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Die Geschichte eines schönen Mädchens

Über Rachel Simon

Rachel Simon, 1959 geboren, hat in den USA mehrere Romane geschrieben, doch der Durchbruch gelang ihr mit »Die Geschichte eines schönen Mädchens«. Die Vorlage für dieses Buch lieferte ihr das Leben ihrer behinderten Schwester. Sie lebt mit ihrem Mann, einem Architekten, in Delaware.

Informationen zum Buch

Amerika im Jahr 1968: Die Witwe Martha lebt in ihrem abgelegenen Haus ein einsames Leben. Nur an Weihnachten erhält sie von ehemaligen Schülern Besuch. Dann jedoch stehen zwei wildfremde, verzweifelte Menschen vor ihrer Tür: das Mädchen Lynnie und Homan, ein tauber Afroamerikaner. Beide sind aus einer nahen Anstalt geflohen. Wenig später tauchen ihre erbarmungslosen Wächter auf. Während Homan über den reißenden Fluß entkommen kann, wird Lynnie in ihr trostloses Dasein zurückgebracht. Doch was ihre Häscher nicht wissen: Lynnie hat kurz vor ihrer Flucht ein Mädchen geboren und in dem Haus der Witwe verstecken können. In einem geheimen Augenblick verspricht Martha sich um den Säugling zu kümmern. Eine große epische Reise beginnt, die über vierzig Jahre währt.

Rachel Simon

Die Geschichte eines schönen Mädchens

Roman

Übersetzt von Ursula Walther

Für jene, die weggesperrt wurden

Wenn wir unsere Geschichten erzählen, tun wir heilige Werke

Rev. Nancy Lane

Teil I
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Die Bitte
1968

Am Ende der Nacht, die alles verändern sollte, stand die Witwe auf ihrer Veranda und beobachtete, wie die junge Frau in einen Wagen, der auf der Einfahrt stand, gesetzt wurde. Das Mädchen wehrte sich nicht, gefesselt wie sie war, auch keine Schreie gellten durch den kühlen Herbstregen; demnach hatten der Doktor und seine Wärter gewonnen. Als sie die Türen zuschlugen, der Motor zum Leben erwachte und der Fahrer den Wagen den matschigen Hügel hinuntersteuerte, hatten sie keine Ahnung, dass die Witwe und das Mädchen auf dem Rücksitz sie soeben vor ihren Augen hinters Licht geführt hatten. Die Witwe wartete, bis die Rücklichter das Ende der Zufahrt erreicht hatten, dann drehte sie sich um und betrat das Haus. Und während sie am Fuß der Treppe stand, hoffte, dass der Doktor Gnade zeigen würde, und sich fragte, wo der flüchtige Mann abgeblieben sein mochte, hörte sie die Laute, auf die der Doktor nicht geachtet hatte. Dieses Geräusch würde sie für immer mit dem Mädchen verbinden und stets an den Mann erinnern – die süßen, tiefen Atemzüge eines versteckten Kindes, eines Säuglings.

Der Novembertag verlief zunächst so wie jeder andere im Leben der siebzigjährigen Witwe. Der Briefträger lieferte die Post, Vögel flogen über die Felder nach Süden, Gewitterwolken zogen über den Himmel von Pennsylvania. Die Tiere waren gefüttert, das Geschirr nach dem Essen hatte sie abgewaschen; die frisch geschriebene Korrespondenz lag im Briefkasten an der Straße, damit der Postbote sie am Morgen mitnehmen konnte. Es dämmerte. Die Witwe entfachte das Feuer im Kamin und machte es sich in ihrem Lesesessel bequem. Nachdem sie etwa dreißig Seiten gelesen hatte, öffnete der Himmel seine Schleusen, und der Regenguss machte so einen Lärm, dass die Witwe über die Schildpattbrille zum Wohnzimmerfenster spähte. Zu ihrer Überraschung prasselte der Regen so heftig hernieder, dass man kaum etwas durch die Scheibe sehen konnte. In einem halben Jahrhundert auf dieser Farm hatte sie so etwas noch nicht erlebt; sie würde morgen in ihren Briefen davon berichten. Sie zog die Lampe näher heran und senkte den Blick auf ihr Buch.

Etliche Stunden blendete sie das tosende Unwetter aus und konzentrierte sich auf ihr Buch – eine Biografie von Dr. Martin Luther King, Jr., der erst vor wenigen Monaten einem Attentat zum Opfer gefallen war –, doch mit einem Mal weckte ein Klopfen an der Tür ihre Aufmerksamkeit. Sie drehte sich um. Kurz nach ihrer Hochzeit, als ihr Mann das Haus ausbaute, um Platz für eine Frau zu schaffen, merkte sie, dass ihm die Aussicht auf die weiten Felder, die dichten Wälder und fernen Berge und das farbintensive Himmelszelt nicht viel bedeutete. Er lebte hier, weil die Farm schon seinen Eltern gehört hatte und die nächste Stadt, Well’s Bottom, wo sie Lehrerin war, dreißig kurvige Meilen – eine Fahrtstunde – jenseits der Countygrenze lag. Während sie beobachtete, wie die Mauern wuchsen, fiel ihr auf, dass ihr Mann nur wenige, sehr kleine Fenster eingeplant hatte, und ihr wurde bewusst, dass sie sich mit spärlichen Ausschnitten der Landschaft zufriedengeben musste. Die Haustür war ganz aus Holz, ohne Glasscheibe, und nur ein einzelnes Fensterchen war in die Wand links daneben eingelassen. Aber das Unwetter minderte auch hier die Sicht. Die Witwe durchquerte das Wohnzimmer und drehte den Türknauf.

Zuerst dachte sie, sie wären zu zweit. Ein Mann und eine Frau. Im Schein der Verandalampe sah sie der Mann, ein Schwarzer, erschrocken an, als hätte er nicht bemerkt, dass sich die Tür nach seinem Klopfen geöffnet hatte. Die Frau neben ihm schaute nicht auf. Sie war blass und biss sich auf die Lippe. Ihr Gesicht wirkte hager und ausgehöhlt. War sie wirklich so dünn? Das war unmöglich festzustellen, denn sie hatte sich in eine graue Decke gehüllt – nein, mehrere Wolldecken waren wie ein Cape mit Kapuze um sie drapiert. Der Mann hatte beschützend den Arm um ihre Schultern gelegt.

Die Witwe wandte sich an den Mann. Auch er hatte sich geschützt, aber mit so etwas wie Plakaten, auf einem stand Gebrauchtwagen, auf dem anderen: Bis neun Uhr geöffnet. Die Witwe erkannte sie als Schilder von einem Händler in Well’s Bottom. Wasser tropfte von ihnen, genau wie von den durchweichten Wolldecken; eine Pfütze hatte sich auf der Veranda gebildet.

Angst schnürte der Witwe schier die Kehle zu. Nach fünf Jahren Pensionierung waren ihr längst nicht mehr alle Gesichter aus Well’s Bottom vertraut. Sie sollte die Tür zuschlagen und die Polizei anrufen. Das Gewehr ihres Mannes befand sich im oberen Stockwerk; war sie flink genug, um in ihr Schlafzimmer hinaufzurennen? Doch der erschrockene Ausdruck des Mannes wechselte zu Verzweiflung, und ihr wurde klar, dass die beiden vor etwas davonliefen. Die Witwe atmete schwer. Sie wünschte, sie wäre nicht allein. Aber die zwei waren auch allein, durchgefroren und verängstigt.

»Wer sind Sie?«, wollte die Witwe wissen.

Die junge Frau hob langsam den Blick. Der Witwe entging das nicht, doch kaum sah sie zum Gesicht der Frau auf – die Witwe war mit eins fünfundfünfzig wesentlich kleiner als die Fremde und erst recht als der Farbige –, senkte die rasch den Kopf.

Anders als die Frau hatte der Mann die Stimme der Witwe gar nicht zur Kenntnis genommen, doch ihm entging nicht, dass seine Begleiterin reagierte und einen Schritt zurückwich. Er rieb ihr sanft die Schulter. Selbst in dem trüben Schein, den die Leselampe auf die Veranda warf, erkannte die Witwe die Zärtlichkeit und Zuneigung in dieser Geste.

Der Mann richtete den Blick wieder auf das Gesicht der Witwe. Ein Flehen schimmerte in seinen Augen, und er hob die freie Hand. Die Witwe zuckte zurück, weil sie dachte, er würde zum Schlag ausholen. Stattdessen spreizte er die Finger und bewegte sie ruckartig in Richtung Haustür. Seine Hand sah aus wie ein fliegender Vogel in einem Daumenkino.

In diesem Moment begriff die Witwe, dass der Mann nicht hören konnte.

»Oh«, hauchte sie enttäuscht über ihre Begriffsstutzigkeit. »Bitte, kommen Sie herein.«

Sie machte einen Schritt zur Seite. Der Mann bewegte sein Hand vor der Frau; sie nickte und ergriff seine Hand, ehe sie über die Schwelle traten.

»Sie müssen ja … bitte«, murmelte die Witwe; erst als sie die Tür schloss, war sie imstande, einen sinnvollen Kommentar mit ihrer dünnen Lehrerinnenstimme zu äußern: »Sehen wir zu, dass Sie die nassen Sachen loswerden.« Im nächsten Augenblick kam sie sich dumm vor. Der Mann war taub, die Frau starrte auf die Lampe, und beide hatten ihr den Rücken zugekehrt. Gemeinsam tapsten sie durchs Wohnzimmer; von ihren improvisierten Regencapes tropfte Wasser, aber die Witwe brachte es nicht übers Herz, sie darauf aufmerksam zu machen. Die beiden schienen erleichtert zu sein, Schutz gefunden zu haben, und nur die Nähe zwischen ihnen zu spüren.

