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Die Drachenfriedhof-Saga

Carsten Zehm

Die Drachenfriedhof-Saga

Die Abenteuer von Bandath,

dem Zwergling

Band 3 der Bandath-Trilogie

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All meinen Freunden gewidmet,

die mich immer wieder unterstützen,

die nachfragen und die meine Bücher

auch lesen.

Inhalt

Inhalt

Ein Abend wie kein anderer

Aufbruch

Burgfrieden

In der Zwischenwelt 1

„Das gibt Stress!“

Entlang der Kraftlinie

Zwerge, Gnome, Elfen, Trolle und ein Flötenspieler

Gorgals, Knörgis und ein paar Fragen

In der Zwischenwelt 2

Minotauren

Elfen und Trolle

Gorgals

Kleines Ährchen-Knörgi, große Wirkung!

In der Zwischenwelt 3

Der Alte vom Berg

Palaver

Zwerge unterwegs

Gefangen im Eis

Der Kampf um die Magier-Feste

Die Kristallburg

Siebenhundert Schritt im Umfang, zweihundertfünfzig im Durchmesser

Der Schrei des Sphinx

Wenn alles gesagt und getan ist …

Vier Tage später …

Die mehr oder weniger wichtigen Personen

Danksagung

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Weltkarte

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Detailkarte

„Nuzze nit de drey sorten zauberey. Gar mechtic wesen wird erscheyn, vol bosheyt unt fillt land mit finsternis.“

Prophezeiung von Um-Ba-Tha,

1.000 Jahre vor den Drummel-Drachen-Kriegen

„Er wird etwas Wichtiges sehen!“

Ratz Nasfummel,

nach einem Besuch des Orakels der Drei Schwestern

Etwa zwei Jahre nach den Ereignissen in der Dämonenstadt Cora-Lega drangen erstmals Gerüchte über einen Krieg weit im Westen nach Neu-Drachenfurt. Am Anfang war es nicht mehr als ein Wispern, ein „Man sagt …“ hier, ein „Ich habe gehört, dass …“ dort. Keiner wusste etwas Genaues. Im Sommer brachten die Händler dann die ersten Informationen. Von einem gewaltigen Heer war die Rede, Gorgals aus den Weiten der westlichen Urwälder wären aufgebrochen, unter der Führung mehrerer Heerführer hätten sie die Länder überfallen … weit, ganz weit im Westen, nicht weiter interessant für die Drummel-Drachen-Berge.

Am Ende des Sommers begannen die Preise der Waren, die die Händler aus dem Westen mitbrachten, zu steigen. Nicht so schnell wie vor drei Jahren, als der Vulkan ausgebrochen war, sondern langsam, fast nicht zu merken. Zuerst fiel es auch nur den Frauen auf, die täglich auf die Marktplätze kamen. Giftpuder gegen Wollspinnen zum Beispiel, Gelbstaub zum Färben von Leinen oder die schmackhaften Gara-Nüsse. Im Herbst wurde Mogohani-Holz fast unerschwinglich teuer, andere Produkte waren plötzlich nicht mehr zu bekommen. Es gab keine Brandvogel-Salbe gegen Hautausschlag mehr, keine getrockneten Hui-Palas, keine eingelegten Dag-Eier und erst recht keinen Leo-Kraut-Tee. Walddrachenschuppen waren unbezahlbar und die Frage nach Schweißbärenfell völlig zwecklos. Die Händler zuckten entschuldigend mit den Schultern und hoben die Hände. „Der Krieg“, sagten sie. Die Gorgals würden in mehreren Heeren immer weiter nach Osten vordringen und die Länder im Westen mit einem erbarmungslosen Krieg überziehen.

Das Unbehagen bei den Völkern rund um die Drummel-Drachen-Berge stieg, wurde aber nicht groß genug, etwas zu unternehmen. Was hätte man auch gegen einen Krieg so weit im Westen unternehmen können?

Anfang Winter kamen die ersten Mitteilungen über zerstörte Städte – „Hast du schon gehört? Bergstadt soll völlig zerstört worden sein.“ – und gefallene Reiche – „Sie sagen, Königin Gersonde sei geflohen und ihr Reich wäre an die Gorgals gefallen.“

Als im darauffolgenden Frühjahr der Schnee schmolz und die Pässe nach Neu-Drachenfurt wieder frei waren, dauerte es nicht lange, und im Gasthaus Zum Rülpsenden Drummel-Drachen tauchten die ersten Flüchtlinge aus dem Westen auf.

Ein Abend wie kein anderer

Der Troll schmetterte die Hand auf den Tisch, dass das Holz krachte. „Ihr habt ja keine Ahnung!“ Das Gespräch am Tisch, das in den letzten Minuten immer lauter geworden war und beinahe in einen Streit ausgeartet wäre, brach abrupt ab. Stille breitete sich auch im restlichen Schankraum aus und die Blicke wandten sich dem Tisch und dem Verursacher des lauten Rufes zu. Der fremde Troll griff nach seinem Bierkrug, aus dem der Schaum bei seiner heftigen Attacke geschwappt war, und nahm einen Schluck, der den Krug leerte. Krachend landete der Krug wieder auf der Tischplatte. Ein Geräusch, das unnatürlich laut in der Totenstille des Wirtshauses wirkte. Der Troll wischte sich den Schaum von den Lippen. „Keine Ahnung habt ihr.“ Jetzt klangen die Worte schon bedeutend leiser und eher resignierend, als zornig.

„Wir waren eine stolze Truppe, sag’ ich euch, unser Hauptmann und wir – 200 Soldaten. Bis wir in den Hinterhalt der Gorgals gelaufen sind. Ich sage euch, so etwas habe ich noch nicht erlebt und ich habe schon so manchen Kampf überstanden. Gegen Wasserdrachen habe ich gekämpft und gegen Elfen“, ein provozierender Blick schoss an den Nachbartisch, an dem unter anderem zwei Elfen saßen.

„Nichts hatten wir zu fürchten, kein Gegner war uns zu stark. Und jetzt? Ich bin der letzte Überlebende unserer Truppe. Die haben uns einfach aufgerieben, mit ihren langen Speeren, den großen Schilden, ihren gezackten Schwertern und ihrer höllischen Kampfweise. Kamen plötzlich von allen Seiten und haben alle niedergemacht, bis auf den letzten Mann.“

„Und wie hast du überlebt?“, klang eine Frage aus der Zuhörerschaft. Der Troll durchforstete den Schankraum auf der Suche nach dem Fragenden. „Ich war auf einem Botengang. Als ich zu meiner Einheit zurückkam, lagen alle erschlagen auf dem Boden der Schlucht, in die sie von den Gorgals getrieben worden waren.“

Er sah zum Wirt. „Was ist? Kriege ich noch ein Bier, bevor ich mich schlafen legen muss?“

Er war ein Taglicht-Troll und die Dämmerung brach herein. Ihn würde bald die seiner Rasse eigene Müdigkeit überfallen und nichts könnte ihn dann vom Schlafen abhalten.

„Kannst du denn auch bezahlen?“, fragte Kendor, der Wirt.

„Das geht auf mich“, mischte sich ein kleiner Mann ein, der bei den Elfen am Tisch saß. Der Troll drehte sich ihm zu und sein Blick wanderte langsam an der kleinen Gestalt abwärts und wieder hoch.

„Wer … was bist du? Ich sehe Halblingsfüße, dein Gesicht scheint aber eher zwergisch zu sein, wenn auch ohne Bart.“

Der Angesprochene tippte sich zum Gruß mit den Fingern an das Lederband, das seine Haare über der Stirn zusammenhielt. „Bandath“, entgegnete er. „Freier Hexenmeister und seit einem Jahr Ratsmitglied von Neu-Drachenfurt. Ich bin ein Zwergling.“

„Ein Zauberer?“, knurrte der Troll und machte Anstalten, das Bier von sich zu schieben, das Kendor in diesem Moment vor ihn hinstellte.

„Vorsicht, Freund“, knurrte ein Troll, der neben Bandath am Tisch saß und knackte mit den Fingern. „Du hast gerade ein Bier von meinem Freund spendiert bekommen und ich rate dir, es nicht abzulehnen. Und außerdem ist Bandath kein Zauberer und auch kein Magier. Er ist ein Hexenmeister. Und das ist viel mehr, als die Strohköpfe der Magierfeste Go-Ran-Goh jemals zugeben werden.“

Mit neu erwachtem Interesse nahm der Flüchtling aus dem Westen jetzt doch das Bier und musterte die Runde am Nachbartisch. Außer den beiden Elfen, dem Hexenmeister und dem Troll, der gerade mit ihm gesprochen hatte, saßen dort noch ein Zwerg, eine ausgesprochen schlanke und sehr hübsche Zwergin und auf der Tischplatte erkannte er die winzige Gestalt eines Knörgis.

Er trank einen Schluck, hob den Bierkrug dann nachträglich dem Spender entgegen und nickte Bandath zu. „Und was willst du dafür?“

„Mich morgen mit dir unterhalten, ohne großes Publikum. Ich will genau wissen, was im Westen los ist.“

Der Troll nickte schweigend, leerte den Krug und stand auf. „Wenn da noch ein ordentliches Mahl für mich drin ist.“

„Pass auf, Troll“, tönte die Stimme des Knörgis von der Tischplatte. „Übertreib es nicht. Schon manch einer hat gedacht, uns ausnutzen zu können und es hinterher bitter bereut … wenn er noch bereuen konnte.“

Dem Troll, solcherart angesprochen, rutschten die Augenbrauen hoch. Weil aber niemand im Umkreis über die Worte des Kleinen lachte, dachte er, dass es besser sei, die Truppe am Tisch ernst zu nehmen. Keiner von ihnen machte den Eindruck, als ließe er sich die Knack-Vogel-Eier vom Frühstückstisch stehlen. Und da ihm außerdem der Name Bandath vage bekannt vorkam, nickte er einfach einen weiteren Abschiedsgruß, gähnte und begab sich zu seinem Schlafplatz außerhalb des Wirtshauses. Er hatte nicht gelogen, was seine Flucht betraf. Und noch weniger, was die Gorgals und seine Truppe anging. Und er würde dem Hexenmeister alles erzählen, was ihn interessierte. Kein Problem. Er schätzte, dass die Gorgals spätestens Mitte des Sommers hier wären, denn die Drummel-Drachen-Berge waren das erklärte Ziel ihrer Heerführer. Aber keiner hatte es bisher hören wollen, weder auf dem Weg hierher, noch hier in den Bergen. An einigen Stellen hatte er sogar den Eindruck gehabt, mit seinen Erzählungen auf Unwillen, wenn nicht sogar Verdruss gestoßen zu sein. Es würde ja gar nicht so schlimm sein und außerdem trage sich das alles so weit im Westen zu, dass die Gegend hier gar nicht davon betroffen sein könne. Er solle nicht die Dörfler beunruhigen. Man habe noch nie davon gehört, dass ein Heer den weiten Weg aus den westlichen Urwäldern bis hier in die Drummel-Drachen-Berge zurückgelegt habe. Wieso solle das jetzt plötzlich der Fall sein? Was sollten die Gorgals hier wollen? Außerdem gäbe es zwischen den Urwäldern und den Drummel-Drachen-Bergen so manch ein wehrhaftes Reich mit einer starken Armee.

