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Die Ärztin von Tsingtau

Informationen zum Buch

Eine Liebesgeschichte in den Wirren der Revolution

Im Jahre 1910 reist die junge Marie von Berlin nach Tsingtau, der Hauptstadt der deutschen Kolonie in China. Sie will die neue Heimat ihres Vaters kennenlernen, bevor sie eine Stelle als Ärztin antritt. Tsingtaus Gesellschaft ist glamourös, und Philipp von Heyden, ein Marinearchitekt, macht ihr den Hof. Doch der schöne Schein trügt. In China drohen Unruhen – Du Xündi, ein Revolutionär, öffnet Marie die Augen und erobert ihr Herz. Trotz Philipps Warnung gerät sie in einen gefährlichen Sog von Gewalt – und sie muss sich entscheiden, auf welcher Seite sie steht.

Ein Epos über eine Deutsche und das exotische China zu Beginn des 20. Jahrhunderts

 1. 

Das rhythmische Stampfen der Schiffsmaschinen, das sie in den Schlaf begleitet hatte, war auch das Erste, was Marie wahrnahm, als sie wieder erwachte. Fahles Morgenlicht drang durch das Bullauge der Kabine. Im Bruchteil eines Augenblicks war sie hellwach. Eine Welle nervöser Vorfreude durchflutete sie. In nur wenigen Stunden würde die lange Schiffsreise endlich zu Ende gehen. Fast sieben Wochen an Bord des Norddeutschen Lloyd-Dampfers »Lützow« auf dem schier endlosen Weg von Bremerhaven nach Tsingtau, der deutschen Kolonie in China. Heute würde sie endlich ihren Vater wieder sehen und sein Leben kennenlernen, in dem Land, das sie in ihrer Vorstellung mit sich herumgetragen hatte, seit er vor zehn Jahren dorthin versetzt worden war.

Zügig stand Marie auf und machte sich fertig. Seit Shanghai hatte sie die Kabine für sich allein, was das Leben auf den wenigen Quadratmetern angenehmer machte. Ihr braunes Reisekostüm und die hochgeschlossene weiße Bluse hatte sie schon am Abend vorher bereitgelegt, als sie ihre Koffer packte. Mit geübten Handgriffen steckte sie schließlich ihr langes braunes Haar hoch und heftete sich eine Gemme über den obersten Knopf ihrer Bluse. Einen Moment lang blieb sie vor dem Spiegel stehen, die Hand auf der Brosche. Sie war ein Erbstück von ihrer Mutter, die immer gehofft hatte, eines Tages gemeinsam mit ihrer Tochter auf diese Reise zu gehen. Doch dieser Traum war nicht in Erfüllung gegangen. Marie schob den melancholischen Gedanken beiseite, zog ihren Mantel an, nahm ihre Handschuhe und verließ die Kabine.

Das Deck war noch menschenleer. Marie trat an die Reling. Der Tag versprach gutes Herbstwetter, das Meer war ruhig, die Sicht klar. In der Ferne war deutlich die chinesische Küste zu erkennen. Ab und zu stieg Rauch auf, wahrscheinlich Siedlungen am Meer. Lange, weiße Sandstrände wechselten mit schroffen, dunklen Felsen ab, die im Hinterland zu Bergen emporwuchsen, deren Gipfel sich in Nebelschwaden hüllten. Geheimnisvoll lag das Land im ersten Morgenlicht.

»Sieht alles ganz friedlich aus, nicht wahr? Aber der Schein trügt.«

Erschrocken drehte Marie sich um. Sie hatte nicht bemerkt, dass jemand hinter sie getreten war. Paul Grill war wie sie in Bremerhaven als Passagier der zweiten Klasse an Bord gegangen. Er war etwas jünger als Marie, hatte häufig ihre Gesellschaft gesucht und viel über Tsingtau erzählt. Sein Onkel hatte in der Friedrichstraße ein Kaufhaus, wo Waren aus Deutschland an die Kolonisten und reiche Chinesen verkauft wurden. Eines der ersten Häuser am Platz, wie Paul immer wieder stolz betont hatte. Da sein Onkel keinen Sohn hatte, war er vor einigen Jahren nach Tsingtau geschickt worden, um dort seine Lehrjahre zu absolvieren und irgendwann einmal das Familienunternehmen zu übernehmen. Aber nachdem er einen schweren Anfall von Fleckfieber nur knapp überlebt hatte, war er in die Heimat zurückgeschickt worden, um sich völlig auszukurieren. Nun war er wieder auf dem Weg nach China, entschlossener denn je, dort eines Tages als Nachfolger seines Onkels reich zu werden.

»Wir können von Glück sagen, dass wir in Tsingtau unsere Truppen haben, die von den Schlitzaugen respektiert werden. Sonst würden sie uns fremden Teufeln bei nächster Gelegenheit nur zu gerne die Hälse durchschneiden. Beim Boxeraufstand vor zehn Jahren haben sie es versucht, ist ihnen aber schlecht bekommen.«

Er grinste verächtlich.

Kühl sah Marie ihn an. Die Art und Weise, wie er über Chinesen sprach, hatte sie von Anfang an irritiert. Außerdem hatte er ihre Gedanken gestört. Sie hätte gerne diese Augenblicke der Vorfreude allein genossen.

»Sie entschuldigen mich. Ich muss noch frühstücken und zu Ende packen.«

Sie drehte sich abrupt um und ließ den jungen Mann einfach stehen.

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Kaum eine Stunde später stand Marie landfertig in Hut, Mantel und Handschuhen wieder an der Reling und starrte auf die zerklüftete Küstenlinie. Auch die meisten anderen Passagiere hatten sich inzwischen an Deck eingefunden und beobachteten trotz der kühlen Herbstbrise erwartungsvoll, wie das Ziel ihrer Reise langsam näher kam. Neben Marie standen Gerlinde Zimmermann und deren Mutter Helene, beide in eleganter Reisekleidung nach letzter Pariser Mode. Sie waren Passagiere der ersten Klasse auf dem Heimweg in die Kolonie, wo der Ehemann von Helene Zimmermann und Vater von Gerlinde seit zehn Jahren eine Rechtsanwaltskanzlei betrieb. Gerlinde hatte sich unterwegs für Marie als Quell immerwährender Überraschung entpuppt. Sie war in China aufgewachsen, sprach fließend Chinesisch und schien wirklich alles über die Kolonie zu wissen. Als sie vom Kapitän einander vorgestellt worden waren, hatte Marie zu ihrer Überraschung erfahren, dass die beiden Damen ihren Vater kannten. Hafenbaumeister Hildebrand war ein angesehener Mann, und auf gesellschaftlichen Veranstaltungen in der Stadt lief man sich immer wieder über den Weg. Paul Grill jedoch wurde unterwegs von Helene Zimmermann ignoriert. Er gehörte eindeutig nicht zu den gesellschaftlichen Kreisen, mit denen sie zu verkehren gewillt war.

Plötzlich riss die Küstenlinie ab, und es schien, als ob sich ein riesiger See auftat, dessen Ufer sich weit ins Landesinnere zurückzog, so dass es nur noch schemenhaft in weiter Ferne zu sehen war.

»Gott sei Dank«, stieß Gerlinde begeistert aus. »Endlich die Bucht! Das ist die Bucht von Kiautschou – und am anderen Ende liegt Tsingtau. Jetzt dauert es nur noch eine gute Stunde. Sieh mal, da drüben. Kannst du die Küste sehen? Da ist es!«

Aufgeregt deutete sie auf den vor dem Bug liegenden Horizont. Helene Zimmermann zischte ihrer Tochter zu. »Gerlinde! Ich bitte dich! Du benimmst dich wie ein kleines Mädchen!«

»Ach, Mama! Ich freue mich einfach so, nach Hause zu kommen.«

Marie schien es, als sei Gerlinde fast selbst erschrocken über diesen spontanen Freudenausbruch. Das junge Mädchen schwieg einen Augenblick. Ihre Mutter musterte sie misstrauisch. Doch schon wandte sich Gerlinde wieder an Marie und fuhr begeistert fort.

»Marie, du kommst zur rechten Jahreszeit! Jetzt ist das beste Wetter, und im Herbst und Winter ist hier besonders viel los, eine Veranstaltung nach der anderen. In zwei Monaten ist Weihnachten. Dann wird alles schön geschmückt, und überall gibt es Weihnachtsfeiern! Und wenn das Wetter mitspielt, können wir mit meinem Vater einen Ausflug in den Laoshan machen und Ski laufen.«

»Laoshan?«

»So heißt das Gebirge bei Tsingtau«, erklärte Gerlinde wie selbstverständlich. »Dort ist es märchenhaft schön, und es gibt viel zu sehen. Tempel, Höhlen, sogar Wasserfälle.«

»Klingt ja sehr verlockend. Aber ehrlich gesagt, bin ich noch nie Ski gelaufen. Außerdem werde ich mich zunächst um meinen Vater kümmern müssen und mich dann erst ins Vergnügen stürzen.«

»Hier hat man doch Personal. Du musst dich um nichts kümmern, nur um dich selbst«, protestierte Gerlinde.

»Jetzt lass Fräulein Hildebrand doch erst einmal ankommen, dann sehen wir weiter. O Verzeihung, Fräulein Doktor Hildebrand«, fügte Helene Zimmermann mit einem spitzen Unterton hinzu. Marie spürte, dass Gerlindes Mutter ihr gegenüber Vorbehalte hatte. Ihr akademischer Titel und die Tatsache, dass sie einen Beruf hatte, lösten häufig Irritationen aus. Eine Frau als Ärztin? Manche Menschen behandelten sie wie ein fremdartiges Wesen, so als wüssten sie nicht, wie sie mit ihr umgehen sollten.

»Ich gehe wieder aufs Promenadendeck und nehme noch eine Tasse Tee bis zur Ankunft. Kommst du, Gerlinde?«

»Nein, Mama. Ich bleibe hier unten bei Marie. Wir können sie doch jetzt nicht ganz alleine lassen! Wer soll ihr denn alles erklären?«

Unwillig, in aller Öffentlichkeit weiter mit ihrer Tochter zu diskutieren, schritt Helene Zimmermann an einem salutierenden Matrosen vorbei die Treppe hinauf zum Deck der ersten Klasse.

Paul Grill, der in diesem Augenblick um die Ecke kam, blickte Helene Zimmermann mit einer Mischung aus Neid und Verachtung hinterher.

»Deine Mutter kann es wohl nicht ertragen, wenn sie jemand bei ihrer Ankunft auf dem Deck der zweiten Klasse sieht«, spottete er.

»Du bist ja nur neidisch, dass du nicht aufs Promenadendeck darfst«, entgegnete Gerlinde schnippisch.

»Eines Tages fahre ich auch nur noch erster Klasse«, gab Paul selbstbewusst zurück.

Gerlinde zupfte Marie leicht am Ärmel.

»Komm, wir müssen auf die andere Seite. Der Lotse ist gerade an Bord gekommen. Sie schießen gleich!«

»Sie schießen?« Marie sah Gerlinde verwundert an.

»Nicht auf uns! Das ist der Willkommenssalut! Jedes große Schiff wird so begrüßt«, belehrte Gerlinde sie geduldig. »Jetzt komm schon!«

Tatsächlich wechselten nun alle Passagiere von Backbord nach Steuerbord, da die »Lützow« ihren bisherigen Kurs parallel zur Küste langsam buchteinwärts änderte. Der nun vor dem Schiff liegende Landstrich wurde immer deutlicher. Eine zerklüftete Felsenspitze ragte weit ins Meer hinein. Auf ihr stand der Leuchtturm. Dahinter erhoben sich karge, nur spärlich bewachsene Hügel, auf denen erste Gebäude zu erkennen waren.

Ganz hinten am Horizont erstreckte sich ein Gebirgszug, dessen schneebedeckte Gipfel in der Sonne leuchteten.

»Sieh mal, da oben auf dem Hügel das riesige Haus, das ist das ›Schlösschen‹. Da wohnt der Gouverneur«, erläuterte Gerlinde.

Marie musste lachen. Das Gouverneurshaus ragte wie eine wuchtige Trutzburg zwischen niedrigen Bäumen empor. Trotz der Entfernung sah das Gebäude mit seinen Giebeldächern und dem Turmaufsatz an der einen Ecke plump und überdimensional aus.

»Du hast wirklich Glück, Marie. Solch klare Sicht haben wir hier eher selten. Hoffen wir, dass dies ein gutes Omen für deinen Aufenthalt ist.« Gerlinde strahlte sie an.

Wie zur Bestätigung dieser Aussage stieg plötzlich eine kleine Rauchwolke von der Felsenspitze im Meer auf, und im selben Augenblick donnerte auch schon der erste Salutschuss. Die an Deck stehenden Passagiere klatschten begeistert Beifall, die Herren winkten mit ihren Hüten der Salutbatterie auf den Felsen zu, von wo aus weitere Salven abgefeuert wurden. Nun kamen die mächtigen Hafenbefestigungen von Tsingtau in Sicht. Marie konnte sich des plötzlichen Gefühls von Stolz nicht erwehren. Das war also das Werk ihres Vaters. Unglaublich was hier geschaffen worden war. Wieder tauchte Paul Grill neben Marie auf. Als habe er ihre Gedanken gelesen, bemerkte er: »Schon eine tolle Leistung, der Hafen und die Stadt. Wenn man sich vorstellt, dass hier vor zwölf Jahren nichts als Wildnis war.«

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An der Uferbefestigung tat sich jetzt eine Durchfahrt auf, dahinter lag ein weitläufiges Hafenbecken. Ein schweres Holzschiff mit hohem Achterdeck und einem riesigen dunkelroten Segel steuerte majestätisch auf die Einfahrt zu.

»Das ist der Kleine Hafen«, erklärte Paul sachkundig. »Dort liegen die Torpedoboote und die Sampans und Dschunken, die chinesischen Transportschiffe. Die dürfen nicht in den Großen Hafen, der ist nur für große Kriegsschiffe und Passagierdampfer. Alles perfekt organisiert.«

Marie lächelte ihn an. »Mit deutscher Gründlichkeit.«

Er nickte stolz. »Genau.«

»Und da vorne ist die Einfahrt zum Großen Hafen«, mischte sich Gerlinde ein. »Wir legen an Mole II an.«

Im Anschluss an den Sampanhafen erstreckte sich eine Reihe von Lagerhallen und Schuppen am Ufer, dahinter lagen auf dem weitläufigen Gelände Fabrikhallen mit Schornsteinen und Bürogebäuden. Unzählige dunkel gekleidete Chinesen mit langem Haarzopf waren zwischen den Gebäuden an der Arbeit. Vor dem Schiff ragten zwei Molen in das riesige runde Hafenbecken. Beeindruckt registrierte Marie, wie modern die ganze Anlage war. Eisenbahnschienen führten bis zum Ende der langen Piers, so dass der Zu- und Abtransport von Kohle und Fracht mit Eisenbahnwaggons erfolgen konnte. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hafens lag die Werft mit einem riesigen Kran und einem Schwimmdock. Die »Lützow« steuerte langsam auf die zweite Mole zu. Dort stand eine bunte Ansammlung von Menschen, die dem Dampfer erwartungsvoll entgegenblickten. An Deck kam Bewegung in die Passagiere. Sie reckten die Hälse, winkten lachend und deuteten auf Freunde und Angehörige, die am Pier standen, um sie endlich in die Arme zu schließen. Etwas abseits entdeckte Marie eine Gruppe Soldaten in Formation, die gerade ihre Blasinstrumente ansetzte und als musikalischen Willkommensgruß »Alle Vöglein sind schon da« zum Schiff herüberschmetterte. Marie musste wieder lachen.

