen Fingerzeig. Martin mußte zugestehen, daß Jacques der Findigere war. Er bedankte sich, Jacques stand auf, verabschiedete sich mit langem, kräftigem Händeschütteln. »Auch ich danke Ihnen herzlich«, sagte Liselotte nachdrücklich mit ihrer kräftigen, dunklen Stimme.

»Ich verstehe nichts von euren Geschäften«, sagte sie zu Martin, als Jacques weggegangen war. »Aber warum, wenn du diesen Wels schon einmal hereinnehmen willst, tust du es wirklich nicht gleich?« Gustav Oppermann hatte den Vormittag über mit Dr. Frischlin gearbeitet. Dr. Klaus Frischlin, ein dünner, langer Mensch mit schlechtem Teint und spärlichem Haarwuchs, aus vermögender Familie stammend, hatte ursprünglich Kunstgeschichte studiert; besessen von seinem Studium, hatte er davon geträumt, sich als Dozent zu habilitieren. Dann schmolz sein Geld weg, er hungerte erbärmlich; als er nichts mehr besaß außer einem fadenscheinigen Anzug, ramponierten Schuhen und dem Manuskript einer ungewöhnlich gründlichen Studie über den Maler Theotokopulos, genannt El Greco, hatte Gustav Oppermann ihn aufgegabelt. Um ihn zu beschäftigen, hatte Gustav im Möbelhaus Oppermann eine Kunstabteilung eingerichtet und ihn zum Chef dieser Abteilung gemacht. Gustav, in seinem draufgängerischen Optimismus, hatte anfangs davon geträumt, auf dem Umweg über Klaus Frischlin durch das Möbelhaus Oppermann moderne Gegenstände zu propagieren, Stahlmöbel, Bauhausmöbel und dergleichen. Doch er hatte bald, halb amüsiert, halb erbittert, sehen müssen, wie die Kunstabteilung vor den Bedürfnissen der robusten Oppermannschen Kleinbürgerkundschaft die Waffen streckte. Noch immer versuchte Klaus Frischlin zäh, listig und vergeblich seinen eigenen empfindlichen Geschmack durch manche Hintertür einzuschmuggeln. Gustav beobachtete das erheitert und mit Rührung. Er mochte den beharrlichen Menschen gern, holte ihn oft als Privatsekretär und wissenschaftlichen Mitarbeiter heran.

Auch für diesen Mittwoch wie für jeden hatte Gustav Frischlin hergebeten. Eigentlich wollte er an der Lessing-Biographie arbeiten. Aber berief er nicht das neidische Schicksal, wenn er sich gerade heute damit befaßte? Er unterließ es also und ging statt dessen daran, das eigene Leben ein bißchen chronologisch zu sichten. War ihm nicht erst heute morgen aufgefallen, wie schwer er sich in der Historie des eigenen Lebens zurechtfand? Hier ein wenig Ordnung zu machen, dazu ist der fünfzigste Geburtstag der rechte Tag.

Gustav kannte sich gut aus in der Biographie vieler Männer des achtzehnten und des neunzehnten Jahrhunderts. Hatte Übung darin, zu erkennen, welche Erlebnisse für diese Männer entscheidend gewesen waren. Merkwürdig, wie schwer es ihm nun fiel, zu entscheiden, was für sein eigenes Schicksal wichtig war, was nicht. Dabei hat er doch viel Erregendes erlebt, eigenes Schicksal und Schicksal aller, Krieg und Revolution. Aber was wirklich hat ihn verändert? Mit Unbehagen sah er, wieviel von ihm abgeglitten war. Die Sichtung machte ihn nervös.