… und überhaupt …

Der Troll kratzte sich an verschiedenen Stellen seines Körpers als er sich in das trockene Laub des Vorjahres gelegt hatte, hier unter den Bäumen am Waldrand. Nun, zumindest der Hexenmeister schien ihn ernst zu nehmen. War ihm recht. Er würde erzählen, was er wusste und spätestens übermorgen weiterziehen. Irgendwo weit im Osten würde er einen Platz finden, den die Gorgals nicht erreichen mochten … so hoffte er jedenfalls.

Kurz bevor er einschlief, fiel ihm ein, dass er von einem fahrenden Musikanten über Bandath gehört hatte. Dieser Musikant hatte von einem Vulkanausbruch erzählt und der spektakulären Erlösung einer verwunschenen Oase weit im Süden, vom Finden des Dämonenschatzes. Bandath und seine Freunde hätten bei diesen Ereignissen eine herausragende Rolle gespielt. Aber dann schlief er ein, dort am Waldrand, gar nicht weit vom Wirtshaus entfernt.

Nachdem der fremde Troll das Wirtshaus verlassen hatte, griff Bandath nach dem Bierkrug und schob ihn seiner Nachbarin zu. „Was ist los, Barella? Du hast doch sonst kein Problem mit einem guten Bier?“

„Ich mag heute nicht.“ Sie schob das Bier zur Seite. „Lass mich einfach.“

„He Schwesterlein!“ Der Elf neben Bandath beugte sich nach vorn. „Du wirst doch auf deine alten Tage nicht zur Antialkoholikerin werden?“

Obwohl es auf den ersten Blick schwer zu glauben war, der Elf war der Bruder Barellas. Sein Vater hatte vor vielen Jahren ein Verhältnis mit einer Zwergin gehabt und so war sie, genau wie ihr Partner Bandath, ein Mischling. Während sie sich aber als Zwelfe bezeichnete, da ihre Mutter eine Zwergin und ihr Vater ein Elf war, nannte sich Bandath Zwergling. Sein Vater war ein Zwerg gewesen, seine Mutter eine Halblingsfrau.1 Barellas Bruder Korbinian hatte erst vor zwei Jahren erfahren, dass er eine Schwester hat. Natürlich hängten sie das nicht an die große Glocke, denn ihr Vater Gilbath war der Fürst aller Elfen der Riesengras-Ebene. Nur wenige kannten das ganze Geheimnis.

„Lass sie!“ Die Elfin neben Korbinian stieß ihn mit dem Ellenbogen in die Seite. Korbinian nickte und griff nach seinem eigenen Krug. Die Elfin To’nella hatte einen guten Einfluss auf Korbinian. Vor zwei Jahren noch war er eher ein Galgenstrick gewesen, weder Streit noch Rauferei aus dem Weg gehend, mit Schulden in jeder Stadt von den Riesengras-Ebenen im Norden bis zu der Todeswüste tief im Süden und einem Hang, sich unter Alkohol in Schwierigkeiten zu bringen. Erst ihr gemeinsam bestandenes Abenteuer in der Dämonenstadt Cora-Lega hatte die Beiden zusammen und ihn auf einen Weg gebracht, den er selbst gern als „gerade Lebenslinie“ bezeichnete – im Vergleich zu dem Zick-Zack-Kurs jedenfalls, den sein Leben bis zu diesen Tagen genommen hatte.

Der Troll neben Bandath gähnte ebenfalls. „Manchmal ist das Leben als Taglicht-Troll recht lästig. Kaum geht die Sonne unter, müssen wir uns hinlegen, während ihr eure wohlverdienten Stunden im Gasthaus beim Bier absitzen könnt.“ Er griff nach seinem Bierkrug und leerte ihn auf einen Zug. „Euer Freund Rulgo geht noch mal für kleine Trolle und legt sich dann auf sein hübsches Ohr, das …“, er beugte sich mit einer Schnelligkeit, die man ihm auf den ersten Blick gar nicht zutrauen würde, zu Korbinian über den Tisch und zupfte an dessen Ohrspitze, „… nicht so spitz ist wie das Ohr gewisser anderer Leute hier am Tisch.“ Breit grinsend erhob er sich und ließ im Vorbeigehen seine Hand auf die Schulter des Elfen krachen. Den schleuderte es nach vorn gegen die Tischkante.

„Bandath“, beklagte sich Korbinian, „sag ihm, er soll das lassen.“

„Sind wir wieder ein Weichelf heute?“ Der Winzling auf dem Tisch hob seinen kleinen Bierkrug. Niesputz, das Ährchen-Knörgi, zwinkerte dem Troll zu, der hinter dem Rücken Korbinians die Augenbrauen hochzog und sich am Gesäß kratzte.

Der Zwerg neben Barella stöhnte genervt. „Nimmt das denn nie ein Ende mit euch?“ Theodil Holznagel, Zimmermann und wie Bandath Ratsmitglied, drehte sich zu Rulgo um. „Lass ihn doch einfach in Ruhe.“

„Aber keinen Elf kann man so schön ärgern wie den Sohn meines Lieblingsfeindes.“ Die Trolle hatten mit den Elfen der Riesengras-Ebene viele hundert Jahre lang Krieg um das Umstrittene Land geführt und Rulgo war ihr Anführer gewesen. Erst, als Frieden herrschte, ein echter Frieden, der von Bandath maßgeblich mit herbeigeführt worden war, hatte er sich nicht wieder zum Anführer wählen lassen.

Korbinian strich sich über die Ohren. „Weißt du was, Rulgo? Du bist doch nur neidisch, dass du nicht so schöne, haarlose Ohren hast wie ich.“

„Ich? Neidisch?“, dröhnte Rulgos Stimme. „Auf haarlose Ohren? Elfen sind von Natur aus neidisch auf Ohrenhaare. Das weiß doch jedes Ährchen-Knörgi. Stimmt’s?“

Die letzte Frage galt Niesputz, doch er kam nicht zu einer Antwort, denn die Sticheleien am Tisch wurden durch ein Röcheln unterbrochen. Alle drehten sich zu Bandath. Dessen Augen waren geschlossen, die Augenbrauen tief herabgezogen, sein Mund in einem nicht ausgestoßenem Schrei halb geöffnet und seine Hände klammerten sich an die Tischkante.

„Bandath?“ Barellas Stimme klang besorgt. Niesputz schlug mit seinen Flügeln und starrte Bandath an. Dann blickte er in seinen Bierkrug und stellte ihn zur Seite. Die Bemerkung jedoch, die er über die Qualität des Bieres machen wollte, erstarb ihm auf den Lippen, als zwischen Bandaths Fingern Qualm von angesengtem Holz aufstieg.

„Bandath!“

Barella wollte ihren Gefährten an der Schulter packen und ihm vom Tisch wegziehen. Ein Blitz aus Bandaths Körper fuhr ihr in die Hände noch bevor sie ihn berührt hatte, gefolgt von einem Krachen, das die Scheiben im Wirtshaus zersplittern und nach außen fliegen ließ. Barella wurde davongeschleudert und erst von vier Zwergen gestoppt, die gerade in die Schankstube getreten waren. Die sich aufrappelnden Zwerge am Eingang und die hinzueilende To’nella kümmerten sich um Barella. Menschen, Zwerge und Halblinge, hauptsächlich Bewohner Neu-Drachenfurts, die durch die Druckwelle auf ihre Stühle gedrückt worden waren, sprangen auf und drängten zu dem Tisch, an dem Bandath in einen Krampf verfallen war. Er hatte den Kopf nach hinten gerissen und jetzt die Augen weit geöffnet. Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn und seiner Oberlippe. Erneut drang ein Stöhnen aus seinem Körper, ein Geräusch, das eher klang, als würde in den Tiefen der Unterwelt die Erde reißen. Der Qualm, der zwischen seinen Fingern aufstieg, wurde stärker und die ersten Flammen züngelten, bis irgendjemand auf die Idee kam, seinen Bierkrug über die Hände des Zwerglings auszuleeren. Es zischte. Bläuliche Flammen, wie sie manchmal von Seemännern des Nordmeeres an den Mastspitzen beobachtet wurden, glitten an Bandath auf und ab. Um den Hexenmeister breitete sich eine Aura der Dunkelheit aus und es schien, als würden von außen, von irgendwoher, Wellen gegen diese Aura branden. Der Stein am Lederband um seinen Hals – ein Borium-Kristall, Bandaths magischer Fokus – war aus seinem Hemd hervorgerutscht. Er glühte, wie von einem inneren Feuer erfüllt. Korbinian und Theodil standen hilflos neben ihrem Freund. Sie wollten helfen, wussten aber nicht, wie. Niesputz surrte hoch. „Fasst ihn nicht an!“, rief er, handelte jedoch selbst nicht nach seiner Aufforderung, als er sich auf Bandaths Brust niederließ. Doch selbst Niesputz wurde mit einem gewaltigen Blitz quer durch den Schankraum geschleudert und flog aus dem letzten bis dahin noch nicht zerborstenen Fenster. Zusammen mit den Glasscherben wurde er weit hinaus in die Dämmerung katapultiert. Im selben Moment sackte Bandath zusammen und rutschte vom Stuhl.

„Bei dem größten Haufen, den je ein Drummel-Drachen hinter sich hat fallen lassen“, sagte Rulgo, der entgegen seiner Ankündigung im Schankraum geblieben war und das Spektakel beobachtet hatte, „Was ist denn in den Hexenmeister gefahren?“ Dann fiel er der Länge nach um und krachte auf einen Tisch, der unter der Masse des Taglicht-Trolls zerschmettert wurde. Das Umfallen des Trolls allerdings war die Folge des gerade stattfindenden Sonnenuntergangs. Der Troll schlief ein und nichts konnte ihn daran hindern. Rulgo wurde ignoriert. Alle Anwesenden kümmerten sich um Barella und Bandath. Selbst an Niesputz verschwendete keiner einen Gedanken, war doch die Widerstandskraft des Ährchen-Knörgis legendär.

