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Die Apokalypse nach Richard

Inhaltsübersicht

Richard, 23. 12., 6 Uhr 30

Die Offenbarung

Nick, 23. 12., vormittags

Der Aufbruch

Roman, 23. 12., vormittags

Die Kolumne

Richard, 23. 12., vormittags

Der Garten Eden

Nick, 23. 12., nachmittags

On the road

Bill, 23. 12., nachmittags

Die Hölle nach Bosch

Richard und Waltraud, 23. 12., nachmittags

Scrabble

Nick, 23. 12., später Nachmittag

Das blaue Meer

Richard, Waltraud, Nick 24. 12.

Vor dem Fest

Die Königs, Heiligabend

Die Apokalypse

 

Alle Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit sind zufällig, aber wahrscheinlich unvermeidbar.

Zum Teufel mit der Wirklichkeit.

(Matussek, Frühe Schriften, Bd. I)

Richard, 23. 12., 6 Uhr 30
Die Offenbarung

So viel wissen wir, und wir wissen einiges: Als Richard König am Tag vor Heiligabend erwachte, war ihm klar, und zwar schon bevor er die Augen aufschlug, dass sich ein Wunder ereignet hatte. Er konnte sehen! Er knipste das Licht an, schwang sich mit ungewohntem Elan auf – und er sah.

Er saß in seinem blaugestreiften Schlafanzug auf der Bettkante, die Haare nach oben gesträubt wie die Kopffedern eines seltenen Vogels. Er konnte die geschnitzten Lorbeerblätter am großen Bücherschrank erkennen, dunkle Eiche, stämmige Füße auf ausgreifenden Krallen, ja sogar einzelne Titel hinter den Glasscheiben konnte er entziffern, lange nicht gelesene, ein Tresor des Glaubens.

Merkwürdige Titel übrigens, die in unseren Tagen wie unbeachtetes Strandgut aus fernen Ländern, fernen Zeiten wirken müssen. Da waren die »Confessiones« des Augustinus, ein einziges Gottessehnen: »Unruhig ist mein Herz, bis es ruht in dir«, Thomas von Aquins »Summa« mit seiner Denkmusik, welche Schätze, Pascal mit seinen »Penseés«, der ihm der Liebste war in seiner intelligenten Frömmigkeit.

Geheimbotschaften für Eingeweihte, allenfalls.

Aber wie recht Pascal doch hatte. Gerade jetzt! Wie können sich die Menschen in den Banalitäten des Lebens verlieren, oder in Ehrgeiz, in Machtspielen oder den kurzen Lockrufen der Triebe davontreiben, wenn es doch um die Ewigkeit geht. Entweder das Nichts oder »die zürnende Hand Gottes«, das ist doch die Alternative.

Mit dem Bleistift hatte er solche Sätze vor Jahrzehnten herausgeholt durch seine Unterstreichungen, ach, und die einfachen Erinnerungen Romano Guardinis mit seiner Lebenssumme, dass der Mensch ohne Utopie nicht lebensfähig sei. Dann Martin Bubers Schriften in den Herder-Bänden, Dostojewskis russischer Christus-Roman »Der Idiot«, wie sehr er Russland liebte!

Der Apothekenschrank seines Lebens und seines Glaubens, was für Richard aufs Gleiche hinauslief.

An der Wand seines Schlafzimmers, das mit Nesseltapete ausgeschlagen war, hing der Picasso, der Junge mit der Taube, der auf ein angeschrägtes Brett aufgezogen war. Daneben Dürers betende Hände, die er in einem Souvenirladen am Petersdom erstanden hatte. Darunter das Ikonenkreuz von einem Basar am Schwarzen Meer. Pilgermitbringsel. Aber für Richard war das ganze Leben eine Pilgerreise.

Verschwunden war der milchige Nebel, in den ihn die Ermüdung und das Alter in diesen letzten Monaten getaucht hatten. Oder war es der graue Star? Durch die Einschränkung war er zu einem hörenden Menschen geworden. Nun aber konnte er wieder sehen, und das offenbar besser als zuvor.

