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Die Feuer von Murano

GIUSEPPE
FURNO

kalligrafisches.ai

DIE
FEUER
VON
MURANO

EIN VENEDIG-ROMAN

Aus dem Italienischen
von Annette Kopetzki

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Impressum

Die Originalausgabe mit dem Titel

Vetro

erschien 2013 bei Longanesi, Mailand.

ISBN 978-3-8412-0648-0

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, November 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2013 bei Rütten & Loening, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

© 2013 Giuseppe Furno

Published by arrangement with Berla & Griffini Rights Agency

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung und Illustration Büro Süd, München

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

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PROLOG

Vor zwei Jahren im September traf das hundert Meilen östlich von Great Abaco im Bahamas-Archipel entstandene tropische Tiefdruckgebiet Nummer elf, von der warmen Golfströmung nach Norden getragen, auf eine für die Jahreszeit verfrühte arktische Kaltfront. Der Zusammenstoß der beiden Luftmassen erzeugte einen extratropischen Sturm von außergewöhnlicher Stärke, der sich in nordöstlicher Richtung bewegte und die Küste Floridas von Cape Kennedy bis nach Jacksonville streifte.

Das reizende Atlantikstädtchen St. Augustine, Verwaltungssitz des St. Johns County, wurde von einem Hurrikan mit starken Regenfällen heimgesucht. Innerhalb weniger Stunden traten die Flüsse San Sebastian, Matanzas und North River über die Ufer, und der sturmgepeitschte Ozean brach über den Kanal St. Augustine in die Lagune ein, wo er den Rückfluss der riesigen Flutwelle hemmte. Neunzig Prozent der Stadt wurde überschwemmt: Die Gassen wurden zu Kanälen, die Straßen zu Flüssen voller Alligatoren, die mächtige Festung Castillo de San Marcos, die die Lagune beherrscht, wurde zu einer Insel, gegen die Wellen und Blitze tobten, und auf der Bridge of Lions und am Vilano Beach saßen Tausende Touristen fest, die von der Halbinsel Anastasia und dem Küstenstreifen geflohen waren.

Das Ganze dauerte von zwölf Uhr mittags bis zwei Uhr nachmittags, in diesen zwei Stunden fiel mehr Regen als in einem Jahr. Dann drehte der Wind und wehte kräftig vom Festland, die Tore des Ozeans öffneten sich wieder, und bei Sonnenuntergang waren von dem Wasser nur noch seine Spuren an den Gebäuden und ein schlammiger Überzug auf allen Flächen zu sehen.

Dank der Vertrautheit der Einwohner mit den Launen des Wetters und der Lagune, des prompten Einschreitens der Nationalgarde und einer guten Portion Glück gab es keine Opfer, sondern nur Schäden an allem, was vom Wind gerüttelt, ergriffen und weggerissen oder vom Wasser überschwemmt, umschlungen und versenkt worden war. In den folgenden Monaten verwandelten Heerscharen von Zimmerleuten, Tischlern und Malern St. Augustine in eine einzige Baustelle, und langsam strahlten die steinernen Gassen wieder vom Weiß der Häuser im hispanischen Stil, Balkone und Gärten füllten sich mit Blumen, und der extratropische Sturm wurde zu einer Erinnerung, an der im Familienkreis genippt wurde oder die man den Touristen als Zeitgeschichte in Pillenform verabreichte.

An einem sonnigen Tag Ende Dezember kam dann die größte Überraschung ans Licht, die der Sturm und seine Folgen für das Städtchen bereitgehalten hatten: Auf der Baustelle, wo die vom Hochwasser und einem Blitzeinschlag schwer beschädigte nördliche Bastion des Castillo restauriert wurde, ergriff eine Baggerschaufel jene Erdscholle, mit der sich Vergangenheit und Zukunft von St. Augustine verändern sollten. Denn in diesem Kubikmeter Ausschussmaterial, dem Ergebnis jahrhundertelanger Abfallbeseitigung der Festungsküchen, wurden aus einer Tiefe zwischen siebzig und hundertzehn Zentimetern einundsiebzig Scherben aus farblosem, fein bearbeitetem und mit Emaille und Gold verziertem Glas gefunden.

Wir erinnern daran, dass St. Augustine, 1565 von dem spanischen Admiral Don Pedro Menéndez de Avilés mitten im Gebiet der Timucua-Indianer gegründet, nach derzeitigem Forschungsstand als die älteste europäische Siedlung auf nordamerikanischem Boden gilt. 1586, auf dem Höhepunkt des Krieges zwischen Spanien und England um die Kontrolle über die Neue Welt, wurde St. Augustine von dem englischen Freibeuter Sir Francis Drake geplündert und zerstört. Das wiederaufgebaute Städtchen widerstand den fortwährenden Angriffen der Ureinwohner und der Seeräuber, doch erst 1865, mit dem Ende des Sezessionskriegs und der Wiedereingliederung Floridas in die Vereinigten Staaten, fand St. Augustine endlich Frieden.

Die Entdeckung der einundsiebzig Glasbruchstücke fügte den ohnehin beträchtlichen historischen Schätzen, die bei regelmäßigen Ausgrabungen im Stadtgebiet bereits gesammelt wurden, ein außerordentlich bedeutendes Element hinzu. Sofort richtete sich die Aufmerksamkeit der Forschergruppe von der University of Florida auf die raffinierten Dekorationen aus polychromer Emailmalerei, einem typischen Merkmal mittelalterlicher islamischer Kunst, die großen Einfluss auf die italienische Glasbläserei hatte.

Bei der chemischen Analyse der Bruchstücke wurde zudem Natriumkarbonat gefunden, ein Hinweis auf das Schmelzverfahren mit Sodaasche, wie es typisch ist für die Glashütten im nördlichen Mittelmeerraum und besonders in Venedig und Murano vom 12. bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts.

Die durch Verbrennung von Meeresalgen gewonnene Sodaasche wurde als Flussmittel benutzt, um die Schmelztemperaturen des Glasbreis zu senken und das Endprodukt klar und kristallin zu machen. Anders die Technik der spanischen und nordeuropäischen Glasbläser, die dem Brei Pottasche untermischten, gewonnen aus der Verbrennung von Hartholz, und so ein matteres Glas von grau-bläulicher Tönung erhielten.

Ein weiteres Element, das die Gläser von St. Augustine als Originale aus Murano kennzeichnete, war der doppelte Abdruck des pontello, eines massiven Eisenrohrs, mit dem der Glasbläser die Stücke über dem Feuer bearbeitete. Wenn die erlesenen Dekorationen hinzukamen, für die die Glaskünstler in Murano vom 15. bis zum 18. Jahrhundert berühmt waren, wurden die vom Glasmeister und seiner Mannschaft geschmolzenen Stücke Malern anvertraut, welche die Emailverzierungen kalt auftrugen. Das so dekorierte Stück wurde dann abermals auf der Spitze des Pontello in den Ofen geschoben.

Was dank der Hartnäckigkeit der Forscher herausgefunden wurde, hat das friedliche St. Augustine in einen wimmelnden Ameisenhaufen verwandelt. Ein Hotelzimmer findet nur, wer lange im Voraus bucht. In den Gässchen im reinsten spanischen Kolonialstil drängen sich die Touristen. Sogar der Sightseeing-Train musste seine Fahrten zwischen den neuen Parkplätzen am Stadtrand und dem Castillo de San Marcos vervierfachen. Denn vor allem dieses gewaltige, kantige Bollwerk aus Stein wollen die Touristen besuchen, während sie die Muschel- und Korallenstrände und die Golfplätze, die St. Augustine einst berühmt gemacht haben, links liegenlassen. Im Saal dieser Festung haben die einundsiebzig Bruchstücke aus Glas nämlich zu ihrer ursprünglichen Identität zurückgefunden. Hier kann man eine kostbare acquereccia, einen Wasserkrug in Form einer Galeere, und drei glockenförmige Trinkgläser Muraneser Machart aus der Mitte des 16. Jahrhunderts bewundern.

Der Krug zeigt außer geometrischen Mustern und Blumenverzierungen aus Glas am Heck der Galeere eine mythologische Figur, die möglicherweise einen Greif, wahrscheinlicher aber einen vergoldeten Drachen darstellt, dazu die Inschrift: In Hoc Signo Vinces. Das am vollständigsten erhaltene Trinkglas trägt neben Dekorationen mit Blumen, Rhomben, Zacken und Bändern aus rotem, weißem und gelbem Lack die teilweise gelöschte weiße Inschrift: Magister Jacobus. Das zweite, zum Großteil rekonstruierte Glas ziert eine Galeere mit geblähten Segeln. Vom dritten sind nur der bucklige Boden, der rundum ausgestellte Rand und ein großes Stück vom Mittelteil erhalten, auf dem ein Kreuz durchschimmert.

So haben diese Fundstücke und die darauffolgenden Entdeckungen in den Archiven, Museen, öffentlichen Bibliotheken und privaten Sammlungen Venedigs und einem Dutzend anderer Orte auf der Welt die Vergangenheit von St. Augustine untrennbar mit der Vergangenheit Venedigs verbunden – und mit der Geschichte, die hier erzählt werden soll.

FEUER

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1

Venedig, 13. September 1569

Alles war in der Zeitspanne eines einzigen Atemzugs geschehen, kurz vor Mitternacht. Von diesem kurzen Moment waren Andrea ein Blitz, das Beben, der Knall, dann der Wind und zuletzt die Hitze und die Flammen in Erinnerung geblieben. Wer weiß, warum, aber im ersten Augenblick hatte er die Explosion dem Ende seiner Geschichte mit Taddea zugeschrieben. Wahrscheinlich hatte der Schlaf die beiden Ereignisse verbunden, die nichts miteinander gemein hatten, außer einer plötzlichen Veränderung.

Das Gefühl war noch lebendig, ja, glühend stark. Andrea hatte sich an diesem Tag von Taddea getrennt, bei Sonnenuntergang. Er erinnerte sich an die rote Sonnenscheibe mitten über dem Rio Foscari, an Taddeas Tränen, während sie sich den Verlobungsring abstreifte und ihm zurückgab, an die Vorhänge aus violetter Seide, das Glucksen des Wassers an den Wänden der Gondel. Mehr erinnerte er nicht. Reue und Sehnsucht waren nachts gekommen, als Andrea sich hingelegt hatte. Reue wegen des Eheversprechens, das er gegeben und bei jeder Begegnung erneuert hatte, in Erwartung wer weiß welcher Entwicklungen. Sehnsucht nach Taddeas zarter, aber sinnlicher Schönheit, ihrem Duft, dem intensiven Geschmack ihrer Küsse. Sie hatten sich getrennt, weil ihre in früher Jugend entstandene Liebe verbraucht war. Für Taddea trug er die Hauptschuld.

»Ich möchte einen Mann an meiner Seite …«, hatte sie einmal während eines Streits gesagt.

Und so wälzte er sich in dieser kühlen Septembernacht im Bett, gequält vom Summen einer Mücke und wirren Gedanken, die auf der Suche nach den Bedeutungen des Wortes »Mann« hierhin und dorthin trieben, als die bleigefassten Fensterscheiben sich plötzlich verfärbten und ein blendend heller Lichtschein in das Zimmer fiel. Andrea öffnete die Augen, unsicher, ob er geträumt hatte, und dachte an ein Spätsommergewitter. Er richtete sich auf, die Arme fest auf die Rosshaarmatratze gestützt.

Ein leises Klingeln ertönte vom Bord am Kopfende seines Bettes: Der Löffel, mit dem er einen Aufguss aus Weißdorn und Honig umgerührt hatte, zitterte am Rand des Glases. Im nächsten Augenblick wurde die leichte Vibration zu einem Beben des ganzen Zimmers, das mit Macht aus der Tiefe aufstieg. Die Erde bebte. Wie der Boden des Campo San Geremia, wenn die Stiere beim Rennen am Gründonnerstag durchgingen. Doch jetzt wankten auch die in die Erde gerammten Eichenholzpfeiler, das Floß aus Bohlen und die darauf gestützten Mauern, die die Herberge aus dem Wasser hoben. Sofort dachte Andrea an ein Erdbeben und an die Erzählungen seines Vaters. Aber er hatte weder Zeit nachzudenken noch aufzustehen. Der Knall, der jetzt folgte, hatte nichts mit dem rollenden, schlingernden Dröhnen des Donners zu tun. Er war trocken und scharf umrissen, eine tönende Kugel, die alles umhüllte und betäubte. Die beiden Fensterflügel flogen gleichzeitig auf wie durch den Hieb eines wütenden Dämons. Der Rückstoß auf dem Mauerbogen drückte die Scheiben aus der Bleifassung, sie platzten und zersplitterten. Andrea spürte den Hagel aus Glasscherben auf seinem nackten Körper und schloss die Augen, während ein glühendheißer Luftstrom, der nichts von einer Naturkraft hatte, im Zimmer zu toben begann, die Gardinen an die Decke peitschte, die Kleider vom Boden aufwirbelte und die Spiegelkommode mit dem Gestell für das Waschbecken umstürzte. Instinktiv erkannte er, dass er Schutz suchen musste. Mit einem Hüftschwung, den er seiner jugendlichen Kraft verdankte, drehte er sich um sich selbst und ließ sich auf den Boden aus Olivenholz fallen. Er spürte einen starken Schmerz im Knie, rollte jedoch weiter über den Boden unter das Bett. Genau in diesem Moment fiel ein großer Brocken Putz von der Decke. Andrea hörte den Aufprall des Rohrgeflechts, das zerplatzte, und sah einen Teil der schweren Mörtelbrocken in der Matratze versinken, einen anderen auf den Dielen des Fußbodens zerschellen. Ein Deckenbalken löste sich, zusammen mit einer Handvoll Dachziegel. Auch im Kamin an der linken Zimmerwand stürzte etwas herab. Ein Teil des Rauchfangs war heruntergekommen und blies eine schwarze Rauchwolke ins Zimmer. Wie ein Hagelschauer prasselten Gegenstände auf das Dach. Einige fielen durch das Loch, das sich im Dach geöffnet hatte. Andrea sah sie aufprallen und qualmend über den Boden rollen. Es schienen Teile von Ziegelsteinen und Metallsplitter zu sein.

2

So unmittelbar, wie sie gekommen waren, legten sich der Hagelschauer und das Beben. Der heiße Wind wich einer frischen nächtlichen Brise. Stille trat ein, als wäre dies die Pause zwischen der Ouvertüre und dem ersten Akt. Dann begannen die Schreie. Andrea hörte ihnen reglos zu. Es waren Schreie im Inneren des Hauses, gedämpft und erstickt.

Sie kamen aus den unteren Stockwerken. Kinder weinten. Eine Frau rief. Er erkannte die Stimme von Lorenzo, dem Besitzer der Locanda della Torre im Castello-Viertel. Andrea hatte ein Zimmer in diesem Wirtshaus am Zusammenfluss des Rio della Tetta mit dem Rio San Lorenzo genommen.

»Graziosa! Graziosa!«, rief der Mann nach seiner ältesten Tochter.

Jetzt kamen die Schreie von draußen, aus der calle San Lorenzo. Sie wurden lauter, häufiger. Jemand lief vorüber.

»Sie sind zu den Sagredo-Häusern gelaufen!«, erklang eine Frauenstimme, den benommenen Zustand der Ungewissheit durchbrechend.

»Weg, lauft weg von hier, ins Rialto, hier geht alles in die Luft!«, bestätigte ein Mann keuchend.

Andrea tastete nach seinem Knie und spürte, dass sich etwas hineingebohrt hatte. Eine Spitze ragte heraus. Er packte sie mit den Fingernägeln und zog, in der Hoffnung, dass sie nicht abbrechen würde. Einen Augenblick später hielt er fluchend eine Glasscherbe zwischen den blutverschmierten Fingern.

Er drückte einen Zipfel des Bettlakens auf die Wunde. Mit der anderen Hand strich er sich über die Haut. Er begann mit dem Gesicht, seine Fingerspitzen glitten über die hohe Stirn, wo die Zeit und die Mühen noch keine Falten hinterlassen hatten, dann spreizte er die Finger zu einem Fächer und untersuchte seine Wangen, strich sich über Hals und Brust bis zu den Leisten und Oberschenkeln, so weit sein Arm in dieser liegenden Position reichte. Da waren keine Glassplitter mehr. Wieder betrachtete er seine Hände und bemerkte, dass das Halbdunkel heller wurde. An der Wand sah er den Schatten des Betstuhls in einem schwachen, gelblichen Licht, das sich zitternd hin und her bewegte, als ginge jemand mit einer brennenden Kerze durch das Zimmer. Aus seiner beengten Lage drehte er sich mühevoll zu dem Rechteck des herausgerissenen Fensters um. Da war die Lichtquelle: Dort draußen hatte sich eine verfrühte Morgenröte über den Nachthimmel gelegt, ein purpurner Schleier, vor dem von Zeit zu Zeit eine Locke aus Flammen aufloderte, begleitet von einer Rauchwolke.

Vom Himmel fielen leichte Gegenstände, funkensprühend wie abgebrannte Feuerwerkskörper oder glühende Blätter von einem nahen Waldbrand. Der Lichtschein wurde stärker, ebenso die Schreie. Und zu diesen Schreien gesellten sich nun wie ein gewaltiger Chor aus flehenden Rufen zum Himmel die Glocken der Feuerwachen. Zuerst läutete die Marangona, die Glocke von San Marco. Erhaben und unverwechselbar. Dann stimmte, weiter entfernt, die Grande von Santa Maria Gloriosa in San Polo mit ihrem abfallenden Ton ein. Zu den beiden auseinanderstrebenden Klängen gesellten sich andere, die Andrea, noch benommen, an ihrer Richtung und ihrem Ton zu erkennen versuchte. Von Norden fiel plötzlich die große Glocke von San Zanipòlo ein, die kaum eine Viertelmeile von der Locanda entfernt lag. Ihr starker, lebhafter Klang gab Andrea den Antrieb zum Handeln. Er zog sich am Bett hoch und war mit einem Sprung auf den Füßen.

Die Wunde am Knie schmerzte pochend. Er warf seine Toga über die Scherben und ging darüber bis zu dem zweibogigen Fenster. Was er sah, ließ ihn erzittern wie der Schlag, den er als Junge bekam, wenn er den Kopf frisch gefangener elektrischer Fische berührte. Er hielt sich an der Säule fest, seine Lippen öffneten sich, sein Atem wurde zu einem mühevollen Hauchen, und seine großen, wasserblauen Augen weiteten sich zu einer Maske, auf der Staunen und Entsetzen einander abwechselten und sich mischten wie Farben auf einer Palette. Denn im Osten, kaum weiter als eine halbe Meile entfernt, erhob sich eine Wand aus Feuer, und hinter den Dächern des Benediktinerinnenklosters, zwischen der Kirche San Francesco della Vigna und dem westlichen Ende des Arsenale1 fehlte ein ganzes Stück Venedig.

3

Der Alte hatte sofort erkannt, dass die wirkliche Gefahr das Feuer sein würde. Nicht das Wasser. Denn das Feuer kannte er, er wusste mit ihm umzugehen und hatte es von Kind an am eigenen Leib gespürt. Darum respektierte er das Feuer. Er blickte sich um, dabei versuchte er, die Augen auf der Höhe des Wasserspiegels zu halten. Seine Stirn brannte. Ein Archipel aus glühenden Inseln umgab ihn. Inseln aus brennendem Öl, die auf dem Wasser schwammen.

Denn mit der Explosion waren die Zisternen aus Terrakotta zur Herstellung des griechischen Feuers, der Mischung aus Öl, Terpentin und Kalk, die für die Brandtöpfe benutzt wurde, zersprungen, und jetzt flossen hunderttausend Pfund dieser Flüssigkeit in die Lagune.

Der Alte tauchte wieder unter Wasser. Er riss sich die Knopfleiste der Tunika vom Hals bis zur Taille auf, schlüpfte aus dem linken, dann aus dem rechten Ärmel und ließ sie auf den Grund sinken. Dann tauchte er auf. Die tropfnassen, wallenden weißen Haare gingen über in einen ebenso weißen Bart, so dicht, dass man die Lippen und die mit Falten bedeckten Wangenknochen nur ahnen konnte. Er schnappte nach Luft und versank wieder bis zu den Augen. Das Meer wurde wärmer, die Feuerinseln schlossen sich zusammen. Er dachte an Öltropfen, die verstreut auf einer Flüssigkeit schwimmen, und an ihre Neigung, sich zu verbinden. Bald würde jeder Durchschlupf sich schließen, und dieser Wasserspiegel, in dessen Mitte er schwamm, würde sich in eine unermessliche Feuerfläche verwandeln.

Er dachte an den Tod. Es geschah selten, dass er an den Tod dachte, trotz seines Alters und seines stürmischen Lebens. Ihm fiel die Belagerung von Rodi ein, die von Brandtöpfen getroffenen, christlichen Soldaten, die er hatte verbrennen sehen. Der stechende Geruch versengten Fleisches, ihre Schreie, das Zappeln, dann die Zuckungen, das Röcheln, das Schweigen, schließlich die Starre, das alles hatte sich ihm unauslöschlich ins Gedächtnis geprägt. Die Toten blieben auf der feuchten, dampfenden Erde liegen, die einen über den anderen, wie Holzscheite im Kamin.

Er musste etwas tun, nicht nur in Erwartung des Endes an der Oberfläche bleiben. Er war nicht zweitausend Meilen gesegelt, hatte Schiffbruch riskiert, Piratenüberfälle abgewehrt und viele Male seine Haut gerettet, bis zu dieser entsetzlichen Explosion, um nun hier zu sterben, wo sein Kopf als Docht brennen würde. Einen Schritt vom Ziel entfernt.

Eine Lohe verbrühte ihm den Nacken. Mit kräftigen Stößen der Arme und Beine drehte sich der geübte Schwimmer um sich selbst. Weniger als zehn Ellen entfernt hatten sich zwei Inseln aus brennendem Öl zischend und rauchend vereint und strebten nun der Halbinsel aus Feuer zu, die an der nördlichen Mauer des Arsenale begann und die Stelle anzeigte, wo das Öl ausfloss. Wieder fühlte er die Glut im Gesicht. Er atmete mehrmals ein und versank erneut im Wasser und in seinem Zorn. Nachdem er ein paar Faden tief untergetaucht war, begann er zu schwimmen, um sich so weit wie möglich von dem großen Feuer zu entfernen, das ihn verschlingen konnte. In dieser Tiefe war das Wasser eiskalt, und die Reflexe der Flammen über dem Wasser ließen das Licht tanzen wie auf einem von Sonnenstrahlen getroffenen Kristallglas. Das farbige Schauspiel wurde begleitet vom unheimlichen Zischen des Öls auf der Oberfläche, wenn es mit dem Wasser in Berührung kam. Ein Geräusch wie das Rollen der Kiesel am Strand beim Zurückfließen einer großen Welle.

Der Alte schwamm durch eine Algenbank, die Algen kitzelten sein Gesicht. Er spürte, wie der Zorn sich in Sehnsucht verwandelte. Als er aufblickte, erschien ihm der Wasserspiegel frei vom Feuer, also packte er das Wasser mit beiden Händen und ließ sich nach oben ziehen. Beim Auftauchen war aus der Sehnsucht ein fester Wille zu überleben geworden. Nicht, um weiterhin Tage und Nächte aneinanderzureihen, denn er hatte genug Dinge im Leben gesehen, sondern um die Aufgabe zu Ende zu bringen, die er sich gestellt hatte. Er hatte geschworen, dass er bis zum Äußersten gehen würde. Für die Menschen, die er geliebt hatte. Damit die Macht nicht in die falschen Hände geriet. Also musste er jetzt überlegen, wie er hier herauskommen sollte, aus diesem vom Feuer umringten Meeresauge, das um ihn herum rasch kleiner wurde, wie die Augen eines schläfrigen Kindes.

Wieder gab es einen Blitz, eine Explosion, das Wachtürmchen von San Cristoforo öffnete sich zum Himmel wie ein zerfetztes Kanonenrohr und zerbarst in die tausend Teile, aus denen es erbaut war.

4

Andrea stand geblendet am Fenster und starrte auf das schwarze, von Flammen umrahmte Loch. Plötzlich sah er aus dem Augenwinkel einen glühenden Gegenstand vom Himmel fallen, langsam, wegen der Entfernung, dann immer schneller, je näher er kam und je größer er wurde. Es schien, als stürzte das Ding direkt auf ihn zu. Er dachte an einen Brandtopf, von einem Katapult abgeschossen. Vielleicht war es ein Angriff der Türken. Er trat einen Schritt zurück und kauerte sich in der Zimmerecke zusammen. Die Flamme durchquerte sein Blickfeld und traf mit einem lauten dumpfen Krachen auf dem Boden auf.

Andrea schaute aus dem Fenster. Der Meteorit war an der Kalksteinmauer des nahen Gartens zerschellt, die versprengten Teile glühten und rauchten noch immer. Um ein Haar hätte er eine Frau und ihre beiden Kinder getroffen, jetzt betrachteten sie fassungslos das Durcheinander. In der Glut erkannte man Holzbalken, die mit Metallplatten verbunden waren, offenbar Teile einer Dachdeckung, die von der Wucht der Explosion in den Himmel geschleudert worden waren. Derart teure Dächer aus Kupfer oder Blei hatten in Venedig nur der Palazzo Ducale, die Kirche San Marco und wenige reiche Häuser am Canal Grande. Andrea zuckte zusammen, und als er in die Richtung des Arsenale spähte, sah er, dass dessen Mauer nicht mehr existierte, dieses Dachstück also nichts anderes sein konnte als die kupferne Fiale eines seiner Wachtürme.

