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Die Erbin

Zu diesem Buch

Natalia de la Grip ist ein aufgehender Stern am schwedischen Wirtschaftshimmel: Sie ist klug, tough und schon jetzt eine der angesehensten Unternehmensberaterinnen des Landes. Doch diesen Erfolg musste sie sich hart erarbeiten: Denn obwohl sie als Tochter des mächtigsten Unternehmers Schwedens in die Elite der Finanzbranche hineingeboren wurde, hat ihr Vater nie einen Hehl daraus gemacht, dass Frauen seiner Meinung nach in der Wirtschaft nichts zu suchen haben. Natalia hält trotzdem unbeirrt an ihrem Karriereziel fest: eine Führungsposition bei Investum, dem milliardenschweren Familienunternehmen der de la Grips. Als sie eines Tages von niemand Geringerem als David Hammar, einem der erfolgreichsten Risikokapitalgeber Europas, zum Lunch eingeladen wird, ist sie zunächst überrascht. Sie willigt schließlich ein, nicht zuletzt weil sie neugierig auf den skandalumwitterten Mann ist, der sich seinen Weg aus der Arbeiterschicht nach ganz oben erkämpft hat und seit einiger Zeit die traditionsverhaftete Stockholmer Finanzwelt gehörig aufmischt. Aber es gibt da etwas, das Natalia nicht weiß. Etwas, das das Treffen mit David zum verhängnisvollsten Ereignis ihres Lebens machen wird. Denn David Hammar hat noch eine Rechnung mit ihrer Familie offen, die er nun ein für alle Mal begleichen will. Die letzte Schachfigur, die er dafür bewegen muss, ist Natalia. Allerdings hat er nicht mit den Gefühlen gerechnet, die die junge Frau in ihm hervorruft und die seinen seit langer Zeit geplanten Coup gefährlich ins Wanken bringen…

1

Mittwoch, 25. Juni

David Hammar spähte durch die gewölbte Scheibe des Hubschraubers hinaus. Sie befanden sich auf einer Höhe von tausend Fuß, die Sicht war gut. Er ließ seinen Blick über die weite Landschaft schweifen und justierte das Headset, das es ihm ermöglichte, mit den anderen in normaler Lautstärke zu kommunizieren.

»Dort hinten«, sagte er und wandte sich zu Michel Chamoun um, der auf der Rückbank saß und ebenfalls durchs Fenster hinausschaute. David wies in Richtung des Schlosses Gyllgarn, das, leuchtend gelb getüncht, in der Ferne sichtbar wurde.

Der Pilot visierte das Ziel an und ging auf Kurs. »Wie nah willst du ran?«

»Nicht allzu nah, Tom. Nur so weit, dass wir es etwas besser sehen können.« David ließ das Schloss nicht aus den Augen. »Ich will keine unnötige Aufmerksamkeit erregen.«

Grüne Wiesen, Gewässer, die in der Sonne glitzerten, und dicht belaubte Bäume breiteten sich vor und unter ihnen aus. Wie ein Gemälde einer vollkommenen ländlichen Idylle. Das Schloss war auf einer Insel inmitten eines außergewöhnlich breiten Flusses erbaut worden. Das Wasser rauschte an beiden Seiten der Insel vorbei und bildete einen natürlichen Wallgraben, der früher einmal als Schutz vor Feinden gedient hatte.

Tom ließ den Hubschrauber in weitem Bogen über dem Gelände kreisen.

Auf den Weiden unter ihnen grasten Pferde und Schafe. Riesige, mehrere Hundert Jahre alte Eichen bildeten eine Allee von der Landstraße zum Anwesen. Selbst aus dieser Höhe konnte man die gepflegten Obstbäume und farbenfroh gestalteten Beete erkennen, die das gut erhaltene Schloss umgaben.

Verdammt! Das sah ja aus wie das reinste Paradies.

»Der Makler, mit dem ich gesprochen habe, schätzt allein den reinen Gebäudewert auf über dreißig Millionen«, sagte David.

»Das ist viel Geld«, stellte Michel fest.

»Zuzüglich der Werte von Wald und Grund. Und Wasser. Es handelt sich um mehrere Tausend Hektar Land, die allein schon über zweihunderttausend wert sind.« David fuhr fort, die Vermögenswerte aufzuzählen: »In den Wäldern gibt es jede Menge Wild und zudem massenweise kleinere Gebäude, die zum Anwesen gehören. Hinzu kommt natürlich noch das Inventar. Kriegsbeute aus dem siebzehnten Jahrhundert. Silberservice und kunstvolle russische Handarbeiten. Und eine Gemäldesammlung mit Werken aus den vergangenen drei Jahrhunderten. Auktionshäuser in der ganzen Welt werden sich darum reißen.«

David wandte sich auf seinem Sitz um. Michel inspizierte das leuchtend gelbe Schloss, über dem sie jetzt schwebten.

»Und all das gehört dem Unternehmen?«, fragte Michel skeptisch. »Nicht der Familie?«

David nickte bestätigend. »Unbegreiflich, dass sie sich für diese Lösung entschieden haben«, pflichtete er ihm bei. »So kann es eben gehen, wenn man glaubt, man sei unbezwingbar.«

»Niemand ist unbezwingbar«, meinte Michel.

»Nein.«

Michel richtete seinen Blick wieder aus dem Fenster. David wartete, während die dunklen Augen seines Freundes über die Besitztümer glitten. »Das ist ja ein richtiges Kleinod«, fuhr Michel fort. »Falls wir all das veräußern, müssen wir mit einem Volksaufstand rechnen.«

»Nicht falls«, entgegnete David rasch. »Sondern wenn.«

Denn genau das würden sie tun, dessen war er sich absolut sicher. Sie würden diesen fruchtbaren Grund und Boden zerstückeln und an den Meistbietenden verkaufen. Die Leute würden sich lauthals beschweren, am lautesten würden die jetzigen Eigentümer schreien. Beim Gedanken an diese musste er fast ein bisschen lächeln. Dann warf er Michel einen fragenden Blick zu. »Hast du alles gesehen?«

Michel nickte, woraufhin David fragte: »Kannst du uns in die City zurückbringen, Tom? Wir sind hier fertig.«

Tom nickte, der Hubschrauber legte eine elegante Kehrtwende hin und gewann an Höhe. Sie ließen das idyllische Ambiente hinter sich und nahmen Kurs auf Stockholm. Unter ihnen zogen Autobahnen, Wälder und Industriegebiete vorbei.

Eine Viertelstunde später erreichten sie die Kontrollzone der Hauptstadt, und Tom nahm Kontakt zum Tower des Flughafens Bromma auf. David lauschte mit einem Ohr dem Wortwechsel und den kurzen standardisierten Phrasen.

»… 1500 feet, request full stop landing, three persons on board.«

»Approved, straight in landing, runway three zero …«

Tom Lexington, ein erfahrener Pilot, steuerte den Hubschrauber mit ruhigen Bewegungen und wachem Blick. Eigentlich arbeitete er für ein privates Sicherheitsunternehmen, aber David und er kannten sich bereits seit Langem, sodass er sich bereit erklärt hatte, sein Können und seine Zeit zur Verfügung zu stellen, als David das Schloss aus der Luft inspizieren wollte.

»Danke, dass du uns geflogen hast«, sagte David.

Tom entgegnete nichts, sondern nickte nur knapp, um zu zeigen, dass er ihn gehört hatte.

David wandte sich wieder Michel zu. »Wir haben noch genügend Zeit bis zum Meeting der Geschäftsführung«, sagte er mit einem Blick auf seine Uhr. »Malin hat angerufen. Alles ist vorbereitet.« Malin Theselius war ihre Pressesprecherin.

Michel streckte seinen breiten, im Anzug steckenden Oberkörper auf dem Rücksitz. Als er sich am kahl rasierten Schädel kratzte, blitzten die Ringe an seinen Fingern auf. »Sie werden dich bei lebendigem Leibe zerreißen«, sagte er, während tausend Fuß unter ihnen Stockholm vorbeizog. »Das ist dir doch klar, oder?«

»Uns«, korrigierte David.

Michel setzte ein schiefes Grinsen auf. »Nee, nur dich. Denn du bist der Titelheld und der böse Corporate Raider. Ich bin bloß der kleine Einwandererjunge, der tut, was du sagst.«

Michel war der smarteste Mann, den David kannte, und Senior Partner in Davids Risikokapitalgesellschaft Hammar Capital. In Kürze würden sie gemeinsam die gesamte schwedische Finanzbranche vollständig umkrempeln. Aber Michel hatte recht. David, der Gründer von Hammar Capital, der den Ruf hatte, knallhart und arrogant zu sein, war derjenige, der in der Finanzpresse würde Spießruten laufen müssen. Und man konnte sogar sagen, dass er sich bereits darauf freute.

Michel gähnte. »Wenn das hier vorbei ist, werde ich Urlaub nehmen und mindestens eine Woche lang schlafen.«

David drehte sich erneut zu ihm um und sah in der Ferne die Vororte vorbeiziehen. Er war nicht müde. Im Gegenteil, er hatte sein halbes Leben lang auf diesen Kampf hingearbeitet und brauchte keinen Urlaub. Er wollte Krieg.

Sie hatten das Ganze seit fast einem Jahr geplant. Es war die größte Transaktion, an die Hammar Capital sich jemals herangewagt hatte. Dabei handelte es sich um die feindliche Übernahme eines riesigen Unternehmens, und die kommenden Wochen würden entscheidend sein. Noch nie hatte irgendjemand etwas Ähnliches getan.

»Woran denkst du?«, fragte David übers Headset. Er kannte seinen Freund in- und auswendig und wusste, dass dessen Schweigen etwas zu bedeuten hatte und Michels scharfsinniges Hirn gerade irgendein juristisches oder finanzielles Problem bearbeitete.

»Woran ich vor allem denke«, begann Michel, »ist, dass es schwierig werden wird, die Sache noch länger geheim zu halten. Man wundert sich bestimmt über die Kursbewegungen an der Börse. Es wird nicht lange dauern, bis irgendjemand – ein Börsenmakler wahrscheinlich – etwas an die Presse durchsickern lässt.«

»Ja«, pflichtete David ihm bei. Irgendetwas sickerte immer durch. »Wir halten den Deckel drauf, solange es geht«, sagte er. Sie hatten schon oft darüber diskutiert, an ihren Argumenten gefeilt, systematisch nach Denkfehlern gesucht, und waren schließlich stärker und schlauer geworden. »Wir kaufen weiter«, entschied er. »Aber immer nur äußerst wenig auf einmal. Noch weniger als bisher. Ich werde mit meinen Kontakten sprechen.«

»Der Kurs der Aktie steigt im Augenblick ziemlich schnell.«

»Ich hab es gesehen«, sagte David. Die Kurve des Aktienkurses ähnelte einer sich aufbäumenden Welle. »Schauen wir mal, wie lange es rentabel bleibt.«

Es war immer ein Prozess des Abwägens, wie schnell man vorgehen konnte. Je aggressiver die Aktien eines Unternehmens gehandelt wurden, desto stärker wurde der Kurs nach oben getrieben. Wenn aber zudem an die Öffentlichkeit gelangte, dass Hammar Capital der Käufer war, würde der Kurs rapide in die Höhe schnellen. Bis jetzt waren sie äußerst vorsichtig gewesen. Sie hatten mittels zuverlässiger Strohmänner tagein, tagaus eingekauft und nur in geringen Mengen. Kleine Bewegungen verursacht, die nicht mehr als eine Kräuselung der weitläufigen Börsenoberfläche nach sich zogen. Doch sowohl Michel als auch ihm war klar, dass sie sich nun einer kritischen Grenze näherten.

»Wir wussten ja, dass wir früher oder später gezwungen sein würden, damit an die Öffentlichkeit zu gehen«, erklärte David. »Malin feilt schon seit Wochen an der Pressemitteilung.«

»Die Leute werden ausflippen«, meinte Michel.

David verzog den Mund. »Ich weiß. Wir können nur hoffen, noch eine Zeit lang unterhalb des Börsenradars zu fliegen«, sagte er.

Michel nickte. Das war schließlich die Grundidee von Hammar Capital. Ihr Team aus Analysten spürte Unternehmen auf, die schlecht liefen, obwohl sie eigentlich gut aufgestellt waren. David und Michel identifizierten das Problem – oftmals eine inkompetente Unternehmensführung – und durchkämmten dann den Markt nach Aktien, um schließlich die Mehrheit zu erwerben.

Dann stürmten sie das Unternehmen, in brutaler Art und Weise. Übernahmen die Geschäfte und strukturierten den Laden um. Zerstückelten die Substanz und werteten sie auf. Verkauften und profitierten. Das konnten sie besser als fast alle anderen: etwas in ihren Besitz zu bringen und dessen Wert zu steigern. Manchmal lief es reibungslos und man zog an einem Strang, sodass Hammar Capital seine Agenda umsetzen konnte. In anderen Fällen lief es auf einen Kampf hinaus.

»Ich würde gerne jemanden aus der Eigentümerfamilie auf unserer Seite wissen«, sagte David, während sich die südlichen Stadtteile Stockholms vor ihnen ausbreiteten.

Einen oder mehrere der einflussreichen Aktieninhaber auf seiner Seite zu haben, beispielsweise einen der Manager der gigantischen Rentenfonds, war entscheidend, um eine feindliche Übernahme in dieser Größenordnung überhaupt bewältigen zu können. David und Michel hatten viel Zeit investiert, um diese zu überzeugen, in unendlich vielen Meetings gesessen und unzählige Rechenexempel durchgeführt. Aber ein Mitglied aus der Eigentümerfamilie für sich zu gewinnen, brachte diverse weitere Vorteile mit sich. Zum einen natürlich einen enormen Prestigegewinn, nicht zuletzt weil das Unternehmen, um das es hier ging, Investum, eine der größten und ältesten Aktiengesellschaften des Landes war. Zum anderen könnten automatisch andere folgen und zum Vorteil von Hammar Capital abstimmen, wenn sein Unternehmen vorweisen könnte, dass eine Person aus dem innersten Kreis auf seiner Seite stand. »Das würde den Prozess deutlich erleichtern«, fuhr er fort.

