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Die Drachen von Montesecco

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

1 Maestrale

2 Libeccio

3 Ponente

4 Ostro

5 Scirocco

6 Levante

7 Tramontana

8 Bora

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

… eppur, felice te che al vento
non vedesti cader che gli aquiloni!

… und doch, glücklich bist du, der du im Wind
nur die Drachen fallen sahst!

Giovanni Pascoli

1
Maestrale

Zweiundachtzig Jahre hatte Benito Sgreccia hinter sich gebracht, dann lebte er drei Tage und Nächte, und am vierten Tag starb er. Am Sonntag um 14 Uhr 10 wurde er zum letztenmal gesehen, als er den befrackten Kellner mit einer Handbewegung zurückwies und abrupt vom Tisch aufstand. Nach einem mühsam unterdrückten Hustenanfall sagte er zu Wilma, Laura und Piroschka, sie sollten den Hummer allein essen, ihm sei von den Austern und den Mazzancolle sowieso schon übel, er wolle lieber ein wenig frische Luft schnappen.

Dann stieg der Alte die Treppe hinauf und trat auf die Dachterrasse des Pfarrhauses hinaus. Große blaue Fahnen knatterten im steifen Herbstwind. Der Maestrale brachte trockene, kalte Luft aus Nordwesten, doch die Temperaturen schienen Sgreccia nichts auszumachen. Er zog den Liegestuhl aus dem Windschatten des Kirchendachs an die Brüstung der Terrasse vor und ließ sich ächzend nieder.

Unter ihm lag Montesecco. Die Häuser des kleinen Dorfs duckten sich vor dem Wind, die Dächer krallten sich ineinander, als hätten sie beschlossen, den Rest der Welt für immer auszusperren oder – wenn es denn sein müßte – gemeinsam wegzufliegen und den leergefegten stahlblauen Himmel über jedem Wohnzimmer zu offenbaren. Am Ortsausgang kämpfte ein Papierdrachen gegen den Wind an. Die bunten Dreiecke an seinem Schwanz standen in einer fast waagerechten Linie hintereinander. Die Leine war genausowenig zu sehen wie derjenige, der sie führte.

Die Piazzetta direkt unter Sgreccia und der Weg, der zum Haus von Costanza Marcantoni anstieg, waren menschenleer. Die anderen Gassen verschwanden im Gewirr der Mauern und Ziegelschrägen. Man hätte meinen können, es gäbe gar keine Wege zwischen den Häusern oder nur unterirdische wie in einem Maulwurfsbau. Doch natürlich wußte Sgreccia, wo sich die Gassen in die Dächerlandschaft schnitten, genau wie er wußte, wer in welches Haus gehörte und wer vor einem halben Jahrhundert dorthin gehört hatte. Zweiundachtzig Jahre waren eine lange Zeit.

Nicht, daß sich nichts verändert hätte! So waren auch auf die Häuser von Montesecco Satellitenschüsseln gepflanzt worden, bei Ivan, bei Milena Angiolini, bei dem Deutschen, der Paolo Garzones Haus gekauft hatte, und nicht zuletzt bei Benito Sgreccia selbst. Die Schüsseln klebten an den Dächern wie seltsame weiße Ohren, die alle in dieselbe Richtung lauschten. Nach Südwesten. Als sei genau dies die Himmelsrichtung, in der sich das wirkliche Leben abspielte, das der Stars und Katastrophen, der Champions League, der Börsenkurse und der Politskandale. Das Leben, in dem Berlusconi Wahlen gewann, die gute alte Lira durch den Euro ersetzt wurde und sich auch sonst dauernd irgend etwas Wichtiges ereignete. Etwas Buntes, Zähes, Beharrliches. Es kroch hinein unter die ausgebleichten Dächer von Montesecco und flüsterte unaufhörlich, daß jeder seines Glückes Schmied sei.

Benito Sgreccia hustete. Er war in Montesecco geboren worden, dort drüben in dem grauen Haus am Dorfrand. Als die Hebamme aus Pergola eingetroffen war, war er schon abgenabelt gewesen. Er wußte nicht, wieso er es so eilig gehabt hatte, auf die Welt zu kommen. Er war dann aufgewachsen wie alle anderen und hatte sich genausowenig wie sie gefragt, ob das Leben einen anderen Sinn hatte, als es zu erhalten. Er hatte geheiratet und einen Sohn in die Welt gesetzt. Auch eine Tochter hätte er gern gehabt, doch das sollte nicht sein. Den Krieg hatte er glücklich überstanden, sich dafür nachher in den Schwefelminen von Cabernardi die Lunge ruiniert. Später hatte er viel Zeit gehabt, hatte mit Gianmaria Curzio herumgesessen, Grappa getrunken und sich dieses und jenes durch den Kopf gehen lassen.

Er hatte keinen Grund zu klagen. Er hatte keinen Grund, sentimental zu werden. Er spürte den kalten Wind, der jetzt in Böen von den Bergen herabfuhr. Er fragte sich, ob Sterben leicht war.

Die Böen rüttelten an den Fensterläden von Montesecco, doch es war klar, daß sie nicht Ernst machten. Sie klopften nur kurz an, ohne wirklich interessiert zu sein, ob jemand zu Hause war, und dann stürzten sie sich über das Mäuerchen am Ostrand des Dorfs hinab zum Friedhof, beugten die Spitzen der Zypressen und rauschten durch den Wald am gegenüberliegenden Hügel wieder hoch. Die Blätter der Bäume waren noch grün, nur vereinzelt blinkten gelbe Flecken heraus, fast wie Gischt auf bewegtem Meer. Ja, fast wie das Meer! Die Windböen ließen Wellen durch die Baumkronen laufen, denen Sgreccia mit den Augen folgte, bis sie oben über den Hügelkamm schwappten. Die Zweige schwangen zurück und hatten noch nicht ausgependelt, als sie die nächste Welle faßte.

Vielleicht ist es das, was bleibt, dachte Sgreccia. Das Spiel der Elemente. Daß der Wind den Wald in Meer verwandelte.

Sgreccia hustete. Ihm wurde nun doch kalt. Er spürte, wie sich trotz seiner Anzugjacke die Härchen an seinen Unterarmen aufstellten. Er hörte den Wind pfeifen und versuchte das Geräusch nachzuahmen. Ihm schien, daß der Wind lauter wurde. Vielleicht lachte er ihn auch aus.

»Lach nicht!« sagte Benito Sgreccia leise. Er verschränkte die Arme vor der Brust, doch er wußte, daß ihm nicht mehr warm werden würde.

Dann hauchte er sein Leben aus, und der Wind trug es aus dem Dorf, in dem Sgreccia geboren worden war, über den Friedhof hinweg und schwemmte es den gegenüberliegenden Hügel hinauf, wo es hinter dem Kamm verschwand.

»Wer hat dich entführt?« fragte ich.

Der Junge saß am Boden und zitterte, obwohl es nicht besonders kalt war.

»Sag mir, wer es war!« sagte ich sanft.

»Der böse schwarze Mann«, sagte der Junge.

»Der mit den feuersprühenden Augen?«

Der Junge nickte. Auf dem Steinboden neben ihm lag Seidenpapier. Rotes, schwarzes, gelbes.

»Beschreib ihn mir!« sagte ich.