Die Beine des Mannes unter dem Plakatumhang waren muskulös – man sah, dass er an körperliche Arbeit gewöhnt war. Der Witwe war jedoch schleierhaft, wieso er im kalten November nackte Beine hatte. Von der jungen Frau unter den Decken war nicht viel zu sehen – nur die Schuhe, die ihr viel zu groß zu sein schienen. Ihr Gang wirkte unbeholfen. Blonde Locken lugten unter der Kapuze hervor, und die Witwe dachte: Sie ist wie ein Kind.

Das Feuer im Kamin war heruntergebrannt; die Witwe zog das Gitter beiseite und legte ein Holzscheit nach. Hinter ihr hörte sie das Mädchen stöhnen. Sie drehte sich um. Das Mädchen betrachtete neugierig die Flammen. Der Mann zog sie fester an sich. Am Kamin standen nur zwei Stühle – der Lesesessel der Witwe mit dem Musselinschutz über den abgewetzten Armlehnen, und auf dem Holzstuhl hatte ihr Mann immer gesessen und seine Sportzeitschriften und Western gelesen. Das Sofa war ein wenig zurückgesetzt. Das sollte ich ihnen anbieten, dachte die Witwe, doch ehe sie zur Tat schreiten konnte, hatten sich ihre beiden Besucher bereits auf den Stühlen niedergelassen.

Die Hausherrin trat zurück und nahm die beiden genauer in Augenschein. Ihr Mann war vor seinem Tod auf einem Ohr taub geworden, ansonsten kannte sie niemanden, der nicht hören konnte. Und jemand wie diese junge Frau war ihr noch nie begegnet. Eigentlich müsste ich Angst haben, dachte sie, doch dann fiel ihr ein Vers aus dem Matthäusevangelium ein, den sie seit Jahren nicht mehr gehört hatte: »Als ich fremd war, nahm er mich auf.«

Sie ging zur Küche, warf jedoch aus dem Esszimmer noch einen Blick zurück. Die beiden steckten immer noch die Köpfe zusammen. Der Mann gestikulierte. Die Frau stöhnte wieder – es klang wie eine Zustimmung.

Lass ihnen ein wenig Privatsphäre, sagte sich die Witwe. Jedermann braucht seinen eigenen Raum. Die wenigsten Kinder konnten 29 + 13 ausrechnen, wenn man ihnen über die Schulter schaute. Andererseits gab es auch zuviel Abgeschiedenheit. Abgesehen von ihren monatlichen Ausflügen zum Markt, war sie dreihundertvierundsechzig Tage im Jahr mutterseelenallein. Das hieß neunundneunzig Prozent Einsamkeit – nur zu Weihnachten, wenn ihre in alle Winde zerstreuten ehemaligen Schüler mit Kindern und Kindeskindern ihre Verwandten in Well’s Bottom besuchten, öffnete die Witwe ihr Haus, um ihre Lieben willkommen zu heißen. Ihre Abgeschiedenheit war so vollkommen, dass sie fast keinen Kontakt hatte. »Fast kein Kontakt«, hatte ihr Schüler John-Michael einmal gesagt, »ist etwas ganz anderes als gar keiner.«

Die Witwe setzte in der Küche Wasser auf. Während sie Mehl, Zucker und andere Zutaten, die sie für Plätzchen brauchte, herrichtete, stellte sie sich drängendere Fragen. Wer sind die beiden? Warum sind sie bei diesem Unwetter unterwegs? Dieser Gedanke brachte ihr das Trommeln der Regentropfen wieder zu Bewusstsein. Der Fluss war sicher überflutet. Sie hörte bei dem Sturm nicht einmal den Motor des Rührgeräts, das den Teig bearbeitete.

Bei schönem Wetter drangen viele Laute bis zu ihr ins Haus. Das Vogelgezwitscher. Das ferne Gurgeln des Flusses. Die seltenen Fahrzeuge auf der Old Creamery Road, die etwa eine halbe Meile bergab von ihrer Einfahrt verlief. Selbst die Klänge des AM Radios aus dem Truck des Postboten wehten bis zu ihr herauf. Aber die schönsten Geräusche waren, wenn der Briefträger den Wagen am Straßenrand anhielt und die Flagge des Postkastens nach oben klappte, um die Korrespondenz abzuholen, die sie an ihre Schüler verfasst und am Abend zuvor dort deponiert hatte. Sie hatte die Flagge nicht immer gehört, nicht bevor Landon, einer ihrer Schüler, der zum Künstler geworden war, einen kleinen Leuchtturm aus Metall gestaltet, ihr zu Weihnachten geschenkt und mit Messingscharnieren an ihrem Briefkasten befestigt hatte. Aber es war kein einfacher Leuchtturm. Wenn er flach lag – das Zeichen, dass keine Briefe zum Abholen da waren –, waren die Fenster dunkel, stand er aufrecht, leuchteten sie, und man sah, dass die Spitze des Turms wie ein Menschenkopf gestaltet war. Mein Leuchtturmmann, dachte die Witwe oft. Wie sehr sie das Quietschen der Messingscharniere liebte!

Sie schob das Blech mit den Plätzchen in den Ofen. Dann öffnete sie die Tür einen Spalt und spähte ins Wohnzimmer.

Die junge Frau schaute in die Flammen. Der Mann stand auf und nahm die nassen Plakate ab. Die Witwe rechnete damit, dass er alles auf den Boden fallen ließ, doch er faltete sie zusammen und legte sie ordentlich vor den Kamin. Darunter trug er nur ein Unterhemd und weite Shorts. Entweder hatte er kürzlich beträchtlich Gewicht verloren, oder diese Kleidung gehörte ihm gar nicht.

Wovor laufen die beiden weg? Soll ich sie danach fragen? Oder wäre es besser, ihnen einfach Schutz zu bieten?

Die Witwe trat zurück in die Küche.

Der Kühlschrank war gut gefüllt. Sie hatte am Morgen die Kühe gemolken und Brot gebacken. Erst letzte Woche hatte sie Äpfel von den Bäumen gepflückt und Apfelbutter gemacht. All das stellte sie nun auf ein einfaches Tablett. Sie musste sich keine großen Umstände machen. Seit dem Tod ihres Mannes hatte sie weitgehend auf Schnickschnack verzichtet, obwohl ihr einige Schüler feine Sachen geschenkt hatten: ein vierteiliges Tee-Set und ein Silbertablett. Solche Dinge brauchte sie heute nicht hervorzukramen. Doch als der Wasserkessel pfiff und die Küchenuhr piepste, besann sie sich eines anderen.

Mit dem Silbertablett in der Hand, auf dem sie Plätzchen, Brot, Obst und Käse angerichtet hatte, stieß sie die Küchentür auf.

Der Mann hatte sich wieder gesetzt, und die Frau war dabei, sich aus den nassen Decken zu schälen. Für einen Moment war die Witwe verärgert, weil die Decken in einem Haufen neben dem Sessel landeten – sie hätte gedacht, dass der Mann für Ordnung sorgen würde. Dann jedoch hörte sie, wie die Frau, über deren Schultern nur noch eine Decke lag, leise Laute von sich gab. Diesmal waren es keine stöhnenden, sondern hohe, winselnde Töne.

Die Witwe stellte das Tablett auf den Esstisch, kam näher, um die Decken aufzuheben, und überlegte, wo sie sie trocknen sollte. Sie drehte sich um und betrachtete die beiden Fremden.

In den Falten der letzten Decke, die die Frau einhüllte, lag ein winziges Baby.

Die Frau hielt das Kind in ihren Armen. Der Mann beugte sich zu dem Säugling. In seiner Hand hielt er ein feuchtes Tuch – den Musselin, der auf der Armlehne des Sessels gelegen hatte – und wischte damit das Blut von dem kleinen Gesicht. Das Baby wimmerte – das waren die Laute, die die Witwe irrtümlich der Frau zugeordnet hatte.

Die Berührungen des Mannes waren sanft. Er hatte den Wasserkrug vom Esstisch geholt und tauchte das Tuch darin ein. Dann schlug er die Decke zurück und säuberte den strampelnden Körper. Ein Mädchen, stellte die Witwe fest. Sie sah, dass das Kind weißhäutig war. Der Mann handelte mit der Umsicht eines Vaters, aber er war nicht der Vater. Irgendwie hatte er sich mit der Frau zusammengetan, und vielleicht hatte er ihr sogar bei der Entbindung geholfen.

»Oh mein Gott«, stöhnte die Witwe.

Die junge Mutter schaute auf. »Nein!«, schrie sie. »Nein, nein, nein, nein!«

Der Mann drehte ihr das Gesicht zu und folgte ihrem Blick zur Witwe. Er starrte sie an, aber in seinen Augen war keine Angst zu sehen – nur wieder dieses Flehen.

»Es ist gut«, sagte die Witwe, obschon sie wusste, dass nichts gut war. Da war das Baby. Ein Paar auf der Flucht. Und sie waren anders. Nicht normal.

Sie sollte die Polizei anrufen, aus dem Haus laufen und sich in Sicherheit bringen. Doch ihre Gedanken rasten an diesem Punkt vorbei, weit voraus, dann nahmen sie eine Wende und kehrten in der Zeit zurück.

Sie hob die nassen Decken auf und lief durch die Haustür auf die Veranda.