Ein Wunder?

Kirchenrechtler würden jetzt Einwände anmelden. Es gab schließlich keine Zeugen. Auch die eindeutige Zuschreibung auf einen Heiligen ließ sich nicht vornehmen. Richard hatte, wie immer vor dem Einschlafen, den Rosenkranz gebetet, fromme Routine für ihn, nichts weiter. Er hatte von seiner Mutter geträumt, wieder einmal, von jenem Tag, als sie, schon im Sterben, ihre Hand auf ihn gelegt hatte. Er war zwölf, und an diesem Nachmittag – die jüngeren Geschwister spielten in Vaters Schneiderwerkstatt – hatte sie ihm das Versprechen abgenommen, Priester zu werden. Es war ein schöner Traum, denn er durfte sich auserwählt fühlen, vor allen anderen.

Seine Mutter. Für ihn war sie schon immer eine Heilige gewesen. Ob man ihr dieses Wunder zuschreiben konnte?

Richard hatte nie Probleme mit Wundern gehabt. Er lebte mit einem Bein in der Welt der Mysterien, Wunder gehörten für ihn zum Alltag. Für ihn konnte alles die Gestalt eines Wunders annehmen, jeder neue Tag war eines. Seine Frau Waltraud war eines. Gottes Schöpfung war ein Wunder, für das er in diesen letzten Jahren immer dankbarer wurde. Die Natur. Vielleicht erlebte er sie einfach intensiver. Die Bäume im Park. Musik.

Und Kinder. Besonders Kinder. Minutenlang konnte er im Park stehen bleiben, der auch noch Innocentia-, also Unschulds-Park hieß, und weltversunken und selbstvergessen Kinder beim Spiel betrachten, je kleiner, desto besser, und die kleinsten waren die, die dem Himmel am nächsten waren. Bisweilen beugte er sich in kurzsichtiger Verzückung über Kinderwagen, wobei ihm vor Rührung die Nase tropfte und die Hände zitterten, Vorboten der Parkinson-Erkrankung, die ihm zunehmend zu schaffen machte. Manche Mütter, die ihn nicht kannten, machte das so nervös, dass sie den Griff ihrer Bullys oder Topsys oder wie die neuesten Baby-Porsches auch hießen, fest umklammerten.

Beim Einkaufen in der Nachbarschaft mit Waltraud blieb er vor Restaurantscheiben stehen und schnitt Grimassen und lächelte in die kleinen Gesichter, die zurückstrahlten, bis ihn Waltraud mahnend rief. Ihr war das peinlich. Sie schimpfte ihn senil. Doch Richard betete nur, auf seine Art.

Da wir kurz vor Weihnachten stehen und im Folgenden von wunderbaren oder haarsträubenden Vorkommnissen berichten, müssen wir uns kurz mit Wundern beschäftigen. Von allen Wundern das größte – das stand nicht nur für Richard fest, sondern für rund eine Milliarde von Menschen – ist die Menschwerdung Gottes, und die, so die Idee, feiern wir in dieser Zeit.

Ob Richards wiedererlangte Weitsicht, um nicht zu sagen Hellsichtigkeit, so kurz vor Weihnachten, ein Wunder war, sozusagen ein kleines in der Nachbarschaft zum großen?

Von Wundern reden wir, wenn unser Verstand verlegen wird, was häufiger vorkommt, als wir es uns eingestehen möchten. Der Begriff »Wunder« ist ein strahlendes Brückenwort, das unsere Welt mit einer anderen verbindet. Es verknüpft das Profane mit dem Heiligen. Doch da es das Heilige in unserem Horizont nicht mehr gibt, steht das »Wunder« mit einem Bein in der Leere, in einer entvölkerten, kaum betretenen Region. Es ist ein wenig verkommen.