»Er ist ganz schwarz angezogen und trägt eine Maske über dem Gesicht, aus der die Augen hervorglühen, und er ist groß und …«

»Wie groß? So groß wie ich?« fragte ich.

Der Junge schüttelte schnell den Kopf. »Nein, viel größer. Mindestens einen Kopf größer.«

Ich wußte nicht, was ich ihm glauben konnte. Fünf Minuten später würde er vielleicht etwas völlig anderes behaupten. Man kann ja in das Hirn eines Menschen nicht hineinschauen. Entweder du traust ihm oder eben nicht. Ich halte mich eher an die zweite Variante: Wenn du dich auf andere verläßt, bist du schon verlassen. Wer hat das gleich gesagt?

»Nimm doch eine Decke!« sagte ich zu dem Jungen.

»Was?«

»Weil du so zitterst.«

»Ich zittere gar nicht«, sagte der Junge. Das war gelogen. Ich sah klar und deutlich, daß er zitterte.

»Gut«, sagte ich. Es gibt immer mehr als eine Wahrheit. In seiner zitterte der Junge eben nicht. War es dieselbe Wahrheit, durch die ein böser schwarzer Mann mit feuerspeienden Augen tobte? Der Junge hatte Schreckliches erlebt. Ich mußte Geduld mit ihm haben. Alles braucht seine Zeit. Der Junge griff nach einem Bogen roten Seidenpapiers und faltete ihn über Eck. Er richtete die Kanten sorgfältig übereinander aus. Dann öffnete er den Bogen wieder und faltete ihn über die andere Diagonale.

»Vertrau mir!« sagte ich. »Ich bin immer da. Darauf kannst du dich verlassen. Ich werde dem schwarzen Mann sagen, daß er dir nichts tun darf, weil du so ein braver Junge bist. Ich passe auf dich auf, jetzt und heute nacht und dein ganzes Leben lang. Das verspreche ich dir.«

Der Junge begann zu weinen. Er tat mir fürchterlich leid.

»Warum weinst du?« fragte ich.

»Ich weine doch gar nicht«, schluchzte er.

Da wußte ich, daß es nicht gut enden konnte.

Sgreccias drei Tage Leben hatten damit begonnen, daß er Lidia Marcantoni um die Schlüssel fürs Pfarrhaus bat. Wie um seine Forderung zu bekräftigen, stand hinter ihm eine Leibwache von vier Frauen, die mit Besen, Staubsauger und Wischlappen bewaffnet waren. Lidia kannte keine von ihnen, und das bedeutete, daß sie nicht aus der Gegend stammen konnten. Schließlich lebte Lidia seit mehr als siebzig Jahren hier. Die Marcantonis waren eine alteingesessene Familie. Und eine der angesehensten in Montesecco, auch wenn Lidias Geschwister ihrer Meinung nach den Ruf der Familie nicht sehr förderten. Doch solange Lidia atmete, würde sie das Schlimmste zu verhindern wissen.

»Die Schlüssel?« fragte sie ablehnend. Schon seit Ewigkeiten stand das Pfarrhaus leer. Der Pfarrer kam nur noch sporadisch aus Pergola, um die Messe zu lesen. Er brauchte jemanden in Montesecco, der ab und zu nach dem Rechten sah. Jemand Besseren als Lidia Marcantoni hätte er dafür nicht finden können. Sie hütete das ihr anvertraute Eigentum der Kirche, als hinge ihr Seelenheil davon ab.

»Die Schlüssel fürs Pfarrhaus? Warum?« fragte sie.

»Wegen dem Saal im ersten Stock.«

»Das ist kein Saal, das ist ein großes Zimmer. Und was willst du dort überhaupt?«

»Erst mal saubermachen.« Sgreccia wies mit dem Daumen auf die Putzkolonne hinter sich.

»Und dann?«

»Das ist privat«, sagte Sgreccia.

»Privat!« wiederholte Lidia in einem Ton, der vor Verachtung troff. Mit einer solchen Begründung hätte selbst der Papst vergeblich um die Schlüssel gebettelt. Lidia drehte sich um und zog die Tür hinter sich zu.

Bevor sie ins Schloß fiel, fragte Sgreccia schnell: »Was kosten eigentlich neue Bänke für die Kirche?«

Die Tür öffnete sich wieder einen Spalt.

»Warum?« Lidias Stimme war pures Mißtrauen.

»Ich erwäge eine Spende«, sagte Sgreccia würdevoll. Er rückte das Revers seiner Anzugjacke zurecht.

»Du?« fragte Lidia.

»Ja, ich.«

»Für eine Kirchenbank?«

»Für alle Kirchenbänke. Ein ganzes neues Set.«

Lidia ließ die Tür langsam aufschwingen. Sie kniff die Augen zusammen und überlegte. Dann sagte sie: »Ich habe mich schon mal unverbindlich informiert, es gibt da unterschiedliche Modelle. Für uns alte Leute, die mit dem Knien ihre Schwierigkeiten haben und überhaupt nicht mehr so rüstig sind wie früher – und leider sind es ja nur die, die regelmäßig in die Kirche gehen –, ist es unbedingt erforderlich, daß …«

»Du wirst schon das Richtige aussuchen«, sagte Sgreccia.

»Mit Polsterung?« fragte Lidia ungläubig. »Und du bezahlst?«

Sgreccia nickte.

»Alles?«

»Ich bin zweiundachtzig Jahre alt«, sagte Sgreccia. »Ich kann mein Geld nicht mit ins Grab nehmen.«

Lidia war nicht sicher, was sie davon halten sollte. Wahrscheinlich hatte Sgreccia schlimme Sünden gutzumachen, von denen keiner wußte. Für die Absolution war allerdings ein geweihter Pfarrer zuständig, da mußte sie sich heraushalten. Andererseits lockten die neuen Kirchenbänke, um deren Anschaffung sie jahrelang vergeblich nachgesucht hatte. Gepolsterte Kirchenbänke! Im Glauben lag die Kraft, und die Wege des Herrn waren unerforschlich! Warum sollte Gott nicht ein Wunder zugunsten der Hüftsteifen und Kniekranken Monteseccos vollbringen? Und wieso sollte er sich nicht des alten Sgreccia dafür bedienen?

Lidia Marcantoni beschloß, dem Herrn zu danken und sofort eine Kerze anzuzünden. Oder zwei. Sie sagte: »Wenn du dein Versprechen nicht hältst, Benito …«

»… dann soll mich der Teufel holen«, sagte Sgreccia.

Er wachte selbst darüber, daß die Putzfrauen in den nächsten beiden Stunden auf Hochtouren arbeiteten. Sie waren noch nicht ganz mit dem Pfarrhaus durch, als ein Möbelwagen in Montesecco ankam. Nur mit viel Rangieren und noch mehr Fluchen gelang es dem Fahrer, die engen Ecken vor der Piazza zu überwinden und zum Pfarrhaus hochzufahren. Er parkte vor der Kapelle des heiligen Sebastian und trieb seine Gehilfen an auszuladen. Als erstes wuchteten sie ein chromglitzerndes Monstrum von Kühlschrank aus dem Laderaum.

»Mit Eiswürfelautomatik?« fragte der alte Sgreccia.

»Damit können Sie das ganze Dorf vereisen«, sagte der Fahrer.

»Die Treppe hoch. Erster Raum rechts«, sagte Sgreccia.

