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Die Asche der Erde

Inhaltsübersicht

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

EPILOG

ANMERKUNG DES VERFASSERS

KAPITEL EINS

Die Gesichter der vielen Kinder, die er nach ihrem Freitod vom Ende eines Stricks geschnitten oder am Fuß einer Klippe geborgen hatte, ließen Hadrian Boone nicht mehr los. Sie suchten seinen unruhigen Schlaf heim und schlichen sich dermaßen häufig in irgendwelche grauenhaften Tagträume, dass er nun, als oberhalb auf dem Hügelkamm plötzlich ein blondes Mädchen mit einem Seil auftauchte, unschlüssig zögerte und sich fragte, ob auch das nur eines seiner Hirngespinste war. Dann blieb sie stehen und streckte die Hand nach einem kleineren rothaarigen Mädchen hinter ihr aus. Hadrian ließ die Schaufel fallen, mit der er gerade die alte Senkgrube der Kolonie leerte, raffte die Kette auf, die um seine Fußgelenke lag, und rannte los.

Stolpernd hastete er den steilen Hang der Senke hinauf, ohne sich um den überraschten Ausruf seines schläfrigen Bewachers und das wütende Schrillen der Pfeife zu kümmern. An Wurzeln und Schösslingen zog er sich bis zur Gratlinie empor, bog dort auf den Pfad ein und rechnete damit, dass jeden Moment ein Knüppel auf seinen Rücken hinabsausen würde. Dann ertönte von der anderen Seite des Kamms ein spitzer Schrei und ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Er erreichte das offene Felssims. Ein Ast ragte über die Kante. An ihm baumelte ein Seil. Hadrian sprang vor und hievte das Kind mit verzweifeltem Ächzen nach oben. Dann hielt er verblüfft inne. Vor ihm auf dem Boden lag kein Kind, sondern ein alter Mantel, den man über einen Rahmen aus Stöcken gehängt hatte. Die blicklosen Augen eines Kürbiskopfes starrten ihm entgegen, und das vermeintliche Haar war getrockneter Weizen.

Das Kreischen erklang erneut, und Hadrian erkannte mit einem Mal, dass es sich um Gelächter handelte. Die beiden Mädchen hinter ihm waren ganz begeistert, weil er auf ihren Streich hereingefallen war. Weitere Kinder prusteten los, mindestens ein halbes Dutzend, verborgen im Schatten der Bäume.

»Schluss damit, Sarah«, tadelte Hadrian das ältere Mädchen und stand auf. »Nicht dieses Spiel. Ihr habt bei mir Besseres gelernt.« Er sah nun, dass an die Brust der Puppe ein Foto geheftet war, eine Werbeanzeige aus einer längst vergessenen Zeitschrift: Eine Frau fuhr ein rotes Cabrio voller fröhlicher Kinder, die Hamburger aus Tüten aßen. Viele Kinder hielten derartige Fotos für den Beweis, dass es auf der anderen Seite ein Paradies gab, und versuchten daraufhin, in das ersehnte Himmelreich zu gelangen. In der Kolonie Carthage war der Privatbesitz von Büchern und Zeitschriften aus dem letzten Jahrhundert schon seit Langem untersagt, weshalb die Kinder sie nur umso eifriger horteten. Es gab keine Autos mehr und auch keine Drive-in-Restaurants mit Fast Food, und die einzige Religion der meisten Familien war diejenige, die die Kinder sich anhand der verbotenen Annalen einer verlorenen Welt irgendwie selbst zusammenreimten.

»Was sollen die Steine?«, fragte Hadrian und bückte sich, um den Kürbiskopf herumzudrehen. Die Augenhöhlen fielen an der Figur als Erstes auf; in ihnen steckten blaue Kiesel als Pupillen.

Sarah schaute zu einem schmächtigen Jungen im Hintergrund, der größer als die anderen war. »Dax hat gesagt, seine Augen würden verschwinden. Das hat er bei den anderen gesehen, die hinübergehen. Er sagt, du nimmst deine Augen mit auf die andere Seite, denn dort lebt deine Seele.«

»Sein oder Nichtsein, Amen!«, rief das kleinere Mädchen dazwischen.

»Sein oder Nichtsein, Amen!«, wiederholten die Kinder unter den Bäumen sogleich.

Diese sonderbare, beflissen vorgetragene Gebetsformel ließ Hadrian erschaudern. Er setzte sich auf einen Baumstumpf. Seine Verzweiflung war wie eine körperliche Schwäche. Er hatte sich dagegen ausgesprochen, der jüngeren Generation die Wahrheit vorzuenthalten, hatte argumentiert, gefleht und protestiert, bis er von seinem Posten als Schulleiter der Kolonie abgesetzt worden war. Wenn man der Jugend keine Erklärungen für ihre Welt lieferte, würde sie sich stets eine eigene Wahrheit erschaffen. Für Hadrian waren die Kinder von Carthage inzwischen auch nur noch eine Schar von Gefangenen. Er warf einen Blick auf Dax und befürchtete das Schlimmste, denn der Junge schien sich mit Selbstmorden viel zu gut auszukennen. Dann musterte er kopfschüttelnd die Mädchen und fing an, die Puppe auseinanderzunehmen.

Sarah und ihre jüngere Schwester setzten die gekränkten Mienen auf, die ihm aus dem Klassenzimmer noch bestens vertraut waren. »Wir haben etwas Besonderes für Sie gefunden, Professor«, sagte Sarah und gab ihm einen kleinen Zylinder aus gerollten Ahornblättern, verschnürt mit einer Ranke. »Ich wollte es Ihnen eigentlich heute Abend ans Gefängnisfenster bringen, aber …«

Der Knüppel traf Hadrians Schulter wie ein Hammer und zwang ihn auf die Knie. Der zweite Hieb ließ ihn auf die Hände zusammensacken.

»Nein!«, rief das ältere Mädchen, senkte den Kopf und ging auf den Aufpasser los, der hinter Hadrian aufgetaucht war.

»Weg da, verdammtes Gesindel!«, knurrte Sergeant Kenton und verpasste dem Mädchen, das ihn gegen einen Baum drückte, eine schallende Ohrfeige. »Ich habe euch schon gestern Abend gesagt, dass es mit euren Banden ein Ende hat! Ich werde sie finden, eure …« Da erkannte er Sarah, und sein Zorn verwandelte sich erst in Verwirrung, dann in Angst. »Das war nicht so gemeint«, murmelte er. »Die Häftlinge dürfen nicht einfach weglaufen, Miss. Ihr wisst doch, dass Mr. Boone vom Gouverneur wegen Zerstörung von öffentlichem Eigentum ein weiteres Mal zu Zwangsarbeit verurteilt wurde.«

Sarah richtete sich auf und rieb sich die gerötete Wange. »Und was sollen wir unserem Vater erzählen, wenn der Häftling, den er verurteilt hat, nicht arbeiten kann, weil Sie ihn verprügelt haben?«, fragte sie mit der strengen Stimme einer Erwachsenen.

Kenton bedachte Hadrian mit hasserfülltem Blick. Sie wussten beide, dass er bereit wäre, den getrockneten Kot ab jetzt eigenhändig zu schaufeln, wenn er dafür nur die Gelegenheit erhielt, Boone mit seinem Knüppel zu malträtieren. Der stämmige Sergeant schluckte vernehmlich und nickte dem Mädchen widerwillig zu. Gouverneur Lucas Buchanan war der mächtigste Mann der Kolonie Carthage – und der ganzen Welt, soweit die Leute wussten –, aber in seinem eigenen Haus hatten die Töchter das Sagen. »Gesetzesbrecher stehen in der Schuld der Gemeinschaft«, murmelte Kenton. Das war die sicherste aller möglichen Antworten, denn es stand wortwörtlich über dem Eingang des Gerichtsgebäudes der Kolonie.

Hadrian hielt einen Moment lang seine schmerzende Schulter umklammert, stand dann auf und wischte sich vertrocknete Blätter und Erde von der Kleidung.

»Dora, hast du gewusst, dass Sergeant Kenton früher mal Schuhverkäufer war?«, flüsterte Sarah ihrer Schwester übertrieben laut zu.

Das kleinere Mädchen lachte spöttisch, hob die Halskette an und schüttelte das Amulett in Kentons Richtung, der instinktiv zurückzuckte. Es war die Rassel einer der einheimischen Diamantklapperschlangen, ein beliebtes Schmuckstück bei den Jugendbanden.

Der Polizist ballte die Fäuste und warf Hadrian erneut einen wütenden Blick zu, als müsse er derjenige gewesen sein, der die geheime Vergangenheit des Sergeants ausgeplaudert hatte. Kenton neigte vor Sarah unterwürfig den Kopf, wich zwei Schritte zurück, sprang dann plötzlich ins Unterholz und packte den schlaksigen Jungen an den Haaren. Dax versuchte sich zu befreien, aber Kenton schlug ihm brutal ins Gesicht. »Noch eine Woche und du bettelst bei den Halbtoten!«, herrschte er den Jungen an.

Dax’ Nase blutete stark, doch er strich sich nur das struppige blonde Haar nach hinten und grinste, während Kenton den Rückweg antrat. »Schakale laufen mit Geistern!«, rief Dax ihm hinterher. »Passen Sie gut auf Ihre Augen auf, Sergeant!«

Hadrian fand diese bizarren Worte genauso verstörend wie das Verhalten des Polizisten. Enttäuscht wandte er sich den beiden Mädchen zu. »Hört auf, euch mit der anderen Seite zu beschäftigen«, sagte er, wobei die Worte ihm fast im Hals steckenblieben. Nach dem letzten toten Kind hatte er eine Stunde lang nicht aufhören können zu weinen. Er wies auf die goldenen Getreidefelder und die dahinter ausgestreckt daliegende Stadt aus Holzhütten, Steinhäusern und Wellblechbaracken. »Das da ist euer Paradies.« Er hob die Kette auf und folgte seinem Bewacher.

