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Die Australia-Saga

Über das Buch

Eine dreiteilige Familiensaga voller Romantik und Leidenschaft vor der atemberaubenden Kulisse Australiens.

Goldsucher

Der Beginn einer Generationen überspannenden Familiensaga auf dem Roten Kontinent. Australien, 1853: Die junge Vicky Stewart kann ihrer neuen Heimat Melbourne nichts abgewinnen. Doch als sie den attraktiven Goldgräber Jonathan Boyle kennenlernt, erstrahlt der Rote Kontinent plötzlich in leuchtenden Farben. Vicky will ihr Leben mit ihm verbringen und verspricht, ihm treu zu bleiben. Aber während Jonathan auf den Goldfeldern von Ballarat bis zum Umfallen schuftet, drohen die Intrigen von Vickys Familie gegen den mittellosen Glückssucher die beiden für immer zu entzweien

Eukalyptusfeuer

Der Kongressabgeordnete und Anwalt Walter Cunningham verbringt mit seiner Familie die Weihnachtsferien in der Idylle der Blue Mountains. Bei einem Familienfest kochen die Gemüter hoch, denn Walter will einen Prozess gegen den Betrüger William Bradshaw führen. Da bringt seine Tochter Scarlet einen jungen Mann mit ins Haus, der von einer Schlange gebissen wurde. Die Familie kümmert sich um den Fremden, und Scarlet fühlt sich schon bald zu ihm hingezogen. Umso größer ist der Schock, als sich herausstellt, dass der junge Mann der Sohn von William Bradshaw ist.

Traumgesang

Sydney, 1942: Die berühmte Sängerin Julia Bradshaw verliert ihren Mann bei dem japanischen Angriff auf Darwin und heiratet wenig später den reichen Edward Caldwell. Eine Zerreißprobe für die Familie, denn dieser Mann ist der erbitterte Gegner ihrer Schwägerin Miranda, die sich als Anwältin für die Aborigines und gegen das grausame Gesetz einsetzt, das Zwangsadoptionen von Mischlingskindern durch weiße Familien erlaubt. Als sich auch noch Mirandas und Julias Töchter in denselben Mann verlieben, droht die Familie auseinanderzufallen und alles zu verlieren, was sie sich über Generationen auf dem Roten Kontinent aufgebaut hat …

Über die Autorin

Mirja Hein lebt in Hamburg und Berlin, wenn sie nicht gerade auf Recherchereise »Down Under« ist. Sie schreibt unter dem Pseudonym Laura Walden erfolgreiche Neuseelandromane und Jugendbücher, die auf dem Roten Kontinent spielen.

LAURA WALDEN
SCHREIBT ALS
MIRJA HEIN

Die Australia – Saga

Goldsucher

Eukalyptusfeuer

Traumgesang

Goldsucher

THE SONG OF AUSTRALIA

There is a land where summer skies

Are gleaming with a thousand dyes,

Blending in witching harmonies,

And grassy knoll and forest height,

Are flushing in the rosy light,

And all above is azure bright – Australia!

There is a land where honey flows,

Where laughing corn luxuriant grows,

Land of the myrtle and the rose,

On hill and plain the clust’ring vine

Is gushing out with purple wine,

And cups are quaffed to thee and thine – Australia!

There is a land where treasures shine

Deep in the dark unfathom’d mine

For worshippers at Mammon’s shrine;

Where gold lies hid, and rubies gleam,

And fabled wealth no more doth seem

The idle fancy of a dream – Australia!

There is a land where homesteads peep

From sunny plain and woodland steep,

And love and joy bright vigils keep,

Where the glad voice of childish glee

Is mingling with the melody

Of nature’s hidden minstrelsy – Australia!

There is a land where, floating free,

From mountain-top to girdling sea,

A proud flag waves exultingly;

And freedom’s sons the banner bear,

No shackled slave can breathe the air,

Fairest of Britain’s daughters fair – Australia!

Caroline J. Carleton

1. TEIL

Bearbrass lautete einer der zahlreichen Namen für die Ansiedlung am Yarra River und an der Port-Phillip-Bucht, bevor sie 1837 ihren heutigen Namen erhielt: Melbourne. Diese Kolonialstadt diente im Gegensatz zu anderen Orten auf dem australischen Kontinent nie als Straflager für britische Schwerverbrecher, sondern wurde zum Wohnen mit breiten Straßen und Parks angelegt.

Bereits damals sagte man Melbourne eine große Zukunft voraus. So hieß es 1839 im Cornwall Chronicle, einer Zeitung aus dem tasmanischen Launceston, dass Port Phillip das Zeug habe, eines Tages zur Königin der australischen Kolonien aufzusteigen.

Im Juli 1851 feierten die 29 000 Melbournians ihre Unabhängigkeit von New South Wales: Die neue britische Kolonie Victoria war aus der Taufe gehoben. Wenige Wochen zuvor hatte man Gold in Victoria gefunden, was der Bevölkerung aber erst nach den Feierlichkeiten bekannt gegeben werden sollte, um Tumulte zu vermeiden. Eine kluge Entscheidung, denn als die Goldfunde vier Tage später öffentlich gemacht wurden, war in Melbourne der Teufel los. Alles drehte sich nur noch um das gelbe Edelmetall. Aus der beschaulichen Kolonialstadt Bearbrass wurde innerhalb weniger Jahre die Handelsmetropole Melbourne. Die Bevölkerung der neuen Kolonie wuchs zu Zeiten des Goldrausches stetig an. Hatte Victoria 1851 noch 75 000 Einwohner, waren es zehn Jahre später bereits über eine halbe Million.

Das Gold machte die Stadt und die Kolonie reich, aber in dem Maß, in dem Goldsucher aus aller Welt in die Stadt strömten, stieg auch die Kriminalität in der Hauptstadt. Zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung wurden Richter und Polizisten aus dem Mutterland ins ferne Australien geschickt.

So auch Richter Samuel Stewart, der mit seiner Familie 1851 auf dem Auswandererschiff Parland von London nach Sydney und im Anschluss auf einem kleineren Schiff nach Melbourne gelangte, um am obersten Gericht der Stadt fortan Recht zu sprechen. Dieser Roman erzählt die Geschichte seiner Familie. Sie beginnt an einem heißen Februartag im Jahre 1853.

1

Sophie Victoria Stewart, die wegen ihrer Bewunderung für die englische Königin mit ihrem zweiten Namen gerufen werden wollte und von allen nur Vicky genannt wurde, hasste ihre neue Heimat Melbourne abgrundtief. Es gab nicht einen einzigen Tag, seit sie vor mehr als zwei Jahren mit dem Schiff aus London in der Bucht Port Phillip angekommen waren, an dem sie nicht über die Hitze, den Gestank oder die vom Regen und den Überschwemmungen schlammigen Straßen geschimpft hatte. Sie verabscheute den heißen Sommer, und besonders den Spätfrühling, an dem Wetterumschwünge, Temperaturstürze und Stürme an der Tagesordnung waren. Dann gebärdete sich das Wetter in dieser Stadt wie eine launische Diva. Wenn man Pech hatte, wechselte es binnen Sekunden von trocken und warm zu nass und kalt. Im Volksmund nannte man Melbourne deshalb auch die »Stadt der vier Jahreszeiten an einem Tag«. Melbourne war, seit man in Ballarat und Bendigo Gold gefunden hatte, zu einem regelrechten Hexenkessel geworden, in den es Glückssucher aus der ganzen Welt trieb. Davor sei es ein beschauliches, verschlafenes Städtchen gewesen, behaupteten die Einwohner Melbournes, die schon vor dem Goldrausch dort gelebt hatten. Doch die Geschichte dieser Stadt interessierte Vicky nicht, weil sie ohnehin nicht vorhatte, in Melbourne zu bleiben.

Am ehesten fand noch das kalte Winterwetter, das zuverlässiger war als die anderen Jahreszeiten, Gnade vor Vickys kritischem Auge, weil es sie entfernt an den Londoner Winter erinnerte. Aber nicht nur das Wetter glorifizierte Vicky, seit sie die alte Heimat hatte verlassen müssen, sondern alles an London geriet im Nachhinein zu einem romantischen Idealbild. Ob es die sauberen Straßen, die schönen Häuser, das großstädtische Ambiente oder der Nebel waren, Vicky schwärmte von London, wie sie es niemals auch nur annähernd getan hatte, als sie noch in der Stadt lebte.

Jedes Mal, wenn sie an den Tag dachte, an dem sie gegen ihren erklärten Willen mit ihrer Familie, zwei Hausangestellten und einem halben Hausstand auf einem Auswandererschiff die Themse flussabwärts gefahren war, und das in dem Wissen, für lange Zeit fortzubleiben, spürte sie nackte Wut in sich aufsteigen. Besonders auf ihren Vater, der sie dazu gezwungen hatte, ihr Zuhause zu verlassen, weil die Regierung ausgerechnet ihn für geeignet hielt, dieses hohe Richteramt in der Kolonie wahrzunehmen. Für ihn war das eine große Ehre und unbedingte Verpflichtung gewesen. Bei mir können sie sicher sein, dass meine Vorfahren keine Strafgefangenen sind, und sie brauchen jetzt dringend Männer wie mich … Mit diesen Worten hatte er der Familie mit stolzgeschwellter Brust seine Entscheidung, nach Australien zu gehen, eröffnet. Verabschiedet euch von London, am besten für immer, meine Kinder, hatte ihr Vater verlangt, aber Vicky hatte seine Worte ignoriert, und tat das bis heute. Nein, sie würde zurückkehren, sobald sie einen heiratsfähigen Engländer gefunden hatte, den es so wie sie in die Heimat zurücktrieb. Das hatte sie sich an jenem grauen Tag geschworen. Aber das war keineswegs so einfach. Rückkehrwillige und überdies heiratskompatible Engländer waren in Melbourne eine Seltenheit.

Vicky ballte bei dem Gedanken an ihren ersten mutigen Vorstoß in diese Richtung, der allerdings in einem schrecklichen Fehlschlag geendet war, die Fäuste. Doch selbst diese kleine körperliche Anstrengung brachte sie mächtig ins Schwitzen, denn von Melbournes wolkenlosem Himmel brannte an diesem Februarnachmittag die alles versengende Sonne herunter. Sie hatte Angst, ihr Haar könnte in Brand geraten. So heiß war es auf ihrem Kopf, hatte sie doch in der Wut nach dem Streit mit ihrer Schwester vergessen, ihr Hütchen aufzusetzen. Dass Louise sich aber auch immer so aufspielen musste, dachte Vicky erbost, man könnte meinen, sie sei schon uralt und nicht erst neunzehn Jahre.

Ach, wie gern würde Vicky das alles hinter sich lassen. Ihrer Familie würde sie kaum eine Träne nachweinen. Jedenfalls bildete sie sich das ein, solange sie mit ihnen unter einem Dach leben musste und sie ihr mächtig auf die Nerven gingen, allen voran die Petze Louise.

Es ist wirklich verhext, dass sich keiner findet, der sich erbarmt, mich nach London mitzunehmen, ging es Vicky trübsinnig durch den Kopf. Der erste Vorstoß, ihre Rückkehr nach London in die Wege zu leiten, war jedenfalls zum Fiasko geraten. Wenn sie an ihren völlig unüberlegten Auftritt neulich in der Küche dachte, spürte sie sofort die Schamesröte in ihren Wangen aufsteigen. Sie hatte sich Richard regelrecht an den Hals geworfen. Er war ein Polizist aus London, einer der vielen, die die Regierung in Scharen ins Land geholt hatte, um der durch den Goldrausch explodierenden Kriminalität in Melbourne Herr zu werden. Richard war ein gutmütiger Hüne und der Verlobte von Mary, der Köchin. Vicky saß gern bei Mary in der Küche und schwärmte gemeinsam mit ihr von London. Die Köchin hatte mindestens so viel Heimweh wie sie. Und an jenem Tag, an den sie sich gerade erinnerte, obwohl sie ihn vor lauter Peinlichkeit am liebsten für immer aus ihrem Gedächtnis streichen wollte, war Richard vorbeigekommen, um mit Mary einen Tee zu trinken. Er war weit über dreißig, was der siebzehnjährigen Vicky bereits als steinalt galt. Außerdem war er übergewichtig und litt außerordentlich unter der Hitze. Sein Gesicht glühte in allen erdenklichen Rottönen, und er wischte sich ständig den Schweiß aus dem Gesicht. Doch als er an diesem Tag schnaufend preisgegeben hatte, er würde, sobald seine Pflicht in zwei Monaten getan wäre, mit dem nächsten Schiff in die Heimat zurückkehren, war Vicky hellhörig geworden.

»Du gehst wirklich nach London zurück?«, fragte sie neugierig.

»So sicher wie das Amen in der Kirche. Und zwar zusammen mit meiner Frau.« Er strahlte Mary dabei an, über deren Gesicht jenes dümmliche Grinsen huschte, das Vicky schon von ihrer Schwester Louise kannte, wenn Vaters Freund, der Gefängnisdirektor Archibald Cumberland, zu Besuch kam. Obwohl sie hoffte, dass sie einen Mann niemals so schwärmerisch anschauen würde, fasste sie blitzschnell einen Plan und versuchte, dieses Lächeln nachzuahmen.

»Richard?«, säuselte sie. »Kannst du dir vorstellen, mich zu heiraten?«

Der Polizist musterte sie fassungslos, während ihm der Schweiß aus allen Poren gleichzeitig tropfte, sodass er gar nicht mit dem Wischen nachkam.

»Sophie Victoria, schäm dich!« Marys Stimme überschlug sich beinahe vor lauter Empörung.

Vicky ignorierte die Schelte der Köchin und trat einen Schritt auf den sichtlich verwirrten Polizisten zu.

»Heirate mich!«, verlangte sie.

»Aber, aber, du bist viel zu jung, und ich … ich liebe doch …«

»Bitte! Doch nur zum Schein. Wir werden uns gleich in London wieder scheiden lassen. Vater lässt mich niemals allein gehen! Wo denkst du hin? Ich will dich nicht wirklich zum Mann, sondern nur auf dem Papier, um dieses schreckliche Land zu verlassen.«

»Sophie Victoria! Schluss mit dem Unsinn!« Mary war außer sich.

»Aber was hast du denn? Natürlich kommst du mit, und dann heiratest du ihn. Und ich gehe zu meiner Tante Charlotte und wohne dort. Sie würde sich riesig freuen. Ich wollte doch ohnehin bei ihr bleiben, aber Vater hat es nicht erlaubt.«

Mary stieß einen tiefen Seufzer aus. »Genau, du sagst es. Einmal abgesehen davon, dass ich es nicht erlauben würde, wenn du Richard heiratest, dein Vater wäre entsetzt. Meine Tochter und ein einfacher Polizist

Mary hatte den Tonfall von Richter Samuel Stewart perfekt nachgeahmt und Vicky wider Willen zum Lachen gebracht. Doch das war ihr schon Sekunden später vergangen. »Du verpetzt mich doch nicht, oder? Wenn Dad erfährt, dass mir jedes Mittel recht wäre, nach London zurückzukehren, dann …«

»… dann wird er sagen. Sophie Victoria! Wann benimmst du dich endlich wie eine Lady? Nimm dir ein Vorbild an Louise

Mary hatte den Ton ihres Arbeitgebers erneut so echt getroffen, dass Vicky zusammenzuckte. Mary hatte recht. Ihr Vater würde eine solche Verbindung niemals dulden. Er war streng und doch der Einzige in der Familie, der sie trotz ihrer wilden Art von Herzen liebte. Nach jedem Streit nahm er sie in den Arm und bat sie inständig, Besserung zu geloben. Nein, Richard, der Polizist, war keine Lösung. Aber es musste doch in dieser Stadt irgendwo ein Mann zu finden sein, der den hohen Ansprüchen ihres Vaters gerecht wurde, der sie heiraten wollte und mit dem sie nach England zurückkehren konnte!

Wie soll ich denn in dieser Stadt eine Lady sein? Dass ich nicht lache, dachte Vicky, während sie die lange, schmutzige Straße hinuntersah. Ihr Zorn nach einem bösen Streit mit ihrer Schwester hatte sie ohne Begleitung aus dem Haus und in das verbotene Viertel getrieben, in dem sich das berüchtigte Melbourner Gefängnis und auch das Oberste Gericht, der Arbeitsplatz ihres Vaters, befanden.

Sie konnte sich im Übrigen lebhaft vorstellen, wie die Familienmitglieder reagierten, wenn sie erfuhren, dass sie, jederzeit und ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, das nächste Schiff nach London besteigen würde, wenn man es ihr doch nur erlaubte. Das ein oder andere Mal hatte sie schon mit dem Gedanken gespielt, sich heimlich an Bord eines Schiffes zu schleichen, aber das wollte sie ihren Eltern dann doch nicht antun. Sie traute sich ja nicht einmal, ihrer Familie zu gestehen, wie unendlich groß ihre Sehnsucht nach London war, dass sie dafür nahezu alles in Kauf zu nehmen bereit war. Das schrieb sie nur heimlich ihrer Tante Charlotte. Ihr Vater würde ihr auf diesen Wunsch hin wahrscheinlich ordentlich den Kopf waschen und ihr deutlich machen, dass es ihre Pflicht wäre, in der Kolonie zu bleiben. Und dann würde er sie lange und traurig ansehen. Ihre Mutter würde nach ihrem Riechwasser verlangen, während Louise lästern würde, dass das mal wieder typisch für Vicky wäre.

Vicky fragte sich manchmal, warum sie so anders war als ihre Mutter und ihre Schwester. Die beiden waren einander zum Verwechseln ähnlich. Sie hatten feine rotblonde Löckchen, rundliche Gesichter mit roten Apfelbäckchen, grüne, große Augen und herzförmige Münder. Auch von der Figur her ähnelten sie einander wie Schwestern. Sie waren beide klein und zart, wobei sie durchaus weibliche Rundungen besaßen, dort, wo sie hingehörten. Das jedenfalls behauptete Vickys Vater manchmal mit einem wohlwollenden Blick auf seine Frau.

Vicky hingegen kam voll und ganz nach ihrem Vater. Richter Samuel Stewart war ein hagerer, hochgewachsener Mann mit blondem, dickem Haar und einem kantigen Gesicht. Vicky war groß, schlank und hatte blondes, glattes Haar. Schon in London hatte sie die gleichaltrigen Jungen der Knabenschule um Haupteslänge überragt. Das mit der Schule war auch so eine Sache, die Vicky an Melbourne ganz und gar missfiel. Es gab hier noch nicht einmal eine Mädchenschule, sodass Richter Stewart seine Töchter von einem Privatlehrer hatte unterrichten lassen. Doch auch der war jüngst nach England zurückgekehrt. Beim alten Mister Cook war Vicky allerdings gar nicht erst auf den Gedanken gekommen, sich ihm anzudienen. Mister Cook war ein alter Herr jenseits der sechzig, der aus Gesundheitsgründen zurück in die kalte Heimat gegangen war, nachdem seine Frau an einem Fieber gestorben war.

Und was wird mein Bruder wohl sagen, wenn er erfährt, dass ich lieber heute als morgen nach London zurückkehren möchte?, fragte sich Vicky, während sie die Häuser, die die Straße säumten, skeptisch betrachtete. Nein, sie wusste partout nicht, wo sie sich gerade befand. Nur eines war auffällig: Die Gebäude wurden immer einfacher, je weiter sie sich aus der Gegend entfernte, in der ihr Vater ihnen ein nobles Anwesen mit einem Prachthaus gekauft hatte. Ihr neues Zimmer in Melbourne war das Einzige, das Vicky an ihrer neuen Heimat zu schätzen wusste. Das Haus war viel größer als ihre Stadtvilla in London, und Vickys Zimmer doppelt so groß wie ihr Mädchenzimmer in England. Ihre Gedanken kehrten zu ihrem Bruder Steven zurück. Was würde ihr großer Bruder zu ihren Plänen sagen? Wahrscheinlich würde er dem Gespräch nur mit halbem Ohr zuhören, weil er wie meist mit den Gedanken woanders ist, wenn es nicht um ihn geht, mutmaßte Vicky.

Steven würde die Familie ohnehin bald verlassen. In einigen Monaten begann sein Studium der Rechtswissenschaft an der Universität in Sydney. Für ihren Vater war es gar keine Frage gewesen, dass sein ältester Sohn beruflich in seine Fußstapfen trat. Steven widersprach den väterlichen Plänen zwar nicht, aber Vicky ahnte, dass ihm die Aussicht, Richter zu werden, überhaupt nicht behagte. Steven war im Grunde seines Herzens ein verhinderter Musiker. Nur, wenn er am Klavier saß und Sonaten von Händel spielte, bekam er diesen gewissen Glanz in den Augen, den Vicky sonst gar nicht von ihrem Bruder kannte. Manchmal begleitete er sie auf dem Klavier, wenn sie Lieder von Henry Purcell sang. Sie besaß eine wunderschöne Altstimme und liebte den Gesang. Die Musikalität lag in der Familie, denn der Vater ihrer Mutter, Anne Stewart, war ein bekannter Kirchenmusiker gewesen. Trotzdem würde Samuel Stewart es niemals gutheißen, wenn sein Sohn in die Fußstapfen des Großvaters trat. Er hörte seinen Kindern wirklich gerne zu und schmückte sich mit ihren Talenten, wenn sie ihr Können zu Festlichkeiten vorführten, aber beruflich würde er eine Musikerkarriere bei Steven niemals akzeptieren. Und, was Vicky anging, kam der Richter nicht einmal auf den Gedanken, dass sie überhaupt einen Beruf ausüben könnte. Junge Damen gehörten schließlich an die Seite eines Ehemannes. Er verhehlte allerdings nicht, dass er sich um Louises Zukunft keinerlei Gedanken machte, während er Zweifel daran hegte, ob Vicky überhaupt eine Chance auf dem Heiratsmarkt hatte.

Genau um diese Frage war es bei dem Streit der Schwestern vorhin gegangen. Vicky hatte sich darüber lustig gemacht, dass ihre Schwester sich wie ein Äffchen vor dem Spiegel hin und her gedreht hatte, weil ihr Verehrer sie zu einem kurzen Spaziergang abholen wollte. Louise hatte ihrer kleinen Schwestern daraufhin an den Kopf geworfen, dass sie sich darum keinerlei Sorgen machen müsste, weil sie ohnehin niemals in ihrem Leben in die Verlegenheit kommen würde, dass ein Mann sie zu einem Spaziergang abholen würde, schließlich sei sie hässlich wie die Nacht. Vicky hatte sich nicht anders zu helfen gewusst, als ihrer Schwester kurz entschlossen das Hütchen von den wohlfrisierten Locken zu reißen und darauf herumzutrampeln. Daraufhin war Louise empört zu ihrer Mutter gerannt und hatte die kleine Schwester verpetzt. Die Mutter war natürlich wieder einmal auf Louises Seite gewesen und hatte Vicky eine Strafpredigt gehalten. Wie kannst du dich nur so kindisch verhalten?, hatte sie ihrer Tochter vorgeworfen. Das tat Vicky natürlich weh. Sie war alles andere als ein Kind, aber eben auch keine Lady, wie man das von ihr erwartete. Dabei wusste Vicky ganz genau, warum sich ihre Mutter so über ihr »kindisches Verhalten« aufgeregt hatte. Anne Stewart war selbst ganz vernarrt in Archibald Cumberland und geradezu darauf versessen, dass er alsbald um die Hand ihrer älteren Tochter anhielt. Vicky war es allerdings ein Rätsel, was alle an dem Gefängnisdirektor fanden. Er war so groß wie Vicky und hatte zugegebenermaßen schöne dunkle Locken. Aber sahen sie denn alle nicht, dass ihm die Falschheit geradezu aus den Augen blitzte und er einen brutalen Zug um den meist zusammengekniffenen Mund hatte? Vicky verstand überhaupt nicht, dass offenbar die ganze Familie darauf erpicht war, Mister Cumberland als neues Familienmitglied willkommen zu heißen. Sie konnte auf diesen Kerl gut und gern verzichten. Und nun hatte sie das Hütchen ihrer Schwester beschädigt, mit dem sie vor ihrem Galan eine gute Figur hatte machen wollen. Eine Todsünde, wie Vicky vorhin schmerzhaft hatte erfahren müssen.

Sie hatte nicht lange überlegt, sondern war aus dem Haus, in den Garten und dann geradewegs hinaus auf die Straße gerannt. Sie kannte die ungefähre Richtung, in der das Oberste Gericht der Stadt zu finden war, doch sie war noch nie allein in der Russell Street gewesen. Ihr Vater hatte sie ein paarmal in der Kutsche mit dorthin genommen und ihr strengstens untersagt, sich jemals auf eigene Faust in diese Gegend aufzumachen, denn dort befand sich nicht nur das Gericht, sondern auch das Gefängnis, das man an der Grenze zum Buschland errichtet hatte. Wieder einmal hatte sie die Verbote ihres Vaters missachtet.

Bis zur Elizabeth Street hatte sie sich noch orientieren können. Diese Straße war ihr so verhasst, dass sie sie nicht verfehlen konnte. Es gab in der ganzen Stadt keinen Weg, der bei Regen derart im Moder versank wie diese Straße. Neulich erst hatte sie mit angesehen, wie eine Kutsche regelrecht in einem Schlammloch verschwunden war. Das Pferd hatte dieses Unglück mit dem Leben bezahlt. Nein, das war nicht der Ort, an dem Vicky ihre Zukunft sah. Trotzdem hätte sie jetzt gern gewusst, wo sie sich befand. Hier hatten die Straßen jedenfalls nicht einmal mehr Beschilderungen.

Vater wird sicher fuchsteufelswild werden, wenn ich in seinem Büro auftauche, sollte ich das Gerichtsgebäude jemals finden, dachte sie, als sie aus den Augenwinkeln drei finstere Kerle wahrnahm, die sich ihr näherten.

Die Kerle hatten struppige Bärte, langes ungepflegtes Haar und trugen zerschlissene Bekleidung. Sie sind entweder entflohene Sträflinge oder Glückssucher, denen das Schicksal nicht hold gewesen ist, mutmaßte Vicky, und sie vergaß, den Blick züchtig zu senken. »Wenn du jemals solchen Strolchen allein begegnen solltest, was ich nicht hoffen möchte«, hatte ihr die Mutter eingeschärft, »dann tu so, als ob du sie nicht siehst. Dann werden sie erkennen, dass du eine Dame bist und dich ignorieren.«

Schon traf sich der Blick von einem der Kerle mit ihrem. Ein begehrliches Funkeln sprach aus seinen Augen. Er pfiff anerkennend durch die Zähne. Alle drei Männer glotzten sie gleichermaßen gierig an.

»Na, mein Vögelchen, was möchtest du dafür haben, wenn du uns allen dreien ein kleines Vergnügen machst?«, erkundigte sich einer von ihnen grinsend.

Vicky wusste, dass es besser wäre, die Angebote der Burschen zu ignorieren und schnellstens das Weite zu suchen, aber es war nicht ihre Art, Frechheiten anderer schweigend hinzunehmen. Voller Verachtung musterte sie die abgerissenen Gestalten von oben bis unten. »Ihr irrt euch! Die Frauen, die ihr sucht, findet ihr unten am Hafen. Wenn ihr es auch nur wagt, mich anzurühren, bekommt ihr es mit meinem Vater zu tun.«

Der eine Kerl, ein kleiner, hagerer mit einem chinesischen Einschlag, trat bedrohlich einen Schritt auf sie zu, obwohl sie ihn um einen halben Kopf überragte. »Da machst du uns aber richtig Angst! Wenn du halbwegs eine Lady wärest, würdest du dich nicht allein in dieser Gegend aufhalten, zudem züchtig den Blick senken und einen Hut tragen. Also, was kostet der Spaß? Oder sind wir dir zu dreckig? Aber du …« Er sah ihr jetzt unverschämt auf den Busen. »… du bist auch nicht gerade das, was wir uns nach den anstrengenden Wochen in Bendigo erträumt haben. Also zier dich nicht, Bohnenstange!«

Vicky war weiß Gott kein ängstlicher Mensch, aber als in diesem Augenblick auch die beiden anderen, die im Gegensatz zu ihrem Freund wahre Hünen waren, Anstalten machten, sie mit ihren widerlichen, schmutzigen Händen zu begrapschen, wurde ihr mulmig zumute. Die dachten doch nicht etwa wirklich, dass sie eines der käuflichen Mädchen war?

Sie versuchte, den gierigen Männern, die sie gegen eine Häuserwand drücken wollten, auszuweichen, indem sie sich duckte, aber der hagere Chinese griff ihr grob unter das Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. Ihr wurde speiübel, als er ihr seinen stinkenden Atem entgegenhauchte, aber sie saß in der Falle, wie sie mit klopfendem Herzen feststellen musste. Seine Lippen kamen näher, und Vicky musste würgen, aber das hielt den Kerl nicht davon ab, sich mit halb geöffnetem Mund ihrem zu nähern. Vicky konnte mit Schaudern erkennen, dass ihm mehrere Zähne fehlten und der Rest gelblich verfärbt war. In diesem Augenblick bedauerte sie zutiefst, dass sie von zu Hause abgehauen war, und spürte, wie ihr vor lauter Verzweiflung die Tränen kamen. Aber das erweichte die Herzen der drei Kerle mitnichten. Im Gegenteil, der Chinese hielt zwar kurz inne, aber nur um sie zu verspotten. »Oh, jetzt weint unsere kleine Hure!« Der eine Hüne schubste seinen chinesischen Kumpan daraufhin zur Seite und zerrte grob an Vickys Kleid. »Wir haben nicht ewig Zeit«, grunzte er, als er mit einem Mal seinerseits von ein paar starken Händen gepackt und zu Boden geschleudert wurde. Eine schneidende männliche Stimme sagte: »Wagt es nicht noch einmal, meine Braut anzufassen, ihr miesen Schweine. Sonst seid ihr schneller im Melbourner Gefängnis, als ihr denken könnt!«

Die Männer warfen einander unschlüssige Blicke zu, während der Fremde Vicky seine Hand reichte. »Komm zu mir. Sie werden dir nichts mehr tun.« Sie nahm die rettende Hand entgegen. Er legte beschützend den Arm um sie. Die drei Kerle glotzten ihn dümmlich an, besonders der, den er zu Boden geschleudert hatte. »Ich zähle bis drei. Wenn ihr mir dann nicht aus den Augen seid …« Er drehte sich um und reckte den Hals. »Ach, da kommt ja ein Ordnungshüter des Weges …«

Der Fremde hatte den Satz noch gar nicht zu Ende gesprochen, da hatten sich die Angreifer getrollt, und Vicky musterte mit großen Augen ihren heldenhaften Retter.

2

Es kam selten vor, dass Vicky sprachlos war, aber in diesem Moment war sie es. Vicky sah den Fremden an, als hätte sie noch nie zuvor einen Mann gesehen. Und das hatte sie bislang auch noch nicht, jedenfalls nicht mit dem Blick einer Frau.

»Oh, entschuldigen Sie bitte«, sagte er höflich und zog seinen Arm fort. »Ich wollte mich Ihnen nicht derart vertraulich nähern, aber mir fiel in dem Augenblick nichts Besseres ein, als mich als Ihr Verlobter auszugeben.«

Seine tiefe, wohlklingende Stimme ging ihr durch und durch. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte er sie gern noch länger im Arm halten können. Sie hatte sich unendlich beschützt gefühlt.

»Aber, das haben Sie doch wunderbar gemacht. Sie sind mein Held«, erwiderte Vicky, ohne den Blick von ihm zu lassen. Sie blieb an einem Paar graugrüner Augen hängen. Die Intensität, die aus ihnen sprach, fesselte Vicky derart, dass sie den Rest des Mannes erst musterte, nachdem er sich ihr mit den Worten vorstellte: »Mein Name ist Jonathan Bowl.« Er streckte ihr seine Hand nun zur Begrüßung entgegen.

Jonathan war über einen Kopf größer als sie und schlank. Wie mein Zwilling, ging es Vicky durch den Kopf, während sie seine Hand nahm. Sein Händedruck war kräftig und angenehm. »Ich bin Victoria Stewart und danke Ihnen ganz herzlich, dass Sie mich vor diesen Strolchen gerettet haben. Die haben offenbar gedacht …« Vicky unterbrach sich hastig. Es gehörte sich nicht für eine junge Lady, über die käuflichen Mädchen am Hafen zu sprechen.

Jonathan verstand, was sie hatte sagen wollen. »Sie müssen sich nicht wundern. In dieser Gegend treibt sich bekanntlich allerlei Gesindel herum. Und junge Damen, die offenbar keine Furcht kennen. So wie Sie.«

»Wie kommen Sie denn darauf?«

»Na ja, nun, dafür, dass die Kerle drauf und dran waren, Sie in einen dunklen Hauseingang zu schleppen und sich an Ihnen zu vergreifen, waren Sie verdammt ruhig.«

»Was hätte ich denn tun sollen? Schreien? Zetern? Nein, ich musste doch überlegen, wie ich unbeschadet aus der Situation entkommen konnte. Und gerade, als sie mich gerettet haben, kam mir der Gedanke, dass, wenn er es wagen sollte, meinen Mund zu berühren, ich ihm die Zunge abbeißen sollte.«

Ein Lächeln erhellte seine Züge. Er hatte ein kantiges, bartloses Gesicht, was Vicky auf Anhieb gefiel. Noch nie war sie einem so gut aussehenden jungen Mann begegnet.

»Sie sind mir eine. Ja, in der Tat habe ich von einer jungen Lady erwartet, dass sie in einer solchen Lage um Hilfe ruft.«

»Dann hätten die Kerle mich geschlagen. Womöglich mitten ins Gesicht«, entgegnete sie ungerührt.

»Sie sind eine kluge junge Frau und nicht auf den Mund gefallen«, erklärte er lächelnd. »Aber was treibt Sie nur in diese unwirtliche Gegend?« Er musterte sie prüfend und blieb an ihrem Kleid hängen, das aus teurem Stoff gemacht war.

»Ich suche meinen Vater und habe mich verirrt.«

»Ihren Vater?«

»Ja, er ist Richter am Obersten Gericht, und ich wollte ihn in seinem Büro besuchen.«

Täuschte sie sich oder verdunkelte sich seine freundliche Miene?

»Soso, Ihr Herr Vater ist also am hiesigen Gericht tätig.«

Vicky nickte eifrig. »Ja, ich hatte einen hässlichen Streit mit meiner Schwester und war so aufgebracht, dass ich fortgelaufen bin und zu meinem Vater wollte.«

»Hm, und Sie meinen wirklich, dass er sich über Ihren Besuch freuen würde?« Das klang spöttisch.

»Das nicht gerade. Er wäre bestimmt einer Meinung mit meiner Schwester und meiner Mutter gewesen, aber er hätte mich wenigstens in den Arm genommen und mich dann erst gescholten. Außerdem hat er mir verboten, jemals zu Fuß in diese Gegend zu marschieren …«

»Was haben Sie denn Schlimmes angestellt?«

Vicky stieß einen tiefen Seufzer aus. Eigentlich sollte sie diesem Fremden gar nicht ihre ganze Lebensgeschichte erzählen, aber er machte so einen vertrauenerweckenden Eindruck, wenngleich … Ihr Blick blieb an seiner verschlissenen Kleidung hängen. So edel wie Louises Verehrer war er nicht gekleidet. Zur feinen Gesellschaft von Melbourne, auf die ihr Vater immer so viel Wert legte, gehörte er wohl eher nicht.

»Ich habe meiner Schwester den Hut vom Kopf gerissen und darauf rumgetrampelt«, gab sie zögerlich zu.

»Nicht gerade eine damenhafte Geste«, erwiderte er lachend. Sein Lachen war herzlich und kam aus voller Kehle.

Sie hatte sich niemals, wie Louise es so oft getan hatte, in allen erdenklichen Einzelheiten ausgemalt, wie der Mann, in den sie sich verlieben könnte, wohl aussehen müsste, aber wenn, so wurde ihr in diesem Augenblick klar, dann hätte es ein großer, hagerer Mann mit kantigem Gesicht und pechschwarzen Locken sein müssen … Sie konnte gar nichts dagegen tun; seit Jonathan den Arm um sie gelegt hatte, vermochte sie an nichts anderes mehr zu denken als daran, dass er das bitte noch einmal machen möge.

»Was hätten Sie denn getan, wenn Ihnen Ihr Bruder gesagt hätte, Sie seien so hässlich wie die Nacht und würden niemals eine Frau bekommen …«

»Ich habe keinen Bruder«, lachte er. »Aber, sollte Ihre Schwester Ihnen an den Kopf geworfen haben, dass Sie hässlich sind, hat sie keine Augen im Kopf. Sie sind wunderschön, und die Herren werden sich um Ihre Gunst reißen.«

Vicky sah Jonathan fassungslos an und spürte zu ihrem Ärger, dass sich ihre Wangen röteten. So etwas Nettes hatte noch nie jemand zu ihr gesagt. Kein Familienmitglied und schon gar kein junger Bursche. Ohne weiter nachzudenken, hörte sie sich da bereits fragen: »Sagen Sie, Jonathan, wollen Sie vielleicht demnächst nach London zurück?«

Nun war es an ihm, fassungslos zu gucken. »Äh, nach London? Mit Verlaub, was soll ich da? Nach England zieht mich gar nichts. Ich bin hier zu Hause, beziehungsweise drüben in Van Diemen’s Land geboren und nun auf der Suche nach dem großen Glück.«

»Sagen Sie bloß nicht, dass Sie einer von den Goldsuchern sind!« Das blanke Entsetzen stand ihr ins Gesicht geschrieben, denn sofort gingen ihr all die Sätze durch den Kopf, die ihr Vater für »dieses Gesindel«, wie er die Schürfer nannte, übrighatte. Sie sind arbeitsscheue Nichtsnutze, die früher oder später hinter den dicken Mauern des Gefängnisses landen, wenn sie nicht zu den wenigen gehören, die tatsächlich etwas finden … Aber auch die sind Abschaum!

»Sie sehen mich ja an, als wäre ich der leibhaftige Beutelteufel«, lachte Jonathan.

»Beutelteufel?«

»Das ist ein Raubbeutler aus Van Diemen’s Land. Er hat ein pechschwarzes Fell, und bei Aufregung bekommt er glühend rote Augen und fängt zu kreischen an.« Jonathan hob die Arme und machte das Schreien des gefürchteten Tieres nach.

Statt sich zu erschrecken, brach Vicky in lautes Lachen aus. Was für ein unterhaltsamer Mann, der mit kindlicher Freude Tierlaute imitiert, dachte sie. Ihr Herzschlag beschleunigte sich merklich.

