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Die Dämonenschatz-Saga

Carsten Zehm

Die Dämonenschatz-Saga

Die Abenteuer von Bandath, dem Zwergling

Band 2 der Bandath-Trilogie

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Inhalt

Vor 6.000 Jahren

Im Hier und Jetzt

Irgendwo weit westlich der Drummel-Drachen-Berge

Das Duell im Gasthaus Zum Rülpsenden Drummel-Drachen

Aufbruch

Unterwegs

Die Offenbarung des Verrückten von Pukuran

Schlechte Nachrichten

Holzhafen

Konulan

Auf dem Strom

Der zerbrochene Stab

Pilkristhal – Die Ankunft

Pilkristhal – Gefangen

Pilkristhal – Der Ausbruch

Südwärts

Entführt

Der Verräter

Der Hexenmeister

Schon wieder schlechte Nachrichten

Waltrudes Bratpfanne

Die Schlacht am Thalhauser Hof

Abschied von Waltrude

Die Drei Schwestern

Der Weg nach Cora-Lega

In der Oase

Der Dämonenfürst

Der Dämonenschatz

Zur selben Zeit in der Magierfeste

– Ende –

Das Ende nach dem Ende

– Endgültiges Ende dieses Buches –

 

Die mehr oder weniger wichtigen Personen

Leseprobe „Die Drachenfriedhof-Saga“

Danksagung

Mehr als 6.000 Jahre lang ruhte der Dämonenschatz von Cora-Lega in der Todeswüste – verloren, doch nicht vergessen. Zur selben Zeit, als sich eine kleine Gruppe von Abenteurern aufmacht, ihn zu suchen, erwacht der Dämon aus seinem Jahrtausende währenden Schlaf …

Vor 6.000 Jahren

Als aber Ibn A Sil, Herrscher über das riesige Reich Cora-Lega, eine unermessliche Menge an Schätzen angehäuft hatte und diese Reichtümer nicht nur Schatzkammern, sondern ganze Paläste füllten, bekam er Angst, dass nach seinem Tod Räuber seine Grabstelle plündern könnten. Denn er wollte sich mit seinen Schätzen, seinem gesamten Hofstaat, seinen zahmen Mantikoren, Kamelodoonen, Laufdrachen und Leh-Muhren, riesigen Wüstenelefanten mit ihren acht Stoßzähnen und auch mit all seinen Frauen beerdigen lassen. Nicht zu Unrecht befürchtete er auch, dass seine gierigen Söhne sich seines Besitzes bemächtigen und diesen verschleudern könnten, so dass sein mühsam zusammengefügtes Reich zerbrechen würde. Wie konnte er das verhindern? Das Problem bereitete ihm schlaflose Nächte und irgendwann vertraute er sich seinem ersten Minister an.

„Ich habe eine Lösung, Gebieter“, sagte dieser, nachdem er viele Tage gegrübelt hatte. Er suchte mit seinem Herrscher zusammen eine versteckte Oase tief in der endlosen Trockenwüste aus, die in der Mitte des Reiches Cora-Lega lag. Auf geheimen Pfaden brachten sie Tausende von Untertanen dorthin und nicht einer von ihnen durfte bis zum Tode des Herrschers die Oase wieder verlassen. Die Untertanen bauten über Jahre hinweg ein Grabmal, groß wie eine Stadt, prächtig wie nichts anderes, was zu jener Zeit existierte. Es bot Platz für all die Schätze des Herrschers, für seinen gesamten Hofstaat und alle Frauen. Ibn A Sil aber nannte die Stadt seines Todes Cora-Lega, genau wie sein Reich.

„Wenn ich gestorben bin und in vielen Jahren nichts mehr bleibt von mir und meinem Reich, dann soll die Sage von der Stadt meines Todes und ihren unermesslichen Schätzen in den Köpfen der Völker spuken und sie an mich erinnern.“

Als nun der Tag seines Todes gekommen war und sein Leichnam im höchsten Gebäude der Stadt Cora-Lega aufgebahrt wurde, so wurden mit dem Herrscher sein gesamter Hofstaat, seine Reittiere und all seine Frauen in den Gebäuden der Todesstadt lebendig eingemauert. So hatte es Ibn A Sil ihnen geheißen. Die übrigen Untertanen aber feierten ein rauschendes Fest bis zum nächsten Morgen und übertönten mit ihrer Musik die Schreie der so grausam Gerichteten.

Beim Morgengrauen wanderten sie hinaus in die Wüste, um endlich heimkehren zu können. Hinter ihnen verklangen die dumpfen Hilferufe der Eingemauerten. Auf halber Strecke zwischen der Todesstadt und dem Ende der Wüste kamen ihnen jedoch zweitausend Soldaten entgegen, angeführt vom ersten Minister des verstorbenen Herrschers. Auf Befehl des Ministers griffen die Bewaffneten die Untertanen an und töteten alle – Männer, Frauen, Kinder. Nicht einer, der die Lage der Todesstadt Cora-Lega kannte, durfte überleben. Nachdem alle Untertanen getötet worden waren, befahl der Minister den einzelnen Abteilungen des Heeres, sich gegenseitig zu töten. Es war ein grauenvolles Morden, dort zwischen den Sanddünen der Wüste. Der erste Minister war der letzte Überlebende. Da aber auch er wusste, wo sich Cora-Lega befand, vollendete er ihren gemeinsamen Plan und stürzte sich am Ende in sein Schwert.

Somit gab es niemanden mehr, der die Lage von Cora-Lega kannte.

… ausgenommen diejenigen, die in den Häusern der Todesstadt auf ihr unausweichliches Schicksal warteten.

Bevor sich aber der erste Minister tötete, verfluchte er Ibn A Sil und seine eigene Treue zu ihm, denn er hatte die zweite Frau seines Gebieters geliebt. Da diese jedoch, wie alle anderen auch, eingemauert und er selbst seinem Herrn treu ergeben war, erfüllte er den letzten Befehl des Herrschers. Allein der Fluch blieb ihm.

Als Gerüchte über den tausendfachen Tod in der Wüste bis zu den Bewohnern des Reiches drangen, nannten sie sie fortan Todeswüste. Sie behaupteten, die Geister der Toten würden durch die Einöde streifen und Reisende in die Irre führen. Schon bald traute sich kein Lebender mehr über die Sanddünen und nahm lieber lange, sehr lange Umwege in Kauf.

Das große Reich Cora-Lega zerfiel unter dem Streit der Söhne des Herrschers, wie dieser gemutmaßt hatte. Und nur wenige hundert Jahre später sprach niemand mehr vom Imperium Ibn A Sils. Die Todesstadt aber, deren eingemauerten Bewohner sich in Dämonen verwandelt haben sollen, wie die Leute sagten, hieß bald nur noch die Dämonenstadt Cora-Lega. Ihr unermesslicher Schatz, von dem die Legenden berichteten, lockte so manch einen Abenteurer in die Todeswüste, doch keiner von ihnen wurde je wieder gesehen.

Im Hier und Jetzt

Mitten in der Todeswüste kam der Sand am Abhang einer Düne ins Rutschen. Ein Sandkorn fügte sich an ein zweites. Ein drittes kam hinzu, weitere und noch mehr. Aus dem Sand heraus bildete sich ein Hügel, groß wie ein Pferd, aber noch ungestalt. Die Sonne ging unter und wieder auf. Überflüssiger Sand rieselte herab, die Umrisse eines Kopfes wurden sichtbar, vier stämmige Beine unter einem massigen Körper. An den Vorderbeinen bildeten sich Tatzen, an den Hinterläufen Hufe. Wie von unsichtbaren Händen geformt, wurde dem Wesen aus Sand Gestalt gegeben. Im Kopf öffnete sich ein Maul mit langen, spitzen Zähnen, die Klauen bekamen Krallen, der lange, echsenartige Schwanz Hörner am Ende, wie sie die Drummel-Drachen hatten. Der unsichtbare Geist, der dieses Wesen schuf, hatte beim vollen Mond angefangen und beendete seine Arbeit beim nächsten Vollmond. Er hauchte dem Wesen Leben ein und das Sandpferd hob seinen Kopf und brüllte. Es brüllte lauter und schrecklicher als ein Mantikor. Tiere, die sich in der Nähe befanden, erstarrten vor Schreck und einige kleinere starben sogar, weil der Schrei dieses Wesens gar zu grässlich war.

Der Geist des Ministers schwebte über der Wüste und war zufrieden. Jetzt endlich konnte sein Fluch wahr werden. Lange genug hatte er warten müssen, um die Magie in dieser Art zu beherrschen. Er hatte sein Leben für den Herrscher geopfert, seine Geliebte war lebendig eingemauert worden und elendiglich umgekommen. Und rund um die Wüste lebten fröhlich und sorglos die Nachkommen dieses Herrschers. Aber das zumindest würde sich ändern. Er war jetzt in der Lage, eine ganze Armee von Sandkreaturen zu erschaffen, unverwundbar durch Schwert, Bogen oder Feuer, ohne Mitleid gegenüber den Lebenden, nur seinem Willen untertan. Der rachsüchtige Geist des Ministers würde mit seinen Kreaturen in die Länder rund um die Wüste einfallen und Schrecken verbreiten, Schrecken, Tod und Verderben.

… und am Ende würde er selbst in die Welt treten und sie sich untertan machen.

Irgendwo weit westlich der Drummel-Drachen-Berge

„Fast ein ganzes Jahr!“ Die Stimme des Minotauren troff vor Hass. „Dieser elende Magier hat uns für fast ein ganzes Jahr hypnotisiert.“

„Ja“, krächzte der Gnom, „und er hat …“

„Halt’s Maul!“, fuhr ihn der Minotaurus an. „Ich weiß es selber. Schließlich musste ich mit dir ein Jahr lang Tisch, Stuhl und …“, er würgte vor Ekel, „… Bett teilen, bevor die Wirkung der Hypnose nachließ.“ Der Minotaurus schüttelte sich. „Die Blaue Blume der Glückseligkeit haben wir gesucht! Wir! Für diese Idee wird er bluten. Hörst du, Claudio? Dafür wird er bluten!“

„Ich höre seit dem letzten Vollmond nichts anderes mehr, Sergio.“

Der Minotaurus fuhr fort, als hätte er den Einwurf des Gnoms nicht vernommen. „Er, diese dürre Zwergin in seiner Begleitung, der grüne Fliegenmann, der Elf und der Troll, alle werden sie bluten dafür!“, eiferte er.

„Die Trolle haben unsere Reittiere gefressen“, erinnerte der Gnom seinen Kumpan an ihr Dilemma. Es war nicht leicht, für Gnome oder Minotauren passende Reittiere zu bekommen. Pferde ließen sich von ihnen nicht reiten.

„Ich weiß, wo wir neue herbekommen. In ein paar Tagen halten die Menschen in der Gegend einen Pferdemarkt ab.“ Der Minotaurus machte einen sehr selbstzufriedenen Eindruck.

„Pferde?“, wagte der Gnom erneut einen Einwand. „Ich glaube nicht, dass Pferde …“

„Ich denke da an ein paar ganz spezielle Pferde. Seit wir den Kaufmann letztens erwischt haben, dürfte für unser Vorhaben endlich genügend Gold in unseren Beuteln sein.“

Der Minotaurus ließ seinen Blick in die Ferne schweifen. Weit im Osten zeichnete sich die dunkle Silhouette des Drummel-Drachen-Gebirges ab. Als würde sich der Punkt seines Hasses dort befinden, musterte er die Berge.

„Nur noch ein paar Tage, Magier, dann sind wir dir auf den Fersen, wo immer du dich befindest. Und dieses Mal wird nicht geredet, wenn wir uns treffen. Dein Tod wird lang und schmerzhaft sein, sehr schmerzhaft.“ Sergio die Knochenzange flüsterte mehr, als dass er sprach.

„Ja“, zischte der Gnom Claudio Bluthammer und geiferte dabei.