Fünf Minuten später stand er wieder in der Grube voller getrockneter Exkremente, schaufelte den Dünger in einen verbeulten Korb und schleppte diesen dann zu dem Wagen, der ihn auf die Felder transportieren würde. Nachdem Hadrian sich vergewissert hatte, dass Kenton nirgendwo zu sehen war, zog er Sarahs geheimes Bündel hervor, wickelte es aus und fand darin mit jäher Freude ein halbes Dutzend herausgerissener Buchseiten vor. Er ging eilig zu dem großen flachen Stein im Schatten, wo zehn ähnliche Blätter zum Trocknen lagen. Er hatte sie in dem Klärschlamm gefunden und in dem Eimer gewaschen, der eigentlich sein Trinkwasser enthielt. Hadrian lehnte sich gegen einen Felsen und begutachtete die Schmuggelware, die Sarah und Dora ihm gebracht hatten. Drei Seiten aus einem Geschichtstext und drei kostbare bunte Landkarten voller Städte, Provinzen und Länder, die heutzutage nur noch in vereinzelten Erinnerungen existierten. Bekümmert schaute er zu manch anderen Blättern, die um ihn herum im getrockneten Schlamm steckten und unrettbar beschädigt waren. Bevor es die neue Papiermühle gegeben hatte, in der alte Bücher recycelt werden konnten, hatte man die Seiten direkt als Toilettenpapier benutzt. Hier im Dreck lagen die letzten Worte toter Dichter und Geschichten ganzer Zivilisationen, deren Namen nie mehr laut ausgesprochen werden würden. Außerdem lagen hier viele nutzlose kleine Gegenstände wie elektrische Uhren, Abspielgeräte für Musik und Haartrockner, denen man alles Metallische herausgerissen und sie dann weggeworfen hatte. Das Ende der Welt fand kein Ende. Das meiste war vor fünfundzwanzig Jahren binnen eines wenige Tage dauernden Alptraums ausgelöscht worden. Der Rest hingegen verging nur ganz langsam, Bruchstück für winziges Bruchstück, so wie hier.

Hadrian starrte eine der Landkarten an. Sie zeigte den Ostteil der Vereinigten Staaten. Er konnte noch immer Leute benennen, die er in einem Dutzend der Städte gekannt hatte, wenngleich ihre Gesichter nur noch verschwommene Schemen für ihn waren. Sein Finger berührte einen Städtenamen nach dem anderen, während sein Mund die Worte formte, wie um sie am Leben zu erhalten. »Baltimore«, flüsterte er. »Portland, Washington, Poughkeepsie, Philadelphia …«

Dann geschahen zwei Dinge nahezu gleichzeitig. Zunächst kam ein wütender Sergeant Kenton mit einer frischen Hickorygerte aus dem Unterholz gestürmt und zeigte auf Hadrians illegalen Schatz, unmittelbar gefolgt von Sarah und ihrer Schwester, die sich ihm in den Weg stellen wollten. Doch der Zorn des Polizisten hatte die Oberhand gewonnen, und er ließ sich nicht länger von den Mädchen einschüchtern. Er wich ihnen aus, erreichte Boone mit zwei großen Schritten und schlug ihm die Gerte quer über das Gesicht, das sofort zu bluten anfing. Hadrian krümmte sich und ließ die Prügel über sich ergehen. Bei jedem einzelnen Hieb zuckte er zusammen, aber Widerstand hätte alles nur noch schlimmer gemacht. Sein vom Schmerz getrübter Blick fiel auf die Mädchen. Erst nach einem Moment wurde ihm klar, dass die beiden offenbar versuchten, eine Waffe aus dem getrockneten Schlamm zu ziehen, einen dicken Stock.

Dora, die Achtjährige, zerrte so sehr daran, dass sie zurücktaumelte, als der Stock sich löste. Kenton hielt inne, als würde er darüber nachdenken, ob er der Tochter des Gouverneurs helfen sollte. Dann erhob sich aus dem Boden etwas Grauenhaftes, das durch den Stock unter der Oberfläche gehalten worden war. Dora kreischte auf und kroch auf allen vieren davon. Sarah schrie entsetzt und versteckte sich hinter Hadrian. Ein Arm, ein schwarz verfärbter, runzliger Arm kam aus dem Schlamm zum Vorschein und streckte wie Hilfe suchend die grässlichen Finger aus.

 

Lucas Buchanan, der Gouverneur von Carthage, trug stets schiefergraue Anzüge. Sie stammten aus der Anfangszeit der Kolonie, als man hektisch alle Kaufhäuser und Lager geplündert hatte. Hadrian beobachtete verunsichert, wie der hochgewachsene schlanke Mann von seinem Schreibtisch aufstand und sich das Jackett anzog, bevor er etwas sagte. Das war immer ein schlechtes Zeichen.

»Wir haben dich nur aus einem einzigen Grund nicht dauerhaft verbannt«, verkündete Buchanan, während er vor dem Fenster seines im ersten Stock gelegenen Büros auf und ab ging. Er schien sich nur mit Mühe beherrschen zu können. »Falls wir heute darüber abstimmen würden, würde der Rat ein wertloses Subjekt wie dich bedenkenlos fallenlassen. Man würde dich in die Camps oder den Wald schicken, wo du dann mit den anderen Ausgestoßenen dahinsiechen müsstest.« Er blieb stehen und rückte eines der vielen sorgfältig ausgewählten Fotos gerade, die an der Wand hingen. Abraham Lincoln und seine Generäle flankierten Theodore Roosevelt, der mit einem toten Büffel posierte. Das Bild eines geschäftigen Hafens mit Rahseglern und Dampfbooten hing über einem von Thomas Edison und seinem frühen Phonographen. Buchanan verfolgte entschlossen das Ziel, die letzten paar Jahrzehnte vollständig vergessen zu machen.

Hadrian biss die Zähne zusammen und reagierte nicht auf die Erwähnung des fünfzig Kilometer entfernten Gettos. Die verwahrlosten Camps dienten all jenen als Zwangsunterkünfte, die die Strahlung und die anderen Krankheiten der Apokalypse überlebt hatten. Man bezeichnete die Ausgestoßenen gemeinhin als Briketts – und auf manch andere Weise. Noch eine Woche und du bettelst bei den Halbtoten, hatte Kenton dem Jungen Dax angedroht. Sollte das heißen, man wollte sich die Anführer der Banden schnappen? Die Camps würden für den Halbwüchsigen die Hölle auf Erden bedeuten.

»Doch Jonah besteht darauf, nur mit dir zusammenzuarbeiten, da nur du wirklich verstehen würdest, was er tut. Ich habe ihn daran erinnert, dass viele von uns in der Lage sind, Blaupausen zu lesen und Entwürfen zu folgen. Aber der alte Mann setzt dann bloß sein verfluchtes Mönchslächeln auf und sagt: du oder keiner. Als wäre er unser Zauberer und du der einzige Lehrling, der seine Runen entziffern kann.« Die Verärgerung war dem Gouverneur deutlich anzuhören. »Also wirst du in seine Obhut entlassen, sobald du deine Strafe verbüßt hast«, fügte er hinzu.

Schon die Erwähnung des alten Mannes, der für Hadrian wie ein Vater geworden war, linderte seinen Schmerz. Doch nach einem Moment zog er die Augenbrauen hoch. Seit Hadrian aus dem Rat gedrängt und von seiner Aufgabe als Schulleiter entbunden worden war, hatte Buchanan ihn beständig schikaniert, ihn aus seiner Unterkunft in der Schule werfen und wegen Kleinigkeiten verhaften lassen. »Warum tust du das für mich?«

»Das sagte ich doch schon. Damit du Jonah bei den öffentlichen Bauvorhaben behilflich bist. Er hat dem Rat eine lange Liste mit Projektvorschlägen unterbreitet. Er verspricht für die nähere Zukunft eine Ziegelfabrik und sagt, er könne innerhalb der nächsten fünf Jahre sogar eine Bahnlinie zu den Minen errichten.«

»Ich kenne dich zu gut.« Hadrian stellte sich so hin, dass er die halb offene Tür hinter sich im Auge behalten konnte. Angesichts des Toten hätte hier eigentlich hektische Betriebsamkeit herrschen müssen. Schaudernd entdeckte er mehrere schmutzverkrustete Pistolen, die an Gürteln von einem Türhaken hingen und ihrer Instandsetzung harrten.

Der Gouverneur nahm eine marmorne Schachfigur, einen Elefanten mit einem Turm auf dem Rücken. Es war einer der zahlreichen zufälligen Gegenstände, die Buchanan sammelte. Als er schließlich sprach, war sein Blick auf den Spielstein gerichtet. »Ich habe erfahren, dass er ein geheimes Tagebuch führt. Wir haben es bislang nicht finden können.«

»Vielleicht setzt er einfach nur deine Amtszeit in einen historischen Kontext. Mir fällt da in erster Linie der Feudalismus ein.«

Buchanans Lächeln war dünn wie eine Rasierklinge. »Deine Meinung interessiert längst keinen mehr. Doch falls der geachtete Jonah Beck eine so leichtsinnige Feststellung aufschriebe und sie den Weg in unsere Zeitung fände …«

»Ich soll ihn für dich ausspionieren?«

Der Gouverneur spielte an dem Schalter einer alten Schwanenhalslampe herum. Das Regierungsgebäude zählte zu den wenigen Häusern der Kolonie, die an das Stromnetz angeschlossen waren. Es wurde von Fahrradgeneratoren gespeist, die Jonah entworfen hatte und die in den dunkleren, kälteren Monaten von Strafgefangenen bemannt wurden. »Wir wollen ihn nur vor sich selbst schützen. Er vertraut dir. Ich möchte lediglich von Zeit zu Zeit einen Bericht erhalten.«

»Ich weigere mich.« Ein Tropfen Blut fiel von Hadrians Wange auf seinen zerlumpten Schuh.