»Grundgütiger …«, hörte er sich flüstern, als er das vom Feuer erleuchtete Panorama betrachtete. Die Flammen hatten sich ausgebreitet und die Masten und Segel zweier im inneren Becken ankernder Galeeren erfasst. In der Richtung, in die er blickte, hatte die Stadt ihre Geometrie und Architektur völlig verloren, sie erschien wie ein sturmgepeitschtes Meer voller Wellenkämme und planlos entstandener Höhlen und Wasserschluchten. Ein leichter Windhauch trug den süßen, stechenden Geruch von Schießpulver heran, wie nach einem Kanonenfeuer. Andrea wurde bewusst, dass in diesem schwarzen Tal bis vor wenigen Augenblicken die Häuser im Besitz von Bernardo Sagredo gestanden hatten, wo viele Arbeiter des Arsenale wohnten, Handwerker und Bürger, außerdem ein paar Patrizier aus altem Geschlecht. Von all dem existierte nichts mehr. Jenseits des Arsenale, gegenüber den Trümmern seiner einstigen Umfriedungsmauer, waren die Kirche und das Kloster Santa Maria della Celestia der Zisterzienserinnen verschwunden, außerdem eine Handvoll Häuser, die sie wie eine Kette umringt hatten.

In diesem Moment fiel ihm der Brief ein.

»Aus der Celestia wurde ein Brief für Euch gebracht, Avvocato, er liegt oben in Eurem Zimmer am gewohnten Platz«, hatte der paròn Lorenzo gesagt. Andrea, der noch unter dem Eindruck der schmerzhaften Trennung von Taddea stand, hatte ihm gedankt und den Brief vergessen.

Mit einem Ruck drehte er sich zum Zimmer um, einen Schritt entfernt stand das Schreibpult, der noch unzerstörte Teller aus blauem Glas, in den die Wirtsleute die Sendschreiben an ihn legten, war leer. Sein Blick ging auf das Durcheinander aus Scherben, Kleidern und Holzstücken auf dem Fußboden, der Brief war zwischen die Tischbeine geflogen. Er hob ihn auf. Das blaue Siegel mit dem aufgeprägten Kreuz war noch intakt. Ein Ritzen mit dem Fingernagel, und der Siegellack sprang splitternd auf. Das Blatt aus festem venezianischem Papier war sorgfältig gefaltet. Andrea öffnete es und ging zurück ans Fenster in das helle Licht des Feuers. In der Mitte des Blattes standen, mit purpurroter Tinte und eleganter, leicht nach links geneigter Handschrift geschrieben, nur zwei Zeilen und eine Unterschrift. Andrea überflog sie: Die Äbtissin der Celestia, Lucia Vivarini, bat ihn, wegen dringender und vertraulicher Nachrichten in das Kloster zu kommen.

Als wollte er sichergehen, las Andrea die Zeilen noch einmal. Dann schaute er wieder nach draußen, wo alle Sicherheit verloren war. Von diesem Fenster des Dachbodens, dem höchsten Punkt der Locanda direkt unter dem Altan, konnte er die Silhouetten der ersten Helfer erkennen, die begannen, sich an den Trümmern abzumühen, während andere an Bord der brennenden Schiffe kletterten, um die Flammen zu löschen und von den noch unversehrten Schiffen fernzuhalten. Je mehr Helfer herbeiströmten, desto mehr verbanden sich die vereinzelten Schreie zu einem entfernten, diffusen Hintergrundlärm, ähnlich dem Beifall der Menge während des Himmelfahrtsfestes, und dazu kam das Läuten hunderter Glocken, als wollten sie das Unglück segnen.

»Ser Loredan, seid Ihr wohlauf?« Andrea blickte hinunter auf die Straße: Lorenzo, ein beleibter Vierziger, dessen Kleider stets nach Gewürzen rochen, schwenkte eine Laterne. Er trug zwei Säcke auf dem Rücken und hielt seine Tochter Graziosa an der Hand. »Kommt sofort herunter!«, rief er besorgt. »Das Arsenale brennt! Es scheint, dass eine Pulverkammer explodiert ist. Wenn die anderen auch hochgehen, stürzt ganz Castello ein! Ganz Venedig!«

Der Alarm schien Andrea so gleichgültig zu lassen, dass der Wirt sich bekreuzigte und den Warnruf mit deutlicheren Worten wiederholte: »Um Gottes willen, ser Loredan! Wenn Ihr hierbleibt, gibt es keine Rettung für Euch!«

In diesem Moment kam eine Frau im Nachthemd aus der Locanda. Sie hielt ein Kind von etwa drei Jahren im Arm, das in einen Schal gehüllt war, und an der Hand einen Jungen kurz vor dem Jugendalter in einer Tunika, die ihm bis zu den Füßen reichte. Es war Maria, die junge Frau des Wirts, mit den beiden anderen Kindern, Rocco und Bernardino. Humpelnd, denn sie hatte ein Hüftleiden, ging sie zu ihrem Mann und blickte ebenfalls hinauf.

In diesem Moment zeichneten mehrere Explosionen Blitze an den Himmel. Aus dem Heck eines brennenden Schiffes flogen lodernde Pfeile, die an das Feuerwerk einer Karnevalsapparatur erinnerten. Es war das Waffenlager im Achterdeck, das explodierte. Ein nächster, stärkerer Knall, und das ganze Achterkastell löste sich vom Heck und stürzte ins Wasser.

Die Frau packte Lorenzo am Arm. »Gehen wir!«, rief sie laut, damit auch Andrea sie hörte. »Ser Loredan ist erwachsen und kann für sich selbst entscheiden.« Der Griff um den Arm wurde zu einem resoluten Stoß, der den Wirt und seine Kinder auf der Calle in Bewegung setzte.

Dieser Aufbruch war eine Befreiung, dasselbe Gefühl verspürte Andrea jedes Mal, wenn er ein Fest verließ, das allzu höfliche und aufdringliche Hausherren gaben. Er spähte wieder zum Arsenale hin: Die Flammen breiteten sich aus, wurden höher und heller. Sicher hatten sie die Werften für die Galeassen und das nahe Lager des Tauwerks erreicht, denn das Gebäude glühte, und der Rauch war weiß wie von brennenden Stoppelfeldern im August. Die ersten Vorboten dieser Rauchwolke trugen den unverwechselbaren Geruch verbrannten Hanfs heran.

Er dachte an Taddea, deren Familie im sestiere San Marco ein Haus besaß, am Campo San Paternian, nicht weit vom Gefahrenherd entfernt. Sicher beobachtete sie gerade den Brand. Vielleicht sorgt sie sich um mich, dachte Andrea. Denn aus dieser Entfernung ließen sich die Grenzen der Zerstörung nicht klar genug erkennen, um Schäden an der Locanda della Torre auszuschließen. Taddea weinend im Arm ihres Vaters, den sie anflehte, sie gehen zu lassen. Andrea wurde bewusst, dass diese Katastrophe und die Gefühle, die sie auslöste, eine unwiederbringliche Gelegenheit boten, sie zu bitten, zu ihm zurückzukehren. Aber wollte er das wirklich?

Sein Blick wanderte zu der dreibogigen Brücke über dem Rio San Lorenzo, wenige Schritte von der Locanda entfernt. Auf dem höchsten Punkt der Brücke gingen, beleuchtet von einigen Ölfackeln, zwei Männer mit einer Trage. Hinter ihnen zwei weitere. Es waren die ersten Verletzten aus der Umgebung der Explosion. Am Ufer der Locanda angekommen, zögerten die Träger. Andrea konnte ihren aufgeregten Wortwechsel hören.

»Wir bringen sie zum Ospedaletto!«

»Nein, lieber in die Kirche Santa Maria Formosa«, entgegnete ein anderer. »Da ist es sicherer.«

»Ins Ospedaletto, sage ich dir!«, entschied der Erste und ging am Ufer San Lorenzo auf die Locanda zu. Als er näher kam, konnte Andrea die Trage und was sie transportierte, besser erkennen. Es war ein Türflügel, darauf lag ein kleines Mädchen mit blutigen Kleidern, der Kopf war unnatürlich verdreht, während der schlaffe Körper bei jeder Bewegung schaukelte, ein magerer Arm und die schmale Hand hingen herab.

Andrea hatte das deutliche Gefühl, dass sie tot war. Der nächste Verletzte, den er sah, verdrängte diesen Gedanken: es war ein Junge, der weinte und den Mund aufriss, als bekäme er keine Luft. Man hatte ihn auf eine Leiter gelegt, der Kittel, mit dem er zugedeckt war, drohte zur Seite zu rutschen und offenbarte, dass er nackt war. Eine Frau, wahrscheinlich seine Mutter, ging schluchzend an seiner Seite, manchmal zupfte sie den Kittel zurecht.

Das Grüppchen verschwand in der Calle Cappello. Doch schon tauchten weitere Verletzte auf. Andrea wartete nicht länger, eilig kleidete er sich an: Kniebundhosen aus Tuch und eine leichte Bluse, an den Füßen die Stiefel, die er zum Reiten benutzte. Zum Schluss warf er sich einen Ledermantel um. Dann faltete er den Brief zusammen und steckte ihn in die Tasche. Er nahm die Öllampe, doch seinen Degen ließ er zurück. Einen Augenblick später lief er, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinunter und stürzte aus der Tür der Locanda. Ein letzter Zweifel ließ ihn innehalten. Jetzt musste er sich entscheiden: nach rechts, Richtung Sestiere San Marco zu Taddeas Haus, oder nach links, der Ungewissheit, vielleicht dem Tod entgegen, über die San-Lorenzo-Brücke zum Arsenale, der Celestia und dem Widerschein der Hölle. Diese Richtung nahm er.

5

Dichter Schneefall hatte eingesetzt. Wie im Winter, wenn der Schirokko sich mit den kalten Luftströmen verbindet, die von den sibirischen Steppen herunterkommen. Asche, weich und leicht wie Schnee. Grauer Schnee, der alles grau färbte und gleichmachte, was zum Himmel blickte: Altane, Dächer, Kamine und Mauervorsprünge, istrischen Kalkstein und Simse, die Oberfläche der Kanäle und die Decks der Boote, die Gassen und die Plätze, die großen Blätter der Pflanzen in den Gärten und die Menschen. Die streunenden Hunde schüttelten sich die Asche aus dem Fell, als kämen sie aus dem Wasser, und versuchten, in die Flocken zu beißen, während sie sich auf die Hinterbeine stellten und mit den Lefzen schnalzten.

Andrea sah eine Menge Fußspuren in der Asche, viele nackt, manche beschuht. Und er sah zwei Männer, grau wie alles ringsum, über eine Hand gebeugt, die aussah wie die Hand einer Statue aus grauem Marmor, aber es war eine menschliche Hand, sauber vom Puls getrennt. Sie war auf den Stufen einer Votivkapelle gelandet, und die beiden musterten sie konzentriert wie Naturwissenschaftler, die eine neue Tierart beobachten. Der eine mit nacktem Oberkörper über den Kniebundhosen versuchte sie mit einem Stock anzuheben, aber die Hand fiel in die Asche zurück und wurde paniert wie ein Stück Aal in Mehl.

Je näher Andrea dem Ort der Explosion kam, desto deutlicher hörte er die Stimme der Flammen: ein Ruf aus Prasseln, Zischen und Knallen wie von feuchtem Holz voller Salpeter, das ins Feuer geworfen wird. Die Flammen loderten so mächtig auf, als wollten sie die Himmelskuppel verbrennen, die mit den dichten Rauchwolken eher das Aussehen einer Höhle hatte. So hoch waren die Flammen, dass man ein Gesicht aus mehr als zwanzig Schritt Entfernung hätte erkennen können, wenn die Asche nicht gewesen wäre, die alle Gesichter wie Masken aus Tonerde bedeckte. Solchen Masken war Andrea auf seinem Weg zu Hunderten begegnet, Masken von Verletzten und von Helfern, denen sich die Verzweiflung der darunterliegenden Gesichtszüge eingeprägt hatte. Augen, Lippen, Zähne und Zunge hoben sich mit leuchtenden Farben von der Asche ab wie in Blei eingefasste Smaragde, Rubine und Diamanten.

Die Verletzten und jene, die die Explosion aus nächster Nähe miterlebt hatten, wirkten apathisch, ihr Blick war starr und leer auf einen vagen Punkt in der Nacht gerichtet. Ob jung oder alt, Frauen oder Männer, viele nur durch ihre Nacktheit zu erkennen, sie ließen sich alle führen, manche stützen, wieder andere schienen ihre Helfer gar fortzuziehen, möglichst weit weg von dem Grauen.

Anders die Helfer, sie schienen von einer Erregung gepackt, die sie zwang, sich fortwährend umzublicken, als fürchteten sie einen Hinterhalt, oder sie wechselten wirre, widersprüchliche Sätze mit denen, die eben erst am Ort des Unglücks angekommen waren.

»Geht in die Celestia! Dort werden starke Arme zum Ausgraben gebraucht!«, sagte ein schmächtiger Mensch im Tonfall des katastrophenerfahrenen Veteranen, während er mühsam eine untersetzte, korpulente Nonne stützte, deren helle Ordenstracht zerrissen und rauchgeschwärzt war.

»Sie sind tot«, jammerte die Nonne. »Sie sind alle tot …«

Andrea ging schnell auf sie und ihren Helfer zu.

»Was sagt Ihr, ehrwürdige Mutter?«, fragte er, um sich dann an den Mann zu wenden: »Sind sie alle tot oder gibt es noch Hoffnung?«

»Tot, tot …«, sagte die Nonne kopfschüttelnd und schien ihren letzten Atemzug auszuhauchen. Ihre Worte wurden vom widersprechenden Ausruf des Helfers übertönt: »Lauft, Signore, in der Kirche gibt es viele Seelen zu retten!«

»Kehrt um, das Arsenal wird gleich in die Luft gehen!«, schrie wiederum ein Mann, der wie ein Pestdoktor gekleidet war, um sich vor Asche und Rauch zu schützen. Er trug einen knöchellangen Umhang, einen breitkrempigen Hut und eine Maske mit einem langen Raubvogelschnabel.

Bei dieser Nachricht, ausgerufen von einem Mann der Wissenschaft, verlangsamten viele, die herbeieilen wollten, ihren Schritt.

»Schweig, Unglücksrabe!«, schrie ein Arsenalotto, ein Arbeiter des Arsenale, der für die öffentliche Ordnung verantwortlich und klare Worte gewohnt war. Er zog den roten Stock, der ihn als Garde auswies, und sagte: »Der Schaden, der entstehen konnte, ist entstanden. Dank der Jungfrau Maria konnten die übrigen Pulvermagazine auf die Inseln gebracht werden. Nur Mut, gehen wir!« Mit diesen Worten trat er festen Schrittes auf das Feuer zu, das die im Bau befindliche Kirche San Francesco della Vigna in schwarzen Rauch hüllte. Er ließ Andrea und die anderen mit dem lähmenden Zweifel zurück, wer von beiden, der Arzt oder der Arbeiter, die Wahrheit gesagt hatte. Und an diesem Scheideweg, wo wie bei einem Turnier die Feiglinge stehenbleiben, die Vorsichtigen abwarten, die Verrückten und die Mutigen loslaufen, war Andrea der Erste, der eine Entscheidung traf und die vom Arsenalotto eingeschlagene Richtung nahm.

6

Die Verwüstung begann hinter dem Campo San Francesco, im Rücken der Kirche und des Campanile. Andrea war innerhalb weniger Minuten dort angekommen, er hatte die Stufen des ponte San Francesco mit einem Sprung genommen, Palazzo Gritti gestreift und mit schnellen Schritten die mit Trümmern übersäten Plätze vor der Kirche und der Bruderschaft überquert.

Die Explosion hatte den oberen Teil des Campanile, der gerade gebaut wurde, abgerissen und das hölzerne Baugerüst in Flammen aufgehen lassen. Noch immer lösten sich Pfähle aus dem Gerüst und stürzten zu Boden, wo sie glosend und rauchend mehrmals aufprallten. Die ebenfalls eingerüstete Fassade der Kirche war nur verschont geblieben, weil sie aus massivem Marmor bestand und vom Körper des Gebäudes abgeschirmt wurde. Doch die Dachziegel und die gerade fertiggestellten Glasfenster waren verschwunden, ihre verstreuten Bruchstücke bedeckten den Kirchplatz wie ein Mosaik. Dennoch war dieser trostlose Ort, der Campo San Francesco, dessen Anlage Sansovino und Palladio so raffiniert entworfen hatten, die erste Insel der Ruhe für jene, die aus der Hölle kamen, und er wimmelte von Frauen, Männern und Kindern. Schon nach kurzer Zeit hatten die Verletzten die beiden Kreuzgänge des Klosters der Minoriten belegt, jetzt wurden sie auf dem Kirchplatz untergebracht. Viele auf improvisierte Liegen gebettet, andere unter Klagen und Seufzern auf die Pflastersteine. Ein Franziskaner mit dem Blick eines Besessenen, die Kutte zerrissen und versengt, als hätte er einen Zweikampf mit dem Teufel hinter sich, spendete einem mit dem Banner von San Marco bedeckten kleinen Körper die letzte Ölung.

»Lasst uns durch!« Eine entschlossene Stimme hinter Andrea hieß ihn beiseitetreten und lenkte ihn von dem traurigen Anblick ab. Zwei Arsenalotti zogen eine Rolle mit einem Hanfseil, das sich langsam abwickelte: eine Ankertrosse.

»Nehmt das hier!« Andrea hatte gerade noch Zeit, zwei schwielige Hände zu erkennen, schon reichte man ihm einen Saum aus dicker Baumwolle, der mit einem Seil verstärkt war. Er hob die Augen: Gemeinsam mit etwa zwanzig Arbeitern des Arsenale und Matrosen hielt er das Rahsegel einer Karacke in der Hand.

»Breitet es ordentlich aus!«, rief der Arsenalotto, der Andrea in die Arbeit hineingezogen hatte. Die Männer lehnten sich nach hinten, und das Segel entfaltete sich zu seiner ganzen Größe. Obwohl Andrea kräftiger und größer war als der Durchschnitt und lange, muskulöse Arme hatte, sah er sich einen Augenblick lang nach vorn gerissen und musste dem Ungleichgewicht bei dieser Art Tauziehen mit seinen Rückenmuskeln und einem Gegendruck der Fersen begegnen. Wie in einem immer wieder geprobten Tanz wurde das Segel endlich genau mittig über dem Tau platziert.

»Baut die Gabelstücke auf!«, befahl der Arsenalotto, der um die vierzig sein mochte und auch ohne Uniform, nur mit der schwarzen Mütze, die ihn auszeichnete, alle Merkmale eines Anführers hatte, vielleicht ein Vorarbeiter oder sogar ein Werkmeister war. Seine Hand war verbunden, und er hatte einen tiefen Schnitt auf der Stirn.

Etwa zehn Männer, fünf auf jeder Seite, ergriffen zwei starke Pfähle mit einer Einkerbung an der Spitze. Sie legten das Tau in die Gabelstücke. »Hochziehen und festmachen!«, befahl der Anführer. In perfektem Zusammenspiel richteten die zehn Männer die beiden Pfähle auf, das Tau spannte sich und wurde fest wie ein Balken. So verwandelte sich das Segel, das bis vor kurzem noch den Wind beherbergt hatte, in ein riesiges Zeltdach, an dem die Asche abglitt.

»Die Verletzten unter das Segel!«, befahl der Anführer in der knappen Art eines Mannes, der das Kommandieren gewohnt ist und weiß, dass man ihm umso weniger zuhört, je mehr Worte er verliert.

Er muss ein Werkmeister sein, der weiß, welche Verantwortung es bedeutet, ein Schiff aus der Erde entstehen zu lassen, dachte Andrea. Und dieser Gedanke verband sich mit dem Bild von den Docks des Arsenale, wo der Werkmeister Kiel und Spanten des zukünftigen Schiffes mit gebogenen Linealen und roter Kreide direkt auf den Boden zeichnet. Wie das Gerippe eines Wals. Vorzeichnen der Wölbung hieß das, und es endete mit einem Fest und einem großen Trinkgelage. Denn von dieser vorgezeichneten Form hing das Glück des Schiffes und seiner Besatzung ab.

»Befeuchtet das Segel!«, rief der Mann jetzt, weil er fürchtete, ein herabstürzender brennender Gegenstand könnte die Baumwolle entzünden. Und wie durch Zauber, als wäre alles schon längst vorbereitet gewesen, schütteten mehrere Werftarbeiter Eimer mit Wasser über dem Tuch aus, die sie einander weiterreichten, denn im Nu hatte sich für das Wasserschöpfen eine Menschenkette bis zum Rio San Francesco gebildet.

Nach dem heftigen Protest der Arsenalotti gegen die Lohnkürzungen, im März vor dem Palazzo Ducale, sah Andrea zum ersten Mal so viele von ihnen in Aktion. Mehrmals hatte er sie beobachtet, wenn sie bei den Sonntagssitzungen des Großen Rates Wache standen, dem Dogen auf seinem Staatsschiff, dem Bucintoro, Geleit gaben, einander Wettrennen mit Booten lieferten und sogar, wenn sie große Feuersbrünste löschen halfen. Doch es war etwas völlig anderes, die Katastrophe zu meistern, die in dieser Nacht ein ganzes Stück des Sestiere Castello ausgelöscht hatte. Die größte Verheerung, die Venedig seit seiner Gründung erlebt hatte. In dieser Nacht hätte ihnen kein Exerzieren, keine Übung und Erfahrung geholfen. Alles, was ringsum geschah, geschah zum ersten Mal.

»Wir brauchen Freiwillige!« Der Aufruf des Anführers der Arsenalotti rüttelte Andrea aus seinen Gedanken. »In der Celestia müssen Menschenleben gerettet werden«, fuhr der Mann in entschlossenem Ton fort, und um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen, war er auf eine Karre mit Backsteinen gestiegen. »Kirche, Kloster und sieben Häuser sind eingestürzt, unter den Trümmern liegen viele Menschen begraben. Wer kommt mit?« Etwa fünfzehn Hände wurden gehoben. Andrea war einer der Ersten. »Gut!«, sagte der Anführer und musterte sie. »Los, folgt mir!«

Andrea ließ einen Teil der Gruppe vorbeiziehen und reihte sich etwa in der Mitte ein. Die Männer transportierten Eimer und Decken. Sie gingen an der Nordwand der Kirche entlang und gelangten zum rückwärtigen Teil, dem alten Obstgarten der Franziskaner: Er war verkohlt und qualmte. Sie gingen schnell, leicht gebückt, schauten sich fortwährend um. Die vom Widerschein des Feuers beleuchteten Gesichter waren angespannt, manch eines ängstlich. Bevor sie um die Ecke bogen, wo der Friedhof begann oder das, was von ihm übrig war, blieb der Werkmeister stehen.

»Ab hier wird es sehr heiß werden«, sagte er. »Meine Arsenalotti wissen, wie man mit dem Feuer und den Trümmern umgeht.« Beim Sprechen musterte er die Gesichter. »Alle anderen tun genau das, was ich tue.« Er fixierte Andrea. »Die Celestia liegt wenige Schritte von den Pulverkammern entfernt. Zwei Magazine mit dreißigtausend Pfund Pulver sind explodiert. Fünf wurden in den vergangenen Tagen geleert. Dort lagen zweihundertvierzigtausend Pfund Schwarzpulver.« Der Mann machte eine Pause, ohne die überflüssige Erklärung hinzuzufügen, was hätte geschehen können, wenn eine solche Menge Sprengstoff von den Flammen erfasst worden wäre. »Es bleiben hunderttausend Pfund in den drei zum Meer gelegenen Waffenlagern. Dort sind unsere Männer dabei, das Pulver zu befeuchten und das Feuer einzudämmen. Auch die Ölvorräte brennen, doch das Öl wird früher oder später versiegen. So ist die Situation. Wer umkehren möchte, tue das jetzt.«

Der Anführer ließ seinen Blick über die Männer schweifen. Mehr würde er nicht sagen, das war klar. Keiner erwiderte etwas. Keiner ging fort. Einige bekreuzigten sich. Er wartete einen Augenblick, dann nickte er leicht, und Andrea sah sein Gesicht eine Sekunde lang vor Stolz aufleuchten.