Während sie dastand und mit den Decken auf den Armen in den Regen schaute, dachte sie an ihn, ihr einziges Kind, an den Sohn, der nicht alt genug geworden war, um einen Namen zu bekommen. Sie sah, wie der Arzt in ihr Krankenhauszimmer kam, und ihren Mann Earl, der auf einem Stuhl neben dem Bett saß. Earl erhob sich, als sich der Arzt näherte und tief Luft holte. »Gott weiß, was das Beste für solche Kinder ist«, sagte der Doktor. »Er nimmt die Unvollkommenen zu sich.« Sie fragte: »Was heißt das: unvollkommen?« Der Arzt erwiderte: »Der Kleine lebt nicht mehr. Sie können vergessen, dass dies jemals geschehen ist.« Das Gesicht ihres Mannes fiel ein, während er taumelnd auf den Stuhl zurücksank. Als an diesem Abend der Mond aufging, stiegen sie voller Schweigen in das Auto. Earl bestand darauf, keinen Namen in den Grabstein zu meißeln.

Aber das Baby in ihrem Haus lebte.

Die Witwe hängte die Decken zum Trocknen über das Geländer und kehrte ins Haus zurück.

Weder im Wohnzimmer noch in der Küche war jemand. Sie rief: »Wo sind Sie?« Die beiden mussten sich noch im Haus aufhalten, sie hatte die Hintertür nicht gehört. Sie ging in den Keller und suchte in der Waschküche, im Vorratsraum, bei der Wasserpumpe. Wieder im Erdgeschoss, öffnete sie den Schrank unter der Treppe. Dann stieg sie hinauf in den ersten Stock. Die Tür zum Bad stand offen wie immer, die Handtücher waren unberührt. Die Witwe drehte den Knauf der Schlafzimmertür. Das Bett und die beiden Schränke – ihrer zur Linken, Earls auf der rechten Seite – sahen unberührt aus. Im zweiten Raum, ihrem Arbeitszimmer mit ihren Büchern, einem Schreibtisch und dem Christbaumschmuck war auch alles wie sonst.

Nein, nicht ganz.

Sie knipste die Lampe an. Ihre Schreibtischunterlage – eine Landkarte von Amerika, die früher in ihrem Klassenzimmer gehangen hatte – war verrutscht.

Sie richtete den Blick an die Decke. Sie mussten die Falltür zum Dachboden gefunden haben, wo sie Unterlagen über ehemalige Schüler und die Wäsche, die geflickt werden musste, aufbewahrte. Offenbar war das Pärchen da hinaufgeklettert und hatte die Falltür zugezogen.

Diese Menschen waren daran gewöhnt, sich zu verstecken.

Sie stieg auf den Schreibtischstuhl. Seit Jahren spürte sie ihre Arthritis, und sie brauchte länger denn je für die Farmarbeit, obwohl sie nur noch wenige Tiere und einen sehr viel kleineren Garten als früher hatte. Sie zog an der Schnur, um die Faltleiter herunterzulassen, hielt sich an den oberen Sprossen fest und kletterte hinauf.

Es brauchte einige Zeit, bis sich ihre Augen an das trübe Licht auf dem winzigen Dachboden gewöhnt hatten. Aber dann sah sie die beiden, wie sie sich über den Korb mit der Flickwäsche beugten, und in dem Korb lag der Säugling.

Sie beobachtete, wie die beiden besorgt in den Korb spähten, die junge Frau lehnte sich offensichtlich erschöpft an den Mann – sie hatte den Arm um seine Taille geschlungen, er hatte den seinen um ihre Schultern gelegt. Die Witwe war wie gebannt von dem Pärchen – ein Farbiger, eine Weiße –, das von gemeinsamen Hoffnungen und zärtlichen Gefühlen für das Kind war. Die Hautfarbe schien für die zwei keinerlei Bedeutung zu haben, genauso wenig wie das kindliche Verhalten der Frau oder die Taubheit des Mannes; also entschied die Witwe, dass das alles auch für sie keine Rolle spielte, obschon sie noch nie einem solchen Paar begegnet war.

Als ihr klar wurde, was getan werden musste, stieg sie die Leiter hinunter.

Im Schlafzimmer öffnete sie den Schrank ihres Mannes. Sie hatte sich schon vor langer Zeit vorgenommen, Earls Kleider wegzugeben, mittlerweile war sie jedoch daran gewöhnt, den Schrank aufzumachen, Trost im Anblick eines Hemdes zu finden und ihren Erinnerungen an die Anfangszeit ihrer Ehe, in der er seine Zärtlichkeiten nicht unterdrückte und sie ihre Zuneigung noch offen zeigte, freien Lauf zu lassen. Jetzt nahm sie ein Hemd heraus und legte es zusammen mit einer Hose und einem Jackett aufs Bett. Sie erinnerte sich, dass Earl dieses Sakko getragen hatte, als er sie zum ersten Mal mit auf die Farm nahm, kurz nachdem sie von Altoona hergezogen war, um die Stelle im Schulhaus anzutreten. Er hatte so gut ausgesehen in diesem Jackett.

Die Frau brauchte auch etwas zum Anziehen. Das, was sie auf dem Leib trug, passte ihr nicht und war fadenscheinig und abgenutzt. Die Witwe nahm ein weißes Kleid aus ihrem Schrank. Sie fand weiße Slipper, einen Schal und Unterwäsche. Dann fielen ihr die Nachwirkungen einer Geburt wieder ein, und sie grub längst vergessene Damenbinden aus dem Schrank im Bad aus.

Kurz darauf hörte sie, wie die beiden vom Dachboden stiegen und die Klappe schlossen. Die Witwe trat auf den Flur und sah ihre Besucher zum ersten Mal in voller Größe. Der Mann war vielleicht zwanzig Jahre älter als die junge Mutter – eine Naturschönheit. Ihr Haar war strähnig und ungekämmt; sie hatte zarte Knochen, war jedoch nicht ausgemergelt, wie es auf den ersten Blick erschienen war. Die Gesichtszüge der jungen Frau wirkten beinahe edel.

Die Witwe führte sie ins Schlafzimmer.

»Das ist für euch«, sagte die Witwe, und am erstaunten Gesichtsausdruck ihrer Besucherin erkannte sie, dass sie alles verstanden hatte. Die Frau gestikulierte, um die Botschaft an ihren Freund weiterzugeben. Beide näherten sich dem Bett, und ohne anzudeuten, dass sie ein Anrecht auf Privatsphäre hatten, zogen sie sich aus.

Die Witwe ging hinunter, stocherte im Feuer und deckte den Tisch. Sie würden sich niedersetzen – ihre Gäste in sauberen Kleidern – und eine ordentliche Mahlzeit zu sich nehmen, wer immer sie auch sein mochten.

Später, viele Meilen von hier entfernt, sollte sich die Witwe wundern, dass sie nicht auf das Nächstliegende gekommen war. Andererseits hätte es vielleicht niemand wissen können.

Die zwei kamen Hand in Hand in ihren frischen Kleidern die Treppe herunter – sie sahen umwerfend aus. Das Jackett betonte die Attraktivität des Mannes – er erinnerte an einen stolzen Farmer im Sonntagsstaat. Er hatte sich auch einen Hut von Earl genommen. Das Kleid und der Schal unterstrichen die Schönheit der jungen Frau. Beide strahlten.

Die Witwe legte die Hand auf die Brust, als sie auf sie zukamen. »Sie sehen traumhaft aus.«

Wumm, wumm.

Die junge Frau erstarrte und hielt den Mann zurück.

Die Witwe wirbelte herum. Wumm. Jemand hämmerte an die Haustür.

Sie schnappte nach Luft. Selbst bei dem prasselnden Regen dröhnte der Lärm im ganzen Zimmer. Die Angst stand ihren Gästen ins Gesicht geschrieben.

»Nein, nein, nein, nein!«, sagte die Frau.

Der Mann schwieg, aber er musste die Vibration des Bodens gespürt haben.

Alles ging ganz schnell. Der Witwe blieb gerade genug Zeit, sich zur Tür umzudrehen, ehe Autoscheinwerfer aufflammten und durch das Fenster neben der Tür schienen.

»Polizei«, rief eine Stimme auf der Veranda eher müde als bedrohlich.

Die Witwe wandte sich dem Paar wieder zu. Die beiden machten den Eindruck, als wollten sie davonlaufen, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, wohin. Sie wirbelte erneut herum und schrie, um das Prasseln des Regens zu übertönen: »Was wollen Sie?«

»Bitte öffnen Sie die Tür.«

»Es wäre mit lieber, wenn ich wüsste, warum Sie hier sind.« Sie bedeutete den beiden, zu bleiben, wo sie waren.

»Sie sind Martha Zimmer?«

»Ganz recht.«

»Ist alles in Ordnung bei Ihnen, Mrs. Zimmer?«

»Was sollte sein?«

»Machen Sie bitte die Tür auf.«

»Erst hätte ich gern eine Erklärung.«

»Machen Sie keine Schwierigkeiten. Wir sind seit Stunden unterwegs; wir wollen nur unseren Job beenden und nach Hause gehen.«

»Ich denke, die Verfassung ist auf meiner Seite, wenn ich sage, dass ich das Recht habe zu erfahren, warum Sie Scheinwerfer auf mein Fenster richten.«

»Zwei Menschen werden vermisst, und wir fürchten um ihre Sicherheit.«

»Um deren Sicherheit?«

»Ja.«

»Womöglich habe ich das missverstanden. Ich dachte, Sie würden sich um meine Sicherheit sorgen.«

»Hören Sie, wir wollen Ihre Haustür nicht aufbrechen. Wenn Sie einfach …«

»Und woher kommen diese Leute, die ein Risiko für sich selbst darstellen und vermisst werden?«

»Von einer Schule.«

»Bis auf an der Highschool habe ich an allen Schulen von Well’s Bottom unterrichtet. Seit wann schickt die Highschool die Polizei zur Verfolgung von Schulschwänzern los – und noch dazu um diese Tageszeit?«

Schweigen. Etwas regte sich. Durch das Fenster konnte die Witwe Gestalten ausmachen, die um die Veranda zur Hintertür huschten.