»Sie sind entzückend«, bemerkte Jonathan plötzlich ernst und blickte ihr intensiv in die Augen. »Und Sie haben das herzlichste Lachen, das ich je aus dem Munde einer jungen Dame gehört habe.«

»Mutter sagt immer, das ziemt sich nicht für eine Lady.«

Er legte den Kopf schief und betrachtete sie schmunzelnd.

»Ladys sind langweilig. Sie hingegen scheinen eine richtige Frau zu sein. Eine Frau, die ein Mann wie ich auf der Stelle küssen möchte.«

Das brachte Vickys Herz nur noch mehr zum Rasen, vor allem, als sich sein Mund ihren Lippen näherte. Er wollte sie doch nicht etwa wirklich … in diesem Augenblick spürte sie, wie sie ein Schwindelgefühl ergriff. Ihr Kopf fühlte sich seltsam leer an, und sie kam ins Wanken. Allein die Vorstellung, er könnte es wagen und sie würde es zulassen …

Wenn Jonathan sie nicht aufgefangen hätte, sie wäre wohl zu Boden gestürzt.

»Mir ist so schummrig«, flüsterte sie, als sie sich in seinen Armen in Sicherheit fühlte.

Jonathan strich ihr über den Kopf und rief entsetzt aus: »Ihr Kopf steht ja förmlich in Flammen. Kommen Sie, nehmen Sie den.«

Mit der einen Hand hangelte er nach seinem breitkrempigen Sonnenhut und stülpte ihn Vicky über ihr blondes Haar.

»Aber jetzt sind Sie doch völlig ungeschützt der Sonne ausgeliefert«, protestierte sie halbherzig. Obwohl ihr sehr flau im Magen war, fühlte sie sich in seinem Arm wunderbar geborgen.

»Keine Widerrede. Und jetzt haken Sie sich bitte bei mir ein. Ich werde Sie auf schnellstem Weg bei Ihrem Herrn Vater abliefern.«

Vicky tat, was er verlangte.

»Sie kennen den Weg?«, fragte sie zaghaft, während sie an seinem Arm die staubige Straße entlangeilte, denn er konnte es nun offenbar kaum mehr erwarten, sie loszuwerden.

Kurze Zeit später tauchte auch schon das Gerichtsgebäude vor ihnen auf. Vor dem Portal entzog er ihr seinen Arm. »Schaffen Sie es allein?«, fragte er besorgt.

»Ich glaube nicht. Sie müssen mich noch hineinbegleiten«, stöhnte Vicky, obwohl sie sehr wohl spürte, dass ihr kleiner Schwächeanfall vorüber war.

»Ungern«, seufzte er. »Ich glaube nicht, dass Ihr Vater über meine Begleitung sehr erfreut sein wird.«

»Sie irren sich, Jonathan. Ich muss ihm doch meinen Retter vorstellen«, entgegnete sie entschlossen, nahm ihn bei der Hand und zog ihn in den Eingang des Gerichtsgebäudes.

»Ich weiß nicht recht«, murmelte Jonathan.

»Doch, oder haben Sie was auf dem Kerbholz, dass Sie sich scheuen, das Gerichtsgebäude zu betreten?«, fragte sie scherzend.

Jonathan wurde blass. »Nein, ich glaube nur, dass Ihr Vater keinen Wert darauf legt, mich kennenzulernen«, entgegnete er.

Vicky blieb abrupt stehen. »Mein Vater beißt nicht. Und ich möchte, dass er den wunderbarsten Mann kennenlernt, der mir in dieser Stadt jemals begegnet ist«, flüsterte sie. »Oder mögen Sie mich nicht?«, fügte sie erschrocken hinzu.

»Sie sind bezaubernd, aber ich … ich … wir kommen aus zwei Welten, die nicht zueinander passen. Wir müssen uns … also hier trennen sich unsere Wege«, stammelte er.

»Wollen Sie das wirklich?«, fragte Vicky und streichelte ihm zärtlich über seine glatte Wange.

»Ich, ich … ach, ich …« Und schon hatte er ihr Gesicht in beide Hände genommen und seinen Mund auf ihre Lippen gepresst. Vicky öffnete leicht den Mund und ließ sich auf das Spiel ihrer Zungen ein, als hätte sie schon hundertmal geküsst. Dabei hatte sie Louise gerade heute während des Streits noch voller Abscheu geschworen, dass sie allein den Gedanken, jemals einen Mann zu küssen, ekelhaft fände … Sie hatte natürlich an Archibald Cumberland gedacht. Wie hätte sie ahnen können, dass ihr nur wenig später ein Mann begegnen sollte, bei dem sie sich wünschte, der Kuss würde niemals enden.

Als sie ihre Lippen voneinander lösten, hatte Vicky weiche Knie und blickte Jonathan beseelt an.

In seinen Augen aber konnte sie keine Spur von strahlendem Glück erkennen, sondern eher einen Ausdruck gequälter Zerrissenheit.

Vicky zuckte erschrocken zurück. »Oh, das hätte ich nicht tun sollen. Das macht eine Lady nicht, oder?«

Jonathan atmete ein paarmal tief durch. »Wir beide, du und ich, Victoria …«

»Nenn mich einfach Vicky.«

»Vicky …«, flüsterte er.

Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Noch nie zuvor hatte jemand ihren Namen so zärtlich ausgesprochen. Und trotzdem ahnte sie, dass ihr das, was ihm auf der Zunge lag, nicht gefallen würde. Sie schluckte.

»… es ist besser, wenn wir uns auf diesem Flur verabschieden. Ich komme aus einer ganz anderen Welt als du. Und glaube mir, dein Vater wird niemals dulden, dass ich auch nur einen Fuß über eure Schwelle setze.«

»Hab doch keine Angst. Mein Vater ist im Grunde seines Herzens ein gutmütiger Mensch, der mir keinen Wunsch abschlagen kann. Und außerdem wird es ihn beruhigen, dass es einen Mann gibt, der mich mag. Er glaubt doch, ich würde nie einen Mann zum Heiraten finden …« Vicky schlug sich die Hand vor den Mund. »Das hätte ich niemals so direkt sagen dürfen. Junge Damen warten, bis der Mann ihnen einen Antrag macht, sagt meine Mutter immer. Und deshalb warten Louise und sie ja auch so fieberhaft darauf, dass ihr Verehrer endlich den Mund aufmacht.«

Zu ihrer Überraschung huschte über Jonathans Gesicht ein warmherziges Lächeln. »Weißt du eigentlich, wie bezaubernd du bist?«, sagte er. Die Qual aus seinen Augen war wie weggeblasen. Vicky konnte nur noch Zuneigung in ihnen lesen.

»Findest du wirklich? Du musst nämlich entschuldigen, ich habe keinerlei Erfahrungen im Umgang mit jungen Männern.«

»Du bist offen und unverstellt, und du glaubst gar nicht, wie herzerfrischend das ist.«

»Heißt das, du bringst mich zu meinem Vater?«

Jonathan rollte mit den Augen. »Gut, aber sei nicht enttäuscht, wenn er mich achtkantig hinauswirft.«

»Niemals!«, erwiderte Vicky voller Inbrunst, ergriff erneut seine Hand und zog ihn mit sich bis in die obere Etage. Vor einer großen Tür aus Eichenholz blieb sie stehen.

»Bist du bereit?«, lachte sie.

Jonathan nickte, aber glücklich sah er nicht aus.

Vicky klopfte energisch an die Tür, bis von innen die vertraute Stimme ihres Vaters »Herein!« rief.

Bevor sie die Tür öffnete, entzog Jonathan ihr seine Hand. »Es ist besser so«, raunte er.

Ihr Vater saß hinter einem Berg Akten am Schreibtisch. Als er aufsah, verhärteten sich seine Gesichtszüge.

»Sophie Victoria, was tust du hier?«

Vicky aber kümmerte sich nicht um seinen strengen Tonfall, sondern lief um den Schreibtisch herum und umarmte ihren Vater herzlich. »Schön, dich zu sehen, Vater«, säuselte sie. Jetzt erst schien der Richter auch den jungen Mann wahrzunehmen, der sich dezent im Hintergrund hielt.

»Und wer sind Sie?«, fragte er und musterte den Fremden voller Skepsis.

Bevor Jonathan antworten konnte, erzählte Vicky atemlos, wie er sie vor drei finsteren Kerlen gerettet hatte. Richter Stewart versuchte ein paarmal, den Redefluss seiner Jüngsten zu unterbrechen, aber sie ließ sich nicht beirren, sondern berichtete die Geschichte bis zu ihrem Ende. Dabei verschwieg sie natürlich, wie sehr es ihr der junge Mann angetan hatte. Das konnte sich Samuel Stewart aber offenbar selbst zusammenreimen, denn die Wangen seiner Tochter glühten, und sie strahlte in einer Art, wie er es noch nie bei ihr erlebt hatte.

»Schön«, sagte er knapp, nachdem sie ihre Schilderung beendet hatte. »Ich meine, schön, dass Sie im rechten Augenblick dazugekommen sind. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich es nicht gutheiße, dass du …« Er wandte sich mit zusammengekniffenen Augen an seine Tochter. »… dass du einfach blindlings von zu Hause losgerannt bist. Darüber werden wir unter vier Augen zu reden haben.« Er griff nach seiner Geldbörse, holte einen Schein hervor, winkte Jonathan heran. »Das ist für Sie!« Mit diesen Worten drückte er dem verblüfften Jonathan das Geld in die Hand. Der blieb wie angewurzelt stehen, woraufhin der Richter ihm ein Zeichen gab, dass seine Anwesenheit nicht länger erwünscht war. Ganz so, als wollte er eine lästige Fliege verscheuchen.

»Aber Vater, du willst mich den langen Weg doch nicht ohne Begleitung zurückschicken?«, bemerkte Vicky empört, als sie begriff, dass ihr Vater Jonathan soeben loswerden wollte.

»Nein, das ganz sicher nicht!«, entgegnete Samuel streng. »Ich habe gleich noch eine Sitzung. Und du, mein liebes Kind, wirst brav in einem Zimmer warten, um anschließend mit mir in der Kutsche nach Hause zu fahren. Wir brauchen die Dienste des jungen Mannes nicht mehr.« Das verkündete er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

Jonathan zögerte einen Augenblick, warf Vicky einen bedauernden Blick zu, bevor er sich zum Gehen bereit machte.

»Aber du kannst doch nicht einfach gehen. Ich weiß doch gar nicht, wo ich dich finden kann«, versuchte Vicky, ihn zurückzuhalten.

»Das ist auch gar nicht nötig. Siehst du nicht, dass der junge Mann gehen möchte«, fügte Richter Stewart unmissverständlich hinzu.

»Aber Vater, du kannst ihn doch nicht einfach hinauswerfen«, protestierte Vicky, stellte sich Jonathan in den Weg und sah ihn flehend an, als erwartete sie, dass er sich ihrem Vater offenbarte.

»Ich glaube, der junge Mann versteht mich«, sagte der Richter mit drohendem Ton, nicht ohne einen abschätzigen Blick auf Jonathans zerschlissene Hose zu werfen. »Oder?«

»Jawohl, Sir, ich denke, ich habe hier nichts mehr verloren«, gab Jonathan zurück.

»Aber Vater, das kannst du nicht machen. Ich dachte, du lädst ihn vielleicht zum Dank dafür, dass er mich gerettet hat, zum Essen zu uns ein.«

»Ich denke, der junge Mann hat einen ausreichenden Lohn für seine gute Tat bekommen«, ergänzte Mister Stewart.

»Ach, ja, das ist sehr großzügig von Ihnen«, entgegnete Jonathan mit versteinerter Miene, kehrte zum Schreibtisch des Richters zurück und legte ihm den Schein hin. »Das ist wirklich nicht nötig. Es war mir eine Ehre, der jungen Lady aus der Verlegenheit zu helfen.«

Samuel sah ihn irritiert an. »Nun nehmen Sie die Belohnung schon. Sie haben es sich verdient!«, befahl er mit Nachdruck, doch Jonathan drehte sich wortlos um und trat einen Schritt auf Vicky zu, die das Ganze mit großen Augen verfolgte.

»Habe ich es dir nicht gesagt? Zwischen unseren Welten gibt es keine Brücken«, flüsterte er und streichelte ihr liebevoll über die Wange, bevor er zur Tür ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Vicky blieb einen Augenblick wie betäubt stehen, nachdem die Tür hinter ihm geräuschvoll zugefallen war.

Erst das empörte Schnaufen ihres Vaters riss sie aus ihrer Erstarrung. »Was hast du dir denn dabei gedacht?«, schimpfte der Richter. »Dass du mir einen Kerl von der Straße anschleppst?«

Vicky lagen die Widerworte bereits auf der Zunge, aber sie schluckte sie hinunter. Was sollte sie ihrem Vater sagen? Nein, Jonathan ist ein junger Mann aus den besten Kreisen von Melbourne? Sie kannte die Meinung ihres Vaters über Goldsucher nur zu gut. Damit würde sie ihren Vater bloß noch mehr aufbringen. Deshalb versuchte sie es auf die sanfte Art. Sie ging zu ihrem Vater, legte ihm die Hände auf die Schulter. »Vater, er ist ein durch und durch guter Mann. Glaub es mir. Und was wäre denn schon dabei, wenn du dir in aller Ruhe ein Urteil über ihn bildest? Komm, gib deinem Herzen einen Stoß. Er kann ja auch nur zum Tee zu uns kommen und nicht zum Essen.«

»Ich habe ihm das da gegeben …« Samuel Stewart deutete auf den Schein. »Mehr kann ich nicht tun. Ist das meine Schuld, dass er das Geld nicht nimmt?«

»Nein, Vater, natürlich nicht. Nur ist er zu stolz, um deine Almosen anzunehmen. Er möchte kein Geld, sondern deine Tochter näher kennenlernen …«

»So weit kommt das noch, dass ich mir Schwiegersöhne aus der Gosse holen muss«, unterbrach er Vicky schnaufend.

»Aber wer redet denn gleich davon? Nur gibt es jetzt endlich einen, der mich wirklich gernhaben könnte, und da wäre es doch schade, wenn wir uns nicht einmal kennenlernen dürften …«

»Papperlapapp! Ich habe zwar gesagt, es wird nicht einfach, für dich einen Mann zu finden. Jedenfalls nicht so einfach wie bei Louise. Aber mach dir in dem Punkt keine Sorgen. Ich habe da schon jemanden im Auge. Er wird demnächst zum Essen kommen. Und was hast du da überhaupt für einen lächerlichen Hut auf dem Kopf? Der gehört doch nicht etwa dem Burschen?«

Vicky ignorierte die Bemerkung ihres Vaters, soweit sie Jonathans Hut betraf. »Aber ich möchte nicht, dass jemand zum Essen kommt, den du im Auge hast. Ich möchte Jonathan Bowl wenigstens zum Tee einladen! Wir sind es ihm schuldig. Er hat mich vor den ekelhaften Kerlen gerettet!«, rief sie empört aus.

»Ach, du kennst also schon seinen Namen. Das ist ja nicht zu fassen. Und er weiß, dass du die Tochter von Richter Stewart bist. Hoffentlich treffe ich den Kerl nicht vor meinem Richtertisch wieder, und er pocht dann auf die Beziehung zu meiner ihm ach so vertrauten Tochter!« Richter Stewart hatte sich regelrecht in Rage geredet. Sein Gesicht glühte rot wie die untergehende Sonne. Er schnappte nach Luft. »Du machst uns nichts als Ärger, Sophie Victoria!«

Seine Worte rauschten jedoch ungehört an Vicky vorüber. Ganz gleich, was ihr Vater anstellte, um Jonathan zu einem hergelaufenen Nichtsnutz zu stempeln, sie würde um ihn kämpfen! Es konnte doch nicht rechtens sein, dass sie den Mann, der ihr Herz derart zum Pochen brachte, von dem sie sich nichts sehnlicher wünschte als einen zweiten Kuss, bei dem sie sich geborgen fühlte und der sie so mochte, wie sie war, und nicht ummodeln wollte, einfach ziehen ließ, nur, weil er ihrem Vater nicht gut genug war.

»Nein, Vater, das akzeptiere ich nicht. Ich möchte, dass du ihm eine Chance gibst. Und wenn du es nicht tust, werde ich ihn ohne deine Erlaubnis zum Tee einladen. Ich glaube kaum, dass du so unhöflich sein wirst, ihn vor die Tür zu setzen!«

Und schon war Vicky zur Tür gerannt.

»Sophie Victoria, du bleibst hier!«, brüllte ihr Samuel hinterher.

Vicky kümmerte sich nicht um die Stimme in ihrem Rücken. Sie war allein von dem Wunsch getrieben, Jonathan nicht tatenlos aus ihrem Leben verschwinden zu lassen, wo sie ihn doch gerade erst gefunden hatte. Nein, sie musste ihn um jeden Preis zurückhalten. Und wenn sich Sophie Victoria Stewart etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann gab es kein Halten mehr.

»Vicky, verdammt, komm sofort zurück!« Dieser Aufschrei ihres Vaters war das Letzte, was sie hörte, bevor sie seine Bürotür hinter sich zuschlug und den Flur entlangraste. Von Jonathan keine Spur. Kein Wunder, dachte Vicky betrübt, er muss ja glauben, dass ich mich dem Willen meines Vaters widerspruchslos füge.

Als Vicky aus dem Gerichtsgebäude ins Freie trat, wurde sie von der gleißenden Sonne geblendet. Jonathan schien wie vom Erdboden verschluckt. Er hätte doch wenigstens hier draußen auf mich warten können, dachte sie betrübt, während sie intensiv in beiden Richtungen die Straße hinauf- und hinunterblinzelte.

In dem Augenblick meinte sie, ihn in der Ferne an seinem pechschwarzen Schopf zu erkennen. Sie zögerte nicht eine Sekunde, sondern raffte ihr Kleid und lief los. Rennen war bei dieser Hitze eine Qual, aber es störte sie nicht, dass ihr der Schweiß in den Nacken und über das Gesicht ran. Keuchend holte sie ihn schließlich ein.

»Jonathan, warte!«, rief sie.

Er blieb stehen, musterte sie wie einen Geist.

»Vicky! Geh zurück!«, befahl er streng. Aus seinem Blick sprach das Gegenteil. Sie kümmerte sich nicht um seine Worte, sondern stürzte sich in seine Arme. »Hast du etwa geglaubt, ich würde nichts von dir wissen wollen, nur weil du ein Goldgräber bist?«, rief sie voller Empörung aus.

Er zog sie ganz fest zu sich heran. »Wenn das alles wäre, aber es gibt da noch etwas anderes, das …«

»Es ist mir egal, vollkommen egal!«, unterbrach sie ihn leidenschaftlich.

»Wenn es doch nur so einfach wäre, aber dein Vater …«

Vicky legte ihm sanft den Finger auf den Mund zum Zeichen, dass er schweigen möge. Sie wusste in diesem Augenblick, dass es verrückt wäre, sich über den erklärten Willen ihres Vaters hinwegzusetzen, aber sie konnte nicht anders. Nichts auf der Welt würde sie davon abbringen, Jonathan zum Tee einzuladen. Sie musste ihn unbedingt wiedersehen.

»Vater hat ein Einsehen. Es tut ihm leid, dass er so abweisend war«, stieß sie aufgeregt hervor.

Jonathan musterte sie skeptisch.

»Und ich kann es beweisen. Im Namen meines Vaters lade ich dich morgen Nachmittag zum Teetrinken in unser Haus ein«, erklärte sie feierlich.

Jonathan musterte sie mit ungläubigem Erstaunen. »Der Herr Richter lädt mich in sein Haus ein?«

»Ja, sage ich doch. Er hat eingesehen, dass ein Geldschein nicht der Lohn ist, den du verdient hast. Um fünf in der Spencer Street?« Vicky beschrieb ihm, wo sich das Haus ihrer Eltern befand. »Ich freue mich.«

Jonathan schien noch etwas auf der Zunge zu liegen, doch Vicky sagte streng: »Keine Widerrede. Vater ist gar nicht so schlimm. Du kennst doch sicher den Spruch: Hunde, die bellen, beißen nicht!«

Jonathans Miene war wie versteinert. Als Vicky das wahrnahm, fuhr ihr der Schreck durch alle Glieder. »Oder magst du mich gar nicht wiedersehen? Vielleicht … weil ich mich so gar nicht wie eine Lady benehme?«

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. »Du kennst meine Ansicht, die sogenannten Ladys betreffend doch bereits. Ich meine es ganz ernst. Ich möchte gar keine von diesen englischen Ladys, deren Lächeln genauso steif ist wie ihre Röcke. Und wie gern ich dich wiedersehen möchte! Du bringst die Sonne in mein Leben.« Er nahm sie stürmisch in den Arm und drückte sie beinahe verzweifelt an sich.

Vicky konnte ihr Glück kaum fassen. Was für ein Mann, der ihr solche wunderschönen Dinge sagte!

»Dann ist doch alles gut.« Sie strahlte über das ganze Gesicht. »Bis morgen!«

»Bis morgen«, erwiderte Jonathan immer noch nicht annähernd so begeistert, wie sie sich das gewünscht hätte.

»Halt, bevor ich es vergesse.« Vicky nahm seinen Hut ab und setzte ihn Jonathan schräg auf die dunklen Locken.

Jonathan rang sich zu einem Lächeln durch und warf ihr zum Abschied eine Kusshand zu.

Wie auf Wolken eilte Vicky zurück zum Büro ihres Vaters. Kaum hatte sie, ohne zu klopfen, die Tür aufgerissen, sah sie in sein zorniges Gesicht.

»Ich wollte dich gerade suchen«, bellte ihr Vater, bevor eine wahre Schimpftirade auf sie niederging. Der Richter warf ihr vor, dass sie nichts als Unsinn im Kopf hätte, nie eine Dame werden würde und es das Allerletzte wäre, einem hergelaufenen Kerl nachzurennen, dessen pechschwarzes Haar den Verdacht nahelegte, dass es sich bei ihm um einen Mischling, einen Abo-Bastard, handelte.

Vicky verstand nicht, was er damit sagen wollte, denn das Wort hatte sie noch nie zuvor gehört.

»Was ist das, ein Abo-Bastard?«, wagte sie es, ihren Vater zu unterbrechen.

»Ach, das muss eine Dame aus deinen Kreisen gar nicht wissen«, sagte er und fuhr mit seiner Standpauke fort, die er mit den Sätzen beendete: »Tu das nie wieder! Du hast in diesem Viertel nichts zu suchen, es sei denn, du fährst mit mir in der Kutsche her.« Schnaufend hielt er inne. »Aber das ist ja noch mal gut gegangen. Ich glaube, der junge Mann hat begriffen, dass er sich dir nie wieder zu nähern hat.«

»Ich habe ihn …« Vicky stockte. Nein, es war kein guter Zeitpunkt, ihren Vater mit der Wahrheit zu konfrontieren, nachdem er sich doch gerade etwas beruhigt hatte. Sie nahm sich vor, es ihm lieber morgen schonend beizubringen, denn sonntags war sein freier Tag, und da hatte er meist bessere Laune als an Werktagen.

Vicky senkte den Blick. »Es tut mir so leid, dass ich dir immer wieder solchen Kummer mache«, seufzte sie. »Aber Louise war so gemein zu mir. Da musste ich einfach fort.«

Und nun schilderte Vicky ihrem Vater in aller Ausführlichkeit, was zu Hause vorgefallen war.

Der Richter stöhnte ein paarmal missbilligend, das sichere Zeichen, dass er wieder einmal Anne und Louise recht gab.

»Ich denke, du entschuldigst dich bei deiner Schwester und deiner Mutter«, seufzte er, nachdem sie mit ihrer Erzählung fertig war. Aber in seinen Augen konnte sie jetzt jene Wärme erkennen, die ihr immer wieder bewies, dass er sie trotz allem von Herzen lieb hatte. Etwas, das sie im Blick ihrer Mutter kaum je zu lesen vermochte.

»Ach, wenn sich Mister Bradshaw doch nur für dich erwärmen könnte«, stöhnte er.

Vicky ging der Schreck durch Mark und Bein. Ihr Vater hatte doch nicht wirklich vor, sie an einen Fremden förmlich zu verscherbeln. Das war ja wie auf dem großen Markt, wo die Farmer ihre Tiere verkauften.

»Niemals, Vater, das schwöre ich dir. Du brauchst diesen Mister gar nicht erst einzuladen. Wenn du das tust, blamiere ich euch bis auf die Knochen. Ich schwöre dir, ich werde alles tun, damit mich dieser Mister abscheulich findet. Versuche es gar nicht erst!«

»Aber, Vicky, es wäre doch nur zu deinem Besten. Er ist ein angesehener Bürger dieser Stadt, wohlhabend und gebildet …«

»Vater, ich will ihn nicht, und er wird mich nicht wollen. Also, gib dir keine Mühe!«

»Aber du willst doch nicht als alte Jungfer enden wie meine arme Schwester«, seufzte er. Auch diesen Vergleich kannte Vicky schon zur Genüge. Dabei war Tante Charlotte eine unterhaltsame, eigenwillige Person, von der man sich sagte, sie hätte sich einst vehement dagegen gewehrt, den Mann zu heiraten, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten. Vicky mochte ihre Tante, und es gab in ihren Augen weit Schlimmeres, als so zu leben wie Tante Charlotte. Bis gestern hatte sie so ein Leben ohne Ehemann sogar noch erstrebenswert gefunden. Bis heute Jonathan aufgetaucht war …

»Ach, Vater, mach dir keine Sorgen!«, lachte Vicky und umarmte den Richter stürmisch. Ob sie die Gelegenheit beim Schopf packen sollte, ihm nun zu gestehen, dass morgen jemand zu Besuch kam, der sie vom Fleck weg heiraten würde?

»Schwöre mir, dass du mir nie wieder so einen Kerl von der Straße anschleppst!«, sagte der Richter in diesem Augenblick und musterte Vicky durchdringend.

Nein, das ist kein günstiger Moment, Vater zu offenbaren, dass ich den »Kerl von der Straße«, wie er ihn nannte, für morgen zum Tee eingeladen habe, ging es Vicky durch den Kopf. Ach, wenn es bloß schon morgen Nachmittag wäre. Sie konnte nur beten, dass ihr Vater Jonathan nicht aus dem Haus warf, ohne sich zunächst ein Bild von ihm gemacht zu haben. Vicky redete sich ein, dass er Jonathan, wenn er ihn erst einmal kennengelernt hatte, genauso schnell in sein Herz schließen würde, wie sie es getan hatte. Er ist doch ein richtiger Gentleman, auch wenn er nicht ganz zu der für ihren Vater so wichtigen feinen Gesellschaft von Melbourne gehörte, dachte Vicky schwärmerisch. So engstirnig konnte ihr Vater doch gar nicht sein, dass er einem Menschen wie Jonathan keine Chance einräumte!

»Schwörst du es?«, hakte der Richter nach.

Vicky nickte und kreuzte die Finger hinter dem Rücken.

3

Das Haus der Familie Stewart in der Spencer Street war das auffälligste Bauwerk weit und breit. Ein Regierungsbeamter hatte es sich vor ein paar Jahren im Stil einer italienischen Villa errichten lassen. Ins ferne Australien war diese Art von Architektur, die man Italianate-Stil nannte, noch nicht wirklich vorgedrungen, aber der Bauherr und vorherige Eigentümer hatte sich einen bekannten Architekten aus London geleistet, der das Modernste geschaffen hatte, was im Empire gerade im Kommen war. Das Haus war rechteckig, bestand aus zwei symmetrischen Flügeln und hatte ein flach abfallendes Walmdach, das rundherum von einer Balustrade gesäumt war. Die großen Fenster waren in Bogenform geschwungen. Das Haus stand auf einem parkähnlichen Grundstück, und vor dem Eingang waren zwei prächtige Palmen gepflanzt worden. Der Regierungsbeamte war dann allerdings gar nicht in sein Haus eingezogen, nachdem seine Frau bei der Geburt des ersten Kindes gestorben war. Samuel Stewart hatte das Haus auf diese Weise zu einem verhältnismäßig günstigen Preis erwerben können. Dass sich ein von Grund auf konservativer Mann wie der Richter für ein derart modernes Wohnhaus entschieden hatte, lag darin begründet, dass ihn die Symmetrie des Gebäudes begeistert hatte. Es ist ein Sinnbild der Waage der Justitia, soll er schwärmerisch ausgerufen haben, nachdem man ihm dieses Haus gezeigt hatte.

Auf der Rückseite befand sich eine überdachte Veranda, die auf den Wunsch seiner Frau Anne gleich nach dem Einzug der Familie angebaut worden war. Dort wurde sonntags der Lunch eingenommen und jeden Nachmittag der Tee.

Vicky war schon seit dem Aufwachen furchtbar nervös. Den ganzen Morgen lang war sie um ihren Vater herumgeschlichen, um ihm endlich zu beichten, dass sie Jonathan zum Tee eingeladen hatte. Ihr Vater aber war an diesem Sonntag schrecklich schlecht gelaunt, weil die letzte Verhandlung, die er am Vortag geführt hatte, nicht zu seiner Zufriedenheit verlaufen war. Es war ihm nicht gelungen, einen Goldgräber des Mordes an einem Ladenbesitzer zu überführen, weil es eine Zeugin gab, die beschwor, zur Tatzeit mit dem Glückssucher zusammen gewesen zu sein. Für Richter Stewart gab es keinen Zweifel, dass die Dame eine Falschaussage gemacht hatte, aber die Geschworenen hatten ihr geglaubt.

Den ganzen Morgen hörte Vicky ihren Vater über diese vermaledeiten Glückssucher schimpfen, die das beschauliche Melbourne in ein Sodom und Gomorrha verwandelt hatten. Keine gute Voraussetzung, um Vater schonend darauf vorzubereiten, dass ich einen dieser »vermaledeiten Glückssucher« hinter seinem Rücken und gegen seinen erklärten Willen in sein Haus eingeladen habe, dachte Vicky resigniert. Und ihrer Mutter konnte sie sich auf keinen Fall anvertrauen. Die war immer noch böse auf sie, weil sie ihrer Schwester das Hütchen vom Kopf gerissen und es dann mit dem Fuß unrettbar zerstört hatte. Dabei hatte sie sich ihrem Vater zuliebe, kaum dass sie mit der Kutsche zu Hause eingetroffen waren, bei Louise und ihrer Mutter entschuldigt. Offenbar hatten die beiden durchschaut, dass Vicky den tätlichen Angriff auf die Kopfbedeckung ihrer Schwester nicht wirklich bereute. Jedenfalls brachten sie ihr seit gestern nichts als vorwurfsvolle Blicke entgegen. Kein Lächeln, kein freundliches Wort. Sie sehen sich nicht nur ähnlich, sie verhalten sich auch gleich, dachte Vicky, als sie den beiden auf dem Weg zum Arbeitszimmer ihres Vaters auf dem Flur begegnete. Die anklagenden Blicke aus zwei Augenpaaren würden ihr normalerweise aufs Gemüt schlagen und sie in ihrem Entschluss bestärken, Melbourne und damit ihre Familie auf dem schnellsten Wege zu verlassen. An diesem Tag richteten sie keinen Schaden in ihrer Seele an, denn sie war in Gedanken allein mit der Frage beschäftigt: Wie und wann sage ich es meinem Vater?

Zaghaft klopfte sie schließlich an seine Tür.

»Herein!«, brummte er nicht gerade freundlich.

Vicky nahm all ihren Mut zusammen und betrat sein Arbeitszimmer.

»Vater, ich muss mit dir reden«, brachte sie gefasst heraus.

»Das trifft sich gut. Ich habe auch mit dir zu reden, und zwar darüber!«, entgegnete er in scharfem Ton und deutete auf einen Brief, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Vicky konnte sich allerdings keinen Reim darauf machen. Wer hatte ihrem Vater etwas geschrieben, das ihn dermaßen verärgern konnte? Dass er erbost war, bewies die steile Zornesfalte auf seiner Stirn.

»Vater, ich hätte da eine Bitte, ich meine …«

»Ich weiß, was du sagen willst, und glaube mir, es missfällt mir zutiefst! Wie konntest du nur?«

Vicky verstand nicht. Wie konnte ihm jemand von einem Tag auf den nächsten einen Brief geschrieben haben mit der Nachricht, dass heute Nachmittag ein Goldgräber zum Tee kommen würde? Und wer konnte außer Jonathan überhaupt davon wissen? Sie hatte mit keiner Menschenseele darüber gesprochen.

»Vater, ich wollte es dir doch selbst sagen. Ich konnte nicht anders. Versteh doch, es ist mein größter Wunsch …«

Richter Stewart machte eine abwehrende Geste. »Ich will nichts mehr hören. Hast du verstanden? Geh und schick deine Mutter her!« Er sagte das in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

Mit gesenktem Kopf verließ sie das Arbeitszimmer und suchte nach ihrer Mutter. Sie fand sie stickenderweise mit Louise auf der Veranda sitzen. Vicky erschauderte bei dem Anblick. Sie verabscheute Handarbeiten und hatte zwei linke Hände, wenn es um die Sticknadel ging.

»Mutter, Vater bittet dich, in sein Büro zu kommen«, teilte sie ihr mit. Ihre Mutter ließ sofort alles stehen und liegen und verließ die Veranda, ohne ihre Jüngste auch nur eines Blickes zu würdigen.

Vicky setzte sich auf den Korbstuhl und ließ ihren Blick über den wunderschönen Garten schweifen, in dem zahlreiche bunte Pflanzen wuchsen und in den Baumkronen Scharen von Papageien hockten und um die Wette kreischten. Flora und Fauna ihrer neuen Heimat waren bis auf das schöne große Zimmer, das sie bewohnte, bislang die einzigen Lichtblicke gewesen. Bis gestern, dachte Vicky versonnen und stellte sich gerade vor, sie würde Arm in Arm mit Jonathan einen Spaziergang durch den wunderschönen botanischen Garten der Stadt machen.

»Was gibt es denn da so dümmlich zu grinsen? Du solltest dich lieber was schämen!« Die durchdringende Stimme ihrer Schwester riss Vicky aus ihren schwärmerischen Gedanken. Sie spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen schoss. Sie guckte doch nicht etwa so verräterisch aus der Wäsche wie es ihre Schwester und Mary stets taten, wenn sie an ihre Verehrer dachten. Vicky sprang auf und rannte geradewegs zum Garderobenspiegel. Es gab keinen Zweifel. In ihrem Spiegelbild erkannte sie durchaus etwas von jenem Grinsen wieder, das sie bei Louise und Mary so schrecklich peinlich gefunden hatte.

Ihre Gedanken schweiften zu dem merkwürdigen Gespräch im Arbeitszimmer ihres Vaters ab. Eigentlich ist es ja ein gutes Zeichen, dass Vater zwar verärgert ist, überlegte Vicky, aber nicht mit einem Ton erwähnt hat, dass Jonathan keinen Fuß über seine Schwelle setzen darf.

Ein Gong ertönte, und Mary rief laut: »Bitte zu Tisch!«

Ach, wenn es doch endlich fünf Uhr wäre, dachte sie, während sie sich an den Tisch setzte. Sie bekam allerdings keinen Bissen herunter, obwohl Mary ihr Lieblingsessen, Lamm mit Minzsoße, gekocht hatte. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie erst aufhorchte, als ihr Vater mit tragender Stimme verkündete, dass er einen Brief seiner Schwester aus London erhalten hatte. Jetzt verstand Vicky mit einem Mal, was ihr Vater vorhin gemeint hatte. Er hatte nicht den Schimmer einer Ahnung, was ihn heute noch zum Tee erwarten würde. Er war verärgert über den letzten Brief, den sie ihrer Tante geschrieben hatte. In diesem hatte sie Charlotte regelrecht angefleht, ein gutes Wort bei ihrem Vater einzulegen, damit er sie allein zurück nach London reisen ließ.

Bevor ihr Vater überhaupt einen Ton gesagt hatte, traf sie nicht nur ein vernichtender Blick ihrer Mutter, sondern auch ihrer Schwester. Die wusste also auch schon Bescheid. Vicky hatte bereits jetzt das Gefühl, auf der Anklagebank zu sitzen. Nur Steven starrte unbeteiligt Löcher in die Luft, als würde ihn das alles gar nichts angehen.

Ihr Vater musterte Vicky einen Augenblick mit stillem Vorwurf, bevor er endlich mit seiner Anklagerede begann. »Charlotte hat mir unter anderem mitgeteilt, dass du, liebe Vicky, ihr geschrieben hast, wie unglücklich du in Melbourne bist. Und dass du in London noch ein Jahr die Schule besuchen möchtest …«

»Ach, Vater, ich habe es aus einer Laune heraus geschrieben. Ich würde euch doch niemals verlassen können«, entgegnete sie hastig.

Der strenge Blick des Richters wurde weicher. »Das weiß ich doch, mein Kind. Natürlich wird dir das schwerfallen, aber es muss ja nicht für immer sein …«, sagte er.

Vickys Herz pochte bis zum Hals. Das hört sich ja so an, als würden sie meinem Wunsch nachgeben, schoss es ihr erschrocken durch den Kopf … oh nein, wo sie doch gerade jetzt gar nicht mehr sicher war, ob sie dies wirklich wollte!

»Vater, bitte, es war nicht ernst gemeint. Das war das schreckliche Heimweh, das mir zu schaffen gemacht hat. Ich … ich, nein, ich könnte euch niemals verlassen, ich …«, stammelte sie.

»Du musst dich nicht entschuldigen. Mutter und ich haben nämlich beschlossen, dass wir deinem Wunsch nachgeben«, verkündete er. »Du kannst mit Mary und ihrem Mann nach London reisen, da wenig Hoffnung besteht, dass du dich an das Leben in der Neuen Welt gewöhnen wirst. Wir haben schweren Herzens davon Abstand genommen, Mister Bradshaw einzuladen«, fügte er seufzend hinzu.

»Das passt doch gut zu dir, dass du bei einer alten Jungfer versauerst«, bemerkte Louise bissig.

»Louise, bitte, diese Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen, aber nun sollten wir sie mit Fassung tragen«, sagte Samuel in strengem Ton.

Vicky aber erstarrte innerlich. Noch vor ein paar Tagen wäre sie ihrem Vater angesichts dieser Nachricht jubelnd um den Hals gefallen, aber inzwischen hatte sie das klare Gefühl, dass ihr Leben soeben dabei war, sich grundlegend zu ändern. Sie verspürte gar nicht mehr den dringenden Wunsch, nach London zu reisen, wo sich doch endlich eine noch nebulöse, aber doch so verheißungsvolle Perspektive für ein Leben in Australien aufgetan hatte. Sie hatte Jonathan Bowl getroffen! Ihre Gedanken allerdings durfte sie natürlich nicht vor ihrer Familie zugeben. Nicht, bevor ihr Vater den Goldgräber in sein Herz geschlossen hatte! Aber wie sollte sie das London-Angebot ablehnen, ohne Argwohn zu erwecken?

