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Die Abenteuer des Werner Holt

Vorspiel

1

 

Der Wecker rasselte. Werner Holt schreckte aus dem Schlaf, sprang aus dem Bett und stand ein wenig taumelig im Zimmer. Er fühlte sich nicht erfrischt, sondern matt und benommen. Sein Kopf schmerzte. In einer Stunde begann der Schulunterricht.

Durch die weitgeöffneten Fenster flutete Sonnenlicht. Der Mai des Jahres 1943 endete mit heißen, trockenen Tagen, mit prachtvollem Badewetter. Der Fluß, der bei der kleinen Stadt reißend durch die Berge brach, lockte mit seinen grünen Ufern weit mehr als das ziegelrote Schulhaus und seine muffigen Räume.

Mathematik, Geschichte, Botanik und Zoologie, dachte Holt, und dann zwei Stunden bei Maaß, Studienrat Maaß, Latein und Englisch. Die Übersetzung aus dem Livius muß ich bei Wiese abschreiben, in der großen Pause. Wenn ich bei Zickel drankomm, meck-meck, dann gibt’s ein Fiasko … Allmählich wich der dumpfe Schmerz, der hinter der Stirn saß. Er erinnerte sich jetzt, erregend und beängstigend geträumt zu haben, von der Marie Krüger und ihrem zigeunerhaft bunten Rock, und dann von einer Schlägerei mit Wolzow.

Ich bin krank, dachte er, als ihn bei der dritten Kniebeuge vor dem offenen Fenster ein Schwindelgefühl ergriff, ich geh nicht in die Schule, mir ist elend, ich bleib im Bett. Nein! Das ist unmöglich. Wenn ich heut fehle, dann hab ich verspielt, dann heißt es, ich hab Angst vor Wolzow. Bei diesem Gedanken wurde ihm noch elender. Es hatte gestern mit Wolzow Krach gegeben, es hatte vorgestern, es hatte jeden Tag Krach gegeben; und heute war die Prügelei fällig. Er fürchtete niemanden in der Klasse, aber gegen Wolzow hatte er keine Chance: und damit war er erledigt. Denn ein unbesiegter Held war, von Homer bis heute, so gewaltig wie sein Mundwerk, aber ein besiegtes Großmaul war nur noch lächerlich.

Es ist ein Jammer, dachte Holt, als er sich unlustig und frierend mit kaltem Wasser wusch und dabei in den Spiegel starrte; es ist ein großer Jammer: Wolzow und ich, wir würden die ganze Schule beherrschen, wenn wir Freunde wären, denn die älteren Jahrgänge sind beim Militär, wir sind die oberste Klasse.

Er trocknete sich ab. Er befühlte Wangen und Oberlippe: der Bart ließ sich Zeit, das war Holts Kummer. Er rasierte sich nur aus Prestigegründen. Mit sechzehneinhalb noch fast ohne Bart … eine Schande! Kein Wunder, daß er sich mit so einer glatten Haut nicht an die Marie Krüger herantraute, wenn sie dann und wann wie eine Katze in der Badeanstalt herumstrich. Immerhin: als er ihr kürzlich begegnet war, da – er besann sich genau – hatte sie ihn mit einem verwirrenden Blick angeschaut … Außerdem: kratzte es am Kinn nicht doch schon ganz ordentlich?

Einsfünfundsiebzig groß, siebenundsechzig Kilo schwer, schmal, doch muskulös, aber neben Wolzow, der einsachtundachtzig maß und fast neunzig Kilo wog, eben doch beinahe knabenhaft. Dunkeläugig, dunkelhaarig sah er sich im Spiegel, und das Haar war sehr widerborstig und ringelte sich gern in die Höhe. Er kämmte sich, er kleidete sich an. Der Kopfschmerz war vergangen, nur ein dumpfer Druck wollte nicht von der Stirn weichen. Auch machte das Schlingen Beschwerden, und der Mund war trocken.

Wolzow galt seit eh und je als der größte Flegel der Schule, zweimal Consilium, das drittemal nur durch Intervention seines Generalsonkels dem Hinauswurf entgangen. – Und ich Idiot komm neu in die Klasse und lauf ihm den Rang ab, statt seine Freundschaft zu suchen! Das wär ein Freund, Gilbert Wolzow, ein Freund wie Hagen von Tronje, Winnetou oder Roller!

Er war fertig, er stopfte ein paar Bücher in die Aktentasche, dann lief er die Treppen hinab.

 

Das Haus gehörte den Schwestern Eulalia und Veronika Dengelmann, eigentlich deren Mutter, einer fünfundachtzigjährigen Greisin, die wegen Altersschwachsinn entmündigt worden war. Die beiden Schwestern, zweiundfünfzig und sechsundvierzig Jahre alt, unterhielten eine Pension, »Kost und Logis für alleinstehende Herren«. Holt wurde verwöhnt, da seine Mutter großzügig zahlte; er war zeitlebens verwöhnt worden. Seit zwei Monaten lebte er in der Pension und tyrannisierte die Schwestern.

Er trat in das Wohnzimmer im Erdgeschoß und rief nach dem Kaffee. Veronika Dengelmann, die jüngere der Schwestern, das Gesicht dick mit Fett eingerieben und die Haare voller Lockenwickel, setzte die Tasse und den Teller mit Broten vor ihn hin. »Guten Morgen.«

Holt antwortete nicht. Er dachte: Ich bin krank. Gleich wird sie wieder anfangen: Beeilen Sie sich … Das Schlucken schmerzte, die Kehle war wund. Fräulein Dengelmann sagte: »Beeilen Sie sich! Es fällt wieder auf uns zurück, wenn Sie zu spät kommen …«

Holt schob den Teller mit den Broten von sich. Durch die Tür trat Eulalia, in einen verwaschenen Schlafrock gewickelt. Sie hat ein Gesicht wie ein Schaf, dachte er, und Veronika sieht aus wie der Vollmond.

»Sehen Sie zu, daß Sie fortkommen«, sagte nun auch Eulalia, »es ist gleich sieben …« Er warf ihr einen bösen Blick zu. Wenn Wolzow mich verdroschen hat, dachte er, muß ich etwas so Verrücktes anstellen, daß mein Ansehen wiederhergestellt wird. Bei Maaß, beim Ordinarius! Ich habe alle Lehrer hereingelegt, Zickel, meckmeck, Schöner, Gruber, alle … Mag Zemtzki sticheln: Bei Maaß traust du dich nicht … Bei Maaß traut sich keiner, nicht mal Wolzow. Aber ich bin gerissen, ich fange auch Maaß, und das wird mich zum Helden des Tages machen. Ich werde bei Maaß die Sprache verlieren, und wenn er mich bestrafen will, zieh ich ein ärztliches Attest aus der Tasche, daß ich seit gestern taubstumm bin; aber woher nehm ich das Attest? Oder ich werde bei einer Antwort den Mund nicht mehr schließen und bloß noch lallen können, Maulsperre, Kieferklemme, da wird die Klasse toben vor Freude, und wenn Maaß vor Wut einem Schlaganfall nah ist, gibt mir jemand die vereinbarte Ohrfeige, und dann ist alles wieder in Ordnung; da soll er mir erst mal was beweisen! Das ist eine gute Idee! Oder … ob man ihn mit seinen wahnsinnigen Schachtelsätzen reinlegen kann?

Er saß unbeweglich am Tisch. Ein herrlicher Tag! Ich möchte ein Segelboot haben! Man könnte … Sein Blick fiel durch das Fenster auf die gebeugte Gestalt der alten Dengelmann; die Greisin tappte durch die Beete und riß die jungen Kohlrabipflanzen aus dem Boden, eine nach der anderen … »Fast jeden Tag kommen Sie zu spät zur Schule«, schimpfte Veronika Dengelmann, »gestern traf ich Herrn Benedict …« Benedict? Das war der Turnlehrer, und er war harmlos … Und jetzt reißt die Alte tatsächlich auch noch die Salatpflanzen aus! »Passen Sie auf Ihren Grünkram auf«, sagte Holt, »die Alte ist im Garten!« – »Ogottogott!« Türen schlugen. Im Garten erhob sich Gezeter.

Holt verließ das Haus. Langsam ging er die Bahngeleise entlang; er ließ sich Zeit, er kam sowieso zu spät zum Unterricht, und Ausreden gab es genug. Meistens mußten die geschlossenen Bahnschranken herhalten.

»Holt!« rief es hinter ihm. »Warte!«

Das ist Rutscher, der verdirbt mir den Schulweg. Fritz Rutscher war der Sohn eines vor zwei Jahren verstorbenen Studienrates. »Schon sieben durch«, keuchte er, »… müssen uns beeilen!« Er war vom schnellen Lauf so außer Atem, daß er das Stottern vergaß.

»Hast du Angst?« sagte Holt mürrisch. »Zu zwein«, stammelte Rutscher, ein semmelblonder Junge, »zu zwein findt man bessere Ausreden!« Sie überquerten die Bahngeleise. Nun führte die Bismarckallee, breit und von Linden gesäumt, hinab in die kleine Stadt. Links und rechts standen Villen.

Hier wohnen Barnims, dachte Holt. Er blickte neugierig auf ein großes, geklinkertes Haus. Oberst Barnim hatte zwei Töchter. Gerda, fünfzehnjährig, besuchte die Mädchen-Oberschule; Holt traf sie manchmal auf dem Schulweg, ein mageres, sommersprossiges Mädchen. Sie soll noch eine Schwester haben, Uta Barnim, die ist neunzehn, Abitur mit Auszeichnung, und voriges Jahr war sie Gebietsmeisterin im Tennis; ich hab sie noch nie gesehen, aber alle sagen, sie ist das schönste Mädchen in der Stadt. Und hier wohnt der Peter Wiese, gleich nebenan. Der ist natürlich längst in der Schule, der Wiese-Peter, ein richtiger Miesepeter, der Primus, der alles weiß und lateinische Reden halten kann, aber nie einen Jux mitmacht. Er spielt wunderbar Klavier.

Schon oft war Holt, unter irgendeinem Vorwand, im Hause des Amtsrichters Wiese erschienen und hatte schließlich gesagt: »Spiel doch mal was, du …« Dann setzte sich der kränkliche und schwache Peter an den Flügel. Holt konnte stundenlang zuhören, unbeweglich in einem Sessel.

Vor Holts Augen drehten sich feurige Kreise, es rauschte in seinen Ohren … Er rang nach Atem. »Was hast du?« rief Rutscher. Ein Kälteschauer lief über Holt hin, dann wurde ihm heiß. Sollte er wirklich krank sein? Alles war ganz nahe herangerückt, wie durch ein Vergrößerungsglas anzusehen, und Rutschers Stimme hatte ein Echo …

»Was sagen wir dem Schöner?« fragte Rutscher. – »Am Bahnübergang war’n Verkehrsunfall. Da ist ein Radfahrer mit einem Lieferwagen zusammengestoßen.« – Rutscher staunte: »Hast du das g-g-gesehn?« – »Das sagen wir! Wir mußten der Polizei alles zu Protokoll geben.« – »Großartig!« Rutschers Phantasie entzündete sich. »Ich werd sagen, der Radfahrer hat ganz f-f-furchtbar geblutet!« – »Hör auf«, sagte Holt. »Und laß mich reden, verstanden?«

 

Holt blieb in der Tür stehen und überschaute den Klassenraum. Schöner, der Mathematiklehrer, stand an der Tafel und malte sie wie üblich voll Zahlen. Er war ein Mann von achtundsechzig Jahren, der, wie fast alle Lehrer der Schule, schon einmal pensioniert gewesen und nun wieder zum Unterricht herangezogen worden war. Er ließ die Schüler in Ruhe und rechnete selbst; seine Unterrichtsstunden verliefen still; niemand, außer Peter Wiese, arbeitete mit. Holt sah, daß der dicke Christian Vetter, Sohn eines Schreibwarenhändlers, hinten in der Ecke am Fenster, mit irgendwem Karten spielte. Gilbert Wolzow, wegen seiner Körpergröße quer in der Bank, saß über einem dicken Buch und las.