Buchanan zog das Jackett zurecht, das wie ein Sack an seinem knochigen Körper hing. In den ersten Jahren hatten alle wie Vogelscheuchen ausgesehen, aber er zählte zu denen, die es nicht geschafft hatten, danach wieder an Gewicht zuzulegen. »Wie viele Menschen gibt es noch in der bekannten Welt, Hadrian? Neun- oder vielleicht zehntausend?«

»Du lässt wie immer die Leute in den Camps und im Wald außer Acht. Mit denen dürften es eher zwölftausend sein.«

Der Gouverneur grinste, als würde der Einwand ihn belustigen. »Und du warst mal mit mir ganz oben, nicht nur ein Gründer, sondern ein Führer.«

»Ich kann mich nicht entsinnen, dass es uns gekümmert hat, wie man uns nennt. Wir waren zu sehr damit beschäftigt, die Menschen am Leben zu erhalten.«

»Du hast das Überlebensspiel am besten von uns allen beherrscht. Und jetzt sieh dich an. Du kannst nicht mal getrocknete Scheiße schaufeln, ohne Ärger zu machen.« Buchanan deutete auf einige Unterlagen, die von einer Büroklammer zusammengehalten wurden. »Falls ich genügend Papier hätte, um eine richtige Akte über dich anzulegen, wäre dieser Stapel dreißig Zentimeter dick. Du bist sogar als Versager ein Versager. Wenn ich dich in diesem Augenblick verbannen würde, gäbe es so gut wie keinen Protest. Akzeptiere meine Bedingungen, oder ich lasse dich für vogelfrei erklären. Dann gibt es keine Rückkehr mehr. Du wirst dich nie wieder an der Schulter des alten Mannes ausheulen können. Und du lässt endlich meine Kinder in Ruhe.« Der letzte Satz klang besonders nachdrücklich.

Hadrian hatte derweil ein Foto gemustert, auf dem ein alter Lastkahn von einem Maultiergespann gezogen wurde. »Ist es das, worum es in Wahrheit geht? Deine Töchter haben mit einer Schlinge hantiert.«

»Das war nur ein Spiel.«

»Du und ich haben im Laufe der Jahre eine Menge Kinder beerdigt, Lucas. So fängt es an. Sie gewöhnen sich an die Utensilien, an den Ablauf. Früher sind Kinder den Pfadfindern oder einer Fußballmannschaft beigetreten. In deiner Kolonie schließen sie sich Selbstmordkulten an. Du hast doch sicherlich nicht vergessen, wie der Hals eines kleinen Mädchens aussieht, das sich erhängt hat. Die hervorgequollenen, überraschten Augen, das Lachen, das für immer erstickt wurde. Die Kinder halten nicht in eine schönere Welt Einzug, sondern bloß in unsere Alpträume. Jeder ihrer Grabsteine ist ein Mahnmal unseres Versagens.«

Buchanan umklammerte die Schachfigur so fest, dass seine Knöchel weiß wurden. »Du bist seit dem Tag, an dem man dich aus dem Rat geworfen und als Schulleiter gefeuert hat, nicht mehr für meine Kinder verantwortlich«, sagte er kalt. »Akzeptiere meine Großmut, oder ich setze noch heute die Papiere auf, um dich verbannen zu lassen. Falls du es zu weit treibst, schicke ich Jonah ebenfalls ins Exil. Ich kann ihm nicht trauen, wenn ich nichts gegen ihn in der Hand habe. Bist du bereit, dich während des Winters um ihn zu kümmern, in irgendeiner Laubhütte in den Camps? Zuerst kommen die Erfrierungen, dann die Frostbeulen. Nach zwei Monaten wird er aussehen, als hätte er die Strahlenkrankheit.«

Hadrian starrte die kleine Blutlache auf seinem Schuh an. In diesem Moment sehnte er sich fast nach den Camps, wo er in einer verqualmten Hütte sitzen und einem haar- und zahnlosen Barden zuhören würde, der die Rocksongs ihrer Jugend sang. Doch der Gedanke, für immer von Jonah getrennt zu sein, war unerträglich, und der alte Mann könnte nicht mal einen einzigen Wintermonat in den Camps überleben. Hadrian hob den Kopf, sah in Buchanans eisig und erwartungsvoll grinsendes Gesicht und nickte langsam.

Der Gouverneur setzte sich zufrieden auf seinen Stuhl und nahm einen großen silbernen Ring vom Schreibtisch. Hadrian erkannte ihn wieder. Noch vor einer Stunde hatte der Ring an einem Finger der runzligen Hand in der Senkgrube gesteckt.

»Wir hätten dieses Gespräch nächste Woche führen können, wenn meine Strafe verbüßt ist«, stellte Hadrian fest, während sein Magen sich zusammenzog. Buchanan konnte derzeit mehr Druck auf ihn ausüben und würde gleich etwas Dringlicheres von ihm verlangen.

»Ich will, dass die Leiche entfernt wird.«

Hadrian schloss kurz die Augen. Dann sah er Buchanan durchdringend an. »Dazu benötige ich mehr als eine Schaufel und einen Korb. Sag Kenton, er soll morgen Werkzeug mitbringen. Und einen Sarg, sofern er einen auftreiben kann.« Hinter dem Schreibtisch hing eine Tafel mit der Aufschrift Wir bestehen durch Stärke. So hatte damals während des ersten Wahlkampfs Buchanans politischer Slogan gelautet. Er war zu seiner persönlichen Überzeugung geworden.

»Du hast mich falsch verstanden. Noch heute. Nur du allein. Ich werde Kenton anweisen, dich nach dem Abendessen bis Mitternacht auf freien Fuß zu setzen. Nimm dir aus dem Gefängnisschuppen eine Laterne und das nötige Werkzeug mit.«

Früher war Hadrian in diesem Büro willkommen gewesen. Früher hatten die beiden Männer einander vertraut. Im Laufe der Jahre hatten sie sich verändert, hatten zu überleben versucht, hatten sich jeder auf eigene Weise bemüht, aus dem Schutt der Welt die Kolonie aufzubauen. Überleben, so hatte Boone gelernt, bedeutete nicht nur Anpassung, sondern Wandlung. Wem das nicht schon früh gelang, der starb. Man musste tausendfach beiseiteschieben, was einen emotional zu überwältigen drohte, und dankbar für jede Narbe sein, die die einst weiche Seele davontrug. Jeder, der aus der alten Zeit noch übrig war, hatte mit seinem früheren Ich praktisch nichts mehr gemeinsam. Sie beide befanden sich nun im letzten Stadium ihrer Beziehung. Buchanan hatte gewonnen, und Hadrian wurde zu seinem geheimen Sklaven.

»Es war ein großer Kerl. Allein schaffe ich das nicht.«

»Aber er ist schon lange tot«, wandte der Gouverneur ein. »Es sind wahrscheinlich nur noch … Der Leichnam ist gewiss nicht mehr vollständig.«

»Der Schlamm hat ihn konserviert, wie bei diesen alten Moorleichen.«

Buchanan verzog das Gesicht und drehte sich zum Fenster, um den Blick über den Hafen und das riesige Binnenmeer schweifen zu lassen. Schließlich wandte er sich einem Porträt von Sarah und Dora zu. »Ich liege manchmal wach«, räumte er ein, kaum lauter als ein Flüstern, »und mache mir Sorgen, dass die beiden glauben könnten, wir würden die Welt ein weiteres Mal zerstören.«

»Wie denn das?«, entgegnete Hadrian. Dies war der Endpunkt der tausend Unterredungen, die sie im Verlauf der letzten beiden Jahrzehnte geführt hatten, eine Facette der seltsamen, vielschichtigen Persönlichkeit, die aus Buchanan geworden war. In der Öffentlichkeit prügelte er nur zu gern auf Hadrian ein, machte ihn fertig, drohte mit Verbannung, doch unter vier Augen wurde er bisweilen wieder zum einsamen Witwer und ließ sich so wie früher offen und ungeschützt auf ein Gespräch ein.

»Sarah hat neben ihrem Bett etwas an die Wand geschrieben. Wir wissen wohl, was wir sind, aber nicht, was wir werden können. Ich habe sie gefragt, woher sie das hat, aber sie wollte es nicht sagen. Was bedeutet, dass es von dir stammt.«

»Zu viel der Ehre. Ich habe ihr lediglich nahegelegt, mehr Shakespeare zu lesen.« Die Werke des großen Dichters waren nicht von der modernen Welt vergiftet und hatten sich während der frühen Bergungsarbeiten in großer Zahl angefunden. Heutzutage zählten sie zu den genehmigten Büchern der Kolonie und füllten mehrere Regale der öffentlichen Sammlung. »Findest du es nicht auch faszinierend, dass ausgerechnet Hamlet eine solche Wirkung auf sie hat? Der Untergang einer Königsfamilie.«

Buchanan musterte ihn wütend. »Du wirst die Worte, die du am Platz zerstört hast, wieder auf die Mauer malen«, knurrte er. »Sag sie laut auf. Ich möchte, dass du sie dir gründlich einprägst, damit du sie vor den versammelten Kindern wiederholen kannst.«

Hadrian erwiderte den schwelenden Blick. »Meine Strafe lautete vier Wochen Zwangsarbeit. Es war nie die Rede davon, dass ich Teil deiner Propagandamaschinerie werde.«

»Habe ich die zusätzliche Woche für deinen heutigen Fluchtversuch noch nicht erwähnt?«

»Ich weigere mich.«

»Ich sehe den alten Jonah schon vor mir, mit Frost im Haar und klappernden Zähnen.«

Hadrian senkte den Kopf. »Wir haben unsere Geschichte nicht verloren. Wir sind von ihr befreit.«

Ein siegreiches Lächeln teilte die harten Züge des Gouverneurs. Er wandte sich erneut um, diesmal zu einer Rauchfahne am nördlichen Horizont, wo ein Dampfboot seine Netze nach einem der riesigen Fischschwärme ausgeworfen hatte. »Sei bei Einbruch der Dunkelheit an der Grube. Du wirst Hilfe haben«, sagte Buchanan und wies auf die Tür.

Auf dem Flur war niemand. Hadrian ging zum vorderen Fenster und schaute hinab auf die Straße. Kenton, der offenbar annahm, dass die Audienz wesentlich länger dauern würde, drehte sich neben einer Reihe von Fahrrädern soeben eine Zigarette und betrachtete mürrisch eine Gruppe Halbwüchsiger bei einem der Pferdefuhrwerke, mit denen die Straßen gereinigt wurden. Hadrian beobachtete den Sergeanten eine Weile. Bei dem Gedanken an die bevorstehenden Prügel wurde ihm ganz anders. Dann lief er eilig die Treppe nach unten, stahl von einem Haken einen Hut, um sein Gesicht zu verbergen, und kletterte aus einem der hinteren Fenster.