Das Duell im Gasthaus Zum Rülpsenden Drummel-Drachen

Der Troll kniff die Augen zusammen. Seine buschigen Brauen zogen sich tief herab, so tief, dass selbst die Augen kaum mehr zu sehen waren. Starr fixierten sie seinen Gegner. Der Blick des Elfen war genauso unnachgiebig auf den Troll gerichtet. Nicht eine Wimper zuckte. Ganz langsam hob sich seine Hand und strich eine Strähne des blonden Haares aus der Stirn. Der Troll entblößte im Gegenzug seine gelben Hauer. Schief und krumm standen sie. Besonders die beiden äußeren Zähne des Unterkiefers, die dick wie Zwergenfinger über die Oberlippe ragten, gaben dem Gesicht etwas Bedrohliches. Das Entblößen des ganzen Gebisses konnte genauso gut eine Drohung wie ein Grinsen sein. Die spitze Zunge des Elfen kam zum Vorschein. Nervös fuhr sie über die Lippen.

„Ich bin bereit für das Duell, Troll. Du auch?“

„Was fragst du, Elflein? Trolle kneifen nicht, Elfen schon eher. Ihr seid von Natur aus feige.“

„Hör auf mit deinen Sprüchen! Lass uns anfangen!“

Der Troll nickte zustimmend. Totenstille herrschte ringsumher. Langsam hob der Schiedsrichter, ein Zwerg, die Hand. „Bei drei“, sagte er und wartete, bis die beiden Kontrahenten mit dem Kopf genickt hatten.

„Eins!“

Jetzt zwinkerte der Troll doch.

„Zwei!“

Erneut leckte der Elf sich über die Lippen.

„Drei!“

Die schwielige Hand des Schiedsrichters krachte auf den Tisch und brüllendes Anfeuerungsgeschrei erhob sich in der Gaststube des Rülpsenden Drummel-Drachen. Die Hände des Trolls und des Elfen schossen zeitgleich nach vorn, packten einen der je zwanzig vor ihnen auf dem Tisch stehenden Bierkrüge und setzten zum Trinken an. Schaum schwappte aus den Humpen über ihre Münder und troff ihnen auf die Brust, als sie begannen, die Bierkrüge um die Wette zu leeren. Theodil Holznagel, der Schiedsrichter, beobachtete beide aufmerksam und zählte die geleerten Krüge. Der Rest der Gäste feuerte entweder den Troll oder den Elf an und brach in lauten Jubel aus, wann immer ihr Favorit einen geleerten Krug auf den Tisch knallte. Menschen, Halblinge und Zwerge, zum größten Teil Einwohner Neu-Drachenfurts, schwenkten Bierkrüge, Weinbecher, Zigarren oder längst erloschene Pfeifen, schlossen Wetten ab, klopften sich gegenseitig auf den Rücken, johlten, schrien, pfiffen. Kurz: Sie veranstalteten einen infernalischen Lärm, der außerhalb des Gasthauses dumpf bis weit ins Dorf schallte. So manch eine zu Hause gebliebene Frau verdrehte ob des Radaus die Augen und rechnete damit, ihren Mann heute nur unter großen Schwierigkeiten ins Bett bringen zu können.

Wie konnte man nur bereits weit vor dem Abend schon so gewaltig zechen? Der Zeitpunkt des Duells war aber bewusst auf den Nachmittag gelegt worden, da Rulgo, der Troll, sich bei Sonnenuntergang zu seiner Schlafstatt begeben musste. Als Taglicht-Troll verschlief er die Nacht.

Nach dem fünften Bierkrug ging der Troll leicht in Führung. Seine Anhänger quittierten das mit noch lauterem Gejohle. Die Wetten stiegen. Einzig die Person neben Theodil Holznagel beteiligte sich nicht am allgemeinen Tumult. Auf den ersten Blick schien sie eine Zwergin zu sein. Wenn sie auch so groß war wie ein Zwerg, war sie dafür ausgesprochen schlank und grazil. Still beobachtete sie die beiden Wettkämpfer. Den Troll Rulgo kannte sie schon seit dem letzten Jahr, den Elf erst seit einigen Tagen. Und so unglaublich es erschien, der Elf war ihr Bruder. Oder zumindest ihr Halbbruder, der Sohn ihres Vaters. Dieser nämlich, Gilbath, der Fürst der Elfen der Riesengras-Ebene, hatte vor vielen Jahren ein Liebesabenteuer mit einer Zwergin gehabt, ihrer Mutter. Barella Morgentau war eine Zwelfe, das Kind einer Zwergin und eines Elfen. Sah man genauer hin, so konnte man es an ihren Augen erkennen, sie waren blau (Zwerge haben braune Augen) und an ihrer für Zwerge schlanken und athletischen Figur (Zwerge sind bekanntermaßen stämmig-untersetzt). Auch waren ihre Ohren spitz wie die der Elfen, was allerdings unter ihrer braunen Lockenpracht nicht auffiel.

Barella betrachtete ihren Halbbruder Korbinian skeptisch. Er war erst vor wenigen Tagen in Neu-Drachenfurt angekommen. Während der Ereignisse des letzten Jahres, die die alte Feindschaft zwischen Trollen und Elfen zu einem neuen Höhepunkt gebracht und beinahe zu einem Krieg zwischen den beiden Völkern geführt hatte, weilte er weit im Osten, noch hinter den Mogohani-Wäldern.1 Bei seiner Rückkehr konnte er sich nicht mit dem neuen Verhältnis zwischen Trollen und Elfen abfinden, das sein Vater mit Rulgo verhandelt hatte.

„Ich werde den Frieden, den du ausgehandelt hast, akzeptieren, Vater“, sagte er. „Aber verlange nicht, dass ich je einen Troll oder Zwerg meinen Freund nenne.“

Er war ein eingeschworener Feind der Trolle und betrachtete alle anderen Rassen als minderwertig. Das galt auch für seine Halbschwester und deren Freunde.

Nach dem zwölften Bierkrug musste der Troll lange, laut und ausführlich rülpsen. Korbinian holte auf.

Einer der Zwerge rief lautstark: „Eh, Kendor, du solltest das Gasthaus in Zum Rülpsenden Troll umbenennen!“ Gelächter folgte. Doch Rulgo hatte schnell weitergetrunken und, als er endlich zu seinem zwanzigsten Krug griff, stellte der Elf gerade den sechzehnten auf den Tisch.

„Sieg“, knurrte Rulgo mit schwerer Zunge und donnerte den geleerten Bierkrug auf die Tischplatte. Glasig stierte Korbinian die Humpen auf dem Tisch an und brauchte einen Moment, bis er seine Niederlage begriff.

„V-v-verflucht“, lallte er. Seine Zunge war noch schwerer als die des Trolls. „V-verf-fluchte Zwergensch…schei…“ Wütend wollte er mit der Hand auf den Tisch hauen, schlug aber vorbei. Durch den Schwung nach vorn gerissen krachte er mit dem Kopf zwischen den herumstehenden Bierkrügen auf die Tischplatte. Mühsam richtete er seinen Oberkörper wieder auf und rieb sich verdutzt die Stirn. Gelächter folgte. Allerdings, das musste man den Umstehenden lassen, klang im Lachen keine Gehässigkeit mit. Die Leute wussten, dass sie den letzten Winter, als ihr Dorf durch den Vulkanausbruch völlig zerstört worden war, nur durch die Hilfe der Trolle und Elfen überstanden hatten.

Rulgo erhob sich, wankte und trat um den Tisch herum. Vorsichtig, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, beugte er sich zu dem Elf.

„Wa ganichschlächt, Elflein. Hasdich wakka gehaltn. Obwohl ja Elfn vonnatur aus nüscht vertragn.“ Er hob seine Pranke und ließ sie auf die Schulter des trübe vor sich hin stierenden Elfen fallen. Der verlor jetzt seinerseits das Gleichgewicht und krachte erneut mit dem Kopf auf die Tischplatte.

„Umpf“, kommentierte er das Geschehen, bekam den Oberkörper aber dieses Mal nicht mehr in die senkrechte Position. Resigniert legte er die Arme um den Kopf und begann zu schnarchen. Der Troll lief, als würde er gleich umfallen, und verschwand durch die Tür der Gaststube nach draußen in die beginnende Dämmerung.

„Toll!“ Barella sah ihren Halbbruder verächtlich an. „Und du willst mit mir verwandt sein?“

Theodil hob jetzt seinerseits den Krug und prostete der Zwelfe zu. „Nimm es ihm nicht krumm, Barella.“

„Nicht krumm? Ich weiß seit vier Tagen, dass ich einen Bruder habe. Er kommt nach Neu-Drachenfurt, tönt laut herum, dass er mit mir verwandt sei und stößt hier alle Leute mit seiner Art vor den Kopf. Ich weiß überhaupt nicht, warum er hierher gekommen ist.“

„Er meint es nicht so“, versuchte Theodil sie zu beruhigen. Es hatte genau den gegenteiligen Effekt.

„Er stänkert, Theodil. Mit mir, mit den Zwergen, den Menschen, den Halblingen, er stänkert sogar mit Waltrude, aber vor allem mit den Trollen und Bandath. Ich dachte schon, mein Vater sei ein Idiot. Der hat sich allerdings im letzten Jahr einigermaßen auf die Reihe gekriegt. Korbinian aber setzt allen Elfen die Krone auf, die Narrenkrone. Er ist überheblicher und eingebildeter als das ganze Elfenvolk zusammen. An keiner anderen Rasse lässt er ein gutes Haar. Seit er hier ist, hat er sich mit Thordred Weißbuche geprügelt, Menach zum Messerwerfen herausgefordert, Kendor im Schwertkampf und mich im Bogenschießen. Und er hat alle Wettkämpfe verloren. Ich meine, Theodil, er ist ein Elf! Wie kann er gegen einen Zwerg im Ringkampf und einen Menschen im Schwertkampf verlieren?“ Frustriert setzte Barella ihren Krug an und leerte ihn mit einem Zug. Die Zuschauer rund um die zwei Duelltrinker hatten sich gegenseitig ihre Wetteinsätze ausbezahlt und saßen jetzt wieder in der Wirtsstube verteilt an ihren Tischen. Sie werteten das Geschehene aus und bestellten bei Kendor Bier, Wein oder eine Mahlzeit.

Den Neu-Drachenfurtern ging es gut. Im Frühjahr des letzten Jahres hatte der Vulkan den nördlichen Pass zerstört. Nur der Winter war zwischendurch hart gewesen, aber ein erlegter Schweine-Drache hatte den Bewohnern geholfen, die drohende Hungersnot zu überwinden. Seit diesem Frühjahr jedoch kamen viele Händler auf dem Weg zum Großen Markt am Nebelgipfel durch den Ort. Kendors Wirtshaus war zu einem beliebten Haltepunkt auf dieser Reise geworden. Die Bewohner des Ortes nutzten das und boten ihre Produkte auf dem Platz vor dem Wirtshaus den Händler an oder kauften von ihnen Waren.

„Komm, Bruderherz!“ Barella erhob sich und zog den Elf hoch, der sich schwer auf ihre Schultern stützte.

„Brauchst du Hilfe?“, wurde sie von Theodil gefragt, der sich halb erhob und seine Bereitschaft andeutete, nötigenfalls mit anzufassen.

„Nein, danke. Wenn ich dafür Hilfe brauche, dann bin ich entweder zu alt oder schwanger. Und für beides ist noch lange nicht die Zeit.“

„Was’n los?“, lallte Korbinian.

„Nach Hause geht’s. Ich stelle dir einen Eimer vors Bett und der Urzwerg sei mit dir, wenn du den nicht triffst. Dann wird Waltrude dich morgen das ganze Haus schrubben lassen.“ Sie zerrte ihn unsanft vorwärts.

„Barella!“, rief ihr Theodil hinterher. Die Zwelfe, schon auf halbem Weg zur Tür, hielt an und drehte sich noch einmal um.

„Wann brecht ihr auf?“

„In zwei Tagen.“

„Isch gommit“, stammelte ihr Halbbruder, den Kopf vor der Brust pendelnd.

„Du schlaf erst mal deinen Rausch aus, bevor wir darüber reden“, bemerkte Barella und zerrte den viel größeren Elf aus dem Wirtshaus.