„Bandath?“ Theodil beugte sich über den Hexenmeister und berührte ihn vorsichtig an der Schulter. Ein kleiner Blitz fuhr knisternd in die Finger des Zwerges und erschrocken zuckte er zurück. Gleich darauf fasste er seinen Freund aber doch entschlossen an. „Bandath? Was war denn das?“

Der Magier hob mühsam den Kopf und sah sich um. „Barella?“ Es war mehr ein Stöhnen als eine Frage.

„Ich bin hier“, sagte die Zwelfe und schob sich durch die Reihen der Umstehenden, von To’nella gestützt, die linke Hand vor den Unterleib gelegt, als habe sie Schmerzen oder wolle die Stelle besonders schützen. Sie kniete neben Bandath und legte ihm die Hand auf die Stirn. Auch in ihre Finger fuhr knisternd der winzige Blitz einer Entladung.

„Wie geht es dir?“ Ihre Stimme klang zittrig, nach Angst.

„Wasser.“ Bandath schien zu nicht mehr als einzelnen Worten in der Lage zu sein. Der Ruf nach Wasser wurde aufgenommen und über etliche Stationen weitergegeben, bis sich jemand genötigt fühlte, mit einem Becher Wasser aus der Küche zu kommen. Bandath trank mit großen Schlucken und ein Teil des Wassers lief ihm aus den Mundwinkeln wieder heraus. Theodil stützte ihn von hinten.

„Sollen wir dir eine Decke holen?“

„Nach Hause.“ Bandath ließ sich zurücksinken und schloss die Augen.

„Theodil, Korbinian“, sagte die Zwelfe und die Angesprochenen hoben Bandath vorsichtig hoch. Es war nicht weit zu ihrem Haus. Als sie die Tür des Schankraumes passierten und die Gäste des Rülpsenden Drummel-Drachen mit ihren Spekulationen und der Unordnung allein ließen, stieß Niesputz wieder zu ihnen. Er sah ramponiert aus und seine ehemals schulterlangen, grauen Haare waren bis auf wenige, gekräuselte Reste abgesengt.

„Meine Fresse!“, rief er schon von Weitem. „Das nenne ich mal einen Schlag auf die Nase.“ Er schien eher begeistert von der Energie zu sein, die ihn getroffen hatte, als besorgt um Bandath.

„Was macht unser pelzfüßiger Zauberer?“

„Wir bringen ihn nach Hause“, knurrte Theodil, der Bandath unter den Axeln gefasst hatte.

Niesputz setzte sich auf die Schulter des Zwerges. „Schwer?“

Theodil knurrte.

„Jaja“, erklärte Niesputz im Plauderton. „Das Eheleben ist unserem Zauberer zu gut bekommen in den letzten zwei Jahren. Keine Aufregung, keine Abenteuer. Da spannen die Jacken schon ein wenig um den Bauch herum. War richtig ein bisschen langweilig hier in Neu-Drachenfurt. Aber das scheint sich ja nun zu ändern …“

„Niesputz!“, stöhnten Barella und Korbinian zeitgleich.

„Was?“, fragte das Ährchen-Knörgi mit Unschuldsmiene.

Sie erreichten das Haus und schleppten Bandath in die Stube. Dort setzten sie ihn auf seinen Stuhl am Fenster. Langsam öffnete Bandath die Augen, die geschlossen gewesen waren, als sie ihn zu seinem Haus trugen.

„Geht das so? Oder willst du lieber ins Bett?“ Barella beugte sich über ihn.

Bandath nickte. „Das ist gut so“, flüsterte er. Barella ging zum Kamin, schürte das Feuer, legte einige Holzscheite nach, hängte einen Kessel über die Flammen und goss etwas Gewürzwein hinein. Der Geruch nach Zimt und Honig breitete sich in der Luft aus. Die anderen Anwesenden ließen sich auf den Stühlen nieder, die im Raum verteilt standen. Als der Wein heiß war, füllte sie einen Tonbecher und brachte ihn Bandath.

„Oh“, sagte Korbinian und machte einen langen Hals. „Wenn du so nett wärst, mir auch einen Becher …“

Weiter kam er nicht, weil Barella ihm mit eiskalter Miene die Kelle in die Hand drückte.

„Bedien’ dich selbst!“

Bandath trank vorsichtig aus dem Becher, den Barella hielt. Dabei umfasste er ihre Hand. Seine Freunde sahen, dass die Finger des Zwerglings noch immer zitterten. Ruhe kehrte ein und alle starrten auf die zitternden Finger. Als Bandath sich dessen bewusst wurde, versteckte er die Hand unter der Decke, die To’nella über ihn ausgebreitet hatte.

„Also gut, Hexenmeister“, fragte Niesputz und alle wunderten sich, dass er ihn nicht wie üblich Zauberer nannte. „Was war los?“ Ton und Miene des Ährchen-Knörgis waren ungewohnt ernst.

„Es war eine …“, Bandath blickte an die Decke, als suche er nach den richtigen Worten, „… eine Entnahme von Magie.“

„Entnahme von Magie?“ Theodil sah Bandath verständnislos an. Von allen Anwesenden hatte er die größten Probleme, sich in magische Dinge hineinzuversetzen.

„Könnt ihr euch an Thaim erinnern, den Hexenmeister, den wir auf der Reise nach Cora Lega getroffen haben? Er hat mir die Augen geöffnet, was Go-Ran-Goh und die magischen Kraftlinien angeht, die die Welt durchziehen. Seit dieser Zeit bin ich auf der Suche nach solchen Linien und vermerke ihren Verlauf auf einer Karte. Korbinian, wenn du so freundlich wärst?“ Er wies mit der Hand auf das Bücherbord über dem Kamin. „Die Lederrolle dort, öffne sie bitte und entrolle die Karte auf dem Tisch.“

Neugierig drängten sich alle um den Tisch und sahen auf die Karte, die der Elf vor ihnen ausbreitete. Die Drummel-Drachen-Berge waren zu erkennen, die Riesengras-Ebenen genauso wie der Ewige Strom, Flussburg, Go-Ran-Goh bis hinunter in das südliche Dreistromland. Über all das waren feine Linien gezogen. Einige gerade, andere gebogen wie die Ausschnitte von Kreisen, wieder andere verliefen in mehr oder weniger gleichmäßigen Wellen oder folgten einem Kurs, den niemand vorherbestimmen konnte.

„Man kann in keinem Fall voraussagen, wo sie entlangführen werden“, erklärte Bandath. Mehrere gingen durch die Magierfeste, andere trafen sich im Umstrittenen Land und es führten sogar drei durch den winzigen Punkt, an den Bandath Neu-Drachenfurt geschrieben hatte.

„Thaim hatte mir in nur einer Nacht mehr beigebracht, als die Magier von Go-Ran-Goh in dreißig Jahren. Diese Kraftlinien sind das A und O der Magie. Dort ist für einen Magier oder Hexenmeister die Nutzung der Magie am besten möglich. Die Knotenpunkte sind die Punkte der größten Macht. Nicht umsonst steht die Magierfeste an einem Punkt, an dem sich ein knappes Dutzend Kraftlinien kreuzen. Es ist auch kein Zufall, dass das Umstrittene Land ein Ort großer Magie ist.“

„Aber es ist Zufall, dass sich in Neu-Drachenfurt drei Linien kreuzen“, ergänzte Korbinian, als Bandath einen Moment schwieg.

Der Hexenmeister schüttelte den Kopf. „Nein. Als ich damals mein Haus baute, hatte ich überlegt, ob ich mich direkt in Drachenfurt niederlassen sollte. Aber irgendwie habe ich mich auf der Wiese, die auf der anderen Seite des Berges lag, wohler gefühlt. Ich baute mein Haus, also abseits des alten Ortes, genau hierher.“ Bandath wies mit beiden Händen in die Runde, als wolle er seinen Freunden sein Haus zeigen. „Ohne es zu wissen, habe ich es auf den Kreuzungspunkt der drei Kraftlinien gestellt. Nach der Zerstörung Drachenfurts durch den Vulkan wurde die neue Siedlung rund um die Ruine meines Hauses errichtet. Es ist kein Zufall.“ Bandath nahm noch einen Schluck Gewürzwein. Zusehends fühlte er sich besser. Er richtete sich gerade in seinem Stuhl auf und sah seine Freunde an.

„In den letzten beiden Jahren ist meine Empfindlichkeit, was die Kraftlinien angeht, enorm gestiegen. Manchmal war mir, als würde ich Tag für Tag sensibler für die Magie, die in den Linien fließt …“

„Oh, unser kleines Sensibelchen“, kommentierte Niesputz, wurde aber von Bandath ignoriert.

„Ich hatte schon vor zwei Jahren das Gefühl, als ob irgendwo jemand sitzt und ab und zu an den Kraftlinien … zupft. Ich kam mir manchmal wie eine Spinne vor, die in ihrem Netz sitzt und eine Bewegung an den Fäden spürt.“

„Ich versuche mir gerade eine Spinne mit deinen behaarten Füßen vorzustellen“, kommentierte Niesputz erneut. Dieses Mal fing er sich einen ärgerlichen Blick Bandaths ein.

„Und wer hat sich in den magischen Kraftlinien verfangen?“ To’nella beugte sich vor.

„Niemand. Das Zupfen war eher vorsichtig, so, als würde dieser Jemand das Netz der Kraftlinien austesten, als erkunde er sie, ihren Verlauf, ihre Verknüpfungen und die Magier und Hexenmeister, die sich der Kraft der Magie bedienen, als bereite er sich auf etwas vor.“ Er schluckte. „Und vorhin hat dieser Jemand mit einem einzigen Schlag Magie aus den Kraftlinien entnommen.“

„Aber das machst du doch auch, wenn du zauberst.“ Korbinian hob die Augenbrauen, doch Bandath schüttelte den Kopf.

„Wenn ich Magie wirke“, entgegnete er mit einem Ich-habe-es-euch-doch-schon-hundert-Mal-erklärt-Ton und vermied damit das von ihm gehasste Wort zaubern, „dann entnehme ich keine Magie aus den Kraftlinien. Ich nutze sie wie … wie … wie ein Müller das Wasser eines Flusses nutzt, um sein Mühlrad damit antreiben zu lassen. Kein Magier oder Hexenmeister kann Magie entnehmen. Doch genau das ist jetzt passiert. Und es war kein sanftes Entnehmen. Der Vorgang hatte nichts Vorsichtiges an sich. Es war ein brutales Entreißen. Das Netz hat die Magie nicht freiwillig hergegeben. Hier hat jemand mit Gewalt etwas getan, was bisher noch nie getan worden ist.“ Bandath stierte auf den leeren Becher in seiner Hand.

