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Die Gemeinwohl-Ökonomie

Inhalt

Vorwort zur Neuausgabe

Vorwort der Erstausgabe (August 2010)

 

  1.  Kurzanalyse

  2.  Die Gemeinwohl-Okonomie – der Kern

  3.  Die Demokratische Bank

  4.  Eigentum

  5.  Motivation und Sinn

  6.  Weiterentwicklung der Demokratie

  7.  Beispiele, Verwandte und Vorbilder

  8.  Umsetzungsstrategie

  9.  Haufig gestellte Fragen

10.  Zahlen, Fakten & Zusammenfassung

 

Anmerkungen

Literatur

Danksagung

Vorwort zur Neuausgabe

Es gibt immer eine Alternative.

There is always an alternative.

Für Margaret Thatcher und Angela Merkel

 

Am 6. Oktober 2010 begann in Wien ein Prozess des Wandels: Die »Gemeinwohl-Ökonomie« tat den ersten Schritt von einer Idee zu einer Bewegung. In nur einem Jahr fanden sich 400 Unternehmen, nach vier Jahren waren es bereits 1700 und weitere 200 Organisationen, die das Modell unterstützen, Schulen und Universitäten aus halb Europa und ganz Lateinamerika beteiligen sich; »Energiefelder« gründeten sich in immer mehr Ländern, fünfzehn Vereine und rund zehn AkteurInnen-Gruppen nahmen in unterschiedlichen Rollen die Umsetzungsarbeit auf.

Das Buch, das gemeinsam mit den Attac-Österreich-UnternehmerInnen entwickelt worden war, landete punktgenau: In derselben Woche im August 2010, in der die Erstversion erschien, publizierte die Bertelsmann-Stiftung eine Umfrage, der zufolge 88 Prozent der befragten Menschen in Deutschland sich eine »Neue Wirtschaftsordnung« wünschen. In Österreich waren es neunzig Prozent der Befragten. Zum Zergehenlassen auf der Zunge: Neun von zehn Personen wünschen sich bewusst ein anderes Wirtschaftsmodell als das gegenwärtige. Gab es das jemals schon in der Geschichte? Das Umfrageergebnis deckt sich mit meinen jahrelangen Erfahrungen als internationaler Referent: Immer mehr Menschen wird bewusst, dass wir derzeit nicht etwa eine isolierte Finanzkrise erleben, sondern dass Finanzblasen, Arbeitslosigkeit, Verteilungskrise, Klimakrise, Energiekrise, Hungerkrise, Konsumkrise, Sinnkrise, Wertekrise und Demokratiekrise im Innersten zusammenhängen und Symptome einer umfassenden Systemkrise sind: In der kapitalistischen Machtwirtschaft werden Ziel und Mittel verwechselt, das sinnlose Modell ist am Auslaufen.

Doch die »RepräsentantInnen« der Bevölkerung behaupten: »Es gibt keine Alternative!« Dieser Ausspruch von Margaret Thatcher ist bei den Eliten, die an der Macht sind und Veränderungen blockieren, beliebt. Doch in einer Demokratie gibt es immer Alternativen. Dass es zur gegenwärtigen Wirtschaftsordnung Alternativen gibt, soll in diesem Buch konkret gezeigt werden.

Die entscheidende Frage lautet: In welche Richtung soll es gehen? Soll die Wirtschaft ökologischer und nachhaltiger werden: eine »Postwachstumsökonomie«? Soll sie regionaler, subsidiärer und resilienter – krisenfester – werden? Soll sie sozialer und verteilungsgerechter werden? Soll der Fokus vom Wettbewerb auf Kooperation schwenken in Richtung einer Solidarischen Ökonomie? Soll die Würde des Menschen in den Mittelpunkt gerückt und jeder Mensch auch ein Mitbestimmungsrecht erhalten: mehr Wirtschaftsdemokratie?

Die Gemeinwohl-Ökonomie antwortet: Es darf und soll von allen diesen Werten mehr sein als heute. Und der beste Summenbegriff für sie ist eben »Gemeinwohl«. Dieser wurde nicht von uns erfunden, er erfreut sich einer langen Tradition. Im deutschen Grundgesetz steht: »Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.« Nach der italienischen Verfassung soll »die öffentliche und private Wirtschaftstätigkeit nach dem Allgemeinwohl ausgerichtet werden«. Am deutlichsten ist die Bayerische Verfassung: »Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl.« Schon Aristoteles bezeichnete eine Wirtschaft, in der die Geldvermehrung zum Zweck wird, als widernatürliche »Chrematistike« und unterschied sie von der gesunden »oikonomia«, in der das Geld dem »guten Leben« dient.1 Cicero meinte: »Das Wohl des Volkes soll oberstes Gesetz sein.«2 Der Begriff »Gemeinwohl« wurde im 13. Jahrhundert von Thomas von Aquin geprägt, »bonum commune«, und zieht sich seither wie ein roter Faden durch die christliche Soziallehre und andere Geistesschulen.

Allen »großen« Begriffen ist gemein, dass sie begehrt sind. Unterschiedliche AkteurInnen und Regime vereinnahmen sie für ihre Zwecke und Interessen. Sowohl Hitler als auch die osteuropäischen Diktaturen haben den Gemeinwohl-Begriff missbraucht. Das sollte aber kein Argument dagegen sein, den an sich stimmigen und trefflichen Begriff weiterzuverwenden. Wir streichen ja auch nicht die Begriffe »Freiheit«, »Wahrhaftigkeit« oder »Liebe« aus unserem Wortschatz, nur weil sie oft missbraucht wurden. Die besten Begriffe unterliegen der größten Vereinnahmungsgefahr. Und je höher ein Wert, desto heftiger ist das Deutungsgerangel um ihn. Das soll uns achtsam machen, wir müssen aber den Begriff deshalb nicht verwerfen.

Entwicklungsoffener Beteiligungsprozess

Entscheidend sind zwei Fragen: Was bedeutet »Gemeinwohl« und wer bestimmt das? Gemeinwohl-Ökonomie hat als Leitbegriff keine a priori definierte Bedeutung außer der, dass das Wohl aller Menschen und der natürlichen Mitwelt gleich wichtig ist. Das Glück einer »größtmöglichen Zahl von Menschen«, wie wir es von den Utilitaristen kennen, wäre zu wenig, weil alle Menschen gleich wertvoll – mit Würde ausgestattet – sind. Die einzige immanente Bedeutung des Gemeinwohl-Begriffs ist also, dass das Wohl aller zählt. Sonst handelt es sich um einen »Überbegriff« im Sinne eines Verfassungsziels, der die wichtigsten Werte einer demokratischen Gemeinschaft zusammenfasst. Was die einzelnen Komponenten genau bedeuten, kann nur demokratisch ermittelt werden. Naturgesetze oder göttliche Vorsehungen helfen hier nicht weiter. Das wiederum bedeutet zweierlei:

1. Alle inhaltlichen Eckpunkte der Gemeinwohl-Ökonomie werden von zahlreichen Menschen in einem breiten Beteiligungsprozess vordiskutiert, um sie ab einem bestimmten Zeitpunkt und Reifegrad in einen sauberen Demokratie-Prozess einmünden zu lassen. Im Kern geht es um die demokratische Neuordnung der Wirtschaft. Die vorliegende Skizze einer Gemeinwohl-Ökonomie ist also nicht das Endergebnis, sondern der Ausgangspunkt!

2. Wenn sich der demokratische Prozess nach unseren Idealvorstellungen entwickelt, wird in einigen Jahren ein direkt gewählter Wirtschaftskonvent einen Wirtschaftsverfassungsteil ausgearbeitet und die Bevölkerung diesen in einem innovativen Abstimmungsverfahren angenommen haben. Auch danach bleibt das Modell selbstverständlich entwicklungsoffen – gerade weil die permanente demokratische Neuverhandlung unserer gesellschaftlichen »Leitsterne« das Herz des Gemeinwohls ist. Im Herzen des Gemeinwohls ist die Demokratie, weil sie die Mitbestimmung aller Menschen ermöglicht und damit den gleichen Wert aller Menschen, die Menschenwürde, zum Ausdruck bringt.