Der Rest der Kücheneinrichtung bestach durch kühle Eleganz in Aluminium und poliertem grauen Marmor. In das große Zimmer wurde ein riesiges rotes Ledersofa geschleppt, dazu ein Jugendstileßtisch mit acht passenden Stühlen, eine Musikanlage, ein DVD-Player, ein Fernsehapparat mit einem Bildschirm, dessen Dimensionen an die Leinwand des Kinos in Pergola erinnerten, und ein schwarz lackiertes Klavier. Den Billardtisch dirigierte Sgreccia ganz nach oben.

»Was soll das werden?« fragte Ivan Garzone, der mit einem Karton leerer Weinflaschen aus seiner Bar schräg gegenüber getreten war. Er stellte den Karton neben der Tür ab. Seine Frau Marta schüttelte den Kopf. Ihrem Sohn stand der Mund vor Staunen offen. Nach und nach fand sich halb Montesecco auf der Piazzetta ein.

»Alles in Ordnung, Benito?« fragte der alte Curzio besorgt.

»Was ist denn hier los?« fragte Milena Angiolini, nachdem sie sich zwischen den Möbelpackern und einem gerade vor der Kirche einparkenden Fiat Panda durchgekämpft hatte. Die schaulustigen Dorfbewohner waren an das Mäuerchen am Rand der Piazzetta zurückgedrängt worden. Benito Sgreccia würdigte sie keines Blickes, geschweige denn einer Erklärung.

Der Fahrer des Fiat Panda stieg aus. Er war ein kleines, hageres Männchen, das in seinem schwarzen Frack verloren wirkte. Unschlüssig ging er auf die Gruppe an der Mauer zu, kam aber nicht an den Möbelpackern vorbei, die einen riesigen Spiegel zum Pfarrhaus schleppten. Sgreccia zeigte auf eines der Fenster unter der Dachterrasse. »Nach oben! Genau wie das Wasserbett.«

»Das Wasserbett?« fragte Lidia Marcantoni fassungslos. Sie hatte von Wasserbetten gehört, wie man von schwarzen Löchern in der Weite des Universums hört, konnte sich aber nicht vorstellen, daß irgend jemand sich so etwas in sein Schlafzimmer stellte. Und schon gar nicht in ein Pfarrhaus. Ohne daß sie den Zusammenhang genau hätte benennen können, schien ihr das Wasserbett als solches ein Beweis für die Existenz des Teufels zu sein, woraus sie schloß, daß, wer immer sich auf einem ausstreckte, nach seinem Tod geradewegs in die Hölle verbannt würde. Lidia Marcantoni fragte sich, ob Montesecco wirklich gepolsterte Kirchenbänke brauchte.

»Benito dreht vollkommen durch«, nuschelte Franco Marcantoni aus seinem zahnlosen Mund.

»Seit Fiorellas Tod ist er nicht mehr der alte«, sagte Gianmaria Curzio. Er und Benito Sgreccia hatten sich früher täglich an der Bank am Dorfeingang getroffen, um heimlich Grappa zu trinken, doch seit Sgreccias Frau gestorben war und ihm niemand mehr den Schnaps verbot, hatte er sich immer seltener sehen lassen. Curzio nahm an, daß es daran lag, auch wenn er nie gefragt hatte. Über so etwas sprach man unter Männern nicht, selbst wenn es sich um den besten Kumpel handelte. Und schließlich war Benito ja wahrlich alt genug, um zu wissen, was er wollte.

»Entschuldigung …«, sagte der kleine Mann im Frack zaghaft.

»Das baut sich langsam auf«, sagte Franco Marcantoni. Er ließ seine runzlige Hand senkrecht nach unten fahren. »Und zack, dann kippt es um! Alle Sicherungen brennen gleichzeitig durch. So ähnlich wie damals kurz nach dem Krieg bei Milenas Großvater, der …«

»Entschuldigung!« Der Zwerg im Frack versuchte ein wenig energischer, von irgend jemandem wahrgenommen zu werden.

»Was ist?« fragte Ivan Garzone.

»Ich bin der Pianist«, sagte der Mann im Frack.

»Wie schön für Sie«, sagte Ivan Garzone und sah gebannt den Möbelpackern zu, die einen zweiten Spiegel durch die Pfarrhaustür lavierten. Vielleicht sollte er seine Bar auch mit so etwas auskleiden. An gegenüberliegenden Wänden, so daß sich der Raum ins Unendliche vergrößerte und selbst ein einsamer Trinker seinen unzähligen Spiegelbildern zuprosten könnte.

»Welcher Pianist?« fragte Marta Garzone, doch da war Benito Sgreccia endlich auf das traurige Männchen aufmerksam geworden. Er rief den Maestro zu sich und trug ihm auf, zu prüfen, ob das Steinway unter dem Transport gelitten habe.

»Ich bin kein Klavierstimmer«, schnaubte das Männchen.

»Und nebenberuflich?« fragte Sgreccia. Er zog die Brieftasche aus der Anzugjacke und holte ein paar Scheine heraus, die den Pianisten überzeugten, doch mal nachzusehen. Er steckte das Geld ein und verschwand im Pfarrhaus.

Auf der Piazzetta wurden die Parkplätze knapp, als ein geschlossener weißer Lastwagen einfuhr. Die Schrift auf beiden Seitenwänden ließ unschwer erkennen, daß er vom Feinkostgeschäft und Partyservice Mariotti aus Ancona kam. Es dauerte dreißig Minuten, bis die Kartons mit Prosecco, Weiß- und Rotwein, Grappa und verschiedenen Likören, die Antipasti-Platten, die Kisten mit Obst, Gemüse und Porzellangeschirr, die Kühltruhen mit Fleisch, Fisch, Meeresfrüchten und achtzehn verschiedenen Sorten Speiseeis ausgeladen waren. Als letztes trugen die Männer eine Art Aquarium mit etwa einem Dutzend lebender Hummer ins Pfarrhaus.

Der alte Sgreccia rieb sich die Hände und verlangte noch nach etwas Dekorativem. Der Chef der Feinkostleute sah ihn fragend an.

»Fahnen! Große meerblaue Fahnen, die im Wind flattern«, sagte Sgreccia. »Könnten Sie das organisieren?«

Der Mann tippte auf seinem Handy herum und telefonierte kurz. Dann meldete er, daß der Koch und das Personal kurz vor San Lorenzo seien. Sie würden versuchen, dort etwas Passendes zu bekommen. Es könne also noch eine halbe Stunde dauern, bis sie einträfen.

Vorher schon kam ein weißer Mercedes mit römischem Kennzeichen an. Die drei jungen Damen, die ihm entstiegen, verschlugen zumindest der männlichen Bevölkerung Monteseccos den Atem. Zwei langbeinige Schönheiten, die eine blond, die andere rothaarig, waren mit Minirock und halbtransparenter Bluse beziehungsweise kurzem weißen Kleidchen vielleicht ein wenig zu sommerlich für den windigen Oktobertag gekleidet. Die dritte war schwarz wie Ebenholz, hatte die langen, lila gefärbten Haare in jede Menge dünne Zöpfe geflochten und trug ein bodenlanges Seidenkleid, dessen Farbe je nach Lichteinfall etwas changierte, im ganzen aber den Farbton der Haare perfekt aufnahm.

