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Die Geächteten

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Zitat
  6. I. Das Schafott
  7. II. Reue
  8. III. Der magische Kreis
  9. IV. Die Wildnis
  10. V. Wandlung

Über die Autorin

Hillary Jordan hat Anglistik und Politikwissenschaften studiert. Bevor sie anfing zu schreiben, arbeitete sie als Werbetexterin. Ihr Debüt MUDBOUND gewann 2006 den Bellwether Prize. Es folgten weitere Auszeichnungen und Nominierungen. DIE GEÄCHTETEN, ihr zweiter Roman, wurde von der Presse hochgelobt. Jordan lebt heute in Brooklyn. Besuchen Sie die Autorin auf ihrer Website:
www.hillaryjordan.com

 

»Wahrlich, Freund«, sagte der Städter, »mich dünkt, es muss nach deinen Sorgen und deinem Aufenthalt in der Wildnis dein Herz erfreuen, nach langer Zeit wieder in einem Land zu sein, in dem Ungerechtigkeit aufgespürt wird und vor den Augen von Herrschern und Menschen bestraft wird.«

Nathaniel Hawthorne: Der scharlachrote Buchstabe

 

ALS SIE ERWACHTE, WAR SIE ROT. Nicht errötet, nicht von der Sonne verbrannt, sondern rot wie das satte, plastische Rot eines Stoppschildes. Zuerst besah sie ihre Hände. Sie hielt sie vor die Augen und blinzelte sie an. Einige wenige Sekunden sahen sie, beschattet von ihren Wimpern und beleuchtet vom harten weißen Licht, das von der Decke fiel, fast schwarz aus. Dann gewöhnten sich ihre Augen an das Licht, und die Sinnestäuschung verschwand. Sie schaute sich erst die Handaußenseiten, dann die Handinnenseiten an. Sie schwebten über ihr wie Seesterne aus einer anderen Welt. Sie wusste, was sie erwartete – schon oft hatte sie dieses Rot gesehen, auf der Straße und im Video –, doch dass ihr eigenes Fleisch diese Farbe haben könnte, darauf war sie nicht vorbereitet. In den sechsundzwanzig Jahren ihres Lebens waren ihre Hände immer rosafarben gewesen, mit einer Spur von Honig darin, und im Sommer goldbraun. Jetzt aber hatten sie die Farbe von frisch vergossenem Blut.

Sie fühlte Panik in sich aufsteigen, ihr Hals war wie zugeschnürt, und ihre Glieder begannen zu zittern. Sie schloss die Augen und zwang sich, still zu liegen, ihre Atmung zu verlangsamen und sich auf das langsame Heben und Senken ihres Bauches zu konzentrieren. Das Einzige, was sie trug, war ein kurzes ärmelloses Hemd, doch ihr war nicht kalt. Die Temperatur im Zimmer war genau auf ihr Wohlbefinden eingestellt. Bestraft wurde sie auf eine andere Weise: durch Einsamkeit, Langeweile und das Schlimmste von allem – durch ständige Selbstbetrachtung, sowohl im übertragenen Sinn als auch wörtlich gemeint. Sie hatte die Spiegel noch nicht gesehen, doch sie spürte sie in den Ecken ihres Bewusstseins schimmern, als warteten sie nur darauf, ihr zu zeigen, was aus ihr geworden war. Auch die Kameras hinter den Spiegeln, die jedes Augenzwinkern und jede Muskelzuckung aufzeichneten, konnte sie nahezu physisch wahrnehmen. Sie spürte die Aufseher, Ärzte und Techniker, die vom Staat angestellt waren, und die Millionen von Menschen zu Hause, die ihr und ihrem Leid zusehen konnten. Da saßen sie mit den Füßen auf ihren Couchtischen, ein Bier oder Mineralwasser in der Hand, und fixierten den Bildschirm. Sie schwor sich, dass sie nichts von sich preisgeben würde: keine Nachweise oder Besonderheiten für Fallstudien über sie, keine Reaktionen, die deren Hohn oder Mitleid hervorrufen könnten. Sie würde sich aufsetzen, ihre Augen öffnen, sehen, was zu sehen war, und dann in aller Ruhe darauf warten, dass man sie freiließ. Dreißig Tage waren keine so lange Zeit.

Sie atmete tief durch und setzte sich aufrecht hin. An allen vier Wänden der Zelle befanden sich Spiegel. Sie zeigten einen weißen Boden und eine weiße Decke, eine weiße Schlafplattform mit einer Pritsche, eine transparente Duscheinheit, ein weißes Waschbecken und eine weiße Toilette. Und mittendrin in diesem makellosen Weiß einen grellen roten Fleck, das war sie selbst, Hannah Payne. Sie sah ein rotes Gesicht – ihr Gesicht. Rote Arme und Beine – ihre Arme und Beine. Selbst das Hemd, das sie trug, war rot, wenn auch nicht so leuchtend rot wie ihre Haut.

Sie wünschte, sie könnte sich zu einer Kugel zusammenrollen und sich verstecken, sie wünschte, sie könnte laut schreien und mit ihren Fäusten gegen das Glas schlagen, bis dieses zerbrach. Doch bevor sie irgendeinem dieser Impulse nachgeben konnte, verkrampfte sich ihr Magen, und sie fühlte Übelkeit in sich aufsteigen. Sie rannte zur Toilette. Sie übergab sich, bis nichts mehr im Magen war außer Galle. Sie lehnte sich matt gegen den Sitz, ihren Arm als Kissen unter ihr verschwitztes Gesicht gelegt. Und nach einigen Sekunden errötete selbst die Toilette.

Die Zeit verging. Dreimal erklang ein Ton, und dann öffnete sich an der Wand gegenüber eine Verkleidung, und ein Tablett mit Essen wurde in einer Nische sichtbar. Hannah blieb auf dem Boden sitzen und bewegte sich nicht, sie fühlte sich zu krank, um etwas zu essen. Die Verkleidung ging wieder zu, und der Ton erklang erneut, zweimal. Dann gab es eine kurze Verzögerung, und der Raum wurde dunkel. Noch nie war Dunkelheit für sie so willkommen gewesen. Sie kroch zu der Plattform und legte sich auf die Pritsche. Schließlich schlief sie ein.

Sie träumte davon, sie wäre mit Becca und ihren Eltern auf Mustang Island. Becca war neun, Hannah sieben. Sie bauten eine Sandburg. Becca errichtete die Burg, Hannah grub den Burggraben. Ihre Finger pflügten durch den Sand, bewegten sich immer wieder rund um den langsam wachsenden Bau in der Mitte. Je tiefer sie grub, desto feuchter und fester wurde der Sand, und desto schwerer war es für ihre Finger, in ihn einzudringen. »Das ist tief genug!«, sagte Becca, doch Hannah hörte nicht auf ihre Schwester und grub weiter. Da unten war etwas, etwas, das sie dringend finden musste. Ihre Bewegungen wurden hektisch. Jetzt war der Sand sehr feucht und sehr dunkel, und ihre Finger waren bereits rau. Der Graben füllte sich mit Sickerwasser, es quoll über ihre Hände bis zu den Handgelenken. Sie roch etwas Übelriechendes und sah, dass es sich nicht um Wasser handelte, sondern um Blut, um dunkles, dickflüssiges Blut. Sie versuchte, ihre Hände aus dem Graben zu ziehen, doch sie blieben an etwas hängen – nein, sie wurden festgehalten und nach unten gezogen. Bis zu den Ellenbogen waren ihre Arme verschwunden. Sie schrie nach ihren Eltern, doch der Strand war leer. Nur sie und ihre Schwester Becca waren dort. Ihr Gesicht fiel gegen die Burg und ließ diese einstürzen. »Hilf mir«, bettelte sie, doch Becca bewegte sich nicht von der Stelle. Sie sah teilnahmslos zu, wie Hannah nach unten gezogen wurde. »Küss für mich das Baby«, sagte Becca, »sag ihm …« Den Rest konnte Hannah nicht mehr hören. Ihre Ohren waren voller Blut.

Sie erwachte, und ihr Herz schlug unregelmäßig. Das Zimmer war immer noch dunkel, und ihr Körper war kalt und feucht. Es ist nur Schweiß, sagte sie sich. Kein Blut, Schweiß. Als dieser trocknete, begann sie zu zittern, und sie merkte, wie die Luft um sie herum wärmer wurde, um dies zu kompensieren. Sie wollte gerade wieder einnicken, als der Ton zweimal erklang. Die Lampen gingen an, blendend hell. Ihr zweiter Tag als Rote hatte begonnen.

 

SIE VERSUCHTE WIEDER EINZUSCHLAFEN, doch das weiße Licht brannte durch ihre geschlossenen Lider, durch ihre Augäpfel hindurch bis in ihr Gehirn. Und obwohl sie einen Arm über ihre Augen gelegt hatte, konnte sie das Licht noch immer sehen. Wie eine brutale fremdartige Sonne, die hell in ihrem Schädel glühte. Das war Absicht, das wusste sie. Die Lichter verhinderten bei allen Insassen, außer bei einigen wenigen, den Schlaf. Und von diesen begingen innerhalb eines Monats nach ihrer Freilassung rund neunzig Prozent Selbstmord. Die Botschaft war eindeutig: War man deprimiert genug, um trotz des Lichtes zu schlafen, war man so gut wie tot. Hannah konnte nicht schlafen. Sie wusste nicht, ob sie deshalb erleichtert oder enttäuscht sein sollte.

Sie drehte sich auf die Seite. Sie konnte die Mikro-Computer in der Pritsche nicht spüren, aber sie wusste, dass sich welche darin befanden. Sie überwachten ihre Temperatur, ihren Puls, ihren Blutdruck, ihre Atmungsfrequenz, zählten ihre weißen Blutkörperchen, maßen ihren Serotoninspiegel. Private Informationen – doch in einer Chrom-Station gab es keine Privatsphäre.