Eine Alternative von vielen

Die Gemeinwohl-Ökonomie sagt nicht: »Ich bin das einzig denkbare Wirtschaftsmodell der Zukunft« und alle anderen Alternativen braucht es nicht, sondern sie beschreibt wichtige Elemente einer Wirtschaftsordnung – Markt, Erwerbsarbeit, Erfolgsmessung, Geld, Finanzsystem, Eigentum und andere. Sie ist weder vollständig noch geschlossen. Im Gegenteil: Sie will mit anderen Alternativmodellen oder -bausteinen kombiniert und durch diese befruchtet werden und sie selbst befruchten. Klassische »Freundinnen« der Gemeinwohl-Ökonomie sind: Solidarische Ökonomie, Gemeinschaftsgüter (»Commons«), Wirtschaftsdemokratie, B Corporations, Social Business, Shared Value, ökonomische Subsidiarität, Geschenkökonomie oder Postwachstumsökonomie, um nur einige zu nennen. Es wäre gar nicht sinnvoll, dass sich ein Modell gegen andere durchsetzt; wünschenswert ist, dass die attraktivsten und zustimmungsfähigsten »Komponenten« verschiedener Alternativansätze in einem partizipativen Suchprozess zu einer demokratischen Wirtschaftsordnung »komponiert« werden.

Drei inhaltliche Zugänge

Der Gemeinwohl-Ökonomie liegt dreierlei am Herzen:

1. Sie will den Werte-Widerspruch zwischen der Wirtschaft und der Gesellschaft auflösen, indem in der Wirtschaft dieselben Verhalten und Werte belohnt und gefördert werden sollen, die unsere zwischenmenschlichen Beziehungen gelingen lassen: Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation, Naturverbundenheit, Solidarität und Teilen.

2. Die Werte und Ziele unserer Verfassungen sollen in der Wirtschaft konsequent umgesetzt werden. Die gegenwärtige realverfasste Wirtschaftsordnung widerspricht dem Geist der Verfassungen.

3. Die wirtschaftliche Erfolgsmessung wird umgestellt von den Mitteln auf die Ziele des Wirtschaftens. Der Zweck allen Wirtschaftens ist nicht die Mehrung des Kapitals, sondern des Gemeinwohls. Anders gesagt: Nicht Tauschwerte sind das Ziel, sondern Nutzwerte. Der Mensch lebt allein davon. Tauschwerte sind nur mittelbar nützlich, aber nicht an sich: Geld kann mich weder nähren noch wärmen, noch umarmen. Hier schließt sich ein evolutionärer Suchprozess von Versuch und Irrtum: Am Beginn des Geldwesens war es hilfreich, Nutzwerte in Tauschwerte zu übersetzen. Heute ist das Mittel zum Zweck geworden, der Diener zum Herrscher. Wir messen das Mittel (Tauschwerte), nicht das Ziel (Nutzwerte). Es wäre in etwa so geistreich, würden wir den Erfolg eines Bauernhofs an der Zahl der Geräte messen, die im Schuppen stehen. Durch diese Verirrung wurde die Wirtschaft hochgradig ineffektiv: nicht weil wir Geld als Tauschmittel verwenden, sondern weil wir wirtschaftlichen Erfolg mit Tauschwertindikatoren messen! Die Gemeinwohl-Ökonomie will das messen, was wirklich zählt. Das, was Menschen grundlegend benötigen, was sie zufrieden und glücklich macht. Das Gemeinwohl-Produkt einer Volkswirtschaft und die Gemeinwohl-Bilanz eines Unternehmens lösen BIP und Finanzgewinn ab.

Seele und Körper vereinen

Die einseitige Erfolgsmessung mit monetären Indikatoren ist ein wichtiger Grund für die »Entseelung« der wissenschaftlichen Ökonomie. Der tschechische Ökonom Tomáš Sedlácˇek hat die für mich bisher beste Metapher gefunden, was mit der Wirtschaftswissenschaft passiert ist. »Wenn einem Organismus die Seele herausgerissen wird, ist das, was übrig bleibt, ein Zombie.« Die klassische Wirtschaftswissenschaft ist seelenlos und deshalb eine große Gefahr für eine menschliche und zukunftsfähige Gesellschaft. Wir müssen ihr die Seele wieder einhauchen. Der Beginn dieses Heilungsprozesses ist die Wiedereinbettung der Wirtschaft in das gesellschaftliche Wertesystem. In der Wirtschaft müssen dieselben Werte und Regeln gelten wie in der Gesellschaft. Die Wirtschaftswissenschaft hat sich vor 250 Jahren als Teil der Moralphilosophie abgespalten und ihre Seele vergessen. Vielleicht wäre es ein Teil des Heilungsweges, dass die Ökonomie wieder ein Teil von Philosophie und Ethik sowie Ökologie und Umweltsystemwissenschaften wird. Jedenfalls ist es dringend nötig, die wissenschaftliche Ökonomie aus den ideologischen Fängen des Sozialdarwinismus zu lösen, in denen der Mainstream immer noch gefangen ist.

In den letzten Jahren erscheinen immer mehr sozial- und naturwissenschaftliche Studien, die das kapitalistische Menschenbild – Egoismus und Konkurrenz seien in unseren Genen verankert – empirisch widerlegen und den Menschen als soziales, zur Kooperation neigendes Wesen beschreiben, das nicht nur von Natur aus empathisch und hilfsbereit ist, sondern auch ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden besitzt und mit Aggression auf die Verletzung gemeinsam erstellter Regeln reagiert. Neben anderen leisten hier die Neurobiologen Joachim Bauer und Gerald Hüther sowie der Evolutionsbiologe Martin Nowak wertvolle Pionier- und Aufklärungsarbeit. Die in Kapitel 4 beschriebenen Spiel-Experimente in meinen Vorträgen bestätigen ihre Ergebnisse auf eindrucksvolle Weise.

Regeln für Unternehmen, nicht für Personen

Auf einige Menschen macht die Gemeinwohl-Ökonomie den Eindruck, sie wolle das Handeln von Individuen regeln und dadurch die menschliche Freiheit gründlich einschränken. Das ist ein grobes Missverständnis. Die Regelungsvorschläge der Gemeinwohl-Ökonomie beziehen sich auf »juristische« Personen, nicht auf »natürliche«: auf Unternehmen, nicht auf Menschen. Unternehmen sind Konstrukte oder Geschöpfe einer demokratischen Rechtsgemeinschaft, nur durch gesetzliche Regeln können sie überhaupt existieren. Die Gemeinwohl-Ökonomie sagt deshalb, dass auch der Zweck und die Zielrichtung juristischer Personen von derselben Gemeinschaft vorgegeben werden sollen, die sie erschafft. Das ist schon heute so, nur sind uns die vorgegebenen Regeln so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen: dass Unternehmen eine Finanzbilanz erstellen müssen, dass sie in Konkurrenz zu anderen einen Finanzgewinn erzielen müssen – sind das nicht normative und rigide gesetzliche Zwänge, die eine Systemdynamik auslösen, die an den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen vorbei wirkt?

Die Gemeinwohl-Ökonomie schafft weder die Finanzbilanz ab, noch verbietet sie privaten Unternehmen, Gewinne zu erzielen. Der Unterschied zum Kapitalismus ist, dass Finanzgewinn nicht länger der Zweck des unternehmerischen Strebens ist, sondern zum Mittel für den eigentlichen Zweck wird: einen größtmöglichen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Das deckt sich vielleicht heute schon mit dem Selbstverständnis zahlreicher UnternehmerInnen – allein die rechtliche Wirtschaftsordnung unterstützt nicht diese Weltanschauung, sondern Profitmaximierung, grenzenloses Wachstum und gegenseitiges Fressen.