Heute bezeichnen wir als Wunder schlicht eine nicht erwartete Wendung zum Guten. (Die zum Schlechten nennen wir »Katastrophe«.) Also: Die Rettung der Bergleute nach Wochen war das »Wunder von Lengede«, der Sieg der deutschen Fußballmannschaft über die favorisierten Ungarn 1954 war das »Wunder von Bern«. Wir haben das Wunder abgegriffen zu einer Art Außenseiterwette. Vom Eingriff des Göttlichen würde bei uns kaum einer mehr reden.

Früher gehörten Wunder in den Alltag. Die Votivtafeln in Altötting mit den Fürbitten und Dankgebeten an die Heilige Jungfrau – für einen heil überstandenen Unfall beim Ackern, eine jäh kurierte Krankheit, die Heimkunft eines Verschollenen – sprechen von nichts anderem als von Wundern.

Zeichen und Wunder werden verlangt, wenn die Kirche einen besonders verdienstvollen Verstorbenen in die Riege der heiligen Vorbilder aufnehmen möchte. Wie es für Richard ohne Zweifel bei Papst Johannes Paul II . der Fall war. Für Richard ist der Pole ein Löwe des Glaubens gewesen. Er hatte den Kommunismus, das Reich der Gottlosigkeit, besiegt, sicher mit der Unterstützung von einigen tausend Werftarbeitern und später des ganzen polnischen Volkes. Aber dann hatte er sein Volk in die Freiheit geführt, eine gewaltige Moses-Figur. Um dann im Amt und Triumph des Sieges zu erleben, dachte Richard bitter, wie es dann doch wieder nur das Goldene Kalb umtanzte und wurde wie alle.

Aber mehr noch hatte der alte, an Parkinson leidende Pontifex die Herzen ergriffen, als er, an seinen goldenen Hirtenstab geklammert wie an eine rettende Planke, der Welt vorführte, wie unwichtig ihr vorüberziehendes Talmi ist, wenn es um das ewige Leben geht. »Freut euch«, hauchte er den Tausenden auf dem Petersplatz in seiner Todesstunde zu. Als er starb, verlangten die Gläubigen unten die sofortige Heiligsprechung mit den Rufen »Santo subito!«.

Doch da Heilige nicht per Akklamation geschaffen werden, müssen sie Wunder vollbracht haben, volksgläubige, sichtbare Votivtafelwunder. Auf Beweise oder Stützungen aus dem Bereich der Wissenschaften wollte die Kirche merkwürdigerweise nicht verzichten. Glaubensheroismus allein reichte ihr nicht.

Als sei der weltändernde Riss im Eisernen Vorhang kein Wunder gewesen, dachte sich Richard damals. Aus ihrer Verlegenheit half der vatikanischen Heiligsprechungskommission schließlich die Nonne Maria Simon- Pierre Normand, die genau zwei Monate nach dem Tod von Johannes Paul II ., nach inständigen Gebeten zu ihm von ihrem Parkinson-Leiden befreit wurde. Natürlich wurde die Nonne genauestens von der vatikanischen consulta medica befragt, Zeugen wurden gehört, die die Schwester vor und nach ihrer Heilung erlebt hatten, und nach eingehenden Konsultationen kamen die Ärzte zu dem Befund: Ein Wunder war geschehen.

Ob es also ein Wunder war, dass Richard an diesem Morgen plötzlich wieder sehen konnte, sei für den Moment dahingestellt, aber zweifelsfrei konnte er sehen.

Am Abend vorher hatte er noch Musik gehört und anschließend den »Tonio Kröger«. Dabei musste er immer wieder schmunzeln, denn der Schauspieler las mit durchaus ironischem Ton, besonders die Stelle, in der Ballettmeister François Knaak aus Hamburg seine albernen Sprünge demonstrierte. Richard war ein schlechter Tänzer, und heimlich verachtete er das Tanzen, wie Tonio Kröger es tat.