„Ich verstehe das nicht. Ich habe gedacht, dass ich mittlerweile ein Verständnis für die Magie entwickelt habe, das weit, sehr weit über die Anfänge hinausgeht, die man uns auf Go-Ran-Goh beigebracht hat. Aber das hier …“ Er schüttelte den Kopf. „Es war, als ob die Kraftlinien … dünner geworden sind. Gleichzeitig fühlte ich ein Zerren an mir selbst, wie ein Saugnapf, der an meinem Gehirn klebte … von innen. Ich hatte beinahe das Gefühl, jemand wolle mir die Fähigkeit nehmen, Magie zu wirken. Aber ich bin mir da nicht sicher.“

„Was hast du getan?“ Barella goss ihm einen weiteren Schluck Gewürzwein ein und reichte nun auch den anderen Becher mit dem warmen Getränk.

„Ich habe eine Mauer um mich errichtet. Wenn ich jetzt vorsichtig in die Kraftlinien hinein fühle, dann bemerke ich eine Präsenz in der Magie. Gerade so, als würde jetzt wirklich eine Art Spinne in den Kraftlinien sitzen und alles beobachten. Und ich habe die Befürchtung, dass der Verantwortliche ganz genau merken würde, wenn ich Magie wirke und wo ich Magie wirke.“

Wieder schwieg Bandath, den Blick nach innen gekehrt, als fühle er nach den Linien, die sich unterhalb des Hauses kreuzten.

„Was noch?“ Barella kannte ihn gut genug, um zu merken, dass da noch mehr war.

„Die Magie hat sich ein winziges Stückchen verändert. Ich habe den Eindruck, sie ist … dunkler geworden.“

Verständnislose Blicke wanderten zwischen den Anwesenden hin und her. Bandaths Blick kehrte aus dem Irgendwo zu seinen Freunden zurück.

„Vorher war die Magie neutral, sie diente niemanden und war weder gut noch schlecht. Neutral eben, wie Regen, der auf die Erde fällt. Wenn er fällt, bewässert er die Felder der Guten genau so wie die Felder der Bösen, um es mal ganz einfach zu sagen.“

„Was guckst du mich dabei so an?“, fragte Korbinian empört.

„Aber Regen kann auch böse werden“, meinte Theodil.

Erneut schüttelte Bandath den Kopf.

„Nein, Regen ist da, oder nicht. Manchmal gibt es zu viel oder zu wenig davon zur falschen Zeit am falschen Ort. Das ist schlecht, aber nicht böse. Die Magie aber ist jetzt … böser geworden. Nur ein winziges, ein wirklich sehr kleines Stückchen. Aber ich spüre diese Veränderung. Es ist, als habe jemand eine winzige Menge Gift in einen Bach gegossen, das sich jetzt langsam ausbreitet. Derjenige, der dem Netz Magie entrissen hat und mir die Fähigkeit nehmen wollte, sie zu nutzen, verändert die Magie auch.“

Schweigen breitete sich aus. Dann stöhnte Bandath genervt. „Ich muss wohl doch nach Go-Ran-Goh.“

Er hatte diesen Besuch seit zwei Jahren vor sich her geschoben.

„Wieso das denn?“ Barella sah auf.

„Es ist der einzige Punkt, an dem sich sehr viele Magier befinden. Bevor ich jetzt auf eine lange Suche nach anderen Magiern oder Hexenmeistern gehe, wende ich mich lieber an die …“

„… verknöcherte alte Gilde, die nur ihre Meinung zulässt und jeden bekämpft, der auch nur ein klein wenig davon abweicht“, leierte Niesputz wie auswendig gelernt herunter und hob dabei entschuldigend seine Hände. „Das waren deine eigenen Worte.“

„Ich weiß“, entgegnete Bandath düster.

„Sie sind für den Tod Malogs verantwortlich“, sagte Barella. „Er war einer deiner wenigen Freunde auf Go-Ran-Goh. Auch das sind deine Worte.“

„Ich weiß“, wiederholte Bandath. „Aber es ist der einzige Punkt, an dem ich konzentriert Magier treffe. Es kann nicht sein, dass sie nichts von dem mitbekommen haben, was gerade passiert ist.“

„Sie haben den Bann auf dich gelegt. Du bis kein Magier mehr, du bist nun ein Hexenmeister.“

Jetzt nickte Bandath. „Und das ist auch gut so. Ich will gar kein Magier mehr sein.“

Nach der landläufigen Auffassung der Magier gab es nichts Besseres, als die Ausbildung auf Go-Ran-Goh. Nur wer durch die Schule der Magierfeste gegangen ist, könne sich mit Fug und Recht, als Magier bezeichnen. All die aber, die auf Jahrmärkten zur Belustigung des Volkes auftraten, waren Taschenspieler und Zauberer – was zumindest in Bandaths Augen ein und dasselbe war. Hexenmeister hingegen standen seit jeher außerhalb der Magiergilde, weil sie sich weder den Anordnungen Go-Ran-Gohs beugten, noch nach den Regeln der Gilde Magie wirken wollten. Bandath selbst hatte sich auf seiner Reise nach Cora Lega deutlich gegen die Gilde gestellt und war von ihr ausgeschlossen worden. Erst die Begegnung mit Thaim, dem reisenden Hexenmeister, hatte ihn die Augen für den wahren Charakter der Magie geöffnet. Seither war er bedeutend mächtiger geworden, was die Beherrschung der Magie anging, mächtiger und besser, als er je hätte werden können, hätte er sich an die eng gesetzten Dogmen Go-Ran-Gohs gehalten.

Trotzdem, so schien es ihm, war jetzt eine Situation eingetreten, in der all jene zusammenarbeiten mussten, die Magie wirken konnten. Irgendein unbekannter Feind schröpfte die magischen Kraftlinien, und das durfte keinen, der mit Magie zu tun hatte, unbeeindruckt lassen. Die Magier von Go-Ran-Goh mussten mit ihm reden. Und vielleicht hatte er ja doch noch einen oder zwei Freunde in der Gilde.

Nur mit Anuin Korian, dem Elf, würde er nicht reden. Er und Bolgan Wurzelbart, der Meister des Wachsens und Vergehens, hatten am Rand der Todeswüste seinen Freund Malog getötet, Malog, der Troll, der Torhüter von Go-Ran-Goh gewesen war.

„Ich werde noch einen oder zwei Tage warten“, erklärte Bandath seinen Freunden. „Zuerst möchte ich noch mit dem Troll reden, der gegen die Gorgals gekämpft hat. Und dann denke ich auch, das der günstige Zeitpunkt noch nicht gekommen ist.“

Niesputz verzog das Gesicht.

„Wieder mal dein Bauchgefühl?“ „Wieder mal mein Bauchgefühl“, bestätigte Bandath. „Und jetzt werde ich ins Bett gehen.“

Das war das Zeichen zum Aufbruch.

Korbinian und To’nella wohnten zurzeit in einem Zimmer in der Herberge direkt neben dem Rülpsenden Drummel-Drachen. Die starke Frequentierung des Ortes durch Händler hatte den Bau der Herberge Zum Wolkenzahnblick notwendig gemacht. Natürlich hatte Bandath den Beiden angeboten, in seinem Haus zu wohnen, so lange sie in Neu-Drachenfurt bleiben wollten. Bandath hatte aber sein Haus für sich und Barella gebaut, so dass die hoch aufgeschossenen Elfen ständig gebückt durch die Zimmer laufen mussten, um sich nicht an diversen Lampen, Haken, Regalen und Dachbalken zu stoßen. Der Wolkenzahnblick bot Zimmer für Elfen und man hatte eine wunderbare Aussicht auf den Wolkenzahn, jenen Vulkan, der vor drei Jahren ausgebrochen war und der selbst jetzt, nach seinem endgültigen Erlöschen, ab und an noch einmal ein wenig Qualm rülpste.

Niesputz verzog sich durchs offene Fenster. „Ich werde im Wald schlafen. Ich kenne da eine nette Blütenfee, die gern ihr Nest mit mir teilen wird.“

Auch Theodil brach auf. Sein Haus stand auf der anderen Seite des Dorfes. To’nella nahm Barella an der Haustür zur Seite. „Wirst du zurecht kommen?“

Barella nickte. „Es ist nichts weiter passiert. Ich fühle mich wohl.“

„Seit wann weißt du es?“

„Noch nicht lange. Ich bin mir erst seit einigen Tagen sicher.“

„Und wann wirst du es ihm sagen?“

Barella drehte den Kopf und sah zurück in den Flur, der zur Wohnstube führte. „Ich weiß noch nicht. Wenn die Situation günstig ist.“

To’nella zog sich ihr Tuch enger um die Schultern. Für jemanden, der den warmen Süden gewohnt war, war es noch recht kühl, so zeitig im Frühjahr und so hoch in den Bergen. „Ich habe ein ganz mieses Gefühl, was die günstige Situation angeht.“

Barella sagte nichts, ihr Gesichtsausdruck aber gab der Freundin Recht.

Der Troll hieß Thugol und Bandath lud ihn am nächsten Morgen zum Frühstück in den Rülpsenden Drummel-Drachen ein. Er unterhielt sich bis zum Mittag mit ihm und kehrte dann zu Barella zurück.