»Das ist sehr großzügig von dir, Vater«, stieß sie schließlich hervor. »Aber ich war verzweifelt. Ich würde doch niemals ohne euch leben können.« Vicky atmete tief durch und blickte schuldbewusst in die Runde.

Ihr entging nicht das hämische Grinsen ihrer Schwester, auf das sie normalerweise sofort heftig reagiert hätte, aber nun musste sie die arme Sünderin perfekt spielen. Nicht auszudenken, wenn ihr Vater ernst machte und sie wirklich auf das Schiff nach England setzte. Das durfte nicht geschehen.

»Dann bedauerst du den schrecklichen Brief an Tante Charlotte also?«, hakte ihre Mutter nach. »Es war nicht nett, was du über deine Schwester und mich geschrieben hast«, fügte sie vorwurfsvoll hinzu.

»Ich weiß. Es tut mir unendlich leid. Ich habe mich nach einem Streit zu diesen Worten hinreißen lassen«, seufzte Vicky und hoffte, dass ihr geheucheltes Bedauern echt wirkte.

Die Miene ihrer Mutter erhellte sich. »Dann wollen wir die leidige Angelegenheit vergessen und hoffen, dass du dich in Zukunft besser benimmst«, stöhnte sie kopfschüttelnd.

»Danke, Mutter. Ich werde mich bemühen, euch keinen Kummer mehr zu bereiten«, log Vicky, während sie sich voller Sorge vorstellte, wie ihre Mutter wohl reagieren würde, wenn heute Nachmittag Jonathan auftauchte.

»Gut, dann ist dieser Brief erledigt, und ich erwarte von dir, dass du meiner Schwester schreibst, dass du diese Anschuldigungen bitter bereust«, erklärte ihr Vater. Die Erleichterung war ihm sichtlich anzumerken. Vicky verspürte den Anflug eines schlechten Gewissens in Anbetracht dessen, was heute noch auf ihn zukommen würde.

Das angespannte Schweigen bei Tisch wurde von einem lauten Würgen Stevens unterbrochen. Er war leichenblass und hielt sich die Hand vor den Mund.

»Was ist mit dir, mein Junge?«, fragte Anne erschrocken.

»Ich, äh, mir ist nicht gut«, erwiderte Steven. Seine Stimme klang merkwürdig verwaschen. Die ganze Aufmerksamkeit richtete sich nun auf ihn. »Ich … ich …«, stammelte er, bevor er vom Tisch aufsprang und nach draußen stürzte.

»Das darf doch nicht wahr sein!«, rief ihr Vater empört aus und folgte seinem Sohn mit zorniger Miene.

Vicky konnte sich zusammenreimen, was die Szene zu bedeuten hatte. Steven hatte sich erst neulich an Vaters Whiskyflasche vergriffen. Vicky hatte das Gebrüll ihres Vaters durch die geschlossene Tür seines Arbeitszimmers bis auf den Flur gehört.

Louise verdrehte die Augen. »Hoffentlich macht er so etwas nicht, wenn Mister Cumberland heute Abend zum Dinner kommt.«

Für einen Moment vergaß Vicky die Rolle der reuigen Sünderin, die sie gerade spielte. Ihr tat Steven nämlich leid. Offenbar begriff sie als einziges Familienmitglied, wie sehr er darunter litt, dass in diesem Haus über ihn und seine Zukunft bestimmt wurde, ohne zu berücksichtigen, was er selbst mit seinem Leben anfangen wollte.

»Freu dich doch, wenn er sich vor Mister Cumberland betrinkt. Dann sieht der vielleicht davon ab, dir einen Heiratsantrag zu machen, und du musst diesen schrecklichen Kerl nicht ehelichen«, entfuhr es Vicky.

»Das ist doch wohl die Höhe.« Louises Stimme schnappte schier über vor Empörung.

»Sophie Victoria, das nimmst du sofort zurück«, verlangte ihre Mutter mit Nachdruck. »Mister Cumberland ist ein grundanständiger Mann, und wir wären eine Sorge los, wenn sich so ein feiner Herr auch für dich interessieren würde.«

Vicky lag eine Erwiderung auf der Zunge, nämlich, dass sie dem Himmel danken würde, wenn das niemals der Fall wäre, aber sie schluckte sie im letzten Augenblick herunter. Es wäre unklug, ihre Mutter gegen sich aufzubringen, bevor sie Jonathan kennengelernt hatte.

»Und nur dass du es weißt, wenn wir dich nun doch nicht nach England schicken, wird mich nichts auf der Welt davon abbringen können, demnächst Mister Bradshaw einzuladen und zu Gott zu beten, dass er sich für ein renitentes Frauenzimmer wie dich erwärmen kann.«

Vicky schloss die Augen und zählte innerlich von zehn rückwärts, um sich zu beruhigen und ihre Mutter nicht noch mehr gegen sich aufzubringen.

»Sie könnte Glück haben«, hörte sie da ihre Schwester kichern. »Er ist Witwer und sucht händeringend nach einer Mutter für seinen Sohn. Da schaut er vielleicht nicht so genau hin!«

Vicky riss die Augen auf, obwohl sie erst bei fünf angekommen war, und funkelte Louise wütend an. »Dann nimm du ihn doch!«, fauchte sie.

»Hört auf, euch zu streiten!«, befahl Anne. »Mister Bradshaw ist eine gute Partie. Er besitzt das größte Handelshaus in ganz Melbourne und gehört zu den wohlhabendsten Bürgern der Stadt. Außerdem sieht er gut aus!«

»Oje, dann hat unsere Vicky aber schlechte Karten. Denn mit Sicherheit haben es einige junge Damen auf ihn abgesehen. Bis auf mich!«, spottete Louise.

Vicky jedoch hörte gar nicht mehr richtig hin. Sie hing ihren eigenen Gedanken nach und zerbrach sich den Kopf darüber, was ihre Eltern wohl unternehmen würden, wenn Jonathan um fünf vor der Tür stehen würde. Denn die Hoffnung, dies ihrem Vater noch schonend beizubringen, hatte sie aufgegeben. Aber sie würde es keine Sekunde länger in dieser beklemmenden Atmosphäre mit ihrer Mutter und ihrer Schwester aushalten.

»Ihr entschuldigt mich. Ich fühle mich nicht gut«, sagte sie leise und verließ den Tisch, ohne eine Antwort abzuwarten, um sich im Garten unter ihre Palme zu setzen. Das war seit jeher der Ort, an den sie sich vor dem häuslichen Unfrieden flüchtete.

Vicky fühlte sich wie immer leicht und unbeschwert, als sie sich ins grüne Gras unter ihren schattigen Lieblingsbaum setzte. Hier ließ es sich bis zum Tee aushalten. Von hier aus hatte sie einen wunderbaren Blick über die Blumen, die in allen erdenklichen Farben blühten. Eine tiefe Müdigkeit überkam sie, und sie lehnte den Kopf gegen den Stamm. Gegen ein kleines Schläfchen war nichts einzuwenden, zumal ihr das die Wartezeit verkürzen würde.

4

Vicky erwachte von der angsterfüllten Stimme ihres Vaters. »Nicht rühren!«, zischte er aufgeregt. Sie öffnete die Augen, blinzelte vorsichtig in seine Richtung und begriff sofort, wovor ihr Vater sie zu warnen versuchte. Kaum einen Fuß entfernt hatte sich eine braune Schlange in Angriffsstellung gebracht. Vicky wusste sofort, dass es sich um die hochgiftige Braunschlange handelte, denn das hatte ihnen ihr ehemaliger Hauslehrer beigebracht. Bevor ihr die Geschichte dieses Landes lernen müsst, sollt ihr wissen, dass es der Kontinent mit den giftigsten Tieren auf der ganzen Welt ist, hatte er ihnen eingeschärft und Zeichnungen der Giftschlangen gezeigt.

Vicky wagte nicht zu atmen, obwohl ihr der Schweiß in Strömen von der Stirn rann. Sie wusste, dass sie nur diese eine Chance hatte: sich tot zu stellen. Es dauerte ein paar schreckliche Augenblicke, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen, bis die Schlange im Gras abtauchte und verschwand. Ihr Vater stürzte auf sie zu, umarmte und herzte sie. »Oh, mein liebes Kind, das war knapp. Du bist sehr tapfer.« Vicky genoss diesen Liebesbeweis ihres Vaters in vollen Zügen. Er war leichenblass, als er ihr die Hand reichte, um ihr aus dem Gras zu helfen. Auch ihm tropfte der Schweiß in Strömen von der Stirn. »Die verdammten Viecher kriechen bei der Hitze in die Gärten. Du darfst dich im Sommer nicht mehr ins Gras setzen. Hörst du?«, redete er beschwörend auf sie ein.

So sehr Vicky der Schreck in allen Gliedern saß, so sehr genoss sie auch die Zuwendung ihres Vaters.

Arm in Arm traten sie auf die Veranda.

»Samuel, was ist geschehen? Du bist bleich wie der Tod«, rief Anne panisch aus.

»Vicky wäre beinahe von einer Schlange gebissen worden«, stöhnte er und ließ sich auf einen Stuhl fallen.

»Oh, mein Gott. Vicky«, schrie ihre Mutter und riss ihre Tochter überschwänglich in die Arme, was Vicky ebenfalls sichtlich genoss.

»Es war eine Braunschlange«, flüsterte sie. »Die giftigste von allen«, fügte sie hinzu. Das verfehlte seine Wirkung nicht, denn nun sprang sogar Louise von ihrem Stuhl auf und strich ihrer Schwester mitfühlend übers Haar.

»Aber sie war so tapfer, unser Mädchen, und hat sich nicht gerührt«, erklärte ihr Vater nun voller Stolz.

Vicky fühlte sich wie im Paradies. So viele Liebesbeweise wie in diesem Augenblick bekam sie selten von ihrer Familie.

»Soll ich dir ein Glas Saft holen?«, bot ihr Louise an.

»Komm, setz dich. Erhol dich von dem Schrecken«, sagte ihre Mutter und schob sie auf einen der Korbstühle. Obwohl Vicky den Schock bereits überwunden hatte, gab sie sich ein wenig leidend und nahm dankbar das Glas Ananassaft entgegen, das ihr Louise nun reichte.

Einen kurzen Moment spielte sie mit dem Gedanken, die günstige Gelegenheit beim Schopf zu packen und zu beichten, dass sie einen Besucher zum Tee eingeladen hatte. Zu groß aber war die Versuchung, die Erleichterung ihrer Familie, dass sie dem Tod so knapp entronnen war, in vollen Zügen zu genießen, bevor sie sich wieder in ihre Rolle des schwarzen Schafs der Familie zurückkatapultierte. Es war einfach zu verführerisch, die Liebe im Blick ihrer Mutter und die Fürsorge ihrer Schwester zu genießen. Wer wusste besser als sie, dass dieser Ausnahmezustand spätestens um fünf Uhr ein jähes Ende finden würde.

»Wo ist Steven?«, fragte sie mit schwacher Stimme.

»Er schläft jetzt«, erwiderte der Vater übellaunig und schlug vor, dass sie alle auf den Schrecken einen kleinen Mittagsschlaf halten sollten. Damit war der paradiesische Zustand vorüber, denn ihre Eltern und Louise zogen sich in die kühlen Innenräume zurück und ließen Vicky allein auf der Veranda zurück. Sie war jetzt hellwach, und ihre Gedanken schweiften zu Jonathan. Noch einmal erlebte sie vor ihrem inneren Auge die gestrige Begegnung mit ihm. Sie spürte seine weichen Lippen auf ihren so intensiv, dass sie sich zärtlich mit den Fingern über ihren Mund fuhr. Je intensiver sie an Jonathan dachte und ihn vor sich sah mit seinen graugrünen Augen, seinem markanten Gesicht und seinem schwarzen Haar, desto mehr beschleunigte sich ihr Herzschlag. Sie hatte jetzt die Augen geschlossen, um sich jede Einzelheit noch einmal ins Gedächtnis zu rufen.

»Woran denkst du denn, Schwesterchen?« Die Stimme ihres Bruders riss Vicky aus ihrer schwärmerischen Erinnerung. »Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, du bist verliebt«, fügte er lachend hinzu. Er sprach wieder mit normaler Stimme. Offenbar hatte er seinen kleinen Rausch ausgeschlafen.

»Blödsinn! Du weißt doch, was ich von diesen Kerlen halte …«, fauchte sie, aber dann stutzte sie. Ob sie Steven einweihen sollte? Es wäre vielleicht gar nicht so verkehrt, im Vorfeld wenigstens einen Verbündeten zu gewinnen.

»Was verheimlichst du mir, Schwesterchen?« Vicky fühlte sie ertappt.

Sie atmete ein paarmal tief durch, bevor sie ihm von ihrer Begegnung mit Jonathan Bowl erzählte und beichtete, dass sie ihn im Namen des Vaters zum Tee eingeladen hatte.

»Oje!«, stöhnte ihr Bruder und kratzte sich nachdenklich am Kopf. »Und du möchtest jetzt, dass ich dir helfe?«

Vicky zuckte hilflos die Schultern. »Vielleicht kannst du einfach nett zu Jonathan sein, ich meine, falls Vater ihn nicht gleich wieder vor die Tür setzt.«

»Lass mich mal kurz überlegen«, erwiderte ihr Bruder und verschwand im Haus, um wenig später mit einem Glas mit einer bräunlichen Flüssigkeit in der Hand zurückzukehren.

»Aber Steven, du sollst doch nicht trinken«, seufzte Vicky.

»Siehst du irgendwo Whisky?«, lachte ihr Bruder und schüttete das Teufelszeug mit einem kräftigen Schluck in sich hinein.

»Bitte, lass das doch«, flehte Vicky ihren Bruder an, aber der war schon wieder auf dem Weg nach drinnen, um sich Nachschub zu besorgen.

Als er mit einem zweiten Glas in der Hand zurück auf die Terrasse trat, runzelte sie missbilligend die Stirn, aber sie schwieg. Offenbar war er bereit, ihr zu helfen, wenn er sie im Gegenzug zu seiner Mitwisserin machte.

»Gut«, sagte Steven, nachdem er einen kräftigen Schluck genommen hatte. »Ich werde dafür sorgen, dass dieser Kerl die Gelegenheit bekommt, Vater zu imponieren, obwohl, seien wir ehrlich, ich kann dir keine allzu großen Hoffnungen machen, dass sich ein Goldgräber in die Herzen unserer Eltern spielt. Der Herr ist kein Jurist und gehört nicht zu der feinen Melbourner Gesellschaft.«

»Das weiß ich selbst«, entgegnete Vicky betrübt. »Aber ist er deswegen ein schlechterer Mensch als Archibald Cumberland?«

Steven lachte. »Dazu gehört nicht viel. Archibald Cumberland ist ein verschlagener, mieser Geselle, aber er hat in Vaters Augen die einzig richtige Ausbildung. Mister Cumberland ist schließlich Jurist.«

»Als ob das ein Zeichen für guten Charakter wäre!«, zischte Vicky.

»Mir musst du das nicht sagen. Ich könnte mich übergeben bei dem Gedanken, dass ich bald zu ihnen gehöre.«

Vicky musterte ihren Bruder voller Sorge. »Ist das der Grund, warum du dieses Zeug wie Wasser in dich hineinschüttest? Warum sprichst du nicht mit Vater und sagst ihm, was du wirklich werden möchtest?«

»Genau, er wird jubeln, wenn ich ihm verrate, dass ich am liebsten Pianist werden möchte …« Steven sah seine Schwester aus glasigen Augen mitleidig an. »Sei nicht so naiv, Kleine. Vater wird weder dulden, dass ich Musiker werde, noch, dass du die Frau eines Goldgräbers wirst.«

»Aber du hast versprochen, mir zu helfen«, empörte sich Vicky.

»Ich habe gesagt, ich werde dafür sorgen, dass dieser Jonathan beim Tee freundlich behandelt wird, jedenfalls von mir. Aber jemand wie er wird niemals als möglicher Ehemann für dich in Betracht gezogen werden. Sie haben doch längst einen passenden Gatten für dich ausgesucht. Frederik Bradshaw.«

»Aber den werde ich, wenn sie ihn einladen sollten, umgehend vergraulen, worauf du dich verlassen kannst«, erwiderte Vicky und ballte die Fäuste.

»Schade, Frederik ist ein echt netter Kerl«, bemerkte Steven, während er das Glas in einem Zug leerte.

»Du kennst ihn?«, fragte Vicky erstaunt.

»Kennen ist zu viel gesagt. Wir sind uns ein paarmal auf Herrenabenden begegnet. Er sieht sehr gut aus, aber er redet nicht viel. Ihn umflort eine gewisse Melancholie, die, wie ich hörte, bei der Damenwelt sehr gut ankommt. Es gibt diverse Ladys, die die arme Seele retten wollen, zumal der Gute zu den wohlhabendsten Bürgern der Stadt gehört. Mister Bradshaw aber soll gegenüber diesen Avancen relativ immun sein. Der Tod seiner Frau soll ihm sehr nahegegangen sein. Daran könnte der ehrgeizige Plan unserer Eltern scheitern, denn sie stehen nicht allein im Wettkampf um den begehrtesten Junggesellen.«

Vicky machte eine wegwerfende Handbewegung. »Sollen sie doch. Ich werde alles tun, dass er sein Herz bestimmt nicht an mich verliert …«

Mit Missfallen nahm Vicky zur Kenntnis, dass ihr Bruder erneut im Haus verschwand und mit einem dritten Glas in der Hand wiederkehrte.

»Steven, bitte! Nicht, dass dir wieder übel wird!«

Ihr Bruder lächelte wissend, während er das Glas ansetzte. »Keine Sorge, gestern Nacht habe ich übertrieben und heute Morgen, als ihr alle noch schlieft, weitergetrunken. Das war zu viel. Aber von drei Gläsern werde ich ganz sicher nicht betrunken.«

»Versprichst du, dass du jetzt aufhörst?«

»Ja, Kleines, schon in meinem eigenen Interesse. Du hättest Vater vorhin hören sollen. Er hat mir sogar Prügel angedroht, aber das traut er sich nicht. Keine Sorge. Wenn ich erst in Sydney bin und nicht mehr unter diesem Dach leben muss, werde ich damit wieder aufhören. Aber jetzt zu deinem Tee-Besuch. Also, ich werde kurz vor fünf vor die Tür gehen und deinen Verehrer abfangen. Dann bringe ich ihn direkt auf die Terrasse und stelle ihn als meinen Freund vor …«

»Aber Vater weiß doch, wer er ist«, widersprach Vicky hitzig.

»Natürlich weiß er das, aber glaubst du allen Ernstes, er würde vor Mutter zugeben, dass an unserem geheiligten Tisch ein Goldgräber sitzt? Nein, er wird gute Miene zum bösen Spiel machen, und so kann es doch ein lustiges Teetrinken werden, wenn Mutter und Louise nichts ahnen.«

Vicky wusste nicht recht, was sie von diesem Plan ihres Bruders halten sollte. Es war schon etwas dran an der Idee, Jonathan nicht ins offene Messer laufen zu lassen. Doch würde ihre Mutter nicht argwöhnisch werden, wenn sie Jonathans verschlissene Kleidung bemerkte?

»Man sieht es ihm einfach an, dass er nicht zur feinen Gesellschaft gehört. Seine Hosen sind nicht mehr die neuesten.«

»Na und? Ich werde ihm etwas von mir zum Anziehen geben …« Steven musterte seine Schwester verschmitzt. »Oder ist er ein Zwerg wie Archibald Cumberland?«

Wider Willen musste Vicky lachen. »Nein, er dürfte ziemlich genau deine Figur haben«, erklärte sie. Steven war wie sein Vater von großer, schlanker Gestalt und hatte wie Vicky das weizenblonde Haar Samuels geerbt.

Steven warf einen flüchtigen Blick auf seine Taschenuhr. »Willst du dich nicht umziehen? Du hast noch eine Stunde Zeit bis zu dem Auftritt deines Galans.«

Vicky wurde das Gefühl nicht los, dass Steven das Ganze als Spiel betrachtete, während es für sie so schrecklich ernst war.

»Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist«, murmelte Vicky, doch Steven klopfte ihr brüderlich auf die Schulter und versicherte ihr, dass sein Plan der einzig machbare wäre, der es Jonathan ermöglichte, dem sofortigen Rausschmiss aus dem Hause Stewart zu entgehen.

»Ich bin mir nicht sicher, ob er da mitmacht. Jonathan hat seinen Stolz, auch wenn er ›nur‹ ein Glückssucher ist.«

»Lass mich mal machen! Das bringe ich ihm schon bei, dass es die einzige Möglichkeit ist, sich an unseren Tisch zu setzen.«

»Aber er glaubt doch, dass ich ihn in Vaters Auftrag eingeladen habe. Wenn er erfährt, dass ich gelogen habe, lässt er sich womöglich nicht darauf ein und verschwindet auf Nimmerwiedersehen.«

»Schwesterchen, wenn er das tut, dann liegt ihm nichts an dir. Ich kenne die Männer. Wenn wir eine Frau wollen, dann entwickeln wir einen eisernen Willen, um sie auch zu bekommen.«

»Du scheinst dich ja auszukennen. Hat deine Flamme auch einen Namen?«, scherzte Vicky, woraufhin ihr Bruder puterrot anlief.

»Oh, ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen«, fügte sie hastig hinzu.

Steven stieß einen tiefen Seufzer aus. »Ach, Vicky, es ist besser, wenn du nichts davon weißt. Ja, es gibt jemanden, aber sie entspricht Vaters Vorstellungen von meiner zukünftigen Frau mindestens genauso wenig wie dein Jonathan. Deshalb werde ich für dich tun, was ich kann …« Er erhob sich hastig mit dem Glas in der Hand.

»Halt! Du hast gesagt: Drei Gläser kannst du vertragen, ohne dass Vater es dir anmerkt. Dann belasse es dabei!«

»Du hast ja recht, aber zumindest muss ich dieses Beweisstück schnellstens verschwinden lassen, denn sie werden sich sicher gleich alle auf der Terrasse versammeln. Bist du bereit?«

Vicky nickte und verwarf ihre Restbedenken. Richtig wohl war ihr bei der Vorstellung von dem Teetrinken nämlich immer noch nicht, aber hatte sie eine andere Wahl? Prüfend sah sie an sich hinunter. Sollte sie sich wirklich noch umziehen? Sie trug ein schlichtes, helles Kleid. Nein, sie würde ihn so empfangen, erinnerte sie sich doch gerade an seine Abneigung gegen die steifen Röcke der feinen Ladys. Allerdings würde sie ihr Haar noch einmal bürsten und hochstecken.

Als sie vor dem Spiegel in ihrem Zimmer stand, sah sie es: das verräterische Strahlen in ihren Augen. So wie sie ihre Mutter kannte, würde sie sofort Verdacht schöpfen.

Um kurz vor fünf saßen die anderen bereits um den Verandatisch. Vickys Herz klopfte ihr bis zum Hals, während sie ihren Platz einnahm.

»Wo ist denn Steven schon wieder?«, fragte ihr Vater ungehalten. »Schläft er etwa immer noch?«

»Nein, er macht einen kleinen Spaziergang. Ihm geht es gut«, entgegnete Vicky rasch und versuchte, das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen. Sie war dermaßen aufgeregt, dass sie befürchtete, gleich, wenn Jonathan auf der Veranda erschien, kein einziges Wort mehr herauszubringen. Alles in ihrem Körper war in Aufruhr: der Magen, das Herz, der Kopf. Ihre Hände zitterten leicht. Wie soll ich das bloß überstehen, fragte sie sich und spielte mit dem Gedanken, Jonathan vor dem Eingang abzufangen und das ganze Unternehmen abzublasen. Doch in dem Augenblick erschien Steven im Türrahmen, schüchtern gefolgt von Jonathan in einem Anzug ihres Bruders. Er sieht blendend aus, keine Frage, wie ein Herr der feinen Gesellschaft, durchfuhr es Vicky, nur werde ich das nicht mehr miterleben, weil ich gleich in Ohnmacht falle. Sämtliches Blut war aus ihrem Kopf gewichen, in ihren Adern kribbelte es, als würden Ameisenstraßen hindurchlaufen, ihr Mund war so trocken, dass ihre Zunge am Gaumen klebte.

»Darf ich euch meinen Freund Jonathan Bowl vorstellen. Ich habe ihn gerade beim Spaziergang getroffen und zum Tee eingeladen«, sagte Steven mit einem Lächeln auf den Lippen.

Vicky wagte nicht einmal, einen Blick in Jonathans Richtung zu riskieren. Stattdessen sah sie ihren Vater an, der beim Anblick des Goldgräbers bleich geworden war.

»Habt ihr etwas dagegen, wenn er den Tee mit uns einnimmt?«, fragte ihr Bruder und zog Jonathan näher heran.

»Aber nein, dein Freund ist uns willkommen«, flötete Anne und bot Jonathan einen Platz an. Sie wandte sich an ihren Gast. »Woher kennen Sie meinen Sohn? Er hat noch nie von Ihnen erzählt«, erkundigte sie sich interessiert.

»Er kommt aus Sydney und wird mit mir zusammen studieren«, antwortete Steven für ihn.

»Hörst du, Samuel, noch ein angehender Jurist. Davon können wir in diesen Zeiten gar nicht genug haben. Ist das nicht ein Irrsinn, was sich alles an Gesindel in der Stadt herumtreibt, seit man das Gold gefunden hat?«

Jonathan nickte artig.

»Dann greifen Sie nur zu«, ermutigte Anne Jonathan, Marys köstliche Ingwerkekse zu probieren.

Vicky atmete tief durch, während sie aus den Augenwinkeln die Reaktionen ihres Vaters verfolgte. Er schien noch mit sich zu kämpfen, ob er der Farce ein Ende bereiten oder mitspielen sollte. Nun galt es abzuwarten, wie er sich entscheiden würde. Erst, wenn er mitmachte, würde sie es wagen, Jonathan anzusehen.

»Kennen Sie vielleicht Archibald Cumberland, den Gefängnisdirektor?«, fragte Louise den Gast neugierig.

»Nicht persönlich, dem Namen nach«, gab Jonathan mit gepresster Stimme zurück.

Damit kehrte Leben in Vicky zurück. Sie musste diesem Schauspiel ein Ende bereiten und ihrem Freund erklären, dass sie mit dieser Einladung im Namen ihres Vaters einen Riesenfehler gemacht hatte. Vicky straffte die Schultern und suchte Jonathans Blick. Sie erschrak, als sie seinen gequälten Gesichtsausdruck wahrnahm, und erhob sich von ihrem Platz.

»Mister Bowl, darf ich Ihnen einmal unseren wunderschönen Garten zeigen?«

»Sophie Victoria!«, mahnte ihre Mutter, aber Vicky kümmerte sich nicht darum, sondern blickte Jonathan flehend an. Sie atmete auf, als er aufstand. »Aber sehr gern doch, Miss Stewart«, sagte er mit leicht belegter Stimme und folgte Vicky in den Garten.

Als sie außer Sicht der Familie waren, blieb sie abrupt stehen und sah ihn schuldbewusst an. »Es tut mir so entsetzlich leid, dass ich dich unter falschen Voraussetzungen hergelockt habe. Ich hatte doch solche Angst, dass ich dich sonst niemals wiedersehen würde.« Ihr traten Tränen in die Augen vor lauter Sorge, Jonathan würde ihr diesen kleinen Trick nie verzeihen.

Er aber nahm sie sanft in den Arm und drückte sie fest an sich. »Ich habe dir doch gleich gesagt, dass unsere Welten nicht zusammenpassen«, raunte er.

Vicky sah ihn tränenblind an. »Aber was kann ich denn dafür, dass ich die Tochter des Richters bin? Das ist doch kein Grund, dass wir beide uns nicht wiedersehen dürfen, oder? Und lieb haben …«

»Wer sagt denn, dass ich so einfach aufgebe?«, fragte er zärtlich.

»Na, du. Du hast von nichts anderem geredet als davon, dass es nicht geht mit uns beiden und …«

Jonathan zog sie in den Schatten einer Palme und verschloss ihren Mund mit einem Kuss.

Als sich ihre Lippen nach einer halben Ewigkeit voneinander gelöst hatten, räusperte er sich. »Ich nehme es dir nicht übel, nur möchte ich nie wieder in eine so unwürdige Lage geraten. Wobei ich zugeben muss, dass du einen sehr netten Bruder hast. Aber ich gehe auf keinen Fall zurück. Mir ist nicht entgangen, dass dein Vater mich mit seinen Blicken förmlich aufgespießt hat.«

»Dann gehe ich mit dir. Jetzt sofort!«, stieß Vicky verzweifelt hervor.

»Nein, das wirst du nicht tun. Ich werde dir nicht zumuten, mich in den Höllenpfuhl Ballarat zu begleiten. Das ist kein Leben für ein Mädchen wie dich. Das ist eine raue Männerwelt. Es gibt keine Häuser, sondern Zelte, die Bedingungen sind in jeder Hinsicht unzumutbar für eine Lady. Nein, ich werde allein gehen, aber ich werde wiederkommen. Und zwar als reicher Mann, und dann werde ich mich nicht scheuen, ganz offiziell bei deinem Vater um deine Hand anzuhalten, wenn du das dann möchtest.«

Vicky wurde innerlich ganz ruhig. Natürlich wollte es ihr schier das Herz brechen, ihren Liebsten jetzt ziehen zu lassen, aber sie wusste, dass es eine vernünftige Entscheidung war. Es half nichts, wenn sie zeterte und sich jammernd an ihn klammerte. Nein, sie setzte nahezu unerschütterliches Vertrauen in Jonathan. Etwas an ihm, seine einzigartige Persönlichkeit, sein Stolz, seine Souveränität hatten sie wie verzaubert, sie in einen Bann geschlagen, dem sie nie wieder zu entkommen hoffte. Etwas war mit ihr geschehen, etwas Wunderbares, etwas Verheißungsvolles, wenn auch so vieles gegen sie und ihr gemeinsames Glück stand …

»Gut, mein Liebster, ich werde auf dich warten«, erklärte sie tapfer und wischte sich zur Bekräftigung, dass sie keine Heulsuse war, entschieden eine Träne aus dem Gesicht.

»Aber es kann dauern. Willst du das wirklich auf dich nehmen?«

»Wo denkst du hin? Glaubst du, das bisschen Zeit könnte mich davon abhalten, auf dich zu warten? Wir haben jetzt Februar, und im Dezember werde ich achtzehn. Vielleicht kannst du es sogar bis dahin schaffen. Das wäre das schönste Geschenk. Ich glaube an dich, und ich weiß, dass du es schaffen wirst. Aber wir müssen uns wenigstens schreiben …«

Vicky stockte. Doch wie sollte das gehen? Wie sie ihre Eltern kannte, würden sie die Briefe von Jonathan mit Sicherheit unterschlagen. Doch dann erhellte sich ihre Miene. Ihr fiel Martha Cunningham ein, die sie auf dem Schiff nach Sydney kennengelernt hatte. Sie war ebenfalls mit ihrer Familie nach Australien ausgewandert, weil ihr Vater einen Posten bei der Regierung von New South Wales bekommen hatte. Martha war auf der langen Überfahrt ihr einziger Trost gewesen, denn sie war ebenfalls sehr traurig gewesen, dass sie London verlassen musste, zumal sie sich dort gerade verliebt hatte. Doch dann hatte sie sich auf dem Schiff gleich mit mehreren neuen Verehrern getröstet, die sich um ihre Gesellschaft rissen. Wenngleich Martha das alles nicht sonderlich ernst genommen hatte. Vicky, der es im Traum nicht eingefallen wäre, auch nur einem der Kerle ein Lächeln zu schenken, bewunderte insgeheim die unbeschwerte Art ihrer neuen Freundin, die, kaum, dass sie sich an Deck oder im Speisesaal zeigte, die Augen sämtlicher Männer auf sich zog. Natürlich rümpfte Vicky die Nase, wenn sich die Burschen gegenseitig zu übertrumpfen versuchten, um Marthas Gunst zu gewinnen. Dabei war sie nicht einmal eine klassische Schönheit, sondern eine quirlige kleine Person mit einem roten Lockenkopf, einem Gesicht voller Sommersprossen und grünen Katzenaugen. Aber mit ihrem ansteckenden Lachen bezauberte sie jeden.

Vicky und sie hatten sich so gut verstanden, dass reichlich Tränen geflossen waren, als sie sich in Sydney hatten trennen müssen, weil die Stewarts dort auf das Schiff nach Melbourne umgestiegen waren. Seitdem schrieben sich die beiden Mädchen regelmäßig, doch im Gegensatz zu Vicky hatte Martha sich ziemlich schnell in ihre neue Heimat verliebt und dachte nicht mehr daran, nach London zurückzukehren. Der Grund war offenbar ein junger Arzt, in dem sie mehr sah als einen ihrer zahlreichen Verehrer, die sie lediglich mit einem Lächeln abspeiste. Martha hatte Vicky in einem ihrer Briefe verraten, dass sie sich bereits geküsst hatten. Diesen Mann würde ich auf der Stelle heiraten, hatte sie ihrer Freundin euphorisch geschrieben. Vicky hatte ihr geantwortet, dass sie sich das lieber nicht vorstellen wollte … Weder das Küssen noch die Hochzeit. Doch nun würde sie ihre Freundin so schnell wie möglich in die Neuigkeit einweihen, dass es seit Kurzem auch in ihrem Leben einen jungen Mann gab. Martha würde mit Sicherheit nichts dagegen haben, wenn er ihr seine Briefe mit dem Absender »Martha Cunningham« sandte. Und ihre Eltern würden keinerlei Argwohn hegen, wenn Vicky in Zukunft noch mehr Post aus Sydney bekam.

»Was brütest du in deinem hübschen Köpfchen nun wieder für Dinge aus? Ich nehme an, du überlegst, wie ich dir schreiben kann, weil die Post von Jonathan Bowl mit Sicherheit von deinen Eltern zensiert und einbehalten wird«, lachte er.

»Genau darüber habe nachgegrübelt und eine Lösung gefunden.« Sie nannte ihm den Namen ihrer Freundin und schärfte ihm ein, ihn als Absender für seine Post aus Ballarat zu verwenden.

»Du bist nicht nur hübsch, sondern auch äußerst klug«, seufzte Jonathan und strich ihr liebevoll über die Wangen, die vor Aufregung ganz gerötet waren. »Aber nun wird es Zeit für mich zu gehen, bevor deine Familie dich sucht aus lauter Sorge, ich könnte dich entführt haben, denn ich bin mir sicher, dein Vater wird ihnen inzwischen die Wahrheit über den angeblichen Freund deines Bruders offenbart haben. Grüß deinen Bruder schön von mir. Er ist ein feiner Kerl, und sage ihm, dass ich ihm bei meiner Rückkehr seinen Anzug mitbringe. Vielleicht ist es gar nicht so verkehrt, in der Kleidung eines feinen Herren zu reisen.«

Sie küssten sich zum Abschied noch einmal inniglich, bevor Jonathan im Dickicht des Gartens verschwunden war. Vicky blieb eine ganze Zeit regungslos stehen. Nun gab es keinen Grund mehr, ihre Tränen zurückzuhalten. Dann aber wischte sie die Spuren ihrer Trauer entschlossen fort und kehrte auf die Terrasse zurück. Sie war auf alles gefasst, auch darauf, dass man sie mit einem Donnerwetter empfangen würde, aber damit, dass ihr Vater, der soeben von seinem Stuhl aufgesprungen war, um sie zu holen, ihr eine Ohrfeige versetzen würde, hatte sie nicht gerechnet. Sie jedoch verzog keine Miene und ließ das, was nun auf sie niederprasselte, stoisch über sich ergehen. Der Gedanke daran, dass Jonathan eines Tages zurückkehren und hocherhobenen Hauptes um ihre Hand anhalten würde, verlieh ihr geradezu übermenschliche Kräfte.

»Wie konntest du uns so etwas nur antun?«, schrie Anne. »Einen Goldgräber an unserem Tisch! Impertinent!«

»Natürlich kennt er Archibald. Wahrscheinlich hat er schon einmal bei ihm eingesessen«, giftete Louise.

»Sophie Victoria, du gehst sofort auf dein Zimmer und kommst erst wieder, wenn du dich für dein unsägliches Verhalten in aller Form entschuldigst«, schimpfte ihr Vater. »Und dann schwörst du uns, dass du diesen Kerl nie wiedersehen wirst!«

Vicky erhob sich von ihrem Stuhl und zog sich ohne ein weiteres Wort ins Haus zurück. Im Esszimmer begegnete sie ihrem Bruder, der sich gerade an der Whiskyflasche des Vaters zu schaffen machte. Sie kommentierte sein Verhalten mit keinem einzigen Wort.

»Danke, dass du uns geholfen hast. Es hat zwar nicht viel genützt, aber es ist tröstlich, dass zumindest einer in dieser Familie auf meiner Seite steht.«

Steven rollte mit den Augen. Sie waren schon leicht gerötet, wie Vicky teilnahmslos feststellen musste. »Du kannst dir sicherlich vorstellen, Schwesterchen, was mir das für eine gepfefferte Strafpredigt seitens unseres Herrn Vaters eingebracht hat!«

»Oh ja, das kann ich mir in der Tat denken«, entgegnete Vicky schwach. »Jonathan lässt dich grüßen. Er wird dir deinen schönen Anzug eines Tages ersetzen, wenn er wiederkommt und um meine Hand anhält.«

»Träum schön weiter, Kleines! Vater wird ihn mit Schimpf und Schande aus dem Haus jagen, selbst wenn er dann der reichste Mann Australiens wäre!« Vicky hörte jetzt, dass ihr Bruder schon leicht lallte. Nun fühlte sie sich doch bemüßigt, ihn zu ermahnen, seinen Kummer nicht im Whisky zu ertränken. »Steven, bitte!« Vicky deutete auf das volle Glas in seiner Hand. »Du machst doch alles noch viel schlimmer. Was meinst du, was dir blüht, wenn Vater das hier sieht?«

Er musterte seine Schwester aus glasigen Augen. »Diese Gelegenheit werde ich ihm gar nicht geben, denn ich verschwinde jetzt.«

»Wie meinst du das?«, fragte Vicky erschrocken.

