Logo weiterlesen.de
Die Bielefeld Verschwörung

In Bielefeld geschehen unheimliche Dinge. Systematisch verschwinden ganze Gebäude aus dem Stadtbild und unliebsame Bürger werden gekidnappt. Niemand weiß, was mit ihnen geschieht. Professor Wanstohn kehrt in seine Heimatstadt zurück, um der Sache auf den Grund zu gehen. Der Geschichtsprofessor kommt den dunklen Geheimnissen einer fremden Macht auf die Schliche. Aber welche Ziele verfolgen die Hintermänner? Soll Bielefeld vom Erdboden verschwinden? Und was hat es mit der tödlichen Geheimwaffe auf sich? Wanstohn schlägt Alarm, doch weder die Polizei noch seine Unikollegen glauben an die Verschwörungstheorie. Jetzt schickt er drei seiner Studenten auf die Jagd, um das Rätsel zu lösen. Aber können es Lukas, Jan und Hardy tatsächlich mit ihren übermächtigen Gegnern aufnehmen? Das abenteuerliche Wettrennen um den Drachen von Fumé führt sie bis nach Griechenland. Aber auch ihre Verfolger sind schon da ...

Thomas Walden lebt und arbeitet in Bielefeld, in der Stadt, die es angeblich nicht gibt. Dort promovierte er 2006 und arbeitet nun als Lecturer an der Universität Bielefeld. In dieser Zeit hat er zwei abendfüllende Dokumentarfilme mit Studierenden erarbeitet, bevor er im Frühjahr 2008 erste Überlegungen zur „Bielefeld Verschwörung“ anstellte. In der Verschwörungs-Anthologie „Rätselhaftes Bielefeld“ erschien sein Beitrag „Intrigantenstadl“.

Thomas Walden

Die Bielefeld Verschwörung

Der Drache von Fumé

Aufgabe 1

PENDRAGON

Prolog

„Als die Tage noch nicht getaktet und der rechte Winkel noch nicht erfunden war, begann der Mensch zu träumen und entdeckte dabei die Freundschaft. Alsbald verstand er, dass er mit der Freundschaft die Chance hatte, mehr als nur er selbst zu sein. Die Begeisterung über den Fund war groß, und die Freundschaft rauschte unter die Menschen wie die Augen eines glückseligen Kindes. Und der Mensch wuchs über sich hinaus. Aber er wollte mehr, wollte Sicherheit, wollte Kontrolle, wollte Ordnung. Freundschaft, sagte der Mensch, sollte unter denjenigen sein, die eines Geistes waren, und meinte damit diejenigen, die seines Geistes waren. Alle anderen waren für ihn einfältig und zur Ordnung nicht fähig. Deshalb schloss er sie aus dem Kreis der Freunde aus. Auf diese Weise wurde im Kreis der Freunde die Feindschaft geboren. Um zu verhindern, dass die Feinde zu zahlreich wurden, brachen manche Freunde auf und bekämpften die Feinde. Sie scheuten keine Anstrengungen, schlugen unzählige Schlachten, rangen mit mächtigen Feinden und gaben ihren Freunden Hoffnung. Waren sie siegreich, wurden sie vor allen anderen hervorgehoben, und die Menschen begannen, sie als Helden zu feiern und zuweilen sogar zu verehren. Die erste Ära der Helden, die den Menschen Ordnung versprach, war angebrochen.

Aber nicht alle waren damit zufrieden, zu unstet schien die Freundschaft zu sein, und sie begannen einen anderen Traum: Eines Tages verkündete der rechte Winkel, von nun an sei er der Herrscher über die Welt. An ihm komme niemand vorbei und Logik und Berechenbarkeit seien der wahre Kern allen Seins. Und weil es nach seiner Meinung nichts Perfekteres und Ausgewogeneres gab als den rechten Winkel, begann er alles in der Welt nach seinem Vorbild zu gestalten. Erfolgreich. Immer mehr Menschen fanden Gefallen am rechten Winkel und der damit verbundenen Ordnung. Sie halfen dabei, eine Welt nach seinem Vorbild zu kreieren, bis irgendwann die ganze Welt voller rechter Winkel war. Winkel reihte sich an Winkel, bis die Erde irgendwann vollständig mit ihnen bedeckt war. Zu dem Zeitpunkt brütete der rechte Winkel bereits darüber nach, was er als Nächstes tun könne. Was war jetzt seine Aufgabe?

Seine Lösung war ganz pragmatisch: Auf jeden rechten Winkel passt irgendwie ein weiterer. Sofort machte der Winkel sich erneut ans Werk und wieder mit Hilfe des Menschen. Denn da dieser die Idee für den rechten Winkel geboren hatte, gab es für ihn nichts dagegen einzuwenden. Brachte der rechte Winkel nicht endlich die gewünschte sichere Ordnung in das Chaos der Welt?

Tatsächlich, der Mensch freute sich über die vielen ordentlichen Quadrate und übersichtlichen, geometrischen Anordnungen. Auch als die rechten Winkel immer mehr wurden, lächelte ihr Schöpfer über seinen genialen Einfall und genoss die Ordnung. Die inzwischen zahllosen rechten Winkel hatten aber nicht mit ihrer Verbreitung begonnen, um den Menschen lächeln zu sehen. Für sie war ihre Vermehrung längst Selbstzweck geworden. Sie breiteten sich immer weiter aus, sie legten sich überall an, häuften sich übereinander, bis schließlich ein heilloses Chaos entstanden war, und ein rechter Winkel den anderen vor lauter rechten Winkeln nicht mehr erkennen konnte. Das merkten die Menschen. Zwar blieben sie nach wie vor vollkommen überzeugt von sich und ihrem genialen Einfall, doch verfielen sie darüber in tiefe Ratlosigkeit und verbreiteten von nun an einen bequemen Fatalismus, der Augen und Ohren vor dem stetig wachsenden Chaos verschloss.

Die Freundschaft war längst ertrunken im Meer der rechten Winkel, und so sollte es bleiben, für sehr lange Zeit. Bis zu dem Tag nämlich, an dem irgendwo im Nirgendwo, völlig unerwartet und ohne jeden Anlass, zwei Menschen zu träumen beginnen und Freundschaft miteinander schließen würden.

Sie wussten nicht, wer sie waren, sie wussten nicht, was sie taten, aber selbstverständlich wurden sie zu Helden.