»Filmstars«, flüsterte Ivan Garzone. Er saß auf der Steinbrüstung am Rande der Piazzetta. Links lag seine Bar, ein einstöckiger Kasten, dessen Fassade er nur zu zwei Dritteln renoviert hatte, bevor ihm das Geld ausgegangen war. Die geplante Leuchtschrift über dem Eingang konnte er für die nächsten Jahre vergessen, und so blieb die Werbetafel für Sammontana-Eis das einzig sichtbare Zeichen für die Funktion des Gebäudes. An die Bar lehnte sich die Sebastianskapelle mit ihrem abblätternden roten Putz. Gegenüber standen das seit Jahrzehnten verlassene Pfarrhaus und daneben eine kleine Dorfkirche, die höchstens jeden zweiten Sonntag geöffnet wurde. Rechts wurde die Piazzetta von einem halb niedergetretenen Maschendrahtzaun abgeschlossen, hinter dem der ehemalige, inzwischen völlig von Unkraut überwucherte Gemüsegarten des Pfarrhauses lag. Mitten auf der Piazzetta wuchsen zwei Eschen empor, die den beiden Steinbänken im Sommer Schatten spendeten. Das war alles. Es war der Ort, an dem sich die fünfundzwanzig Einwohner Monteseccos auf einen Plausch und ein Glas Wein trafen. Hier war nicht die Spanische Treppe oder die Piazza Navona, hier gab es kein Pantheon und keine Designerboutiquen wie in der Via Condotti. Es war nicht die Schuld Monteseccos, daß es als Kulisse für Filmstars so armselig wirkte. Dennoch schämte sich Ivan ein wenig für sein Dorf.

»Fotomodelle!« nuschelte der alte Marcantoni. Er schüttelte den Kopf. Filmstars traten allein auf. Oder vielleicht noch als Paar, die schöne Hauptdarstellerin mit ihrem Filmliebespartner nämlich. Aber drei schlanke, perfekt gebaute Mädchen, von denen eines noch dazu schwarz war, das konnten nur Models sein. Franco hätte jetzt gern seinen Nadelstreifenanzug getragen. Oder zumindest die guten schwarzen Schuhe statt der ausgelatschten Schlappen.

»So ein Quatsch«, sagte Marta Garzone.

»Das sieht doch ein Blinder, was das für welche sind«, sagte Milena Angiolini.

»Fotomodelle aus Rom«, sagte Franco Marcantoni.

»Filmstars aus Cinecittà«, sagte Ivan Garzone.

»Halt dich zurück, Ivan! Und du geh rein, Gigino! Los, geh schon!« Marta Garzone gab ihrem Sohn einen Klaps. Gigino verzog sich murrend in die Bar.

»Das sind eindeutig Nutten«, sagte Milena Angiolini.

Franco Marcantoni fragte sie, ob sie nicht leiser reden könne, er sei zwar alt, aber noch lange nicht schwerhörig. Im übrigen verstehe er überhaupt nicht, wie sie auf so einen Quatsch komme, er habe im Gegensatz zu ihr nämlich schon Nutten gesehen, Ende der fünfziger Jahre im Hafenviertel von Neapel und dann später noch mal in Bari, und er könne den Anwesenden versichern, daß die ganz anders ausgesehen hätten, grell geschminkt und aufgeschwemmt und irgendwie, na ja, vulgär, während diese jungen Damen hier elegant und geschmackvoll und wie das blühende Leben selbst …

»Edelnutten sind auch Nutten«, sagte Marta Garzone.

»Die verlangen bloß mehr«, sagte Milena Angiolini.

Lidia Marcantoni bekreuzigte sich und lief zum Kirchentor. Sie schloß auf, so schnell es ihre zitternden Hände zuließen. Vor dem Marienbild kniete sie ächzend auf das ungepolsterte Holz der Kirchenbank nieder. Sie faltete die Hände und flehte die Muttergottes an, vor Gott zu bezeugen, daß sie nur das Beste gewollt habe.

Draußen auf der Piazzetta stakste die Rothaarige auf die Gruppe an der Steinbrüstung zu. Sie hatte einen ganz leichten Silberblick und lächelte Franco Marcantoni an, als habe er zu entscheiden, wer auf der Oktobertitelseite von Playboy Italia abgebildet würde. »Wissen Sie vielleicht, wo wir Signor Sgreccia finden können? Benito Sgreccia?«

Franco Marcantoni lächelte. Er brachte kein einziges Wort heraus, doch gelang es ihm irgendwie, den Arm zu heben. Stumm wies er auf die Tür des Pfarrhauses. Die Rothaarige dankte und wandte sich um. Franco sah ihr nach, wie sie über die Piazzetta stöckelte. Er lächelte noch immer.

»Warum hast du nichts gesagt?« tuschelte Ivan Garzone.

Franco Marcantoni lächelte selig.

»He, Franco!« Ivan stieß ihn in die Seite.

»Hm?«

»Du hättest sie in ein Gespräch verwickeln sollen.«

»Was hätte ich denn sagen sollen?« fragte Franco.

»Was weiß ich? Ob sie zum erstenmal in Montesecco ist?«

»Genial!« höhnte Franco. »Hast du sie vielleicht schon mal hier gesehen?«

»Dann halt etwas anderes. Wie es ihr hier gefällt?«

»Du hast keine Ahnung von Psychologie«, sagte Franco. »Eine so attraktive Frau wird andauernd dumm angesprochen. Da schätzt man es, wenn sich ein Mann mal etwas zurückhält. Das wirkt viel interessanter. Als ich Mitte der sechziger Jahre mal einen Sommer lang Tretboote am Strand von Marotta vermietet habe, habe ich mit dieser Taktik nur die allerbesten …«

»Du alter Spinner«, sagte Milena Angiolini. »So eine wie die interessiert sich nur fürs Geld.«

»Für viel Geld«, sagte Marta Garzone.

»Und ich frage mich, woher der alte Sgreccia das hat«, sagte Milena Angiolini. Aber wahrscheinlich war sie nur neidisch, weil sie nicht mehr die Schönste in Montesecco war.

Drei Tage lang war an den alten Sgreccia nicht heranzukommen. Er ließ die anderen nicht etwa an der Pfarrhaustür abweisen, sondern wechselte durchaus ein paar Worte mit jedem, der ihn aufsuchte. Seinen Sohn Angelo und dessen Frau Elena lud er zu einem fünfgängigen Abendessen ein, den Kindern des Dorfes ließ er vom Pianisten ein Konzert geben, Franco Marcantoni und Gianmaria Curzio stellte er die drei Damen aus Rom, die auf die Namen Wilma, Laura und Piroschka hörten, vor. Allerdings schaltete Sgreccia auf stur, sobald ihm jemand ins Gewissen reden oder auch nur begreifen wollte, was in dem Alten vor sich ging.

»Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens.« Das war das einer Erklärung am nächsten Kommende, wozu sich Sgreccia herabließ. Daß er hinzufügte, den Spruch in seinem Abreißkalender gelesen zu haben, trug wenig zum tieferen Verständnis bei.

»Immerhin ist der Satz zweifelsohne richtig«, sagte Marisa Curzio, die erst vor kurzem zum zweitenmal geheiratet hatte und nach langen Jahren illusionsloser Weltbetrachtung wieder zu wissen glaubte, was Glück war. Allerdings war der Satz gestern und vorgestern und vor zwanzig Jahren genauso richtig gewesen. Er erklärte nicht, wieso einer im Alter von zweiundachtzig Jahren plötzlich beschloß, sein Leben zu ändern.