Jählings brach er ab. Lächelte. »Bitte, nehmen sie eine Postkarte, lieber Frischlin«, sagte er, »ich will Ihnen diktieren.« Er diktierte: »Geehrter Herr. Merken Sie sich für den Rest Ihres Lebens: ›Es ist uns aufgetragen, am Werke zu arbeiten, aber es ist uns nicht gegeben, es zu vollenden.‹ Ihr aufrichtig ergebener Gustav Oppermann.« – »Ein schöner Satz«, meinte Klaus Frischlin. »Nicht wahr«, sagte Gustav. »Er ist aus dem Talmud.« – »An wen geht die Karte?« fragte Frischlin. Gustav Oppermann lächelte jungenhaft, spitzbübisch. »Schreiben Sie«, sagte er. »An Dr. Gustav Oppermann, Berlin-Dahlem, Max-Reger-Straße 8.«

Abgesehen vom Diktat dieser Postkarte, blieb es ein unfruchtbarer Vormittag, und Gustav war froh, als er eine plausible Ursache fand, die Arbeit abzubrechen. Diese Ursache kam in angenehmer Gestalt, in der seiner Freundin Sybil Rauch. Ja, Sybil Rauch fuhr an in ihrem kleinen, komischen, abgetakelten Wagen. Sie hatte es ein bißchen wichtig wie immer. Gustav kam ihr unters Haustor entgegen. Unbekümmert um die Gegenwart des Dieners Schlüter, der öffnen wollte, hob sie sich auf die Zehenspitzen und küßte ihn mit ihren kühlen Lippen auf die Stirn. Das war nicht ganz einfach; denn unter den Arm gepreßt trug sie ein großes Paket, ihr Geburtstagsgeschenk.

Dieses Geschenk entpuppte sich als eine altertümliche Uhr. Über dem Uhrblatt hatte sie ein bewegtes Auge, ein sogenanntes »Auge Gottes«, ein Auge, das mit der Sekunde von rechts nach links ging, immer wandernd. Gustav hatte seit langem daran gedacht, eine solche Uhr in seinem Arbeitszimmer aufzustellen, eine Art ständiger Mahnung, die den etwas Regellosen zu geordneter Arbeit auffordern sollte. Aber es war schwer gewesen, ein Gehäuse zu finden, das sich dem Raume einfügte.

Er freute sich, daß Sybil das Rechte aufgetrieben hatte. Er dankte ihr lärmend, herzlich, liebenswürdig. Im Grund ist er ein wenig enttäuscht. Dieses wandernde Auge, das ihn beaufsichtigen sollte, war es nicht Kritik, wenn sie ihm das in seinen Raum stellte? Er läßt es nicht so weit kommen, daß dieses Abwehrgefühl Gedanke wird. Vielmehr schwatzt er weiter, herzlich, munter. Allein Sybils Geschenk hat in ihm gegen seinen Willen wieder jenes schlummernde Gefühl angerührt, das er nie hochkommen lassen will, daß nämlich Sybil, trotzdem sie beide den guten Willen haben, ganz zusammenzugehören, immer an der Peripherie seines Daseins bleibt.

Sybil mittlerweile steht vor dem Porträt des alten Oppermann. Sie weiß, wie sehr Gustav an dem Bilde hängt, freut sich, daß es nun da ist, rühmt mit kennerischen Worten, wie gut es sich im Arbeitszimmer ausnimmt. Sie schaut sich das Bild genau an, abwägend, wie es ihre Art ist, den schlauen, behaglichen, glücklichen Mann. »Es paßt alles gut zusammen«, sagt sie schließlich, »der Maler, der Mann und seine Zeit, und es paßt gut hier herein. Wie es diesem Immanuel Oppermann wohl in unserer Zeit ginge?« fragt sie nachdenklich. Das war keine dumme Anmerkung und keine fernliegende. Es lohnte, darüber nachzudenken, wie ein Mann vom Schlage Immanuels in unserer Zeit bestehen würde. Dennoch gab auch diese Anmerkung Sybils Gustav einen kleinen Stich.

Ja, es war eine verschollene Zeit, in der Immanuel Oppermann gelebt hat, trotzdem sie ihm, Gustav, noch sehr lebendig war. Wie klein erschienen ihre Sorgen, wie einfach ihre Probleme, wie langsam, gradlinig, langweilig war ein Leben verlaufen wie das Immanuel Oppermanns, verglich man es mit dem Leben eines Durchschnittsmenschen von heute. Natürlich war Sybils Bemerkung harmlos gewesen, sie drängt sich geradezu auf vor dem Bilde. Dennoch hatte Gustav, ungerechterweise, die Empfindung, als wäre sie gegen ihn selber gerichtet. Die Uhr tickte, das »Auge Gottes« wanderte hin und her und schaute zu, wie die Zeit verwendet wurde. Sybil stand vor dem Bild des verschollenen Mannes. Das Gefühl der Müßigkeit war wieder da, jenes kleine, störende Unbehagen, das Gefühl der Leere von heute morgen.