Ich bin die Königin von Saba.“

Teil I – Und sehen wir uns nicht in dieser Welt …

1

Von einundachtzig Großstädten in Deutschland blicken einige auf eine lange Geschichte zurück, die zuweilen bis in die Antike zurückreicht. Um die meisten von ihnen ranken sich Legenden und Geschichten, doch nur eine dieser Großstädte existiert angeblich nicht: Bielefeld. Eine Großstadt, die es nicht gibt?

Für Professor Emmett Wanstohn war diese Frage zunächst nur ein leichtes Kribbeln im Nacken gewesen. Das Kribbeln mutierte aber rasch zu einer ernstzunehmenden Frage und war nach einer Weile mehr als nur Passion. Wieso sollte die Stadt, in der er lebt und arbeitet, ja in der er sogar geboren wurde, nicht existieren?

Sicherlich, Bielefeld war in seiner Jugendzeit nicht der Nabel der Welt und zugegeben: Auch er hatte es nicht abwarten können, die Stadtgrenzen für immer hinter sich zu lassen. Direkt nach der Schule war der junge und aufgeweckte Emmett in die Welt hinaus gezogen, hatte studiert, das Leben in vollen Zügen genossen und schließlich eine universitäre Karriere eingeschlagen, die ihn an viele Orte Europas geführt hatte. Er hatte Geschichten gehört und selber erzählt, Mythen gelesen und selbst aufgeschrieben. Doch dann, irgendwann war dieses Gerücht aufgetaucht. Bielefeld existiert nicht.

Wie eine Mücke in der Nacht. Zunächst nur ein leises Sirren in der Ecke des Schlafzimmers, das den Schläfer kaum aufzuwecken vermag. Mit der Zeit kommt sie aber immer näher und aus dem leisen Sirren wird zunehmend ein monotones, hochfrequentes Surren, das einem schließlich den Schlaf raubt. Sobald jedoch das Licht eingeschaltet wird, ist das lästige Insekt wie vom Erdboden verschluckt und surrt umso lauter, sobald die Dunkelheit ihre schützende Hand wieder über sie legt. Der nun erwachte Schläfer lauscht in die Dunkelheit hinein. Er weiß, die Mücke ist da und sie wird zustechen, irgendwann, es sei denn, er erwischt sie vorher.

Jahrelange Erfahrung hat Emmett Wanstohn gelehrt, geduldig zu sein. In akribischer Kleinarbeit sammelte er unzählige Hinweise, die ihn zum Kern der Frage führen sollten. Immer wieder war er auf verstreute Spuren gestoßen, die sich später im Nichts verloren hatten. Nachdem er mit seinen Nachforschungen nicht weitergekommen war, hatte er sich schweren Herzens dafür entschieden, direkt an der Quelle weiter zu forschen, und folgte dem Ruf auf einen Lehrstuhl an der Fakultät für Geschichte der Bielefelder Universität. Seitdem führt Wanstohn seine Nachforschungen über die Frage nach der Existenz Bielefelds im Zentrum des Geschehens heimlich fort und je länger er in Bielefeld lebt, desto sicherer ist er, dass sich mehr hinter dieser Frage verbirgt. Er beobachtete entsetzt, wie ganze Gebäude in Bielefeld von einem auf den anderen Tag einfach verschwanden. Was ging nur vor in dieser Stadt?

Mit der Zeit erkannte der Wissenschaftler ein System, nach dem die Gebäude verschwanden. Aber noch war das Puzzle unvollständig. Trotzdem würde die Mücke zustechen – sehr bald –, dessen war sich Wanstohn gewiss.

10:16 Uhr, Universität Bielefeld, heutiger Tag

Emmett Wanstohn steht unschlüssig am Fenster seines Büros und blickt an der gegenüberliegenden Fassade des Universitätsgebäudes hinab. Mit wachsender Unruhe betrachtet er im Fenster die Spiegelung seines von schlohweißen Haaren umrahmten Gesichts. In seinem Gesicht haben sich tiefe Falten ihren Weg gegraben, die von einem hellwachen Blick konterkariert werden. Zwei Jahre vor der Pensionierung fühlt er sich jetzt auf einmal älter als er ist. Unschlüssig stopft er schließlich sein blauweiß gestreiftes Baumwollhemd, das er auf einem türkischen Basar erworben hat, in die dunkle Leinenhose, während seine Augen unruhig durch das Büro wandern. Auf den ersten Blick herrscht in diesem Büro ein unglaubliches Durcheinander, tatsächlich aber regiert hier das kreative Chaos des Professors. Bücher stapeln sich aufeinander, füllen ganze Regalreihen, Schriftstücke hängen oder liegen überall herum. Vor einer seiner Bücherwände hat Wanstohn begonnen, eine Karte von Bielefeld anzulegen, auf der er alle Orte markiert hat, an denen in den letzten Jahren Gebäude verschwunden sind. Nach seinen Beobachtungen wird der Stadtkern ausgedünnt und eingeebnet. War zunächst nur der südwestliche Teil der Altstadt davon betroffen, so verschwanden in jüngster Vergangenheit vor allem Teile des nordöstlichen Stadtzentrums. Abgesehen von der großen Frage nach dem ‚Warum?‘, plagt Wanstohn sich mit dem Gedanken herum, ob ein Zusammenhang besteht zwischen dem Verschwinden der Häuser und dem Gerücht, dass es Bielefeld nicht geben soll.

Seine Augen wandern zur großen Wanduhr hinter seinem Schreibtisch und schließlich wieder durch das Fenster hinaus zum Teutoburger Wald, in dem seine Studenten Hardy Hart, Jan Flamingo und Lukas Gugell vor ungefähr drei Stunden verschwunden sind. Er hatte sie losgeschickt, um die letzten fehlenden Beweise für seine These zu sammeln. Eine These, die ihm selbst zu unglaublich erscheint, als dass er sie ungeprüft laut verkünden würde. In den letzten Wochen haben sich die Ereignisse überschlagen und er fühlt, dass irgendetwas an die Oberfläche drängt. Die Zeit, etwas dagegen zu unternehmen, wird langsam knapp, nachdem inzwischen offensichtlich sogar ohne jede Skrupel Menschen am helllichten Tag in Bielefeld entführt werden.