7

Wehmütig dachte der Alte an die Kraft zurück, die er in seiner Jugend gehabt hatte, als er zum Fisch wurde und zwanzig Faden tief tauchte, um verhakte Anker zu lösen. Als er wegen einer Wette mit Freunden vom Hauptmast der Galeere ins Meer sprang und zweimal unter dem Kiel hindurchschwamm, vom Heck bis zum Bug natürlich. Wenn er noch zwanzig gewesen wäre, hätte er versucht, unter den Flammen hindurchzutauchen, die sich über ihm zusammengeschlossen hatten. Doch jetzt war er über siebzig, seine Lungenkraft und Wendigkeit hatten nachgelassen, er hätte riskiert, mitten im Höllenfeuer aufzutauchen. Nur die Hoffnung, dass das Öl zur Neige ging, ließ ihn durchhalten. Die Schlinge aus knisterndem Feuer zog sich zusammen, die Meeresoberfläche hatte angefangen zu dampfen, die obere Handbreit Wasser kochte. Der Alte wirbelte mit den Armen, damit das kalte Wasser aufstieg, das ihn vom Nabel abwärts umgab. Eine große silberne Meeräsche schoss aus dem Wasser und schlug klatschend, mit dem Bauch voran, etwas entfernt wieder auf. Mehrmals wiederholte sie den Sprung, bis sie am Rand des Feuers angelangt war. Dann tauchte sie ab. Der Alte wollte sich vorstellen, dass die Meeräsche mit der Schicht warmen Wassers spielte, und hoffte, sie würde zurückkommen, damit er wenigstens die Gesellschaft eines zu Späßen aufgelegten Fisches hatte. Er drehte sich und blickte umher, doch die Oberfläche war glatt und glänzte wie ein Silbertablett. Hier und dort dümpelten dunkle Umrisse im Gegenlicht der Flammen: Holzstücke, Seile, Lumpen, eine Flasche, die der Explosion entkommen war.

In diesem Augenblick entdeckte er sein Boot. Es war umgekippt, der flache Kiel zur Seite geneigt. Es sah aus wie der Rücken eines toten, treibenden Wals und war der Feuerfront so nah gekommen, dass der Vordersteven, wo Flämmchen aufflackerten, schon rauchte, anscheinend unschlüssig, ob er brennen oder widerstehen sollte. Dennoch erkannte der Alte dank des Instinkts und der Erfahrung eines Menschen, der sein Leben außerhalb von Hausmauern verbracht hat, in diesem gespenstischen Anblick den süßen Vorboten der Rettung.

8

Der erste Eindruck, nachdem sie an der Kirche um die Ecke gegangen waren, eine Welle aus glühendheißer Luft, traf Andrea mitten ins Gesicht und lähmte ihn wie eine Böe Schirokko, doch fünfmal heißer als der Augustschirokko. Unwillkürlich schloss er die Augen, ergriff einen Zipfel seines Ledermantels und legte ihn sich über das Gesicht. Die Glutwelle stieg auf und fuhr ihm wie ein Kamm durch die Haare.

Was Andrea vor sich hatte, übertraf alle Vorstellungskraft, alle Voraussicht, die beim Betrachten des Feuers aus der Ferne entstanden war. Direkt vor ihnen ragte von Norden nach Süden über eine Länge von einer Viertelmeile eine Feuerwand auf. Noch vor einer Stunde hatte hier die westliche Umfriedung des Arsenale gestanden, eine drei Ellen starke Mauer aus Stein. Das Prasseln war ohrenbetäubend, es verlieh den flüchtig zuckenden Flammen Körperlichkeit. Ihr Farbspektrum variierte von Blau bis Violett, von Gelb bis Blassrosa, je nach dem Material, das verbrannte.

Von Zeit zu Zeit veränderten sich unter Knallen und Knattern die Farben und Bewegungen der Feuersäulen, sie wurden zusammengedrückt und gekräuselt. Am oberen Saum des Feuerwalls lösten sich Flammenzungen und Funken aus der lodernden Masse, um in einer Höhe von mindestens weiteren hundert Ellen Pirouetten und Sprünge zu vollführen und sogar den Campanile von San Francesco oder das, was von ihm blieb, zu überragen. Bevor sie aber auch noch die Sterne in Brand setzen konnten, nahmen die Lohen eine weißliche Färbung an und verwandelten sich in Asche und Rauch.

Und während dieses majestätische, entsetzliche Schauspiel die Bühne beherrschte wie eine allzu ausgefeilte und überbeleuchtete Theaterkulisse, brachte das, was sich im Vordergrund, zwischen Andreas Beobachtungspunkt und der Feuerwand darbot, Geist und Körper zum Erschauern. Denn dort gab es kein Stadtviertel aus Häusern mehr, kein Kloster mit Kirche und Campanile, keinen Rio, keine Gassen und Brücken, sondern nur noch ein verwüstetes Gelände, wo Hügel aus den Materialien der einstigen Gebäude aufragten: Marmorstücke, Backsteine, istrischer Kalkstein, Dachbalken, Pfeiler, Mörtel und Sand, Türen und Fensterrahmen, Stoffe und Glasscheiben. Durch diese Wüstenei irrten im Gegenlicht menschliche Silhouetten. Ihr Schreien und Rufen, ihr Weinen und ihre Gebete schufen, vermischt mit dem Prasseln der Flammen, eine eigene Welt, die man für die Unterwelt hätte halten können.

Kaum etwas war stehengeblieben. Nur die Apsis der Kirche der Celestia mit dem ganzen Hochaltar, um den sich kniend die Nonnen versammelt hatten, bot wie eine heilige Höhle Schutz vor den Flammen. Andrea war gewiss kein frommer Christ, doch bei diesem Anblick musste er unwillkürlich an ein Wunder denken, denn dort auf dem Hochaltar stand die Statue der Madonna mit dem Kind, die viele verehrten. Dann sah er den Stumpf des Campanile an die Rückwand der Kirche gelehnt, und eine rationale Erklärung gewann die Oberhand über das vermeintliche Wunder: Der Campanile hatte die Apsis vor der Explosion bewahrt, indem er zerberstend die Druckwelle abhielt.

Andrea war, als brenne er vor Erregung, aber er verwechselte wieder einmal eine Sinnesempfindung mit einem Gefühl. Denn Andrea brannte wirklich: Der Ledermantel, mit dem er sich schützen wollte, war glühendheiß und roch versengt, ebenso jene Stellen seiner Hose, die der Hitze des Feuers am nächsten gekommen waren, während seine Stiefel die Spuren kochenden Öls trugen. Er fühlte seinen Kopf erglühen und fuhr mit der Hand darüber. Sogar seine Haare hatten sich gekräuselt wie Wildschweinborsten. Das war ihm schon einmal als Kind passiert, in der Glasbrennerei Barovier in Murano vor dem Ofen, über dem Feinschmecker wie sein Vater gerne Aale rösteten.

Sofort dachte er daran, sich auszuziehen. Da packte ihn etwas wie eine Klaue am Arm und riss ihn nach hinten. Einen Augenblick später überflutete ihn ein Schwall eiskalten Wassers vom Kopf bis zu den Füßen und sogleich erhob sich eine Dampfwolke vom Boden und aus den erhitzten Kleidern, als wäre er Eisen, das im Wasser gekühlt wurde.

»Wolltet Ihr verbrennen?«

Der Anführer aus dem Arsenale starrte ihn an, einen Eimer in der Hand. Hinter seinem Rücken drängten sich die Freiwilligen in einem Winkel, den die Wand des Campanile mit der Kirchenmauer bildete. Sie gossen sich abwechselnd Wasser über den Kopf, das aus einem Brunnen geschöpft wurde, andere befeuchteten die Decken.

»Danke«, sagte Andrea aufatmend.

»Wusstet Ihr nicht, dass im Feuer leben dasselbe ist wie unter Wasser leben?«, fragte der andere.

Andrea betrachtete ihn, ohne den Sinn seiner Worte zu erfassen.

»Man muss entweder ein Teufel oder ein Fisch sein, meint Ihr nicht?«, erklärte der Mann. »Seid Ihr zufällig ein Teufel?«, und gleichzeitig reichte er ihm die Hand. »Bepo Rosso, Werkmeister der marangoni.«

Andrea drückte ihm kräftig die Hand – er hatte sich nicht geirrt.

»Andrea«, er zögerte, »Andrea Loredan.«

Bei diesem Namen schien der Werkmeister überrascht oder vielleicht eingeschüchtert zurückzuweichen.

»Aha!«, rief er aus. »Ihr kamt mir gleich bekannt vor«, er verbeugte sich leicht, »Ser Loredan.«

»Bitte nicht, das ist nicht nötig«, sagte Andrea verlegen.

Der Werkmeister musterte ihn mit fragender Miene, dann hellte sich sein Gesicht auf und nahm den verschwörerischen Ausdruck des Mitwissers um ein Geheimnis an.

»Geht in Deckung wie die anderen«, sagte er halblaut und begleitete Andrea zur Gruppe. »Durchtränkt Euch gründlich mit Wasser und nehmt eine nasse Decke mit, denn auf dem Weg zur Celestia werden wir wie die Hühner gegrillt.« Dabei reichte er ihm den Eimer.

Andrea nickte lächelnd, hob den Eimer über seinen Kopf und goss sich noch mehr kaltes Wasser über das Gesicht. Er öffnete den Mund und trank in tiefen Zügen, bis er sich erfrischt fühlte. Dann ließ er sich das Wasser am Körper hinabrinnen, auch in die Stiefel. Bis zum letzten Tropfen.

Unterdessen hatten sich die Freiwilligen, in die Decken gewickelt, zu zweit hintereinander aufgestellt. Sie sahen aus wie Mönche bei der Karfreitagsprozession. Bepo Rosso musterte sie prüfend, dann setzte er sich an die Spitze der Truppe.

»Nicht rennen«, sagte er. Er zeigte auf den Rio della Celestia, der hier und da mit den roten Lichtreflexen des Feuers zwischen den Trümmern der Häuser auftauchte, und fuhr fort: »Wir gehen zusammen zum Wasser, füllen die Eimer und gehen Richtung Kirche. Wer uns entgegenkommt, wird in eine Decke gehüllt und mitgenommen. Klar?«

9

Sie zogen los, ließen die Ruinen der Calle Sagredo zur Linken hinter sich und gingen zwischen den herausgerissenen Grabsteinen und den mit Schutt bedeckten Gräbern des Friedhofs von San Francesco hindurch. Vor ihnen lagen die Trümmer einer Reihe Häuser. Bei einem war die Innentreppe stehengeblieben. Dort versuchte ein Mann, einen Türflügel anzuheben. Sein Gesicht war von Brandwunden entstellt, die Haut dunkel und aufgedunsen, als wäre er leprakrank. »Caterina!«, rief er immer wieder verzweifelt zum Boden gewandt, in die Trümmerschicht hinein, die nichts anderes bedecken konnte als den Tod.

»Wen habt Ihr dort unten?«, schrie der Werkmeister, um das laute Prasseln der Flammen zu übertönen.

Der Mann hob die Augen und starrte ihn mit schmerzverzerrter Miene an. »Meine Tochter und meine Mutter«, brachte er mühsam heraus. »Sie schliefen zusammen im Zimmer im Erdgeschoss.« Er bewegte den Kopf, als wollte er Luftblasen erhaschen, und fasste sich an ein Ohr, um sich zu kratzen, doch das Ohr blieb in seinen Fingern hängen. Teilnahmslos betrachtete er es, aber seine Augen standen nicht still, als folgten sie dem Flug eines Insekts. »Auch Luca und Marcantonio sind dort unten«, sagte er.

Der Werkmeister sah, dass sein Nacken und ein Teil des Kopfes schmorten und rauchten. Er versuchte, den Mann in eine nasse Decke zu hüllen. Dieser wich entsetzt zurück und wurde zornig. Er drohte mit erhobenen Fäusten.

Andrea, der dazugekommen war, um zu helfen, erkannte in ihm einen Mann, der in der Münze arbeitete, einen gewissen Cenigo, Vetter von Antonio Milledonne, dem Sekretär des Rates der Zehn. Ein einfacher Bürger und Buchhalter, der ein solcher geblieben wäre, wenn er im vergangenen Jahr nicht in einen Skandal wegen seiner Einstellung bei der Münze verwickelt worden wäre. Die abgewiesenen Konkurrenten hatten ihn beschuldigt, den Platz nicht wegen seiner Verdienste bekommen zu haben, sondern weil Milledonne Druck auf die Mitglieder des Zehnerrates ausgeübt hatte.

Andrea selbst hatte im Namen einer großen Gruppe junger Patrizier die scharfe Kritik von Teilen des Großen Rates an diesem Fall von Nepotismus zum Ausdruck gebracht. Es hatte nichts genützt: Der Skandal war einige Wochen lang in aller Munde gewesen und dann in Vergessenheit geraten. Er erinnerte sich, dass die Misshelligkeiten mit seinem Vater, dem nichts wichtiger war als der liebe Friede, auch anlässlich der Geschichte mit Cenigo entstanden waren und einige Monate später zu dem Streit geführt hatten, der ihn bewogen hatte, den Palazzo zu verlassen.

Als er jetzt die Verzweiflung dieses armen Mannes und seinen zerfallenden Körper sah, vergaß Andrea allen Groll. Aufgrund jenes seltsamen Phänomens, durch das Feinde manchmal zu besten Freunden werden, hätte Andrea sogar alles getan, um Cenigo und seine Familie zu retten, und sollte es ihn das eigene Leben kosten. Mit zwei entschlossenen Sprüngen war er an seiner Seite, um den Mann aufzumuntern und ihm beim Graben zu helfen. Doch die Stimme des Werkmeisters hielt ihn zurück:

»Dieser Mann hat schon Hilfe, Ser Loredan, kommt mit!«, sagte Bepo Rosso. »Dort hinten sind Menschen, die uns wirklich nötig brauchen!« Andrea beeilte sich, dem Werkmeister zu folgen, der mit den anderen Freiwilligen auf das zuging, was von der Kirche der Celestia übrig war. Dort, weniger als vierzig Schritte entfernt, stimmten die Nonnen das Requiem an.

10

Der Alte wusste um das launische Wesen des Feuers. Dem Wasser vertraute er. Auch dem stürmischen. Dem Feuer nicht. Das Feuer war ein Löwe, der erst mit den Klauen zuschlug und sein Opfer dann zerriss. Die Klauen spürte der Alte schon fünf oder sechs Ellen vor dem Boot, obwohl er unter Wasser schwamm. Er hatte gerade noch Zeit, sich die Lungen mit einem Schwall glühender Luft zu füllen und wieder unterzutauchen. Der Umriss des Bootes war eine dunkle Wolke im goldenen Licht des Feuers. Unerreichbar. Der Alte musste Luft holen, aber er wusste, dass er sterben würde, wenn er jetzt auftauchte. Es drängte ihn, umzukehren, doch ihm war klar, dass er es nach der Anstrengung der Kehrtwende nie und nimmer wieder zu seinem Ausgangspunkt schaffen konnte. Er biss die Zähne zusammen und machte zwei Schwimmstöße. Der Schatten des Bootes schien ganz nah, über ihm, aber es war noch weit, unerreichbar. Noch ein Stoß, er zerriss das Wasser wie einen seidenen Schal. Seine Brust bebte. Er stieß alle Luft aus, damit Bewegung in die Lungen kam und er weniger litt. Im nächsten Moment, das spürte er, würde er gegen seinen Willen den ursprünglichen Impulsen des Lebens gehorchen, sein Mund würde sich öffnen, um zu atmen. Dann würde er ertrinken.

Er schloss die Augen, neigte den Kopf und ließ sich nach oben treiben. In dem Moment, in dem seine Lippen sich öffneten und der erste Schwall Wasser ihm in die Kehle drang, hatte er das deutliche Gefühl, dass ihm eine warme Wollmütze aufgesetzt wurde. Er spürte seine Finger an die innere Bootshaut schlagen, ohne Halt zu finden, aber seine Augen sahen wieder. Er war im Bauch des umgekippten Bootes, lebendig, wenn auch kurz vor dem Ertrinken.

Er hustete den Pfropfen Wasser aus der Luftröhre, der auf seine Lungen drückte und sie verschloss. Zappelnd, denn das Meer sog ihn ein wie eine halbleere Flasche ohne Korken. Wieder berührten seine Finger festes Material. Jetzt griffen sie zu. Er zog sich hoch und konnte einen Arm über die Sitzbank des Bootes schieben.

Ein halber, schmerzhafter Atemzug. Ein Auswurf aus Wasser und Schleim. Wieder ein Atemzug, noch mit halber Kraft. Doch fast schon befreiend zwischen erneutem, röchelndem Husten, das all den flüssigen Dreck auswarf. Noch ein Atemzug. Dieser war vollständig. Und mit der Luft kam die Kraft zurück. Der Alte zog sich mit dem anderen Arm hoch, bis er die Sitzbank unter beiden Achseln hatte. Er hätte geweint, wenn er Zeit gehabt hätte.

Beschützt durch den Bauch des umgekippten Bootes fühlte er sich wie eine Schildkröte in ihrem Panzer nach dem Angriff des Löwen. Erschrocken, aber in Sicherheit. Die Luft, die er atmete, war warm, aber es war Luft. Sie war erfüllt von Rauch und dem starken Geruch des Holzes mit dem erhitzten Pech der Kalfaterung.

Er musste umdrehen, denn das Boot konnte im nächsten Moment von den Flammen erfasst werden. Wieder verließ er sich auf seine Erfahrung: Das einzige Licht in diesem Dunkel waren die Reflexe des Feuers, die das Wasser von unten widerspiegelte. Also drehte er dem Vordersteven und dem Feuer den Rücken zu und begann, gestützt auf die Sitzbank, mit den Beinen zu schwimmen wie ein Frosch. So schob er seinen Panzer hinaus auf das rettende dunkle Wasser.

11

Im Halbdunkel der Apsis war die Luft lau, und es war ruhig, sogar das Prasseln der Flammen drang nicht bis hier hinein. Ein Dutzend Nonnen und drei Novizinnen knieten im Halbkreis zu Füßen des Altars unter dem Bild der Muttergottes mit Kind und setzten ihren Gesang fort. Die weißen Kutten ließen sie alle gleich alt erscheinen, nur ein paar Falten um die Augen und Lippen gestatteten es, manch betagtere von den jüngeren zu unterscheiden. Alle hatten weiße Haut, weiß wie ihr Gewand und von wächserner Konsistenz.

Bepo Rosso lauschte reglos dem Requiem und schien seine Selbstsicherheit als Kommandant verloren zu haben, denn er zögerte, das Lied zu unterbrechen, als böte die Heiligkeit des Gesangs Schutz und Rettung, nicht der starke Bau der Apsis. Das Winseln eines Hundes lenkte ihn ab. Und dieses klagende Winseln ließ auch den Gesang verklingen. Das Tier erschien zwischen Marmorblöcken und Backsteinen, die den Campanile gestützt hatten. Es war ein kurzhaariger Mischling. Er kam mit scharrenden Vorderpfoten näher, den Rest seines Körpers oder was davon geblieben war, hinter sich her schleifend. Denn das war kein Körper mehr, sondern ein zerfetztes Etwas aus Hinterbeinen, dem Schwanz und dem Bauch, das den Boden der Kirche mit einem dunklen Streifen Blut bemalte. Von Zeit zu Zeit drehte er den Kopf und wühlte mit den Zähnen in seinem Fell. Wie ein sterbender Fußsoldat, der den anderen und sich selbst beweisen will, dass er noch lebt, schleppte sich der Hund zwischen den Freiwilligen und dem Chor der Nonnen hindurch. Bei Andrea angekommen, kauerte er sich an dessen Seite, wie er es bei seinem Herrchen getan hätte. Er fing an zu zittern und nach Luft zu schnappen. Da ergriff Bepo Rosso einen Stein und näherte sich dem Hund, um ihm den Gnadenstoß zu geben.

»Nein!« Der Schrei einer Novizin ließ den Werkmeister innehalten, bevor der Stein fiel. Die Novizin kniete nieder, bettete den Kopf des Hundes auf ihre Knie und streichelte ihn. Andrea trat einen Schritt zurück, als verdiente diese Geste des Mitleids ihren eigenen sakralen Raum. Dann blickte er zum Werkmeister auf, der in einer Geste unterbrochen worden war, die, obgleich entgegengesetzt, von ebenso viel Mitleid zeugte. Bepo Rosso schien etwas sagen zu wollen, vielleicht eine Entschuldigung. Doch er warf nur den Stein weg. »Wer ist die Äbtissin?«, fragte er die Nonnen, zu seinem Kommandoton zurückfindend.

Diese sahen ihn überrascht an, dann wechselten sie bestürzte Blicke, als gäbe es auf diese Frage keine eindeutige Antwort oder als käme sie ungelegen. Eine sehr alte Nonne erhob sich mühsam, unterstützt von der Novizin neben ihr. »Ich bringe Euch zu ihr«, sagte sie mit heiterer Gelassenheit, als empfinge sie einen unerwarteten Gast am Tor des Klosters. Ihre Worte begleitete sie mit einem Fingerzeig auf eine dunkle Nische, die sich über den Bodenfliesen aus rosa Marmor öffnete. Es war der Eingang zur Krypta. In der kurzen Zeit, die Bepo Rosso benötigte, um dort anzukommen, erteilte er Befehle nach allen Seiten.

»Moretto, Davide, Campolongo und Rocco!«, sagte er, viermal auf die Reihe der Arsenalotti zeigend. »Ihr geht in die Häuser und seht nach, ob dort Lebende geborgen werden können. Ihr drei«, er zeigte auf ein Terzett aus Matrosen, die sich zusammengeschlossen hatten, »bringt die ehrwürdigen Schwestern zum Campo San Francesco. Sofort.«

Während die Angesprochenen sich eilig in Bewegung setzten, erfasste der Werkmeister alle anderen, einschließlich Andrea, mit einem Blick und schrie: »Wenn hier in der Umgebung Verletzte sind, die gehen können, begleitet ihr sie zur San Francesco. Sucht Türen und Torflügel und macht daraus Tragen für die, die nicht gehen können. Die Toten überlasst ihr der Gnade Gottes.« Bepo Rosso berührte das Schwert, das er am Gürtel trug. »Wen ich beim Stehlen erwische, den spieße ich auf!« Stille entstand, gefolgt von einem dumpfen, unverständlichen Gemurmel. Dann liefen alle los.

»Gestattet Ihr, dass ich mit Euch gehe?« Der Werkmeister drehte sich um: Andrea fixierte ihn ungeduldig.

»Natürlich«, sagte Rosso nur und wandte ihm den Rücken zu, um auf den Eingang der Krypta zuzugehen, wo die Nonne, auf jeder Stufe schwankend, schon hinabstieg. Andrea folgte ihm, nachdem er seinen Blick von der Novizin und dem armen Hund in ihrem Schoß gelöst hatte. Seine Zunge hing zwischen den Zähnen heraus, die Augen waren starr, während die junge Frau noch immer seine Schnauze streichelte.

12

Die sechs Stufen aus weißem, istrischem Kalkstein fielen fast senkrecht ab und zwangen den Besucher, den Oberkörper zu drehen, jeden Schritt genau abzuwägen und sich an dem starken Hanfseil festzuhalten, das an drei in der Mauer steckenden Eisenringen befestigt war.

Das Erste, was Andrea wahrnahm, war der Geruch von brennendem Wachs und ein Ansteigen der Temperatur, als käme man in einen Backofen. Er dachte an das Feuer ganz in der Nähe und wunderte sich, dass die Flammen unterirdische Wege gefunden haben mussten, um bis hierher zu gelangen. Als seine Füße den Boden der Krypta berührten, verstand er: In dem Raum mit dem niedrigen, angedeuteten Tonnengewölbe aus Backsteinen brannten unzählige kleine Votivkerzen. Der größte Teil der Lichter war vor einem gläsernen Schrein aufgereiht, dessen metallener Rahmen das Glas auf jeder Seite in viele kleine Quadrate unterteilte und stützte. Im schwachen Kerzenlicht war hinter den Reflexen auf den Glasscheiben der Körper einer Nonne zu sehen. Andrea zuckte zusammen, denn der in einen weißen Schleier gehüllte Körper schien sich in dem flackernden Licht zu bewegen, und als er näher hinschaute, war ihm, als läge in diesem zarten, ebenmäßigen Gesicht wirklich noch ein Anflug von Leben. Er wandte den Blick ab und ließ ihn weiter durch die Krypta schweifen. An der gegenüberliegenden Wand bargen sechs Nischen aus Stein die Körper verstorbener Nonnen, in ihre von Feuchtigkeit, Schimmel und Parasiten zerfressenen Kutten gehüllt. Jede Nonne hatte den Gegenstand neben sich, den sie gemäß der Regel des heiligen Benedikt im Leben benutzt hatte: einen Korb, eine Sichel, eine Bütte, einen Spaten, Steine zum Kornmahlen und eine Sanduhr zur Einteilung des Tages.

Andrea dachte daran, wie oft das Brot aus der Celestia bei ihnen zu Hause auf den Tisch gekommen war, und aus dem Klostergarten hatte man ihnen Artischocken, Äpfel und Kirschen geschickt. Freundlichkeiten, die sein Vater mit regelmäßigen Besuchen vergolten hatte, bei denen er die Nonnen großzügig beschenkte. Als Kind hatte Andrea den Vater oft begleitet. Er erinnerte sich an den Duft nach Gemüse im Refektorium, an die kühle Vorhalle mit der Statue der Madonna, das Lächeln der jungen Nonnen. Wie viele Jahre waren vergangen? Zwanzig? Er fühlte sich schuldig, weil es ihm seitdem kein einziges Mal eingefallen war, aus eigenem Antrieb dorthin zurückzukehren, um diesen frommen Frauen, die im Schweigen und in der Arbeit ihren Lebenssinn fanden, ein Geschenk zu machen. Und Venedig war nicht groß, er hätte keine Berge und Meere überwinden, sondern nur über ein paar Brücken gehen müssen. Taddea hatte oft von der Celestia gesprochen, denn in ihrer frühen Jugend wäre sie auf väterlichen Druck fast in den Orden eingetreten. Nachdem sie Andrea begegnet war, hatte sie den Wunsch geäußert, in dieser Kirche zu heiraten. Er hatte sie nie nach dem Grund gefragt.