„Herr Magier, du wirst doch wohl nicht wirklich so kurz vor dem Winter noch einen längeren Ausflug unternehmen wollen?“

Wie gelang es Waltrude nur, die Worte ‚Herr Magier‘ stets so auszusprechen, als glaube sie nicht an seine magische Begabungen?, fragte sich Bandath zum wiederholten Male. Die alte Zwergin stand mitten in seinem Arbeitszimmer. Auf ihrer großen Schürze schimmerten feuchte Flecken vom Abwasch. Beide Hände hatte sie in die Hüften gestemmt, rechts hielt sie einen hölzernen Kochlöffel, als wolle sie einem Lausbuben damit das Hinterteil versohlen. Und immer, wenn Waltrude in diesem Ton mit ihm sprach, kam er sich vor wie ein solcher Lausbub kurz vor einer berechtigten Tracht Prügel – auch wenn er schon weit über hundert Jahre alt und damit im besten Alter war. Die Zwergin, seine Haushälterin und gleichzeitig ein wichtiges Mitglied des vierköpfigen Rates von Neu-Drachenfurt, starrte ihn wütend an.

„Oh!“ Niesputz erhob sich sirrend in die Luft. „Da fällt mir ein, ich habe noch eine wichtige Verabredung mit einigen Gräsern, draußen im Wald. Da ihr eure schwerwiegenden Probleme sicherlich allein lösen könnt, gehe ich dann mal. Ihr wisst ja, wenn’s am Schönsten ist …“

Niesputz war ein Ährchen-Knörgi, ein Angehöriger eines kleinen Volkes weit im Süden – das behauptete er jedenfalls von sich. Der Magier jedoch hatte im letzten Jahr feststellen müssen, das bedeutend mehr in seinem kleinen, grünen Freund steckte, als dieser zugab. Smaragdfarbene Funken versprühend surrte das Ährchen-Knörgi aus dem offenen Fenster in die Dämmerung davon.

„Sieh deinem kleinen Kameraden nicht so traurig hinterher, Herr Magier, ich rede mit dir“, herrschte die Zwergin ihn an. Seit Jahren bat er sie, ihn mit seinem Namen anzureden, vergebens. Sie hatte zwar bei seiner Geburt geholfen und ihm nach dem frühen Tod seiner Mutter erzogen, aber seit er von seiner Magierausbildung aus Go-Ran-Goh zurückgekehrt war, redete sie ihn nur noch mit Herr Magier an.

„Ich habe mir im letzten Jahr genug Sorgen um dich gemacht. Da musst du nicht schon wieder losziehen, vor allem, da du nun endlich eine junge und hübsche Frau in deinem Haus hast.“

„Aber von Barella stammt doch die Idee, nach Cora-Lega zu gehen! Sie hatte den Wunsch und ich habe es ihr im letzten Jahr versprochen“, wagte Bandath einen Einwurf.

Natürlich überhörte Waltrude diesen Zwischenruf. Wenn sie Bandath die Leviten lesen wollte, dann tat sie das auch und zwar gründlich. Irgendwelche Gegenargumente zählten da nicht und brauchten also auch nicht beachtet werden. Kleinliche Hinweise auf Schuld oder Unschuld tat sie mit einer Handbewegung ab, gerade so, als wolle sie eine lästige Stechfliege verscheuchen. Ihr war das Abendessen nicht gelungen (schließlich hatte Bandath ihr mitgeteilt, dass Barella, Niesputz und er in zwei Tagen aufbrechen würden) und soeben hatte sie eines der guten Gläser zerbrochen, die sie erst beim letzten Vollmond von diesem aalglatten Händler aus dem Westen erstanden hatte. Übrigens ein ausgekochtes Schlitzohr und ein Betrüger obendrein, wenn man sie fragte. Aber sie wurde ja nicht gefragt, niemals fragte auch nur irgendeiner nach ihrer Meinung. Es hieß ja hier in diesem Haus einfach: „Waltrude, wir ziehen los“, und sie konnte sehen, wie sie zurande kam, so kurz vor dem Winter. Sie wurde ja nie gefragt, ihr teilte man einfach mit.

Dass sie als eines der angesehensten Mitglieder des Rates von Neu-Drachenfurt galt, interessierte sie im Moment nicht. Die einzige Person, auf die sie sich augenblicklich konzentrierte, saß vor ihr im Lehnsessel des Arbeitszimmers, machte einen außergewöhnlich unglücklichen Eindruck und schaute sehnsüchtig aus dem offenen Fenster dem grünen Leuchten seines Freundes hinterher. Dieses aber verlor sich bald zwischen den dunklen Schatten des Waldes. Der einzige Ausgang des Raumes, die Tür zum Flur, war durch Waltrudes füllige Gestalt versperrt, als wäre die Zwergin mit voller Absicht dort stehen geblieben. Kurz nur überlegte der Magier, ob er Niesputz durch das Fenster folgen sollte. Sein geheiltes Knie würde es erlauben. Nur ein leichter Schmerz und ein kaum wahrnehmbares Hinken wiesen auf die schwere Verletzung hin, deren Ausheilung über ein Jahr benötigt hatte. Aber wie würde das aussehen? Er, Bandath, der berühmte Magier, floh vor seiner Haushälterin durch das offene Fenster seines Arbeitszimmers. Garantiert würde genau in diesem Moment irgendjemand draußen vorbeigehen. Mindestens ein halbes Jahr würde er sich daraufhin nicht im Rülpsenden Drummel-Drachen sehen lassen können.

Resigniert drehte er sich wieder Waltrude zu. „Also gut, sag, was du zu sagen hast und dann lass mich nachdenken.“ Er wusste im selben Moment, dass er mit diesem Satz einen Fehler gemacht hatte. Zu oft kamen ihm solch unachtsame Worte über die Lippen, ohne dass er die Folgen bedachte.

„Ach? Stellen wir uns das so einfach vor? Mag die alte Waltrude ruhig ein wenig meckern und jammern, Hauptsache sie wird schnell fertig und ich, der berühmte und bedeutende Magier, habe dann wieder meine Ruhe und kann mich meinen schwerwiegenden Gedanken widmen, ja? Haben wir uns das so gedacht, Herr Magier?“

Es war wirklich ein Fehler gewesen. Bandath seufzte und schloss resigniert die Augen. Das hier würde auf keinen Fall schnell vorbeigehen, wenn nicht ein Wunder geschah.

„Nein, Waltrude, habe ich nicht. Entschuldige bitte.“ Er wünschte, er wäre mit Barella und Korbinian ins Wirtshaus gegangen, auch wenn er im Normalfall keinen Wert auf die Gegenwart des Elfen legte.

„Was soll ich entschuldigen? Dass du mich abwimmeln willst wie einen lästigen Vertreter für Giftstaub gegen Wollspinnen? Oder dass du deine junge Frau nimmst und sie kurz vor dem Winter aus ihrem warmen Haus reißt?“

Es war schlimmer, als er gedacht hatte. Egal, was er sagte, es war verkehrt. Das Problem war nur, dass er reagieren musste, sonst würde er Waltrude noch mehr erzürnen. „Wir wollen in den Süden, Waltrude, weit in den Süden, dort liegt kein Schnee.“

„Papperlapapp! Kein Schnee im Winter? Hast du das aus deinen schlauen Büchern?“

Jedes Wort schien zwecklos. Er hätte genauso gut darauf bestehen können, dass dies hier nicht Barellas, sondern zumindest ihr gemeinsames Haus war (so hoffte er jedenfalls) und dass es nicht seine, sondern Barellas Idee gewesen war, den Dämonenschatz von Cora-Lega zu finden. All diese Bemerkungen wären völlig ungehört verhallt. Wenn Waltrude in dieser Stimmung war, half kein noch so durchdachtes Argument. Hätte er darauf bestanden, dass Barella nicht seine Frau war, so hieße das nur, Öl in ein weiteres von Waltrudes Feuern zu gießen. Seit dem Frühjahr lag sie vornehmlich ihm (eigentlich nur ihm) in den Ohren. Es würde ja auch zu gut passen: Er, der Zwergling, dessen von Zwergen abstammender Vater damals eine junge Halbling-Frau geheiratet hatte, heiratet eine Zwelfe.

Was hatte sie vor nicht einmal ein paar Tagen gefragt? Ob er denn nun endlich mal an Heirat gedacht hätte?

„Heirat?“, hatte er geantwortet. „Barella soll mich heiraten? Aber es ist doch alles gut so, wie es ist. Warum denn alles durch eine Heirat noch komplizierter gestalten?“

Man hatte Waltrudes Stimme daraufhin wahrscheinlich weit außerhalb des Hauses gehört. Das solle er nur nicht Barella hören lassen! Eine Frau wolle geheiratet werden und der Mann habe den ersten Schritt zu machen! So sehe das aus. Alle aus dem Dorf würden damit rechnen.

Das stimmte allerdings. Hier in Neu-Drachenfurt hatte er etwas gefunden, was er als „Mischling“, wie er während seiner Lehrzeit in Go-Ran-Goh von einigen seiner Mitschüler abfällig genannt worden war, nirgends sonst gefunden hatte. Und Barella hatte es ihm bestätigt. Sie wurden beide akzeptiert und als ganz normale Bewohner der Siedlung betrachtet. Diese Art von Akzeptanz und Toleranz suchte er in anderen Siedlungen und Städten rund um die Drummel-Drachen-Berge vergeblich. Wahrscheinlich, weil einerseits Bandath seit hundert Jahren hier lebte, andererseits hatten die Menschen, Halblinge und Zwerge gemeinsam die Probleme des Vulkanausbruchs gemeistert. In dieser Hinsicht bildete die Siedlung eine löbliche Ausnahme. Selbst Trolle und Elfen, die seit einem Jahr in einem bedeutend stabileren Frieden lebten, hatten ihre Probleme mit anderen Rassen. Eigentlich bildete niemand eine Ausnahme. Die Menschen biederten sich bei den Elfen an, Gnome verachteten alle anderen, Zwerge lebten am liebsten für sich, Halblinge wollten ihre Ruhe, Trolle dachten, sie seien die Stärksten … Wen man auch ansah, keiner, wirklich nicht einer sah vorurteilsfrei auf andere Rassen. Vor allem die Elfen nicht. Und von allen Elfen, die er kannte, war Korbinian, Barellas Halbbruder, einer der Schlimmsten.

Wie auf dieses geheime Stichwort hin polterte es plötzlich an der Eingangstür und unterbrach Waltrudes Rede, die unbeachtet an ihm vorübergezogen war.

„Na toll“, knurrte die Zwergin. „Jetzt kommt wohl der andere Taugenichts.“ Dass sie Bandath mit diesen Worten auf eine Stufe mit Korbinian stellte, war wirklich hart für den Magier. Sie drehte sich um und sah die Zwelfe in der Tür.

„Barella, Liebes, was ist passiert?“

„Ein Wettkampf! Mit Rulgo!“

„Ein Trinkwettkampf? Am helllichten Tag?“ Obwohl Bandath Waltrude nur von hinten sah, konnte er an ihrer Körperhaltung förmlich sehen, wie sie die Augen verdrehte. „Typisch Männer. Schon vor Sonnenuntergang saufen, dass sie nicht mehr stehen können. Ich war ja von Anfang an gegen dieses Wirtshaus. Aber wer hört schon auf mich?“

Auch hier war völlig egal, dass Rulgo als Taglicht-Troll grundsätzlich alles vor Sonnenuntergang machen musste. Aber wie gesagt (jetzt verdrehte Bandath die Augen), wenn Waltrude in dieser Stimmung war …

„Leg ihn ins Bett, Kind. Ich hole ihm einen Eimer mit Wasser. Und wenn er den nicht trifft, dann sollen diesem Nichtsnutz all unsere und seine Vorfahren gnädig sein.“

Wieso eigentlich konnte Barella in Waltrudes Augen keinen Fehler machen? Sie hieß immer nur ‚Kind‘ oder ‚Liebes‘ bei ihr. Bandath hingegen bekam den ganzen Ärger ab.