Doch man wußte nicht einmal sicher, ob der alte Sgreccia das wirklich beschlossen hatte. Tatsache war, daß er feierte. Er feierte Tag und Nacht, mit einer Energie, die dem klapprigen Greis mit der kaputten Lunge keiner zugetraut hätte. Er suhlte sich in einem Luxus, der Montesecco nur aus dem Fernsehen bekannt war, er gab sich einer unbeschwerten und gerade deshalb besonders befremdlichen Vergnügungssucht hin, er scherte sich nicht im geringsten um das, was der Rest des Dorfs von ihm dachte. Kurz, es war unheimlich, was im Pfarrhaus geschah.

Und doch zog es alle fast unwiderstehlich auf die Piazzetta, wo sie die tiefblauen Fahnen über dem Pfarrhaus flattern und durch die offenen Fenster das Dienstpersonal geschäftig hin und her laufen sahen, wo sie das Klappern des Geschirrs und das Klicken der Billardkugeln vernahmen, das überraschend tiefe Kichern einer der Edelnutten – Wilma, vermutete Franco Marcantoni –, wenn Sgreccia nach mehr Champagner für seine Täubchen rief.

Da standen die Dorfbewohner, wenn sie vom Feld kamen oder von der Achtstundenschicht unten im Tal, und schüttelten die Köpfe und fragten sich, aus welchem fernen Universum dieses fremde Raumschiff herangeflogen war. Und wieso es gerade in Montesecco gelandet war. Irgendwann gingen sie nach Hause, setzten sich um den Tisch, aßen einen Teller Pasta, schenkten sich aus der Damigiana ein Glas schlechten Weißweins ein, planten den nächsten Tag, drehten den Fernseher an und später wieder aus. Mehr aus Gewohnheit als wegen der wenigen zu dieser Jahreszeit noch aktiven Stechmücken löschten sie das Licht, bevor sie die Schlafzimmerfenster öffneten, und gingen zu Bett.

Die gewohnte Nachtbrise flüsterte durch die Gassen, doch dahinter, dazwischen, darüber hörten sie ein fernes Auflachen und Gläserklirren vom Pfarrhaus her, als hätte sich das Leben selbst dorthin geflüchtet. Wie zur Bekräftigung setzte Klaviermusik ein. Rhythmus und Melodie wurden durch den Wind verzerrt, ein wenig nur, nicht so, daß man den Walzer nicht mehr erkannt hätte. Seltsamerweise störten die verwehten Töne nicht, ganz im Gegenteil, sie verliehen der Musik etwas unwirklich Leichtes, als würde sie nicht von einem traurigen Männchen im Frack gespielt werden, sondern entspränge ganz aus sich selbst.

So muß der Wind in einer Welt der Träume klingen, dachte Antonietta Lucarelli. Sie drehte den Kopf ein wenig nach rechts und fragte leise: »Schläfst du schon?«

»Nein«, flüsterte Matteo Vannoni zurück.

»Es ist ein Walzer«, sagte Antonietta.

»Ja«, sagte Vannoni.

»Machst du dir Sorgen wegen Sabrina und Sonia?«

»Nein.«

»Sie mögen dich. Es ist nur alles ungewohnt für sie. Laß ihnen ein wenig Zeit!«

»Ja.«

Antonietta hörte dem Walzer zu. Der Pianist spielte gut. Beschwingt. Eine Frau lachte fern. Es war dunkel.

»Weißt du, daß wir noch nie zusammen Walzer getanzt haben?« fragte Antonietta.

»Ich kann gar nicht tanzen.«

»Das sagen alle Männer.«

»Ehrlich!«

»Du könntest es lernen.«

Vannoni schwieg. Antoniettas Blick suchte das Fenster. Der Mond war nicht zu sehen, doch ein silberner Schein lag auf dem Dach gegenüber. Darüber blinkten fern ein paar Sterne.

»Überlegst du noch?« fragte Antonietta zur Seite hin.

»Was?«

»Ob du tanzen lernen willst.«

»Antonietta, es ist Mitternacht vorbei«, sagte Vannoni.

»Ich weiß«, sagte Antonietta. Die Klaviermusik verklang, man hörte von fern dünnen Applaus, und dann wehte eine Polka durch die Gassen Monteseccos. Und wieder ein Walzer.

Antonietta hörte, wie Vannoni neben ihr seinen Oberkörper aufrichtete. Sie konnte nichts erkennen, doch sie wußte, daß er sich auf dem Arm abstützte und auf sie heruntersah.

»Was ist?« fragte sie.

»Also gut«, sagte Vannoni.

»Was?«

Vannoni stieg auf seiner Seite aus dem Bett. »Na, komm schon!«

»So kommandiert man eine Frau nicht herum«, sagte Antonietta.

»Darf ich bitten, Teuerste?«

»Gern.« Auch Antonietta stand auf. Im Schlafzimmer war beim besten Willen nicht genug Platz. So gingen sie in den Salotto hinab, zündeten eine Kerze an und öffneten die Haustür. Die Nachtbrise wehte im Dreivierteltakt herein, umspülte sie wie ein fremder blauer Fluß. Der Steinboden unter ihren nackten Füßen fühlte sich kühl an. Vannoni legte den rechten Arm um Antonietta. Sie ergriff seine linke Hand, und sie begannen zu tanzen. Einen Walzer.

»Du hast das Gesicht des schwarzen Manns also nie gesehen«, sagte ich, »aber seine Stimme würdest du wiedererkennen?«

»Nein«, sagte der Junge.

»Er hat doch mit dir gesprochen?«

Der Junge schüttelte den Kopf.

Aus der Fachliteratur wußte ich, daß Entführer sowenig wie möglich mit ihren Opfern sprachen. Außer bei politisch motivierten Taten. Bekannt ist ja das Stockholm-Syndrom. Davon spricht man, wenn sich die Entführungsopfer mit den Tätern identifizieren, die Tat rechtfertigen und ihre Motive gutheißen. Natürlich war es höchst unwahrscheinlich, daß der Junge einem politischen Extremisten in die Hände gefallen war. Dennoch konnte der schwarze Mann nicht durchgehend geschwiegen haben.

»Er hat dir doch sicher gesagt, daß du brav sein mußt«, sagte ich. »Daß du dich ruhig hinsetzen und basteln sollst. Wenn du schreist, müßte er dich leider umbringen. Hat er das nicht gesagt?«

»Doch«, sagte der Junge leise.

»Dann müßtest du aber seine Stimme kennen.«

»Ich will heim«, sagte der Junge.

»Bald! Du mußt verstehen, daß wir das zuerst klären müssen.«

Der Junge zog die Beine an und legte die Arme um die Knie.

»Konzentriere dich noch ein wenig!« sagte ich. »Würdest du die Stimme des schwarzen Manns wiedererkennen?«

»Ich weiß nicht«, sagte der Junge.

»Beschreibe die Stimme! War sie hoch oder tief, voll oder dünn?«

Der Junge sah mich an, als wolle er die Antwort von meinem Gesicht ablesen, doch ich konnte ihm nicht helfen. Schließlich hatte der schwarze Mann ihn bedroht, nicht mich.

»Also?« fragte ich.

»Ich glaube, ich würde die Stimme nicht erkennen«, sagte der Junge.