Die Erinnerung an Taddea, die Frau, die er erst vor wenigen Stunden verlassen hatte, ließ Andrea erschauern und drängte ihn, sich zu bewegen. Er tat ein paar Schritte in die Mitte der Krypta, die auf zwei parallelen Säulenreihen aus griechischem Marmor mit würfelförmigen Kapitellen ruhte. Weiter hinten, dort wo die Säulenreihen perspektivisch zusammenliefen, befand sich ein schlichter kleiner Marmoraltar. Zu seinen Füßen standen, über eine Ordensschwester gebeugt, die mit dem Rücken an einem der Altarbögen lehnte, Bepo Rosso, die Nonne, die ihn begleitet hatte, und eine Novizin.

Die sitzende Frau musste Lucia Vivarini sein, die Äbtissin, die ihm den Brief geschickt hatte. Andrea hatte erst einen Schritt getan, als das dunkle Dröhnen einer starken Explosion bis in die Krypta drang und sie erbeben ließ. Putzbrocken fielen von der Decke, und der Staub rieselte aus den Mauerritzen wie Sand in einer Sanduhr. Andrea legte die Arme über den Kopf, kauerte sich nieder und erwartete den Einsturz. Doch mehr geschah nicht. Als das Dröhnen und die Vibration aufhörten, gab Bepo Rosso, der sich mit derselben Befürchtung umgesehen hatte, Andrea ein Zeichen, näher zu kommen.

13

Wenn es einen Weg gab, um diese Hölle zu überleben, dann hatte der Alte ihn wahrscheinlich gefunden. Sein umgekipptes, beinahe unversehrtes Boot zu entdecken war natürlich der erste, entscheidende Schritt gewesen. Es zu benutzen, um durch die Mauern aus Feuer zu dringen, gehörte indes zu jenem großen Repertoire an wichtigen Eingebungen, dank derer er trotz der bösen Absichten seiner Feinde und des ständigen Kampfes mit dem Schicksal alt und grau geworden war.

Darum war er, als er die Mitte des glühenden Tümpels erreicht hatte, unter dem Boot hervorgekommen und hatte die Bootswand befeuchtet als wäre sie der Rücken eines verschwitzten Pferdes. Dann hatte es eine neue, starke Explosion gegeben, und er hatte sich sofort wieder unter seinem Schild versteckt. Das Boot war zwar aus robusten, ein Zoll dicken Mahagoniholzplanken gebaut, doch der Bug war wegen der Nähe der Flammen und der Druckwelle der Explosion in sehr schlechtem Zustand. Denn in jener Nacht, etwa eine Stunde nach Mitternacht, war der Alte wie vereinbart am Ufer der Celestia, dort, wo die Nordwand des Klosters in die Gartenmauer überging und sich bis zum Kanal des Arsenale hinzog, an Bord des von seinem Gehilfen gesteuerten Bootes gegangen. Bei der ersten Explosion, die den größten Teil eines Lagerdaches abgedeckt hatte, hatte er noch versucht, zurück auf die Lagune in Richtung Murano zu gelangen, doch schon nach wenigen Ruderschlägen hatte eine zweite Explosion sie direkt getroffen. Das Boot, dessen Bug der Druckwelle ausgesetzt war wie ein Blatt dem Herbststurm, hatte sich aufgebäumt und überschlagen, was die beiden Insassen vor dem Stoß beschützte. Benommen, taub und mit vernebeltem Blick, hatte der Alte versucht, seinen Gehilfen davon abzuhalten, zur Celestina, dem nächstgelegenen festen Boden zu schwimmen, er hatte ihm zugerufen, er solle zurückkommen, denn hinter der Mauer des Arsenale liegen noch Berge von Schießpulver. Vergebens. Da hatte er sich von ihm getrennt und war dem Ufer von San Francesco della Vigna zu geschwommen. Dann hatte es weitere Explosionen gegeben, das Öl hatte Feuer gefangen, und der Wind hatte zusammen mit der Strömung den Rest besorgt, um diese rettende Tür vor ihm zuzuschlagen.

Doch er war zäh, und jetzt durchquerte er, mit den Beinen paddelnd und das umgekippte Boot mit den Armen vorwärtsschiebend, unter seinem Schild das Feuer. Denn an der Oberfläche brannte zwar das Öl, aber schon einen halben Zoll tiefer herrschte unangefochten das Wasser. Und der Bootsleib, dessen Bordwände gut zwei Handbreit tief im Wasser lagen, ließ das Feuer nicht hinein.

Zum Problem wurden allenfalls die Größe des Flammenwaldes, den er durchqueren musste, und die Widerstandskraft der Schiffshaut über längere Zeit. Der Alte wusste, dass zum Beispiel ein dünnes Blatt Papier, wenn es nass war, glühendem Glas widerstehen, es sogar verformen konnte. Er wusste auch, dass Kalfaterer die feuchte Bootshaut mit Fackeln bearbeiteten, um sie mit Stoppeln, Talg und Pech abzudichten. Und das alte Mahagoniholz dieses Bootes musste schon recht viel Wasser getrunken haben. Was hätte er außerdem tun können? Also blieb er unter seinem Schild, im brennenden Wasser, atmete die schmutzige Luft, die immer wärmer wurde, und hoffte, dass nicht irgendwann eine Flamme zwischen den Planken hervorschießen würde. Wenn er wirklich geglaubt hätte, dass es half, hätte er gebetet, doch er hatte zu viel gesehen, zu viel gelitten. Also tat er das Einzige, was ihm einfiel, wenn die Angst ihn auffraß. Er fing an zu singen.

14

Die Äbtissin hatte die Augen halb geschlossen, ihr Atem ging schnell und unmerklich, ein Faden Blut rann aus ihrem Mundwinkel und hatte einen roten Fleck auf der zerrissenen, rauchgeschwärzten Ordenstracht hinterlassen. Die Novizin stützte ihren Kopf mit einem Arm, mit der anderen Hand benetzte sie ihr von Zeit zu Zeit die Stirn. Eine Stirn voller Falten. Falten furchten auch ihre Wangen, nur die Wangenknochen waren glatt wie Inseln im sturmgepeitschten Meer. Falten zogen sich fächerförmig um die Lippen, die einst schön gewesen sein mussten. Andrea sah die schütteren, weißen Augenbrauen, dann ging sein Blick an dem faltigen, dünnen Hals hinab, über die fast reglose Brust ohne Atem, bis zu den verkrümmten Händen.

»Nach der Komplet«, sagte die alte Nonne flüsternd, »hat die Äbtissin uns zum Rosenkranzgebet in die Kirche geschickt.« Sie bekreuzigte sich rasch und fügte, an den Werkmeister gewandt, hinzu: »Morgen ist Kreuzerhöhung. Dass wir gerettet sind, verdanken wir ihr und der allerheiligsten Jungfrau und Gottesmutter.«

Der Werkmeister schwieg einige Augenblicke lang respektvoll, dann beugte er sich zur Äbtissin vor, die nicht mehr zu atmen schien. »Ehrwürdige Mutter«, redete er sie leise an. Sie begann wieder zu atmen, kaum wahrnehmbar, und bewegte leicht den Kopf.

»Nach der ersten Explosion ist unsere Schwester aus der Kirche ins Refektorium zurückgekehrt, um die Köchin zu uns zu holen«, erzählte die Nonne weiter. »Dann gab es wieder einen Knall, und die Welt ist eingestürzt …«

»Mutter«, wiederholte Bepo Rosso lauter, der die Nonne gar nicht zu hören schien, so vertieft war er in sein Bemühen, die Äbtissin wieder zu Bewusstsein zu bringen.

»Wir haben sie im großen Kreuzgang gefunden«, fuhr die Nonne fort, »eine Säule hatte ihr die Beine zerschmettert. Wir konnten sie befreien und haben sie hierhergebracht, in Sicherheit.« Sie schüttelte traurig den Kopf.

In diesem Moment fand die Äbtissin die Kraft, die Augen aufzuschlagen. Es war, als öffneten sich zwei Spalten des Himmels. Andrea wurde von diesen Augen gebannt wie von einer uralten Erinnerung, die er nicht zu fassen noch zu deuten wusste. Ein Schrein hatte sich geöffnet. Denn in diesen Augen gab es, wie in kostbaren Steinen, keine Spur des Alters. Auch keine Jugend. In diesen Augen floss keine Zeit, nur Licht. Sie hatten die Farben des Wassers, in ihnen verschmolz das Blau des tiefen Meeres mit dem hellen, fast silbrigen Azur einer Quelle. Solche Reflexe hatte Andrea in einigen sehr wertvollen Edelsteinen gesehen, Aquamarine nannten sie die deutschen Händler, die sie zum letzten Himmelfahrtsfest aus Flandern mitgebracht hatten.

Die Augen bewegten sich: vom Werkmeister hinüber zu der alten Nonne, die sich, von Trauer überwältigt, eine Hand vor den Mund legte, um ihr Schluchzen zu unterdrücken. Die Äbtissin lächelte einen Augenblick lang. Ihre Augen kamen nicht zur Ruhe, jetzt fanden sie Andrea. Sie scheint mich länger anzusehen, dachte er. Aber die müden Lider schlossen sich wieder. Ein schmerzhafter Hustenanfall, ein Röcheln und Blut, das über die Lippen das Kinn hinabfloss und das die Novizin rasch mit einem Tuch abtupfte.

Erneut blickte die Äbtissin Andrea an, und je länger sie ihn fixierte, desto mehr schienen ihre Augen ihn festzuhalten und zu bannen.

»Wir müssen sie zum Ospedaletto bringen«, schaltete sich Bepo Rosso ein.

»Ich suche eine Trage.« Andrea wollte sich erheben, doch da hob die Äbtissin mit großer Anstrengung den Arm und bewegte die Finger, als wollte sie ihn zurückrufen. Eine Geste, die bei allen Staunen hervorrief, außer bei Andrea.

»Mutter Oberin«, sagte er flüsternd. Sie streckte die zitternden Finger nach ihm aus.

»Nehmt ihre Hand«, riet Bepo Rosso mit einem unvermutet zarten Unterton in seiner rauen Stimme.

Andrea zögerte, doch er tat, was ihm der Werkmeister geraten hatte. Er streifte die Hand und spürte sehr deutlich die Kälte des nahenden Todes, doch auch die Anstrengung, die die Frau aufwandte, um ihn zu sich heranzuziehen. Andrea kniete dicht vor ihr nieder.

»Ehrwürdige Mutter«, sagte er und bemühte sich, sie anzulächeln. Die Augen und der ganze obere Teil ihres Gesichts begannen zu leuchten. »Seid unbesorgt«, sagte Andrea, um ihr Hoffnung zu geben. »Wir bringen Euch weg von hier.«

Bei diesen Worten fand der Werkmeister zu seinem Plan zurück. »Loredan, Ihr bleibt bei der ehrwürdigen Mutter, ich gehe eine Trage suchen.« Darauf entfernte er sich.

Ein leises Raunen weckte Andreas Aufmerksamkeit. Die Äbtissin bewegte die Lippen, sie versuchte zu sprechen. Er rückte näher an sie heran. Doch nur ein Hauch kam von diesen Lippen, von krampfartigen Atemzügen unterbrochen, in denen sich kein Wort mitteilte. Plötzlich war ihm, als hätte die Äbtissin seinen Namen geflüstert. Vor Überraschung verschlug es ihm den Atem. Also hatte sie ihn erkannt, und er durfte sie nicht enttäuschen. »Ich bin hier«, sagte er lächelnd.

Mit großer Mühe hob die Äbtissin die andere Hand und ließ ihre Fingerspitzen über seine Wange gleiten. Verwirrt betrachtete er sie. Er verstand nicht und fühlte sich wie ein Gast, der zufällig zu dem äußerst bedeutsamen, heiligen Moment des Sterbens zugelassen wird. Gerne wäre er fortgegangen. Doch sie sprach wieder zu ihm, diesmal verständlich, jedes Wort betonend, als wäre es das letzte.

»Andrea«, hauchte sie, »… suche furchtlos … in den Edelsteinen des Himmels … und in der Seele wirst du … die Wahrheit finden.«

Andrea sah, wie die Hand der Äbtissin auf etwas zeigte. Er drehte sich um: Zehn Schritte entfernt stand der gläserne Schrein zwischen den beiden Marmorsäulen. Da fiel die Hand wieder herab. Die Augen bewegten sich nicht mehr und wurden trübe.

Die Novizin löste sich erschrocken von der Äbtissin. Die alte Nonne bekreuzigte sich abermals und begann, das Requiem zu murmeln. Sie tat es mit der gemessenen Resignation, mit der ein Arzt vor einem soeben verstorbenen Patienten die Instrumente niederlegt.

Andrea ließ die Hand der Äbtissin los. Auch er schlug ein Kreuzzeichen, nicht aus Überzeugung, sondern aus Respekt vor der Toten, den beiden Ordensschwestern und der heiligen Stätte. Er richtete sich auf, tat einen Schritt zurück und ging leicht gebückt zwischen den beiden Säulenreihen auf den Ausgang zu. Als er an dem Schrein vorbeikam, ließen ihn die geflüsterten Worte der Äbtissin, ihr beharrliches Weisen auf den Schrein innehalten und genauer hinschauen. Was hatte sie ihm sagen wollen? Andrea fuhr mit den Fingerspitzen über eine der Glasscheiben. Das Glas war glatt, kalt und vollkommen durchsichtig. Er erkannte, dass es cristalìn war, ein Glas von höchster Qualität, sehr widerstandsfähig und teuer, das von den besten Brennereien in Murano hergestellt wurde. Es war mit unzähligen Pünktchen aus weißem Emaille verziert, die Kringel, Rauten und Spiralen formten. Einige Kratzer an der Innenseite zeigten, wie dünn es war. Diese Entdeckung brachte ihn dazu, sich das Metallgeflecht näher anzuschauen, das den Schrein umgab. Es war nicht nur ein Schutz, wie er gedacht hatte, sondern bildete den tragenden Rahmen, in den die Scheiben aus Cristalìn eingefügt waren. Eine überaus raffinierte Arbeit.

Plötzlich hallte ein naher Schuss in der Krypta wider und lenkte Andreas Aufmerksamkeit auf das, was draußen vor sich ging. Beim zweiten Schuss, an dem er unzweifelhaft eine Arkebuse erkannte, ergriff er das Hanfseil und stürzte nach oben.

15

Zuerst sah Andrea zwei Gestalten, zehn Schritt entfernt, dann roch er den süßlichen Geruch des Schwarzpulvers. Die Nonnen waren verschwunden, auch die Flammensäulen, die zu einem rötlichen Widerschein mit viel Rauch und wenig Glut zusammengefallen waren. Im Osten bereitete sich der Himmel darauf vor, den Tag zu empfangen, ein milchiges Licht umgab den unregelmäßigen Umriss der Apsis, während die Himmelskuppel im Norden noch voller Sterne war.

Andrea ging auf die beiden Gestalten zu. Er erkannte die dunkle Mütze mit der Schleife, dann die Weste und die Kniebundhosen zweier Fanti da Mar aus dem Infanteriekorps der Republik Venedig. Sie luden ihre Arkebusen. Der Erste sah Andrea und legte die Waffe auf ihn an. »Halt! Wer seid Ihr?«, schrie er und tat, als sei er zum Schießen bereit.

Unbeeindruckt, denn er wusste, dass noch kein Blei im Lauf war, kam Andrea näher. »Runter mit dem Gewehr, Fante!«, befahl er. »Ich bin Andrea Loredan, dein capitano. Ich bin hier, um Hilfe zu leisten.«

»Loredan aus dem Dogengeschlecht?«, fragte der andere ein wenig verängstigt.

»Genau der«, antwortete Andrea knapp.

Die beiden Soldaten nahmen Haltung an.

»Fante Molin di Este Zuàne, dritte Kompanie, erstes Regiment. Zu Befehl, Capitano!«

»Fante Albanexe Martino, dritte Kompanie, erstes Regiment Zara. Zu Befehl, Capitano!«

Andrea stand nun direkt vor ihnen. Sie waren noch sehr jung.

»Auf wen habt ihr geschossen?«

»Auf Diebe, Kirchenräuber. Sie sind von dort hinten gekommen«, murmelte der zweite Fante, indem er auf die Wand der Apsis zeigte und den Kopf ein wenig zwischen den Schultern versteckte.

»Wohin sind sie gelaufen?«, fragte Andrea. Der Kommandoton, den er selten gebrauchte, war ihm nicht unangenehm.

Die beiden Fanti schwiegen, dann zeigte einer auf den mit Trümmern und geborstenen, umgeknickten Bäumen übersäten Garten der Celestia, grau im anbrechenden Morgen und von Rauchschwaden eingehüllt. Tatsächlich, dort hinten, fünfzig oder sechzig Schritt entfernt, stolperten zwei Gestalten durch die Spuren der Verwüstung, flüchteten Richtung Lagune, während eine dritte versuchte, sie einzuholen, doch sie schwankte, als wäre sie betrunken. Plötzlich stürzte sie, fuchtelte einen Augenblick mit den Armen in der Luft und blieb dann reglos zwischen den Steinen liegen.

»Ihr habt ihn getroffen!«, rief Andrea ungläubig aus.

»Unmöglich, Signor Capitano«, erwiderte einer der beiden.

»Er ist gestürzt!«, fuhr Andrea ihn an.

»Wir haben in die Luft geschossen, Capitano.«

»In die Luft!«, bestätigte der andere.

Andrea ließ den Blick über das Trümmerfeld schweifen und fasste dann den Fante ins Auge, der unbefangener zu sein schien. »Himmel Herrgott, ihr habt ihn getroffen!«, schrie er. Dann nahm er sich zusammen und befahl: »Geht nachschauen!«

»Jawohl!«

Mit schnellen, synchronen Gesten luden die beiden Fanti ihre Arkebusen, indem sie das Blei in den Lauf steckten, es mit dem Stab hineindrückten und ihn mit Papier verschlossen. Sie schulterten die Gewehre und eilten, von Stein zu Stein hüpfend, als durchquerten sie eine Furt, in Richtung der Flüchtenden. Andreas Blick folgte ihnen, und als er sich an das schwache Licht des aufziehenden Morgens gewöhnt hatte, sah er in dem verwüsteten Gebiet andere Soldaten und viele Bürger umherirren. Helfer und Überlebende. Einige von ihnen gruben immer noch in den Trümmern, es konnten sowohl Diebe als auch Unglückliche sein, die alles verloren hatten und nun versuchten, sich in irgendeinem geliebten, vertrauten Gegenstand wiederzufinden. Ihr Graben erzeugte ein ganz ähnliches Geräusch wie das, was Andrea in den Mergelgruben der Euganeischen Hügel gehört hatte, wo die Steinmetze den ganzen Tag lang, vom Läuten zur Laudes bis zur Glocke der Komplet arbeiteten wie Termiten, die sich durch Balken aus Erlenholz fraßen.

Sie haben ihn umgebracht, dachte Andrea entsetzt, während die beiden Fanti den Gefallenen fast erreicht hatten und seine Kumpane, mittlerweile am Strand angekommen, von der Rauchwand verschluckt wurden, die sie in Sicherheit brachte.

Andrea sah, wie einer der beiden Fanti sich über den Dieb beugte, und rief: »Nun, wer ist es?«

»Er ist sehr jung!«, war die Antwort.

Andrea schloss verzweifelt die Augen, denn wenn diese jungen Männer ihn an ihrer eigenen Jugend maßen, musste er noch jünger sein als sie. Fast noch ein Kind.

Er schaute sich um, in der Hoffnung, die untersetzte, beruhigende Gestalt von Bepo Rosso zu erblicken, der ihn in diesem Moment hätte unterstützen können. Doch die ersten Brisen des Levante, eines Windes, der am Meer den Sonnenaufgang begleitet, lenkten die weißen Rauchwolken der Brandherde in eine neue Richtung. Die Luft wurde dick, gesättigt mit einer Mischung aus Gerüchen, die das Atmen unerträglich machten. Der Horizont verschloss sich, die Menschen begannen zu husten, und obwohl der Tag unaufhaltsam voranschritt, schien ein Schwarm nächtlicher Schatten erneut zu triumphieren.

Andrea, der gerne zu den beiden Soldaten gegangen wäre, wie sein Gewissen ihm riet und seine Rolle als Capitano verlangte, beschloss dennoch, auf den Werkmeister des Arsenale zu warten. Mittlerweile sah man nur noch ein paar Schritt weit, was angesichts des Todes und so großer Zerstörung fast eine Erleichterung war. Er begann zu husten und versuchte, die Luft durch ein Taschentuch vor dem Mund zu filtern. Doch dieser Pesthauch von verkohlten Stoffen, Hanf, Holz, Farben, Klebern und Fetten, alles Materialien, die ein Schiff ausrüsten, drang unaufhaltsamer und schädlicher in die Lungen als die Höllenluft, die sich beim Erhitzen von Fischleim oder beim Kalfatern der Boote mit Pech entwickelt. In der Ferne hörte Andrea weitere Schüsse. Er wandte sich um, und sein Blick fiel auf den Tabernakel über dem Altar: Das Türchen stand offen. Als er die drei Stufen zum Altar hinaufstieg, sah er einen umgestürzten Kandelaber und das auf den Steinboden gefallene, offene Messbuch. Das Lesepult war verschwunden. Die Explosion konnte es nicht gewesen sein, sie war nicht bis hierher gekommen. Im Tabernakel fehlte der Hostienkelch. Andrea hoffte inständig, die Nonnen hätten ihn weggebracht, doch die umgestürzten Gegenstände zwangen ihn, an Schlimmeres zu denken.

»Ich musste bis ins Arsenale gehen.« Bepo Rossos raue Stimme erklang von links. Der Werkmeister tauchte aus dem Nebel auf, über der Schulter zwei in Stoff gewickelte Holzstangen. Er blieb an der untersten Stufe stehen. »Ich habe diese Pritsche aus einer Galeere geholt. Wie geht es der Mutter Oberin?«

»Sie ist tot«, gab Andrea nur mit abwesender Miene zurück.

Der Werkmeister sah ihn resigniert an. Er ließ die Pritsche von der Schulter gleiten, die Stangen prallten dumpf auf dem Steinboden auf. »Sie ruhe in Frieden«, fügte er hinzu und setzte sich auf die Stufen. Als wäre seine Arbeitsschicht damit beendet, zog er ein Fläschchen aus seiner Weste, riss den Korken mit den Zähnen heraus und reichte es Andrea.

»Es ist Anisschnaps, möchtet Ihr?« Andrea schüttelte verwirrt den Kopf. »Nein, danke«, sagte er hastig. Der Werkmeister sah ihn skeptisch an, trank einen Schluck, schnalzte mit der Zunge und hustete. »Was ist los? Geht es Euch nicht gut, Ser Loredan?«, fragte er, im Versuch, Andreas Verstörung zu deuten.

»Diebe«, sagte Andrea, auf den Tabernakel zeigend. Dabei fiel ein Teil des Gewichts, das ihn bedrückte, von ihm ab. »Sie haben den Kelch mitgenommen und wer weiß was sonst noch.«

»Frevel!« Das war dem Werkmeister etwas zu dramatisch herausgeplatzt, um ehrlich zu wirken. Er blickte Andrea unverwandt an, denn er wartete auf den wahren Grund seiner Verstörung.

»Zwei Fanti haben geschossen«, fügte Andrea zögernd hinzu.

»Gut gemacht!« Rosso nahm einen zweiten Schluck Anisschnaps. Für ihn war ausgemacht, dass sein Gesprächspartner diese Ansicht teilte. »Auch beim Arsenale wurde ein Dieb getötet. Sie kommen überall hervor wie die Ratten bei Hochwasser.«

»Ihr findet das richtig?«, fragte Andrea nur, überrascht von der Brutalität eines Mannes, der ein braver Familienvater zu sein schien.

Bepo Rosso, ein erfahrener, aber impulsiver Mann, erkannte, dass er auf unsicheres Terrain geraten war. Er überlegte auch, dass es ein Geschenk des Himmels war, einen Patrizier von Loredans Rang unter so dramatischen Umständen kennenzulernen, wo entstehende Kameradschaft, wie im Krieg, meist auch nach dem Konflikt andauert. Dieses Geschenk musste er sich bewahren. Also beschloss er abzuwarten und blickte Andrea demütig wie ein Schüler, der eine Berichtigung durch seinen Lehrer erwartet, in die Augen.

»Gerechtigkeit schafft man nicht mit Gewehren«, sagte Andrea, doch ohne Nachdruck, denn auch er wollte sich einen Weg zu diesem Mann offenhalten, der ihm trotz seiner Ansichten Sicherheit einflößte.

Der Werkmeister ahnte Andreas Absichten und freute sich, ohne es zu zeigen. Im Gegenteil, er setzte eine betrübte Miene auf, und weil er es gewohnt war, Wind von allen Seiten zu bekommen, zwischen Matrosen und Arbeitern, Schiffskapitänen und reichen Reedern zu stehen und wendig zu bleiben wie ein Banner bei umschlagender Brise, fand er sofort die passende Antwort, um aus der Ecke herauszukommen, in die er sich selbst manövriert hatte, ohne sich zu erniedrigen und Andrea misstrauisch zu machen.