Zehn Minuten später stand er im Eingang des zweigeschossigen Holzhauses, das wie eine große Scheune angelegt war und die Bibliothek der Kolonie beherbergte. Er wischte sich das Blut aus dem Gesicht, hielt auf der staubigen Straße nach den braunen Uniformen von Buchanans Polizisten Ausschau, zog sich den Hut tiefer in die Stirn und trat ein. Er schlich sich in einen Seitenraum, warf einen zufriedenen Blick auf die Regale voller Bücher, die von den Zensoren freigegeben worden waren, und suchte dann die Stufen und den oberen Treppenabsatz nach einem etwaigen Wächter ab, bevor er nach oben stieg. Zur Tarnung nahm er einen Band von Dickens mit.

An der Schwelle der großen Kammer blieb er stehen und sah durch die offene Tür zu einem Tisch. Dort saß ein schmächtiger Mann, der einst der Leiter einer großen Universität gewesen war. Der Anblick des graubärtigen Alten, der mit seiner Feder ein dickes handgeschöpftes Blatt Papier füllte, war stets Balsam für Hadrians gepeinigte Seele. Die Seite war Teil von Jonahs geheimer Chronik des Lebens in der neuen Welt, und immer wenn Hadrian ihn bei der Arbeit an diesem Projekt vorfand – oft des Nachts bei Kerzenschein –, kam er ihm wie ein Mönch vor tausend Jahren vor, der ein Manuskript für die Ewigkeit illuminierte. Während er nun seinen Hut auf einen Stuhl legte und sich leise näherte, erkannte er, dass sein Freund das Bild eines kleinen Segelboots am unteren Seitenrand vervollständigte. Die oberen Ecken des Blattes wurden von grünen Ranken voller Kürbisse geziert, die unteren von Herbstblumen, verbunden durch kunstvolle Schnörkel.

Jonah blickte mit sanftem Lächeln auf. »Dürfen die Zwangsarbeiter jetzt etwa Teepause machen?«, fragte er mit gespielter Entrüstung, deutete auf einen Hocker neben sich und setzte die Arbeit fort. Hadrian schaute zur Tür. Er wusste, dass ihm höchstens eine Viertelstunde blieb, bis Kenton und seine Männer nach ihm suchen würden. Nervös setzte er sich für einen Moment und schlenderte dann in der Kammer umher, die ihm so lieb wie kein anderer Ort der Kolonie war. Er studierte die ausgestopften kleinen Waldsäugetiere in einem der Regale und das Buch des alten chinesischen Dichters Su Tung-po, das neben einigen getrockneten Blumen in einem der anderen Fächer lag. Als er vor dem hölzernen Versuchsmodell eines astronomischen Observatoriums stand, einschließlich eines schwenk- und drehbar gelagerten Teleskops, musste er unwillkürlich daran denken, dass der Gouverneur nach öffentlichen Bauvorhaben zur Beflügelung seiner neuen Zivilisation verlangte, während der Zauberer von Carthage sich nach den Sternen sehnte.

Dann merkte Hadrian, dass Jonah ihn geduldig beobachtete. Die Seite war fertig.

»Du musst ein zweites Tagebuch anfangen, mein Freund«, verkündete Hadrian. »Irgendwas Einfaches, mit Entwürfen möglicher Gebäude, Wetterbeobachtungen, Notizen über die Ernteerträge und etwas maßvoller Kritik an der Regierung, damit es authentisch wirkt.«

Jonah neigte den Kopf zur Seite, wie ein neugieriger Vogel. »Der Gouverneur hat mit dir geplaudert.«

Hadrian sah erneut auf die frisch illustrierte Seite. Ließ Jonah aus Vorsicht vor Buchanan immer nur ein Blatt seiner Aufzeichnungen offen herumliegen? »Der Gouverneur wird einen Weg finden, mich zu verbannen«, erwiderte er und biss die Zähne zusammen. Es versetzte ihm einen Stich, dass er von dem gütigen alten Mann getrennt sein würde, dessen Intellekt und heiteres Gemüt ihm viele Jahre lang eine Stütze gewesen waren.

»Der Gouverneur ist vor allem ein Praktiker«, stellte Jonah mit spöttischem Lächeln fest. »Du warst letzten Monat dabei, als wir die öffentlichen Bäder eröffnet haben. Die Leute waren bereit, ihm die Hand zu küssen, weil jeder Block jetzt fließendes Wasser hat. Ich habe ihm Pläne für eine neue Getreidemühle gezeigt, ein dampfbetriebenes Sägewerk und sogar eine Bahnlinie. Solange wir immer neue Bauprojekte in Angriff nehmen, bleibt er im Amt. Und ich habe ihm erklärt, dass ich unmöglich ohne dich zurechtkomme. Falls er dich weiterhin wegen irgendwelcher Kleinigkeiten verhaften lässt, soll er mich auch in eine Zelle stecken, hab ich zu ihm gesagt, denn wir beide müssen zusammen sein.« Er hielt inne, verzog das Gesicht und massierte sich mit langen knochigen Fingern die Schulter. »Ich altere schnell, meine Arthritis wird von Tag zu Tag schlimmer. Ich brauche deine Hände und Beine. Wir beide werden hier die Detailplanung erledigen. Dann schaue ich dir dabei zu« – Jonah zeigte auf das Teleskop, das auf der Veranda vor seiner Werkstatt stand –, »wie du die Arbeiten leitest. Man wird dich rehabilitieren, glaub mir. Wir erweitern für dich meine Hütte um einen Anbau und bringen den Grasmücken bei, uns aus der Hand zu fressen. Dann ist alles wieder wie früher.«

Die Worte ließen Hadrian seltsam melancholisch werden. Er blickte hinaus auf das glitzernde Binnenmeer. »Ich würde mich selbst nicht wiedererkennen«, flüsterte er.

Jonah hörte ihn dennoch. »Im Innern sind wir noch dieselben«, sagte er und neigte abermals den Kopf. »Was ist heute passiert?«

»Wir sind in der alten Senkgrube auf eine Leiche gestoßen.«

Jonah zuckte die Achseln. »Die Toten dürften dir doch gewiss keine Angst mehr einjagen.«

»Nein«, räumte Hadrian ein. »Was mich erschreckt hat, waren die Kinder. Sie haben schon wieder mit einer Henkerschlinge herumgespielt.«

Jonah nickte traurig und wissend.

»Nichts, was ich in all den Jahren getan habe, hat auch nur das Geringste genützt.« Das Geständnis kam Hadrian wie von selbst über die Lippen, als hätte etwas tief in ihm es hinausgestoßen. Seine Verzweiflung war wie eine lebendige Kreatur, die sein Herz auffraß. »Ich habe mir immer vorgemacht, ich hätte aus einem bestimmten Grund überlebt. Das war gelogen. Und die Überzeugung, ich könnte etwas bewirken, war die größte Lüge von allen.«

Nach einem Moment nahm Jonah seine Hand und ließ eine vertraute Achatscheibe hineinfallen, ein Meditationsstein, der im Laufe vieler Jahre glatt gerieben worden war. »Ich leihe ihn dir«, sagte Jonah. »Geh zurück in deine Zelle, und benutze ihn. Erforsche dein Inneres. Hör auf, deinen Gefühlen zu trauen. Die Kolonie braucht dich mehr als je zuvor. Und lauf nicht dauernd weg. Falls du Sergeant Kenton weiterhin so viele Anlässe lieferst, dich zu verprügeln, wird er dir irgendwann die Knochen brechen.«

»Ich habe eingewilligt, dich zu bespitzeln, Jonah«, beichtete Hadrian und schaffte es nicht, dem alten Mann, der ihm so viel bedeutete, dabei in die Augen zu sehen. »Buchanan startet eine neue Kampagne, um sich aller zu entledigen, die ihn nicht unterstützen.«

»Deshalb habe ich ja dafür gesorgt, dass du bei mir wohnen wirst.«

»Er traut dir nicht.«

»So wenig wie ich ihm.« Jonah legte Hadrians Finger um den Stein. »Aber er ist vollständig auf mich angewiesen. Und du und ich werden uns gemeinsam überlegen, worüber du ihm Bericht erstatten kannst. Ein zweites Tagebuch ist gar keine so schlechte Idee. Wenn er das Leben unbedingt wie eine Partie Schach angehen will, ist er uns nicht gewachsen. Er hat keinen Sinn für Raffinesse.«

»Du willst einfach nicht erkennen, wie gefährlich er ist.«

Jonah reagierte wiederum mit gelassenem Lächeln. »Ich weiß, wie ich mit unserem Gouverneur umgehen muss.« Er wies mit ausgestrecktem Finger auf Hadrians Herz. »Wir haben uns nicht geändert«, beharrte er. »Jedenfalls nicht an den wichtigen Stellen.«

»Ich finde zu diesen Stellen keinen Zugang mehr«, erwiderte Hadrian, dem sich die Kehle zuschnürte. »Und ich will nicht sein, was aus mir geworden ist.« Er fuhr sich mit der Hand über das struppige blonde Haar. »Die einzige Hoffnung, die ich noch habe, alter Mann, ist die Hoffnung auf deine Fähigkeit zur Zuversicht.«

Jonah winkte ihm, er solle ihm hinaus auf die Veranda folgen. Der Ausblick war spektakulär: Unterhalb erstreckte sich die Stadt, im Norden das riesige schimmernde Binnenmeer, im Süden die Ställe und Felder, eingerahmt von karmesinrot gestreiften Hügeln.

»Das ist die bisher beste Ernte«, sagte der alte Mann mit weit ausholender Geste in Richtung der Felder. »Mit Mehrertrag«, betonte er.

Hadrian sah ihn an. Er wusste, wie sorgfältig Jonah seine Worte zu wählen pflegte. »Du meinst, es ist genug, um einen Teil ins Umland der Kolonie zu liefern.«

»Ich habe dem Gouverneur gesagt, dass gleichzeitig mit der neuen Ziegelfabrik, die du und ich für ihn bauen sollen, ein weiteres Projekt in Angriff genommen werden muss. Unsere Brücke.«

Als Hadrian begriff, was das bedeutete, beschleunigte sich sein Herzschlag. Sie träumten schon seit Jahren von einer Brücke über die steile Schlucht, damit die Reise zu den Camps der Unberührbaren nicht mehr einen ganzen Tag in Anspruch nehmen würde.