»Genau das richtige Lied für eine Ankunft in China«, rief sie Paul in dem allgemeinen Trubel zu.

»Das ist nicht China«, antwortete er brüsk. »Das ist Deutschland, deutsches Schutzgebiet. Hier haben die Chinesen nichts zu sagen.«

Für einen kurzen Moment ärgerte sich Marie wieder über Pauls Überheblichkeit. Doch irgendwie sah es hier wirklich aus wie in Deutschland. Die Form der Gebäude mit Fachwerk, spitzen Giebeln und roten Ziegeldächern, die ganze Hafenanlage. Schon auf den zweiten Blick aber waren Unterschiede festzustellen: Zwischen den Europäern standen überall Chinesen, die als Diener, Träger oder Rikschafahrer arbeiteten. Etwas abseits entdeckte Marie drei, in dunkelblaue lange Gewänder gekleidete, würdevoll aussehende Chinesen. Sie waren eindeutig keine Kulis, sondern warteten offensichtlich ebenfalls auf Ankömmlinge an Bord. Einer der drei Männer fiel Marie besonders auf, denn er trug statt der üblichen runden chinesischen Kappe einen Hut in westlichem Stil und überragte die anderen Chinesen fast um Haupteslänge.

Gerlinde deutete auf einen gut aussehenden Mann, der neben einem Automobil am Ufer stand. »Da ist mein Vater.«

Sie winkte heftig, Manfred Zimmermann grüßte lachend zurück.

»Automobile gibt es hier auch schon«, staunte Marie.

»Na ja. Nicht gerade das Verkehrsaufkommen von Berlin! Aber immerhin haben wir schon neun Stück davon in der Kolonie. Sieh doch, da ist dein Vater, Marie …«

Gerlinde zeigte auf zwei Männer in dunklen Marinemänteln.

Wolfgang Hildebrand wirkte sehr imposant. Er war von großer Statur, hatte graue Haare und einen Vollbart. Marie winkte ihm zu. Ihr Vater deutete ebenfalls in ihre Richtung und sprach kurz mit dem jungen Mann, der neben ihm stand.

»Und wer ist der Mann neben ihm?«, fragte Marie.

Gerlinde kniff die Augen zusammen und sah dann Marie erstaunt an.

»Alle Wetter! Das nenne ich das perfekte Empfangskomitee! Das ist Philipp von Heyden. Von ihm würde sich hier jede Frau gerne abholen lassen.«

Marie lachte. »Gut, dass deine Mutter das nicht gehört hat.«

»Was soll ich nicht gehört haben?«

Unbemerkt in all dem Trubel war Helene Zimmermann zurückgekehrt, um ihre Tochter abzuholen.

»Komm, Gerlinde, wir sollten uns bereit machen, von Bord zu gehen.«

Gerlinde reagierte nicht, sondern deutete aufgeregt auf die wartende Menge am Pier.

»Sieh doch, Mama, wen Maries Vater bei sich hat. Philipp von Heyden!«

Helene Zimmermann sah über die Reling und zog die Augenbrauen hoch. »Tatsächlich, das ist ja wirklich eine nette Überraschung.« Wie ausgewechselt wandte sie sich Marie zu. »Kommen Sie, Fräulein Hildebrand! Wir nehmen Sie mit zum Ausgang erster Klasse, dann müssen Sie nicht so lange warten.«

Gerlinde und Marie sahen sich erstaunt an und folgten Helene. Marie drehte sich noch einmal zu Paul Grill um und winkte ihm zu, bevor er vom Gedränge am Ausgang der zweiten Klasse verschluckt wurde.

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Gemeinsam schritten die drei Damen wenige Minuten später die leicht schwankende Gangway hinunter. Manfred Zimmermann umarmte seine Frau und seine Tochter herzlich.

Marie ging auf ihren Vater zu und blieb einen Moment lang unschlüssig vor ihm stehen. Auch er zögerte kurz, während er sie mit liebevollem Blick musterte. Dann zog Wolfgang Hildebrand seine Tochter an seine Brust und hielt sie einen Moment lang fest.

»Willkommen in Tsingtau, mein Kind.«

Er hielt sie mit ausgestreckten Armen von sich und musterte sie von Kopf bis Fuß.

»Du siehst deiner Mutter immer ähnlicher.«

Er stockte kurz. Marie konnte sehen, dass er Tränen in den Augen hatte, doch schnell gewann er wieder seine Fassung.

»Wie ich sehe, hat sich meine liebe Schwester Lottie gut um dich gekümmert. Marie, darf ich dir einen guten Freund von mir vorstellen? Das ist Philipp von Heyden, seines Zeichens Architekt, Leutnant der Marine, ein hochgeschätzter Kollege und ein teurer Freund.«

Philipp von Heyden trat vor und küsste Marie galant die Hand.

»Es ist mir eine große Freude und Ehre, Fräulein Dr. Hildebrand. Ihr Vater hat mir so viel über Sie erzählt.«

»O danke. Zu viel der Ehre. Ich hoffe, er hat Ihnen nicht all meine Jugendsünden verraten«, antwortete Marie, und alle lachten.

»Jugendsünden? Nach den Erzählungen Ihres Vaters sind Sie ein Muster an Tugend!«

»Oje. Wie langweilig das klingt! Vater, ich glaube, damit hast du mir keinen Gefallen getan.«

Philipp lachte laut, während Wolfgang Hildebrand eher verwirrt dreinsah. Marie musterte Philipp von Heyden unauffällig. Sie schätzte ihn auf Mitte bis Ende zwanzig, er wirkte aber reifer durch seine Uniform. Er war genauso groß wie ihr Vater, doch weitaus schlanker, mit blonden Haaren und blauen Augen, die ihr aus seinem leicht gebräunten, etwas kantigen Gesicht entgegenblitzten. In diesem Augenblick drehte sich Helene Zimmermann zu Wolfgang Hildebrand um und streckte ihm die Hand zum Handkuss entgegen.

»Lieber Kapitän Hildebrand, wie Sie sehen, haben wir Ihre Tochter an Bord unter unsere Fittiche genommen. Hallo, Philipp! Welche Überraschung.«

Während Wolfgang Hildebrand Herrn Zimmermann seine Tochter vorstellte, hauchte Philipp formvollendet einen Kuss auf Helene Zimmermanns Hand, die seine Begrüßung sichtlich genoss.

Philipp lächelte galant. »Ich hoffe, die Damen hatten eine angenehme Reise und blieben von Taifunen und Piraten verschont.«

Helene kicherte leicht affektiert und zog ihre Tochter näher zu sich und Philipp heran.

»Gerlinde freut sich ganz besonders, Sie wiederzusehen!«

Philipp küsste auch Gerlindes Hand. »Das ehrt mich natürlich sehr.« Er hielt Gerlindes Hand fest und sah sie prüfend an. »Ich muss gestehen, ich hätte dich kaum wiedererkannt. Darf ich überhaupt noch ›du‹ sagen? Was ein paar Monate in der Zivilisation Europas doch ausmachen können!«

Gerlinde lief unter seinem Blick rot an. Verstört warf sie ihrer Mutter einen wütenden Blick zu, aber Frau Zimmermann ignorierte die Irritation ihrer Tochter.

»Gerlinde ist während unseres Urlaubs in der Heimat achtzehn geworden. Wir planen aus diesem Anlass, demnächst ein kleines Fest zu geben. Wir rechnen fest mit Ihnen, Philipp. Und mit Ihnen und Ihrer Tochter natürlich auch, Kapitän Hildebrand.«

Die Gruppe setzte in leichtem, vertraulichem Plauderton das Gespräch fort, während man darauf wartete, dass das Gepäck von Bord gebracht wurde. Marie stand am Rande und fühlte sich mit einem Mal fremd in dieser eleganten, weltläufigen Gesellschaft. Ihr Blick schweifte über die Menschenmenge auf der Mole. Der Chinese mit dem Hut, der ihr von Deck aus aufgefallen war, stand mit seinen Begleitern nur wenige Meter von ihr entfernt am Fuß der Gangway der ersten Klasse und sah nach oben. Dort erschien jetzt eine chinesische Familie. Ein Mann in einem westlichen Anzug, Mantel und Hut, gefolgt von einer einfach gekleideten Frau, offensichtlich eine Dienerin, die einen kleinen Jungen an der Hand führte. Zwei weitere Diener stützten eine Chinesin, die unter Schwierigkeiten die Gangway hinuntertrippelte. Marie sah, dass sie winzige Füße hatte, das chinesische Schönheitsideal, von dem überall zu hören war. Entsetzt registrierte Marie, dass die Frau durch die eingebundenen Füße deutlich behindert war. Am oberen Ende der Gangway tauchte jetzt ein kleines chinesisches Mädchen auf, das angesichts des schwankenden Abstiegs verängstigt in Tränen ausbrach. Die Frau wandte den Kopf und rief ihr in barschem Tonfall etwas zu, worauf das Mädchen nur noch heftiger weinte, während alle anderen Familienmitglieder unbeeindruckt weitergingen. Der Mann mit dem Hut begrüßte das Ehepaar mit einer höflichen Verbeugung, wandte seinen Blick aber sofort wieder dem weinenden Mädchen zu, das immer noch oben an Deck stand. Er zögerte einen Augenblick, ging schließlich zu dem Matrosen, der vor der Gangway Wache stand, und wechselte einige Worte mit ihm. Der Matrose nickte und ließ ihn passieren. Oben angekommen nahm er das kleine Mädchen auf den Arm, trug es hinunter, setzte es behutsam auf festen Boden, nahm seinen Hut ab und flüsterte dem weinenden Kind einige beruhigende Worte zu.

Marie beobachtete die Szene lächelnd. Als hätte das Mädchen ihren Blick gespürt, sah es plötzlich zu Marie auf, hörte auf zu weinen und erwiderte scheu ihr Lächeln. Der Blick des Mannes folgte ihm. Für einen Moment sahen Marie und der Chinese sich an. Er war jung, hatte ein feines Gesicht mit hohen Backenknochen. Wie üblich war sein vorderer Kopf rasiert, seine Haare waren zu einem Zopf am Hinterkopf verflochten. Seine dunklen Augen musterten sie eindringlich. Ein Lächeln überflog sein Gesicht.

»Fräulein Hildebrand, könnten Sie mir bitte Ihren Gepäckschein geben.«

Philipp von Heydens Stimme riss Marie aus ihrer Versunkenheit.

Verwirrt sah sie zu Philipp, der sie freundlich anlächelte. »Wir können bald abfahren, die Gepäckträger kommen jetzt von Bord.«

Bevor sich Marie wieder der Gruppe um ihren Vater und Zimmermanns zuwandte, drehte sie sich noch einmal zu dem kleinen Mädchen und dem Mann um, doch diese waren schon mit dem Rest der Familie in der Menge verschwunden.

Familie Zimmermann verabschiedete sich und stieg in ihr schweres Automobil. Die chinesischen Kulis starrten das motorisierte Ungetüm fassungslos an und gingen nur langsam aus dem Weg, als könnten sie nicht begreifen, dass es sich von alleine bewegte. Manfred Zimmermann saß konzentriert am Steuer, Gerlinde winkte, während ihre Mutter den Hafenbaumeister und seine Gruppe zum Abschied nochmals mit einem huldvollen Nicken und einem freundlichen Lächeln bedachte. Hildebrand wandte sich seiner Tochter zu.

»Du hattest Glück, die Damen Zimmermann schon an Bord kennengelernt zu haben. Das ist das beste Entree, das man sich für hier wünschen kann.«

»Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Frau Zimmermann wirklich so angetan von mir ist.«

»Ach, gut erzogene junge Damen sind überall willkommen, nicht wahr?«, schmunzelte ihr Vater.

Philipp grinste. »Ich würde sagen, bei dem Männerüberschuss in der Kolonie sind alle jungen Damen willkommen, auch wenn sie nicht so gut erzogen sind.«

Marie musste lachen.

Wolfgang Hildebrand schüttelte den Kopf. »Marie, nimm dich in Acht vor seinem zynischen Mundwerk. Los jetzt!«

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Philipp dirigierte den Gepäckträger zu einer zweispännigen Kutsche. Ihr Vater deutete auf den Chinesen, der beim Verladen der Koffer half.

»Das ist Xiao Li, unser Mafu, der Pferdeknecht.«

Der Junge verbeugte sich linkisch mit einem freundlichen Grinsen. Sein Gesicht wirkte kindlich, aber es fehlten ihm bereits mehrere Zähne. Marie nickte ihm freundlich zu.

Auf der Fahrt in die Stadt saß Wolfgang Hildebrand neben seiner Tochter und erklärte ihr, was es zu sehen gab. Philipp von Heyden saß den beiden gegenüber. Obwohl sie es vermied, ihn anzusehen, spürte Marie deutlich, wie er sie musterte. Die Straße verließ den Hafen durch das Zolltor und stieg leicht an. Rechts und links lagen vereinzelte, typisch deutsch aussehende Wohnhäuser. Nach einer Unterführung, über die die Eisenbahnlinie verlief, bog die Straße ab.

»Hier sind wir jetzt in Dabaodao, der Chinesenstadt. Die Europäerstadt liegt weiter unten in der Bucht.«

Marie sah ihren Vater verwundert an.

»Chinesenstadt und Europäerstadt? Ist das getrennt?«

»Ja, natürlich. Die Chinesen haben doch ganz andere Lebensgewohnheiten als wir. So kommt man sich nicht in die Quere, das ist doch das Beste für alle. Die Chinesenstadt wurde natürlich auch nach deutschen Bauvorschriften gebaut. Aber wir respektieren ihre stilistischen Wünsche.«

Tatsächlich hatte sich die Atmosphäre der Umgebung nun deutlich verändert. Auf beiden Seiten reihten sich zwei- und dreigeschossige Häuser in chinesischem Stil aus hellgrauen Ziegeln aneinander. Auf Straßenebene waren Geschäfte und Werkstätten untergebracht, wie Schilder mit chinesischen Schriftzeichen und nur ab und zu mit deutscher Beschriftung verrieten. Die Obergeschosse der Geschäftshäuser dienten als Wohnräume. Aus manchen Fenstern ragten lange Bambusstangen, an denen Wäschestücke aufgefädelt hingen, so dass sie nicht heruntergeweht werden konnten. Ein kluges System, das Marie gefiel.