Holt brachte seine Entschuldigung in einem frechen und provozierenden Ton vor, der sie von vornherein unglaubhaft machte … Der blutende Radfahrer wurde mit Geschrei begrüßt, aber es klang ein wenig lustlos. Nur Fritz Zemtzki, ein Bürschlein mit brandrotem Haar, quäkte mit heller Kinderstimme: »O Gott, der arme, arme Radfahrer!«, aber auch das fand keine Resonanz. Es war wieder still; in der Ecke warf Vetter seine Trümpfe auf den Tisch.

Schöner trug Holts Verspätung ins Klassenbuch ein. Rutscher war unbemerkt auf seinen Platz geschlichen. Die Eintragung hatte keine Bedeutung, denn Schöner schrieb mit Bleistift, und seine Eintragungen wurden wieder ausradiert, jeder Tadel und auch die Schulaufgaben. Aber als Holt in der Pause mit einem Radiergummi aufs Katheder stieg, rief Wolzow mit rauher, wüster Stimme: »Na, da hast du Schiß, daß der Maaß was erfährt!«

Holt klappte das Klassenbuch zu. Mochte die Eintragung stehenbleiben! »Ich und Schiß?« sagte er. »Vor Maaß haben andere Leute Schiß, auch wenn sie sonst mit der Schnauze vornan sind!« – »Meinst du mich?« fragte Wolzow drohend und legte den Kopf auf die Seite … Aber da schrillte schon, vom Korridor her, der Warnungspfiff, und Knack marschierte ins Zimmer, dreißigjährig, wegen eines Herzfehlers wehrdienstuntauglich, Studienassessor Knack. »Heil Hitler, Kameraden!«

Die Klasse antwortete: »Heil Hitler!« – »… Kamerad Knack«, rief Holt hinterher, denn er wollte es Wolzow zeigen. In der Klasse gab es unterdrücktes, beifälliges Gelächter. Wolzow biß sich auf die Lippe. Zum zweiten Male an diesem Morgen wurde Holt ins Klassenbuch eingetragen, getadelt wegen »unarischer Frechheit«, wie Knack mit seiner schnarrenden Kommandostimme bekanntgab. Dann begann der Geschichtsunterricht. Dies ist Wolzows Stunde, dachte Holt.

Gilbert Wolzow war ein paar Monate über sechzehn Jahre alt. Sein Vater, der Oberst Wolzow, stand als Regimentskommandeur an der Ostfront. Wenn man Wolzows Erzählungen glauben durfte, so waren die Wolzows ein preußisches Offiziersgeschlecht, das seit zweihundert Jahren ausnahmslos Offiziere hervorgebracht hatte; der Bruder des Obersten Wolzow war Generalmajor. Auch Gilbert wollte Offizier werden, und er bereitete sich von Kind an darauf vor.

Er war der ungekrönte König der Klasse, ja der Schule, der die Cliquen und Schülergruppen mit Gewalt zusammenhielt und niemals, bis Holt in die Klasse eingetreten war, Widerspruch geduldet hatte. Er war zugleich der »frechste und faulste Schüler der Anstalt«, wie Maaß, der Klassenlehrer, des öfteren sagte, denn er stand in den meisten Fächern so jammervoll schlecht, daß seine Versetzung in die nächste Klasse diesmal gefährdet schien. Aber in allem, was mit Krieg, Kriegswesen, Kriegsgeschichte, mit Waffentechnik und Kriegsgerät zu tun hatte, war er ein Phänomen. Er hatte frühzeitig begonnen, die kriegswissenschaftliche Bibliothek seines Vaters zu lesen, und sein erstaunlich gutes Gedächtnis hatte eine Fülle von Einzelheiten behalten, über die er nach Belieben verfügte; entfiel ihm doch einmal ein Schlachtendatum, der Name eines Feldherrn, so schlug er in dem dicken Taschenbuch nach, das er immer mit sich herumschleppte … Jetzt saß er zurückgelehnt in seiner Bank, das Gesicht mit den grauen Augen und der Adlernase emporgehoben zu Knack.

Knack und Wolzow führten während des Geschichtsunterrichts endlose Debatten. Knack charakterisierte seine Geschichtsauffassung des öfteren als »rassisch-völkisch«. Wolzow stand neben seiner Bank und erklärte: »Geschichte, das ist Krieg. Von 1469 vor bis 1930 nach Christi Geburt hat es nur zweihundertvierundsechzig Jahre Frieden, aber dreitausendeinhundertfünfunddreißig Jahre Krieg gegeben …« – »Vergessen Sie nicht das rassische Moment«, ergänzte Knack, »die wertmäßigen Unterschiede der Völker, die rassischen Triebkräfte …«

Holt saß stumm auf seinem Platz und hörte Knack mit der ewig gleichen, schnarrenden Stimme sagen: »Das Reich gründet sich bewußt auf uralte mythische Vorstellungen und Kräfte des Volkes …« Er döste vor sich hin, der Kopf schmerzte, und der Hals war wie zugeschnürt … Neben ihm saß Sepp Gomulka, Sohn eines Rechtsanwaltes, ein braunhaariger, kluger Junge, der sich meist zurückhielt und sich nur manchmal, im Übermut, an den Ausschreitungen der Klasse gegen die alten Lehrer beteiligte. Er war ein Einzelgänger, trieb sich mit seinem Kleinkalibergewehr in den Wäldern umher und schoß Eichelhäher, statt sich den Schulaufgaben zu widmen. Während Knack redete und redete, schnitzte Gomulka mit einem Messer an seiner Bank und sammelte die Späne in einer Tüte aus Löschpapier … Auf dem Platz vor Holt saß der zarte, ewig kränkelnde Peter Wiese, der diesen Sommer zu seiner Kräftigung täglich zwei Stunden in der Badeanstalt zu verbringen und Sport zu treiben hatte, eine Maßnahme, unter der er litt. Holt schrieb auf einen Zettel: »Gib mir deine Lateinübersetzung!« Er wollte für den Weigerungsfall eine Drohung hinzusetzen, unterließ es aber und schob den Zettel zu Wiese. Wiese las und nickte.

Aber in der großen Pause fand Holt keine Gelegenheit, die Übersetzung abzuschreiben, obwohl eine fehlende Hausaufgabe bei Studienrat Maaß schlimme Folgen haben konnte. Die Schüler begaben sich ins Biologiezimmer. Der bevorstehende Unterricht bei Doktor Zickel, genannt Meck-meck, riß sie aus ihrer Lethargie. Christian Vetter, blond, mit rundem Kindergesicht und blanken Schweinsäuglein, wegen seiner Körperfülle seit eh und je gehänselt und verspottet, probierte ein paar quiekende und grunzende Geräusche aus. Wolzow und Holt standen mit gleichgültigen Gesichtern beieinander. Gomulka wetzte sein Messer an der Gasleitung des Experimentiertisches, und Kirsch, Tischlersohn, von Knack als Vertreter des »bodenständigen Handwerks« gefeiert, futterte Brot auf Brot in sich hinein, wodurch er zu wachsen hoffte, denn er war nur einssechzig groß. Nadler, ein stämmiger, blonder Junge, wurde von seinen Freunden Schönfeldt, Grubert und anderen umlagert, die in der Nachrichten-HJ seine Untergebenen waren. Hingegen war Wolzows Laufbahn als HJ-Führer nach verheißungsvollem Start schon vor zwei Jahren geendet, nachdem er seinen Stammführer mit den Worten stehengelassen hatte: »Von so einem militärischen Rindvieh nehm ich doch keine Befehle entgegen!«

Zemtzki piepste plötzlich: »Gilbert, das mußt du zugeben: den Knack hat der Werner prima veralbert!« – »Scher dich vor die Tür und paß auf!« befahl Wolzow. Dann sagte er zu Holt: »Glaub bloß nicht, es war was Besonderes.« Er blickte sich suchend um. Dann trat er zur Tafel. Dort stand ein Skelett, das Doktor Zickel im Unterricht brauchte, neben dem großen Aquarium. Wolzow, in Breeches und Stiefeln, den Brustkorb von einem verwaschenen HJ-Hemd umspannt, holte ein Stück Holzkohle aus der Hosentasche und begann, den Totenschädel zu beschmutzen. Peter Wiese erblaßte. Er fürchtete Wolzow, den er »miles gloriosus«, ruhmredigen Kriegsmann, nannte; Holt freilich hatte gloriosus kurzerhand mit »prahlerisch« übersetzt.

Jetzt malte sich Angst in Wieses Gesicht, denn er, der Primus, wurde als erster nach dem Täter befragt, und da er niemals einen Lehrer belog, beim Verrat aber erbarmungslos Prügel bezog, geriet er jedesmal in Gewissensnot, aus der ihn andere mit der Lüge erlösen mußten, Wiese könne nichts wissen, er sei nicht im Zimmer gewesen …

Wolzow sah Holt ins Gesicht und fragte: »Wie findest du das?« Holt ging wortlos zur Tafel, nahm den Schädel vom Skelett und warf ihn in das große Aquarium. Wasser und Schlingpflanzen schwappten auf den Boden.

Die Klasse tobte. Dann wurde es still. Man blickte gespannt auf Wolzow. Wolzow verlor die Beherrschung. »Warte!« schrie er, leicht nach vorn geneigt. »Wenn du wirklich soviel Mut hast, dann komm heute um vier zum Rabenfelsen, damit ich dir endlich …!« – »Du bist wohl am Ende?« höhnte Holt. »Was Beßres als Prügel fällt dir wohl nicht ein?« – »Jetzt dreh ich ein Ding«, schrie Wolzow, »von dem die ganze Stadt sprechen soll!« Zemtzki steckte den Kopf zur Tür herein. »Gilbert … nicht! Nein! Du … fliegst, wenn sie dich erwischen!« – »Seht den großen Wolzow!« spottete Holt. »Er will sich prügeln, aber er hat Schiß vor den Paukern!«

Wolzow starrte auf das Aquarium, wo der verunstaltete Totenschädel durch die Ranken der Wasserpest grinste und die roten Leiber sechs tropischer Zierfische im grünen Wasser hin und her glitten. »Sepp«, befahl Wolzow, »schaff mir das Katzenvieh vom Hausmeister her!«

»Gilbert«, sagte Gomulka, »laß das … Maaß wirft dich raus!« Aber jemand rief schon Zemtzki auf dem Korridor zu: »Du sollst dem Wolzow die Katze bringen!«

Zemtzki brachte die Katze, ein getigertes, wildes Biest, das argwöhnisch äugte, nervös durch die lärmenden Stimmen der Jungen. Wolzow nahm sie mit einem Griff seiner Rechten am Fell; sie legte sich flach gegen seine Brust, die Schwanzspitze krümmte sich leise. Wolzow streichelte sie: »Ruhig, Miezchen! Gleich gibt’s was Schönes …« Er tauchte den nackten linken Arm ins Aquarium. »… was Schönes zu fressen … was Markenfreies … eine Sonderzuteilung!« Dann warf er den ersten Fisch auf den Boden … Die Katze war mit einem Satz abgesprungen und verschwand mit dem zappelnden Salmler unter einer Bank. Stumm und atemlos sah die Klasse zu, wie Wolzow Prachtschmerlen und Barben aus dem Aquarium fischte. Die Katze begann laut zu schnurren. Sie fraß, daß es knirschte, und ihre Augen funkelten. Dann schlich sie davon, leckte sich das Maul, noch immer schnurrend, und von Doktor Zickels Fischen blieben nur ein paar glänzende Schuppen auf dem Fußboden zurück.