»Keine Sorge, ich werde bei jemandem Zuflucht finden, der mich versteht. Morgen früh bin ich wieder da.«

Vicky unterdrückte ihre neugierige Frage, wer dieser jemand war, aber sie hatte da schon eine Ahnung. Wahrscheinlich war es diese Frau, die er vorhin flüchtig erwähnt hatte.

In diesem Augenblick beneidete sie ihren Bruder ein wenig. Ihn würde der Vater mit Sicherheit nicht dafür maßregeln, wenn er das Haus verließ und irgendwo in der Stadt übernachtete. Und Steven würde er auch nicht mit einer Ohrfeige strafen.

Mit gesenktem Kopf machte sich Vicky auf den Weg zu ihrem Zimmer. Unterwegs begegnete ihr die schluchzende Mary. Einen Augenblick war ihr eigener Kummer vergessen. »Mary, was ist mit dir?«

Die Köchin brachte vor lauter Weinen kein verständliches Wort heraus. Vicky verstand nur Bruchteile wie »Richard« und »Mörder«. Vicky packte Mary kräftig bei den Schultern. »Mary, sag doch endlich, was geschehen ist!«

Die Köchin schluchzte noch einmal laut auf und holte tief Luft. »Eben war der Kollege von Richard hier, der mit ihm Streife geht. Sie haben heute Nacht im Hafenviertel versucht, ein paar betrunkene randalierende Goldgräber festzunehmen. Einer von ihnen hat …« Erneut schluchzte sie laut auf.

Vicky trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Was war Schreckliches geschehen, dass Mary so außer sich war? Statt sie weiterhin mit neugierigen Fragen zu löchern, nahm sie die Köchin in den Arm und strich ihr tröstend über das Haar.

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis Mary zu weinen aufhörte. »Einer von ihnen hatte ein Messer dabei und hat es Richard mitten ins Herz gerammt. Er war sofort tot!«

Mary ließ sich an der Wand entlanggleiten und rutschte zu Boden. Sie sah schrecklich aus. Ihre Augen waren verquollen und ihr Gesicht leichenblass.

»Warte, ich hole Hilfe.« In diesem Augenblick vergaß Vicky, was ihr gerade auf der Veranda widerfahren war. Sie rannte los und stürzte nach draußen.

»Komm schnell, Vater, Richard ist etwas zugestoßen. Man hat ihn umgebracht. Und ich glaube, Mary braucht Hilfe!«

Sofort sprangen ihre Eltern und ihre Schwester von ihren Stühlen auf und liefen ins Haus. Vicky folgte ihnen. Ihre Mutter bot Mary ihre Hand an, um ihr vom Boden aufzuhelfen, doch die Köchin rührte sich nicht. Sie schien unter Schock zu stehen.

Vickys Vater, ihre Mutter und ihre Schwester redeten gleichzeitig auf Mary ein, um zu erfahren, was geschehen war, doch sie antwortete nicht, sondern starrte mit dumpfem Blick die gegenüberliegende Wand an. Es sollte Wochen dauern, bis Mary überhaupt wieder ein Wort von sich gab. Sie blieb vorerst stumm und kleidete sich ganz in Schwarz, die Farbe der trauernden Witwen. Eine Farbe, die sie bis zu ihrem Ende nie mehr ablegen würde. Und den Namen ihres Verlobten erwähnte sie kein einziges Mal mehr. Aber das ahnte in diesem Augenblick noch niemand. Am allerwenigsten Vicky, deren Gedanken in dieser Situation ausschließlich um die arme Mary kreisten und die in ihrer Sorge um die Köchin gar nicht mehr an den Kaffeebesuch dachte.

»Richard ist heute Nacht von ein paar Goldgräbern am Hafen erstochen worden«, erklärte Vicky ihrer Familie mit bebender Stimme. »Ich denke, ich sollte schnell loslaufen, um einen Arzt zu holen.«

Vicky hatte sich bereits auf dem Absatz umgedreht, als eine schwere Hand in ihrem Nacken sie daran hinderte.

Verstört drehte sie sich um. Sie blickte in die vor Zorn funkelnden Augen ihres Vaters. »Du verlässt das Haus nicht! Wer weiß, ob dieser hergelaufene Bursche nicht noch irgendwo auf dich lauert.«

»Hast du nicht gehört? Du sollst auf dein Zimmer gehen. Du stehst unter Hausarrest«, schrie ihre Mutter sie an.

»Da siehst du, zu was dieses Gesindel fähig ist! Das sind doch alles Kriminelle und Mörder!«, fügte Louise abschätzig hinzu.

Vicky wollte nicht glauben, dass ihre Familie in dieser Notsituation überhaupt noch einen Gedanken an Jonathans Besuch verschwendete und sie sogar daran hinderte, Hilfe zu holen.

»Aber seht ihr denn nicht, dass Mary dringend einen Arzt benötigt?«

Ehe sie sich versah, spürte sie die fünf Finger ihres Vaters auf der anderen Wange. »Ab in dein Zimmer! Und du, Louise, schick jemanden nach einem Arzt!«

Vicky setzte wie betäubt einen Fuß vor den anderen. Während sie in ihr Zimmer ging, fasste sie einen Entschluss. Sie würde weder ihrem Vater noch ihrer Mutter und auch nicht ihrer Schwester gegenüber jemals wieder ehrlich sein. Im Gegenteil, sie würde sich in der kommenden Zeit äußerlich dem Stil des Hauses anpassen, aber nur, weil sie wusste, dass sie eines nicht allzu fernen Tages mit Jonathan Bowl fortgehen und niemals wiederkehren würde. Nein, sie hatte keine Familie mehr, auf die sie Rücksicht nehmen musste! Auch keinen Vater! Die beiden Ohrfeigen werde ich ihm nicht verzeihen, so lange ich lebe, ging es ihr bekümmert durch den Kopf.

5

Seit Jonathans missglücktem Besuch im Hause Stewart waren drei Monate vergangen. Vicky hatte konsequent nach ihrem Vorsatz gehandelt. Nach außen war sie höflich und tat alles, was ihre Eltern von ihr verlangten. Selbst als ihre Mutter an diesem Morgen mit einem triumphierenden Lächeln auf den Lippen ankündigte, dass heute Abend auch Frederik Bradshaw zum Dinner kommen würde, hatte sie keine Miene verzogen. Wenn meine Eltern doch nur wüssten, wie gleichgültig mir das alles ist, dachte sie, während sie sich vor dem Trubel, den ihre Mutter für dieses Essen veranstaltete, zu Mary in die Küche flüchten wollte. Ob der begehrte Junggeselle am Tisch saß oder nicht, war ihr herzlich egal. Sie würde ihn einfach nicht beachten! Natürlich ahnte Vicky, was der Anlass für dieses besondere Dinner war. Offenbar hatte Archibald Cumberland ihrer Schwester endlich einen Antrag gemacht, denn sowohl Louise also auch ihrer Mutter stand seit einigen Tagen so ein verräterisches Dauerlächeln ins Gesicht geschrieben.

Auf dem Weg zur Küche warf sie einen sehnsüchtigen Blick auf den Garderobentisch. Dort legte das Dienstmädchen Jane die eingehende Post ab, damit sich jeder seine Briefe nehmen konnte. Vicky stockte der Atem, als sie nicht nur einen Brief von ihrer Freundin Martha vorfand, sondern einen zweiten. Sie nahm ihn wie eine Kostbarkeit zur Hand und drückte ihn an ihre Brust. Erleichterung machte sich in ihr breit, dass sie diese Post gefunden hatte. Nicht auszudenken, wenn die beiden Briefe in die Hände ihres Vaters gefallen wären. Zwei Briefe aus Sydney an einem Tag? Darüber hätte sich ihr Vater sicherlich gewundert. Daran hatte sie nicht gedacht, dass die Briefe ihrer Freundin Martha, die ihr fleißig schrieb, und Jonathans sie an ein und demselben Tag erreichen würden. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Mit den beiden Briefen begab sie sich nach draußen unter ihre Lieblingspalme. Ende Mai war es zwar immer noch angenehm warm draußen, aber nicht so heiß, dass sich die Giftschlangen in die Gärten der Stadt flüchteten.

Aufgeregt ließ sie sich am Stamm der Palme ins Gras hinuntergleiten. In der linken Hand hielt sie nun Martha Cunninghams Brief, in der rechten den von Jonathan unter dem Absender ihrer Freundin. Es war seine zweite Nachricht, seit er an jenem Februartag fortgegangen war. Im ersten Brief hatte er ihr versichert, dass er sein Versprechen wahrmachen würde und dass er sie von Herzen liebte. Natürlich hatte sie ihm sofort geantwortet und sich alles von der Seele geschrieben. Von ihrem Vorsatz und der Familie, die glaubte, sie wäre geläutert … Voller Sehnsucht hatte sie auf seine Antwort gewartet, und eben deshalb würde sie sich nun noch ein wenig länger gedulden können … Zielstrebig öffnete sie den Brief ihrer Freundin. Zu ihrer großen Enttäuschung war es dieses Mal keine persönliche Nachricht, sondern eine mit sorgfältiger Handschrift verfasste Einladung zu Marthas achtzehntem Geburtstag nach Sydney Ende November. Martha hatte genau fünf Tage vor ihr Geburtstag. Obwohl sie sich über die Einladung freute, fragte sie sich bang, ob Jonathan dann schon zurückgekommen und um ihre Hand angehalten hatte … In diesem Zusammenhang stellte sie sich zunehmend die Frage, was wohl wäre, wenn ihr Vater Jonathans Antrag ablehnte. Für sie gab es keinen Zweifel. Sie würde auch ohne die Erlaubnis ihrer Eltern mit ihm gehen, aber wie würde Jonathan reagieren? Wie wichtig war es ihm, Vicky zu einer ehrbaren Ehefrau zu machen?

Hastig legte sie die Einladung beiseite, doch dann sah sie, dass Martha auf die Rückseite noch einige persönliche Worte gekritzelt hatte.

Natürlich kannst du deinen Jonathan mitbringen, wenn sich bis dahin die Wolken verzogen und die Verhältnisse geklärt haben … In Liebe, deine Martha

Martha Cunningham war Vickys einzige Vertraute in dieser vertrackten Angelegenheit. Sie war in die ganze Geschichte mit Jonathan involviert. Sosehr sie ihrer Freundin das Glück gönnte, verlieh sie immer wieder ihrer Hoffnung Ausdruck, dass Vickys Vater dem Antrag zustimmen würde, wenn Jonathan erst als wohlhabender Mann von den Goldfeldern zurückgekehrt war. Diffuse Fluchtpläne hielt sie hingegen für unvernünftig. Das war natürlich leicht gesagt, war doch der Mann, der sich für sie interessierte, ein angesehener Arzt, also durchaus eine gute Partie, der Marthas Eltern ihre Tochter anvertrauen würden.

Anfangs hatte Vicky auch noch mit ihrem Bruder über diese Angelegenheit gesprochen, aber Steven war zunehmend desinteressierter an ihrem Leben geworden. Im Nachhinein wusste Vicky, wo ihr Bruder mit seinen Gedanken gewesen war. Einerseits beim Alkohol, andererseits bei diesem Mädchen vom Hafen. Als ihr Vater rausbekommen hatte, dass sein Sohn ein Verhältnis zu einem käuflichen Mädchen hatte, war im Hause Stewart die Hölle los gewesen. Samuel hatte seinen Sprössling, ohne lange zu fackeln, ein paar Monate vor Studienbeginn nach Sydney geschickt und ihn bei einem befreundeten Richter einquartiert, der selbst zwei Söhne um die zwanzig hatte und über Stevens Doppelleben Bescheid wusste. Offenbar hielt er ihn auf Geheiß seines Freundes Samuel in Sydney unter scharfer Beobachtung. Das wusste Vicky aus dem einzigen Brief, den ihr Bruder ihr geschrieben hatte. Er hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass es ihm in Sydney dreckig ging. Vicky sah die Angelegenheit mit gemischten Gefühlen. Einerseits war sie sehr traurig, dass Steven fort war, andererseits hegte sie die Hoffnung, dass ihm der gestrenge Richter in Sydney den Alkohol austreiben würde.

Nun aber hielt Vicky nichts mehr zurück, und sie öffnete Jonathans Brief mit klopfendem Herzen.

Mein Engel,

hier tobt die Hölle. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was hier los ist. Wir leben Zelt an Zelt am Flussufer, lauter ungepflegte, bärtige und rohe Kerle, denen die Gier in den Augen flackert. Selbstverständlich werde ich mich niemals dem Vorurteil deines Vaters über Goldgräber anschließen, denn schließlich bin ich selbst einer, aber ich kann es schon verstehen, dass wir diesen Ruf genießen. Gewalt ist hier an der Tagesordnung. Jeden Tag gibt es irgendwelche Schlägereien. Meist geht es um die Goldfunde. Was meinst du, wie viele Freundschaften hier in Ballarat schon zerbrochen sind, weil sich die Freunde gegenseitig beschuldigen, den anderen übervorteilt zu haben?

Wir sind jeden Tag bis spät in die Nacht am Fluss, stehen knietief im Wasser und versuchen, Gold zu finden. Noch war mir das Glück leider nicht hold, aber, Liebling, mach dir keine Sorgen, ich weiß, dass ich ein großes Nugget finden werde, das mir eine Zukunft als ehrenwerter Geschäftsmann erlaubt.

Der Ort Ballarat auf dem Hügel wächst täglich. In der Hauptstraße entstehen immer neue Häuser. Es gibt schon zwei Hotels und diverse Geschäfte. Im Pub kommt es allerdings fast täglich zu schlimmen Auseinandersetzungen. Oft auch mit den umliegenden Farmern, die sich durch unsere Existenz auf ihrem Land bedroht fühlen. Außerdem werden die Gesetze immer strenger. Fast täglich finden hier Razzien statt, um zu überprüfen, ob wir Lizenzen besitzen. Und täglich kommen neue Glückssuchende hinzu, die sich, wie ich, das große Wunder versprechen. Kein Mensch kann sich vorstellen, was das für harte Arbeit ist. Es ist ja nicht so, dass du nur ins Wasser greifen musst, und schon hast du einen Goldklumpen in der Hand. Wir stehen beinahe Mann an Mann im eiskalten Wasser und müssen hart arbeiten, um den Flussboden umzupflügen, Steine aus dem Weg zu räumen, und trotzdem haben wir an manchem Abend nicht mehr als ein wenig Goldstaub, den wir zwischen unseren schwieligen Händen zerbröseln. Natürlich hofft jeder andere der Männer genau wie ich, eines Tages das Nugget zu finden, das sein Leben verändert.

Ich habe dir versprochen, dass ich zu deinem achtzehnten Geburtstag zurückkehre. Davon träume ich jede einzelne Nacht. Aber nicht nur davon, sondern auch von deinen weichen Lippen, deinem süßen Lächeln und deiner herzerfrischenden Art. Was kann es für mich Schöneres geben, als ein Leben mit dir zusammen. Dieser Gedanke beflügelt mich, wenn ich nachts todmüde auf mein Lager falle.

Du bist ein vernünftiges Mädchen, dass du deiner Familie keinen Anlass zur Kritik gibst. Es wird ohnehin schwer genug sein, deinen Vater davon zu überzeugen, dass er meinem Antrag zustimmt. Ach, mein Herz, wie sehne ich den Tag herbei, an dem du womöglich meine Frau wirst. Es gibt ein paar Männer, mit denen ich sehr gut auskomme. Allerdings hänseln sie mich, weil ich sie niemals nach Ballarat in den Saloon begleite, wo halb nackte Frauen auf den Tischen tanzen und gegen das entsprechende Geld bereit sind, ihnen zu Diensten zu sein. Du siehst also, dass sich nicht allein dein Bruder zu diesen Damen hingezogen fühlt. Es tut mir übrigens sehr leid, dass dein Vater ihn nach Sydney abgeschoben hat. Aber vielleicht hilft es ihm, vom Alkohol, diesem Teufelszeug, wegzukommen. Auch der, wie du dir wahrscheinlich vorstellen kannst, rinnt hier durch einige Kehlen wie Wasser.

Verzeih mir, wenn ich dir wie Kraut und Rüben schreibe, aber ich bin abends so unendlich erschöpft und müde. Bald auf immer dein Jonathan.

Nachdem Vicky den Brief ein paarmal laut gelesen hatte, drückte sie ihn fest an ihr Herz und stieß einen tiefen Seufzer aus. »Ach, mein Lieb, du musst Glück haben, du musst, musst!«, murmelte sie. Manchmal, wenn sie nachts aufwachte und eine düstere Stimmung sich über sie legte wie ein dunkles Tuch, ließ sie die Frage zu, was geschehen würde, wenn er sein Glück nicht machte. Würde er dann auch um ihre Hand anhalten? Vicky befürchtete, dass er dazu zu stolz sein würde.

»Vicky! Wo bist du?« Die Stimme ihrer Mutter riss sie aus ihren Gedanken. Vicky sprang hoch und nahm die beiden Briefe in eine Hand. Sie besaß leider keine Taschen im Kleid, um die verdächtigen Schriftstücke verschwinden zu lassen. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass ihre Mutter nicht entdeckte, dass sie zwei Briefe bekommen hatte.

Anne stand bereits auf der Terrasse und hatte ihr feinstes Kleid angezogen. Sie sieht umwerfend aus, dachte Vicky, so jugendlich, als wäre sie wirklich Louises Schwester. Die Mutter strahlte über das ganze Gesicht, und ihre Wangen glühten rosig. Nun hatte Vicky wirklich keinerlei Zweifel mehr daran, dass heute Verlobung im Hause Stewart gefeiert würde. Wann man wohl gedachte, ihr das mitzuteilen? Dass Louise sie nicht in diese Angelegenheit einweihte, war kein Wunder, denn die Schwestern gingen sich aus dem Weg. Louise zu meiden war eine reine Vorsichtsmaßnahme Vickys, denn wenn sie sich auch ihren Eltern gegenüber einigermaßen zu beherrschen verstand, das überhebliche Benehmen ihrer Schwester würde sie wahrscheinlich vergessen lassen, sich nach außen hin in Gehorsam und Demut zu üben. Und es war noch aus einem anderen Grund sehr gut, dass Louise ihr die freudige Nachricht noch nicht offiziell überbracht hatte, konnte sie doch nicht dafür garantieren, dass sie ihre Meinung über Archibald Cumberland für sich behalten hätte.

Als ihre Mutter mit ausgebreiteten Armen auf sie zukam und sie fest an sich drückte, ahnte Vicky, dass der große Augenblick der Offenbarung gekommen war. »Mein Kind, zieh dir dein schönstes Kleid an. Heute gibt es etwas Großes zu feiern.« Anne senkte verschwörerisch ihre Stimme. »Stell dir vor, der gute Archibald hat unserer Louise bei ihrem letzten Spaziergang einen Antrag gemacht. Sie werden sich heute verloben.«

Vicky schenkte ihrer Mutter ein falsches Lächeln. »Ach so, deshalb gibt es heute dieses festliche Dinner, zu dem du auch Mister Bradshaw eingeladen hast«, säuselte sie.

Ihre Mutter kicherte. »Na ja, wer weiß, vielleicht gibt es in unserem Haus bald eine zweite Braut. Zeig dich nur von deiner besten Seite, mein Kind. Die Damenwelt Melbournes liegt unserem begehrten Junggesellen zu Füßen. Aber bislang hat es noch keine der Ladys geschafft, sein Herz zu erobern. Also streng dich an. Es wäre doch zu schön, wenn meine beiden Töchter eine gleichermaßen gute Partie machen würden«, seufzte sie schwärmerisch, bevor sie ihre Tochter kritisch von unten bis oben musterte. »Was hältst du davon, wenn du zur Feier des Tages dein schönes rosafarbenes Rüschenkleid anziehst?«

Vicky wollte gerade heftig protestieren, als ihr der Vorsatz einfiel, die brave Tochter zu spielen. Sie nickte eifrig und wollte sich gerade auf dem Absatz umdrehen, als ihre Mutter auf die Briefe in ihrer Hand deutete.

»Oh, so viel Post? Wer hat dir denn alles geschrieben? Martha, Tante Charlotte?« Und schon hatte ihre Mutter nach einem der Briefe gegriffen und ihn Vicky aus der Hand genommen. Vickys Puls beschleunigte sich merklich, und sie betete, dass ihre Mutter den echten Brief von Martha erwischt hatte. Sie beobachtete gebannt, wie sie reagierte, als sie auf den Absender blickte.

»Oh, Post von deiner treuen Freundin.« Ohne zu fragen, nahm Anne den Brief aus dem Umschlag und sah sich die Einladung zu Marthas achtzehntem Geburtstag an. Vicky atmete auf. Sie hielt den echten Brief von Martha in der Hand. Ihre Mutter aber schien ganz begeistert zu sein. »Das ist doch eine wunderbare Gelegenheit, nach Sydney zu reisen. Ich werde dich natürlich begleiten.«

»Ich weiß doch noch nicht einmal, ob ich überhaupt hinfahren werde«, brummte Vicky unwirsch. Sie konnte ihrer Mutter schlecht sagen, dass sie ja gar nicht wusste, ob im Dezember nicht schon Jonathan um ihre Hand angehalten hatte und sie keine Aufpasserin wie ihre Mutter mehr benötigte.

»Aber du wirst dir doch nicht so ein schönes Fest entgehen lassen!«, stieß Anne empört hervor.

»Aber das ist noch so lange hin, und ich habe doch kurz darauf selbst Geburtstag. Vielleicht möchte ich ja auch ein Fest feiern«, säuselte sie.

Das schien ihrer Mutter einzuleuchten. »Natürlich, mein Kind, wir sollten vielleicht selbst ein Fest geben.« Ihr Blick wanderte jetzt zu Jonathans Brief, den Vicky eisern umklammert hielt. »Und von wem ist der? Von Tante Charlotte?«

Vicky nickte eifrig und hielt ihn so fest, dass ihre Mutter, sollte sie sich auch den Brief ungefragt greifen wollen, es nicht schaffen würde, ihn ihr zu entreißen. Glücklicherweise machte sie aber keinerlei Anstalten, auch noch den zweiten Brief ihrer Tochter zu lesen.

Vicky nahm ihrer Mutter rasch Marthas Brief aus der Hand.

»Ich muss mich jetzt umziehen«, sagte sie und wandte sich zum Gehen. Unabhängig von der Tatsache, dass es ein Donnerwetter gegeben hätte, wenn Anne Jonathans Brief erwischt hätte, fand Vicky es auch sonst sehr befremdlich, dass ihre Mutter so distanzlos ihre Post las. Das nahm sie als Hinweis, in Zukunft noch vorsichtiger und immer als Erste zur Stelle zu sein, wenn die Briefe gebracht wurden. Vielleicht sollte ich Mary Bescheid sagen, dass sie mir meine Post in Zukunft lieber persönlich aushändigen und nicht für jedermann sichtbar auf dem Flurschrank ablegen soll, dachte Vicky.

Sie war überhaupt nicht in der Stimmung, sich in das rosafarbene Rüschenkleid zu zwängen, aber sie tat, was ihre Mutter erwartete. Als sie sich damit vor dem Spiegel einmal um die eigene Achse drehte, kam sie sich furchtbar verkleidet vor. Es gab ihr eine ganz und gar märchenhafte Note. Es wollte so überhaupt nicht zu dem mürrischen Gesicht passen, das ihr entgegenblickte. Sie versuchte, zu lächeln, doch mehr als ein schiefes Lächeln brachte sie nicht zustande.

Am liebsten würde sie das Dinner schwänzen, aber sie befürchtete, dass sie ihre Eltern dann wieder gegen sich aufbringen würde. Und das durfte nicht geschehen. Sie sollten sich in der Sicherheit wiegen, dass sie die folgsamste und liebreizendste Tochter von ganz Melbourne hatten. Nun gelang es ihr sogar, so zu lächeln, dass jedermann ihr diese Rolle uneingeschränkt abnehmen würde.

6

Vicky kam genau in dem Augenblick die Treppe herunter, als Jane, das Hausmädchen, Frederik Bradshaw die Tür öffnete. Was Vicky da sah, passte genau auf die Beschreibung, die ihre Mutter und ihre Schwester von dem wohlhabenden Witwer gegeben hatten. Frederik Bradshaw war groß und wirkte sehr muskulös. Das konnte Vicky selbst unter seinem feinen Abendanzug erkennen. Er hatte braune Augen, aus denen die reine Melancholie sprach. Oh weh, dachte Vicky, er sah so aus, als ob er niemals lachte. Ob das der Kummer über den Verlust seiner Ehefrau oder einfach in seinem Charakter begründet war? Vicky konnte sich nicht helfen, diese melancholische, zudem feinsinnige und nachdenkliche Ausstrahlung machte ihn attraktiv. Der Kontrast zu seiner sonstigen Virilität war reizvoll. Es erweckte selbst in Vicky, die sich vorgenommen hatte, diesen Mann mit Nichtachtung zu strafen, eine gewisse Sympathie. Ich kann ihn trotzdem nicht ausstehen!, ging es Vicky trotzig durch den Kopf. In diesem Augenblick trafen sich ihre Blicke. Frederik Bradshaw schien genauso erstaunt zu sein wie sie. In seinem Blick lag wohlwollende Überraschung. Ihm schien zu gefallen, was er sah. Er trat auf Vicky zu, reichte ihr seine Hand und stellte sich förmlich vor, sie aber verschränkte die Hände hinter dem Rücken und bat ihn kühl, ihr in den Salon zu folgen. Als sie gemeinsam das Zimmer betraten, waren alle Augen auf sie beide gerichtet. Mutter guckt, als würde sie vor Glück platzen, dachte Vicky und warf Frederik einen verstohlenen Seitenblick zu. Ob er ahnte, dass er ins Haus Stewart eingeladen war, weil ihre Mutter sie mit ihm verkuppeln wollte? Vicky war sich beinah sicher, dass er sehr wohl wusste, warum er in alle Häuser der Stadt eingeladen wurde, in denen es Töchter im heiratsfähigen Alter gab. Selbst Louise schien von dem Neuankömmling hingerissen zu sein, denn sie begrüßte ihn überschwänglich. Vielleicht ist es aber auch nur die Vorfreude auf die Verkündung der Verlobung, dachte Vicky und wollte sich neben ihre Schwester setzen. Louise jedoch protestierte energisch. »Nein, nein, dieser Platz ist für Archibald!«

»Setz dich neben Mister Bradshaw, Vicky«, säuselte ihre Mutter und schob sie beinahe auf den freien Platz neben den Gast. Vicky war das Verhalten ihrer Mutter unendlich peinlich. Der Besucher musste ja glauben, dass sie selbst es darauf anlegte, ihn als Ehemann einzufangen. Und ehe sie darüber nachgedacht hatte, raunte sie Frederik Bradshaw zu: »Sie müssen sich ja vorkommen wie auf dem Viehmarkt in Melbourne. Nur damit Sie es wissen, keine Sorge, ich suche keinen Ehemann!«

Das Geflüster brachte ihr einen mahnenden Blick ihrer Mutter ein. Frederik Bradshaw hingegen verzog sein Gesicht zu einem Anflug von einem Lächeln. Er beugte sich zu Vicky hinüber und raunte ihr ins Ohr: »Schade eigentlich, im Gegensatz zu den sonstigen Damen der feinen Gesellschaft, die mir in der Hoffnung der Mütter vorgestellt wurden, dass ich sie heirate, könnte ich mir vorstellen, dass Ihre Gegenwart durchaus unterhaltsam sein kann.«

Eigentlich war das ja ganz nett, was er da von sich gab und auch wie er es sagte, aber Vicky wollte ihn nun einmal partout nicht mögen.

Empört schnappte sie also nach Luft: »Machen Sie wildfremden Frauen immer gleich solche Komplimente? Bei mir beißen Sie auf Granit«, erklärte sie laut und vernehmlich, was ihr ein strenges »Sophie Victoria, bitte!« seitens ihres Vaters bescherte.

»Lieber Richter Stewart, schelten Sie nicht Ihre Tochter, ich bin schuld daran. Sie hat völlig recht. Man sollte eine Frau nicht gleich mit Nettigkeiten überfallen. Wir kennen uns ja schließlich gar nicht. Und zu nette Männer haben bei der holden Weiblichkeit kaum Chancen!« Er lachte laut und herzlich. Vicky hatte große Mühe, nicht einzufallen in sein Lachen, schon allein weil der Rest der Familie ihn ziemlich verstört musterte.

Sie konnte sich nicht helfen. Er war wirklich klug, amüsant und nicht auf den Mund gefallen, was sie umso mehr ärgerte, als er doch ihr erklärter Feind war. Was für ein Gegensatz, dachte sie, auf der einen Seite dieser melancholische Blick und auf der anderen sein ansteckendes Lachen. Aber mit Jonathan kann er es im Leben nicht aufnehmen, sagte sie sich entschieden, und ihr wurde ganz warm ums Herz bei dem Gedanken an ihren Liebsten in der Ferne.

Etwas verspätet kam der Gefängnisdirektor hinzu. Er war ein lauter Mann, der sich nicht nur durch harte Schritte, sondern auch eine durchdringende Stimme ankündigte. Vicky vermutete, dass er damit von seiner untersetzten Figur abzulenken versuchte. Sie warf ihrer Schwester einen prüfenden Blick zu, als Archibalds laute Worte bis zum Esstisch drangen. »Sie können jetzt servieren, Jane, ich sterbe vor Hunger. Was gibt es denn?« Ja, Archibald Cumberland betrat nicht einfach einen Raum, sondern er hatte jedes Mal einen regelrechten Auftritt.

Vicky wäre ein derart gepoltertes Verhalten ihres zukünftigen Verlobten eher peinlich gewesen, aber Louise blickte ihn verzückt an, während er mit ausladender Geste die Gesellschaft begrüßte.

»Verzeihung bitte allerseits, dass ich mich ein wenig verspätet habe, aber wir hatten Ärger mit einem neuen Gefangenen. Er wollte sich partout nicht in seine Zelle bringen lassen. Wir mussten Gewalt gegen ihn anwenden. Aber was rede ich? Lieber guter Samuel, du kennst den Knaben ja, es ist einer dieser Goldgräber, den du neulich zu einer Gefängnisstrafe verurteilt hast. Das war dieser Kerl, der den armen Richard erstochen hat. Also bei mir wäre er nicht mit einer Gefängnisstrafe davongekommen. Ich hätte ihn zum Tode verurteilt.«

Mit einem Seitenblick stellte Vicky fest, dass ihr Tischnachbar leicht die Lippen kräuselte. Offenbar war ihm der Neuankömmling nicht besonders sympathisch.

Doch nun stürzte sich Archibald Cumberland direkt auf Frederik Bradshaw und reichte ihm überschwänglich die Hand. »Das ist ja eine positive Überraschung, Sie hier an unserem Tisch willkommen zu heißen. Man hat übrigens den schlitzäugigen Goldgräber, der in Ihr Handelshaus eingestiegen ist, zu einer saftigen Gefängnisstrafe verurteilt. Ich hoffe, das ist ganz in Ihrem Sinne. Ich bin nämlich der Meinung, man ist noch viel zu milde gegenüber diesem Geschmeiß.«

Frederik Bradshaw räusperte sich ein paarmal. »Ich bin der Meinung, dass der Mann ein armer Schlucker war, der kein Glück auf den Goldfeldern gehabt und etwas zum Essen gesucht hat. Meinetwegen hätten sie ihn nicht zu einer Freiheitsstrafe verurteilen müssen. Und ich bin übrigens auch nicht Ihrer Meinung, höhere Freiheitsstrafen wären die Lösung für unser Problem, dass die Stadt zunehmend von Goldsuchern übervölkert wird. Im Übrigen teile ich Ihre Wortwahl nicht, Mister Cumberland. Ich bin mir durchaus dessen bewusst, dass die Flut von Chinesen ein echtes Problem für unsere Stadt darstellt. Aber trotzdem sind es ja Menschen, die einem Traum hinterherjagen, und kein, wie Sie es nennen, Geschmeiß.«

Archibald Cumberlands Augen verengten sich zu gefährlichen Schlitzen. »Soso, Sie hegen also Sympathien gegenüber diesem asozialen Pack«, murmelte er, und es war ihm anzumerken, dass sich Frederik Bradshaw mit seinen Worten keinen neuen Freund gemacht hatte.

Am Tisch herrschte für einen Augenblick peinliches Schweigen. Nur Vicky gefielen diese Worte. Endlich hatte jemand offen ausgesprochen, dass nicht jeder Glückssucher ein Krimineller war.

»Sehr geehrter Mister Bradshaw, es ehrt Sie, dass Sie offenbar ein Herz für diese Menschen haben, aber Sie müssen doch zugeben, dass die Kriminalität in unserer Stadt auf ein Vielfaches angestiegen ist. Das werden Sie doch nicht leugnen können«, erklärte Samuel Stewart in vermittelndem Ton.

»Nein, ich leugne durchaus nicht, dass wir in Melbourne ein großes Problem mit der zunehmenden Kriminalität haben. Dennoch werden wir dieser nicht Herr, indem wir die Goldsucher verteufeln. Man sollte vielleicht eher etwas an den Bedingungen ändern, unter denen sie dort in Ballarat und Bendigo schürfen.«

Archibald Cumberland ließ ein lautes meckerndes Lachen ertönen. »Was wollen Sie diesen Kerlen denn noch bieten? Wollen Sie ihnen Häuser bauen, Frauen ranschaffen, wobei, auch davon haben sie zur Genüge. Es gibt in ganz Australien nicht so viele Prostituierte wie in den Goldgräberorten«, giftete er.

»Darum geht es nicht. Das wissen Sie genau. Es geht darum, dass die Goldsucher zu Menschen zweiter Klasse degradiert werden. Sie haben weder ein Wahlrecht, noch sind sie vor der Willkür von Beamten und Polizisten geschützt. Und sie sind gezwungen, hohe Lizenzgebühren zu zahlen.«

Vicky wunderte sich, dass ihr Vater bei diesen in seinen Ohren ketzerischen Worten nicht einen seiner berühmt berüchtigten Wutausbrüche bekam. Offenbar wertschätzte er Frederik Bradshaw als Mitglied der feinen Melbourner Gesellschaft in einer Weise, dass er ihm das durchgehen ließ. Das allerdings brachte Archibald, dem das nicht entging, erst recht in Rage.

»Wer hat Ihnen denn solche Flausen in den Kopf gesetzt? Das erzählen Sie mal unserem Gouverneur! Der wird Ihnen was husten. Und Sie haben zudem gut reden. Sie verdienen sich mit dem florierenden Handel eine goldene Nase und haben mit dem Pack gar nichts weiter zu tun. Unser tägliches Brot ist es, für Recht und Ordnung in der Stadt zu sorgen und diesen Elementen ihre Grenzen zu zeigen.«

Er deutete auf Richter Stewart, um zu unterstreichen, dass sie gemeinsam auf der Seite der Gesetzeshüter standen.

»Ah, da kommt ja das Essen«, unterbrach Anne eifrig das Streitgespräch zwischen den beiden Männern.

Archibald Cumberland setzte eine mürrische Miene auf, während Louise ihn völlig verzückt anlächelte, was er aber gar nicht wahrnahm. Daraufhin schickte sie einen wütenden Blick über den Tisch zu Frederik Bradshaw, was Vicky belustigt beobachtete. Offenbar hat er sich nicht nur einen Feind gemacht, sondern auch gleich eine Feindin mit dazu, ging es ihr durch den Kopf. Noch während Jane das Essen auftrug, erhob sich Archibald und schlug mit seiner Gabel gegen sein Weinglas.

»Ich habe dir, werter Samuel, und Ihnen, hochgeschätzte Misses Stewart, etwas Wichtiges zu sagen.« Er machte eine bedeutungsschwangere Pause und blickte wichtig nach allen Seiten. »Ich bitte darum, die Gläser zu erheben.«

Louise hing ihm förmlich an seinen Lippen. Auch Samuel und Anne sahen Archibald jetzt in freudiger Erwartung an.

»Der Herr wird doch nicht etwa um die Hand Ihrer Schwester anhalten?«, flüsterte Frederik Vicky belustigt ins Ohr.

Sie nickte grinsend und war froh, dass die Blicke ihrer Eltern jetzt fest auf den zukünftigen Schwiegersohn geheftet waren und sie nicht mitbekamen, wie Frederik und sie sich über Archibalds wichtigtuerisches Gehabe amüsierten.

»Ich möchte hier und heute um die Hand eurer Tochter Louise anhalten. Lieber Samuel und liebe Anne, liebe Schwiegereltern, ich freue mich, nun zu eurer Familie zu gehören und erhebe mein Glas auf euch beide …«

Vicky beobachtete, wie die Miene ihrer Schwester versteinerte. Ihr Bräutigam hatte sie mit keinem Blick gewürdigt.

»Haben Sie nicht jemanden vergessen, Mister Cumberland?«, mischte sich Vicky vorlaut ein.

»Sophie Victoria!«, wurde sie sogleich von ihrer Mutter getadelt.

Archibald Cumberland rang sich zu einem gequälten Lächeln durch. »Junge Dame, sollte es dir etwa in den Sinn gekommen sein, dass ich auch dich um die Hand deiner Schwester bitten sollte?«

»Mich müssen Sie nicht fragen. Aber wie wäre es, wenn Sie das Glas auch auf die Braut erheben würden?«, fügte Vicky spöttisch hinzu. Für den Bruchteil eines Augenblickes war sie aus ihrer selbst auferlegten und mühsam gespielten Rolle gefallen und war wieder ganz die Alte, die kein Blatt vor den Mund nahm. Sie ahnte sogar, woran es lag. Es war die Anwesenheit von Frederik Bradshaw, der sie in ihrer unverhohlenen Abneigung Archibald gegenüber bestärkt hatte. Wenn sie sich auch niemals im Leben mit ihm würde verkuppeln lassen, als guten Freund konnte sie sich diesen Mann sehr wohl vorstellen.

»Danke, liebe Schwägerin in spe, aber das lass getrost meine Sorge sein. Selbstverständlich hätte ich meine zukünftige Frau noch ganz besonders erwähnt.« Demonstrativ griff er nach Louises Hand und drückte sie fest. Louise schien von dieser Geste regelrecht verzückt, denn sie murmelte gerührt: »Danke!« Vicky schüttelte sich innerlich vor Abscheu. Archibald Cumberland war ihr an diesem Abend noch unsympathischer geworden, als er es ihr ohnehin schon gewesen war.

Plötzlich stieß ihr Frederik sanft in die Seite, deutete auf sein Glas und gab ihr damit ein Zeichen, dass sie ihrem zukünftigen Schwager nun wohl oder übel würde zuprosten müssen. Vicky rang sich zu einem schiefen Lächeln durch und hielt ihr Glas hoch. »Alles Gute euch beiden!«, gratulierte sie halbherzig.