»Und wen?«

»In der Familie gibt es tatsächlich jemanden, der einen eigenen Weg gegangen ist«, erklärte David, während der Flughafen Bromma am Horizont sichtbar wurde.

Michel schwieg eine Weile. »Die Tochter, oder?«, fragte er dann.

»Ja«, antwortete David. »Sie ist ziemlich unscheinbar, soll aber angeblich sehr intelligent sein. Gut möglich, dass sie unzufrieden ist mit der Art und Weise, wie die Männer sie behandeln.« Investum war nicht nur ein alteingesessenes und traditionsreiches Unternehmen. Es wurde auch in einer patriarchalischen Art und Weise geführt, die die Fünfzigerjahre als modern und aufgeklärt erscheinen ließen.

»Glaubst du wirklich, dass du irgendjemanden in dieser Familie überzeugen kannst?«, fragte Michel mit Zweifel in der Stimme. »Du bist nicht gerade beliebt bei ihnen.«

David musste beinahe lächeln angesichts dieser Untertreibung.

Investum wurde von der Familie de la Grip kontrolliert, und das Unternehmen setzte täglich Milliardenwerte um. Indirekt kontrollierte Investum und damit die Familie annähernd ein Zehntel des schwedischen Bruttoinlandsprodukts und besaß die größte Bank des Landes. Es gab kaum einen Aufsichtsrat eines größeren schwedischen Unternehmens, in dem sie nicht repräsentiert waren. Die de la Grips waren adlig, traditionsbewusst und vermögend. So nahe man eben dem Königshaus kommen konnte, ohne königlich zu sein, noch dazu mit bedeutend blauerem Blut als ein Bernadotte. Dass er, der Emporkömmling David Hammar, eine Person aus dem innersten, für seine Loyalität bekannten Familienkreis dazu bringen würde, die Seite zu wechseln und zu ihm, einem berüchtigten Risikoinvestor und Corporate Raider, überzulaufen, war unwahrscheinlich.

Aber es war ihm bereits gelungen, einzelne Mitglieder verschiedener Familienunternehmen davon überzeugen können, gemeinsame Sache mit ihm zu machen. Oftmals bewirkte dies allerdings, dass er zerrissene Familienbande hinter sich zurückließ, und meistens bedauerte er das sogar. In diesem Fall allerdings würde er es als einen willkommenen Bonus betrachten.

»Ich werde es jedenfalls versuchen«, sagte er.

»Das grenzt doch an Wahnsinn«, wandte Michel nicht zum ersten Mal im Verlauf dieses Jahres ein.

David nickte kurz. »Ich habe sie bereits angerufen und um ein Mittagsmeeting gebeten.«

»Natürlich …«, sagte Michel, während der Hubschrauber an Höhe verlor und zur Landung ansetzte. Der Flug hatte weniger als eine halbe Stunde gedauert. »Und was hat sie gesagt?«

David musste an die kühle Stimme denken, die sich gemeldet hatte. Am Apparat war nicht die Assistentin gewesen, sondern Natalia de la Grip persönlich. Sie hatte zwar überrascht geklungen, aber ansonsten nicht viel gesagt, sich lediglich für die Einladung bedankt und später durch ihre Assistentin den Termin per Mail bestätigen lassen.

»Sie sagte, dass sie sich auf unser Meeting freut.«

»Wirklich?«

David lachte auf, kurz und freudlos. Ihre Stimme hatte vornehm geklungen und ihn an diese arrogante Oberschichtmanier erinnert, die automatisch seinen Klassenhass aktivierte. Natalia de la Grip war eine von ungefähr hundert Frauen in Schweden, die mit einem Gräfinnentitel geboren worden waren, eine Elite innerhalb der Elite. Er konnte kaum in Worte fassen, wie wenig er von dieser Sorte Mensch hielt.

»Nein«, antwortete er. »Das hat sie nicht gesagt.«

Aber das hatte er auch nicht erwartet.

2

Donnerstag, 26. Juni

Natalia durchsuchte diverse Papierstapel auf ihrem Schreibtisch. Sie zog ein Blatt mit Tabellen und Zahlen heraus.

»Aha«, rief sie und wedelte mit dem Papier. Sie warf der platinblonden Frau, die auf dem schmalen Besucherstuhl saß, einen triumphierenden Blick zu. Eigentlich fand der Stuhl in dieser Besenkammer, die Natalia als Büro diente, kaum Platz.

Natalias Freundin Åsa Bjelke warf einen teilnahmslosen Blick auf das Blatt Papier, bevor sie sich wieder der Begutachtung ihrer nudefarben lackierten Fingernägel zuwandte.

Natalia betrachtete das Chaos auf ihrem Schreibtisch. Sie hasste Unordnung, aber es war nahezu unmöglich, auf dieser kleinen Fläche Ordnung zu halten.

»Wie geht’s dir eigentlich?«, fragte Åsa und nippte an ihrem Take-away-Kaffee, während sie mit dem Blick verfolgte, wie Natalia erneut den Papierstapel zu durchsuchen begann. »Ich frag nur, denn du wirkst ziemlich unkonzentriert«, fuhr sie fort. »Du hast zwar so einige sonderbare Seiten, aber ein Mangel an Konzentration gehört nicht gerade dazu. So hab ich dich noch nie erlebt.«

Natalia runzelte die Stirn. Ein wichtiges Dokument war spurlos verschwunden. Sie würde eine der bereits über die Maßen gestressten Assistentinnen fragen müssen.

»J.O. hat gerade aus Dänemark angerufen«, erklärte sie und meinte damit ihren Chef. »Er bat mich, einen Bericht weiterzuleiten, den ich einfach nicht finden kann.« Sie erblickte ein weiteres Blatt Papier, zog es hervor und las es mit müden Augen. In der vergangenen Nacht hatte sie nicht gerade viel Schlaf bekommen. Erst hatte sie wegen einer bevorstehenden Fusion, die nahezu ihre gesamte Zeit in Anspruch nahm, bis spät in die Nacht gearbeitet. Und dann hatte am frühen – sehr frühen – Morgen auch noch ein Kunde angerufen, um sich über eine Sache zu beschweren, die definitiv auch noch ein paar Stunden hätte warten können. Sie sah Åsa fragend an. »Was meinst du damit, dass ich sonderbare Seiten habe?«

Åsa ging nicht darauf ein, sondern nahm noch einen Schluck aus ihrem Pappbecher. »Wo liegt das Problem?«, fragte sie.

»Die Probleme«, korrigierte Natalia. »Die Arbeit. Papa. Mama. Alles.«

»Aber du, dieses Suchen nach irgendeinem Blatt Papier, führt das denn zu irgendetwas? Was ist eigentlich aus der papierfreien Gesellschaft geworden?«

Natalia schaute erneut auf. Ihre Freundin sah fit und ausgeruht aus, gut gekleidet und frisch manikürt, und eine Welle der Irritation durchfuhr sie. »Nicht, dass ich mich nicht über deine unangekündigten Besuche freuen würde«, sagte sie nicht ganz aufrichtig, »aber Papa beklagt sich ständig über die hohen Gehälter seiner Juristen. Solltest du nicht um diese Zeit bei Investum sein und für dein Gehalt etwas tun? Ich meine, anstatt hier in meinem engen Büro im Prada-Kostüm herumzusitzen und mich zu schikanieren?«

Åsa winkte ungeduldig ab. »Ich verdiene definitiv mein hohes Gehalt. Und du weißt, dass dein Vater mich in Ruhe lässt.« Sie warf Natalia einen eindringlichen Blick zu. »Das weißt du genau.«

Natalia nickte. Sie wusste es.

»Ich war gerade in der Nähe«, fuhr Åsa fort, »und wollte nur fragen, ob du mit mir zu Mittag essen möchtest. Wenn ich nämlich noch ein weiteres Mal zusammen mit irgendwelchen Juristen von Investum zu Mittag essen muss, bring ich mich um. Tja, wenn ich gewusst hätte, wie todlangweilig Juristen sind, hätte ich etwas anderes studiert.« Sie fuhr sich durch ihre blonde Mähne. »Ich würde zum Beispiel eine gute Sektenführerin abgeben.«

»Tut mir leid«, antwortete Natalia rasch; zu rasch, was sie aber zu spät merkte. »Ich bin beschäftigt.« Sie räusperte sich. »Sorry«, fügte sie völlig unnötig hinzu. »Wie gesagt, ich bin beschäftigt.« Sie senkte den Kopf und begann in einigen Papieren zu blättern, die sie schon einmal durchgesehen hatte, um Åsas durchdringendem Blick zu entkommen.

»Wirklich?«

»Ja«, antwortete Natalia. »So ungewöhnlich ist es ja wohl nicht, oder?«

Åsa kniff die Augen zusammen. »Dafür, dass du eine Auffassungsgabe wie ein Computer besitzt, kannst du erstaunlich schlecht lügen«, konterte sie. »Gestern hattest du noch nichts vor, wie du selbst gesagt hast. Und andere Freunde hast du nicht. Versuchst du mir etwa aus dem Weg zu gehen?«

»Nein, ich bin beschäftigt. Und ich würde niemals auch nur davon träumen, dir aus dem Weg zu gehen. Du bist meine beste Freundin. Auch wenn ich sehr wohl noch andere Freunde habe. Aber vielleicht morgen? Ich lad dich ein.«

»Und womit bist du beschäftigt, wenn man fragen darf?«, wollte Åsa wissen, ohne sich durch das Versprechen zukünftiger Essenseinladungen ablenken zu lassen.

Natalia antwortete nicht. Sie schaute auf den übervollen Schreibtisch vor sich. Jetzt wäre der geeignete Zeitpunkt für ein klingelndes Telefon oder einen Feueralarm, dachte sie.

Åsa riss die Augen auf, als hätte sie gerade eine Eingebung gehabt. »Aha, und wer ist er?«

»Mach dich nicht lächerlich. Ich bin nur zum Mittagessen verabredet.«

Åsas Augen zogen sich zu zwei türkisfarbenen Schlitzen zusammen. »Aber du benimmst dich so merkwürdig, selbst für deine Verhältnisse. Und mit wem?«

Natalia presste die Lippen aufeinander.

»Natalia, mit wem?«

Natalia gab auf. »Mit jemandem von – ähm – HC.«

Åsa schob ihre hellen Augenbrauen zusammen. »Mit wem?«, fragte sie ein weiteres Mal. Möglicherweise wäre aus ihr ja eine gute Sektenführerin geworden, aber zweifellos auch eine ausgezeichnete Vernehmungsleiterin, dachte Natalia. All dieses Blondie-Getue mit ihrem hellen lockigen Haar war reine Ablenkung.

»Es handelt sich lediglich um ein unverbindliches Mittagsmeeting«, sagte sie defensiv. »Ein Geschäftsessen. Er kennt J.O.«, fügte sie hinzu, als würde die Tatsache, dass ihr Lunchdate ihren Chef kannte, die Sache erklären.

»Wer?«

Sie kapitulierte. »David Hammar.«

Åsa lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und grinste breit, bis sie schließlich übers ganze Gesicht strahlte. »Also der Boss persönlich«, sagte sie. »Mister Corporate Raider himself. Der größte Bad Boy der Finanzwelt.« Sie legte den Kopf schräg. »Versprich mir, dass du alles daransetzt, ihn ins Bett zu kriegen.«

»Du hast sie ja nicht mehr alle«, entgegnete Natalia. »Du bist sexsüchtig. Eigentlich wollte ich sowieso absagen. Ich bin ziemlich im Stress. Aber eines der Dinge, die ich in dieser Unordnung auch nicht finden kann, ist das Handy, in dem ich seine Nummer gespeichert habe«, fügte sie hinzu. Wie zum Teufel konnte man ein Handy in einem Raum verlieren, der gerade mal vier Quadratmeter groß war?

»Aber warum um Gottes willen nimmst du dir denn keine Assistentin?«

»Ich habe eine Assistentin«, entgegnete Natalia. »Die im Gegensatz zu mir ein Privatleben hat. Ihre Kinder sind nämlich krank geworden, sodass sie nach Hause musste.« Natalia schaute auf die Uhr. »Schon gestern.« Mit einem Seufzer sank sie tiefer in ihren Bürostuhl. Sie schloss die Augen. Hatte keine Lust, noch länger zu suchen. Sie war wirklich am Ende. Es kam ihr so vor, als hätte sie seit Ewigkeiten nonstop gearbeitet. Dennoch lag sie mit allem möglichen Papierkram im Rückstand, musste noch einen Bericht vorbereiten und mindestens fünf Meetings buchen. Eigentlich hatte sie gar keine …

»Natalia?«

Åsas Stimme ließ sie zusammenzucken, und Natalia merkte, dass sie kurz davor gewesen war, auf dem unbequemen Bürostuhl einzudösen.

»Was ist?«

Åsa betrachtete sie mit ernstem Blick. Das herausfordernde Grinsen war verschwunden.