»So!« sagte Wolzow. Das Schweigen war wie eine Huldigung, die er gelassen entgegennahm. »So, mein Lieber! Wer hat hier Schiß vor den Paukern?« Er ging zu seinem Platz, setzte sich und nahm sein Buch vor. Er war blaß. Er rief: »Vergiß nicht, heut um vier!« Aber Holt dachte nur dies: Er fliegt, und ich hab ihn dazu getrieben …

Zemtzki pfiff.

Doktor Zickel war ein verkümmertes Männlein mit dem Habitus eines zwölfjährigen Jungen, dem man den Kopf eines Greises aufgesetzt hat. Er trat vor die Klasse, in Knickerbockers, grüner Joppe und weißem Hemdchen mit geöffnetem Bubikragen. Mit einer heiseren Knabenstimme rief er den Hitlergruß. Seine Rede war voller Eigenarten: er pflegte öfters »ni wahr« zu sagen und gab, zwischen die Worte eingestreut, ein seltsames Geräusch von sich, eine Mischung aus Hüsteln und Räuspern, die wie »Khkh« klang. Er sagte: »Wo is … ni wahr … das Klassenbuch … khkh …?« Aus einer Ecke kam ein gedämpftes »Meck-meck«, was ihn nervös machte, ohne daß er darauf eingegangen wäre … Er war viel Kummer gewöhnt. Sein Blick fiel auf das kopflose Skelett, und die magere Brust hob sich in erregten Atemzügen. »Das is … kh-kh … das is enne Lumperei is das, ni wahr …« Er schaute wild in die Klasse, dann sah er aufs Aquarium, und er wankte.

»Wer … wer is es gewesen?«

»Herr Lehrer!« rief der kleine Zemtzki. »Ich bin es nicht gewesen, aber ich bin es nicht allein nicht gewesen, die anderen sind es auch alle nicht gewesen!«

Zickel war außer sich. Er trat ans Aquarium, und er schrie, mit einer Wut, die seinen schmächtigen Körper erzittern ließ: »Wer … kh-kh … hat den Schädel … ihr feigen Gesellen … kh-kh … wer hat den Schädel von dem armen Skelett, ni wahr, das is doch auch emal e Mensch gewesen … wer hat’n ins Aquarium …« Aber jetzt erst erkannte er das ganze Ausmaß dessen, was man ihm angetan hatte, und sekundenlang brachte sein bebender Mund nichts als ein spuckendes »Kh … kh-kh …« hervor.

»Wolzow! Haben Sie … die Fische …?«

»Lassen Sie mich doch mit Ihren kindischen Verdächtigungen in Ruhe«, knurrte Wolzow, ohne aufzustehen … Und nun log die Klasse mit einer Ausdauer, an der Zickels Wut verpuffte. Verzweifelt begann er eine Untersuchung, aber da seinem Zorn jede physische Grundlage fehlte, die langwierige und ermüdende Befragung der Schüler zu überdauern, log man immer dreister und verhöhnte ihn, und Zickel ermattete, dem Weinen nahe.

»Fische?« sagte Holt, als er an der Reihe war, mühsam, mit schwerer Zunge, er hatte kaum noch die Kraft aufzustehen. »Die Fische sind weg? Vielleicht … hat der Totenkopf sie gefressen!« Das Gejohl der Klasse erreichte kaum sein Ohr. »Elender Bube … Ich! Los, Vetter, wo sin die schönen roten Fische?«

»Rote Fische?« sagte Vetter. »Warn das denn Fische? Ich dachte immer, das sind Tomaten!«

»Herr Lehrer«, rief Zemtzki, und er stocherte mit dem Zeigefinger in der Luft herum, »ich hab die roten Fische gesehen! Gestern warn sie noch da! Heißa! Aber sechs, nein, so viele warn das nicht!«

»Wie viele … kh-kh … haben Sie gesehn?« fragte Zickel mit neuer Hoffnung.

»Na, so null bis eins«, antwortete Zemtzki, und er sah dem Lehrer mit großen, blauen Augen unschuldsvoll ins Gesicht.

Die Untersuchung verlief ergebnislos. Studienrat Maaß setzte sie fort. Holt nahm nicht teil an dem Durcheinander, das in der Pause herrschte. Er saß zusammengesunken auf seinem Platz im Klassenzimmer, der Schweiß brach auf seiner Stirn hervor, und der Kopf schmerzte … »Du hast ein ganz rotes Gesicht«, sagte Gomulka teilnahmsvoll, »wie gesprenkelt, bist du krank?« Holt schüttelte den Kopf.

Die Katze brachte alles ans Licht; sie hatte in der Wohnung des Hausmeisters die unverdauten Fische wieder ausgebrochen. Ein Lehrer hatte den Ruf gehört: »Du sollst dem Wolzow die Katze bringen …« Wolzow war überführt. Er stand neben seiner Bank und log beharrlich, er wisse von nichts, man möge ihn in Ruhe lassen, er sei es nicht gewesen.

Maaß hockte dick und massig hinter dem Katheder. Das Sonnenlicht, das durch die Fenster fiel, spiegelte sich auf seiner Glatze, die von schlohweißem Haar umrahmt war. Das runde und feiste Gesicht grinste triumphierend, die Augen hinter der hellen Hornbrille waren kalt und mitleidlos auf Wolzow gerichtet. »Sie sind erledigt, Wolzow«, sagte er, mit einem begeisterten Zittern in der Stimme, »auch ohne Geständnis erledigt.« Er schielte über die Ränder der Hornbrille hinweg auf sein Opfer. Es war sein Steckenpferd, verworrene Schachtelsätze zu konstruieren, die er mit strenger Logik zu Ende sprach; er hielt die Klasse mit diesen Sätzen in Spannung, er vollendete auch den schwierigsten Satz und heimste das ehrfürchtige Aufatmen der Schüler als Beifall ein. »Unsere Anstalt«, begann er, »die einmal vom strengen Geist des Lerneifers und Gehorsams regiert, durch Sie jedoch wie durch einen Bazillus vergiftet wurde, mit Anarchie und Disziplinlosigkeit, was kein zweites Mal Ihr Onkel wird sanktionieren können …«, er legte eine Pause ein, um die Spannung zu steigern, und dann vollendete er: »… wird nun endlich und endgültig von Ihnen befreit werden. Ich beglückwünsche mich zu diesem Erfolg.« Alle Augen waren auf Wolzow gerichtet. Wolzow sah bewegungslos vor sich hin; nur Holt, zurückgelehnt und zusammengesunken, blickte auf Maaß. Er dachte: Wolzow wird nicht relegiert werden! Wolzow ist ab heute mein Freund.

»Nehmen Sie Ihre Tasche, Wolzow, und verlassen Sie auf der Stelle das Schulhaus. Sie sind relegiert. Der Brief des Direktors folgt Ihnen auf dem Fuß.«

»Moment«, sagte Holt.

Er erhob sich. Er fühlte Wolzows Blick auf sich gerichtet. Er lehnte sich rücklings gegen die Bank. »Der Brief des Direktors«, sagte er, und seine Stimme krächzte, »folgt Wolzow nicht auf dem Fuß. Wolzow ist es nicht gewesen … Man hat sich … verhört … Wolzow soll mir die Katze bringen, wurde gerufen …« Er mußte seine Worte sehr langsam formen, denn die geschwollene Zunge versagte den Dienst. »Ich bin es gewesen«, sagte er. Peter Wiese, das Gesicht auf Holt gerichtet, erstarrte in Staunen und Bewunderung … »Ich bin es gewesen … Wiese wird es bezeugen …« Wiese erhob sich, wie unter einem Zwang, und zum erstenmal in seinem Leben belog er einen Lehrer, als er mit tief auf die Brust gesunkenem Kopfe sagte: »Ja … Holt war es … ich bezeuge es.«

Holt hörte nur noch das Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Vier Stunden Karzer? Egal! Blauer Brief an meine Mutter? Sie wird bloß lachen … Und jetzt sieht er ins Klassenbuch … Die Eintragungen? Wenn er wüßte, wie egal mir das alles ist!

»Sieh mal an«, sagte Maaß, wütend vor Enttäuschung. »Zwanzig Minuten zu spät gekommen ist das elende Früchtchen außerdem …« Er wurde ironisch, das war der Ausdruck höchsten und gefährlichsten Zornes. »Hatte Ihre Wirtin, ich glaube mich zu erinnern, daß sie Dengelmann heißt, Eusebia Dengelmann, doch halt, nein, Eulalia war wohl der Name, ein wohlklingender Name, der aus dem Griechischen stammt …« Er schaute bewegungslos durch die Gläser der Hornbrille auf die Schüler, die atemlos an seinem Munde hingen, und vollendete: »… wieder einmal Nasenbluten?«

Holt blinzelte. Er sah auf einmal alle Gestalten und Gegenstände in verschwommenen Umrissen; in seinen Ohren hallte als vielfaches Echo das letzte Wort: Nasenbluten … Nasenbluten … Wohltuende Müdigkeit überkam ihn, Gleichgültigkeit. Man müßte ein Segelboot haben, dachte er, jetzt, wo Gilbert mein Freund ist, und nun ist’s geschafft: Wolzow gerettet, und er wird mir’s danken!

»Reden Sie!«

Ach so. Ich muß ja noch den Maaß veralbern! dachte Holt. Er wird ungeduldig? Ich will dir schon antworten! Deine Schachtelsätze imponieren mir nicht, das kann ich schon lange! »Mitnichten«, sagte er. Sein Gesicht war rot, nur von den Nasenflügeln über die Mundwinkel bis zum Kinn war ein blasses Dreieck ausgespart. Eine Bewegung lief durch die Klasse, und Maaß, bei dem altertümlichen Wort »mitnichten«, furchte die Stirn. »Mitnichten hat die Nase meiner Wirtin, deren Namen Eulalia … Eulalia, wie Sie die Güte, sich zu erinnern, hatten, lautet, geblutet, aber …«, das Aber schrie er hinaus, denn Maaß hatte den Mund schon geöffnet, um Holt zu unterbrechen, »aber mich … hatte morgens die Polizei … da ein Fahrrad, das ein Mann, der eine graue Jacke … die vielfach geflickt war, trug … fuhr … mit einem Auto, das auf der Straße … die über die Geleise, die vom Bahnhof, der unmittelbar bei meiner Wohnung … liegt … kommen … führt … entlangkam … zusammenstieß … gebeten …«

Er hielt inne. Auch das war geschafft! Wie durch Nebel sah er die Augen seiner Mitschüler auf sich gerichtet, und Maaß lehnte nach vorn über dem Pult, und sein Unterkiefer war heruntergeklappt …

»… meine Beobachtungen als Zeuge zu Protokoll zu geben«, vollendete Holt. Dann fiel er seitwärts zu Boden.