»Wieso nicht?«

»Weil er seine Stimme verstellte. Er redete mit mir gar nicht wie ein normaler Mensch. Es war eher so ein Fauchen. Als ob er beim Reden Feuer spucken würde.«

»Wie ein Drache?« fragte ich.

»Genau.«

»Verstehe«, sagte ich. Das paßte zu den feuersprühenden Augen, die der Junge beim schwarzen Mann gesehen haben wollte.

»Kann ich jetzt nach Hause?« fragte der Junge.

Ich setzte mich neben ihn auf die Decke. Die Wand, an die ich meinen Rücken lehnte, war kalt. Das Seidenpapier hatte der Junge säuberlich aufgeschichtet. Daneben lagen Bambusholzstäbe, Schnur, Bastelschere und Klebstofftube. Ein paar der Stäbe hatte der Junge schon miteinander verbunden. Es sah aus, als versuche er, einen dreidimensionalen Rahmen herzustellen. Vielleicht einen Würfel.

»Warum bastelst du nicht noch ein wenig?« fragte ich.

Die Fahnen über dem Pfarrhaus bauschten sich in der steifen Brise. Es wäre ein wunderbarer Tag für das Windrad gewesen, das Ivan Garzones Bar vom Stromnetz der ENEL unabhängig machen sollte. Autarkie sei das Zauberwort, hatte er gesagt und daran erinnert, daß die Behörden im Vipernsommer ganz Montesecco zwei Tage lang den Strom abgestellt hatten. Zwar habe man sich damals nicht unter Druck setzen lassen, aber zumindest er habe keinen Spaß daran gefunden, in stockdunkler Nacht herumzutappen, zumal das ganze Dorf voller Giftschlangen gewesen sei. Dem hatten die anderen durchaus zugestimmt, ohne deswegen Ivans Windkraftprojekt mitzutragen. Im Gegenteil, da sein selbstgebauter Prototyp einen Heidenlärm veranstaltete, hatten die Dorfbewohner Ivan mit einem zweiwöchigen kollektiven Boykott seiner Bar dazu gezwungen, die Rotorblätter wieder abzubauen. Auf dem Flachdach der Bar stand nur noch das Stahlskelett, an dem das Windrad befestigt gewesen war. Es erinnerte ein wenig an einen fehlgeplanten Bohrturm.

Ivan war nach wie vor von seinem Projekt überzeugt und tröstete sich damit, daß für jede revolutionäre Idee die Zeit erst reifen müsse. Er hatte sich vorgenommen, kontinuierlich Überzeugungsarbeit zu leisten, doch in den letzten drei Tagen hatte Sgreccias rätselhafte Luxusorgie auch seine Phantasie mehr als alles andere beschäftigt. Ivan stand in der Tür der Bar und sah zum Pfarrhaus hinüber. Irgendwo spülte ein Dienstmädchen Töpfe ab und trällerte dabei vor sich hin, doch sonst war nichts zu hören.

»Es ist halb sechs. Die können doch nicht noch immer ihren Mittagsschlaf halten«, sagte Ivan. Er kratzte sich am Ellenbogen.

»Ein Mittagsschlaf mit drei schönen Fräuleins kann sich hinziehen«, sagte der alte Marcantoni. Er hatte sich einen Beobachtungsposten an der Außenwand der Bar gesichert und saß nun auf einem Stuhl zwischen der Tür und der Gasse, die zum Tor hinabführte. Versonnen rührte er in seinem Espresso.

»Das glaube ich nicht«, sagte Ivan. »Sgreccia ist ein Tattergreis. Nach drei Tagen Rumstata bettelt der darum, daß sie ihn mal in Ruhe lassen.«

»Das Alter spielt überhaupt keine Rolle. Es kommt darauf an, wie man sich gehalten hat«, nuschelte Franco Marcantoni und ärgerte sich sofort über sich selbst, weil er ganz überflüssigerweise das Alter verteidigt hatte. Schließlich war er fast sieben Jahre jünger als Benito Sgreccia, gehörte also einer ganz anderen, vergleichsweise jugendlichen Generation an, auch wenn ihm der Arzt wegen seines Blutdrucks und der leidigen Leberwerte vorschreiben wollte, was er zu tun oder zu lassen hatte. Franco Marcantoni starrte auf seinen Espresso, dessen Schaum durch die Löffelbewegungen langsam untergepflügt wurde.

»Das Schwarze in deiner Tasse, das ist Kaffee«, sagte Ivan von oben herab.

»Ja und?«

»Das wird keine Schlagsahne, da kannst du noch soviel rühren.«

Franco legte den Löffel auf die Untertasse und nippte einmal kurz. Er hatte anderes im Kopf, als sich mit Ivan zu zanken. Wer hätte das dem alten Sgreccia zugetraut? Fast war Franco ein wenig neidisch.

Ivan wies mit dem Kopf zum Pfarrhaus hinüber. »Mal im Ernst, du meinst doch nicht, daß das normal ist?«

»Na ja, ungewöhnlich schon«, gab Franco zu. »Andererseits ist es durchaus verständlich, daß einer nach Jahrzehnten harter und entbehrungsreicher Arbeit den Rest seiner Tage genießen will.«

»Mit drei Nutten aus Rom!« sagte Ivan. Er grüßte zu Matteo Vannoni hin, der mit seinem Enkel gerade um die Ecke der Kapelle bog.

»Na und?« sagte Franco. »Was ist schon dabei?«

»Das würde deine Schwester nicht gern hören.«

»Lidia? Aus lauter Angst vor dem Fegefeuer hat die doch noch keinen einzigen Tag in ihrem Leben wirklich gelebt. Und glaub mir, die wird sich sogar weigern zu sterben. Hundertfünfzig Jahre wird die alt werden, lebt nicht, stirbt nicht, und alles bloß aus Angst vor einem nicht existierenden Fegefeuer.« Franco Marcantoni stellte die leere Espressotasse ab. Er wandte sich Matteo Vannonis Enkel zu und zeigte auf den Papierdrachen, den der Junge mit beiden Händen vor sich trug. »Na, Kleiner, was hast du denn da?«

»Das ist ein Rokkaku.«

»Was?«

»Ein japanischer Kampfdrachen.«

»Zeig uns doch mal, ob er auch fliegt, Kleiner!« sagte Franco.

Ivan verschwand in der Bar, um seinen Sohn zu holen, damit die beiden Jungen zusammen spielen konnten, kam aber allein wieder zurück. Gigino hatte keine Lust. Vannoni nickte seinem Enkel zu. Eigentlich sollte er ihn nach Hause bringen, doch auf eine halbe Stunde mehr oder weniger kam es nun auch nicht an. Mit seinem Drachen lief der Junge die Gasse zum Tor hinunter, hinter dem links der Weg zur Bocciabahn abzweigte. Matteo Vannoni blieb auf der Piazzetta. Über die Steinbrüstung hinweg hatte er seinen Enkel gut im Blick. Er wandte sich an Franco Marcantoni: »Wie oft soll ich dir noch sagen, daß du ihn nicht ›Kleiner‹ nennen sollst. Er heißt Minh Son.«

Franco Marcantoni brummte, ob man den Kleinen nicht Franco oder Marco oder Gabriele hätte taufen können, von ihm aus auch Eros, wenn es etwas Modernes sein sollte, aber Minh Son? Was sei denn das für ein Name?

»Das ist ein vietnamesischer Name, das weißt du ganz genau«, sagte Vannoni.