Auf der Straße herrschte reger Verkehr. Rikschas und Transportkarren wurden geschoben und gezogen, aber im Vergleich zu dem Gewühl, das Marie in Hongkong und Shanghai erlebt hatte, ging es hier eher beschaulich zu. Auf den Bürgersteigen flanierten chinesische Passanten in dicken wattierten Gewändern. Viele blickten neugierig auf die Kutsche. Auffällig war, dass es keine Bettler gab.

»Die Chinesen kommen hierher, um zu arbeiten. Sie können hier weit mehr Geld verdienen als im eigenen Land. Wer beim Betteln erwischt wird, wird ausgewiesen. Wir brauchen hier Arbeiter und keine Rumtreiber.«

Wolfgang Hildebrand deutete auf die Straßenlampen und referierte unbeirrt weiter. »Und wie du siehst, ist die Stadt voll elektrifiziert, und ein Großteil der Häuser der Kolonie ist an die Kanalisation und die Wasserleitung angeschlossen. Das ist einzigartig in diesem Teil der Welt. Sogar der chinesische Kaiserhof schickt Beamte her, um unsere Anlagen zu studieren.«

»Da spricht ganz der stolze Baumeister.« Marie lachte. »Aber du hast recht, es ist wirklich eindrucksvoll.«

Philipp von Heyden erhob Einspruch. »Wolfgang, glaubst du wirklich, dass all diese technischen Details eine junge Dame interessieren?«

Marie traute ihren Ohren nicht. Empört schüttelte sie den Kopf und holte Luft. Doch Wolfgang Hildebrand kam ihrem Protest zuvor. »Mein lieber Philipp, hier sitzt eine promovierte Ärztin in unserer Kutsche. Ich bitte doch um etwas mehr Respekt vor ihrem wissenschaftlichen Verständnis.«

Marie sah belustigt von Philipp von Heyden zu ihrem Vater. Genauso hatte sie ihn in Erinnerung. Er hasste jede Form von Konfrontation, war immer auf Ausgleich bedacht. Er versuchte die Wogen zu glätten, bevor Maries Temperament, an das er sich offensichtlich noch gut erinnerte, mit ihr durchging.

Philipp grinste Marie schuldbewusst an. »Asche auf mein Haupt. Tut mir leid, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Trotz aller modernen Technik sind wir eben doch etwas provinziell. Damen mit akademischen Weihen sind hier eine bisher unbekannte Spezies. Das ist alles noch etwas ungewohnt für mich.«

Marie konterte süffisant. »Wie sagte schon Dante: Nur wer bereut, dem wird verziehen.«

Wolfgang Hildebrand lachte laut auf. »Na, das kann ja heiter werden.«

Marie genoss die Fahrt durch diese neue, unbekannte Welt an der Seite ihres Vaters. Alles wirkte so ordentlich wie in Deutschland, aber reizvoll ergänzt durch chinesische Geschäftshäuser, die prunkvoll verziert mit bunt bemalten Säulen oder verschnörkelten goldenen Gittern beeindruckten.

Plötzlich jedoch musste der Mafu die Droschke abrupt zum Stehen bringen. Eine große Menschenmenge drängte sich um ein Pferdegespann auf der Straße und blockierte den Weg. Wütende Stimmen waren zu hören, dann die durchdringenden Töne einer Trillerpfeife und scharfe Kommandorufe. Wolfgang Hildebrand runzelte die Stirn. Zwei gefesselte Chinesen wurden von uniformierten chinesischen Polizisten auf den Wagen gehievt. Sie waren offensichtlich bewusstlos, denn sie blieben reglos liegen. Ein deutscher Wachtmeister blies hektisch in seine Trillerpfeife, ein zweiter kletterte auf den Wagen und trieb die Pferde an. Da die Straße nicht sehr breit war, rollte das Polizeigefährt nahe an Hildebrands Kutsche vorbei. Erschrocken bemerkte Marie, dass einer der Delinquenten am Kopf blutete. Beide hatten Verletzungen, als wären sie zusammengeschlagen worden.

Der Mafu rief den Schaulustigen etwas zu. Als einer von ihnen antwortete, brach sofort wieder wütender Protest aus. Die Polizisten gebrauchten ihre Schlagstöcke, um die aufgebrachte Menge auseinanderzutreiben.

Marie sah Philipp und ihren Vater beunruhigt an. »Was war da los?«

Philipp wechselte einige Worte auf Chinesisch mit dem Mafu.

»Er sagt, das waren wahrscheinlich Aufrührer.«

»Aufrührer?«

»Ja, Revolutionäre. In China brodelt es heftig. Es gibt mehr und mehr Stimmen, die zum Sturz der Kaiserdynastie aufrufen!«

Wolfgang Hildebrand hob abwehrend die Hand. »Jetzt keine Politik. Ich will mir diesen schönen Tag nicht verderben lassen. Marie, es tut mir leid, dass du das mit ansehen musstest. Du kannst aber gewiss sein, dass hier keine Gefahr besteht. Unsere Truppen haben alles im Griff. Genug davon!«

Marie war erschrocken über diesen rüden Tonfall. »Und was passiert mit diesen Männern?«

Hildebrand sah sie kühl an. »Sie werden an die chinesischen Behörden übergeben und dann wahrscheinlich wegen Landesverrat verurteilt.«

Er untermalte seine Aussage mit der Bewegung seiner flachen Hand am Hals entlang. Die brutale Sachlichkeit, mit der ihr Vater das Todesurteil der Männer vorhersagte, irritierte Marie. Sie sah zu Philipp, der ihrem Blick auswich. Nach wenigen Augenblicken des Schweigens räusperte sich Hildebrand und setzte launig seine Stadtführung fort, als sei nichts vorgefallen.

»Hier sind wir jetzt in der Shandongstraße, der wichtigsten Geschäftsstraße der Stadt. Weiter unten im europäischen Teil heißt sie dann Friedrichstraße.«

Stattliche deutsche Geschäfts- und Kontorhäuser lösten die Gebäude im chinesischen Stil ab. Die Straße führte nun leicht bergab. An ihrem unteren Ende konnte man das Meer sehen. Die Kutsche gewann an Geschwindigkeit. Geschäftshäuser aller Art zogen vorbei: Buchladen Paul Lindner, Iltisbrunnen – Bureau und Lager, Jardine & Matheson – Passagier- & Frachtdienst, Paul Hinrich – Uniformschneiderei und Herrenmoden, Shanghai & Co. Importeure, Deutsch-Chinesische Druckerei und Verlagsanstalt Walter Schmitt, Kaufhaus Max Grill.

»Ach, hier ist das Kaufhaus Max Grill. Ich habe den Neffen von Herrn Grill auf dem Schiff kennengelernt.«

»Ist der Junge also wieder ganz gesund? Er hatte wirklich Glück«, murmelte Wolfgang Hildebrand.

»Er hat mir erzählt, dass er beinahe an Fleckfieber gestorben wäre.«

Ihr Vater nickte. »Ja, leider. Ansteckende Krankheiten sind hier ein großes Problem. Die Chinesen schleppen alles Mögliche ein. Es kann wirklich jeden erwischen.«

Als wolle er auch diesen unangenehmen Gedanken sofort wieder beiseiteschieben, fuhr Wolfgang Hildebrand fort: »Gleich sind wir zu Hause, und dann gibt’s Mittagessen.«

Die Kutsche fuhr inzwischen einen Hügel hinauf durch Nebenstraßen mit hübschen Villen. Treppen, Bögen, Türmchen und Fachwerk waren hier beliebte Stilmittel. Marie hatte das Gefühl, in einer deutschen Kleinstadt gelandet zu sein, mit properen Häusern in gepflegten Gärten hinter Gartenzäunen und ordentlich geschnittenen Hecken. Nur der Gedanke an die todgeweihten Revolutionäre störte dieses Bild.

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Schließlich bog der Landauer in den Hof eines ansehnlichen Wohnhauses in der Tirpitzstraße ein. Sofort öffnete sich die Haustür, und eine attraktive, etwas dralle Frau mittleren Alters kam mit ausgebreiteten Armen lächelnd die Treppe herunter.

»Marie, das ist Adele Luther, eine gute Freundin. Sie hat sich bereit erklärt, zur Feier deiner Ankunft ein deutsches Festessen zu kochen, damit du dich gleich wie zu Hause fühlst.«

Adele Luther umarmte Marie. »Willkommen in Tsingtau. Ich gestehe, das Festessen war nur ein Vorwand, um Sie so bald wie möglich kennenzulernen, Marie. Ich darf doch Marie sagen, oder? Bitte nennen Sie mich Adele! Ihr Vater hat mir schon so viel von Ihnen erzählt. Wie schön, dass Sie seiner Einladung gefolgt sind. Ich bin wirklich beeindruckt. Sie sind die erste Ärztin, die mir begegnet.«

Hinter ihr war ein älterer Chinese aus dem Haus gekommen.

Wolfgang Hildebrand legte die Hand auf den Arm seiner Tochter.

»Ich muss mal kurz unterbrechen. Fritz, das ist meine Tochter Marie und ab heute die Dame des Hauses.«

Der Mann starrte sie einen Augenblick neugierig an. Dann legte er vor dem Gesicht die Hände übereinander, schüttelte sie, verbeugte sich lächelnd und sagte auf Deutsch: »Willkommen in Tsingtau, Missy.«

»Marie, das ist Fritz, der Boy, die gute Seele meines Haushaltes.«

Marie begrüßte ihn und sah ihren Vater verwundert an. »Fritz? Das klingt ja nicht gerade wie ein chinesischer Name!«

Wolfgang Hildebrand schüttelte den Kopf. »Ich kann mir seinen chinesischen Namen einfach nicht merken. Li irgendwas. Ich finde, Fritz ist ein durchaus ehrenwerter Name für einen Diener in einem deutschen Haus. Außerdem ist er stolz auf seinen ausländischen Namen. Jetzt kommt endlich rein, es wird kühl.«

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Marinebaurat Hildebrands Heim war wie die meisten Häuser, die Marie unterwegs gesehen hatte, ein dreistöckiges Einfamilienhaus gehobenen deutschen Standards mit allen Errungenschaften modernen Lebens. Von einem holzgetäfelten Treppenhaus gelangte man in die großzügigen Wohnräume im Erdgeschoss, mit Ess-, Wohn- und Herrenzimmer. Alle Räume waren durch Schiebetüren verbunden. Ein offener Kamin, eingefasst mit geschmackvollen Jugendstilfliesen, bildete das Herzstück des gemütlichen Wohnzimmers.

Neben der Garderobe in der Halle lag eine moderne Toilette mit Wasserspülung, hinter der Treppe führte eine Tür in den Küchentrakt.

Nichts deutete darauf hin, dass dieses Haus auf chinesischem Boden stand, außer den Dienstboten, die inzwischen in der Halle Aufstellung genommen hatten.

Fritz stellte Marie den Koch Lao Shu, den Kochboy Xiao Shu und den Gärtner Pang vor.

Marie staunte. »Fünf Dienstboten! Du lebst hier ja wie der Kaiser von China, Vater.«

Hildebrand winkte ab. »Es gibt sogar noch mehr, die allerdings nicht ständig hier arbeiten. Den Waschboy und einen Nachtwächter teile ich mir mit den Nachbarn. Ich finde es auch übertrieben, aber so funktioniert das hier eben.«

Mit kurzen Kommandos scheuchte Fritz alle Dienstboten wieder an die Arbeit. Wolfgang Hildebrand fuhr fort. »Da wir schon beim Thema Personal sind, gleich ein paar wichtige Dinge. Die Chinesen unter sich haben eine strenge Hierarchie, nicht jeder macht alles. Daraus folgt auch gleich die wichtigste Regel im Umgang mit den Bediensteten, um deren Einhaltung ich dich unter allen Umständen bitten muss, Marie. Der einzige Ansprechpartner für uns ist Fritz. Er ist der Majordomus, der die Befehle an die anderen Bediensteten weitergibt. Wir dürfen auf keinen Fall direkt mit den anderen sprechen, sonst verliert er sein Gesicht und kündigt. Er arbeitet seit zehn Jahren für mich, und ich möchte ihn ungern missen. Außerdem sprechen die anderen kein Deutsch.« »Aber jetzt stoßen wir erst mal auf deine gesunde Ankunft an«, verkündete Wolfgang Hildebrand. Im Wohnzimmer standen Gläser und ein Sektkübel mit einer eisgekühlten Flasche bereit. Hildebrand ließ den Korken knallen und schenkte ein. Marie staunte, als sie das Etikett sah. »Mumm! Und das am anderen Ende der Welt!«

»In Tsingtau findet man praktisch alles, was das Herz begehrt«, bemerkte Philipp von Heyden hintergründig lächelnd, und alle stießen an.

Zum Mittagessen gab es Suppe, Rouladen mit Salzkartoffeln und Rotkohl und zum Nachtisch Vanillepudding.

Marie war ein wenig enttäuscht. »Kocht man hier immer deutsch?«

Wolfgang Hildebrand schüttelte bekümmert den Kopf. »Ehrlich gesagt, esse ich bisher ganz selten zu Hause. Wenn hier überhaupt gekocht wird, gibt es chinesisches Essen, denn der Koch kann nichts anderes. Heute ist eine Ausnahme, da Adele eingesprungen ist und für uns dieses Festmahl bereitet hat.« Er lächelte Adele über den Tisch an. »Wenn’s nach mir ginge, würde ich zu Hause öfter gerne mal deftige deutsche Küche essen, aber ich kann dem Koch ja keine deutschen Kochrezepte beibringen. Und Adele hat keine Zeit. Vielleicht kannst du dich ja dieser Aufgabe annehmen?«

Als er Maries überraschten Gesichtsausdruck bemerkte, mischte sich Philipp von Heyden ein. »Erst betonst du das wissenschaftliche Verständnis deiner promovierten Tochter, und nun schickst du sie in die Küche? Ich dachte, sie sollte sich hier erholen und etwas ausspannen nach dem anstrengenden Examen?«

»Ein wenig sinnvolle Beschäftigung hat noch niemandem geschadet«, brummte Hildebrand.

Marie hob beschwichtigend die Hände. »Danke für Ihre Schützenhilfe, Philipp, aber ich glaube nicht, dass ich mir dabei einen Zacken aus der Krone brechen werde.«

»Es ist auch wirklich kein Problem, die Chinesen lernen schnell«, mischte sich Adele Luther ein. »Das Allerwichtigste ist nur, dass Sie der Hygiene wegen das Fleisch beim deutschen Metzger einkaufen.«

»Es gibt hier einen deutschen Metzger?«

»Sie werden lachen. Wir haben einen chinesischen Metzger, der in Berlin gelernt hat. Er spricht mit echt Berliner Schnauze. Er ist eine lokale Berühmtheit. Und wir haben einen Schlachthof, auf dem das Fleisch untersucht wird. In der Chinesenstadt wird ungestempeltes Fleisch billig verkauft. Das kann lebensgefährlich werden. Deshalb ist es besser, Sie kaufen Fleisch selbst ein oder kontrollieren die Einkäufe des Personals, damit Sie auf Nummer sicher gehen. Kleine Nebenverdienste mit dem Haushaltsgeld sind hier sehr beliebt«, führte Adele Luther weiter aus.