Peter Wiese lief zum Hausmeister, Rutscher stotterte: »Er war schon morgens auf dem W-w-weg so komisch!« Maaß beugte sich über Holt und sagte: »Das ist … Scharlach …!« Wolzow schob ihn beiseite. Bald fuhr der Krankenwagen vor.

 

2

 

Der Juni ging ins Land. Holt lag in der Infektionsabteilung des städtischen Krankenhauses. Wolzow kletterte jeden Tag über die Mauer und schlich durch den Garten unter das Fenster. Sein Pfiff wehte ins Krankenzimmer.

Die ersten Tage lag Holt fast ohne Bewußtsein im Fieber, dann genas er rasch und überwand Mattigkeit und Schwäche. Als er wieder bei Kräften war, empfand er den langen Aufenthalt im Krankenhaus wie eine Freiheitsstrafe. Seine Mutter, von den Schwestern Dengelmann herbeigerufen, hatte unterdessen bei allen Ärzten vorgesprochen, hatte Trinkgelder an Schwestern und Pfleger verteilt und war wieder abgereist, ohne ihren Sohn gesehen zu haben, und er war nicht einmal böse darüber.

Aber Wolzows Besuche machten ihn froh. Wolzow brachte Nachricht von der Außenwelt. Die Schule war nach Holts Erkrankung für zwei Wochen geschlossen worden, was Holt bei den Schülern aller Klassen populär gemacht hatte wie die Revolte gegen Maaß. Er war der Held des Tages. Wolzow neidete es ihm nicht länger und war bereit, seinen Ruhm zu teilen. Als das Fieber gewichen war, sprang Holt, wenn im Garten der Pfiff ertönte, ans Fenster. »Wie geht’s?« fragte Wolzow.

»Eigentlich bin ich gesund … Ich soll mich schälen und muß immerfort ganz heiß baden.« – »Hau ran!« sagte Wolzow … Gestern hatte der Unterricht wieder begonnen, da kein weiterer Krankheitsfall vorgekommen war. »Zum Kotzen langweilig«, meinte Wolzow. »Wenn du rauskommst, dann ist irgendwas fällig …« – »Ich überleg schon … was Abenteuerliches!« – »Abenteuer ist Quatsch«, erklärte Wolzow bestimmt. »Karl May und so was, das ist alles Schwindel. Bloß der Krieg ist richtig.« – »Weißt du was Neues vom Flak-Einsatz?« – »Noch dieses Jahr, vielleicht schon im Herbst.«

Diese Perspektive nahm Holt vollends die Lust am Schulunterricht. Er überlegte: Wenn ich Glück hab, ist die Schule für mich vorbei … »Ich bekomm zwei Wochen Schonung«, sagte er, »dann sind große Ferien … Bloß gut! Wenn ich an Maaß denke …«

»Maaß ist ein Satan«, sagte Wolzow. Er stand breitbeinig in einem Blumenbeet, die Hände in den Taschen vergraben, und unter seinen Stiefeln knickten Rosen und Nelken … »Weißt du, was Maaß gesagt hat? Dein Scharlach wäre ein ganz raffinierter Trick, daß er dich nicht bestrafen kann. Da ist Gomulka aufgestanden und hat gesagt: ›So ein Trick will gekonnt sein, Herr Studienrat!‹ Maaß hat ihn gleich zwei Stunden eingesperrt.«

Ein andermal brachte Wolzow den kleinen Peter Wiese mit und hievte ihn über die Mauer. Wiese riß sich dabei ein Dreieck in die Hose. »Wenn du gesund bist, spiel ich dir vor, was du willst.« Tags darauf gab er Bücher für Holt ab.

Holt hatte schon immer viel gelesen, und in diesen Tagen, da er im Bett lag und ungeduldig seiner Entlassung entgegensah, las er wahllos, was man ihm aus der Anstaltsbibliothek brachte. Da waren viele seiner Lieblingsbücher dabei, die er nun zum zweiten oder dritten Male durchschmökerte: Stevenson und Jack London, Karl May und die Indianerbücher von Fritz Steuben, Gagerns »Grenzerbuch«, eine Feldpostausgabe »Auswahl aus Nietzsches Werken«, Hanns Johsts »Ave Eva« und natürlich Kriegsbücher, immer wieder Kriegsbücher, von den Taten des U-Bootfahrers Weddigen bis »Sieben vor Verdun«, und dann Ernst Jünger, »Das Wäldchen 125«, »Feuer und Blut« und »In Stahlgewittern« … Beumelburg, Zöberlein, Ettighoffer und was es noch alles gab … Nun las er, was Peter Wiese gebracht hatte: Novellen von Storm und einen Band »Märchen der Romantik«.

Er lag unbeweglich in seinem Bett und sann über die Gestalten nach, die er leibhaftig vor sich sah: Elisabeth, das Puppenspieler-Lisei und die dunkle Renate vom Hof … So ein Mädchen müßte man kennenlernen, dachte er beklommen. Wolzow verabscheute Mädchen und fand Liebe unmännlich; Holt aber hatte das Unvereinbare stets zu vereinbaren gewußt: die Heldengestalten aus der Nibelungensage oder aus König Laurins Mantel verwob er mit Indianerhäuptlingen, Westmännern und den feldgrauen Gestalten der Kriegsbücher zu einem idealen Heldentypus, in dessen abenteuerlichem Leben für das Grauen der Märchendrachen ebenso Raum war wie für die Anmut Stormscher Mädchenfiguren oder den Gerechtigkeitsfanatismus Karl Moors … Nun las er bei Novalis von einem Liebespaar, in einer Felsenhöhle, bei Blitz und Donner, welches »der erste Kuß auf ewig zusammenschmelzte« … Der erste Kuß … wie mag das sein?

Er war als Einzelkind aufgewachsen, frühreif, einmal kindisch und ausgelassen, dann wieder ernst, in sich gekehrt. Die frühen Regungen des Geschlechts stürzten ihn in Sehnsüchte und Träume; die Mädchen übten eine immer stärkere Anziehungskraft auf ihn aus, und wo er kein Geheimnis finden konnte, dort schuf er sich eins, indem er das Natürliche mit jenem mythischen Schleier verhüllte, der in zahllosen Büchern die Begriffe von Leben und Liebe verdunkelte, bei Hanns Johst zum Beispiel: die Frau steht im Blutdienst der Schöpfung … Vom ewigen Evangelium der Frauen, vom verrätselten Mythos des Geschlechts las er und grübelte … Die Antwort mußte das Leben geben. Er war ungeduldig, voll Sehnsucht nach Abenteuern und Bewährung.

Seine Eltern waren seit Jahren geschieden; er war bei der Mutter geblieben, der vermögenden Frau aus einer Industriellenfamilie; er war ihr mehr und mehr entglitten, obgleich sie ihn verwöhnt und versucht hatte, ihn für sich zu gewinnen. Er war ihr schließlich mitten im Krieg davongelaufen, in Hamburg aufgegriffen und wieder zurückgebracht worden, und endlich, ein Jahr später, hatte sie seinen Wünschen nachgegeben und ihn aus dem Haus gelassen, hierher, in die kleine Stadt, die ihr von irgendwem als idyllisch und heilsam empfohlen worden war und die weitab von den Industriezentren lag, über denen sich das Unwetter der Bombardements immer dichter zusammenzog.

Hier war Ruhe. Ringsum waren die Berge von Wäldern bedeckt, eine dünnbesiedelte Landschaft breitete sich weit aus. Hier fühlte Holt sich wohl. Er war in Leverkusen und Bamberg aufgewachsen. Seine Bindung an Vater und Mutter, die er durch Jungvolk und Hitlerjugend von Kindheit an gelernt hatte geringzuschätzen, war endgültig zerrissen und hatte sich in Sehnsucht verwandelt, nach einem Freunde und nach dem anderen Geschlecht. Der Freund schien nun endlich gefunden.

Wolzow, so überlegte Holt, durfte von alldem nichts wissen: von den Leidenschaften auf Haderslevhuus, von Elisabeth, Undine und dem ersten Kuß in der Felsenhöhle. Wolzow pfiff unter dem Fenster, Wolzow hatte andere Sorgen: »Du mußt jetzt schnellstens kriegerische Tugenden entwickeln!«

 

In den ersten Julitagen wurde Holt entlassen. Er rechnete: Zehn Tage Erholungsurlaub, am achtzehnten beginnen die großen Ferien, da ist das Schuljahr für mich so gut wie zu Ende. Überdies häuften sich die Gerüchte vom baldigen Flak-Einsatz. Vielleicht hab ich’s endgültig geschafft, dachte er, bloß Schluß mit der Schule!

Die freien Tage verbrachte er meist im Flußbad, aber er durchstreifte auch die Umgebung der Stadt. Eines Morgens ließ er sich Brote einpacken, schnitt sich einen derben Stock und wanderte in die Berge. Die letzten Dörfer blieben hinter ihm zurück. Er tauchte in die Laubwälder. Am Nachmittag stand er mehrere Wegstunden von der Stadt entfernt auf einer hochaufragenden Bergkuppe und schaute über das Land. In einer Schleife des Flusses zog sich ein Hochplateau nach Nordwesten hin, von Erosionstälern zerklüftet; von Felsschluchten, in denen Bäche talwärts zum Fluß stürzten. Durch das Hochplateau waren vereinzelte jüngere Kuppen vulkanischen Ursprungs gebrochen und stiegen auf mehrere hundert Meter an. Er blickte über den dunkelgrünen Teppich der Laub- und Mischwälder hinweg. Der Fluß glänzte im Sonnenlicht, und fern stieg das Gebirge wellig, in grünen Hügeln, zur Ebene ab. Kein Dorf ringsum, kein Weg, kein Haus! – Hier ist es herrlich, dachte er. Ohne Kompaß find ich nicht heim. Hier müßte man leben wie Karl Moor mit seiner Bande!

Der Berg, den er bestiegen hatte, war wie von einer riesigen Axt abgehackt. Am Fuß der Kuppe fand er, auf dem Abstieg, die Höhle. Ein Steinbruch fiel nach Süden tief in eine Schlucht ab. Im Norden hatte die Erosion das Gestein freigelegt. Holt sah ein Tal mit bewaldetem Hang, unwegsam und felsig. Am Steinbruch im Süden, unter der Gipfelkuppe, entwich ein Tier, ein Fuchs vielleicht, in die Büsche, und als er ihm nachspürte und das Buschwerk teilte, fand er einen Felsspalt hinter dichtem Brombeergestrüpp. Er raffte eine Handvoll Reisig auf und kroch unter niedergebrochenen Gesteinsbrocken hindurch, in den Felsen hinein. Es mußte ein uralter Bergwerksstollen sein. Schon nach wenigen Metern konnte er aufrecht gehen, und dann erweiterte sich der Gang. Von den Wänden rieselte Wasser. Er brannte das Reisigbund an und sah den Rauch in die Felsen hineinziehen. Dann stand er in einer großen, etwa drei Meter hohen und trockenen Höhle. Durch einen breiten, schachtartigen Felsspalt fiel helles Tageslicht.

Entdeckerfreude packte Holt. Nichts deutete darauf hin, daß seit langer Zeit ein Mensch hier eingedrungen war. Der Boden war felsig, und die Wände gefügt aus weichem Gestein. Der Schacht, der nach oben ins Freie führte, mußte in den Steinbruch der Gipfelkuppe münden.