»Hammar Capital ist weiß Gott nicht so ein übler Laden, wie dein Vater und dein Bruder denken. Sie sind tough, ja, aber David Hammar ist beileibe nicht der Teufel persönlich. Und er sieht verdammt gut aus. Du brauchst dich wirklich nicht zu schämen, wenn du dich auf ein Treffen mit ihm freust.«

»Nein«, meinte Natalia. »Ich weiß.« Trotzdem hatte sie sich gefragt, was der legendäre Chef von Hammar Capital ausgerechnet von ihr wollte. Er war zwar in der Tat nicht der Teufel persönlich, aber er hatte selbst mit dem Maß der Finanzbranche gemessen den Ruf, knallhart und rücksichtslos zu sein. »Nein, ich werde nur mit ihm zu Mittag essen und das Terrain sondieren«, entgegnete sie entschieden. »Wenn er vorhat, irgendeinen Deal mit unserer Bank abzuschließen, muss er sich sowieso an J.O. wenden und nicht an mich.«

»Die Sache ist nur die, dass man das bei Hammar Capital nie genau weiß«, meinte Åsa und stand mit einer eleganten Bewegung auf. »Und außerdem unterschätzt du deine Fähigkeiten. Kennst du etwa eine andere Person, die so gescheit ist wie du? Nein, na also.« Sie strich mit der Hand über ihren absolut fleck- und faltenlosen Rock. Zum eng anliegenden Kostüm (Natalia wusste zufällig, dass dieses Kostüm von Prada individuell für Åsa maßgeschneidert worden war) trug sie eine schlichte Seidenbluse und hellbeigefarbene Pumps und sah dennoch aus wie ein glamouröser Filmstar.

Åsa beugte sich über den Schreibtisch. »Du weißt genau, dass es dir ziemlich egal sein kann, was dein Vater denkt«, sagte sie, womit sie zielsicher einen wunden Punkt traf. »Du bist verdammt smart und wirst es weit bringen. Du könntest auch hier Karriere machen.« Åsa schlug mit den Armen in Richtung der Bürolandschaft vor ihnen aus, die zur schwedischen Filiale einer der weltgrößten Banken, der Bank of London, gehörte. »Du musst nicht zwangsläufig im Familienunternehmen arbeiten, um Wertschätzung zu erfahren«, fuhr Åsa fort. »Dort vertreten sie die weitaus mieseste Einstellung gegenüber Frauen, die man sich denken kann, und das weißt du. Dein Vater ist hoffnungslos, dein Bruder ein Idiot, und der Rest des Vorstands besteht aus chauvinistischen Machos. Ich muss es wissen, ich arbeite schließlich mit ihnen zusammen.« Sie legte den Kopf schräg. »Du bist intelligenter als sie alle zusammen.«

»Vielleicht.«

»Und warum hast du dann keinen Posten im Vorstand?«

»Aber du arbeitest ja trotz allem da, du bist doch zufrieden, oder?«, fragte Natalia und wich damit der Frage um ihre Mitgliedschaft im Vorstand von Investum aus. Das war wirklich ein wunder Punkt.

»Ja, aber ich bin nur durch die Quote reingerutscht«, antwortete Åsa. »Durch einen Mann, der Quoten ebenso hasst wie Einwanderer, Feministinnen und Leute aus der Arbeiterklasse. Ich bin sein Alibi. Er kann jederzeit auf mich verweisen und sagen, dass er selbstverständlich Frauen einstellt.«

»Papa hasst keine …«, protestierte Natalia, verstummte aber. Åsa hatte recht.

»Und außerdem tue ich deinem Vater leid, weil ich keine Eltern mehr habe«, fuhr Åsa fort. »Darüber hinaus hege ich keinerlei Ambitionen, Chefin zu werden und diesen elendigen Laden zu übernehmen. Meine einzige Ambition besteht darin, nicht vor Langeweile zu sterben. Aber du, du könntest so weit nach oben kommen, wie du willst.«

Åsa nahm ihre Fünfzigtausendkronenhandtasche und begann darin zu wühlen. Sie zog einen Lippenstift hervor und fuhr sich damit leicht über die Lippen.

»Er hat mich um ein diskretes Treffen gebeten«, erklärte Natalia. »Eigentlich hätte ich dir gar nichts sagen dürfen. Du erzählst es doch nicht weiter, oder?«

»Dummerchen, natürlich plaudere ich nichts aus. Aber was glaubst du, will er?«

»Wahrscheinlich handelt es sich um irgendeine Finanzierung. Vielleicht ein Geschäft mit einem unserer Kunden? Ich habe keine Ahnung. Hab die halbe Nacht wach gelegen und versucht, es herauszufinden. Vielleicht will er ja auch einfach nur networken?« Es war nicht ungewöhnlich, dass Leute sie aufgrund ihres Backgrounds treffen wollten – eine de la Grip, eine Frau mit den richtigen Kontakten und der passenden Abstammung. Sie verabscheute das. Aber David Hammar hatte sie neugierig gemacht. Er hatte weder einschmeichelnd noch aalglatt geklungen, lediglich höflich. Und außerdem musste sie sowieso etwas essen, also …

Åsa warf ihr einen nachdenklichen Blick zu. »Eigentlich müsste ich ja mitkommen. Denn wer weiß, welch dummes Zeug du in meiner Abwesenheit von dir gibst.«

Natalia verzichtete darauf, Åsa auf die Tatsache hinzuweisen, dass sie als eines der vielversprechendsten Talente der Finanzwirtschaft galt, einem der komplexesten Gebiete innerhalb der Finanzbranche, und dass sie außerdem ganz oben im Ranking aller Absolventen stand, die jemals ein Examen an der Handelshochschule Stockholm abgelegt hatten. Oder dass sie im Zuge ihrer Arbeit mit Unternehmensfinanzierungen, Firmenübernahmen und Consultings buchstäblich Hunderte Millionen schwedischer Kronen täglich bewegte und kurz davorstand, eines der kompliziertesten Bankgeschäfte abzuwickeln, das jemals in Schweden getätigt worden war. Trotzdem hatte Åsa recht – wer wusste schon, was sie heute für dummes Zeug plappern würde, so unkonzentriert, wie sie war. »Ich ruf dich an und erzähl dir, wie es gelaufen ist«, meinte sie nur.

Åsa betrachtete sie lange. »Hör dir wenigstens an, was er will«, sagte sie schließlich. »Es kann nicht schaden. Viele würden über Leichen gehen, um mit David Hammar zusammenarbeiten zu können. Oder Sex mit ihm zu haben.«

»Findest du es nicht zu riskant, wenn ich zusammen mit ihm gesehen werde?«, fragte Natalia und verabscheute den unsicheren Ton in ihrer Stimme.

»Natürlich ist es riskant«, entgegnete Åsa. »Er ist gefährlich, reich, und dein Vater hasst ihn. Was willst du mehr?«

»Soll ich absagen?«

Åsa schnalzte missbilligend mit der Zunge und schüttelte den Kopf. »Ein Leben ohne Risiko ist kein Leben«, entgegnete sie.

»Ist das etwa der Spruch des Tages?«, fragte Natalia.

Åsa lächelte, richtete sich auf und reichte Natalia ihren ausgetrunkenen Kaffeebecher. Er war weiß und mit einem schwarzen verschnörkelten Schriftzug versehen. »Nein, das stand da drauf. Diese Kaffeekette hat offensichtlich eine poetische Ader«, antwortete sie. »Dann werde ich wohl mal wieder zurück in mein Büro gehen und ein paar Telefonate führen. Vielleicht finde ich ja jemanden, den ich feuern kann. Juristen sind wirklich keine freundlichen Zeitgenossen. Wo trefft ihr euch eigentlich?«

»Auf Djurgården. Im Ulla Winbladh.«

»Es gibt Schlechteres«, sagte Åsa mit der Miene einer Kritikerin, die ausnahmsweise einmal nichts zu beanstanden hatte, obwohl sie sich ernsthaft bemühte. Sie strich mit den Fingern über ihren Schal. Als Natalia zuletzt einen solchen Seidenschal gesehen hatte, lag er in einem Regal im Nobelkaufhaus Nordiska Kompaniet und war mit einem Preisschild mit einem vierstelligen Betrag versehen.

»Du bist ein Snob, weißt du das?«, meinte sie.

»Qualitätsbewusst«, korrigierte Åsa und schob die Griffe ihrer Handtasche über ihre Schulter. »Schließlich können nicht alle Massenware kaufen, das versteht sich doch von selbst.« Sie schüttelte sich kurz und warf Natalia dann einen strahlenden türkisfarbenen Blick zu. »Vergiss nur nicht, dich zu schützen; wer weiß, mit wem er schon alles geschlafen hat.«

Natalia verzog das Gesicht. »Wie es scheint, hauptsächlich mit Prinzessinnen, jedenfalls wenn man den Gerüchten glauben darf«, entgegnete sie, da sie es sich nicht hatte nehmen lassen, im Internet durch die Klatschseiten zu klicken.

»Bäh, europäische Neureiche, dieses Gesindel«, entgegnete Åsa, deren Adelsgeschlecht aus dem dreizehnten Jahrhundert stammte. »Tu nichts, was ich nicht auch machen würde.«

Dann war der Rahmen ja recht großzügig gesteckt, dachte Natalia, schwieg jedoch.

»Willst du das da etwa anbehalten?«, fragte Åsa und musterte Natalias Kostüm mit einer Miene, die andeutete, dass es möglicherweise doch noch etwas Schlimmeres als Massenware gab. »Wo zum Teufel hast du das denn ausgegraben?«

»Es ist doch nur ein Mittagessen«, sagte Natalia verteidigend. »Und außerdem ist das Kostüm maßgeschneidert.«

Åsa ließ ihren Blick über den grauen Stoff gleiten. »Ja, schon möglich, aber in welchem Jahrzehnt?«

»Du bist wirklich ein furchtbarer Snob«, stellte Natalia fest, während sie aufstand, auf die Tür zuging und sie für Åsa öffnete.

»Schon möglich«, meinte Åsa. »Aber du weißt, dass ich recht habe.«

»Womit?«

Åsa lächelte in einer Art und Weise, die Männer dazu verleitete, sie auf Drinks einzuladen, mit ihren Ferienhäusern zu prahlen und sich mit weit ausgestreckten Beinen zu fläzen: »Mit allem, meine Liebe. Mit allem

3

David verließ die Firmenzentrale von Hammar Capital im Stadtteil Blasieholmen im Herzen von Stockholm und ging in Richtung Djurgården zum Restaurant Ulla Winbladh.

Ein Oberkellner wies ihm den Weg zum Tisch, wo Natalia de la Grip bereits Platz genommen hatte. David warf einen Blick auf die Uhr. Er war früh dran, es war noch keine dreizehn Uhr. Unter den Gästen befanden sich im Großen und Ganzen lediglich Touristen. Natalia hatte dennoch einen Tisch ganz hinten im Lokal gewählt und sich noch dazu so platziert, dass man sie kaum sah. Es war offensichtlich, dass sie nicht zusammen mit ihm gesehen werden wollte. Was auch nicht weiter verwunderlich war, schließlich hatte er genau aus diesem Grund einen Tisch hier draußen reserviert anstatt in einem Restaurant am Stureplan oder einem anderen zentralen Platz in der Innenstadt.

Sie erblickte ihn und hob die Hand, um ihm zuzuwinken, nahm sie dann aber rasch wieder herunter, als hätte sie es sich anders überlegt. David ging auf ihren Tisch zu.

Sie hatte helle Haut und sah mit ihrem ernsten Gesicht und dem eng anliegenden grauen Kostüm ziemlich unscheinbar aus. Kaum zu glauben, dass sie als Unternehmensberaterin in einer der größten international agierenden Banken und zudem für J.O. tätig war, der zu den anspruchsvollsten und exzentrischsten Chefs gehörte, denen David je begegnet war. Der aber hatte diese recht gewöhnlich aussehende Frau in den Himmel gehoben und gemeint, dass sie das Potenzial hätte, zum besten Consultant zu avancieren, den er je gehabt hatte. »Sie ist scharfsinnig, gewissenhaft und couragiert«, hatte J.O. geschwärmt. »Sie wird es ziemlich weit bringen.«

Er würde also darauf achten müssen, sie nicht zu unterschätzen.

Als David an ihren Tisch trat, war Natalia de la Grip bereits aufgestanden. Sie war größer, als er angenommen hatte. Sie streckte ihm eine schmale Hand mit kurzen, unlackierten Nägeln entgegen. Ihr Handschlag war fest und professionell, und David konnte sich nicht verkneifen, auf ihre linke Hand zu schielen, obwohl er es bereits wusste: kein Ring, der aufblitzte.

»Danke, dass Sie so kurzfristig zugesagt haben«, begrüßte er sie. »Ich war mir nicht ganz sicher, ob Sie tatsächlich kommen würden.«

»Wirklich?«, fragte sie in skeptischem Ton.

David ließ ihre Hand los. Die Wärme hielt sich noch etwas in seiner Handfläche, und er vernahm den Duft von Kräutern und etwas Behaglichem, vage Erotischem. Bislang verkörperte sie nichts von dem, was er erwartet hatte, was ihn aufmerksamer werden ließ.

Es war erstaunlich schwierig gewesen, über die allgemeinen Informationen hinaus mehr über das mittlere der drei de-la-Grip-Geschwister herauszufinden. Er hatte alles kurz überflogen, was im Internet, in Zeitungsartikeln sowie diversen Biografien über ihre Familie geschrieben stand. Hauptsächlich ging es darin um ihren Vater und ihre beiden Brüder, jedoch kaum um sie. Nicht einmal bei Wikipedia wurde er fündig und schon gar nicht in irgendwelchen öffentlichen Foren im Netz. Das lag ganz sicher auch daran, dass die Frauen dieser Familie schon aus Tradition völlig unsichtbar waren, obwohl die Männer in mehreren Fällen sehr vermögende Frauen geheiratet hatten. Natalias Ahnen mütterlicherseits waren alle wohlhabend gewesen; ihre Mutter war sowohl mit dem russischen Großfürstentum verwandt als auch mit der schwedischen Finanzelite, und dennoch standen formell die Männer für alle Macht, wie ihr Vater Gustaf, ihr Großvater Gustaf der Ältere und so weiter, wenn man die Jahrhunderte zurückverfolgte. Im Unterschied zu ihren beiden Brüdern, dem Erbprinzen Graf Peter de la Grip und dem Jetset-Prinzen Alexander de la Grip, war Natalia weder in der Wirtschafts- noch in der Klatschpresse besonders präsent. Doch das spiegelte eher die allgemeine Wahrnehmung wider. Sie war nicht nur aufgrund ihres Namens und ihrer Herkunft medienscheu. Keine Berufsgruppe wirkte so stark im Hintergrund wie die geheimnisumwobenen Unternehmensberater – die Consultants. Sie steuerten die Prozesse hinter den Kulissen und gaben nur selten Interviews.