Wanstohn beschleicht nach wie vor Unbehagen bei der Erinnerung an den Tag, als er vor ungefähr zwei Wochen an einem der ersten sonnigen Frühlingstage des Jahres im Ravensberger Park gesessen und seine morgendliche Zeitung gelesen hatte. Der Ort und die Ereignisse jenes Tages haben sich ihm so tief ins Gedächtnis gebrannt, dass er sie noch immer glasklar vor Augen hat: Umgeben von einer mannshohen Mauer sperrt der Park das hektische Treiben der Stadt praktisch aus. In seinem Zentrum stehen die Reste der alten Spinnerei, die seit Jahrzehnten nicht mehr als solche genutzt wird. Heute befinden sich darin die Räumlichkeiten der örtlichen Volkshochschule. Die den Gebäudekomplex umrahmenden Grünflächen unterliegen ständiger Pflege. Alle Rasenflächen werden stets auf einer Länge von elf bis fünfzehn Millimetern gehalten und die Blumenbeete sind akkurat angeordnet. Bei einem kritischen Beobachter könnte der Eindruck erweckt werden, jemand habe bei der Anlage der Beete Wert darauf gelegt, so ziemlich jeden rechten Winkel einzubauen, der möglich ist. Wanstohn muss bei diesem Gedanken unwillkürlich lächeln, obwohl ihm überhaupt nicht danach zumute ist. Sein geistiges Auge wandert weiter durch den Park.

In den Bäumen entlang der Mauer zwitschern die Vögel, ein künstlich angelegtes Bächlein glitzert in der Sonne. Zwischen den Beeten und den Rasenflächen laden hin und wieder Parkbänke zum Verweilen ein. Gelegentlich flitzt ein Jogger durch den Park oder jemand führt seinen Hund spazieren. Einige aus dem aktiven Produktionsprozess der Gesellschaft ausgeschlossene Menschen tummeln sich in einer Ecke des Parks. Von offizieller Seite wird ihr Aufenthalt im Park kritisch beäugt, Wanstohn findet sie bis heute jedoch völlig harmlos. Ab und zu gesellt er sich sogar zu ihnen, um ein paar Worte zu wechseln.

Nicht jedoch an jenem Tag. Er las einen Artikel mit der Schlagzeile „Unbekannter Schacht auf der Sparrenburg entdeckt“, der allein schon wegen des Titels seine Aufmerksamkeit beanspruchte. Aber an dem Tag wurde er durch einen jungen Mann abgelenkt, der auf einer Bank saß, selbstvergessen sein Akkordeon bediente und frankophile Melodien spielte. Just in dem Moment, in dem der junge Musiker eines seiner Stücke beendete, erschien hinter ihm in einem nahen Durchgang ein dreiköpfiges Kamerateam. Die beiden Männer und die Frau schauten sich kurz um, entdeckten den Akkordeonspieler und hielten zielstrebig auf ihn zu, ohne auch nur im geringsten auf den Weg zu achten, was Wanstohn mit einem missbilligenden Blick als höchst unzivilisiert quittierte. Unter den Absätzen der drei knickten die Blumen gleich reihenweise ab. Kurz bevor sie den Akkordeonspieler erreichten, nahm der groß gewachsene Mann des Teams das Mikrophon energisch in die linke Hand. Die junge Frau, wahrscheinlich eine Praktikantin, zog einen Bleistift hinter ihrem Ohr hervor und zückte geflissentlich einen Block. Der dritte im Bunde führte die Kamera an sein Auge, drückte auf einen Schalter, nuschelte kurz „okay“ und begann eine Aufnahme.

Der Reporter und die Frau nahmen den Akkordeonspieler kurzerhand in die Mitte. Der Kameramann baute sich passend gegenüber auf, so dass der junge Mann nicht mehr entkommen konnte. Der Mann mit dem Mikrophon grinste mit geröteten Wangen in die Kamera. Der junge Musiker spielte ungerührt weiter.

Die Worte des Reporters hallen in Wanstohns Gedächtnis immer noch nach: „Hallo. Wir von Bielefeld Zentral TV interessieren uns heute dafür, wie zufrieden die Bürger der Stadt mit der Lebensqualität in Bielefeld sind.“ Danach wendete er sich abrupt auf dem Absatz um und sprach den Akkordeonspieler reichlich unwirsch an: „Sind Sie zufrieden mit der Lebensqualität in Bielefeld?“ Der Akkordeonspieler stoppte sein Spiel und ließ sein Instrument sinken. Durch die Aktion zunächst sichtlich überrumpelt antwortete er: „Ja, sicher.“ Dann grinste er und gab, sich mit seinem augenblicklichen Schicksal arrangierend, Auskunft: „Hier kann man es gut aushalten. Alles ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar, es gibt gut ausgebaute Fahrradwege und die Stadt wirkt immer sehr sicher.“ Nach dieser Antwort räusperte er sich, schaute offen in das Gesicht des Interviewers und ergänzte: „Ich denke, also die Lebensqualität ist hoch.“ Die Frau des Teams lächelte zufrieden und notierte etwas auf ihrem Block.

„Vielen Dank“, rang sich der Reporter unfreundlich ab. Er drehte sich abrupt, ohne weiteren Kommentar, auf dem Absatz herum und winkte seinem Team zu, ihm zu folgen. Durch dieses Intermezzo neugierig geworden, beendete Wanstohn die Lektüre seiner Zeitung und verfolgte nun aufmerksamer das Treiben des Reporterteams. Die nächsten Opfer hatte der Mann mit dem Mikrophon schnell ausgemacht. Es handelte sich dabei um ein Ehepaar, das einen der Parkwege entlangschlenderte. Das Team kürzte die Entfernung zu den beiden ab, indem sie erneut den Weg verließen und alles niedertrampelten, was ihnen in die Quere kam. Das Paar sah das Team kommen und blieb stehen. Der Reporter baute sich vor den beiden auf, dirigierte sein Team in Position und strich sich kurz das glatte Haar noch glatter. Nachdem er sich zu Ende gestriegelt hatte, begann die Prozedur von vorne. Er wandte sich der Kamera zu, wiederholte seinen Satz und seine Frage, dieses Mal mit einem etwas windschiefen Lächeln. Die Frau stieg direkt darauf ein, als habe sie ihr Leben lang nur auf dieses Interview gewartet: „Ach ja, es ist ganz toll hier.“ Bevor die Frau weitersprechen konnte, fiel ihr Mann ihr ins Wort: „Allein die kulturelle Vielfalt. Man kann ins Theater gehen oder in die Oetkerhalle. Es gibt schöne Cafés in der Altstadt. Wir sind ja auch im Golfclub, wissen Sie?“, nickte der Mann sich selber zu und zupfte an seinem über die Schultern geworfenen Pullover, dessen Ärmel er sehr sorgfältig, einem Windsorknoten gleich, vor der Brust verknotet hatte. Die Frau übernahm in der kurzen Atempause ihres Mannes das Wort: „Ganz besonders gefällt mir auch, dass die Stadt so viel Sicherheit ausstrahlt. Auf der Straße hat man auch nachts immer ein gutes Gefühl. Es ist hier ganz toll.“