Als er die Höhle endlich verließ, sah er draußen den Tag zur Neige gehen, und er beschloß, hier zu übernachten. Ringsum reiften Walderdbeeren, eine üppige Abendmahlzeit. Die Gegend war wildreich. Auf dem Felsabsatz vor dem Höhleneingang wuchs dichtes und hohes Gras. Er bereitete sich ein Lager aus Moospolstern und Laub. Dann stieg er noch einmal zum Gipfel empor. Es wurde Nacht. Tief zu seinen Füßen glänzte das phosphoreszierende Band des Flusses.

Vor der Höhle entzündete er ein kleines Feuer, ließ einen trockenen Wurzelkloben glühen und streckte sich auf seinem Lager aus. Er starrte in die Glut. Fledermäuse umflatterten ihn. Über ihm stand das Siebengestirn. Er träumte von einem abenteuerlichen Leben, hier in den Bergen, ohne Schule, ohne Maaß. Er träumte vom Sänger und der Prinzessin, von einer verborgenen Felsenhöhle, wo unter Donner und Blitz der erste Kuß das Paar auf ewig zusammenschmelzte. Am Morgen wanderte er noch vor Sonnenaufgang in die Stadt zurück.

 

Die Schwestern Dengelmann setzten Holt, als er am Vormittag daheim anlangte, ein Frühstück vor, das ihn mißtrauisch stimmte: Eier, Schinkenbrote, Mohnkuchen. Und das, obwohl sie angeblich nicht wissen, wie sie mich ernähren sollen, dachte er. Schieben die etwa heimlich? Die wollen doch was von mir! Er hatte recht. Unter vielen Versprechungen kam es ans Licht: Holt sollte ab September einen zehnjährigen Jungen zu sich ins Zimmer nehmen, da er ja doch ohnehin bald einrücke … Der Vater, ein Herr Wenzel, habe eine Gastwirtschaft, Hühner und Schweine …

»Einen zehnjährigen Rotzbengel?« sagte Holt zu Eulalia, und Veronika schüttelte mißbilligend den Kopf, daß die Lockenwickel rasselten. »Können Sie nicht warten, bis ich bei der Flak bin?« Herr Wenzel schlachte jedes Jahr drei Schweine, erklärte Veronika. Holt warf die Tür hinter sich zu und ging. Im Grunde interessierte ihn das nicht; bis zum 1. September rechnete er fest mit der Einberufung. Er beschloß, baden zu geben. Das heiße Wetter hielt an.

Er schlenderte über den Marktplatz. Vor dem Café blieb er stehen. Er hatte Lust, Billard zu spielen; Billard war große Mode. Aber allein machte es wenig Spaß. Als er weiterging, sah er einen flammend roten Rock, von weitem, auf der gegenüberliegenden Seite des Marktplatzes.

Die Marie Krüger! Sein Herz begann zu klopfen. Wenn ich ganz langsam durch die Lauben am Rathaus geh, überlegte er, treff ich genau an der Talgasse mit ihr zusammen …

Sie war nur noch wenige Meter von ihm entfernt, und beide bogen gleichzeitig in die abschüssige Straße ein, die hinab zum Fluß führte.

»Guten Tag«, sagte er. Sie nickte überrascht und ergriff zögernd seine Hand. »Na?« sagte er, und noch einmal: »Na? … Gehn Sie auch baden?« Wie rede ich sie an, Herrgott?

Er merkte nicht, daß seine Befangenheit sie belustigte; er sah nur, daß sie lächelte, und ihr Lächeln tilgte in ihm alle Furcht. Er ging neben ihr her. Sie fragte: »Sie schwänzen wohl Schule?«

»Ich hatte Scharlach und hab Schonung.« Er bedauerte, daß ihn seine Klassenkameraden jetzt nicht sehen konnten, an der Seite dieses Mädchens. Ihre Eltern lebten nicht mehr, so hieß es. Sie bewohnte irgendwo ein Zimmer. Sie war siebzehn Jahre alt, schlank, zigeunerhaft, hübsch und schlampig. Die großen, dunklen Augen standen ein wenig schräg in dem schmalen Gesicht. Von der rechten Augenbraue zog sich eine halbkreisförmige Narbe über die gebräunte Stirn. Das lockige braune Haar, das immer unordentlich war, raffte sie mit leuchtend bunten Bändern zusammen. Überhaupt bevorzugte sie eine bunte, absonderliche Kleidung, flammend rote Röcke, knallgelbe Mieder, grüne Halstücher. Die Mädchen aus der Oberschule verachteten sie, die Jungen schauten ihr heimlich nach. Sie stand außerhalb der Gesellschaft, und die Gesellschaft der Kleinbürger hatte feste Schranken. Es gab keine Industrie am Ort. Die Oberschüler sahen seit je auf die Mittelschüler herab, und diese wieder dünkten sich besser als die Lehrlinge und Hausmädchen: Der gemeinsame strenge Dienst in HJ und BdM hatte daran nichts geändert. Es gehörte viel Selbstbewußtsein und auch Mut dazu, am hellichten Tag mit Marie Krüger durch die Straßen zu gehen. Auch Holt fand sie etwas anrüchig, denn er war in strengem Kastengeist erzogen, aber die Anziehungskraft, die von ihr ausging, wirkte auf ihn so stark, daß sie alle Bedenken tilgte.

»Sie sind noch nicht lange hier?« fragte sie freundlich. »Die anderen Oberschüler sind so affig und eingebildet.«

Die haben bloß Schiß, dich anzusprechen, dachte Holt. Er entgegnete: »Am vornehmsten tun die vom Bann, nicht wahr?« Sie überquerten den Mühlgraben und betraten die Anlagen am Fluß.

Sie sah ihn von der Seite an. »Sind Sie nicht HJ-Führer?«

»Ich? Nein. Ich war Führer beim Jungvolk. Aber ich fall zu sehr auf. Jetzt bin ich Individualist. Die HJ macht mir nicht mehr viel Spaß. Früher, ja. Aber jetzt bin ich viel lieber allein. Nach den Ferien geht’s sowieso zur Flak.«

Sie antwortete nicht.

Ein kurzer, toter Flußarm mit dem irreführenden Namen Mühlgraben bildete mit dem Fluß eine Halbinsel, die man Parkinsel nannte; sie zog sich oberhalb der Stadt einige Kilometer weit am rechten Ufer des Flusses hin. Inmitten von Parkanlagen hatte hier der Ruderklub »Wiking« sein Vereinshaus, nebenan lagen die Tennisplätze, die Eisbahn und die Badeanstalt. Weiter flußaufwärts endete der Park, und die Halbinsel ging in den »Schwarzbrunn« über, eine mehrere Quadratkilometer große, unwegsame und wilde Sumpflandschaft, ein Labyrinth verlandender toter oder mit dem Fluß verbundener Flußarme und schilfgesäumter Tümpel, eine morastige Niederung, die vom festen Ufer her nur im Sommer bei niedrigem Wasserstand zugängig war. Die Badeanstalt war ein großes Gelände mit einer Liegewiese, deren Böschung zum Wasser abfiel, wo das Floß verankert war, das auf leeren Öltanks schwamm, mit Bassins für Nichtschwimmer und Sprungturm. Am Ufer neben der Liegewiese zogen sich mehrere Reihen hölzerner Umkleidekabinen hin, die wegen der jährlichen Hochwasser wie Pfahlbauten auf hohen Balkenfundamenten ruhten.

Holt, der von seiner Mutter ein reichliches Taschengeld bezog, hatte eine der teuren Jahreskabinen gemietet. Ungeduldig kleidete er sich um, fand das Mädchen am Ufer und setzte sich dort ins Gras. Zu dieser Tageszeit war die Badeanstalt menschenleer. Auf dem Floß im Schatten des Sprungturmes saß nur der alte Bademeister und angelte.

Sie lag lang ausgestreckt im Gras. Sie trug einen roten, zweiteiligen Badeanzug. Ihr Körper war gleichmäßig braungebrannt, nur an der Brust, wo sich der Badeanzug ein wenig verschoben hatte, wurde ein Streifen weißer Haut sichtbar. Sie hatte die Arme unter dem Kopf verschränkt und hielt die Augen geschlossen. Holt hockte neben ihr. Er betrachtete sie. Der Anblick der schwarzen gekräuselten Haare in den Achselhöhlen, der entspannten schlanken Glieder beunruhigte ihn … Er fand diesen braunen Leib, der sich im Gleichmaß der Atemzüge hob und senkte, seltsam zerbrechlich, er sah lange auf ihr Gesicht, auf ihren Mund, er dachte: Es schaut keiner her … ob sie sich wehrt, wenn ich sie küsse? Mag sie sich wehren … ich bin viel stärker!

»Wie alt sind Sie?« fragte sie.

»Siebzehn«, log Holt, und er legte sich neben sie ins Gras. Nun, da er sie nicht mehr sah, fiel ihm das Reden leichter. »Als ich Scharlach hatte«, sagte er, »da hab ich mal von Ihnen geträumt …« Er hörte sie lachen, das machte ihn unsicher. »Ich geh ins Wasser«, sagte er schnell, »kommen Sie mit?«

»Ich hab keine Badehaube. Ich verderb mir bloß die Haare … Es gibt keine zu kaufen. Ich gäb wer weiß was dafür.«

Er dachte nach. »Ich besorg Ihnen eine. Darf ich mir dann was wünschen?« Sie stützte sich auf die Ellenbogen und blickte zu ihm hin. Er brachte es fertig, ihr in die Augen zu sehen. »Ich bring Ihnen eine Badekappe, und Sie … zum Lohn … Sie müssen sich von mir küssen lassen …«

Sie streckte sich wieder aus. Er drängte: »Ja oder nein?« Sie antwortete: »Nachher sagen Sie: Die läßt sich wegen einer lumpigen Bademütze küssen …« Er stand auf. »Da will ich verdammt sein, wenn ich so was auch nur denk! Ohne Badehaube lassen Sie sich doch erst recht nicht …« – »Fort!« rief sie lachend. »Los, geh ins Wasser, du!« Er lief die Böschung hinab, es war eine Flucht vor ihrem Du, vor ihrem unausgesprochenen Ja. Die Planken des Floßes dröhnten, er sprang aus dem Anlauf kopfüber in den Fluß. Als er auftauchte, sah er sie im Gras sitzen, und als er den Arm aus dem Wasser hob, winkte sie.

Er schwamm zum anderen Ufer, kletterte auf den Damm und schaute noch einmal zurück. Das Mädchen war verschwunden. Er ging über die Wiesen zu einem dichten Weidengebüsch, dem vereinbarten Treffpunkt mit Wolzow.

Er warf sich auf den weichen Boden und blickte in den wolkenlosen Sommerhimmel.