Ihr dunkles Haar war zu einer strengen Frisur hochgesteckt, und um den Hals trug sie eine Perlenkette. Ein Signum der Oberschicht, das David verabscheute. Nein, dachte er, während sie am Tisch Platz nahmen, alles in allem entsprach Natalia de la Grip genau dem Bild, das er bereits von ihr hatte – eine knapp dreißigjährige Jungfer, die auf ihre Arbeit fixiert und wohlhabend war, aber ziemlich durchschnittlich aussah.

Abgesehen von den Augen. Solche Augen hatte er noch nie zuvor gesehen. Sie schienen beinahe golden zu schimmern.

»Ich muss gestehen, dass ich neugierig geworden bin, als Sie angerufen haben.« Sie heftete einen goldenen Blick auf ihn, woraufhin David ein Schauer über den Rücken lief.

Er nahm die Speisekarte vom Kellner entgegen und warf rasch einen Blick darauf. »Sie sind es doch bestimmt gewohnt, hofiert zu werden«, sagte er und lächelte, ein professionelles und bewusst warmherziges Lächeln. Das Finanzleben bestand schließlich zum großen Teil aus Networking, und er konnte sich kaum daran erinnern, je ein Mittagessen wahrgenommen zu haben, das nicht zugleich ein Meeting war. Es würde schon mehr als ein Paar ungewöhnlich schöner Augen bedürfen, um ihn aus der Fassung zu bringen.

»Ja, sicher«, antwortete sie. »Die Milliardäre stehen Schlange, um mich auszuführen.«

Seine Mundwinkel zuckten angesichts ihrer trockenen Selbstironie.

Sie klappte die Speisekarte zu und nickte, um zu signalisieren, dass sie bereit war zu bestellen.

»Ich habe gehört, dass Sie im Schibsted-Deal ausgezeichnete Arbeit geleistet haben«, sagte er, um ihr ein wenig den Puls zu fühlen.

»Sie besitzen offenbar gute Quellen«, stellte sie fest und legte den Kopf ein wenig schräg. »Ich weiß nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen oder eher beunruhigt sein sollte.«

»Nicht beunruhigt. Ich habe nur ein wenig über Sie gelesen«, erklärte er. »Sie werden als großes Talent gehandelt, das man im Auge behalten sollte.« Sie war als tough, kosmopolitisch und seriös bezeichnet worden. Und es bestand kein Grund, den Wahrheitsgehalt dieser Aussage anzuzweifeln.

»Ich habe diesen Artikel auch gelesen«, sagte sie. »Warten wir’s ab.« Sie lachte auf. »Sie wissen ja, wie es ist. Man ist nie besser als der letzte Deal, den man getätigt hat. Entweder ist man auf dem Weg nach oben oder nach draußen.«

»Und Sie befinden sich gerade wo?«

»Oh, im Augenblick definitiv auf dem Weg nach oben.« Sie sagte es ohne die geringste falsche Scham. Er konnte an den Fingern einer Hand abzählen, wie viele adelige Männer und Frauen, denen er in seinem Leben begegnet war, reden konnten, ohne alles, was sie von sich gaben, in künstliche Befangenheit und hingehauchte Scheinheiligkeit zu hüllen. Sie bestellte Fisch, und David nahm das Gleiche wie sie, ganz automatisch. Dasselbe Gericht zu bestellen wie die Person, die man ausführte, gehörte zum psychologischen Einmaleins.

»Haben Sie denn schon immer in einer Bank arbeiten wollen?«, fragte er, als der Kellner sich entfernt hatte. »Oder hätten sie irgendwann einmal Interesse daran, etwas anderes auszuprobieren?« Sie arbeitete schon seit einigen Jahren bei der Bank of London, die Frage war also keineswegs unangemessen. Die junge Finanzelite war eine hungrige Meute, und die meisten dieser Youngster suchten ständig nach neuen Herausforderungen.

Er betrachtete erneut ihre schmalen ringlosen Finger. Wahrscheinlich lebte sie ganz und gar für ihre Arbeit. Genau wie er selbst.

»Ich fühle mich wohl bei der Bank«, antwortete sie.

»Sie sind die einzige Frau in J.O.s Team?«

»Ja.«

»Ich bin mir sicher, dass Sie ein Gewinn für das Unternehmen sind«, sagte er in neutralem Tonfall.

»Danke.« Natalia bedachte ihn mit einem schiefen Lächeln. Sie trank von ihrem Mineralwasser. »Ich fühle mich zwar wohl bei der Bank, aber wenn ich ehrlich sein soll, besteht mein langfristiger Karriereplan darin, ins Unternehmen meiner Familie einzusteigen. Ich gehe davon aus, dass Sie wissen, um welche Familie es sich handelt?«

Er nickte und spürte den altbekannten Hass in sich aufsteigen. Er lächelte, holte tief Luft und nickte dann ermunternd, als wäre er höflich interessiert und keinesfalls auf böses Blut aus.

»Dort, wo ich herkomme, wird Ihre Art von Tätigkeit nicht gerade gern gesehen«, fuhr sie fort.

Diese Ehrlichkeit könnte zu einem Problem werden. »Das ist kein Geheimnis«, entgegnete er, jedoch ohne wertend zu klingen, so als diskutierten sie über abstrakte Dinge und nicht über die Tatsache, dass die de la Grips mit offenem Hass auf alles blickten, wofür Hammar Capital stand. Auch wenn sie es natürlich nie so formulieren würden. Sie waren ja lediglich daran interessiert, ihre stolzen Traditionen zu wahren.

Offenbar hatte sie etwas in seinem Blick registriert, denn sie lächelte rasch entschuldigend. »Ich weiß, dass es konservativ und voreingenommen ist. Ich sage ja auch nicht, dass ich derselben Auffassung bin.«

Er zog eine Augenbraue hoch. Denn das war schließlich der springende Punkt: Inwieweit unterschied sich Natalias Einstellung von den Auffassungen der übrigen Familienmitglieder? »Tatsächlich«, sagte er.

»Ich denke nicht, dass man alle, die sich mit Private Equity oder, tja, Risikokapital beschäftigen, über einen Kamm scheren kann. Aber dennoch, meine Loyalität liegt dort, bei meiner Familie.« Sie zog bedauernd eine Schulter hoch und strich mit der Hand über den Tisch. »Manchmal muss man für die Familie ein Opfer bringen.«

David schaute sie an. Manchmal muss man für die Familie ein Opfer bringen. Sie konnte unmöglich wissen, was diese Worte in ihm auslösten.

Aber er hatte zumindest erfahren, was er wissen wollte. Das, was er eigentlich auch auf den ersten Blick erwartet hatte – Natalia de la Grip würde sich niemals den Interessen ihrer Familie widersetzen. Loyalität und Integrität umgaben sie wie ein unsichtbarer Mantel. Er hatte Glück, dass sie den Grund für dieses Mittagessen fehlgedeutet und angenommen hatte, es ginge um Networking und potenzielle Geschäftsideen anstatt darum, sie gegen ihre Familienmitglieder auszuspielen.

»Ich verstehe«, sagte er, während er sich zugleich fragte, wie die offenkundig intelligente Natalia vor sich selbst die Tatsache rechtfertigte, dass sie nicht schon längst einen Platz im Vorstand von Investum innehatte. Dass im Großen und Ganzen keine einzige Frau einen wichtigen Posten in einem der Unternehmen bekleidete, die von Gustaf de la Grip geführt wurden. Und dass ihr Vater bekannt war für seine vorurteilsvollen Äußerungen über Frauen im Allgemeinen und emanzipierte Frauen im Besonderen. Die Liebe zu ihrer Familie machte Natalia offenbar blind.

»Und was macht Sie zu einem der Lieblinge von J.O.?«, fragte er, während das Essen gebracht wurde. Er fügte hinzu: »J.O.s eigene Worte, ich zitiere bloß.«

»Kennen Sie ihn gut?«, fragte sie zurück, während sie ihre Serviette auf dem Schoß ausbreitete und das Besteck zur Hand nahm. Sie aß mit dezenten lautlosen Bewegungen. Internatsmanieren.

»Gut genug, um seinem Urteil zu vertrauen«, antwortete er. J.O. war einer der einflussreichsten Banker weltweit, und sie hatten bereits mehrfach zusammengearbeitet. »Erzählen Sie weiter.«

»Corporate Finance ist ein Tätigkeitsbereich, bei dem es entscheidend auf persönliche Kontakte ankommt, wie Sie bestimmt wissen, auf gute Beziehungen und persönliches Vertrauen.« Natalia zuckte mit der Schulter. Sie legte das Besteck ab und saß kerzengerade da, ohne am Besteck, am Glas oder anderen Dingen herumzufingern. »Viele finden das offenbar bei mir.«

»Ja, das kann ich mir vorstellen«, meinte er und stellte überrascht fest, dass er aufrichtig war. Sie hatte etwas Zuverlässiges, nahezu Rechtschaffenes an sich. Wenn er nicht viel zu zynisch gewesen wäre, um an solche Charaktereigenschaften zu glauben, hätte er gesagt, dass Natalia ein guter Mensch zu sein schien.

»Und das liegt nicht nur an meinem Nachnamen«, fügte sie hinzu, während sich ein schwach rosafarbener Ton auf ihren Wangenknochen abzeichnete, so dezent, als wäre er mit einem Pinselstrich gezogen worden. »Ich mache meinen Job gut.«

»Davon bin ich überzeugt.«

Natalia sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. »Kann es sein, dass Sie hier sitzen und mir Komplimente machen?«

»Nicht doch, das ist lediglich mein natürlicher Charme«, antwortete er und ertappte sich dabei, wie er lächelte. Er hatte nicht erwartet, sie derart sympathisch zu finden, dass er für einen Moment sowohl ihre Herkunft als auch ihren Namen vergaß.

Sie lächelte. Auch wenn es sich bei dem Mittagessen um vergeudete Zeit handelte, war es doch nett. Sie war unterhaltsam und eigentlich gar nicht übertrieben versnobt. Im Gegenteil, Natalia weckte seine Neugier. Und übte zudem unerwartet eine gewisse Anziehung auf ihn aus. Denn sie verkörperte einen ziemlich sexy anmutenden Kontrast: ihre Blässe und Kühle, die einhergingen mit ihrer intensiven Ausstrahlung.

»Wissen Sie«, sagte sie und legte ihr Besteck erneut mit einer eleganten Bewegung ab. »Ich weiß, dass ich dankbar für meine Herkunft sein müsste. Für meine Familie, meinen Namen und all das. Und das bin ich auch. Alles andere wäre arrogant. Aber manchmal wünsche ich mir schon, nicht per se bekannt zu sein, sondern alles aus eigener Kraft heraus zu schaffen. Ich kann mir vorstellen, dass es sehr befriedigend sein muss, die Dinge auf eigene Faust zu meistern, nicht wahr?«

»Ja. Das ist befriedigend«, sagte David langsam und betrachtete sie abwartend. Keine einzige Person aus der Oberschicht – egal ob Frau oder Mann – hatte je etwas Ähnliches zu ihm gesagt. »Dann haben Sie ja Glück, dass Sie eine Frau sind«, fügte er hinzu. »Da haben Sie zumindest ein Handicap gehabt.«

»Mhm.«

Sie schwieg und schien nachzudenken.

Es gab nur wenige Branchen, in denen so wenig Gleichberechtigung herrschte wie in der Finanzelite. Die Frauen waren zwar gut ausgebildet, verschwanden aber irgendwo auf der Karriereleiter. Dabeizubleiben, so wie Natalia es tat, zeugte von extrem hoher Intelligenz. Und Beharrlichkeit.

Sie hob den Kopf und schaute ihn herausfordernd an. »Und wie denkt man bei Hammar Capital über Gleichberechtigung, wenn ich fragen darf? Bei Ihnen stehen doch ebenfalls zwei Männer an der Spitze, nicht wahr? Die Risikokapitalbranche ist ja nicht gerade bekannt für ihren hohen Frauenanteil. Wie lautet Ihre Einstellung dazu?«

»Meine Einstellung dazu ist absolut positiv«, antwortete er, während er ein Stück Kartoffel auf seine Gabel spießte, es salzte und sich in den Mund schob.

»Aber wie stehen Sie zu der Tatsache, dass so wenige Frauen in unseren Vorständen sitzen?«, fuhr sie in einem Ton fort, der David signalisierte, dass es sich um ein Thema handelte, das sie nicht auf die leichte Schulter nahm. »Ganz zu schweigen vom operativen Bereich, wie sieht es dort aus?«

»Hammar Capital stellt sein Personal nicht aufgrund des Geschlechts, sondern aufgrund von Kompetenzen ein«, antwortete er.

Natalia schnaubte leicht durch die Nase, während David ein Lächeln zu unterdrücken versuchte. Wenn sie für eine Sache brannte, dann offenbar richtig. Dann wurde all das Gewöhnliche an ihr durch eine glühende Leidenschaft ersetzt.