Seit das Fernsehen für ihn nicht mehr in Frage kam und auch das Lesen zu anstrengend wurde, ließ er sich vorlesen. Und es waren Spitzenkräfte, die über den Kassettenrekorder in sein Zimmer kamen, um ihm vorzutragen. Quadflieg oder Klaus Kammer, der sich in Kafkas »Bericht für eine Akademie« so wunderbar vom Affen zum Akademiker hustete und knurrte und röchelte. (Für Musik, die Goldberg-Variationen, die Krönungsmesse, seine geliebten Märsche und Operetten hatte er den Philips-Plattenspieler behalten, eine mächtige Truhe aus den 60er Jahren mit Plattenfach und goldgelber Bespannung über den Lautsprechern im unteren Teil.)

Das also war dem Wunder – nennen wir es der Einfachheit halber so – vorangegangen. Rosenkranz und Schlaf und Traumbilder, seine Mutter damals, 1939, auf ihrem hohen Bett, im Nachtrock, ganz in Weiß, die Haare offen, mit diesem Fieberglanz in den Augen. Einige seiner Geschwister nannten sie später durchaus liebevoll eine Hysterikerin, andere eine fromme Mystikerin, aber alle waren sich darin einig, dass sie eine wunderbare Vorleserin war. In den Schiller-Dramen, die sie vortrug, sprach sie alle Rollen, und sie sorgte für Spannung und Geist neben diesen aufgeregten Brüllereien aus dem Volksempfänger. Sie war für das Musische zuständig in dem armen Schneiderhaushalt. Durch sie hatten er und die sechs jüngeren Geschwister die Dramen Shakespeares kennengelernt und die tragische Geschichte des Rigoletto. Sie hatte ihm das Versprechen abgenommen, Priester zu werden. Doch das wollte er ohnehin.

War sie es also, die das Wunder vollbracht hatte? Käme sie für eine Heiligsprechung in Frage? Wenn es nach Richard ging: auf jeden Fall. Er fühlte sich ihr sein Leben lang verbunden.

An diesem Morgen aber war Richard vor allem erstaunt darüber, wie selbstverständlich sich die Unschärfe, in die sein Alltag in den letzten Jahren gerutscht war, schlagartig gelichtet hatte. Er ging festen Schrittes ins Bad, ohne ein einziges Mal anzustoßen, zog sich an und stand kurz darauf mit zugeknöpftem, schwerem anthrazitfarbenen Mantel in der Garderobe, um sich den Mayser-Hut aufzusetzen. Nie verließ er das Haus ohne Hut. Auf der Straße – es war noch dunkel – richtete er sich groß auf und sog die frische Winterluft in die Lungen. Er fühlte sich jung.

Er stand schlank und aufrechter als sonst. In der Schule hatte man ihn den »Langen« genannt. Erst die letzten Jahre hatten ihn gebeugt. Über seiner dünnen Gestalt hing der Mantel steif wie ein Panzer. So stemmte er sich gegen den Regen, der Wind fuhr in seine Hosenbeine und ließ sie flattern wie die Wimpel an den vertäuten Alster-Booten, die Kälte kroch ihm in den hageren Leib, doch er war Richard, der Kreuzfahrer, der sich von seinem Ziel, dem Heiligen Gral in der Kirche, nicht abbringen ließ. Das Blut Christi, jeden Morgen. Allerdings musste er auf seinen Hut aufpassen, er drückte ihn mit einer Hand auf den Kopf und ruderte mit dem anderen Arm.

Kleiner Kopf, mächtige Nase, er war die Adler-Figur, ungünstig für diesen Sturm, es sei denn, er würde fliegen können, wonach ihm an diesem Morgen zweifellos war. Doch eher würde er weggefegt werden wie eine Vogelscheuche auf dem leeren Acker des Glaubens.

Der Regen stand quer, der Wind blies, aber Richard nahm die Kälte nicht wahr. Er stemmte sich. Er wandte sich nach links ins Tortenviertel, das er so nannte wegen der weißen Gründerzeitvillen mit ihren stillen Vorgärten, die er im Moment eher ahnte, als sie wirklich zu sehen. Hellweiße Herrschaftshäuser mit Säulen und Giebeln und Hochterrassen. Hochzeitstorten, die das Schicksal (oder Erbe) ihren Besitzern zum Geschenk gemacht hatte, an dem sie nun ein Leben lang herumknabbern konnten.