 – Ziel ist, dass durch die rechtliche Neuausrichtung der Unternehmen die Freiheit der Individuen größer wird – weil:

 – die Konzentration von Macht in der Wirtschaft »negativ rückgekoppelt« (gebremst und gestoppt) wird;

 – nicht alle Lebensbereiche ökonomisiert werden;

 – mehr Zeit für andere Lebensinhalte als die Erwerbsarbeit frei wird;

 – der Werbeterror profitorientierter Unternehmen nachlässt;

 – unsere Kinder nicht einseitig auf Konsum ausgerichtet werden;

 – unsere ökologischen Lebensgrundlagen nicht von der Wirtschaft zerstört werden;

 – wir nicht gegeneinander agieren lernen, sondern miteinander;

 – Lobbyismus und Korruption in der Politik zurückgehen;

 – die Demokratie wieder atmen kann;

 – die Regeln für die Wirtschaft nicht mehr auf der Basis von nicht überprüften Glaubenssätzen, sondern demokratisch gebildet werden können.

Gemeinsamer Aufbruch

Ein Jahr nach dem Start des »Gesamtprozesses Gemeinwohl-Ökonomie« traten die Pionier-Unternehmen in sieben Städten Norditaliens, Süddeutschlands und Österreichs in selbstorganisierten regionalen »Gemeinwohl-Bilanz-Pressekonferenzen« an die Öffentlichkeit, um die Initiative vorzustellen und ihre ersten Gemeinwohl-Bilanzen vorzulegen. Dadurch multiplizierte sich die öffentliche Aufmerksamkeit so stark, dass der im Sommer 2011 gegründete »Verein zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie« alle Mühe hatte, die nötige Infrastruktur schnell genug aufzubauen. Zunächst ganz ohne Masterplan, praktisch von selbst, haben sich verschiedene AkteurInnen-Kreise gebildet: BeraterInnen, AuditorInnen, RedakteurInnen, ReferentInnen und viele andere mehr. Vier Jahre nach der Gründung haben sich vierzehn weitere Vereine von Polen bis Patagonien formiert. Die Zahl der Regionalgruppen ist auf über einhundert angewachsen – in immer mehr Staaten. Diese lokalen »Energiefelder« begleiten und unterstützen die lokalen Pionier-Unternehmen, Gemeinden, Schulen und Universitäten.

Besonders stark wächst das Echo auf die Initiative in der Politik. Immer mehr Gemeinden und Regionen zeigen Interesse an der Figur der Gemeinwohl-Gemeinde und -Region, am »Kommunalen Gemeinwohl-Index« und dem »Kommunalen Wirtschaftskonvent«. Die ersten Gemeinden aus Italien, Spanien und Österreich haben offizielle Beschlüsse gefasst. Eine Studie »Gemeinwohl-Modellregion Salzburg« wurde von der Landesregierung finanziert. In Finnland und Chile gibt es Regierungsinteresse. Das Buch selbst war Ende 2014 in sieben Sprachen erhältlich, drei weitere, darunter Englisch (Frühjahr 2015), sind in Vorbereitung.

Die nächsten Jahre werden deshalb von weiterer Ausbreitung und Beteiligung, aber auch von der Konsolidierung der Fundamente gekennzeichnet sein. Zum einen wird die Bilanz unter immer breiterer Beteiligung präzisiert, wir setzen auf die Mitwirkung von Tausenden und sogar Zehntausenden Unternehmen, Privatpersonen und Organisationen. Mithilfe der Universität von Santiago de Chile werden wir eine Gemeinwohl-Buchhaltung entwickeln, welche in die EU-Richtlinie über Non-Financial Reporting Eingang finden könnte. Die Universität Barcelona reicht einen UNESCO-Lehrstuhl »Gemeinwohl-Ökonomie« ein, an mehreren Universitäten und Hochschulen entstehen GWÖ-Lehrgänge.

Zum anderen werden die zwanzig inhaltlichen Eckpunkte, die am Ende des Buches zusammengefasst sind, in breiten Diskussionsprozessen weiterentwickelt und idealiter in demokratische Wirtschaftskonvente eingespeist. Denn das Buch ist nur der Ausgangspunkt und kein Forderungskatalog.

Wir hoffen, dass 2015 die ersten kommunalen Wirtschaftskonvente »uraufgeführt« werden und die Forderung nach bundesweiten Wirtschaftskonventen in Deutschland, Österreich, Italien, Spanien und anderen Ländern Boden gewinnt. Es gibt zahllose Möglichkeiten, den Übergang zu einer neuen Wirtschaftsordnung mitzugestalten. Gestalten auch Sie mit!

Vorwort der Erstausgabe (August 2010)

Die gegenwärtige Form des Wirtschaftens, die kapitalistische Marktwirtschaft, hat eine gefährliche Krisenlandschaft geschaffen: Finanzblasen, Arbeitslosigkeit, Verteilungskrise, Klimakrise, Energiekrise, Hungerkrise, Konsumkrise, Sinnkrise, Demokratiekrise.

All diese Krisen hängen zusammen, sie sind auf eine gemeinsame Wurzel zurückzuführen: die zentrale Anreizstruktur unseres Wirtschaftssystems: Gewinnstreben und Konkurrenz. Diese Kernmotivation fördert egoistisches und rücksichtsloses Verhalten, lässt zwischenmenschliche Beziehungen scheitern und gefährdet den seelischen, sozialen und ökologischen Frieden.

Dabei ginge es so viel menschlicher und zudem effizienter! Die Gemeinwohl-Ökonomie fördert und belohnt dieselben Verhaltensqualitäten und Werte, die unsere menschlichen und ökologischen Beziehungen gelingen lassen: Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation, Solidarität und Teilen. Laut wissenschaftlicher Forschung werden Menschen in einem solchen Anreizrahmen stärker motiviert als durch Konkurrenz und Egoismus. Die anthropologischen Annahmen, auf denen die Marktwirtschaft beruht, sind wissenschaftlich nicht haltbar und weitgehend widerlegt. Die Grundlagen der Gemeinwohl-Ökonomie habe ich in meinem Buch »Neue Werte für die Wirtschaft« ausgearbeitet, jetzt liegt sie weiterentwickelt und »destilliert« in Reinform vor.

Bei der Ausarbeitung haben rund zwei Dutzend Attac-UnternehmerInnen geholfen. Knapp siebzig Unternehmen tragen den vorliegenden Entwurf mit. Sie sind im Anhang angeführt und werden sich für die Verbreitung dieser Idee einsetzen. Damit wollen wir zeigen, dass sich viele Unternehmen einen anderen Ordnungsrahmen für das Wirtschaften wünschen. Jedoch wäre es naiv, so zu tun, als könnte dies ohne die Änderung der gegenwärtigen Machtverhältnisse über die Bühne gehen. Deshalb wird großes Augenmerk auf die Eigentums- und die Demokratiefrage gelegt: die großen blinden Flecken einer sogenannten »freien« Marktwirtschaft. Mit der Gemeinwohl-Ökonomie wird niemand mehr so unverhältnismäßig reich und mächtig werden wie heute, aber materieller Wohlstand bis hin zu Luxus wären immer noch möglich. Der Gewinn sind mehr Chancengleichheit, Lebensqualität und Demokratie: eine gesamtgesellschaftliche Win-win-Situation. Deshalb werden sich auch viele Unternehmen und Vermögende dafür einsetzen.

Ob die Gemeinwohl-Ökonomie kommt oder nicht: Die Wirtschaft wird in den nächsten Jahr(zehnt)en eine radikale, vielleicht gewaltsame Umformung erfahren: Der »Peak Oil« liegt kurz vor – oder vielleicht sogar schon hinter uns. Das knapper werdende Erdöl wird zwangsläufig zu einer Veränderung der Produktionsweise und der Konsumgewohnheiten führen, wie es sonst nur Kriege oder Naturkatastrophen zu bewirken vermögen. Wir können diesem Trauma tatenlos entgegensehen – oder uns vorbereiten und den Übergang glätten. Die Gemeinwohl-Ökonomie baut auf systematische Kooperation, auch mit der Natur. Sie beruht auf überlebensfähigen Strukturen, die ökologische Schocks, anstatt sie zu produzieren, solidarisch abfedern helfen. Wir haben die Wahl. Und wir brauchen einander: Mit »Kontrakurrenz« wird es die Mehrheit der Menschheit nicht schaffen; mit dem Wahrnehmen der Verbundenheit aller und der daraus resultierenden Kooperation und Gemeinwohlorientierung werden wir weiter gehende Freiheit erfahren als in der kapitalistischen Ellbogengesellschaft.

