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Die Entführung des Großfürsten

Boris Akunin

Die Entführung des Großfürsten

Fandorin ermittelt

Roman

Aus dem Russischen von Renate und Thomas Reschke

 

20. Mai

Er starb vor meinen Augen, dieser seltsame und unangenehme Herr.

Es ging schnell, sehr schnell.

Die Schüsse krachten, und er wurde gegen das Seil geschleudert.

Er ließ den kleinen Revolver fallen, griff nach dem schwankenden Geländer und erstarrte mit zurückgeworfenem Kopf. Sein weißes Gesicht mit dem Querstreifen des Schnurrbarts blinkte auf und verschwand wieder hinter dem schwarzen Flor.

»Erast Petrowitsch!« rief ich, ihn zum erstenmal mit Vor- und Vatersnamen ansprechend.

Oder hatte ich nur rufen wollen?

Der unsichere Untergrund schaukelte unter seinen Füßen. Plötzlich flog sein Kopf, wie von einem kräftigen Stoß, nach vorn, der Körper kippte mit der Brust gegen das Seil und stürzte im nächsten Moment mit einer plumpen Drehung hinab, hinab, hinab.

Die kostbare Schatulle entglitt meinen Händen, schlug auf einen Stein und zerbarst, die Brillanten, Saphire und Smaragde entfachten ein blendendes vielfarbiges Gefunkel, aber ich warf keinen Blick auf die unermeßlichen Schätze, die ins Gras fielen.

Aus der Schlucht drang der knackende Laut des Aufpralls, und ich stöhnte auf. Die schwarze Gestalt rollte immer schneller den steilen Hang hinunter und kam erst direkt am Bach zum Halten, wo sie willenlos eine Hand ins Wasser tauchte und so liegenblieb, das Gesicht auf den Kieselsteinen.

 

Ich hatte diesen Mann nicht gemocht. Hatte ihn vielleicht sogar gehaßt. Jedenfalls gewollt, daß er ein für alle Mal aus unserem Leben verschwand. Doch den Tod hatte ich ihm nicht gewünscht.

Sein Handwerk war das Risiko, er hatte stets mit der Gefahr gespielt, aber sonderbarerweise hätte ich nie gedacht, daß er umkommen könnte. Ich hielt ihn für unsterblich.

Ich weiß nicht, wie lange ich so stand und gebannt nach unten starrte. Wahrscheinlich nicht lange. Aber die Zeit hatte gleichsam einen Riß bekommen, war auseinandergebrochen, und ich stürzte in diesen Spalt – in das frühere, sorglose Leben, das genau zwei Wochen zuvor abgerissen war.

Ja, es war auch ein Montag gewesen, der 6. Mai.

 

6. Mai

In Moskau, der alten Hauptstadt des Russischen Reiches, kamen wir am Morgen an. Wegen der bevorstehenden Krönungsfeierlichkeiten war der Nikolaus-Bahnhof überlastet, und unser Zug wurde zum Brester Bahnhof umgeleitet, was ich seitens der örtlichen Behörden, gelinde gesagt, unkorrekt fand. Darin äußerte sich wohl auch die Kühle in den Beziehungen zwischen Seiner Hoheit Georgi Alexandrowitsch und Seiner Hoheit Simeon Alexandrowitsch, dem Moskauer Generalgouverneur. Anders kann ich mir den demütigenden halbstündigen Halt auf dem Rangierbahnhof und die folgende Umleitung des Expreßzuges auf den zweitklassigen Brester Bahnhof nicht erklären.

Und es empfing uns auf dem Bahnsteig auch nicht Großfürst Simeon persönlich, wie es das Protokoll, die Tradition und nicht zuletzt die Achtung gegenüber dem älteren Bruder geboten hätten, sondern lediglich der Vorsitzende des Empfangskomitees, ein Minister, der übrigens gleich zum Nikolaus-Bahnhof weiterfuhr, um den Kronprinzen von Preußen zu begrüßen. Seit wann wurde dem preußischen Thronfolger in Moskau mehr Achtung erwiesen als dem Onkel Seiner Majestät, dem General-Admiral der russischen Flotte, der in der Rangfolge der kaiserlichen Großfürsten den zweiten Platz einnahm? Großfürst Georgi ließ sich nichts anmerken, aber ich denke, ihn entrüstete der deutliche Affront nicht weniger als mich.

Zum Glück war Großfürstin Jekaterina Ioannowna, die penibel auf die Feinheiten des Rituals und die Wahrung der Würde achtet, in Petersburg geblieben. Ihre vier mittleren Söhne, Alexej Georgijewitsch, Sergej Georgijewitsch, Dmitri Georgijewitsch und Konstantin Georgijewitsch, waren an den Masern erkrankt, was Ihre Hoheit, eine vorbildliche und liebevolle Mutter, daran hinderte, zur Krönung, dem höchsten Ereignis im Leben des Reiches und der kaiserlichen Familie, zu reisen. Allerdings behaupteten böse Zungen, ihr Fernbleiben erkläre sich weniger aus mütterlicher Liebe als vielmehr aus der Unlust, dem Triumph der jungen Zarin in der Rolle einer Statistin beizuwohnen. Man erinnerte sich an die Geschichte auf dem vorjährigen Weihnachtsball. Die neue Zarin hatte den Damen der kaiserlichen Familie vorgeschlagen, einen Handarbeitszirkel zu gründen, um warme Mützchen für die Waisenkinder des Marien-Stifts zu stricken. Vielleicht hatte die Großfürstin wirklich zu schroff auf dieses Ansinnen reagiert. Ich schließe auch nicht aus, daß seitdem das Verhältnis zwischen Ihrer Hoheit und Ihrer Majestät etwas getrübt war, aber mit ihrem Fernbleiben wollte meine Herrin niemanden brüskieren, dafür verbürge ich mich. Wie immer Jekaterina Ioannowna Ihrer Majestät gesonnen sein mag, sie würde sich nie erlauben, ohne triftigen Grund ihre dynastischen Pflichten zu vernachlässigen. Ihre Söhne waren tatsächlich schwerkrank.

Das war natürlich traurig, aber – wie der Volksmund sagt – jedes Übel hat auch sein Gutes, denn zusammen mit Ihrer Hoheit mußte auch ihr ganzer Hofstaat in der Residenzstadt bleiben, was mir die komplizierten Aufgaben, die aus der zeitweiligen Übersiedlung nach Moskau erwuchsen, wesentlich erleichterte. Die Hofdamen waren sehr betrübt, daß sie auf die Moskauer Feierlichkeiten verzichten sollten, und äußerten ihren Unmut (natürlich im Rahmen der Etikette), doch Großfürstin Jekaterina blieb unbeugsam: Nach dem Zeremoniell muß der kleine Hofstaat sich dort aufhalten, wo sich die Mehrheit der großfürstlichen Familie befindet, und die Mehrheit unseres Zweiges des Herrscherhauses blieb in Petersburg.

Zur Krönung fuhren vier: Großfürst Georgi, sein ältester und sein jüngster Sohn und die einzige Tochter Xenia Georgijewna.

Wie ich schon sagte, war ich froh, daß die Herren Höflinge nicht mitgekommen waren. Der Oberhofmeister Fürst Metlizki und der Leiter der Hofkanzlei Geheimrat von Born hätten meine Arbeit nur behindert, indem sie ihre Nase in Dinge steckten, von denen sie nichts verstanden. Ein guter Haushofmeister bedarf keiner Aufpasser, um seinen Pflichten nachzukommen. Und was die Hofmeisterin und ihre Hofdamen betrifft, so hätte ich gar nicht gewußt, wo ich sie unterbringen sollte – eine so kümmerliche Residenz hatte das Krönungskomitee dem Grünen Hof (so wird unser Haus nach der Farbe der Schleppe unserer Großfürstin bezeichnet) zugewiesen. Aber auf die Residenz kommen wir noch zu sprechen.

 

Die Fahrt von Petersburg nach Moskau verlief reibungslos. Der Zug bestand aus drei Waggons: Im ersten war die großfürstliche Familie untergebracht, im zweiten die Dienerschaft und im dritten der notwendige Hausrat und das Gepäck, so daß ich ständig von einem Waggon in den anderen wechseln mußte.

Seine Hoheit Großfürst Georgi sprach sofort nach Abfahrt des Zuges dem Cognac zu, zusammen mit seinem Sohn Pawel Georgijewitsch und dem Kammerjunker Endlung. Er geruhte elf Gläser zu trinken, wonach er müde wurde und dann bis Moskau schlummerte. Bevor er einschlief, schon in seiner »Kajüte«, wie er sein Abteil nannte, erzählte er mir noch von seiner Schiffsreise nach Schweden, die vor zweiundzwanzig Jahren stattgefunden und großen Eindruck auf Seine Hoheit gemacht hatte. Es ist nämlich so, daß Großfürst Georgi, obwohl General-Admiral, nur ein einziges Mal auf See war und die unangenehmsten Erinnerungen daran bewahrt; in diesem Zusammenhang erwähnt er häufig den französischen Minister Colbert, der nie ein Schiff betreten und dennoch sein Land zu einer großen Seemacht entwickelt hat. Die Geschichte von des Großfürsten Schwedenreise habe ich schon viele Male gehört und kann sie inzwischen auswendig. Das Gefährlichste ist die Beschreibung des Sturms vor der Küste Gotlands. Nach den Worten »Und da schrie der Kapitän: ›Alle Mann an die Lenzpumpen!‹« rollt Seine Hoheit jedesmal mit den Augen und haut krachend die Faust auf den Tisch. So geschah es auch diesmal, doch Tischdecke und Geschirr nahmen keinen Schaden, da ich rechtzeitig Maßnahmen ergriffen hatte: Ich hielt die Karaffe und das Glas fest.