„Ich sehe deinem Gesicht an, dass es Ärger gibt.“

Der Zwergling nickte. „Ärger ist untertrieben. Ich muss mit unseren Freunden reden. Mit allen. Jetzt gleich. Bereite bitte einen großen Kessel Tee vor, während ich sie hole.“

„Das heißt, wir setzen uns draußen hin?“ Die Frage war eine reine Feststellung, weil Rulgo überhaupt nicht in das Haus gepasst hätte. Bandath nickte und strich seiner Gefährtin zerstreut über das Gesicht. Er kratzte sich am Kopf und stierte aus dem Fenster. „Übel“, murmelte er. „Sehr übel!“ Dann ließ er Barella allein. Während Bandath losstiefelte, um ihre Freunde zu holen, entzündete sie Holz auf der Feuerstelle, die sie vor dem Haus eingerichtet hatten. Barella stellte ein schmiedeeisernes Dreibein so am Feuer auf, dass der Kessel, den sie daran hängte, genau über den Flammen hing. Sie füllte ihn mit Wasser und legte einen Leinenbeutel zurecht, in den sie verschiedene Kräuter gefüllt hatte. Sobald das Wasser kochte, würde sie den Beutel in den Kessel werfen. Die ganze Zeit jagten sich die Gedanken hinter ihrer Stirn, als würde ein Laufdrache eine Herde Springziegen verfolgen. Bandath war beunruhigt. So alarmiert hatte sie ihn noch nie zuvor gesehen. Für seine Freunde und die Bewohner Neu-Drachenfurts war das nicht so deutlich, aber sie kannte ihn mittlerweile besser als alle anderen. Nur Waltrude, Bandaths ehemalige Haushälterin, hätte es noch gemerkt, die aber war vor zwei Jahren im Kampf gegen einen Sanddämon gestorben, dort unten im Süden. Bandaths Unruhe wiederum beunruhigte sie. Eine Störung ihres Lebens konnte sie gerade jetzt nicht gebrauchen. Das aber, was Bandath aufwühlte, schien weit über eine normale „Störung“ ihres Lebens hinauszugehen, und gefährlicher zu sein als alles, was sie bisher erlebt hatten. An dieser Stelle drehten sich ihre Gedanken im Kreis. Sie wusste, dass das, was gestern Abend passiert war, nie zuvor geschehen war. Hingen die Informationen, die Bandath heute bekommen hatte, damit zusammen? Oder waren sie so schlimm, dass die „Entnahme von Magie“ gestern eher weniger schlimm gewesen war? Sie musste einfach abwarten. Während des Abwartens und Teekochens legte sich ein Stein auf ihr Herz, der beständig größer und schwerer zu werden schien, ihren Herzschlag verlangsamte und ihr die Luft zum Atmen nahm. Etwas Schlimmes stand bevor und sie hatte eine Ahnung, dass es sehr, sehr schlimm werden würde.

Barella war mit den Vorbereitungen kaum fertig, als Menach und Almo Reisigbund erschienen. Beide waren Mitglieder des Rates von Neu-Drachenfurt.

„Bandath hat jetzt nicht unbedingt Zeit für euch“, versuchte Barella den Besuch abzuwimmeln.

Menach lächelte ihr zu. Der Holzfäller war ein Mensch und sehr kräftig gebaut. Er ließ sich auf einen der Baumstämme nieder, die rund um das Feuer als Sitzgelegenheiten bereitlagen. „Bandath hat uns herbestellt“, sagte er. „Er hat ausrichten lassen, dass es Probleme gibt und der Rat sich treffen muss.“

Almo setzte sich neben ihn. Seine Halblingsfüße baumelten kurz über der Erde. Er spreizte die Zehen und blickte auf sie, als würde er erst jetzt bemerken, dass er einen dunklen Pelz an den Füßen trug. „Nimm es uns nicht übel, dass wir dir zur Last fallen. Ich habe auch Arbeit, die zu Hause liegenbleibt. Aber dein Mann hielt es für wichtig. Wirklich wichtig!“, betonte er noch einmal.

Kurz darauf trafen Theodil Holznagel, Korbinian und To’nella ein. Sogar Niesputz kam angesurrt. Zum Schluss erschien Bandath in Begleitung Rulgos, der die ganze Nacht in der Schankstube geschlafen hatte.

Bandath setzte sich und Barella teilte Tonbecher mit Tee aus. Dann kehrte Ruhe ein und alle sahen den Hexenmeister erwartungsvoll an. Der seufzte, ließ den Blick über seine Freunde wandern und seufzte erneut. Es war so, als müsse Bandath etwas Schlimmes sagen, von dem er nicht wusste, wie er es in Worte fassen sollte. „Um es kurz zu machen“, sagte er dann, „die Drummel-Drachen-Berge stehen vor einem Krieg.“

Es war, als hätte jemand in der Großen Bibliothek von Konulan, mitten im allergrößten Lesesaal einen ganzen Korb voller Gläser ausgeschüttet. Einen winzigen Moment lang herrschte absolute Stille und Bandath hörte das Summen der Insekten vor dem Nachbarhaus. Dann redeten alle durcheinander, ohne auf den Anderen zu hören, bis Bandath einen Stein gegen den Teekessel warf und das hell klingende Geräusch alle zum Verstummen brachte. Sie sahen den Hexenmeister an.

„Wie sicher bist du dir?“, fragte Niesputz in die Stille. Stimmlage und Gesicht brachten eher ein „Jetzt ist es also soweit“ zum Ausdruck.

„Leider viel zu sicher. Und ich vermute, dass mein Erlebnis von gestern Abend durchaus damit zusammenhängen könnte.“ Und dann berichtete er von dem, was der Troll Thugol ihm erzählt hatte.

Die Gorgals aus den westlichen Urwäldern seien primitive Völker gewesen, weit davon entfernt, eine Struktur aufbauen zu können, die den Ländereien am Rande der Wälder gefährlich werden könnten. Man hätte Handel mit ihnen getrieben und ab und zu habe es Kämpfe gegeben. Jetzt aber dringen sie vor, in Heeren mit einer Organisation, die ihresgleichen sucht. Knapp drei Dutzend Armeen seien zu unterschiedlichen Zeitpunkten aus verschiedenen Richtungen aus den Wäldern hervorgebrochen und über die Länder östlich der Urwälder hergefallen. Keiner wisse, wie das hatte geschehen können. Erbarmungslos eroberten sie eine Stadt nach der anderen und die Länder fielen ihnen in die Hände wie einem kleinen Kind die Äpfel, wenn es unter dem Baum steht und ein Troll am Stamm rüttelt.

„Die Länder haben den Gorgals nicht viel entgegenzusetzen. Selbstverständlich gibt es Armeen dort, aber die Gorgals sind auf eine Weise organisiert und kämpfen so, dass keiner bisher eine Chance gegen sie hatte. Sogar die großen organisierten Troll-Trupps im Königreich Verolan oder der Republik Camahi’L wurden einfach überrannt.“ Bandath nahm einen großen Schluck Tee und sah in die Gesichter seiner Freunde.

„Die Gorgals aber geben sich mit den erzielten Erfolgen nicht zufrieden. Unser neuer Trollfreund hat mir gesagt, dass die Drummel-Drachen-Berge das erklärte Ziel der Gorgals sind.“

„Aber warum?“, flüsterte Menach.

Bandath zog die Schultern hoch. „Keiner scheint das zu wissen. Der Trupp, dem Thugol angehörte, hat kurz bevor er besiegt wurde, einige wichtige Gefangene gemacht. Unter anderem einen niederen Befehlshaber mit verschiedenen Papieren, aus denen Marschbefehle hervorgingen. Es wurde mehrfach das Endziel Drummel-Drachen-Berge formuliert. Thugol konnte die Passage sogar zitieren: ‚Nach dem Fall von Verolan wird der südliche Weg in die Drummel-Drachen-Berge nur noch durch die Riesengras-Ebene und Flussburg behindert. Diese beiden sind die Aufgabe Ihrer Armee. Sie werden Unterstützung durch die Heere von Wegheld und Tandkorn bekommen. Beide Heerführer haben Order von mir erhalten, sich Ihrem Oberbefehl unterzuordnen. Der Termin Sommersonnenwende bleibt bestehen.‘ Unterschrieben war die Botschaft mit Pyr! Der Schwarze. Pyr! scheint der Oberbefehlshaber der Gorgal-Armeen sein. Thugol sagt, man habe bisher nur von ihm gehört, gesehen hätte ihn noch niemand. Außerdem hätten die Gorgals irgendein mächtiges Wesen auf ihrer Seite, ein magisches Wesen, es wäre groß und könne fliegen. Das ist alles, was die Gerüchte dazu sagen. Nach dem, was der Troll erzählt, könnte es sich vielleicht um einen Drachen handeln.“

„Ein Drummel-Drache?“ Korbinians Stimme klang vor Aufregung piepsig und er musste sich räuspern.

Bandath schüttelte den Kopf.

„Niemals“, sagte Niesputz ungewohnt ernst. „Kein Drummel-Drache würde sich dazu hergeben, mit einer Armee zusammen in die Drummel-Drachen-Berge einzufallen.“

„Drachen gibt es auch an anderen Orten“, bestätigte Bandath die Aussage des Ährchen-Knörgis. „Es könnte einer der Staub-Drachen aus den Wüsten jenseits der westlichen Urwälder sein. Das sind hochintelligente und sehr aggressive Geschöpfe. Oder ein Eis-Drache aus Ländern der Vergessenen Könige nördlich der Drummel-Drachen-Berge. Es würde vielleicht auch erklären, wie die Gorgals sich organisieren konnten.“

„Ich glaube nicht, dass es ein Drache ist“, entgegnete Niesputz.

„Es ist völlig zwecklos, sich im Moment darüber zu unterhalten“, unterbrach To’nella. „Die Frage ist, was wir jetzt tun sollen.“

„Gleich“, sagte Bandath. „Zuerst noch ein paar weitere Informationen. Zu den Gefangenen des Trupps gehörten einige Hauptmänner eines Gorgal-Heeres, die anscheinend von einer Besprechung gekommen waren. Auch sie bestätigten, dass das eigentliche Ziel der Gorgals von Anfang an die Drummel-Drachen-Berge waren.“

„Das haben sie den Trollen einfach so gesagt?“, fragte Theodil.

„Garantiert nicht“, knurrte Rulgo und knackte mit seinen Fingerknöcheln. „Wenn wir wollen, dann können wir ganz schön überzeugend bei Befragungen sein.“

„Nun“, Bandath nahm den Faden wieder auf. „Unsere Trolle waren wohl sehr überzeugend, was die Befragung anging. Die Gorgals haben eine Menge ausgeplaudert. Die Gefangennahme der Hauptmänner schien auch der Grund zu sein, warum Thugols Trupp bei dem Angriff einer enormen Übermacht ausgesetzt war. Bevor sie ihre Erkenntnisse weitergeben konnten, wurden sie bis auf den letzten Mann niedergemacht. Thugol hat überlebt, weil er den Anführern der Troll-Trupps Bericht erstatten sollte. Als er deren Lager jedoch erreichte, lebte auch dort niemand mehr. Nur mit viel Glück konnte er sich bis hierher durchschlagen.“

Bandath breitete eine Karte auf seinen Knien aus und zeigte auf die Gebiete, die er nannte. „Es gibt drei Hauptstoßrichtungen gegen die Drummel-Drachen-Berge. Ein Viertel der Gorgal-Streitmacht umgeht die Berge in einem großen Bogen und kommt aus dem Norden. Ihr Ziel wird der Markt sein. Haben sie den erreicht, werden weitere Befehle folgen. Ein weiteres Viertel der Gorgals wird die Drummel-Drachen-Berge südlich umgehen, die Hindernisse Riesengras-Ebene und Flussburg angreifen und überwinden wollen, bei Flussburg den ewigen Strom überschreiten um dann wahrscheinlich direkt auf Höhe Neu-Drachenfurt in die Berge einzudringen. Der größte Teil der Armee jedoch, die komplette zweite Hälfte, kommt fast geradlinig aus dem Westen und dringt von dort Richtung Go-Ran-Goh vor. Der Marsch der Armeen soll zur Sommersonnenwende beginnen. Bedenkt man die Größe der Armeen, dann werden sie Ende Sommer an ihren Aufmarschpunkten eintreffen. Wir haben also den Sommer über Zeit, unsere Verteidigung zu organisieren. Ich möchte trotzdem nichts auf die lange Bank schieben.“

„Aber weshalb greifen sie die Drummel-Drachen-Berge an?“ Barella hatte die Augen weit aufgerissen und ihre Stimme klang tonlos. Zu entsetzlich war, was Bandath hier ausmalte. „Was wollen die hier?“

„Gestern Abend kam es zu einem Angriff auf die magischen Kraftlinien. Der Angriff kam plötzlich und war … nun sagen wir … sehr heftig.“

„Sehr heftig?“ To’nella schüttelte den Kopf. „Der Angriff war brutal. Du hättest dich mal sehen sollen. Und schau dir nur mal Niesputz’ neue Frisur an.“

Das Ährchen-Knörgi strich sich, eitel grinsend, über die stoppligen Reste seiner Haare.