Sie musste zur Toilette, doch sie hielt es wegen der Kameras so lange wie möglich an. Auch wenn die »Durchführung der persönlichen Hygiene« für die öffentliche Übertragung zensiert war, so wusste sie doch, dass die Aufseher und die Cutter sie sehen konnten. Schließlich konnte sie nicht mehr länger warten. Sie stand auf und ging pinkeln. Der Urin, der herauskam, war gelb. Das war irgendwie beruhigend.

Am Waschbecken fand sie Becher und Zahnbürste. Sie öffnete den Mund, um die Zähne zu putzen, und wich beim Anblick ihrer Zunge entsetzt zurück. Sie war von einem fahlen Rötlichviolett, wie ein Himbeereis am Stiel. Nur ihre Augen waren unverändert, ein dunkles Schwarz, umrahmt von Weiß. Das Virus veränderte nicht mehr das Pigment der Augen, wie es in den frühen Tagen der Haut-Verchromung noch der Fall gewesen war. Es hatte zu viele Fälle von Erblindung gegeben, und das, so hatte der Gerichtshof entschieden, sei eine grausame Bestrafung. Hannah hatte Videos dieser frühen Roten gesehen – mit ihrem leeren, starren Blick und besorgniserregend ausdruckslosen Gesichtern. Zumindest hatte sie also noch ihre Augen, die sie daran erinnerten, wer sie war: Hannah Elizabeth Payne. Tochter von John und Samantha. Schwester von Rebecca. Die Mörderin eines namenlosen Kindes. Hannah fragte sich, ob das Kind wohl die melancholischen braunen Augen, den gefühlvollen Mund, die hohe breite Stirn und die durchscheinende Haut seines Vaters geerbt hätte.

Ihre eigene Haut fühlte sich klebrig an, und ihr Körper roch säuerlich. Sie ging in den Duschtrakt. An der Tür stand: WASSER NICHT AUFBEREITET. NICHT TRINKEN. Direkt daneben war ein Haken für ihr Hemd. Sie wollte es gerade ausziehen, als sie sich an die Zuschauer erinnerte und mit Hemd unter die Dusche stieg. Sie schloss die Tür, und das Wasser kam, zum Glück heiß. In der Dusche stand ein Seifenspender und sie nahm davon, schrubbte ihre Haut heftig mit den Händen ab. Sie wartete, bis die Wände der Dusche mit Wasserdampf beschlagen waren, dann zog sie ihr Hemd aus und seifte und duschte sich ab. Das Gefühl von Haaren unter den Armen überraschte sie erneut, obwohl sie sich mittlerweile daran hätte gewöhnt haben müssen. Seit ihrer Inhaftierung waren Rasierer nicht erlaubt. Als die Haare anfangs unter ihren Armen und auf ihren Beinen zu wachsen begannen, erst stoppelig, dann seidig, hatte sie das erschreckt. Der Gedanke an solche weibliche Eitelkeit ließ sie nun laut auflachen, ein hässlicher Klang, der sich in der geschlossenen Duschkabine grell anhörte. Sie war eine Rote. Ihre Weiblichkeit war völlig irrelevant.

Sie erinnerte sich daran, wie sie das erste Mal eine weibliche Verchromte gesehen hatte. Das war, als sie noch in den Kindergarten ging. Damals wie heute war ihre Zahl vergleichsweise gering, und die Gelben, die wegen ihrer Vergehen nur kurz bestraft wurden, bildeten die überwiegende Mehrheit. Die Frau, die Hannah gesehen hatte, war eine Blaue gewesen – ein noch sehr viel seltenerer Anblick, doch damals war sie zu jung, um das zu verstehen. Kinderschänder überlebten nach ihrer Freilassung nicht lange. Einige begingen Selbstmord, doch die meisten verschwanden einfach von der Bildfläche. Ihre Körper tauchten in Müllcontainern und Flüssen wieder auf, erstochen, erschossen oder erwürgt. An diesem Tag waren Hannah und ihr Vater über die Straße gegangen, und die Frau, die trotz der stickigen Herbstwärme in einem langen Kapuzenmantel steckte und Handschuhe trug, überquerte die Straße in entgegengesetzter Richtung. Als sie näher kam, zuckte Hannahs Vater zusammen, und diese plötzliche Bewegung veranlasste ihr Gegenüber, ihren gesenkten Kopf zu heben. Das Gesicht war von einem erschreckenden Kobaltblau. Doch es waren ihre Augen, die Hannah faszinierten. Sie waren wie Basaltscherben, zerklüftet vor Wut. Hannah wich vor ihr zurück, und die Frau lächelte und zeigte ihre weißen Zähne, die in grässlich violettem Zahnfleisch steckten.

Hannah war noch nicht mit dem Waschen fertig, als das Wasser plötzlich versiegte. Jetzt sprangen die Düsen zum Trocknen an, und warme Luft rauschte über sie hinweg. Als auch damit Schluss war, stieg sie aus der Kabine. Sauber fühlte sie sich schon etwas wohler.

Der Ton erklang dreimal, und es öffnete sich die Verkleidung mit dem Essen. Hannah ignorierte es. Doch es schien, als wäre ihr nicht erlaubt, eine weitere Mahlzeit auszulassen. Denn einen Augenblick später erklang ein ganz anderer Ton, ein nadelspitzer, unerträglicher Schrei. Sie ging schnell zu der Öffnung in der Wand und nahm das Tablett heraus. Der Ton ging aus.

Auf dem Tablett befanden sich zwei Proteinriegel, der eine braun gesprenkelt, der andere leuchtend grün, ein Becher Wasser und eine große beigefarbene Pille. Sie sah wie eine Vitaminpille aus, aber Hannah konnte sich dessen nicht sicher sein. Sie aß die Riegel, die Pille ließ sie liegen, und stellte das Tablett wieder in die Öffnung. Doch als sie sich abwandte, erklang der schrille Ton erneut. Sie nahm die Pille in die Hand und schluckte sie hinunter. Der Ton verstummte, und die Verkleidung schloss sich.

Was jetzt? Hannah dachte nach. Sie schaute sich verzweifelt in der unscheinbaren Zelle um und wünschte sich irgendetwas, das sie von ihrem eigenen Anblick ablenken könnte. In der Krankenstation hatte der Aufseher, kurz bevor sie die Spritze mit dem Virus bekam, ihr eine Bibel ausgehändigt, doch sein aufgeblasenes, selbstgerechtes Auftreten und sein verächtlicher Ton hatten sie daran gehindert, diese anzunehmen. Das und ihr eigener Stolz, der sie anspornte zu sagen: »Von Ihnen nehme ich gar nichts an.«

Er grinste blöd. »Nach einer Woche ganz allein in Ihrer Zelle werden Sie nicht mehr so hochmütig und arrogant sein. Sie werden Ihre Meinung ändern, so wie alle es tun.«

»Sie liegen falsch«, sagte sie und dachte: Ich bin nicht so wie die anderen.

»Wenn Sie Ihre Meinung ändern«, fuhr der Aufseher fort, als hätte Hannah nichts gesagt, »fragen Sie einfach, ich werde dann dafür sorgen, dass Sie eine Bibel bekommen.«

»Ich habe Ihnen doch gesagt, ich werde nicht darum bitten.«

Er beäugte sie abschätzend. »Ich gebe Ihnen sechs Tage. Sieben Tage. Vergessen Sie nicht das Wörtchen bitte.«

Jetzt hätte sich Hannah in den Hintern treten können, weil sie die Bibel nicht angenommen hatte. Nicht weil sie auf ihren Seiten etwas Trost gefunden hätte – Gott hatte sie ganz offensichtlich verlassen, und sie konnte ihn nicht verantwortlich machen –, sondern weil sie damit etwas in den Händen gehabt hätte, worüber sie hätte nachdenken können, neben dem roten Unglück, das nun ihr Leben war. Sie lehnte sich an die Wand und rutschte abwärts, bis ihre Pobacken den Boden berührten. Sie zog die Knie zu sich heran und legte ihren Kopf darauf. Dann sah sie das erbärmliche kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern im Spiegel und nahm eine gerade Haltung an. Sie kreuzte die Beine und legte ihre Hände in den Schoß. Sie konnte nicht sagen, ob sie gerade auf Sendung war. Auch wenn die Bilder aus jeder Zelle kontinuierlich aufgezeichnet wurden und die Übertragungen live waren, zeigten sie nicht die ganze Zeit alle Insassen, sondern eher abwechselnd, je nach Gutdünken der Redakteure und Produzenten. Hannah wusste, dass sie nur eine von Tausend war, aus denen sie allein innerhalb der zentralen Zeitzone wählen konnten. Doch von den wenigen Malen, die sie selbst die Show gesehen hatte, wusste sie auch, dass Frauen, vor allem die attraktiven, mehr Sendezeit bekamen als Männer, und Rote und andere Verbrecher mehr als Gelbe. Und gehörte man zu den wirklich Unterhaltsamen – redete man unverständliches Zeug oder sprach mit imaginären Menschen, schrie man um Erbarmen oder kratzte sich die Haut auf, um die Farbe loszuwerden (das war nur bis zu einem gewissen Punkt erlaubt, dann läutete der Bestrafungston) –, so konnte man ein Superstar werden. Hannah gelobte sich, ein so ruhiges und uninteressiertes Bild wie nur möglich abzugeben, und wenn auch nur ihrer Familie zuliebe. Schauten sie ihr in diesem Augenblick zu? Schaute er zu?