Marie bemerkte, wie ihr Vater und Philipp einen vielsagenden Blick wechselten und belustigt die Mundwinkel verzogen. Marie sah fragend von einem zum anderen.

Adele lachte. »Und schon sind wir wieder beim Lieblingsthema der deutschen Hausfrauen – dem chinesischen Personal. Ein schwerwiegendes Thema, das wir vielleicht ein anderes Mal weiterdiskutieren sollten.«

Wolfgang Hildebrand lächelte. »Da wäre ich dir dankbar. Aber im Ernst, Marie. Wenn du Fragen wegen des Haushalts haben solltest, wende dich an Adele. Sie hat jahrelange Erfahrung.«

»Nach dieser ausführlichen Einführung in die Pflichten einer deutschen Hausfrau würde ich mich gerne als gelegentlicher Begleiter für die unterhaltsameren Zeiten Ihres Aufenthaltes anbieten, die Sie hoffentlich nicht in der Küche verbringen werden«, warf Philipp von Heyden ein. »Darf ich Sie gleich für kommenden Mittwochabend zu einem kleinen Souper und Konzert einladen?«

Bevor Marie reagieren konnte, kam ihr Vater ihr zuvor. »Eine prima Idee. Ich bin Mittwochabend im Schützenverein. Auf mich musst du also keine Rücksicht nehmen.«

Marie lächelte. »Das klingt ja wie ein abgekartetes Spiel! Aber vielen Dank. Ich komme gerne mit.«

Nach dem Kaffee wurde die Tafel aufgehoben.

Fürsorglich ermahnte Wolfgang Hildebrand seine Tochter, sich nach der aufregenden Ankunft etwas auszuruhen. Adele Luther und Philipp von Heyden verabschiedeten sich. Adele umarmte Marie. Philipp von Heyden küsste Marie die Hand und lächelte sie dabei herausfordernd an.

»Ich hoffe, Sie werden Ihren Aufenthalt hier genießen und viele interessante Begegnungen haben.«

»Es hat ja schon sehr vielversprechend angefangen.«

Trenner

Als Marie wieder die Treppe herunterkam, schlug die Standuhr im Wohnzimmer fünfmal. Draußen war es bereits dunkel. Ihr Vater saß am Schreibtisch. Er ergriff eine Tischglocke und läutete. Sofort erschien Fritz.

»Tee bitte.«

Fritz deutete eine Verbeugung an und verschwand, um wenig später mit einem Tablett zurückzukehren. Marie schenkte Tee ein. Für einige Augenblicke herrschte Schweigen. Sie merkte, dass ihr Vater nach Worten suchte.

»Ich glaube, ich brauche was Stärkeres.«

Er stand auf und holte eine Flasche Cognac aus einem Vitrinenschrank. Er hob sein Glas.

»Nochmals herzlich willkommen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue, dich endlich bei mir zu haben.«

Er nahm einen tiefen Schluck. Marie spürte deutlich seine Anspannung. Es war das erste Mal nach acht langen Jahren, dass sie und ihr Vater wieder alleine waren. Jahre in verschiedenen Welten und voller schwerer Erfahrungen. Bei ihrer letzten Begegnung war Marie fünfzehn Jahre alt gewesen, fast noch ein Kind, und ihre Mutter hatte noch gelebt.

Wolfgang Hildebrand räusperte sich. »Lass mich dir sagen, dass ich für die Art und Weise, mit der du die letzten Jahre gemeistert hast, größten Respekt empfinde. Ich bin stolz auf dich. Als es deiner Mutter immer schlechter ging und ich hier einfach nicht weg konnte, bin ich fast verzweifelt. Lottie hat mir geschrieben, wie aufopfernd du dich um Emmy gekümmert hast.«

Er rang sichtlich nach Worten und Fassung.

»Als sie dann starb und ich viel zu weit weg war, um an ihrer Beerdigung teilnehmen zu können, wollte ich dich hierher holen, aber dann kam dein Brief, in dem du schriebst, dass du studieren wolltest. Es erschien mir der beste Weg für dich, mit der Vergangenheit fertig zu werden.«

Er beugte sich zu ihr hinüber und nahm ihre Hand.

»Marie, es tut mir so leid, dass ich nicht für dich da war, als du mich gebraucht hast.«

Marie sah ihren Vater betroffen an. Mit einem solchen Gefühlsausbruch hatte sie nicht gerechnet, da seine Briefe immer eher distanziert geklungen hatten.

»Ich danke dir für diese Worte. Ich gebe zu, dass ich mich manchmal etwas allein gelassen fühlte, aber ich habe verstanden, dass diese Aufgabe hier die Erfüllung deines Lebenstraumes ist. Und es konnte ja auch niemand ahnen, dass sich Mutters Zustand so verschlechtern würde. Sie hat immer gehofft, eines Tages ihren Platz an deiner Seite hier einnehmen zu können. Mir war klar, dass du nicht nach Deutschland kommen konntest, um ihr zu helfen. Was hättest du auch tun können? Ich habe mir mit meinem Studium meinen Lebenstraum erfüllt oder zumindest den Grundstein dazu gelegt. Ich möchte etwas tun können, wenn Menschen krank sind und nicht einfach dabeisitzen und warten, bis sie sterben. Ich muss mich bei dir bedanken, dass du mich unterstützt hast. Vielleicht bestand ja in all dem, was passiert ist, doch ein Sinn.«

Marie stand auf, ging zu ihrem Vater und umarmte ihn. Einen Augenblick lang herrschte Schweigen, dann richtete sie sich auf und ging hinaus, um sich unbemerkt die Tränen vom Gesicht zu wischen und auch ihrem Vater die Möglichkeit zu geben, wieder die Fassung zu gewinnen.

 2. 

Der nächste Morgen kündete einen klaren Spätherbsttag an. Beim Sonntagsfrühstück erklärte Wolfgang Hildebrand gut gelaunt, dass er angesichts des Kaiserwetters nach dem Gottesdienst eine Stadtbesichtigung mit anschließendem Mittagessen im Strandhotel vorschlagen würde. Es war offensichtlich, dass ihr gestriges Gespräch den Druck von seiner Seele genommen hatte.

Marie war überrascht von dem Vorschlag, in die Kirche zu gehen. Sie hatte ihren Vater nicht als regelmäßigen Gottesdienstbesucher in Erinnerung.

»Na ja, schließlich haben wir erst vor zwei Wochen unsere neue Kirche eingeweiht. Früher wurde der Gottesdienst in einer Militärbaracke abgehalten. Zumindest hin und wieder muss man sich dort blicken lassen, das gehört hier zum guten Ton.« Er langte über den Tisch und nahm ihre Hand. »Und außerdem muss ich gestehen, dass mir heute wie selten der Sinn danach steht.«

Gerührt blickte Marie ihn an.

»Und das ist eine gute Gelegenheit, mein Fräulein Tochter allen zu zeigen«, fügte er zufrieden hinzu. »Ich glaube, du wirst die Sensation der Saison.«

Marie zog die Augenbrauen hoch. »Übertreibst du jetzt nicht etwas?«

»Keineswegs. Schließlich landet hier nicht jeden Tag eine hübsche junge Dame, die einen Universitätsabschluss in Medizin hat. Da haben die Leute endlich mal einen vernünftigen Gesprächsstoff.«

»Werden Frau Luther und Herr von Heyden auch in der Kirche sein?«

»Philipp wohl eher nicht. Ich glaube, er trainiert für die Herbstjagd am nächsten Wochenende. Aber Adele wird sicher da sein.«

»Sie ist eine wirklich sympathische Frau. Kennt ihr euch schon lange?«

Wolfgang schwieg einen Augenblick, als suche er nach Worten.

»Das ist eine traurige Geschichte. Ihr Mann war Oberstleutnant beim III. Seebataillon und ein guter Freund von mir. Die beiden haben mir damals sehr beigestanden, als deine Mutter starb.« Er schluckte. »Adele und Friedrich waren sehr glücklich miteinander. Bis zu diesem Herrenausflug zum Laoshan vor drei Jahren. Auf dem Rückweg verunglückten wir mit dem Automobil. Es fuhr in einen Graben. Friedrich wurde hinausgeschleudert und brach sich das Genick.«

Marie sah ihn entsetzt an. »Wir? Warst du dabei?«

»Ja, leider. Und obwohl ich nicht der Fahrer und schon gar nicht der Besitzer des Wagens war, mache ich mir bis heute Vorwürfe. Wir hatten etwas getrunken. Als der Älteste in der Gruppe hätte ich zur Vernunft aufrufen sollen.« Er sah Marie traurig an. »Adele … Frau Luther meisterte die ganze tragische Situation mit bewundernswerter Haltung. Jeder erwartete, dass sie zurück in die Heimat gehen würde, zumal ihr Sohn gerade Abitur gemacht hatte und anfing, in Kiel zu studieren. Doch sie entschloss sich, den Traum, den sie und ihr Mann gehegt hatten, auch alleine zu verwirklichen: Sie investierte ihre ganzen Ersparnisse und eröffnete eine Pension. Heute ist die Pension Luther eine feste Institution in der Stadt. Es gibt eine Menge Leute, die über einen längeren Zeitraum hier sind, die aber keine Wohnung nehmen wollen und denen das Leben im Hotel zu teuer ist. Für sie ist die Pension Luther der ideale Ort. Ich habe noch niemanden getroffen, der sich bei Adele Luther nicht wohl gefühlt hat.«

»Ja, das kann ich mir gut vorstellen.«

Gerade als Marie ihn nun nach Philipp fragen wollte, kam Fritz herein.

»Die Kutsche ist bereit.«

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Der Mafu steuerte die Kutsche durch fast menschenleere Straßen. An einigen Straßenecken warteten Rikschakulis auf Kundschaft, sonst war kaum jemand zu sehen. Schließlich öffnete sich ein großer freier Platz mit einer runden Grünanlage in der Mitte. Zur Rechten zog sich eine Prachtstraße hinab bis zum Meer. Die dem Berg zugewandte Seite des Platzes wurde durch ein riesiges Gebäude begrenzt, auf das Hildebrand deutete.

»Hier ist das Gouvernementgebäude, der Amtssitz des Gouverneurs.«

Eine breite Repräsentationstreppe führte zum Haupteingang des zweistöckigen Baus. Riesige Fenster im Obergeschoss darüber ließen auf eine große Empfangs- oder Festhalle schließen. Rechts und links davon schloss je ein langer Flügel an, begrenzt durch einen vorspringenden Eckbau. Ein rotes Schindeldach mit schweren Giebeln und unzähligen Dachfenstern krönte den Koloss.

Marie fühlte sich an Berlin erinnert. Allerdings wirkte dieses Gebäude hier noch wuchtiger als vergleichbare Bauten in der deutschen Hauptstadt.

»Das sieht ja ziemlich eindrucksvoll aus«, urteilte sie spontan.

Ihr Vater nickte. »Genau diesen Effekt wollte man erreichen. Schließlich wird hier das Deutsche Kaiserreich repräsentiert.«

»Ich gestehe, ich finde es etwas übertrieben im Verhältnis zum Rest der Stadt«, erwiderte Marie.

Ihr Vater schüttelte den Kopf. »Du darfst nicht vergessen, dass alles hier innerhalb von nur zehn Jahren entstanden ist. Wir stehen erst ganz am Anfang und haben noch viel vor. Die Stadt ist ja lange noch nicht fertig.«

Die Kutsche rollte über den Platz in die gegenüberliegende Straße, die nun leicht bergan führte. Linker Hand lagen etwas erhöht am Hang eine Reihe von großen Villen mit aufwendiger Fachwerkverzierung, Giebeln, Veranden und Türmchen.

»Das ist der Diederichweg«, erklärte Wolfgang Hildebrand. »Hier wohnt die Hautevolee.«

»Höre ich da einen Hauch von Zynismus?«

Ihr Vater verzog spöttisch das Gesicht. »Wo denkst du hin? Hier gibt es nur wichtige Leute, aber manche sind eben besonders wichtig, und die leben hier.« Er grinste. »Aber keine üble Nachrede am heiligen Sonntag.«

Vor ihnen tauchte auf einer kleinen Anhöhe die Christuskirche auf. Die Kutsche fuhr die steile Straße hinauf zum Kirchhof. Auf halbem Weg holten sie zwei Rikschas ein, die von zwei keuchenden Kulis den Berg hinaufgezogen wurden.

Marie war außer sich.

»Das nenne ich christliche Nächstenliebe! Und dann noch auf dem Weg zur Kirche.«

»Bitte, Marie, mäßige dich. Wenn dich jemand hört! Die Kulis verdienen gutes Geld.«

»Sie hätten sicher nicht viel weniger verdient, wenn die beiden Herrschaften unten am Berg ausgestiegen wären«, gab sie erzürnt zurück.

Da die Straße zu eng war, konnte der Mafu nicht überholen, und sie mussten langsam hinter den Rikschas hertrotten. Vom Kirchhügel aus hatte man einen wunderschönen Ausblick auf die sonnenüberflutete Bucht und das Meer mit kleinen vorgelagerten Inseln. Dieser Anblick lenkte Marie von ihrem Ärger ab. Auf dem Kirchhof herrschte bereits reger Betrieb. Verschiedene kleinere und größere Kutschen parkten in einer Ecke, die Mafus saßen geduldig auf dem Bock. Grüppchen gut gekleideter Damen und Herren im Sonntagsstaat oder in Uniform standen plaudernd auf dem Hof. Marie erkannte einige Passagiere wieder, die gestern mit der »Lützow« angekommen waren. Alle Kirchenbesucher waren ausnahmslos Europäer.

Das Ensemble der neu eröffneten Christuskirche in modernem Jugendstil mit einem Turm und kleinen Anbauten war in Ockergelb gehalten, das in der Sonne warm und freundlich erstrahlte.

Die Ostfassade, auf die man vom Kirchhof blickte, wirkte relativ schlicht mit zwei Eingängen rechts und links und einem runden Fenster in der oberen Mitte des Giebeldreiecks. An verschiedenen Stellen der Fassade waren unregelmäßig verteilt schmale, schießschartenartige Fenster eingefügt. Als Verzierung hatte man in den Sockel des Haupttraktes und des Kirchturmes sowie in die Türumrandungen grobe, vorspringende Granitblöcke eingelassen, die dem modernen Bau eine Anmutung von Wehrhaftigkeit verliehen.

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Mit seiner Tochter am Arm steuerte Wolfgang Hildebrand auf eine Gruppe zu, deren Kreis sich vor ihnen öffnete.