»Ich habe Ihnen eine Frage gestellt«, sagte sie. »Um welche Schule handelt es sich?«

»Die Anstaltsschule, Mrs. Zimmer.«

Die Worte trafen sie wie ein kalter Windstoß. Natürlich! Sie hatte es von Anfang an gewusst. Das erkannte sie jetzt – der Name stand in Blockbuchstaben auf den Wolldecken, die jetzt zum Trocknen über dem Verandageländer hingen und vom Scheinwerferlicht angestrahlt wurden. PENNSYLVANIA STATE SCHOOL – eine Anstalt für schwer Erziehbare und geistig Behinderte.

Sie drehte sich um. Das Pärchen stand nicht mehr da. Doch ehe sie nach ihnen suchen konnte, flog die Haustür beinahe zeitgleich mit der Hintertür auf. Polizisten – zwei kannte sie aus Well’s Bottom, die vier anderen hatte sie noch nie gesehen – und ein langer Kerl in weißem Krankenhauskittel, offenbar ein Wärter, stürmten das Haus. Er musste ein Angestellter der State School sein, den Gebäuden hinter den hohen Mauern, an denen ihr Mann nie mehr vorbeigefahren war, nachdem ihr Baby – ihr behinderter Sohn – auf die Welt gekommen und gestorben war.

Um sie herum herrschte Hektik; die Männer schwärmten in alle Räume aus, ohne sich um ihre Privatsphäre zu scheren oder auf ihre Bitte »Benehmen Sie sich zivilisiert!« zu reagieren. Sie durchstöberten den Schrank unter der Treppe, das Wohn- und das Esszimmer. Als sie die Kellertreppe hinunterliefen, spähte die Witwe durch die Tür ins Freie. Die grellen Scheinwerfer beleuchteten die Hälfte der abschüssigen Weide, aber sie entdeckte keine Fliehenden. Nur drei Polizeiautos und eine Limousine, aus der ein Mann stieg. Er trug einen gestutzten Schnauzbart und einen eleganten Regenmantel: sein graues Haar war in der Mitte gescheitelt. Er spannte seinen Regenschirm auf und kam die Einfahrt herauf.

»Ich hab das Mädchen«, rief ein Mann aus der Küche.

»Wo ist der Junge?«, wollte ein anderer wissen.

»Nicht im Erdgeschoss.«

»Versuch’s oben.«

Schritte ertönten auf der Treppe, als der Mann im Regenmantel das Haus erreichte.

»Ich bin Dr. Collins«, stellte er sich in leisem, ruhigem Ton vor – gerade so, wie man es von einem Doktor erwartete. »Ich muss mich für diese Störung Ihrer Abendruhe entschuldigen.« Er streckte die Hand aus.

Die Witwe schüttelte sie, während sie oben eilige Schritte und das Knarren von Schranktüren hörte. Sie spürte eine Bewegung in ihrem Rücken und drehte sich um. Die junge Mutter wurde aus der Küche eskortiert. Ihr Begleiter war der lange dünne Wärter, ein kahler Mann mit Ziegenbärtchen und Nickelbrille. Das Mädchen wirkte so niedergeschlagen und verängstigt wie bei seiner Ankunft.

»Worum geht es überhaupt?« Martha ließ die Hand des Doktors los.

»Jetzt, da wir sie gefunden haben, brauchen Sie sich nicht mehr den Kopf darüber zu zerbrechen«, erwiderte der Doktor.

»Haben die beiden etwas angestellt?«

»Sie kennen die Regeln. Unerwünschtes Verlassen stört die Ordnung in unserer Einrichtung.«

Martha wandte sich an die junge Frau. Der Wärter holte etwas aus der großen Tasche seines Kittels und beförderte eine Art Jacke mit extra langen Ärmeln zutage.

»Was ist das?«, wollte Martha wissen.

Dr. Collins antwortete: »Diese Jacke ist zu ihrem eigenen Besten.«

Der Wärter steckte die Arme der Frau in die Ärmel, kreuzte sie über der Brust und zog die langen Ärmel auf ihren Rücken.

Die junge Mutter warf Martha einen Blick zu. In ihren Augen loderte Wut. Aber sie leistete keinen Widerstand, nicht einmal, als der Wärter die Ärmel hinter ihrem Rücken fest zusammenband.

Martha schreckte zurück. Dem Wärter entging das nicht, deshalb erklärte er: »Das ist nötig. Sie lernen nicht dazu – sie verstehen nichts. Dies ist die einzige Möglichkeit, sie auf Linie zu bringen.«

»Aber das muss doch wehtun.«

»Sie spüren keinen Schmerz. Sie sind … hören Sie, wenn sie richtig und falsch unterscheiden könnte, hätte sie Ihnen nicht diese Kleider gestohlen.«

»Ich habe sie ihr gegeben

»Eine freundliche Geste, aber diese Großzügigkeit war unnötig«, sagte Dr. Collins.

»Ich würde mich freuen, wenn die Frau sie behalten dürfte.«

»Und«, schaltete sich der Wärter wieder ein, während er sich vor der jungen Frau aufbaute, »was hat sie zu Ihnen gesagt, als Sie ihr das Kleid geschenkt haben?«

Die junge Frau senkte den Kopf.

Martha wusste, dass der Wortschatz des Mädchens nur aus einem Wort bestand. Sie presste die Lippen zusammen, wie sie es oft bei Earl getan hatte.

»Er ist nicht hier oben«, rief ein Polizist, dann polterten sie die Treppe herunter.

Martha schaute zur Decke. Der Dachboden!, schoss es ihr durch den Kopf. Sie haben den Dachboden übersehen. Und sie haben mit keinem Wort erwähnt, dass sie auch ein Baby suchen.

»Vielleicht sollten sie die Umgegend durchkämmen«, schlug Dr. Collins den Polizisten vor. »Schließlich ist er zu Fuß hergekommen. Er hat keine Angst vor der freien Natur. Suchen Sie in den Nebengebäuden.«

Sie liefen hinaus. Der Doktor stellte sich in die Haustür und sah ihnen zu.

Martha schaute sich nach der gefesselten jungen Mutter um. Die stand zusammen mit dem Wärter im Esszimmer. Martha wollte etwas unternehmen … irgendetwas. Aber was? Hundert Gedanken bestürmten sie und zerstreuten sich wieder, bis nur noch einer blieb. Sie fragte die junge Frau: »Wie ist Ihr Name?«

Die junge Mutter begegnete ihrem Blick, blinzelte und ließ den Kopf wieder hängen.

»Sie ist schwachsinnig«, mischte sich der Wärter ein. »Minderbemittelt. Sie kennt nur ein Wort: Nein. Weiter arbeitet ihr kleines Gehirn nicht.«

»Das genügt, Clarence«, wies ihn Dr. Collins zurecht.

»Ich sage nur die Wahrheit«, verteidigte sich Clarence. »Die Lady hat eine Frage gestellt – sie sollte Bescheid wissen.«

Martha ging auf die junge Mutter zu. »Wie heißen Sie?«

Die junge Frau wich leicht zurück, sah jedoch nicht auf.

»Doc, kann ich sie jetzt zum Wagen bringen?«

»Sie heißt Lynnie«, sagte der Doktor, rührte sich aber immer noch nicht vom Fleck.

»Lynnie«, wiederholte Martha, und die junge Frau hob den Kopf, als sie ihren Namen hörte. Ja, ihr Blick wirkte abgestumpft – das hatte Martha auch bei anderen zurückgebliebenen Kindern beobachtet. Warum war ihr das vorher nicht aufgefallen? Weil Lynnie so schön war und mit ihren Augen so viel Gefühl ausdrückte.

»Und der Mann?«, bohrte Martha weiter. »Wie heißt er?«

Clarence stieß ein Lachen aus. »Er hat keinen Namen. Er ist Nummer Zweiundvierzig.«

Martha sah den Doktor fragend an, doch statt eine Erklärung abzugeben, trat er auf die Veranda und unterhielt sich mit einem der Polizisten, der zur Einfahrt deutete.

Als sich Martha wieder zu Lynnie umwandte, entdeckte sie etwas Neues in den Augen des Mädchens. Ein Gefühl, das sie nicht identifizieren konnte.

Vielleicht merkte Clarence etwas und nahm deshalb den Gesprächsfaden wieder auf. »Sie hat Sie gehört«, erklärte er höhnisch und stellte sich an Lynnies Seite. »Sie besitzt nur nicht genügend Verstand für gute Manieren. Wenn dir jemand Kleider schenkt, was sagst du dann?« Er stieß Lynnie in Marthas Richtung.

Lynnie schaute an Martha vorbei. Zuerst hielt Martha das für ein Zeichen von Schüchternheit oder Unterwürfigkeit. Doch irgendetwas verriet ihr, dass diese kleine Geste mehr aussagte, als es Worte vermocht hätten. Sie folgte Lynnies Blick. Ihre Augen waren auf das kleine Fenster im Wohnzimmer gerichtet, durch das Martha das aufziehende Unwetter beobachtet hatte.

Das Fenster stand offen. Eine Männergestalt – Nummer Zweiundvierzig – rannte über die Weide und verschwand im Wald.

Martha schaute Lynnie an. Diesmal war klar, was sie bewegte: Trotz.

»Du hörst mir nicht zu«, tadelte Clarence die junge Frau und schob sie vor Martha. »Bedank dich bei der Lady. Gib dein höflichstes Grunzen von dir.«

Das Mädchen war ihr nun so nahe, dass Martha ihren Atem spürte. Lynnie brachte ihre Lippen dicht an ihr Ohr.