Erneut seufzte Bandath, dieses Mal schicksalsergeben: Der Abend war noch lange nicht zu Ende – und Waltrude hatte noch so viel zu sagen …

1 Die komplette Darstellung der Ereignisse des letzten Jahres findest du in dem Buch „Die Diamantschwert-Saga“.

Aufbruch

Sie wollten zwei Tage später aufbrechen, sehr zum Missfallen von Waltrude. Bis zum Schluss lag sie Bandath in den Ohren, doch hierzubleiben. Nun war die Tatsache, dass Bandath zu einer Reise aufbrach, an sich nicht ungewöhnlich. Seit seiner Rückkehr von der Magierausbildung vor nunmehr fast einhundert Jahren, war er jedes Jahr zwei- bis dreimal zu irgendwelchen Reisen aufgebrochen, auch während des Winters – mehr oder weniger zweifelhaften Reisen übrigens, wie Waltrude ständig anmerkte. Oft genug kam er mit einem Beutel voller Silber- oder gar Goldmünzen zurück, schwieg aber stets, was die Art seiner „Geschäfte“ betraf. Wahrscheinlich hatte Waltrude recht, wenn sie diese als „windig“ bezeichnete. Auch wenn er immer darauf bestand, dass durch seine Geschäfte noch nie jemand ernsthaft zu Schaden gekommen war.

Der Magier wollte am Nachmittag vor dem Aufbruch die letzten Einzelheiten besprechen. Um nicht von Waltrude gestört zu werden, gingen er, Niesputz und Barella in das Wirtshaus. Es war für sie eindeutig der beste Platz, denn Waltrude hatte heute ihren Groß-Reinemach-Tag. Natürlich kam Korbinian mit, als er hörte, wo sie sich treffen wollten. Und kaum saßen sie am Tisch, kam Rulgo hinzu.

„Na, Elflein“, seine Pranke krachte auf Korbinians Schulter und schleuderte den Elf gegen den Tisch. „Der Kopf wieder frisch?“ Der massige Körper des Trolls sackte auf die Bank, die unter dieser plötzlichen Belastung hörbar ächzte. Ohne auf eine Antwort des Elfen zu warten, der sich stöhnend die Schulter und die geprellte Brust rieb, wandte er sich an Bandath: „Eigentlich sollte ich beleidigt sein, Magier.“

Der Zwergling hob die Augenbrauen. „Wieso das denn?“

„Die Grünspatzen pfeifen von den Dächern, dass ihr morgen oder übermorgen zu einer Reise aufbrechen wollt. Allerdings weiß keiner so richtig, wohin.“

„Und?“

„Ihr habt euren alten Freund Rulgo nicht gefragt, ob er mitkommen möchte.“ Der Troll blickte Bandath mit unschuldigem Blick an. „Geht es um die Sache, die ihr im letzten Jahr angesprochen hattet, diese Dämonenstadt und den riesigen …“

Ruckartig hob Bandath die Hand und stoppte den Redefluss Rulgos. „Bitte noch kein einziges Wort zu irgendjemanden. Klar?“ Dann nickte er resigniert. Er hatte gehofft, die Reise mit Barella und Niesputz alleine unternehmen zu können. Anscheinend war ihm das nicht vergönnt. Gegen Rulgo hatte er nichts, allerdings würde seine Angewohnheit, bei Sonnenuntergang in todesähnlichen Schlaf zu fallen und erst am Morgen wieder zu erwachen, sie doch etwas behindern.

„Wenn du denkst, mich hierlassen zu können …“ Der Troll ließ offen, was dann wäre. „Komm schon, Bandath. Wir hatten so viel Spaß im letzten Jahr. Und wenn dabei ein paar Münzen für mich abfallen, dann ist das auch in Ordnung.“

„Hast du als Anführer der Taglicht-Trolle denn nichts zu tun?“, wagte der Magier einen Einwand.

„Ich? Habe ich dir das nicht erzählt? Im Sommer gab es eine neue Wahl bei uns. Es gibt keine Elfen mehr zu verprügeln und kein Diamantschwert mehr zu bewachen. In das Umstrittene Land kommen wir auch nicht mehr rein. Was soll ich dann tun, als Anführer? Ich habe mir lange genug Sorgen um die Vorräte und das Zusammenleben mit den Elfen gemacht. Sollen sich andere jetzt den Kopf zerbrechen.“

Niesputz kicherte. „Ist dir langweilig, Fleischklops?“ Er drehte sich zu Bandath. „Lass ihn uns mitnehmen. Vielleicht können wir ihn abrichten und mit einer Kette am Hals im Süden gegen Geld auf den Märkten herumzeigen.“

Als auch Barella zustimmte, hob Bandath resigniert die Hände. „Also gut, komm mit.“

„Und ich auch“, ergänzte Korbinian. Bei Rulgos Erwähnung von Münzen hatte er sich ruckartig gerade hingesetzt und die ohnehin schon spitzen Ohren weiter aufgerichtet.

„Vergiss es“, zischte Barella.

Der Elf sah misstrauisch in die Runde. „Wenn ihr mich nicht mitnehmt, werde ich euch auf eigene Faust folgen.“

„Verfolgen?“, dröhnte Rulgo. „Kannst du das genauso gut wie trinken? Dann haben wir dich nämlich nach einer halben Stunde abgehängt. Bandath, bitte lass mich einen Felsen auf ihn wälzen. Ich nehme den Stein auch wieder runter, wenn wir im Frühjahr zurückkommen.“

Ihre Diskussion wurde unterbrochen, als Kendor an den Tisch trat. „Vier Bier und …“, der Wirt sah Niesputz an, „ein Getreidekorn, nehme ich an?“

Das Ährchen-Knörgi schüttelte den Kopf. „Nein, heute nehme ich auch ein Bier.“ Niesputz hob die Hand und spreizte Daumen und Zeigefinger auseinander. „So ein großes!“

Kendor nickte lächelnd. „Irgendetwas zu essen?“

Jetzt grinste Bandath säuerlich. „Wenn wir bei dir essen, Kendor, schicke ich dir hinterher Waltrude auf den Hals, der du erklären kannst, weshalb wir nicht das essen, was sie zu Hause gekocht hat. Das müsstest du doch mittlerweile wissen.“

Kendor griente breit und ging zurück zur Theke. Bandath wandte sich an Korbinian: „Nenne mir bitte einen vernünftigen Grund, weshalb wir dich mitnehmen sollten.“

Mit erhobener Hand, den Daumen abgespreizt, fing dieser an, aufzuzählen: „Der Troll kommt auch mit!“

„Uäh!“, greinte Rulgo übertrieben wie ein kleines Kind. „Ich will das auch, der Troll kommt auch mit!“

Korbinian ignorierte Rulgos Einwurf und klappte den Zeigefinger aus. „Ich will meine Schwester kennenlernen, da ich nun nach vielen Jahren erfahren habe, dass sie existiert.“

„Woher dieser plötzliche Familiensinn?“, fauchte Barella und wurde, genau wie Rulgo zuvor, ignoriert.

Der Mittelfinger: „Vater hat gesagt, ich soll dich unterstützen, wenn du Hilfe brauchst, Bandath.“

„Oh, ich denke, der Zauberer schafft das auch ohne dich, schließlich hat er mich.“ Niesputz plusterte sich auf.

„Magier“, korrigierte Bandath das Ährchen-Knörgi. Nach seiner Auffassung traten Zauberer auf Jahrmärkten zur Belustigung der Besucher auf. Er war ein ernsthafter Magier.

Korbinian zeigte den Ringfinger. „Ich kenne den Süden einigermaßen und kann euch dort helfen.“ Als Letztes folgte der kleine Finger. Mit einem Seitenblick auf den Troll senkte der Elf die Stimme. „Und ganz ehrlich, ich könnte auch ein paar Münzen gebrauchen.“

„Was heißt ‚du könntest‘? Wahrscheinlich brauchst du sie dringend, da du irgendwo Schulden hast“, knurrte seine Schwester.

Der Elf grinste wortlos.

„Was berechtigt dich zu der Annahme, dass ein paar Münzen für dich abfallen könnten?“, fragte Bandath.

„Der Troll hat es doch eben erwähnt. Sag schon, Magier, geht es um einen lukrativen Auftrag oder um einen Schatz?“

Bandath schwieg, schaute den Elf nur an.

„Wenn ihr mich nicht mitnehmt, erzähle ich in allen Wirtshäusern südlich des Drummel-Drachen-Gebirges herum, dass ihr auf der Suche nach einem Schatz seid. Dann werden sich bald Hunderte von Schatzsuchern und Abenteurern an eure Fersen …“ Korbinian stoppte abrupt, als sich Rulgos Hand um seinen Nacken legte.

„Hast du schon mal davon gehört, Elflein, dass Trolle mit einer einzigen Handbewegung das Genick von Elfen brechen können?“

Bandath hob beschwichtigend die Hand. „Langsam, Rulgo. Der Friede zwischen euren Völkern ist noch jung und empfindlich. Störe ihn nicht mit einem Mord, der es nicht wert ist.“ Er seufzte resigniert. „Dann sind wir also fünf“, sagte er, nachdem Barella ihm zugenickt hatte.

Bandath griff in den Schultersack, den er ständig bei sich trug, und holte eine Landkarte heraus. In einem sehr großen Maßstab zeigte sie die Ländereien südlich des gewaltigen Drummel-Drachen-Gebirges bis hin zur Todeswüste und den Urwäldern des Südens.

„Unsere erste Station sollte Pilkristhal sein.“ Sein Finger stupste auf einen Punkt der Karte. Südlich des Ewigen Stroms erstreckte sich über viele Tagesreisen hinweg das Drei-Strom-Land. Der Grünhaifluss, der Wasserdrachen-Fluss und der Heiße Strom durchflossen eine abwechslungsreiche Landschaft. Wälder wechselten sich mit riesigen Heidelandschaften ab, Berge mit Tälern und Ebenen. Natürlich war keiner der Berge so hoch, wie ihre größeren Verwandten hier im Gebirge. Hunderte von Bauernhöfen lagen dort verteilt, Getreide wurde angebaut und Vieh gezüchtet. Aber auch Städte konnte man da finden. Auf eine von diesen Städten zeigte Bandath – Pilkristhal. „Ich denke, dort sollten wir uns treffen.“

„Treffen?“ Unverständnis spiegelte sich in den Blicken seiner Mitstreiter.

„Wieso treffen?“, fragte Rulgo. Er zeigte in die Runde, als würde Bandath die anderen nicht sehen. „Wir sitzen doch schon zusammen.“

„Ich habe lange nachgedacht“, erklärte der Magier. „Wenn wir Erfolg haben wollen, brauche ich noch ein paar Informationen. Und ich denke, ich weiß auch, wo ich die bekomme.“

„Und?“, fragte Barella schließlich, als Bandath schwieg. „Woher bekommst du die?“

„Aus der Bibliothek von Go-Ran-Goh. Die Magierfeste hat die umfangreichste Sammlung an Büchern, die man sich nur vorstellen kann.“ Er wies auf einen einsamen Berg im Osten. „Ich bin mit meinem Laufdrachen bedeutend schneller als ihr beide.“ Der Zwergling sah zu Rulgo und Korbinian.

„Ich habe ein sehr gutes Pferd. Ich wette um fünf Goldstücke, dass es deinen Laufdrachen …“

„Vergiss es!“, fuhr ihn Barella an. „Du würdest doch wieder nur verlieren. Wenn du dabei sein willst, dann halte dich an Regel Nummer eins!“

„Regel Nummer eins?“

„Es wird gemacht, was Bandath und ich sagen, grundsätzlich, sofort und ohne Fragen zu stellen. Klar?“

„Aber wenn …“, versuchte Korbinian zu widersprechen.

„Klar?!“, schnitt ihm Barella scharf das Wort ab.

„Verstanden“, maulte der Elf und griff als erster nach dem Bier, das Kendor in diesem Moment brachte.

„Und wenn die beiden nicht da sind, gilt Regel Nummer eins für mich!“, nahm Niesputz für sich in Anspruch und griff seinerseits zu seinem kleinen Bierkrug, den Bandath ihm zur Winntersonnenwend-Feier geschenkt hatte und den Kendor für ihn verwahrte.

„Und dann für mich“, legte Rulgo fest. „Elfen haben nämlich von Natur aus nichts zu sagen.“

Korbinian sah die um den Tisch Sitzenden belustigt an. „Na prima, eine ganze Bande von Stellvertretern. Auch mal nicht schlecht. So lange ich nicht jeden Abend für das Essen verantwortlich bin.“

„Für das Essen nicht“, murmelte seine Schwester, „aber für den Abwasch.“

„Was genau ist denn unser Ziel? Ich vermute mal, dass es sich um eine Truhe voller Gold handelt?“ Erwartungsvoll sah Korbinian den Magier an.