»Guten Morgen allerseits! Was für ein besonders schöner Sonntagmorgen«, verkündete er aufgeräumt. »Darf ich Ihnen meine Tochter Marie vorstellen, die gestern angekommen ist. Marie, das sind Frau Ohlmer und ihr Mann, Seezolldirektor Ohlmer, Herr und Frau Seiters, Im- und Export in großem Stile, Oberrichter Seibold und Frau Zimmermann. Herrn Zimmermann und ihre Tochter Gerlinde kennst du ja schon.«

Man begrüßte sich freundlich, aber förmlich. Schon im ersten Moment war Marie Gerlindes strenger Gesichtsausdruck aufgefallen. Als sie Gerlinde die Hand gab, reagierte diese verhalten und sah sie nur kurz an. Von ihrer üblichen Fröhlichkeit war nichts zu spüren. Marie wusste sofort, dass irgendetwas vorgefallen sein musste, doch gleichzeitig fühlte sie instinktiv, dass dies der falsche Augenblick war, danach zu fragen. Deshalb reagierte sie so unbeschwert wie möglich.

»Ich freue mich, endlich in Tsingtau zu sein und Sie alle kennenzulernen!«

Seezolldirektor Ohlmer sprach Marie geradezu euphorisch an. »Fräulein Dr. Hildebrand! Ich möchte Ihnen im Namen aller hier unsere herzlichsten Glückwünsche und unsere Bewunderung für Ihre Promotion ausdrücken. Sehr beachtlich für eine junge Dame!«

Die anderen stimmten ihm zu. Marie registrierte, dass rundherum die Leute sich umdrehten und sie neugierig anstarrten.

Ihr Vater blickte stolz auf sie hinunter. »Genau! Und deshalb werde ich sie während ihres Aufenthaltes hier nach Strich und Faden verwöhnen. Das hat sie wirklich verdient.«

Marie sah ihn dankbar an.

»Was soll denn das heißen? Während Ihres Aufenthaltes?«, fragte Frau Ohlmer. »Wollen Sie denn bald wieder abreisen?«

Marie zögerte. »Das wird noch eine Weile dauern. Ich habe eine Stelle als Internistin an der Charité in Berlin bekommen, die ich im September nächsten Jahres antreten werde. Das ist eine Chance, die ich mir nicht nehmen lassen kann.«

Sofort spürte Marie es wieder. Ihre Zuhörer versteiften sich. Niemand schien zu wissen, wie er auf diese undamenhafte, professionell sachliche Antwort reagieren sollte. Es herrschte einen Moment lang verlegenes Schweigen.

»Ach, wie schade«, antwortete Frau Ohlmer. »Na, vielleicht überlegen Sie es sich ja doch noch anders.«

Da übertönte lautes Motorengeräusch die Plaudereien der Kirchenbesucher. Ein großes Automobil fuhr langsam auf den Hof.

»Vornehme Leute kommen immer zu spät«, flüsterte Wolfgang Hildebrand seiner Tochter zu. »Das ist seine Exzellenz Gouverneur Truppel mit Familie.«

Wie auf Stichwort ertönte in diesem Moment aus der Kirche Orgelmusik.

»Na, dann wollen wir mal«, sagte Wolfgang Hildebrand. »Pfarrer Winter wird wohl schon ungeduldig!«

Er bot Marie wieder seinen Arm an und folgte den Gemeindemitgliedern, die hinter dem Gouverneurspaar in die Kirche drängten.

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Nach dem Gottesdienst und der persönlichen Verabschiedung mit Handschlag von Pfarrer Winter am Kirchenportal fand sich die Gemeinde wieder in Grüppchen auf dem Kirchhof ein. Nur Familie Zimmermann stieg in ihr Automobil und fuhr davon, ohne an den offenbar üblichen Sonntagsplaudereien auf dem Kirchhof teilzunehmen. Das Gouverneurspaar stand mit einigen Herren in Uniform und eleganten Damen beisammen und schien sich prächtig zu unterhalten.

»Muss man den Gouverneur nicht begrüßen?«, fragte Marie.

»Nein, das läuft hier an der Kirche immer recht ungezwungen ab. Er gibt Zeichen, wenn er jemanden sprechen will, sonst lassen wir ihn in Ruhe. Er kann ja schließlich nicht jeden Sonntag Hunderten von Menschen die Hand drücken.«

Da drängte sich Paul Grill, gefolgt von einem dicklichen Ehepaar, durch die Menge und stellte Marie und ihrem Vater seinen Onkel Max und seine Tante Gertrude Grill vor. Marie begrüßte die beiden herzlich, doch Wolfgang Hildebrand drängte zum Aufbruch. Paul Grill sah ihnen enttäuscht nach, als die beiden sich gleich wieder verabschiedeten und zu ihrer Kutsche gingen. Wolfgang Hildebrand grüßte mit einem Nicken zu Adele Luther hinüber, die mit zwei Damen zusammenstand und zurücknickte.

»Wollen wir nicht hingehen?«, frage Marie erstaunt.

»Nein, wir halten bewusst in der Öffentlichkeit Distanz. Man soll dem Geschwätz der Leute nicht noch Vorschub leisten.«

Als die Kutsche durch das Tor zum Kirchhof rollte, meinte Marie lachend: »Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass du es besonders eilig hattest, hier wegzukommen.«

»Da kannst du recht haben«, brummte ihr Vater. »Mir geht dieses ewige Getratsche ziemlich auf die Nerven. Genug geredet für heute. Jetzt wollen wir etwas erleben.«

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Die Fahrt ging am Gouvernementgebäude vorbei auf der prächtigen Wilhelmstraße mit ihren imposanten Villen zum Meer hinunter. Unterwegs zeigte Wolfgang Hildebrand seiner Tochter die Villa Zimmermann, ein riesiges wunderschönes Haus in elegantem Jugendstil, das die ganze Straße beherrschte. Am Meer stieß die Wilhelmstraße auf die befestigte Uferpromenade am Strand.

»Hier sind wir am Kaiser-Wilhelm-Ufer«, erklärte Wolfgang Hildebrand. »Das ist unsere Vorzeigemeile. Laut Stadtplanung sind hier nur repräsentative Bauten vorgesehen, wie das Prinz-Heinrich-Hotel, die Deutsch-Asiatische Bank, das Seezollamt und weiter hinten der Neubau des Tsingtau Clubs.«

»Also im Prinzip so etwas wie der Bund in Shanghai?«

Erst vor einigen Tagen hatte Marie die imposante Uferstraße in Shanghai bewundert, die zum Wahrzeichen der Stadt geworden war.

Wolfgang Hildebrand quittierte diesen waghalsigen Vergleich mit entschlossenem Gesichtsausdruck. »So in etwa.«

An der Ecke zur Wilhelmstraße lag das Hotel Prinz Heinrich.

»Das erste Haus am Platze mit einem großen Festsaal. Hier finden alle wichtigen Veranstaltungen statt«, führte Hildebrand weiter aus.

Das Hotel blickte nach Osten auf die wunderschöne Bucht. Seine Fassade war im Parterre und Obergeschoss durch Veranden mit blau-weiß gestreiften Markisen aufgelockert, die die Leichtigkeit eines freundlichen Seehotels vermittelten. Schräg gegenüber vom Hotel ragte eine lange Seebrücke weit in die Bucht hinein, auf der Spaziergänger die Herbstsonne genossen.

»Das ist die ehemalige Landungsbrücke der Kolonie. Früher wurden von hier aus die Passagiere mit kleinen Booten zu den großen Ozeandampfern eingeschifft. Heute landen sie direkt im Großen Hafen, und hier legen nur noch Ausflugsdampfer an.«

Die Kutsche bog links ab und fuhr an der Uferpromenade entlang. Das Meer war fast spiegelglatt. Eine kleine Insel lag nicht weit vom Ufer in der Bucht.

»Das ist die Insel Arkona.«

»Ausflugsdampfer, Insel Arkona, Hotels mit Seeblick. Irgendwie komme ich mir hier vor wie in einem der Kaiserbäder an der Ostsee.« Marie lachte.

»Das ist genau die Absicht! Unser hochgeschätzter Dr. Zimmermann ist gerade dabei, einen Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs zu gründen, der vom Gouvernement und allen wichtigen Geschäftsleuten der Stadt unterstützt wird. Tsingtau hat inzwischen einen guten Ruf als Badeort in China, die Leute kommen sogar aus Hongkong und Shanghai hierher zur Sommerfrische.«

Marie schüttelte den Kopf. »Eine erstaunliche Entwicklung für einen Marinestützpunkt.«

»Irgendwann muss sich diese Stadt ja auch rechnen. Fremdenverkehr ist ein Wirtschaftsfaktor der Zukunft. Inzwischen kann man mit der Bahn in zwölf Tagen von Berlin nach Peking fahren … Und abgesehen davon versuchen wir eben, es uns hier so schön wie möglich zu machen.«

In diesem Augenblick entdeckte Marie an der Uferpromenade einen kleinen, von einer roten Mauer umgebenen Tempel.

»Wie wunderbar! Ein Tempel. Ich dachte schon, es gäbe hier überhaupt keine chinesischen Gebäude in der Stadt.«

»Es gibt auch nur noch diesen Tempel und die Reste des Yamens, der ehemaligen Residenz des chinesischen Bezirkskommandanten. Das Dorf, das hier in der Bucht lag, wurde abgerissen, als man die Stadt neu anlegte.«

»Kann man den Tempel besichtigen?«

Ihr Vater winkte ab. »Heb dir das für einen anderen Tag auf. Vielleicht findest du einen kompetenteren Führer als mich. Am besten fragst du Philipp. Ich verstehe nichts von chinesischen Götzen und Tempeln. Ich weiß nur, dass er der Meeresgöttin geweiht sein soll.«

Etwas enttäuscht registrierte Marie, dass sich ihr Vater wenig für chinesische Kultur interessierte. Aber sie konnte ja wirklich jederzeit allein hierher kommen und die malerische Anlage besichtigen.

Die Straße verlief zunächst weiter am Meer entlang und führte dann einen kleinen felsigen Hügel hinauf. An der höchsten Stelle bot sich Marie ein atemberaubender Ausblick: Vor ihnen lag eine weitere Bucht mit einem kilometerlangen breiten Sandstrand. Hier sah es wirklich aus wie in einem der Kaiserbäder an der Ostsee. Den oberen Teil des weißen Sandstrandes säumten blaue und rote Badebuden, dahinter schloss sich ein Grünstreifen mit Büschen und Bäumen an, aus denen zwei Musikpavillons ragten. In der Mitte lag ein großes Hotel mit einem Turm und Veranden auf mehreren Etagen. Den Hügel oberhalb der Bucht zierten prächtige Villen.

Wolfgang Hildebrand ließ die Kutsche anhalten, damit Marie den Blick genießen konnte.

»Und hier sind wir in der Viktoria-Auguste-Bucht mit dem Villenviertel und dem Badestrand. Und mittendrin das berühmte Strandhotel, wo wir gleich Mittag essen werden.«

Fassungslos schüttelte Marie den Kopf. »Ich weiß nicht, was ich mir genau unter einer deutschen Kolonie in China vorgestellt habe, aber bestimmt nicht so etwas!«

Ihr Vater lachte und bedeutete dem Mafu weiterzufahren.

»Weiter geht’s. Ich bekomme langsam Hunger.«

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Der Speisesaal des Strandhotels war ein heller, lichtdurchfluteter Raum mit weiß gedeckten Tischen, die durch geschickt positionierte Palmen in Blumentöpfchen aus chinesischem Porzellan voneinander abgetrennt wurden. Es herrschte eine angenehme Atmosphäre mit gedämpft geführten Gesprächen, Geschirrgeklapper und Gläsergeklirr. Der deutsche Oberkellner begrüßte Marie und ihren Vater und führte sie zu einem Tisch am Fenster, von dem man eine schöne Aussicht auf den Strand hatte. Marie spürte, wie zahlreiche Augen ihnen folgten. Das Restaurant war gut besucht. Elegante Damen und Herren saßen plaudernd an den Tischen. Marie konnte deutsche, englische und russische Sprachfetzen ausmachen. Abgesehen von den chinesischen Hilfskellnern waren alle Anwesenden Europäer. Die Speisekarte offerierte gehobene europäische Küche, von Rinderkonsommé oder Schildkrötensuppe bis Forelle Müllerin oder Lammkoteletts. Wolfgang Hildebrand sah Maries enttäuschten Gesichtsausdruck.

»Auf der letzten Seite gibt es orientalische Genüsse«, sagte er schmunzelnd über seine Speisekarte hinweg.

Marie sah ihn dankbar an. »Gott sei Dank! Es fällt mir schwer, zu verstehen, dass man ans andere Ende der Welt zieht, nur um dort genau das Gleiche zu essen und zu trinken wie zu Hause.«

»Na, warte mal, bis du länger hier bist, dann weißt du warum.«

In diesem Moment schien es Marie, als ob die Gespräche im Saal mit einem Mal verstummten. Sie blickte auf.

Am Eingang standen vier Chinesen. Drei von ihnen trugen lange Roben aus dunklem, edel bedrucktem Stoff. Der vierte, mit einem westlichen Anzug bekleidete Mann war gestern an Bord der »Lützow« angekommen. Der Oberkellner steuerte diensteifrig auf sie zu und verbeugte sich.

An seinem Hut erkannte Marie den jungen Chinesen, der ihr gestern am Pier bereits aufgefallen war. Sie hörte, wie er mit dem Kellner Deutsch sprach, und gleich darauf wurden die vier Männer zu einem etwas abseits gelegenen Tisch geführt, verfolgt von vielen skeptischen Blicken.

Marie kicherte leise. »Unfassbar, wie neugierig hier alle sind. Erst hat man uns genau beäugt, und nun werden diese vier Chinesen angestarrt, als kämen sie vom Mond.«

»Darf ich dich darauf aufmerksam machen, dass du die Gruppe ebenso neugierig angesehen hast wie alle anderen.«

Marie schnaubte protestierend. »Ich darf das! Schließlich bin ich neu hier und hab noch nicht so viel Erfahrung mit Chinesen in vornehmen Restaurants.«

»Wir auch nicht«, murmelte Wolfgang Hildebrand. »An diese neuartigen Entwicklungen müssen wir uns hier auch erst gewöhnen.«

Für einen Moment war Marie verblüfft. Sie beobachtete, wie der Kellner mit einem großen Messingtopf zurückkehrte und ihn unauffällig unter den Tisch schob.

Wolfgang Hildebrand war ihrem Blick gefolgt.

»Was soll der Topf?«, flüsterte Marie.

»Unsere chinesischen Mitbewohner haben noch die eine oder andere problematische Angewohnheit. Hast du draußen das Schild gesehen, auf dem stand ›Bitte nicht spucken‹?«

Marie nickte.

»Nun ja, du wirst sicher bald verstehen, was ich meine.«

Marie verzog ungläubig das Gesicht.

»Ich hoffe aber in deinem Interesse, es bleibt uns heute erspart, denn es ist ganz nebenbei auch kein schönes Geräusch«, fügte ihr Vater noch hinzu und widmete sich weiter seiner Speisekarte.

»Weißt du, wer sie sind?«, fragte Marie.