Auch Frederik Bradshaw wünschte den Verlobten formvollendet und höflich alles Gute.

Beim Essen hing Vicky ihren Gedanken nach. Dieser Witwer ist wirklich ein ausgesprochen interessanter Mann und nicht so ein grober Klotz, der voller Vorurteile gegen alles Andersartige steckt wie Louises zukünftiger Mann. Sie horchte erst auf, als ihre Mutter Frederik nun regelrecht nach seinem Unternehmen ausfragte. Es fehlt nur noch, dass sie sich nach seinen Bilanzen erkundigt, dachte Vicky, aber sie hörte trotzdem interessiert zu. Frederik Bradshaw exportierte vor allem Schafswolle nach London und Hamburg. Damit ließ sich offenbar viel Geld machen, denn Frederik erzählte nun freimütig, dass er jede freie Minute zusammen mit seinem Sohn William in seinem Strandhaus in St. Kilda verbrachte, und fügte bedauernd hinzu, dass er aber leider viel zu selten dazu käme. Ein Strandhaus in St. Kilda, dachte Vicky, das können sich nur wirklich wohlhabende Melbournians leisten.

Annes peinliche Befragung aber war noch nicht zu Ende. Jetzt erkundigte sie sich nach seiner Familie. Geduldig stand Frederik Vickys Mutter Rede und Antwort. Sein Vater, Sohn eines Londoner Handelsherrn, war bereits in den Dreißigerjahren nach Australien ausgewandert und hatte in Melbourne eine Niederlassung gegründet. Seine Eltern waren aber schon lange tot, und er betrieb das Handelshaus zusammen mit seinem Bruder Benjamin.

Mit einem Seitenblick auf ihren zukünftigen Schwager konnte Vicky nicht ohne Schadenfreude erkennen, dass dieser sichtlich beleidigt war, weil sich bei diesem Dinner inzwischen alles um Frederik Bradshaw drehte.

»Wie alt ist Ihr Sohn denn?«, fragte Anne jetzt neugierig.

Frederiks Miene verdüsterte sich. »William ist inzwischen neun Jahre alt, und er wächst, weil ich viel arbeite, mit einem Kindermädchen auf. Die beiden haben ein sehr gutes Verhältnis, aber trotzdem fehlt ihm die Mutter. Meine Frau starb ja, als er vier Jahre alt war.«

Es fehlt nur noch, dass Mutter mich ihm jetzt als Ersatzmutter für seinen Sohn anpreist, schoss es Vicky durch den Kopf. Ihr stockte der Atem, als sie Anne säuseln hörte: »Ja, das verstehe ich gut. So ein Kind braucht eine weibliche Bezugsperson, die eine feste Größe in seinem Leben wird. Kindermädchen kommen und gehen. Die heiraten ja auch selbst eines Tages, und dann sind sie fort.«

Da überlegte Vicky nicht lange, sondern zupfte Frederik am Ärmel. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen unseren Garten, bis das Dessert kommt«, schlug sie vor. Sie hatte das dringende Bedürfnis, ihn vor einer weiteren Überprüfung seitens ihrer Mutter zu retten.

»Das ist eine sehr gute Idee, Miss Stewart«, erwiderte er sichtlich erleichtert, stand auf und reichte ihr seinen Arm. »Sie entschuldigen uns«, sagte er wohlerzogen.

»Aber natürlich. Geht nur Kinder«, seufzte Anne gerührt, und sie konnte ihre Freude darüber, dass es zwischen Vicky und Frederik offenbar gefunkt hatte, nur schwerlich verbergen.

Kaum waren sie auf der Veranda angekommen, entzog Vicky ihrem Begleiter den Arm und stöhnte laut auf. »Sie müssen entschuldigen, aber meine Mutter möchte mich dringend unter die Haube bringen. Seien Sie froh, dass ich Sie vorerst erlöst habe«, fügte sie lachend hinzu.

»Ach, Miss Stewart, seien Sie nicht allzu streng mit Ihrer Frau Mutter. Sie glauben ja gar nicht, wie offensiv andere Damen der feinen Gesellschaft ihre Töchter anpreisen. Und in dem Punkt war Ihre Mutter doch eher diskret. Ich musste jedenfalls keine Lobreden auf Sie über mich ergehen lassen. Wie gut Sie sticken können und …«

Vicky verdrehte die Augen. »Sticken?«, spottete sie. »Wenn Sie eine solche Frau suchen, sind Sie bei mir ohnehin an der verkehrten Adresse. Ich hasse Handarbeiten!«

»Nun, das war ja nur ein Beispiel. Sie hat auch weder etwas über Ihr sanftmütiges Wesen noch über Ihre ausgeprägte Kinderliebe verlauten lassen«, lachte er.

»Dann hätte sie auch lügen müssen, ich meine, was das Wesen angeht. Kinder finde ich großartig, ich meine, wenn sie nett sind.«

»Ich glaube, Sie wären gewiss eine wunderbare Mutter und könnten meinen oft sehr mürrischen Sohn sicherlich zum Lachen bringen.«

Vicky erschrak. Frederik war auf einmal so ernst. Er hatte doch nicht etwa Feuer gefangen? Sie hatte gehofft, dass sie genauso durch das Raster fallen würde wie die anderen heiratswilligen Kandidatinnen Melbournes. Nicht eine Sekunde lang hatte sie damit gerechnet, dass er ausgerechnet an ihr Gefallen finden könnte.

»Sie sind eine ungewöhnliche junge Frau. Das habe ich auf den ersten Blick gesehen«, bemerkte Frederik versonnen.

»Ja, genau, meine Schwester sagt immer: Als der liebe Gott Anmut verteilt hat, muss er dich übersehen haben«, versuchte Vicky zu scherzen.

»Reizend von Ihrer Schwester und überdies völlig verkehrt. Sie verfügen über eine natürliche Anmut, nicht über dieses gekünstelte und anerzogene Junge-Damen-Gehabe, was ich persönlich, mit Verlaub, affig finde. Meine Frau war zwar ein ganz anderer Typ als Sie, aber auch nicht die Art Schönheit, in die sich die meisten Männer verlieben würden. Sie besaß einen natürlichen Charme, und ihre Gegenwart war so erfrischend wie ein kühles Bad an einem heißen Sommertag. Aber nicht etwa ernüchternd, sondern …« Frederik unterbrach seine Schwärmerei hastig und blickte sie schuldbewusst an. »Entschuldigen Sie, das ist mir so rausgerutscht, weil Sie mir … so vertraut sind …«

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Aus jedem Ihrer Worte spricht die reine Liebe, und vor mir müssen Sie nicht verstecken, wie sehr Sie Ihre Frau geliebt haben und noch immer lieben«, entgegnete Vicky mit sanfter Stimme.

Täuschte sie sich, oder bekam Frederik bei ihren verständnisvollen Worten feuchte Augen? Das schreckte sie aber keinesfalls ab. Im Gegenteil, sie hatte Mister Bradshaw durch diese Liebeserklärung an seine verstorbene Frau soeben wirklich in ihr Herz geschlossen. Am liebsten hätte sie ihn umarmt und getröstet, aber das hätte er mit Sicherheit falsch verstanden.

»Sie sind eine wunderbare Frau«, seufzte er und schenkte ihr einen intensiven Blick aus seinen melancholischen braunen Augen. »Ich möchte nicht nassforsch wirken, aber könnten Sie sich vorstellen, dass wir beide uns näher …«

Vicky legte ihm ihren Finger auf den Mund. »Bitte, reden Sie nicht weiter«, bat sie ihn. »Ich muss Ihnen etwas anvertrauen. Wenn meine Familie das erfährt, dann kann ich etwas erleben, aber Ihnen will ich die Wahrheit sagen.« Während Vicky diese Worte aussprach, wunderte sie sich selbst darüber, wie vorbehaltlos sie diesem Fremden vertraute.

»Ich liebe einen Goldgräber, der sich zurzeit auf den Feldern in Ballarat befindet und der zu meinem achtzehnten Geburtstag als reicher Mann nach Melbourne zurückkehren und um meine Hand anhalten will. Davon ahnen meine Eltern allerdings nichts, und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mein kleines Geheimnis für sich behielten.«

Aus Frederiks Augen sprach eine Mischung aus Enttäuschung und Bewunderung. »Von mir wird das keiner erfahren«, erwiderte er schließlich mit belegter Stimme.

Er mag mich wirklich, dachte Vicky bedauernd, aber gerade weil sie ihn auch gernhatte, brachte sie es nicht übers Herz, ihn zu belügen oder ihm falsche Hoffnungen zu machen.

»Könnten Sie vielleicht meinen Eltern gegenüber so tun, als hätte ich keinerlei besonderen Eindruck auf Sie gemacht?« Vicky legte den Kopf schief und sah ihn flehend an.

»Ungern«, sagte er leise. »Sie sind nämlich die erste junge Dame auf dem Melbourner Heiratsmarkt, die mir wirklich gefällt«, fügte er seufzend hinzu.

»Sie gefallen mir auch, aber als Freund«, gab Vicky zögernd zu. »Ich habe mein Herz nun einmal an Jonathan verschenkt, ich liebe ihn, und da kann ich nicht einfach einen anderen zum Mann nehmen, nur weil es bequemer wäre und er meinen Eltern zusagt«, fügte sie hastig hinzu.

Frederik stieß einen tiefen Seufzer aus. »Meine Eltern waren damals alles andere als erfreut über die Wahl meiner zukünftigen Frau. Christine arbeitete als Kindermädchen bei Freunden meiner Eltern. Sie stammte aus keiner der sogenannten besseren Familien der Stadt, sondern ihr Vater war ein kleiner Farmer, der seine Familie so gerade eben durchbringen konnte. Deshalb hatte er auch seine Tochter zum Arbeiten in die Stadt geschickt. Was meinen Sie, was da bei uns zu Hause los gewesen ist? Sogar mit Enterbung hat mir mein Vater gedroht, ich habe mich aber durch nichts von meinem Weg abbringen lassen. Schließlich haben meine Eltern eingelenkt.«

»Ja, Mister Bradshaw, es ist auch meine große Hoffnung, dass meine Eltern ein Einsehen haben. Ich liebe diesen Mann von Herzen und wünsche mir, dass nichts unsere Liebe verhindern wird.«

War es Skepsis, die in diesem Augenblick aus Frederiks Augen sprach? Oder Enttäuschung?

»Sie glauben nicht daran, dass ich meinen Vater jemals werde umstimmen können, oder?«

Frederik wand sich ein wenig. »Nun, ich habe jedenfalls gewisse Bedenken, ob Ihre Familie jemals einen Goldsucher in ihren Reihen akzeptieren wird. Ich meine, Sie haben ja selbst gehört, welche Reden Ihr zukünftiger Schwager im Munde führt. Ich gehe davon aus, dass Ihr Vater als Richter ähnlich denkt. Aber eines sei Ihnen versichert: Sollten Sie einmal in Schwierigkeiten geraten, Sie können sich jederzeit an mich wenden. Wenn ich auch nicht mehr erreiche, so möchte ich Ihnen immerhin meine Freundschaft anbieten.«

»Sie sind ein Schatz«, stieß Vicky dankbar hervor und umarmte Mister Bradshaw überschwänglich. »Das habe ich mir auch gewünscht, dass Sie mein Freund werden.«

Er schenkte ihr ein warmes Lächeln. »Und wenn dieser Goldgräber sich als Hallodri entpuppen sollte und es nichts wird mit Ihnen beiden, auch dann hab ich ein offenes Ohr für Sie.«

»Das wird nicht geschehen. Und wenn, werde ich bei Ihnen vorsprechen, aber ich befürchte, dann sind Sie bereits vergeben. Jetzt verstehe ich, warum es heißt, dass die Damen sich um Sie reißen würden. Sie sind wirklich wunderbar!«

Über seinen Augen hing jetzt wieder dieser melancholische Schatten. »Ich möchte nicht irgendeine Frau, Miss Stewart, ich möchte die richtige Frau finden.«

»Und Sie glauben, ich wäre richtig für Sie?«, erkundigte sie sich vorsichtig. »Sie können übrigens Vicky zu mir sagen.« War es denn möglich, dass sie diesen begehrten Junggesellen im Sturm erobert hatte?

»Ich kann Ihnen sogar verraten, warum. Abgesehen davon, dass Sie bildhübsch und begehrenswert sind, sind Sie eine bezaubernde, mitfühlende und kluge Frau. Bei Ihnen wäre ich mir beinahe sicher, dass Sie mir den Raum geben würden, um meine Frau zu trauern. Ja, ich vermute, Sie würden sie nie als Konkurrenz begreifen und versuchen, sie aus unserem Leben zu verdrängen.«

»Aber welche Frau würde denn so etwas verlangen?«, fragte Vicky empört.

Frederik strich ihr versonnen über die Wange. »Viele der verwöhnten jungen Damen dulden nicht einmal die Erinnerung an eine geliebte Frau neben sich. Einmal habe ich eine sehr hübsche Lady zu mir zum Tee eingeladen. Ohne ihre Frau Mama. Sie hatte nichts Besseres zu tun, als sofort mit der Umplanung meines Hauses zu beginnen. Sie wollte alle Dinge verbannen, die einmal meiner Frau gehört haben. Als sie schließlich das Bild meiner geliebten Frau einfach umgedreht und sich beschwert hat, dass Christine sie so anklagend anschauen würde, habe ich die feine Lady gebeten, mein Haus zu verlassen. Ich werde Ihnen jetzt nicht verraten, wer die Dame war, aber seitdem gelte ich in der Gesellschaft als äußerst schwierig, was meine Vermittelbarkeit auf dem Heiratsmarkt angeht.«

»Ach, das ist doch dumm, ein Bild Ihrer Frau zu verbannen. Hat die Dame denn überhaupt nicht an Ihren Sohn gedacht? Eine neue Frau an Ihrer Seite muss doch seine Mutter immer in Ehren halten.«

Frederiks Miene erhellte sich wieder ein wenig. »Reden Sie jetzt nur nicht weiter Vicky, sonst komme ich noch in Versuchung, gegen Ihren Glücksritter anzutreten und Sie ihm auszuspannen. Sie sind einfach entzückend. Ich würde Sie vom Fleck weg …«

»Wo bleibt ihr denn?«, erklang jetzt die vorwurfsvolle Stimme von Anne Stewart. »Das Dessert ist angerichtet.« Annes Blick war allerdings ganz und gar nicht böse, sondern sie schien bereits in dem Glück zu schwelgen, dass sie mit Frederik Bradshaw einen zweiten passenden Schwiegersohn an Land gezogen hatte.

Im Salon wurde gerade eifrig diskutiert. Samuel und Archibald ereiferten sich über ihr Lieblingsthema, die Plage der Goldsucher und die damit verbundene wachsende Kriminalität in der Stadt.

»Meine Herren, es wundert mich ein wenig, dass sie nur Schlechtes gegen die Goldgräber vorzubringen haben. Unsere Stadt hätte niemals einen solch blühenden Aufschwung genommen, wenn dort oben kein Gold gefunden worden wäre«, mischte sich Frederik ein und zwinkerte Vicky verschwörerisch zu.

»Ja, schon, aber der Frieden ist dahin, und Sie werden ja wohl kaum leugnen, dass diese Kerle nichts als Weiber, Saufen und Schlägereien im Sinn haben«, brummte Richter Stewart.

»Aber das sind doch nur einige, die aus dem Ruder laufen. Und es sind hauptsächlich diejenigen, die nicht ihr Glück gemacht haben. Die alles in der Heimat hinter sich gelassen haben, um als reiche Männer zurückzukehren, und jetzt feststellen müssen, dass sie gar nichts gewonnen haben, außer dass sie entwurzelt sind. Es ist nicht mehr so einfach, dort oben Gold zu finden. Die Nuggets liegen nicht am Boden herum, und die Leute müssen sich nur danach bücken. Das ist verdammt harte Arbeit …«

»Wenn man Sie so reden hört, müsste man annehmen, Sie hegen selbst den Wunsch, das Abenteuer auf den Goldfeldern zu suchen«, bemerkte Archibald spitz.

Frederik musterte Archibald durchdringend. »Sie mögen durchaus recht haben. Wäre ich nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, würde ich sicherlich alles tun, um mein Glück zu finden. Ich möchte nicht ausschließen, dass ich es auf den Goldfeldern versucht hätte, denn ich verurteile diese Menschen nicht …«

»Aber Sie müssen doch zugeben, dass es zum großen Teil arbeitsscheues Gesindel ist. Warum haben die Männer keine anständigen Berufe erlernt?«

»Weil nicht alle Menschen so privilegiert sind wie Sie, Richter Stewart, Sie, Mister Cumberland, oder ich«, entgegnete Frederik mit fester Stimme.

»Wollt ihr nicht endlich zugreifen?«, mischte sich Anne energisch ein. Ihr war anzumerken, dass sie keine weiteren Streitgespräche bei Tisch wünschte, sondern darauf brannte, endlich etwas darüber zu erfahren, wie es mit Vicky und Frederik Bradshaw im Garten gelaufen war.

»Sie sagten, Ihr Sohn wäre bereits neun Jahre alt. Glauben Sie, dass eine Siebzehnjährige mit so einem Bengel überhaupt klarkommen würde? Ich meine, meine Schwester ist doch selbst noch ein Kind«, giftete Louise plötzlich. Vicky ahnte, warum sie so garstig war. Das galt ausnahmsweise einmal nicht ihr, nein, sie hatte es darauf angelegt, Mister Bradshaw zu treffen, weil sie offenbar auch schon bemerkt hatte, dass Vicky es ihm angetan hatte. Doch da er sich mit ihrem Verlobten angelegt hatte, wollte sie ihn spüren lassen, dass sie ihn ablehnte.

Deshalb bekam Vicky auch sofort Rückendeckung von ihrer Mutter, die Louise einen vorwurfsvollen Blick schickte.

»Verehrte Miss Stewart, was den Charakter Ihrer Schwester angeht, gehe ich mit Ihnen nicht konform«, entgegnete Frederik in fast geschäftsmäßigem Ton. »Vicky ist eine durchaus erwachsene Person, die das Leben klüger betrachtet als manch ältere Herrschaften.«

»Ach, so vertraut ist man einander schon, dass man den Anwalt für meine Schwester spielt«, bemerkte Louise mit gekräuselten Lippen.

»Louise Charlotte, bitte!«, ermahnte die Mutter ihre Ältere.

Frederik legte Vicky zum Zeichen, dass er auf ihrer Seite stand, die Hand auf den Arm.

»Ach, das ist ja herrlich«, stieß Anne begeistert aus. »Ein so schönes Paar.«

Vicky lief knallrot an. Hatte Frederik nicht versprochen, kein Interesse an ihr zu zeigen? Und nun vermittelte er der Familie den Eindruck, sie ständen kurz vor der Verlobung.

»Verehrte gnädige Frau«, hörte sie Frederik in diesem Augenblick sagen. »Ich finde, dass Sie eine reiz-, ich meine, reizende Töchter haben, aber sehen Sie. Ich bin immer noch nicht über den Tod meiner geliebten Frau weg und werde keine junge Frau ins Unglück stürzen, indem sie sich an einen Trauerkloß wie mich bindet. Schauen wir einmal, wie es in einem Jahr aussieht. Nun, wenn Ihre Vicky dann noch keinem anderen jungen Mann den Kopf verdreht hat, wäre sie die Erste, der ich einen Antrag machen würde.«

Vicky hätte in diesem Augenblick nicht zu ihrer Mutter schauen dürfen, denn die sah aus wie ein Fisch auf dem Trockenen, der in den letzten Zügen nach Luft schnappte. Dieser Anblick war so komisch, dass Vicky ein gefährliches Kitzeln in der Kehle verspürte. Das kannte sie schon, wenn sich bei ihr ein Lachkrampf ankündigte, aber sie schaffte es, sich zu beherrschen, beugte sich zu Frederik und flüsterte: »Mein Kompliment, wie galant Sie sich aus der Affäre gezogen haben, und das, ohne mich zu kompromittieren.

»Das war mir doch ein Vergnügen«, erwiderte er schmunzelnd.

»Ich verspreche Ihnen, wenn ich herausfinde, dass Jonathan ein Heiratsschwindler ist, der bereits Familie hat, dann heirate ich Sie nach dem Trauerjahr«, raunte sie ihm zu. »Meiner ewigen Freundschaft können Sie ohnehin sicher sein!«

Sein Blick bestätigte ihr, dass er ihr das Gleiche zusagte.

Samuel, Anne und Louise saßen immer noch da wie vom Donner gerührt. Ihnen hatte das offene Geständnis des Gastes offenbar die Sprache verschlagen. Lediglich Archibald redete und redete, nur dass ihm keiner zuhörte, aber das schien den Gefängnisdirektor nicht zu stören.

Nach dem Dessert verabschiedete sich Frederik Bradshaw hastig. Vicky wollte sich, nachdem er gegangen war, ebenfalls unauffällig in ihr Zimmer zurückziehen, aber da brach es von allein Seiten über sie herein. Am liebsten hätte sie sich die Ohren zugehalten.

»Was hast du da draußen im Garten angestellt, dass er dir einen Korb gibt?«, fragte Anne entrüstet.

Vicky zuckte mit den Achseln.

»Ich bin froh, dass dieser Kerl kein Familienmitglied wird«, schimpfte Archibald.

»Es ist unglaublich, wie du dich dem Mann an den Hals geschmissen hast. Da blieb ihm ja gar nichts anderes übrig, als Fersengeld zu geben«, fügte Louise bissig hinzu.

»Ruhe!«, bot Samuel Stewart dem Ganzen erbost Einhalt. »Bis auf seine abwegigen Ansichten zu der Goldgräberfrage ist er durchaus ein netter Mensch«, fügte er energisch hinzu. »Und ich glaube, er hat unsere Vicky wirklich gern. Ich prophezeie euch, dass er in einem Jahr um ihre Hand anhalten wird, und dann sollten wir dankbar sein.«

»Wieso bist du so ruhig? Der Kerl hat dir gerade einen Korb gegeben.« Louise sprach mit dieser schrillen Stimme, die Vicky gar nicht an ihrer Schwester leiden konnte.

»Er hat deiner Schwester keinen Korb gegeben«, widersprach Richter Stewart streng. »Im Gegenteil, er hat deutlich signalisiert, dass er noch ein Jahr wartet, bis er unsere Vicky heiratet.« Im Ton ihres Vaters schwang ein gewisser Stolz mit.

»Meinst du wirklich? Er wird sie zur Frau nehmen?« Annes Stimme klang leicht hysterisch.

»Natürlich, mein Schatz!«, erklärte der Richter mit Nachdruck.

»Hat er dich geküsst?«, hakte Louise nach.

Vicky kämpfte mit sich. Eigentlich wollte sie sich auf dieses Scharmützel nicht einlassen, aber es reizte sie unendlich, ihre Familie ein wenig zu schockieren. Deshalb erfand sie eine kleine Lüge. »Da schweigt eine Lady, aber nur so viel, liebes Schwesterlein, er küsst wie ein junger Gott.«

»Mein Riechsalz«, rief Anne. »Er hat dich geküsst und will dich nicht heiraten. Ein Skandal. Wenn sich das herumspricht.«

»Nun beruhige dich doch. Mister Bradshaw will unsere Vicky doch heiraten, ich finde das sehr vernünftig, noch ein Jahr zu warten«, redete Samuel Stewart auf seine Frau ein.

Vicky gähnte demonstrativ. »Ich würde mich gern für heute Abend verabschieden und in mein Zimmer zurückziehen.«

Der Richter musterte seine Tochter prüfend. »Du magst ihn doch, oder?«

»Ja, ich mag ihn«, seufzte Vicky. »Er ist wesentlich unterhaltsamer, intelligenter und toleranter als viele andere Männer der sogenannten feinen Gesellschaft.« Sie konnte sich nicht verkneifen, ihrem zukünftigen Schwager einen Blick zuzuwerfen. »Aber warten wir ab, was in einem Jahr ist.«

»Ich verstehe dich nicht, Sophie Victoria«, warf ihre Mutter ein. »Du müsstest doch vor Glück, dass dieser Mann an dir Interesse hat, schier platzen. Und Vater hat recht. In gewisser Weise bist du mit ihm verlobt.«

Archibald lachte spöttisch auf. »Ich halte den reichen Pinkel für einen Heuchler. Wahrscheinlich charmiert er sich durch alle Salons der Stadt und macht den Müttern Hoffnung darauf, ihr Schwiegersohn zu werden. Die Masche mit der Trauer zieht doch bei den Ladys.«

Vicky sah ihn kampfeslustig an. »Du solltest nicht von dir auf andere schließen. Du würdest es vielleicht als Masche verwenden, Mister Bradshaws Trauer ist echt. Er hat seine Frau Christine wirklich geliebt, und sie wird immer ein Teil seines Lebens bleiben.«

»Wie furchtbar. Stell dir vor, ihr heiratet tatsächlich und überall mischt das Gespenst seiner toten Frau mit. Das würde ich mir verbitten«, giftete Louise.

»Das glaube ich dir aufs Wort«, erwiderte Vicky, während sie aufstand und den Salon verließ.

Kaum in ihrem Zimmer angekommen, warf sie sich in ihrem rosafarbenen Rüschenkleid auf ihr Bett und hing ihren Gedanken nach. Es überfiel sie plötzlich eine nahezu schmerzhafte Sehnsucht nach Jonathan. Wie gern würde sie jetzt in seinen Armen liegen und ihn küssen. »Bitte, lieber Gott, steh ihm bei und lass ihn einfach Glück haben«, murmelte sie. Ja, das brauchte er, um sein Versprechen wahrzumachen und spätestens an ihrem achtzehnten Geburtstag um ihre Hand anzuhalten. Sollte sich die Familie doch bis dahin ruhig Hoffnungen auf eine Beziehung zwischen Frederik und ihr machen. Ihr Herz war vergeben!

Vicky erhob sich von ihrem Bett und setzte sich an ihren kleinen Schreibtisch, um Jonathans Brief zu beantworten. Sie schrieb ihm, dass die Zeit des Wartens nur zäh verrann und es keinerlei ablenkende Zerstreuung gäbe. Dass sie sich vor nicht einmal einer Stunde sehr angeregt mit einem jungen Mann unterhalten hatte, verschwieg sie ihm vorsichtshalber. Man konnte ja nie wissen, was für Fantasien er darüber dann im fernen Ballarat entwickelte. Plötzlich fiel ihr ein, dass vorhin bei Tisch von den vielen käuflichen Mädchen in den Goldgräberstädten die Rede gewesen war. Ob Jonathan ihre Dienste wohl auch in Anspruch nahm?

Am liebsten hätte sie ihm diese Frage in ihrem Brief gestellt, aber das wäre ungehörig gewesen, und sie wollte ihn nicht verärgern.

Also schloss sie ihr Schreiben mit Liebesschwüren, denn sie war selbst erstaunt, wie all die Wochen, in denen sie ihn nicht mehr gesehen hatte, ihren starken Gefühlen für ihn nichts anhaben konnten. Tief in ihr war die Gewissheit, dass sie dem Richtigen begegnet war, einem Mann, der genau das an ihr liebte, wofür die Familie sie permanent kritisierte: dass sie offen und unverstellt war. Außerdem sehnte sie sich nach seinen Küssen. Ach, wie sehr sie doch hoffte, dass er nun bald als reicher Mann nach Melbourne zurückkehren und damit in den Augen ihres Vaters im Ansehen steigen würde.

7

An diesem Tag spürte Jonathan seine Erschöpfung in jeder Pore. Er arbeitete Tag für Tag im Fluss wie ein Wahnsinniger, aber alles, was er aus dem Fluss wusch, war nicht mehr als flüchtiger Goldstaub, der ihm das Überleben im Goldgräberlager ermöglichte.

Er fiel jeden Abend ermattet auf sein Lager, und seine einzige Freude waren Vickys Briefe. Bislang hatte ihn der Mut nicht verlassen, aber langsam machte sich eine gewisse Verzweiflung in ihm breit, und er quälte sich zunehmend mit der Frage, was geschehen würde, wenn ihm das Glück nicht hold sein würde. Bis zu Vickys Geburtstag waren es nur noch wenige Wochen, und er konnte doch unmöglich derart abgerissen und vom Pech verfolgt an der Tür des überheblichen Richters läuten …

Jonathan hatte unter den Goldgräbern einen treuen Freund gewonnen. Chui, einen jungen Chinesen, den er eines Abends vor zwei brutalen Schlägern gerettet hatte und der seitdem unter seinem Schutz stand. Außerdem hatte er sich mit zwei jungen Iren angefreundet, die genau wie er davon träumten, als reiche Männer in ihr Land zurückzukehren.

Jonathan hatte sich gerade gewaschen und auf sein Lager gelegt, als seine Freunde ihn besuchten. Sie hatten ihre Ausgehanzüge an und wollten nach Ballarat reiten, um sich im Saloon zu amüsieren. Jonathan nahm an solchen Ausflügen niemals teil. Er war weder ein Trinker, noch reizten ihn die Mädchen dort.

An diesem Tag aber ließen sich seine Freunde nicht so einfach abwimmeln. Offenbar ahnten sie, dass Jonathan sich nicht besonders gut fühlte.

»Jonathan, begleite uns. Du brauchst eine Ablenkung von deinen trüben Gedanken«, sagte Chui in seinem lustig klingenden Englisch, in dem der Buchstabe »R« grundsätzlich zu einem »L« wurde.

»Nein, ich bin müde«, gab er unwirsch zurück. »Amüsiert euch nur.«

»Heute lassen wir uns nicht abwimmeln«, widersprach Ian, der rothaarige Ire mit der versoffenen Stimme. »Wir sind deine Freunde und sehen doch, dass es dir nicht gut geht.«

»Richtig, du kommst mit«, pflichtete ihm Sam bei, ein kleiner, wieselflinker Kerl, der immer fröhlich war, ganz gleich, wie schwielig seine Hände waren und wie wenig Goldstaub in seinem Sieb auch hängen blieb.

Jonathan setzte sich auf und musterte seine Freunde gerührt. Was für ein Glück, dass ich solche feinen Kerle kenne, dachte er und überlegte. Vielleicht half ein Besuch in der Stadt tatsächlich, um seine trüben Gedanken zu verscheuchen.

»Gut, ihr habt mich überredet, aber zu den Mädchen gehen, das müsst ihr allein, solltet ihr gehofft haben, ich würde mich euch anschließen.«

»Mädchen? Welche Mädchen?«, fragte Chui grinsend.

»Aber das würden wir doch auch nicht tun«, lachte Ian. »Meine Braut würde mich umbringen, wenn sie davon erführe. Und ihr womöglich noch eine schlimme Krankheit mitbrächte. Dann bräuchte ich nämlich gar nicht nach Irland zurückzukehren, auch nicht als reicher Mann.«

Knurrend bat Jonathan seine Freunde, draußen auf ihn zu warten, weil er sich für den Bummel in die Stadt umziehen wollte. Den feinen Anzug, den er von Vickys Bruder bekommen hatte, hatte er noch nicht ein einziges Mal auf den Goldfeldern getragen, sondern sorgfältig in seinem hölzernen Handkoffer verstaut. Er holte ihn wie einen Schatz hervor und zog ihn an. Leider besaß er keine anständigen Schuhe, die dazu passten, aber auf den ersten Blick machte er in diesem Zwirn wirklich etwas her.

Das fanden auch seine drei Freunde, die bewundernde Pfiffe ausstießen, als Jonathan aus dem Zelteingang ins Freie trat.

»Das Aussehen eines reichen Mannes hast du schon«, scherzte Sam und strich sich über seinen Rauschebart. »Mir ist das ein Rätsel, wie du es schaffst, dich unter diesen Bedingungen zu rasieren.« Die beiden anderen nickten zustimmend. Diese Mühe machte sich kaum einer der Männer.

»Wo hast du denn diesen Anzug geklaut?«, lachte Chui.

»Es ist eine Leihgabe meines zukünftigen Schwagers«, erklärte Jonathan nicht ohne Stolz. »Wenn ich wieder in Melbourne bin, werde ich ihm einen neuen kaufen.«

Die drei Männer gingen zu ihren Pferden, die sie günstig in Ballarat auf dem Viehmarkt erstanden hatten. Es waren keine rassigen Tiere, sondern gemütliche ältere Gäule, aber um den Berg hinauf in die Stadt zu reiten, taugten sie allemal.

Jonathans drei Freunde steuerten zielsicher den größten Saloon an der Hauptstraße an, aus dessen Innerem laute Musik bis auf die Straße schallte. Jonathan missfiel dieser Lärm, und er bereute, dass er sich von seinen Freunden zu diesem Ausflug hatte überreden lassen. Er blieb auf seinem Pferd sitzen und sann nach einer Ausrede, wie er sich unauffällig aus der Affäre ziehen konnte. Da hatte Ian bereits sein Pferd angebunden und forderte ihn auf, ihnen in das Innere des Etablissements zu folgen. Widerwillig ließ sich Jonathan von seinem Gaul gleiten.

Im Saloon herrschte ohrenbetäubender Lärm, aber der kam nicht von der Musik. Der Platz auf der Bühne war leer. Dafür johlten betrunkene Männer von allen Seiten, manche hatten junge Frauen auf dem Schoß und poussierten ungeniert mit ihnen herum. Jonathan war schrecklich unwohl, und er wäre am liebsten sogleich wieder hinausgegangen. Als seine Freunde im Gewühl verschwunden waren, schien der richtige Augenblick für den diskreten Rückzug gekommen. Er drehte sich auf dem Absatz um und steuerte gezielt den Ausgang an. In der Tür stieß er beinahe mit einer schwarzhaarigen jungen Frau zusammen. Er schätzte sie auf höchstens achtzehn. Sie trug ein knallrotes Kleid, das in der Taille so eng geschnürt war, dass er sich fragte, wie sie bei dieser Hitze überhaupt noch atmen konnte. Es hatte an diesem Tag an die dreißig Grad gehabt. Gegen Abend hatte es sich zwar abgekühlt, aber im Saloon herrschten tropische Temperaturen.

»Sie wollen doch nicht etwa schon gehen?«, fragte die schöne Dame und strich sich verführerisch durch ihre langen, dunklen Locken.

»Ich befürchte, das da ist nichts für mich«, seufzte Jonathan.

»Aber Sie müssen mir wenigstens kurz bei der Arbeit zusehen«, entgegnete sie bittend.

»Bei Ihrer Arbeit zugucken?«, fragte Jonathan sichtlich verwirrt. »Ich, ich glaube, das, das ist doch, äh …«, stammelte er.

Die junge Frau musterte ihn verdutzt, bis sie in wildes Gelächter ausbrach.

»Ach, jetzt verstehe ich, was Sie denken. Sie halten mich für ein Animiermädchen, oder? Das wäre allerdings ein seltsames Anliegen, wenn ich Ihnen anböte, mir da bei der Arbeit zuzusehen«, lachte sie aus voller Kehle.

»Sie sind also keine von den käuflichen jungen Damen?«, gab er erstaunt zurück.

»Nein, wo denken Sie hin! Ich bin hier die Sängerin. Und ich würde mich riesig freuen, wenn Sie im Publikum sitzen würden. Sie sind eine angenehme Ausnahmeerscheinung bei all diesen ungepflegten Burschen.«

»Ich weiß nicht recht. Mir ist das alles viel zu voll und zu laut. Außerdem trinke ich in der Regel keinen Alkohol.«

Die junge Frau sah ihn fordernd an. »Bitte, mir zuliebe. Ich bin Nicoletta. Und wie heißen Sie?«

»Jonathan«, seufzte er und gab sich geschlagen. Er folgte ihr zurück in das Lokal.

Nicoletta nahm ihn bei der Hand, zog ihn durch das Gedränge in die erste Reihe und schob ihn auf einen Stuhl an einem freien Tisch vor der Bühne.

»Den lasse ich immer freihalten für besondere Gäste«, raunte sie ihm verschwörerisch zu. »Und ich hole Ihnen jetzt wenigstens einen Whisky, damit Sie etwas lockerer werden und mir nicht weglaufen«, fügte sie lachend hinzu. Inzwischen hatten ihn auch seine Freunde erspäht und sich mit ihren randvoll gefüllten Gläsern zu ihm gesetzt.

»Du hast aber eine schicke Eroberung gemacht. Wer war die Dame?«, flüsterte ihm Sam zu. »Also, die würde ich nicht von der Bettkante stoßen.«

»Sie ist keines der Animiermädchen, sie singt hier«, entgegnete Jonathan entschieden. Ihm war noch immer nicht ganz wohl bei der Aussicht, den Abend in diesem Etablissement zu verbringen. Doch dann kehrte Nicoletta mit dem Whisky in der Hand zurück und wurde von seinen Freunden überschwänglich begrüßt.

»Und ihr sorgt mir dafür, dass dieser Mann nicht fortläuft. Verstanden?«, befahl sie, bevor sie auf die aus Brettern nur notdürftig zusammengezimmerte Bühne sprang und sich neben das Klavier stellte. Ein dicker, schwitzender Mann setzte sich an das Instrument und begann zu spielen. Es hörte sich in Jonathans Ohren ganz schrecklich an, aber als dann Nicoletta freche Dirnenlieder sang, entspannte er sich. Sie hatte eine raue, tiefe Stimme, mit der sie das Publikum augenblicklich in ihren Bann zog. Das Gejohle der Männer verstummte, kaum dass der erste Ton erklungen war.

Jonathan war es ein wenig peinlich, dass sie beim Singen immerzu nur ihn ansah, was natürlich auch seinen Freunden nicht entging. Chui klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. »Bei der Dame hast du einen Stein im Brett«, kommentierte er in seinem lustig klingenden Englisch.

Aber auch Jonathan konnte sich ihrem Charme, ihrer Stimme und ihrer Bühnenpräsenz nicht gänzlich entziehen. Mit jedem Lied fühlte er sich entspannter, wozu auch der Whiskygenuss beitrug.

Nach dem letzten Song applaudierte er mindestens so euphorisch wie die anderen Gäste. Ihr letzter Ton war noch nicht verklungen, als sie von der Bühne sprang und direkt auf Jonathan zukam.

»Wollen wir noch einen trinken?«, fragte sie keck. Er nickte und kramte in seiner Jackentasche nach ein paar Penny, die er ihr in die Hand drückte. »Ich lade Sie ein«, sagte er.

»So kenne ich dich ja gar nicht«, scherzte Ian.