Als Seine Hoheit vor Ermattung nicht mehr in zusammenhängenden Sätzen sprechen konnte, gab ich dem Lakaien ein Zeichen, ihn zu entkleiden und zu Bett zu bringen, ich selbst ging zu Großfürst Pawel und Leutnant Endlung. Auf Grund ihrer Jugend und strotzenden Gesundheit hatte der Cognac sie weit weniger ermüdet, man kann sagen, überhaupt nicht, und es war angezeigt, ein Auge auf sie zu haben, zumal ich die Sitten des Herrn Kammerjunkers kannte.

Ein Kreuz ist das mit diesem Endlung. Ich sollte nicht so sprechen, aber Großfürstin Jekaterina beging einen schwerwiegenden Fehler, als sie diesen Herrn zum Erzieher ihres ältesten Sohnes bestellte. Freilich ist der Leutnant eine raffinierte Bestie: klarer, argloser Blick, frisches Gesicht, akkurater Scheitel im goldschimmernden Haar, kindliche Apfelbäckchen – ein richtiger Engel. Den älteren Damen begegnet er respektvoll, macht einen Kratzfuß, lauscht mit interessierter Miene ihren Erzählungen über Johann von Kronstadt1 oder über eine Seuche bei Windhunden. Kein Wunder, daß er die Großfürstin Jekaterina betörte: Ein angenehmer und vor allem ernsthafter junger Mann, kein lockerer Seekadett oder Taugenichts von der Gardeequipage. Und so gab sie ihren ältesten Sohn für die erste große Seereise in seine Obhut. Ich sah mir diesen Mentor sehr genau an.

Gleich im ersten Hafen, in Varna, putzte sich Endlung heraus wie ein Pfau – weißer Anzug, purpurrote Weste, sternchenübersäter Schlips, breiter Panamahut – und machte sich auf den Weg in ein Bordell, wohin er auch den Großfürsten Pawel mitschleppte, der damals fast noch ein Kind war. Ich versuchte mich einzumischen, da sagte der Leutnant zu mir: »Ich habe Jekaterina Ioannowna versprochen, Seine Hoheit nicht aus den Augen zu lassen. Wo ich bin, soll auch er sein.« Darauf ich zu ihm: »Nein, Herr Leutnant, Ihre Hoheit sagte: Wo er ist, da sollen auch Sie sein.« Endlung antwortete: »Afanassi Stepanowitsch, das ist Haarspalterei. Hauptsache, wir sind unzertrennlich wie die Ajaxe.« Und er schleppte den jungen Fähnrich in alle Spelunken. Aber von Gibraltar bis Kronstadt waren beide, Leutnant und Fähnrich, ganz kleinlaut und gingen nicht mal mehr an Land, liefen nur viermal am Tag zum Doktor und ließen sich Spritzen geben. Solch ein Erzieher ist das. Seine Hoheit hat sich unter seinem Einfluß zusehends verändert, ist kaum wiederzuerkennen. Ich machte seinem Vater, dem Großfürsten Georgi, Andeutungen, aber er winkte ab: »Ach was, meinem Pollie tut eine solche Schule nur gut, dieser Endlung ist zwar ein Schlawiner, aber er hat das Herz auf dem rechten Fleck und ist ein guter Gefährte, er wird keinen großen Schaden anrichten.« Mir fällt dazu nur die Volksweisheit ein: Man hat den Bock zum Gärtner gemacht. Ich durchschaue diesen Endlung. Das Herz auf dem rechten Fleck, daß ich nicht lache. Dank seiner Freundschaft mit dem jungen Großfürsten darf er das Monogramm auf der Achselklappe tragen und ist nun auch noch zum Kammerjunker ernannt worden. Das ist doch unglaublich – eine so ehrenhafte Hofcharge für den kleinen Leutnant!

Die beiden jungen Männer waren unterdessen auf die Idee gekommen, Bézigue zu spielen; der Gewinner konnte sich von dem Verlierer etwas wünschen. Als ich ins Abteil schaute, sagte Großfürst Pawel: »Setz dich, Afanassi. Mach ein Spielchen mit uns. Wenn du verlierst, mußt du dir deinen kostbaren Backenbart abschnippeln.«

Ich lehnte dankend ab, berief mich auf unaufschiebbare Arbeiten, obwohl ich eigentlich nichts Besonderes zu tun hatte. Es fehlte gerade noch, daß ich mit Seiner Hoheit Karten spiele. Großfürst Pawel wußte selbst sehr gut, daß ich nicht darauf eingehen würde, er hatte nur gescherzt. Seit ein paar Monaten hatte er die deprimierende Angewohnheit, sich über mich lustig zu machen. Das war Endlungs Einfluß. Dieser hat zwar vor einiger Zeit aufgehört, mich zu verspotten, aber Pawel Georgijewitsch kann es nicht lassen. Macht nichts, Seine Hoheit darf das, ihm nehme ich es nicht übel.

Auch jetzt sagte er mit strenger Miene: »Weißt du, Afanassi, die phänomenale Vegetation in deinem Gesicht ruft bei einigen einflußreichen Personen Neid hervor. Vorgestern zum Beispiel, auf dem Ball, als du so gewichtig an der Tür standest, mit vergoldetem Stab und ausladendem Backenbart, haben alle Damen nur dich angesehen, keine würdigte meinen Cousin Nicky eines Blicks, obwohl er der Imperator ist. Der Bart muß runter oder wenigstens gestutzt werden.«

In Wirklichkeit stellt meine »phänomenale Vegetation« nichts Besonderes dar: Schnauzer und Backenbart, der vielleicht üppig ist, aber keineswegs unschicklich. Solch einen Bart haben schon mein Vater und mein Großvater getragen, so daß ich nicht die Absicht habe, ihn abzurasieren oder zu stutzen.

»Laß gut sein, Pollie«, trat Endlung für mich ein. »Quäl Afanassi Stepanowitsch nicht. Spiel lieber aus, du bist dran.«

Hier muß ich wohl doch meine Beziehung zu dem Leutnant erklären. Sie hat ihre Geschichte.

Am ersten Tag auf See, kaum daß unsere Korvette »Mstislaw« aus Sewastopol ausgelaufen waren, hatte mich Endlung auf Deck abgepaßt, mir die Hand auf die Schulter gelegt, mich mit frechen Augen angeblickt, die nach der schnapsseligen Abschiedsfeier ganz durchsichtig waren, und gesagt: »Na, Afonja, alte Lakaienseele, läßt du deine Besen flattern? Die hat’s ganz schön zerweht, was?« (Mein Backenbart war in der Tat von der frischen Seebrise etwas zerzaust, und ich mußte ihn für die Dauer der Reise ein wenig kürzen.) »Sei ein Kumpel und lauf rasch zum Büfettmeister, dem alten Geizkragen, sag, Seine Hoheit braucht eine Flasche Rum, um der Seekrankheit vorzubeugen.«

Endlung hatte mich schon während der Bahnfahrt nach Sewastopol ständig im Beisein Seiner Hoheit verspottet und gehänselt, ich hatte es hingenommen und auf eine Gelegenheit gewartet, mich unter vier Augen mit ihm auszusprechen. Nun war die Gelegenheit gekommen.

Ich nahm mit zwei Fingern die Hand des Leutnants (der damals noch nicht Kammerjunker war) von meiner Schulter und sagte höflich: »Wenn es Ihnen, Herr Endlung, in den Sinn kommt, sich um die Definition meiner Seele zu sorgen, dann ist ›Lakaienseele‹ nicht das richtige Wort, denn für meinen langen untadeligen Dienst am Hof Seiner Hoheit wurde mir der Titel eines Hoffouriers verliehen. Das entspricht dem Rang eines Titularrats, eines Stabshauptmanns in der Armee oder eines Leutnants zur See.« (Die letzten Worte betonte ich besonders).

Endlung fauchte: »Ein Leutnant bedient nicht bei Tisch.«

Darauf ich: »Mein Herr, bedient wird im Restaurant, doch der kaiserlichen Familie dient man. Auf Ehre und Gewissen.«

Nach diesem Vorfall war Endlung wie Samt und Seide: Er sprach höflich mit mir, erlaubte sich keine Scherze mehr, siezte mich.

Ich muß dazu sagen, daß wir Hofdiener zum Siezen und Duzen ein besonderes Verhältnis haben, denn wir haben einen besonderen Status. Es ist schwer zu erklären, wie es kommt, daß manche mich mit dem Duzen kränken, andere mit dem Siezen. Dienen kann ich nur den Letzteren, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Ich versuche es zu erklären. Die Anrede mit »du« ertrage ich nur von Angehörigen der kaiserlichen Familie. Was heißt ertragen, ich halte sie für ein Privileg und eine besondere Auszeichnung. Ich wäre sehr betroffen, wenn Großfürst Georgi, seine Gattin oder eines ihrer Kinder mich plötzlich siezen würde. Vor drei Jahren hatte ich eine Meinungsverschiedenheit mit der Großfürstin Jekaterina Ioannowna hinsichtlich eines Stubenmädchens, dem sie zu Unrecht Leichtfertigkeit vorgeworfen hatte. Ich blieb bei meiner Meinung, die Großfürstin war gekränkt und siezte mich eine ganze Woche lang. Ich litt sehr, magerte ab, konnte nachts nicht schlafen. Dann sprachen wir uns aus. Sie sah mit der ihr eigenen Großmut ihren Irrtum ein, ich bekannte mich auch schuldig und durfte ihr die Hand küssen, und sie küßte mich auf die Stirn.

Aber ich bin abgeschweift.