Wolfgang Hildebrand nickte unmerklich. »Ich kenne nur den älteren Herrn in der chinesischen Robe. Er ist ein Komprador. Das sind Chinesen, die zwischen den ausländischen Kaufleuten und den chinesischen Abnehmern und Produzenten im Inland vermitteln. Für jeden Vertragsabschluss kassieren sie Provision, ohne sie geht nichts. Diese Leute verdienen ein Vermögen, wahrscheinlich mehr als jeder ausländische Kaufmann, und keiner weiß, wo überall sie ihre Finger im Spiel haben. Sie nehmen gerne an der internationalen Gesellschaft teil. Das hebt ihr Ansehen bei ihren Landsleuten. Vielleicht will er einen neuen Kunden mit seiner Weltläufigkeit beeindrucken. Die beiden jungen Männer sind wahrscheinlich Verwandte von ihm, die für ihn arbeiten. Familienzusammenhalt wird in China ganz großgeschrieben. Streng genommen kann ein Chinese nur einem Verwandten trauen.«

»Ein interessanter Gedanke«, meinte Marie.

»Der aber nicht unproblematisch ist, wenn es um die Staatsführung geht«, murmelte Wolfgang Hildebrand und winkte nach dem Kellner, um endlich die Bestellung aufzugeben.

Trenner

Den Kaffee nahmen die beiden auf der windgeschützten Veranda des Strandhotels ein. Wolfgang Hildebrand paffte genüsslich eine Zigarre zum Cognac, Marie genoss die Aussicht und die warme Sonne. Spaziergänger promenierten trotz einer frischen Brise den Strand entlang.

Da tauchte am Ende der Bucht eine Gruppe Reiter auf, die mit atemberaubender Geschwindigkeit das Ufer entlanggaloppierte.

»Donnerwetter! Kein schlechtes Tempo. Da trainiert jemand für die Herbstjagden«, meinte Hildebrand anerkennend.

Marie beobachtete die Reiter. »Die Pferde sehen irgendwie mickrig aus.«

Hildebrand zuckte mit den Achseln. »Das sind mongolische Ponys. Es ist einfach zu teuer, Pferde aus Europa hierherzubringen. Noch dazu sind sie hier ungewohntem Klima und Krankheiten ausgesetzt. Nur unser oberstes Militär sitzt auf hohem Ross. Zum privaten Vergnügen reitet man hier diese Ponys. Sie sind zwar etwas niedriger als die Pferde, die wir sonst gewöhnt sind, aber ausgesprochen zäh, genügsam, schnell und vor allem bezahlbar.«

Die Reiter hatten das Ende des Strandes erreicht. Sie machten kehrt, kamen hinauf zum Strandhotel galoppiert und zügelten vor der Veranda ihre Pferde. Der Reiter an der Spitze der Gruppe war Philipp von Heyden. Er begrüßte Wolfgang und Marie und stellte ihnen seine Begleiter vor, zwei attraktive junge Männer in Uniform und einen jungen Mann in elegantem Reitzivil.

»Leutnant Azarieff vor der russischen Marine, Major Bentley von der Royal Navy und Geoffrey McKinnan von Spencer & Masters. Gestattet ihr, dass ich mich etwas zu euch geselle? Die Herren haben leider anderweitige Verpflichtungen.«

»Es wäre uns ein Vergnügen«, antwortete Wolfgang Hildebrand.

Philipp wechselte einige Worte auf Englisch mit seinen Begleitern und sprang vom Pferd. Sie verabschiedeten sich und ritten davon. Einer von ihnen nahm Philipps Pferd am Zügel mit. Marie sah ihnen nach.

»Offiziere der englischen und russischen Marine reiten bei den Herbstjagden mit?«

Wolfgang Hildebrand zuckte mit den Achseln. »Selbstverständlich. Wir pflegen besten Kontakt mit allen Marineverbänden, die hier einlaufen. Die Mannschaften spielen gegeneinander Fußball, die Offiziere spielen Polo oder reiten bei den Jagden mit. Wir sind eine internationale Stadt. Hier leben nicht nur Deutsche und Chinesen, sondern auch Russen, Engländer, Amerikaner und Japaner.«

Philipp hatte es sich inzwischen bequem gemacht und bei einem Kellner Kaffee und Cognac bestellt.

»Eure Ponys sind gut in Schuss. Beste Voraussetzungen für das nächste Wochenende«, sagte Wolfgang Hildebrand gut gelaunt.

»Ja, es wird bestimmt spannend.«

Philipp wandte sich an Marie. »Reiten Sie, Fräulein Hildebrand?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Sie sollten es versuchen! Ich bringe es Ihnen gerne bei. Die mongolischen Ponys sind ausgesprochen brav, und außerdem fällt man im Fall der Fälle nicht so tief.« Er lachte.

»Ich bin kaum vierundzwanzig Stunden hier, und schon habe ich eine Einladung zum Skilaufen und zum Ausreiten bekommen. Tsingtau scheint mir ein sportliches Fleckchen Erde zu sein.«

»Ja, Sport ist hier sehr populär, es gibt fantastische Möglichkeiten«, antwortete Philipp.

Er deutete auf die Tennisplätze neben dem Hotel. Dort versuchten sich gerade zwei etwas korpulente Damen mit hochroten Köpfen an einem mühevollen Ballwechsel.

»Hier spielen sogar Beamte und Missionare Tennis! Vor allem aber ihre Ehefrauen. Personal ist billig, und irgendwas müssen die Damen ja tun.« Er grinste. »Wie Sie sehen, kämpft so manche Brunhilde mehr auf dem Tennisplatz als am heimischen Herd. Man will eben auf keinen Fall im vornehmen englischen Sport-Ladies aus Shanghai und Hongkong nachstehen.«

Marie musste lachen.

»Sei nicht so respektlos«, brummte Wolfgang Hildebrand gutmütig. »Schließlich müssen die Leute hier manches Opfer bringen. Da muss man ihnen auch ein bisschen Vergnügen gönnen.«

»Ich laufe ganz gerne Schlittschuh. Kann man das hier auch?«, fragte Marie. »In Berlin ist das im Winter immer wunderbar.«

Von Heyden nickte. »Ja, natürlich. Die Saison wird sicher bald beginnen, nachts friert es ja schon.«

»Tennis spielen würde ich gerne versuchen«, überlegte Marie.

»Ich stelle mich gerne als Lehrer zur Verfügung«, erwiderte Philipp von Heyden.

»Wollen Sie sich wirklich bei all Ihren Verpflichtungen mit einer Anfängerin herumquälen?«, fragte Marie mit einem leicht zynischen Unterton.

Er zog überrascht eine Augenbraue hoch. »Es kann doch sehr reizvoll sein, einer Anfängerin etwas beizubringen.«

Vor Verblüffung verschlug es Marie die Sprache, und sie spürte, dass sie rot wurde. Wolfgang Hildebrand paffte an seiner Zigarre und lächelte still in sich hinein.

Mit einsetzender Dunkelheit kehrten Wolfgang Hildebrand und Marie erschöpft, aber gut gelaunt nach Hause zurück. Philipp hatte sich verabschiedet. Fritz wartete mit dem Abendessen und einer Nachricht für Marie. Gerlinde Zimmermann hatte angerufen und um Rückruf gebeten.

Am Telefon wollte Gerlinde nicht mit der Sprache herausrücken, was ihr auf dem Herzen lag, und so lud Marie sie für den nächsten Tag zum Tee ein.

 3. 

Nach dem Frühstück verabschiedete sich Wolfgang Hildebrand. Er musste zum Dienst ins Hafenbauamt. Er verkündete, dass er Philipp von Heyden zum Abendessen mitbringen werde. Mit dem Wochenbeginn war der Alltag im Hause Hildebrand eingekehrt, und Marie sollte ihren Dienst als Dame des Hauses aufnehmen. Sie marschierte in die Küche, aus der lautes Gezeter drang, seit Wolfgang Hildebrand das Haus verlassen hatte. Als sie die Tür aufstieß, verstummte der Lärm schlagartig. Marie starrte in drei fassungslose Gesichter. Sie hatte das Gefühl, in ein fremdes Reich einzudringen, in dem sie nichts zu suchen hatte. Fritz saß an einem Tisch in der Ecke, vor ihm eine Schüssel Reis und verschiedene Tellerchen mit Gemüse und Fleisch. Der Kochboy war dabei, Geschirr abzuwaschen, der Koch hantierte am Ofen herum. Marie zögerte eine Augenblick angesichts der abweisenden Mienen.

»Fritz, würden Sie bitte nach Ihrem Frühstück zu mir kommen, ich muss mit Ihnen sprechen.«

Daraufhin drehte sie sich um und ging zurück ins Wohnzimmer. Als die Küchentür hinter ihr zufiel, hörte sie eine kurze Äußerung des Boys, die wie eine Verwünschung klang, und ein leises Kichern. Kurz darauf erschien er wie verlangt und sah Marie fragend an.

Zunächst erklärte sie ihm, dass er ihr Zimmer nicht zu putzen habe, das würde sie selbst erledigen. Die Vorstellung, dass ein fremder Mann mit ihren Sachen herumhantierte, war Marie ausgesprochen unangenehm. Zu Hause war das Hauspersonal durchweg weiblich gewesen. Fritz starrte sie nur verständnislos an. Als Nächstes galt es die Frage des Abendessens zu klären.

»Würden Sie den Koch bitten, heute Abend ein chinesisches Essen zu kochen? Für drei Personen.«

Wieder erntete Marie einen verständnislosen Blick. Sie wiederholte ihre Bitte. Als Fritz sich schließlich sicher war, dass sie es ernst meinte und ihm die Wahl der Gerichte überließ, da sie selbst nichts von chinesischer Küche verstand, strahlte er über das ganze Gesicht.

Trenner

Erleichtert beschloss Marie, auf Erkundungstour durch die Stadt zu gehen. Ihr Vater hatte ihr Rikschabons gegeben. Im Gegensatz zu anderen asiatischen Städten versuchten die deutschen Behörden mit der Einführung dieser Gutscheine für Ordnung zu sorgen und jeder Art von Betrug vorzubeugen. Nach der Fahrt gab man pro Viertelstunde einen Bon ab und vermied so das sonst übliche lautstarke Feilschen um den Fahrpreis. Doch Marie entschloss sich, den kurzen Weg zur Friedrichstraße zu Fuß zu gehen. Die Idee, dass ein Mensch wie ein Zugtier ihr Gewicht ziehen sollte, war ihr unangenehm. Auf der Straße herrschte im Gegensatz zur Sonntagsruhe am Vortag geschäftiges Treiben. Rikschas, Einspänner und Kutschen waren unterwegs. In der Friedrichstraße bummelte sie die Schaufenster entlang und sah sich die Auslagen der Geschäfte an. Es gab deutsche Marineuniformen und neueste Herrenmode für den Mann von Welt, Reitgerten aus Italien, Stiefel aus Prag, Damenmode aus Berlin, Wien und Paris, Rheinwein, Bier aus München, Spreewaldgurken und Mundwasser von Odol. Marie staunte, was alles für wert befunden wurde, den langen Weg aus Europa ans andere Ende der Welt transportiert zu werden. Aus alter Gewohnheit zog es sie in die Buchhandlung, wo sie durch die Regale stöberte und schließlich einen kleinen bebilderten Führer von Tsingtau und Umgebung kaufte.

Langsam wanderte Marie weiter die Straße hinauf und sah sich neugierig um. Vereinzelte europäische Passanten warfen ihr musternde Blicke zu, der eine oder andere Herr zog grüßend den Hut. Die Chinesen starrten Marie offen an und blieben sogar stehen, um sich nach ihr umzudrehen. Ein Blick auf das Straßenschild offenbarte Marie, dass sie inzwischen im chinesischen Teil der Stadt angelangt war. Die Straße hieß nun Shandongstraße. Über dem Eingang eines Geschäftes las Marie »Fu Shen Yü – Rohseide«. Sie blickte in das zur Straße offene Geschäft. Auf langen Tischen lagen Stapel von Rollen farbenfroher Seide. Ein älterer Chinese mit einem spitzen weißen Bart und einer Nickelbrille verneigte sich lächelnd und machte eine einladende Armbewegung.

»Seide! Kommen Sie! Guter Preis!«

Marie lächelte zurück. »Nein, danke. Heute nicht.«

Sie ging weiter. Plötzlich überholte sie der Mann aus dem Seidenladen und blieb vor ihr stehen. Wieder verbeugte er sich und hielt ihr mit beiden Händen eine Visitenkarte entgegen.

»Bitte. Kommen Sie wieder. Guter Preis.«

Marie nahm die Karte, bedankte sich freundlich und setzte ihren Weg fort. Ein offener Laden schloss sich an den nächsten an. Vor den meisten Geschäften saßen die chinesischen Besitzer auf kleinen Hockern und warteten auf Kundschaft. Sobald sie Maries ansichtig wurden, sprangen sie auf und versuchten freundlich, aber bestimmt, sie unter heftigem Gestikulieren in ihren Laden hinein zu komplimentieren. Marie lächelte stets, warf nur kurze Blicke auf die Waren, bedankte sich höflich und ging weiter. Es gab Geschäfte mit Seide, Korbwaren, Haushaltsartikeln, Schmuck und Perlen. Marie überquerte mehrere kleine Seitenstraßen, die in die Shandongstraße mündeten, und beobachtete das Leben, das sich dort auf den Bürgersteigen abspielte. Überall standen kleine Schemel, auf denen Händler vor ihren auf dem Boden ausgebreiteten Waren saßen. Ein Friseur rasierte einem Kunden auf offener Straße den Kopf. Ein anderer schrieb mit dem Pinsel einen Brief, den eine vor ihm sitzende ältere Chinesin offensichtlich diktierte. Es herrschte rege Betriebsamkeit, ganz anders als auf der Friedrichstraße, wo vergleichsweise wenige ausländische und chinesische Passanten unterwegs gewesen waren und keine Geschäfte auf der Straße gemacht wurden. Eine dickliche, rotbackige, junge Chinesin stand hinter einem zu einem Ofen umfunktionierten Fass, auf dem riesige Bambuskörbe gestapelt waren. Als Marie vor ihr stehen blieb, hob die junge Frau lächelnd den Deckel vom obersten Korb. Eine Dampfwolke stieg auf. Mit einer kleinen Handbewegung zeigte die Frau auf die faustgroßen, weißen Klöße im Dampfkorb und sagte: »Baozi.«

Sofort blieben die chinesischen Passanten stehen, um das weitere Geschehen zu beobachten. Ein Junge tauchte neben Marie auf und deutete auf die Klöße.

»Hao chi! Gut!«

Marie zögerte. Die Klöße sahen wirklich sehr appetitlich aus, aber sie hatte keine Ahnung, aus was sie bestanden. Kurz entschlossen wandte sie sich der Verkäuferin zu und fragte: »Wieviel?«

Die Frau hob lächelnd den Zeige- und den Mittelfinger einer Hand in die Höhe, dann machte sie eine Faust.

Der Junge übersetzte. »Zwei Baozi, fünf Cent.«

»Gut.«

Marie fischte ein Fünfcentstück aus ihrem Portemonnaie und gab es der Frau. Diese überreichte ihr die zwei Baozi auf einem Blatt Papier. Marie hielt dem Jungen die Baozi hin.