Zur Verhandlung war er nicht gekommen, aber er war via Videolink bei ihrer Urteilsverkündung dabei gewesen. Ein Holo seines berühmten Gesichtes hatte vor ihr geschwebt, größer als lebensgroß, und sie gedrängt, mit den Anklägern zu kooperieren. »Hannah, als dein ehemaliger Pastor, ich flehe dich an, füge dich dem Gesetz und sage den Namen des Mannes, der die Abtreibung vorgenommen hat, und alle anderen Namen, die dabei eine Rolle gespielt haben.«

Hannah hatte es nicht fertiggebracht, ihn anzusehen. Stattdessen hatte sie die Staatsanwälte und Gerichtsbeamten, die Zuschauer und Geschworenen angeblickt, die ihm zuhörten. Sie lehnten sich in ihren Stühlen nach vorn, um jedes Wort mitzubekommen. Sie bemerkte ihren Vater, der in seiner Sonntagskluft gebeugt dasaß und sie nicht mehr angesehen hatte, nachdem der Gerichtsdiener sie in den Gerichtssaal geführt hatte. Ihre Mutter und Schwester waren natürlich auch da.

»Lass dich nicht von falsch verstandener Loyalität oder Mitleid für deine Komplizen beeinflussen«, fuhr der Geistliche fort. »Was kann dein Schweigen für sie tun? Es wird sie lediglich darin bestärken, weitere Verbrechen gegen das ungeborene Leben zu begehen.« Seine leise und volle und von Gefühl getragene Stimme wälzte sich durch den Raum und erforderte von allen Anwesenden absolute Konzentration. »Mit Gottes Gnade«, sagte er etwas lauter, »hast du eine öffentliche Schande eingestanden, und so mögest du eines Tages den öffentlichen Triumph über die Sündhaftigkeit in dir erleben. Möchtest du deinen sündhaften Gefährten denselben bitteren, aber reinigenden Becher, den du nun trinken musst, verweigern? Möchtest du ihn dem Vater des Kindes verweigern, der nicht die Courage besitzt vorzutreten? Nein, Hannah, es ist besser, jetzt ihre Namen zu sagen und von ihnen die unerträgliche Bürde zu nehmen, für den Rest ihres Lebens ihre Schuld verstecken zu müssen!«

Der Richter, die Geschworenen und die Zuschauer wandten sich erwartungsvoll Hannah zu. Es schien unmöglich, dass sie sich dem Sog dieses leidenschaftlichen Aufrufs entziehen konnte. Er kam schließlich von keinem Geringeren als dem Geistlichen Aidan Dale, dem ehemaligen Pastor der einundzwanzigtausend Mitglieder zählenden Kirche des Entzündeten Wortes in Plano und Gründer der Missionsgesellschaft für den Weg, die Wahrheit und Weltweites Leben. Und jetzt war er im jungen Alter von siebenunddreißig Jahren sogar zum Minister für Glaubensfragen unter Präsident Morales ernannt worden. Wie könnte Hannah die Namen nicht nennen? Wie könnte sich überhaupt jemand diesem Mann widersetzen?

»Nein«, sagte sie. »Ich werde es nicht tun.«

Die Zuschauer seufzten zeitgleich auf. Pastor Dale legte seine Hand auf die Brust und senkte den Kopf, als würde er ein stilles Gebet sprechen.

»Miss Payne«, sagte der Richter, »hat Ihr Anwalt Sie darüber aufgeklärt, dass Ihre Strafe sich um sechs Jahre verlängert, wenn Sie sich weigern, die Namen von Abtreiber und Kindsvater zu nennen?«

»Ja«, erwiderte sie.

»Die Gefangene erhebe sich.«

Hannah spürte die Hand ihres Anwalts auf ihrem Ellenbogen, der sie auf diese Weise stützte. Ihre Beine schlotterten, und ihr Mund war vor Angst ganz trocken. Doch ihr Gesicht blieb ausdruckslos.

»Hannah Elizabeth Payne«, begann der Richter.

»Bevor Sie sie verurteilen«, unterbrach Pastor Dale ihn, »kann ich mich noch einmal an den Gerichtshof wenden?«

»Sie dürfen.«

»Ich war der Pastor dieser Frau. Ihre Seele lag in meiner Obhut.« Sie schaute ihn an, und ihre Blicke trafen sich. Der Schmerz in seinen Augen zerriss ihr das Herz. »Dass sie heute vor diesem Gerichtshof sitzt, ist nicht nur ihr Fehler, sondern auch meiner. Ich habe es nicht geschafft, sie zu einem rechtschaffenen Leben heranzuführen. Ich habe zwei Jahre mit Hannah Payne zu tun gehabt. Ich habe gesehen, wie sehr sie ihre Familie liebt, ich habe ihre Güte, die sie den weniger Glücklichen entgegenbrachte, erlebt. Ich habe ihren wahren Glauben an Gott gesehen. Auch wenn ihr Verbrechen schwer wiegt, glaube ich doch, dass sie durch die Gnade des Herrn ihre Schuld wird abtragen können, und ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um ihr dabei zu helfen, wenn Sie Milde walten lassen.«

Unter den Geschworenen nickten viele Köpfe, und so manches Auge wurde feucht. Selbst der ernste Gesichtsausdruck des Richters wurde ein bisschen weicher. Hannah begann zu hoffen. Doch dann schüttelte er plötzlich den Kopf, als wollte er sich von einem Zauber befreien, und sagte: »Es tut mir leid, Pastor. Das Gesetz ist in diesen Fällen allgemeingültig.«

Der Richter wandte sich wieder ihr zu. »Hannah Elizabeth Payne, Sie wurden für schuldig befunden, einen Mord zweiten Grades begangen zu haben. Ich verurteile Sie deshalb, sich durch das texanische Justizministerium der Melaverchromung zu unterziehen. Sie werden dreißig Tage in der Chrom-Station des Staatsgefängnisses Crawford verbringen und für sechzehn Jahre eine Rote bleiben.«

Als er mit dem Hammer auf den Tisch schlug, schwankte sie, doch sie fiel nicht. Als die Wachen sie abführten, schaute sie nicht einmal Aidan Dale an.

 

DIE DUSCHE WURDE HANNAHS EINZIGE ABWECHSLUNG und eine äußerst wichtige Unterbrechung im Verlauf der langen trostlosen Stunden zwischen Mittag- und Abendessen. Diese Lektion hatte sie bereits am zweiten Tag gelernt, als sie gleich früh am Morgen geduscht hatte. Der Nachmittag war dahingekrochen, und die unsägliche Stille hatte gegen ihre Trommelfelle gehämmert. Ihre Gedanken waren zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin- und hergerast. Als sie – um sich zu zerstreuen – versucht hatte, ein zweites Mal zu duschen, kam kein Wasser aus den Düsen. Sie verfluchte ihre Aufseher mit einem schonungslosen: »Ihr sollt verflucht sein!« Noch vor zwei Jahren hätte das die junge, noch unschuldige Hannah geschockt. Ihr Leben damals hatte sich um Familie und Kirche gedreht. Sie lebte bei ihren Eltern, arbeitete als Schneiderin für einen örtlichen Brautsalon, ging am Sonntagmorgen und am Mittwochabend in die Kirche und zweimal die Woche in die Bibelstunde, ehrenamtlich half sie im Secondhandladen und engagierte sich für die Kandidaten der Trinitätspartei. Diese Hannah war ein gutes Mädchen gewesen und eine gute Christin. Sie hatte ihren Eltern gehorcht – fast immer.

Eines ihrer heimlichen Laster waren Kleider: Kleider mit Schlüsselloch-Ausschnitt und Perlmuttknöpfen, mit durchsichtigen Überwürfen und Bleistiftröcken aus prachtvollen Samtstoffen und juwelenbesetzter Seide und Voile, der mit Goldfäden durchzogen war. Sie entwarf sie selbst und nähte sie in der Nacht. Dann versteckte sie sie unter den Haufen weißer jungfräulicher Seide, Spitze und Tüll, die sich in ihrem Arbeitszimmer über der Garage stapelten. Hatte sie ein Kleid fertig, vergewisserte sie sich zweimal, ob ihre Eltern und Becca schliefen. Dann stieg sie wieder in ihr Arbeitszimmer hinauf, schloss die Tür ab, passte das Kleid an und drehte vor dem Spiegel langsame Pirouetten. Obwohl ihr bewusst war, dass sie eitel und sündhaft handelte, empfand sie es als angenehm, von diesen Stoffen, deren Farben ihre Haut wärmer erscheinen ließen, umhüllt zu sein. Was für ein Gegensatz zu den unscheinbaren Kleidern, die sie außerhalb des Zimmers tragen musste, die gesitteten Kleider, die der Glaube ihr vorschrieb, hochgeschlossen und wadenlang, pastellfarben oder dezent geblümt. Pflichtbewusst trug sie diese Teile, verstand, dass diese in einer Welt der Versuchung nötig waren. Doch sie hasste es, sie morgens anzuziehen, und kein Gebet auf der Welt konnte diese Gefühle ändern.

Hannah war sich ihrer eigenen rebellischen Natur bewusst. Ihre Eltern hatten sie ihr ganzes Leben lang dafür gescholten und sie dazu gedrängt, ihrer Schwester nachzueifern. Becca war ein heiteres, gehorsames Kind und schwamm mit einer Leichtigkeit, um die Hannah sie beneidete, durch ihre Jugend hindurch zum Frausein. Becca wehrte sich nie dagegen, Gottes Plan zu folgen, sie zweifelte nichts an und sehnte sich nie nach mehr. Hannah versuchte, wie ihre Schwester zu sein, doch je mehr sie ihre wahre Natur unterdrückte, desto stärker platzte es aus ihr heraus, wenn ihre Entschlossenheit nachließ, und das passierte zwangsläufig recht oft. Als Teenager bekam sie ständig irgendwelche Probleme wegen der einen oder anderen Sache: Sie probierte Lipgloss aus, machte verbotene Recherchen auf ihrem Port, las Bücher, die ihre Eltern als verderbend ansahen. Meist jedoch tat sie das, um Antworten auf die Fragen zu finden, die sich in ihrem Kopf so beharrlich ihren Weg bahnten: »Warum ist es für Mädchen unanständig, Hemden zu tragen, aber nicht für Jungen?«, »Weshalb lässt Gott unschuldige Menschen leiden?«, »Wenn Jesus Wasser in Wein verwandelt hat, warum ist es dann falsch, Wein zu trinken?« Diese Fragen verärgerten ihre Eltern, insbesondere ihre Mutter. Zur Strafe ließ diese sie stundenlang schweigend dasitzen, um über ihre Vermessenheit nachzudenken. Gute Mädchen, das verstand Hannah, fragten nicht nach dem Warum. Sie ließen derartige Fragen nicht einmal in ihren intimsten Gedanken zu.