»Ich denke genauso wie Ihr, Ser Loredan«, räumte er mit gesenktem Blick ein. »Aber wir sind im Krieg. Und im Krieg gilt, wie Ihr wisst, nur das Gesetz der Waffen.«

»Im Krieg gegen wen?« Andrea hielt seine Verwunderung nicht zurück.

»Gegen den Türken natürlich! Wen denn sonst?«, verlieh der Werkmeister seiner Überzeugung Ausdruck. Und weil er sich nunmehr auf der Siegerseite fühlte, umfasste er mit einer weiten Handbewegung das Bild, das sie vor Augen hatten. »Seht her. Seht doch nur, was diese Teufel angerichtet haben.« Mit diesem Urteil glaubte er die Achtung des jungen Patriziers zurückgewonnen zu haben. Doch er irrte sich.

Andrea ahnte, dass in diesen leichtsinnigen, trügerischen Worten, wie in der langen Welle, die dem heraufziehenden Sturm vorausgeht, das enthalten war, was der größte Teil der Venezianer, ob Patrizier, Bürger oder das Volk, dachte oder in wenigen Stunden denken würde. Von seinem Standpunkt aus hatte der Werkmeister recht, tatsächlich war der Krieg gegen die Türken schon in dieser Nacht erklärt worden.

Als wollte er Andrea aus seinen düsteren Gedanken wecken, blies ihm der Ostwind ins Gesicht und wehte ihm die Haare vor die Augen. Dann drehte er entschlossen zwei Strich nach Süden und begann, den Rauch im Umkreis von mindestens einer halben Meile wie ein Besen wegzufegen. Auf dem Ruinenfeld, das der Wind freilegte, suchte Andrea nach den beiden Soldaten, und was er sah, ließ ihn aufspringen. Auch der Werkmeister erhob sich, langsamer, weil er mehr Zeit brauchte, um zu verstehen.

16

Die beiden Soldaten kehrten zurück. Sie trugen einen mageren, viel zu kleinen Körper, einer hielt ihn an den Füßen, der andere unter den Armen. Der nach hinten hängende Lockenkopf schaukelte mit den Schritten der Soldaten von einer Seite zur anderen. Es war das Gesicht eines Kindes, eines barfüßigen und zerlumpten Kindes. Was sich dort näherte, war bereits ein kleiner, improvisierter Trauerzug mit einem würdevollen, ernsten Gefolge ohne Tränen, Schreie und Weinen. Ein Geleit aus Männern unterschiedlichen Alters, die nichts mit dem Toten gemein hatten außer dem Mitleid, das man für jene empfindet, die jung sterben. Es waren Zivilisten und Soldaten, Bürger und junge Patrizier. Als Andrea den stolzen Blick des Fante sah, der an der Spitze ging, nahm er sich vor, ihn für dieses Verhalten zu ohrfeigen, aber dazu kam es nicht, denn bevor er handeln konnte, sagte der Fante: »Es ist, wie ich sagte, Capitano …« Andrea blickte ihn fragend an und wartete. »Wir haben ihn nicht getötet. Er hat eine kleine Wunde hier, seht her … es sieht aus wie der Stich eines Stiletts.«

Während Andrea das Kind betrachtete, stiegen die Fanti die Stufen hinauf und legten den Körper am Fuß des Altars nieder, wo sie sich an seiner Seite postierten wie eine Ehrenwache. Der Geleitzug reihte sich zu einem Halbkreis auf. Bepo Rosso nahm seine Mütze ab und bekreuzigte sich, zur menschlichen Regung des Mitleids zurückfindend, die ebenso rasch verfliegt wie sie auf der Welle von Gefühlen wiederkehrt.

Andrea blieb einen Schritt vor dem Leichnam stehen. Er lag so da, wie er abgelegt worden war: die Arme ausgebreitet und die Füße nebeneinander, wie ein vom Kreuz genommener kindlicher Christus. Andrea nahm seinen Mut zusammen und berührte ihn. Er war lauwarm. Das Kind mochte zehn, vielleicht elf Jahre alt sein. Die Spur des tödlichen Stichs war kaum zu sehen, ein kleiner roter Fleck auf der Höhe des Herzens. So etwas hatte Andrea noch nie gesehen, vielleicht rührte er wirklich von einem Stilett her. Die Hände waren blutverschmiert, die Finger schmal, die abgekauten Nägel schwarz. Ein Ohrring im Ohrläppchen. Am Daumen ein Bernsteinring. Andrea wühlte in den Hosentaschen des Jungen. Nichts.

»Signor Capitano.«

Andrea blickte auf. Jetzt fühlte er sich den Fanti gegenüber schuldig, aber er war auch erleichtert, denn sie trugen keine Schuld an diesem Tod. Der eine streckte ihm die Hände entgegen, in jeder lag ein kleiner Berg Hostien.

»Sie waren in seinen Hosentaschen«, erklärte er mit zitternden Händen. Andrea zögerte, nahm die Hostien und wusste nicht, was er damit machen sollte.

»Gebt sie mir, ich tue sie in den Tabernakel«, erbot sich der Werkmeister zartfühlend.

Andrea erkannte, wie passend dieser Vorschlag war, also schob er das Häuflein in die Mitte des Tabernakels und schloss die kleine Tür. Er hatte Hunger, dachte er. Dann kam ihm ein schrecklicher Gedanke: Es werden seine Kumpane gewesen sein, damit sie die Beute nicht teilen mussten.

Doch etwas an dieser Erklärung stimmte nicht. Als er sich umdrehte, fühlte er die Augen des Grüppchens auf sich gerichtet. Es schien, als erwarteten sie angesichts der Umstände eine Ansprache, vielleicht eine Predigt. Auch Bepo Rosso sah ihn an, die Mütze in der Hand, die Augen feucht. Obwohl er das Reden im Gericht gewohnt war, vor Männern, die über das Leben der Angeklagten entschieden, zögerte Andrea, denn er fand keinen Anhaltspunkt, um der Tragik des Geschehens zu begegnen: vom Tod des Kindes zu den vielen anderen Toten und dem Verhängnis, das über diese Welt gekommen war. Dann sah er einige, die ihre Mütze aufbehalten hatten, Arsenalotti wie Patrizier. Und das gab den Anstoß zum Sprechen.

»Entblößen wir unser Haupt«, sagte er, unwillkürlich das wir benutzend, um die Verantwortung zu teilen und sich nicht zum Richter aufzuwerfen. »Für diesen Toten und alle anderen.« Die meisten folgten eilig seiner Aufforderung, andere waren langsamer, doch nur, weil sie sich überrascht gewahr wurden, dass sie noch ihre Kopfbedeckung trugen. »Was heute Nacht geschehen ist«, sagte er mit Nachdruck, aber ohne zu übertreiben, »könnte ein entsetzlicher Alptraum sein, wenn ich nicht hier wäre, um inmitten all dieser Ruinen zu euch zu sprechen. Eine solche Zerstörung hat die Stadt noch nie gesehen, weder durch Feuer noch durch Wasser oder Stürme und nicht einmal durch ein Erdbeben. Dieser Tag wird, da bin ich sicher, in den Annalen zukünftiger Zeiten erinnert werden.«

Er hielt einen Augenblick inne, weil hinter dem Rücken der Männer, in dem Lagunenabschnitt zwischen der Kirche San Francesco und der Insel San Cristoforo, eine schnelle Galeere mit den Insignien von San Marco und einer Menge Menschen auf dem Deck nahte. Es war die Regierung der Serenissima, die kam, um die Tragödie mit eigenen Augen zu ermessen.

»Was wir jetzt tun müssen«, hub Andrea wieder an, »ist, so viele Menschen zu retten, wie gerettet werden können, ohne uns zu fragen, ob diese Gräuel ein Werk der Türken, anderer Kräfte oder des widrigen Schicksals sind. Die Zeit wird kommen, in der wir auch das erfahren und handeln.« Er machte abermals eine Pause, um einen Blick auf die nahende Galeere zu werfen. Er dachte an seinen Vater. Der Doge würde bald hier sein, und vielleicht würden sich ihre Blicke kreuzen. Das durfte nicht geschehen. Er fühlte sich nicht bereit.

»Viva San Marco!«, rief jemand.

»Viva San Marco!«, antworteten alle wie mit einer Stimme.

Andrea verließ den Altar und sagte, zu den Fanti gewandt: »Bringt dieses arme Kind zum Campo San Francesco, jemand wird es wiedererkennen.«

»Jawohl!«, antwortete einer für beide, und sie hoben den Leichnam hoch und stiegen die Stufen hinab. Andreas Blick folgte ihnen.

17

Weniger als eine halbe Meile entfernt ließ sich in diesem Moment der Alte, an das Heck des Bootes gebunden, vom starken Rückfluss der Flut im alabasternen Licht des Morgens auf die Mündung des Lido zutreiben. Er hatte es geschafft. Das Boot hatte dem Feuer widerstanden. Dank des Ostwinds, der den Rauch wegblies, konnte er endlich die saubere Meeresluft atmen. Er trieb auf der rötlichen Spur der aufgehenden Sonne zwischen den Inseln Certosa und Le Vignole. In weiser Voraussicht hatte er sich das Tau, mit dem das Boot festgemacht wurde, unter die Achseln geschlungen und so festgezurrt, dass sein Kopf und ein Teil des Oberkörpers oberhalb des Wasserspiegels blieben, ohne dass er schwimmen musste. Denn er hatte seine ganze Kraft aufgebraucht. Seine Beine spürte er nicht mehr, sie waren steif vor Kälte. Er ließ sich tragen wie ein Verletzter auf einem Karren. Mit dem Unterschied, dass er ohne Stöße und Erschütterungen dahinglitt, ja, fast schien ihm, als stünde er still auf diesem Wasser, als wäre es Eis. Sehnsüchtig dachte er an das Feuer, nicht das wütende, das er eben hinter sich gelassen hatte, sondern die einfache Glut eines Kohlebeckens, die einlullende Wärme eines Backofens.

Er schloss die Augen und hörte das Gurgeln des Wassers an den Bootswänden. Das freute ihn, sein Gehörsinn kehrte zurück. Dann verstummte das Geräusch plötzlich, und das Boot begann, sich um den Bug zu drehen. Jetzt hatte der Alte die deutliche Empfindung, stillzustehen. Tatsächlich, einen Augenblick später spürte er Schlamm unter den Füßen. Ein Büschel Schilfrohr schlug ihm ins Gesicht. Er war auf einem baro, einer der vielen kleinen Inseln, die durch das Spiel der Gezeiten und die Veränderung der Wassertiefen auftauchten und wieder versanken. Doch schon glitt das Boot vom schlammigen Ufer weg und entfernte sich drehend, von der Strömung getrieben.

Das darf nicht geschehen, dachte er, und seine Finger versuchten, den Knoten des unter seinen Achseln gespannten Seils zu lösen, während seine Zehenspitzen sich in den Schlamm bohrten, um das Boot anzuhalten. Es gelang ihm, als das Wasser ihm schon bis zur Kehle reichte. Mit letzter Kraft zog er den umgedrehten Bug aus dem Wasser, ehe er sich erschöpft auf den Sand, den Schlamm und die Algen fallen ließ. Er atmete tief. Dann kletterte er auf den höheren Teil der Insel, vor Kälte zitternd und das Seil, das ihn mit seiner Rettung verband, fest in der Hand. Als das Seil sich straffte, warf sich der Alte rücklings zwischen das Schilfrohr auf den grauen, kalten, nassen Sand. Erst jetzt schaute er in den Himmel. Er war blau geworden. Von dem Blau, welches das Glas annimmt, wenn es mit der richtigen Dosis orpello brennt, dachte er. Es scheint Meer zu sein und sieht aus wie der Himmel. Aber es ist nur Glas.

In diesem Himmel kreuzten sich plötzlich die grauen Mündungen von vier Arkebusen, die direkt auf sein Gesicht zielten. Er hatte nicht einmal Zeit, sich zu wundern. Hinter den vier Mündungen tauchten die Gesichter von vier Fanti da Mar auf.

»Rührt Euch nicht, oder Ihr seid tot!«, schrie einer der Soldaten aus Leibeskräften.

Der Alte, der natürlich weder die Kraft noch die geringste Möglichkeit hatte, sich zu bewegen, riss nur die Augen auf und sah die Männer einen nach dem anderen an.

»Auf die Knie!«, schrie der Erste wieder.

Der Alte rührte sich nicht.

»Auf die Knie!«, und er bohrte ihm die Büchse mitten in die Stirn. »Verstehst du, was ich dir sage?« Er war zum vertraulichen Du übergegangen, ein Zeichen, wie erbittert er über die dreiste Weigerung war und dass er bereit war, zu schießen. Zwei der Soldaten, offenbar Gleichgestellte, packten den Alten an den Armen, ohne Befehle abzuwarten, zogen ihn hoch und zwangen ihn, sich hinzuknien. »Wer bist du?«, herrschte ihn der Erste an, immer noch auf ihn zielend.

Der Alte begriff, dass der Tod zurückgekehrt war, um ihn zu besuchen, und mit der Geistesgegenwart, die ihn so oft schon gerettet hatte, krümmte er sich zusammen, schaukelte mit gefalteten Händen und gesenktem Kopf vor und zurück, als wäre er in der Moschee während der Korangebete, und flehte unter Tränen: »Lütfen beni öldürmeyn! Lütfen beni öldürmeyn

Bei diesen fremdländischen, aber bekannten Worten, wechselten die Fanti da Mar überraschte Blicke. Dann wurde der Erste, der gesprochen hatte, wieder ernst, drehte seine Arkebuse um, ergriff den Lauf mit beiden Händen und versetzte dem Alten mit dem Griff einen heftigen Schlag in den Nacken. Der fiel zur Seite wie ein Sack Getreide, der vom Karren fällt.

»Elender Türkenhund …«, sagte der Soldat. Seine Augen blitzten vor Stolz, weil er den Erzfeind niedergeschlagen hatte.

18

Venedig dehnte sich auf dem geschliffenen Blau der Lagune aus, und die hundert Campanili über den roten Dächern wirkten wie Pfeiler, die den Himmel trugen.

Venedig gibt es noch, dachte Andrea, als er zum Campanile von San Francesco blickte. Ein Sonnenstrahl durchschnitt die Luft und ließ den oberen Teil aufleuchten, wo die von der Explosion weggerissene Spitze fehlte. Darunter, weniger als hundert Schritt von der Apsis der Celestia entfernt, hatte der Bug der Galeere sich in das morastige Ufer gebohrt, und nachdem sie eine Leiter angebracht hatten, waren Matrosen und Arsenalotti eifrig damit beschäftigt, dem Dogen mit der Signoria und zahlreichen Mitgliedern des Pien Collegio beim Aussteigen zu helfen.

Andrea, der sich seit langem in den Sälen der Regierung Venedigs bewegte, erkannte zwar nicht alle Gesichter, erriet die Identität der Männer jedoch an ihrer Haltung, ihrer Art zu gehen und sich zu Gruppen zusammenzuschließen. Erleichtert wurde das durch die Farben ihrer Gewänder, die je nach dem Amt von Schwarz bis in dunkle Rottöne spielten. Er blieb noch einen Augenblick stehen, weil zwei Arsenalotti seinen Vater, den Dogen, hochgehoben hatten und ans trockene Ufer trugen. Bei diesem Anblick verspürte Andrea Mitleid, fast Rührung. Er hatte seinen Vater nicht so alt und gebrechlich in Erinnerung. Und es war noch nicht lange her, dass er den Palazzo verlassen hatte.

Andrea ließ noch einmal den Blick über die Verwüstung schweifen, die so schwer zu ertragen war. Ein weiterer Sonnenstrahl hatte eine andere Ecke des Campanile erfasst und streifte nun das Dach der Kirche. Ja, eines Tages werden wir uns an den 13. September 1569 erinnern, dachte er. Und ohne länger zu warten, ging er schnellen Schrittes hinter den beiden Fanti her, die sich mit dem toten Kind zwischen den Trümmern entfernten.

WASSER

kalligrafisches.ai

1

Venedig, 19. Oktober 1569

Pietro Loredan, der vierundachtzigste Doge der Serenissima Repubblica, hasste Gewalt und liebte den Geruch von Siegellack mit seinem sauren Grund aus Lärche, der typisch ist für das venezianische Terpentinöl. Vielleicht weil dieser Geruch ihn an die glänzend polierten, duftenden Nussbaumhölzer in der Offiziersmesse seiner Schiffe erinnerte, wohin der menschliche Gestank der Kielräume und Ruderbänke nicht gelangte. Immer wenn er durch die Flure und Säle des Palazzo Ducale schritt, genoss Loredan diesen Duft. Ließ er sich dann auf einem der Dogensessel aus lackiertem Holz nieder, die jeder Ratssaal für ihn bereithielt, strich er gerne mit den Fingerspitzen über die intarsierten Armlehnen, um sodann Zeigefinger und Daumen an die gerade, scharf geschnittene Nase zu führen. Ein tiefer Atemzug, und der Duft des Siegellacks beruhigte und ermutigte ihn.

Denn Spannung hatte sich an diesem Oktobernachmittag im Saal des Rates der Zehn, mit seiner vergoldeten Kassettendecke und den Deckenmalereien zur Verherrlichung der Macht und der Regierung Venedigs, beim Anhören des nüchternen, detaillierten Berichts über die Explosion des Arsenale wahrhaftig aufgebaut. Mindestens ebenso viel, wie Siegellack auf dem Sessel aufgetragen war. Doch obwohl der Doge Loredan unaufhörlich darüberstrich und den Duft einatmete, wollte seine Unruhe nicht abnehmen.

»Unter diesen neunundzwanzig Toten muss ich leider auch …«, hier brach die eintönige Bürokratenstimme des Sekretärs der Zehn, Antonio Milledonne, und zeigte, dass auch er eine Seele besaß, »… muss ich leider auch an die Mutter und die Tochter unseres geschätzten Buchhalters der Münze, Sebastian Cenigo, erinnern, der bei der Explosion ebenfalls schwer verletzt wurde«, Milledonne, ein fast fünfzigjähriger, magerer, bartloser Mann in schwarzer Toga, hielt erneut inne, um sich mit einem Taschentuch über die Stirn zu wischen, »dem die Jungfrau Maria jedoch die Gnade erwies, ihn mit seinen beiden Jungen und der Gattin Lukrezia am Leben zu lassen.«

Jemand räusperte sich unter den Anwesenden, wahrscheinlich der Großkanzler Zuàn Francesco Ottobon, und gab dem erfahrenen Sekretär der Zehn so zu verstehen, dass er sich mit Hinweisen auf die göttliche Macht zurückhalten und seinen Bericht rasch zu Ende bringen solle.

»Zu Ehren und aus Respekt vor diesen Toten, Vostra Serenità, hochverehrte Ratsherren«, fuhr Milledonne fort, einen feierlichen, gehobenen Ton anschlagend, »bitte ich die Herrschaften ergebenst um einen Moment stillen Gedenkens.«

Lieber hätte er das Wort »Gebet« benutzt, wenn Ottobons geräusperter Vorwurf ihm nicht geraten hätte, seinen glühenden Papismus tunlichst zu dämpfen. Darum ersetzte er das Wort durch eine unverdächtige, vor dem Dogen wie in der Kirche gleichermaßen übliche Geste: Den rechten Arm auf das Lesepult gestützt, den Kopf gesenkt, beugte er das rechte Knie, bis es den Boden berührte, und verharrte reglos in dieser Position.

Diese Initiative ganz im Stil von Milledonne, eines geschätzten Stammgastes am päpstlichen Hof in Rom, rief eine gewisse Verlegenheit bei den Ratsherren hervor, da ihnen die Provokation natürlich nicht entging. In den jeweiligen Gruppen wurden Blicke gewechselt: der Doge mit seinen sechs Beratern, die drei Häupter der Zehn mit dem Rat, die beiden Avogadori di Comun untereinander und weiter zwischen allen anderen, die die hohe Versammlung bildeten, vom Kämmerer bis zu den Schreibern.

Doch schon bald zog das Rascheln eines vergoldeten Mantels aller Aufmerksamkeit auf sich. Der Doge Loredan nahm sich den corno ducale und den leinenen camauro ab, die die schüttere, hennagefärbte gekräuselte Haartracht des Achtzigjährigen bedeckten, erhob sich mit einer langsamen, feierlichen Bewegung aus dem Sessel und blickte mit der sanften Miene des guten Menschen, der er immer gewesen war, auf die Versammlung.

Milledonne wurde feuerrot vor Stolz. Nicht nur weil er, ein Bürger, den ersten der Patrizier zum Aufstehen bewogen hatte, sondern auch, weil das gemeinsame Gedenken an die Toten vielleicht dazu beitragen würde, zu einem gewissen patriotischen Geist, einem Gemeinschaftsgefühl zwischen den schwarzen Togen der Zehn und den roten des Doge und seiner Ratsherren zurückzufinden. Er erwartete daher vertrauensvoll, dass der gesamte Rat sich erhob, wie es Protokoll und Anstand geboten, doch leider rührte sich zunächst niemand.

Es waren die Schreiber des Rates, auch sie bürgerlicher Herkunft, in ihrem Verhalten daher frei von politischem Kalkül, jedoch von der Sorge um den Arbeitsplatz geleitet, die sich als Erste erhoben. Und Loredan, der dieses Zeichen des Respekts erwartete, nickte zufrieden. Der Bann war gebrochen. Sofort stand zu seiner Rechten der Ratgeber des Dogen, Consigliere Zuàne Mocenigo auf. Er tat es mehr aus Freundschaft zum Dogen denn aus Respekt vor den Opfern. Acht Sitze weiter hinten beendete nun auch Peranzo Sagredo, ein Mitglied der Zehn, das Zögern und schuf, indem er sich erhob, die ersehnte Brücke zwischen den beiden Lagern. Als Antwort darauf erfüllte das Rascheln der Gewänder und Scharren der Sohlen den Saal, während die anderen fünf Consiglieri aufstanden und Stühle und Holzbalken, die aus dem Podest ein Amphitheater machten, vernehmlich knarrten.

Der Letzte, der sich erhob, war Zuàne Mocenigos Bruder Alvise, der »Schwarze Doge«, wie ihn seine Verächter nannten: Er wurde bald zweiundsechzig, hatte große diplomatische Erfahrung an den Höfen halb Europas gesammelt, war Statthalter auf der terraferma, Prokurator von San Marco, Savio Grande, Savio für Ketzerei mit großem Einfluss auf die Zehn und den Senat. Als auch er sich erhoben hatte, wurde es still im Saal.

Antonio Milledonne senkte den Kopf, nachdem er die Augen über das Rund hatte wandern lassen, um seinen Erfolg bis ins Letzte auszukosten, dann schloss er sie und dankte Gott dafür, dass auch der gefühlloseste unter den Adeligen nachgegeben hatte. Denn dies waren schwierige, stürmische Tage gewesen, in denen harte Worte gefallen waren. Das Unglück des Arsenale hatte das Feuer der Unvereinbarkeiten zwischen dem Rat der Zehn und dem Senat neu entfacht, den beiden wichtigsten Institutionen der Stadt, zwischen denen die Signoria sich wendig und schwankend, je nach Sympathien, bewegte. Denn hier trafen zwei unterschiedliche Regierungsstile aufeinander: der rechtsprechende der Zehn und der vorwiegend politische und verfassungsrechtliche des Senats.

Milledonne war stolz, einer der Sekretäre der Zehn zu sein, zweifellos der treueste, älteste, ehrlichste und gottesfürchtigste. Und an diesem Tag hatte er, um die Forderungen der Zehn zu unterstützen, ein dickes Bündel Dokumente aus dem Geheimarchiv mitgebracht.

Beim Stöbern in den Sendschreiben, die Marino Cavalli, der damalige venezianische Botschafter in Konstantinopel im noch nicht lang vergangenen Mai des Jahres 1560 geschickt hatte, hatte er nämlich eines gefunden, das zum Symbol der Kritik der Zehn an der diplomatischen, verhandlungsbereiten Politik des Senats geworden war. Das chiffrierte Schreiben schilderte den Plan eines Verräters, eines gewissen Zuàn Battista Bossis von der venezianischen Terraferma, Venedig in die Hände der Türken fallen zu lassen. Das sollte in drei Phasen geschehen: Zunächst würden innerhalb weniger Monate mindestens tausend als Händler verkleidete Soldaten in die Stadt strömen, dann sollten das Arsenale in die Luft gesprengt und möglichst viele Schiffe versenkt werden, und zuletzt würden die Türken Venedig mit ihrer Flotte angreifen.

War es nicht genau das, was jetzt geschah? So hatten die Zehn getönt. Und wie viele Türken trieben sich in der Stadt herum, die nach Belieben spionieren und die Landung ihrer Flotte vorbereiten konnten? Tausend, zweitausend? Wie viele? Für den Rat der Zehn gab es nicht mehr den geringsten Zweifel, das Attentat war ein Teil dieser Strategie. Nach zermürbenden Streitereien und dem Studium geheimer Dokumente, diverser Prognosen und Strategien hatte die Idee vom türkischen Komplott alle überzeugt. Fast alle. Tausend Dukaten wurden dem versprochen, der Informationen über das Attentat liefern konnte, weitere fünfhundert, nebst einer monatlichen Leibrente für alle, die zur Verhaftung der Attentäter beitrugen. Man hatte Galeerensklaven und Kopfgeldjägern die Freiheit versprochen, der Magistrat der sieben Delegierten war einberufen worden, um diese Gnadenerlasse und Amnestien zu unterstützen.