»Bitte, einer ist für dich.«

Sie nahm den anderen Kloß und biss hinein. Der Teig war warm, luftig weich und ganz leicht süßlich. Im Inneren befand sich eine rötliche Füllung aus Fleisch und Gemüse. Es schmeckte köstlich. Auch der Junge verzehrte den Kloß genüsslich. Rundherum war zustimmendes Gemurmel und Gekicher aus der inzwischen beträchtlichen Menge an Schaulustigen zu hören. Plötzlich jedoch ertönte eine herrische laute Stimme.

»Was ist hier los? Platz da!«

Ein großer, dicklicher deutscher Polizist, gut erkennbar an seinem imposanten gezwirbelten Kaiser-Wilhelm-Bart, gefolgt von einem dünnen chinesischen Polizisten, drängte durch die Menschen, die um Marie und die Dampfkörbe herumstanden. Marie aß ruhig weiter und sah den beiden Gesetzeshütern gespannt entgegen. Der Wachtmeister starrte sie sichtlich irritiert an und schlug schließlich die Hacken zusammen.

»Ist bei Ihnen alles in Ordnung? Was machen Sie hier?«

Marie spürte, wie die Freundlichkeit der Passanten verschwand und ihre Mienen erstarrten.

»Alles in Ordnung. Ich probiere nur eine lokale Spezialität«, gab sie gelassen zur Antwort. »Ist übrigens köstlich.« Sie sah zu dem chinesischen Jungen. »Wie heißen sie noch mal?«

»Baozi.«

»Ja, Baozi.«

Der Junge nickte, während der Polizist den Kopf schüttelte.

»Hoffentlich verderben Sie sich an dem Zeug nicht den Magen. Sind Sie in Begleitung hier?«

»Nein. Ich bin alleine unterwegs.«

»Sie sollten vorsichtiger sein.«

Marie sah ihn fragend an. »Ist denn hier schon einmal jemand überfallen worden?«

Der Polizist räusperte sich. »In der Stadt natürlich nicht. Das würde auch streng bestraft werden. Aber man kann ja nie wissen. Der Chinese bleibt immer unberechenbar. Und außerdem gibt es Taschendiebe.«

»Die gibt’s in Berlin auch. Aber ich danke Ihnen für Ihre Fürsorge, Herr Wachtmeister.«

Damit nickte Marie allen zum Abschied freundlich zu und ging weiter.

Sie überquerte die Straße und ging auf der anderen Seite den Weg zurück, den sie gekommen war. Dabei überdachte sie, was gerade geschehen war. Sie hatte sich inmitten der neugierigen chinesischen Zuschauer völlig sicher gefühlt. Keinerlei Feindseligkeit war zu spüren gewesen. Im Gegenteil. Erst als der deutsche Polizist durch die Menge stampfte, hatte sich die Stimmung verändert. Sie ärgerte sich über den Polizisten, der ihr kleines Abenteuer unterbrochen hatte.

Unentschlossen wanderte Marie weiter die Straße entlang. Plötzlich hörte sie Marschmusik, die rasch näher kam.

Die Passanten blieben stehen, die Fuhrwerke und Rikschas auf der Straße fuhren wie auf ein geheimes Kommando an den Straßenrand und hielten dort an. Angeführt von zwei berittenen Offizieren und begleitet von Marschmusik, marschierte eine Einheit deutscher Soldaten im Gleichschritt die Straße hinunter. Einige der Soldaten warfen Marie neugierige Blicke zu, während sie dem unerwarteten Schauspiel erstaunt zusah. Aus den Geschäften kamen Schaulustige und beobachteten das Geschehen mit regloser Miene. Als der Trupp vorbeigezogen war, drehte sich einer der chinesischen Ladenbesitzer um, räusperte sich geräuschvoll, spuckte auf die Erde und verschwand wieder in seinem Geschäft. Marie war von der Heftigkeit dieser Geste bestürzt. Plötzlich schien sie die Fremdheit dieses Ortes zu spüren. Es war Zeit, wieder nach Hause zu gehen.

Trenner

Am Nachmittag kam Gerlinde wie verabredet zum Tee. Souverän kutschierte sie selbst mit einem Einspänner auf den Hof. Xiao Li kümmerte sich um das Pony und das Dogcart, während Marie sie begrüßte. Gerlinde wirkte immer noch bedrückt, gab sich aber mehr Mühe als am vorherigen Tag, sich nichts anmerken zu lassen.

»Und? Wie ist dein erster Eindruck von Tsingtau?«

»Schwer zu sagen. Auf den ersten Blick sieht es hier aus wie in einer deutschen Kleinstadtidylle. Aber irgendwie erscheint mir das nur die Fassade zu sein, ich kann mir vorstellen, dahinter verbergen sich viele Geheimnisse!«

Gerlinde nickte anerkennend. »Das ist ja schon eine Menge an Erkenntnis nach nur einem Tag!«

Marie bedankte sich bei Fritz, der Tee und Gebäck serviert hatte, und wandte sich wieder Gerlinde zu. »Und welche Laus ist dir über die Leber gelaufen? Gestern an der Kirche war ich richtig erschrocken, als ich deinen Gesichtsausdruck sah.«

Gerlinde nahm einen Schluck Tee und seufzte. »Ich habe mal wieder Ärger mit meiner Mutter. Seit Jahren nörgelt sie an mir rum, dass ich mich nicht damenhaft benehme. Da man hier überall beobachtet wird, werden auch alle Verstöße gegen die Contenance sofort an meine Mutter berichtet. Letzten Winter bekam sie mit, dass ich beim Schlittschuhlaufen mit einem Gefreiten aus der Bismarckkaserne getanzt habe, und sofort erhielt ich Hausarrest. Dabei war das nur Spaß. Gleich nach dem Abitur fuhr sie mit mir nach Deutschland, damit ich ihn nie wieder treffen kann. Ich habe inzwischen herausgefunden, dass er nach Japan versetzt wurde. Dann vorgestern am Hafen, diese peinliche Szene mit Philipp von Heyden. Und kaum waren wir wieder zu Hause, teilte sie mir mit, dass nun ein neuer Lebensabschnitt für mich angefangen habe und sie den richtigen Mann für mich suchen wolle. Ihr Favorit ist natürlich Philipp von Heyden, aber als weiteren Kandidaten hat sie einen Legationsrat von der deutschen Botschaft in Peking auserkoren, der in den nächsten Tagen bei uns eintreffen wird, um als Hausgast an den Herbstjagden teilzunehmen. Nach dem Motto ›Konkurrenz belebt das Geschäft‹. Ich finde es empörend, dass sie mich anscheinend meistbietend versteigern will.«

Marie lachte laut auf. »Ich glaube, du übertreibst. Deine Mutter hat bisher dein Leben maßgeblich bestimmt, und deshalb liegt es nahe, dass sie sich auch weiter um dich kümmert. Das ist doch ganz normal. Aber schließlich leben wir ja nicht im Mittelalter, wo Frauen ungefragt verheiratet werden.«

Gerlinde schüttelte den Kopf. »Du hast gut reden, du hast ja keine Mutter, die sich überall einmischt.« Sie schlug sich vor Entsetzen die Hand vor den Mund. »Es tut mir leid. Das war wirklich geschmacklos.«

Marie winkte ab. »Ist schon gut. Nein, aber denk doch mal nach. Wenn du nicht mehr möchtest, dass sich jemand in dein Leben einmischt, dann solltest du beweisen, dass du selbst einen Plan hast, der sie überzeugt, dass du erwachsen geworden bist.«

Gerlinde sah sie fragend an. »Einen Plan für mein Leben? Ich habe doch erst vor ein paar Monaten Abitur gemacht und wollte jetzt meine Freiheit genießen! Irgendwann werde ich natürlich heiraten, aber doch nicht sofort.«

»Na, siehst du! Dann liegt deine Mutter ja gar nicht so falsch, dir mögliche Kandidaten vorzustellen. Das kannst du ihr doch nicht wirklich übel nehmen.«

Gerlinde schien nicht überzeugt. »Ich weiß nicht so recht. Was könnte ich denn tun? Vielleicht studieren, so wie du? Aber dann müsste ich ja aus Tsingtau weggehen, und das möchte ich auf keinen Fall.«

»Ich denke, das sind Fragen, die du in Ruhe überlegen solltest. Schließlich geht es um dein Leben, da kann man nicht binnen einer Minute eine Entscheidung fällen.«

»Du hast recht. Ich werde darüber nachdenken.« Sie nahm einen Keks.

»Aber wie stehst du denn zu den Kandidaten deiner Mutter?«

Gerlinde lächelte unsicher. »Na ja, diesen Legationsrat kenne ich ja noch nicht. Und Philipp von Heyden?« Sie seufzte. »Er ist natürlich der Traumschwiegersohn. Adelig, Protestant, Offizier, ein Mann von Welt. Was will man mehr?«

Marie zog die Augenbrauen hoch. »Was heißt hier Traumschwiegersohn? Es geht schließlich nicht darum, deine Mutter zufriedenzustellen, sondern darum, dass du glücklich wirst im Leben. Kannst du dir das mit ihm vorstellen?«

Gerlinde zögerte einen Augenblick, dann lächelte sie. »Ehrlich gesagt, schwärme ich für ihn, seit ich ihn kenne. Er ist nett, charmant und ein toller Sportler. Aber ich glaube, er sieht immer noch das Mädchen mit den Zöpfen in mir und nimmt mich nicht ernst. Bei ihm habe ich immer den Eindruck, er spielt nur mit Frauen. Er lockt sie mit seinem Charme aus der Reserve und zieht sich dann zurück.«

Marie blickte Gerlinde überrascht an. »Du hast dir ja schon eine Menge Gedanken über ihn gemacht.«

»Kein Wunder, ich kenne ihn ja schon eine Weile, und in den Damenzirkeln ist er ein beliebtes Gesprächsthema. Alle warten gebannt darauf, dass er endlich einmal ernsthaftes Interesse an einer Frau zeigt, aber das ist bisher nicht geschehen. Er fährt so oft es geht nach Shanghai, und man munkelt, dass vielleicht eine Frau dahinterstecken könnte, aber einen Beweis dafür gibt es bisher nicht.«

»Ein Grund mehr für dich, dir Gedanken über deinen Lebensplan zu machen. Vielleicht beginnt er dich ernst zu nehmen, wenn er sieht, dass du erwachsen geworden bist.«

Gerlinde sah Marie nachdenklich an und nickte. »Vielleicht hast du recht. Aber genug davon. Das Problem lösen wir heute sowieso nicht. Wie ist es dir denn bisher ergangen?«

»Ich war heute Morgen auf Erkundungstour in der Chinesenstadt.«

»In Dabaodao? Ganz alleine?« Gerlinde sah sie ungläubig an. »Du bist ganz schön mutig! Normalerweise wagen sich Neuankömmlinge am ersten Tag höchstens in die deutschen Kaufhäuser in der Friedrichstraße.«

»Da war ich zu Anfang, aber das war mir dann doch zu langweilig.«

Marie erzählte Gerlinde von ihren Erlebnissen an der Garküche.

Gerlinde war begeistert. »Ich bin so froh, dass dir das alles gefällt. Ich liebe Dabaodao. Da gibt es so viel zu entdecken! Wir sollten in den nächsten Tagen zusammen auf Erkundungstour gehen. Ich würde dich nur bitten, meiner Mutter nichts davon zu sagen. Sie sieht das nicht so gerne.«

»Ist es denn deiner Erfahrung nach dort gefährlich? Ich hatte heute nicht den Eindruck, dass die Menschen mir gegenüber feindselig waren.«

»Nein, sind sie auch nicht. Den Chinesen, die in der Kolonie Arbeit finden, geht es weit besser als außerhalb des Schutzgebietes. Und hier sind sie vor Banditen und korrupten Beamten sicher, dafür sorgen schon die deutsche Polizei und das Militär. Aber es besteht immer die Gefahr von ansteckenden Krankheiten, die aus dem Hinterland eingeschleppt werden. Von dieser Angst sind hier alle wie besessen. Es gibt sogar eine Rubrik in der Tageszeitung ›Ansteckende Krankheiten‹. Da kann man jeden Tag nachlesen, wie viele Fälle von welchen Krankheiten aufgetreten sind. Ich lasse mich davon aber nicht verrückt machen. Man kann sich doch nicht nur in der winzigen Europäerstadt bewegen, da bekommt man ja Klaustrophobie.«

Marie war froh, dass Gerlinde zu ihrer guten Laune und ihrem Temperament zurückgefunden hatte. Sie lud sie ein, zum Abendessen zu bleiben. Als Gerlinde hörte, dass es chinesisches Essen geben würde, sagte sie sofort zu. Die Tatsache, dass Philipp von Heyden auch zum Essen kommen würde, störte sie nicht.

»Solange du ihm nicht verrätst, was ich dir heute erzählt habe.«

Marie schüttelte den Kopf. »Wo denkst du hin?«

Gerlinde grinste verschmitzt. »Meine Mutter wird sicher nichts einzuwenden haben, wenn sie erfährt, dass Philipp auch kommt. Ich rufe kurz zu Hause an und sage Bescheid.«

Trenner

Pünktlich um halb sieben kamen Wolfgang Hildebrand und Philipp von Heyden zum Essen. Der Marinebaurat war sichtlich enttäuscht, dass Marie nicht deutsch gekocht hatte. Sie beschwichtigte ihn. »Keine Sorge, Vater! Ich verspreche dir, ich werde mich bald ans Werk machen, aber ich fand es sozusagen als vertrauensbildende Maßnahme erst einmal wichtig, dass der Koch zeigt, was er kann, bevor ich anfange, ihm Anweisungen zu geben.«

Während Hildebrand enttäuscht brummte, zeigte sich Philipp beeindruckt. »Sie sind die geborene Diplomatin! Eine Frau mit Sinn fürs Pragmatische!«

Marie schüttelte den Kopf. »Ich wollte ihm nur zeigen, dass ich Respekt vor seinem Beruf habe. Es ging nicht darum, ihn zu überlisten.«

Ihr Tonfall klang deutlich bissig, und das Lächeln auf Philipps Gesicht wirkte etwas gequält.

Gerlinde rettete die Stimmung. »Ihr werdet sehen, das wird ein herrliches Essen werden. Der Koch wird sich schwer ins Zeug gelegt haben, um die neue Missy zu beeindrucken.«

Und sie sollte Recht behalten. Das Essen war köstlich und von unerwarteter Vielfalt. Es gab Gemüse, Fleisch, Fisch und Garnelen, alles geschmacklich perfekt kombiniert und abgeschmeckt. Dazu wurden gedämpfte Mantou serviert, eine Art Hefeklöße, die man wie Brot zu den Speisen aß. Als Fritz zwei zugedeckte kleine Bambuskörbchen auf den Tisch stellte, strahlte Gerlinde ihn an und fragte: »Xiao longbao?«

Fritz nickte lächelnd und hob die Deckel der Dampfkörbe an.