„Regel Nummer zwei“, sagte dieser ungerührt. „Keine Fragen! Zu gegebener Zeit wirst du alles erfahren.“ Er nahm einen tiefen Schluck und wischte sich den Bierschaum von der Oberlippe. Seit er im letzten Jahr unter der Erde in ein Feuer geraten war, trug er keinen Bart mehr. Sein graues Haar hielt er sich neuerdings mit einem ledernen Band aus der Stirn, genau wie Barella dies tat. Die Zwelfe hatte ihm eins gefertigt. Während sie jedoch ihr tiefbraunes Haar offen trug, hatte sich Bandath seines zu einem langen und kräftigen Zopf gebunden. Er kratzte sich unter dem Lederband. „Also noch mal: Barella und ich sind bedeutend schneller. Wir werden über Go-Ran-Goh nach Pilkristhal kommen, ihr beide nehmt den direkten Weg, am besten über Flussburg.“ Er sah den Elfen an. „Du kennst Pilkristhal?“

Korbinian nickte.

„Kannst du uns ein Wirtshaus empfehlen, in dem wir uns treffen können?“

„Der Würfelbecher“, antwortete der Elf sofort.

„Und welches würdest du uns auf keinen Fall empfehlen?“, fragte seine Schwester.

„Den Fröhlichen Zimmermann.“

„Gut“, entgegnete sie.

„Dann treffen wir uns also im Fröhlichen Zimmermann“, ergänzte Bandath.

„He!“, rief Korbinian empört. „Weshalb fragt ihr mich nach meiner Meinung, wenn ihr dann sowieso das Gegenteil macht?“

„Eben deshalb“, lachte Rulgo und schlug dem Elf auf die Schulter.

Den schleuderte es gegen die Tischkante. Mit schmerzverzerrtem Gesicht rieb er sich die Brust. „Könntest du das bitte sein lassen?“

„Ich glaube“, rief Niesputz und surrte zwischen Elf und Troll, „ich werde den Fleischklops und das Spitzohr begleiten, damit nicht einer den anderen heimlich zerhackstückelt.“

„Gut.“ Bandath lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Dann wäre also auch das geklärt.“

Eine Stunde und zwei Bier pro Person später löste sich die kleine Versammlung auf.

Bei Sonnenaufgang am nächsten Morgen verließ die Gruppe Neu-Drachenfurt. Der Zwergling ritt auf seinem Laufdrachen Dwego, Barella auf Sokah, ihrem weißen Leh-Muhr, einem Laufvogel, der es in Kraft, Geschwindigkeit und Ausdauer mit jedem Laufdrachen aufnahm. Niesputz saß auf der Schulter der Zwelfe. Hinter den beiden tapste Rulgo mit dem eigentümlich wiegenden Gang der Trolle her, gefolgt von Korbinian auf seinem schwarzen Hengst Memoloth.

Neben den unvermeidlichen und unergründlichen Schultersäcken, die Bandath und Barella auf ihren Rücken trugen, waren die Reittiere und Rulgo mit Proviantsäcken beladen, die Waltrude ihnen gepackt hatte. Sie würden, zumindest in der ersten Zeit, keinerlei Probleme mit ihrer Verpflegung bekommen.

Am frühen Nachmittag verließen sie die höheren Bereiche der Drummel-Drachen-Berge und kamen in die Vorgebirge. Weite Hänge mit vereinzelten Baumgruppen erstreckten sich vor ihnen. Ganz weit in der Ferne konnte man das silbrig glänzende Band des Ewigen Stroms erkennen, an dessen Ufer die Stadt Flussburg lag. Das Land dazwischen war wildreich und fruchtbar, aber nur dünn besiedelt.

Bevor sich Bandath und Barella von den anderen verabschiedeten, sprach der Magier noch einmal kurz mit dem Troll. Er nahm ihm das Versprechen ab, den Elf lebend bis nach Pilkristhal zu bringen.

Barella ihrerseits redete mit ihrem Halbbruder. „Ich will, dass ihr Pilkristhal lebend und unversehrt erreicht. Beide! Sollte dem Troll unterwegs irgendetwas geschehen, so verspreche ich dir, dass ich dich finden und lebendig zu den Trollen schleifen werde.“

Korbinian schüttelte den Kopf. „Was mein Vater nur an euch gefunden hat …“

Rulgo, Korbinian und Niesputz brachen nach Süden auf, Bandath und Barella nach Osten.

Zwei Tage später stapfte Waltrude nördlich von Neu-Drachenfurt durch ein bewaldetes Tal, in dem sie schon seit vielen Jahren Kräuter sammelte, die sie für den Winter brauchte. Vor allem ihre Vorräte an Urinella, einem harntreibenden Kraut, und Schnupfwurz, einem Kraut gegen Erkältung, bedurften dringend der Auffrischung. Erfreut schnaufte sie, als die Bäume zu einer kleinen Lichtung auseinandertraten und der Boden vor der Zwergin fast vollständig mit den kleinen, blauen Blüten der Urinella bedeckt war. Sie griff nach ihrem Messer in der Tasche und konnte sich plötzlich nicht mehr bewegen. Begleitet von einem höhnischen Kichern trat auf der anderen Seite der Lichtung ein Gnom aus dem Gebüsch hervor. Claudio Bluthammer. Die Angst, die Waltrude im ersten Moment ergriffen hatte, wurde durch unbändige Wut abgelöst. Dieser Gnom hatte zusammen mit seinem hässlichen, ochsenköpfigen Kumpan das alte Haus des Magiers und damit seine wertvolle Büchersammlung verbrannt – nicht zu vergessen Waltrudes gesamtes Hab und Gut. Wenn sie den in ihre Finger kriegen könnte. Aber leider hatte er sie wohl mit Lähmungs-Magie belegt. Sie konnte nicht einmal ihre Augenlider rühren. Hinter ihr hüstelte eine tiefe Stimme und der Minotaurus schritt gewichtig in ihr Blickfeld – Sergio die Knochenzange.

„Also, alte Schachtel, wir wollen uns gar nicht lange aufhalten.“ Sergio spazierte gestelzt vor ihr auf und ab, während Claudio leicht gebückt etwas im Hintergrund stand und mit seinen klobigen Gnomenfüßen auf der Urinella herumtrampelte. Zu ihrem Schreck hatte der Gnom ein langes, spitzes und wohl auch äußerst scharfes Messer gezückt und ließ das Licht der Herbstsonne auf der Klinge blitzen.

„Wir wissen“, grunzte der Minotaurus, „dass du die Haushälterin des Mischling-Magiers bist. Wo ist er? Wir haben ihn in eurer Siedlung nicht gesehen.“ Er machte eine nachlässige Handbewegung und sie spürte, wie die Lähmungs-Magie ihren Kopf freigab.

„Gib mich ganz frei, Ochsenkopf, und ich werde dich in die Richtung werfen, in die der Herr Magier aufgebrochen ist …“ Die Lähmungs-Magie erfasste sie erneut. Ochsenkopf kam ganz nah ans Waltrudes Gesicht heran, während der Gnom im Hintergrund kicherte.

„Pass auf, Zwergenweib! Ich frage, du antwortest! Und zwar nur auf meine Fragen!“

Waltrude bemerkte, dass die Lähmungs-Magie zwar ihren Körper zur Bewegungslosigkeit verdammte, ihre Nase jedoch konnte weiterhin ungestört ihre Funktion ausführen. Der Minotaurus stank gewaltig aus seinem Maul. All die Verachtung, die sie den Wegelagerern gegenüber empfand, versuchte die Zwergin in ihren Blick zu legen. Sollten die beiden doch mit ihr anstellen, was sie wollten. Die Informationen, die sie interessierten, würden sie nicht bekommen – jedenfalls nicht von ihr.

„Noch mal, alte Vettel. Ich glaube, du weißt nicht, wen du vor dir hast. Ich bin ein Magier, Sergio die Knochenzange. Rate mal, warum man mich die Knochenzange nennt?“ Er schwieg einen Moment theatralisch, als wolle er den Gedanken ganz tief in Waltrudes Hirn einsickern lassen. „Also, wo ist Bandath?“ Wieder schlenkerte er mit seiner Hand. Waltrude bewegte den Kopf, als müsse sie ihren Nacken entkrampfen.

„Der Herr Magier? Er ist zum Großen Markt am Nebelgipfel aufgebrochen.“

„Was will er denn dort?“

„Da gibt es eine besondere Sorte von Eisenstäben. Die kann ich bei unserem Schmied ins Feuer legen und wenn sie dann glühen, werde ich sie euch ganz tief in eine bestimmte Körperöffnung schieben, ihr verfluchtes Gesindel. Habt wohl Angst vor einer fetten, alten Frau, dass ihr mich hier so feige lähmt? Hört mit eurer verkorksten Magie auf und gebt mich frei, dann klären wir das – von Zwerg zu Ochse!“

Unsichtbare Fesseln pressten Waltrude zum dritten Mal die Kiefer aufeinander. Wütend funkelten sie die Augen des Minotauren an.

„Du hast es so gewollt, Weib. Ich werde jetzt meine Spezialität bei dir anwenden …“

„Au ja!“, rief der Gnom und hüpfte freudig erregt hinter seinem Kumpan auf und ab. „Die Knochenzange! Ja, Sergio, mach ihr die Knochenzange!“

Ruhe gebietend hob der Minotaurus die Hand und Claudio verstummte abrupt.

„Ich fange mit dem kleinen Finger der linken Hand an, Weib. Wenn der gebrochen ist, folgen nach und nach die anderen Finger, dann die Arme, danach die Füße und die Beine. Du glaubst gar nicht, wie viele Knochen ein Zwerg hat. Und jeden einzelnen davon werde ich dir brechen, bis du mir sagst, wo der Mischling ist.“ Er begann, seine Finger in einem komplizierten Spiel zu bewegen. Wie mit eisernen Klammern gepackt, wurde Waltrudes Arm nach oben gezogen. Zitternd versuchte sie, dagegen anzukämpfen, vergeblich. Die unsichtbare Kraft bog ihr den Arm, bis sich ihre Hand vor ihrem Gesicht befand, und spreizte dann die Finger ab. Eines musste man dem Minotaurus lassen, diese Magie beherrschte er wirklich. Waltrude brach der Schweiß aus, aber sie kam nicht gegen die Kraft an, die er heraufbeschwor. Sie fühlte und sah, wie ihr kleiner Finger nach hinten gebogen wurde, weiter und weiter. Allerdings brauchte sie sich das Stöhnen kaum zu verkneifen, die Geburt ihrer zweiten Tochter war bedeutend schmerzhafter gewesen. Dennoch vernahm sie mit einer gewissen Erleichterung das trockene Knacken, mit dem der Finger brach.

Die Fessel um ihr Gesicht löste sich. Bevor jedoch der Minotaurus seine Frage stellen konnte, spuckte sie ihm ins Gesicht. „Wenn ich es mir recht überlege, werde ich den Schmied zuerst bitten, mir Widerhaken an die Eisenstäbe zu schmieden, bevor ich sie ins Feuer lege. Zu zweit eine arme, alte, wehrlose Frau quälen. Zu mehr hat es bei euch wohl nicht gereicht? Kein Wunder, dass sie euch aus Go-Ran-Goh geschmissen haben …“

Der Minotaurus schrie wütend auf. Dass sie beide vor vielen Jahren ihre Ausbildung auf der Magierfeste abbrechen mussten, weil sie Bandath einen lebensgefährlichen Streich gespielt hatten, hatte er noch immer nicht verwunden. Erneut fühlte Waltrude die unbarmherzige Klammer der Lähmungs-Magie.