»Unsere Brücke!«, wiederholte Jonah freudig. »Der Anfang der neuen Welt, nach der du und ich uns gesehnt haben.« Er kehrte an seinen Tisch zurück, durchstöberte einen Stapel Papiere und zog schließlich den Entwurf einer hölzernen Auslegerbrücke hervor. »Buchanan hat sich bereiterklärt, dass die ersten Fuhrwerke, die sie überqueren, Getreidetransporte für die Camps sein werden! Für manche der Ältesten wird das den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten!«

Hadrian sah das Funkeln in Jonahs Augen. Vor allem würde es den Kontakt zwischen Jung und Alt bedeuten, der die lange schwärenden Wunden heilen könnte, und eine Freisetzung der Wissensflut, die sich während der vielen Jahre in den Camps aufgestaut hatte.

»Du siehst also, es wird bereits besser, mein Sohn«, sagte Jonah und hielt inne, um eine verwelkende Blüte von einer der Topfrosen zu pflücken, die er auf der Veranda zog. »Du und ich, wir werden etwas bewirken. Das hier ist der Weg zur Veränderung. In den Camps gibt es Ingenieure, Lehrer und Dichter. Sobald wir ihnen die Freiheit ermöglichen, wird alles anders. Wir werden eine neue Schule errichten, sogar ein College, und du wirst der Leiter sein. Es musste erst das finstere Mittelalter kommen, bevor es eine Renaissance geben konnte.«

Hadrian hatte ihn selten so beseelt erlebt, so glücklich. Jonah war seit fast zwei Jahren nicht mehr in der Lage gewesen, die anstrengende Reise zu den Camps anzutreten. Er wusste nicht, wie verzweifelt die Lage dort inzwischen sein mochte oder wie viele ihrer betagten Freunde gar gestorben waren. Und er kam nicht mal ansatzweise auf den Gedanken, dass Buchanan ihn womöglich nach Strich und Faden belog. Doch beim Blick in seine strahlenden Augen brachte Hadrian es einfach nicht übers Herz, ihn darauf anzusprechen. »Eine Renaissance«, wiederholte er und rang sich ein Lächeln ab. Dann ließ er sich von Jonah umarmen.

 

Die Hütte war von blühenden Kletterpflanzen bedeckt und von einst gepflegten, aber längst überwucherten Kräuterbeeten umgeben. Als Hadrian seinen Armvoll Feuerholz an der steinernen Schwelle ablegte, erschien eine Frau im Eingang und nickte ihm bekümmert und zugleich dankbar zu. Sie war haarlos, verhärmt und weit vor ihrer Zeit gealtert, wenngleich ihre hohen Wangenknochen und die auffallend grünen Augen ihn daran erinnerten, dass sie damals in der alten Welt ein Mannequin gewesen war. Er reichte ihr ein Dutzend Blätter frisch gebleichten Papiers, das er von einem Schreibtisch des Regierungsgebäudes gestohlen hatte. »Für deine Gedichte, Nelly«, sagte er.

Drinnen, auf einem Strohlager unterhalb des einzigen Fensters, lag ein alter Mann mit asiatischen Gesichtszügen. Seine mühevollen Atemzüge waren lang und rasselnd, und sein Blick ging ins Leere. An einem Hocker neben ihm lehnte das lebensechte, beinahe fertiggestellte Gemälde einer Drossel auf einem Weidenzweig. »Er hat schon seit Tagen keinen Pinsel mehr in die Hand genommen«, sagte die Frau über Hadrians Schulter hinweg. »Ich versuche, ihn zu füttern, aber er sagte, es schmeckte wie Matsch. Das ist alles, was ich habe.«

Hadrian sah eine Holzschüssel auf dem Boden stehen, halb gefüllt mit einer gelben klebrigen Substanz, einer Schleimsuppe aus Rohrkolbenwurzeln. Letzten Winter hatte Nelly den geliebten Hund getötet, um ihren Ehemann zu ernähren, und behauptet, es sei Eichhörnchenfleisch. Den ganzen Sommer lang hatte der kurzsichtige alte Künstler, ein früherer Fernsehreporter, bei jeder Bewegung im Schatten den Namen des Hundes gerufen und gelacht.

»Falls ich heute Nachmittag weg kann, müsste ich zum Abendessen ein paar Kaulquappen auftreiben können«, sagte die Frau.

Noch während sie sprach, explodierte Hadrians Bauch förmlich vor Schmerz.

»Hoch mit dir, du Hurensohn!«, herrschte Kenton ihn an.

Hadrian richtete sich keuchend auf und hielt sich den Leib. Der Sergeant stand in der Dämmerung über ihm und drehte das Ende des Schlagstocks in der Handfläche. Lucas Buchanan lehnte soeben ein Fahrrad an einen Baum.

»Hör auf zu träumen!«, befahl der Gouverneur.

Doch Hadrian hatte nicht geträumt, während er wartend in der Senke lag. Er hatte einfach nur seinen letzten Besuch in den Camps an sich vorüberziehen lassen.

Der Gouverneur nahm eine Spitzhacke und eine Laterne von dem Stapel Werkzeuge, der dort im Schatten lag, schickte Kenton zu einem großen Felsblock am Straßenrand und winkte Hadrian, ihm nach unten zu folgen. Boone wagte nicht zu fragen, weshalb Buchanan beschlossen hatte, ihm höchstpersönlich bei der schaurigen Aufgabe behilflich zu sein. Er nahm sich eine Schaufel und eilte den Pfad hinunter. Dabei entging ihm nicht, dass Kenton ihm von seinem Wachposten aus einen lodernden Blick zuwarf. Zwei eigenmächtige Ausflüge am selben Tag bedeuteten später am Abend eine doppelte Tracht Prügel.

Die beiden Männer machten sich fieberhaft an die Arbeit und legten den Leichnam in der Grube frei, während es dort unten schnell dunkler wurde. Ein Arm, eine Hüfte, ein Bein, ein Fuß. Der Tote trug robuste Reisekleidung und eine lederne Gürteltasche, wie sie bei Trappern und anderen üblich war, die sich in die Wildnis wagten. Sein Gesicht, eingeschrumpft und fast vollständig schwarz verfärbt, war das eines kräftigen Mannes Mitte zwanzig, bereit, sich der Welt zu stellen. Oder dem, was noch davon übrig war.

Hadrian bemerkte, wie niedergeschlagen der Gouverneur auf den Anblick reagierte. »Du hast ihn gekannt«, stellte er fest, während Buchanan die Laterne entzündete. »Du wusstest, wer er war, als du den Ring gesehen hast.«

Buchanan zog den Ring aus der Tasche und hielt ihn ins Licht. »Wir haben sie letzten Frühling anfertigen lassen, damit sie uns zusammen mit einer Nachricht zurückgeschickt werden konnten, zur Beglaubigung der Echtheit.«

Hadrian beugte sich vor und nahm den Ring genauer in Augenschein. In ihn waren ein Vogel und ein Baum eingraviert – Möwe und Kiefer, die Symbole der Flagge der Kolonie. »Er hat für dich gearbeitet.«

»Es waren zwei«, erklärte Buchanan. »Ich habe sie im Zuge eines privaten Abendessens verabschiedet. Zur Fernerkundung.« Damit war die Erforschung bislang unbekannter Gebiete gemeint, um neue Quellen für verwertbares Material zu erschließen.

Hadrian dachte an das letzte Frühjahr zurück. Normalerweise gab es vor solchen Erkundungsmissionen öffentliche Ankündigungen und Bankette. »Du hast ihren Auftrag geheimgehalten.«

»Es waren Einmannunternehmen. Die beiden sollten noch vor dem Morgengrauen aufbrechen, dieser hier zu Fuß, der andere mit einem Segelkanu auf dem Seeweg. Der andere wurde drei Wochen darauf in einem Handelskahn aus der nördlichen Siedlung zurückgebracht.« Damit war die winzige Gruppe Überlebender gemeint, die sich mühsam am gegenüberliegenden Ufer durchschlug, 240 Kilometer entfernt. »Sie hatten ihn auf halber Strecke bäuchlings im Wasser vorgefunden.«

Er musterte den Toten. »Dieser hier hieß Hastings und war einer unserer erfahrensten Waldläufer. Micah Hastings. Er hat sich sofort freiwillig gemeldet, als ich erwähnte, ich wolle vielleicht neue Scouts aussenden. Seine Mutter kommt jede Woche und fragt, ob wir etwas von ihm gehört haben.«

»Er ist nie aufgebrochen«, sagte Hadrian und schaufelte mehr von dem getrockneten Schlamm beiseite. »Wieso sollte diese Erkundungsmission überhaupt geheim bleiben?«

Buchanan ignorierte die Frage. »All die Monate habe ich mir ausgemalt, er hätte eine Straße gefunden, die passierbar und nicht vollständig zugewuchert ist. Dass er weit nach Süden vorgedrungen wäre und neue Bergungsquellen kartografieren würde.« Bergungsquellen. Das war einer der Euphemismen, mit denen in der Kolonie die Ruinenstädte bezeichnet wurden, die man wegen des dort vorhandenen Metalls schätzte. Der technische Fortschritt der Menschheit war an die Entdeckung neuer Schrottplätze gebunden. Als Buchanan fortfuhr, klang seine Stimme irgendwie wehmütig. »Vor ein paar Nächten habe ich geträumt, Hastings habe eine kleine Herde Elefanten gefunden, die aus irgendeinem Zoo geflohen war, und würde sie herbringen.« Versonnen betrachtete er den aufgehenden Mond. »Glaubst du, es gibt noch Elefanten auf der Erde?«

Allmählich gingen Hadrian Momente wie dieser gewaltig auf die Nerven: Momente, in denen Buchanan so tat, als wären sie immer noch alte Freunde. »Keine Ahnung. Vermutlich nicht.«

Darauf folgte eine sonderbare Stille. Der Gouverneur umrundete den Leichnam. »Das Vieh, das sich gerade in seine Hand vergräbt«, murmelte er angewidert. »Schaff es weg.«

Hadrian zögerte und hob dann die Laterne über die schwarze Hand, die zu einer Faust geballt war. Etwas Langes und Dünnes ragte daraus hervor. Er erkannte, dass es sich nicht etwa um einen Wurm handelte, wie Buchanan fälschlich vermutet hatte, sondern um einen schmutzverkrusteten Lederriemen. Als er daran zog, entglitt dem Griff des Toten ein flaches Oval, irgendein Amulett. Hadrian spuckte darauf und rieb es sauber. Zum Vorschein kam ein Stück Kupfer mit der primitiven Gravur einer hundeähnlichen Gestalt auf zwei Beinen. Es hätte ein Wolf sein können. Oder einer der gefräßigen Marder, die von der neuen Generation nur Baumschakale genannt wurden. Als er das Schmuckstück Buchanan hinhielt, fiel ihm der seltsame Satz wieder ein, den der Anführer der Bande am Vormittag gerufen hatte.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte er.