„Außerdem kannst du froh sein, das Barella nichts passiert ist, in ihrem …“

„Hat dieser Angriff etwas mit den Gorgals zu tun?“, unterbrach Barella die Freundin an Bandath gewandt und schoss der Elfe unter heruntergezogenen Augenbrauen einen strafenden Blick zu.

„Ich habe eine Vermutung“, sagte Bandath, dem der Blickwechsel zwischen To’nella und Barella entgangen war. „Aber ich bin mir nicht wirklich sicher. Was gibt es hier in den Drummel-Drachen-Bergen, was es nirgends sonst gibt?“

„Mich“, sagte Niesputz.

„Wegen dir würde niemand solch einen Krieg führen“, brummte Rulgo. „Da reicht eine Fliegenklatsche.“

„Vorsicht, Troll“, entgegnete Niesputz. „Ich haue dich gleich pfundweise aus deiner grauen Haut. Leg dich bloß nicht mit Stärkeren an.“

„Die Drummel-Drachen?“, fragte To’nella leise.

„Du meinst“, mischte sich jetzt erstmals Menach in das Gespräch ein, „die Gorgals wollen sich mit den Drummel-Drachen anlegen?“

Almo schluckte. „Aber das hat seit den Drummel-Drachen-Kriegen vor viertausend Jahren keiner mehr …“

„Ich denke auch nicht, dass die Gorgals die Drummel-Drachen angreifen werden“, unterbrach ihn Bandath. „Ich denke, es geht ihnen um etwas Anderes, Besseres, Gewaltigeres.“

„Was gibt es Gewaltigeres als einen Drummel-Drachen?“

Korbinian schüttelte den Kopf.

„Die Drummel-Drachen sind gelebte Magie. Du müsstest das wissen, als Hexenmeister. Ihr seid damals auf einem geritten.“

„Richtig.“ Bandath schöpfte sich frischen Tee aus dem Kessel, trank einen Schluck, stellte den Becher neben seine Füße auf die Erde und stopfte sich umständlich die Pfeife. Er schien überhaupt nicht zu bemerken, dass alle ihn anstarrten. Genüsslich paffte er einige Wolken in die Luft, als hätten sie alle Zeit der Welt. Nur Barella erkannte in diesem Moment, dass der Hexenmeister nicht so entspannt war, wie er tat.

„Richtig – was?“, fragte Theodil schließlich. „In deiner Antwort schwingt etwas mit, das du uns noch nicht gesagt hast.“

„Die Drummel-Drachen sind gelebte Magie“, wiederholte Bandath Korbinians Bemerkung. „Das ist völlig richtig, es sind magische Geschöpfe. Aber nicht nur einfach magische Geschöpfe, sie sind die magischen Geschöpfe schlechthin, die einzigen, die es gibt.“

„Ja“, sagte Barella, „das wissen wir.“

„Genau, das wisst ihr. Ihr wisst es genauso, wie ihr wisst, dass Wasser immer bergab fließt und Regen von oben nach unten fällt. Aber ist es euch auch bewusst?“

Schweigen. Alle starrten ihn an und keiner wusste, worauf Bandath aus war.

„Nun …“, sagte Almo, „wenn ich ehrlich sein soll, dann denke ich nicht jeden Tag darüber nach. Gut, ich sehe die Drummel-Drachen an schönen Tagen, wenn sie oben um die Gipfel kreisen. Ich kenne ihren Hochzeitsflug – einmal alle paar Jahre – und ich habe sogar schon einmal einen aus der Nähe gesehen … das heißt, was man halt so Nähe nennt.“

„Eben“, sagte Bandath und Almo kam sich schuldig vor in diesem Moment. „Ihr seht sie, ihr wisst, dass sie hier leben, aber ihr seid euch ihrer nicht bewusst. Das könnt ihr auch nicht, da ihr keinerlei magische Begabung habt. Und das ist jetzt kein Vorwurf.“

Bandath holte tief Luft, dann begann er plötzlich mit einem völlig anderen Thema.

„Die Magie in den magischen Kraftlinien ist nicht einfach nur da, wie Wasser in einem Teich. Sie fließt.“ Er sah in die Runde. „Das habe ich vor etwa einem Jahr festgestellt. Seitdem versuche ich, den Ursprungsort der Magie zu bestimmen. Wenn die Magie in den Kraftlinien fließt, dann muss sie irgendwo her kommen und irgendwo hin gehen.“

„Und?“ Rulgo sah ihn auffordernd an. „Nun lass dir doch nicht alles aus deiner knubbeligen Nase ziehen.“

Bandath griff sich an die Nase, als befürchte er, Rulgo würde mit seinen riesigen Fingernägeln kommen und dort etwas herausziehen wollen.

„Ich habe festgestellt, dass die Magie in allen Kraftlinien, die ich bisher gefunden habe, von den Drummel-Drachen-Bergen weg fließt.“

„Hast du denn mal probiert, einer dieser magischen Kraft-Dingsbums-Linien bis zu ihrem Ursprung zu folgen?“ Rulgo sah in die Runde und machte deutlich, dass er das für eine gute Idee hielt.

„Selbstverständlich. Das ist aber nicht so einfach. Sie sind nicht gerade, sie schlagen unverhofft Haken oder beschreiben Kurven, die keiner voraussehen kann. Irgendwann führen sie durch unwegsames Gelände, eine senkrechte Bergwand hinauf, über einen reißenden Fluss, oder eine unüberwindliche Schlucht.“

„Ach.“ Niesputz richtete sich auf. „Und weil unser Herr Hexenmeister irgendwann in seiner Ausbildung den Kurs Levionszauberei abgewählt hat, kommt er natürlich nicht weiter.“

„Er hat … was?“ Menach beugte sich nach vorn, Unverständnis im Blick.

„Hat er euch das nicht erzählt?“, fragte Rulgo. „Auf Go-Ran-Goh konnten die Schüler selbst bestimmen, was sie lernen wollten. Also entschied sich Bandath dazu, Levion abzuwählen und dafür einen ‚Ich-gucke-anderen-in-die-Augen‘-Kurs zu belegen.“

„Es heißt Levitations-Magie“, korrigierte Bandath unwillig. Dass seine Freunde auch immer wieder die alten Zöpfe hervorkramen mussten. „Und ich habe mich dafür intensiver in Hypnose-Magie ausbilden lassen. Damals hielt ich das für eine gute Idee. Und jetzt genug damit.“

„Die Magie fließt also aus den Drummel-Drachen-Bergen ab?“ To’nella sprang Bandath bei.

„Aber ohne zu versiegen. Ich würde es auch nicht als abfließen bezeichnen. Sie fließt. Ja. In eine bestimmte Richtung. Auch ja. Aber sie wurde zumindest bisher nicht weniger.“

„Das heißt, der Ursprungsort der Magie liegt hier in den Bergen?“ Korbinian sah sich um, als müsste er neben dem nächsten Haus plötzlich eine sprudelnde Quelle entdecken, die sich als Ursprung der Magie entpuppte.

Plötzlich stöhnte To’nella auf. „Nein. Du glaubst doch nicht etwa …“

Sie ließ den Satz unvollendet.

„Was?“, fragte Korbinian und sah To’nella an.

Niesputz, auf Rulgos Schulter sitzend, richtete sich auf. „Du denkst, die Gorgals wollten zum …“ Auch er sprach nicht zu Ende.

Korbinian drehte sich zu Niesputz. „Was?“, fragte er ungeduldig.

Bandath nickte.

„Aber“, Barella schluckte aufgeregt. „Das ist nur eine Legende, ein Märchen. Keiner weiß, ob er wirklich existiert.“

Was?“, fragte Korbinian, jetzt schon deutlich verärgert.

Rulgo knurrte: „Nicht mal der Bewahrer weiß davon – und der ist immerhin mit einem Drummel-Drachen befreundet. Die reden nämlich nicht mit Außenstehenden darüber. Und Außenstehende sind praktisch alle, die keine Drummel-Drachen sind.“

Korbinian stand auf. „Würde mir bitte irgendjemand sagen, worum es hier geht? Ich verstehe nicht ein einziges Wort.“

„Ich auch nicht“, meldete sich Almo schüchtern.

Bandath sah auf. „Ich vermute die Quelle der Magie hier in den Bergen. Es gibt einen Ort …“ Er korrigierte sich: „Es soll einen Ort geben, hier im Gebirge, sagenumwoben, bisher von noch keinem Menschen, Halbling, Zwerg, Gnom, Troll … was auch immer, gefunden. Das ist der Ort, an dem sich die Drummel-Drachen zum Sterben zurückziehen. Der Ort, an dem es eine unbegrenzte Menge reinster, purer Magie gibt. Der Ort, an dem sie geboren werden und von dem sie ihre Kraft erhalten.“

„Au Scheiße“, sagte Korbinian und setzte sich wieder. „Der Drachenfriedhof?“

Bandath nickte. Stille breitete sich aus.

„Und du denkst, die Gorgals kommen hierher, um den Drachenfriedhof zu erobern?“ Korbinian schüttelte den Kopf.