Der Reporter nickte während der Ausführungen des Paares gelangweilt. Bevor sie ihre Ausführungen mit weiteren Belanglosigkeiten ergänzen konnten, unterbrach er sie: „Vielen Dank für die Auskunft und einen schönen Tag wünsche ich Ihnen.“ Auch hier wartete der Reporter keine Sekunde länger als nötig, drehte sich genauso unvermittelt wie bei dem Akkordeonspieler um und winkte seinem kleinen Team erneut, ihm zu folgen. Der Frau des Teams gelang es gerade noch, einen Haken auf ihrem Block zu machen, dann folgte sie eilig dem Kameramann und dem Reporter. Wanstohn hatte den Reporter inzwischen wahrlich ins Herz geschlossen und war im Begriff, seine Zeitung weiter zu lesen, in der stillen Hoffnung, nicht angesprochen zu werden. Da hatte der alte Mann die Rechnung allerdings ohne den Reporter gemacht. Der schaute sich nur kurz suchend um und entdeckte den Professor auf der Bank. Sofort stürmte er auf Wanstohn zu, wiederum schnurgeradeaus und wiederum ohne Rücksicht auf mögliche Verluste. Wanstohn sah das Team im Stechschritt auf sich zumarschieren und erkannte eine Veränderung im Gesicht des Reporters. Nicht nur, dass dessen Wangen noch röter glänzten, er las in dem Gesicht und den nun wild entschlossen dreinblickenden Augen ab, dass der Reporter ihn erkannt haben musste. Noch während sie sich der Bank näherten, bedeutete der Reporter seinem Team hektisch, sich bereit zu halten.

Wanstohn faltete die aufgeschlagene Zeitung zusammen und murmelte „Banausen“, als er sah, wie das kleine Team ein weiteres Mal die Blumenbeete niederwalzte.

Als die drei vor dem Wissenschaftler stehen blieben, änderte der Reporter seine Haltung und setzte, wie Wanstohn fand, ein vermeintlich gewinnendes Lächeln auf, rückte seine Krawatte zurecht und sprach abwechselnd zu Wanstohn und in die Kamera: „Aaah, Professor Wanstohn, da freuen wir uns aber sehr, ein so bekanntes Gesicht interviewen zu dürfen.“ Noch bevor dieser etwas erwidern konnte, schwallte der Reporter weiter. „Sagen Sie, Professor, wie zufrieden sind Sie mit der Lebensqualität in Bielefeld?“

Wanstohn warf einigermaßen konsterniert die Stirn in Falten. Diese Form medialer Belästigung war ihm schon seit längerem ein Dorn im Auge und er war versucht, diesem besonders unangenehmen Vertreter seiner Zunft dies auch deutlich zu machen. Schließlich besann er sich aber kurzerhand eines Besseren und um seine Augen erschienen eine Reihe Lachfalten, als seine Miene sich unvermittelt aufhellte.

„Oh, danke der Nachfrage, ich bin äußerst glücklich, hier in Bielefeld eine Heimat gefunden zu haben“, stellte Wanstohn die Ungeduld des Reporters auf die Probe.

Der holte bereits wieder Luft, aber Wanstohn wusste, dass er aus dieser Nummer nur herauskam, wenn es ihm gelang, den Spieß umzudrehen. Der Reporter verschluckte sich an seinem Atemzug, als Wanstohn süffisant und ohne Unterlass weiter redete: „Die vielen netten Menschen, das schöne Wetter, die herrlichen Parks, die himmlische Ruhe, das prächtige Grün, das Lied der Vögel, die einzigartige Architektur, die fabelhaften Bildungseinrichtungen, das multikulturelle Miteinander, ach ja.“ Wanstohn lächelte den Reporter breit an und sein Grinsen wurde noch breiter, als er ihn abschließend fragte: „Und, wie gefällt es Ihnen denn hier? Sind Sie Bielefelder?“

Der Reporter schnappte nach Luft „Ja, äh ja, vielen Dank, wir gehen dann auch mal weiter“, stotterte er. Wie zuvor drehte das Team unvermittelt ab und setzte sich erneut in Bewegung.

Wanstohns soeben noch verschmitzte und freundliche Gesichtszüge verfinsterten sich zusehends, als er das merkwürdige Team scharf musterte, während es sich entfernte. Sie hielten auf das große Spinnerei-Gebäude zu. Aber noch bevor das Team um die Ecke biegen konnte, kam ihnen ein junger Mann entgegen, den Wanstohn durchaus zu seinen Studierenden hätte zählen können. Insgeheim hoffte er, dass dem jungen Mann die blöde Fragerei erspart blieb. Allerdings hielt das Team, wie zu erwarten war, direkt vor dem jungen Mann an und die Prozedur wiederholte sich noch einmal.

„Hallo wir von Bielefeld Zentral TV interessieren uns für die Lebensqualität in Bielefeld. Wie sind Sie mit der Lebensqualität in Bielefeld zufrieden?“, hörte Wanstohn den Reporter einmal mehr fragen.

Der Tonfall, in dem der junge Mann antwortete, machte unmissverständlich klar, dass er ungehalten darüber war, so unvorbereitet angesprochen zu werden. „Ätzend. Hier laufen nur Spießer rum, wie dieses Paar dahinten“, der junge Mann deutete auf das Ehepaar, das erst vor wenigen Minuten interviewt worden war, „diese vorgetäuschte Freundlichkeit ist echt Ekel erregend.“

Wanstohn drehte sich um und beobachtete das Geschehen. Irgendetwas an der Art, wie sich das Fernseh-Team um den Mann aufgestellt hatte, irritierte ihn. Er erhob sich von der Bank und ging langsam auf die kleine Gruppe zu. Der junge Mann echauffierte sich immer weiter: „Und was soll dieser Scheiß mit den Kameras? Sicherheit, pah! Big Brother is watching you, oder was? Da ’ne Kamera, da ’ne Kamera, da eine, da eine, da und da. Ich will hier wech!“

Wanstohn lächelte über die unbekümmerte und ehrliche Antwort des jungen Mannes und ging noch ein paar Schritte näher heran, um genauer zu verstehen, was dort vor sich ging. Doch dann tauchten plötzlich, wie aus dem Nichts, zwei Gestalten in dunkelblauen Overalls auf und alles Weitere geschah blitzschnell.