Buchanan starrte das Amulett beunruhigt an und warf es dann beiseite in die Schatten. »Nichts. Ein Zufall, ein Stück Abfall, das an dem Leichnam hängengeblieben ist.«

»Schakale laufen mit Geistern«, wiederholte Hadrian die Worte des Jungen an Kenton.

Buchanans Augen weiteten sich, und er schaute über die Schulter, als sei er plötzlich verängstigt. Dann murmelte er eine leise Verwünschung und stützte sich auf seine Spitzhacke. »Der Narr hat bei dem Abendessen zu viel getrunken. Das war noch vor der Eröffnung des Badehauses.« Während Hadrian sich wieder an die Arbeit machte, sprach Buchanan leise und besonnen weiter, als würde er seine offizielle Verlautbarung einstudieren. »Danach ist er hergekommen, um den öffentlichen Abort unweit der Hütte seiner Mutter zu benutzen. Er ist hineingefallen und versunken. Er war betrunken, und das Geländer dort ist schon immer zu niedrig gewesen.«

Hadrian hielt inne und blickte voll finsterer Vorahnung auf den nun vollständig freigelegten Torso. »Ein bisschen Stahl hat er aber noch bergen können.«

»Was redest du da für einen …?« Die Worte erstarben dem Gouverneur auf den Lippen. Er hob die Laterne und bemerkte die Klinge aus aufgearbeitetem Metall, die zwischen den Rippen des Mannes steckte. »Neeiin!«, stöhnte er. »Nein«, wiederholte er nach einem Moment etwas entschiedener und nachdenklicher, als würde er von sich weisen, was er sah. Er starrte das behelfsmäßige Messer so lange an, dass Hadrian fortfuhr und die Beine des Mannes ausgrub.

Schließlich richtete Buchanan sich auf, zog seine Jacke aus und breitete sie über den Toten. »Ich besorge uns eine Plane, in die wir ihn einrollen können«, verkündete er. »Und einen Karren, um ihn zum Hafen zu transportieren. Du suchst derweil ein paar Steine, mit denen wir ihn beschweren.«

»Er wurde ermordet.«

»Du wirst ihn einen Kilometer weit hinausrudern und ins Wasser werfen.«

»Jonah und ich müssen seinen Leichnam untersuchen, um herauszufinden, was geschehen ist.«

»Er hat im Dienst der Kolonie sein Leben geopfert. Dort draußen in der Trümmerwüste lauern alle möglichen Gefahren. Jeder weiß, dass viele unserer Scouts niemals zurückkehren. Die Welt sträubt sich dagegen, aufs Neue entdeckt zu werden.«

»Er wurde ermordet«, wiederholte Hadrian.

»Es gibt hier keine Morde. In Carthage hat es noch nie einen Mord gegeben.«

»Keine Geschichte. Keine Morde. Wie lautet deine nächste Verordnung? Keine Krankheiten mehr?«

»Du, Hadrian, befindest dich nun wirklich nicht in der Position …«, knurrte der Gouverneur, als ein Glockensignal ertönte. Zu der ersten Glocke gesellte sich eine zweite, dann immer mehr, während der Alarm sich in der Stadt verbreitete. Hadrian und Buchanan rannten zurück auf den Hügel.

»O Gott, nein!«, rief Hadrian, als er die Flammen in einem knappen Kilometer Entfernung sah. Sein Blick richtete sich auf das Fahrrad des Gouverneurs, das an einem nahen Baum lehnte. Er wirbelte herum und stieß Buchanan gegen Sergeant Kenton. »Findet Jonah!«, rief er, als er auf das Fahrrad stieg und sich dann duckte, um dem Hieb von Kentons Schlagstock zu entgehen. »Er wird wissen, welche Bücher am wichtigsten sind und unbedingt gerettet werden müssen! Er bewahrt dort so manchen Schatz der Kolonie auf!«

Während er sich durch die erschrockene Menge schlängelte, kam er auch an der Feuerwehr vorbei, die hektisch versuchte, Schlauchleitungen zum nächstbesten Wasserbehälter zu legen. Er ließ das Fahrrad zu Boden fallen und lief in die brennende Bibliothek. Männer und Frauen leerten Wassereimer in die Flammen. Andere trugen Bücher und Mobiliar aus dem Erdgeschoss nach draußen. Das Feuer fraß sich bereits durch die ersten Dachschindeln aus Zedernholz. Hadrian hastete die Stufen zur Werkstatt hinauf. Als er die Kammer erreichte, blieb er schlagartig stehen. Er ächzte entsetzt auf und sank auf die Knie. Hadrian hatte den wichtigsten Schatz der Kolonie gefunden.

Über seinem brennenden Arbeitstisch baumelte Jonahs Leichnam von einem Dachbalken.

KAPITEL ZWEI

Hadrian war sich nicht bewusst, dass er sich bewegte. Ihm wurde nur plötzlich klar, dass er dem verblüfften Polizisten, der neben ihm aufgetaucht war, den Eimer aus den Händen gerissen haben musste. Er schüttete das Wasser auf den Tisch, löschte die Flammen, schnappte sich das Messer, das dort lag, sprang auf den Tisch und durchtrennte das Seil.

Einen Augenblick später war er neben Jonah auf dem Boden, barg ihn in den Armen und nahm ihm die Schlinge ab. Der alte Mann schien aufzukeuchen. Voll jäher Hoffnung legte Hadrian ihn flach hin und wollte ihn wiederbeleben. Aber der toten Lunge war bloß ein letzter Rest Luft entwichen. Durch die Tränen, mit denen seine Augen sich füllten, sah er Männer und Frauen in den Raum strömen und weitere Eimer Wasser leeren.

»Hadrian«, rief eine Frau mit langer weißer Schürze mitfühlend. »Lass mich dir helfen, ihn nach draußen zu bringen.«

Doch Boone weigerte sich, stieß sie weg und drohte den anderen mit der Faust. Er hob Jonah vom Boden auf, legte den Kopf mit dem grauen Backenbart an seine Schulter und trug den Toten hinaus. Draußen sank er ins Gras und umschloss mit beiden Händen Jonahs von Tinte befleckte Finger. Ein langgezogenes Schluchzen ließ seinen Leib erbeben. Das Ende der Welt wiederholte sich.

Durch den Schleier aus Schmerz nahm er nur bruchstückhaft wahr, dass eine Gruppe Häftlinge im Laufschritt auf das Gelände eilte, dass aus einem Feuerwehrschlauch erst stotternd ein Rinnsal, dann aber ein immer stärkerer Wasserstrahl auf das Gebäude gerichtet wurde, dass Lucas Buchanan Befehle rief und erschrocken verstummte, als er Jonah sah. Benommen verfolgte Hadrian, wie die Gefangenen stapelweise Bücher nach draußen schafften. Er rappelte sich mühsam auf und half ihnen dabei.

Eine Stunde später stand er rußgeschwärzt vor der qualmenden Bibliothek. Das halbe Dach war eingestürzt, aber den Rest des Gebäudes hatten sie retten können. Polizeipfeifen trillerten, und immer mehr Schaulustige verstopften die Straßen. Sergeant Kenton stieß Hadrian zu den anderen Häftlingen, die sich für den Rückmarsch zum Gefängnis aufreihten. Als Kenton ihm Handschellen anlegte, sträubte er sich kurz, sah dann, dass Jonahs Leichnam verschwunden war, und ließ sich wie in einem schrecklichen Alptraum widerstandslos wegführen.

 

Die Hälfte der Einzelzellen in dem langgestreckten zweigeschossigen Steinbau, der als Gefängnis von Carthage fungierte, stand für gewöhnlich leer. Die meisten der Insassen hatten sich nur minderer Vergehen schuldig gemacht und waren in Sammelzellen untergebracht, wo die Wärter sie zwischen ihren Kartenspielen mühelos im Blick behalten konnten. Als Hadrian in den Raum gestoßen wurde, brachen einige der Jüngeren in lautes Johlen aus. Er war so eine Art Held für sie, nicht nur, weil er hier der älteste Wiederholungstäter war, sondern auch wegen seiner allseits bekannten Fehde mit Kenton. Die übrigen Gefangenen musterten ihn kühl. Sie waren alt genug, um sich zu erinnern, dass er in der Regierung von Lucas Buchanan einst ein Amt innegehabt hatte.

Ein junger Häftling warf Hadrian ein zerlumptes fleckiges Handtuch zu und trat von dem Becken mit grauem Wasser zurück. Hadrian war der Letzte, der sich noch waschen musste. Mehr als ein Dutzend Männer hatten sich nach den Löscharbeiten bereits mit diesem Wasser gesäubert.

»Das Dach ist in einer Woche repariert, Mr. Boone.« Nash war ein Gewohnheitseinbrecher von einer der abseits gelegenen Farmen und zählte zu Hadrians früheren Schülern.

Hadrian vergrub sein Gesicht einen Moment lang in dem dreckigen Handtuch. Er sah überall Jonahs totes Antlitz vor sich, sogar mit geschlossenen Augen, und kämpfte verbissen gegen die Tränen an. Als er aufblickte, grinsten die meisten der Häftlinge ihm spöttisch entgegen.

Er ließ sich im tiefen Schatten auf seine Pritsche sinken und spürte, wie der Kummer an seinem Herzen nagte. Lange lag er wie gelähmt da. Dann drängte er den Schmerz mit großer Anstrengung zurück. Es gab nur eine Möglichkeit, mit dieser Qual umzugehen und weiterzuleben. Er musste ergründen, was geschehen und wer dafür verantwortlich war.