Martha wappnete sich gegen das eine Wort, das Lynnie kannte – das Wort, das sie schon aus ihrem Munde gehört hatte und dem Trotz Ausdruck verleihen würde.

»Verstecken«, flüsterte Lynnie.

Martha wich zurück und musterte Lynnie. Man sah ihr nichts an.

Die Witwe beugte sich noch einmal vor.

»Verstecken«, hauchte Lynnie erneut und fügte hinzu: »Sie.«

»Was hat sie gesagt?«, erkundigte sich Clarence. »War sie ein braves Mädchen?«

Lynnie gab nichts preis und drehte Martha das Gesicht zu.

Die Augen waren keineswegs abgestumpft. Sie waren grün und schön und, ja, anders. Offensichtlich waren sie geübt darin, Tränen zurückzuhalten.

Dr. Collins verkündete: »Wir gehen.«

»Haben sie ihn geschnappt?«, fragte Clarence.

»Noch nicht, aber heute Nacht kommt er nicht weit. Es ist zu dunkel. Der Fluss ist über die Ufer getreten, und der Junge muss erschöpft sein. Sie nehmen morgen seine Spur auf.«

»Das wird Nummer Zweiundvierzigs Glückstag«, bemerkte Clarence.

Er zerrte Lynnie mit sich. Martha spürte plötzlich Kälte an ihrem Hals – dort, wo kurz vorher der Atem der jungen Frau sie gewärmt hatte. Die Witwe blieb reglos stehen, ohne Lynnie aus den Augen zu lassen, als Clarence seinen Schützling zur Tür schleifte. Eine Sekunde fragte sich Martha, ob sie die zwei Worte wirklich gehört hatte. Schließlich nahm sie sich zusammen und lief ihnen nach. Die Tür stand weit offen, und sie spähte hinaus. Dr. Collins schritt zu der Limousine. Die Polizeiautos wendeten. Lynnie wurde im noch immer strömenden Regen und ohne Schirm die Verandatreppe hinuntergeführt.

Martha spähte zu der Stiege ins Obergeschoss, dann drehte sie sich um und rief: »Lynnie!« Die zarte Gestalt in der Zwangsjacke und dem bereits durchweichten weißen Kleid blieb am Fuß der Verandastufen stehen und warf einen Blick zurück.

Ich muss mir alles genau einprägen, nahm sich Martha vor. Die grünen Augen. Das lockige goldblonde Haar. Die Art, wie sie den Kopf zur Seite neigte.

Dann trat Martha auf die Veranda und erklärte mit mehr Sicherheit, als sie jemals empfunden hatte: »Lynnie, ich tu’s.«

State School
1968

Lynnie watete durch das knöcheltiefe Wasser über die Einfahrt vor dem Farmhaus, dicht gefolgt von Clarence. Ihr Körper schmerzte noch immer nach der Geburt. Dieses Wasser fühlte sich reiner an als das auf einer verstopften Toilette, wo eklige Flüssigkeiten auf dem Boden herumschwammen. Nach so vielen Jahren mit derartigen Scheußlichkeiten hatte sie endlich etwas, aus dem sie Kraft schöpfen konnte: ein Wesen, dem sie das Leben geschenkt hatte. Dann gab ihr Clarence einen Stoß, und alles kam wieder zurück. Man hatte ihr alles genommen. Nach drei Tagen Freiheit hatte sie nichts mehr, nicht einmal die Wahl, wohin sie ihren Fuß setzen konnte.

Ihre Arme waren gefesselt, Clarence passte auf sie auf, und bald erwartete sie eine Strafe in der Schule. Die Schule. So hatten sie es vor der alten Lady genannt. Die Insassen, die reden konnten, sprachen meistens von »der Bruchbude« oder »dem Knast«. In der langen Zeit, in der Wortfetzen durch ihren Kopf drifteten, manchmal Form annahmen, manchmal nicht, dachte Lynnie an diese Schule nur als schlechten Ort. Doch als sie Buddys Schild für die Schule sah – Buddy, im Stillen sprach sie den Namen, den sie für ihn ausgesucht hatte, voller Freude aus –, hielt sie es für perfekt: ein Käfig mit einem eingesperrten Tier. Jetzt wurde sie zu diesem Käfig zurückgeführt; ihr war elend zumute, und sie hätte am liebsten jemanden gebissen. Aber das tat sie nicht – es würde alles nur noch schlimmer machen.

Die Hintertür der Limousine stand bereits offen. Am Steuer saß Mr. Edgar, der massige Mann, der für Dr. Collins arbeitete. Gewöhnlich sah Lynnie ihn nur vom Fenster der Wäscherei aus, wenn sie die Wäsche in die Rollbehälter legte. Er ging oft in das Verwaltungsgebäude; Lynnies Freundin Doreen, die die Post verteilte, sagte, dort würden »lauter große Worte gewechselt«. Jetzt als sie sich der Limousine näherte, konnte sie Mr. Edgars Haare sehen. Zurückgekämmt mit so viel Brillantine, dass man die Furchen des Kammes sehen konnte. Neben ihm saß Dr. Collins. Er beugte sich mit einen Füllfederhalter in einer und einer Zigarette in der anderen Hand über Lynnies Karteikarte. Lynnie registrierte das alles, obschon sie die Worte »Brillantine«, »Füllfederhalter« oder »Karteikarte« nicht kannte. Sie kannte jedoch den Namen »Dr. Collins«, auch wenn die Insassen ihn »Onkel Luke« nennen sollten. Lynnie sagte gar nichts zu ihm – kurz nachdem sie an diesen schlechten Ort gekommen war, hatte sie ganz aufgehört zu sprechen … Doch das war Onkel Luke nie aufgefallen. Für ihn war sie eine Patientin von dreitausend, und er tänzelte, wie Doreen sagte, in Begleitung von gutgekleideten Leuten, »die an keinem Wasserhahn vorbeigehen können, wenn er gut genug poliert ist, um ihr Gesicht zu spiegeln«, übers Gelände und zeigte ihnen alles.

Onkel Luke nahm sie selbst jetzt, als sie an seinem Fenster vorbeiging, nicht wahr – er konzentrierte sich darauf, Notizen auf der Karte festzuhalten. Sie streckte ihm heimlich die Zunge heraus, dann legte Clarence seine Hand auf ihre Schulter. »Steig ein«, forderte er in höflichem Ton, weil Onkel Luke ihn hören konnte. Dann stieß er sie auf den Rücksitz und schlug die Tür zu.

Sie versuchte, durch die Windschutzscheibe zum Farmhaus zu schauen. Das Licht der Scheinwerfer reichte gerade so weit, sie konnte jedoch nur das Rechteck der erleuchteten Tür und die Silhouette der Lady ausmachen, die gesagt hatte, sie würde tun, worum Lynnie sie gebeten hatte. Lynnie hatte sich mächtig angestrengt, um diese Worte auszusprechen – »verstecken, sie« –, und ihr wurde leichter ums Herz, als sie die Antwort der alten Lady vernahm. Das winzige Dachbodenfenster oder gar der Waldrand waren nicht zu sehen.

Clarence rutschte durch die andere Wagentür neben sie, und Lynnie drückte sich ans Fenster. Sie musste raus hier, Buddy finden. Aber das ging nicht, und sie konnte nichts anderes tun, als tief Luft zu holen. Das war nicht gut – wenn sie merkten, dass man Angst hatte, wurden sie noch brutaler. Sie versuchte, an Kate zu denken, an die freundliche Pflegerin mit den roten Haaren und der warmherzigen Art, allerdings sah sie nur den Wärter mit den Hunden, den sie Smokes nannten, vor sich, und ihr Atem beschleunigte sich noch mehr. Sie nahm zu einer alten Gewohnheit Zuflucht. Als sie noch klein war und sich ihr Körper schlaff fühlte, ließ sie gern den Kopf kreisen, weil dann die Farben der Umgebung flatterten wie bunte Bänder. Nachdem der Arzt festgestellt hatte, dass sich ihre Muskulatur kräftigte, rollte sie immer noch den Kopf, allerdings mit geschlossenen Augen, weil sie dahintergekommen war, dass ihre Gedanken an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit verharrten, wenn sie mit der Bewegung aufhörte. Es war wie bei einer Waschmaschine: Nach dem Schleudern fand man verlorene Socken. Während die Limousine die Auffahrt hinunterrollte, ließ sie wieder den Kopf kreisen, bis sie ganz woanders war.

»In dieser Bruchbude gehört einem gar nichts«, hatte Lynnies erste Freundin Tonette bei Lynnies Aufnahme in der Krankenstation geflüstert, »nur das, was hier drin ist. Also behalt es dort.« Dabei deutete sie auf Lynnies Stirn. Tonette war groß, braun und dünn und hatte Haare, die an die Federn eines Kugelschreibers erinnerten. Sie reichte Lynnie ein Schälchen mit Pudding. »Ich sage dir das, damit du dich von Anfang an richtig verhältst.« Lynnie nahm den Pudding, konnte Tonettes Logik jedoch nicht folgen. Erst ein wenig später, nachdem das mit Tonette passiert war, beschloss sie, von nun an zu schweigen.

Clarence tastete Lynnie ab. »Sieht aus, als hätte sie bei ihrem Abenteuer Gewicht verloren.« Onkel Luke und Edgar beachteten ihn gar nicht. »Ich sag das nur«, fügte Clarence lauter hinzu, »damit Sie es auf dieser Karte vermerken.« Lynnie verstand die Handlungsweise der anderen nicht immer, ganz zu schweigen von ihren Motiven, aber sie begriff, dass Clarence keineswegs die Absicht hatte, ihr zu helfen. Er wollte nur, dass sie ihn vor seinem Kollegen, dem Wärter namens Smokes, lobten.