Wanstohn sah, dass der Reporter hässlich grinste, und noch bevor der junge Mann auch nur erahnte, wie ihm geschah, hatten die beiden Gestalten in den Overalls ihm eine schwarze Kapuze über den Kopf gestreift, während das Kamerateam sich passend gruppierte, um die Vorgänge vor möglichen Zeugen abzuschirmen. Der Größere der beiden Overallträger zückte einen Elektroschocker und jagte mehrere tausend Volt in den Körper des jungen Mannes, der sogleich erstarrte und dann zusammensackte. „Sie wollen hier weg, ihrem Wunsch wird voll und ganz entsprochen“, hörte Wanstohn den Mann breit grinsend sagen. Der zweite Mann im Overall fing den erschlafften Körper des Mannes auf. „Stylt ihm die Synapsen um“, blaffte er, als spräche er von einem Friseurtermin. Mit diesen Worten verschwand die Gruppe hinter der Ecke des Spinnereigebäudes. Der ganze Spuk hatte nur wenige Sekunden gedauert.

Wanstohn hielt zunächst schockiert an, verlängerte dann aber zügig seine Schritte. Er schaute um die Ecke, jedoch war weit und breit niemand mehr zu sehen. Als er sich im Park umschaute, schien auch sonst niemand irgendetwas von dem Geschehen bemerkt zu haben. Er suchte noch etliche Minuten weiter, aber sowohl das Kamerateam als auch der junge Mann sowie die beiden Gestalten in den Overalls blieben verschwunden. In seiner Verzweiflung meldete Wanstohn den Vorfall der Polizei. Eilfertig überprüfte der diensthabende Polizist die Aufzeichnungen aus dem Ravensberger Park. „Tut mir leid, Herr Wanstohn“, erklärte der Polizist milde lächelnd, als er zurückkehrte, „auf unseren Überwachungs-Monitoren ist weder eine Entführung noch ein Kamerateam zu entdecken.“

Wanstohn starrte den Polizisten ungläubig an, wollte dem Mann eine passende Antwort entgegnen, schluckte sie aber schließlich einfach runter und verließ die Wache wortlos.

Die Erinnerung an die Ereignisse lässt Wanstohn immer noch vor Wut schäumen. Seine Gesichtszüge verfinstern sich, seine Hände verkrampfen und ballen sich zu Fäusten, so dass sich das Weiße seiner Knöchel unter der altersgegerbten Haut abzeichnet. Wer, um Himmels Willen, kann solch eine Aktion durchführen? Und dann auch noch so effizient und skrupellos? Der Gedanke schreckt ihn auf. Die Konferenz, die er einberufen hat. Ein schneller Blick auf die Uhr verrät ihm, dass er sich beeilen muss, die Kollegen warten und Hardy, Jan und Lukas sind immer noch nicht zurück. Er hätte die Konferenz verschieben sollen, bis er die fehlenden Beweise vorliegen hat. Aber seit dem Vorfall im Ravensberger Park treibt ihn ständig der Gedanke um, dass jederzeit in Bielefeld Menschen entführt werden und es niemand mitbekommt. Außerdem hatte er einen Termin finden müssen, an dem möglichst viele Kollegen anwesend sein können, ohne ihren überquellenden Kalender vorschieben zu können. Diese Zusammenkunft findet in wenigen Minuten statt. Wanstohn hat keine Wahl, er muss die Konferenz ohne die fehlenden Beweise beginnen. Hektisch packt er ein paar Bilder und Artikel zusammen, in der stillen Hoffnung, so lange Zeit schinden zu können, bis seine Studenten eintreffen. Der alte Mann streicht sich noch einmal durchs Haar und macht sich auf den Weg zum Konferenzsaal. An seiner Bürotür hinterlässt er eine Nachricht, wo er zu finden ist und steigt in den Fahrstuhl.

Auf dem Weg nach unten hängt Wanstohn weiter trüben Gedanken nach. Er hatte die drei Studenten zunächst nur zögerlich in seine Nachforschungen eingeweiht. Aber sein Gefühl hatte ihm gesagt, dass er ihnen trauen könne. Vielleicht deshalb, weil der Philosophiestudent Hardy Hart mit fast untrüglicher Sicherheit stets die richtigen Fragen stellt. Jetzt würde Wanstohn sich am liebsten dafür ohrfeigen, dass er ihrem Drängen nachgegeben hat, ihn zu unterstützen. War es richtig von ihm gewesen, einen gewissenhaften Philosophiestudenten, einen lebenslustigen Soziologiestudenten und einen blassen Informatikstudenten aus ihrem Alltag herauszureißen und sie einer unbekannten Gefahr auszusetzen? Sie hatten ihm mehrfach versichert, dass das völlig in Ordnung ginge. Da sie aber immer noch nicht zurück sind, ist Wanstohn nun nicht mehr völlig überzeugt. Sicher, Hardy ist seine Integrität keinesfalls abzusprechen, ob aber dessen Kommilitone Jan die Sache ernst genug nimmt? Wanstohn ist sich nicht sicher. Zuweilen erweckt Jan Flamingo den Eindruck, als versuche er, nur ein wenig mehr Glamour in den trockenen, theoretischen Alltag eines Soziologiestudenten zu bringen. Aber Hardy beteuert stets Jans absolute Zuverlässigkeit und Loyalität. Bleibt der dritte im Bunde. Der recht farblose Lukas Gugell. Wie ein Schatten hängt er in der letzten Zeit an Jan und bewundert nahezu alles, was dieser anpackt. Ein Soziallegastheniker wie er im Buche steht, dessen intensivste Beziehung in den letzten Monaten, zumindest nach dem was Wanstohns gehört hat, zur CPU seines Rechners besteht. Ausgerechnet der interessiert sich für die ausschweifende Lebensweise eines Jan Flamingo. Gegensätze ziehen sich zwar an, aber dieses Duo erscheint Wanstohn suspekt. Andererseits sind Lukas’ technische Kenntnisse und Fähigkeiten mehr als bemerkenswert und könnten sicherlich noch von Nutzen sein. Der Professor hat keine Wahl, da es keine anderen gibt, denen er so weit traut.

Mit einem sanften Ruck kommt der Fahrstuhl zum Stillstand. Wanstohn verlässt das Hauptgebäude der Universität und schlägt den Weg zum Zentrum für interdisziplinäre Forschung ein, das direkt am Waldrand des Teutoburger Waldes hinter dem Universitätsgebäude liegt. Auf dem Weg streifen seine Blicke immer wieder über den Wald, als könne er dadurch die Rückkehr der drei beschleunigen.