»Wenn man nach der Quote geht, besteht das Risiko, dass man Leute mit schlechteren Qualifikationen bekommt«, fuhr er fort, obwohl ihm bewusst war, dass dieses Argument schon auf jeden durchschnittlich begabten Menschen wie ein rotes Tuch wirken dürfte. »Wir lassen lieber die Kompetenzen entscheiden.«

Damit hatte er offenbar Öl ins Feuer gegossen.

»Was für ein Blödsinn«, entgegnete Natalia, während die roten Flecken auf ihren Wangen größer wurden. »Heutzutage entscheidet doch nicht einmal mehr die Kompetenz«, sagte sie mit Verbitterung in der Stimme. »Man sucht dort, wo man schon immer gesucht hat – im selben alten Klüngel. Und bekommt, was man haben will, dieselben Männer mit denselben Ansichten. Es hat rein gar nichts damit zu tun, die Kompetenz entscheiden zu lassen, das ist einfach nur dämlich.«

»Ich sage ja auch gar nicht, dass wir keine kompetenten Frauen wollen«, wandte er ein. »Aber es gibt Leute, die meinen, sie seien schwer zu finden.«

»Wenn Sie diese Einstellung vertreten, würde es mich nicht wundern, wenn Sie bald untergehen«, entgegnete sie steif. Sie schaute auf ihren Teller hinunter und fügte leise hinzu: »Hoffe ich zumindest.«

»Bei uns läuft es ausgezeichnet«, sagte er. »Wir haben …«

»Aber sehen Sie denn nicht …« Sie hatte erneut ihren Blick auf ihn gerichtet und begann jetzt, mit dem Besteck wild in der Luft herumzufuchteln. Für eine Frau, die höchstwahrscheinlich ein Nobelbankett überstehen würde, ohne sich einen einzigen Verstoß gegen die Etikette zu leisten, konnte das nur bedeuten, dass sie vor Wut außer sich war.

»Natalia«, unterbrach er sie, bevor es noch zu Handgreiflichkeiten kommen würde. »Ihnen ist doch klar, dass ich Sie bewusst provoziere?«

Sie verstummte.

»In den vergangenen anderthalb Jahren war ich daran beteiligt, über zwanzig Vorstände einzuberufen«, fuhr er in ruhigem Ton fort. »Einundfünfzig Prozent ›meiner‹ Vorstandsmitglieder sind Frauen. Und exakt jeder zweite Vorsitzende in einem von Hammar Capital aufgestellten Vorstand ist eine Frau.« Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und beobachtete, wie sich ihre Atmung beruhigte. Ihre Brüste hoben und senkten sich unter der Bluse. Er ließ seinen Blick über ihren Ausschnitt gleiten. Über die Perlen und die helle Haut. Er schenkte ihr ein dezentes Lächeln, vielleicht das erste aufrichtige heute. Denn es war keineswegs sie persönlich, die er nicht mochte, lediglich das, wofür sie stand. »Menschen mit geeigneter Kompetenz zu engagieren ist ein Teil des Erfolgs meines Unternehmens«, sagte er langsam. »Hammar Capital hat sowohl den IT-Crash als auch die Finanzkrise überstanden, und ich bin davon überzeugt, dass dies der Zusammenstellung meines Personals zu verdanken ist.«

Sie begegnete schweigend, aber aufmerksam seinem Blick, und er fragte sich, was unter ihrer kühlen Oberfläche wohl gerade vor sich ging. Er fuhr fort: »In einer gemischten Gruppe gibt es unterschiedliche Betrachtungsweisen, wie Sie ja wissen. Man traut sich eher, Nein zu sagen, und steht zu einer abweichenden Meinung. Im Unterschied zu vielen anderen haben wir die Krise überstanden, weil ich die kompetentesten Mitarbeiter landesweit habe – Frauen und Männer. Leute mit und ohne Migrationshintergrund.«

Natalia blinzelte. Lange dunkle Wimpern verbargen ihren Blick, bevor sie wieder aufschaute. »Okay«, sagte sie ruhig. Eine leichte Rötung auf den hohen Wangenknochen war alles, was übrig geblieben war.

»Sicher?«, fragte er.

Sie nickte. »Ja. Ich habe mich provozieren lassen. Was sonst so gut wie nie vorkommt.« Sie beugte sich über den Tisch vor. »Außerdem komme ich mir scheinheilig vor.«

»Inwiefern?«, fragte er und ließ sich von dem Lächeln anstecken, das in ihren Augen aufblitzte. Sie flirtete mit ihm, höchstwahrscheinlich, ohne dass es ihr bewusst war. Sie war ganz sicher nicht der Typ, der offen flirtete, darauf würde er sein Unternehmen verwetten, und er gönnte es sich, für eine kleine Weile mitzuspielen. Sie würden in Kürze wieder auseinandergehen, was spielte es da schon für eine Rolle, wenn er sie anständig behandelte?

»Ich sitze hier und rede von Gleichberechtigung und Gleichstellung«, sagte sie und ließ eine Hand durch die Luft wirbeln. »Und zugleich weiß ich, dass ich nur aufgrund meines Namens und meiner Herkunft eine Menge Vorteile genieße. Ich weiß das, und es ist mir höchst unangenehm.« Sie beugte sich noch etwas weiter über den Tisch und senkte ihre Stimme, als wollte sie ein großes Geheimnis preisgeben. »Fakt ist nämlich, dass ich gerade kürzlich meinen Namen ausgenutzt habe. Ich hasse Leute, die so etwas tun.«

»Und dennoch haben Sie es getan?«

Sie nickte und blickte so schuldbewusst drein, dass Davids Mundwinkel zuckten. »Und wie ging es aus?«, fragte er.

Sie sah ihn lange an, während sich in ihren Augen ein glitzerndes Lachen ankündigte.

»Ziemlich mies«, stellte sie trocken fest.

»Was haben Sie denn getan?«, fragte er, gegen seinen Willen neugierig geworden.

»Es war nicht einmal etwas Ehrenhaftes. Ich nehme an, Sie wissen, wer Sarah Harvey ist?«

David nickte, als er den weltberühmten Namen hörte. Harvey zählte mit ihrer außergewöhnlich reinen und umfangreichen Stimme zu den besten Sopranistinnen weltweit. Er wusste, wer sie war, und zudem, in welchen Kreisen sie verkehrte. »Aber was hat sie damit zu tun?«, fragte er.

»Sie geht eigentlich nie auf Tournee, aber jetzt kommt sie nach Europa und gibt ein einziges Konzert in Skandinavien, hier in Stockholm. Ich bewundere sie schon seit meiner Kindheit. Und ich würde so gerne hingehen.«

»Wollen Sie damit sagen, dass es Ihnen, obwohl Sie eine de la Grip sind, nicht gelungen ist, ein einziges Ticket zu bekommen?«

»Danke, dass Sie noch Salz in meine Wunden streuen. Nein, es ist mir nicht gelungen, und es tut immer noch weh. Die Veranstalter ließen sich nicht im Geringsten von mir beeindrucken.«

»Haben Sie etwa versucht, sie zu bestechen?«

Sie schob trotzig das Kinn vor. »Schon möglich.«

»Schweden lassen sich nicht so leicht bestechen, wenn Ihnen das ein Trost ist«, sagte David nicht ganz wahrheitsgetreu. Natürlich ließen sich alle bestechen, man musste es nur richtig anstellen.

»Mag sein«, sagte sie. »Ich bin ja zu einem Viertel Russin. Russen hingegen sind ein leicht zu bestechendes Volk.«

»In der Tat«, pflichtete David ihr bei. Er streckte seine Beine aus und lehnte sich zurück. Das Treffen hatte ihn bereits mit den Informationen versorgt, die er benötigt hatte. Jetzt wäre es klug, Natalia de la Grip hinter sich zu lassen und nach vorn zu schauen. Denn sie war kein entscheidender Faktor für das Gelingen des Deals, sie müssten sich nicht zwangsläufig wiedersehen. Sein Ziel bestand eigentlich darin, ihre Familie zu ruinieren. Er musste sich auf den nächsten Schritt konzentrieren. Das wäre jedenfalls das Klügste. Er betrachtete ihre langgliedrigen Finger, die zerstreut das Glas betasteten. Sie hatte ihre Kostümjacke ausgezogen und trug darunter eine schlichte ärmellose Bluse. Sie hatte attraktive Züge, lange und sehnige Gliedmaßen. Die Fotos, die er zuvor von ihr gesehen hatte, waren nichtssagend, aber jetzt erinnerte er sich an ein Bild von irgendeiner Abendveranstaltung, einem Dinner oder einem Ball in der Villa Pauli. Darauf hatte sie denselben strengen Haarknoten getragen, aber dazu ein langes magentafarbenes Abendkleid, in dem sie fantastisch ausgesehen hatte. Stark und kraftvoll.

Er redete sich ein, dass er es ja nicht immer eilig haben müsste. Stattdessen könnte er gut und gern noch zehn Minuten mit dieser Frau zusammensitzen, die nicht ganz den Vorstellungen entsprach, die er von ihr gehabt hatte.

Natalia begegnete Davids intensivem Blick. Sie fragte sich, woran er wohl gerade dachte, während seine graublauen Augen sie quer über den Tisch hinweg musterten. Sie war gut darin, den Blick anderer Leute zu deuten, und sah, wie er versuchte, sich eine Meinung von ihr zu bilden, auch wenn er natürlich nicht beabsichtigte, dass sie es merkte. Er ging ziemlich geschickt vor. Wenn sie redete, schenkte er ihr seine gesamte Aufmerksamkeit in einer Art und Weise, die nahezu unheimlich war. Er sah gut aus, war attraktiv mit einer erwachsenen, männlichen Ausstrahlung. Nichts Jungen- oder Jünglinghaftes, im Gegenteil, breitschultrige, groß gewachsene Maskulinität. Dunkles, akkurat geschnittenes Haar, Augen, die zwischen Blau und Grau changierten, kantige Züge. Teuflisch attraktiv. Außerdem war er nett, höflich und zuweilen witzig, kurzum: das perfekte Lunchdate.

Und dennoch …

Hin und wieder hatte sie in seinem Blick etwas aufblitzen sehen, etwas, das sie vielleicht gar nicht hätte bemerken sollen, etwas Hartes und Kühles, das sie wachsam werden ließ und verunsicherte. David Hammar war eine Person, die dafür bekannt war, Unternehmen wie auch Menschen zu ruinieren, ein abgebrühter Zocker. »Zu seinen grundlegenden Eigenschaften gehört, dass er absolut eiskalt und völlig respektlos ist«, hatte in einem Porträt über ihn in einer Wirtschaftszeitung gestanden. Irgendetwas warnte sie davor, sich von seinem entspannten Charme und dem intelligenten Blick verleiten zu lassen. Dass er mit ihr irgendein Spiel spielte, da war sie sich sicher. Aber welches?

Geheimnisse, so viele Geheimnisse.

»Was ist?«, fragte er mit einem Lachen in der Stimme, die nicht im Mindesten kalt klang. Da war keine Härte, keine Rücksichtslosigkeit, lediglich ungeteilte Aufmerksamkeit. Als wäre sie der interessanteste Mensch auf der Welt. Auf diese Art und Weise hatte er vermutlich seinen nahezu unnachahmlichen Erfolg erreicht. David Hammar sah die Menschen. Er brachte sie dazu, sich auserwählt und besonders zu fühlen. Ihm zu vertrauen. Um sie dann mit Haut und Haaren zu verschlingen.

»Planen Sie in naher Zukunft, irgendein nichts Böses ahnendes Unternehmen zu übernehmen?«, fragte sie.

»Selbstverständlich«, antwortete er. »Das tue ich immer. Ein Corporate Raider schläft nie.« In seinen Augen blitzte es auf, und Natalia verlor den Faden.

Oh mein Gott. Dieses Lachen.

Die meisten Männer, mit denen Natalia zusammenarbeitete, inklusive ihres Vaters, ihrer Brüder und ihres Chefs, befolgten die unausgesprochenen Regeln und unsichtbaren Strukturen, die innerhalb der Finanzelite galten. Sie waren in Schablonen gepresste Männer. Konform und nahezu chemisch rein von Humor waren sie allzu sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig zu übertrumpfen, um einen entspannten Umgang pflegen zu können, insbesondere mit einer Frau. David hingegen war ganz anders. Ein bahnbrechender Visionär, wenn man seinen Bewunderern glauben durfte. Ein rücksichtsloser Unternehmensplünderer, wenn man auf seine Kritiker hörte. Aber abgesehen davon war er extrem erfolgreich, ein modernes Erfolgsmärchen im maßgeschneiderten Anzug.

Und dennoch.

Kein einziges Mal hatte David Hammar versucht, ihr zu imponieren. Er prahlte nicht und war nicht dominant. Als sie sich im Restaurant die Hand gaben, war sein Handschlag fest, aber nicht unnötig hart gewesen, als wäre er sich seiner Stärke bewusst, wollte aber nicht unbedingt demonstrieren. Erst als sie sich mit ihm unterhielt, fiel ihr auf, wie die meisten Männer sich benahmen, denen sie begegnete: unsicher und manisch dominant. Beflissen, ihre Stärke zu demonstrieren. Und nicht immer respektvoll gegenüber Frauen, um es diplomatisch auszudrücken.

»Wie kam es, dass Sie sich gerade diese Branche ausgesucht haben?«, fragte sie neugierig. Er machte den Eindruck, als könnte er auf jedem beliebigen Arbeitsgebiet erfolgreich sein.

»Wenn man extrem schnell extrem reich werden will, muss man genau das machen, was ich tue. Wie Sie bestimmt wissen.«

Natalia nickte. Kein Mensch konnte so vermögend werden wie ein geschickt agierender Corporate Raider. »Und das wollten Sie? Reich werden?«

»Ja.«

»Und, hat’s funktioniert?« Sie wusste die Antwort zwar bereits, aber sie wollte hören, was er sagen würde, wenn man ihm die Möglichkeit gab zu prahlen.