Die Gemeinwohl-Ökonomie könnte auch für die weltweiten und vielfältigen Ansätze von Solidarischer Ökonomie ein gedeihlicher Rahmen sein. Denn im kapitalistischen Umfeld haben es solidarische und gemeinwohlorientierte Betriebe schwer – es braucht auch die dazupassende Wirtschaftsordnung.

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist kein vollendetes Modell, vielmehr sollen die Details erst in demokratischen Prozessen festgelegt werden; alle konkreten Zahlen sind daher nur als »Startwerte« für eine breitere Diskussion zu verstehen. Und schon gar nicht ist sie das »Ende der Geschichte«. Sie ist eine attraktive und unmittelbar umsetzbare Alternative zu dem zerstörerischen Wirtschaftssystem, in dem wir derzeit gefangen sind. Die Reise der Menschheit, unsere Phantasie und Evolutionskraft enden sicher nicht auf den nächsten 150 Seiten. Diese sind – hoffentlich – nur der nächste Schritt.

1. Kurzanalyse

»Zu kooperieren, anderen zu helfen und Gerechtigkeit

walten zu lassen ist eine global anzutreffende,

biologisch verankerte menschliche Grundmotivation.

Dieses Muster zeigt sich über alle Kulturen hinweg.«3

Joachim Bauer

Menschliche Werte – Werte der Wirtschaft

Merkwürdig: Obwohl Werte die Grundorientierung, die »Leitsterne« unseres Lebens sein sollten, gelten heute in der Wirtschaft ganz andere Werte als in unseren alltäglichen zwischenmenschlichen Beziehungen. In unseren Freundschafts- und Alltagsbeziehungen geht es uns gut, wenn wir menschliche Werte leben: Vertrauensbildung, Ehrlichkeit, Wertschätzung, Respekt, Zuhören, Empathie, Kooperation, gegenseitige Hilfe und Teilen. Die »freie« Marktwirtschaft beruht auf den Systemspielregeln Gewinnstreben und Konkurrenz. Diese Anreizkoordinaten befördern Egoismus, Gier, Geiz, Neid, Rücksichtslosigkeit und Verantwortungslosigkeit. Dieser Widerspruch ist nicht nur ein Schönheitsfehler in einer komplexen oder multivalenten Welt, sondern eine kulturelle Katastrophe; er spaltet uns im Innersten – sowohl als Individuen als auch als Gesellschaft.

Werte sind Leitsterne

Der Widerspruch ist deshalb fatal, weil Werte das Fundament des Zusammenlebens sind. Nach ihnen setzen wir uns Lebensziele, an ihnen orientieren wir unser Handeln und verleihen diesem Sinn. Im Spanischen bedeutet das Wort »sentido« sowohl Sinn als auch Richtung. Die Werte sind wie ein Leitstern, der unserem Lebensweg eine Richtung vorgibt. Aber wenn unser Leitstern des Alltags in eine ethische Richtung weist – Vertrauensbildung, Kooperation, Teilen – und plötzlich in einem Teilbereich des Lebens, der Marktwirtschaft, ein zweiter »Leitstern« in die exakt entgegengesetzte Richtung – Egoismus, Konkurrenz, Gier – zeigt, dann bricht in uns ein heilloser Widerspruch auf: Sollen wir uns solidarisch und kooperativ verhalten, einander helfen und stets auf das Wohl aller achten? Oder immer zuerst den eigenen Vorteil im Auge haben und die anderen als KonkurrentInnen kurzhalten? Das Abgründige des Zwiespalts ist: Der Gesetzgeber bevorzugt den falschen Leitstern. Er gibt ihm recht – und fördert damit Werte, unter denen wir alle leiden. Das ist nicht unbedingt sofort ersichtlich, weil in keinem Gesetz steht: Du sollst egoistisch, gierig, geizig, rücksichts- und verantwortungslos sein. Aber im Gesetz steht, dass wir in der Wirtschaft nach Finanzgewinn streben und einander konkurrenzieren sollen. Das steht in zahlreichen Gesetzen, Regulierungen und Abkommen der Nationalstaaten, der EU und der Welthandelsorganisation WTO. Die Folge ist das epidemische Auftreten asozialer Verhaltensweisen in der Wirtschaft.

Aus Egoismen wird Gemeinwohl

Der »Imperativ«, dass wir in der Wirtschaft einander konkurrenzieren und nach größtmöglichem persönlichen Finanzgewinn streben (= uns egoistisch verhalten) sollen, rührt aus der – eigentlich zutiefst paradoxen – Hoffnung, dass sich das Wohl aller aus dem egoistischen Verhalten der Einzelnen ergäbe. Diese Ideologie wurde vor 250 Jahren von Adam Smith, dem ersten großen Nationalökonomen, begründet. Smith sagte wörtlich: »Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Bäckers, Brauers erwarten wir unsere tägliche Mahlzeit, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen.«4

Es geht mir nicht um die Anklage von Smith. Zum damaligen Zeitpunkt ist ein solcher Satz verständlich: Das Verfolgen des Eigeninteresses der »Individuen« war neu, die »Unternehmen« überwiegend winzig und machtlos, außerdem lokal eingebunden und persönlich verantwortlich: Unternehmensgründer, Eigentümer, Arbeitgeber und Arbeitnehmer bildeten in vielen Fällen noch eine Personalunion. Es gab keine anonymen, globalen Aktiengesellschaften, keinen freien Kapitalverkehr und keine milliardenschweren Investmentfonds.

Adam Smith hoffte, dass eine »unsichtbare Hand« die Egoismen der Einzelakteure zum größtmöglichen Wohl aller lenken würde. Aus metaphysischer Sicht – Smith war Moralphilosoph – mag er die Hand Gottes gemeint haben, ökonomisch-nüchtern betrachtet kann es sich aber nur um die Konkurrenz handeln. Denn welchem Mechanismus, wenn nicht der Konkurrenz, verdanken wir, dass kein Unternehmen seinen Egoismus zu sehr auf Kosten anderer steigern kann? Sobald es zu hohe Preise verlangen oder zu niedrige Qualität bieten würde, würde es von anderen verdrängt: Wettbewerb. Bis heute bildet die Annahme, dass die Egoismen der Einzelakteure durch Konkurrenz zum größtmöglichen Wohl aller gelenkt würden, den Legitimationskern der kapitalistischen Marktwirtschaft. Aus meiner Sicht ist diese Annahme jedoch ein Mythos und grundlegend falsch; Konkurrenz spornt zweifellos auf ihre Weise zu Leistung an (dazu später), aber sie richtet einen ungemein größeren Schaden an der Gesellschaft und an den Beziehungen zwischen den Menschen an. Wenn Menschen als oberstes Ziel ihren eigenen Vorteil anstreben und gegeneinander agieren, lernen sie, andere zu übervorteilen und dies als richtig und normal zu betrachten. Wenn wir jedoch andere übervorteilen, dann behandeln wir uns nicht als gleichwertige Menschen: Wir verletzen unsere Würde.