Außerdem gab es das Zypernproblem. Schon bei dem Namen erschauerten die meisten, inzwischen taten nur noch wenige, als gäbe es kein Problem oder verwiesen beschwichtigend auf den von Sultan Selim II. unterzeichneten Friedensvertrag. Dabei hatte der venezianische Botschafter in Konstantinopel, Vettore Bragadin, schon vom Januar 1566 an vor möglichen türkischen Angriffen auf die Insel gewarnt, und das Gleiche hatten seine Nachfolger getan: Soranzo und Barbaro. Es gab einen regen Austausch von verschlüsselten Depeschen zwischen den Geheimdiensten der Serenissima, die die ständige Anwesenheit von türkischen Spionen auf Zypern meldeten.

Und so hatte die Explosion des Arsenale trotz der Wirtschaftskrise und Nahrungsmittelknappheit zu einer allgemeinen Aufrüstung geführt. Unmittelbare Maßnahmen waren die Ausgangssperre ab Mitternacht und die strenge Kontrolle des gesamten Schiffsverkehrs auf venezianischen Gewässern. Hinzu kam eine neue Aushebung von Fanti zur Überwachung und zum Schutz der Stadt, und die Anlage einer Artilleriefront zur Verteidigung der Lagune von Tre Porti bis Chioggia. Von morgens bis abends hörte man unaufhörlich die Kanonenschüsse der bombardieri bei ihren Übungen.

2

Pietro Loredan, immer darauf bedacht, seine Umgebung zu beobachten, um die Zeichen des Schicksals und die Seele der Menschen zu deuten, konzentrierte sich auf Alvise Mocenigo. Dieser tat dasselbe, und ihre Blicke kreuzten sich, was dem Savio Grande als ideale Gelegenheit erschien, um den Riss zu kitten. Also deutete er ein melancholisches Lächeln an, wie der feierliche Augenblick gebot.

Loredan, der seit langem auf ein versöhnliches Zeichen wartete, spürte, wie ihm die Rührung in die Augen stieg. Denn Mocenigo hatte sich immer als ein Freund erwiesen, der ihn wertschätzte und für ihn stimmte. Bis vor fünf Monaten, als die beiden einen ebenso heftigen wie unerwarteten Streit darüber gehabt hatten, ob es richtig sei, den Capitano General da Mar Girolamo Zane, einen alten Freund Loredans, am Kommando der venezianischen Flotte zu lassen. Mocenigo schätzte Zane nicht, er hätte ihm den kämpferischeren Sebastiano Venier, einen Kandidaten des Rates der Zehn, vorgezogen. Bei der Stichwahl im Großen Rat hatte die politische Fraktion gewonnen, die Zane unterstützte. Nicht weil die adeligen Wähler ihn für besser hielten, im Gegenteil, sie wollten dem Rat der Zehn nur eine Warnung erteilen, dass seine Übermacht zu bröckeln begann. Denn das allgemeine Ressentiment wuchs, schon warfen viele den Zehn vor, ihre ursprüngliche Aufgabe als Justizbehörde, die für die Sicherheit Venedigs verantwortlich war, zu übertreiben, um ein eigenständiges Machtzentrum zu werden, geradezu ein Organ der Regierung, das immer häufiger mit der Mehrheit des Großen Rates in Konflikt geriet, sogar über Fragen der Außenpolitik.

Aufgrund dieses Streits war der Saal der Zehn für den alten Dogen zum feindlichen Gebiet geworden: der einzige der hundertsiebenundneunzig Säle, Salons, Zimmer und Vorzimmer, Gefängniszellen und Kammern, Büros, Kanzleistuben, Korridore, Archive, Kapellen und Küchen des Palazzo Ducale, in dem er sich zutiefst unwohl fühlte. Wenn er in seinem Sitz aus Kirschbaum mitten auf dem Podest Platz nahm, versuchte er zum Beispiel immer, mit dem Rücken wenigstens eine Spanne Abstand zur Lehne aus rotem Samt zu halten. Denn dahinter gab es eine falsche Holzwand, ein halbkreisförmiges Brett aus Nussbaum, und in diesem Zwischenraum vermutete die blühende Phantasie des Dogen Meuchelmörder, die mit langen, vergifteten Nadeln bewaffnet waren. Oder er verwechselte, wenn er sich in verschwiegenen Ecken seinen Consiglieri anvertraute, einfache Windstöße mit den Atemzügen von Patriziern, die Mocenigo und dem Gericht der Zehn ergeben waren und seine vertraulichen Gespräche belauschten, um daraus Verschwörungspläne zu spinnen. Darum hatte Loredan seine Eingriffe auf das Notwendigste beschränkt, er wahrte die Etikette und gab keine Meinungen von sich.

Denn Loredan war ein ausgezeichneter Kaufmann und praktisch veranlagt, aber auf politische Fehden und Intrigen verstand er sich nicht. Sein von der großen Mehrheit der Adeligen und Kaufleute Venedigs unterstütztes Bestreben war ein ruhiges Mittelmeer dank eines immerwährenden Friedens mit dem Türken. Nur so konnte Venedig blühen und gedeihen. Zu diesem Zweck hatte er freundschaftliche Beziehungen zu Sokollu Mehmet, dem Großwesir von Suleiman I. und seinem Nachfolger, Selim II., geknüpft.

Bei diesem Gedanken lief dem Dogen Loredan ein Schauer über den Rücken. Denn zu der Feindseligkeit, die Mocenigo und der Rat der Zehn ihm seit einigen Monaten entgegenbrachten, kam eine alte Geschichte hinzu, welcher ein aufgeklärter, vernünftiger Mensch wenig Gewicht beigemessen hätte, doch jemandem wie Loredan, der ein Anhänger der Kabbala und der Astrologie war und immer nach Vorzeichen suchte, hatte sie das Leben teilweise ruiniert.

Es war im Juli 1521 geschehen. Er war soeben auf einer der regelmäßigen sommerlichen Handelsreisen, die er an der Spitze seiner drei großen Galeeren unternahm, aus Candia kommend in Alexandria in Ägypten an Land gegangen, als er erfuhr, dass sein Onkel, der Doge Leonardo Loredan, am 22. Juni gestorben war. Die Nachricht erregte Aufsehen, denn Loredan war im ganzen Mittelmeer bei Moslems, Christen und Juden hoch angesehen. Während eines Empfangs beim osmanischen Statthalter näherte sich Pietro ein sufischer Mystiker, ein verehrter, heiliger Mann, auf dessen Rat man hörte.

»Du wirst der nächste Loredan sein, der König wird«, hatte der Sufi zu ihm gesagt. »Und du wirst an dem Tag gewählt werden, an dem du so viele Jahre gelebt hast, wie es Dogen gab, einschließlich deiner Person. Aber wisse, dass dein Leben von dem Tag an kurz sein wird.«

Pietro, damals noch nicht ganz vierzigjährig und verheiratet mit der schönen Lucrezia Cappello, die ihr erstes Kind erwartete, grübelte eine Weile über die Prophezeiung nach und befreite sich dann davon, indem er sie als Omen für ein langes Leben wertete, da man erst in hohem Alter Doge wird und als Doge stirbt. So hatten die Worte des Sufi fünfundvierzig Jahre in ihm geschlummert, als am Morgen des 4. November 1567 der dreiundachtzigste Doge der Serenissima Repubblica, Girolamo Priuli, auf der Treppe stürzte und sein Gehirn sich mit Blut füllte.

Pietro Loredan, zu jener Zeit der älteste Dogenberater und stellvertretender Doge, übernahm Priulis Aufgaben bis zur Wahl eines Nachfolgers. Da fiel ihm die Prophezeiung wieder ein, denn der zukünftige Doge wäre der vierundachtzigste gewesen, und Loredan war zu dem Zeitpunkt, also wenigstens bis zum 27. November, seinem Geburtstag, vierundachtzig Jahre alt.

Doch trotz der düsteren Vorhersage blieb er ruhigen Muts. Denn ungeachtet des komplizierten Wahlsystems mit mehrfachen Wahlgängen hatte es im Großen Rat schon heimliche Absprachen und Machenschaften zur Genüge gegeben, und nicht weniger als vier wichtige Namen blieben zur Auswahl: Giacomo Miani, Matteo Dandolo, Girolamo Grimani und sein Freund Alvise Mocenigo, der Favorit. Der Kampf zwischen den Titanen zog sich weitere zwei Wochen lang hin. Bei der sechsundsiebzigsten Auszählung warfen die einundvierzig erschöpften Mitglieder des letzten Wahlgangs schließlich nach dem Willen von Mocenigo selbst das Ruder herum, indem sie einen Mann wählten, der von Machtspielchen weit entfernt und über jeden Verdacht erhaben war. Als Pietro Loredan am 26. November erfuhr, er sei zum vierundachtzigsten Dogen der Serenissima erkoren worden, gefror ihm das Blut in den Adern. Er versuchte auf jede erdenkliche Weise, die Wahl abzulehnen, doch je mehr er sich wehrte, je heftiger er beteuerte, er sei ungeeignet, zu alt und zu krank, desto lauter bejubelte ihn das Volk, lobte seine Bescheidenheit und Aufrichtigkeit. Und am Ende hatte Pietro sich dem reißenden Fluss der Feste zu seiner Wahl und dem traditionellen Rundgang um den Brunnen auf der Piazza San Marco hingeben müssen, einem Ereignis, bei dem fünf Venezianer, erdrückt von der Menge, den Tod gefunden hatten, was er natürlich als Bestätigung der düsteren Prophezeiung gedeutet hatte.

Das Gefühl jenes Tages kehrte mit Macht zurück, und Loredan schwankte sichtlich, so dass Vettor Pasqualigo, einer seiner Ratgeber und ein Freund, sich vorbeugte, um ihn zu stützen.

»Es ist nichts«, beruhigte ihn der Doge.

»Ich rate Euch, setzt Euch«, flüsterte der Consigliere ihm ins Ohr, um die Gesundheit seines Dogen besorgt.

»Das tue ich, wenn die anderen es tun«, erklärte dieser brüsk. Und als er bemerkte, dass Alvise Mocenigo ihn besorgt beobachtete, fasste er sich wieder und lächelte ihm zu.

In dieser Atmosphäre der Versöhnung, dieser Stille, die als Gedenken an die Toten entstanden war und sich in ein vorübergehendes Tauwetter zwischen einem alten, verängstigten Dogen und diesem Vertreter der Macht verwandelt hatte, ertönte just in dem Moment, in dem der Sekretär Milledonne Anstalten machte, sich wieder zu erheben, aus ozeanischen Fernen hinter den Fresken und den Vergoldungen der Wände ein Klagelaut. Ein Klagelaut, der ursprünglich ein Schrei gewesen sein musste, gedämpft und verdünnt von den Wänden und Decken des Palazzo, ohne dass der Schmerz darin jedoch gemindert worden wäre.

Die Klage wiederholte sich. Sie kam von unten, anscheinend von der Seite des Palazzo, die auf den Canale San Marco blickte. Dennoch schien keiner im Saal darauf zu achten. Der Doge wegen seiner Schwerhörigkeit, alle anderen, weil sie genau wussten, was dort unten im Halbgeschoss zwischen dem Saal der Signori di Notte und den Pozzi, einen Schritt von der Porta del Frumento entfernt, geschah.

3

Die Folterkammer hatte einen rechteckigen, langen und schmalen Grundriss, so dass sie eher an einen Korridor gemahnte als an ein Zimmer. Die hohe Decke verstärkte diesen Eindruck, und die von der Zeit geschwärzten Eichenbalken und Paneele sowie das Fehlen von Fenstern machten den Raum düster und eng. Das genaue Gegenteil der mit Fresken verzierten Säle in den oberen Stockwerken, wo Leder, Holz und Gemälde die Wände verkleideten, vergoldetes Stuckwerk glänzte und viel Licht einfiel

Doch die eigentliche Besonderheit war ein über eine Winde geführter daumendicker Strick, der mitten in der Folterkammer von der Decke herabhing. Daran baumelte, nackt und schlaff, der Florentiner. Wenigstens hatten ihn seine Kerkermeister so getauft, da er behauptete, er sei Filippo Tomei aus Florenz, und auch mit dem Akzent jener Gegend sprach.

Im düsteren Licht einer Kerze hing er dort, an den Handgelenken hochgezogen, die Arme hinter dem Rücken, in einer Haltung also, deren bloßer Anblick quälend war: Die Rippen drückten so heftig gegen die Brust, als wollten sie gleich wie Krummsäbel herausspringen. Beim dritten Reißen am Strick hatte der Florentiner das Bewusstsein verloren, jetzt drehte er sich, das bartlose, magere Gesicht auf die Brust geneigt, langsam um seine eigene Achse wie ein zum Trocknen aufgehängter Stockfisch. Die zaffi, Sbirren im Dienst der Zehn unter Leitung des Missièr Grande, hatten ihn um fünf Uhr nachts aus einem Zimmer im zweiten Stock der Campana geholt, einem Wirtshaus in der Nähe des Rialto. Er war in Begleitung eines jungen Mönchleins, eines gewissen Angelo Riccio aus Padua, mit dem er sich in widernatürlichen Handlungen erging.

Die Zehn hatten beschlossen, Bartolomeo Puti zu holen, damit er den Florentiner der Behandlung mit dem Strick unterzog. Das Mönchlein saß derweil in einer der vier Zellen, die sich direkt über der Folterkammer befanden und durch eine Treppe mit ihr verbunden waren. Von diesem winzigen Verlies aus konnte der Frate die Phasen des Verhörs verfolgen, sich den Geliebten unter der Folter vorstellen und so in Erwartung seiner Rückkehr überlegen, ob es besser sei, zu gestehen oder zu schweigen. Puti war ein regelrechter Fachmann darin, die Verhörten zum Sprechen zu bringen: ein Mann um die fünfunddreißig, gottesfürchtig, aber hart zu den Menschen. Der Einzige in Venedig, der imstande war, die Marangona von San Marco allein, aus eigener Kraft zu läuten. Muskeln und Charakter hatte er sich im Arsenale erworben, beim Sägen und Hobeln von Bootswänden. Die Explosion hatte seinen jüngsten Bruder getötet, und auch darum hatten die Zehn ihm diese Aufgabe anvertraut.

»Lasst ihn runter.«

Zuàne Formento, der zweite Sekretär des Rates der Zehn nach Milledonne, erhob sich hinter seinem Schreibtisch und ging zu dem Gefangenen. Mit Armen, jeder so dick wie der Bugspriet eines Schiffes, ließ Puti ihn langsam herab, wobei er ruckartige Bewegungen vermied, damit die Schultergelenke nicht auskugelten. Ein Gehilfe entfernte das dreistufige Podest in der Mitte des Raumes und breitete eine Decke auf dem Boden aus. Der Arsenalotto nahm den Körper und bettete ihn bäuchlings auf das Tuch, das Gesicht zur Seite gedreht, damit er atmen konnte.

»Zu viele Erschütterungen, der stirbt.«

Formento hatte mit lauter Stimme gesprochen, damit das Mönchlein in seiner Zelle ihn hören konnte. Dann beugte er sich über den Gefangenen und hielt ihm einen mit Essig getränkten Schwamm unter die Nase. Der zuckte zusammen, fing an zu husten und zu zucken wie ein Ertrinkender. Dann riss er plötzlich die Augen auf, der Käfig seines Brustkorbs weitete sich mit einem Röcheln, und sein Atem kehrte zurück.

»Wie fühlt Ihr Euch?«, fragte der Sekretär sofort in besorgtem, durchaus nicht ironischem Ton. Denn wäre der Mann gestorben, hätte er trotz des Inquisitionsrituals und obwohl die Verhöre geheim waren, Schwierigkeiten bekommen. Er zog ein Taschentuch heraus und trocknete dem Gefangenen die Stirn. Der starrte ihn mit geweiteten Pupillen an, keuchend wie ein Tier, das den Gnadenstoß erwartet.

Man hörte ein Knarren, und Formento blickte zur Treppe und der darüberliegenden Zelle, gerade rechtzeitig, um, im Halbdunkel verborgen, zwei um die Gitterstäbe geklammerte Hände und ein Gesicht zu erblicken.

»Signor Tomei, glaubt Ihr, es gefällt mir, Euch so zu behandeln?«, sagte der Sekretär. »Versucht mich zu verstehen, es ist meine Pflicht, Euch zu verhören, und Euer Geständnis würde genügen, um diese für alle unangenehme Situation zu beenden.«

»Ich habe nichts getan«, murmelte Tomei zwischen zwei Atemzügen.

Formento lächelte ihn mitleidig an. »Ich weiß, dass Ihr unschuldig seid«, sagte er in einem so schmeichlerischen Ton, dass man ihm eine Neigung zum eigenen Geschlecht hätte unterstellen können. »Aber ich frage Euch noch einmal: Kennt Ihr Signor Nassì? Josef Nassì, den Herzog von Naxos, ein abtrünniger Marrane, ein Verräter, den man hier in Venedig Giovanni Miches nennt?«

Tomei konnte ein paarmal erschöpft den Kopf schütteln.

»Nein, ich kenne ihn nicht.«

Der Sekretär fuhr ihm mit dem Zeigefinger sanft über den Hals. Vergeblich versuchte der Florentiner, sich der Berührung zu entziehen.

»Warum zeichnet Ihr Galeeren, Galeassen und Koggen? Und macht Skizzen von den Mauern des Arsenale, präzise wie die Pläne eines Baumeisters?«

»Ich bin Maler.«

»Ja, gewiss, Ihr seid ein Künstler.« Der Sekretär stand auf und tat ein paar Schritte durch den Raum, als müsse er über die Behauptung nachdenken. Dann drehte er sich mit neuentbranntem Zorn abrupt um: »Meiner Meinung nach seid Ihr ein Spion im Sold des Türken!«

»Ich bin Florentiner und hasse den Türken ebenso wie Ihr«, erwiderte der andere so entschieden, wie seine liegende und hilflose Position ihm erlaubte.

»Tja«, brummte Formento nachdenklich mit der spöttischen Miene desjenigen, der sich über die Gedanken anderer Menschen lustig macht. Unvermittelt schrie er dem Gefangenen ins Gesicht: »Nicht immer haben die Florentiner die Türken gehasst! Doch egal, wer auch immer Ihr seid, hier in Venedig enden Spione und Sodomiten auf dieselbe Weise: Man hängt sie!«

Tomei schloss die Augen.

»Nein! Um Gottes willen, nein!« Die Stimme kam aus der Zelle über der Folterkammer. »Im Namen Gottes und seiner Liebe!« Die Worte des jungen Mannes gingen in eine Reihe Schluchzer über, die in einem Winseln verebbten.

»Schweigt, Ihr von Gott und den Menschen Verfluchter!

Der Schrei des Sekretärs war mehr als eine einfache Verwünschung. Er war eine Messerklinge, die alle Hoffnung zunichtemachte, in diesem Folterknecht gäbe es irgendein Überbleibsel menschlichen Mitgefühls. Keuchend wechselte er einen finsteren Blick mit Bartolomeo Puti, dann fixierte er wieder Tomei.

»Wir haben Zeugen, die gesehen haben, wie Ihr die Mauern des Arsenale mit Schritten abgemessen habt«, sagte er mit tonloser Stimme.

»Das ist eine Lüge.«

»Wir haben Zeugen, die gesehen haben, wie Ihr auf den Campanile der Celestia gestiegen seid und ein Loch in die zugemauerten Bögen gemacht habt, um das Gelände des Arsenale zu überblicken!«

»Das stimmt nicht!«

»Leugnet Ihr auch, dass Ihr in der Celestia gewesen seid?«

»Nein, das leugne ich nicht«, sagte Tomei, wobei er versuchte, dem Sekretär sein Gesicht zuzuwenden. »Aber ich bin kein Spion. Ich hatte den Auftrag, eine Kapelle der Kirche mit Fresken auszumalen, und genau das habe ich getan, wie Ihr wisst!«

»Ich spreche nicht von den heiligen Fresken, sondern von den Zeichnungen des Arsenale, die wir in Eurem Zimmer in der Campana gefunden haben!«

»Entwurfsskizzen. Ist es etwa verboten, Venedig zu malen?«

»Ohne Bewilligung der Zehn … ja!«, antwortete Formento säuerlich.

»Und das rechtfertigt die Qualen, die Ihr mir zufügt?«

»Es rechtfertigt alles! Antwortet: Wer hat Euch das Geld gegeben, um Euch in der Stadt zu ernähren? Seit über einem Monat haltet Ihr Euch hier auf.«

»Ich führe ein bescheidenes Leben.«

»Ihr habt hundert Dukaten für ein einziges Fest ausgegeben und fünfhundert habt Ihr diesen Ordensschwestern geschenkt!«

»Ist es ein Verbrechen, Almosen zu geben?«

»Fünfhundert Dukaten nennt Ihr ein Almosen? Mit dieser Summe kauft man sich hier ein Haus. Wer hat sie Euch gegeben?«, donnerte der Sekretär Zuàne Formento.

»Ich habe es Euch doch schon gesagt …, ich habe ein Stück Land verkauft, und das ist der Erlös. Ich habe mich für eine mir erwiesene Gnade bedankt«, sagte er in resigniertem Ton.

»Ihr habt kein Land«, unterbrach ihn der Sekretär verächtlich. »Ihr habt nie Land gehabt, weder Ihr noch Eure Familie. Ihr habt das Land höchstens beackert, als Bauern. Wir haben unsere Informationen.« Er strich sich über den struppigen Bart. Dann beugte er sich vor und fand zu einem ruhigen, fast flehenden Ton zurück: »Ich frage Euch zum letzten Mal, Signor Tomei: Wer hat Euch das Geld gegeben?«

Schweigen.

»Zieh ihn rauf«, sagte Formento wie nebenbei, drehte dem Florentiner den Rücken zu und ging zum Schreibtisch zurück.

Bartolomeo Putis Blick folgte ihm einige Sekunden lang, als erwarte er einen Sinneswandel, doch der Sekretär setzte sich und begann in einem Verzeichnis zu blättern. Also packte Puti den Strick mit beiden Händen, und seine Muskeln blähten sich auf, als würden sie atmen. Der Strick spannte sich, riss die Arme des Gefangenen nach oben, und sein Schrei wurde zu einem Röcheln und Zähneknirschen, als seine Füße sich vom Boden lösten. Er sah aus wie ein Engel, der zum Himmel aufsteigt. Fast unter der Decke angekommen, wo seine Handgelenke schon die Winde berührten, wurde das Röcheln wieder zum Schrei: »Möge Gott Euch vergeben!«

Dann lockerte Puti seinen Griff, und der Gefangene senkte sich um eine gute Armeslänge, bis der Arbeiter aus dem Arsenale den Fall abrupt anhielt. Der Schmerzensschrei erfüllte jeden Winkel des Raumes, schien selbst materielle Konsistenz anzunehmen. Puti dachte an die Augen seines Bruders, sein Lächeln. Wieder ließ er den Strick los, ohne den Fall abzudämpfen. Der Gefangene spürte das Schnalzen der Bänder an seinen Gelenken und eine Lanze, die sich ihm in die Achselhöhle bohrte. Dann spürte er, wie seine Arme sich von den Schultern lösten, sein Körper zerriss. Der Schmerz wurde zu etwas Eigenständigem, zu einem Ding aus der Vergangenheit, das ihm nicht mehr gehörte. Das Letzte, was er wahrnahm, bevor Dunkelheit ihn umfing, war der warme Urin, der an seinen Beinen herablief.

»Bringt ihn weg«, befahl Formento trocken. »Ihn und den Mönch da oben.« Während die beiden Kerkermeister sich beeilten, den bewusstlosen Gefangenen vom Strick zu lösen, blätterte der Sekretär wieder in dem Verzeichnis. Der Florentiner wurde auf das Tuch gelegt, die Kerkermeister hoben es hoch und gingen mühsam, mit kleinen Schritten, zur Tür.

»Weiter mit dem Nächsten«, sagte Formento zu Puti.

Der Folterknecht nickte mit der Trägheit der Riesen, während er das Zimmer durch die gegenüberliegende Tür verließ. Fast sofort kehrte er in Begleitung des Alten zurück. Er hatte ihm eine Hand auf die Schulter gelegt und schob ihn behutsam vorwärts, als wäre er sein Sohn, um den Vater besorgt, den er um mindestens zwei Spannen überragte. Der Alte trug eine Tunika aus grobem, braunem Tuch und Holzschuhe. Eine Bekleidung, die zusammen mit dem weißen Haar, dem Bart und der extremen Magerkeit an einen Propheten denken ließen, der unter das Beil der Inquisition gefallen war. Ihm folgte ein Mann um die sechzig mit Barett und langer, schwarzer Toga, unter deren weitem Halsausschnitt man das weiße Hemd sah. Puti begleitete den Gefangenen bis vor Formentos Schreibtisch. Dann trat er zwei Schritte zurück, und der Mann in der Toga nahm seinen Platz ein. An diesen wandte sich Formento in höflichem Ton.