»Ich mich auch nicht«, gab Jonathan knurrend zurück, denn er empfand durchaus gemischte Gefühle. Einerseits lenkte ihn dieser Abend tatsächlich ein wenig von seinen Sorgen ab, andererseits bereitete ihm der Gedanke an Vicky ein schlechtes Gewissen. Was sie wohl dazu sagen würde, dass er in einem Saloon abhing und mit einer schönen Sängerin Whisky soff? Seine Bedenken verflogen aber in dem Augenblick, als Nicoletta sich neben ihn setzte, nachdem Ian den Platz an seiner Seite rücksichtsvoll geräumt und einen Stuhl weiter gezogen war.

»Zum Wohl, Jungs!«, sagte Nicoletta, hob ihr Glas und prostete zu allen Seiten. »Zum Wohl, Jonathan.« Sie war nun ganz nahe an ihn herangerückt, und er roch ihr betörendes Parfüm, was ihm schier die Sinne verwirrte. Diese Frau versteht es, Männer zu verführen, obwohl sie gar keines von den einschlägigen Mädchen ist. Trotzdem oder gerade deshalb nahm er sich vor, das Lokal nach dem zweiten Whisky auf schnellstem Weg zu verlassen, denn er befürchtete, über kurz oder lang den Verführungskünsten der vor Erotik nur so sprühenden Nicoletta zu erliegen. Sie erinnerte ihn stark an jene käufliche Dame, bei der er seine Unschuld verloren hatte. Eigentlich hatte er in seinem zwanzigjährigen Leben nur solche Frauen kennengelernt. Vicky war die Erste, bei der er auf den Gedanken gekommen war, sie zu heiraten. Die anderen legten es gar nicht darauf an, sondern verkauften ihre Körper an jeden, der dafür bezahlte. Nein, verliebt hatte er sich in keine von ihnen. Das war ihm zum ersten Mal bei Vicky passiert, und ihm war der Gedanke ein Gräuel, sie zu betrügen. Deshalb, so beschloss er in diesem Augenblick, würde er jetzt verschwinden, bevor es zu spät war.

»Ich glaube, wir sollten jetzt gehen«, sagte er schließlich mit belegter Stimme und stellte mit Schrecken fest, dass er mit Nicoletta, die ihn verträumt ansah, allein am Tisch saß.

»Wo sind meine Freunde?«, fragte er und sah sich irritiert um.

»Sie haben auf ein Zeichen des Chinesen ganz leise den Tisch verlassen, als du eben vor dich hingeträumt hast«, entgegnete Nicoletta, legte ungezwungen ihre Hand auf seine und streichelte sie. Jonathans Körper reagierte sofort auf diese zarte Berührung. Kein Wunder, dachte er, war er doch seit Monaten mit keiner Frau mehr zusammen gewesen.

»Machen wir einen kleinen Spaziergang?«, lockte sie ihn.

Jonathan, der sich von dem Whisky leicht benebelt, aber nicht betrunken fühlte, nickte. Ein Spaziergang ist ungefährlich, redete er sich ein. Und schon hatte Nicoletta seine Hand genommen und ihn vom Stuhl hochgezogen. Willenlos folgte er ihr nach draußen. Die Luft war frischer als am Tag, aber es war immer noch warm genug, um einen Spaziergang im Mondschein zu machen. Kaum waren sie vor der Tür, hakte sich Nicoletta bei ihm unter und kuschelte sich dicht an ihn heran.

»Wie kommt einer wie du nach Ballarat?«, fragte sie ihn. »Du wirkst wie ein Gentleman, wenn man einmal von deinen Schuhen absieht.«

Jonathan stieß einen tiefen Seufzer aus. »Das wäre ich wohl gerne, und ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um eines Tages ein wohlhabender Bürger zu sein, der nicht bei den Herren der feinen Gesellschaft zu Kreuze kriechen muss.« Das klang bitter.

Sie hatten jetzt die Hauptstraße verlassen und gingen auf einem dunklen Pfad, der aus der Stadt herausführte, doch der helle Mond leuchtete ihnen den Weg.

»Woher kommst du?«

»Ich bin drüben in Van Diemen’s Land geboren«, erwiderte er.

Nicoletta blieb abrupt stehen und musterte ihn prüfend. »Kann es sein, dass Aborigines-Blut in dir fließt?«

Jonathan zuckte zusammen. Mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet. Über dieses heikle Thema redete er grundsätzlich nicht, aber Nicoletta hatte mit feinem Gespür etwas bemerkt; als würde sie ihn schon viel länger kennen, und bei ihr machte er eine Ausnahme. »Meine Mutter war Ureinwohnerin. Sie sollte damals 1830 wie die restlichen an die hundert gefangen gesetzten Ureinwohner nach Flinders Island deportiert werden, aber mein Vater versteckte sie in seinem Haus. Das war nur möglich, weil er behauptete, dass meine Mutter ein Mischling war, denn sie hatte tatsächlich europäische Züge, sodass mein Vater sie retten und heiraten konnte. Sie starb bei meiner Geburt, und ich wurde wenig später, nachdem mein Vater …« Er stockte. Noch nie zuvor hatte er das jemandem anvertraut, aber er spürte, wie ihn der Gedanke, es endlich loszuwerden, auch befreien könnte von der Schmach, für die er überhaupt nichts konnte, die aber auf seiner Seele lastete, als hätte er ein Verbrechen begangen.

»Du musst es mir nicht erzählen, wenn es dir so schwerfällt«, raunte Nicoletta, lehnte sich mit dem Rücken an den Stamm eines Eukalyptusbaums und zog ihn ganz nahe zu sich heran.

»Ich will es aber«, erwiderte Jonathan gequält. »Mein Vater wurde kurz nach meiner Geburt in das berüchtigte Gefängnis nach Port Arthur gebracht. Dort sollte er gehängt werden. Er hatte auf einem seiner Raubzüge einen Farmer ermordet. Ihm gelang jedoch die Flucht. Nachdem die Wächter die halb verhungerten Hunde auf ihn gehetzt hatten, sprang er in Todesangst in das haifischverseuchte Wasser. Und was dann geschah, erspare ich dir. Ich wurde zur Adoption an einen kleinen Farmer gegeben. Mister Bowl, dessen Nachnamen ich heute trage. Es waren einfache, aber herzliche Leute, doch dann starben sie kurz hintereinander an einem Fieber. Ich war dreizehn und kam nach einem Diebstahl in das Point Puer Boys’ Prison nach Port Arthur. Ich weiß nicht, ob du je von diesem schlimmen Gefängnis gehört hast. Das war das erste und letzte Jungengefängnis im ganzen Empire. Wir mussten hart arbeiten, und wer es nicht schaffte, wurde windelweich geschlagen, und so flüchtete auch ich, aber ich hatte mehr Glück als mein Vater. Wir konnten uns ein Boot verschaffen und wurden nicht zu Haifutter.«

»Du Armer«, seufzte Nicoletta und fuhr ihm durchs Haar. Erst zärtlich, dann immer fordernder. Jonathan liefen heiße Schauer durch den Körper. Er fühlte sich plötzlich von einer seelischen Last befreit und spürte zugleich die drängende Begierde, ihr näherzukommen.

»Und du? Wie kommst du hierher? Und wie konntest du ahnen, dass ich ein Mischling bin? War einer deiner Eltern auch ein Ureinwohner?« Jonathan atmete einmal tief durch, weil die Blätter des Eukalyptusbaumes einen erfrischenden Duft ausstießen.

Nicoletta tat es ihm gleich, bevor sie sich verlegen räusperte. Offenbar war sie es ebenso wenig gewohnt wie er, freimütig über ihre Herkunft zu plaudern.

»Ich meine, weil du so dunkel bist«, fügte er beinahe entschuldigend hinzu.

»Meine dunkle Gesichtsfarbe habe ich von meiner Mutter geerbt. Sie war das uneheliche Kind einer Magd. Ihr Vater gehörte zum fahrenden Volk und stammte aus Spanien.«

»Fahrendes Volk? Was ist das?«, fragte Jonathan neugierig nach.

»Eins nach dem anderen. Ich weiß von dem Schicksal der Mischlingskinder, weil mein Liebhaber ein ähnliches Schicksal hatte wie du. Sein Vater war Bewacher der letzten Ureinwohner, die man von Van Diemen’s Land nach Flinders Island gebracht hatte. Sein Vater hatte eine der Frauen vergewaltigt … Was schaust du denn so entsetzt? Weil ich einen Liebhaber hatte? Weil sein Vater eine Frau vergewaltigt hat?«

Jonathan fühlte sie ertappt. Es stand ihm nicht zu, auf sie herabzusehen. Selbst wenn sie doch ihren Körper verkauft hatte, was er insgeheim vermutete.

»Er war ein guter Mann, der mich dem Mädchenhändler abgekauft hat. Sonst wäre ich wahrscheinlich längst tot oder eine Prostituierte geworden.«

»Du musst mir das nicht erzählen, wenn du nicht möchtest«, erklärte Jonathan rasch. Dabei wollte er lieber nichts Näheres über Nicolettas mögliche Lebensgeschichte erfahren. Die Erwähnung des Mädchenhändlers machte ihm Angst, doch Nicoletta überhörte seine Worte und fuhr fort, ihm Einzelheiten über ihre Herkunft zu verraten.

»Ich heiße eigentlich Wilhelmine und bin das zehnte Kind armer Tagelöhner aus Espa. Das liegt in Hessen. Und Hessen ist in Deutschland …«

Jonathan sah sie mit großen Augen an. Jetzt verstand er, warum sie eine so harte Aussprache besaß, wie sie für deutsche Auswanderer typisch war.

»Ich war dreizehn, als mich der Mädchenhändler meiner bitterarmen Mutter abkaufte und mit nach England nahm. Er verkaufte Fliegenwedel auf Märkten, während ich die Kunden mit meinem Drehleierspiel anlockte und dazu sang. Dass ich nicht in einem Bordell landete, hatte ich meiner Stimme zu verdanken. Und der Tatsache, dass er mich allein besitzen wollte. Als in Victoria Gold gefunden wurde, brachte er mich her, und ich nannte mich Nicoletta … und dann kaufte mich ein Mann, der es auf den Goldfeldern zu Reichtum gebracht hatte, damit ich ihm jederzeit zu Diensten war …«

Jonathan versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass er genau das befürchtet hatte.

»Als Robert nach Van Diemen’s Land und zu seiner Familie zurückkehrte, war ich frei, denn er gab mir eine beträchtliche Summe, damit ich mich nicht an andere Männer verkaufen musste. Und der Wirt des Saloons bat mich händeringend, bei ihm aufzutreten. Und das mache ich nun schon eine ganze Weile …«

Während Nicoletta redete, sog sie sich schier in seinen Augen fest. »Ist es nicht merkwürdig, dass wir beide uns begegnet sind? Ich glaube, das ist Schicksal.« Ohne Vorwarnung legte sie ihre Hände nun an den Stoff seiner Hose und strich über seine fordernde Männlichkeit.

Jonathan stöhnte auf. Er befand sich in einem Zustand äußerster Erregung. Nicoletta hatte etwas Animalisches an sich, das ihn gleichermaßen abstieß wie anzog. Sein Körper reagierte jedenfalls in einer Heftigkeit auf sie, die er so nicht kannte. Das war keine Liebe und sanfte Zuneigung wie bei Vicky, das war die pure Begierde zweier verlorener Existenzen im Nirgendwo …

Nicoletta, die ihm immer noch tief in die Augen blickte, hob mit der einen Hand den Rock ihres roten Kleides, nahm mit der anderen Hand seine und führte sie zwischen ihre Schenkel.

»Oh!«, stöhnte Jonathan, denn sie trug nichts unter dem Kleid und war mehr als bereit für ihn. Immer wieder stöhnte er: »Oh!«

»Komm!«, lockte sie ihn, nahm seine Hand und legte sie auf seine Hose zum Zeichen, dass er sie öffnen sollte. Wie ein Getriebener machte er sich daran, die Hose aufzuknöpfen, wobei er einen Knopf abriss. Nachdem er seine Hose ausgezogen hatte, nahm er Nicoletta bei der Hand und wollte sie zu Boden ziehen, um sie dort zu lieben, aber sie schüttelte leise den Kopf. »Es gibt hier Unmengen von Schlangen«, flüsterte sie.

Jonathan hielt inne und schien zu überlegen, wie sie sich trotz ihrer Röcke im Stehen lieben könnten. »Warte«, hauchte Nicoletta. »Ich weiß, wie wir es machen und …« Sie stockte. »Wenn du jetzt denkst, ich tue das öfter, irrst du dich. Robert war der letzte Mann, mit dem ich geschlafen habe …« Dann drehte sie ihm den Rücken zu, schaffte es mit einem gezielten Griff, den Rock ihres Kleides so geschickt zu heben, dass er nicht über ihren nackten Hintern rutschte, und bückte sich leicht.

Jonathans Atem ging stoßweise, als er sie an den Hüften packte und in sie eindrang. Sie schrien beide gleichzeitig auf vor Lust. Jonathan musste sich sehr beherrschen, um nicht sofort zu kommen, denn in dieser Position hatte er noch niemals zuvor eine Frau geliebt, und es erregte ihn unendlich. So dauerte es nicht lange, bis er mit einem lauten Aufschrei zum Höhepunkt kam. In diesem Augenblick drehte sich Nicoletta um, legte Jonathans Hand fordernd zwischen ihre Schenkel und animierte ihn, rhythmische Bewegungen mit den Fingerspitzen zu machen, bis sie einen nie enden wollenden Lustschrei ausstieß. Am liebsten hätte er sich auf den Boden gelegt, um wieder zu sich zu kommen. Nicolettas schwarzes Haar hing ihr feucht und verschwitzt ins Gesicht. Ihre Lippenschminke war verschmiert, und aus ihren Augen funkelten tausend Sterne.

»Es ist Schicksal, dass wir beide einander begegnet sind«, wiederholte sie verzückt.

Das war der Augenblick, in dem Jonathan aus seinem Rausch erwachte. Es gab keinen Zweifel: Nicoletta hatte sich in ihn verliebt und sah mehr in dieser Angelegenheit als er. Oh Gott, Vicky, dachte er erschrocken. Er hatte nicht eine Sekunde an die Frau seiner Träume gedacht, während er Nicoletta wie von Sinnen geliebt hatte. Jetzt überkam ihn das schlechte Gewissen mit aller Macht. Hastig zog er sich die Hosen wieder an, so als könnte er damit ungeschehen machen, dass er sich derart hatte vergessen können.

»Was ist mit dir, mein Liebling?«, fragte Nicoletta mitfühlend, denn auch ihr war nicht entgangen, wie verstört Jonathan plötzlich wirkte. Sie streichelte ihm zärtlich über die Wange.

Jonathan holte ein paarmal tief Luft. Dann blickte er an ihr vorbei nach oben zum sternenklaren Himmel, als ob von dort eine Antwort kommen könnte. »Wir werden uns niemals wiedersehen, Nicoletta. Ich habe eine Braut in Melbourne, und nichts auf dieser Welt wird mich davon abbringen, bei ihrem Vater um ihre Hand anzuhalten, sobald ich mein Glück gemacht habe.«

Nicoletta verzog keine Miene. »Warum erst, nachdem du dein Glück gemacht hast. Liebe stellt keine Bedingungen. Ich würde dich auch nehmen, wenn du arm bleibst.«

Jonathan sah sie mit einem warmherzigen Blick an. Nicoletta war eine wunderbare, mitfühlende Frau, aber sein Herz gehörte nun einmal Vicky. Vielleicht hätte aus Nicoletta und mir etwas werden können, dachte Jonathan, wenn ich sie früher getroffen hätte.

»Es ist nicht sie, die Bedingungen stellt, sondern es ist ihrer gesellschaftlichen Stellung geschuldet. Ihr Vater ist Richter am Obersten Gericht in Melbourne, und er hat die üblichen Vorbehalte gegen Goldsucher, die in der feinen Gesellschaft vorherrschen. Ich kann ihm so nicht vor Augen treten und um die Hand seiner Tochter anhalten. Er würde mich hinauswerfen.«

»Aber wenn sie dich wirklich liebt, soll es ihr doch herzlich gleichgültig sein, was ihr Vater zu dieser Verbindung sagt. Wenn sie dich wirklich liebt, würde sie dich auch als armen Schlucker zum Mann nehmen.« Das klang trotzig und entschieden.

Jonathan stieß einen tiefen Seufzer aus. »Wahrscheinlich denkt sie genauso wie du, aber ich wäre nicht glücklich, würde ich sie aus ihrem goldenen Käfig in die Hölle der Armut befördern. Das könnte ich mir niemals verzeihen. Vicky hat es verdient, wie eine Prinzessin behandelt zu werden, und so werde ich sie niemals zur Bettlerbraut machen.«

»Das heißt, du wirst sie nicht heiraten, wenn du kein Riesennugget findest, das dich auf einen Schlag reich macht?«

»Das bedeutet, dass ich einen solchen Klumpen oder am besten gleich mehrere finden muss!«

»Du weißt, dass so ein Fund nicht mehr so wahrscheinlich ist wie vor zwei Jahren, oder?«, fragte sie kritisch nach.

»Natürlich weiß ich das, aber ich habe im Busch versteckt einen Felsen gefunden, wo noch keiner von den anderen gewesen ist, und ich bin mir sicher, dort werde ich fündig«, erklärte Jonathan mit Nachdruck.

»Bislang hast du dort aber noch nichts gefunden, oder?«, hakte Nicoletta neugierig nach.

»Was willst du damit sagen?«, fauchte Jonathan sie an. Mit jeder Nachfrage seitens dieser Frau wurde Jonathan immer bewusster, dass er sich an eine Illusion klammerte. Wenn er es sich richtig überlegte, blieb ihm kaum mehr Zeit, sein Glück zu machen. Und wenn er ganz ehrlich sich selbst gegenüber war, wusste er, dass er verloren hatte, aber das würde er Nicoletta gegenüber nicht zugeben.

»Ich möchte wissen, was du tun wirst, wenn sich das Glück, das du dir so sehnlich wünschst, nicht einstellt?«

»Dann werde ich auf den Goldfeldern so lange Staub zusammenklauben, bis ich genügend verdient habe, um mir wenigstens ein kleines Stück Land zu kaufen«, erwiderte Jonathan entschieden.

»Und würdest du das allein bewirtschaften wollen?« Nicolettas Blick war zu entnehmen, dass sie mit dieser Frage auf ihre eigene Person abzielte.

»Nein, es könnte sein, dass ich dann eine andere Frau bitten werde, mit mir zu kommen«, sagte Jonathan leise und sah Nicoletta tief in die Augen.

»Dann weiß ich gar nicht, ob ich dir wirklich das große Glück wünschen soll«, entgegnete Nicoletta zögernd.

Er sah sie leicht verärgert an. »Ich werde es auch ohne deine Wünsche haben«, murmelte er. »Und jetzt würde ich gern zurückgehen. Ich bringe dich noch nach Hause. Es ist zu gefährlich, wenn du allein durch die nächtlichen Straße gehst.«

»Diese Vicky ist wirklich zu beneiden. Was würde ich darum geben, wenn mir so ein Kerl wie du sein Herz zu Füßen legen würde. Und hast du gar keine Angst, dass der Vater dir die Hand seiner Tochter verweigert, selbst wenn du der wohlhabendste Mann von ganz Victoria werden würdest, weil du ein Abo-«

»Sprich es nicht aus!«, zischte Jonathan. »Ich würde es immer abstreiten, denn meine Eltern, Mister und Misses Bowl, waren ein weißes Farmerehepaar. Und jetzt lass uns gehen.«

Jonathan hielt einen beträchtlichen Abstand zu Nicoletta, während sie zurück in die Stadt gingen. Zu groß war seine Angst, dass eine zufällige körperliche Berührung mit dieser Frau das Feuer in seinen Lenden erneut anfachen und zum Vulkan werden lassen könnte.

Nicoletta machte ihrerseits keinerlei Anstalten, ihm näherzukommen. Im Gegenteil, sie hielt Abstand, vermied es, ihn anzusehen, und zog es vor zu schweigen.

Vor dem Saloon hielt sie an. »Mein Zimmer ist oben über dem Gastraum«, sagte sie. »Danke für die Begleitung.«

Plötzlich bereute Jonathan, dass er so hart mit ihr umgegangen war. Sie war eine großartige Frau und konnte rein gar nichts dafür, wenn er sein Ziel verfehlen würde. Er konnte wirklich schlecht von ihr verlangen, dass sie für sein Glück mit einer anderen Frau betete.

Jonathan umfasste ihre Taille und sah ihr in die Augen, aus denen es verdächtig feucht schimmerte. Das rührte ihn zutiefst. Nicoletta begann, echte Gefühle für ihn zu hegen, und er war gerade im Begriff, ihr wehzutun.

Dabei hatte sie doch nur die Wahrheit gesagt: Das Spiel war längst aus. Und er hatte verloren. Er wäre ein Narr, wenn er sich weiterhin derartigen Illusionen hingeben würde. Ein einziges Mal in der ganzen Zeit hatte er Glück gehabt und ein Nugget gefunden, aber nicht am Fluss, sondern auf einer kleinen Ebene hinter der Stadt bei den Sümpfen. Für ein paar Stunden hatte er geglaubt, am Ziel seiner Träume zu sein. Er hatte so viel von dem Land erworben, wie der Wert des Nuggets hergab, und einen Zaun um seinen Claim gezogen. Jeden Abend nach der harten Arbeit am Fluss war er hergekommen und hatte im Mondschein jeden Millimeter abgesucht, aber nicht einmal Goldstaub hatte er gefunden. Weiß der Teufel, wie das Nugget dort hingelangt ist, vielleicht hat es jemand dort versteckt, mutmaßte Jonathan. Auf eine Goldader war er jedenfalls nicht gestoßen.

»Verzeih mir, dass ich dich so hart angegangen bin«, murmelte er entschuldigend. »Ich will partout nicht wahrhaben, dass ich womöglich einer Chimäre nachrenne. Aber ich würde jetzt gern allein sein. Es geht mir so viel im Kopf umher.«

Jonathan drehte sich auf dem Absatz um und verschwand im Dunkel der Nacht.

Nachdenklich machte er sein Pferd los und ritt zurück in das Zeltlager der Goldgräber unten am Fluss.

In der Nacht wachte er wiederholt schweißgebadet auf und hatte schreckliche Albträume, in deren Mittelpunkt stets Vicky stand, aber eine andere, als er sie kennengelernt hatte. Eine verhärmte, frühzeitig ergraute Frau, die in einem zerschlissenen Kleid eine ärmliche Hütte kehrte. Sie beklagte sich mit keinem einzigen Wort, aber aus ihren Augen sprach die Frage: Warum, Jonathan, warum hast du mir das angetan?

Als der Morgen graute, hatte er rasende Kopfschmerzen und das Gefühl, der Schädel würde ihm platzen. Und auch im wachen Zustand sah er immer wieder diese bitterarme Vicky vor seinem inneren Auge. Mühsam versuchte er fortwährend, sich einzureden, dass ihn doch nur ein Nugget von dem Reichtum trennte, der einer Vicky würdig war, aber sein Optimismus, sein Kampfgeist schienen über Nacht verschwunden …

Gebeugt wie ein alter Mann schlurfte er zum Tisch und holte seine Schreibutensilien hervor. Die Worte flossen nur so aus ihm heraus. Dann las er sein Werk und war versucht, es zu vernichten, weil ihm die Aussicht, Vicky niemals wiederzusehen, schier die Kehle zuzuschnüren drohte. Aber wollte er seine Liebste wirklich in tiefste Armut und damit in ihr Unglück stürzen? Denn er glaubte nicht mehr an ein Wunder. Dort, wo vorher Hoffnung gewohnt hatte, war nichts als Leere. Ja, er würde diesen Brief abschicken und hoffte, dass Vicky nach dem ersten Schock bald einen anderen Mann finden würde. So wunderschön wie sie ist, wird das nicht lange dauern, redete sich Jonathan gut zu, während sich sein Herz verkrampfte. Es tat ihm so unendlich weh, sie gehen zu lassen und freizugeben, aber es war das Beste, was er für sie tun konnte. Alles andere wäre entsetzlich egoistisch und würde das Leben dieser bezaubernden Frau zerstören. Sie hatte etwas Besseres verdient, als an der Seite eines glücklosen Goldgräbers zu leben, von ihrer Familie verstoßen und in Verhältnisse gedrängt, die ihr völlig fremd waren.

Und während sich Verzweiflung und Mutlosigkeit in ihm ausbreiteten, durchfuhr ihn wie aus heiterem Himmel ein Gefühl von Sieg. Und vor seinem inneren Auge entstand ein Bild, das ihn zeigte: in einem feinen Zwirn vor einem riesigen Haus, seinem Haus. Ja, er hatte es geschafft. Wie eine lästige Fliege verscheuchte er diese Fata Morgana, die er seiner Übermüdung zuschrieb. Er zog sich rasch an, schnappte sich den Brief und machte sich auf nach Ballarat, um ihn noch heute auf den Weg zu bringen, denn wenn er es nicht sofort erledigte, würde ihn sein Mut doch noch verlassen. Ich tue es aus Liebe, sprach er sich gut zu, aus Liebe zu der Frau meines Lebens. Tränenblind ritt er durch den Morgen.

8

»Meine Geliebte,

es sind nur noch ein paar Wochen bis zu deinem Geburtstag, und ich bin meinem Ziel, als gemachter Mann um deine Hand anzuhalten, ferner denn je. Das Gold, das ich gefunden habe, reicht gerade eben zum Überleben. Und nicht dazu, eine Familie zu gründen.

Ich liebe dich und würde dir alles geben, wenn ich etwas hätte, aber ich werde dir nicht zumuten, an der Seite eines glücklosen Goldsuchers in ärmlichen Verhältnissen zu leben. Selbst wenn du dieser Vorstellung jetzt noch etwas Romantisches abgewinnen könntest, so würde sich das im Alltag früher oder später verflüchtigen und schlimmstenfalls in das Gegenteil umschlagen. Ja, ich befürchte, du würdest mich früher oder später dafür hassen, dass ich dich aus deiner Familie gerissen und in meine Niederungen herabgezogen habe. Ich bin gezwungen, unter großen seelischen Schmerzen, meine Träume und Illusionen zu begraben. Stattdessen werde ich so lange auf den Goldfeldern schuften, bis ich wenigstens das Geld beisammen habe, um ein klein wenig Land zu kaufen und mir ein Haus zu bauen. Vielleicht wirst du jetzt denken, dass das doch eine Perspektive auch für dich sein könnte, aber mach dir nichts vor. Du bist nicht die Frau, die eine Farm bewirtschaftet, um das Überleben zu sichern. Du bist ein großes Haus und Hausangestellte gewohnt, die dich bedienen. Glaub mir, mein Schatz, es will mir schier das Herz brechen, aber ich darf nicht so egoistisch sein, dich an mich zu binden. Ich gebe dich frei und wünsche mir von ganzem Herzen, dass du einen guten Mann findest, der dir all das bieten kann, was mir niemals vergönnt sein wird …«

Obwohl Vicky sich Jonathans Brief bereits drei Mal laut vorgelesen hatte, wurde sie an dieser Stelle jedes Mal aufs Neue fuchsteufelswild. Sie ballte die Fäuste und murmelte wütend: »Du willst mich in den Armen eines anderen sehen? Ich fasse es nicht. Warum denken immer alle, sie müssten entscheiden, was gut für mich ist und was nicht!«

Zornig warf sie den Brief zu Boden. Warum fragte er sie nicht? Warum stellte er sie vor vollendete Tatsachen?

»Kind, das Essen steht auf dem Tisch!«, hörte sie von draußen die Stimme ihrer Mutter rufen, doch sie entgegnete in gequältem Ton: »Mutter, mir ist nicht wohl. Lass mich ruhen. Ich kann nichts essen.«

Und schon konnte Vicky dabei zusehen, wie die Türklinke heruntergedrückt wurde, aber das ließ sie kalt, denn sie hatte sich mit dem Brief in ihrem Zimmer eingeschlossen.

»Sophie Victoria, mach sofort die Tür auf!«, befahl ihre Mutter, aber Vicky kümmerte sich nicht um das Gezeter und Klopfen. Es war ihr in diesem Moment völlig gleichgültig, ob ihr Ungehorsam Konsequenzen haben würde. Vicky hatte ganz andere Sorgen. Sie musste eine Entscheidung treffen, denn sie war keinesfalls gewillt, sich Jonathans selbstherrlich getroffener Entscheidung unterzuordnen. Nein, sie würde ihn nicht einfach sang- und klanglos aufgeben. Die Frage war nur, wie sie vorgehen sollte. Und ganz langsam reifte ein gefährlicher Plan in ihr. Wenn er nicht zu ihr kam, würde sie eben bei ihm auftauchen und ihn davon überzeugen müssen, dass sie kein verwöhntes Prinzesschen war. Nur, wie sollte sie das bewerkstelligen, ohne dass ihre Eltern dahinterkamen? Selbst wenn sie vorgab, nach Sydney zu Marthas Geburtstag zu reisen, würde das nicht funktionieren, weil ihre Mutter darauf bestehen würde, sie zu begleiten … Plötzlich fiel Vicky siedend heiß eine zufällige Begegnung mit Mister Bradshaw ein. Es hatte an jenem Tag in Strömen geregnet, und die Elizabeth Street war wie so oft im Herbst schier unpassierbar gewesen. Da war der edle Retter Frederik erschienen und hatte sie zu den ein Stück weiter über die Straße gelegten Brettern geführt, die eigens dafür gedacht waren, dass Damen bei ihren Einkäufen keine nassen Füße bekamen. Sie waren kurz ins Gespräch gekommen, und Frederik hatte ihr erzählt, dass er Ende November für längere Zeit beruflich nach Sydney müsse. Sie hatte ihm von ihrer Einladung zu Marthas Geburtstag berichtet und versprochen, dass sie, wenn sie wirklich fahren würde, dieselbe Postkutsche nehmen würde. Daran hatte sie gar nicht mehr gedacht, weil sich ihre ganzen Gedanken ausschließlich um die Frage gedreht hatten, ob Jonathan es schaffte, vor ihrem eigenen Geburtstag aus Ballarat zurückzukehren und um ihre Hand anzuhalten. Als sich abzeichnete, dass das wohl nichts werden würde, hatte sie schweren Herzens abgesagt. Für den Fall, dass Jonathan sie überraschte und doch noch rechtzeitig vor ihrer Tür stand. Denn dann konnte sie schließlich unmöglich in Sydney sein. Und nun würde sie Frederik mitteilen, dass sie doch mit derselben Postkutsche reisten, jedenfalls offiziell … Vicky klatschte vor Begeisterung über ihre geniale Idee in die Hände. Jetzt wusste sie, was sie zu tun hatte. Rasch zog sie sich eines ihrer hübscheren Kleider an, ließ den Brief in der Schublade ihres Sekretärs verschwinden und schloss die Tür auf. Fröhlich vor sich hinsummend verließ sie ihr Zimmer, doch die gute Laune verging ihr, als sich ihr im Flur ihre Mutter Anne in den Weg stellte.

»Sophie Victoria! Bist du von allen guten Geistern verlassen? Ich habe dich schon halb tot in deinem Bett liegen sehen.«

»Ach, Mutter, es war nur ein kleiner Schwächeanfall. Es geht mir schon viel besser. Ich glaube, ich kann sogar zum Mittagessen kommen«, gab Vicky hastig zurück.

»Sophie Victoria, es ist doch irgendetwas faul. Das spüre ich. Was führst du im Schilde, Kind?«

Vicky setzte eine Unschuldsmiene auf. »Also wirklich, Mutter, freu dich doch, dass es mir wieder besser geht.«

Sie folgte ihrer Mutter an den Mittagstisch, wobei sie kaum einen Bissen hinunterbekam. Wie durch einen Schleier nahm sie das Geplapper ihrer Mutter und Louises wahr. Fieberhaft dachte sie an ihren Plan und fragte sich, ob Frederik mitspielen würde.

»Träumst du? Ich habe dich etwas gefragt.« Die Stimme ihrer Mutter riss sie aus ihren Gedanken.

»Mutter fragt nach, welche Gäste du zu deinem Geburtstag einladen möchtest. Ich gehe doch mal schwer davon aus, dass mein Verlobter willkommen ist.«

»Geburtstag?«, gab Vicky irritiert zurück.

»Schon vergessen? Es ist nur noch vier Wochen hin.«

Jetzt oder nie, schoss es Vicky durch den Kopf, und sie holte tief Luft. »Ich werde nicht in Melbourne sein, weil ich es mir doch anders überlegt habe. Ich fahre zu Marthas Geburtstag nach Sydney und bleibe auch über meinen eigenen dort. Sonst lohnt sich die lange Reise nicht.«

Ihre Mutter und ihre Schwester warfen sich fragende Blicke zu.

»Aber hattest du nicht neulich erst abgesagt?«

Vicky nickte eifrig. »Ja, aber nun habe ich es mir noch einmal anders überlegt.« Innerlich zählte sie bis drei. Wenn ihre Mutter jetzt nicht mit dem Vorschlag kam, sie zu begleiten, hatte sie gewonnen. Und zwar auf ganzer Linie. Dann musste sie nämlich gar nicht erst Frederik in ihre Pläne involvieren.

»Gut, machen wir es so«, seufzte Anne, als Vicky noch nicht bei der Drei angekommen war.

»Du musst auch gar nicht mitkommen. Ich kann sehr gut allein mit der Kutsche reisen. Du wirst dich nur unnötig langweilen.«

Anne musterte ihre Tochter entgeistert. »Sophie Victoria, was redest du für einen Unsinn. Ich würde mich sehr freuen, Misses Cunningham wiederzusehen.«

Vicky kam ins Schwitzen. Wenn sie das nicht rechtzeitig verhindern konnte, war ihr ganzer schöner Plan durchkreuzt. Sie musste alles auf eine Karte setzen, selbst auf die Gefahr hin, dass Frederik Bradshaw ihr noch einen Strich durch die Rechnung machen würde. »Mutter, ich wollte es dir eigentlich in Ruhe und unter vier Augen sagen. Mister Bradshaw fährt an demselben Tag nach Sydney auf eine Geschäftsreise, und es wäre natürlich eine günstige Gelegenheit, ich meine, natürlich könntest du mitkommen, aber ich habe das Gefühl, er hat etwas auf dem Herzen …« Vicky zwinkerte ihrer Mutter verschwörerisch zu. Anne verstand sofort, und ein Strahlen ging über ihr Gesicht. »Da will ich natürlich nicht stören. Ja, wenn das so ist.«

»Findest du das nicht ein bisschen seltsam, dass der feine Herr erst mit deiner Tochter verreisen möchte, um ihr einen Antrag zu machen?«, fasste Louise nach. »Wenn der Herr seriöse Absichten hat, fresse ich einen Besen.«

Vicky vergaß für einen kleinen Augenblick ihre guten Vorsätze und streckte ihrer Schwester die Zunge heraus.

»Mutter? Hast du das gesehen?«, empörte sich Louise, aber Anne schien so angetan von der Aussicht, auch Vicky bald unter der Haube zu haben, dass sie die Beschwerde ihrer Älteren völlig ignorierte.

»Du erlaubst es also?«, fragte Vicky, sprang auf und umarmte ihre Mutter überschwänglich. Damit war schon einmal eine große Hürde genommen. Nun hing alles an Mister Bradshaw.

»Mutter, gestattest du, dass ich ihm die gute Nachricht persönlich überbringe?«

»Ja, geh nur«, sagte Anne gönnerhaft.

»Sag mal, wo hast du deinen Galan überhaupt wiedergetroffen? Bei uns war er jedenfalls nicht mehr zu Besuch. Oder seht ihr euch heimlich auf Parkbänken?«, hakte Louise misstrauisch nach.

»Neulich auf dem Weg zur Schneiderin bin ich ihm in der Elizabeth Street zufällig begegnet. Da berichtete er, dass er demnächst nach Sydney reisen müsse«, sagte Vicky wahrheitsgemäß.

»Was für Zufälle es doch gibt«, murmelte Louise spöttisch.

»Louise, jetzt gehst du aber zu weit!«, rügte Anne ihre Tochter. »Für Mister Bradshaw würde ich die Hand ins Feuer legen. Er wird sich doch nicht mit Vicky auf dunklen Parkbänken herumdrücken!«

»Schon vergessen, dass er sie in unserem Garten geküsst hat!«, gab Louise bissig zurück.

»Bist du etwa neidisch, weil dein Mister Cumberland dich noch nicht geküsst hat?«, bemerkte Vicky und weidete sich daran, dass ihre Schwester knallrot anlief. »Oder hat er dich etwa auch schon im Garten geküsst?«

»Das ist doch etwas ganz anderes. Er ist mein Verlobter!«, knurrte Louise.

»Darf ich jetzt zu ihm, Mutter?«

Anne musterte ihre Jüngste kritisch. »Ja, lass dich zu ihm bringen. Du siehst ganz passabel aus, aber sag dem Herrn, dass ich ihn auch noch zu sprechen wünsche, bevor ihr abreist. Lad ihn doch einfach übermorgen zum Tee zu uns ein.«

»Gut, Mutter«, versprach Vicky und verließ eilig das Haus. Bei jedem Schritt, mit dem sie sich dem Handelshaus Bradshaw näherte, wurde ihr allerdings mulmiger zumute. Wenn Frederik nicht ihre einzige Hoffnung wäre, sie würde auf dem Absatz umdrehen. Was, wenn er sie auslachen oder ihr die Bitte einfach abschlagen würde?

Ihr Herz pochte bis zum Hals, als sie das hochherrschaftliche Gebäude an der Flinders Street betrat. Sie hatte jetzt so ein unerträgliches Lampenfieber, dass sie Sorge hatte, keinen Ton herauszubringen. Doch dann stand sie schließlich vor seiner Bürotür und klopfte beherzt. Als seine tiefe Stimme sie hereinbat, atmete sie ein paarmal tief durch, trat ein und erstarrte. Frederik Bradshaw hielt eine bildhübsche Brünette in ihrem Alter im Arm und gab ihr vor Vickys Augen einen Kuss auf die Wange. Das hätte ich mir ja gleich denken können, dass er alle Frauen mit seinem Charme einlullt, um sich nicht festlegen zu müssen, dachte Vicky leicht verärgert, hoffentlich kann er sich überhaupt noch daran erinnern, dass er mir seine Hilfe angeboten hat.

Frederik Bradshaw warf ihr einen flüchtigen Blick zu. »Einen kleinen Augenblick bitte«, verkündete er lächelnd und wandte sich wieder der Dame zu. Die Brünette gab ihm nun ihrerseits einen Kuss auf die Wange. Dass sich die beiden vor mir gar nicht genieren, ging es Vicky gereizt durch den Kopf.