Würde ist der höchste Wert

Wenn ich die Studierenden in meiner Vorlesung an der Wirtschaftsuniversität frage, was sie unter »Menschenwürde« verstehen, ernte ich regelmäßig geschlossenes und betretenes Schweigen. Sie haben im bisherigen Verlauf ihres Studiums nichts darüber gehört oder gelernt. Das ist umso erschreckender, als die Würde der höchste aller Werte ist: Sie ist der erstgenannte Wert im Grundgesetz und bildet die Grundlage der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Würde heißt Wert und meint den gleichen, bedingungslosen, unveräußerlichen Wert aller Menschen. Würde bedarf keiner »Leistung« außer der nackten Existenz. Aus dem gleichen Wert aller Menschen erwächst unsere Gleichheit in dem Sinne, dass in einer Demokratie alle Menschen die gleichen Freiheiten, Rechte und Chancen genießen sollen. Und nur wenn tatsächlich alle die gleichen Freiheiten genießen, ist die Bedingung gegeben, dass alle auch wirklich frei sein können: Menschenwürde ist die Voraussetzung für Freiheit. Immanuel Kant sagte: Die Würde kann im alltäglichen Umgang zwischen den Menschen nur dann gewahrt werden, wenn wir uns stets als gleichwertige Personen betrachten und behandeln: Wir sollen unser menschliches Gegenüber und seine/ihre Bedürfnisse, Gefühle und Meinungen gleich ernst nehmen wie die eigenen – als Ausdruck des gleichen Wertes. Wir dürfen die andere Person nie instrumentalisieren und primär als Mittel für den eigenen Zweck verwenden. Dann wäre es mit der Würde vorbei.5 Als Nebeneffekt dürfen uns aus der würdevollen Begegnung sehr wohl Vorteile erwachsen, das passiert nach Kant und Hausverstand ganz automatisch, wenn alle das Beste füreinander wollen, eine Vertrauensbasis aufbauen, sich ernst nehmen, einander zuhören und wertschätzen. Aber Vorteilnahme darf nicht das Ziel der Begegnung sein.

Auf dem freien Markt ist es hingegen legal und üblich, dass wir unsere Nächsten instrumentalisieren und dabei ihre Würde verletzen, weil es nicht unser Ziel ist, diese zu wahren. Unser Ziel ist das Erringen eines persönlichen Vorteils, und dieser lässt sich in vielen Fällen leichter erringen, wenn ich meinen Nächsten übervorteile und dabei seine Würde verletze. Entscheidend sind meine Einstellung und meine Priorität: Geht es mir um das größtmögliche Wohl und die Wahrung der Würde aller, wovon ich selbst automatisch auch betroffen bin und profitiere, oder geht es mir vorrangig um mein eigenes Wohl und den eigenen Vorteil, aus dem auch andere Vorteile ziehen können, aber eben nicht müssen?

Wenn wir unseren eigenen Vorteil als oberstes Ziel verfolgen, wird es gängige Praxis, dass wir andere als Mittel für unsere Zwecke benutzen und diese übervorteilen. Deshalb führt die Smith’sche Verdrehung von Ziel und Nebeneffekt zur weitverbreiteten Verletzung der Menschenwürde und zur systematischen Einschränkung der Freiheit vieler Menschen.

»Freier« Markt?

Der »freie Markt« wäre dann ein freier Markt, wenn alle TeilnehmerInnen dieses Treibens von jedem Tauschgeschäft völlig schadlos zurücktreten könnten. Doch genau das trifft nur auf einen Teil der Transaktionen am Markt zu. Bei einem relevanten Teil hat es eine Partei nicht so leicht, auf das Tauschgeschäft zu verzichten wie die andere Partei, weil sie in stärkerem Maße davon abhängig ist.6 Viele Menschen können sich nicht aussuchen, ob sie heute Nahrungsmittel einkaufen wollen oder nicht; ob sie eine Wohnung anmieten wollen oder nicht; viele Unternehmen können es sich nicht aussuchen, ob sie heute einen Kredit aufnehmen wollen oder nicht; tun sie es nicht, können sie morgen schon insolvent sein; zahllose Bauern und Bäuerinnen können nicht frei entscheiden, wem sie zuliefern wollen; sie haben oft nur einen einzigen oder eine Handvoll Abnehmer zur »Auswahl«, von denen sie gleich (schlecht) behandelt werden. Für typische Tauschgeschäfte gilt:

 – Die durchschnittliche ArbeitgeberIn kann leichter vom Arbeitsvertrag zurücktreten und damit die Bedingungen des Arbeitsvertrages eher bestimmen als die durchschnittliche ArbeitnehmerIn.

 – Die durchschnittliche KreditgeberIn kann eher vom Kreditvertrag zurücktreten und damit die Bedingungen des Kreditvertrages eher bestimmen als die durchschnittliche KreditnehmerIn.

 – Die durchschnittliche Immobilienverwaltung kann eher von der Unterzeichnung des Mietvertrages Abstand nehmen und damit die Bedingungen des Mietvertrages eher bestimmen als die durchschnittliche MieterIn.

 – Der durchschnittliche Weltkonzern kann eher auf einen seiner tausend Zulieferbetriebe verzichten und damit die Bedingungen des Liefervertrages eher bestimmen als der durchschnittliche Zulieferbetrieb.

Ein Machtgefälle in privaten Tauschbeziehungen wäre nicht das geringste Problem, wenn alle einander mit Achtung und dem Vorsatz der Wahrung der Würde entgegentreten würden. Denn dann würde die mächtigere Person der weniger mächtigen Person auf Augenhöhe begegnen, sie sehen und ihre Bedürfnisse und Gefühle genauso ernst nehmen wie die eigenen; und erst mit dem Ergebnis zufrieden sein, wenn beide damit gut leben können. Doch in der kapitalistischen Marktwirtschaft werden die Mächtigeren geradewegs dazu ermutigt, ihren Vorsprung, das Machtgefälle, auszunützen, denn daraus – aus dem Streben nach dem eigenen Vorteil und der daraus resultierenden Konkurrenz – ergibt sich erst die ganz spezielle »Effizienz« des freien Marktes.

Wenn in einem menschlichen Gemeinwesen die Würde der Einzelnen nicht systemisch gewahrt wird, wird auch die Freiheit nicht gewahrt; denn die Wahrung der Würde – das Begegnen der Menschen als Gleich(wertig)e – ist die Voraussetzung für die Freiheit in diesem Gemeinwesen. Wenn alle den eigenen Vorteil im Auge haben, behandeln sie die anderen nicht mehr als Gleiche, sondern als »Instrumente« und gefährden dadurch die Freiheit aller. Deshalb kann eine Marktwirtschaft, die auf Gewinnstreben und Konkurrenz beruht, nicht als »freie« Wirtschaft bezeichnet werden: Das wäre ein Widerspruch in sich. Ehrlicherweise sollte deshalb jede Marktwirtschaft, die auf Gewinnstreben und Konkurrenz beruht, in rücksichtslose, inhumane und letztlich illiberale, weil die Freiheit zerstörende Marktwirtschaft umbenannt werden.

Vertrauen wichtiger als Effizienz

Eines noch: Wenn wir auf dem Markt ständig befürchten müssen, von unseren Nächsten übervorteilt zu werden, sobald sie dazu in der Lage sind, wird noch etwas ganz Wesentliches systemisch zerstört: das Vertrauen. Manche Ökonomen sagen: Das macht nichts, denn in der Wirtschaft geht es um Effizienz. Doch das ist eine Perversion (lat. Verkehrung) der Dinge, denn das Vertrauen ist das höchste soziale und kulturelle Gut, das wir kennen. Vertrauen ist das, was die Gesellschaft im Innersten zusammenhält – nicht die Effizienz! Stellen Sie sich eine Gesellschaft vor, in der Sie jedem Menschen vollkommen vertrauen können: Wäre das nicht die Gesellschaft mit der höchsten Lebensqualität? Und umgekehrt: eine Gesellschaft, in der Sie jedem Menschen misstrauen müssen – wäre das nicht die Gesellschaft mit der geringsten Lebensqualität?

Die Zwischenbilanz ist eine radikale: Solange Marktwirtschaft auf Gewinnstreben und Konkurrenz und der sich daraus ergebenden wechselseitigen Übervorteilung beruht, ist diese weder mit der Menschenwürde noch mit Freiheit vereinbar. Sie zerstört systematisch das gesellschaftliche Vertrauen in der Hoffnung, dass dadurch die Effizienz höher sei als in einer anderen Form des Wirtschaftens.

Auf diese Sachverhalte angesprochen, zeigen Mainstream-Ökonomen häufig drei vertraute Reaktionsmuster:

1. Es gibt keine Alternative zur Marktwirtschaft, das ist bekannt, und deshalb erübrigt sich die Diskussion.

2. Wer das nicht zur Kenntnis nimmt, will die Gesellschaft in die Armut und ins 19. Jahrhundert zurückkatapultieren oder gleich in den Kommunismus.