Die beiden Spieler wurden vom Lakaien Lipps bedient, einem der Neuen, den ich mitgenommen hatte, um herauszufinden, was er wert war. Früher hatte er auf dem estnischen Gut des Grafen Benckendorff in Diensten gestanden und war mir von dessen Majordomus, einem alten Bekannten, empfohlen worden. Er sei anstellig und nicht geschwätzig; aber einen guten Diener erkennt man nicht so schnell wie einen schlechten. Am Anfang gibt jeder sein Bestes, da muß man schon ein halbes bis ein Jahr, manchmal auch zwei Jahre abwarten. Ich beobachtete, wie Lipps Cognac einschenkte, wie geschickt er eine beschmutzte Serviette wechselte, wie er dastand – das ist sehr, sehr wichtig. Er stand richtig, trat nicht von einem Bein aufs andere, drehte nicht den Kopf hin und her. Vielleicht kann ich ihn bei kleinen Empfängen auch auf Gäste loslassen, dachte ich.

Das Spiel ging indessen weiter. Zuerst verlor Endlung, und Großfürst Pawel ritt auf ihm den Korridor entlang. Dann verließ das Glück Seine Hoheit, und der Leutnant verlangte, daß der Großfürst völlig nackt zum Toilettenraum laufe und von dort ein Glas Wasser bringe.

Während Großfürst Pawel sich lachend entkleidete, schlüpfte ich hinaus, winkte den Kammerdiener heran und befahl ihm, keinen der Diener in den Salon des Großfürsten zu lassen, dann holte ich aus dem Abteil des Diensthabenden einen Überwurf. Als Seine Hoheit, seine Blöße mit der Hand bedeckend, in den Korridor gesprungen kam, wollte ich ihm den Umhang überwerfen, aber das wies er empört zurück und sagte, er müsse sein Wort halten, lief sodann zum Toilettenraum und wieder zurück, wobei er sehr lachte.

Bloß gut, daß Mademoiselle Déclic nicht auf das Lachen herauskam. Der kleine Großfürst Michail Georgijewitsch schlief trotz der späten Stunde noch nicht – er hüpfte auf die Sitzbank und schaukelte sich dann am Vorhang. Für gewöhnlich wurde er halb neun zu Bett gebracht, aber diesmal übte Mademoiselle Nachsicht. Sie sagte, Seine Hoheit sei von der Reise noch zu aufgedreht und könne sowieso nicht einschlafen.

Bei uns, am Grünen Hof, werden die Kinder nicht so streng erzogen wie am Blauen Hof die Söhne des Großfürsten Kirill. Dort hält man an den Familientraditionen des Zaren Nikolaus I. fest: Die Knaben bekommen eine militärische Erziehung, lernen schon mit sieben, in Reih und Glied zu stehen, werden mit kalten Wassergüssen abgehärtet und müssen in Feldbetten schlafen. Großfürst Georgi hingegen gilt in der kaiserlichen Familie als Liberaler. Er läßt seinen Söhnen eine nachsichtige, französisch geprägte Erziehung angedeihen und hat seine einzige Tochter Xenia Georgijewna, seinen Liebling, nach Meinung der Verwandten völlig verwöhnt.

Großfürstin Xenia kam, Gott sei Dank, auch nicht aus ihrem Abteil, so daß sie den Auftritt ihres Bruders nicht sah. Sie hatte sich schon in Petersburg in ihrem Abteil eingeschlossen, mit einem Buch, und ich weiß auch, mit welchem, der »Kreutzersonate« von Graf Tolstoi. Ich habe es gelesen, um mitreden zu können, falls unter den Haushofmeistern einmal das Gespräch darauf kommt. Meines Erachtens ist das Buch todlangweilig und für ein neunzehnjähriges Fräulein, zumal eine Großfürstin, überhaupt nicht geeignet. In Petersburg hätte Großfürstin Jekaterina ihrer Tochter untersagt, einen solchen Unflat zu lesen. Der Roman mußte heimlich ins Reisegepäck geschmuggelt worden sein. Das konnte nur das Hoffräulein Baronesse Stroganowa besorgt haben, sonst niemand.

Die beiden Seeleute kamen erst gegen Morgen zur Ruhe, wonach auch ich mir erlaubte, ein wenig zu schlummern. Die Reisevorbereitungen hatten mich doch recht erschöpft, und ich sah voraus, daß der erste Tag in Moskau nicht leicht werden würde.

 

Die Schwierigkeiten übertrafen alle meine Befürchtungen.

Es hatte sich so gefügt, daß ich mit meinen sechsundvierzig Jahren nie zuvor in der Weißsteinernen Stadt war, obwohl ich nicht wenig in der Welt herumgekommen bin. Das liegt daran, daß man in unserem Haus das Asiatische nicht ästimiert und als einzig würdigen Ort in ganz Rußland Petersburg ansieht, außerdem ist unser Verhältnis zum Moskauer Generalgouverneur Simeon Alexandrowitsch recht kühl, so daß wir keine Veranlassung haben, die alte Hauptstadt aufzusuchen. Selbst wenn wir auf die Krim fahren, zum Kap Mischor, nehmen wir für gewöhnlich einen Umweg über Minsk, damit Großfürst Georgi im Belowesher Wald Wisente schießen kann. Zur letzten Krönung, vor dreizehn Jahren, bin ich nicht mitgefahren, weil ich damals noch der Gehilfe des inzwischen verstorbenen Haushofmeisters Sachar Trofimowitsch war und ihn vertreten mußte.

Während wir vom Bahnhof durch die Stadt fuhren, gewann ich einen ersten Eindruck von Moskau. Die Stadt war ja noch weniger zivilisiert, als ich gedacht hatte – kein Vergleich mit Petersburg. Enge, sinnlos verwinkelte Straßen, ärmliche Häuser, schmuddelige, provinzielle Menschen. Und das, obwohl sich die Stadt in Erwartung des allerhöchsten Besuchs aus Kräften um Verschönerung bemüht hatte: Die Fassaden waren gesäubert, die Dächer frisch gestrichen, auf der Twerskaja (der Hauptstraße – ein kümmerlicher Abklatsch des Newski-Prospekts) hingen überall die kaiserlichen Monogramme und doppelköpfigen Adler. Ich weiß nicht, womit ich Moskau vergleichen könnte. Es ist ein großes Dorf wie Saloniki, wo unsere »Mstislaw« im vergangenen Jahr angelegt hat. Ich sah in der Stadt keinen Springbrunnen, kein Haus, das höher als vier Etagen gewesen wäre, kein Reiterstandbild, nur den gebeugten Puschkin, und auch der schien, nach der Farbe der Bronze zu urteilen, noch nicht alt zu sein.

Am Roten Platz, der mich ebenfalls ungemein enttäuschte, teilte sich unsere Kolonne. Ihren Hoheiten oblag es, sich vor der Ikone der Iberischen Gottesmutter und den Reliquien im Kreml zu verneigen, und ich fuhr mit den Dienern weiter, um unser zeitweiliges Moskauer Domizil herzurichten.

Da die Hälfte unseres Hofstaates in Petersburg geblieben war, mußte ich mich mit einer sehr bescheidenen Anzahl von Bediensteten begnügen. Ich hatte nur acht Leute mitnehmen können: den Kammerdiener Seiner Hoheit, die Zofe der Großfürstin Xenia, den schon erwähnten Lakaien Lipps für den Großfürsten Pawel und Endlung, den Büfettmeister und seinen Gehilfen, einen Koch für die Herrschaften und zwei Kutscher für die englische und die russische Equipage. Kaffee und Tee würde ich selbst reichen – das hatte Tradition. Auf die Gefahr hin, unbescheiden zu wirken, sage ich, daß am Hofe niemand besser als ich dieses Amt versah, das nicht nur große Übung, sondern auch Talent erfordert. Nicht umsonst war ich fünf Jahre Kaffeeschenk bei dem vorigen Zaren und seiner nunmehr verwitweten Gattin gewesen.

Selbstverständlich wußte ich, daß ich mit acht Bediensteten nicht auskommen würde, und hatte in einem Telegramm die Moskauer Abteilung der Hofverwaltung gebeten, mir einen verständigen Gehilfen aus der hiesigen Dienerschaft zur Verfügung zu stellen, ebenso zwei Vorreiter, einen Koch fürs Gesinde, einen Lakaien zur Aufwartung der Kammerdiener, zwei Lakaien fürs Aufräumen, ein Stubenmädchen für Mademoiselle Déclic und zwei Türhüter. Mehr erbat ich nicht, denn ich konnte mir denken, daß es in Moskau in Anbetracht der Anreise so vieler hochgestellter Personen an erfahrener Dienerschaft mangelte. Natürlich machte ich mir keinerlei Illusionen über die Moskauer Diener. Moskau ist eine Stadt der verödenden Paläste und verfallenden Villen, und es gibt nichts Schlimmeres, als Dienerschaft zu halten, die nichts zu tun hat. Das verdummt und verdirbt die Leute. Wir haben drei große Häuser, in denen wir abwechselnd wohnen (abgesehen vom Frühling, den wir im Ausland verbringen, denn Großfürstin Jekaterina findet die Zeit der Großen Fasten in Rußland unerträglich langweilig): Im Winter wohnt die Familie in ihrem Petersburger Palais, im Sommer in ihrer Villa in Zarskoje Selo, im Herbst auf Kap Mis-chor. Jedes der Häuser hat seinen Stamm an Bediensteten, und Faulenzerei dulde ich nicht. Bevor ich abreise, hinterlasse ich jedesmal eine lange Liste mit Aufträgen, und ich nehme mir unbedingt die Zeit zu gelegentlichen Kontrollbesuchen, komme stets unverhofft. Diener sind wie Soldaten. Man muß sie ständig beschäftigen, sonst fangen sie an zu trinken, Karten zu spielen und Unfug zu treiben.