Jetzt, in dieser Morgenstunde, lagen sie in schwarzen undeutlichen Umrissen wie eine Herde von Mammuts. Ja, nun erkannte er, dass die gewohnte Unschärfe in seine Welt zurückgekehrt war. Aber sie blieb, das spürte er, wunderoffen, als würde sich, sehr bald, Großes ereignen.

Vielleicht hatte er nach dem Aufstehen all die Dinge in seiner Wohnung nur deshalb so scharf wahrgenommen, weil sie sich seit Jahren an ihren gewohnten Orten befanden, die Bücher, die Bilder, die Kommode im Flur, der Kleiderhaken? Wenn er ein Wunder erlebt hatte, so war es sehr innerlich, aber es hatte seine Wirkung nicht verfehlt, er spürte, er war an diesem Morgen ein anderer. Nicht er – die Welt brauchte ein Wunder, mehr denn je.

Er fühlte sich frisch und wach wie lange nicht und war in jeder Hinsicht erwartungsvoll. Er lenkte seine Schritte die Straße hinauf, Richtung Kirche, zum Frühgottesdienst. Noch immer war es dunkel, jetzt um halb sieben, an diesem Samstag, dem 23. Dezember. Über die Häuser hinweg hörte er die Rufe der Budenbauer, die sich für den Wochenmarkt rüsteten. Radiofetzen, metallisches Krachen. Ein Wagen wurde angelassen.

Richard trippelte an dem kleinen Park vorbei, ein netter kleiner Park, sechs Straßen liefen auf ihn zu, darunter die Hochallee, die Parkallee, wundersame Namen wie Jungfrauenthal, seine Straße hieß simpel Oberstraße. Das war der kleinbürgerliche Müllermeierschulze unter den Straßennamen.

Die Limousinen standen vor den Einfahrten, viele Ringe und Sterne darunter, Autos wie solide geparkte Geldsäcke, dann und wann ein Geländewagen. Sein Enkel Nick nannte sie »Hausfrauenpanzer«. Wie mochte es ihm gehen, dem Jungen? Ab und zu, aber viel zu selten, rief er an.

Wenn Hamburg die Stadt der Pfeffersäcke war und die Hafen-City Hamburgs Kontor, dann war diese Gegend der bequeme Salon. Altes Geld, bürgerliche Behäbigkeit, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ. Die deutsche Wiedervereinigung, die ihn elektrisiert hatte – er war in Berlin aufgewachsen –, hatte hier nie stattgefunden. Sie war weit weg. Auf die ausgehungerten Brüder und Schwestern im Osten war hier keiner neugierig gewesen. Und eines Tages, ein paar Jahre später, hatte Roman mit Rita vor der Tür gestanden. Sie war aus Ostberlin und konnte Puschkins Gedichte rezitieren, die so voller sanfter Zungenschläge und rollender Konsonanten von der Liebe sprachen. Sie war so schön und so klug. Richard war vom ersten Moment an verliebt in sie gewesen. Und sie hieß Rita! So sollte die Tochter heißen, die Waltraud in sich trug, bis sich die Fehlgeburt ereignete. Ein Schmerz, der lange blieb. Natürlich hatte er mit Gott gehadert, wer hätte das nicht. Und nun war Rita die Tochter, die er nie haben sollte.

Das Tortenviertel war so etabliert, dass es sich nicht mehr regte, auch in religiösen Dingen war das Viertel nicht weiter auffällig, es war, wenn überhaupt, gepflegt kulturprotestantisch, nichts für flammende katholische Bekenntnisse, keine Himmelsstürmereien waren hier zu erwarten, sondern allenfalls eine milde Form der Philanthropie, die sich vorwiegend auf gediegenen Rotary-Club-Abenden oder mondänen Stiftungsbällen äußerte.