»Ich bin immer Internationalist gewesen«, sagte Franco. »Ich fand es damals völlig richtig, daß die Vietcong die Amis hinausgeworfen haben, aber wenn die Mutter des Kleinen Italienerin ist und sie hier in Italien leben, da könnte man ihm doch …«

»Catia hat ihn nun mal so genannt«, sagte Vannoni. »Jetzt heißt er so, und ich will, daß er auch so angesprochen wird.«

Bevor Franco antworten konnte, kam Ivan wieder auf Benito Sgreccias späten Frühling zu sprechen. Vannoni hielt sich zurück. Er wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Sich wie alle anderen das Maul darüber zu zerreißen, lehnte er schon deshalb ab, weil er selbst in längst vergangenen Zeiten einmal Gegenstand des Dorfklatsches gewesen war. Damals, als die Geschichte mit Maria und Giorgio Lucarelli passiert war. Als er in seiner Verzweiflung das Gewehr aus dem Schrank geholt und abgedrückt hatte. Wieder und wieder. Manche hatten seine Tat verstanden, andere nicht. Beides hatte nichts geändert. Wenn Vannoni irgend etwas daraus gelernt hatte, dann, daß man selbst mit seinem Leben klarkommen mußte. Von ihm aus sollte der alte Sgreccia tun, was er wollte.

Und doch merkte Vannoni, daß wie bei allen anderen Dorfbewohnern auch in ihm Fragen aufstiegen, Fragen, die bei jedem etwas anders lauten mochten, sich aber sogleich als die eigentlich entscheidenden gebärdeten: Was man denn selbst anfangen würde, wenn man unbegrenzt Geld zur Verfügung hätte? Was einem denn eigentlich wichtig war im Leben? Ob man dafür nicht schon längst etwas hätte tun sollen? Und warum, zum Teufel, man sich all diese Fragen erst jetzt zu stellen begann? Nur weil der alte Sgreccia beschlossen hatte, verrückt zu spielen?

Minh war nun auf der Freifläche vor dem Bocciodrom angelangt. Er stellte sich mit dem Rücken zum Wind, spulte ein wenig Schnur ab, stülpte das ringförmige Handstück, an dem sie befestigt war, über den linken Unterarm und richtete den Drachen vorsichtig und konzentriert, ja fast andächtig über seinem Kopf aus.

Der Maestrale blies aus Nordwesten, von der Dorfmauer weg, und er war stark genug. Um den Drachen in die Luft zu bringen, war es nicht nötig, gegen ihn anzulaufen. Der Wind schlüpfte unter das rote Seidenpapier, erweckte es zum Leben, und Minh ließ den Rahmen los. Es sah aus, als blähe der Drachen die Backen auf und überlege einen Moment, ob er wirklich fliegen oder am Boden zerschellen wollte, doch er schüttelte nur einmal unwillig den Kopf und stieg dann so schnell nach oben, wie Minh Leine nachgeben konnte. Vannoni vermochte sein Gesicht nicht zu sehen, aber er wußte, daß es nun fast erwachsen wirkte, obwohl Minh erst acht Jahre alt war. Nichts nahm ihn so gefangen wie ein Drachen im Wind. Stundenlang konnte er dastehen und nach oben schauen, auf ein Stück buntes Seidenpapier an einem Rahmen, das seinen Handbewegungen gehorchte, stieg und fiel, Kreise und Achten beschrieb, im Sturzflug …

Da ertönte der Schrei. Ein gellender Schrei, der Vannoni durch Mark und Bein fuhr und den wahnwitzigen Gedanken auslöste, daß so nur ein japanischer Kampfdrachen aufheulen könne, wenn er im Sturzflug über seine Opfer kommt, doch der Drachen Minhs stieg schon wieder, es war auch die völlig falsche Richtung, und Vannoni wirbelte um seine Achse. Auf der Dachterrasse des Pfarrhauses stand das rothaarige römische Mädchen. Sie hatte die eine Hand vor den Mund geschlagen, als sei sie selbst über ihren Schrei zu Tode erschrocken, und mit der anderen Hand tastete sie nach dem Geländer.

»Wilma, um Gottes willen!« Der alte Marcantoni war aufgesprungen. Auch Ivan Garzone rief irgend etwas. Die Rothaarige schwankte und setzte sich mit dem Rücken zu ihnen aufs Geländer. Marcantoni lief auf die Pfarrhaustür zu. Die anderen beiden folgten. So fanden sie Benito Sgreccia, der zweiundachtzig Jahre hinter sich gebracht, dann drei Tage gelebt hatte und seit ein paar Stunden tot war. Friedlich lag er in einem weiß bespannten Liegestuhl, die Arme vor der Brust verschränkt, der Kopf nach vorne gesunken, so daß der Wind in seinem schütteren weißen Haar spielte, als wolle er sich nicht damit abfinden, daß Benito sich nie mehr rühren würde. Die Lippen waren blaß, die Falten in seinem Gesicht schienen noch tiefer geworden zu sein, und die Augen blickten leer auf das Geländer des Pfarrhausdachs. Vannoni sah zu den weißen Wolken auf, die hoch über ihm dahinzogen. Dann schloß er dem Toten die Lider.

Irgendwer rief den Arzt an, irgendwer holte Sgreccias Sohn. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile, Nachbarn kamen vorbei, um zu fragen, ob sie irgendwie von Nutzen sein konnten, das Pfarrhaus füllte sich. Als der Arzt erschien, stellte er offiziell fest, was offensichtlich war, den Tod Benito Sgreccias nämlich. Auf den Totenschein schrieb er Altersschwäche und Herzversagen, wie immer, wenn keine andere Ursache zu erkennen war.

»Ein schöner Tod!« murmelte man, wie immer, wenn ein Alter ohne lange Qualen aus dem Leben schied. Dann trugen die Männer den toten Körper nach drinnen und betteten ihn auf das rote Ledersofa, weil das Wasserbett dafür dann doch nicht geeignet schien. Damit die nächsten Angehörigen Totenwache halten konnten, wurden davor ein paar Stühle aufgereiht. Es waren Jugendstilstühle mit grüner Polsterung und fein geschnitztem Rückenteil, an das sich niemand zu lehnen wagte. Wie immer wurden Kerzen angezündet. Franco Marcantoni holte dafür die beiden fünfarmigen Leuchter vom Eßtisch. Er stellte einen auf dem riesigen Fernsehapparat, den anderen auf dem schwarzen Klavier ab. Der von Benito engagierte Pianist bot flüsternd an, ein paar melancholische Improvisationen zum besten zu geben, wurde aber von Marisa Curzio des Raumes verwiesen. Angelo Sgreccia bekam davon nichts mit. Er saß mit versteinertem Gesicht da, Elena stand hinter der Stuhllehne und hatte beide Hände auf die Schultern ihres Mannes gelegt. Lidia Marcantoni murmelte ein Gebet vor sich hin, dessen Worte nicht zu verstehen waren.