Mein Moskauer Gehilfe empfing uns auf dem Bahnhof, und während der Fahrt in der Kutsche erfuhr ich einiges von den Problemen, die mich erwarteten. Erstens mußte ich zur Kenntnis nehmen, daß die Hofverwaltung meinem Ersuchen, das doch gemäßigt und vernünftig war, nicht vollständig entsprochen hatte: Ich bekam nur einen Lakaien fürs Aufräumen, keinen Koch für die Dienerschaft, sondern nur eine Kochfrau, und auch kein Stubenmädchen für die Gouvernante. Dies war mir besonders unangenehm, denn die Position einer Gouvernante ist von Natur aus zwiespältig, an der Grenze zwischen Bediensteten- und Höflingsstatus. Da ist enormes Fingerspitzengefühl vonnöten, damit man nicht einen Menschen kränkt, der ohnehin ständig eine Beeinträchtigung seiner Würde fürchtet.

»Das ist noch nicht alles, Herr Sjukin«, sagte der Moskauer Gehilfe, als er meine Unzufriedenheit bemerkte. »Am betrüblichsten ist, daß Ihnen nicht wie versprochen das Kleine Nikolaus-Palais im Kreml zugewiesen wurde, sondern die Eremitage.«

Der Gehilfe hieß Kornej Selifanowitsch Somow, und auf den ersten Blick gefiel er mir nicht: häßlich abstehende Ohren, dürr, vorspringender Adamsapfel. Es war gleich zu sehen, daß der Mann am Endpunkt seiner Karriere angelangt war und nicht mehr weiter kommen würde.

»Was für eine Eremitage?« fragte ich verdrossen.

»Ein schönes Haus, mit herrlichem Blick auf den Moskwa-Fluß und die Stadt. Es steht im Neskutschny-Park, nicht weit vom Alexandra-Schloß, in dem sich vor der Krönung das kaiserliche Paar aufhalten wird, aber …« Somow breitete die langen Arme aus. »Das Haus ist morsch, eng, und es spukt darin.« Er kicherte kurz, doch als er sah, daß ich nicht zu Scherzen aufgelegt war, erklärte er: »Es wurde Mitte des vorigen Jahrhunderts gebaut und gehörte einst der berühmten Gräfin Tschesmenskaja, die ebenso reich wie närrisch war. Sie haben sicherlich von ihr gehört, Herr Sjukin. Einige sagen, sie sei das Vorbild für Puschkins Pique Dame gewesen, nicht die alte Fürstin Golizyna.«

Ich mag es nicht, wenn Diener sich mit ihrer Belesenheit großtun, und sagte nichts darauf, nickte nur.

Somow schien den Grund meiner Verstimmung nicht zu begreifen und fuhr noch schwülstiger fort: »Der Überlieferung zufolge hat in der Regierungszeit Alexanders des Ersten, als die ganze Gesellschaft vom neumodischen Lottospiel besessen war, die Gräfin dem Bösen ihre Seele verpfändet. Diener erzählen, daß zuweilen in mondlosen Nächten eine weiße Gestalt mit Haube durch den Korridor wandelt, in der Hand ein Säckchen, in dem Spielsteine klappern.«

Somow kicherte wieder, um zu zeigen, daß er als aufgeklärter Mann an solchen Humbug nicht glaubte. Ich jedoch nahm die Sache ernst, denn jeder Diener, besonders wenn er wie ich einer alten Dynastie von Haushofmeistern entstammt, weiß, daß es Gespenster und Erscheinungen tatsächlich gibt und daß es dumm und verantwortungslos wäre, über sie zu spotten. Ich fragte, ob der Geist der Gräfin nur mit den Steinen klappere oder auch Böses tue. Somow antwortete, nein, in den nunmehr fast hundert Jahren seien keine üblen Streiche vorgekommen, das beruhigte mich. Soll sie durch den Korridor spazieren, das ist nicht weiter schlimm. Bei uns im Fontanny-Palais geht das Gespenst des Kammerjunkers Shicharjow um, eines bildschönen Mannes, der Favorit von Katharina der Großen geworden wäre, wenn ihn nicht Fürst Subow vergiftet hätte. Dieser Bewohner (oder besser Nichtbewohner?) benimmt sich höchst unanständig: Er kneift im Dunkeln die Damen und Dienerinnen und gebärdet sich besonders wild in der Johannisnacht. An Personen der kaiserlichen Familie wagt er sich freilich nicht heran – immerhin ist er Kammerjunker. Dann haben wir im Anitschkow-Palais das Gespenst einer Schülerin vom Smolny-Institut, die angeblich von Nikolaus dem Ersten verführt wurde und später Hand an sich legte. Des Nachts geht sie durch die Wände und läßt kalte Tränen auf die Gesichter der Schlafenden fallen.

Mit dem Gespenst konnte Somow mich also nicht erschrecken. Bedenklich fand ich, daß das Haus tatsächlich sehr eng war und notwendiger Bequemlichkeiten entbehrte. Kein Wunder, denn seit die Hofverwaltung das Anwesen vor einem halben Jahrhundert von den Grafen Tschesmenski gekauft hatte, war nichts erneuert worden.

Ich ging durch die Etagen und überschlug, was als erstes zu tun war. Ich mußte zugeben, daß Somow gute Arbeit geleistet hatte: Von den Möbeln waren die Überzüge abgenommen, alles blitzte vor Sauberkeit, in den Schlafräumen standen frische Blumen, der Flügel im großen Salon war gestimmt.

Die Beleuchtung erbitterte mich – nicht einmal Gaslampen, sondern vorsintflutliche Ölfunzeln. Ach, hätte ich wenigstens eine Woche Zeit – ich würde im Keller eine kleine Elektrostation einrichten und Leitungen legen lassen, und schon nähme die Eremitage ein ganz anderes Aussehen an. Solche Öllampen hatten wir im Fontanny-Palais vor dreißig Jahren gehabt. Also brauchten wir hier einen Lampenwärter, der Öl nachfüllte – die Lampen waren in England gefertigt und hatten ein Uhrwerk, das vierundzwanzig Stunden lief.

Apropos Uhren. Ich zählte im Hause neunzehn Stand- und Wanduhren, und alle gingen unterschiedlich. Ich beschloß, die Uhren selbst zu stellen und aufzuziehen, denn das erforderte Akkuratesse und Gewissenhaftigkeit. Ein gut geführtes Haus ist daran zu erkennen, ob die Uhren in allen Zimmern dieselbe Zeit anzeigen. Das wird Ihnen jeder erfahrene Haushofmeister bestätigen.

Ich entdeckte nur einen Telephonapparat und ordnete an, noch zwei Leitungen zu legen: eine ins Kabinett des Großfürsten Georgi und die andere in mein Zimmer, da ich sicherlich ständigen Kontakt zum Alexandra-Schloß, zum Haus des Generalgouverneurs und zur Hofverwaltung unterhalten mußte.

Aber zuerst mußte ich entscheiden, wen ich wo unterbrachte, und das machte mir einiges Kopfzerbrechen.

In beiden Etagen des Hauses gab es nur achtzehn Zimmer. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie alle Platz gefunden hätten, wenn die Großfürstin mit den restlichen Kindern und dem Hofstaat mitgekommen wäre. Somow erzählte, daß der Familie des Großfürsten Nikolai Konstantinowitsch, bestehend aus acht Mitgliedern und vierzehn Angehörigen der Suite, nicht gerechnet die Dienerschaft, eine Villa mit fünfzehn Zimmern zugewiesen worden war, so daß sich drei, vier Höflinge einen Raum teilen mußten und die Bediensteten im Pferdestall untergebracht wurden! Schrecklich, auch wenn Großfürst Nikolai in der Rangfolge zwei Stufen unter dem Großfürsten Georgi stand.

Leider hatte Seine Hoheit zur Krönung seinen Freund Lord Banville eingeladen, der gegen Abend mit dem Zug aus Berlin eintreffen würde. Zum Glück war der Engländer Junggeselle, dennoch benötigte er zwei Zimmer: eins für sich und eins für seinen Butler. Da durfte man sich Gott behüte keine Blöße geben. Ich kenne diese englischen Butler, die sind herrschaftlicher als ihre Lords. Besonders Mr. Smily, der bei Lord Banville diente. Aufgeblasen, hochnäsig – ich hatte das Vergnügen, ihn im vergangenen Monat in Nizza zu erleben.

Also, die Beletage bestimmte ich für die Familie des Großfürsten. Die beiden Zimmer mit Fenstern zum Park und zum Zarenpalast waren dem Großfürsten Georgi vorbehalten – als Schlafzimmer und Kabinett. Auf den Balkon gehörten noch ein Sessel, ein Tischchen und ein Kästchen Zigarren; vor das Fenster mit Blick auf das Alexandra-Schloß würde ich ein Fernrohr aufstellen lassen, damit Seine Hoheit bequemer die Fenster seines gekrönten Neffen beobachten konnte. Großfürstin Xenia erhielt das helle Zimmer mit Blick auf den Fluß, das würde ihr gefallen. Das Zimmer daneben dachte ich ihrer Zofe Lisa zu. Für Großfürst Pawel eignete sich am besten das Mezzanin, er hielt gern Abstand zur übrigen Familie, und die separate Treppe würde ihm zupaß kommen, wenn er spät heimkehrte. Endlung mußte mit der Kammer nebenan vorliebnehmen, er war ja kein großes Tier. Ein Bett wurde hineingestellt, an die Wand kam ein Teppich, auf den Fußboden ein Bärenfell, dann sah man nicht mehr, daß es eine Kammer war. Der kleine Großfürst Michail würde sich in dem geräumigen Zimmer mit den Fenstern nach Osten wohl fühlen. Das richtige Kinderzimmer. Gleich daneben war ein sehr hübscher Raum für Mademoiselle Déclic. Ich ordnete an, ihr einen Strauß Glockenblumen ins Zimmer zu stellen, ihre Lieblingsblumen. Das letzte Zimmer in der Beletage würde als kleiner Salon für familiäre Mußestunden dienen, falls es in diesen verrückten Tagen überhaupt einen freien Abend gab.