»Oh, lecker! Das ist mein Lieblingsgericht!«, jubelte Gerlinde.

In den Körbchen lagen weiße, walnussgroße Klößchen, die nach oben spitz zuliefen.

»Das ist eine Spezialität aus Shanghai. Das heißt soviel wie kleine Dampfkorbtaschen. Sie schmecken einfach herrlich! Probier mal, Marie. Aber vorsichtig! In den Klößchen ist heiße Suppe und eine Füllung!«

Marie langte beherzt zu. Tatsächlich, als sie in ein Klößchen biss, strömte herzhafte heiße Brühe in ihren Mund. Die Füllung bestand aus einer Mischung aus Hackfleisch und Gemüse. Die Kombination zerging auf der Zunge.

Marie staunte. »Wie kommt denn die Suppe in die Teigtaschen?«

Gerlinde lachte. »Eine berechtigte Frage! Unser Koch hat es mir erklärt: Man kocht eine starke Brühe und lässt sie abkühlen. Dann geliert sie. Man schneidet die Gelatine in kleine Würfel, setzt sie auf die Füllung und verschließt den Teig. Beim Dämpfen verflüssigt sich die Gelatine wieder zur Brühe! Das ist nur ein kleines Beispiel für die Genialität der chinesischen Küche.«

Marie, Philipp und sogar Wolfgang Hildebrand stimmten ihr zu. Gerlinde lobte den Koch in vollen Zügen. Er wurde aus der Küche geholt und erhielt großen Applaus. Fritz und Lao Shu strahlten voller Stolz über diese ungewohnte Anerkennung.

Gerlinde verriet, dass auch bei Zimmermanns auf Wunsch der Familie meistens chinesisch gekocht wurde. Deutsches Essen gab es nur, wenn Besuch erwartet wurde oder an speziellen Feiertagen. Wolfgang Hildebrand erntete allgemeines Gelächter, als er Marie daraufhin fast flehentlich bat, zumindest hin und wieder einen deutschen Braten auf den Tisch zu bringen. Marie legte ihre Hand tröstend auf seinen Arm und versprach, dem Koch alle Lieblingsgerichte ihres Vaters beizubringen.

Da wandte sich Philipp an Gerlinde. »Reitest du am Samstag die Jagd mit?«

Gerlinde strahlte begeistert. »Ja, natürlich. Unser Mafu hat mein Pony trainiert, während wir in Europa waren. Ich werde versuchen, dir das Leben so schwer wie möglich zu machen.«

Philipp lächelte sie herausfordernd an. »Das verspricht ja ein besonderes Vergnügen für mich zu werden.«

Für einen Moment verlor Gerlinde ihre Fassung und wurde rot. Sofort stieg der Ärger in Marie hoch, dass Philipp sein überhebliches Spiel nun auch mit Gerlinde spielte, die einfach viel zu jung war, um ihm Paroli bieten zu können. Sie versuchte, Gerlinde aus der Patsche zu helfen.

»Ich habe noch nie eine Jagd miterlebt. Werden wirklich Füchse gejagt?«

An Philipps Grinsen erkannte Marie, dass er ihr Ablenkungsmanöver sofort durchschaut hatte.

»Nein, an diesem Wochenende wird keine Treibjagd mit Hunden veranstaltet. Es gab wieder einen Fall von Tollwut, deshalb möchte man kein Risiko eingehen. Diese Jagd wird nur ein Spiel. Ein Reiter spielt den Fuchs. Er hat einen Fuchsschwanz an seiner Jacke. Er reitet voraus, alle anderen folgen ihm. Zuletzt gibt der Master die Piste frei, und alle versuchen den Fuchs zu stellen. Wer den Fuchsschwanz ergattert, hat gewonnen. Diesmal sind wir gut dreißig Reiter, das wird sicher spannend werden.«

Wolfgang Hildebrand war begeistert. »Na, da werden wir uns den nächsten Sonnabend am besten freihalten, Marie. Es gibt einen Aussichtsplatz, von dem aus man die Jagd und vor allem das große Finale bestens beobachten kann. Das Picknick dort ist auch nicht zu verachten. Lasst uns also noch mal anstoßen! Auf Maries Aufenthalt und auf eine erfolgreiche Jagd für die beiden Konkurrenten!«

Die Gläser klirrten, und man sah Marinebaurat Hildebrand deutlich an, dass er die ausgelassene Stimmung, für die Maries Gegenwart in diesem sonst stillen Hause sorgte, sehr genoss.

Beim Abschied lud Gerlinde Marie für den nächsten Tag zum »At Home« ein, einer Teegesellschaft, die ihre Mutter jeden Dienstagnachmittag für einen Kreis von ausgewählten Damen der Kolonie veranstaltete.

»Schade! Ich hatte gehofft, wir könnten morgen zusammen einen kleinen Ausflug machen«, flüsterte Marie ihr zu.

»Das müssen wir etwas verschieben. Meine Mutter und ich waren fast ein halbes Jahr weg. Jetzt hat sie einiges an gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzuholen.«

»Das klingt ja richtig anstrengend.«

Gerlinde lachte. »Nein, dann ist wenigstens viel los. Ich denke, wir werden uns noch mehrmals in dieser Woche sehen! Man bleibt hier gerne unter sich. Meine Mutter ist der Meinung, dass die meisten Menschen hier keinen Stil und keine Manieren haben. Das beschränkt die Kontakte auf einen relativ überschaubaren Kreis.«

»Wen meint sie damit? Etwa die Chinesen?«, fragte Marie.

»Die Chinesen?« Gerlinde sah sie erstaunt an. »Von denen redet hier überhaupt niemand. Mit Chinesen hat man doch keine gesellschaftlichen Kontakte! Nein, sie meint damit unsere Landsleute. Zu viele kleine Leute, die ihre Stellung maßlos überschätzen, wie sie immer zu sagen pflegt.«

Marie runzelte die Stirn. »Ich dachte eigentlich, hier in der Kolonie sitzen alle in einem Boot.«

Ihr Vater nickte entschieden. »So ist es ja auch, aber auf einem Schiff diniert ein Heizer auch nicht in der Offiziersmesse.«

An dieser Feststellung war nicht zu rütteln. Philipp von Heyden, der sonst nie um eine zynische Bemerkung verlegen schien, schwieg zu diesem Thema. Beim Abschied erinnerte er Marie noch einmal an ihre Verabredung am Mittwochabend und lud auch Gerlinde ein mitzukommen. Er wollte beiden bei dieser Gelegenheit seinen neuen englischen Freund Geoffrey McKinnan vorstellen. Gerlinde musste enttäuscht absagen. Sie wäre viel lieber mit ins Konzert gekommen, aber leider erwarteten die Zimmermanns am Mittwoch einen Gast aus der Gesandtschaft in Peking.

 4. 

Als Marie am nächsten Morgen ins Esszimmer kam, saß ihr Vater bereits hinter der Tageszeitung verschanzt beim Frühstück. Nachdem Fritz Marie Kaffee eingeschenkt hatte, faltete Wolfgang Hildebrand die »Tsingtauer Neuesten Nachrichten« zusammen, machte eine kleine Handbewegung zu Fritz, um ihm zu bedeuten, sie alleine zu lassen.

»Fritz hat mit mir gesprochen. Er schlägt vor, dass wir eine Amah für dich einstellen, eine Bedienstete, die sich um dich kümmert. Dumm von mir, dass ich nicht selbst daran gedacht habe. Ich kann verstehen, dass du nicht möchtest, dass er in deinem Zimmer Ordnung macht. Fritz hat auch schon einen Vorschlag. Er hat eine Nichte, die ordentlich und fleißig ist.«

Marie sah ihn zweifelnd an. »Findest du das nicht übertrieben? Ich kann doch alleine mein Zimmer in Ordnung halten. Das habe ich in Berlin ja auch getan, da Tante Lottie nur eine Hausangestellte hatte.«

Wolfgang Hildebrand schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, es muss sein. Wir sind hier in Tsingtau, da herrschen einfach andere Regeln. Es wäre für unser beider Ansehen sowohl bei den Dienstboten als auch nach außen undenkbar, wenn du selbst diese Art von Hausarbeit leistest. Dein Angebot ehrt dich, aber ich kann es leider nicht annehmen.«

»Kann ich mir dann nicht wenigstens selbst jemanden aussuchen? Vielleicht können mir Frau Zimmermann oder Adele Luther ja jemanden empfehlen?«

Wieder hatte ihr Vater Bedenken.

»Was bringt das? Wir können genauso gut Fritz’ Angebot annehmen. Es ist wichtig, dass unter dem Personal Frieden herrscht. Man hört hier die schlimmsten Dinge über Streitereien bis zur Gewalt unter den Angestellten. Fritz würde sein Gesicht verlieren, wenn wir es nicht zumindest versuchen. Und wahrscheinlich würde er einer Amah, die nicht von ihm vorgestellt wurde, das Leben hier zur Hölle machen.«

Marie sah ein, dass ihr Vater wahrscheinlich recht hatte. Fritz versprach, dass das Mädchen schon am übernächsten Tag ihren Dienst antreten würde.

Trenner

Den Vormittag nutzte Marie, um endlich erste Briefe nach Deutschland zu schreiben. Am Nachmittag machte sie sich auf den Weg zum »At Home« bei Helene Zimmermann. Vor dem Haus herrschte Hochbetrieb an Einspännern und Kutschen, welche die Damen zum Tee brachten. Die hochherrschaftliche Villa mit mehreren spitzen Giebeln, einem runden Eckturm und einem riesigen Garten sah aus wie eine Industriellenvilla in einem der vornehmen Vororte von Berlin, nur dass hier eine chinesische Bedienstete Marie ihren Mantel und Hut abnahm und sie in den Salon geleitete, in dem bereits mehrere Grüppchen eleganter Damen versammelt waren.

Die Einrichtung war äußerst geschmackvoll in überwiegend europäischem Stil. Doch einige Stücke ausgesucht schöner chinesischer Möbel und Porzellane gaben den Räumen eine unerwartete Leichtigkeit, die man sonst in deutschen Häusern selten verspürte.

In einem der Gesellschaftsräume war ein opulentes Buffet aufgebaut mit verschiedenen Torten, Gebäck und Sandwiches, Kaffeekannen und einem Samowar für Tee.

Gerlinde umarmte Marie und führte sie zur Hausherrin, die mit mehreren Damen im angrenzenden Musikzimmer saß. Helene Zimmermann begrüßte Marie deutlich distanzierter als ihre Tochter und stellte ihr die Damen an ihrem Tisch vor.

»Die Gattin des Gouverneurs Frau Truppel, Frau Vehring, Frau Sievert, Frau Ohlmer, Miss Quincy. Meine Damen, das ist Fräulein Doktor Marie Hildebrand, Tochter von Marinebaurat Hildebrand. Einige von Ihnen hatten ja schon gestern an der Kirche das Vergnügen. Wir haben uns an Bord der »Lützow« auf dem Weg nach Tsingtau kennengelernt. Fräulein Hildebrand ist Ärztin und wird im nächsten Herbst eine Stelle an der Charité in Berlin antreten, wie sie uns gestern verraten hat.«

Marie begrüßte die eleganten Damen, die sie eingehend musterten. Sie fühlte sich einen Moment lang wie ein kleines Schulmädchen.

Frau Truppel senkte ihr Lorgnon, durch das sie Marie betrachtet hatte, und ergriff als ranghöchste Dame das Wort.

»Fräulein Doktor Hildebrand! Willkommen. Wir freuen uns über jede interessante Bereicherung unserer Gesellschaft. Ich hoffe, Sie werden sich bei uns wohl fühlen und feststellen, was für eine fortschrittliche Stadt Tsingtau ist.«

Die umsitzenden Damen pflichteten der Gouverneursgattin bei.

»Ich denke, unser medizinisches System dürfte Sie besonders interessieren. Das Gouvernementhospital und das Faberhospital haben beide einen exzellenten Ruf. Eine Besichtigung lässt sich bestimmt arrangieren.«

Marie war überrascht von der Aufgeschlossenheit der Gouverneursgattin ihrem Beruf gegenüber.

»Leider ist Frau Wunsch heute nicht hier, die Ehefrau von Doktor Wunsch, dem Leiter des Faberhospitals. Aber vielleicht kommt später noch Frau Wilhelm. Ihr Mann vertritt die Allgemeine Protestantische Mission in Tsingtau, die das Faberhospital unterhält.«

Die überaus zuvorkommende Begrüßung der Gouverneursgattin wirkte wie eine offizielle Anerkennung von höchster Stelle. Marie wurde allseits äußerst freundlich begrüßt. Die eine oder andere Dame wagte es sogar, sie nach medizinischen Ratschlägen zu fragen. Doch das Interesse an dem Neuankömmling ließ schnell nach. Man wandte sich wieder vertrauteren Themen zu. Bei Kaffee, Tee, Kuchen und Gebäck ging es um die anstehenden gesellschaftlichen Ereignisse des Herbstes, allen voran die Jagd am kommenden Wochenende, Klatsch und Tratsch aus der Kolonie und vor allem immer wieder Beschwerden über das chinesische Personal. Adele hatte recht gehabt. Früher oder später lief jedes Gespräch unter den Hausfrauen auf dieses Thema hinaus. Marie hörte fassungslos zu, wie sich verschiedene Damen über die Unfähigkeit, Betrügereien oder gar Racheaktionen ihres Kochs, Boys, der Amahs oder des Mafus ereiferten.

Als Marie sich eben fragte, wie sie sich, ohne Anstoß und Aufsehen zu erregen, verabschieden könnte, betrat eine gut aussehende junge Frau den Salon. Sie war deutlich schlichter gekleidet als die anderen Damen, wirkte jedoch ungezwungen und selbstsicher. Zielstrebig steuerte sie auf die Herrin des Hauses zu, nickte den anderen Damen an ihrem Tisch zur Begrüßung zu und entschuldigte ihr Zuspätkommen mit Verpflichtungen in der Schule. Sofort war Maries Neugierde geweckt.

»Wer ist das?«, flüsterte sie Gerlinde zu.

»Das ist Salome Wilhelm«, antwortete Gerlinde leise. »Frau Truppel hat vorhin von ihr gesprochen. Ich stelle dich ihr gleich vor.«

Salome Wilhelm war Marie auf Anhieb sympathisch. Sie strahlte eine ungekünstelte Freundlichkeit aus, die sich angenehm von dem polierten Lächeln der meisten anwesenden Damen unterschied. Als Gerlinde ihr Marie als Ärztin vorstellte, reagierte Salome freudig überrascht und fing sofort an, Marie über ihr Studium und ihre Fachrichtung auszufragen. Und sie versprach ihr, so bald wie möglich einen Besichtigungstermin im Faberhospital zu arrangieren. Anschließend bat sie mit fester Stimme alle Anwesenden um Aufmerksamkeit für ein besonderes Anliegen.

»Wie Sie wissen, haben wir letztes Jahr endlich die deutsch-chinesische Mädchenschule gegründet.

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