„Du wirst schreien!“, geiferte ihr der rasende Minotaurus ins Gesicht. „Du wirst betteln. Aber ich werde nicht aufhören. Ich werde dir jeden einzelnen Knochen brechen …“

Der Gnom unterbrach die Tirade seines Freundes mit einem Schmerzensschrei. Unwillig drehte Sergio sich zu seinem Gefährten um. „Was …?“

Ein heranzischender Stein traf ihn an der Stirn und ließ ihn zurückstolpern. Aufstöhnend riss er die Hände hoch und hielt sich die blutende Wunde zwischen den Augen. Plötzlich folgte ein regelrechter Hagel von runden, weißen Kieselsteinen, die, einer nach dem anderen, aus dem Gebüsch herausgeschossen kamen, aus dem kurz zuvor der Gnom aufgetaucht war. Sie prasselten auf jede ungeschützte Körperstelle der beiden Schurken, die schreiend umhersprangen und verzweifelt versuchten, sich vor den Steinen zu schützen. Durch den unverhofften Angriff abgelenkt, verlor die Lähmungs-Magie ihre Wirksamkeit, Waltrude war frei. Mit den Worten „Du brichst mir keinen Finger mehr!“, holte sie mit ihrer rechten Hand das Messer aus dem Beutel, dessen Griff sie schon die ganze Zeit umspannt gehalten hatte. Blitzartig zuckte die Klinge nach vorn und biss Sergio in den Oberschenkel. Der Minotaurus schrie gepeinigt auf und schlug nach ihr. Mit einer Gewandtheit, die man der fülligen Zwergin niemals zugetraut hätte, wich sie dem Schlag aus und führte ihrerseits einen Angriff gegen Claudio Bluthammer. Sie traf ihn am Oberarm. Das Jaulen des Gnoms schrillte über die Lichtung und panisch schlugen sich beide in die Büsche, gefolgt von den letzten Kieselsteinen, die Löcher in die Blätter rissen. Noch eine ganze Weile hörte sie das Brechen der Zweige unter den Füßen des Gnoms und den Hufen des Minotaurus’.

Waltrude atmete heftig, steckte ihr Messer weg und fasste vorsichtig ihren nach hinten abstehenden kleinen Finger. Energisch bog sie ihn wieder in die richtige Position. Es knackte trocken in ihrer Hand.

„Komm schon vor!“, rief sie ihrem unsichtbaren Retter zu. „Ich tue dir nichts.“

„Davon bin ich überzeugt“, ließ sich eine tiefe, angenehm klingende Stimme vernehmen. Es raschelte und ein großer, kräftiger Mensch trat hinter dem Busch hervor. Seine kurz unter den Knien endende Leinenhose wurde mit einem Ledergürtel auf der Hüfte gehalten. Unten schauten stachelig behaarte Beine heraus, die in braunen Stiefeln endeten. Ein weites, weißes Hemd steckte in der Hose. Aus dem Brustausschnitt quoll wolliges Haar hervor. Es war genauso schwarz wie sein Kopfhaar, das in leichten Wellen auf die Schultern fiel. Das Gesicht war, nach Art der Menschen, rasiert. Die braunen Augen strahlten Klugheit aus. Eine scharf geschnittene Nase und ein energisches Kinn gaben dem Gesicht einen entschlossenen Ausdruck. In der rechten Hand hielt der Mann eine Steinschleuder, in der linken einen noch zur Hälfte mit Kieselsteinen gefüllten Leinenbeutel. Sein schwarzer Umhang fiel von den Schultern fast bis auf die Erde und konnte beinahe für eine Verlängerung seines Haares gehalten werden. Er lachte ein offenes, sympathisches Lachen.

„Die werden so schnell nicht wiederkommen.“ Nach drei Schritten mit seinen langen Beinen stand er vor Waltrude, legte die rechte Hand aufs Herz und verbeugte sich elegant. „Baldurion Schönklang, fahrender Musikant, Flötenspieler und …“, er richtete sich wieder auf, „… Retter von edlen Damen in Not. Brauchst du Hilfe?“

„Blödsinn!“, knurrte Waltrude. „Erstens bin ich keine Dame, zweitens nicht edel und drittens hast du mich nicht gerettet, du hast mir maximal geholfen. Viertens wird kein Zwerg je Hilfe brauchen, bloß weil er sich den Finger gebrochen hat.“

„Selbstverständlich.“ Baldurion nickte und lächelte. „Wahrscheinlich wärst du früher oder später alleine frei gekommen … mit zwei gebrochenen Armen.“ Er wies auf ihren Finger. „Brauchst du wirklich keine Hilfe?“

„Ich wäre nicht Waltrude, wenn mich so eine kleine Verletzung umhauen würde.“ Während sie ein sauberes, weißes Tuch aus ihrer Tasche zog, einen daumendicken Ast aufnahm und begann, sich den Finger zu bandagieren, betrachtete sie ihren „Helfer“.

„So, so. Und du willst ein Sänger sein, und ein Steine werfender noch dazu?“

„Ich habe die Steine nicht geworfen, sondern geschleudert.“ Baldurion wies auf die am Gürtel hängende Lederschlaufe, seine Schleuder.

Waltrude betrachtete interessiert ihren unnatürlich abgespreizten Finger, als überlege sie, in welche Richtung sie ihn jetzt biegen müsse.

„Du brauchst wirklich keine Hilfe?“, bot sich Baldurion noch einmal an.

„Zwerge brauchen sich von Natur aus nicht von Menschen helfen lassen, die herumziehen, Steine werfen und alte Frauen ausfragen.“ Sie hielt den Ast an den Finger und richtete diesen dann nach dem Holzstück aus.

„Also, Balduin, oder wie du heißt …“

„Mein Name ist Baldurion“, stellte er richtig und sah zu, wie sie den Bruch noch einmal richtete, ohne eine Miene zu verziehen. „Ich bin Flötenspieler und Musikant. Selbstverständlich singe ich auch hin und wieder, aber meine Passion ist das Flötenspiel.“

„Und wo hat der Herr Flötenspieler gelernt, so gewandt mit der Schleuder umzugehen?“

Baldurion begann die herumliegenden Kiesel wieder einzusammeln. „Nun, ich bin oft unterwegs, meistens allein und nicht immer treffe ich auf mir wohlgesinnte Reisende, wie auch du heute bemerken musstest.“

Waltrude schüttelte unwillig den Kopf. „Quatschst du immer so gestelztes Zeug? Rede wie ein normaler Zwerg, wenn du mit mir sprichst.“ Sie hatte ihren Finger mit Holz und Taschentuch geschient. „Was tust du denn da?“

„Ich sammle die Steine wieder ein. Wunderbar runde, weiße Bachkiesel. So etwas findet man nicht überall.“

„Wir sollten hier verschwinden.“ Waltrude sah sich um. „Wenn die zwei Idioten zurückkommen, könnten wir eventuell doch noch ernsthafte Probleme kriegen.“

Baldurion nickte, steckte zwei Finger in den Mund und ließ einen schrillen Pfiff ertönen. Kurz darauf trat eine weiße Stute aus dem Wald. Waltrude konnte nicht umhin festzustellen, dass sie wunderschön war. Das Pferd schritt auf den Flötenspieler zu, der ihr sacht die Nüstern streichelte. Wohlig schnaubte es. „Fiora“, sagte der wandernde Musikant. „Ich möchte dir Waltrude vorstellen, eine edle Zwergendame, der ich in der Not half. Waltrude“, er drehte sich halb zur Zwergin, „meine Stute Fiora ist bereit, uns in die Richtung zu tragen, die du uns weist.“

Mit Hilfe eines Baumstubbens gelangte Waltrude, unwillig schimpfend, auf den Rücken des Pferdes. Baldurion schwang sich elegant hinter ihr in den Sattel. Noch niemals zuvor hatte Waltrude so hoch oben auf einem Reittier gesessen. Krampfhaft griff sie in die Mähne des Pferdes.

„So ein blödes Gerede“, brummelte sie vor sich hin, als sie auf dem Weg nach Neu-Drachenfurt waren. „Edle Waltrude. Gnomengefasel!“ Plötzlich jedoch verstummte sie. Wie ein brennender Pfeil schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. Die zwei Halunken waren dem Herrn Magier auf den haarigen Fersen seiner Halblingsfüße. Wenn sie auch von ihr keinen Hinweis erhalten hatten, so würde es doch nur eine kleine Weile dauern, bis sie seine Spur finden würden. Bandath musste gewarnt werden und Waltrude wusste auch schon, wer ihn warnen würde.

Eine halbe Stunde später ritten sie in Neu-Drachenfurt ein und erregten gewaltiges Aufsehen. Fast sofort wurde ein Trupp Bewaffneter zusammengestellt, der sich unter Leitung von Menach auf die Suche nach den beiden Kopfgeldjägern machte. Menach war der Mensch im Rat Neu-Drachenfurts und unter anderem verantwortlich für Aufgaben der Sicherheit.

Waltrude verband ihre Hand neu, während Baldurion dem Zwerg Theodil die Ereignisse schilderte.

„Kann schon sein, dass es mich etwas schlimmer erwischt hätte, wenn der Flötenmann nicht vorbeigekommen wäre“, knurrte Waltrude einige Minuten später. „Hat es aber nicht, also hör auf, mir die Ohren vollzujammern, Theodil.“ Sie stapfte in die Küche und begann, Proviant auf den Tisch zu häufen.

„Was hast du vor, Waltrude?“ Theodil war ihr gefolgt, Baldurion im Schlepptau.

„Was schon? Ich werde losziehen und den Herrn Magier warnen.“

„Weißt du denn, wo er ist?“

„Ich weiß zumindest, wo er sich mit dem klobigen Troll und diesem Taugenichts von einem Elfen treffen will. Wenn ich mich beeile, dann kann ich sie dort abfangen. Er muss wissen, dass die beiden Kopfgeldjäger hinter ihm her sind.“

„Meinst du nicht, dass er alleine mit ihnen fertig wird?“

Waltrude unterbrach ihre Wühlerei und sah den Zwerg an. „Ist er das schon einmal?“, antwortete sie mit einer Gegenfrage. „Und nein“, ergänzte sie, Theodil zuvorkommend, der den Mund zum nächsten Argument öffnen wollte. „Ich bin nicht der Meinung, dass das jemand anderes machen sollte. Jetzt wo die beiden Idioten hinter ihm her sind, sollten keine Unbeteiligten hineingezogen werden.“

„Er wird merken, dass etwas nicht stimmt, wenn er uns mit Fernsicht-Magie beobachtet.“

„Warum sollte er? Als er im letzten Jahr unterwegs war, da waren wir vor dem Vulkan auf der Flucht. Er machte sich Sorgen, nur deshalb hat er nach uns geschaut. Bei seinen sonstigen Reisen beobachtete er uns auch nie. Weshalb soll er also gerade jetzt nach uns sehen? Neu-Drachenfurt geht es gut wie nie zuvor. Die Vorratskammern sind für den Winter gut gefüllt. Er braucht sich keine Sorgen zu machen. Wir uns aber um ihn, Theodil. Du hast sie nicht gesehen. Ich habe noch nie bei einem lebenden Wesen einen solchen Hass verspürt. Sie werden ihn sofort töten, wenn sie ihn treffen. Er wird keine Chance von ihnen bekommen. Bandath muss gewarnt werden.“

„Und das willst ausgerechnet du tun?“

Der Blick, den sie Theodil zuwarf, sprach Bände: Er konnte sich jede weitere Diskussion sparen. Gegen Waltrudes Willen war einfach nicht anzukommen.

„Gut“, seufzte er. „Dann erlaube mir wenigstens, dich zu begleiten.“

Ohne mit dem Packen innezuhalten, nickte Waltrude. „Ich breche in einer Stunde auf. Wenn du mit deinem Pony vor der Tür stehst, kannst du mitkommen. Hast du dich bis dahin nicht von deiner Frau verabschiedet, reise ich allein.“

„Nicht ganz allein“, mischte sich Baldurion ein. „Geht es gegen diese beiden Schurken, Zwergenfrau, dann streite ich an deiner Seite.“

„An meiner Seite? Wieso willst du dich streiten?“ Waltrude imitierte den gestelzten Tonfall des Musikanten.

„Ich will nicht streiten, sondern dir beistehen!“, reagierte dieser etwas irritiert.

„Aha! Und wer fragt mich?“

„Oh!“ Jetzt grinste der Flötenspieler, wieder sicherer geworden. „So wenig wie du dich umstimmen lässt, so wenig werde ich meine Meinung ändern. Gegen diese beiden Bösewichte können du und dein Meister jeden einzelnen Kieselstein gebrauchen.“ Er klopfte auf den prall gefüllten Beutel, der direkt neben der Schleuder und einem Messer an seinem Gürtel hing.