Im Parterre ließ ich die beiden geräumigsten Zimmer als Hauptsalon und Speisezimmer herrichten; zwei passable Zimmer reservierte ich für die Engländer, eins nahm ich mir (klein, aber an strategisch wichtiger Stelle gelegen, unter der Treppe), und die übrigen Zimmer mußten sich jeweils mehrere Bedienstete teilen. La guerre comme à la guerre, oder: eng, aber gemütlich.

Im großen und ganzen ging es besser, als zu erwarten war.

Nun mußte das Gepäck versorgt werden: Kleider, Uniformen und Anzüge, Tafelsilber, tausend kleine, aber unerläßliche Dinge, mit deren Hilfe selbst eine Scheune in eine behagliche Bleibe verwandelt werden kann.

Während die Moskauer Diener Truhen und Körbe schleppten, sah ich mir jeden genau an, um mir darüber klar zu werden, was er taugte und an welchem Platz er mit dem größten Nutzen eingesetzt werden konnte. Das wichtigste Talent eines jeden Chefs sollte eben darin bestehen, die starken und die schwachen Seiten seiner Untergebenen zu erkennen, um erstere zu nutzen und letztere auszuschalten. Meine lange Erfahrung im Umgang mit Untergebenen hat mich gelehrt, daß es auf der Welt nur sehr wenige völlig unbegabte, unfähige Menschen gibt. Für jeden findet sich Verwendung. Wenn sich in unserem Klub jemand über die Unbrauchbarkeit eines Lakaien, Aufwärters oder Stubenmädchens beklagt, denke ich bei mir: Ach, mein Guter, du bist ein schlechter Haushofmeister. Bei mir arbeiten mit der Zeit alle Diener gut. Jeder muß seine Arbeit lieben – das ist das ganze Geheimnis. Der Koch muß gern kochen, das Stubenmädchen gern Unordnung in Ordnung verwandeln, der Pferdeknecht muß Pferde, der Gärtner Pflanzen lieben.

Die höchste Kunst eines Haushofmeisters besteht darin, sich in den Menschen auszukennen, herauszufinden, was sie lieben, denn, so merkwürdig das klingt, die meisten Menschen haben nicht die geringste Vorstellung von ihren eigenen Neigungen und Begabungen. Man muß mitunter Etliches ausprobieren, bis man das Richtige findet.

Es geht ja nicht nur um die Arbeit, obwohl auch die natürlich wichtig ist. Wenn ein Mensch seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen kann, ist er glücklich und zufrieden, und wenn alle Bediensteten im Haus ausgeglichen, froh und freundlich sind, entsteht eine besondere Stimmung oder, wie man heute sagt, Atmosphäre.

Man muß seine Untergebenen ermuntern und belohnen, aber in Maßen, nicht einfach für die gewissenhafte Erfüllung ihrer Pflichten, sondern für besonderen Fleiß. Ohne gerechte Strafen kommt man auch nicht aus, doch man muß dem Untergebenen erklären, wofür er eine Strafe erhält, und sie darf unter keinen Umständen demütigend sein. Ich wiederhole: Wenn ein Untergebener seine Arbeit nicht bewältigt, ist der Dienstherr daran schuld. Ich habe im Fontanny-Palais zweiundvierzig Leute unter mir, in Zarskoje Selo vierzehn und auf der Krim dreiundzwanzig. Und alle sind auf dem richtigen Platz, das können Sie mir glauben. Selbst Pantelejmon Kusmitsch, der Haushofmeister des Großfürsten Michail Michailowitsch des Älteren, hat mehr als einmal zu mir gesagt: »Afanassi Stepanowitsch, Sie sind ein richtiger Psychologe.« Und er hat sich nicht gescheut, in besonders schwierigen Fällen meinen Rat einzuholen. So wurde ihm vor zwei Jahren im Palais in Gattschina ein Lakai zugewiesen, der zu nichts zu gebrauchen war. Pantelejmon Kusmitsch quälte sich mit ihm herum und bat mich schließlich, ihn mir anzusehen: Ein hoffnungsloser Fall, sagte er, aber er bringe es nicht übers Herz, den Burschen rauszuwerfen. Ich nahm mich seiner an – wollte glänzen. Im Salon erwies er sich als untauglich, im Ankleideraum auch, erst recht in der Küche. Kurzum, eine harte Nuß. Aber eines Tages sah ich, wie er im Hof saß und durch eine Glasscherbe in die Sonne blickte. Ich wurde neugierig und trat näher. Er gab sich mit dieser Glasscherbe ab, als sei sie ein unschätzbarer Brillant: behauchte sie, rieb sie mit dem Ärmel blank. Da kam mir eine Idee. Ich beauftragte ihn, die Fensterscheiben im Haus zu putzen, und was denken Sie? Bald blitzten alle Fenster wie Bergkristall. Der Bursche brauchte nicht entlassen zu werden, er polierte nun von morgens bis abends Scheibe um Scheibe. Jetzt ist er der beste und gefragteste Fensterputzer in ganz Petersburg, und die Haushofmeister stehen bei Pantelejmon Kusmitsch Schlange, um ihn auszuleihen. Der Mann hat seine Bestimmung gefunden.

Kaum hatte ich im Haus die Uhren aufgezogen, kaum hatten die Diener die letzte Hutschachtel aus der letzten Kutsche ins Haus getragen, als die englischen Gäste eintrafen, und da erwartete mich eine überaus unangenehme Überraschung.

Wie sich herausstellte, hatte Lord Banville einen Freund mitgebracht, einen gewissen Mr. Carr.

Der Lord sah noch genauso aus, wie ich ihn in Nizza erlebte hatte: gerader Mittelscheitel, Monokel, Spazierstöckchen, Zigarre zwischen den Zähnen, am Zeigefinger ein Ring mit einem großen Brillanten. Wie immer makellos gekleidet, das Musterbeispiel eines englischen Gentleman. Schwarzer, ideal gebügelter Smoking (und das nach der Bahnfahrt!), schwarze Atlasweste und gestärkter blütenweißer Kragen. Kaum war er vom Trittbrett gesprungen, warf er den Kopf zurück und wieherte wie ein Pferd, womit er die Zofe Lisa höchlich erschreckte, mich jedoch keineswegs verblüffte. Mir war bekannt, daß seine Durchlaucht ein Pferdenarr war und das halbe Leben im Pferdestall verbrachte, daß er die Pferdesprache verstand und sie beinahe sprechen konnte. Jedenfalls erzählte das Großfürst Georgi, der Lord Banville in Nizza bei einem Rennen kennengelernt hatte.

Nachdem der Lord genug gewiehert hatte, streckte er die Hand aus und half einem Gentleman aus der Kutsche, den er als seinen teuren Freund Mr. Carr vorstellte. Ein solches Individuum wird man in unseren Breiten kaum treffen.

Sein Haar war von strohgelber Farbe, an den Enden eingerollt, wie es wohl in der Natur nicht vorkommt. Sein Gesicht war glatt und weiß, auf der Wange saß ein rundes Muttermal, das einem samtenen Schönheitspflästerchen glich. Sein Hemd war nicht weiß, sondern hellblau, dergleichen hatte ich noch nie gesehen. Der Gehrock war von hellem Aschblau, die Weste azurfarben mit goldenen Tupfen, und im Knopfloch steckte eine dunkelblaue Nelke. Besonders beeindruckten mich seine ungewöhnlich schmalen Stiefeletten mit Perlmuttknöpfen und zitronengelben Gamaschen. Der sonderbare Mensch trat vorsichtig auf das Pflaster, streckte sich graziös, und sein zartes puppenhaftes Gesicht nahm einen launischen, affektierten Ausdruck an. Da fiel sein Blick auf den Türhüter Trofimow, der an der Vortreppe stand. Dieser war kreuzdumm und zu keiner anderen Tätigkeit als der des Türhüters geeignet, sah aber recht respektabel aus: über zwei Meter groß, breitschultrig, runde Augen, dichter schwarzer Vollbart. Der englische Gast trat zu Trofimow, der, wie es sich gehört, stocksteif dastand, blickte zu ihm hoch, zupfte sodann an seinem Bart und sagte etwas mit hoher melodischer Stimme auf englisch.

Von den Neigungen Lord Banvilles hatten wir bereits in Nizza gewußt, so daß Großfürstin Jekaterina, eine sittenstrenge Person, keinen Umgang mit ihm wünschte, Großfürst Georgi hingegen, ein Mann mit freien Ansichten (der übrigens solche Herren aus höheren Kreisen recht gut kannte), fand die Vorliebe des Lords für feminine Grooms und rotwangige Lakaien amüsant. »Ein brillanter Gesprächspartner, ein trefflicher Sportsmann und ein wahrer Gentleman«, sagte er zur Begründung, warum er diesen Banville nach Moskau eingeladen hatte (damals war bereits klar, daß Großfürstin Jekaterina der Krönung fernbleiben würde).

Die unangenehme Überraschung bestand für mich nicht darin, daß Lord Banville seine derzeitige Flamme mitgebracht hatte – Mr. Carr sah immerhin wie ein Mensch der guten Gesellschaft aus – mein Unmut erklärte sich viel einfacher: Wo sollte ich noch einen Gast unterbringen? Selbst wenn sie in einem Zimmer nächtigten, mußte ich dem zweiten Engländer anstandshalber ein eigenes Schlafzimmer zuweisen. Ich überlegte ein wenig und fand rasch die Lösung: Die Moskauer Diener, mit Ausnahme Somows, wurden auf den Dachboden über dem Pferdestall umgesiedelt. Auf diese Weise wurden zwei Zimmer frei, das eine würde ich dem Engländer geben, das andere dem Koch des Großfürsten, Maître Duval, der sonst beleidigt wäre.

»Wo ist Herr Smily?« fragte ich Lord Banville auf französisch nach seinem Haushofmeister, dem ich ja die nötigen Erklärungen geben mußte.