Die Kleider hatten sie über all das hinweggerettet, zumindest zeitweise. Sie hatte schon immer das Talent für Näharbeiten, und die Wände im Payne-Haus waren bedeckt mit ihren Proben. Sie reichten von einfachen Kreuzstichen aus frühen Jahren – JESUS LIEBT MICH, EHRE VATER UND MUTTER, GIB SATAN NACH UND ER WIRD DER HERRSCHER SEIN – bis hin zu feinen gestickten Versen, die mit Lämmern, Tauben und Kreuzen versehen waren. Sie hatte für ihre und Beccas Puppen Kleider genäht, auf die Schürzen ihrer Mutter Blumen gestickt und die Buchstaben JWP auf die Taschentücher ihres Vaters. All das nutzte sie als Friedensangebot, wenn sie wieder einmal in Ungnade gefallen war. Aber nichts von alledem füllte sie wirklich aus oder vertrieb die Fragen, die in ihrem Kopf umherkreisten.

Und als sie achtzehn war, entdeckte sie zufällig einen Stoffballen mit violetter Seide, der in einer Kiste mit Angeboten eines Stoffgeschäftes vergraben lag. Von dem Moment an, als sie ihn erspähte, hatte sie gewusst, dass sie ihn besitzen musste. Der Stoff schimmerte in einer tiefen, geheimnisvollen Schönheit, die, so schien es, direkt nach ihr rief. Sie ließ die Finger liebevoll darübergleiten, und als ihre Mutter ihr den Rücken zukehrte, lehnte sie sich hinunter und rieb den weichen Stoff an ihrer Wange. Becca fauchte warnend, als die Mutter zurückkam. Hannah ließ den Stoff fallen, doch das sinnliche Gefühl der Seide blieb auf ihrer Haut zurück. In dieser Nacht begann sich in ihrem Geist ein violetter Schatten zu formen, zuerst verschwommen, dann immer schärfer, je länger sie darüber nachdachte: ein Abendkleid mit langen Ärmeln, einem hohen Ausschnitt und einem tief ausgeschnittenen Rücken – ein Kleid mit einer geheimnisvollen Seite. Von da an bedurfte es nicht mehr viel, um sich selbst in diesem Kleid zu sehen – nicht auf einem Pariser Laufsteg oder am Arm eines gut aussehenden Prinzen auf einem Ball, sondern ganz allein, in einem einfachen Raum mit glänzendem Holzboden und einem Standspiegel. Dort konnte sie, die nur sich selbst gefallen wollte, das Kleid bewundern, ohne sich schuldig zu fühlen.

Sie wartete eine volle Woche, bevor sie mit dem Rad zum Geschäft fuhr. Die ganze Zeit sagte sie sich, dass es Gottes Wille sei, wenn der Stoff nicht mehr da wäre. Dann würde sie gehorchen. Aber nicht nur die Kiste stand noch dort, der Stoff war auch um weitere dreißig Prozent reduziert worden. So soll es also sein, dachte sie ohne eine Spur von Ironie. Von Ironie war sie noch acht Jahre entfernt.

Sechs Jahre lang waren ihr die heimlichen Kleider genug. Sie nähte eines oder zwei im Jahr, verbrachte Monate damit, sich den Schnitt zu überlegen, bevor sie mit der Arbeit begann. Kleider zu designen machte sie irgendwie zufrieden, gab ihr etwas, ihr, die sonst nichts hatte, sie besänftigten ihre innere Unruhe und machten es leichter, den Erwartungen der anderen zu entsprechen und die ihr zugewiesene Rolle auszufüllen. Ihre Eltern lobten sie für ihren plötzlichen Gehorsam und priesen Gott, weil er Hannah den rechten Weg gezeigt hatte. Hannah wiederum war Ihm genauso dankbar. Er hatte ihr ihren Weg gezeigt. Mit diesem Ballen violetter Seide hatte Er ihr einen Kanal für ihre Leidenschaften gegeben, einen, der niemandem Schaden zufügte und mit dem sie es Jahre aushalten konnte.

Und so war es. Bis sie Aidan Dale traf.

Jetzt saß sie an die Wand ihrer Zelle gelehnt und wartete auf den Ton fürs Abendessen. Hannah dachte zurück an ihr erstes Treffen an jenem schrecklichen vierten Juli vor zwei Jahren. Ihr Vater führte einen Laden für Sportartikel, und er musste am Unabhängigkeitstag arbeiten. Er war gerade mit dem Zug auf dem Heimweg, als der Selbstmordattentäter ihn und siebzehn andere Menschen in die Luft sprengte. Ihr Vater hatte ganz am Ende des Waggons gesessen und war schwer verletzt worden. Sein Schädel war gebrochen und das Trommelfell geplatzt. Außerdem hatte er viele Wunden von den Nägeln, die der Terrorist mit in die Bombe gepackt hatte. Doch die wohl schlimmste Verletzung betraf seine Augen. Die Chance, wieder sehen zu können, betrage fünfzig Prozent, so die Ärzte.

Am Tag nach dem Unfall kehrte Hannah gerade mit einem Tablett voller Getränke und Brote aus der Cafeteria des Krankenhauses in das Krankenzimmer ihres Vaters zurück, als sie dort Aidan Dale mit ihrer Mutter und Becca Seite an Seite vor dem Bett ihres Vaters auf Knien sah. Sie flehten Gott an, die Wunden ihres Vaters zu heilen. Hannah hatte ihn unzählige Male zuvor gehört, doch es war etwas anderes, in der sechzigsten Reihe zu sitzen und seinen Worten über Lautsprecher zuzuhören, als ihn persönlich vor sich zu haben und beten zu hören. Seine Stimme war so klangvoll und fesselnd, getränkt von Glauben und Leidenschaft, als wäre sie einzig und allein dafür geschaffen worden, Ihn zu erreichen. Seine Stimme durchströmte heiß ihren Körper, erwärmte sie und nahm ihr die Angst. Sicher würde Gott, könnte Gott die Bitten dieser Stimme nicht ignorieren.

Sie stellte das Tablett ab und ging zum Bett. Nie zuvor war sie Pastor Dale so nah gewesen, und er sah jünger aus, als sie erwartet hatte. Eine kleine Locke seines hellbraunen Haares fiel über die Braue fast ins Auge, und es juckte sie in den Fingern, diese zurückzustreichen. Beunruhigt – woher kam eigentlich diese Unruhe? – kniete sie sich ihm gegenüber hin. Als er aufsah und sie entdeckte, stockte sein Gebet kurz, dann schloss er die Augen und fuhr fort. Hannah senkte den Kopf und ließ ihr Haar vornüberfallen, um ihre Verwirrung zu verbergen.

Als er das Gebet beendet hatte, stand er auf und ging zu ihr auf die andere Seite des Bettes. Für einen ängstlichen Moment war alles, was sie tun konnte, auf seine Knie zu starren.

»Sie müssen Hannah sein«, sagte er.

Sie stand auf und sah ihn an. Sie nickte. Das Mitgefühl in seinen Augen bewirkte, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten. Sie schaute auf den Körper ihres Vaters, der in Verbände gewickelt und mit Nadeln und Röhren gespickt war. Die Gestalt unter dem Betttuch schien zu klein, um seine zu sein. Alles, was von ihm zu sehen war, war der obere Teil des Kopfes und ein Unterarm, und als sie sich herunterbeugte, um darüberzustreicheln, hatte sie das Gefühl, einen Fremden zu berühren, dem sie noch nie zuvor begegnet war. Eine Träne kullerte über ihre Wange und tropfte auf ihren Arm, und dann spürte sie, wie die Hand von Pastor Dale ihre Schulter berührte, eine warme und beruhigende Hand. Sie kämpfte gegen das Verlangen an, sich an ihn zu lehnen.

»Ich weiß, dass Sie seinetwegen Angst haben, Hannah«, sagte er, und sie war verwundert darüber, wie schön ihr Name klang, wenn dieser Mund ihn aussprach: ein Gedicht aus zwei Silben. »Aber er ist nicht allein. Sein Vater ist bei ihm, und Jesus ist an seiner Seite.«

Und du an meiner. Sie war sich deutlich bewusst, dass nur wenige Zentimeter sie trennten. Sie konnte seinen Geruch wahrnehmen, Zeder und Apfel und eine schwache, spitze Note von roher Zwiebel, und sie spürte die Hitze, die sein Körper auf ihrem Rücken hinterließ. Sie schloss die Augen, ergriffen von einem unbekannten Gefühl, einer aufsteigenden Welle aus Lust und Bedürfnis und Zugehörigkeitsgefühl. Meinten die Menschen das, wenn sie von Verlangen sprachen?

Ihr Vater stöhnte im Schlaf, und das brachte sie wieder in die Wirklichkeit zurück. Wie konnte sie solche Gedanken haben, während er verwundet und leidend vor ihr lag? Wie konnte sie an so etwas nur denken?