Am liebsten hätte Lynnie die Beine angezogen und ihn von sich getreten, beherrschte sich aber, weil sie wusste, dass man ihr in diesem Fall die Füße fesseln würde. Stattdessen schaute sie aus dem Fenster. Wenn sich Buddy dort zwischen den Bäumen verstecken würde, müsste sie sich nicht gegen Clarence wehren; Buddy würde zum Auto rennen, die Tür aufreißen und sie retten. Die Limousine erreichte die Abzweigung zur Landstraße, und plötzlich entdeckte Lynnie etwas in der Dunkelheit: den kleinen Leuchtturmmann, der ihr schon bei ihrer verzweifelten Suche nach einem Unterschlupf für die Nacht aufgefallen war. Sie hatte Buddys Arm berührt. Die Figur erinnerte sie an den Ort, an dem sie vor langer Zeit mit ihrer Schwester gewohnt hatte – hier mussten sie sicher sein. Sie hatte so etwas einmal für Buddy gezeichnet: einen großen, massiven Turm am Meer. Sie wollte Buddy erklären, warum ihr der Leuchtturmmann verriet, dass sie hier Schutz finden würden. Aber sie hielt das Baby in den Armen und konnte nicht gestikulieren.

Clarence folgte ihrem Blick und betrachtete ebenfalls den Leuchtturmmann. Dann wandte er sich ab, legte den Arm auf die Sitzlehne und streifte Lynnies Schulter. Diese Berührung rief ihr vieles ins Gedächtnis, was sie nicht sehen wollte: der Kübel, die knurrenden Hunde, der Geschmack von Stoff. Sie wich zurück, aber Clarence fasste fester zu. Während sie den Wald entlangfuhren und an anderen Häusern vorbeikamen, fragte sich Lynnie: Ist Buddy auf diesem Hof ? Hinter diesem Baum? Wie lange würde es dauern, bis sie noch einmal davonlaufen konnten? Bis sie ihr Kind wieder in den Armen halten durfte?

Oh, wie gern hätte Lynnie Clarence getreten und gebissen, sich aus seinem Griff gewunden und laut geschrien! Doch wenn Buddy zurückkam, um sie zu holen, musste sie in dem Cottage sein, in dem sie schon die ganze Zeit lebte, und dort wäre sie nicht, wenn sie in die Einzelzelle gesperrt wurde. Deshalb presste sie die Füße auf den Boden und biss die Zähne zusammen. Dann richtete sie den Blick auf die Windschutzscheibe und hoffte, dass Buddy auf der Straße auftauchen würde, bevor sie den Fluss erreichten.

Sie wachte auf, als der Wagen langsamer wurde. Es war noch Nacht; neben der Straße ragte die hohe Steinmauer der Schule auf. Lynnie hatte nicht mitbekommen, wie sie die Brücke über den Fluss passiert hatten – vielleicht hatte sie Buddy auch verpasst. Enttäuschung lastete auf ihrer Brust. Sie bemerkte, dass der Regen aufgehört hatte, aber die Wolken waren so dicht, dass kein Stern zu sehen war. Bitteres Leid stieg ihr in der Kehle auf. Im Sommer hatte Buddy ihr beigebracht, dass die Sterne während der Nacht langsam über den Himmel zogen. Aber bei diesem Wetter war es unmöglich festzustellen, wie nah der Tagesanbruch war.

Kurz darauf kam die Turmuhr, die auf dem Hügel stand, in Sicht. Von der Straße aus war hinter der Mauer nur diese Uhr zu sehen. Während Mr. Edgar die Melodie, die aus dem Radio drang, mitsummte, Clarence seine Pfeife paffte und Onkel Luke schnarchte, starrte sie auf die Uhr. Sie leuchtete gelb wie der Mond, und die Regentropfen vermittelten den Eindruck, als würde sie weinen.

Erst zweimal hatte Lynnie diese Uhr von diesem Standpunkt aus gesehen. Einmal vor drei Nächten, als sie und Buddy ausgerissen waren und sie einen Blick zurückgeworfen hatte. Da war sie, die Uhr, die in alle Cottagefenster schien. Buddy hatte sie am Arm weitergezogen und ihr mit einer Geste bedeutet, dass sie laufen sollte. Sie vertraute Buddy und legte die Hand in seine, dann rannten sie los.

Da gab es noch ein Mal – vor Buddy, Kate, Doreen und sogar vor Tonette. Damals war Lynnie noch klein – ein winziges Selbst, das sie immer noch in ihrem Inneren versteckte wie eine kleine Schale in einer größeren. Jetzt senkte sie den Blick und suchte nach dem kleinen Selbst, das sie gewesen war, bevor sie die Turmuhr gesehen oder die Bedeutung der Steinmauern gekannt hatte.

In dieser Zeit war ihre ganze Welt die Küche gewesen, wo sie mit ihrer Schwester in dem Unterschrank gespielt hatte. Sie öffneten die Holztüren, zwängten sich ins Reich der Töpfe und setzten sich Kuchenformen auf wie Hüte. Ihre Schwester kannte viele Worte, und sie wusste, wie man sie von sich gab, wenn man ein Lied singen wollte. Lynnie nahm dann immer den Arm ihrer Schwester und grunzte dicht an ihrem Handgelenk, um die Vibrationen zu fühlen. Sie hatte ein Lieblingslied: A Tisket, A Tasket. A brown and yellow basket. I wrote a letter to my mommy. On the way I dropped it.

Damals wusste Lynnie noch nichts von Cottages mit Speisesälen. Sie kannte das Esszimmer und den Tisch, unter dem sie und ihre Schwester mit ihren Puppen spielten und Mommys und Daddys Schuhe betrachteten, wenn sie sich im ernsten Ton unterhielten und Dinge sagten wie: »Wir müssen diese Tragödie akzeptieren«, »Ihre Zukunft ist hoffnungslos« und »Wir haben es nicht verdient, ein zurückgebliebenes Kind zu bekommen«, während Lynnie am Knoten in Daddys Schnürsenkeln zupfte. Ihre Schwester fragte sie, ob sie wüsste, was es zu essen geben sollte. Lynnie schnupperte, dann fielen ihr die Namen ein: Kartoffelauflauf, heiße Schokolade. Sie liebte Gerüche und mochte es, das Gesicht auf die Wollmäntel zu drücken, die ihre Mutter den Sommer über unter dem Bett aufbewahrte. Noch immer hatte sie den süßen Geruch des Kaugummis von ihrer Schwester in der Nase. Sie erinnerte sich sogar, wie sie die Wange an Mommys parfümierte Brust geschmiegt hatte, während die sie unter dem Tisch hervorholte und sagte: »Ich kann das nicht.«

Obschon viele Jahre seither vergangen waren – Jahre in Schlafsälen mit vierzig Eisenbetten –, hatte Lynnie noch ihr Kinderzimmer vor Augen. Sowohl das Bett ihrer Schwester als auch ihr eigenes hatten rosafarbene Kopfteile. Und es hatte Fenster mit Vorhängen. Nah-nah war das erste Wort, das Lynnie sagen konnte (»Endlich!« Ihre Mutter klatschte vor Freude in die Hände, als Hannah sie strahlend ins Kinderzimmer rief.) Lynnie erinnerte sich auch an das Badezimmer und daran, wie sie auf der Wickelkommode saß. Daddy sagte: »Schon fünf Jahre alt, und sie braucht immer noch Windeln und gibt Laute von sich wie ein Baby.«

»Bitte, sprich nicht dauernd davon«, sagte Mommy.

Lynnie konnte sogar das Wohnzimmer vor ihrem geistigen Auge entstehen lassen: den Teppich, das Aquarium, die Bücher. Die Bücher waren nicht so lustig wie die Fische. Nah-nah saß auf dem Sofa und las, während sich Lynnie mit den Armen über den Boden zum Aquarium zog, um den schimmernden bunten Fischen hinter der Glasscheibe zuzusehen. »Sie krabbelt immer noch nicht?«, fragte Tante Sowieso. »Sie ist schon sechs Jahre alt.« Die andere Tante meinte: »Es ist offensichtlich, dass Dr. Feschbach recht hat.« Mommy entgegnete: »Sie wird kriechen und auch laufen.«

»Aber eine Schule kann sie nie besuchen«, wandte Tante Sowieso ein, und die andere flüsterte: »Denk nur, wie sehr sich ihre Schwester ihretwegen schämen wird, sobald sie alt genug ist, um alles zu verstehen.«

Mommy weinte. Wenn andere weinten, geschah etwas mit Lynnie. Es war, als würde ein mächtiges Gewitter mit Sturm und Donner in ihrer Brust toben, bis sie es nicht mehr aushielt. Dann warf sie sich auf den Rücken, strampelte und schrie. Das funktionierte immer, denn das Weinen hörte auf. Manchmal kam dann Nah-nah zu ihr und meinte: »Sie versteht das nicht.« Doch Lynnie verstand. Sie konnte die Tränen vertreiben, wenn sie die Traurigkeit in die Luft trat.

Und Lynnie sah ein Restaurant vor sich. Zu der Zeit konnte sie schon laufen, sie betraten das Restaurant, setzten sich in eine Nische, und ihre Eltern fragten sie, was sie wollte. »Burger!«, quietschte sie. Das war zu dieser Zeit eines der größten Worte, das sie kannte. Die Leute starrten sie an. Sie starrten auch, wenn das Essen nicht ganz in ihrem Mund landete und ihr wie Fingerfarbe übers Gesicht lief. Die Bedienung kam mit zusätzlichen Servietten an ihren Tisch. Daddy sagte: »Ich wünschte, du würdest endlich zur Vernunft kommen.« Mommy kamen die Tränen, und Nah-nah schlug vor: »Lasst uns zum Auto gehen und uns an den Händen halten.« Sie setzten sich auf den Rücksitz und sangen Elvis.