Er sah sie lange an. »Man ist nie zufrieden«, meinte er dann langsam, als führten sie eine wichtige Diskussion und nicht nur Small Talk. »Merkwürdig, oder?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das beruht auf der elementaren menschlichen Antriebskraft. Im Guten wie im Schlechten.«

»Geht es Ihnen auch so?«

»Ich denke schon«, antwortete sie, da sie diese Antriebskraft ebenfalls in sich spürte. Vorwärts zu streben. Erfolgreich zu sein.

»Was denken Sie?« Er beugte sich vor und betrachtete sie eingehend. Er las ihre Gedanken so schnell, dass es ihr Angst machte.

»Nichts. Es war ein sehr nettes Mittagessen. Ich hatte gedacht, Sie wären eher …« Sie verstummte.

»Gangsterlike? Gewissenlos?«

Sie lachte auf. »Ja, vielleicht.«

»Die Sache ist die, dass ich es liebe, Resultate zu sehen«, erklärte David. »Viele schwedische Unternehmen werden unglaublich schlecht geführt. Sie werden von Chefs und Vorständen geführt, die sich auf Kosten der Aktionäre bereichern.« Er schlug seine langen Beine übereinander und fuhr sich mit der Hand durch das kurze dunkle Haar. Sie bemerkte seine Armbanduhr, eine Patek Philippe, teuer, aber nicht protzig.

»Sie ahnen gar nicht, wie viel Stümperei man zu sehen bekommt«, fuhr er fort. »Aber wenn HC in ein Unternehmen einsteigt, sorgen wir dafür, den Laden effektiver zu gestalten und zu verbessern. Denn dann verdienen die Aktionäre und niemand anderes.«

»Aber Sie verdienen dabei bestimmt auch die eine oder andere Krone«, bemerkte Natalia trocken. Hammar Capital war auf unglaubliche vier Milliarden Euro taxiert worden. Nicht schlecht, wenn man bedachte, dass er das Unternehmen von Grund auf eigens aufgebaut hatte. Hinzukam, dass er noch so jung war, nicht einmal fünfunddreißig, wenn man den Informationen aus dem Internet glauben durfte.

»Das natürlich auch«, gab er lächelnd zu. »Unsere Geschäftsidee besteht darin, kontrovers zu sein. Möchten Sie Kaffee?«

Sie nickte, und er bestellte für sie beide. Die Bedienung kehrte rasch mit zwei Tassen zurück.

Natalia befingerte zögernd die Folie der Praline, die auf ihrer Untertasse lag. Sie hatte es ernst gemeint, was sie zuvor gesagt hatte; sie bewunderte Menschen, die etwas aus eigener Kraft heraus erschufen. Denn es gab so viele Leute, die zwar mit allen Voraussetzungen geboren wurden, dann aber ihre Möglichkeiten völlig vergeudeten.

David deutete auf ihre Praline. »Mögen Sie die nicht?«

Sie reichte sie ihm und beobachtete, wie er die dünne Folie öffnete. »Sie sind ja recht viel im Ausland unterwegs. Wie lässt sich denn das vereinbaren?«, fragte sie.

Er zog eine Augenbraue hoch. »Anscheinend habe nicht nur ich Recherche betrieben. Ja, das stimmt. Ich bin auf der ganzen Welt unterwegs und jage Finanziers. Gemeinsam mit meinem Partner Michel.«

Michel Chamoun. Libanese mit Examina in Wirtschaftswissenschaften und Jura. Ja, sie hatte ihre Hausaufgaben gemacht; sie bereitete sich immer gewissenhaft vor. »Aber braucht man Sie denn nicht hier vor Ort?«, fragte sie.

»Ich habe viele kompetente Mitarbeiter.«

»Frauen und Einwanderer?«

»Unter anderem.«

Trotz des entspannten Small Talks und des Charmes, dessen Natalia sich mitunter kaum erwehren konnte, beschlich sie immer wieder das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Was wollte dieser hyperattraktive Mann mit den kalten Augen nur von ihr? Worauf war David Hammar eigentlich aus, als er sie zu einem »unverbindlichen Mittagessen« – allein schon diese absolut nichtssagende Phrase – einlud? Und das Gespräch dann mit scheinbar zufälligen Fragen immer weiter ausdehnte und ihr mit seiner Aufmerksamkeit schmeichelte? Natalia warf einen Blick auf ihre Uhr und nahm an, dass sie falsch gehen musste. Sie runzelte die Stirn und sah, wie David sein Handgelenk anwinkelte und ebenfalls auf die Uhr schaute.

Er richtete sich auf seinem Stuhl auf. »Ist es schon so spät?«

»Ich sehe es auch gerade, ich muss zurück ins Büro«, meinte sie.

»Ich hatte keine Ahnung, dass die Zeit so schnell vergangen ist. Es tut mir leid, wenn ich Sie aufgehalten habe«, sagte er und winkte die Bedienung heran, um zu zahlen.

»Sie müssen sich nicht entschuldigen«, entgegnete sie. »Aber ich habe ein Skype-Meeting mit London, das ich noch vorbereiten muss.«

Er gab der Bedienung seine Kreditkarte.

»Soll ich darum bitten, Ihnen ein Taxi zu bestellen?«

»Nein, ich gehe zu Fuß«, antwortete sie und griff nach ihrer Handtasche.

»Ich begleite Sie.« Er war ebenfalls aufgestanden und schob ihren Stuhl zurück.

»Besser nicht«, entgegnete sie entschuldigend. Er war verdammt gut aussehend, daran bestand kein Zweifel. Aber sie hatte nun mal ihre Recherche betrieben. Zweimal in den vergangenen Jahren war Hammar Capital in einem Unternehmensstreit mit Investum aneinandergeraten, und beide Male hatte HC verloren. Zweimal hatte sie heute den Namen Investum erwähnt. Und beide Male hatte sich etwas in seinem Blick verändert. Es war kaum merklich gewesen, und es wäre ihr wahrscheinlich auch entgangen, wenn sie ihn nicht genau beobachtet hätte. Aber sie hatte eine Kühle in seinem Blick wahrgenommen, die kein Charme der Welt hätte überdecken können, und in vielerlei Hinsicht verkörperte sie selbst schließlich Investum. David Hammar hatte ganz sicher noch ein Hühnchen mit dem Unternehmen ihrer Familie zu rupfen. Man sagte zwar, dass innerhalb der Finanzbranche persönliche Belange keine Rolle spielten und lediglich das Geld regierte. Aber das war nichts als dummes Gerede. Geld zog immer eine Menge nach sich: Gefühle und Impulse, verletzte Egos und Rachegelüste. Die Frage lautete also: Hegte David Hammar irgendwelche verborgenen Absichten, als er sie zum Essen einlud?

Natalia betrachtete ihn eingehend, ließ ihren Blick über seine ungeheuer attraktiven Züge, die intensiven Augen und den gut gebauten Körper gleiten.

Vermutlich ja.

»Danke«, hörte sie sich selbst sagen. »Es hat mich sehr gefreut.«

Sie gab ihm die Hand, ließ seine große warme Handfläche die ihre umschließen und trat dann hinaus in die glühende Hitze, kein bisschen klüger als zuvor.

4

Die Begegnung mit David Hammar hatte mehr Fragen bei Natalia aufgeworfen, als sie beantwortet hätte. Aber zumindest war sie dadurch etwas wacher geworden, wie sie feststellte, während sie mit raschen Schritten zu ihrem Büro am Stureplan zurückging. Sie nahm den Aufzug, fuhr in die dritte Etage, nickte den Mitarbeiterinnen am Empfang zu und schloss die Bürotür hinter sich. Sie entschied, dass sie fünf Minuten für sich benötigte, bevor sie zu arbeiten begann.

Sie dachte schließlich fünf Minuten lang über David, das Mittagessen und die Tatsache nach, dass sie verwirrt und fasziniert war. Wenn sie ehrlich war, fühlte sie sich durchaus hingezogen zu diesem attraktiven, nicht zuletzt widersprüchlichen Corporate Raider.

Natalia lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. Irgendwie wurde sie nicht schlau aus ihm. Bisweilen war er sehr höflich und sogar witzig gewesen. Er hatte sie aufgezogen, und sie hatte sich in eine Art Kraftfeld maskulinen Charmes hineinziehen lassen.

Aber abgesehen davon hatte sie ihn als eine Person mit einem sehr harten Kern erlebt. Sie wusste, dass er in einem der schäbigsten Vororte Stockholms aufgewachsen war. Es war kein Geheimnis, dass er aus einfachsten Verhältnissen stammte. Doch dann musste sich etwas verändert haben, denn er war zuerst auf ein Internat gegangen, dann auf die renommierte private Handelshochschule in Stockholm und schließlich nach Harvard. Dabei war er durch diverse Stipendien gefördert worden. Aber trotzdem, was für ein Aufstieg.

Ja, widersprüchlich war das richtige Wort, dachte Natalia, und damit waren die fünf Minuten vorüber. Ganz abgesehen von seiner Ausstrahlung und seinem Aussehen war sie sich sicher, dass das gemeinsame Mittagessen ein einmaliges Ereignis gewesen war. Aus irgendeinem Grund hatte er sie abgeschrieben – das hatte sie deutlich gespürt. Sie würde gut daran tun, sich wieder dem zu widmen, was ihr Leben eigentlich ausmachte: ihrer Arbeit. Denn wie, nun, interessant die Begegnung mit David Hammar auch gewesen sein mochte, so hatte sie sie nicht zuletzt wertvolle Arbeitszeit gekostet.

Natalia verbrachte einige intensive Nachmittagsstunden damit, einen gar nicht abnehmen wollenden Berg an Papierkram zu erledigen. J.O. und sie befanden sich gerade in der heißen Phase eines gigantischen und für Natalia persönlich sehr prestigeträchtigen Bankgeschäfts, und sie verlangte sowohl sich selbst als auch ihrem Team viel ab. Keiner schlief länger als absolut notwendig, alle waren vor Ort. In einer Stunde, wenn die Banken und Börsen an der nordamerikanischen Ostküste öffneten, würde der bereits fortgeschrittene Arbeitstag mit unvermindertem Tempo weitergehen.

Natalia warf einen Blick auf die Uhr. In Hongkong hatten sie bereits geschlossen, während sie in Los Angeles drei Stunden später öffneten als in New York. Irgendwo auf der Welt öffnete immer eine Bank, und irgendwo schloss ein Börsenmarkt. Handel und Geschäfte fanden rund um die Uhr statt, und ihr Chef trieb seine Mitarbeiter härter an als irgendein anderer, für den sie je gearbeitet hatte.

Sie fragte sich, ob David Hammar auch diesen hohen Anspruch besaß. Er war ebenfalls bekannt dafür, hart zu arbeiten. Niemand überlebte an der absoluten Spitze, in der er sich seit Jahren befand, ohne ehrgeizig zu sein. Ohne rücksichtslos zu sein. Darin bestand die Faszination des Finanzsektors, aber das war auch seine Schattenseite.

Als jemand an ihren Türrahmen klopfte, schaute sie auf.

»Hast du mal einen Augenblick?«, fragte J.O.

»Ich komme«, antwortete Natalia, froh darüber, sich auf anderes konzentrieren zu müssen als auf den Eindruck, den David Hammar bei ihr hinterlassen hatte. Åsa hatte recht. Sie sollte öfter ausgehen. Aber dieses merkwürdige Dating, dachte sie, während sie Ordner, Papiere und ihr iPad zusammensuchte, war ihr nicht geheuer. Andere Frauen praktizierten es. Åsa praktizierte es. Sie ging mit Männern aus, schlief mit Männern, wie es gerade kam. Aber Natalia hatte nie richtig kapiert, wie man es anstellte. Sie durchschaute diese absolut unschwedischen modernen Regeln nicht, obwohl sie zeitweise in New York und auch in London gelebt hatte. Was Männer betraf, war sie schlicht und einfach eine Niete, das hatte die Vergangenheit schließlich auch bestätigt. Dafür war sie außerordentlich gut in ihrem Job, rief sie sich ins Gedächtnis, während sie hinter J.O. herging. Zumindest etwas, darüber sollte sie froh sein.

Natalia war während des gesamten Meetings fokussiert. In J.O.s Team gab es auch keinen Platz für Leute, die weniger als zu hundert Prozent konzentriert waren. Sie waren die Crème de la Crème. Ein Fehler, und man musste sich nach einem anderen Job umsehen. Natalia war von J.O. persönlich eingestellt worden, als er vor zwei Jahren den Auftrag erhielt, das skandinavische Team der Bank aufzubauen. Die anderen, im Übrigen alles Männer, waren genau wie sie einzigartige Spezialisten in ihrem Fach. Natalia war Expertin für Banken und andere Finanzinstitute. J.O. pflegte zu sagen, dass er Natalia mitten in der Nacht anrufen und sie daraufhin die Börsenkurse der großen Notenbanken herunterrattern könnte. Sowie deren Werte bei Börsenschluss.

Und das war kein Witz.

Er hatte es bereits mehrfach getan.

J.O. schloss das Meeting, dankte den Telefonteilnehmern und beendete das Gespräch. Gemeinsam mit den Kollegen sammelte Natalia ihre Unterlagen ein.

»Es ist bald sechzehn Uhr«, sagte J.O. zu ihr. »Hast du Zeit, noch ein paar Worte zu wechseln, bevor New York öffnet?«

Natalia nickte und wartete schweigend, während sich der Konferenzraum leerte.

»Gute Arbeit«, sagte er, als sie allein waren.