„Was sonst?“, sagte Bandath und klopfte seine Pfeife aus. „Was denn sonst?“

1 Mehr dazu in den Bänden 1 („Die Diamantschwert-Saga“) und 2 („Die Dämonenschatz-Saga“) der Bandath-Trilogie

Aufbruch

Bandath lehnte sich zurück. „Ich werde diese Vermutung überprüfen müssen, auch wenn ich noch nicht weiß, wie. Aber jetzt muss ich nach Go-Ran-Goh. Das hier ist für mich allein zu groß.“

„Bist du dir sicher, dass du zur Magierfeste musst?“ Niesputz sah den Hexenmeister durchdringend an. „Bist du dir wirklich sicher?“

„Nein“, sagte Bandath und sah dabei leidend aus. „Ich bin mir ganz und gar nicht sicher. Ich weiß nicht, ob die Magier mit mir zusammen arbeiten wollen. Ich werde keine Magie wirken können, um mich oder die zu schützen, die mich begleiten, denn dieses Etwas sitzt auf den magischen Kraftlinien und lauert auf jeden, der Magie wirkt. Und schlussendlich lässt mich mein Bauchgefühl völlig im Stich. Ich weiß nicht, was richtig ist. Mir kommt der Gang nach Go-Ran-Goh nur … am wenigsten falsch vor, wenn ihr wisst, was ich meine.“

„Sei vorsichtig. Ein altes Sprichwort sagt: Wer auf der Jagd nach einem Bernsteinlöwen ist, soll sich nicht wundern, einen Bernsteinlöwen zu treffen. Manchmal trifft man aber auch einen Mantikor.“ Niesputz sprach völlig im Ernst.

„Altes Ährchen-Knörgi-Sprichwort, was?“, frotzelte Rulgo und wandte sich dann Bandath zu. „Du brauchst keine Angst zu haben, ich komme mit. So ein Zauberer soll nur mal versuchen, an Rulgo vorbei zu zaubern.“

„Es sind Magier, Rulgo“, korrigierte Bandath. „Und du kommst nicht mit. Für dich und unseren neuen Freund Thugol habe ich eine andere Aufgabe. Wenn die Gorgals kommen, brauchen wir ein schlagkräftiges Heer. Nur du kannst die Trolle dazu bringen, zu den Waffen zu greifen, ohne gleich über die Elfen herzufallen. Du wirst mit Thugol in die Troll-Berge gehen und deinen Einfluss als ehemaliger Anführer nutzen. Thugol wird deinen Bericht mit den nötigen Fakten unterstützen und vielleicht habt ihr gemeinsam die eine oder andere Idee, wie dem ungewöhnlichen Kampfstil der Gorgals beizukommen ist. Ich habe schon mit Thugol gesprochen. Er ist einverstanden.“

Rulgo war gar nicht damit einverstanden, seinen Freund „ohne wirksamen Schutz“, also ohne ihn, in die Höhle des Mantikors zu schicken. „Das ist, als wolle ein Elf allein und unbewaffnet mit einem Bauchladen auf dem Trollmarkt Strümpfe verkaufen.“

Am Ende einer längeren Diskussion aber sah er ein, dass die Mission, mit der ihn Bandath betraute, wichtiger war, als Leibwächter für einen Hexenmeister zu spielen.

„Euer Heer sollte sich so schnell wie möglich Richtung Riesengras-Ebenen in Bewegung setzen. Ihr werdet den Elfen helfen, die Riesengras-Ebenen zu halten. Wenn uns das gelingt, haben wir viel gewonnen.“

„Du brauchst keine Angst um den Hexenmeister zu haben“, sagte Korbinian gönnerhaft zu Rulgo. „Da du im Troll-Land unabkömmlich bist, werden wir Bandath nach Go-Ran-Goh begleiten.“ Mit diesen Worten legte er To’nella die Hand auf das Knie.

Sie legte ihre Hand auf die seine. „Ich glaube nicht.“

„Nicht? Aber wieso? Ich verstehe nicht …“ Korbinian sah von einem zum anderen.

„Elfen verstehen eben von Natur aus nicht immer alles“, knurrte Rulgo.

„Ihr beide“, erklärte Bandath, „geht in die Riesengras-Ebenen zu deinem Vater. Er muss gewarnt werden. Für die Elfen gilt dasselbe, wie für die Trolle. Ihr werdet mit den Trollen zusammen kämpfen.“

„Mit den Trollen? Sag mal, sonst ist aber alles in Ordnung bei dir? Wie soll ich denn die Elfen dazu kriegen, mit Trollen gemeinsam zu kämpfen? Wenn die Armee der Trolle in den Riesengras-Ebenen erscheint, werden die Elfen ganz im Gegenteil erst mal gegen die Trolle kämpfen. Sie werden denken, der Friede sei vorbei …“

„Unterschätz’ mal deine Artgenossen nicht, Korbinian. Ich bin ganz zuversichtlich, dass ihr das hinkriegt.“ Bandath drehte die Pfeife zwischen seinen Fingern. „Und dein Vater wird dabei das kleinste Problem sein.“

„Ich werde nicht mit in die Riesengras-Ebene gehen.“ To’nella umkrampfte mit ihren Fingern Korbinians Hand. „Ich gehe nach Konulan. Mein Vater hat dort einigen Einfluss. Vielleicht kann ich etwas bewegen.“

Bandath nickte zustimmend. Er drehte sich zu Menach und Almo. „Ihr beide müsst dafür sorgen, dass die Nachricht des bevorstehenden Krieges hier auf der Südseite der Drummel-Drachen-Berge verbreitet wird. Mobilisiert die Dörfer, bewaffnet die Leute. Alle Dörfer, die nördlich und westlich von Neu-Drachenfurt liegen, sollen ihre Leute zum Markt schicken und sich dem dort angreifenden Heer entgegenstellen. Die südlich und östlich liegenden Siedlungen senden ihre Leute nach Go-Ran-Goh. Sie werden sich gegen das aus dem Westen eindringende Heer verteidigen müssen.“ Die Bewohner der Dörfer auf der Marschroute des Heeres aber müssten sich tief in die Berge zurückziehen. Es würde keine leichte Aufgabe werden, diese Leute davon zu überzeugen, so kurz nach dem Winter.

Menach und Almo nickten. „Und wir haben die Gorgals aus dem Süden in unserem Rücken“, knirschte Menach zwischen den Zähnen hervor.

„Ihr müsst darauf vertrauen, dass die Elfen und Trolle das Heer aufhalten.“

Menach zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts.

„Ich gehe davon aus, dass du auch eine Aufgabe für mich hast, die mich von dir weg führt?“ Theodils Stimme schwankte ein wenig und verriet seine Unsicherheit.

„Du gehst nach Flussburg. Die Bürger Flussburgs müssen die Elfen unterstützen. Sprich zuerst mit den Zwergen und den Gnomen, erst dann mit den Elfen. Wenn sie dir nicht glauben, sollen sie Boten zu Gilbath in die Riesengras-Ebene senden. Und sag ihnen“, jetzt nahm Bandaths Stimme einen drohenden Klang ein, „wenn sie wieder so kneifen wie während des Vulkan-Ausbruches vor drei Jahren … wenn sie erneut ihre Tore schließen und nicht helfen, dann werden die Elfen die Gorgals passieren lassen und sie erst aufhalten, wenn diese mit Flussburg fertig sind. Und das ist mein Ernst.“

Theodil nickte. „Nur zu gerne werde ich ihnen das sagen.“ Er hatte vor drei Jahren zu den Flüchtlingen gehört, die vor den verschlossenen Toren Flussburgs vergeblich auf Hilfe gehofft hatten.

„Gut“, Niesputz rieb sich die Hände. „Dann sind wir nur noch drei, die nach Go-Ran-Goh gehen werden.“

Bandath schüttelte den Kopf. „Du wirst mich ebenfalls nicht begleiten. Wir brauchen einen Späher. Flieg nach Westen und sieh’ zu, was du rauskriegst.“

Niesputz surrte hoch. „Gute Idee.“

Er versprühte grüne Funken, wie immer, wenn er aufgeregt war.

„Ich werde dich zu finden wissen.“ Dann verschwand das Ährchen-Knörgi in Richtung Westen hoch am Himmel.

„Und du“, wandte sich Bandath an Barella, doch die ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Vergiss einfach alles, was du jetzt sagen wolltest. Wenn du denkst, ich lasse dich allein in die Magier-Feste ziehen, dann hast du noch nichts gelernt, seit wir zusammen sind.“

Bandath zog den Kopf ein. Eigentlich war ihm das klar gewesen.

„Aber wir brauchen jemanden, der nach Pilkristhal oder vielleicht sogar in die Todeswüste nach Cora-Lega geht. So gering die Chance auch ist, dass sie uns helfen können, will ich nichts unversucht lassen.“

„Ein altes Sprichwort sagt: Schicke keine Boten nach Pilkristhal, wenn Pilkristhal Boten zu dir schickt, Hexenmeister.“ Eine Stimme von außerhalb der Versammlung ließ alle den Kopf drehen. Nur wenige Schritte hinter ihnen stand ein Mann in einer bodenlangen Kutte, die deutlich als Tracht von Cora-Lega zu erkennen war. Er hob die linke Hand, legte sie auf sein Herz und verbeugte sich leicht. Seine schwarzen Haare wurden durch einen Silberreif zusammengehalten. Unter dem grauen Stoff seiner Kutte leuchtete eine Goldkette an seinem Hals und auch die unter der Kutte getragene Kleidung wies auf einen gewissen Wohlstand hin.

„Unser König, der Herrscher von Cora-Lega, entsendet dem großen Hexenmeister Bandath seine Grüße.“ Die Stimme des Fremden war tief und volltönend. Man hatte unwillkürlich den Eindruck, dass er laut und weittragend rufen könnte.

„Ratz sendet seine Grüße?“ Bandath sah den Ankömmling fassungslos an. „Das glaube ich jetzt nicht.“

„Ich wusste, dass du das sagen würdest. Doch glaube es ruhig, Hexenmeister.“

Der Fremde trat näher und zeigte auf einen freien Platz neben To’nella. „Darf ich? Es war eine lange Reise.“

„Aber ja“, Bandath sprang auf, als entsänne er sich plötzlich seiner Pflichten als Gastgeber. „Kann ich dir Tee anbieten?“

„Wasser wäre mir lieber.“

Barella holte einen Krug Wasser und reichte dem Fremden einen Becher. Keiner in der Runde sagte ein Wort solange der Fremde trank.

„Ah, das tat gut.“ Er wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen und sah in die Runde.