Dann war da noch ein Haus, das sie Synagoge nannten, ein Haus mit bunten Fenstern und einem riesigen Raum, den sie durchquerten, um zum Schreibtisch des Rabbi zu gelangen. Mommy setzte sich, nahm Lynnie auf den Schoß und drückte sie an ihren harten Bauch. »Alle haben sich eine Meinung gebildet. Sie kennen den Standpunkt meines Mannes. Aber ich informiere mich durch Bücher. Dale Evans erklärt, der einzig richtige Platz für ihre zurückgebliebene Tochter sei die Familie. Sie sagt, ihr Mädchen sei ein Engel. Aber Lynnie – nun ja, es ist peinlich.« Sie schluckte schwer. »Pearl S. Buck hatte auch eine geistig behinderte Tochter, und sie schreibt, solche Kinder seien glücklicher, wenn sie unter ihresgleichen leben. Aber Lynnie ist mein kleines Baby!«

Der Rabbi faltete die Hände und erwiderte: »Ich denke, Sie werden es bereuen, wenn Sie die Kleine fortschicken. Sie werden sich fühlen, als hätten Sie sie in der Wildnis ausgesetzt.«

»Vielen, vielen Dank.« Mommy fing an zu schluchzen. Lynnies Brust schmerzte so sehr, dass sie sich auf den Boden warf und sich heulend aufbäumte. Schließlich entschuldigte sich Mommy und zerrte sie mit sich.

Und da war noch ein Spielplatz. Nah-nah lief los, um mit ihren Freundinnen seilzuhüpfen, Lynnie blieb im Sandkasten und zeichnete mit einem Stock ineinander verlaufende Kreise in die Oberfläche, bis ein Junge kam und das hübsche Muster zusammentrampelte. Sie stürzte sich auf ihn und schlug zu. Im nächsten Moment kam Mommy mit dem Kinderwagen für die Zwillinge angelaufen, sprang in den Sandkasten, trennte Lynnie und den Jungen und schimpfte Nah-nah auf dem Heimweg aus, weil sie nicht auf ihre Schwester aufgepasst hatte. »Gib’s zu«, sagte Daddy an diesem Abend, als Lynnie mit Nah-nah, die ihr Lieblingslied summte, auf der Treppe saß. Dieses Mal ergriff Nah-nah den Arm ihrer Schwester und drückte ihre Lippen auf Lynnies Handgelenk. Aber Lynnie konnte ihren Daddy trotzdem verstehen. »Sie ist fast acht. Wenn wir sie nicht bald irgendwo unterbringen, wird es jeden Tag so sein. Für den Rest unseres Lebens.«

Tage später fuhren sie lange mit dem Auto. Lynnie saß auf dem Rücksitz und klappte den Aschenbecher auf und zu, auf und zu, bis Nah-nah fragte: »Ist das Lynnies Schule?«

Lynnie schaute auf und entdeckte den Turm. Er erhob sich über die Mauer – höher als der Tempel. Lynnie war stolz. Sie würde in eine richtig große Schule gehen. Das Auto bog in eine Zufahrt ein und hielt vor einem Tor.

»Es sieht aus, als ob hier nur noch ein Burggraben fehlt«, hauchte Nah-nah.

Daddy wies sie zurecht: »Denk dran, was wir gestern Abend besprochen haben.«

Mommy setzte hinzu: »Benimm dich deinem Alter entsprechend, Hannah.«

Nah-nah drehte sich ihrer Schwester zu. Lynnie hatte diesen Gesichtsausdruck noch nie an ihr gesehen. Viel später, nachdem Lynnie im Geiste die Worte und deren Bedeutung geordnet hatte, rief sie sich diesen Augenblick ins Gedächtnis. Inzwischen hatte sie gelernt, die Mienen anderer zu erkennen: Mitleid, Angst, Belustigung oder Verachtung. Bis dahin hatte sie nur Ausgelassenheit und Zuneigung im Gesicht ihrer Schwester gesehen. Doch in diesem Moment blitzten Schuldgefühle in deren Augen auf.

Ein Wachmann öffnete das Tor, und sie fuhren den Hügel hinauf zu einer Ansammlung von Gebäuden. Die Eltern zeigten mit den Fingern und beschrieben, was sie aus der Broschüre und Onkel Lukes Briefen kannten: Dies waren die Cottages, in denen die Insassen untergebracht waren – eingeteilt nach verschiedenen Kategorien.

»Sie nennen sie Cottages?«, fragte Nah-nah nach. »Jedes einzelne ist größer als meine Schule.«

»Dies ist eine eindrucksvolle Einrichtung«, stellte Daddy fest. »Das Gelände umfasst zwölfhundert Acres.«

In der Mitte standen sogar noch größere Gebäude.

»Das müssen die Wäscherei, die Turnhalle, die Klassenzimmer und die Krankenstation sein. Sie sind hier ziemlich unabhängig«, fügte er mit einem Blick auf Hannah über den Rückspiegel hinzu. »Sie produzieren sogar ihre eigenen Nahrungsmittel.«

Lynnie schaute sich um. Zwischen den Häusern waren Getreidefelder, Weiden mit Kühen, Hühnerställe, und überall sah man Männer in Overalls und grauen T-Shirts. Daddy meinte, sie würden als »Working Boys« bezeichnet, und erklärte, dass sich hinter den Feldern sogar ein Elektrizitätswerk befand. In der Nähe war ein Baseballfeld, und dahinter standen die Hütten für die Angestellten, deren Bezahlung Kost und Logis beinhaltete. Auf einem Hügel war etwas, worüber Daddy offenbar nichts wusste, weil er sie nicht darauf aufmerksam machte. Später, an dem Tag, an dem sie beschloss, nicht mehr zu sprechen, erfuhr Lynnie von dem Friedhof.

Alles war mit Fußwegen verbunden, unter denen sich, wie Mommy erklärte, unterirdische Gänge befanden, »damit ihr im Winter nicht frieren müsst«. Abgesehen von zwei Männern in weißen Kitteln – einer mit drei knurrenden Hunden – war niemand zu sehen.

»Ich glaube, sie beschäftigen die Schüler den ganzen Tag«, mutmaßte Mommy.

»Mit Unterricht?«, fragte Nah-nah.

»Bestimmt«, antwortete Mommy keineswegs überzeugt.

»Und mit Ausbildung«, ergänzte Daddy. »Sie bringen ihnen bei, Teppiche zu weben und Schuhe zu reparieren. Solide Fertigkeiten, die ihnen helfen, wenn sie älter sind.«

Als sie zum Parkplatz fuhren, entdeckten sie noch eine Frau in Weiß, die einen Jungen im Rollstuhl schob. »Oh, die Erwachsenen müssen Pfleger sein«, sagte Mommy.

»Pfleger?«, wiederholte Nah-nah. »Ich dachte, dies ist eine Schule.«

»Es ist eine andere Art von Schule«, gab Daddy knapp zurück. »Das habe ich dir doch erklärt.«

Nah-nah warf ihrer Schwester wieder einen schuldbewussten Blick zu – das machte Lynnie Angst.

»Und Lynnie, du hörst auf, mit dem Aschenbecher zu spielen.«

»Wir sind ja gleich da.« Mommy klang, als hätte sie den Mund voll Wasser.

Das Auto fuhr bergauf. Lynnie betrachtete noch einmal den Turm und überlegte, was diese Zeiger bedeuten mochten. Sie wiesen beide ganz dicht nebeneinander nach oben. Wie die Deckel eines Buches, das niemand lesen wollte.

Clarence zerrte Lynnie aus der Limousine. Sie stand wankend nach der langen Fahrt und hob den Blick zum bewölkten Himmel, als Onkel Luke zu Clarence sagte: »Sie werden angemessen für Ihre Überstunden entschädigt.«

Noch immer waren keine Sterne zu sehen, und ihr fiel wieder ein, dass sie Sterne lange Zeit nur für blitzende Punkte am Himmel gehalten hatte. Dann hatte Buddy auf den Himmel in den nächtlichen Landschaften, die sie gezeichnet hatte, gedeutet, einen Zuckerwürfel zerrieben und die Körnchen in bestimmten Mustern auf dem Papier verteilt. Und er benutzte seine Gebärdensprache, um ihr die Namen der Konstellationen zu verdeutlichen. Tasse mit Henkel. Feder. Bis morgen Abend würden sich die Wolken verzogen haben. Dann konnten sie auf ihrer erneuten Flucht die Sterne betrachten.

Mit Clarence an ihrer Seite und Onkel Luke vor ihnen, stieg Lynnie die Marmorstufen zu dem Gebäude mit dem Turm hinauf. Mit der Eichentür, den Messingbeschlägen, den buschigen Hecken und gitterlosen Fenstern unterschied es sich von den anderen Cottages. Lynnie wartete frierend in dem Kleid der alten Lady, während Onkel Luke die Schlüssel aus der Tasche kramte. Sosehr sie es hasste, in der Zwangsjacke zu stecken, war sie doch froh, dass sie ein wenig gegen den kalten Wind geschützt war. Als Onkel Luke die Tür öffnete, merkte sie, dass sie sich dringend erleichtern musste – in diesem Haus hatte sie die Toilette noch nie benutzt.