Richard war mit Waltraud hierher, an den Rand des Tortenviertels, nach seiner Pensionierung gezogen, von einer durchaus herrschaftlichen Beletage in Elbnähe in diese Etagenwohnung eines schmucklosen Baus aus den 50er Jahren gleich gegenüber den Hochhäusern der Grindelallee. Nebenan war der Frisiersalon »Erika« untergebracht, dahinter begann das Prekariat.

Gestrafft und wundersam verjüngt ging Richard an den schweigenden Villen vorbei. Überall dort lagen beruhigte und glücksverwöhnte Familien im Schlaf, in den Schränken ihrer geräumigen Villenflure stapelten sich Geschenkpakete in Weihnachtspapier, die in etwa dem entsprachen, was auf lustigen und bunten und ungelenk geschriebenen Wunschlisten beim Weihnachtsmann bestellt worden war. Die Fenster waren noch dunkel, doch in vielen leuchteten Weihnachtssterne in den dunklen Morgen.

Richard stemmte sich gegen den Sturm. Jeder Schritt wurde zum Aufbruch. Die Regengischt flog ihm ins Gesicht, schmerzhafte eisige Nadelstiche, aber was war das schon, dachte er sich, gegen die Strapazen, die der Mann aus Tarsus auf sich genommen hatte, der dreimal Schiffbruch erlitt. Weiter, weiter. Die Brille war von einem Regenfilm überzogen.

Man muss ihn festhalten, wie er kämpft.

Wir müssen ihn festhalten.

Er ist der Letzte seiner Art.

Plötzlich wurde es hell. Richard sah auf und blieb mit offenem Mund stehen. Im Osten zog sich ein weißer Riss über den Himmel, etwa so schmal und so lang wie ein Kondensstreifen. Doch das hier war anders. Es war eine Himmelserscheinung, ein Riss in den Wolken, ein Riss in der Schwärze der Nacht, und an den Rändern war er goldfarben. Ja, es stürmte, und der wolkenverhangene Himmel brach auf, und natürlich lag der Gedanke nahe, dass es sich hier, am Tag vor Heiligabend, um den Stern von Bethlehem handelte, zumindest um seinen Kometenschweif, und Richard erschrak überhaupt nicht, sondern er war von Hochstimmung erfüllt.

Es schien, als hätte er mit einer Lichterscheinung wie dieser gerechnet. Er sah die Balkone der Häuser, die Dächer, die schwarzen Baumskelette, die ihre knochigen Arme in die Höhe reckten, und dort unter den Bäumen – die dunkle Silhouette eines Mannes. Er trug einen Hut wie Richard.

Und dann, ebenso plötzlich, wie das Licht aufgeleuchtet hatte, verschwand die Erscheinung wieder. Die Sache hatte vielleicht zehn Sekunden gedauert. Richard kam es vor wie Stunden. Zweihundert Meter weiter konnte er die Umrisse der Kirche erkennen.

In einem Vorgarten sah er tatsächlich einen Rentierschlitten, verrückte amerikanische Mode, was hatten Rentiere mit Weihnachten zu tun, Kamele vielleicht, oder Ochs und Esel, aber Rentiere?

Die Kirche lag unscheinbar zwischen zwei Patrizierhäusern. Sie war eine typische Diaspora-Kirche, im schmucklosen Stil der 20er Jahre, Sandstein, neogotischer Fries. Überragt wurde sie von einem quadratischen Turm, der bescheiden zurückgesetzt war, als wolle er nicht weiter auffallen. Licht im Pfarrhaus. Erleuchtet das Bleiglasfenster mit der Frau mit den Rosen.