2

10:45 Uhr, Teutoburger Wald, heutiger Tag

Die Spitze des Bielefelder Funkturms an der Hünenburg ragt wie eine überdimensionale Stecknadel in den Himmel. Hardy, Jan und Lukas schnappen hinter einem Holzstoß liegend nach Luft. Der Lauf herauf in den Wald war weiter als sie angenommen hatten.

Als sich sein Puls einigermaßen normalisiert, späht Hardy vorsichtig hinüber zu dem eingezäunten Areal. In regelmäßigen Abständen patrouillieren mit Maschinenpistolen bewaffnete Wachen entlang des Zaunes. Vor dem Haupteingang erkennt Hardy durchaus beunruhigt sechs weitere Wachen. Neben ihm taucht der kurz geschorene Kopf von Lukas Gugell auf. „Na toll, das ist ja bewacht wie Fort Knox“, erklärt er angesichts der Patrouillen bestürzt, um dann mit absoluter Überzeugung festzustellen, „an denen kommen wir nie vorbei.“ Dabei krempelt Lukas sich akkurat die Ärmel seines braun-karierten Holzfällerhemdes auf, das sicherlich in den frühen 90er Jahren mal modern war, als wolle er sogleich den nächstbesten Baum fällen.

„Hey, hey, hier ist mal ein bisschen Optimismus angebracht“, spöttelt Jan, der nun ebenfalls neben den anderen beiden auftaucht.

Hardy schüttelt zweifelnd den Kopf: „Er hat recht, guck dir all die Kameras und Wachen an.“

Jan verdreht die Augen: „Ach was. Ihr seid doch sonst so locker, was geht denn? Lasst mich mal machen, ich denke, wir …“ Er schickt sich an aufzustehen, aber Hardy hält ihn zurück, wobei er mit dem Finger und einem ungläubigen Kopfschütteln auf dessen Hemd weist, das dem Hausnamen Flamingo alle Ehre macht.

„Tut mir leid, Jan, aber mit dem Hemd fällst du hier mehr auf als Gulliver in Lilliput. Wartet hier“, bedeutet Hardy den beiden, springt auf und verschwindet augenblicklich zwischen den Bäumen. Daran, dass Hardy im Zweifelsfall die besseren Argumente hat, ist Jan bereits gewöhnt, auch wenn es in diesem Fall seine Klamotten sind. Grundsätzlich hält Jan ein hellbraunes Leinenhemd und eine hellbraune Leinenhose, wie Hardy sie trägt, zwar eher für stillos, aber in diesem Fall könnte er immerhin recht haben. Trotzdem war, ist und bleibt er der Meinung: Abenteuer sind okay, aber die Frisur muss sitzen. Daher schaut er kurz zu Lukas rüber, zuckt mit den Schultern, macht es sich hinter dem Holzstoß so bequem wie möglich und schließt die Augen.

Für Lukas verstreichen die darauf folgenden Minuten unendlich träge und nach einer Weile beginnt er, nervös auf seinem Hintern hin- und herzurutschen. „Wo bleibt der denn?“, fragt er ungeduldig.

Jan, der beschlossen hat, die Sache ganz entspannt zu sehen, streckt sich, gähnt herzhaft, reißt seine Augen weit auf und schaut sich suchend um: „Das hat er von den Pfadfindern gelernt.“

„Was?“

Jan fuchtelt mit den Armen in der Luft herum, die anmutigen Bewegungen eines Magiers persiflierend. Dann hält er abrupt inne, blickt Lukas scharf an und lässt ein scharfes Zischen zwischen den Zähnen hindurch vernehmen. „Mit der Umwelt verschmelzen“, erklärt er mit geheimnisvollem Unterton.

Der erwartungsvolle Gesichtsausdruck, den Lukas aufsetzt, verrät Jan, dass der offensichtlich nicht verstanden hat.

Jan zuckt mit den Schultern. „Was weiß denn ich? Wahrscheinlich ist er nach Hause gegangen. Komm, wir hauen auch ab, Junior.“ Er zieht die Beine an, um aufzuspringen, doch im gleichen Augenblick landet eine Gestalt zwischen ihnen, die irgendwo aus den Bäumen über ihnen heruntergesprungen sein muss. Jan und Lukas schrecken zusammen.

„Es gibt einen Hintereingang, da lang“, erklärt Hardy, dem nicht bewusst ist, dass er den beiden einen Riesenschreck eingejagt hat.

„Mist!“, flucht Jan, ob nun deshalb, weil ihn Hardys unverhofftes Auftauchen aufgeschreckt hat oder weil er sich bereits auf dem Heimweg wähnte, bleibt offen.

Hardy lässt auch keine Zeit für weitere Erklärungen, springt sofort wieder auf und wetzt in die angedeutete Richtung davon. Flamingo springt ebenfalls auf und setzt ihm mit einigem Unwillen nach. Lukas schaut einen Moment irritiert von einem zum anderen, besser gesagt, dahin, wo sie eine Sekunde zuvor noch standen, und realisiert überrascht, dass er allein ist. Den Umständen entsprechend, um nicht zu sagen für seine Verhältnisse sogar recht schnell, sprintet er in seinem typischen Nähmaschinentakt hinter Hardy und Jan her.

Die Tür, die die drei kurz darauf erspähen, ist unscheinbar. Sie führt zu einer halboffenen Wendeltreppe, die auf die erste Ebene der Anlage des Funkturms führt. Die drei lehnen an der Wand neben der Tür und verschnaufen. Während Jan erfolglos versucht, die fest verschlossene Tür zu öffnen, fragt er etwas unwirsch in die Runde: „Oh Mann, wozu das eigentlich alles?“

Hardy zuckt zusammen. Von der Treppe her sind leise Schritte zu hören. „Schnauze jetzt“, zischt er und deutet nach oben.

Die Schritte werden lauter, jemand kommt eindeutig näher. Die drei versuchen sich so eng wie möglich an die Wand zu pressen und halten den Atem an. Das kratzende Geräusch eines Schlüssels wird hörbar, ein bewaffneter Wachmann tritt heraus und zündet sich eine Zigarette an. Jan, Hardy und Lukas pressen sich, wenn überhaupt möglich, noch enger an die Wand und werfen sich leicht panische Blicke zu. Der Wachmann geht in die Richtung, aus der sie vor weniger als einer Minute gekommen sind, ohne die drei neben der Hauswand zu bemerken. Noch bevor die Tür zurück ins Schloss fällt, schiebt Jan blitzschnell seinen Fuß dazwischen.