»Nun, Membré, mein Freund, habt Ihr aus unserem geschätzten Gast etwas Neues herausbekommen?«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Alles, was ich erfahren konnte, Eccellenza«, sagte er verwundert, »ist, dass er aus Uşak kommt, Teppichhändler ist und wissen will, was aus dem Sekretär geworden ist, der in seinen Diensten stand.«

Formento lachte gekünstelt. »Aha, Signor Mehmet möchte jetzt also die Fragen stellen?« Eine Pause entstand. »Er wird seine Informationen bekommen. Zuvor jedoch muss er uns sagen, was er am vierzehnten September bei Sonnenaufgang auf einer Sandbank eine Meile vom brennenden Arsenale entfernt zu suchen hatte. Los, fragt ihn das.« Formento setzte eine spöttische Miene auf, lehnte sich zurück und sah den Neuankömmling unverwandt an.

Michele Membré, der venezianisch-zypriotische Dolmetscher, übersetzte, wartete die Antwort ab und wandte sich wieder an Formento: »Er dankte Gott, dass er ihn aus dem Feuer gerettet hatte.«

Der Sekretär ballte die Faust, beherrschte sich, um den Gefangenen nicht ins Gesicht zu schlagen, und seufzte. »Mehmet bey!«, sagte er dann mit ironischer Betonung des bey, um den unpassenden Gebrauch der höflichen Anrede zu unterstreichen. »Kann es sein, dass Euer Gedächtnis Euch noch immer im Stich lässt?«

Formento gab Membré ein Zeichen, worauf der die Worte des Sekretärs rasch übersetzte. Der Alte lächelte darauf leicht, zuckte mit den Schultern und spulte ebenso rasch einen agglutinierten Satz ab, den der Dolmetscher eilig entwirrte: »Er sagt, alles, was er zu sagen hat, hat er schon gesagt, und er will einen Anwalt, der ihn verteidigt.«

»Sagt ihm, er hat kein Recht auf einen Anwalt!«, erwiderte Formento verärgert. »Sagt ihm, wenn er nicht redet, werden wir ihm Schmerzen zufügen!«

Membré übersetzte. Der Alte lächelte erneut höflich und antwortete.

»Der Gefangene sagt«, hub der Dolmetscher an, »dass es zwecklos ist, einen Krug umzukippen, wenn der Wein schon getrunken ist. Und er wiederholt, dass er nichts zu verbergen und zu sagen hat, er möchte nur etwas über seinen Sekretär erfahren.«

Formento ballte beide Fäuste, die Muskeln seines Kiefers zuckten. Er senkte die Augen auf das Verzeichnis, das vor ihm lag. Er dachte an etwas anderes, trotzdem blätterte er nervös eine Handvoll Seiten um. Dann nahm er die Feder, tunkte sie in das Tintenfass und schrieb kratzend einen Satz auf das Papier. Schließlich wandte er sich an Bartolomeo Puti.

»Einmal Reißen«, sagte er ruhig.

Das Gesicht des Giganten aus dem Arsenale legte sich in Falten wie ein Lappen, der zusammengeknüllt wird.

»Aber er ist alt …«

»Häng ihn auf!«, befahl der Sekretär.

Puti suchte in den Augen des Dolmetschers nach einem zustimmenden Blick, einem Verbündeten für seinen Einwand, doch Membré starrte ihn nur mit leeren Augen an. Nach einem letzten Zögern ging der Arsenalotto auf den Alten zu, nahm ihn am Arm und führte ihn in die Mitte des Zimmers, wo er den von der Decke hängenden Strick ergriff und ihm die Arme hinter dem Rücken fesselte.

Der Alte kannte diese Folter und hatte sie erwartet. Darum hatte er sich in den zwei Wochen Gefangenschaft darauf vorbereitet, indem er so wenig wie möglich gegessen hatte, um sein Gewicht zu reduzieren. Und er hatte in der Stille seiner Zelle die Muskeln seiner Arme, der Brust und der Schulterblätter gekräftigt, indem er einen der schweren Steine anhob, die als Füße für die Pritsche dienten. Denn nur mit einem leichten und kräftigen Körper ließ diese Folter sich ertragen. Nun war für ihn die Zeit gekommen, das Schicksal herauszufordern, damit er die Aufgabe erfüllen konnte, die er sich gestellt hatte. Er spürte, wie der Strick sich straffte und seine Arme nach oben reißen wollte. Also beugte er Kopf und Oberkörper nach hinten, damit die am Rücken liegenden Handgelenke das Auskugeln der Schultergelenke verhinderten. Er spürte, wie er hochgezogen wurde, schloss die Augen und konzentrierte sich auf seinen Willen, zu überleben.

4

Die mascaréta glitt über das Wasser des Canal Grande, angetrieben von kräftigen Ruderschlägen. Seit seinem Auszug aus dem Palazzo hatte Andrea Loredan Geschmack daran gefunden, sein Leben Tag für Tag mit einfachen Mitteln selbst zu gestalten. Zum Beispiel bewegte er sich jetzt wieder, wie früher als Junge, mit seinem eigenen Boot durch Venedig. Und es war eine große Freude für ihn gewesen, die gondola de casada mit dem ewigen Katzbuckeln von Tonio, dem Gondoliere seiner Familie, zu verlassen und sich beim Rudern Schwielen an den Händen zu holen.

Andrea hatte die Mascaréta gebraucht gekauft, dreißig Dukaten hatte er dem Zimmermann der Loredan dafür gegeben, dessen kleine Werft im Viertel Dorsoduro direkt hinter San Trovaso lag. Sie war ein robustes, wendiges Boot mit flachem Kiel und symmetrischem Körper mit Planken aus Mahagoni und Rippen aus Lärche, fünfzehn mal drei Fuß. Andrea ruderte so, wie die Fischer in den seichten Gewässern der barene es ihn gelehrt hatten: vom Heck aus, aufrecht stehend, leicht nach vorn gebeugt, so dass er mit seinem Körpergewicht gegen die in Riemengabeln aus Wurzelholz liegenden Ruder drücken und sie bei jedem Stoß kreuzen und drehen konnte, wobei die Ruderblätter sich flach aus dem Wasser hoben. Er hatte dieses Boot gekauft, weil es leicht zu führen war, auch für Taddea, und es hatte ein kleines Gaffelsegel aus weinrotem Leinen, das, wenn es Wind von hinten bekam, die Mascaréta so schnell machte wie eine Galeere.

Mit einem exakten Manöver bog Andrea in den Rio delle Fornaci ein, direkt hinter dem Palazzo Dario. Hinter dem Ponte Bastion sah man schon die Mündung auf den Canale della Giudecca. Andrea schätzte, dass er, wenn er das kleine Segel gleich nach der Einfahrt in die Lagune aufziehen würde, mit Hilfe des leichten Windes, der vom Heck her wehte, das Kloster San Giacomo in weniger als einer Viertelstunde erreichen müsste.

Denn dorthin, in das große, vom Orden der Serviten geführte Haus des Gebets auf der Giudecca-Insel hatten sich, nach einem kurzen Aufenthalt in ihren Elternhäusern, die Nonnen der Celestia zurückgezogen. Das freundliche Billet mit einer Antwort auf seine Bitte um Audienz war Andrea an diesem Morgen zugestellt worden. Der Prior selbst hatte es geschrieben, er lud Andrea ein, eine Stunde vor der Vesper in das Kloster zu kommen.

Andrea erhoffte sich von einem Gespräch mit den älteren Ordensschwestern eine Antwort auf die Fragen, die er sich seit jener Nacht stellte: Warum hatte die Äbtissin ihm geschrieben und um seinen Besuch gebeten? Warum hatte sie sich kurz vor ihrem Tod ausgerechnet an ihn gewandt und ihn liebevoll wie eine Mutter behandelt? Und warum galten ihm diese mit so großer Mühe ausgesprochenen Worte, die letzten eines ganzen Lebens, die sie leider nicht hatte beenden können? All diese Fragen wirbelten seither in seinem Kopf herum wie Fieberträume. Wenn es sich um eine Verwechslung gehandelt hatte, konnte er darüber nur Gewissheit erlangen, indem er das Leben der Äbtissin kennenlernte. Vielleicht war Andrea ihr wirklich vor langer Zeit einmal begegnet. Umso mehr wünschte er, diese Vergangenheit zu rekonstruieren.

Seine Neugier war so groß, dass er einen Augenblick lang sogar erwogen hatte, seinem achtzehn Jahre älteren Bruder Alvise, der sich aufgrund seines Alters besser an Andreas Kindheit erinnern musste, von dem Vorfall zu erzählen. Aber Alvise war noch auf See, außerdem hatten die Brüder sich nie besonders gut verstanden, und nach dem Streit mit dem Vater hatte ihre Beziehung sich noch mehr verschlechtert.

Er legte sich in die Riemen und lenkte die Mascaréta in die Mitte des Kanals, um nicht von den Abfällen getroffen zu werden, die von Zeit zu Zeit aus den Fenstern flogen. Er dachte an die Worte der Nonne, an den Begriff der Wahrheit. Und an den der Seele. An die mögliche Bedeutung der Worte »Edelsteine des Himmels«. Vielleicht waren es Wahnvorstellungen kurz vor dem Tod gewesen, doch nichts verwehrte ihm, das Geschehen genau entgegengesetzt zu deuten. Wenn diese Worte einen Sinn gehabt hatten, würde Andrea sich entscheiden müssen: Er konnte Gleichgültigkeit und Vergessen wählen oder dieses spirituelle Testament annehmen und seiner Bedeutung auf den Grund gehen. In den Wochen, die seit der Explosion und der Begegnung vergangen waren, hatte seine Seele fortwährend zwischen den beiden Gefühlen geschwankt, und als er von der neuen Wohnstatt der Nonnen erfuhr, hatte er beschlossen, sich von dem Zweifel zu befreien.

Andrea bewegte die Ruder, und das Boot glitt rasch auf den Canale della Giudecca hinaus. Der Übergang vom Schatten des Rio delle Fornaci in das Licht, ein scharfer Windstoß und ein Schrei weckten ihn aus seinen Gedanken: »Aufgepasst!«

Die Stimme kam von rechts: Eine weiße Gondel fuhr direkt auf ihn zu, und der Mann am Bug hatte schon das Ruder aus der Gabel genommen, um Andreas Boot damit von der Gondel wegzustoßen und den Aufprall zu dämpfen. Instinktiv tauchte Andrea das Ruder ein und drehte die Mascaréta um die eigene Achse ganz nach links, in Fahrtrichtung der schweren Gondel. Das Ruderblatt, fachgerecht benutzt, berührte die Ufermauer und unterstützte das Wendemanöver.

»Ist das eine Art, in den Kanal hineinzufahren?«, empörte sich der Gondoliere, während die beiden Boote sich einander auf eine halbe Spanne näherten.

»Verzeiht, ich habe Euch nicht gesehen.« Doch im Ton seiner nutzlosen Entschuldigung lag weniger Bedauern als Erstaunen. Denn unter dem großen Zeltaufbau aus gelbem Leinen, der den Mittelteil der Gondel einnahm, hatte Andrea eine menschliche Fracht entdeckt. Als Erstes sprangen die Turbane ins Auge, dann die Kleider aus bunter Seide, aber auch einfache Hosen und Hemden, schließlich die Ketten um die Handgelenke. Kein Zweifel, das waren Türken. Nur Männer. Junge und alte saßen eng zusammengedrängt auf den Bänken. Zwei Sbirren, einer am Heck, einer am Bug, hatten Arkebusen auf sie angelegt. Was Andrea am meisten beeindruckte, war der gleichgültige Gesichtsausdruck der Gefangenen, er erinnerte ihn an die Gleichmut, die manche zum Tode Verurteilten zeigen, kurz bevor sie auf den Richtblock gestoßen werden.

Er hatte von diesen Verhaftungen gehört. Eine geheime Maßnahme des Rates der Zehn. Schon in der Nacht der Explosion waren alle türkischen Bürger festgehalten und verhört worden, und die Verdächtigen hatte man in die San-Nicolò-Kaserne am Lido gebracht. Um die Wahrheit zu sagen, hatte Andrea das zunächst nicht recht glauben wollen, denn er kannte die Interessen, die vom Güteraustausch zwischen Venedig und Konstantinopel abhingen, und wusste, wie diplomatisch und vorsichtig Senat und Signoria mit der Hohen Pforte umgingen. Darum hatte er mit großer Skepsis aufgenommen, was ihm sein Freund Luca Foscari, ein erfahrener Arzt, am gestrigen Tag anvertraut hatte. Unter Berufung auf den Bericht eines Kollegen, dessen Namen er nicht genannt hatte, hatte Luca ihm von zwei Türken erzählt, die, als christliche Pilger verkleidet, einen Tag nach der Explosion auf dem Steg einer Galeere mit dem Ziel Alexandria in Ägypten festgenommen worden waren. Von den Sbirren in das Stadtteilgefängnis von Castello gebracht, hatten die beiden Türken ein erstes Verhör erlitten, bei dem mehr Schläge als Worte gefallen waren, und jener Kollege, der von den Sbirren geholt worden war, hatte die beiden Türken wieder zusammenflicken müssen, wie er es gewöhnlich bei den Prahlhänsen machte, die von den Stieren am Campo San Salvatore auf die Hörner genommen werden. Dann hatte man von den beiden nichts mehr gehört, doch unten an der riva degli Schiavoni gab es Leute, die schworen, sie hätten zwei Särge auf einem kleinen Segler gesehen, der nach Poveglia fuhr, wo der Abfall verbrannt wurde. Für Andrea, den Doktor der Jurisprudenz und Gefängnisanwalt, der die Vortrefflichkeit der venezianischen Rechtsprechung mit Inbrunst verteidigte, waren dies lediglich Phantasien von Betrunkenen. Doch jetzt hatte er einen Beweis vor Augen, der wenig Raum zum Spekulieren ließ. Diese Gefangenen waren da, ebenso wie die Gondel und das Wasser, das sie trug. Und als er den letzten der Gruppe betrachtete, der ihm am nächsten war, sah er ein zerschlagenes und blutverschmiertes Gesicht wie das eines besiegten Duellanten am Ponte dei Pugni.

Plötzlich stieß einer der Bootsführer am Heck mehrere laute Pfiffe aus, die sein Gehilfe am Bug ebenso laut erwiderte. Und auf diese prompt in kräftige Ruderschläge verwandelten tönenden Befehle drehte das weiße Boot mit seinem gelben Zeltaufbau zwei Strich und fuhr auf die Mitte des Canale della Giudecca zu. Einen Augenblick lang schien es Andrea, als hätten die Bootsführer den Grund seines Staunens begriffen und sich entfernt, um weitere indiskrete Blicke zu vermeiden.

Er erinnerte sich auch an das, was Bepo Rosso ihm über den Krieg gegen den Türken gesagt hatte, und dachte, dass er wohl recht gehabt hatte. Als er dann den frischen Westwind im Rücken spürte, hisste er das Segel, die Mascaréta neigte sich leicht unter dem Wind und nahm Fahrt auf. Mit Hilfe der Ruder lenkte Andrea das Boot luvwärts an der Gondel mit ihrer Türkenfracht vorbei, genau auf die Insel der Giudecca zu, wo sich schon das gedrungene Profil des Klosters abzeichnete.

5

Assassino, der »Mörder«, und Visdecazzòn, der »Hornochse«, waren unzertrennlich. Ihre Spitznamen hatten ihnen die Gefangenen verliehen, die sie per Akklamation zu den gefürchtetsten Wächtern der Pozzi gewählt hatten. Obwohl die Gefangenen sie nie mit diesen Namen ansprachen, wussten die beiden Wächter davon und waren stolz darauf. Der Assassino war ein hochgewachsener, nervöser Mensch und unberechenbar, wenn der Irrsinn ihn packte. Visdecazzòn war sein Gegenteil, klein und gedrungen, maßvoll in jeder Hinsicht, aber imstande, eine zwei Finger dicke Eisenstange zu verbiegen.

Nachdem Mehmet Hasan an diesem Morgen eine »Anhörung mit dem Strick« durchgemacht hatte, brachten die beiden den Gefangenen in die Pozzi zurück, die trostlosesten, unmenschlichsten Zellen des Palazzo, die ausschließlich dem Rat der Zehn unterstanden.

Bei dem bescheidenen Gewicht dieses mageren, verschlissenen Körpers bedeutete es für die beiden kräftigen Kerle keine Mühe, den Alten unter den Achseln zu stützen, daher unterhielten sie sich, während sie mit ihm durch die Loggia im ersten Stock gingen, angeregt über finanzielle Fragen. Sie erwarteten eine großzügige Sonderzulage am Monatsende: wenigstens drei Dukaten pro Kopf, dank derer sie in dieser schweren wirtschaftlichen Krise und im Hinblick auf Weihnachten ein wenig aufatmen konnten. Der Rat der Zehn hatte den acht langjährigen Wärtern der Pozzi schon Mitte des Sommers eine Zulage versprochen, denn die incerti, die Schmiergelder, die die Gefangenen für Gefälligkeiten bezahlten, waren in der Krise stark zurückgegangen, während die Lebenshaltungskosten stiegen wie das vom Schirokko angetriebene Hochwasser. Mittlerweile kosteten drei Pfund Brot eine halbe Lira, also zehn Soldi, so viel wie ein Huhn und etwas weniger als ein Kaninchen. Bei dreißig Lire und zwanzig Soldi Lohn im Monat, von denen der Zehnte für die Steuer abging, blieb einer Familie nach Abzug der Miete für das Haus, des Brennstoffs zum Heizen und ein wenig Öl für die Lampen nichts mehr zum Beißen.

Über dieses und anderes sprechend, mit unrealistischen Berechnungen und ebenso sinnlosen Hoffnungen beschäftigt, nahmen die beiden sich Zeit, denn im Grunde war der Weg von der Folterkammer durch die Loggien im ersten Stockwerk bis zu den Treppen der Pozzi ein angenehmer und geschützter Spazierweg, während die faulige Luft, die von unten aufstieg, sobald man das Türchen aus massiver Eiche geöffnet hatte, das zu den Zellen führte, einem den Atem nahm und den Tag verfluchen ließ, an dem man den Beruf des Gefängniswärters gewählt hatte. Die Gefangenen selbst hatten diese Zellen »Brunnen« getauft, denn in den neunzehn Verliesen, neun ganz unten und zehn darüber, alle aus istrischem Kalkstein und fast alle mit Lärchenholz verkleidet, vermischten sich die Säfte der Erde mit denen der Körper, der Schimmel und die Fäulnis mit Exkrementen, aus Hoffnung wurde Verzweiflung und aus den Schreien Stille.

Unter den Zellen gab es eine, die achte unten, genannt die »Grabkammer«, bei deren bloßer Erwähnung auch der Härteste aller hartgesottenen Veteranen unter den Gefangenen zu beten begann, während die Reichen, Adelige oder Kaufleute, die dorthin verbannt wurden, bereit waren, ihre Schätze bis zur letzten Lira aufzuwenden, um nur ja aus diesem Loch herauszukommen. Die Grabkammer war wirklich ein Grab: acht Fuß lang und sechs Fuß breit, ohne eine einzige Öffnung bis auf das Guckloch in der Tür. Man lebte dort in ständiger Dunkelheit oder bei einem brennenden Öllämpchen, und das Schlimmste war, dass sie unter der Treppe zu den oberen Pozzi lag, also eine abfallende Decke hatte, die den Treppenstufen folgte und von sieben Fuß an der höchsten Stelle bis zum Boden reichte.

Darum stand die Grabkammer oft leer, selbst wenn die Gefängnisse überquollen wie Fässer mit Sardinen in Salzlake. Eine solche Überfülle herrschte derzeit, und Mehmet hatte beschlossen, es sofort zu versuchen, bevor die Zelle von einem anderen Gefangenen besetzt wurde. Nur wenn er dort drinnen landete, in völliger Isolation, würde er sich retten können. Jetzt oder nie. Er hatte keine Wahl. Während er sich stützen ließ, den Kopf auf die Brust gesenkt, und den Schmerz ertrug, den die Folter ihm zugefügt hatte und diese Schritte jetzt erneuerten, atmete er langsam und tief ein, um genug Luft zu haben, die er brauchen würde. Hinter dem Bogen der Loggia tauchte die Treppe der Zensoren auf. Er dachte an die göttliche Barmherzigkeit, daran, dass der Sekretär Formento den beiden Wärtern erlaubt hatte, ihn angesichts seines schwächlichen Zustands ohne die schweren Ketten um Hand- und Fußgelenke wegzubringen. Er konzentrierte sich. Drei Schritte noch folgte er fügsam, dann riss er sich mit einer raschen, entschlossenen Bewegung nach hinten los. Er war frei, und natürlich wartete er die Reaktion der beiden Wächter nicht ab. Schwungvoll drehte er sich um sich selbst und stürzte auf die Treppe zur unteren Loggia zu. Die ersten Bewegungen waren lautlos, weil der Assassino und sein Gefährte glaubten, sie könnten seine Flucht schon auf den ersten Stufen aufhalten. Man hörte nur Fußtrappeln und Keuchen. Mehmet hatte sofort einen Vorsprung von zehn Fuß.

»Halt, du Türkenhund! Halt!«

Im Hof waren Arbeiter, die zwei Bögen direkt unter der Scala dei Giganti abstützten, und eine Gruppe Senatoren machte hier eine Pause während einer Versammlung. Der Alte beschloss, auf die Porta del Frumento zuzulaufen, das nächstgelegene Tor, um alle von seinem Willen zur Flucht zu überzeugen. Wichtig war, seine Absicht deutlich zu machen und für alle sichtbar zu bleiben, damit die Senatoren, wenn die Wächter ihn erreichten und die Stockhiebe regnen würden, einschreiten und den Zorn der Männer besänftigen konnten. Er sah, dass der Hauptmann der Garden die Torflügel schließen ließ, während die Soldaten zu ihren Arkebusen griffen. Näher durfte er nicht kommen. Er drehte sich um, sein Atem wurde kürzer, seine brüllenden Verfolger hatten ihn fast erreicht.

»Haltet den Türken!«, hörte er schreien und sah die Arbeiter vom Gerüst springen und näher kommen. Also lief er direkt auf die Senatoren zu. Der erste Arbeiter verfehlte ihn noch. Doch der zweite packte ihn am Handgelenk, hielt ihn fest und brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Zwar entwand er sich, aber die Stöcke der beiden Wärter zischten schon durch die Luft. Noch zwei Schritte, dann spürte er einen heftigen Schlag in den Nacken. Er fiel auf das Pflaster, krümmte sich zusammen, um seinen Kopf zu schützen, und ein Hagel von Stockschlägen, Schreien und Tritten prasselte auf ihn nieder. Dann versank alles in Dunkelheit.

6

Das Ufer San Giacomo des Servitenklosters empfing ankommende Boote sanft, indem es ihre Kiele über den Schlamm gleiten ließ, den die Gezeiten feucht und glitschig hielten. Ein idealer Boden für Pappeln, deren Reihen Kirche und Kloster vor den kalten Nordwinden schützten. Von der Stadt aus zeigte sich zunächst die Kirche. Etwa vierzig Fuß vom Ufer entfernt auf einem Wall aus Kalkstein errichtet, folgte ihr Grundriss der Sonnenachse, das Halbrund der Apsis zeigte nach Süden. Auf diese Weise entzündeten die Sonnenstrahlen vom frühen Morgen an die fünf großen, vertikalen Fenster aus bleigefasstem, buntem Glas und erfüllten die Kirchen mit einem strahlenden Licht, das die Herzen aus dem Schlaf weckte und zum Himmel erhob. Der Glasmeister hatte raffinierte Arbeit geleistet, indem er für den unteren Teil helle Gläser von gelb bis himmelblau und nach oben hin, je höher die Sonne stieg, immer dunklere Töne von Grün über Purpurrot bis zum kräftigen Indigo benutzt hatte, um die mittäglichen Strahlen zu filtern

Es war der Sekretär Zuàne Formento gewesen, der Alvise Mocenigo empfohlen hatte, die Nonnen der Celestia hier auf die Insel der Giudecca umzusiedeln, und dieser hatte die Idee dem Rat der Zehn unterbreitet. Formento wiederum hatte einen Vorschlag des jungen, großzügigen Priors, Gabriele Dardano Veneziano, aufgegriffen, der sich sofort erboten hatte, den unglücklichen, heimatlosen Ordensschwestern eine neue Bleibe zu geben.

Notleidende aufzunehmen war eine der Ordensregeln. Überdies hatten die Patrizierfamilien, aus denen die Nonnen stammten, sich verpflichtet, San Giacomo stattliche Pensionen zu zahlen, um ihre Verwandten wieder loszuwerden, denn die jungen Frauen, von denen viele zum Klosterleben gezwungen worden waren, hatten in den vergangenen zwei Wochen zu ihrem großen Vergnügen die Gefahren und Versuchungen des weltlichen Lebens wiederentdeckt. Das Kloster war außerdem groß, es hatte um die fünfzig Zellen, die kaum mehr genutzt wurden, denn an Mönchen waren nur sechs geblieben, fast alle alt und gebrechlich. Also war den Nonnen der gesamte Westflügel mit eigenem Eingang, Refektorium, Küche, Kapitelsaal, Sprechzimmer, Kapelle, zwanzig Zellen für die regulären Nonnen und fünf für die Novizinnen überlassen worden. Von diesem Flügel aus gelangte man in die Keller und von dort über den Raum für Werkzeuge und Saatgut in den Garten. Die Handvoll Mönche hatten das fruchtbare Grundstück nur unzureichend pflegen können, und so brachten hier eher wilde Brombeerbüsche Früchte als die Orangen-, Zitronen- und Kirschbäume oder die Weinstöcke. Eine wirkliche Sünde, vor allem in dieser wirtschaftlich schwierigen Zeit. Die Ankunft der in der Gartenarbeit erfahrenen Nonnen war also hochwillkommen.