3. Die Marktwirtschaft ist die produktivste Wirtschaftsform, die es gibt, das hat die Geschichte entschieden. Der Wettbewerb spornt die Menschen zu unvergleichlicher Leistung an, abgesehen davon, dass er in der Natur des Menschen angelegt und deshalb unvermeidbar ist.

Diesen letzten Grundmythos der Marktwirtschaft wollen wir uns noch näher ansehen: »Wettbewerb stellt in den meisten Fällen die effizienteste Methode dar, die wir kennen«, schreibt der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek.7 Wenn ein »Nobelpreisträger« das sagt, dann muss es auch stimmen – auch wenn es den Wirtschafsnobelpreis gar nicht gibt.8 Ich habe versucht, die empirische Studie zu finden, durch die Hayek zu dieser Erkenntnis kam. Doch ich fand sie nicht. Ich suchte auch bei anderen Ökonomen, denn in der Wissenschaftsgemeinde ist es üblich, dass KollegInnen einander zitieren. Doch auch dort wurde ich nicht fündig. Keiner der nobelpreisgekrönten Ökonomen hat jemals mit einer Studie bewiesen, dass »Wettbewerb die beste Methode ist, die wir kennen«. Eine fundamentale Ideologiesäule der ökonomischen Wissenschaft ist eine pure Behauptung, die von der großen Mehrheit der Ökonomen geglaubt wird. Und auf diesem Glauben beruhen Kapitalismus und Marktwirtschaft, die seit 250 Jahren das weltweit dominante Wirtschaftsmodell sind.

Zur konkreten Fragestellung »Motiviert Wettbewerb stärker als jede andere Methode?« gibt es eine Fülle von Studien, in zahlreichen Disziplinen: Sozialpsychologie, Spieltheorie, Neurobiologie. 369 davon wurden in einer Metastudie ausgewertet. Und von denjenigen mit einem klaren Ergebnis kommt eine erstaunliche Mehrheit von 87 Prozent zu dem Befund, dass Konkurrenz nicht die effizienteste Methode ist, die wir kennen.9 Sondern: Kooperation. Der Grund liegt darin, dass die Kooperation anders motiviert als die Konkurrenz. Konkurrenz motiviert auch, das bestreitet niemand und das hat die kapitalistische Marktwirtschaft auch bewiesen, nur motiviert sie schwächer, weil anders: Kooperation motiviert über gelingende Beziehung, Anerkennung, Wertschätzung, gemeinsame Zielsetzung und -erreichung. Das ist die Definition von Kooperation. Die Definition von Konkurrenz hingegen ist »einander ausschließende Zielerreichung«. Ich kann nur erfolgreich sein, wenn jemand anderer erfolglos bleibt. Konkurrenz »motiviert« primär über Angst. Deshalb ist die Angst auch ein sehr weitverbreitetes Phänomen in kapitalistischen Marktwirtschaften: weil viele fürchten, den Job zu verlieren, Einkommen, Status, gesellschaftliche Anerkennung und Zugehörigkeit. In einem Wettbewerb um knappe Güter gibt es nun mal viele Verlierer, und die meisten haben Angst, selbst betroffen zu sein. Es gibt noch eine weitere Motivationskomponente der Konkurrenz. Während die Angst von hinten schiebt, zieht vorne eine Art Lust. Doch welche Lust? Es handelt sich um Siegeslust: um den Wunsch, besser zu sein als jemand anderer. Und das ist, mit psychologischer Brille betrachtet, ein sehr problematisches Motiv. Denn das Ziel unseres Tuns sollte nicht sein, dass wir besser sind als andere, sondern dass wir unsere Sache gut machen, weil wir sie für sinnvoll halten und gerne machen. Daraus sollten wir unseren Selbstwert beziehen. Wer seinen Selbstwert daraus bezieht, besser zu sein als andere, ist davon abhängig, dass andere schlechter sind. Psychologisch gesehen handelt es sich hier um pathologischen Narzissmus: Sich besser zu fühlen, weil andere schlechter sind, ist krank. Gesund wäre, dass wir unser Selbstwertgefühl aus Tätigkeiten nähren, die wir gerne machen, weil wir sie aus freien Stücken gewählt haben und darin Sinn erfahren. Wenn wir uns auf das Wir-selbst-Sein konzentrieren würden anstatt auf das Bessersein, würde niemand Schaden nehmen, und es bräuchte keine VerliererInnen.

Es geht um die Zielsetzung. Wenn ich als Nebeneffekt in einer Tätigkeit besser bin als jemand anderer, ohne dass es mein Ziel war, dann gibt es kein Problem. Ich werde dem Bessersein keine Beachtung schenken und dieses nicht als »Sieg« bewerten – und der anderen Person helfen. Das Problem entsteht, wenn es mein Ziel ist, besser zu sein als jemand anderer, ich also eine »Win-lose-Situation« anstrebe – was die hier verwendete Definition von Wettbewerb (oder »Kontrakurrenz«) ist. Wenn es mein Ziel ist, meine Sache gut zu machen, und mir egal ist, wie andere ihre Sache machen, dann brauche ich den Wettbewerb gar nicht – genau das ist aber der Kern des Mythos: Ohne Wettbewerb würden Menschen keinen Leistungsanreiz verspüren, keine Motivation, ihre Sache gut zu machen. Dabei verhält es sich psychologischen Erkenntnissen zufolge genau umgekehrt: Motivation wirkt stärker, wenn sie von innen kommt (»intrinsische Motivation«) als von außen (»extrinsische Motivation«) wie zum Beispiel der Wettbewerb. Die besten Leistungen kommen nicht zustande, weil es eine KonkurrentIn gibt, sondern weil Menschen von einer Sache fasziniert, energetisiert und erfüllt sind, sich ihr hingeben und ganz in ihr aufgehen. Den Wettbewerb braucht es nicht.

Wollten redliche ÖkonomInnen die Marktwirtschaft tatsächlich auf der effizientesten Methode aufbauen, die wir kennen, dann müssten sie sie auf struktureller Kooperation und intrinsischer Motivation aufbauen – zumindest, wenn sie den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung zur Kenntnis nehmen würden. Der Umstand, dass sie das nicht tun, ist ein Hinweis darauf, dass es gar nicht um Wissenschaft und Erkenntnis geht, sondern um die ideologische Absicherung bestehender Herrschaftsstrukturen. Den Mächtigen jedenfalls dient die Konkurrenz bravourös: Wenn wir Menschen nicht lernen, zu kooperieren und uns zu solidarisieren, werden wir die Machtverhältnisse nicht infrage stellen und mit vereinter Kraft verändern, sondern lieber versuchen, uns selbst mit Ellbogentechnik in den Bereich der Macht und in die gesellschaftlichen Eliten vorzukämpfen. Dabei bleibt allerdings die große Mehrheit von uns auf der Strecke. Und das gesellschaftliche Klima wird fortschreitend vergiftet, weil wir in unserem Streben nach dem eigenen Vorteil einander permanent übervorteilen, ausnützen und entwürdigen und dabei das gesellschaftliche Vertrauen und den Selbstwert der meisten Menschen schwächen oder zerstören.

Die Folgen von Gewinnstreben und Konkurrenz:
die zehn Krisen des Kapitalismus

Das Verfolgen des »eigenen Interesses« (Smith) als oberstes Ziel in Konkurrenz zueinander führt, entgegen den Prognosen und Versprechungen der marktwirtschaftlichen Theorie, zu:

 

1. Konzentration und Missbrauch von Macht. Aufgrund des systemimmanenten Wachstumszwangs – größer, mächtiger und schließlich »Global Player« zu sein, ist das Ziel – kommt es zur Herausbildung von Riesenkonzernen, die Marktmacht missbrauchen, Märkte abschotten, Innovation blockieren, Konkurrenten fressen oder aus dem Markt schlagen. »Eroberung von Marktanteilen«, randvolle »Kriegskassen«, »feindliche« Übernahmen: Die Wirtschaftssprache entlarvt, worum es im Streben nach dem eigenen Vorteil schlussendlich geht.