„Clever muss man sein, Junior“, flüstert Jan breit grinsend.

Lukas, einmal mehr überzeugt von Jan Flamingos Talent für die perfekte Improvisation und dessen Gespür für das richtige Timing, nickt ehrerbietig. Jan, der, wie unter Männern üblich, nichts von Lukas’ Gedankengang mitbekommt, dreht sich auf dem Absatz um und verschwindet durch die Tür. Hardy und Lukas folgen. Sie hasten die Wendeltreppe hoch, stürmen gebückt über die Rampe und betreten vorsichtig den Funkturm, der an dieser Stelle den Teutoburger Wald überragt, als habe ein mittelalterlicher Riesenmerlin ein gewaltiges Schwert, wie ein Excalibur, in den felsigen Untergrund gerammt.

„Schnell jetzt“, Hardy sieht sich hinter der Tür um und entdeckt eine weitere Wendeltreppe, die er mit großen Schritten hochhastet. Lukas und Jan bleiben dicht hinter ihm. Oben angekommen, schieben sich die drei durch eine schwere Stahltür und landen auf einer großen Plattform, die über und über bestückt ist mit Antennen und zudem, glücklicherweise, menschenleer. Schnell umrunden sie die Plattform, wobei sie fieberhaft nach einer Möglichkeit fahnden, Lukas’ kleinen EyeTop, einen äußerst leistungsfähigen Minicomputer, den er seit einigen Wochen wie eine Trophäe am linken Unterarm trägt, mit dem System zu verbinden.

Jan entdeckt als erster ein dickes Kabel und winkt Lukas herbei: „Junior, ich glaub, ich hab was gefunden.“

„Ganz ruhig, bin ja schon dabei.“ Lukas kniet sich sofort neben dem dicken Kabel nieder, zieht mit geübten Fingern seinen Leatherman heraus und schneidet mit filigranen Handbewegungen das Kabel auf. Dann verbindet er seinen EyeTop mithilfe zweier Krokoklemmen mit zwei der innen liegenden Kabel, die er soeben freigelegt hat. Schließlich tippt er behände ein paar kurze Befehle auf dem Touchscreen. Lukas ist die Ruhe selbst. Er arbeitet schnell und systematisch. Das hier ist seine Welt. „Wir haben tatsächlich eine der Hauptleitungen gefunden, aber die haben diverse Sicherheitstüren eingebaut“, merkt er an, „die dürften aber kein größeres Problem darstellen“, fügt er grinsend hinzu.

Hardy Hart behält sichtlich nervös die Tür im Auge. „Wir ham’ keine Zeit, die Wache kommt gleich zurück“, versucht er Lukas zur Eile zu drängen.

„Ja, ja, ich mach ja schon.“ Lukas kratzt sich kurz am Kopf, gibt weitere Befehle über seine Tastatur ein, um dann siegesgewiss zu verkünden: „Okay, ich bin drin.“

Jan klopft ihm anerkennend auf die Schulter: „Dann saug alles ab, was du findest.“ Auf dem Display des kleinen Computers rasen endlose Datensätze durch.

Hardy hält es nicht länger an seinem Platz. Er stößt Jan an: „Los, wir gucken, ob unten die Luft rein ist.“ Mit Nachdruck in der Stimme flüstert er Lukas zu: „Und beeil dich.“

Lukas murmelt völlig versunken auf sein Display starrend: „Jaha, nervt nicht.“

Hardy und Jan springen auf. An der Tür dreht Jan sich noch einmal zu Lukas um: „Mach hin.“ Damit verschwinden beide durch die Tür.

Nur Augenblicke später erwacht Lukas aus seiner Datenstarre: „Moment noch. Hier gibt es … Das ist ja unglaublich, seht euch das an.“ Er wendet sich um, von den anderen beiden ist keiner mehr zu sehen. Nachdem der Datentransfer abgeschlossen ist, löst Lukas routiniert die Verbindung, verstaut sorgfältig die Kabel und stürzt den beiden hinterher.

Fast zeitgleich gibt an einem anderen Ende Bielefelds ein Rechner ein kurzes Warnsignal von sich. Helga Grabowsky schaut kurz auf und tippt auf ein paar Tasten. Ihr Bildschirmarbeitsplatz bei der S.I.E.kom ist ihr zweites zu Hause geworden. Die Zuverlässigkeit, mit der die Maschinen arbeiten, wirkt beruhigend auf sie. Außerdem weiß sie die Sicherheit einer regelmäßigen Bezahlung und eines geordneten Lebens zu schätzen, wodurch es ihr unter anderem ermöglicht wird, ihr Faible für biedere, aber sündhaft teure Kleidung auszuleben. Bislang geht ihr Plan wunderbar auf, aber nun beginnt sie leicht zu zittern. Sie hat etwas entdeckt und sie weiß, dass das Ärger bedeutet. „Jemand hat sich in unser Netzwerk gehackt“, stammelt sie leicht verunsichert, während sie ihren Bürostuhl so dreht, dass sie ihre Vorgesetzte ansehen kann.

Luci Fair ist aufgrund ihrer Stellung in dem Unternehmen eine Autoritätsperson. Sie ist schon sehr früh sehr weit gekommen in der Hierarchie des Unternehmens, nicht zuletzt durch ihre sprichwörtliche Kaltblütigkeit. In ein Buch versunken, lehnt sie an der Wand und hebt nur unmerklich ihren Kopf, als sie die Worte von Helga Grabowsky vernimmt. Ihre Augen fixieren forschend die unsichere und verschüchterte Frau. „Was?“, fragt sie mit deutlich gereizter Stimme, da sie ihre Lektüre unterbrechen muss.

Helga Grabowsky zuckt zusammen und will am liebsten mitsamt Stuhl und Schreibtisch im Boden versinken. Luci Fair stößt sich von der Wand ab, ohne Grabowsky aus den Augen zu lassen und geht ein paar Schritte auf sie zu. Helga Grabowsky jagt ein Schauer über den Rücken, ihre Hände beginnen leicht zu zittern.