Sie lächelte. Lob war ein eher seltenes Gut. »Danke.«

Er trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. »Was hast du im Sommer vor?«, fragte er.

Natalia war bemüht, nicht die Augenbrauen fragend hochzuziehen. Obwohl es ihr schwerfiel. Innerhalb der Finanzbranche war J.O. bekannt für drei Dinge: seinen extrem teuren Geschmack, sein Faible dafür, lange Interviews für Hochglanzmagazine zu geben, und dafür, niemals über private Angelegenheiten zu sprechen.

Soweit Natalia wusste, hatte er gar kein Privatleben, jedenfalls nicht wie andere Sterbliche. Er arbeitete und flog so oft zu Kundenbesuchen, dass es hieß, er befände sich öfter in der Luft als auf der Erde.

Während der gut zwei Jahre, in denen sie schon zusammenarbeiteten, zuerst in London und dann in Stockholm, hatten sie nie über etwas anderes als jobrelevante Dinge gesprochen. Das Wenige, das sie über J.O. wusste, hatte sie in der Klatschpresse oder in Branchenzeitungen gelesen, und da ihre eigene Familie landesweit bekannt war, ging sie davon aus, dass er ungefähr dasselbe über sie wusste, was alle anderen auch wussten. Mindestens einmal im Jahr, wenn ihr kleiner Bruder Alexander wieder mal einen Skandal auslöste, meist war es irgendeine Frauengeschichte, berichtete die Klatschpresse in allen Einzelheiten über die gesamte Familie de la Grip. Somit war es nicht allzu schwer, sich über sie auf dem Laufenden zu halten. Doch J.O. ließ nie auch nur eine Bemerkung darüber fallen. Auch nicht damals, als es ihre Trennung von Jonas bis in die Zeitungen geschafft hatte. Er hatte lediglich ihre rotgeränderten Augen betrachtet, ohne irgendwelche Gefühle zu zeigen, und dann wie gewöhnlich seine Befehle rausgehauen. Mitten in all dem Elend hatte das gutgetan.

»Ich werde arbeiten, bis wir fertig sind«, sagte sie als Antwort auf seine Frage. »Ansonsten habe ich keine konkreten Pläne. Außer vielleicht Båstad.« Es gelang ihr, einen Seufzer zu unterdrücken.

Alle würden nach Båstad fahren. Ihre Eltern hatten sie natürlich ins Sommerhaus in den Süden Schwedens eingeladen, ihre Mutter hatte sie regelrecht dorthin beordert. Aber Natalia wusste nicht, ob sie sich mit dem Gedanken anfreunden konnte, den Sommer gemeinsam mit ihrer Familie zu verbringen. Im letzten Jahr, als die Trennung von Jonas noch frisch war, war es okay gewesen, aber noch einen weiteren Sommer? Jetzt, wo sie fast dreißig war? Das war doch zu armselig, irgendwo musste es eine Grenze geben.

Federleicht und völlig unbeabsichtigt schweiften Natalias Gedanken wieder zu David Hammar ab. Würde er vielleicht im Juli zu den Swedish Open nach Båstad fahren, wenn sich die Promis dort nur so tummelten? Wenn sie ihren Eltern ins Sommerhaus folgte, würde sie dann dort mit ihm zusammentreffen?

Der Gedanke ließ sie aufschrecken. Sie traf sich ein einziges Mal mit einem Mann und begann sofort über ihn zu fantasieren? Sie war doch keine zwölf mehr! Zumindest hatte sie ihn nach dem Mittagessen nicht gleich gegoogelt. Auch wenn sie sich noch immer fragte, worin seine Absicht bestanden hatte. Was an ihr könnte sein Interesse geweckt haben? Ihr Vater hasste ihn, das wusste sie. Aber sie selbst hatte bis zum heutigen Tag keine besondere Meinung von David Hammar gehabt. Sie bewegten sich in völlig unterschiedlichen Sphären. Er war ein attraktiver Risikoinvestor. Flirtete mit amerikanischen Filmstars und englischen Prinzessinnen und legte sich mit traditionsreichen Unternehmen an. Sie selbst hingegen war im Wesentlichen eine Bankerin.

»Hallo?«, sagte J.O. fragend.

»Sorry«, entschuldigte sie sich. »Wenn du mich brauchst, bin ich selbstverständlich hier. Ich habe noch nichts gebucht. Ich werde Urlaub nehmen, wenn es passt.«

»Möglicherweise brauche ich dich in Båstad.«

Natalia nickte unbeteiligt. Klar, dass er sie dort brauchte.

J.O. erhob sich vom blank polierten Konferenztisch. Das Büro befand sich in einem denkmalgeschützten Haus aus dem 19. Jahrhundert mit antiker Einrichtung, hohen Decken, Kronleuchtern und Kunst in goldenen Rahmen. Er schaute aus dem Fenster, vor dem sich der Stureplan und ein Häusermeer ausbreiteten. »Ich weiß, dass du eigene Zukunftspläne hast«, sagte er langsam.

Natalia horchte auf. Hier ging es um andere Dinge, nämlich um sie persönlich. Ihr letztes Mitarbeitergespräch hatte sich darum gedreht, dass Natalias langfristiges Karriereziel darin bestand, innerhalb des Familienunternehmens zu arbeiten. Diesbezüglich war sie immer offen gewesen und hatte betont, dass sie zuerst eigene Meriten erwerben, dann aber weiterziehen wolle.

»Ja?«, fragte sie vorsichtig.

Sie bewunderte J.O. zwar, aber sie waren keine Freunde im eigentlichen Sinne. Jeder schmiedete seine eigenen Lebenspläne, und Vertrauen war ein leicht verderbliches Gut.

»Ich habe gehört, dass du dich heute mit David Hammar getroffen hast«, erklärte er. »Gibt es da etwas, das du mir vorenthalten hast?«

»Es war ein Mittagessen, nichts weiter«, antwortete sie, vollkommen auf dem falschen Fuß erwischt.

Gerüchten zufolge wusste J.O. alles, was in der klatschträchtigen Finanzbranche passierte. Aber dennoch. Wie zum Teufel konnte er davon erfahren haben? Jetzt schon? »Ich hoffe nur, du spionierst mir nicht nach«, sagte sie, nur zur Hälfte im Scherz.

J.O. schüttelte den Kopf. Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Wir sind hier schließlich in Stockholm. Hier kannst du nichts tun, ohne dass es alle erfahren. Was wollte er?«

»Keine Ahnung«, sagte sie ehrlich. »Es war wirklich nur ein Mittagessen. Du kennst ihn schließlich besser als ich.«

»Er hat irgendetwas vor.«

Natalia nickte. »Vermutlich.«

»Halt mich auf dem Laufenden. Und plane Båstad ein.«

Natalia stand vom Tisch auf, immer noch leicht geschockt. Als sie den Raum verließ, hatte J.O. sich bereits wieder umgedreht. Er fixierte irgendeinen Punkt draußen vor dem Fenster.

Der Rest des Abends verging mit konzentriertem Arbeiten. Ein Kollege schlief auf dem Sofa ein. Ein anderer bestellte Pizza. Praktikanten, Assistenten, Analysten sowie andere Consultants kamen und gingen. Natalia sprach mit Kunden, zeichnete Diagramme und gähnte, als keiner hinsah.

Am späten Abend nahm sie ein Taxi nach Hause. Sie schlief ein paar Stunden, duschte, zog sich um und war kurz nach Einbruch der Morgendämmerung wieder zurück im Büro.

J.O. kam gegen halb zehn, begrüßte sie mit einem flüchtigen Nicken und verschwand in ein Meeting. Telefone klingelten, ein Assistent fluchte lauthals, und wieder einmal nahm die Arbeit Natalias Gedanken völlig in Anspruch.

Wie im Flug war ein gesamter Arbeitstag vergangen, als schließlich ein Kollege sie rief. »Natalia! Wir beginnen jetzt mit dem Meeting!«

Sie griff sich einen Apfel und einen Notizblock. »Ich komme«, antwortete sie.

Es war bereits achtzehn Uhr, und sie waren noch lange nicht fertig. Es würde erneut ein langer Arbeitstag werden. Genau wie sie es liebte.

5

Freitag, 27. Juni

David lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück und streckte den Nacken. Hier in der obersten Etage des Hauses ahnte er das Verkehrsrauschen der Stadt mehr, als dass er es hörte. Er ließ den Blick über seinen Designerschreibtisch schweifen, der begraben war unter Geschäftsberichten, Halbjahresbilanzen und Rechenschaftsberichten. Schließlich blieben seine Augen auf einem schwarzen Ölgemälde haften, für das ihm ein enthusiastischer Raumausstatter ein Vermögen in Rechnung gestellt hatte. Die gesamte Einrichtung im Büro von Hammar Capital war das Resultat eines teuren und visionären Innenarchitekturbüros, das zu großen finanziellen Spielraum bekommen hatte. Allerdings herrschte hier reger Kundenbesuch, und sie gaben hin und wieder große Partys, auf denen sich immer irgendjemand von all dem Stahl und Glas beeindrucken ließ.

Das Mittagessen mit Natalia de la Grip hatte ihn nicht weitergebracht. In der kommenden Woche war in seinem Kalender von morgens bis abends ein Meeting nach dem anderen eingetragen. Eigentlich konnte er es sich gar nicht leisten, noch mehr Zeit zu verschwenden, indem er hier saß und an sie dachte. Doch ab und zu kam ihm eine Erinnerung an ihr gemeinsames Treffen in den Sinn, die ihn ablenkte. Dieser goldene Blick, der sich ihm eingeprägt hatte. Eine Erinnerung an blasse Haut und ein Äußeres, das man durchaus als sexy bezeichnen konnte.

»Bist du noch dran?«

David nickte, auch wenn der Mann am Telefon diese Geste natürlich nicht sehen konnte. »Sorry. Ja, ich bin noch dran«, antwortete er.

»Sollen wir uns treffen, oder ist mein Geld in guten Händen?«

Der Mann am anderen Ende der Leitung war Gordon Wyndt, einer der größten Investoren von Hammar Capital und einer von Davids wenigen richtig engen Freunden.

Hammar Capital besaß eine ansehnliche Menge an Eigenkapital. David war es gelungen, eines der schlagkräftigsten Risikokapitalunternehmen landesweit aufzubauen. Doch wenn es um extrem große Geschäfte ging, waren sie angewiesen auf zusätzlichen Rückhalt und abhängig von ihrem Netzwerk aus vermögenden und risikobereiten Partnern. Gordon Wyndt, ein amerikanischer siebzigjähriger Magnat mit britischen Wurzeln, der genau wie David ein Selfmademan aus einfachen Verhältnissen war, gehörte zu den reichsten und risikobereitesten von ihnen.

David und er hatten sich kennengelernt, als Gordon an der Handelshochschule Vorlesungen hielt und David Student war. Sie hatten einander sporadisch E-Mails geschrieben, und als David nach Harvard kam, um zu studieren, hatten sie persönlichen Kontakt aufgenommen und ihn über die Jahre hinweg gehalten. Trotz ihres Altersunterschieds und ihrer sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten waren sie sowohl Freunde als auch Geschäftspartner geworden. Mehr als einmal hatte David Gordon Tipps gegeben im Hinblick auf Aktien oder Unternehmen, in die es wert gewesen war zu investieren, und als David seine eigene Firma gründete, war Gordon einer der Ersten gewesen, der sie unterstützte.

»Wo liegt eigentlich das Problem?«, fragte Gordon. Im Hintergrund war ein Kläffen zu hören, und David erinnerte sich daran, dass Gordons jetzige Ehefrau einen Narren an Schoßhündchen gefressen hatte.

»Es geht schließlich um einen großen Coup. Wahrscheinlich bin ich einfach nur nervös«, antwortete David ausweichend.

Gordon schnaubte. »Du hast kein einziges nervöses Gen in deinem Körper, und du hast es schon immer geliebt, knallhart zu zocken. Irgendetwas verheimlichst du mir.« Plötzlich war er vom Hörer verschwunden, und David hörte ihn mit dem Hund schäkern. David verdrehte die Augen.

Gordon war wieder dran. »It’s fine. Solange du weißt, was du tust. Und nicht allzu viele meiner Milliarden in den Sand setzt.«

»Mein Team bleibt vor Ort in Stockholm«, erklärte David. »Die gesamte schwedische Finanzbranche verabschiedet sich in Kürze in die Sommerferien. Alle werden in ihre Sommerhäuser fahren, Tennis spielen, segeln und sich den einen oder anderen Drink genehmigen. Während hier alles auf Sparflamme läuft.«

Das war ihr Schwachpunkt. Dass sie sich freinahmen. Und es würde ihnen zum Verhängnis werden – denn David nahm niemals frei.

»In den kommenden Tagen habe ich die letzten wichtigen Meetings – mit Maklern, Fondsmanagern, einigen Großaktionären«, fuhr er fort. »Ich habe ein gutes Gefühl. Die beiden größten allgemeinen Rentenfonds sind dabei. Und natürlich du.«

Er überschlug im Kopf, wie vielen Maklern und Managern er im Verlauf des Jahres bereits seine Präsentation unterbreitet hatte. Zweihundert? Mindestens.

»Hast du jemanden aus der Familie der Eigentümer auf deine Seite ziehen können?«, fragte Gordon.

»Nein«, antwortete David. Er bereute es, Gordon anvertraut zu haben, dass er versuchen wollte, eines der de-la-Grip-Geschwister zu überzeugen. Denn er hasste es zuzugeben, dass es ihm nicht gelungen war. »Aber das spielt keine Rolle«, sagte er kurz angebunden. Das stimmte. Er war zu keiner Zeit von einer Person aus dem innersten Kreis von Investum abhängig gewesen, nicht ernsthaft. Sie waren Puzzleteile, auf die er notfalls auch verzichten konnte. Der älteste Bruder Peter war schon von vornherein nicht infrage gekommen. Alexander de la Grip hatte seinen Anruf gar nicht erst entgegengenommen. Und dass Natalia sich niemals gegen ihre Familie stellen würde, hatte sie ihm während des Mittagessens klargemacht. Nein, dieser Weg war ihm versperrt.