 

2. Ausschaltung des Wettbewerbs und Kartellbildung. Wenn nur noch ganz wenige übrig bleiben, kann das feindliche Gegeneinander blitzartig in – taktische, nicht prinzipielle – Kooperation umschlagen. Denn das Ziel bleibt das gleiche: maximaler Profit. Wenn es die Macht erlaubt, Kartelle und Oligopole zu bilden, dann wird dieser Weg sogar bevorzugt, weil er noch effektiver ist als die Konkurrenz. Bei der Konkurrenz gibt es Verlierer, bei der Kooperation gewinnen alle. Deshalb kooperieren Branchenunternehmen, sobald dies möglich ist. (Was ein unfreiwilliger und unschöner Beweis für die Überlegenheit der Kooperation ist. Unschön, weil Kooperation hier kein Ziel ist, sondern ein Mittel zum falschen Zweck: andere zu übervorteilen.) Bei der gegenwärtigen Bankenrettung zeigt sich, dass es gar nicht um Wettbewerb und Marktwirtschaft geht, sondern um die (staatliche) Absicherung von Gewinnen und Macht: Zu diesem Zweck kooperieren die wirtschaftlichen und politischen Eliten und schalten Wettbewerb aus – der offenbar gar nicht das Ziel ist.

 

3. Standortkonkurrenz. Staaten versuchen Unternehmen anzulocken und die Bedingungen für das Gewinnstreben systematisch zu verbessern: Es kommt zu Lohn-, Sozial-, Steuer- und Umweltdumping, zur Besserbehandlung von Weltkonzernen gegenüber lokalen Kleinbetrieben und zu verlockenden Sonderangeboten wie dem Bankgeheimnis oder gar dem Verzicht auf Bankenaufsicht und Regulierung, weil diese als »Standortvorteile« angesehen werden. Wenn der Egoismus von den Unternehmen auf die Staaten übergreift, dann blüht der Nationalismus inmitten der angeblichen »Globalisierung«.

 

4. Ineffiziente Preisbildung. Preise sind sehr oft nicht das vernünftige Ergebnis rationaler Marktakteure, sondern Ausdruck von Machtverhältnissen. Angebots- und Nachfragemacht sind sehr ungleich verteilt, weshalb Preise die Interessen der Mächtigen widerspiegeln und nicht so sehr tatsächliche Kosten oder Nutzen. Zum Beispiel erzielt die wertvolle Betreuung von Kindern, Kranken, Älteren oder Gärten oft gar keinen Preis, während die Betreuung von Hedge-Fonds astronomische Preise erzielt, obwohl ihr gesellschaftlicher Nutzen negativ ist.

 

5. Soziale Polarisierung und Angst. Die Marktwirtschaft ist eine Machtwirtschaft. Je größer – globaler – der »freie Wettbewerb«, desto größer werden die Machtgefälle zwischen den AkteurInnen und damit die Ungleichheiten und die Kluft zwischen Reich und Arm. In den USA verdient heute der bestbezahlte Manager das 350.000-Fache des gesetzlichen Mindestlohnes.10 Das hat weder mit »rationaler Preisbildung« noch mit Effizienz oder Gerechtigkeit zu tun, sondern ausschließlich mit Macht. In der Folge nimmt das Vertrauen in der Gesellschaft ab und die Angst steigt. In den USA ist das Vertrauen zwischen den Menschen von sechzig Prozent 1980 auf vierzig Prozent 2004 gesunken.11 Hingegen ist der Angst-Index in Westdeutschland von 24 Prozent 1991 auf 45 Prozent in den letzten Jahren gestiegen.12

 

6. Nichtbefriedigung von Grundbedürfnissen und Hunger. Wie wenig die globalisierte kapitalistische Marktwirtschaft in der Lage ist, auch nur die Grundbedürfnisse zu befriedigen und damit die Menschenrechte zu wahren, zeigt die Explosion der Hungerzahlen. Hungerten Anfang der 1990er Jahre noch knapp 800 Millionen Menschen, so waren es 2009 laut Welternährungsorganisation FAO 1,023 Milliarden, danach sank die Zahl wieder auf 843 Millionen 2011–2013.13 Die Befriedigung von Grundbedürfnissen ist nicht das Ziel des Kapitalismus, sondern die Vermehrung von Kapital. Das führt in vielen Fällen dazu, dass Grundbedürfnisse, die mit keiner Kaufkraft ausgestattet sind, nicht gestillt werden (nach Nahrung, medizinischer Versorgung, Wohnung oder Bildung); und für Kaufkraft, hinter der keine Bedürfnisse mehr stehen, neue Bedürfnisse »erfunden« werden (zum Beispiel süchtig machende Nahrung, Gameboys, Schönheitschirurgie oder Stadt-Geländeautos). Kreativität und Investitionen werden im Kapitalismus systemisch fehlgelenkt.

 

7. Ökologische Zerstörung. Da der Kapitalismus die Vermehrung des Finanzkapitals zum obersten Ziel hat (und nicht das Gemeinwohl), rutschen alle anderen Ziele, wie zum Beispiel Umweltschutz, auf der Prioritätenliste nach unten. Die UNO hat im Millennium Synthesis Report festgestellt, dass sich zwischen 1950 und 2000 der Gesundheitszustand fast aller planetaren Ökosysteme (Meere, Weiden, Flüsse, Gebirge, Wälder) verschlechtert hat. Sie nähern sich ihrer Belastungsgrenze und werden früher oder später kippen. Dann sind die lebenswichtigen »Leistungen« dieser Ökosysteme für die Menschen in Gefahr: Klimastabilität, Feuchtigkeits- und Temperaturregulierung, Kontrolle von Krankheiten und Schädlingen, Bodenfruchtbarkeit, Absorptionsfähigkeit. Der Kapitalismus zerstört, da er blind die Vermehrung des Finanzkapitals und nicht das Wohl aller anstrebt, die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschen und der Wirtschaft.

 

8. Sinnverlust. Da die Anhäufung materieller Werte das Ziel des Kapitalismus ist, schießt dieser bald über den sinnvollen Nebeneffekt, die materiellen Grundbedürfnisse zu befriedigen, hinaus und unterwirft alle anderen Werte: Beziehungs- und Umweltqualität, Zeitwohlstand, Kreativität, Autonomie. Die Erwerbsarbeitszeit nahm in der EU zwischen 1995 und 2005 wieder um acht Prozent zu (!)14, der Konsumzwang wird zur Kaufsucht, immer mehr Menschen können in anderen Tätigkeiten als dem Geldverdienen keinen Sinn mehr erkennen, weil sie von ihren wahren Wünschen und Idealen immer mehr entfremdet sind.

 

9. Werteverfall. In der Wirtschaft kommen heute die asozialsten Personen besonders leicht nach oben, weil es um die Optimierung von Zahlenzielen geht und Menschen, die »fähiger« sind, alle anderen – menschlichen, sozialen, ökologischen – Ziele auszublenden, kulturell »selektiert« werden. Egoisten können heute besonders »erfolgreich« sein. Wenn in der Wirtschaft systematisch Egoismus und Konkurrenzverhalten belohnt werden und Menschen als erfolgreich angesehen werden, wenn sie sich in dieser Anreizdynamik emporarbeiten, dann färben diese Werte auf alle Bereiche der Gesellschaft ab, zunächst auf Politik und Medien und am Ende auch auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. »Der kapitalistische Charakter formt den Gesellschaftscharakter«, formulierte bereits Erich Fromm.15

 

10. Ausschaltung der Demokratie. Wenn Gewinnstreben und das Verfolgen des eigenen Interesses das höchste Ziel sind, dann setzen die Wirtschaftsakteure alle Hebel in Bewegung, um dieses Ziel auch konsequent zu erreichen. Nicht nur zwischenmenschliche Beziehungen, persönliche Talente oder natürliche Ressourcen werden als Mittel benutzt, sondern ebenso selbstverständlich die Demokratie. Denn in der Ethik des »eigenen Interesses« steht dieses seit Smith über dem Gemeinwohl; das Gemeinwohl ergibt sich – so die Hoffnung – als Nebeneffekt. Die Realität sieht jedoch anders aus. Globale Unternehmen, Banken und Investmentfonds werden so mächtig, dass sie über Lobbying, Medienbesitz, Parteienfinanzierung und Public Private Partnerships Parlamente und Regierungen erfolgreich dazu bringen, ihren Partikularinteressen und nicht dem Gemeinwohl zu dienen. Die Demokratie wird so zum letzten und prominentesten Opfer der »freien Marktwirtschaft«.