Endlich lösten sie sich aus ihrer Umarmung, und Frederik trat auf Vicky zu. Er reichte ihr die Hand, während die brünette Schönheit, die sich, wie Vicky grimmig feststellte, vom Typ in die Riege der Frauen einreihen konnte, zu der auch ihre Mutter und ihr Schwester gehörten: zart, lockig und mit Puppengesicht, winkend zur Tür ging und das Büro verließ.

»Sie haben sich ja schnell getröstet«, hörte sich Vicky da bereits sagen und hielt sich erschrocken den Mund zu. »Verzeihen Sie, Mister Bradshaw, das war dumm, ich meine, das ist mir nur so herausgerutscht«, stammelte sie.

Er lächelte breit. »Na ja, schnell will ich nicht gerade sagen. Oder haben Sie schon vergessen, dass wir uns bereits vor Wochen an der schlammigsten Stelle der Elizabeth Street gesehen haben, und jetzt haben wir Ende November.«

»Ich sagte ja bereits, dass es mir leidtut. Ich habe kein Recht, Sie auf solche persönlichen Dinge anzusprechen«, bemerkte Vicky entschuldigend.

»Ach, das finde ich eigentlich ganz charmant. Das könnte immerhin bedeuten, dass ich Ihnen doch nicht ganz gleichgültig bin«, lachte Frederik.

»Sie sind wohl gar nicht eingebildet«, entgegnete Vicky, der es furchtbar unangenehm war, dass sie ihn überhaupt auf diese Frau angesprochen hatte. »Mich geht es jedenfalls nichts an, wenn Sie sich mit einer hübschen Dame treffen.«

»Darf ich ihr das ausrichten, dass Sie sie hübsch finden?«

»Jetzt nehmen Sie mich aber auf den Arm. Lassen Sie uns bloß das Thema wechseln.« Vicky rollte genervt mit den Augen.

»Nein, das meine ich ganz ernst. Ich glaube, meine Schwägerin würde sich über das Kompliment wirklich freuen. Aber was führt Sie zu mir?«

Vicky räusperte sich verlegen. Ihr war es nicht nur furchtbar peinlich, dass sie seine Schwägerin für seine neue Flamme gehalten hatte, sondern vor allem, dass sie sich so zickig benommen hatte. Selbst wenn es seine zukünftige Frau gewesen wäre, würde sie das gar nichts angehen.

»Mister Bradshaw, ich brauche Ihre Hilfe.«

Er musterte sie prüfend. »Ist was mit Ihrem Goldgräber?«

Vicky wand sich ein wenig. »Ja, es geht um ihn, aber ich möchte Sie lieber nicht in die Geschichte involvieren. Wenn etwas schiefgeht, ist es besser, Sie wissen von nichts.«

»Sie machen es aber spannend. Hört sich nach einem Komplott an.«

»Na, etwas in der Art«, gab Vicky zu. »Sie müssen gar nicht viel tun. Nur am Sonntag kurz zum Tee bei uns erscheinen und meinem Vater von Ihrer Reise nach Sydney berichten.«

Frederik sah sie entgeistert an.

»Sie fahren doch noch nach Sydney, oder hat sich etwas an Ihren Plänen verändert?«, fügte sie besorgt hinzu.

»Nein, ich nehme am Mittwoch um sieben Uhr früh die Postkutsche nach Sydney und kehre so zurück, dass ich rechtzeitig zu Weihnachten wieder in Melbourne bin, denn das würde mir William nie verzeihen, auch wenn er sich im Hause meiner Schwägerin und meines Bruders ausgesprochen wohlfühlt. Aber mögen Sie einmal erklären, warum ich zu Ihnen zum Tee kommen soll, um Ihren Vater mit meiner anstehenden Geschäftsreise zu langweilen?«

»Ich habe Ihnen doch erzählt, dass ich eine Einladung zu Martha Cunninghams Geburtstag habe und dass ich, wenn ich fahre, dieselbe Kutsche nehmen würde …«

Ein Lächeln umspielte seine Lippen. »Das ist eine ausgesprochen angenehme Überraschung. Natürlich werde ich Ihren Eltern beim Tee versichern, dass es mir eine Ehre ist, Sie nach Sydney zu begleiten.«

Vicky wand sich. Wie sollte sie ihm möglichst schonend beibringen, dass die Sache einen Haken hatte?

»Also, es ist so, also … es ist durchaus möglich, dass ich, also, ich gar nicht in der Kutsche sitzen werde … und Sie das nicht meinen Eltern sagen. Ich meine, wenn Sie meinen Eltern nicht beim Tee versichern, dass Sie auch mit der Postkutsche fahren, käme meine Mutter mit …«, stammelte Vicky.

»Ich verstehe kein Wort. Ich soll Ihren Eltern also erzählen, dass ich nach Sydney reise, damit sie Ihnen erlauben, ohne Ihre Frau Mutter mit der Postkutsche zu fahren, in der Sie aber dann vielleicht gar nicht reisen werden?«

Vicky stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Ja, Frederik, ich brauche Sie als Alibi!«

»Das ist aber eine reizende Aufgabe, die Sie mir da zugedacht haben«, spottete er.

»Bitte, Frederik, ich weiß, das wäre sehr viel von Ihnen verlangt, wenn Sie mir dadurch ermöglichten, allein zu reisen, aber mir fällt keine andere Lösung ein. Ich muss dringend etwas klären«, flehte sie ihn an.

Frederik Bradshaw legte die Stirn in Falten. »Hm, ich weiß nicht so recht. Ich habe ein ungutes Gefühl.«

»Bitte! Lieber Frederik, Sie sind meine einzige Rettung. Jonathan will mich nicht wiedersehen, weil er mir nicht zumuten möchte, die Frau eines armen Schluckers zu werden, aber er darf die Hoffnung doch nicht einfach aufgeben. Und wenn er noch ein Jahr länger braucht, um reich zu werden.«

Frederik hatte jetzt die Augen fest zusammengekniffen und musterte Vicky voller Skepsis. »Ihr Freund scheint sehr vernünftig zu sein. Sie kommen nun mal aus einer anderen Welt als er …«

»Das hat er wortwörtlich gesagt«, unterbrach sie ihn aufgeregt.

»Vicky, am Anfang mag es so gewesen sein, dass wenige Leute viel Gold gefunden haben, aber die Zeiten sind vorbei. Jetzt ist es wirklich Glückssache, wenn jemand dadurch reich wird. Was meinen Sie, wie viele von den Männern auf den Goldfeldern völlig ausgebrannt und krank zurückkommen? Machen Sie keinen Unsinn. Hören Sie auf Ihren Freund.«

Vicky sah Frederik herausfordernd an. »Was ist nun? Tun Sie mir den Gefallen oder nicht? Merken Sie gar nicht, dass Sie nun auch noch versuchen, mich zu bevormunden? Ich bin kein Kind mehr!«

»Nein, das sind Sie ganz gewiss nicht. Sie sind eine äußerst mutige junge Frau, aber ich würde es mir niemals verzeihen, wenn Ihnen etwas zustieße.«

Vicky rollte genervt mit den Augen. »Ich begebe mich doch nicht in Gefahr. Wo denken Sie hin! Ja oder nein?«

Frederik stöhnte laut auf. »Sie sind eine echte Nervensäge. Ja, ich mache es …«

Er hatte noch gar nicht ausgeredet, als Vicky ihn stürmisch umarmte. »Sie sind ein Schatz. Das werden Sie niemals bereuen.«

»Dann verraten Sie mir jetzt, was Sie vorhaben?«

»Nein, und zwar zu Ihrem Schutz. Wenn die Sache auffliegt, können Sie sich mit ruhigem Gewissen damit aus der Affäre ziehen, dass Sie mir nur einen kleinen Gefallen tun wollten, aber keinen Schimmer hatten, warum Sie sich als mein angeblicher Reisebegleiter ausgeben sollten. Behaupten Sie einfach, ich hätte Ihnen mein Leid geklagt, dass ich auf keinen Fall mit meiner Mutter hatte reisen wollen, weil sie mir dann sechs Tage in den Ohren gelegen hätte, was Sie für eine wunderbare Partie sind …«, lachte Vicky.

Frederik machte eine abwehrende Handbewegung. »Hauptsache, Sie haben Spaß an der Angelegenheit. Aber gut, ich werde Ihnen diesen Gefallen tun, allerdings nur unter einer Bedingung: Wenn Sie Ihren Freund nicht davon überzeugen können, Sie zu heiraten, dann denken Sie an mich.«

»Und ob«, rief Vicky übermütig und war bereits bei der Tür.

»Vicky, und Sie müssen mir noch etwas versprechen: Sie nutzen mein Alibi nicht, um von zu Hause durchzubrennen, oder?«

»Nein, wobei ich Ihnen nicht versprechen kann, dass ich dies zu einem späteren Zeitpunkt nicht tatsächlich in Erwägung ziehe. Aber nur, wenn Jonathan Manns genug ist, mitzumachen und meine Eltern sich stur stellen. Doch damit haben Sie dann rein gar nichts zu tun«, entgegnete sie überzeugend.

»Und Vicky, noch etwas. Sagen Sie Ihrer Mutter, dass ich zum Tee komme, aber wundern Sie sich nicht, wenn am Sonntagvormittag eine Nachricht von mir kommt, dass ich unpässlich bin. Ich werde Ihren Eltern nicht noch ins Gesicht lügen.«

»Das tun Sie doch gar nicht! Sie berichten nur von Ihrer Geschäftsreise! Und das ist doch nichts als die Wahrheit.«

»So kann man sich das auch zurechtlegen«, erwiderte er kopfschüttelnd. »Ich ahne doch, dass Sie gar nicht in derselben Kutsche reisen werden wie ich.«

»Das stimmt, ich nehme die Kutsche nach Balla-« Erschrocken schlug sie sich die Hand vor den Mund.

Frederik runzelte kritisch die Stirn. »Ich habe nichts gehört«, brummte er. »Aber Sie verstehen, warum ich keine Lust habe, bei Ihnen Tee zu trinken. Es ist schon schlimm genug, dass ich mich überhaupt in Ihre Pläne verwickeln lasse.«

»Oh, da fällt mir noch etwas ein. Einen kleinen Gefallen müssten Sie mir vielleicht noch tun. Mich mit Ihrer Kutsche in der Spencer Street abholen. Sonst bekommt mein Vater es fertig, bringt mich mit seiner Kutsche zur Station und wartet, bis sie abfährt. Und dann muss ich tatsächlich mit Ihnen nach Sydney reisen.«

»Was auch das Vernünftigste wäre. Sie hätten mal Abstand von der ganzen Sache, könnten sich durch den Kopf gehen lassen, ob Ihr Freund nicht ganz recht damit hat, Sie in Ihrer Welt zu lassen, und würden sich vielleicht solche Flausen aus dem Kopf schlagen, einen Mann zu überfallen.«

Vicky lief knallrot an. »Wie kommen Sie denn darauf?«

Er zuckte die Achseln. »Na ja. Er wird sicher nicht ahnen, dass Sie ihn in Ballarat aufsuchen wollen. Sie wissen, dass das ein ziemlich finsterer Ort ist, oder?«

»Jonathan wird mich beschützen!«, entgegnete sie trotzig.

»Sie sind wirklich ein Teufelsweib«, stieß er halb bewundernd hervor.

»War das jetzt ein Kompliment?«, gab sie zurück.

»Bilden Sie sich ja nichts darauf ein. Ich mache das nur, damit Sie mir nicht mein ganzes Leben lang Vorwürfe machen, ich hätte verhindert, dass Sie nicht mit Ihrer großen Liebe zusammengekommen sind.«

Vicky stutzte. Hatte er das gerade wirklich gesagt? Ihr wurde heiß und kalt. Wenn Sie das richtig verstand – und so viele Möglichkeiten, seine Worte zu deuten, gab es nicht –, ging er davon aus, dass die ganze Sache mit Jonathan schiefgehen und sie doch früher oder später seine Frau werde würde. Am liebsten hätte sie ihm an den Kopf geworfen, dass das nie geschehen würde! Aber sie durfte ihn jetzt nicht verärgern, auch wenn es sie maßlos reizte, ihn von seinem hohen Ross zu holen. Wie konnte er es nur für möglich halten, dass aus ihnen beiden doch etwas werden könnte. Ich werde ihn vom Gegenteil überzeugen, wenn ich erst Misses Bowl bin, dachte sie trotzig.

»Drücken Sie mir die Daumen, dass alles glattgeht.«

»Die Daumen drücke ich Ihnen gern, aber dafür, dass Sie gesund und munter zurückkehren und das tun, was vernünftig ist.«

Vicky hätte am liebsten erwidert, dass diese Reise das Vernünftigste war, was sie jemals tun würde, aber sie hauchte nur ein leises »Danke!«.

9

Vicky verließ das Handelshaus Bradshaw mit gemischten Gefühlen. Jetzt hatte sie zwar freie Bahn, aber Frederiks offene Worte hatten ihr schwer zugesetzt. Was, wenn Jonathan nicht begeistert war, wenn sie im Goldgräberlager auftauchte? Wenn es ihn in seinem Stolz verletzte, dass sie dort keinen strahlenden Glückssucher vorfand, sondern einen zutiefst enttäuschten und desillusionierten armen Schlucker? Würde er es ihr wirklich hoch anrechnen, dass sie sich auf den Weg zu ihm machte, weil sie an die Zukunft ihrer Liebe glaubte, oder würde er sie mit der nächsten Kutsche fortschicken? Nein, der Abenteuergeist, der sie bei diesem Plan vorhin geradezu beflügelt hatte, war einer dumpfen Sorge gewichen. Nun stand ihrem Plan nichts mehr im Weg, und sie war eher niedergeschlagen. Ihr fiel ein, dass sie Martha noch Bescheid geben musste. Dazu suchte sie das Postamt auf und schrieb ihrer Freundin in verschlüsselten Sätzen, dass sie nicht nach Sydney kommen würde, aber die Eltern glaubten, dass sie dort wäre. Den Brief gab sie sofort am Schalter ab und hoffte, dass er mit der morgigen Postkutsche transportiert wurde. Zudem nahm sie sich vor, ihren Eltern vor der Abreise anzukündigen, dass sie wahrscheinlich während ihrer Zeit in Sydney gar nicht dazu kommen würde, ihnen gelegentlich eine Depesche zukommen zu lassen, da sie so viel mit Martha zu besprechen und zu unternehmen hätte. Sie würde ihnen dafür nach ihrer Rückkehr umso ausführlicher Bericht erstatten.

Die folgenden Tage waren eine einzige Qual für Vicky. Sie zogen sich in die Länge und wollten niemals enden. In den Nächten warf sie sich aufgekratzt und erschöpft zugleich von einer Seite zur anderen. Sie fand keine Ruhe mehr. Ständig hatte sie das Gefühl, ihr Plan könnte aufgeflogen sein. In jedem strengen Blick ihres Vaters glaubte sie zu erkennen, dass die Eltern Bescheid wussten. Dabei war ihre Mutter so zugewandt wie selten. Ja, sie ließ es sich nicht nehmen, Vicky beim Packen ihres Reisekoffers zu helfen, und es kostete Vicky einige Mühe, die Festkleider heimlich wieder auszupacken und in den hintersten Winkel ihres großen Schrankes zu hängen. Was sie brauchte, waren robustere Kleider, keine rosafarbenen Rüschengewänder oder gar die Krinolinen aus Rosshaar. Sie ersetzte die feine Garderobe durch ein paar schmucklose Kleider und einfache Stoffunterröcke. Dafür packte sie ein Paar Stiefeletten zum Wechseln ein und genügend Chemisen und Unterhosen. Nur ein einziges schönes Kleid nahm sie mit.

Alles Weitere, was sie für die Reise zu den Goldgräberfeldern als überflüssig erachtete, versteckte sie ganz unten in einer Truhe.

Ihre Mutter war untröstlich, als am Sonntag die Absage von Frederik Bradshaw kam. Pünktlich zum Mittagessen brachte einer seiner Lehrjungen ein Schreiben, in dem er sich höflich entschuldigte und vorgab, ein Magenproblem zu haben. Louise und Archibald nahmen diese Absage zum Anlass, am Mittagstisch ihre Giftpfeile gegen den »Herrn mit den dubiosen Ansichten« zu verschießen. Vicky blieb ruhig, was zumindest Louise verärgerte. Sie hatte gehofft, dass ihre Schwester, die gerade so hoch in der Gunst ihrer Eltern stand, nur, weil sie nun mit Mister Bradshaw nach Sydney reiste und man sich davon einen Antrag erhoffte, einen ihrer Wutanfälle bekommen und sich von ihrer wenig damenhaften Seite zeigen würde. Doch Vicky war brav wie ein Lamm, ließ alles stoisch über sich ergehen und benahm sich geradezu mustergültig. Das fiel sogar Samuel auf, der seine Jüngste daraufhin vor allen lobte. »Ach, Sophie Victoria, dass du zu einer solchen Lady heranreifst, erfreut mein väterliches Herz zutiefst.«

»Danke, Vater«, flötete Vicky und warf einen verstohlenen Seitenblick in Richtung ihrer Schwester, die bei den Worten ihres Vaters einen hochroten Kopf vor lauter Zorn bekommen hatte.

»Ich verstehe dich nicht, Samuel. Nur, weil dieser Bradshaw Geld hat, müsst ihr ihn ja nicht derart hofieren«, bemerkte Archibald bissig.

»Frederik Bradshaw ist kein neureicher Niemand, der es auf den Goldfeldern zu Reichtum gebracht hat, sondern ein Mitglied der ersten Melbourner Gesellschaft. Er hat immerhin den Vorsitz im Herrenclub …«

»Das ist mir wohl bekannt, und übrigens hat man mir gegenüber Andeutungen gemacht, dass auch ich in absehbarer Zeit damit rechnen könnte, in den feinen Club aufgenommen zu werden. Aber für was für einen hanebüchenen Unsinn hat er seinen Einfluss geltend gemacht? Dass das asoziale Einwanderergesindel dort drüben in der verwahrlosten Zeltstadt medizinische Hilfe und Speisungen erhält. Dafür haben die feinen Herren ihre Börsen geöffnet, und wem nützt es? Die Kerle aus Canvas Town landen doch früher oder später bei mir im Gefängnis!«, erwiderte Archibald erbost.

»Frederik hat recht. Das ist doch kein Leben mehr in dieser Stadt, wenn auf der anderen Seite des Flusses eine ganze Zeltstadt existiert, in der dieses Goldgräber-Pack lebt. Dafür sollte sich Mister Bradshaw starkmachen! Dass dieser ganze Abschaum verschwindet!«

Vicky, die zwar so tat, als würde jedes Wort ihrer Schwester sie kaltlassen, spürte in jeder Pore, dass sie nicht mehr lange so damenhaft würde den Mund halten können. Die Widerworte lagen ihr bereits auf der Zunge, doch da ergriff ihr Vater schon Partei für Mister Bradshaw.

»Du weißt, wie ich zu diesen vermaledeiten Glückssuchern stehe, aber drüben in Canvas Town leben auch Frauen und Kinder. Glaub mir, es wäre mir ebenfalls lieber, wenn diese Leute eher heute als morgen verschwinden würden, doch es ist unserem christlichen Glauben geschuldet, dass wir den Armen helfen.«

»Dass ich nicht lache. Den Armen!«, keifte Louise. »Bei denen gilt keine Moral. Weißt du, was die Frauen dort machen, wenn ihre Männer auf die Goldfelder gehen?«

»Nein, aber du wirst es uns bestimmt verraten!«, mischte sich Vicky ein. Noch ein Wort aus dem Mund ihrer Schwester und ihres Schwagers, und sie würde sich vergessen.

»Sie heiraten einfach einen anderen. Canvas Town ist ein Ort der Bigamie und des Verbrechens, der Unmoral und … ach, Vater, wer weiß es denn besser als du. Bei dir stehen sie dann vor Gericht und jammern über ihre schrecklichen Verhältnisse. Dann sollen Sie doch auf dem schnellsten Wege dahin zurückgehen, wo sie herkommen, diese Einwanderer!« Louise hatte wieder diese schrille Stimme bekommen, wie immer, wenn sie sich aufregte.

»Wir sind auch Einwanderer. Schon vergessen?« Vicky sagte das provozierend ruhig.

»Aber Vicky, das kannst du ganz und gar nicht vergleichen«, widersprach ihre Mutter heftig. »Dein Vater wurde von der Regierung dazu auserwählt, nach Melbourne zu gehen, damit dieses hohe Amt in zuverlässige Hände kommt. Diese Menschen, die unsere Stadt überfluten, hat hingegen keiner gebeten herzukommen.«

Vicky rollte mit den Augen und zog es vorerst vor, wieder in die Rolle der lieben Tochter zu verfallen. Ihre Gedanken schweiften zu Frederik Bradshaw ab. Sie konnte nicht abstreiten, dass der Mann ihr zunehmend imponierte. Er war kein reicher Müßiggänger, sondern ein engagierter Mann, dem das Elend der Menschen in Canvas nicht so schrecklich gleichgültig war wie diesem Archibald Cumberland. Wenn sie sich vorstellte, wie viele dieser armen Menschen ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren. Natürlich war sie auch dafür, dass die Verbrecher bestraft wurden, aber in Mister Cumberlands Gefängnis einzusitzen bedeutete mit Sicherheit eine zusätzliche Strafe für diese Leute.

Und dann war es endlich so weit! Als an diesem Tag der dumpfe Ton der Glocke erklang, pochte ihr Herz bis zum Hals. Sie durfte sich ihre Aufregung nur nicht anmerken lassen, weil ihre Mutter wie eine aufgeregte Glucke um sie herumwuselte und wie ein Blitz zur Tür schoss.

Vicky hatte den Augenblick, in dem Frederik sie endlich mit der Kutsche abholen würde, in den vergangenen Tagen immer wieder herbeigesehnt, doch als er tatsächlich vor ihrer Tür stand, war alles anders. Es war etwas in seinem Blick, das sie faszinierte. Der schwere melancholische Ausdruck, den sie so anziehend gefunden hatte, war zwar verschwunden, stattdessen aber strahlten seine Augen einen verheißungsvollen Glanz aus. Was sie zudem wahrnahm, war, wie gut er an diesem Morgen aussah. Es waren aber nicht nur seine schlichte, edle Kleidung, sein eleganter Hut und seine Stiefel, die Vicky gefielen, sondern seine gesamte Ausstrahlung. Er hätte ihr als Mann wirklich gefallen können, wenn ihr Herz nicht bereits vergeben gewesen wäre.

»Willst du Mister Bradshaw gar nicht begrüßen?«, hörte sie von ferne ihre Mutter mahnen. Vicky erschrak. Sie hatte ihn doch nicht etwa gedankenverloren angestiert?

»Schön, dass Sie da sind, Frederik«, sagte sie hastig und spürte, wie sie errötete. Nun trat auch Samuel Stewart auf den Flur und begrüßte ihn. Sogar Louise ließ sich blicken, aber nur, dessen war sich Vicky sicher, um ihr vor ihrer Abfahrt noch eine kleine Spitze mit auf den Weg zu geben.

Mister Bradshaw nahm ihren Koffer und stöhnte auf: »Haben Sie Steine im Gepäck?«

»Nein doch, wo denken Sie hin, aber was glauben Sie denn, was so eine Krinoline wiegen kann. Sie wissen doch, wenn der Rock sich nicht wie ein Zelt ausbreitet, fühlen wir Ladys uns nicht wohl.« Sie blickte demonstrativ in Louises Richtung, die stets nach der neuen Mode gekleidet und deren Rock von üppiger Weite war, während sich Frederiks verwunderter Blick auf Vickys relativ flachen Rock heftete.

»Sie tragen aber kein Zelt, und mit Verlaub, ich halte nicht viel von dieser neuen Mode«, sagte er und hatte gar nicht bemerkt, dass Vicky eine Anspielung auf Louises Kleid gemacht hatte. »Meinetwegen können Sie die Krinolone wieder auspacken«, fügte er augenzwinkernd hinzu.

»Das war ja klar, dass Sie alles an meiner Schwester mögen, was sich von dem Stil unterscheidet, den Sie üblicherweise in der modernen Damenwelt finden werden. Außerdem heißt es Krinoline.«

»Louise, bitte, über solche Dinge spricht man nicht«, ermahnte Anne ihre Tochter.

»Stimmt, ich darf auch nie über meine Unterhosen schimpfen, wenn sie so pludrig sind, dass der Wind von unten durchpfeift«, ergänzte Vicky, die sich langsam entspannte, lachend.

»Sophie Victoria!«, schimpfte Misses Stewart entrüstet.

Vicky sah aus den Augenwinkeln, dass es um Frederiks Mundwinkel leicht zuckte.

»So, Kinder, jetzt ist aber genug geplaudert. Ihr verpasst noch eure Kutsche.«

»Ja, Sir, dann werde ich die Krinoline mal stemmen«, erwiderte Frederik ungerührt und hob den Koffer hoch.

Ihre Eltern begleiteten sie noch zur Kutsche, während Louise in der Tür stehen blieb. Vicky wusste auch nicht, was sie in diesem Augenblick umtrieb, aber sie trat auf ihre Schwester zu und umarmte sie. Louise war so überrascht über diese schwesterliche Zuneigung, dass sie ihr alles Gute wünschte.

Ihre Mutter hatte Tränen in den Augen, nachdem das Gepäck verstaut war und Vicky in der Kutsche Platz genommen hatte. »Grüß die Cunninghams, und komm gesund zurück«, gab sie ihr mit auf den Weg.

Vicky rang sich zu einem Lächeln durch und hoffte, die Kutsche würde sich endlich in Bewegung setzen. Doch dann rief ihr Anne etwas zu, was ihr den Atem stocken ließ. »Und denk daran, Steven einzuladen. Ich habe ihm geschrieben, dass du kommst, und er wird dich sicher bei den Cunninghams aufsuchen. Ich finde ja, er würde sehr zu Martha passen. Was meinst du?«

Oh Gott, an Steven und dass er ja auch in Sydney ist, habe ich überhaupt nicht gedacht, durchfuhr es Vicky eiskalt. Was, wenn er bei den Cunninghams auftaucht und denkt, ich wäre dort? Nicht auszudenken! Dann würde alles auffliegen, was dann wiederum Martha in furchtbare Verlegenheit brachte. Schließlich deckte sie ihren Plan. Vicky fühlte sich entsetzlich schlecht. War es richtig, dass sie ihre Freundin und auch Frederik zu ihren Helfershelfern gemacht hatte? Furchtbare Skrupel erfassten sie. Aber was sollte sie tun? Aussteigen und beichten, dass sie die Familie seit Monaten aufs Übelste belogen hatte? Mit nach Sydney fahren und Jonathan einen Brief schreiben?

Als sich die Kutsche endlich in Bewegung setzte, griff Frederik nach ihrer Hand und drückte sie zart. »Ich hatte schlaflose Nächte. Hoffentlich tue ich das Richtige«, stöhnte er.

»Fragen Sie mich mal! Ich habe seit Tagen kein Auge mehr zugetan. Und manches Mal habe ich mit mir gekämpft, ob ich nicht von meinem kühnen Vorhaben Abstand nehme, aber ich habe keine Wahl. Wenn ich Jonathan nicht mehr wiedersehe, werde ich mich mein ganzes Leben lang fragen, ob ich nicht zu früh aufgegeben habe.«

»Ich verstehe das, aber wohl ist mir trotzdem nicht. Am liebsten würde ich Sie begleiten und auf Sie aufpassen.«

»Das ist keine gute Idee. Das wissen Sie genau.« Vicky rang sich zu einem Lächeln durch und entzog ihm vorsichtig ihre Hand. Nicht, weil es ihr unangenehm war. Im Gegenteil, eher, weil es sich zu gut anfühlte.

»Und was wollen Sie bezüglich Ihres Bruders unternehmen?«

Ja, was? Das fragte sich Vicky auch. Sie konnte Frederiks Hilfsbereitschaft doch nicht noch mehr strapazieren.

»Könnten Sie ihm bald nach Ihrer Ankunft einen Besuch abstatten, ihm die Wahrheit sagen und ihn bitten, die Cunninghams aufzusuchen, aber mit keinem Wort zu erwähnen, dass er mich dort vorzufinden meinte?«

»Und Sie glauben, bei Ihrem Bruder ist Ihr Geheimnis gut aufgehoben? Ich meine, ich kenne ihn ja flüchtig. Er ist ein netter Kerl und ein begnadeter Pianist. Wir waren mal gemeinsam auf einem Herrenabend, an dem er zu später Stunde geradezu göttlich in die Tasten griff. Wenn er nicht so betr-« Frederik unterbrach sich.

»Ich kenne sein Problem. Glauben Sie mir, aber ich weiß auch, dass er einen ordentlichen Zorn auf unseren Vater hegt. Sie wissen, warum er Melbourne so überstürzt verlassen musste und unter Kuratel eines Bekannten meines Vaters in Sydney gestellt wurde?«

»Na ja, man munkelt, er habe vorgehabt, heimlich die Frau eines Goldgräbers aus Canvas Town zu heiraten, nachdem ihr Mann zu den Goldfeldern aufgebrochen war.«

Vicky sah ihn mit großen Augen an. »Ich dachte, er hätte ein Verhältnis zu einem Mädchen am Hafen?«

Frederik wand sich. »Das eine schließt das andere nicht aus. Sie glauben gar nicht, was für eine Not unter den Familien der Glückssucher herrscht. Da bleibt für die hübschen Frauen oft kein anderer Ausweg, als sich zu verkaufen.«

»Oje«, seufzte Vicky in einer Mischung aus Mitgefühl und Entrüstung. »Jedenfalls weiß Steven von Jonathan, und ich glaube kaum, dass er mich angesichts seines eigenen Schicksals unserem Vater ausliefern wird. Im Übrigen spricht er von Ihnen nur in den höchsten Tönen. Ich glaube, er würde sich freuen, wenn Sie mit ihm mal zu den Cunninghams führen. Martha und mein Bruder, das würde ich mir wünschen, aber leider ist Martha in einen anderen verliebt. Doch wer weiß, sie ändert, was die Herren der Schöpfung angeht, auch durchaus mal ihre Meinung.«

»Dann ist ja alles gut«, erwiderte Frederik, doch sowohl er als auch Vicky wussten, dass gar nichts in Ordnung war und dass dieser Plan, würde er jemals herauskommen, gleich mehreren Menschen schaden konnte. Er darf einfach nicht auffliegen!, sprach sich Vicky gut zu.

Das Halten der Kutsche an der Poststation riss sie aus ihren quälerischen Gedanken. Dort warteten bereits beide Kutschen und wurden beladen. Sie würden zeitgleich abfahren, nur in unterschiedliche Richtungen. Ballarat lag etwa dreiundsechzig Meilen im Nordwesten von Melbourne, Sydney an die vierhundertfünfzig Meilen im Osten. Die Kutsche nach Ballarat schaffte die Strecke an einem Tag, während man an die Ostküste über fünf Tage benötigte.

»Ich bringe Sie aber noch sicher zu Ihrer Kutsche«, sagte Frederik Bradshaw bestimmt.

»Nicht, dass Sie Ihre Kutsche verpassen«, entgegnete Vicky und versuchte, stark zu wirken, wenngleich sich in ihrem Inneren die Bedenken nur so überschlugen, vor allem als sie ihre Mitreisenden wahrnahm. Es waren ziemlich wild aussehende Kerle. Die Sachen, die aufs Dach geladen wurden, ließen keinen Zweifel übrig, dass diese Männer auf der Suche nach dem großen Glück waren. Außer Spaten und Spitzhacken wurden Mengen von Goldpfannen und einige Goldwiegen verpackt.

»Sie kaufen es in Melbourne, weil die Sachen in Ballarat doppelt so teuer sind«, flüsterte ihr Frederik zu.

Vicky nickte geistesabwesend und fragte sich, wie sie diese Reise unbeschadet überstehen sollte, denn sie befürchtete, dass alle zwölf Plätze besetzt sein könnten und sie eingezwängt zwischen zwei solchen Kerlen würde reisen müssen.

»Vicky, Sie sind so blass um die Nase. Noch können Sie es sich überlegen und mit mir nach Sydney reisen«, flüsterte Frederik ihr ins Ohr. Ein gewisser spöttischer Unterton war nicht zu überhören. »Dann wäre ich wenigstens eine Sorge los.«

In dem Augenblick aber sah Vicky zu ihrer großen Freude einen schnaufenden Polizisten mit seinem Koffer herbeieilen. Dann bin ich wenigstens sicher, dachte sie. Der Ordnungshüter war allerdings sichtlich irritiert, als er mitbekam, wie Vickys Koffer auf dem Dach verschnürt wurde.

»Entschuldigen Sie, Miss, aber Sie werden tatsächlich mit dieser Kutsche fahren?«, fragte er ungläubig. »Wissen Sie denn …«

»Mein Herr, machen Sie sich keine Gedanken um meine Schwester. Sie trifft dort ihren Ehemann, der zu den glücklichen Gewinnern des Goldrausches zählt.«

»Ach so, entschuldigen Sie bitte meine Neugier. Doch man weiß ja, wie es dort draußen zugeht. Ich meine, für mich ist es nicht bedrohlich, nachdem ich jetzt mehrere Monate in Canvas Town Dienst getan habe, und das ist an Hölle nicht zu überbieten. Wenn Sie erlauben, steht Ihre Schwester unter meinem persönlichen Schutz. Wenn ich bitten darf.« Er reichte Vicky seinen Arm.

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber wir wollen uns noch verabschieden. Gehen Sie doch schon vor. Ich bringe meine Schwester gleich selbst zur Kutsche.«

Mit diesen Worten zog Frederik sie unter das überdachte Vordach der Station in eine Ecke, wohin ihm der Blick des Ordnungshüters nicht folgen konnte. Dort nahm er sie fest in den Arm. »Ich weiß nicht so recht, was ich Ihnen wünschen soll«, sagte er leise.

»Wünschen Sie mir, dass Jonathan das Glück hold sein wird und er sich traut, bei meinem Vater um meine Hand anzuhalten«, entgegnete sie hastig.

»Gut, dann drücken wir mal die Daumen. Das wäre doch die beste Lösung«, spottete er verhalten. »Nein, ich wünsche Ihnen, dass Sie gesund zurückkehren, ohne dass ihre Eltern Wind von dieser Geschichte bekommen, und dass Sie bei Ihrer Rückkehr Klarheit haben, wie Ihre Zukunft aussehen soll.«

»Das weiß ich doch!«, erwiderte Vicky trotzig.

»Gut, dann nur noch eines: Sollten Sie sich nicht an unsere Abmachung halten und nicht nach Melbourne zurückkehren, dann würde ich Himmel und Hölle in Bewegung setzen, Sie zu finden.«

Vicky zuckte zusammen. Das klang entschlossen, fast ein wenig gefährlich. Wollte er damit sagen, dass er alles tun würde, damit sie nicht mit Jonathan durchbrannte?

»Sie würden also alles tun, damit ich Jonathan aufgebe, nicht wahr?«

»Nein, das würde ich nicht! Sollten Sie heil zurückkommen und dann eines Tages mit Ihrem Jonathan verschwinden, geht mich das nichts an. Ich möchte mich nur nicht zu Ihrem Fluchthelfer machen. Sobald Sie gesund und munter aus Ballarat nach Melbourne zurückgekehrt sind, können Sie tun und lassen, was Sie wollen.«

Vicky fühlte nicht jene Erleichterung, die sie angesichts dieser klaren Worte nun eigentlich empfinden sollte.

»Dann ist ja alles gut«, entgegnete sie stattdessen leicht verschnupft.

»Kommen Sie, ich bringe Sie zur Kutsche«, erklärte Frederik förmlich und bot ihr seinen Arm, in den sie sich missmutig einhakte. »Halten Sie schon mal Ihr Billett bereit.«

Billett? Der Schreck fuhr Vicky durch alle Glieder. »Muss man das vorher kaufen?«, fragte sie und merkte, wie ihr alle Farbe aus dem Gesicht wich, denn im selben Atemzug fiel ihr ein, dass sie nicht einmal Geld bei sich hatte. Sie hatte noch nie eigenes Bargeld besessen. Alles, was sie sich in den Geschäften kaufte, wurde auf eine Rechnung gesetzt, die ihr Vater monatlich beglich.

Wie blauäugig kann man nur sein, schalt sie sich und sah Jonathan bestürzt an. »Ich habe weder eine Fahrkarte noch einen Penny«, gab sie zerknirscht zu.

»Na, dann sollten wir erst einmal schauen, ob es überhaupt noch einen freien Platz in der Kutsche gibt«, sagte er und verzog keine Miene, sondern steuerte auf den Schalter zu, an dem die Karten verkauft wurden.

Vicky beobachtete mit klopfendem Herzen, wie Frederik einen Disput mit dem Mann am Schalter führte, doch dann triumphierend mit einer Karte wedelte.

»Das war die letzte«, verkündete er und reichte sie ihr. Dann griff er in seine Jackentasche, holte seine Geldbörse hervor und drückte ihr wortlos einen Geldschein in die Hand.

»Aber das kann ich nicht annehmen«, stieß Vicky beschämt hervor.

»Das gebe ich Ihnen nur, damit Sie sich in Ballarat im ersten Haus am Platz …« Er stockte. »Also, es ist zwar lange nicht so gut wie die besseren Hotels in Melbourne, aber besser, als wenn sie in einem Goldgräberzelt nächtigen.«

Vicky sah ihn erschrocken an.

»Ja, haben Sie gedacht, dass die Goldsucher solche Häuser bewohnen wie Sie und ich?«

»Sie halten mich für ziemlich naiv, oder?«, bemerkte sie kleinlaut.

»Ganz und gar nicht. Es ist vielmehr so, dass Sie bislang in recht paradiesischen Verhältnissen gelebt haben«, entgegnete er ungerührt. »Versprechen Sie mir, dass Sie sich das beste Zimmer nehmen, das Sie bekommen können?«

Vicky nickte eifrig.

»So, und jetzt müssen wir uns sputen. Sonst fährt die Kutsche ohne Sie«, fügte er rasch hinzu.

Als sie wenig später in die Kutsche einstieg, wurde ihr schwer ums Herz. Sie drehte sich noch einmal um, aber da war Frederik Bradshaw bereits verschwunden.

Der Polizist deutete überschwänglich auf den Platz neben sich. »Den habe ich für Sie frei gehalten«, verkündete er. Ungeachtet der verstohlenen Blicke der übrigen Mitreisenden zwängte sie sich zwischen ihn und einen beleibten Goldsucher.