Sie litt noch immer unter Schmerzen nach der Geburt und war nicht sicher, ob sie dem Druck auf die Blase standhalten würde. Andererseits konnte sie den Gedanken, den Männern ihre Not klarmachen zu müssen, nicht ertragen, deshalb presste sie die Schenkel fest zusammen. Unter dem Kleid spürte sie die Binde, die die alte Frau ihr gegeben hatte – eine Erinnerung an das, was ihr die Zeit mit Buddy bewiesen hatte: Sie konnte mehr schaffen, als sie jemals für möglich gehalten hatte.

Seit ihrem ersten Tag war Lynnie nicht mehr in diesem Büro gewesen, doch es sah noch aus wie vor Jahren: der Schreibtisch für die Sekretärin Maude, der Perserteppich, die Windsorstühle, die Standuhr und – auf der Seite – die Holztür zu Onkel Lukes Büro. Es roch auch noch genauso: nach Leder, Tabak und Büchern. Lynnie sog die Luft ein und genoss die Gerüche, als Onkel Luke eine Zigarette aus einer silbernen Dose nahm, Clarence ansah und wartete, bis er den Wink verstand. Mit zusammengebissenen Zähnen gab Clarence ihm Feuer. Schließlich kehrte Onkel Luke ihnen beiden den Rücken zu und nahm den Telefonhörer ab. Lynnie hörte einen Klingelton irgendwo in der Nähe – vielleicht in A-3, ihrem Cottage. Wenn ja, hatte Kate vielleicht Dienst, und alles wurde gut.

Kate machte wie die meisten Angestellten oft Überstunden. Für eine Pflegerin, die für vierzig Insassen zuständig war, gab es immer genügend zu tun. Vielleicht behandelten viele Pfleger und Pflegerinnen ihre Schützlinge und Kollegen deshalb so gemein. Gottlob gab es auch Ausnahmen. Die ganz netten brachten hin und wieder sogar Leckereien von zu Hause mit, zeigten Fotos von ihren Kindern und benutzten nicht die hässlichen Spitznamen – »Buckel-Larry«, »Mr. Magoo«, »Einfaltspinsel« oder den, den sie Lynnie zugeschrieben hatten: »Nein-nein«. Sie strengten sich sogar an, den Patienten etwas beizubringen.

Kate war so eine Ausnahme. Fünf Jahre nachdem Lynnie den IQ-Test bei ihrer Aufnahme gemacht hatte, der sie als »mittelgradig minderbemittelt« ausgewiesen hatte und sie den anderen geistig Zurückgebliebenen zugeteilt wurde, hatte Kate bemerkt, dass Lynnie den Mop nicht nur hin- und herschob, wenn sie die Hausarbeit, die Teil ihrer »Therapie« war, verrichtete. Sie zeichnete Muster auf die Fliesen – das Putzmittel schillerte wie Halbmonde im Licht. Kate berichtete der Psychologin davon, die einen neuen Intelligenztest anordnete. Danach wurde Lynnie in das Cottage mit den etwas weniger Schwachsinnigen verlegt. Dort hatte sie Doreen kennengelernt, ein kleines blondes Mädchen mit chinesisch anmutenden Augen – ihr Bett stand gleich neben dem von Lynnie. Kurz darauf stellte Kate, die gegen die Regeln Malkreide mit in den Aufenthaltsraum gebracht hatte, fest, dass Lynnie Pferde zeichnete – stolze blaue Pferde mit wehenden Mähnen. »Das ist großartig, Süße«, sagte Kate und richtete es so ein, dass Lynnie hin und wieder zu ihr ins Büro im Personalcottage kommen konnte. Sie erzählte allen, dass Lynnie ihr half, doch in Wahrheit saß sie an Kates Schreibtisch und malte. Kate bewahrte Block und Buntstifte in ihrem Aktenschrank auf. Sobald Lynnie da war, schloss Kate die Tür ab und öffnete den Aktenschrank. Wenn Lynnie wieder ging, legte sie die Kunstwerke in die Schublade und drehte den Schlüssel um.

Das Klingeln hörte auf.

»Wir sind da«, sagte Onkel Luke in den Hörer. »Kommen Sie her und holen Sie sie ab.«

Er legte auf. Dann ging er ohne einen Blick auf Clarence, der mittlerweile Platz genommen hatte, in sein eigenes Büro und schloss die Tür.

Clarence’ Lippen wurden schmal. Hätte Lynnie nicht mit eigenen Ohren gehört, dass Smokes, der Freund von Clarence, Onkel Lukes Bruder war, wäre sie niemals auf diese Idee gekommen. Onkel Luke bevorzugte seinen Bruder und Clarence niemals vor anderen. Allerdings wussten alle, dass er es doch tat, weil Clarence und Smokes mit allem durchkamen. Sie waren die Einzigen mit Hunden und die Einzigen, die nach Alkohol rochen. Außerdem …

Lynnie drehte sich zum Fenster. Es gab Schöneres, woran sie denken konnte: an Buddy, der lachend das Baby hochhob; an die Wärme, die sie durchströmt hatte, als ihr Kind in ihren Armen lag.

Die Tür ging auf. Lynnie wirbelte herum.

Kate!

Lynnie gab einen freudigen Laut von sich, hielt sich jedoch zurück und lief nicht auf sie zu, um sie zu umarmen.

Kate sah Lynnie mit einem traurigen Lächeln an. Als Kate ihre Arbeitsstelle hier antrat, nachdem ihr Mann sie wegen einer anderen verlassen hatte, war sie schlank gewesen, immer geschminkt und hübsch angezogen mit bunten Röcken. Mit der Zeit hatte sie an Gewicht zugelegt, das Make-up aufgegeben und mit Rauchen angefangen. Nach wie vor bestickte sie ihren Pflegerinnenkittel, trug jedoch nur noch braune oder graue Röcke und eine Kette mit einem goldenen Kreuz. Zudem wirkte sie erschöpft und in sich gekehrt; Lynnie war überzeugt, dass sie Kates kleineres Selbst sehen konnte.

»Fühlen Sie ihr vorsichtig auf den Zahn«, sagte Onkel Luke, der die Tür wieder geöffnet hatte. »Wir wissen nicht, was er mit ihr gemacht hat.«

Kate entgegnete: »Nummer Zweiundvierzig ist ein Gentleman. Er würde ihr nie etwas antun.«

»Wenn er so vertrauenswürdig wäre«, versetzte Onkel Luke, »hätte er diese Sache nicht durchgezogen.«

Kate schwieg, und Onkel Luke gab ihr Anweisungen, was sie mit der Ausreißerin tun sollte. Lynnie drehte sich weg und sah, dass Clarence den Blick auf sie gerichtet hatte. Sie schloss die Augen und biss sich auf die Lippe.

Einen Augenblick später fühlte sie eine Hand auf ihrem Arm, und Kate führte sie weg. Sie hörte noch, wie Clarence sagte: »Mir scheint, dafür hat sie einige Zeit verdient, Doktor.« Dann stand Lynnie im Freien. Es hatte aufgeklart, und Sternbilder funkelten am Himmel. Lynnie betrachtete sie, und ihre Namen fielen ihr wieder ein. Da drüben war das Pony, am Horizont entdeckte sie die Tasse mit Henkel und direkt über ihnen die Feder – die liebte sie am meisten.

Lynnie fasste nach Kates Hand, und sie gingen an den Klassenzimmern, die niemals benutzt wurden, und der Turnhalle mit den rostigen Geräten und der schimmligen Decke vorbei. Sie überquerten den nächsten Weg. Die Gebäude der Jungs befanden sich auf der linken Seite des Hügels, die der Mädchen auf der rechten. Manchmal hörte sie, wie sich die Jungs nachts prügelten oder andere vulgäre Dinge taten. Aber heute war alles still. Irgendwann drückte Kate ihre Hand ganz fest. »Ich hab mir große Sorgen um dich gemacht«, sagte sie.

Lynnie sah Kate ins Gesicht. Sie hätte ihr gern erzählt: Wir haben uns davongeschlichen, dann ist das Baby gekommen. Es hat wehgetan, aber es fühlte sich sehr gut an. Sie sehnte sich danach, von ihrer Liebe zu dem Kind zu sprechen und davon, wie überwältigt sie gewesen war, als sie das Kleine in dem verlassenen Bunker, in dem sie es zur Welt gebracht hatte, zum ersten Mal halten konnte. Von dem Kuss mit Buddy im Schlafzimmer der alten Lady – einem der langen Küsse, die sie nur im Maisfeld ausgetauscht hatten, wenn die Halme hoch genug waren, um sie zu verbergen. Davon, wie sie die Treppe der Lady hinuntergegangen waren, und von der Polizei und Buddys Flucht in den Wald.

Abgesehen von den Augenblicken mit Buddy in den Maisfeldern bewegte sie ihren Mund so selten, dass sie das Sprechen fast ganz verlernt hatte. Sie drückte sich durch Zeichnungen aus, aber jetzt hatte sie keine Stifte. Wenn sie wenigstens so gut mit den Händen reden könnte wie Buddy, aber leider verstand sie nur seine Gesten, und das auch nicht immer.

»Sag mir, ob es dir gut geht«, forderte Kate sie auf.

Lynnie nickte.

»Gott sei Dank. Ich war krank vor Sorge.«

Sie kamen in die Krankenstation. Kate nahm die erste Stufe. »Ich habe gefragt, ob du die heutige Nacht hier verbringen darfst, wo ich bei dir – nur bei dir – bleiben kann. »

Lynnie zog sie zurück.

»Was ist?«

Sie deutete auf A-3.

»Du willst wirklich gleich in deine Abteilung?«

Dort wird er mich suchen, hätte sie gern erklärt, doch dazu war sie nicht fähig. Stattdessen nickte sie wieder.

»Also schön«, gab Kate nach. »Ich werde Ärger bekommen, aber besser ich als du.«

S

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