„Das muss ich sofort dem Meister melden“, sagt Luci Fair mehr zu sich selbst als zu Helga Grabowsky. Der rot-schwarze Lederanzug knirscht leise, als Luci Fair zum Tisch geht und einen Knopf drückt. Sie spricht in ein unsichtbares Mikrophon: „Entschuldigt bitte die Störung, Meister. Jemand hat sich unbefugt in unser Datennetz eingeloggt.“

Auf dem Monitor vor Luci Fair erscheint augenblicklich das platte, viereckige Gesicht von Ashtar Sheran, der es sich auf einer Massageliege bequem gemacht hat. Im Hintergrund des Monitorbildes quält sich eine Masseurin, der der offensichtliche Ekel, mit dem sie ihre Arbeit verrichtet, ins Gesicht geschrieben steht. Die gelblichen Augen des Mannes funkeln böse in die Kamera: „Ein Hacker? Deswegen belästigen Sie mich?“, fragt Sheran sichtlich ungehalten über die Störung.

Helga ist froh, dass sie sich hinter ihrem Arbeitsplatz verschanzt hat. Dabei kann der Meister sie gar nicht sehen, denn die Kamera ist auf Luci Fair gerichtet. Helga findet es trotzdem angebracht, auf Nummer sicher zu gehen.

„Ich habe klare Anweisungen gegeben, also verfahren Sie in der üblichen Weise, Luci“, erklärt Sheran barsch.

Die Angesprochene wirkt etwas verlegen und vergewissert sich flüchtig, ob jemand ihrer Untergebenen sie ansieht, aber alle sind in ihre jeweilige Arbeit vertieft. „Jawohl, Meister“, erwidert sie möglichst cool. Sofort springt ihr Blick zurück zu Grabowsky: „Wo fand der Eingriff statt?“

Am Schreibtisch neben Helga Grabowsky schiebt Jacques André seine Brille zurecht und streicht sich ungeschickt durch seine akkurat gestylte Fönfrisur: „Am Funkturm auf der Hünenburg.“ Er lärmt ungeschickt mit seinem Stuhl und starrt wieder auf seinen Monitor. Luci Fair ignoriert ihn, sieht André nicht an, greift aber zum Handy: „Bramsen, es gibt Probleme am Funkturm, prüfen Sie das.“ Dann fügt sie noch hinzu: „Sie haben freie Hand.“ Ein gefährlicher Unterton. Das platte Gesicht auf dem Monitor zeigt ein leicht gönnerhaftes, spöttisches Lächeln. „Sehen Sie Luci, geht doch!“, tönt die Stimme des Meisters aus dem unsichtbaren Lautsprecher.

Der Anflug eines Lächelns deutet sich auf Luci Fairs Gesicht an: „Danke, Meister und entschuldigt nochmals die Störung.“ Ihre Hand schnellt vor, um den Monitor wieder abzuschalten. Doch noch bevor sie den Knopf findet, quäkt Sherans Stimme erneut aus dem Lautsprecher „Ach Luci. Sagen Sie, was ist eigentlich mit unserer E-Mail für Dr. Lihn geschehen?“

Unauffällig zieht Luci Fair ihre Hand zurück und blickt streng über den Schreibtisch zu André. „Die Mail ist heute morgen raus gegangen.“ André verschluckt sich beinahe, so schnell spricht er die Worte aus. Er ist alles andere als ein Held. Seine erste Liebe gilt Computern und der Entwicklung elektronischer Geräte. Die stets angespannte Stimmung in der Zentrale der S.I.E.kom kratzt an seinen Nerven, was nicht zuletzt daher rührt, dass keiner der Mitarbeiter jemals unbeobachtet bleibt. Aus jedem Winkel wachen Kameras über das tägliche Treiben und unzählige Mikrophone wurden über das gesamte Gelände verteilt montiert. Jacques André weiß darüber wahrscheinlich besser als die meisten anderen im Raum Bescheid, da er an der Installation maßgeblich beteiligt war. Als besonders unangenehm empfindet er aber die Situation, wenn sich einer der Vorgesetzten direkt in der Schaltzentrale aufhält, was in der letzten Zeit öfter der Fall ist. Er nimmt allen Mut zusammen, als er hinzufügt: „Es scheint, als würde Frau Dr. Lihn glauben, Professor Wanstohn habe diese Mail geschrieben.“

„Sie hat ihr Eintreffen mit dem Zug um 13:14 Uhr bestätigt“, führt Grabowsky die Kette von Informationen fort. Sheran seufzt zufrieden: „Gut, gut … Luci, fangen Sie Dr. Lihn am Bahnhof ab und setzen Sie sie wie verabredet fest.“ Eine schnelle Bewegung und der Monitor ist wieder dunkel. Sheran ist Luci Fair zuvor gekommen.

„Jawohl, Meister“, sagt sie zu dem dunklen Monitor, greift nach ihrem Buch und verlässt den Raum.

Helga Grabowsky lehnt sich nach vorne, und flüstert leise an ihrem Monitor vorbei: „Gutes Teamwork.“ Jacques André nickt und lächelt bescheiden zurück.

In einer Ecke der Zentrale klingelt ein Telefon. Eine Telefonistin hebt den Hörer ans Ohr. „Guten Tag. Ich begrüße Sie in der Welt von S.I.E.kom. Was kann ich für Sie tun?“, beginnt sie mit einem einlullenden Singsang in der Stimme. „Wie bitte? Aber selbstverständlich dürfen Sie das fragen. S.I.E.kom ist der städtische Interessenverband für Energie und Kommunikation. Es ist unsere Philosophie, jeden Bürger Bielefelds zum günstigsten Preis mit Strom und Kommunikationswegen zu versorgen.“

Wieder am Fuß des Funkturms angekommen, schleichen Jan und Hardy geduckt über die Rampe und verharren hinter der Tür, durch die sie in das Gebäude eingedrungen sind.

„Wo bleibt denn unser Junior?“, wundert sich Jan mit einem Blick über die Schulter. Sie lauschen kurz, aber es ist nichts zu hören. Schließlich öffnet Hardy die Tür und sie beide huschen hindurch.

„HÄNDE HOCH! Zurück an die Wand!“, werden sie draußen äußerst unfreundlich empfangen. Der Wachmann ist in einen dunkelblauen Overall gekleidet, seine Gesichtszüge sind seltsam leer, aber die Waffe, die er auf Jan und Hardy richtet, spricht eine unmissverständliche Sprache. Jan verdreht die Augen angesichts der sich anbahnenden Katastrophe. Trotzdem überlegt er fieberhaft, was man tun könnte. Auch Hardy fixiert den Wachposten, er wartet auf eine Gelegenheit zur Flucht.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Bielefeld Verschwörung" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Teilen