Wie die meisten ausgebildeten Haushofmeister hatte ich als Kind Französisch und Deutsch gelernt, aber nicht Englisch. Erst in den letzten Jahren hat der Hof merklich anglophile Züge angenommen, und ich muß immer häufiger den Mangel meiner Ausbildung beklagen; früher galt Englisch als unfeine Sprache und für unseren Dienst entbehrlich.

»Er hat gekündigt«, antwortete Mylord auf französisch und machte eine unbestimmte Handbewegung. »Mein neuer Butler Freyby ist dort in der Kutsche. Er liest ein Buch.«

Ich trat zu der Equipage. Die Diener luden geschwind das Gepäck aus. Auf dem Samtsitz saß mit übereinander geschlagenen Beinen ein Herr mit rundem Gesicht und sehr wichtiger Miene. Er war kahlköpfig, hatte dichte Brauen und ein gepflegtes Bärtchen, kurzum, er sah nicht aus wie ein englischer Haushofmeister, überhaupt nicht wie ein Haushofmeister. Durch die offene Tür sah ich in seinen Händen ein dickes Buch mit goldenen Buchstaben auf dem Deckel: Trollope. Was das englische Wort bedeutete, wußte ich nicht.

»Soyez le bienvenu!« begrüßte ich ihn mit einer höflichen Verbeugung.

Er blickte mich durch seine goldgerandete Brille mit hellblauen Augen gelassen an, ohne zu antworten. Ich begriff, daß Mr. Freyby nicht Französisch sprach.

»Herzlich willkommen!« wechselte ich ins Deutsche, aber sein Blick blieb genauso höflich-teilnahmslos.

»You must be the butler Zyukin?« sagte er mit angenehmem Bariton, diesmal verstand ich nichts.

Ich hob die Arme.

Da steckte Mr. Freyby mit dem Ausdruck deutlichen Bedauerns das Buch in die geräumige Tasche seines Gehrocks und zog von dort ein anderes, wesentlich dünneres heraus. Er blätterte darin und sprach plötzlich verständliche Worte: »Du, Sie … müssen sein … Haushofmeister Sjukin?«

Aha, ein englisch-russisches Wörterbuch, erriet ich und fand die Umsicht sehr löblich. Wenn ich gewußt hätte, daß Mr. Smily, der recht und schlecht Französisch sprach, inzwischen durch einen neuen Butler ersetzt worden war, hätte ich mir auch ein Wörterbuch angeschafft. Denn vor uns standen komplizierte und heikle Probleme, die wir gemeinsam lösen mußten.

Mr. Freyby, als hätte er meine Gedanken gehört, zog aus der anderen Tasche noch ein Büchlein, das genauso aussah wie das englisch-russische Wörterbuch, und hielt es mir hin.

Ich nahm es und las auf dem Umschlag »Russisch-englisches Wörterbuch«.

Der Engländer blätterte in seinem Büchlein, fand das notwendige Wort und erklärte: »A present … Ein Geschenk.«

Ich schlug mein Büchlein auf und sah, daß es klug und geschickt gemacht war: Die englischen Wörter waren mit russischen Buchstaben geschrieben, und die Betonung war angegeben. Ich machte sogleich die Probe. Ich wollte fragen: Wo ist wessen Gepäck? Heraus kam: »Uer … hus … laggetsch?«

Er verstand mich!

Mit lässiger Geste winkte er einen Lakaien heran, der einen schweren Koffer auf den Schultern trug, und tippte mit dem Finger auf ein aufgeklebtes gelbes Etikett. Darauf stand: Banville. Dann sah ich, daß auf allen Gepäckstücken Zettel klebten, gelbe mit dem Namen des Mylords, dunkelblaue mit der Aufschrift Carr und rote mit dem Namen Freyby. Sehr vernünftig, das sollte ich übernehmen.

Mr. Freyby hielt das Problem offensichtlich für gelöst, zog wieder seinen Folianten aus der Tasche und beachtete mich nicht mehr. Ich dachte: Gewiß beherrschen die englischen Butler ihr Metier aus dem Effeff, aber etwas könnten sie doch von russischen Bediensteten lernen – Herzlichkeit. Sie dienen ihrer Herrschaft, aber wir lieben sie. Wie kann man einem Menschen dienen, wenn man keine Liebe für ihn empfindet? Dann handelt man nur mechanisch, als wäre man kein lebendiger Mensch, sondern ein Automat. Freilich sagt man, daß die englischen Haushofmeister nicht ihrem Herrn dienen, sondern dem Haus, so wie Katzen weniger Anhänglichkeit an den Menschen als vielmehr an das Gebäude empfinden. Solch eine Anhänglichkeit ist nicht nach meinem Geschmack. Und Mr. Freyby kam mir schon recht sonderbar vor. Obwohl, dachte ich, bei einem derartigen Herrn müssen auch die Diener wunderlich sein. Es hat auch sein Gutes, daß mon collègue anglais so träge ist, dann kommt er mir weniger in die Quere.

 

Ein richtiges Mittagessen herzurichten, dazu reichte die Zeit nicht, darum hatte ich angeordnet, zur Ankunft Ihrer Hoheiten den Tisch bescheiden – à la picnic – zu decken: das kleine Silber, das einfache Meißner Service, keine warmen Gerichte. Die Speisen bestellte ich telephonisch aus dem Delikatessenladen von Snaiders: Schnepfenpastete, Piroggen mit Spargel und Trüffeln, Fleisch in Aspik, Fisch, geräucherte Poularden und zum Nachtisch Obst. Blieb zu hoffen, daß sich Maître Duval bis zum Abend in der Küche eingerichtet hatte und das Abendessen würdiger ausfiel. Zwar wußte ich, daß Großfürst Georgi und Großfürst Pawel den Abend beim Zaren verbringen würden, der halb sechs eintreffen und vom Bahnhof direkt zum Petrowski-Schloß fahren sollte. Die Allerhöchste Anreise war mit Bedacht auf den sechsten Mai festgesetzt worden, denn es war der Geburtstag des Herrschers. Schon seit Mittag läuteten die Kirchenglocken, von denen es in Moskau unzählige gab, die öffentlichen Bittgebete für Gesundheit und langes Leben Seiner Majestät und der gesamten kaiserlichen Familie ein. Ich nahm mir ein übriges Mal vor, über der Vortreppe einen Baldachin mit dem Buchstaben N anbringen zu lassen. Es könnte ja sein, daß uns Seine Kaiserliche Majestät mit einem Besuch beehrte, dann war ein solches Zeichen verwandtschaftlicher Aufmerksamkeit sehr angebracht.

In der fünften Stunde fuhr Großfürst Georgi mit seinem Sohn in Paradeuniform zum Bahnhof, Großfürstin Xenia sah im kleinen Salon, der früher offenbar als Bibliothek genutzt worden war, alte Bücher durch, Lord Banville schloß sich mit Mr. Carr in seinem Zimmer ein, nachdem er angeordnet hatte, ihn heute nicht mehr zu stören, und ich nahm zusammen mit Mr. Freyby einen Imbiß ein.

Uns bediente der Lakai Semljanoi, einer von den Moskauern. Er war recht linkisch, gab sich aber alle Mühe und starrte mich mit großen Augen an, offenbar hatte er schon von Afanassi Sjukin gehört. Ich gebe zu, daß mir das schmeichelte.

Bald, nachdem sie ihren Zögling zu einem Mittagsschlaf hingelegt hatte, gesellte sich auch die Gouvernante, Mademoiselle Déclic, zu uns. Sie hatte zwar schon mit den Hoheiten gespeist, aber der quirlige Junge ließ ihr ja kaum Zeit zum Essen, ständig trieb er Unfug: Mal warf er mit Brot, mal versteckte er sich unter dem Tisch und mußte von dort hervorgezogen werden. Kurzum, Mademoiselle trank gern mit uns Tee und ließ sich das köstliche Gebäck von Filippow schmecken.

Ihre Anwesenheit kam uns sehr gelegen, denn sie sprach Englisch und war eine vorzügliche Dolmetscherin.

Ich fragte den Engländer, um ein Gespräch in Gang zu bringen: »Arbeiten Sie schon lange als Haushofmeister?«

Er antwortete mit einem Wort, und Mademoiselle übersetzte: »Ja.«

»Sie können unbesorgt sein, die Sachen sind ausgepackt, es gab keine Probleme«, sagte ich nicht ohne Vorwurf, denn Mr. Freyby hatte sich dem Auspacken völlig ferngehalten und war bis zum Schluß dieser verantwortungsvollen Operation mit seinem Buch in der Kutsche sitzen geblieben.

»Ich weiß«, war die Antwort.

Ich wurde neugierig: Äußerte sich in dem Phlegma des Engländers unglaubliche, alle denkbaren Grenzen übersteigende Faulheit oder höchste Butlermeisterschaft? Ohne daß er einen Finger gerührt hatte, waren die Sachen ausgeladen, ausgepackt und aufgehängt worden, und alles war an seinem Platz!

»Hatten Sie denn schon Gelegenheit, in den Zimmern von Mylord und Mr. Carr nachzuschauen?« fragte ich, obwohl ich wußte, daß er seit seiner Ankunft nur in seinem Zimmer gewesen war.

»No need«, antwortete er, und Mademoiselle übersetzte genauso kurz: »Pas besoin.«

Ich hatte Mademoiselle, seit sie in unserem Haus war, schon ganz gut kennengelernt, und so sah ich jetzt am Glanz ihrer schmalen grauen Augen, daß der Engländer ihr Interesse geweckt hatte. Natürlich wußte sie sich zu beherrschen, eine Selbstverständlichkeit für eine erstklassige Gouvernante, die gewöhnt ist, in den besten Häusern Europas zu arbeiten (bevor sie zu uns kam, hatte sie den Sohn des portugiesischen Königs erzogen und aus Lissabon die besten Reverenzen mitgebracht), doch mitunter schlug ihr gallisches Temperament durch, und wenn jemand sie entzückte, amüsierte oder verärgerte, sprühten ihre Augen Funken. Als Bedienstete hätte ich eine Person mit einer so gefährlichen Eigenart nicht eingestellt, denn diese Funken bestätigten das Sprichwort: Stille Wasser sind tief. Doch Erzieher und Gouvernanten fielen nicht in mein Ressort, darum kümmerte sich der Oberhofmeister Fürst Metlizki, und so konnte ich mich an den erwähnten Fünkchen unbeschwert freuen.