Nachdem Andrea die Mascaréta mit Hilfe der vom Westwind verstärkten Wellen halb aufs Trockene gezogen hatte, vertäute er das Boot mit dem Ankertau am Stamm einer Pappel. Dann ging er durch die Baumreihen, in denen der Wind rauschte, auf das Kloster zu. Der Platz zwischen Kirche und Kloster wurde von einer Schar schreiender Kinder beherrscht, die einander unter Schubsen und Zerren einen Ball aus Lumpen zuspielten. Andrea warf einen Blick auf die Sonne und berechnete im Geiste, dass eine Stunde zur Vesperzeit fehlte, er war pünktlich. Rasch versuchte er, sich die Begründung zurechtzulegen, die er gegenüber dem Prior anführen würde, um seinen Besuch zu erklären, und erkannte, wie schwer das sein würde. Er beschloss, nicht allzu viele Worte zu machen und vor allem um die Erlaubnis zu bitten, die alte Nonne und die Novizin sprechen zu dürfen, mit denen er die letzten Augenblicke im Leben der Äbtissin geteilt hatte.

»Heda, ein wenig Respekt!« Die laut gerufenen Worte übertönten die spitzen Schreie der Kinder, die schlagartig stillstanden. Andrea wandte sich um: Ein Mönch stand, die Fäuste in die Seiten gestützt, auf der Schwelle zur Kirche und musterte die Schar. »Ein wenig Respekt vor den Toten!« Der Mönch war untersetzt, die hochgekrempelten Ärmel seiner Kutte entblößten kräftige Unterarme. An den Füßen trug er Sandalen aus Lederriemen und Ledersohlen. Er mochte um die fünfzig sein, das Gesicht war glatt wie das eines gealterten Jungen, umrahmt von einem lockigen, weißen Schopf dichter Haare, kräftig wie Wildschweinborsten. Am Gürtel seiner Kutte hing ein großer Eisenring mit vielen Schlüsseln verschiedener Form und Größe. Der Frate schien jedes einzelne Kind mit den Augen zu durchbohren. Dann blickte er Andrea an. »Was wünscht Ihr?«, fragte er in demselben mürrischen, groben Ton, mit dem er die Kinder angesprochen hatte.

»Seid gegrüßt, padre.« Andrea versuchte, ihn mit einem höflichen Ton zu besänftigen. »Ich bin Andrea Loredan. Padre Dardano erwartet mich.«

»Folgt mir«, sagte der Bruder Pförtner mit einem letzten drohenden Blick auf die Kinder und kehrte Andrea den Rücken zu. In diesem kurzen Augenblick begriff Andrea, dass dieses Kloster, wie alle Klöster, eine eigene Welt mit eigenen Gesetzen und Gravitationskräften war, wo jeder Fremde als ein unvorhergesehenes und daher unwillkommenes Ereignis betrachtet wurde.

7

So hell, wie diese Kirche am Morgen sein musste, so dunkel war sie zur Vesperzeit. Um Haaresbreite wäre Andrea gegen den Frate gestoßen, der zwischen dem Türflügel und dem Weihwasserbecken stehen geblieben war und ihn forschend anblickte.

»Wartet hier.«

Andrea nickte nur und tauchte, um das unangenehme Gefühl der Fremdheit zu überwinden, die Fingerspitzen in das Weihwasser. Er bekreuzigte sich und stellte sich wartend zwischen die erste Säule des Mittelschiffs und die Statue von San Giacomo. Als er sich an das Halbdunkel gewöhnt hatte, erkannte er, was in der Kirche geschah.

Mitten im Hauptschiff, dort, wo es an den heiligen Bereich der Apsis grenzte, stand auf zwei Holzblöcken ein leicht dem Blick des Betrachters zugeneigter Sarg, in dem ein Leichnam lag. Zwei Kerzen schufen einen Kreis aus zitterndem, warmem Licht. Aus seiner Entfernung von etwa zehn Schritt konnte Andrea die Züge der Toten nicht erkennen, aber er vermutete, dass es eine Frau war, wegen der kleinen Körpergröße und weil jetzt alle Nonnen eine nach der anderen aus ihren Bänken kamen und ihr mit einem Kuss oder einer Liebkosung die letzte Ehre erwiesen. Die kalte Luft der Kirche war erfüllt vom Rascheln der Gewänder und dem Scharren von Füßen, untermalt von Seufzern, und das Ganze war in das rhythmische, ununterbrochene Flüstern einer endlosen Reihe von Avemaria gehüllt, in dem die Männerstimmen sich mit denen der Frauen vermischten, obwohl sie getrennte Teile eines einzigen Rosenkranzes blieben. Die Nonnen, die Novizinnen und ein paar fromme Frauen hatten ihre Plätze in den Bänken auf der linken Seite, die wenigen Mönche und eine Handvoll Männer auf der rechten. Erstere liefen zwischen dem Sarg und den Bänken hin und her, Letztere standen unbeweglich wie Basilisken, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Neben einem von diesen hatte der Frate Halt gemacht, einem dürren Mann, der ihn um mindestens eine Spanne überragte.

Der Prior, dachte Andrea. Jener wandte sich um, suchte mit Blicken nach Andrea und bedeutete ihm, näher zu kommen. Andrea wählte den diskretesten, dunkelsten Weg durch das rechte Seitenschiff, vorbei an mächtigen Säulen aus Ziegelstein, die die Spitzbögen und das Kreuzgewölbe trugen. Auf diesem kurzen Weg bemerkte er Einzelheiten der Bestattungsfeier, die ihn zunächst überraschten und dann beunruhigten: Er hatte die im Sarg ruhende Nonne erkannt, obwohl er nur kurze Zeit mit ihr verbracht hatte. Es war die betagte Ordensschwester, die ihn und Bepo Rosso in die Krypta zu der sterbenden Äbtissin geführt hatte. Sie schien zu lächeln, zufrieden und dankbar zwischen ihren Schwestern, die ihr einen letzten Gruß erwiesen. Unter ihnen erkannte Andrea auch die junge Novizin, die die Äbtissin liebevoll in ihren Armen gehalten hatte. Er kreuzte ihren Blick, kurz bevor er vor dem Prior stehen blieb. Die Novizin stand in der dritten Bankreihe und sah ihn verwirrt an.

»Es tut mir leid, Ser Loredan«, flüsterte der Prior, »aber ich kann Euch nicht viel Zeit widmen.«

Andrea wandte seine Augen von der Novizin ab und blickte den Prior an, doch eine plötzliche Befangenheit machte es ihm unmöglich, dem Mann zu antworten. Denn das von der Kapuze verhüllte Gesicht lag ganz im Schatten, und nur manchmal sah man den Lichtreflex der Augen.

»Ich hätte Euch benachrichtigen müssen«, fuhr der Prior fort, Andreas Schweigen als Verärgerung auffassend, »doch es ist alles so plötzlich geschehen.« Er seufzte und erklärte in feierlichem Ton: »Gott, der Allmächtige, gibt und nimmt, weil er um den tieferen Sinn von allem weiß.«

Als Andrea wieder zu der Novizin hinschaute, sah er nicht mehr nur Verwirrung in ihren Augen, sondern nackte Angst.

»Ich bin es, der um Entschuldigung bitten muss, ehrwürdiger Vater«, brachte er heraus. Und schwieg sofort, denn der Frate, der ihn hergebracht hatte, stand noch immer dort und lauschte schamlos.

Der Prior, der die Menschen besser kennen musste als die Heiligen, nahm Andrea beim Arm. »Kommt mit«, sagte er, während er schon aus der Bank herausglitt und auf die Kirchenwand zuging, wo es eine kleine Tür aus massivem Nussbaum gab, neben der der Strang eines Glöckchens hing.

8

Die geräumige Sakristei war mit dunklem Holz getäfelt, das der Zahn der Zeit und Schichten aus Leinöl und Staub geschwärzt hatten. Von Unruhe erfüllt, versuchte Andrea, einen Schritt schneller zu sein als der Prior, denn er hatte bemerkt, dass dieser das Türchen nicht hinter sich geschlossen hatte. Andrea wollte eine Position einnehmen, von der aus er die Novizin im Auge behalten konnte, während der Prior ihr den Rücken zuwandte. Er tat einen halben Schritt nach links, und die Novizin erschien mit den anderen im Viereck der offenen Tür. Als er sich endlich entschloss, dem Prior, der seine Kapuze abgenommen hatte, ins Gesicht zu blicken, zuckte er entsetzt zusammen. Die Pocken hatten es verwüstet und eine Art Maske aus Buckeln und Löchern daraus gemacht, die seine Züge entstellten. Obwohl der Prior in Andreas Alter war oder wenig älter, schien die Haut seiner Wangen und der Stirn wie durch einen bösen Zauber in den Panzer eines Krokodils verwandelt, während die von der Krankheit zerfressene Nase keine Spitze mehr hatte und auf einer Seite keine Nüster mehr. Kaum je hatte Andrea etwas Grauenhafteres gesehen, und nach dem Hals und den Händen zu urteilen, musste die Verwüstung den Mann am ganzen Körper heimgesucht haben. Das eingefallene Gesicht, die Magerkeit des Körpers und seine außergewöhnliche Größe machten den Prior zu einer unheimlichen Gestalt, wären da nicht die Mönchskleidung gewesen, die er trug, und seine Rolle.

»Gestern Abend nach dem Essen«, nahm der Prior, der sich aus Höflichkeit und Respekt vor Andrea über Gebühr zu entschuldigen suchte, den Faden wieder auf, »hat suor Clara sich noch mit den anderen zurückgezogen, aber heute Morgen …«, seufzte er, »ist sie gestorben … offenbar an Herzbeschwerden, wie der Arzt aus dem Ospedaletto erklärt hat.«

»Auch das noch, nach allem, was geschehen ist«, brachte Andrea nur verwirrt heraus.

»Euer Besuch ist mir eine Ehre, Ser Loredan«, sagte der Prior, eine Verbeugung andeutend.

»Die Ehre ist ganz auf meiner Seite, Hochwürden.«

»Was kann ich für Euch tun?«, fragte der Prior mit honigsüßer Stimme.

Andrea warf einen Blick durch die Tür und wunderte sich, denn ihm schien, als würde die Novizin ihn nicht mehr nur erschrocken anschauen, sondern auch leicht den Kopf schütteln, wie um ein Nein anzudeuten.

»Nun, Ser Loredan?« Der Prior hatte seinem ehrerbietigen Ton einen Anflug von Unbehagen beigemischt.

Andrea erkannte, dass er sich zu sehr von seinen Gedanken ablenken ließ. Er versuchte, die Situation zu retten und Zeit zu gewinnen: »Ihr seid sehr hilfsbereit gewesen, Padre. Doch ich denke, es ist besser, wenn ich ein andermal wiederkomme«, und dabei zeigte er auf die Tür, hinter der man die Nonnen und den Katafalk mit dem Leichnam sah.

»Mein lieber Sohn, Eure Höflichkeit ist schätzenswert, doch Ihr seid bis hierher zu uns gekommen, und ich werde Euch nicht unverrichteter Dinge gehen lassen. Erklärt Euch mir, und ich werde versuchen, Euch, so gut ich kann, zu helfen.«

Die Beharrlichkeit des Priors verlangte eine Antwort, die Andrea, beunruhigt durch das Verhalten der Novizin, nicht fand.

»Wie Ihr möchtet, Padre Prior«, sagte er schließlich. »Wundert Euch nicht, aber ich bitte Euch, mir ein Gespräch zu bewilligen.«

»Wenn es in meiner Macht steht, wird Euch die Erlaubnis gegeben.«

»Ich bitte Euch um einen Dispens von der Klausur, damit ich mit den ehrwürdigen Müttern der Celestia sprechen kann.«

Der Prior fixierte ihn eine Zeitlang, vielleicht ehrlich überrascht, wenn die Maske seines Gesichts ihm irgendeine Art von Ausdruck gestattet hätte.

»Ist das alles?«

»Ja.«

»Dürfte ich den Grund erfahren?«

»Ich möchte den ehrwürdigen Müttern etwas Gutes tun.«

Der Prior nickte zustimmend. »Ihr seid großherzig, Ser Loredan, wie alle Loredan, doch wenn es nur darum geht, so kann ich Euch Antwort geben.« Der Prior schien ihn einen Augenblick lang prüfend anzusehen. »Viele, darunter Sua Serenità, Euer Vater, haben Hilfe angeboten, und ich habe ihnen das geantwortet, was ich jetzt auch Euch sage: In San Giacomo fehlt es an nichts, das Kloster hat eigenen Boden und Einkünfte, sowohl auf der Giudecca wie auf der Terraferma unter dem Schutz Gottes und der hochverehrten Prokuratoren von San Marco. Wenn Ihr in diesem Moment der Krise, wo Korn den Wert von Gold hat, unbedingt etwas geben wollt, dann ist eine solche Offerte natürlich willkommen.«

Andrea wurde sofort klar, dass er eine Mauer vor sich hatte, die schwer zu überwinden war. Und er hatte keine Zeit, über sprachliche Feinheiten nachzudenken, um sie zu umgehen, ohne lügen zu müssen.

»Das werde ich mit Freude tun«, sagte er darum. »Ihr müsst jedoch wissen, ehrwürdiger Vater, dass es noch einen anderen Grund gibt, warum ich hier bin und um Audienz bitte. Einen sehr persönlichen Grund.«

Der Prior hatte ein solches Anliegen erwartet und wusste recht wohl, dass dies der Kern der Sache war. Doch er gab es nicht zu verstehen, sondern verbarg seine Neugier hinter einem großzügigen Lächeln. »Betrachtet mich als Euren Beichtvater.« Die Augen des Priors leuchteten ehrlich, wenigstens schien es Andrea so. Also beschloss er, sich ihm anzuvertrauen.

»Wisst Ihr, die Frage ist in der Nacht der Explosion des Arsenale entstanden, als ich mit vielen anderen Venezianern zum Kloster der Celestia gelaufen bin. Als wir ankamen, brannte noch alles, und viele waren unter den Trümmern begraben, die Kirche war eingestürzt, aber die Nonnen waren in Sicherheit.«

»Ein Wunder«, bestätigte der Prior mit dem sicheren Tonfall eines Menschen, der das Thema längst besprochen und geklärt hat. »Es war die Gottesmutter, deren steinernes Abbild dort seit jeher verehrt wird.«

Andrea, der nicht an Wunder glaubte, doch die Gewissheiten des Priors nicht in Zweifel ziehen wollte, pflichtete ihm bei: »Ich selbst bin Zeuge, Padre: Das Bildnis der Jungfrau Maria mit ihrem göttlichen Kinde stand dort, unversehrt in der Apsis, hoch und stark zum Schutz der Schwestern.« Instinktiv machte er eine Pause, sein Blick ging durch die Tür zur Novizin, doch ihr Platz war leer.

»Und weiter?«, drängte der Prior, der die Ablenkung bemerkt hatte.

»In jener Nacht«, nahm Andrea seinen Faden wieder auf, »bin ich mit einem Werkmeister des Arsenale in die Krypta hinabgestiegen, denn dorthin hatte man die ehrwürdige Mutter Lucia Vivarini, die Äbtissin, gebracht.«

»Sie hat ihr Leben für die anderen geopfert, die Schwestern haben mir alles erzählt«, bestätigte der Prior.

»So ist es, doch genau dies ist der Punkt, denn Ihr müsst wissen, Padre, dass etwas Besonderes geschehen ist …« Andrea befiel ein letzter Zweifel, ob er fortfahren sollte, doch wie manche Schiffe, die zu schnell auf die Mole zusteuern und dann mit dem Bug dagegenstoßen, fiel es ihm nach einem solchen Anlauf schwer, innezuhalten. Er beschloss nur, nichts von dem Brief zu erzählen, den die Äbtissin ihm geschrieben hatte. »Als ich mich über sie beugte, um ihr zu helfen, hat Suor Lucia meine Hand genommen, mich angelächelt und meinen Namen ausgesprochen. Versteht Ihr?«

Der Prior musterte ihn schweigend, konzentriert wie ein Arzt, der die Symptome einer Krankheit sucht. »Das findet Ihr seltsam?«, fragte er schließlich.

»Es war, als würde sie mich kennen«, versuchte Andrea zu erklären.

»Mein Sohn«, unterbrach ihn der Prior lächelnd, »Ihr seid in Venedig wohlbekannt.«

Überrumpelt dachte Andrea einen Moment über diese Selbstverständlichkeit nach, ehe er erwiderte: »Ich versichere Euch, Padre, dass ihr Verhalten über die Vertraulichkeit hinausging, die viele meiner Familie und mir entgegenbringen.« Diese Präzisierung schien dem Prior etwas von seiner Sicherheit zu nehmen. »Und es gibt noch etwas, das Ihr wissen müsst.« Andrea sah dem Prior in die Augen. »Im letzten Augenblick vor ihrem Tod sprach die Äbtissin zu mir, sie sagte etwas, über das ich seither nachdenke, ohne seine Bedeutung herausfinden zu können. Sie sagte, ich solle die Wahrheit in der Seele suchen …«, die Worte erstarben ihm auf den Lippen, denn eine leichte Veränderung des Lichts hinter dem Rücken des Priors hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Auf der Schwelle zur Sakristei, kaum vier Schritte entfernt, stand die Novizin und blickte ihn an, während sie den Kopf schüttelte. In einer langsamen, vorsichtigen, aber unmissverständlichen Bewegung.

»Nun?«, fragte der Prior.

Als Andrea zögerte, wandte der Prior sich um. Die Novizin rührte sich nicht und hielt seinem Blick stand.

»Benötigt Ihr etwas?«, fragte der Mönch mit eiskalter Stimme.

Die junge Frau sah ihn nur an und schien etwas antworten zu wollen. Dann legte sie eine Hand an ihre Stirn, schloss die Augen und drehte sich um sich selbst.

Andrea eilte ihr sofort zu Hilfe, doch er konnte nicht verhindern, dass die Novizin auf den Marmorboden sank. In der Kirche stockte der Rhythmus des Rosenkranzes und wurde zu einem erregten Murmeln, während die ersten Mönche aus ihren Bänken eilten und die junge Frau im Halbkreis umringten. Andrea kniete schon neben ihr, einen Arm unter ihren Hals und den anderen unter ihre Knie schiebend.

»Lasst sie los«, fuhr der Prior ihn an, offenbar fand er es unschicklich, dass Andrea sie in die Arme nehmen wollte. Der beachtete ihn jedoch nicht und hob die Novizin vorsichtig vom Boden. Dem Prior blieb nichts anderes übrig, als ihm einen roten Samtsessel zwischen zwei Schränken an der Wand der Sakristei zu zeigen.

Während Andrea mit der Novizin auf den Armen zum Sessel ging, begann sie zu sprechen, ohne die Augen zu öffnen: »Sagt nichts, damit Ihr nicht in Gefahr geratet«, flüsterte sie hastig. »Morgen zur Non am Ufer des Gartens. Ich werde es Euch erklären.« Dann verstummte sie gerade noch rechtzeitig.

»Legt sie auf den Sessel!«

Sofort löste sich ein Terzett aus der im Türrahmen zusammengedrängten Traube aus Köpfen, und drei Nonnen waren bei ihr. Eine stützte ihren Oberkörper, eine wischte ihr mit einem feuchten Tuch über die Stirn. Sie stellte sich weiter ohnmächtig.

»Lassen wir sie in Ruhe«, sagte der Prior, sich zum Kirchenraum umwendend. Mit klopfendem Herzen ging Andrea ihm einen Schritt voraus und trat durch die Tür zwischen den auf beiden Seiten zurückweichenden Ordensleuten hindurch. »Es ist nichts passiert! Fahren wir fort!«, ermahnte sie der Prior mit gedämpfter Stimme.

Die Reihen schlossen sich wieder, die der Mönche in den Bänken rechts, die der Nonnen auf der linken Seite. Der Prior hatte seine Kapuze aufgesetzt, und zu Andreas Erleichterung verschwand sein Gesicht wieder im Nichts ihres Schattens.

»Ich lasse Euch rufen, Ser Loredan, dann werden wir über alles sprechen«, murmelte der Prior aus dieser dunklen Höhle heraus, während er an seinen Platz in der ersten Reihe zurückkehrte.

»Ich kann es kaum erwarten, ehrwürdiger Vater«, log Andrea und verbeugte sich. »Vielen Dank, dass Ihr mir Eure Zeit gewidmet habt.« Er warf einen letzten Blick auf die Sakristei, doch das Türchen war geschlossen worden. In der Nähe stand der Frate, der ihn empfangen hatte, und folgte ihm mit finsterem Blick. Jemand betrat die Kirche, denn ein Strahl rötlichen Sonnenlichts fiel in das Mittelschiff und streifte den Leichnam. Die Sonne stand schon tief über den Gärten der Giudecca. Andrea wollte nicht in der Stadt ankommen, wenn es dunkelte und die seit dem Tag der Explosion herrschende Ausgangssperre begann, um dann jedem Sbirren oder einer Patrouille der Signori di Notte den Passierschein zeigen zu müssen, den er als Gefängnisanwalt besaß. Also deutete er einen Kniefall und ein Kreuzzeichen an und ging auf das Kirchentor zu.

Auf dem Platz hatte der Westwind, der Sonnenbahn folgend, aufgefrischt, die Pappeln bogen sich und ließen vergilbte Blätter fallen. Während Andrea beobachtete, wie eines dieser Blätter durch die Luft flog, am Ufer entlang zwischen die Boote trudelte, im Wasser landete und sich vollsog, bis es glatt an der Oberfläche klebte und verschwand, ahnte er, dass er in einen Wirbel von Ereignissen geraten war, die er nicht kontrollieren konnte.

9

Als Mehmet Hassan die Augen aufschlug und die Geometrie der Steine wiedererkannte, versuchte er, einen Arm zu heben, um sie zu berühren, doch der Schmerz war zu groß. Also drehte er den Kopf zur Seite, nur ein wenig, denn auch diese Bewegung verursachte ihm Schmerzen. Er sah, dass das Patriarchenkreuz aus Bronze noch immer dort war, unter der neunten Stufe an die Lärchenbretter genagelt, und spürte, wie Rührung in ihm aufstieg. Es gelang ihm, sich die Finger an die Lippen zu führen: Sie waren geschwollen, blutverkrustet und schmerzten. Er fasste an die Pritsche, ließ seine Hand über den Boden gleiten und spürte die glitschige Feuchtigkeit der istrischen Steine. Dann roch er an seiner Hand und erkannte sofort den Geruch nassen Kalksteins. Es gab nur einen Pozzo, der einen Steinboden hatte und unter der Treppe lag: den achten, die Grabkammer, die Strafzelle, wo diejenigen in Isolationshaft gehalten wurden, die gewalttätig waren und Wächter angegriffen hatten, die Fluchenden, die Sodomiten und jene, die »Veilchen kaufen gingen«, wie ein Fluchtversuch im Jargon des Gefängnisses genannt wurde.

Der alte Türke bewegte wieder den Kopf und erblickte das Holzbrett an der Wand mit der Ölleuchte darauf. Es befand sich genau dort, wo es hingehörte: in einer Linie mit dem oberen Rand des winzigen Türchens, zwei Handbreit über dem Guckloch.

Die Rührung trieb ihm Tränen in die Augen. Er spürte eine Träne seine Wange hinunterlaufen bis zum Ohr, dann eine zweite. Er lebte und dankte Gott, dass der ihn bis hierher geführt hatte, auf diesen neuen Pfad, von wo aus er seinen Weg fortsetzen konnte.

10

Die Geheimkanzlei im oberen Mezzanin des Palazzo Ducale war ein großer Saal über zwei Ebenen mit unterschiedlichen Funktionen. Beim Eintreten gelangte man in die obere Ebene, gute sechs Spannen über der zweiten errichtet und von einem großen Dachfenster und vier paarweise übereinanderliegenden kleinen Fensterchen erleuchtet. Hier standen neben dem Schreibtisch des verantwortlichen Aufsehers der Skribenten zwei Tische, an denen die ersten Sekretäre Akten und Dokumente vorwiegend politischer, vertraulicher und geheimer Art protokollierten, welche tagtäglich aus den Ratssitzungen, Versammlungen, den unterschiedlichen zonte, und »Triumviraten« der Regierung der Serenissima hereinkamen.

Die zweite Ebene befand sich jenseits einer Balustrade aus Nussbaum, die an den Rand des Fußbodens aus rotem Marmorterrazzo anschloss. Durch ein zweiflügeliges Törchen in der Mitte der Balustrade, ebenfalls aus Nussbaum in Form verschlungener Reblinge, gelangte man über vier Stufen nach unten. In diesem, an allen Seiten mit Schränken verkleideten und von einer heiligen Stille erfüllten Raum, standen Tische in drei Reihen hintereinander, an denen die Schreibsekretäre saßen und Aktenbündel, Urteilssprüche, Briefe und Register verzeichneten, klassifizierten und katalogisierten, wobei sie die unleserlichsten Dokumente mit ihrer Schönschrift transkribierten.

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