Zudem war Aidan Dale ein verheirateter Mann. Er und seine Frau Alyssa hatten bereits in den frühen Zwanzigern geheiratet, und nach dem, was man so hörte, war ihre Ehe glücklich. Seine unfehlbare Güte ihr gegenüber und der selbstvergessene, bewundernde Ausdruck ihres Gesichtes, wenn er predigte, waren der Grund dafür, dass viele weibliche Mitglieder der Gemeinde so oft seufzten. Auch Becca, die mit achtzehn geschworen hatte, niemals zu heiraten, wenn sie nicht so sehr verliebt sei wie die Dales. Allerdings waren sie kinderlos. Niemand wusste, warum, aber in der Kirche war dies ständig ein Thema von Spekulationen und Gebeten. Alle waren sich darüber einig, dass es keine zwei Menschen geben könnte, die besser als Eltern geeignet wären als Aidan und Alyssa Dale. Dass Gott ausgerechnet ihnen das größte aller Geschenke verweigern sollte, blieb ein Rätsel und ein lebhafter Ausdruck Seines unergründlichen Willens. Wenn die Dales darüber traurig waren – und wie sollten sie es nicht sein? –, warum hatten sie dann kein Kind adoptiert? Sie ertrugen ihr Leid und steckten all ihre Energie in die Kirche. Es blieb nicht unbeobachtet, dass sich Dales Missionsgesellschaft auf Kinder, insbesondere die notleidenden, konzentrierte. Er hatte Heime und Schulen in jeder größeren Stadt von Texas gegründet und eine Vielzahl weiterer im ganzen Land. Er besuchte regelmäßig die Flüchtlings-Camps in Afrika, Indonesien und Südamerika und hatte mit den Regierungen vieler vom Krieg verwüsteten Staaten zusammengearbeitet, damit amerikanische Familien Waisenkinder adoptieren konnten. Die Missionsgesellschaft für den Weg, die Wahrheit und Weltweites Leben hatte Millionen zur Verfügung, doch die Dales lebten nicht in einer bewachten Villa oder umgeben von einer ganzen Armee von Dienern und Bodyguards. Das meiste Geld ging an die Menschen in Not. Aidan Dale war weltweit bekannt und wurde für sein Engagement bewundert. Man betrachtete ihn als guten Gottesmenschen, und Hannah war stets stolz gewesen, zu seiner Gemeinde zu gehören. Doch was sie jetzt im Augenblick fühlte – was seine Nähe und die einfache Berührung seiner Hand in ihr entfacht hatten –, war weit entfernt von Stolz und Bewunderung. Sündhaft weit entfernt. Vergib mir, Herr, betete sie.

Pastor Dales Hand gab ihre Schüler frei und hinterließ einen kalten, leeren Platz. Er ging zurück zu ihrer Mutter. »Brauchen Sie irgendetwas, Samantha? Irgendwelche Hilfe zu Hause?«

»Nein, aber ich danke Ihnen. In der Familie und unter den Kirchenfreunden haben wir mehr helfende Hände und Eintöpfe, als wir brauchen.«

Sanft fragte er: »Und Sie haben genug Geld?«

Hannah sah, dass ihre Mutter leicht errötete. »Ja, Herr Pastor. Wir haben keine Probleme.«

»Bitte nennen Sie mich Aidan.« Als sie zögerte, fügte er hinzu: »Ich bestehe darauf.« Schließlich nickte sie zustimmend. Pastor Dale lächelte zufrieden, weil er sich durchgesetzt hatte, und Hannah lächelte ebenfalls, wusste sie doch, dass ihre Mutter eher mit dem Kiffen anfangen oder Dessous-Model werden würde, als einen Geistlichen mit seinem Vornamen anzusprechen.

Aidan. Hannah stellte sich vor, seinen Namen auszusprechen. Doch, ich könnte es.

Er gab ihnen seine private Rufnummer und ließ sich versprechen, dass sie ihn jederzeit anrufen würden, wenn sie etwas bräuchten. Als er Hannahs Mutter die Hand reichte, nahm sie diese in beide Hände, dann beugte sie sich nach vorn und legte ihre Stirn einige Sekunden darauf. »Gott segne Sie für Ihr Kommen, Herr Pastor. Für John wird es die Welt bedeuten, dass Sie hier gewesen sind.«

»Ich … ich bin froh, gerade in der Stadt gewesen zu sein«, entgegnete er und zog unbeholfen seine Hand zurück. »Eigentlich sollte ich diese Woche in Mexiko sein, doch meine Reise wurde im letzten Moment verschoben.«

»Der Herr muss unseren Vater schon sehr lieben, dass er Sie hiergelassen hat«, sagte Becca. Wie das Gesicht ihrer Mutter und, so nahm Hannah an, wie ihr eigenes zeigte Beccas eine tiefe Verehrung.

Aidan zog bei so viel Lobpreisung wie ein Teenager den Kopf ein, und Hannah stellte mit einigem Erstaunen fest, dass er nicht nur aufrichtig von ihrer Bewunderung berührt war, sondern sich ihrer auch unwürdig fühlte. Das Schmetterlingsgefühl kam wieder, stärker als zuvor. Wie viele Männer in einer derartigen Position waren so bescheiden?

»Ja«, stimmte Hannah zu. »Das muss er.«

Aidans Port läutete, und er blickte sichtlich erleichtert darauf. »Ich gehe jetzt besser«, sagte er. »Alyssa und ich werden für John und für alle von euch beten.«

Alyssa und ich. Die Worte klangen durch Hannahs Kopf, sie erinnerten sie wieder daran, dass Aidan Dale der Mann einer anderen Frau war, einer Frau, die einen Namen hatte, Alyssa, einer Frau, die sich um ihn sorgte wie Hannahs Mutter sich um ihren Vater sorgte. Indem sie ihn begehrte, schadete Hannah Aidans Frau, als würde sie mit ihm schlafen. Aufgewühlt und voller Scham schüttelte sie seine Hand, dankte ihm und verabschiedete sich. Als sie an diesem Abend nach Hause kam, betete sie sehr lange, bat Gott um Vergebung, weil sie Seine Gebote gebrochen hatte, und flehte Ihn an, sie von der Versuchung fernzuhalten.

Stattdessen schickte er Aidan Dale am nächsten Tag wieder ins Krankenhaus, und auch den Tag darauf, und fast jeden Tag in der Woche. Hannahs Mutter und Schwester waren angesichts dieser ständigen Zuwendung entzückt. So ein bedeutender Mann, mit einer so großen Herde, und nun war er da und betete täglich mit ihnen! Hannahs eigene Gefühle waren ein Gewirr aus Begeisterung und Verzweiflung. Sie wusste, Gott stellte sie auf die Probe und sie würde den Test nicht bestehen, doch wie sollte es anders sein bei dieser grausamen Manipulation? Aidan (den sie trotz seiner Proteste gewissenhaft Pastor Dale nannte) brachte ihnen Licht und Hoffnung. Er schaffte es, Becca zum Lächeln zu bewegen, und nahm aus den Augen ihrer Mutter ein wenig Angst. Und als ihr Vater keine Schmerzmittel mehr nehmen musste und so klar im Kopf war, dass er sich daran erinnern konnte, was mit ihm passiert war, sprach Aidan ruhig auf ihn ein – einmal fast zwei Stunden. Aidan gab ihm die Kraft, Schrecken, Wut und Hilflosigkeit, die sie in seinem Gesicht sah, wenn er sich unbeobachtet fühlte, abzuwehren.

An dem Morgen, als der Verband abgenommen wurde, kam Aidan früher und wartete mit ihnen auf die Ankunft des Chirurgen. Er sprach ein Gebet, doch Hannah war zu ängstlich, um dasselbe zu tun. Sie stand am Bett und streichelte die Hand ihres Vaters, sie ahnte, wie groß seine Verzweiflung in diesem Augenblick sein musste. Er war immer stolz darauf gewesen, die Art von Mann zu sein, auf die man sich verlassen konnte, ein Mann, den andere um Rat und Unterstützung baten. Abhängigkeit von anderen würde seinen Geist vertrocknen lassen, und der Gedanke daran, dass ihr Vater versehrt oder gebrochen sei, war fast genauso unerträglich wie der Gedanke, ihn zu verlieren.

Endlich kam der Chirurg, und sie alle versammelten sich am Bett, während er den Verband aufschnitt. Die drei Frauen standen auf der einen, der Arzt auf der anderen Seite, Aidan stand am Fußende. Hannahs Vater öffnete die Augen. Zuerst schienen sie unkoordiniert, doch dann ließen sie sich auf ihrer Mutter nieder.

»Du siehst wunderschön aus«, sagte er schließlich, »aber du bist furchtbar dürr geworden.« Alle ließen ihren Gefühlen freien Lauf, lachten unter Tränen, küssten und umarmten ihn.

»Dem Herrn sei Dank«, sagte Aidan. Die Heiserkeit in seiner Stimme bewegte Hannah dazu, einen Blick auf ihn zu werfen. Sein Ausdruck war ernst, und er schaute nicht ihren Vater an, sondern sie.

Dann senkte er den Blick, lächelte und sagte: »Meine Glückwünsche, John.« Zurück blieb eine Hannah, die sich fragte, ob sie sich das nur eingebildet hatte, was sie in seinen Augen gesehen hatte; eine aufsteigende Welle aus Lust und Bedürfnis und Zugehörigkeitsgefühl.

 

SIE HIELT ES NEUN TAGE AUS, bevor sie fragte. Sie hasste sich dafür, es tun zu müssen, aber sie würde entweder fragen oder eine dieser Frauen werden, die nur noch schrien.

»Ich hätte gern eine Bibel«, sagte sie in Richtung Wand mit der Essensausgabe. Dann wartete sie. Das Mittagessen kam: zwei Riegel, eine Pille. Keine Bibel. »Hey«, sagte sie zur Wand, noch nicht schreiend. »Hört mir jemand zu? Ich möchte eine Bibel. Der Aufseher sagte mir, ich könnte eine bekommen, wenn ich wollte.« Widerwillig fügte sie hinzu: »Bitte.«

Die Bibel kam mit dem Abendbrot. Es handelte sich um eine King-James-Bibel und nicht um die New International Version, mit der Hannah aufgewachsen war. Der Ledereinband war rissig, die Seiten hatten Eselsohren. Das Neue Testament war abgenutzter als das Alte, abgesehen von den Psalmen, deren Seiten so beschmutzt und zerfleddert waren, dass sie die einzelnen Texte kaum noch ausmachen konnte. Doch der Vers, den sie suchte, war noch leserlich. »Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch«, flüsterte sie. »Ein Spott der Leute und verachtet vom Volke. Alle, die mich sehen, verspotten mich …«

Ihre Mutter verachtete sie jetzt; das hatte sie ihr klar zu verstehen gegeben, als sie Hannah ein einziges Mal im Gefängnis besucht hatte, kurz bevor die Verhandlung begann. Bis dahin hatte Hannah schon drei Monate hinter Gittern verbracht. Ihr Vater war jeden Samstag gekommen, und Becca so oft sie konnte. Doch ihre Mutter hatte Hannah seit dem Tag ihrer Verhaftung nicht mehr gesehen. Als sie in den Besucherraum kam und das vertraute Gesicht sah, musste sie weinen, herzzerreißend schluchzen und seufzen.