Auch jetzt begnügte sich Mademoiselle nicht mit der bescheidenen Dolmetscherrolle, sondern fragte (zuerst auf englisch, dann für mich auf französisch): »Woher wissen Sie denn, daß mit den Sachen alles in Ordnung ist?«

Da gab Mr. Freyby zum erstenmal einen längeren Satz von sich: »Ich sehe, daß Monsieur Sjukin seine Sache versteht. Und in Berlin hat ein Mann gepackt, der auch seine Sache versteht.«

Wie um sich für die Anstrengung einer so ausschweifenden Rede zu belohnen, holte er seine Pfeife hervor und rauchte sie an, nachdem er mit einer Geste die Dame um Erlaubnis gebeten hatte.

Ich begriff, daß ich es mit einem außergewöhnlichen Haushofmeister zu tun hatte, wie ich in meiner dreißigjährigen Dienstzeit noch keinem begegnet war.

 

In der siebenten Stunde verkündete Großfürstin Xenia, daß sie sich im Hause langweile, und wir – Ihre Hoheit, Großfürst Michail, Mademoiselle Déclic und ich – machten eine Ausfahrt. Ich ordnete an, eine geschlossene Kutsche zu nehmen, denn es war ein trüber, windiger Tag, und am Nachmittag hatte es auch noch angefangen zu nieseln.

Wir fuhren auf der breiten Chaussee einen Hügel hinauf, Sperlingsberge genannt, um uns Moskau von oben anzuschauen, aber durch den grauen Regenschleier sahen wir nicht viel: den weiten Halbkreis der Ebene, über der niedrige Wolken waberten – wie eine Suppenschüssel mit dampfender Bouillon.

Als wir zurückfuhren, hellte sich der Himmel etwas auf. Darum entließen wir am Kalugaer Tor die Kutsche und gingen zu Fuß durch den Park.

Ihre Hoheiten gingen voraus, wobei Großfürstin Xenia ihren Bruder an der Hand führte, damit er nicht in die nassen Büsche lief. Mademoiselle und ich folgten mit einigem Abstand.

Seit drei Monaten passierten Seiner Hoheit keine kleinen Malheurs mehr, der Junge war gerade vier geworden, und in diesem Alter gingen die Georgi-Söhne aus der Obhut einer englischen nanny in die einer französischen Gouvernante über, sie trugen keine Mädchenkleider mehr, sondern Höschen. Der Wechsel der Kleidung machte Seiner Hoheit Freude, und mit der Französin verstand er sich ausgezeichnet. Ich muß zugeben, daß ich anfangs die Manieren von Mademoiselle Déclic allzu frei fand, zum Beispiel Ermunterungen in Form von Küssen und Bestrafungen in Form von Klapsen, und dann das Herumtoben im Kinderzimmer, doch mit der Zeit begriff ich, daß dahinter eine pädagogische Methode steckte. Jedenfalls begann Seine Hoheit bereits nach einem Monat französisch zu plappern, trällerte Liedchen in dieser Sprache und wurde überhaupt viel fröhlicher und unbefangener.

Vor einiger Zeit wurde mir bewußt, daß ich öfter als früher ins Kinderzimmer schaute, wahrscheinlich auch öfter als notwendig. Diese Entdeckung machte mich nachdenklich, und da ich aus Prinzip immer und in allem ehrlich mit mir selbst bin, fand ich rasch den Grund heraus: Der Umgang mit Mademoiselle Déclic bereitete mir Vergnügen.

Alles, was Vergnügen bereitet, behandle ich seit langem mit äußerster Vorsicht, denn jedes Vergnügen lenkt ab, und vom Abgelenktsein ist es nur ein Schritt bis zur Unachtsamkeit und zu schwerwiegenden, womöglich nicht wiedergutzumachenden Versäumnissen in der Arbeit. Darum ließ ich mich eine Zeit lang nicht mehr im Kinderzimmer sehen (es sei denn, meine Obliegenheiten machten es notwendig) und ging mit Mademoiselle sehr förmlich um. Aber das hielt nicht lange vor. Sie kam zu mir und bat mich mit untadeliger Höflichkeit, ihr bei der Aneignung der russischen Sprache behilflich zu sein, das heißt, mich mit ihr über verschiedene Themen zu unterhalten und ihre gröbsten Fehler zu korrigieren. Ich wiederhole, die Bitte wurde so respektvoll vorgebracht, daß ich unmöglich ablehnen konnte.

Von daher rührte die Tradition unserer täglichen Gespräche – über völlig neutrale und unverfängliche Themen. Mademoiselle lernte erstaunlich rasch Russisch und hatte schon bald einen hübschen Wortschatz. Natürlich machte sie grammatikalische Fehler, aber darin lag ein Reiz, dem ich mich nicht immer entziehen konnte.

Als wir nun die Allee des Neskutschny-Parks entlanggingen, sprachen wir Russisch. Doch diesmal war unsere Unterhaltung kurz und spitz. Mademoiselle hatte sich nämlich zur Ausfahrt verspätet, und wir mußten in der Kutsche auf sie warten, ganze dreißig Sekunden (wie ich auf meinem Schweizer Chronometer feststellte). In Gegenwart Ihrer Hoheiten hatte ich mich beherrscht, aber jetzt, unter vier Augen, hielt ich es für notwendig, ihr eine kleine Strafpredigt zu halten. Es fiel mir schwer, Mademoiselle zu rügen, aber es war meine Pflicht. Niemand darf Angehörige der kaiserlichen Familie warten lassen, nicht einmal eine halbe Minute.

»Es ist doch überhaupt nicht schwer, pünktlich zu sein«, sagte ich, jedes Wort deutlich aussprechend, damit sie mich verstand. »Man muß lediglich fünfzehn Minuten Zeitvorsprung einkalkulieren. Nehmen wir an, Sie sind mit jemandem um drei verabredet, also sind Sie schon um dreiviertel drei da. Oder Sie müssen, um zu einem bestimmten Punkt zu gelangen, um zwei das Haus verlassen, aber Sie verlassen es schon um dreiviertel zwei. Für den Anfang rate ich Ihnen, die Uhr einfach eine Viertelstunde vorzustellen, später geht Ihnen die Pünktlichkeit in Fleisch und Blut über.«

Ich sprach sachlich und vernünftig, doch Mademoiselle antwortete mir schnippisch: »Err Sjukin, vielleischt isch stelle die Ühr ein albe Minüt vor? Denn mehr als ein albe Minüt isch verspäte mich nie.«

Nach dieser Antwort machte ich ein finsteres Gesicht und sagte nichts mehr. Schweigend gingen wir weiter, Mademoiselle drehte sich sogar noch von mir weg.

Großfürstin Xenia erzählte ihrem Bruder ein Märchen, ich glaube, »Chapeau Rouge«2, jedenfalls fing ich die Worte auf: »Et elle est allée à travers la forêt pour voir sa grandmaman.«3 Großfürst Michail, sehr stolz auf seinen neuen Matrosenanzug, bemühte sich um ein manierliches Betragen und machte fast keinen Unfug, hüpfte nur hin und wieder auf einem Bein und warf einmal sein blaues Mützchen mit der roten Bommel auf die Erde.

Trotz des trüben Wetters waren vereinzelte Spaziergänger auf den Wegen. Mein Moskauer Gehilfe hatte mir erklärt, daß der Park gewöhnlich nicht für die Allgemeinheit zugänglich sei und daß die Tore nur anläßlich der Feierlichkeiten geöffnet waren, und auch nur für ein paar Tage, bis zum neunten Mai, an dem das Kaiserpaar, vom Petrowski-Schloß kommend, hier entlangfahren würde. So war es nicht verwunderlich, daß manche Moskauer die seltene Gelegenheit nutzten, im Park spazierenzugehen, und sich auch nicht von dem schlechten Wetter abschrecken ließen.

Etwa auf halbem Weg zur Eremitage kam uns ein eleganter Herr mittleren Alters entgegen. Er lüpfte höflich den Zylinder, der glattes schwarzes Haar mit weißen Schläfen freigab, warf einen forschenden, doch nicht aufdringlichen Blick auf die Großfürstin und ging vorbei. Ich würde diesen Mann überhaupt nicht beachtet haben, wenn Ihre Hoheit sich nicht plötzlich umgedreht und ihm nachgeblickt hätte, und dann auch Mademoiselle Déclic. Da wandte auch ich mich um.

Der vornehme Herr ging gemächlich weiter und schwenkte seinen Spazierstock – ich konnte an ihm nichts entdecken, was die Großfürstin und die Gouvernante bewogen haben mochte, sich nach ihm umzudrehen. Da holte uns ein Mann von wahrlich bemerkenswertem Aussehen ein: breitschultrig, stämmig, mit struppigem Bart. Er versengte mich mit seinen grimmigen kohlschwarzen Augen und pfiffelte ein mir unbekanntes Liedchen.

Ein verdächtiges Subjekt, und ich nahm mir vor, nicht mehr mit Ihren Hoheiten im Park spazierenzugehen, solange er für alle geöffnet war. Wer weiß, was für – Pardon – Lumpengesindel sich hier ein Stelldichein gab.

Wie zur Bestätigung meiner Befürchtung bog ein krummbeiniger untersetzter Chinese mit einem Bauchladen voll zweifelhafter Waren um die Ecke. Der Ärmste hatte offenbar gedacht, hier viel mehr Spaziergänger vorzufinden, aber bei dem Wetter hatte er kein Glück.