 

Eine ausführlichere Analyse habe ich an anderer Stelle publiziert16, deshalb sei hier ein Schlussstrich gezogen, um die Bühne frei zu machen für das Neue.

2. Die Gemeinwohl-Ökonomie – der Kern

»Alle wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl.«

Verfassung des Freistaats Bayern, Art. 151

Ziel des Wirtschaftens

Wenn ich an wirtschaftsbildenden Schulen oder wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten der Universitäten die SchülerInnen und StudentInnen nach dem Ziel des Wirtschaftens frage, erhalte ich fast immer die Antworten: »Geld«, »Gewinn«, »Profit«. Ich frage zurück: Wer sagt das? »So lernen wir es«, erfahre ich. »Und auf welche Quellen berufen sich eure Lehrer und Lehrerinnen?« Schweigen. »Was ist die Begründung dafür, dass Gewinn oder die Vermehrung von Geld das Ziel des Wirtschaftens sein soll?« Schweigen.

Ich suchte Rat – bei den Verfassungen demokratischer Staaten. Als Erstes schaute ich nach einem Hinweis in der Bayerischen Verfassung: »Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl«, steht da wortwörtlich.17 Zuerst dachte ich, das müsse ein Irrtum sein. Doch auch andere Verfassungen besagen dasselbe: »Eigentum verpflichtet«, steht im deutschen Grundgesetz, »sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen«.18 Gemäß der italienischen Verfassung soll »die öffentliche und private Wirtschaftstätigkeit nach dem Allgemeinwohl ausgerichtet werden«.19 Die kolumbianische Verfassung sagt: »Die wirtschaftliche Aktivität und die Privatinitiative sind frei, innerhalb der Grenzen des Gemeinwohls.«20 Und selbst die US-Verfassung beendet ihre Präambel mit »der Förderung des Gemeinwohls«. In den Verfassungen demokratischer Staaten herrscht Konsens, was das Ziel des Wirtschaftens ist: die Förderung des Gemeinwohls. Mir ist keine Ausnahme bekannt. Jedenfalls gibt es keine Verfassung, die besagte, dass der Zweck des Wirtschaftens die Mehrung des Kapitals oder der Geldgewinn sei. Das hat bereits Aristoteles als »widernatürlich« bezeichnet und die »Oikonomia« von der »Chrematistike« unterschieden.21 Im Abendland gibt es seit über 2000 Jahren Konsens, was das Ziel des Wirtschaftens ist. Die Gemeinwohl-Ökonomie schlägt nichts anderes vor, als dass das verfassungsmäßige Ziel auch in der realen Wirtschaftsordnung umgesetzt werden soll.

Umstellung der Systemweichen

Dafür müssten die gegenwärtigen Systemweichen der Marktwirtschaft von Gewinnstreben und Konkurrenz auf Gemeinwohlstreben und Kooperation umgestellt werden. Der rechtliche Anreizrahmen müsste dem falschen Leitstern »Eigennutzmaximierung« abgeschnallt und dem Leitstern »Gemeinwohl« umgeschnallt werden. Ziel aller Unternehmen ist es, einen größtmöglichen Beitrag zum allgemeinen Wohl zu leisten. Das ist nicht neu: Das Ziel der einzelwirtschaftlichen Akteure wird lediglich in Übereinstimmung mit den Verfassungszielen gebracht. Das ist Schritt eins bei der ethischen Umsteuerung freier Märkte.

Wirtschaftlichen Erfolg neu definieren

Schritt zwei: Wenn Gemeinwohl das demokratisch definierte Ziel des Wirtschaftens ist, dann müsste logischerweise bei der ökonomischen Erfolgsmessung die Zielerreichung gemessen werden. Auf allen Ebenen: auf der Ebene der Volkswirtschaft (Makroebene), auf der Ebene des einzelnen Unternehmens (Mesoebene) und bei jeder Investition (Mikroebene).

Heute wird wirtschaftlicher Erfolg auf allen drei Ebenen mit monetären Indikatoren gemessen: auf der Makroebene mit dem Bruttoinlandsprodukt, auf Unternehmensebene mit dem Finanzgewinn und auf der Ebene der einzelnen Investition mit dem »Return on Investment« oder »Return on Equity«. Alle drei Standard-Erfolgsindikatoren haben gemeinsam, dass es sich um »monetäre« Indikatoren handelt: Geld ist jedoch nicht das Ziel des Wirtschaftens, sondern nur das Mittel.

Jetzt kommt die Gretchenfrage: Ist es intelligenter (sinnvoller), den Erfolg eines Projektes, ganz gleich, um welches es sich handelt, an den Mitteln und ihrer Akkumulation zu messen oder an den Zielen und ihrer Erreichung? Möglicherweise ist das der zentrale Systemfehler der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung: Bei der Erfolgsmessung werden Ziel und Mittel verwechselt. Im Kapitalismus ist zweifellos die Mehrung des Kapitals das höchste Ziel; die Generierung von Gemeinwohl kann dafür Mittel sein oder Nebeneffekt – muss aber nicht. In der Gemeinwohl-Ökonomie ist die Mehrung des Gemeinwohls das höchste Ziel. Kapital ist ein wertvolles Mittel dafür. In manchen Fällen kann es eingesetzt werden, um das Ziel zu erreichen; in anderen nicht, wenn es bessere Mittel und Wege zur Zielerreichung gibt. Es gibt weder einen Zwang zum Einsatz von Kapital noch zu dessen Vermehrung – denn der Erfolg von Unternehmen, Investitionen und Volkswirtschaften wird nicht anhand der Mehrung des Kapitals gemessen, sondern direkt am Ziel.

Die Schwäche monetärer Indikatoren bei der ökonomischen Erfolgsmessung hat auch damit zu tun, dass Geld nur Tauschwerte zum Ausdruck bringen kann, aber keine Nutzwerte. Menschen benötigen jedoch letztendlich ausschließlich Nutzwerte, diese sind das Ziel des Wirtschaftens. Ein Tauschwert kann mich weder wärmen noch ernähren, noch umarmen. Dazu brauche ich Nahrung, Kleidung, Wohnung, Beziehungen, intakte Ökosysteme: Nutzwerte. BIP und Finanzgewinn sagen aber nichts Verlässliches über die Verfügbarkeit von Nutzwerten aus. Sagt zum Beispiel ein gestiegenes BIP etwas Verlässliches darüber aus, ob:

 – ein Land sich im Krieg befindet oder im Frieden?

 – es sich um eine Demokratie handelt oder eine Diktatur?

 – der Ressourcenverbrauch wächst oder schrumpft?

 – die Verteilung gerecht ist?

 – Frauen gleichberechtigt sind oder diskriminiert werden?

 – das Vertrauen in der Gesellschaft wächst oder die Angst?

Egal, welchen Nutzwert wir abfragen – ein steigendes BIP sagt uns nichts Verlässliches über dessen Erreichung aus. Das BIP ist nicht imstande, das zu messen, was wirklich zählt!

Laut volkswirtschaftlicher Lehrbücher ist das Ziel des Wirtschaftens die Befriedigung der Bedürfnisse. Sie sind das »letzte Ende« hinter dem ganzen enormen Aufwand namens »Wirtschaft«. Und wenn die wichtigsten Bedürfnisse aller Menschen befriedigt sind, entsteht daraus der berühmte »Wohlstand für alle« (Ludwig Erhard), das »Wohl aller«

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