»Meine Frau würde gern ein Schloss in Schweden kaufen. Denn all ihre Freundinnen tun es offenbar auch«, sagte Gordon. »Wo liegt eigentlich Skåne? Ist es nett dort? Da stehen eine Menge Schlösser zum Verkauf.«

»Der Adel in Skåne ist versnobt bis zum Gehtnichtmehr, sie werden dich hassen. Und du wirst es lieben.«

»Dann musst du kommen und uns besuchen«, sagte Gordon. »Wir werden eine große Party geben.«

David verzog den Mund zu einem Grinsen. Gordon und er hatten etwas gemeinsam – einen absoluten Mangel an Respekt vor großen Namen.

»David?«

»Ja?«

»Wolltest du noch etwas?«

»Schon möglich.« David hatte keine Ahnung, warum er die nachfolgende Bitte äußerte. Es gab keinen rationalen Grund dafür, aber er sprach die Worte dennoch aus. »Ich benötige deine Hilfe«, sagte er langsam.

»Mehr Geld? Soll ich mit meiner Bank sprechen?«

»Nein, es geht um etwas anderes«, erklärte David. »Du kennst doch Sarah Harvey, oder?«

»Die Sängerin? Meine erste Frau und sie haben gemeinsam im Chor gesungen, und wir sind Paten von Sarahs Tochter.«

»Würdest du mir einen Gefallen tun?«

Fünf Minuten später legte David auf und fragte sich, was er da eigentlich machte. Doch er schüttelte das Gefühl ab, etwas in Gang gesetzt zu haben, über das er keine Kontrolle hatte, und rief stattdessen nach seinem Assistenten Jesper Lidmark, einem jungen Studenten von der Handelshochschule. Jesper betrat den Raum und warf David einen fragenden Blick zu.

»Ich möchte etwas an Mrs Gordon Wyndt senden«, erklärte David. »Es soll möglichst exklusiv sein und teuer aussehen. Ruf bei Bukowskis an und bitte sie, eine Vase oder etwas Ähnliches auszusuchen, das wir hinschicken können.«

Eine halbe Stunde später erhielt David einen Rückruf von Gordon.

»Geht in Ordnung.«

»Danke«, sagte David. »Ich bin dir etwas schuldig.«

»Darf man fragen, worum es bei dieser kleinen Aktion hier geht?«

David hörte den Hund im Hintergrund bellen und konnte Wyndtham Castle vor seinem inneren Auge sehen. Grüne Hügel. Ein mondäner Pool aus italienischem Marmor. Partyzelte mit lauter Celebritys. Eine Grundsanierung, die die jahrhundertealte Patina zerstört und damit ein großes Echo sowohl in der britischen als auch amerikanischen Presse ausgelöst hatte.

»Geschäfte«, log er.

»Yes, I’m sure it is«, entgegnete Gordon trocken und legte auf.

6

»Werdet ihr euch wiedersehen?«, fragte Åsa und betrachtete kritisch das rot geblümte Kleid, das sie samt Bügel herausgezogen hatte. »Der Corporate Raider und du?« Sie warf Natalia einen fragenden Blick zu, bevor sie das Kleid wieder zurückhängte. Sie besaß viel zu ausgeprägte Kurven, um so großflächige Muster tragen zu können.

»Natürlich nicht«, antwortete Natalia, die gerade den Stoff einer Kostümjacke befühlte. Natürlich einer grauen. Diese Frau war hoffnungslos, was Kleidung anging. Åsa bezweifelte, dass Natalia noch irgendwelche anderen Teile besaß als graue, beigefarbene oder möglicherweise marineblaue. So lief es eben, wenn man seine Tage damit zubrachte, sich gegen testosterongestählte Finanzhaie durchzusetzen. Und wenn die Modetipps von einer Mutter kamen, die alles, was einer jungen Frau stand, als vulgär abtat. Kein Wunder, dass der eigene Geschmack verkümmerte.

»Aber er hat dir gefallen«, stellte Åsa fest und sah, wie Natalias Wangen sich rosa färbten. Aha, nicht einmal die superkühle Natalia de la Grip konnte dem Bad Boy David Hammar widerstehen.

Åsa zog ein weiteres Kleid heraus und betrachtete es eingehend. Dieses Grün würde ihr gut stehen. Sie warf der Verkäuferin einen fragenden Blick zu, die nervös in diskreter Entfernung herumschlich. »Meine Größe«, befahl sie in knappem Ton. Die Verkäuferin nickte und beeilte sich, ins Lager zu verschwinden.

»Musst du denn so unhöflich sein?«, fragte Natalia, die sich einen nichtssagenden Hosenanzug gegriffen hatte und aussah, als wäre sie kurz davor, ihre goldene Kreditkarte zu zücken.

»Hast du so einen nicht schon?«, meinte Åsa, während sie den Anzug mit einem despektierlichen Blick bedachte. Zweimal im Jahr ging Natalia zur Schneiderin ihrer Mutter im oberen Teil von Östermalm und bestellte einen Satz Frühjahrs- beziehungsweise Herbstkostüme. Eine Tradition, die sie offenbar niemals hinterfragt hatte.

»Man kann nie genug elegante Zweiteiler haben«, meine Natalia und inspizierte den braunen Stoff.

Hilfe. Åsa verdrehte die Augen und hielt unterdessen ein türkisfarbenes Kleid hoch. Forsch winkte sie eine weitere Verkäuferin herbei. Man hatte bereits eine Umkleidekabine für Åsa vorbereitet und die Stücke, die sie ausgewählt hatte, zusammen mit Accessoires, Schuhen und Unterwäsche hineingehängt. »Man muss die Leute kurzhalten, ansonsten bekommt man keinen Service. Sie wissen schließlich, dass ich die Eigentümerin kenne.«

Ihre Cousine – oder Großcousine, jedenfalls eine entfernte weibliche Verwandte –, der das Atelier gehörte, war eine begnadete Schneiderin, und Åsa hatte ihr einen Familienrabatt abgerungen. Natalia begutachtete gerade ein beigefarbenes Kostüm. »Jetzt hör endlich auf, ein langweiliges Teil nach dem anderen herauszuziehen und rede mit mir. Erzähl mir von dem Mittagessen. Worüber habt ihr gesprochen?«

Natalia zuckte nonchalant die Schulter, doch Åsa ließ sich nicht im Mindesten täuschen.

»Natalia?«

Gehorsam wandte sie sich von den konfektionsgeschneiderten Businesskostümen ab und ging auf einen Ständer mit aktuellen Designerstücken zu. Åsas Verwandte war eine sehr geschickte Schneiderin; viele der dort hängenden Kleider hätten auf einer internationalen Modenschau mit Bravour bestanden.

Natalia zog ein goldenes Kleid aus Seidensatin hervor. Es leuchtete ihr provokativ entgegen, beinahe so, als hätte es ein Eigenleben. »Wir haben hauptsächlich davon gesprochen, wie unglaublich gut ich in meinem Job bin«, sagte sie und hielt das Kleid prüfend vor ihren Körper.

Åsa schnaubte. »Na klar.«

»Merkwürdigerweise ist das wahr. Er hat nicht besonders viel von sich erzählt.«

»Du meinst also, dass du mit einem Finanzhai zu Mittag gegessen hast, der nicht versucht hat, durch dich irgendwie voranzukommen? Dann ist er ja wohl weltweit einzigartig.«

Natalia drehte das Preisschild um und machte große Augen. »Ich fand ihn eigentlich ganz nett. Er war zwar selbstsicher, aber nicht selbstherrlich.«

»Und noch dazu gut aussehend und sexy?«

»Das auch«, gab Natalia zu und wich mit dem Blick aus.

Åsa schmunzelte. Süße kleine Natalia, du magst ihn also.

»Probier es mal an«, meinte Åsa und deutete auf das goldene Kleid in Natalias Hand, bevor sie selbst in die Umkleidekabine huschte. Sie unterdrückte das deprimierte Gefühl, das sie plötzlich überfiel, und beschloss, mindestens zwei Teile zu kaufen. Man sagte doch, dass Shopping genau das Richtige wäre, um Niedergeschlagenheit entgegenzuwirken. Irgendwann musste es doch mal funktionieren.

»Ich begreife nicht, warum du mich in Läden wie diesen mitschleppen musst«, beklagte sich Natalia von der Umkleidekabine nebenan aus. »Hier ist alles irgendwie so grell und schrill. Das macht mich ganz nervös. Mein Gott, ist das anstrengend. Ich weiß wirklich nicht, was ich von Kleidern wie diesem halten soll.« In der Umkleide wurde es still, und man vernahm lediglich ein leises Rascheln. »Hm, irgendwie habe ich das Gefühl, hier fehlt etwas Stoff.«

Åsa musterte das grüne Kleid, in das sie selbst gerade geschlüpft war. Ihre üppigen Brüste, die runden Hüften und der leicht gewölbte Bauch ließen die exklusive handgefärbte Seide glamourös und ein wenig unanständig erscheinen. Es würde ihr definitiv stehen. »Ist er allein gekommen?«, fragte sie und begann das Kleid wieder auszuziehen. Sie inspizierte ihren Körper im Spiegel. Weiße nackte Haut in Hülle und Fülle. Teure Unterwäsche. Sie lächelte. Sie liebte ihren weichen untrainierten Körper.

»Ja, er war allein. Was glaubst du denn?«

Åsa zupfte den silberfarbenen Jersey über der Brust zurecht. Silber hatte ihr schon immer gut gestanden. Marilyn Monroe im einundzwanzigsten Jahrhundert. »Schließlich hat er einen Partner«, entgegnete Åsa und versuchte, nonchalant zu klingen, als spielte es keinerlei Rolle, was Natalia antwortete. »Ich wollte nur wissen, ob er dabei war.«

In der Kabine nebenan blieb es still. Allerdings konnte Åsa förmlich hören, wie es in Natalias Hirn ratterte. Man konnte über die in puncto Kleiderkauf völlig unbegabte Natalia sagen, was man wollte, aber dumm war sie nicht.

»Und woher kennst du seinen Partner, Åsa?«, fragte Natalia mit ihrer manchmal äußerst irritierenden klaren Stimme.

Åsa zwinkerte ihrem Spiegelbild versonnen zu. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie ihn vor sich sehen. Es spielte keine Rolle, wie viel Zeit vergangen war oder wo sie sich gerade befand, sein Bild konnte sie jederzeit und überall abrufen.

»Was glaubst du denn?«, fragte sie leichthin.

»Du hast mit ihm geschlafen«, sagte Natalia. Nicht fragend, nicht wertend, lediglich feststellend.

Åsa legte den Kopf schräg. Sie hatte in der Tat mit sehr vielen Männern geschlafen und fand es nicht weiter verwunderlich, dass Natalia diesen Schluss zog. Aber die Wahrheit war in diesem Fall etwas komplizierter.

Oh Michel.

»Hast du mit David Hammar auch geschlafen?«, ertönte es plötzlich aus der Nebenkabine. Åsa lächelte. Geliebte Natalia, war da nicht ein Anflug von Kälte in deinem Tonfall?

»Åsa?«, kam es von nebenan, diesmal etwas schärfer.

»Nein, wirklich nicht«, antwortete Åsa aufrichtig. »Berüchtigte Corporate Raider sind eher nicht mein Typ.« Das stimmte beinahe. Sie hatte zwar mit einigen geschlafen, sie jedoch als entsetzlich plump erlebt. »Außerdem ist dein Vater mein Chef. Er und David sind schließlich Erzfeinde, oder?«

Sie trat fast gleichzeitig mit Natalia aus der Umkleidekabine. Natalia trug das dünne goldene Abendkleid, das sich angenehm an ihren langen Oberkörper anschmiegte und mehr Rücken und Haut zeigte, als es verbarg. Åsa lächelte ihr aufmunternd zu.

»Ich dachte eigentlich, dass man heutzutage keine Erzfeinde mehr haben kann«, sagte Natalia und strich sich mit der Hand über die Hüfte.

Natalia war schmal wie ein Model, und das Kleid war wie gemacht für eine Frau, die zwar kaum Oberweite und eine extrem schmale Taille, aber einen etwas fülligeren Po besaß, als man es bei einem Model akzeptieren würde. Sie sah aus, als wäre sie gerade einer Werbeanzeige für ein teures Parfüm entstiegen.

»Kauf es«, riet Åsa.

»Aber wann soll ich ein solches Kleid denn anziehen?«

Åsa selbst ging auf jedes Event der vornehmeren Gesellschaft, jeden Ball und jede Hochzeit, zu der sie eingeladen wurde, weil sie es hasste, zu Hause zu sitzen. Natalia hingegen lehnte alle Partys ab, die nicht einen rein geschäftlichen Hintergrund hatten. Einmal hatte sie sogar eine Abendeinladung im Königshaus abgesagt, nur um einen Rechenschaftsbericht durchzugehen.

»Sein Partner heißt Michel«, sagte Åsa, selbst erstaunt über ihr Bedürfnis, über den einzigen Mann zu sprechen, der sie bislang abgewiesen hatte. Sie reichte Natalia, die sich trotz ihrer angeblichen Bedenken offenbar nur schwer von dem Kleid trennen konnte, ein Paar hochhackige Sandaletten. »Zieh die mal dazu an.«

Natalia liebte ihre soliden Pumps von Bally, schlüpfte jedoch ...

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