Als der kleine Großfürst den leibhaftigen Chinesen erblickte, riß er sich von der Hand seiner Schwester los und sauste zu dem schlitzäugigen Knirps.

»Das da will ich!« schrie er.

Und er zeigte mit dem Finger auf ein giftig-rosa Fruchtbonbon in Form einer Pagode.

»Ne montrez pas du doigt!«4 rief Mademoiselle.

Großfürstin Xenia war ihrem Bruder nachgelaufen, nahm ihn wieder bei der Hand und fragte: »A quoi bon tu veux ce truc?«5

»Je veux, c’est tout!«6

Seine Hoheit reckte das Kinn vor und bekundete einen für sein Alter erstaunlichen Eigensinn, und Eigensinn ist ein vorzügliches Fundament für die Entwicklung des Charakters.

»Ach, Afanassi, kauf ’s ihm«, wandte sich die Großfürstin an mich. »Sonst gibt er keine Ruhe. Er wird einmal an dem Ding lecken und es wegwerfen.«

Die Großfürstin verfügte nicht über eigenes Geld, ich glaube, sie wußte nicht einmal, wie es aussieht, wozu auch.

Ich blickte Mademoiselle an, denn entscheiden mußte sie. Sie krauste die Nase und zuckte die Achseln.

Der Chinese, das muß ich ihm lassen, versuchte nicht, uns seine abscheuliche Ware aufzudrängen, er starrte lediglich aus seinen Schlitzen Ihre Hoheit an. Man sieht mitunter ausgesprochen schöne Chinesen – mit schmalem Gesicht, heller Haut und anmutigen Bewegungen, aber dieser war ein richtiges Scheusal. Plattes Gesicht, rund wie eine Plinse, kurze Igelborsten auf dem Kopf.

»He, was kostet das da?« Ich zeigte auf die Pagode und zog das Portemonnaie hervor.

»Ein Rub«, antwortete der dreiste Asiat, der wohl an meinem Gesicht sah, daß ich mit ihm nicht feilschen würde.

Ich gab dem Gauner den Rubel, obwohl das Zuckerwerk höchstens fünf Kopeken wert war, und wir gingen weiter. Seine Hoheit schien Geschmack an der simplen Leckerei zu finden, er warf sie nicht weg.

Am fernen Ende der Seitenallee war die Umfriedung der Eremitage zu sehen, und wir schlugen diese Richtung ein. Wir hatten noch reichlich zweihundert Meter zu gehen.

Auf einem Zweig krächzte eine Krähe laut und unbekümmert, und ich hob den Kopf. Einen Vogel sah ich nicht, nur einen Fetzen grauen Himmel im dunklen Blattwerk.

Ich würde wohl alles darum geben, könnte ich diesen Moment anhalten, denn er teilte mein Dasein in zwei Hälften: Alles Vernünftige, Voraussagbare, Geordnete blieb im früheren Leben zurück, das neue aber war Wahnsinn, Alptraum und Chaos.

 

Hinter mir erklangen Schritte, die sich rasch näherten. Verwundert drehte ich mich um und bekam im nächsten Moment einen Schlag von ungeheuerlicher Kraft auf den Kopf. Ich sah noch das schreckliche, wutverzerrte Gesicht des bärtigen Mannes von vorhin, dann stürzte ich und verlor für eine Sekunde das Bewußtsein. Ich sage »für eine Sekunde«, denn als ich den schweren, wie mit Blei gefüllten Kopf vom Boden hochriß, war der Bärtige erst ein paar Schritte entfernt. Er schleuderte den Großfürsten beiseite, packte Ihre Hoheit am Arm und zerrte sie zurück, in meine Richtung. Mademoiselle stand stocksteif, auch ich war wie betäubt. Ich faßte an die schmerzende Stirn und fühlte etwas Nasses – Blut. Ich weiß nicht, womit er zugeschlagen hatte, mit einem Schlagring oder einem Totschläger, jedenfalls wogten Bäume und Büsche auf und ab wie Meereswellen bei Sturm.

Der Bärtige stieß einen Räuberpfiff aus, und aus der Allee, aus der wir eben erst gekommen waren, rollte eine schwarze Kutsche heran, bespannt mit zwei Rappen. Der Kutscher, in einem langen schwarzen Regenmantel, rief »Brrr« und zog die Zügel an, und noch ehe das Gefährt hielt, sprangen zwei Männer heraus, ebenfalls in Schwarz, und liefen auf uns zu.

Das ist eine Entführung, sprach in mir eine ruhige, leise Stimme, und die Bäume hörten plötzlich auf zu wogen. Ich erhob mich auf alle Vier, rief Mademoiselle zu: »Emportez le grand-duc!«7 und umklammerte das Knie des Bärtigen, der gerade an mir vorbei wollte.

Er ließ den Arm Ihrer Hoheit nicht los, so daß wir alle drei zu Boden fielen. An Kraft fehlte es mir von Natur aus nicht, alle in unserem Geschlecht waren kräftig, und ich war in meiner Jugend Eilbote bei Hofe gewesen, was auch die Muskulatur stärkte, darum konnte ich mühelos die Hand des Banditen vom Arm der Großfürstin lösen, doch das nützte wenig. Er schlug mir die Faust gegen die Kinnlade, und ehe Ihre Hoheit auf die Beine kam, waren die beiden Männer in Schwarz schon heran. Sie faßten die Großfürstin bei den Ellbogen, hoben sie hoch und trugen sie im Laufschritt zur Kutsche. Bloß gut, daß Mademoiselle den Jungen in Sicherheit bringen konnte – aus dem Augenwinkel sah ich, wie sie ihn an die Hand nahm und mit ihm in die Büsche lief.

Mein Gegner war gewandt und stark. Er schlug noch einmal zu, und als ich ihn an der Gurgel zu packen versuchte, holte er ein Finnenmesser mit schartiger Klinge hervor.

»Ich stech dich ab wie Köter!« zischte der schreckliche Mann in einem etwas gebrochenen Russisch, riß die blutunterlaufenen Augen auf und holte weit aus.

Ich wollte mir die Worte eines Gebets in Erinnerung rufen, aber sie fielen mir nicht ein, gerade jetzt, wo es so nötig gewesen wäre.

Das Messer fuhr in die Höhe, fast bis in den Himmel, aber es kam nicht wieder herunter. Auf wundersame Weise wurde die Hand mit der Klinge abgefangen von Fingern in einem grauen Handschuh.

Das Gesicht des Bärtigen verzerrte sich noch mehr, ich hörte einen schmatzenden Laut, und mein Beinahe-Mörder sank zur Seite. Über mir stand der elegante Herr von vorhin, nur hielt er jetzt keinen Spazierstock in der Hand, sondern eine schmale, lange Klinge, rot verschmiert.

»Leben Sie?« fragte mein Retter und rief dann, rückwärts gewandt, etwas in einer mir unbekannten Mundart.

Ich richtete mich auf und sah den chinesischen Straßenhändler, der mit furchtbarem Gestampfe, den Kopf gesenkt wie ein Stier, angesaust kam. Er hatte jetzt keinen Bauchladen, dafür ein merkwürdiges Gerät – eine kleine Metallkugel, die er an einer Schnur über dem Kopf kreisen ließ.

»Iiija!« krächzte er widerlich, und die Kugel pfiff durch die Luft, über meinen Kopf hinweg.

Ich fuhr herum, um zu sehen, wohin sie mit solcher Geschwindigkeit flog. Wie sich zeigte, direkt gegen den Hinterkopf eines der Entführer. Ein häßliches Knirschen war zu hören, und der Getroffene fiel mit dem Gesicht zu Boden. Der andere Bandit ließ die Großfürstin los, drehte sich blitzschnell um und zog einen Revolver aus der Tasche. Das Gesicht des Mannes war nicht zu sehen, er trug eine schwarze Stoffmaske.

Der Kutscher, der noch auf dem Bock saß, warf seinen Regenmantel ab, unter dem er ebenso schwarz gekleidet war wie die beiden anderen, nur daß er keine Maske trug. Er sprang auf die Erde und lief ebenfalls zu uns, im Laufen in die Tasche greifend.

Ich sah zu meinem Retter (voller Scham muß ich bekennen, daß ich in dieser dramatischen Situation ganz benommen war, nur immer den Kopf hin und her drehte und den Ereignissen kaum folgen konnte). Der elegante Herr holte kurz aus und schleuderte seine Klinge, doch ob sie traf, sah ich nicht, weil sich meinem Blick ein noch unwahrscheinlicheres Bild bot: Aus den Büschen kam Mademoiselle Déclic gesprungen, in der einen Hand einen mächtigen Ast schwenkend, mit der anderen den Rock raffend, so daß ihre schlanken Fesseln zu sehen waren. Der Hut fiel ihr herunter, die Haare waren an den Schläfen zerzaust, doch noch nie hatte ich sie anziehender gefunden als in diesem Moment.

»J’arrive!« schrie sie. »J’arrive!«8

Erst jetzt wurde ich mir meines schmählichen Benehmens bewußt. Ich sprang auf und eilte dem unbekannten Herrn und dem Asiaten zu Hilfe.

Leider wurde meine Hilfe nicht mehr benötigt.

Es stellte sich heraus, daß die Klinge getroffen hatte – der Mann mit der Maske lag auf dem Rücken, und aus seiner Brust ragte das Stahlband, das in einem silbernen Knauf endete. Jetzt begriff ich, wo der gutaussehende Herr den Degen hergenommen hatte – der war in seinem Spazierstock verborgen.

Was den Kutscher anging, so wurde der flinke Chinese spielend mit ihm fertig. Bevor der Bandit die Waffe ziehen konnte, war der Asiat hochgesprungen und hatte dem Gegner mit gewaltiger Kraft den Fuß gegen das Kinn gerammt. Der Kopf des Kutschers flog so jäh und heftig zurück, daß keine noch so starken Halswirbel standgehalten hätten.

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