Ja, die schlichte Kirche passte zu ihrer Namenspatronin, der heiligen Elisabeth, die ihre ungarische Königinnenwürde abgestreift hatte, um sich den Armen zu widmen. Von ihr war, da wir bereits von Wundern redeten, das in Richards Augen schönste überliefert, nämlich dieses Rosenwunder: Obwohl der jungen und hilfsbereiten Königin von ihrer Schwiegermutter alle Samariterdienste für die Armen und die Kranken verboten worden waren, stahl sich Elisabeth dennoch heimlich aus der Wartburg, um die Bedürftigen unten im Tal mit Medizin und Brot zu versorgen. Eines Tages wurde sie von der Schwiegermutter gestellt und gefragt, was sie unter ihrer Schürze verborgen halte. »Rosen«, gab Elisabeth zurück. Daraufhin wurde sie aufgefordert, die Schürze zurückzuschlagen, und tatsächlich, die Brote in ihrem Korb hatten sich in Rosen verwandelt. Richard mochte die Geschichte, er war ein Romantiker.

Er zog die schwere Tür auf. Das Kirchenschiff lag groß und dunkel vor ihm, nur der Altarraum war in Licht getaucht. Als er den Gang hinauflief, um seinen Stammplatz einzunehmen, dritte Reihe, vorn rechts, mit Blick auf den schweren, bronzenen Tabernakel, in den das Relief des Auferstandenen wie eine ungelenke Kinderzeichnung eingefaltet war, konnte er sehen, dass die anderen Morgenbegleiter schon erschienen waren. Die Filipina Maria José, die keine Marienandacht ausließ. Der Küster Braacke, ein fusselbärtiger pensionierter Ingenieur, mit dem er die Liebe zur Gregorianik teilte, die in dieser Gemeinde selten befriedigt wurde.

Braacke hatte bereits die Karaffen mit Wasser und Wein auf die Altarkante gestellt. Links vorn hatte Dimitrios Kanistopoulos Platz genommen, der derzeit ohne Arbeit war und jeden Morgen ein Teelicht vor dem Marienaltar anzündete. Schließlich Professor Schäfer, weißhaarig und robust, ein Alkoholiker, der immer aufs Neue um seine Trockenheit kämpfte und der, wenn er auftauchte, so intensiv und mit geschlossenen Augen betete, als wolle er in seine Rettung hineinkriechen und sich dem Herrn zu Füßen werfen.

Sie waren eine verschworene Gemeinschaft, möglicherweise die letzten Gläubigen, versprengte Heilssucher, die es ebenso früh wie ihn in die Kirche trieb. Pfarrer Lohmann, selber weit über 80, las die Messe. Er lebte in der Pfarrgemeinschaft nebenan, schon lange pensioniert, auch der Hauptpfarrer war schon alt, der Glaube vertröpfelte hier sichtbar, und der Nachwuchs blieb aus. Längst hatte man die Kirchensteuer aufgehoben, sie war sinnlos geworden, da die Kirchenmitglieder wegstarben und die Austritte sich häuften. Nun gab es eine »Kulturabgabe«, die die Steuerzahler entweder Bädern oder Theatern oder eben Kirchen widmen konnten. Die Bäder gewannen. Den Rest besorgten die Kollekten. Die Kirchenaustritte waren dadurch schlagartig gestoppt worden, doch der Glaube in Deutschland starb, nach den jüngsten Umfragen wusste die überwiegende Mehrheit nicht mehr, was »Heiligabend« bedeutete.

In einem letzten Versuch, die dünner werdenden Landschaften des Glaubens gegen die steigende Flut des gottlosen Tingeltangels zu sichern, waren Gemeinden zusammengelegt und Pfarrgemeinschaften gegründet worden. Seine Gemeinde blieb Hauptgemeinde. Hauptpfarrer war Grünefelat, ein Mann mit sorgfältig gestutztem Bart, daneben gab es Bruder Paul aus Kerala, der sein Deutsch an den Evangelien erprobte. Richard nahm ihn in Schutz gegen die verwöhnten Gemeindemitglieder, die vorgaben, nichts zu verstehen. Ganz sicher hätte auch Jesus mit der deutschen Aussprache Probleme gehabt.

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