Wieder und wieder ließ er die furchtbare Szene in der Werkstatt vor seinem inneren Auge vorüberziehen und konzentrierte sich schließlich auf die Flammen und das Muster der Zerstörung. Die Papiere auf dem Tisch hatten bei seinem Eintreffen eben erst Feuer gefangen, während zwei der Regale bereits so umfassend in Flammen standen, dass sie das Dach über sich in Brand setzten. Unter dem Tisch lag beschriebenes Papier, von dem er einige Fetzen insgeheim eingesteckt hatte, und unter den brennenden Regalen, dreieinhalb Meter vom Tisch entfernt, lagen die Überreste der beiden Öllampen, die Jonah nachts beim Schreiben genutzt hatte. Sie konnten nicht einfach durch Jonahs strampelnde Füße dorthin gelangt sein. Jemand hatte sie vom Tisch genommen und gegen die Regale geworfen. Die Papiere auf dem Tisch hatten sich dann später durch Funkenflug entzündet.

Auch das fremde schwere Messer, mit dem Hadrian das Seil durchschnitten hatte, stammte vom Tisch. Er hatte sich daran Handfläche und Finger leicht verbrannt. Nun betrachtete er das Muster der geröteten Haut. Das Heft war aus Kupfer und unverhältnismäßig dick gewesen, mit halbrundem Handschutz und ebenfalls sehr dicker Klinge. Es hatte nicht Jonah gehört.

Er setzte sich auf und hielt nach Nash Ausschau. Die anderen Gefangenen lagen auf ihren Pritschen, aber der junge Dieb hatte seine Socken gewaschen und versuchte gerade, sie über der einsamen Kerzenlaterne zu trocknen, die auf dem Tisch stand.

»Schwerter«, sagte Hadrian, als er zu ihm ging. »Wer hat Schwerter? Und wieso würde jemand eines davon zu einem schweren Messer umarbeiten?«

Nash zuckte die Achseln. »Wenn irgendwo ein Schwert gefunden wird oder auf dem Schwarzmarkt auftaucht, will jeder es haben. Und zu Hause merken die Leute dann, wie unhandlich so ein Ding ist. Aber wer praktisch denkt, schleift es auf eine brauchbare Größe herunter.«

»Und wer denkt praktisch?«

»Farmer«, erwiderte der junge Mann und überlegte. »Fischer, Müller, vielleicht Schlachter und Zimmerleute oder sogar …«

Ein leiser monotoner Pfiff ließ Nash verstummen. Mit finsterer Miene schaute er zu einem grobschlächtigen Kerl, der auf einer Pritsche in der Nähe der Tür saß. »Du kannst mich mal, Wade«, herrschte der junge Mann den bärtigen Häftling an und wandte ihm dann wieder den Rücken zu.

»Falls du nachts in die Bibliothek wolltest«, fuhr Hadrian fort, »wie würdest du das anstellen?«

Erneut dieser Pfiff. Hadrian blickte abermals zu Wade. Es war eine Botschaft unter Gefangenen, eine Warnung, den Mund nicht zu voll zu nehmen.

»Aber Mr. Boone«, sagte Nash. »Ich würde nie … nicht die Bibliothek. Meine Mutter geht dorthin. Sie kommt all die Meilen in die Stadt, bloß um ein Buch auszuleihen.«

»Nur mal angenommen.«

Nash biss sich auf die Unterlippe. »Ich möchte wetten, der alte Mr. Jonah hat die Türen zu seinem Balkon im ersten Stock nie verriegelt. Mit einer Leiter kommt man leicht dort hinauf. Aber wahrscheinlich ist nicht mal das nötig. Die Bibliothekarin arbeitet oft noch spät am Abend. Sie lässt den Eingang offen, damit die Leute ihre Bücher zurückbringen können.«

Hadrian nickte dem Jungen dankbar zu und kehrte zu seiner Pritsche zurück. Er war so in Gedanken versunken, dass er die Papierfetzen erst bemerkte, als er sich auf sie setzte. Sofort sprang er wieder auf. In dem trüben Licht konnte er kaum etwas erkennen. Es waren Dutzende von Papierstreifen. Er hob einige auf und trug sie zu der Laterne. Nash wich verunsichert zurück.

Schaudernd sah Hadrian, dass es sich um edles Pergament handelte. Manche der Stücke waren mit einer klassischen Schriftart bedruckt, andere in den bunten Farben einer Landkarte. An der Tür fing jemand mit tiefer, rauer Stimme an zu lachen.

Hadrian lief zu Wade und warf ihm die Fetzen ins Gesicht.

»Du hast heute ein Buch gestohlen!«, rief er.

Der Maulheld der Zelle hielt einen elegant gebundenen Band hoch, betitelt Die geographische Beschaffenheit der Erde, darunter die Jahreszahl 1900. »Ich kann mir jetzt einen Monat lang den Hintern abwischen. Das Zeug, das auf der Latrine liegt, ist wie Sandpapier.«

»Dieses Buch ist unersetzlich!« Hadrian ballte die Fäuste.

»Mein Hintern auch!« Einige der Männer auf den benachbarten Pritschen fielen in Wades spöttisches Gelächter ein.

»Es ist Eigentum der Kolonie.«

Wade, ein Fischer, der hier eingesperrt war, weil er während einer Kneipenschlägerei seinen Gegner mit einem Messer verletzt hatte, klappte das Buch auf. Die Seite trug die Überschrift Die Länder Asiens und zeigte auf einer Farbtafel die Chinesische Mauer. Mit höhnischer Freude riss Wade das Blatt heraus und wies mit dem Daumen auf Hadrian.

»Unser vornehmer Gast ist immer noch viel zu sehr von ihm eingenommen«, verkündete der stämmige Kerl, während die anderen Häftlinge sich um Hadrian scharten. »Ich glaube, er begreift nicht ganz, was auf dieser Welt wirklich wichtig ist.«

Hadrian spürte, wie man ihn an den Armen packte. »Von sich eingenommen«, sagte er. »Von sich. Du hättest nicht von der Schule abgehen sollen, Wade.«

Wade lachte erneut. »Vielleicht ist Seine Hoheit auch bloß hungrig«, sagte er und nickte. Es war ein Signal. Hadrian wurde zu Boden geworfen. Drei der Gefangenen knieten sich auf seine Arme und Beine, ein weiterer drückte ihm die Nase zu.

Hadrian hielt so lange wie möglich die Luft an. Als er schließlich nach Atem ringen musste, stopfte man ihm die Buchseite in den Mund. Einer der Männer griff ihm ans Kinn und bewegte den Unterkiefer auf und ab, um Hadrian das Papier kauen zu lassen. Er erstickte beinahe daran. Würgend kroch er zum Aborteimer und erbrach die Seite.

Als Hadrian am Ende auf seine Pritsche fiel, drehte er sich zur Wand und hielt sich die Brust. Die anderen wussten nicht, dass er unter seinem Hemd ein Dutzend geretteter Seiten versteckte.

Am nächsten Morgen musste Hadrian in der Zelle zurückbleiben, während man die anderen Gefangenen zum Arbeitseinsatz wegführte. Als der Wärter verkündet hatte, dass Hadrian nicht mitkommen würde, hatte Wade höhnisch gegrinst und war sich mit der Handkante über die Kehle gefahren. Sie alle wussten, dass der Gouverneur sich an niemandem so gern wie an ihm abreagierte, und heute würde Buchanan vermutlich in der entsprechenden Stimmung sein. Hadrian ging in der Zelle auf und ab und blieb bei Nashs Pritsche stehen, weil ihm die blutige Decke auffiel. Der junge Dieb war im Laufe der Nacht verprügelt worden.

Boone blickte aus dem Fenster den Hügel hinauf zu der schwelenden Bibliothek und rechnete damit, jeden Augenblick den Schlüssel in der Zellentür zu hören. Dann wurde ihm bewusst, dass Buchanan den Großteil der Nacht wach geblieben sein musste und bis zum Nachmittag keine Termine wahrnehmen würde. Er legte sich wieder hin und versuchte zu schlafen, sah aber jedes Mal Jonah von dem Dachbalken baumeln, sobald er die Augen schloss. Also lief er abermals umher, probierte und verschmähte das Porridge, das noch vom Frühstück übrig und inzwischen kalt und zäh war, und ging dann zu Wades Pritsche. Er benötigte nur einen Moment, um das alte Buch zu finden. Es war in der Pferdehaarfüllung der Matratze verborgen. Hadrian überlegte, ob er es anderswo verstecken oder gar durch die Türluke werfen sollte, damit einer der Wärter es finden würde. Dann blätterte er es durch und bewunderte die prächtigen handgezeichneten Karten, insgesamt fast zwanzig an der Zahl. Falls Wade das Buch nicht wieder hier vorfand, würde er Hadrian zusammenschlagen. Falls einer der Polizisten es in die Finger bekam, würde er es wahrscheinlich ebenfalls auf der Latrine verwenden. Hadrian riss die Karten heraus und stopfte sie sich unter das Hemd.

Er stand einige Minuten an der Tür und presste seine Wange an die vergitterte Luke, um den leeren Korridor zu beobachten. Dann befestigte er das dreckige Handtuch mit einigen Holzsplittern über der Luke. In seiner Socke steckten die Pergamentstücke, die er während des Feuers unter Jonahs Tisch eingesammelt hatte. Er holte sie nun hervor und legte sie vor sich auf den Tisch, mit der beschriebenen Seite nach oben. Dann ordnete er sie. Mit den Außenkanten fing er an. Als er die braunen und violetten Ranken aneinanderfügte, die entlang des zweieinhalb Zentimeter breiten Randes verliefen und unten ein kleines Segelschiff einrahmten, erkannte er die Seite wieder. Sie stammte aus Jonahs geheimen Aufzeichnungen; Hadrian hatte den alten Mann erst gestern daran arbeiten sehen.

Es war ein Kunstwerk, akkurat bis ins Detail. Nur der rechte Rand war unvollständig; jemand hatte dort zwei halbkreisförmige Stücke herausgerissen.

Der in eleganter Handschrift verfasste Text in der Mitte der Seite las sich irgendwie idyllisch:

 

Bei Tagesanbruch konnte man auf dem goldenen Wasser die zehn Dampfer der Flotte sehen. Die Wanderer sind alle nach Hause zurückgekehrt. Das Erntedankfest geht weiter, mit Besuchern von entlegenen Farmen und Kindern, die aus weit aufgerissenen Augen die riesigen Kürbisse bestaunen. Gestern Abend wurde der aufgehende Mond von Flöten und Fiedeln begrüßt. Die fröhliche Ausgelassenheit der Tanzenden hallte durch das ganze Tal.