Was zu tun war, wurde getan. Wie immer. Man versuchte, der Unfaßbarkeit des Todes mit dem Ritual, das sich dafür herausgebildet hatte, zu begegnen, und doch war alles ein wenig anders als sonst. Man spürte durchaus den Schmerz und den Ernst, der einem solchen Schicksalsschlag gegenüber angebracht war, aber wie hinter einem Schatten, der von etwas Fremdem geworfen wurde. Vielleicht lag es an der unangemessenen Einrichtung und dem von Sgreccia angeheuerten Personal, das sich zwar in abgelegene Zimmer zurückzog oder verlegen an die Wand drückte, wenn es einem der Dorfbewohner auf der Treppe begegnete, das aber doch da war und keine Anstalten machte, das Pfarrhaus zu verlassen. Vielleicht hatte sich über das Haus auch der Schatten der vergangenen drei Tage gelegt, in denen der alte Sgreccia durch seine unbegreifliche Maßlosigkeit einen Wall zwischen sich und den anderen aufgeschüttet hatte. Hatte er dabei zu viele neue Fragen losgetreten, die jetzt durch die Zimmer und die Gedanken schwirrten und es der Trauer unmöglich machten, sich ungestört einzurichten?

Man merkte das nicht nur bei Franco Marcantoni, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den drei Römerinnen und speziell Wilma zur Seite zu stehen. Jemand müsse das ja übernehmen, denn allein komme so ein junges Ding nicht klar, wenn es völlig unvermutet mit dem Tod konfrontiert werde. Er sei sich sicher, sagte Franco später, das sei ganz im Sinne des alten Sgreccia gewesen, denn schließlich habe dieser ja die drei für seine letzten Lebenstage engagiert, was ja wohl bedeute, daß sie ihm am Herzen gelegen hätten.

Normalerweise hätte es sich keiner der anderen nehmen lassen, Franco unter die Nase zu reiben, daß Wilma augenscheinlich vor allem ihm selbst ans Herz gewachsen war, doch sie alle spürten, daß es ihnen im Grunde nicht anders ging. Drei Tage hatten nicht ausgereicht, um den alten Sgreccia als Fremden zu sehen, aber doch, um so viel Distanz zu schaffen, daß darin neben dem Schmerz um den Toten noch genug Platz für die eigenen Probleme und Sehnsüchte, Ängste und Wünsche blieb. Denn der alte Sgreccia würde in ein paar Tagen begraben sein, doch man selbst lebte weiter und mußte schauen, wo man blieb und wie man ein wenig mehr aus diesem Leben machen konnte.

Nur Angelo Sgreccia wollte davon nichts merken. Er hatte seinen Vater verloren. Auch wenn sie früher öfter aneinandergeraten waren und jeder sein eigenes Leben gelebt hatte, so war Benito doch immer sein Vater geblieben. Angelo versuchte, sich an Szenen aus seiner Kindheit zu erinnern, sich Episoden zu vergegenwärtigen, in denen sie miteinander gesprochen und zusammen gelacht hatten, doch sie blieben seltsam schemenhaft und verschwanden hinter dem dumpfen Gefühl der Leere, das sich in ihm festgebissen hatte und mit dem Pulsschlag schwer durch seinen Körper pochte. Angelo ging in die Küche. Er drehte den Wasserhahn auf. Die Garzones, die am Tisch saßen, nahm er nicht wahr, bis Ivan fragte, ob er bei einem Beerdigungsinstitut anrufen solle. Angelo nickte abwesend und wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser ab. Als er sich wieder zur Tür wandte, kamen zwei der Nutten herein und sprachen ihn an.

»Unser tief empfundenes Beileid!« sagte die blonde Piroschka.

»Er war ein guter Mensch«, sagte die schwarzhäutige Laura.

»Es ist jetzt sicher ein unpassender Moment …« Piroschka stockte.

»… aber wir möchten Sie in Ihrer Trauer nicht länger stören«, fiel Laura ein. »Wir würden gern abreisen. Der Chauffeur ist schon verständigt. Es ist nur …«

»Unser Honorar.«

»Wir hatten mit Ihrem Vater eine Vereinbarung getroffen.«

»Dreitausend Euro«, sagte Piroschka und fügte schnell hinzu: »Für alle drei.«

»Pro Tag«, ergänzte Laura.

»Ihr Vater hat es uns bar auf die Hand versprochen.«

Marta Garzone zischte die beiden an, daß das wohl das letzte sei, was sie je in ihrem Leben gehört habe, doch Angelo winkte ab. Er wollte keine Auseinandersetzung. Nicht jetzt.

»Es tut uns schrecklich leid …«, sagte Laura.

»… aber Vereinbarung ist Vereinbarung«, sagte Piroschka.

»Genug!« Angelo wollte nichts mehr hören. Die drei sollten ihr Geld bekommen und dann verschwinden.

Ivan Garzone sagte: »Das sind neuntausend Euro! Woher willst du denn so eine Summe …?«

»Zwölftausend!« sagte Laura.

»Den heutigen Tag eingerechnet«, sagte Piroschka.

»Im Billardraum steht ein kleiner Tresor«, sagte Laura.

»Den Schlüssel hat er um den Hals hängen«, sagte Piroschka.

Angelo schüttelte den Kopf. Dann wandte er sich an die Garzones und bat sie, das für ihn zu erledigen. Er könne das jetzt nicht. Er schaffe es einfach nicht.

»Wir …«, sagte Marta.

»Bitte!«

Marta und Ivan verließen die Küche. Angelo wartete, bis sie den Schlüssel geholt hatten und die Treppe nach oben stiegen. Dann ging er zurück zum Körper seines toten Vaters, zu seinem dumpfen, begriffslosen, ihm selbst ungenügend erscheinenden Schmerz und zu seiner Unfähigkeit, auch nur eine einzige schöne Erinnerung wieder lebendig werden zu lassen.

Der Tresor war ein topaktuelles Modell, das selbst einem professionellen Einbrecher große Probleme bereitet hätte. Doch professionelle Einbrecher gab es in Montesecco nicht, und sie hätten auch nicht den geringsten Grund gehabt hierherzukommen. Bisher wenigstens. Für Ivan Garzone jedenfalls war ein Tresor die überflüssigste Anschaffung, die man sich denken konnte. Da mochte Marta noch so sehr einwenden, daß man mit allem rechnen müsse, wenn man sich geldgierige Nutten ins Haus hole. Trotzdem war Ivan gespannt, als er den Schlüssel drehte. Immerhin hatte der alte Sgreccia in den letzten Tagen für einige Überraschungen gesorgt.

Ivan zog die schwere Stahltür des Tresors auf. Im oberen Fach befanden sich Papiere, im unteren stand eine Schuhschachtel, deren Pappdeckel sorgfältig geschlossen war. Ivan zog sie heraus und öffnete sie. Darin lagen, sauber aufeinandergeschichtet, vier Stapel von druckfrischen Zehn-, Fünfzig-, Einhundert- und Fünfhundert-Euro-Scheinen.

»Porca madonna!« entfuhr es Ivan. Er nahm den Fünfhunderterstapel heraus. »Schau dir das an, Marta, das sind garantiert hundert Scheine! Das macht, äh, fünzigtausend Euro allein in Fünfhundertern, das sind hundert Millionen Lire, kannst du dir das vorstellen? Hundert Millionen Lire! Und dazu kommt das Kleingeld, sicher noch mal … Hörst du mir überhaupt zu, Marta?«

Marta blätterte den Stapel Papiere aus dem oberen Fach durch.

»Doch, klar, fünfzigtausend Euro plus das ganze Kleingeld«, sagte sie.

»Ja und? Ist das nichts?«

»Doch, für uns schon«, sagte Marta.

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