 

Er erwachte, als Wolzows greller Pfiff vom Ufer herwehte. Wolzow setzte sich zu Holt. Er hatte in seinem Paddelboot Zigaretten und Streichhölzer mitgebracht. Holt fragte: »Was gibt’s Neues in der Penne?« – »Maaß hat die Lateinarbeit zurückgegeben. Hab eine glatte Fünf. Ich bleib wahrscheinlich sitzen.« – »Wäre dir das gleichgültig?« Wolzow hob die Schultern. »Sitzenbleiben oder nicht, darauf kommt’s doch gar nicht mehr an … Wir rücken bald ein. Später werd ich mal im Ostraum siedeln, in der Ukraine oder so. Als Offizier unter Wehrbauern brauch ich kein Latein.« Stimmt, dachte Holt. Beim Militär fragt kein Mensch mehr nach Zeugnissen … »Was Neues von der Flak?« – »Nein … Aber der Reichsjugendführer hat zum Ernteeinsatz aufgerufen.« – »Das paßt mir gar nicht«, sagte Holt mürrisch. »Die solln uns in Ruh lassen. Wenn wir bloß bald zur Flak kämen! Ich will mich endlich richtig einsetzen. Ich hab eine wahnsinnige Wut auf diese Luftpiraten.«

Wolzow blinzelte faul in die Sonne. »Der Krieg geht ja erst richtig los«, sagte er. »Ich hab keine Angst mehr, daß wir zu spät kommen. Weißt du schon, daß die Amerikaner auf Sizilien gelandet sind?« Holt war überrascht. »Nein … Ich hab ewig keinen Wehrmachtbericht gehört.« – »Jedenfalls ist das ein Fortschritt«, behauptete Wolzow. »Wie willst du den Gegner schlagen, wenn er sich nicht zum Kampf stellt? Wenn ich Feldherr wär, ich würde Entscheidungsschlachten suchen, wenn es die Lage nur einigermaßen erlaubt. Weißt du, wer mein Ideal ist? Ich hab neulich von Marius gelesen. Mensch, das war ein Kerl!« Er richtete sich auf. »Wir können uns, glaub ich, ab August freiwillig melden. Kommst du mit zu den schnellen Truppen? Panzer sind die tollste Waffe.« – »Ich komm mit«, sagte Holt. »Panzer ist gut. Ich stell mir das herrlich vor, wenn man ins Feuer reinbraust, und ringsum trommeln die Granaten, und dann das Duell Panzer gegen Panzer … Du hast recht! Es gibt kein Abenteuer, nur den Krieg. Früher gab’s Seeräuber, Banditen wie Karl Moor, die für Gerechtigkeit ihr Leben gaben.«

Eine Stunde lang lagen sie in der Sonne. »Das schönste ist natürlich Truppenführung«, begann Wolzow von neuem. »Da stehst du am Kartentisch, die Mütze auf dem Kopf, und klopfst ganz lässig mit dem Rotstift auf die Karte. Hier … ein Stoß wird so angesetzt, und einer so … Dann gibst du Befehle. Dein Wort entscheidet die Schlacht.«

 

In der Badeanstalt herrschte Hochbetrieb. Die Marie Krüger, von ein paar Männern umgeben, saß auf der Wiese; Holt sah es von weitem mit einem brennenden Gefühl der Eifersucht. Sie banden das Boot fest und kletterten auf das Floß, von jüngeren Schülern respektvoll gegrüßt. Beim Sprungturm hatte sich ein Kreis von Jungen und Mädchen versammelt. Holt hörte die helle, freche Stimme Zemtzkis. Rutscher stotterte ihnen ein »A-a-ave Cäsar!« entgegen. Sie waren alle beisammen, Wiese, Vetter, Gomulka, auch Nadler mit ein paar seiner Untergebenen, Schenke, Hampel, Kieback und wie sie alle hießen … Dazu ein paar Mädchen: Rutschers Schwester Ilse, die schlanke Doris Wilke, »Putzi« genannt, und Friedel Küchler, die strohblonde Mädelgruppenführerin, Tochter des Landrats. Sie rief »Heil Hitler!«. Holt setzte sich auf die Planken und beobachtete die Mädchen. Doris Wilke errötete bei Wolzows Anblick, sie war in den großen, finsteren Burschen verliebt, aber Wolzow merkte es nicht oder wollte es nicht merken. Es ging in Gegenwart der Mädchen recht förmlich zu. Nur Wolzow benahm sich nicht anders als sonst. »Ihr Mädel werdet immer zackiger, zum Piepen ist das«, sagte er zu Friedel Küchler, während er sich niedersetzte. »Ich seh euch noch als richtige Mannweiber.« – »Solche Flintenweiber«, sagte Vetter, »haste die neulich in der Wochenschau gesehn?« Friedel Küchler wies Wolzow zurecht: »Das ist ganz falsch!« Sie konnte wohltönend reden, sie hatte sogar schon einmal bei einer Morgenfeier der Hitlerjugend im Rundfunk gesprochen. »Sieh dir mal ›Glaube und Schönheit‹ an, ihr gemessenes Schreiten hinter den Wimpeln, oder den heroisch ernsten Aufmarsch zu Spiel und Tanz … Niemand wird aus dem lebensfrohen Getümmel eine Vermännlichung fürchten … Unsere Mädel werden biologisch bessere und sittlich keine schlechteren Mütter sein als die Mütter früherer Generationen.« – »Alles Quatsch«, sagte Wolzow ungerührt. »Du redest doch immer von den Germanen! Bei den Germanen hatten die Weiber das Maul zu halten und Kinder zu kriegen!«

Holt fühlte sich nicht recht wohl in diesem Kreis. Er fand diese gleichaltrigen Mädchen, Schülerinnen der Mädchenoberschule, albern, so hübsch sie anzusehen waren in ihren knappen Badeanzügen. Jemand sprach ihn an: »Wir hörten gerade deinen berühmten Schachtelsatz.« Peter Wiese hatte den Satz rekonstruiert und aufgeschrieben. »Der Maaß«, sagte Gomulka, »verwindet das nie! Er hat keine Freude mehr an Schachtelsätzen!« – »Dafür ist er noch gemeiner geworden«, schimpfte Vetter, der dick und rosig auf den Brettern saß. »Zu mir hat er gestern gesagt: ›Woher stammt eigentlich Ihre Blödheit? Vom Vater nicht, den kenne ich, wahrscheinlich haben Sie eine saudumme Mutter!‹ Muß ich mir so was gefallen lassen?« – »Ei, seht doch mal, wer da kommt!« piepste Zemtzki.

Alle wandten die Köpfe. Über das Floß ging Marie Krüger, mit wildem Haar, am Sprungturm vorbei. Zemtzki sagte, so daß sie es hören mußte: »Die ist eine stadtbekannte …« – »Halt den Mund!« rief Holt. Zemtzki verstummte.

Das Mädchen war an der Treppe stehengeblieben und sah zu ihm hin, dann ging sie rasch davon. Friedel Küchler sagte spitz: »Die nimmst du in Schutz? Bist du etwa in die verliebt?« Holt war turmhoch überlegen. Er stand auf. »Komm, Gilbert … Mir gefällt’s nicht mehr. Die dumme Pute will stänkern.«

Sie gingen über die Treppe ans Ufer.

 

Die Wolzowsche Villa lag über den alten, baufälligen Fachwerkhäusern auf einem Hügel. Ein großer, verwilderter Garten umgab das Haus; von der Mauer blickte man auf die roten Schindeldächer und in die engen Gassen der Altstadt hinab.

Das Haus war verwahrlost. In der dunklen Halle hingen ein paar verstaubte Ahnenbilder an den Wänden. In dem offenen Kamin häufte sich Unrat und Asche. Die Fenster, seit langem nicht mehr geputzt, ließen trübes Licht in den großen Raum. Eine Treppe mit geschnitztem Geländer führte in das Obergeschoß. Hier bewohnte Frau Wolzow mit ihrem Sohn ein paar Zimmer. Das Erdgeschoß blieb leer und verfiel.

Wolzows Zimmer glich einer Rumpelkammer. An den Wänden hingen Armbrüste, exotische Waffen, Bogen und gefiederte Pfeile, indianische Streitäxte, Blasrohre und ein Paar altertümliche Duellpistolen. Vor dem Fenster stand ein großer Eichentisch, von Retorten und Flaschen, Gläsern und verrosteten Büchsen bedeckt. Ein Totenschädel lag herum, aus dem Beinhaus des Kirchhofs gestohlen, ein ramponiertes, ausgestopftes Rebhuhn, das als Zielscheibe diente, Papiere und Bücher. Auf einem Haufen Unrat in der Ecke lagen obenauf zwei Schläger, ein krummer Türkensäbel, ein Tellereisen und ein verschmutzter Schaftstiefel. Eine Fechtmaske und allerhand Kleidungsstücke waren auf dem Boden verstreut, und das eiserne Feldbett bedeckte ein zottiges braunes Bärenfell.

Holt saß auf dem Fell, die Füße auf einen herangeschobenen Stuhl gelegt. Er fühlte sich wohl hier. Wolzow experimentierte an dem großen Eichentisch; unter einer Retorte brannte eine Spiritusflamme. Draußen sank die Dämmerung. »Wenn das klappt mit der Salpetersäure, dann mach ich Dynamit.« – »Was willst du mit Dynamit?« – »Bomben bauen, richtige Bomben, nicht solche Knalldinger aus Schwarzpulver!«

Was will er mit Bomben? dachte Holt … Dem Maaß eine unters Katheder legen? Er lachte. Aus der Retorte stiegen beizende Dämpfe. Wolzow öffnete das Fenster. Das Geläut der Kirchenglocken erfüllte den Raum … Wolzow baut Bomben, und die Glocken läuten dazu!

»Stell dir vor«, sagte Wolzow, »du legst eine Dynamitbombe an die Penne, Mensch, da bleibt kein Stein auf dem anderen!« Es war eine Vorstellung, die ihn begeisterte. »Dem Maaß eine Bombe an den Arsch binden …«

Holt rauchte und sah sich die Bücher an, die herumlagen, kriegswissenschaftliche und -geschichtliche Werke, Verdy du Vernois: »Studien über Truppenführung«, Rüstow: »Geschichte der Infanterie«, Prinz Kraft zu Hohenlohe: »Militärische Briefe über Artillerie«, und nun sah Holt auch das dicke Taschenbuch liegen. Er nahm den flexiblen Lederband zur Hand und studierte den Titel: »Lutz von Wulfingen, Generalleutnant und Lehrer an der königlich preußischen Kriegsakademie, ›Taschenbuch der Kriegsgeschichte in Stichworten mit strategischen und taktischen Anmerkungen und einem chronologischen Verzeichnis aller Schlachten, Gefechte und Scharmützel der Weltgeschichte samt der daran beteiligten Truppen und ihrer Führer‹, mit 212 Skizzen versehen und völlig neu bearbeitet von Otto Graf Ottern zu Ottbach, Major a. D., zweite Auflage 1911.« Holt durchblätterte die dünnen Seiten, »Taginae« war rot unterstrichen, »Stümperei Totilas, Narses ganz groß«, stand am Rand; und hier bei »Miltiades bei Marathon« las Holt von Wolzows Hand: »Eine Cannae vor Cannae?«

Er legte das Buch aus der Hand. Was er jetzt unter dem Wust hervorzog, war Goethes »Faust«. »Liest du den ›Faust‹?« fragte er erstaunt. Wolzow antwortete: »Ich hab gehört, da soll ein Soldat mitspielen, ich hab mir das angesehn: militärisch ist es uninteressant.« Er löschte den Spiritusbrenner und schob die Retorte zur Seite. Es war dunkel im Zimmer, er schaltete Licht ein. Holt hatte das Buch aufgeschlagen und las: »Zueignung« … Er überflog die Verse und las noch einmal: »… was ich besitze, seh ich wie im Weiten, und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten …« Das ist wunderbar … Er fragte unvermittelt: »Denkst du eigentlich gern an die Zeit, als du ein Kind warst?« – »Wozu?« sagte Wolzow. »Nein. Du? Warum lebst du eigentlich nicht bei deinen Eltern?«