„Er ist nicht mein Meister! Und das sind keine Bösewichte, das sind hundsgemeine Diebe und Mörder!“ Sie knurrte und warf dann resignierend die Hände in die Luft. „Also, bei den Hallen meiner Vorfahren und dem Urzwerg, der darin wandelt, dann kommt eben mit.“ Sie schüttelte den Kopf und packte weiter. „Ich weiß, ich werde diese Entscheidung bereuen“, brummte sie dem Brot zu, das sie in ein Tuch schlug.

Und so kam es, dass knapp eine Stunde später Theodil Holznagel und Waltrude Birkenreisig auf kräftigen Zwergenponys Neu-Drachenfurt in Richtung Süden verließen, gefolgt von Baldurion Schönklang auf seiner weißen Stute Fiora.

„Ich habe dir doch gesagt, dass es klappt.“ Der Minotaurus grinste. Eines seiner Augen war zugeschwollen. Mehrere blutende Stellen am Kopf zeugten von den Treffern der Steinschleuder. Den Oberschenkel zierte ein Verband, um die Blutung der Wunde zu stillen, die er durch Waltrudes Messer erhalten hatte.

„Bissu sicher?“ Dem Gnom fehlten vorn zwei Zähne. Er biss auf einen blutbesudelten Lappen und nahm ihn zum Sprechen nur kurz aus dem Mund. Es würde eine Weile dauern, bis die Zähne nachgewachsen waren. Auch er blutete aus mehreren Wunden am Kopf und hatte sich an verschiedene Stellen des Körpers nasse Tücher gelegt, um die Blessuren zu kühlen. Von Zeit zu Zeit wusch er das Tuch aus seinem Mund in dem neben ihm plätschernden Bach aus. Rote Wolken trieben dann das Wasser herab und lösten sich langsam auf.

„Ich hoffe nur, daz eß daz wert war!“

„Vertrau mir, Claudio“, erwiderte der Minotaurus. Er lag bäuchlings einige Schritte entfernt und spähte die steile Bergflanke herab, an deren höchsten Punkt sie lagerten. „Die Tölpel aus dem Dorf suchen uns. Aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass die Alte aufgebrochen ist. Ich garantiere dir, die ist unterwegs zu diesem Mischling.“ Er stand auf und kam zu seinem Kumpan. „Alles läuft nach Plan. Wir brauchen ihr bloß zu folgen.“ Triumphierend hielt er einen Knopf hoch. „Von ihrer Schürze. Selbst wenn wir sie nicht mehr sehen, können wir sie immer noch mit einem Finde-Zauber aufspüren.“

Sein Blick ging zu ihren schwarzen Reittieren. Man hätte sie fast für Pferde halten können, wären da nicht die krallenbewehrten Tatzen an Stelle der Hufe, die beiden zusätzlichen Klauen unter dem Hals und das mit scharfen Raubtierzähnen versehene Gebiss gewesen. Rauch stieg aus ihren Nüstern, als sie schnaubten.

Unterwegs

Rulgo, Niesputz und Korbinian hatten Flussburg bereits nach wenigen Tagen hinter sich gelassen. Die Entscheidung, nicht in Flussburg zu übernachten, fiel ihnen relativ leicht, da sie die Fähre am Ewigen Strom bereits am frühen Vormittag erreichten. Gegen Mittag hatten sie die Stadt auf der gegenüberliegenden Seite wieder verlassen und bewegten sich durch die Wälder westlich des Grünhaiflusses. Zwischen dem Troll und dem Elf herrschte eine gespannte Atmosphäre. Während Rulgo keine Gelegenheit ausließ, seinen beiden Begleitern ständig zu erklären, was Elfen „von Natur aus“ wären oder nicht könnten, machte Korbinian ihnen im Gegenzug begreiflich, was er von ihnen und ihren Freunden hielt. Und das zum Teil in recht drastischen Worten.

Sie folgten dem Nord-Süd-Handelsweg, der zunächst am Grünhaifluss entlangführte, um sie ein paar Tage später über eine Brücke auf die gegenüberliegende Seite zu führen. Das Gebiet der Elfen, die die Riesengras-Ebenen bewohnten, endete hier. Die Landschaft wurde vielgestaltiger und war dichter bewohnt. Im Westen erhoben sich Berge. Regelmäßig kamen sie an Bauernhöfen, kleinen Siedlungen und Dörfern vorbei. Öfter konnten sie jetzt auch in Wirtshäusern übernachten und mussten ihr Lager nicht mehr unter Bäumen aufschlagen. Eines der größeren Wirtshäuser auf ihrem Weg war der Blutige Knochen, eine heruntergekommene Kaschemme, die sie gegen Abend kurz vor Sonnenuntergang erreichten. Das Bier war fad, das Essen schlecht, aber Zimmer gab es, in denen sogar Trolle schlafen konnten und das gab den Ausschlag. Sie ließen sich ein großes Stück gebratenes Fleisch und Brot auf ihr Zimmer bringen. Von der angebotenen Suppe, die in einem Topf über dem Feuer in der Wirtsstube hing, nahmen sie nichts, da sie nicht erkennen konnten, welche Zutaten der Wirt für die Mahlzeit genutzt hatte. Betten waren in dem Zimmer nicht zu finden, aber schmierige Strohsäcke, die man nach Belieben zusammenschieben konnte. Hätte es draußen nicht ohne Unterlass geregnet, Rulgo, Korbinian und Niesputz wären gern wieder verschwunden. In seltener Einmütigkeit schlangen sie schweigend ihr ungewürztes Fleisch herunter, aßen das Brot dazu und spülten den schimmeligen Geschmack des Brotes mit fadem Bier aus dem Mund.

„Da schmeckt Wasser bedeutend besser“, grunzte Rulgo, schob sämtliche im Raum verteilten Strohsäcke mit den Füßen zusammen, schmiss sich auf sie und fiel sofort in den todesähnlichen Schlaf seiner Rasse, ohne Bewegung, ohne Schnarchen, schutzlos allem ausgeliefert, was sich ihm in böser Absicht nähern könnte.

Korbinian fluchte. „Trolle sind von Natur aus egoistisch!“ Wütend zerrte er zwei der Strohsäcke unter dem Troll hervor, breitete seine eigene Decke darüber und legte sich ebenfalls hin. Niesputz rauchte am offen stehenden Fenster noch eine Pfeife, blickte sinnend in die Dunkelheit, in der der Regen gleichmäßig rauschte und rollte sich schließlich auf der Fensterbank zusammen. Kurz darauf schlief er leise schnarchend ein.

Als er mitten in der Nacht wach wurde, wusste er sofort, dass etwas nicht stimmte. Er lauschte, hörte aber nur das Plätschern des vorübergehend nachlassenden Regens. Dann erhob er sich und sah sich um. Korbinian war weg. Er wusste nicht, wie lange schon. Unruhig surrte Niesputz in die Luft, flog zur halb offen stehenden Tür und dort dem Gang folgend bis zur Treppe, die in die Wirtsstube führte. Er sah den Elf, wie dieser, am Tresen stehend, einige Worte mit dem Wirt wechselte und dann eine Münze über den Tisch schob. Als sich Korbinian umdrehte und auf die Treppe zuschritt, flog Niesputz rasch ins Zimmer zurück und legte sich wieder auf die Fensterbank. Leise betrat der Elf den Raum, schloss die Tür vorsichtig und schlich unhörbar zu seiner Schlafstelle. Erst, als er sich hinlegte, knarrte eine Diele und die Strohsäcke raschelten.

Niesputz knurrte, als sei er gerade erwacht. „Was schleichst du denn hier herum?“, fragte er, Müdigkeit vorspielend.

„Ich musste mal. Das Bier – du verstehst?“

Nein, Niesputz verstand überhaupt nicht, antwortete aber auch nicht. Jedoch nahm er sich vor, Korbinian etwas genauer im Auge zu behalten. Falls der etwas im Schilde führte, dann sollte es ihm nicht gelingen. Zuerst musste dieser Elf an ihm, Niesputz, vorbei. Und das hatten bisher noch nicht viele geschafft.

Waltrude, Theodil und Baldurion Schönklang erreichten den Blutigen Knochen zwei Tage später. Ein Reitknecht führte die Ponys und das Pferd in einen Stall, der aussah, als wäre er lange vor den großen Drummel-Drachen-Kriegen vor viertausend Jahren gebaut worden.

„Hier sollen wir übernachten?“ Waltrude stand in der Eingangstür des Wirtshauses, die Hände in die Hüften gestemmt, als wolle sie sofort zufassen und das gesamte Haus säubern. „Das ist nicht euer Ernst!“

Theodil sah sich zweifelnd um. „Der Fuhrmann heute Morgen hat gesagt, dass der Blutige Knochen das einzige Rasthaus weit und breit ist.“

Baldurion schob sich an den beiden Zwergen vorbei. „Auch wenn das Quartier nicht deinen Anforderungen entspricht, edle Zwergendame, so brauchen wir doch eine Unterkunft. Seit Tagen regnet es und wir haben keinen trockenen Faden mehr am Leib oder in unserem Gepäck. Zwei Zimmer für uns lassen sich hier bestimmt finden. Ich werde den Wirt fragen.“

Waltrude und Theodil beobachteten von der Tür aus, wie Baldurion sich durch die verqualmte Schankstube schob und am Tresen ein Gespräch mit dem Wirt begann.

„Ich mag den Flötenmann nicht“, knurrte die Zwergin. „Warum musstest du ihm sagen, dass wir nach Pilkristhal wollen?“

„Warum? Waltrude, du leidest unter Verfolgungswahn. Wieso sollte ich es ihm nicht sagen? Er will uns begleiten, dann hat er auch ein Recht zu erfahren, wo wir hinwollen.“

„Und wenn der Herr Magier bei unserer Ankunft schon weg ist? Erzählen wir Balduin dann auch, was er vorhat?“

Der Zwerg schwieg und beobachtete, wie der Musikant dem Wirt ein paar Münzen über den Tisch schob. Blitzschnell ließ der Wirt die Münzen verschwinden. Über seinem dicken Bauch spannte sich ein ehemals weißes, ärmelloses und sehr fleckiges Etwas, das früher wahrscheinlich einmal ein Hemd gewesen war. Aus dem Brustausschnitt quoll graues Haar. Von seiner speckig glänzenden Halbglatze ringelten sich einige fettige Haarsträhnen bis zu den Schultern.

„Fehlt bloß noch, dass von seinen Haaren das Fett in die Suppe tropft“, kommentierte Waltrude angeekelt.

Der Wirt schniefte und strich sich mit dem Handrücken unter der Nase entlang. Gleich darauf griff er mit derselben Hand hinter sich, nahm einen Suppenteller von einem schmierigen Wandbord und füllte ihn einem anderen Gast auf, während er zu Baldurion sprach.

„Uäks!“ Waltrude schüttelte sich. „Ich jedenfalls esse hier nichts. Wir haben noch Proviant und können in den nächsten Tagen bei einem Bauern unterwegs etwas kaufen.“

Baldurion kam zurück. „Der Wirt erinnert sich an einen Troll, einen Elf und einen kleinen, grünen Kerl, die vor zwei oder drei Tagen hier durchgekommen sind. Sie haben übernachtet und sind nach Sonnenaufgang und einem reichhaltigen Frühstück am nächsten Morgen weitergezogen.“

„Was denn nun? Zwei oder drei Tage?“ Waltrude funkelte ihn ungehalten an.

„Das weiß er nicht mehr so genau.“

„Aber an das reichhaltige Frühstück, daran erinnert er sich noch?“

„Ja, weil der Elf extra noch einmal herunterkam und das Frühstück für den nächsten Tag bestellt hat.“

„Was ist mit den Zimmern?“, fragte Theodil.

„Wir haben zwei Räume, einen für die Dame und einen für uns beide.“

Waltrude stapfte die Stufen der altersschwachen Treppe nach oben. Sie verdrehte übertrieben die Augen, hatte die Oberlippe über die Zähne gezogen und äffte den Musiker nach. „Wir haben zwei Zimmer. Eines für die Dame.“ Wütend schüttelte sie den Kopf. „Wann begreift dieser Gargylendrecksammler, dass Zwergenfrauen keine Damen sind?“ Gargyle waren für sie die furchtbarsten Lebewesen, seit die beiden Kopfgeldjäger im letzten Jahr auf diesen Tieren in Drachenfurt aufgetaucht waren.