Als die Kutsche anfuhr, wurden Vickys Augen feucht. Warum?, fragte sie sich, ich sollte mich doch freuen, da ich nun auf dem Weg zu meinem Liebsten bin. Aber nein, wohl war ihr nicht, und sie wünschte sich für einen kurzen Augenblick zurück in das Haus in der Spencer Street, bereit, sogar das Gerede ihrer Mutter und die Sticheleien ihrer Schwester zu ertragen. Der Polizist, der sich ihr inzwischen als Constable Clarence vorgestellt hatte, versuchte, sie in ein Gespräch zu verwickeln, doch weil sie nur knapp antwortete, verstummte er schließlich, und Vicky konnte ungestört ihren Gedanken nachhängen. Erst nach ein paar Stunden verflüchtigten sich ihre düsteren Gedanken, verbunden mit der diffusen Sehnsucht, in den Schoß ihrer Familie zurückzukehren, und sie stellte sich vor, wie Jonathan reagieren würde. Würde er sie mit der nächsten Kutsche nach Hause zurückschicken? Oder würde er sich darüber freuen, dass sie für ihn gerade all das aufs Spiel setzte, was ihr bisheriges Leben ausgemacht hatte?

10

Jonathan, der sich von seinem Brief an Vicky endlich inneren Frieden erhofft hatte, war kurz nachdem er ihn abgeschickt hatte, an einem unbekannten Fieber erkrankt, das schon einige der Goldgräber in Ballarat ans Bett gefesselt hatte. Zunächst hatte er sich müde und abgeschlagen gefühlt, diese Symptome allerdings ignoriert und weitergearbeitet. Seinen Zustand hatte Jonathan zunächst auf seine Entscheidung geschoben, Vicky aufzugeben, und überhaupt auf diese Hoffnungslosigkeit, die ihn ohnehin immer matter werden ließ. Doch als dann hohes Fieber und Gelenkschmerzen hinzugekommen und schließlich seine Hände bis zur Unbeweglichkeit versteift waren, konnte Jonathan seiner Arbeit auf den Goldfeldern nicht mehr länger nachgehen. Anfangs hatte er es trotz unerträglicher Schmerzen und des stets steigenden Fiebers noch versucht, aber er war nicht einmal mehr in der Lage gewesen, das Goldsieb zu halten, geschweige denn im kalten Wasser zu stehen, ohne dass ihn der Schmerz unerträglich peinigte.

Schließlich hatten ihn seine drei Freunde eines Tages ohnmächtig am Ufer des Flusses gefunden und ihn in sein Zelt getragen. Abwechselnd kümmerten sie sich nun um den Kranken. Sie hatten es sogar geschafft, den einzigen Arzt aus Ballarat herbeizuholen. Der hatte auf die Frage der drei, wie lange diese Krankheit dauern würde, nur achselzuckend erwidert, dass er keine Prognose abgeben könnte. Und er hatte ihnen von anderen Männern berichtet, die bereits wochenlang mit diesem Fieber daniederlagen und unter großen Schmerzen vor sich hindämmerten. Er hatte seinem Patienten nicht einmal ein Medikament geben können, da er die Ursachen dieses Fiebers selbst nicht kannte. Allerdings hatte er die Vermutung geäußert, dass die Krankheit von Stechmücken übertragen wurde, denn Jonathans Körper wies etliche entzündete Stiche auf.

Jonathan selbst befand sich in einem Zustand absoluter Teilnahmslosigkeit. Er klagte nicht, ja, er redete kaum noch. Nur in seinen nächtlichen Fieberträumen rief er manchmal laut nach Vicky. Seine Freunde wechselten sich mit der Pflege ab und einer von ihnen schlief immer bei ihm im Zelt.

An diesem heißen Dezembertag schien sich Jonathans Zustand allerdings rapide zu bessern. Das Fieber war heruntergegangen, und Jonathan aß sogar ein bisschen von der Suppe, die Sam für ihn gekocht hatte. Er hatte selbst das starke Gefühl, dass seine Lebensgeister zurückgekehrt waren, denn er wollte alles wissen, was in der Zwischenzeit in Ballarat und unten am Fluss geschehen war.

Sam druckste ein wenig herum, denn er wollte die Genesung seines Freundes nicht dadurch gefährden, dass er ihm eine schlechte Nachricht überbrachte.

»Ich sehe es doch deinem Gesicht an, alter Junge. Verschon mich nicht. Ich habe mich während der letzten Zeit gut erholt und faul herumgelegen. Sag nur frei heraus, was geschehen ist«, forderte ihn Jonathan zum Reden auf.

»Sie haben schon wieder die Lizenzen erhöht, und ein paar reiche Leute errichten auf ihren Claims neue Bergwerke und werben unsere Leute als billige Arbeitskräfte an. Es geht das Gerücht, dass wir in Zukunft kein Gold mehr im Fluss finden werden, sondern früher oder später alle in den Bergwerken arbeiten müssen.«

»Und warum tun wir uns nicht zusammen und machen auf meinem Claim draußen bei den Sümpfen unser eigenes Bergwerk auf?«, fragte Jonathan unternehmungslustig.

»Weil du bislang nicht mehr als den einen Klumpen dort gefunden hast, den du für deine Lizenzgebühr auf den Kopf gehauen hast. Und weil du nun zwar einen Claim dein Eigen nennst, sich darauf aber kein Staubkorn Gold befindet«, entgegnete Sam.

Jonathan legte seine Stirn in Falten. »Wenn doch nur einer von uns einen zweiten Goldklumpen finden würde, wir ihn zu Geld machen und die Werkzeuge kaufen könnten, um herauszufinden, ob nicht doch eine Miene auf dem Grundstück ist und wir dann unsere eigenen Schächte abteufen«, seufzte er und versuchte, vor dem Freund zu verbergen, dass seine linke Hand immer noch sehr schmerzte und dass er sie nicht strecken konnte.

»Werde du erst einmal wieder ganz gesund«, bemerkte Sam, dem das schmerzverzerrte Gesicht seines Freundes keineswegs entgangen war.

»Und was gibt es sonst Neues?«, fragte Jonathan, weil er die mitleidige Miene seines Freundes kaum ertrug.

»Die junge Lady hat mich jedes Mal nach dir gefragt, wenn ich im Saloon war«, gab Sam zögernd zu.

»Und was hast du ihr gesagt?«

»Die Wahrheit. Sie hat mehrfach gefragt, ob sie dich besuchen darf und …«

»Das fehlte mir noch, dass sie mich in diesem erbärmlichen Zustand sieht!«, unterbrach ihn Jonathan unwirsch.

»Du bist wieder ganz der Alte, mein Freund. Stur, herrisch und eitel«, scherzte Sam. »Und du vertraust deinen Freunden nicht. Glaubst du allen Ernstes, ich hätte sie hergebeten? Nein, niemals, ohne dich vorher zu fragen. Aber vielleicht könnte ich ihr heute Abend einen kleinen Hinweis geben, wo sie dein Zelt finden kann. Es könnte dir nichts schaden, deine Manneskraft mal wieder auszuprobieren.«

»Idiot!«

Sam legte den Kopf schief. »Du willst mir doch nicht weismachen, dass da nichts zwischen euch gelaufen ist. Du hättest mal das Strahlen in Nicolettas Augen sehen sollen, als sie von dir gesprochen hat.« Sam versuchte, ihr Lächeln zu imitieren und flötete übertrieben: »Jonathan, oh, Jonathan!«

»Lass den Blödsinn!«, entgegnete Jonathan, aber das sagte er keineswegs in bösem Ton. Er hatte ja selbst heute Morgen beim Aufwachen daran gedacht, sie aufzusuchen, sobald er wieder unter den Lebenden weilte.

»Habt ihr, oder habt ihr nicht? Sie ist jedenfalls die begehrenswerteste Braut in ganz Ballarat. Oder trauerst du immer noch deiner Prinzessin nach? Du hast manchmal nachts nach ihr gerufen.«

»Woher weißt du das?«

Sam rollte theatralisch mit den Augen.

»Wir haben abwechselnd über deinen Schlaf gewacht und wurden manches Mal von deinem glockenhellen ›Vicky! Oh, Vicky‹ geweckt.«

Jonathan stieß einen Seufzer aus. »Ich habe oft von ihr geträumt. Aber das war dem Fieber geschuldet. Ich habe das Richtige getan, indem ich ihr geschrieben habe, dass es vorbei ist. Ich denke, sie war im Grunde ihres Herzens erleichtert. Oder kam ein Brief von ihr an, während ich im Fieber lag?«

Sam schüttelte den Kopf.

»Sag ich doch. Sie hat mich längst vergessen und bereits einen Ehemann gefunden, der ihrem Vater genehm ist.«

»Es ist alles richtig. Was willst du denn auf lange Sicht mit einer verwöhnten Lady, und vor allem, was will sie mit dir armem Schlucker?«

Jonathan drohte seinem Freund scherzhaft mit der Faust. »Von wegen armer Schlucker. Ich werde mir in meinem eigenen Bergwerk eine goldene Nase verdienen, und dann ziehe ich nach Melbourne als reicher Bürger und heirate …«

»Du hast den Traum also immer noch nicht aufgegeben?«, fragte Sam skeptisch.

»Doch, doch, ich werde mich, sobald ich wieder auf den Beinen bin, um Miss Nicoletta kümmern. Sie ist aus demselben Holz geschnitzt und nicht so ein Püppchen …« Jonathan stockte. »Vicky ist alles andere als ein Püppchen. Sie ist eine mutige junge Frau. Und sie ist von einer ganz besonderen Schönheit …«

Ein Räuspern am Eingang ließ ihn seine Schwärmerei abrupt unterbrechen.

»Da ist ein gewisser Constable Clarence, der dich unbedingt persönlich sprechen möchte«, raunte sein Freund Chui, als er ins Zelt trat, und deutete nach draußen.

Jonathan setzte sich irritiert auf. »Polizei? Ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen«, murmelte er.

»Er kommt im Auftrag einer Dame, aber mehr will er nicht verraten. Er macht sich unglaublich wichtig und hat überall in der Stadt nach dir gefragt.«

Sam und Jonathan sahen einander fragend an.

»Dann bitte ihn in die gute Stube«, sagte Jonathan mit leisem Spott.

Auf einen Wink Chuis betrat Mister Clarence schwer atmend das Zelt. Er hatte einen hochroten Kopf, und der Schweiß rann in Strömen unter seinem schwarzen, riesigen zylinderartigen Hut hervor. Er ließ seinen Blick skeptisch zwischen Jonathan und Sam hin und her schweifen.

»Wer von den beiden Herren …« Er machte eine Pause, nachdem er das Wort »Herren« mit gekräuselten Lippen hervorgepresst hatte, so als wäre das zu viel der Ehre für die in seinen Augen heruntergekommenen Kerle. »Wer von Ihnen ist Mister Bowl?«

»Warum fragen Sie? Was ich auch immer verbrochen haben soll, ich habe ein Alibi. Seit zwei Wochen liege ich nun schon auf meinem Lager mit einem gemeinen Fieber.«

Constable Clarence trat sofort einen Schritt zurück: »Sind Sie ansteckend, Mann?«

»Ist er nicht!«, antwortete Sam. »Ich habe ihn gewaschen, gefüttert und noch mehr. Und sehen Sie mich an: Ich bin kerngesund!«

»Dann sind also Sie Mister Jonathan Bowl. Ich habe Ihnen etwas Vertrauliches mitzuteilen. Unter vier Augen. Von Ihrer Frau!«

»Meine Frau. Aha!«, lachte Jonathan. Sam und Chui fielen in das meckernde Gelächter ein.

»Was gibt es denn da zu lachen?«, empörte sich der Constable.

»Die Tatsache, dass ich nicht verheiratet bin«, gab Jonathan gut gelaunt zurück.

»Dann, mein Herr, entschuldigen Sie die Störung. Dann hat mich dieses Schlitzauge absichtlich in diese Räuberhöhle gelockt …«

»Hehehe«, schimpfte Chui und drohte ihm mit der Faust. »Sie haben nach Mister Jonathan Bowl gefragt, Sie haben ihn mir beschrieben, und ich habe Sie hergeführt.«

»Es muss noch einen zweiten Herrn dieses Namens geben. Die vornehme Lady sprach von einem Gentleman, den ich hier nirgendwo sehen kann. Und die Dame muss es wissen, denn sie sprach von ihrem Ehemann.«

Sam trat kämpferisch einen Schritt auf den Polizisten zu. »Was wollen Sie wirklich hier?«

»Ich muss doch sehr bitten«, empörte sich der Constable.

»Moment!« Jonathan war aus dem Bett gesprungen und hatte sich vor dem Polizisten aufgebaut. »Sie sagten, Sie seien im Auftrag einer vornehmen Dame hier. Wie ist ihr Name?«

»Was fragen Sie denn? Zu Ihren Kreisen gehört die Lady sicherlich nicht …«

»Den Namen!«

»Ist ja schon gut. Misses Sophie Victoria Bowl.«

Jonathan kam ins Wanken. Seine beiden Freunde sprangen gerade noch rechtzeitig hinzu, um ihn zu stützen und zum Bett zurückzubringen. Er war noch blasser geworden, als die Krankheit ihn sowieso hatte werden lassen.

»Wie sieht sie aus?«

»Ungewöhnlich, wenn Sie mich fragen. Sie ist sehr groß und schlank, hat helles Haar und ein markantes Gesicht…«

»Wo ist sie jetzt?«

Der Polizist tippte sich an die Stirn. »Das werde ich Ihnen nicht verraten. Womöglich wollen Sie die Dame noch ausrauben!«

»Wo?«

»Im Victoria-Hotel, dem einzigen Haus in diesem verdorbenen Ort, in dem keine Prostituierten ein und aus gehen und in dem anständige Leute logieren können.«

»Und wie und wo bitte haben Sie die Lady kennengelernt?«

»Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das sagen sollte.«

»Wo?«, fragte Sam und ließ seine Muskeln unter dem kaputten Hemd spielen.

Die Gesichtsfarbe von Constable Clarence ging jetzt ins Violette, ein sicheres Zeichen, dass er Herzprobleme hatte. Der Schweiß strömte ihm bis in die Augen, sodass er ständig damit beschäftigt war, ihn fortzuwischen, damit er überhaupt sehen konnte.

»In Melbourne an der Poststation. Ihr Bruder brachte sie zur Kutsche. Und als ich meinem Erstaunen Ausdruck gab, ob die Dame tatsächlich in diesen Moloch zu reisen gedachte, teilte mir ihr Bruder mit, dass ihr Ehemann hier auf sie warten würde. Schließlich kam ich in der Kutsche mit der Dame ins Gespräch, wobei ich sagen muss, sehr gesprächig war sie nicht, aber immerhin sagte sie mir Ihren Namen. Ich wartete dann in Ballarat in einiger Entfernung darauf, dass der Ehemann sie abholen würde. Ich fühlte mich ja in gewisser Weise für die Lady verantwortlich, musste ich sie in der Kutsche doch schon vor den lüsternen Blicken der mitreisenden Kerle beschützen. So eine Lady kann man doch nicht allein durch Ballarat laufen lassen. Und das bei Nacht. Es war ja schon dunkel.« Erschöpft hielt der Polizist inne, holte ein frisches Schnupftuch hervor und fuhr mit dem Wischen fort.

»Weiter, Mann!«, befahl ihm Jonathan heiser.

»Na ja, es kam kein Ehemann. Stattdessen näherte sich ihr allerhand Gesindel. Bis ich dann zu ihr trat. Sie war lange nicht mehr so überheblich wie in der Kutsche, wo sie ja kaum die Zähne auseinanderbekommen hat. Im Gegenteil, auf meine Frage, wo ihr Mann wäre, brach sie in Tränen aus und schluchzte, dass er ihre Nachricht wohl nicht rechtzeitig erhalten hätte. Dann fragte sie, wo das beste Haus am Platz wäre, und ich brachte sie sicher zum Victoria-Hotel. Das aber war voll belegt. Doch da ich dort ein Zimmer vorbestellt hatte, überließ ich der Dame meines und stieg nebenan in der Spelunke ab. Sie wissen schon, das Etablissement über dem Saloon. Und dann bat mich die Dame um einen Gefallen. Ich sollte herausfinden, wo sich ihr Ehemann, dieser Jonathan Bowl, befindet, und ihn auf der Stelle zu ihr bringen.«

»Warum sagen Sie das nicht gleich?«, fuhr Jonathan den Constable an und sprang erneut aus seinem Bett.

»Was hast du vor?«, fragte Chui besorgt.

»Das ist doch nicht etwa das, was ich denke?«, hakte Sam nach.

Jonathan aber sah und hörte nichts mehr. Stattdessen griff er in seinen Koffer und holte den guten Anzug hervor, den er eilig anzog.

»Mann, lass uns das doch erledigen. Das kannst du noch nicht. Du wirst umkippen«, mahnte Sam.

»Was hat er vor?«, wollte der Constable wissen.

»Nach was sieht es denn aus?«, entgegnete Jonathan, während er sich an dem Polizisten vorbeidrückte und in Richtung Ausgang strebte.

»Nein, Sie werden nicht allein zu dieser Dame gehen. Nur über meine Leiche! Und wenn überhaupt, dann suchen wir sie gemeinsam auf. Nachher tun sie ihr noch etwas an! Meine Kutsche steht am Ende der Straße …«

»Haltet ihn einen Augenblick fest, bis ich genügend Vorsprung habe!«, ordnete Jonathan an und verließ eilig das Zelt. Ihm war ein wenig schummrig, aber der Gedanke, dass Vicky nach Ballarat gekommen war, verlieh ihm Flügel. Was bin ich doch nur für ein Idiot gewesen, dass ich alles hinwerfen wollte, dachte er grimmig, während er auf sein Pferd stieg und wie der Teufel nach Ballarat ritt.

11

Als Jonathan in Ballarat das sogenannte erste Haus am Platz betrat, wollte ihn der Kerl an der Rezeption gleich wieder auf die Straße setzen, und das trotz seines feinen Zwirns. Jonathan sah an sich hinunter und erstarrte. Er hatte in seiner Aufregung vergessen, sich Schuhe anzuziehen. Kein Wunder also, dass er in diesem Haus unerwünscht war.

»Entschuldigen Sie, dass ich barfuß bin, ich habe mir neue Schuhe machen lassen, die sind aber nicht fertig geworden, und meine alten sind beim Schuhmacher unauffindbar, aber meine Frau hat mir welche aus Melbourne mitgebracht.

»Soso, wie heißt denn Ihre Frau?«

»Sophie Victoria Bowl.«

»Moment, ich muss erst nachsehen, ob ein Gast dieses Namens bei uns logiert«, verkündete der Portier wichtigtuerisch und vertiefte sich in ein Buch. Jonathan war sich sicher, dass dies die einzige Herberge in der ganzen Stadt war, in der die Gäste namentlich registriert wurden.

»Es tut mir leid, eine Dame mit diesem Namen beherbergen wir nicht.«

Jonathans Gelenke pochten, alles tat ihm weh, er fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Noch schwächte ihn die frisch überstandene Krankheit stark. Er musste zu Vicky, und zwar sofort. Jonathan setzte alles auf eine Karte.

»Entschuldigen Sie bitte, das ist ihr Mädchenname. Wir sind noch nicht so lange verheiratet. Der Name meiner Frau ist Sophie Victoria Stewart.« Er tippte sich gegen die Stirn. »Seinen eigenen Namen sollte man schon kennen, nicht wahr. Aber kennen Sie das? Wenn man jung verliebt ist, geht da oben einiges durcheinander.«

Die strenge Miene des Portiers erhellte sich merklich. Jonathan atmete erleichtert auf. Offenbar hatte er den richtigen Ton getroffen, um sich bei dem Portier einzuschmeicheln. Jedenfalls hielt Jonathan seine Regung für Wohlwollen. Nun konnte er nur noch hoffen, dass er auch den richtigen Namen genannt hatte. Er war in diesem Punkt zuversichtlich, denn er hielt Vicky nicht für so durchtrieben, sich einen völlig falschen Namen auszudenken. Wobei … er stutzte … sie hatte schließlich auch behauptet, dass sie Misses Bowl und er ihr Ehemann war …

»Dann werde ich der Dame Bescheid sagen, dass sie Besuch hat. Denn wenn Sie ihr Ehemann sind, fresse ich einen Besen. Um mich zu verschaukeln, müssen Sie früher aufstehen.«

Jonathan aber rannte, ohne sich um die Worte des Portiers zu kümmern, die Treppe nach oben zu den Fremdenzimmern. In der Mitte des Flurs blieb er stehen und rief laut Vickys Namen.

Vicky horchte auf. Jemand schien dort draußen auf dem Flur herumzubrüllen. Doch dann meinte sie, ihren Namen zu verstehen. Sie lauschte angestrengt. »Vicky!!!« Tatsächlich, das Geschrei galt ihr, und im selben Augenblick erkannte sie auch seine Stimme. Ihr Herzschlag drohte auszusetzen. Es war Jonathan! Also hatte der Polizist Glück bei seiner Suche gehabt. Sie hatte ihm ja auch genügend Geld gegeben, damit er Jonathan Bowl für sie fand. Mit Grauen dachte sie an ihre gestrige Ankunft in Ballarat. Es war stockdunkel gewesen, und natürlich hatte keiner sie abgeholt. Wie auch? Sie hatte Jonathan ja nicht in ihre Reisepläne eingeweiht.

Und nun rief er dort draußen auf dem Flur verzweifelt ihren Namen. Bei dem Gedanken, in ein paar Minuten womöglich in seinen Armen zu liegen, wurden ihre Knie weich. Sie hatte Mühe, zur Tür zu gelangen.

Sie öffnete sie ganz langsam und entdeckte ihn am Ende des Flurs. Trotz der Entfernung erschrak sie bei seinem Anblick. Er war schrecklich dürr geworden, seine Haut hatte eine graue Farbe, die schwarzen Locken hingen ihm ungekämmt ins Gesicht, und er trug einen ungepflegten, pechschwarzen Vollbart. Kurz, er sah zum Fürchten aus. Noch hatte er sie nicht gesehen, denn er sah gerade angestrengt den langen Flur in die andere Richtung hinunter. Sie konnte ihn nur im Profil sehen, aber das genügte, um seinen elenden Zustand zu erfassen. Als er sich in diesem Augenblick zu ihr umdrehte, erblasste sie vor Sorge um den Geliebten, aber nichts auf der Welt würde sie davon abhalten, sich ihm in die Arme zu werfen.

»Vicky«, stöhnte er. »Vicky!«

Sie rannte geradewegs auf ihn zu. Er hob sie hoch und wirbelte sie herum; entwickelte so viel Kraft wie ein kerngesunder Mann. Sie strich ihm zärtlich durch den Rauschebart, und dann küssten sie sich. Es gab nur noch sie beide auf dieser Welt.

Bis der zeternde Portier angerannt kam. »Ich habe es doch geahnt, dass Sie der Lady nichts Gutes wollen.« Vicky und Jonathan stoben auseinander. Der Mann packte den verblüfften Jonathan am Arm und wollte ihn mit sich ziehen. »Sie und der Ehemann dieser Dame. Dass ich nicht lache.« Jonathan ließ sich widerstandslos mitzerren, er fühlte sich innerlich wie betäubt. Vicky hatte so entsetzt bei seinem Anblick ausgesehen, wie ihm jetzt wieder in den Sinn kam.

»Lassen Sie sofort meinen Mann los!«, herrschte Vicky den Portier an, nachdem sie ihre Fassung wiedererlangt hatte. Fassungslos nahm der Mann seine Hände weg. »Dieser Kerl ist wirklich Ihr Ehemann?« Die pure Ungläubigkeit sprach aus seinen Augen.

»Ja, und jetzt lassen Sie uns bitte allein!«, fauchte Vicky so entschieden, dass der Mann mit hängenden Schultern verschwand.

»Komm«, sagte sie leise, während sie Jonathan bei der Hand nahm und in ihr Zimmer zog. Er aber spürte in dem Augenblick, wie ihn seine Kräfte verließen. Ihm wurde schwarz vor Augen, und er deutete auf das Bett. Vicky verstand und bat ihn, sich bei ihr aufzustützen. So vereint steuerten sie geradewegs auf das mit schneeweißem Leinen bezogene Bett zu. Stöhnend ließ er sich auf die sauberen Laken fallen. Schweiß rann ihm von der Stirn, und in seinen Gelenken pochte es, als würden kleine Hämmer in einem fort auf Muskeln und Knochen schlagen.

»Verzeih mir, Vicky, aber ich komme geradewegs aus dem Krankenbett und hätte wohl noch nicht aufstehen dürfen«, entschuldigte er sich leise.

»Pst, Liebster«, flüsterte sie. »Nicht sprechen.«

Jetzt erst wurde ihr klar, dass Jonathan offenbar nur knapp dem Tod entronnen war.

»Ich hole einen Arzt«, sagte sie heiser.

»Nein, bitte nicht. Das haben meine Freunde schon getan. Er kann nichts für mich tun. Bitte, lass mich nur ein wenig ruhen, und ich verspreche dir, gleich ist alles wieder gut.«

Vicky legte sanft die Hand auf seine Stirn. Fieber hat er keines mehr, dachte sie erleichtert, denn sie fühlte sich nicht heiß an. Sie strich ihm die verschwitzten Locken aus dem Gesicht. Aus seinen Augen sprach jene Wärme, die ihr so vertraut war. Heiße Wallungen der Zuneigung durchfluteten ihren Körper.

»Jonathan«, flüsterte sie. »Oh, Jonathan!«

Er schien mit sich zu kämpfen, wollte wach bleiben, sie begrüßen, mit ihr reden, aber alles, was er von sich gab, war ein heiseres: »Ich muss nur einen Augenblick ruhen, dann ist alles gut.«

Während er diese Worte unter großer Anstrengung hervorstieß, fielen ihm seine Augen zu. Das ging noch ein paarmal hin und her. Er wollte sich seiner Erschöpfung partout nicht hingeben, doch dann hatte das Schlafbedürfnis des geschwächten Körpers seinen Willen bezwungen.

Vicky betrachtete ihren schlafenden Liebsten, während eine Flut gemischter Gefühle über sie hereinbrach: Liebe, Empathie, Angst, Sorge, Hoffnung und das alles im regen Wechsel. Ihr wurde ganz schummrig.

Sie zuckte zusammen, als es an der Tür ihres Zimmers klopfte. Hastig erhob sie sich, weil sie verhindern wollte, dass Dritte den kranken Jonathan in ihrem Bett liegen sahen.

Also öffnete sie die Tür nur einen kleinen Spalt, sodass sie ihren Kopf herausstrecken konnte. Sie sah in das knallrote Gesicht des Constables. »Hat er Ihnen etwas getan?«, fragte er aufgebracht. »Seine Männer haben mich festgehalten, damit er allein zu Ihnen kann. Ich hoffe, er hat sich keinen Zutritt zu Ihrem Zimmer verschafft. Seien Sie bitte vorsichtig. Ich habe Ihren Mann nämlich nicht gefunden, sondern nur einen abgehalfterten Burschen, der wie der Blitz davongeritten ist, nachdem er erfahren hat, dass im Victoria-Hotel eine schöne Frau auf ihren Mann wartet und …« Mister Clarence keuchte und schnaubte.

»Nun beruhigen Sie sich doch erst einmal. Falls Sie meinen Mann meinen, ja, der hat mich inzwischen aufgesucht, aber bitte seien Sie leise. Er schläft.«

»Ihren Mann? Nein, ich bewege mich nicht vom Fleck, bevor Sie mir nicht bewiesen haben, dass der Kerl Sie nicht in seiner Gewalt hat und womöglich mit einer Waffe hinter Ihnen steht.«

Vicky rollte genervt mit den Augen. »Gut, aber Sie rühren sich nicht vom Fleck. Und nur einen einzigen prüfenden Blick, verstanden?«

Constable Clarence nickte eifrig, und Vicky öffnete die Tür so weit, dass er einen freien Blick bis zu dem schlafenden Jonathan hatte.

»Und das ist wirklich Ihr Mann?«, japste der Polizist.

»Aber lieber Mister Clarence, Sie wollen mir doch nicht absprechen, dass ich meinen eigenen Ehemann erkenne, oder?«, flötete Vicky.

»Natürlich nicht! Ich dachte nur, ich meine … ja, dann nichts für ungut, dann werde ich mal …« Constable Clarence trag eilig den Rückzug an.

Jonathan war von den Stimmen aufgewacht und musterte Vicky mit einer Mischung aus Rührung und Skepsis. Er war einerseits trunken vor Glück, dass seine Liebste bei ihm war, andererseits war es ihm unangenehm, dass sie ihn in diesem Zustand vorgefunden hat. Aber die Tatsache, dass sie sich trotz seines Briefes auf den Weg nach Ballarat gemacht hatte, bewies doch, dass sie eine starke, mutige Frau war, die ihre eigenen Entscheidungen traf.

»Ich bin froh, dass du trotz meines Briefes zu mir gekommen bist«, seufzte er.

Sie strich ihm liebevoll über die eingefallenen Wangen.

»Und ich bin bitterböse, dass du mir nicht mitgeteilt hast, dass du krank bist. Wenn ich das gewusst hätte«, entgegnete sie, aber sie konnte ihm nicht böse sein. Jetzt war sie ja in Sicherheit bei ihrem Liebsten. Jetzt würde alles gut!

»Wir schaffen das«, flüsterte sie.

Ein Lächeln erhellte sein Gesicht. »Ja, wir schaffen das«, wiederholte er, und zum ersten Mal seit Langem glaubte er selbst daran.

»Weiß deine Familie, dass du hier bist? Der Polizist hat mir erzählt, dass dein Bruder dich zur Kutsche gebracht hat. Hast du Steven eingeweiht?«

»Nein, Vater hat ihn nach Sydney geschickt, nachdem seine Affäre mit einer Frau aufgeflogen ist, die mein Vater nicht für die richtige Gesellschaft hielt.«

Erstaunt musterte Jonathan Vicky. »Und wer war dann der Mann, der sich als dein Bruder ausgegeben hat?«

»Es war Frederik Bradshaw, ein Bekannter«, erklärte Vicky ausweichend und spürte, wie verräterische Röte in ihren Wangen aufstieg.

»Ein Bekannter?«, gab Jonathan mit skeptischer Miene zurück. Vicky setzte sich zu ihm auf den Bettrand und nahm seine Hand. Dann klärte sie ihn darüber auf, wer Frederik Bradshaw war und dass ihre Mutter beabsichtigte, sie mit ihm zu verkuppeln. Allerdings verschwieg sie Jonathan, wie sympathisch Frederik ihr war. Schließlich berichtete sie in allen Einzelheiten davon, wie sie ihren Plan, nach Ballarat zu reisen, mit seiner Hilfe durchgeführt hatte.

»Er ist wirklich ein guter Freund«, beeilte sich Vicky zum Schluss ihrer Schilderung zu betonen.

Jonathan sah sie durchdringend an. »Er liebt dich«, bemerkte er schließlich mit unbewegter Miene.

Vicky zuckte zusammen. »Nein, nein, Jonathan, das ist völliger Unsinn. Er ist wirklich nur ein guter Freund.«

»Na ja, solange du seine Liebe nicht erwiderst«, seufzte er.

»Wäre ich dann hier?«

Jonathan streckte die Arme aus und zog sie zu sich auf das Bett. »Nein, das wärest du gewiss nicht. Aber du weißt, was dein Freund hofft, nicht wahr? Er geht davon aus, dass du niemals bei so einem armen Schlucker wie mir bleiben willst und in die Welt der Reichen zurückkehrst. Unser Wiedersehen sozusagen als heilsamer Schock.«

Vicky traute sich kaum, ihren Liebsten anzusehen, denn Jonathan hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.

»Nein, das glaube ich nicht«, versuchte sie abzuwiegeln.

»Warum sollte dir ein Mann wie er sonst dabei behilflich sein, ein Treffen zwischen uns beiden zu ermöglichen?«

Vicky zuckte die Achseln. Sie wollte lieber das Thema wechseln. Ihr war nicht wohl dabei, mit Jonathan über Frederik zu reden.

»Wenn er mich lieben würde, hätte er es doch eher verhindert«, entgegnete sie schließlich schwach.

»Nein, das würden die dummen Männer machen, Männer wie dein Schwager, dieser unsägliche Mister Cumberland. Dein Mister Bradshaw hingegen scheint ein kluger Kopf zu sein, der wusste, dass es dich schockiert, ein menschliches Wrack vorzufinden.«

Vicky musterte ihn entsetzt. »Wie kannst du nur so hässlich von dir selbst sprechen?«

»Glaubst du, du konntest deinen Schock vor mir verbergen? Ich bin zurzeit gewiss keine Zierde. Aber ich werde alles tun, damit ich dich wie eine Prinzessin auf Händen tragen kann. Der Brief hat mir schier das Herz gebrochen.«

»Mir auch«, seufzte Vicky.

»Nein, in dir, mein Lieb, hat es den Kampfgeist geweckt. Sonst wärest du nicht gekommen. Aber was, wenn ich kein Nugget finde?«

Vicky setzte sich abrupt auf. Das wollte sie nicht hören. Sie war hergekommen, um festzustellen, ob er es wirklich übers Herz brachte, auf sie zu verzichten. Sein Verhalten sprach Bände. Er wollte sie mehr als alles auf der Welt und sie ihn. Sie glaubte fest an die gemeinsame Zukunft.

»Schluss mit dem Gerede. Entweder du glaubst wieder an dich und uns, und ich bleibe bei dir, oder du verharrst in deiner Resignation und hast den Mumm, mich fortzuschicken. Dann bist du mich für immer los.«

Ein gequälter Ausdruck lag in Jonathans Blick. »Ich … ich würde alles tun, um dir eine Zukunft zu bieten, die dir gebührt, aber …«

Vicky war vom Bett aufgesprungen und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. »Dann sag mir jetzt sofort, dass ich gehen soll!«

»Das kann ich nicht!«

»Dann tu etwas!«, forderte Vicky streng.

Jonathan wirkte verzweifelt. »Ich will ja versuchen, wieder an das Glück zu glauben. Lass mich nur wieder ganz gesund werden«, seufzte er.

An seine Krankheit hatte Vicky gar nicht mehr gedacht, während sie sich in ihren Zorn hineingesteigert hatte. Ein Schamgefühl durchfuhr sie. Seine Krankheit, die hatte sie tatsächlich für einen Augenblick verdrängt. »Verzeih mir. Ich hätte dich nicht mit meinen Ansprüchen quälen dürfen!« Zur Bekräftigung ihrer Worte setzte sie sich zurück auf das Bett und nahm sein Gesicht zärtlich in beide Hände.

»Soll ich nicht doch einen Arzt holen?«

Jonathan schüttelte den Kopf. »Nein, er kann nichts machen, und ich fühle mich auch schon viel besser.« Er setzte sich im Bett auf. »Was meinst du? Sollen wir einen kleinen Spaziergang unternehmen? Hinter der Stadt liegt Wendouree, ein Sumpfgebiet, das man zu Fuß umrunden kann. Auf dem Weg dorthin möchte ich dir etwas zeigen.«

»Alles, was du willst, mein Lieb«, entgegnete Vicky zärtlich, und ihr Herz lief förmlich über vor Gefühlen für diesen Mann. Da kann er noch so zum Fürchten aussehen, dachte sie, ich glaube an unsere Zukunft.

»Willst du deinem geschwächten Körper diese Anstrengung wirklich zumuten?«, fragte sie zweifelnd.

»Ja, es ist ein erster Schritt, um zu meinem von Optimismus getriebenen Kämpfergeist zurückzufinden«, erklärte er in feierlichem Ton und nahm sie in den Arm. »Und ich werde noch viel aktiver werden, aber ich glaube, ich brauche erst einmal ein Wannenbad. Ich bin, ohne mich zu waschen, direkt vom Krankenlager in meine Hosen gesprungen.«

»Du hast Glück, eine Wanne befindet sich im Badezimmer genau gegenüber. Dort findest du auch Handtücher.«

»Du bist ein Schatz. Dann werde ich mir all das Gezeter, Gejammer und Selbstmitleid abwaschen und mir ein Beispiel an meiner mutigen Braut nehmen. Was du alles riskiert hast, um mich aufzurütteln, das werde ich dir nie vergessen. Wobei ich bete, dass die Kunde von dem kleinen Ausflug nicht deinen Eltern zu Ohren kommt. Das wäre nicht auszudenken … dann würden sie uns niemals die Erlaubnis zur Hochzeit geben, ganz gleich, wie reich ich dann wäre …«, murmelte Jonathan.

»Mach dir keine Gedanken. Wenn die Geschichte rauskommt, dann höchstens, wenn meine Eltern Marthas Eltern treffen, aber wie sollte das geschehen? Sie sind in Sydney, meine in Melbourne, oder denkst du, dass Frederik es ihnen verraten könnte?«

»Nein, nein, ich sagte doch bereits: Der Mann ist nicht dumm, und er wird nichts unternehmen, um dich gegen ihn aufzubringen.«

»Gräm dich nicht. Sollten meine Eltern es je erfahren, dann sind wir längst verheiratet … Wir könnten uns doch auch einfach in Ballarat trauen lassen, sobald ich achtzehn geworden bin.«

»Das wäre gegen das Gesetz, mein Liebes, wir bräuchten die Zustimmung deiner Eltern, bis du mit einundzwanzig volljährig wirst …« Er unterbrach sich und musterte sie durchdringend. »Dann müssten wir schon durchbrennen, und das hieße, dass du deine Eltern wahrscheinlich niemals wiedersehen würdest. Willst du das wirklich?«

»Nein, ich muss nach drei Wochen zurück. Das habe ich Frederik …« Vicky stockte. Es war nicht klug, ihn schon wieder zu erwähnen.

»Was hat dieser Frederik damit zu tun?«, hakte Jonathan nach.

»Ich musste ihm versprechen, dass ich seine Unterstützung nicht dazu missbrauche durchzubrennen.«

»Was ist denn das für ein merkwürdiges Versprechen?«

»Bitte, Jonathan, wenn es nicht anders geht, brenne ich mit dir durch, aber später und ohne Frederik in meine Pläne zu involvieren.«

»Ja, gut, ich bin sowieso nicht für das Durchbrennen«, murmelte er und verließ das Zimmer.

Vicky blieb mit gemischten Gefühlen zurück. Einerseits empfand sie eine gewisse Erleichterung, dass Jonathan sie nicht zu einer unüberlegten Flucht drängte, andererseits spürte sie, dass Frederik Bradshaw irgendwie zwischen ihnen stand.

Als Jonathan aus dem Bad zurückkehrte, wirkte er unbeschwert. Fast so wie bei ihrem ersten Treffen.

»Mich wundert, dass du bei meinem Anblick nicht tot umgefallen bist«, scherzte er. »Im Bad war ein Spiegel.

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