»Meine Eltern sind geschieden«, antwortete Holt unlustig. »Mein Vater ist weggegangen, und bei meiner Mutter, na, ich hab’s nicht ausgehalten, ich weiß auch nicht, warum. Sie ist so … steif, gar nicht wie eine Mutter. Großzügig war sie ja, in allem, wir hatten da eine Sportschule, sie hat mir einen Trainer für Jiu-Jitsu bezahlt und alles mögliche … Aber sonst … Und meine Tante aus Hamburg ist noch schlimmer, wie ein Eisklumpen, die hat nun dauernd bei uns gesessen, mir hat diese Weiberwirtschaft einfach nicht gepaßt. Dauernd gab’s Krach.« – »Und warum bist du nicht bei deinem Vater?« – »Er hat kein Sorgerecht, und Mutter läßt mich von der Polizei wegholen, wenn ich hingeh. Mein Vater ist Bakteriologe, weißt du, so wie Robert Koch … Er war Hochschulprofessor und dann in der Industrie. Er hat immer nur seine Arbeit im Kopf, das heißt, zu mir war er ja ganz nett … Aber Mutter sagt, er ist ein Menschenfeind und ganz weltfremd.« Er schwieg, es gab noch mehr zu sagen, aber eigentlich ging das niemanden etwas an, auch Wolzow nicht. »Und schließlich hat mich meine Mutter fortgelassen, jetzt bin ich eben hier.« – »Ein Glück«, entgegnete Wolzow, »sonst wär ich jetzt relegiert.« Daß Holt ihn erst soweit getrieben hatte, übersah er. »Übrigens«, brummte er, »das wollte ich dir noch sagen: Daß du mich rausgerissen hast, ich vergeß dir das nie! Wenn du mich jemals um etwas bittest«, sagte er mit einer mürrischen Feierlichkeit, »so erinner mich an diese Stunde, und ich will ein Lump genannt werden, wenn ich nicht alles für dich tu …« Holt sagte schnell: »Wenn wir zusammen in den Krieg kommen, dann wollen wir zusammenhalten wie … Hagen und Volker. Es ist gut, wenn man im Krieg einen Freund hat.« Wolzow knurrte etwas Unverständliches. Er nahm den Krummsäbel und hieb auf den Totenschädel, der krachend in Stücke sprang. Dann warf er den Säbel in die Ecke. »Zwei alte Krieger wie uns, die trennt nur der Tod!«

 

3

 

Die Badehaube bereitete Holt Kopfzerbrechen genug. Schließlich erinnerte er sich, daß Veronika Dengelmann angeblich noch vor zwei Jahren regelmäßig geschwommen sei … Am anderen Morgen, beim Frühstück, fingen die Schwestern wieder von Herrn Wenzel an. Holt erwiderte auf alle Bitten hinterhältig: »Nein. Sie würden mir ja auch keinen Gefallen tun.« – »Aber natürlich! Jeden Gefallen würden wir …« – »So? Dann geben Sie mir Ihre Badehaube.«

»Meine Badehaube?« Sie kam sich veralbert vor. Er stand schon auf. Sie rief: »Gewiß … Gewiß doch!« Wie schön das geklappt hat, dachte er. Eh dieser Knabe einzieht, bin ich bei der Flak.

Veronika brachte die Kappe. »Was wollen Sie bloß damit?« – »Also meinetwegen, schreiben Sie Ihrem Herrn Wenzel, ich bin einverstanden.« Eulalia atmete auf. Aber Veronika fand keine Ruhe: »Was wollen Sie um Gottes willen mit meiner Badehaube?« – »Eine Geranie werd ich hineinpflanzen«, sagte Holt. Er lief zur Badeanstalt.

Er saß in seiner Kabine und wartete, krank vor Aufregung, bis er die Marie Krüger im Badeanzug über die Liegewiese gehen sah. Er versteckte die Badekappe hinter dem Rücken. Sie gab ihm freundlich die Hand. »Heut müssen Sie mit mir schwimmen«, sagte er und hielt ihr die Badehaube hin.

Sie nahm ihm zerstreut die bunte Mütze aus der Hand. Dann stopfte sie das Haar unter den Gummi und sagte endlich: »Ich muß mich im Spiegel sehn.« Er folgte ihr über die Wiese. Schweigend ging sie voran, die hölzerne Treppe hinauf und dann den Gang zwischen den Kabinenreihen entlang. Sie bückte sich nach dem Schlüssel, der irgendwo versteckt war, und stieß die Tür weit auf. Dann trat sie in den kleinen Raum. Holt lehnte sich an den Türpfosten.

Sie stand vor dem Spiegel und setzte die Mütze auf, wortlos, mit flinken Bewegungen, setzte sie wieder ab und hockte sich quer auf die kleine Bank, hob die Füße auf den Sitz, zog die Beine dicht an den Körper und schlang die Arme um die Knie. Sie sah ihn an, seitlich an die Kabinenwand gelehnt, zusammengerollt wie eine Katze. Zwischen den engen Wänden herrschte ein dämmriges Halbdunkel; ein Lichtstrahl zauberte ein paar spitze Lichter in ihre Pupillen.

Holt hatte Angst. Aber der Gedanke, er könne sich lächerlich machen, trieb ihn doch den einen Schritt zu ihr hin. Er beugte sich hinab und küßte sie flüchtig auf die Lippen, die sie ihm entgegenhob. Dann richtete er sich auf, enttäuscht: die Bücher, die Träume hatten gelogen!

Sie lachte. Ihre Zähne blitzten. Sie stand auf und trat ganz dicht an ihn heran; sie schlang beide Arme um seinen Hals und küßte ihn. Er erwachte, er faßte mit beiden Händen ihre Schultern. Sie löste sich von ihm und trat einen Schritt zurück, aber er zog sie aufs neue an sich; er zwang ihr rasch die Arme auf den Rücken, er strich über ihre Schulter, ihren nackten Arm, er suchte ihre Brust. »Du tust mir weh«, sagte sie leise … Erst als auf dem Gang Schritte laut wurden, gab er sie frei. Die Schritte verloren sich. Sie trat aus der Kabine.

Er ging an ihrer Seite zum Ufer zurück, dann schwamm er mit ruhigen Stößen in den Fluß hinaus. Erst weit draußen, als er sich auf den Rücken warf, sah er, daß sie ihm folgte.

Am anderen Ufer liefen sie stromaufwärts, zu einem Wäldchen von Erlen und Weiden. Hier wucherte zwischen hohem Riedgras der Löwenzahn. Von einem Tümpel stieg schreiend ein Schwarm Wildenten auf. Sie lagen lange Zeit in der Sonne.

»Ich habe in letzter Zeit viel an dich gedacht«, sagte er. »Wir beide bleiben immer beisammen!«

»Ach du …«, sagte sie gedehnt, »schlag dir so was aus dem Sinn. Außerdem geh ich in ein paar Tagen zum Arbeitsdienst.« Sie richtete sich auf. »Vielleicht meinst du’s wirklich so«, sagte sie sanfter, »aber … das werd ich mir nie einbilden, daß so einer wie du’s ernst meint …«

Bei diesen Worten fiel ihm eine Episode aus seiner Kindheit ein.

Sie hatten in Leverkusen eine Villa am Rande der Stadt bewohnt. Im Kellergeschoß hauste die Portiersfamilie. Holt war vier oder fünf Jahre alt, und einmal entlief er der ewigen Aufsicht des Kindermädchens und spielte mit der gleichaltrigen Tochter des Portiers, die ihn schließlich mit zu sich in die Kellerwohnung nahm. Er saß in der dunklen Küche am Tisch und spielte im Kreis der Familie »Schwarzer Peter«, bis ihn das verärgerte Kindermädchen fand. Oben mußte er baden und die Wäsche wechseln. Die Episode wäre wohl kaum in seinem Gedächtnis haften geblieben, aber am Abend ließ ihn ein Zufall mit anhören, wie seine Mutter voll Sorge zu seinem Vater sagte: »Wo hat er das her … diesen Hang zum Niederen?«

Bei dieser Erinnerung überkam ihn die Lust, die ganze Welt herauszufordern. »Und … wenn ich dich in unseren Kreis einführe, gleich heut? Wenn ich dich meinen Freunden vorstell? Soll einer ein Wort gegen dich sagen! Gilbert und ich, wir prügeln jeden windelweich!«

Sie lächelte flüchtig. »Jeden? … Kennst du den Meißner?«

Meißner war seit seinem Notabitur hauptamtlicher HJ-Führer, neunzehnjährig, einer der wenigen seines Jahrgangs, der nicht schon seit langem im Wehrdienst stand, ein enger Freund des Bannführers, SS-Freiwilliger und Führer des HJ-Streifendienstes. »In ein paar Wochen wird er zur SS einrücken«, antwortete Holt, verwundert über den Gedankensprung, den ihre Frage verraten hatte. Sie sah ihn aus halbgeschlossenen Augen an. »Und … kennst du die Ruth Wagner?« Er erinnerte sich schwach. Da hatte es vor Wochen ein Gerücht gegeben, ein unklares Gerücht von einem tödlichen Unfall. »Was ist mit ihr?«

Sie redete leise, den Kopf gesenkt, aber die dunklen Augen unverwandt auf ihn gerichtet. »Sie war Verkäuferin. Der Meißner hat sich an sie rangemacht. Das dumme Ding hat sich in ihn verliebt und hat sich alles gefallen lassen, obwohl so einer es mit uns ja gar nicht ernst meint … Aber er hat ihr sonstwas vorgeredet und daß es noch Geheimnis bleiben muß. Dann hat er sie plötzlich abschieben wollen, da war sie schon in anderen Umständen. Er hat gesagt, es ist Schluß. Er hat ihr Geld gegeben, daß sie’s wegbringen lassen kann, aber wenn sie erzählt, daß er’s gewesen ist, dann passiert was. Da ist sie zu mir gekommen. Sie war ganz verzweifelt. Und denselben Abend ist sie in den Schnellzug gestiegen. Am anderen Tag ist ihr Vater bei mir gewesen, ob ich weiß, warum sie weggefahren ist. Ich hab natürlich von nichts gewußt. Dann haben sie die Ruth gefunden, sie hat sich aus dem fahrenden Zug gestürzt, grad als der Gegenzug kam. Es heißt, es war ein Unglücksfall. Dann hat der Vater einen Brief von ihr bekommen, den sie unterwegs aufgegeben hat, und er ist zum Bann gelaufen und hat Krach gemacht. Sie haben ihn dort festgehalten, und unterdessen ist der Meißner ganz aufgeregt zu Kretschmar gelaufen, was der Chef vom SD ist. Ruths Vater ist nicht wieder nach Hause gekommen, und niemand weiß, wo er jetzt ist.«

Er sah vor sich hin.

Sie neigte sich zur Seite, sie brachte den Mund dicht an sein Ohr. »Siehst du, deshalb bin ich mißtrauisch bei einem wie dir.« Sie sprang auf. »Aber mach dir nichts draus, bald bin ich nicht mehr hier.«

Er war auf einmal allein. Er glaubte kein Wort, und er glaubte doch alles. Er war entsetzt und zugleich traurig, er fühlte eine Erbitterung in sich, die in Zorn umschlug, in Zorn gegen Meißner. Er lag noch lange im Gras und dachte nach. Dann beschloß er, mit Wolzow zu reden.