Am nächsten Morgen, als sie das Rasthaus verließen, hatte der Regen endlich aufgehört.

Abends betraten zwei neue Gäste den Schankraum: Sergio die Knochenzange und Claudio Bluthammer. Wortlos setzten sie sich an einen der freien Tische, weitab von Zwergen, Menschen und anderem Gesindel, das sich in der Schankstube herumtrieb. Diensteifrig eilte der Wirt herbei und wischte mit einem Lappen von undefinierbarer Farbe und unbestimmbarem Alter die schmierige Tischplatte ab, deren Sauberkeit sich nach diesem symbolischen Vorgang um keinen Deut gebessert hatte.

„Die Herren wünschen?“

Sergio schnippte mit dem Daumen eine Münze aus der Hand in die Luft und fing sie geschickt wieder auf. Die Augen des Wirtes waren gierig dem goldenen Glitzern gefolgt.

„Essen? Trinken? Ein Zimmer?“ Er senkte verschwörerisch die Stimme. „Gesellschaft?“

„Essen und Trinken und ein Zimmer“, antwortete der Minotaurus. „Aber nicht den gleichen Fraß, den du deinen anderen Gästen anbietest!“

Der Wirt nickte, dass man denken konnte, sein Kopf würde bald abfallen. Er verbeugte sich und wollte gehen.

„Halt!“, herrschte Sergio ihn an. „Warte!“

Der Wirt blieb stehen, legte den Kopf schief und musterte die beiden Gäste abwartend.

Sergio legte die Goldmünze auf den Tisch und senkte jetzt seinerseits die Stimme. „Vor einigen Tagen sind zwei Gruppen von Reisenden hier durchgekommen. In der einen müsste ein Troll und ein Elf gewesen sein, in der anderen eine alte, fette Zwergin.“

Der Wirt nickte zögernd. „Und?“

„Hat man für uns eine Nachricht hinterlassen?“

„Eine Nachricht?“ Nachdenklich starrte der Wirt auf die einzelne Goldmünze, die auf der Tischplatte lag. Sergio legte eine zweite daneben. Wie nebenbei strich die Hand des Wirtes über den Tisch und die Münzen verschwanden.

„Pilkristhal. Er hat gesagt, ich soll euch ausrichten: Sie wollen nach Pilkristhal und den Magier dort treffen.“

„Mehr hat er nicht gesagt?“

Der Wirt schüttelte den Kopf und verschwand in Richtung Tresen.

Sergio lehnte sich zufrieden zurück, verschränkte die Hände hinter seinem mächtigen Stierschädel und grinste breit. „Na also! Klappt doch.“

Alles lief, wie er es geplant hatte.

„Pilkristhal?“ Der Bauer schüttelte den Kopf. „Zu Fuß und mit dem Pferd könnt ihr das vergessen. Die Herbstregenfälle haben den Wasserdrachen-Fluss viele Tagesreisen weit über die Ufer treten lassen, schlimmer, als all die Jahre zuvor. Da kommt keiner durch.“ Er packte Rulgo und Korbinian die gekauften Vorräte ein und reichte ihnen die Pakete. „Das passiert jedes Jahr. Ihr müsst einfach einen bis zwei Mondzyklen warten, dann wird das Land wieder passierbar.“

„Jetzt könnten wir eine Karte gut gebrauchen“, knurrte der Troll ratlos. „Wir müssen unbedingt nach Pilkristhal.“

„Trolle können Karten lesen?“, stichelte Korbinian, wurde aber ignoriert.

Der Bauer, ein gutmütiger, älterer Mann, kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. „Also, wenn das unbedingt sein muss, dann geht nach Holzhafen. Das ist die Siedlung der Flößer am Heißen Strom, etwa sechs Tagesreisen von hier Richtung Westen. Die können euch für ein paar Goldmünzen ein ganzes Stück den Fluss abwärts nach Süden bringen, bis auf Höhe der Calonischen Weinberge, da gibt es eine Fähre. Dort geht an Land, ihr müsstet dann das Überschwemmungsgebiet hinter euch gelassen haben. Eine Straße führt euch direkt nach Pilkristhal. Ich schätze, von da braucht ihr nicht mehr als zehn oder zwölf Tage.“

„Pilkristhal? Ihr auch?“ Der Bauer sah Waltrude, Theodil und Baldurion erstaunt an. „Ich habe es vor zwei Tagen schon jemandem empfohlen. Die Flößer am Heißen Strom haben momentan nichts zu tun. Gegen ein paar Goldmünzen bringen die euch den Fluss hinunter bis zur Fähre an den Calonischen Weinbergen. Von dort ist der Weg nach Pilkristhal wieder frei, glaube ich.“

„Wem habt ihr es denn empfohlen, guter Mann?“ Baldurion wedelte mit dem rechten Arm, als wolle er sich verbeugen. Der Bauer hob erstaunt die Augenbrauen. In seinen Blick trat ein leiser Zweifel an der Intelligenz des Musikanten.

„Was heißt hier ‚guter Mann‘? Ich bin ein Bauer und verkaufe meine Waren an Durchreisende und Händler. Und was soll das Gefuchtel mit dem Arm?“

„Lass mal.“ Waltrude rutschte von ihrem Pony. „Der ist nicht ganz richtig im Oberstübchen“, flüsterte sie dem Bauer zu. „Waren die anderen vielleicht so ein spitzohriger Galgenstrick, ein trampeliger Troll und ein kleiner, fliegender Mann?“

Der Bauer nickte. „Freunde von euch?“

„Nun, nicht unbedingt“, entgegnete Waltrude. „Ich würde sie eher als entfernte Bekannte bezeichnen. Welchen Weg sind sie gegangen?“

„Es gibt nur einen Weg nach Holzhafen.“ Er wies auf die nach Westen führende Straße. „Passt aber auf. Gegen Abend erreicht ihr eine Weggabelung. Nehmt den linken Weg, den südlichen. Wenn ihr falsch abbiegt, dann kommt ihr nach Wellenruh. Das ist auch eine Flößersiedlung, sie liegt aber viel weiter stromaufwärts. Für euch würde das einen Umweg von mindestens sechs bis sieben Tagen bedeuten.“

Waltrude bedankte sich und während Theodil die gekauften Vorräte in ihre Satteltaschen packte, bestieg Waltrude wieder ihr Pony. „Was ist, Theodil? Wie lange brauchst du noch für die paar Brote und das Fleisch? Wir müssen schneller werden, sonst holen wir sie nie ein.“

Sergio und Claudio knurrten unwillig. „Das kostet uns viele Tage!“, fauchte der Gnom den Bauern an, als ob dieser etwas für die Herbstüberschwemmung konnte. „Wieso sollen wir nach Wellenruh? Holzhafen liegt viel näher.“

„Weil“, erklärte der Bauer geduldig, „die Flößer von Holzhafen beim alljährlichen Herbstflößerfest in den Calonischen Weinbergen sind. Ihr werdet in Holzhafen nicht einen Flößer finden, der euch den Heißen Strom herab bringt.“

„Und warum sind die Wellenruher Flößer nicht bei dem Fest?“

„Die feiern ihr eigenes, in etwa zwanzig Tagen. Die Wellenruher waren noch nie zum Flößerfest in den Calonischen Bergen.“ Der Bauer sah die beiden Magier an. Sie hatten es nicht einmal für nötig gehalten, abzusteigen, als sie Brot, Fleisch und Wein für ihre Proviantsäcke orderten und ihn dann nach dem besten Weg nach Pilkristhal und anderen Reisenden in diese Richtung ausfragten. Er hatte ihnen den dreifachen Preis abverlangt und, weil sie sich so überheblich gebärdeten, den schlechtesten Wein, das älteste Fleisch und hartes Brot in ihre Proviantsäcke gepackt. Vermutlich waren sie hinter dem Troll, dem Elf und den Zwergen her, würden also nicht so bald wieder hier vorbeikommen. Solche Typen konnte er „besonders gut“ leiden.

„Woher wissen wir, dass du die Wahrheit sagst?“, zischte der Gnom.

„Oh“, der Bauer blieb ganz ruhig. „Wenn ihr mir nicht glaubt, dann geht ruhig nach Holzhafen. Der Weg nach Wellenruh wird für euch aber dann fünf“, er sah sich die Reittiere der zwei Magier an und korrigierte sich, „nun vielleicht drei Tage länger werden.“

„Die anderen …?“, grollte der Minotaurus.

„… sind auch nach Wellenruh gegangen“, ergänzte der Bauer seelenruhig.

Das gab den Ausschlag. Sergio und Claudio machten sich auf den Weg nach Wellenruh – in aller Ruhe, schließlich waren ihre einäugigen Drago-Zentauren bedeutend schneller als all die Ponys und Pferde, die die Zwerge, Elfen und Menschen ritten.

Die Offenbarung des Verrückten von Pukuran

Barella und Bandath reisten in der Zwischenzeit zum Berg Go-Ran, auf dem sich die Magierfeste Go-Ran-Goh befand. Als sie dort nach vier Tagen ankamen, herrschte Schweigen zwischen ihnen, ein unangenehmes, unfreundliches Schweigen. Bandath gab sich selbst die Schuld, wusste aber nicht genau, worin diese bestand. Er vermutete, dass die letzte ausführliche Unterhaltung dazu beigetragen hatte. Es hatte ganz simpel begonnen, wie es immer begann, wenn er mit Barella ins Streiten kam. Sie hatten sich über Korbinian unterhalten und waren sich einig gewesen. Da es bei langen Reisen oft so ist, dass das Gespräch von einem Punkt zum nächsten kommt, sich sozusagen verselbstständigt, kamen sie über Korbinian, Rulgo und Theodil schließlich zu Waltrude. Die alte Zwergin hatte besonders Bandath die letzten Tage sehr schwer gemacht. Trotzdem kam Barella, als er von seiner Haushälterin sprach, nicht umhin zu bemerken: „Du magst sie trotzdem sehr, nicht wahr?“

Bandath schwieg einen Moment, in dem ihre Reittiere den letzten steilen Abhang der Drummel-Drachen-Berge hinter sich ließen, bevor er antwortete. „Waltrude war die Hebamme, die meiner Mutter bei der Geburt half. Als meine Mutter dann später krank wurde und starb, kam Waltrude in das Haus meines Vaters und führte ihm den Haushalt. Ich sah, wie sie ihm bei seiner Trauer half. Sie erzog mich, entdeckte meine magische Begabung und sorgte dafür, dass ich nach Go-Ran-Goh gehen konnte. Nicht ohne mir in meiner Kindheit zuvor ausgiebig den Hintern zu versohlen, wenn ich es verdient hatte.“

„Hattest du es oft verdient?“

Bandath lachte auf. „Oh ja. Frage lieber nicht. Aber sie nahm mich auch in Schutz, wenn ich ihn brauchte. Waltrude war einfach immer da. Verstehst du?“

Barella nickte. „Wie meine Mutter.“

„Ja. Nur das meine Mutter starb, als ich fünf Jahre alt war.“

„Aber manchmal kann Waltrude ganz schön anstrengend sein.“

Bandath sah Barella erstaunt an. „Das sagst du? Du kannst doch gar nichts falsch machen. Im Gegenteil. Seit du da bist, habe ich eher den Eindruck, dass sie noch mehr auf mir herumhackt. Wie neulich Abend zum Beispiel, als du mit Korbinian aus dem Wirtshaus gekommen bist. Bis Mitternacht hat sie gezetert. Aber nicht mit dir, nein, ich allein habe den ganzen Frust abbekommen. Ihr passte einfach nicht, dass wir sie so kurz vor dem Winter allein lassen. Aber was soll schon passieren? Wir wohnen doch nicht mehr mitten im Wald, wie noch vor einem Jahr. Wenn sie Hilfe braucht, dann hat sie ein ganzes Dorf voller Menschen, Halblinge und Zwerge.“ Bandath schüttelte den Kopf.

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