Er nickte der Zwelfe zu. „Du musst Barella sein. Unser Herrscher lobte dein Können in den höchsten Tönen. Genau wie eures, To’nella und Korbinian. Er hat erfahren, dass ihr ein Paar geworden seid und freut sich darüber. Er meinte, das würde besonders dir gut tun, Korbinian.“

„Da hat er recht“, dröhnte Rulgo, der neben Korbinian saß und schlug dem Elf auf die Schultern. Der wurde nach vorn geschleudert und landete kurz vor dem Feuer auf Knien und Händen. Der Tonbecher in seiner Hand zerbrach.

„Rulgo!“, rief Barella wütend. „Hör auf, mein Geschirr kaputt zu machen.“

„Der Troll Rulgo.“ Jetzt nickte der Fremde dem Troll zu. „Benutzt du noch immer das riesige Insektenbein als Keule?“

Rulgo hatte in Cora-Lega seine Holzkeule gegen das Bein einer überdimensional großen Sandwespe eingetauscht, das Korbinian ihr bei einem Kampf abgeschlagen hatte.

„Jepp!“, bestätigte Rulgo. „Es liegt bei meiner Ausrüstung.“

„Du meinst, bei dem groben Sack mit deiner Wechselhose.“ Korbinian hustete mehr, als dass er sprach. „Und hör’ endlich auf, mir auf den Rücken zu klopfen.“

Rulgo grinste schweigend.

„Du musst Theodil der Zwerg sein, der Zimmermann mit der Axt, die den Kristall zerstörte und Cora-Lega erlöste.“

„Ja.“ Theodil schien peinlich berührt. „Aber geführt hat die Axt euer Herrscher.“

Bandath hob die Hand. „Du scheinst uns alle gut zu kennen. Wer aber bist du? Und wenn du wirklich aus Cora-Lega kommst, weshalb hat Ratz Nasfummel dich geschickt?“

„Ich bin Farael der Seher. König Ellenbogen …“, er hüstelte, „unser Herrscher sendet seine Grüße und bietet seine Hilfe an. Er hat über das Orakel der Drei Schwestern erfahren, dass den Drummel-Drachen-Bergen ein Krieg droht, ein gnadenloser, gewaltiger, schrecklicher, grausamer Krieg.“

„Der kann einem so richtig Mut machen“, flüsterte Korbinian.

„Unser Herrscher schickt mich zur Unterstützung des Hexenmeisters. Mit meiner Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen, kann ich zum Sieg beitragen, sagt unser Herrscher.“

„Was für eine Hilfe“, knurrte Rulgo abwertend. „Jemand, der das Wetter von morgen voraussagen kann. Toll.“

„Ich soll dir, Bandath, in den nächsten Monden nicht von der Seite weichen, sagt unser Herrscher.“

„Wie schön“, flüsterte Barella. „Ich wollte schon immer einen lebenden Bettvorleger.“

„Es werden schwere Zeiten auf euch zukommen …“

„… sagt euer Herrscher“, ergänzte Korbinian. „Sagst du auch mal was alleine?“

„Ich wusste, dass ihr mich nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen werdet. Unser Herrscher hat gesagt, dass ihr ihn damals auch nicht mitnehmen wolltet. Besonders Waltrude, deine Haushälterin, Hexenmeister, hatte sich gegen ihn gestellt. Nur dir, To’nella, war es zu verdanken, dass er dem Kerker von Pilkristhal entkommen konnte.“

„Womit wir die Wahrheit deiner Worte wohl bewiesen hätten. Es gibt kaum jemanden, der all diese Einzelheiten kennen sollte, außer Ratz Nasfummel selbst“, murmelte Barella und legte Bandath die Hand auf das Knie. Der Tod Waltrudes hatte Bandath sehr mitgenommen, denn sie war für ihn weit mehr, als nur eine Haushälterin gewesen. Noch immer wachte er in manchen Nächten von Albträumen geplagt auf.

„Wenn du ein Seher bist, dann sag uns doch, wie der Krieg gegen die Gorgals ausgehen wird. Wo müssen wir angreifen, um sie zu besiegen? Welchen Weg werden ihre Heere nehmen?“ To’nella hatte noch weit mehr Fragen parat.

„So einfach ist das nicht, hübsche Elfe. Das In-die-Zukunft-Sehen ist eine schwierige Kunst. Es kann nicht immer dann angewandt werden, wenn man es braucht. Manchmal kommt und geht es, wie eine launische Katze. Dann sehe ich völlig belanglose Dinge, wie zum Beispiel einen kaputten Tonbecher, ohne aber zu wissen, dass er sich in der Hand eines Elfen befand, der von dem freundschaftlichen Klaps eines Trolls nach vorn geschleudert wurde.“

„Wie witzig“, knurrte Korbinian.

„Du bist also gesandt worden, um dich an mich zu hängen?“ Wie Barella war auch Bandath nicht begeistert von dieser Aussicht.

„Unser Herrscher ist davon überzeugt, dass ich im richtigen Moment einen entscheidenden Hinweis geben kann.“ Ergeben senkte Farael seinen Kopf.

„ ‚Er wird etwas Wichtiges sehen!‘, das waren seine Worte über mich, als er von den Drei Schwestern zurückkehrte. Außerdem“, fuhr er fort, „sendet unser Herrscher eine kleine Streitmacht. Sie soll helfen, die Verteidigung der Drummel-Drachen-Berge zu organisieren. Zusammen mit den von Hauptmann Eneos aus Pilkristhal zugesicherten Kriegern wird sich unser Heer auf etwa siebentausend Mann belaufen. Ich denke, sie werden Mitte des Sommers da sein.“

„Mitte des Sommers?“ To’nella wog den Kopf. „Da können die Drummel-Drachen-Berge schon voller Gorgals sein.“

„Ein Heer ist nicht so schnell wie eine kleine Gruppe. Und es ist ein weiter Weg von der Todeswüste hierher.“

„Versteh’ uns bitte nicht falsch.“ Bandath goss dem Seher Wasser nach. „Wir haben eben erst erfahren, welche Gefahr uns droht.“

„Oh, ich bin euch nicht böse. Ich habe eure Reaktion vorausgesehen.“

„Sicher“, knurrte Korbinian. „Hätte ich auch und dazu bräuchte ich kein … Seher zu sein.“

„Wir haben bereits einige Entscheidungen getroffen“, begann Bandath zu erklären, doch Farael unterbrach ihn.

„Ich konnte den letzten Teil der Unterhaltung verfolgen, Hexenmeister. Der Wirt eures Gasthauses war so freundlich, mir den Weg zu deinem Haus zu weisen und so lauschte ich, unbeabsichtigt natürlich, eurer Unterhaltung.“

„Natürlich“, grollte Korbinian und erntete dieses Mal einen Rippenstoß von To’nella.

„Ich bin kein Krieger, doch ich denke, du hast gute Entscheidungen getroffen. Wann brechen wir nach Go-Ran-Goh auf?“

„Oh.“ Bandaths Miene hellte sich auf. „Ich glaube nicht, dass du uns wirst begleiten können. Barella reitet auf Sokah, ihrem weißen Leh-Muhr und ich auf Dwego, meinem Laufdrachen.“

„Das ist überhaupt kein Problem. Ich habe mir in Pilkristhal ein Quilin zugelegt und ich denke, dass dieses es durchaus mit deinem Laufdrachen aufnehmen kann, sowohl in Bezug auf seine Ausdauer, als auch auf die Schnelligkeit.“

„Ein Quilin?“ Ungewollt hob Bandath die Augenbrauen. „Nun, dann können wir ja ein ordentliches Tempo an den Tag legen.“

Er stand auf und machte damit deutlich, dass alles gesagt und getan war, was zu diesem Zeitpunkt gesagt und getan werden konnte.

„Wie lange brauchen wir, um aufzubrechen?“, wandte er sich an Barella.

„Wir?“, fragte die Zwelfe und zog die Augenbrauen hoch.

„Das ist die Zusammenfassung von ich und du“, entgegnete Bandath.

„Du?“, antwortete sie. „Eine Stunde, höchstens. Ich mindestens drei. Dafür habe ich dann alles in meinem Schultersack, was du brauchst und vergessen hast.“

„Ich habe noch nie etwas gebraucht, was ich nicht dabei hatte“, entgegnete Bandath unwirsch, weil ihm das Grinsen auf den Gesichtern seiner Freunde nicht entgangen war.

Die Freunde erhoben und verabschiedeten sich voneinander. Ihnen war flau im Magen. Solch eine Trennung bei dem, was den Drummel-Drachen-Bergen bevorstand, behagte keinem einzigen. Selbst Rulgo hätte seine Freunde gern dabei gehabt, wenn er es auch nie zugeben würde.

„Ich gehe Dwego und Sokah rufen“, murmelte Bandath schließlich und gab damit das Zeichen zur Trennung. Schweigend schlichen sie mehr auseinander, als dass sie gingen. Nur der Seher blieb vor dem Haus stehen und murmelte: „Das habe ich kommen sehen.“

To’nella und Korbinian begaben sich zur Herberge. Sie brauchten nicht lange, um zu packen, ihre Pferde zu satteln und sich auf den Weg zu machen. Gemeinsam wollten sie bis Flussburg reisen und sich dort trennen. To’nellas Reise würde nach Osten gehen, Korbinians nach Westen.

„Ich werde euch ein Stück begleiten.“ Rulgo trabte neben den Pferden her, gefolgt von Thugol, dem Troll aus dem Westen. Trollen machte die Geschwindigkeit der Pferde nichts aus, sie konnten sehr ausdauernd sein. „Das wird schön: zwei Freunde zusammen auf einem Abenteuer.“

„Wie jetzt: zwei Freunde?“ Korbinian war alles andere als begeistert.

Rulgo zwinkerte To’nella zu. „Ach ja, zwei Freunde, ein fremder Troll und Korbinian auf einem Abenteuer. Ich hatte dich glatt übersehen.“

Theodil sattelte sein Pony und machte sich allein auf den Weg nach Flussburg, nachdem er sich von seiner Frau und dem Sohn verabschiedet hatte. Die Elfen hatten ihm angeboten, gemeinsam mit ihm zu reisen, aber er würde sie mit seinem Pony nur aufhalten. Schließlich war ihr Weg bedeutend weiter als seiner. Es war eine undankbare Aufgabe, dachte er. Die Kaufleute, die in Flussburg das Sagen hatten, waren alles andere als entgegenkommend. Alles, was nicht ihrem Profit diente, wurde rigoros abgelehnt. Bandath hatte aus der Zeit des Vulkanausbruches noch die eine oder andere offene Rechnung mit einigen der Kaufleute. Hätte er sie inzwischen beglichen, wäre Theodils Mission nicht so schwierig.

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