»Hör mit dem Geplärr auf«, sagte ihre Mutter. »Hör damit auf, oder ich gehe sofort wieder durch die Tür. Hast du mich verstanden?«

Die Worte fielen wie Steine auf Hannahs verwundete Seele. Sie wischte ihre Tränen fort, setzte sich hin und erwiderte den frostigen Blick ihrer Mutter, ohne zurückzuschrecken. Die Augen, ja das ganze Gesicht ähnelten ihr so sehr. Es kam ihr in den Sinn, dass ein Künstler, würde er jetzt ihre beiden Silhouetten skizzieren, absolute Ebenbilder erschaffen würde.

Selbst mit fünfzig und selbst in einem einfachen beigefarbenen Kleid war Samantha Payne eine auffallende Frau. Sie war groß und vollschlank und besaß eine würdige Ausstrahlung, weshalb einige sie für stolz hielten. Ihre großen Augen waren schwarz und wurden durch ausgeprägte Augenbrauenstriche betont, und ihr dunkles, von weißen Strähnen durchzogenes Haar war immer noch üppig. Hannah hatte diese Fülle von ihrer Mutter geerbt. Im Verlauf der Jahre hatte sie viele Standpauken ihrer Mutter über die Torheit irdischer Eitelkeit erdulden müssen. Sie und Becca waren diesen gleichermaßen ausgesetzt, doch es war ihnen beiden klar, dass diese Ermahnungen in erster Linie Hannah galten.

»Ich bin nicht hier, um dich zu trösten«, sagte Hannahs Mutter. »Ich bringe dir nicht mehr Zuneigung entgegen, als du für dieses unschuldige Baby empfunden hast.«

Bei den harten Worten ihrer Mutter stockte Hannah der Atem. »Und weshalb bist du dann gekommen?«

»Ich möchte seinen Namen wissen. Den Namen des Mannes, der dich entehrt hat und dich dann gezwungen hat, das Kind abzutreiben.«

Hannah schüttelte unwillkürlich den Kopf, während sie sich daran erinnerte, wie sich Aidans Lippen auf ihrer Haut angefühlt hatten, als er die Innenseite ihres Ellenbogens küsste, den zarten Spann ihres Fußes. Aidan, wie er mit seinen Händen ihr Haar vom Hals hob, ihre Arme auseinanderriss, ihre Beine auseinanderdrückte, damit sein Mund selbst ihren verborgenen Teil erobern konnte. Es hatte sich nicht wie eine Entehrung angefühlt. Es hatte sich wie Anbetung angefühlt.

»Er hat mich nicht gezwungen«, antwortete sie. »Es war meine Entscheidung.«

»Aber er hat dir das Geld gegeben.«

»Nein, das habe ich selbst bezahlt.«

Ihre Mutter runzelte missbilligend die Stirn. »Woher hast du so viel Geld gehabt?«

»Ich habe schon eine ganze Weile gespart … Ich habe gehofft, irgendwann einen eigenen Kleiderladen eröffnen zu können.«

»Kleiderladen! Ein Geschäft für Schlangen und Huren meinst du wohl! Oh ja, ich habe all die sündigen Dinge gefunden, die du gemacht hast. Ich habe sie in Stücke geschnitten, jedes einzelne Teil.«

Noch mehr brutale, unvermutete Steinschläge. Sie trafen Hannah schwer, und sie ließ sich auf ihrem Stuhl zurückfallen. All ihre Schöpfungen waren zerstört. Auch wenn sie gewusst hatte, dass sie diese nie in der Öffentlichkeit würde tragen können, so hatte allein die Tatsache, dass sie existierten, ihre verschwenderische Schönheit, sie in den langen eintönigen Tagen im Gefängnis aufrechterhalten. Nun würde sie nichts hinterlassen, das ihr noch etwas bedeutete.

»Hast du sie für ihn genäht?«, fragte ihre Mutter fordernd.

»Nein, nur für mich.«

»Weshalb schützt du ihn? Er liebt dich nicht, das ist doch klar. Wenn er es täte, hätte er dich geheiratet.«

Ihre Mutter musste etwas in ihrem Gesicht gesehen haben, ein unwillkürliches Aufflackern eines Schmerzes.

»Er ist bereits verheiratet, habe ich recht?«

Das war keine Frage, und Hannah antwortete nicht.

Ihre Mutter hielt einen Zeigefinger hoch. »Du sollst keinen Ehebruch begehen.« Einen zweiten Finger. »Du sollst nicht begehren deines Nachbarn Ehemann.« Einen dritten. »Du sollst nicht töten.« Der kleine Finger. »Ehre Vater und Mutter, damit du …«

Die Wut ihrer Mutter ließ Hannahs eigene entflammen. »Langsam, Mama«, sagte sie, »dir werden die Finger ausgehen.« Die Bemerkung schockierte beide. Hannah hatte nie zuvor ihren Eltern oder anderen gegenüber so verächtlich gesprochen, und einen Moment lang fühlte sie sich besser, weil sie es getan hatte, sie fühlte sich stärker und nicht mehr so ängstlich. Doch dann krümmten sich die Schultern ihrer Mutter, und das Fleisch ihres Gesichtes schien zu verwelken, nach innen an die Knochen zu weichen. Hannah sah, dass ihr Sarkasmus in ihrer Mutter irgendetwas zerstört hatte, eine zarte Hoffnung, an die sie sich geklammert hatte, dass die Tochter, die sie gekannt und geliebt hatte, nicht für immer verloren wäre.

»Jesus Christus«, sagte ihre Mutter, schlug die Arme um sich selbst und wippte mit geschlossenen Augen auf ihrem Stuhl hin und her. »Lieber Gott, hilf mir jetzt.«

»Es tut mir leid, Mama«, schrie Hannah. Sie fühlte sich, als würde sie selbst zerbrechen, in Fragmente, die so klein waren, dass man sie nie wieder finden würde, geschweige denn zusammensetzen könnte. »Es tut mir so leid.«

Ihre Mutter blickte auf, die Augen völlig verwirrt. »Warum hast du das getan, Hannah? Dein Vater und ich hätten dir und dem Baby beigestanden. Hast du das nicht gewusst?«

»Ich habe es gewusst«, antwortete Hannah. Ihre Mutter hätte dem Sturm getrotzt und ihr Vater vor sich hin gegrübelt. Sie hätten getadelt und gepredigt und gefragt und geweint und gebetet, doch am Ende hätten sie das Kind akzeptiert. Hätten es geliebt.

»Dann verstehe ich dich nicht. Bitte hilf mir, Hannah, damit ich dich verstehen kann.«

»Weil …« Weil ich gezwungen gewesen wäre, Aidan als Vater zu benennen, oder wegen Missachtung ins Gefängnis zu gehen. Weil das Vaterschaftsamt unterrichtet worden wäre, ihn vorgeladen hätte, ihn getestet hätte, die Gemeinde aufgefordert worden wäre, sein Gehalt um den Kindesanteil zu kürzen. Weil es sein Leben und seine Missionsgesellschaft zerstört hätte. Weil ich ihn liebte, mehr als unser Kind. Und weil ich ihn immer noch liebe.

Hannah hätte in diesem Augenblick alles getan, um den Kummer vom Gesicht ihrer Mutter zu nehmen, doch sie wusste, würde sie die Wahrheit sagen, die Silben seines Namens aussprechen, würde sie das noch viel mehr verletzen. Das würde ihr den Glauben an den Mann nehmen, den sie so verehrte. Und wenn sie ihn beschuldigen und sich entschließen würde, ihr Geheimnis zu lüften … Nein. Hannah hatte ihr Kind abgetrieben, um ihn zu schützen. Sie würde ihn jetzt nicht verraten.

Sie schüttelte wieder den Kopf. »Ich kann es dir nicht sagen. Es tut mir leid.« Steine fielen hart und schwer zwischen sie. Die Wand wuchs innerhalb von Sekunden an. Sie sah, wie es geschah, sie sah das Gesicht ihrer Mutter nah an ihrem. »Bitte, Mama …«

Samantha Payne stand auf. »Ich kenne dich nicht.« Sie drehte sich um und ging zur Tür. Dann hielt sie inne. Schaute zurück auf Hannah. »Ich habe eine Tochter, und die heißt Rebecca.«

 

AM VIERZEHNTEN TAG SASS HANNAH an die Wand gelehnt und blätterte teilnahmslos in den Seiten des Neuen Testaments, als sie etwas Nasses zwischen ihren Beinen spürte. Sie sah herab und entdeckte auf dem weißen Boden einen hellen Streifen Blut. Die Blutung entfesselte eine Flut von Emotionen: Erleichterung, denn obwohl der abtreibende Arzt ihr versichert hatte, dass ihr Menstruationszyklus wieder einsetzen würde, konnte sie sich nicht von der Vorstellung lösen, Gott würde ihr zur Bestrafung die Fruchtbarkeit nehmen. Dann folgte sofort auf dem Fuße Bitterkeit. Was machte es schon für einen Unterschied, ob sie fruchtbar war oder nicht? Kein anständiger Mann würde sie jetzt heiraten wollen, und selbst wenn sie einen fand, der bereit wäre, sie zur Ehefrau zu nehmen, könnte sie niemals ein Kind mit ihm haben. Das Implantat, das sie allen Verchromten einsetzten, würde dies verhindern. Und dann Verzweiflung. Wenn sie ihre Strafe verbüßt hätte und das Implantat entfernt werden würde, wäre sie zweiundvierzig, vorausgesetzt, sie würde bis dahin am Leben bleiben. Ihre Jugend wäre dahin, ihre Eier alt, ihre Chancen, einen Mann zu finden, mit dem sie Kinder bekommen könnte, verschwindend gering. Und schließlich Peinlichkeit, als sie sich an die Anwesenheit der Kameras erinnerte. Sie spürte, wie sie errötete, und realisierte ebenso schnell, dass niemand darüber würde sprechen dürfen – ein kleiner Segen.