 

Über den Feldern voller Korn, klar im kühlen Septembermorgen, erstrecken sich weithin die Obstplantagen, deren Äste sich unter Äpfeln und Pfirsichen biegen. So schön wie der Garten des Herrn.

 

Zumindest der zweite Absatz kam Hadrian vage vertraut vor. Er hatte ihn irgendwo schon mal gelesen, wenngleich am Ende etwas zu fehlen schien. Er schob die Fetzen dichter zusammen, als würden dadurch weitere Worte erscheinen. Ihm war nicht klar, was er übersah, aber er hatte den Verdacht, dass mehr dahintersteckte, eine verborgene Botschaft. Jonah Beck hatte großes Vergnügen an den Geheimnissen der Sprache und an Wortspielen gehabt. Oberflächlich betrachtet war der Text eine Schilderung des wichtigsten Ereignisses der letzten Woche und hätte so auch in der Tageszeitung stehen können. Doch er hatte zu Jonahs geheimen Aufzeichnungen gehört und war vorsätzlich zerstört worden. Hadrian hielt inne und sah aus dem Fenster. Aber wann? Im Zuge des Mordes oder schon vorher?

Hadrian schob die Teile auseinander und langsam wieder zusammen, trug mehrere von ihnen zum Fenster und hielt sie gegen die Sonne, wobei die künstlerische Wirkung ihn immer aufs Neue beeindruckte. Er wusste aus Erfahrung, dass Jonah sich für eine einzelne Seite mitunter eine ganze Woche Zeit genommen hatte. Allerdings hatte er nur spätnachmittags und abends daran arbeiten können, denn tagsüber war er mit Blaupausen und Entwürfen beschäftigt gewesen. Jonah hatte sein Tagebuch vor Hadrian zwar nicht gerade versteckt, aber er hatte sich auch nie konkret dazu geäußert. Hadrian hatte stets angenommen, der alte Mann halte darin schlicht den Alltag in der Kolonie fest.

Während er frustriert die Seite anstarrte, wurde er plötzlich von Müdigkeit ergriffen. Er sammelte die Teile ein und streckte sich auf seiner Pritsche aus.

 

Es war fast Mittag, als eine kräftige Gestalt Hadrian mit einem groben Stoß des Schlagstocks weckte. »Mach dich erst mal sauber, bevor du zum Gouverneur gebracht wirst«, knurrte Sergeant Kenton und scheuchte Hadrian den Korridor entlang und weiter nach draußen zum Pferdetrog. Als er fertig war, warf Kenton ihm die gelbe Armbinde zu, die Gewohnheitsverbrecher in der Öffentlichkeit tragen mussten. Erwartungsvoll verfolgte der Sergeant, wie Hadrian die Binde über den Ärmel streifte. Er hatte Hadrian noch nicht wegen des Vortags bestraft. Kenton ließ sich Zeit; er würde dem Gouverneur den Vortritt lassen.

Nachdem Kenton ihn in Buchanans Büro abgeliefert hatte, schob der Gouverneur ihm wortlos eine dünne Zeitung über den Tisch. Die Kolonie hatte nicht genug Papier, um die Bürger mit eigenen Exemplaren zu versorgen. Dieses Privileg wurde nur hohen Beamten zuteil; alle anderen mussten sich mit den Aushangtafeln begnügen, die überall in der Kolonie standen.

Verärgert überflog Hadrian den ersten Artikel, dessen Schlagzeile den Selbstmord des legendären Wissenschaftlers und Ratsherrn Jonah Beck bekannt gab. Die Polizei sei wenige Augenblicke zu spät eingetroffen, um ihn wiederzubeleben, habe dann aber ein Feuer entdeckt, das tragischerweise an einer anderen Stelle des Gebäudes ausgebrochen sei. Dank des beherzten Eingreifens habe die Bibliothek und der Großteil des Buchbestands gerettet werden können. Gouverneur Buchanan habe den morgigen Tag zum offiziellen Trauertag erklärt. Am Mittag werde ein Staatsbegräbnis stattfinden.

Als Buchanan endlich aufblickte, ergriff Hadrian als Erster das Wort. »Du brauchst mich nicht. Du hast bereits alles geregelt. Jonah ist einer suizidalen Anwandlung erlegen. Du hast verfügt, dass das Feuer in keinem Zusammenhang damit stand. Hastings’ Leiche liegt inzwischen bestimmt in dreihundert Metern Tiefe auf dem Meeresgrund. Du hast das gemacht, was du am besten kannst, wenn die Realität dir zu viel wird. Du manipulierst die Wahrheit im Namen der öffentlichen Ordnung.«

Buchanan schwieg eine ganze Weile. Von draußen auf dem Flur waren leise Stimmen zu vernehmen. Hadrian drehte sich um und sah erschrocken, dass der Polizist am Empfangstisch abgelöst wurde und seine Pistole einem hochgewachsenen blonden Muskelmann aushändigte.

»Mein Gott!«, sagte Hadrian. »Du glaubst, du bist der Nächste.«

Buchanan stand auf. »Lassen Sie niemanden durch, Björn«, befahl er seinem neuen Wachposten und schloss die Tür.

»Du erzählst der Kolonie, Jonah habe sich das Leben genommen«, stellte Hadrian bedächtig fest und musterte den Gouverneur. Ihm fielen die Sorgenfalten rund um Buchanans Augen auf. »Aber insgeheim fürchtest du dich vor dem Mörder.«

Der Gouverneur stand am Fenster und schaute hinaus auf das Binnenmeer, das in der frischen Herbstbrise grau und aufgewühlt war. »Es sind unruhige Zeiten. Ich habe nicht all die Jahre überlebt, um mir jetzt eine Klinge zwischen die Rippen stoßen zu lassen.«

Hadrian überlegte fieberhaft. »Irgendetwas an Jonahs Tod ängstigt dich.« Auch das war eine Feststellung, keine Frage.

»Der Täter muss aufgehalten werden.«

»Du hast der Welt verkündet, dass es keinen Täter gibt. Also muss auch niemand aufgehalten werden. Wir haben in unserem Paradies auf Erden keine Morde.«

»Du kannst ihn aufhalten«, sagte Buchanan angespannt. »Du musst ihn aufhalten.«

»Sag mir, Lucas, wieso sollte ich das tun?«, fragte Hadrian.

Der Gouverneur fuhr herum. Hadrian rechnete halb damit, dass er sich quer über den Tisch auf ihn stürzen würde. Doch Buchanan hielt inne und atmete tief durch. »Ich gebe dir deine Freiheit zurück«, erwiderte er mit mühsam unterdrückter Wut. »Du wirst nicht verbannt.«

»In vier Tagen ist meine Strafe ohnehin verbüßt. Und wir wissen beide, dass du mich mit einem Federstrich jederzeit ins Exil befördern kannst.«

»Es wird vor dem Rat offiziell zu Protokoll gegeben. Keine Verbannung. Völlige Bewegungsfreiheit. Ein Ausdruck unseres Dankes für deine Hilfe während der Löscharbeiten.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt noch in deiner Kolonie leben möchte.«

Buchanans Blick bohrte sich in Hadrians Augen. »Du Hundesohn! Was willst du?«

»Meine Armbinde kommt runter. Hör auf, deine Slogans auf die Wände zu malen. Und dann die Brücke. Du hast Jonah versprochen, eine Brücke über die westliche Schlucht zu errichten.«

»Das geht zu weit! Ich lasse mir von dir nicht den Einsatz der öffentlichen Mittel diktieren.«

»Nach der Brücke muss der Bau einer Straße folgen. Dann Wagenladungen voller Getreide. Die Silos der Kolonie werden bald überquellen.«

»Lächerlich! Dieses Getreide ist unser Herzblut! Ohne es könnten wir nie und nimmer den Winter überstehen. Ich fordere den Rat ständig auf, die Anbaufläche zu vergrößern.«

»Die Ernte war so ertragreich wie noch nie.«

»Es gibt ja auch mehr hungrige Mäuler zu stopfen.«

Hadrian starrte ihn an. »Du hast nie vorgehabt, die Brücke zu bauen«, sagte er schließlich. »Du hast Jonah angelogen, um ihn zu beschwichtigen. Mein Großvater hat mir mal erzählt, dass es sich immer rächt, einen Toten belogen zu haben.«

»Es geht nicht. Die Bevölkerung wird es nicht zulassen. Du weißt doch, wie verhasst die Briketts sind.«

»Nur weil du es den Menschen eingeredet hast.« Hadrian stand auf, als wolle er gehen. »Ich kann warten, bis ich meine Strafe verbüßt habe. Dann verschwinde ich im Wald, und du darfst dich ab jetzt vor jedem Schatten fürchten. Ich frage mich, was die Leute wohl glauben werden, wenn sie dich plötzlich umgeben von Leibwächtern sehen, wo du ihnen doch schon versichert hast, dass Jonahs Tod bloß ein weiterer Selbstmord war.«

Buchanan verzog das Gesicht. Er musste sich eindeutig zwingen, ruhig zu bleiben. »Die Bibliothek braucht ein neues Dach.«

»Teil die Arbeiter auf. Ich werde jedenfalls nicht die Drecksarbeit für dich erledigen, solange nicht mit dem Bau der Brücke begonnen wurde. Jonah hat dir bereits Konstruktionszeichnungen vorgelegt. Zuerst kommen die Verankerungspfeiler auf unserer Seite der Schlucht …«

»Den Gouverneur zu erpressen bedeutet Hochverrat.«

»Ein solches Gesetz existiert nicht. Ich bin gespannt, wie du dem Rat erklären willst, weshalb du ausgerechnet jetzt eines benötigst.«

Die Erwähnung der Ratsversammlung schien Buchanan unangenehm zu sein. Sein Einfluss auf dieses höchste politische Gremium der Kolonie war bestenfalls dürftig. Nur drei der sieben Stimmen standen verlässlich auf seiner Seite, und der durch Jonahs Tod frei gewordene Sitz bedeutete einen zusätzlichen Unsicherheitsfaktor.

»Kehr ...

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