Er war froh, als Schlüter meldete, das Essen sei bereit. Es wurde ein fröhliches Mittagessen. Gustav Oppermann verstand einiges von guter Küche. Sybil Rauch hatte eine Menge amüsanter Einfälle und wußte sie nett und persönlich auszudrücken. Ihr süddeutscher Akzent klang angenehm in Gustavs Ohr. Er war fünfzig Jahre und sehr jung. Er strahlte.

Vollends glücklich war er, als gar zum Nachtisch Professor Arthur Mühlheim kam, sein Freund, und mit ihm Friedrich Wilhelm Gutwetter, der Novellist. Die beiden waren die rechte Ergänzung für Gustav und Sybil.

Arthur Mühlheim, kleiner, quicker Herr mit faltigem, lustigem, gescheitem Gesicht, ein paar Jahre älter als Gustav, immer zappelig, zu hundert Witzen aufgelegt, einer der besten Juristen Berlins, hatte ähnliche Neigungen wie Gustav. Die beiden gehörten dem gleichen Klub an, liebten die gleichen Bücher, die gleichen Frauen. Arthur Mühlheim interessierte sich außerdem für Politik, Gustav Oppermann für Sport, so hatten sie immer reichlich Stoff einer für den andern. Mühlheim hatte Gustav eine große Sendung ausgesuchten Kognaks und Branntweins geschickt, nur Jahrgänge aus Gustavs Geburtsjahr; er hielt es für bekömmlich, Getränke zu nehmen, die das gleiche Alter hatten wie man selber.

Friedrich Wilhelm Gutwetter, ein kleiner Herr von etwa sechzig Jahren, sehr gepflegt, in betont altertümlicher Tracht, riesige Kinderaugen in dem stillen Gesicht, war ein Dichter sehr sorgfältig gefeilter Geschichten, die von der Kritik hochgerühmt, von sehr wenigen Leuten gelesen und geschätzt wurden. In den seltenen Augenblicken, wenn Gustav die betriebsame Leere seines Lebens kratzte, dann sagte er sich, er habe deshalb nicht umsonst gelebt, weil er Gutwetter gefördert habe. Tatsache war, daß Gutwetter ohne die Unterstützung Gustavs bitterste Entbehrung hätte leiden müssen.

Friedrich Wilhelm Gutwetter saß still und freundlich da, schaute aus seinen großen Augen verehrungsvoll und begehrlich auf Sybil, mußte sich oft die hurtigen Witze Mühlheims erklären lassen, ehe er sie verstand, und warf langsame Bemerkungen allgemein poetischer Art in das laute, muntere Gespräch der andern.

Er hatte ein Geschenk für seinen Freund mitgebracht, aber er sprach erst nach zwanzig oder dreißig Minuten davon; das schnelle Gespräch der andern und der Anblick Sybils hätten ihn sein Geschenk ganz vergessen lassen. Also denn, er hat eine Unterredung mit Dr. Dorpmann gehabt, dem Chef des Minerva-Verlags, seinem Verleger. Er hat von der Lessing-Biographie gesprochen. Dr. Dorpmann, wie diese Verleger sind, hat eine ausweichende Antwort geben wollen, aber er, Gutwetter, hat nicht lockergelassen. Es ist soweit, es ist sicher wie Tod, Seele und Auferstehung, der Minerva-Verlag wird die Lessing-Biographie bringen. Mit seiner ruhigen, leisen Stimme erzählte er das und schaute seinen Freund Gustav still und überaus freundlich an.