Sie erhob sich, während sie nicht auf das Blut am Boden achtete, um sich zu waschen. Als sie aus der Dusche kam, war die Vorrichtung in der Wand offen. Im Innern lagen eine Schachtel Tampons, ein Päckchen sterile Reinigungstücher und ein sauberer Kittel. Als sie das sah, empfand sie eine so tiefe Scham, dass sie lieber sterben wollte, als das noch einen Augenblick länger erdulden zu müssen. Als sie mit gespreizten Beinen auf dem Tisch gelegen und die Hand eines fremden Mannes sich in ihrem Schoß zu schaffen gemacht hatte, hatte sie geglaubt, dass es nichts Schlimmeres geben könnte. Jetzt, wo sie mit diesen ganz gewöhnlichen Dingen konfrontiert wurde, die für den absoluten und unwiederbringlichen Verlust ihrer Würde standen, wusste sie, dass sie sich geirrt hatte.

Sie hatte einfach mit der ganzen Sache noch nicht abgeschlossen. Sie hatte den Schwangerschaftstest vor gerade einmal sechs Wochen gemacht, weil ihre zweite Periode ausgeblieben war, und sich dann einen weiteren Monat gequält, bevor sie den Mut zum Handeln aufgebracht hatte. Sie hatte ein Mädchen gefragt, mit dem sie zusammenarbeitete, eine Verkäuferin im Brautsalon, mit der sie sich gut verstand, auch wenn sie keine Freunde waren. Gabrielle war nach eigenen Aussagen ein Wildfang, mit einem boshaften Sinn für Humor und einem Seemannsvokabular, das zum Vorschein kam, sobald ihr Boss und die Kunden außer Hörweite waren. Sie hatte endlos viele Männerbekanntschaften, manchmal mehrere zugleich, und sie war sich ihrer Promiskuität freudig bewusst. Ihre Art hatte Hannah anfangs schockiert und peinlich berührt, doch mit der Zeit lernte sie Gabrielles Selbstvertrauen und unerschütterliche Ruhe zu schätzen, sie, die sich so gänzlich unwohl in ihrer eigenen Haut fühlte. Von allen Menschen, die Hannah kannte, war Gabrielle die Einzige, der sie sich in dieser Sache anvertrauen mochte.

Als sie das nächste Mal zu einer Anprobe ins Geschäft ging, fragte Hannah Gabrielle, ob sie die Zeit hätte, sich mit ihr nach der Arbeit auf einen Kaffee zu treffen. Derartige soziale Kontakte hatten zuvor nicht stattgefunden, und das andere Mädchen taxierte sie mit unverhohlener Überraschung und Neugierde.

»Sicher«, sagte Gabrielle schließlich, »aber lass uns einen Drink nehmen.«

Sie trafen sich in einer Bar einige Blocks weiter. Gabrielle bestellte ein Bier, Hannah ein Ginger Ale. Ihre Hand zitterte, als sie das Glas in die Hand nahm, und sie stellte es sofort wieder ab. Was wäre, wenn sich Gabrielle entschied, sie anzuzeigen? Was, wenn sie es ihrem Arbeitgeber erzählte? Hannah konnte das nicht riskieren. Sie war gerade dabei, sich eine entsprechende Erklärung für die Einladung auszudenken, als Gabrielle sagte: »Du hast Schwierigkeiten?«

»Nicht ich«, sagte Hannah. »Eine Freundin von mir.«

»Was für Probleme hat sie?«

Hannah gab keine Antwort. Sie konnte die Worte nicht aussprechen.

Gabrielle sah auf das Ginger Ale, dann wieder auf Hannah. »Die Freundin von dir – wurde sie geschwängert?«

Hannah nickte, und ihr rutschte das Herz in die Hose.

»Und?«, fragte Gabrielle. Wachsam, abwartend.

»Sie möchte es nicht haben.«

»Warum erzählst du das mir?«

»Ich dachte, du wüsstest … du kennst jemanden, der ihr helfen könnte.«

»Und ich dachte, so etwas wäre gegen deine Religion.«

»Meine Freundin kann das Baby nicht bekommen, Gabrielle. Sie kann nicht.« Hannah versagte die Stimme.

Gabrielle schaute sie einen Moment an. »Ich wüsste vielleicht jemanden«, sagte sie. »Wenn sie sich sicher ist. Sie muss sich wirklich sicher sein.«

»Das ist sie.« Und Hannah war in diesem Moment völlig sicher, qualvoll sicher. Sie konnte dieses Baby nicht in diese Situation bringen, in diese Welt, in der sie und Aidan lebten. Sie begann zu weinen.

Gabrielle ergriff über den Tisch hinweg Hannahs Hand und drückte sie. »Es wird alles gut werden.«

Sie musste mehrere Telefonate führen, und jedes für sich war für Hannah eine kleine Schreckensübung. Doch schließlich sprach sie mit einer Frau, die ihr eine Adresse gab und genaue Instruktionen, wie sie sich zu verhalten habe, wenn sie dort sei. Sie nannte ihr den Namen des Mannes, der den Abbruch vornehmen würde: Raphael. Es handelte sich offensichtlich um ein Pseudonym, und Hannah musste sich angesichts dieser Dissonanz schütteln. Warum nannte sich ein Abtreiber nach dem Erzengel, der doch heilte? Als sie sich danach erkundigte, ob Raphael ein richtiger Arzt sei, hängte die Frau auf.

Der Termin war um sieben Uhr abends im Norden von Dallas. Hannah nahm den Zug nach Royal Lane, dann den Bus zu der Apartmentanlage und kam rechtzeitig an. Verfroren stand sie auf dem Parkplatz und starrte ängstlich auf das Apartment mit der Nummer 122. Die Nachrichten im Video waren voller Schreckensgeschichten über Frauen, die vergewaltigt und von Kurpfuschern, die sich als Ärzte ausgaben, beraubt wurden. Von Frauen, die verblutet oder an einer Infektion gestorben waren, von Frauen, die man narkotisiert hatte, um ihnen Organe zu entnehmen. Zum ersten Mal fragte sich Hannah, was an diesen Geschichten wirklich stimmte und was reine Erfindung war und vom Staat als Abschreckung in Umlauf gebracht wurde.

Die Fenster von Nummer 122 waren dunkel, doch in der Wohnung daneben brannte Licht. Hannah konnte die Bewohner nicht sehen, doch sie konnte sie durch das offene Fenster hören, ein Mann, eine Frau und mehrere Kinder. Sie aßen gerade zu Abend. Sie hörte das Klirren ihrer Gläser, das Kratzen des Bestecks auf den Tellern. Die Kinder fingen an zu quengeln, und die Mutter schalt sie mit müder Stimme. Das Gezänk ging unvermindert weiter, bis der Mann dröhnte: »Jetzt reicht es!« Hannah hörte einen kurzen Seufzer, und dann war das Gespräch zu Ende. Es war das Gewöhnliche dieser häuslichen Szene, das Hannah am Ende bewegte, über den Parkplatz zu gehen.

Sie ging in die Wohnung, ohne zuvor anzuklopfen, und schloss die Tür hinter sich. Sie ließ sie unverschlossen, wie die Frau ihr gesagt hatte. »Hallo?«, flüsterte sie. Sie bekam keine Antwort. Im Innern war es stockdunkel und stickig heiß, doch man hatte sie davor gewarnt, ein Fenster zu öffnen oder das Licht anzustellen.

»Ist jemand da?« Keine Antwort. Vielleicht ist er nicht gekommen, dachte sie halb hoffnungsvoll, halb verzweifelt. Sie wartete im stickigen Dunkel einige lange, ängstliche Minuten und fühlte, wie der Schweiß nach und nach ihre Bluse durchtränkte. Sie wollte gerade wieder gehen, als die Tür aufging und ein großer Mann hineinschlüpfte und die Tür viel zu schnell wieder schloss, als dass Hannah einen Blick auf sein Gesicht hätte werfen können. Das geräuschvolle Klicken des Schließriegels ließ ihre inneren Alarmglocken läuten. Sie machte eine wilde Bewegung in Richtung Tür, als plötzlich eine Hand ihren Arm ergriff.

»Sie müssen keine Angst haben«, sagte er sanft. »Ich bin Raphael. Ich will Ihnen nichts tun.«

Es war die Stimme eines alten Mannes, eine erschöpfte und freundliche Stimme, und ihr Klang beruhigte sie wieder. Er ließ ihren Arm los, und sie hörte, wie er durch den Raum zum Fenster ging. Ein Lichtschein fiel von draußen herein, als er den Vorhang öffnete und zum Parkplatz spähte. Er blieb einige Zeit am Fenster stehen, um zu beobachten, was dort vor sich ging. Schließlich zog er den Vorhang wieder zu und sagte: »Kommen Sie hier entlang.«

Ein Lichtstrahl war zu sehen, und sie folgte ihm durch das Wohnzimmer einen kurzen Flur entlang in ein Schlafzimmer. Auf der Türschwelle zögerte sie.