»Was heißt sicher wie Seele und Auferstehung?« fragte Mühlheim. »Meinen Sie hundertprozentig sicher oder hundertprozentig unsicher?« – »Ich meine sicher, schlechthin sicher«, erwiderte mit unerschütterlicher Freundlichkeit Gutwetter.

Aber sie hatten es nicht leicht, einer den andern zu verstehen; denn Gustav war lärmend hochgesprungen, er packte den breiten, stillen Gutwetter an beiden Schultern, schüttelte ihn, schlug ihm unter lärmenden Freudenbezeigungen den Rücken.

Später, als Herr Gutwetter mit Sybil allein war, sagte er mit seiner ruhigen, heiteren, treuherzigen Stimme: »Wie leicht ist es, die Menschen glücklich zu machen. Eine Biographie. Was ist eine Biographie? Als ob etwas anderes zählte als das schöpferische Werk. Aber da kramt einer herum in den Abfällen, in der sogenannten Wirklichkeit, im Abgelebten, und ist glücklich. Welch ein Kind, unser Freund Gustav.« Sybil schaute nachdenklich in seine großen, leuchtenden Kinderaugen. Friedrich Wilhelm Gutwetter galt als einer der ersten deutschen Stilisten, vielen als der Erste. Sybil, die sich mit ihren kleinen Erzählungen gewissenhaft herumplagte, bat ihn um Hilfe für einen bestimmten Satz, mit dem sie nicht zurecht kam. Gutwetter wußte Rat. Freudig, verehrungsvoll sah er auf die gelehrige Schülerin.

Gustav aber war ganz angefüllt mit Fröhlichkeit, fand die Welt großartig, wollte allen ringsum Gutes tun. Teilte auch dem Diener Schlüter ausführlich die Freudenbotschaft mit, die Friedrich Wilhelm Gutwetter ihm gebracht hatte. War glücklich.

Als die ersten seiner Gäste eingetroffen waren und in gezwungener Unterhaltung beieinanderstanden, hatte Gustav befürchtet, es werde ein trüber Abend. Es war gewagt, so verschiedenartige Leute zusammenzubringen. Aber gerade das schien ihm das Reizvolle an seiner Lebensführung, daß er Getrenntes organisch mischte. Er wollte es, er hatte sich darauf versteift, an diesem Abend alle um sich zu versammeln, die für ihn von Bedeutung waren, seine Familie, die Herren des Geschäftes, seine Freunde aus der Bibliophilengesellschaft, aus dem Theaterklub, seine Sportfreunde, seine Frauen. Jetzt nach dem Essen sah er mit Freude, daß die guten, leichten Gerichte des sorgfältig zusammengestellten Menüs die einzelnen gelockert hatten, so daß die frühere Starrheit wegschmolz.

Da standen und saßen sie zusammen, seine Gäste, ihrer zwanzig, in Gruppen, doch so, daß keine Gruppe sich ganz von der andern sonderte, angenehm schwatzend. Man sprach über Politik, das ließ sich jetzt leider niemals vermeiden. Am ungeniertesten gab sich, wie immer, Jacques Lavendel. Breit und faul im bequemsten Sessel lehnend, die listigen, gutmütigen Augen halb geschlossen, hörte er mit spöttischer Nachsicht zu, wie Karl Theodor Hintze die völkische Bewegung in Bausch und Bogen verurteilte. Nach Prokurist Hintze waren ihre Anhänger allesamt Dummköpfe oder Schwindler. Herrn Jacques Lavendels breites Gesicht lächelte aufreizende Duldsamkeit. »Sie werden den Leuten nicht gerecht, lieber Herr Hintze«, sagte er mit seiner freundlichen, heiseren Stimme, den Kopf wiegend. »Das ist ja die Stärke dieser Partei, daß sie die Vernunft ablehnt und an den Instinkt appelliert. Es gehört Intelligenz dazu und Willensstärke, das so konsequent durchzuführen wie diese Burschen. Die Herren verstehen sich auf ihre Kundschaft wie jeder gute Geschäftsmann. Ihre Ware ist schlecht, aber gängig. Und ihre Propaganda, first-class, sage ich Ihnen. Unterschätzen Sie den Führer nicht, Herr Hintze. Das Möbelhaus Oppermann könnte froh sein um so einen Propagandachef.«

Herr Jacques Lavendel sprach nicht laut, dennoch, ohne viel Gewese, erzwang sich seine heisere Stimme Gehör. Aber man war nicht willens, ihm zuzustimmen. Hier, in den kultivierten Räumen Gustav Oppermanns, war man nicht geneigt, einer so blödsinnigen Sache wie der völkischen Bewegung im Ernst Chancen zuzugestehen. Die Bücher Gustav Oppermanns standen an den Wänden, Bibliothek und Arbeitszimmer gingen schön ineinander, das Bildnis Immanuel Oppermanns schaute schlau, gutmütig, ungeheuer real auf die Versammlung. Man stand auf festem Grund, ausgerüstet mit dem Wissen der Zeit, gesättigt mit dem Geschmack von Jahrhunderten, ein stattliches Bankkonto hinter sich. Man lächelte darüber, daß jetzt das gezähmte Haustier, der Kleinbürger, androhte, zu seiner wölfischen Natur zurückzukehren.

Der quicke Prokurist Siegfried Brieger riß Witze über den Führer und seine Bewegung. Der Führer war kein Deutscher, er war Österreicher, seine Bewegung war die Rache Österreichs für die Niederlage, die es im Jahre 1866 durch die Deutschen erlitten hatte. War es nicht ein unmögliches Unternehmen, den Antisemitismus in Gesetze einzufangen? Wie wollte man feststellen, wer Jude war, wer nicht? »Mich können sie natürlich herauskennen«, sagte behaglich Herr Brieger, auf seine große Nase weisend. »Aber hat sich nicht die Mehrzahl der deutschen Juden so assimiliert, daß es wirklich nur von ihnen abhängt, ob sie sich für Juden erklären oder nicht? Kennen Sie übrigens die Anekdote von dem alten Bankier Dessauer? Herrn Dessauer klingt sein Name zu jüdisch. Ändert er ihn um. Erklärt: von jetzt an bin ich nicht mehr Herr Dessauer, von jetzt an bin ich Herr Dessoir. Trifft Herr Cohn Herrn Dessoir in der Straßenbahn. ›Guten Tag, Herr Dessauer‹, sagt er. Sagt Herr Dessoir: ›Entschuldigen Sie, Herr Cohn, mein Name ist jetzt Dessoir.‹ – ›Pardon, Herr Dessoir‹, sagte Herr Cohn. Zwei Minuten später nennt er ihn wieder Herr Dessauer. ›Entschuldigen Sie: Dessoir‹, korrigiert mit Nachdruck Herr Dessoir. ›Pardon, pardon‹, entschuldigt sich eifrig Herr Cohn. Die beiden Herren verlassen die Straßenbahn, sie haben ein Stück Wegs gemeinsam. Fragt nach ein paar Schritten Herr Cohn: ›Können Sie mir nicht sagen, Herr Dessoir, wo ist hier das nächste Pissauer?‹«

Herr Jacques Lavendel hatte seine Freude an dieser Anekdote. Der Dichter Friedrich Wilhelm Gutwetter verstand sie zunächst nicht, ließ sie sich wiederholen, lächelte erheitert über sein ganzes, stilles Gesicht. »Im übrigen hat der Herr«, er wies auf Herrn Lavendel, »auf schlichte Art ausgedrückt, was in den Menschen dieses Breitengrads zum Ausbruch drängt. Die Herrschaft der nüchternen Vernunft sackt zusammen. Die läppische Tünche der Logik wird abgekratzt. Eine Epoche dumpft heran, in der das große, partiell überentwickelte Tier Mensch zu sich selber zurückfindet. Das ist der Sinn der völkischen Bewegung. Sind Sie nicht alle glücklich, sie mitzuerleben?« Ruhig drehte er den Kopf mit den strahlenden Kinderaugen im Kreise, die mächtige Krawatte bedeckte den Westenausschnitt, er wirkte in seiner altertümlichen Kleidung wie ein abgeklärter Geistlicher.

Man lächelte über den Dichter. Er dachte in Jahrtausenden.

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