»Kommen Sie rein«, sagte Raphael. »Es ist alles in Ordnung.« Hannah betrat den Raum und hörte, wie er die Tür hinter sich schloss. »Licht an«, sagte er.

Raphael, so konnte sie jetzt sehen, sah gar nicht wie Raphael aus. Er war übergewichtig und nicht besonders stattlich, er hatte krumme Schultern und sah geistesabwesend und zerzaust aus. Sie schätzte ihn auf Mitte sechzig. Sein breites fleischiges Gesicht besaß rote Wangen und war merkwürdig flach, und seine Augen waren rund und verschleiert. Krause, graue Haarbüschel ragten an jeder Seite eines ansonsten kahlen Kopfes hervor. Irgendwie erinnerte er Hannah an Bilder von Eulen, die sie gesehen hatte.

Er streckte die Hand aus, und sie schüttelte sie ganz automatisch. Genauso, als würden wir uns in unserer Kirche treffen, dachte sie. War das nicht eine wunderbare Predigt, Hannah? Oh ja, Raphael, sie war sehr inspirierend.

Bis auf zwei Klappstühle, einen großen Tisch und einen recht alt aussehenden Ventilator, der zum Leben erwachte, als Raphael ihn anstellte, war der Raum leer. Ein schwerer schwarzer Stoff bedeckte das eine Fenster. Hannah stand unsicher da, als er einen Seesack öffnete, zwei Bettlaken daraus hervorzog und eines davon auf dem Tisch ausbreitete. Es war völlig unpassend mit bunten Dinosauriern bedruckt. Bei ihrem Anblick dachte sie an ihren neunten Geburtstag zurück. Damals waren ihre Eltern mit ihr ins Creation Museum in Waco gegangen. Dort gab es eine Ausstellung über Dinosaurier im Paradies, und eine andere zeigte Noah, wie er die Saurier zusammen mit Giraffen, Pinguinen, Kühen und anderen Tieren auf seine Arche brachte. Hannah hatte gefragt, warum der Tyrannosaurus Rex die anderen Tiere nicht aufgefressen habe oder Adam und Eva oder Noah und seine Familie.

»Nun«, sagte ihre Mutter, »bevor Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben wurden, gab es den Tod nicht, denn Menschen und Tiere waren Vegetarier.«

»Aber Noah lebte nach dem Sündenfall«, führte Hannah an.

Ihre Mutter schaute ihren Vater an. »Er war ein schlauer Kopf«, antwortete ihr Vater. »Er nahm nur Baby-Dinosaurier mit auf die Arche.«

»Du Dummkopf«, sagte Becca und stieß hart Hannahs Arm an. »Das weiß doch jeder.«

Becca war Hannahs Barometer, wenn es um das Missfallen ihrer Eltern ging. Der Stoß sollte Hannah klarmachen, dass sie sich auf gefährlichem Terrain bewegte. Trotzdem ging das Ganze nicht auf, und Hannah hasste es, wenn Dinge nicht aufgingen. »Aber wie kommt …«

»Stell nicht so viele Fragen«, unterbrach sie ihre Mutter.

»Das mit den Laken tut mir leid«, sagte Raphael und unterbrach Hannahs Gedanken. »Ich habe sie im Ausverkauf erstanden, und es war alles, was sie hatten. Sie sind sauber, ich habe sie selbst gewaschen.«

Er öffnete einen Medizinbeutel, fischte ein Paar Gummihandschuhe heraus und zog sie an, dann begann er medizinische Instrumente aus dem Beutel zu holen und sie auf den Tisch zu legen. Hannah fühlte sich plötzlich benommen und wandte den Blick ab von deren ominösen silbernen Funkeln.

Er zeigte auf einen der Stühle. »Warum setzen Sie sich nicht?«

Sie hatte erwartet, sich sofort ausziehen zu müssen, doch als er mit seinen Vorbereitungen fertig war, stellte er den anderen Stuhl auf und begann ihr Fragen zu stellen. Wie alt sie sei? Ob sie bereits Kinder habe? Andere Abtreibungen? Wann ihre letzte Periode gewesen sei? Wann ihre Morgenübelkeit angefangen habe? Ob sie jemals schwerwiegende gesundheitliche Probleme gehabt habe? Irgendwelche sexuell bedingten Infektionen? Beschämt sah Hannah auf ihre Hände und murmelte die Antworten.

»Haben Sie irgendetwas anderes getan, um diese Schwangerschaft zu beenden?«, fragte Raphael.

Sie nickte. »Ich habe vor zwei Wochen einige Pillen bekommen und sie geschluckt, aber sie haben nichts bewirkt.« Sie hatte fünfhundert Dollar dafür bezahlt und war den Anweisungen, die man ihr mit auf den Weg gegeben hatte, genau gefolgt, aber nichts war passiert.

»Das müssen Fälschungen gewesen sein. Über die Hälfte dieses Zeugs ist falsch. Was auch immer Sie bekommen haben.« Raphael machte eine Pause. »Sehen Sie mich an, Kind.«

Hannah erwiderte seinen Blick und erwartete einen richterlichen Spruch. Stattdessen sah sie zu ihrer Überraschung Mitgefühl. »Sind Sie ganz sicher, dass Sie diese Schwangerschaft beenden möchten?«

Da schwang wieder dieser Satz mit: »Bring dein ungeborenes Baby nicht um« oder »Du zerstörst ein unschuldiges Leben«, aber auch »Beende diese Schwangerschaft«. Wie einfach das schien, wie unbedeutend. Raphael beobachtete aufmerksam ihr Gesicht. So dicht vor ihm konnte sie das feine Netzwerk dünner verletzter Blutgefäße sehen, das sich auf seinen Wangen befand.

»Ja«, sagte sie. »Ich bin mir sicher.«

»Möchten Sie, dass ich Ihnen den Eingriff erkläre?«

Ein Teil von ihr wollte Nein sagen, doch bevor sie sich entschlossen hatte, hierher zu gehen, hatte sie sich geschworen, dass sie nicht vor der Wahrheit dessen, was hier passieren würde, weglaufen wollte. Sie schuldete es diesem kleinen Fetzen Leben, das niemals ihr Kind sein würde. Sie hatte es nicht gewagt, im Internet Recherchen anzustellen, denn die Internetbehörde von Texas überwachte die Eingabe bestimmter Wörter und Inhalte, und Abtreibung stand ganz oben auf der Liste. »Ja, bitte.«

Raphael zog eine kleine Flasche aus seiner Tasche, schraubte den Deckel ab und nahm einen Schluck – um seine Hände zu beruhigen, wie er sagte –, und dann beschrieb er, was er tun würde. Sein sachlicher Ton und die klinischen Begriffe, die er benutzte – »Spekulum« und »Dilatator« und »Schwangerschaftsgewebe« –, ließen das Ganze sauber und unpersönlich klingen. Schließlich fragte er Hannah, ob sie noch etwas wissen wolle. Sie hatte im Geiste bereits alle Fragen gestellt und beantwortet: Ob es sich um Mord handeln würde (ja), ob sie dafür in die Hölle komme (ja), ob sie irgendeine andere Wahl habe (nein). Bis auf eine, und das hatte sie innerlich aufgewühlt, seitdem sie den Entschluss zur Abtreibung gefasst hatte. Sie stellte sie nun, während sich ihre Nägel in die Unterseite des Stuhles gruben.

»Wird es einen Schmerz empfinden?«

Raphael schüttelte den Kopf. »So wie Sie es mir erzählt haben, sind Sie erst in der zwölften Schwangerschaftswoche. Es ist wissenschaftlich nicht erwiesen, wann die fetalen Schmerzrezeptoren zum Leben erwachen, aber ich kann Ihnen versichern, dass das vor der zwanzigsten Schwangerschaftswoche völlig unmöglich ist.« Ihre Schultern sackten in sich zusammen, und Raphael fügte hinzu: »Doch für Sie wird es schmerzhaft sein. Das Ausschaben kann sehr wehtun.«

»Um mich mache ich mir keine Sorgen.« Hannah wünschte sich sogar, dass es wehtat. Es schien ihr skrupellos, ein Leben zu nehmen und dabei keinen Schmerz zu empfinden.

Raphael stand auf und nahm noch einen Schluck aus der Flasche. »Ziehen Sie sich nun aus«, sagte er. »Nur unterhalb der Taille. Dann legen Sie sich mit dem Kopf an diesem Ende auf den Tisch. Sie können das zweite Laken nehmen, um sich zuzudecken.

Er ging in das Badezimmer nebenan und schloss die Tür, um ihr Privatsphäre zu lassen – dieser Mann, der kurz davor war, zwischen ihre gespreizten Beine zu gucken. Trotzdem war Hannah dankbar für seine Diskretion. Sie faltete sorgfältig ihren Rock zusammen, legte ihn auf den Stuhl und schob anschließend ihren Slip darunter. Ein kleines bisschen Schicklichkeit, das unter diesen Umständen skurril war, aber so war es nun mal. Von der Taille an abwärts war sie nackt, und irgendwie fühlte sie sich schmutziger, als wenn sie völlig nackt gewesen wäre. Schnell ging sie zum Tisch und bedeckte sich. Dann zwang sie sich zu sagen: »Ich bin bereit.«

Der Bestrafungston erklang und warf sie wieder in ihre Zelle zurück, zurück in ihren blutenden Körper. Alles läuft aufs Blut hinaus, dachte sie, als sie die Tampons und die Wischtücher aus der Vorrichtung nahm und sie benutzte. Blut, das aus dir kommt, und Blut, das nicht aus dir kommt. Mechanisch säuberte sie den Boden, spülte die fleckigen Tücher hinunter, wusch ihre Hände und wechselte ihr Hemd. Dabei machte sie keinerlei Versuch, ihre Nacktheit zu verbergen. Und wenn es nicht kommt, wenn du wartest und betest und weiter wartest, und es kommt immer noch nicht … Sie legte sich seitlich auf ihre Pritsche, schlang die Arme um ihre Knie und weinte.

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