 

»Ich muß dir was erzählen«, sagte Holt, als Wolzow ihm öffnete. Dann horchte er auf. Durch die Wände drang ein seltsamer Laut, langgezogen wie das Heulen eines Hundes. »Meine Mutter«, sagte Wolzow. »Seit zwei Jahren immer dasselbe Theater, seit mein Vater an der Ostfront steht … Und so was nennt sich Offiziersfrau! Sie war schon mal im Irrenhaus, aber denkst du, sie haben ihr das Gejammer abgewöhnt?« Er bot Zigaretten an. »Hör nicht drauf, du gewöhnst dich dran. Erzähl.«

»Kennst du die Ruth Wagner?« – »Hm«, machte Wolzow. »Eine undurchsichtige Geschichte.« Er zeigte sich wenig interessiert.

Holt erzählte. Er fragte anschließend: »Glaubst du das?«

»Warum denn nicht? Voriges Jahr ist auch so was passiert. Da sind ein paar Kerle vom Bann eingerückt, die haben Abschied gefeiert. Als sie besoffen waren, haben sie das erste beste Mädel von der Straße hochgelockt, haben sie nackt ausgezogen und dann der Reihe nach … na, verstehst schon. Das haben sie Äquatortaufe genannt, weil sie Marinefreiwillige waren, ganz originell, was? Das Mädel war erst fünfzehn. Der Vater wollte Krach schlagen, aber der Bannführer hat seine Leute gedeckt. Wenn er nicht Ruhe gibt, haben sie dem Vater gesagt, dann ist seine u.-k.-Stellung hin … Da hat dieser Zivilist aus Angst vor der Front gekuscht, und so wurde die ganze Sache totgeschwiegen. Das mit dem Meißner kann schon stimmen.«

»Und … wie stehst du dazu?« rief Holt.

»Das geht mich nichts an«, erwiderte Wolzow mürrisch. Aber Holt ließ nicht nach. »Geht dich nichts an? Mich auch nicht. Aber unsereins ist ja schließlich nicht irgendwer! Ist dir’s wirklich egal, was dieser Meißner angerichtet hat?« – »Reg dich nicht auf«, meinte Wolzow beschwichtigend. Aber Holt rief: »Haben wir eine Ehre im Leibe? Ja? Dann muß man … zur Polizei gehn …«

Wolzow tippte mit dem Finger an die Stirn. »Polizei? Die werden sagen, das ist Hetze gegen die Partei.«

Holt saß eine Weile erschrocken auf dem Bett. Dann sagte er trotzig: »Aber es geht um … Gerechtigkeit! Wir müssen auf eigene Faust Gerechtigkeit üben, wie Karl Moor: ›Mein Handwerk ist Wiedervergeltung.‹ Wir werden die Ruth Wagner an Meißner rächen.« – »Das Weibsbild ist mir egal«, erwiderte Wolzow. Er ging plötzlich im Zimmer auf und ab. »Der Meißner …«, sagte er dann, »das sind zwar alte Geschichten, aber immerhin: der hat mir damals meine Karriere als HJ-Führer versaut, da darf ich gar nicht dran denken … Also gut, ich überleg mir das.«

 

4

 

Holt nahm die letzten Tage vor den Ferien wieder am Unterricht teil. Die Mitschüler begrüßten ihn jubelnd, aber Wolzow fehlte. Das vergällte Holt den Tag. Er war überdies unruhig, weil es ihm nicht gelungen war, die Marie Krüger noch einmal wiederzusehen. Auf dem Stundenplan stand heute: Mathematik, Physik, Biologie und zwei Stunden Leibesübungen. Glaser hielt auf dem Korridor Wache. Zemtzki rief: »Ich bin bei Benedict mit dem Vorspruch dran!« Benedict verlangte vor jeder Turnstunde eine Art Losung, die mit den Worten zu enden hatte: »Darum … Sport frei!« Zemtzki piepste: »Wenn ich ›Darum‹ gesagt hab und das linke Auge zukneif, dann brüllt ihr alle: ›… eßt Pellkartoffeln!‹ Wir probieren!« Er stand auf dem Podium und rief: »Trotz guter Kartoffelernte bleibt Sparsamkeit oberstes Gebot! Darum …« – »… eßt Pellkartoffeln!« Holt hatte gleich nach seinem Eintritt in die Klasse Wilhelm Busch zitiert: »Es ist ein Brauch von alters her, wer Sorgen hat, hat auch Likör, darum … Sport frei!« Seither war die einstmals ernstgemeinte Sitte zu einer Quelle ständigen Unfugs geworden.

Mathematik bei Schöner: Der dicke Vetter holte seine Spielkarten hervor, mischte und teilte aus.

Die nächste Stunde war interessanter: Physik bei Gruber. Man begab sich ins Physikzimmer.

Gruber stand am Experimentiertisch und baute eine Influenzmaschine auf. Man brüllte ihm den Hitlergruß entgegen, denn das kleine, kugelrunde Männlein, weit über sechzig Jahre alt, war schwerhörig, fast taub. Er kleidete sich stets in grünes Loden und beteuerte immer wieder: »Ich höre famos! Ich höre fabelhaft und ziehe die Konsequenz!« Er beobachtete die Gesichter seiner Schüler argwöhnisch und strafte, wenn er jemanden auch nur die Lippen bewegen sah. Man hatte folglich gelernt, mit geschlossenem Mund die erschütterndsten Laute hervorzubringen.

Der Unterricht begann vor einer Kulisse von Urgeräuschen. Holt hatte keinen Spaß daran. Er las, das Buch unter der Bank versteckt. »Holt, nach vorn!« befahl Gruber. Er sprach sehr leise. Holt überhörte die Aufforderung, aber die Mitschüler heulten: »Holt … nach vorn!«

Er erhob sich und sagte: »Ich hab sechs Wochen gefehlt!« Gruber verstand falsch. »Nein, Ihre Aufzeichnungen brauchen Sie nicht mitzubringen.« Holt wiederholte: »Ich hab gefehlt!« – »Nun ja, eben deshalb«, beharrte Gruber. Und da geschah es, daß Holt zurückbrüllte: »Ich habe aber keine Lust.« Dann setzte er sich und zeigte ein abweisendes, gleichgültiges Gesicht.

Die Klasse jubelte, verstummte aber, als Gruber den Mund zur Antwort öffnete. Der kleine Lehrer in seinem grünen Loden rang nach Luft, dann rief er empört: »Ich hörte es famos! Keine Lust! Ich strafe es durch einen Tadel, ich protokolliere es im Klassenbuch.« Gruber schraubte den Füllhalter auf. Da erhob sich Zemtzki und rief mehrmals hastig: »Herr Lehrer … Herr Lehrer! Ich! Ich!« Er lief nach vorn zu Gruber, der ihm bereitwillig das Ohr hinhielt. »Sie dürfen ihn nicht bestrafen! Bitte, er war krank! Er hatte Gehirnscharlach! Der Arzt hat gesagt, noch lange Zeit setzt ihm der Verstand aus … Bitte … er kann nichts dafür!« Gruber stand unschlüssig. Aus der Klasse kam das Echo: »Ja! Er spinnt! Er kann nichts dafür!« – »Er ist zeitweilig blöd«, flehte Zemtzki, »Sie dürfen ihn nicht bestrafen!«

Holt war damit nicht einverstanden und erhob sich. »Das ist nicht wahr! Ich bin völlig normal!« Aber gerade diese Bemerkung schien Gruber vom Gegenteil zu überzeugen; auch mochte ihm ein kranker Schüler sympathischer als ein aufsässiger sein. Also schraubte er den Füllhalter wieder zu. »Mit Rücksicht auf Ihren Gesundheitszustand sehe ich von der Protokollierung des Tadels ab.« Er fügte hinzu: »Schonen Sie Ihr Gehirn!«, was ihm stürmischen Beifall eintrug.

Holt hatte keine Freude an Zemtzkis Streich. Wie mir das alles zum Halse heraushängt! dachte er. Der Gedanke an Wolzow ließ ihn nicht zur Ruhe kommen.

 

Vor dem Portal der hohen Gartenmauer parkten ein paar Kraftwagen. Sollte Wolzows Vater auf Urlaub gekommen sein? Er betrachtete neugierig die Militärfahrzeuge, zwei offene Kübelwagen mit aufmontierten Maschinengewehren, mehrere Motorradgespanne und eine große Limousine. Soldaten hockten in den Fahrzeugen, mit Helmen, Karabinern, viel Gepäck und dreckverkrusteten Stiefeln. Sie sahen müde und überanstrengt aus, als hätten sie eine strapaziöse Fahrt hinter sich.

In der Halle standen ein paar Koffer herum. In einem Sessel schnarchte ein Unteroffizier, die schmutzigen Stiefel auf dem Teppich. Wolzows Zimmer war leer. Holt rief durch die Korridore, setzte sich auf das Bett und wartete.

Wolzows Augen waren klein vor Müdigkeit. »Mein Vater ist gefallen. Onkel Hans ist heute nacht gekommen, direkt aus Rußland, durch Ungarn. Er ist nach Berlin kommandiert … Laß nur«, fügte er hinzu, »ist ja alles egal. Soldat ist Soldat. Bloß meine Mutter … Onkel Hans bringt sie in die Nervenklinik. So was will Offiziersfrau sein! Komm! Ich stell dich Onkel Hans vor.«

Er schob Holt in ein großes, düsteres Zimmer. Auf der Couch am Fenster lag die hagere Gestalt des Generalmajors Wolzow. Er trug keinen Waffenrock, hatte die Ärmel hochgekrempelt, und seine Stiefel lagen auf dem Teppich. Auf einem Rauchtisch standen mehrere Rotwein- und Kognakflaschen, dazwischen Zigarettenpackungen, eine halbgeleerte Zigarrenkiste. Der General richtete sich ein wenig auf. »Aha!« sagte er. Dann ließ er sich wieder auf die Couch fallen. Wolzow bot Holt einen Stuhl an, schenkte Kognak ein und erzählte: »Vater hat noch die Offensive im Kursker Bogen mitgemacht, hast ja im Wehrmachtbericht gehört, daß da was los war …« – »Hab gelesen«, sagte Holt, ein wenig befangen in der Nähe des Generals, »jetzt greifen die Russen bei Orel an, es wird eine riesige Materialschlacht.« Der General richtete sich auf und nahm ein Kognakglas in die Hand. »Gilberts Freund? Freut mich. Auf Philipps Gedächtnis! Also Prost!« Er trank, er hatte leise gesprochen, mit einer hellen und ätzenden Stimme; jetzt sagte er, während er sich wieder auf die Couch fallen ließ: »Knoth!« Wolzow riß die Tür auf und schrie: »Unteroffizier Knoth!« Holt atmete hastig, der Kognak brannte in seiner Kehle.

Schritte polterten die Treppe hoch, eine Gestalt in Feldgrau rief an der Tür: »Herr General?« Es war der Unteroffizier, der in der Halle geschlafen hatte. »Spritfrage regeln«, sagte der General, die linke Hand flach auf der Stirn. Dann stützte er sich auf die Ellenbogen. »Ich kann mich nicht erinnern, wo Schreyer hingekommen ist.«

Wolzow flüsterte: »Sie haben heut nacht gesoffen wie die Stinte!«

»Der Herr Oberleutnant ist heute morgen zu seiner Frau vorausgefahren«, sagte der Unteroffizier. – »Richtig!« sagte der General. »Ich erinnere mich … Wenzke muß mich jetzt schnell noch wo hinfahren. Weiterfahrt sechzehn Uhr. Ab!« Der Unteroffizier polterte die Treppe hinab. Unter dem geöffneten Fenster wurde Motorengeräusch laut und entfernte sich. Nebenan schlug eine Tür. Wieder klang das klagende Geheul durchs Haus. »Richtig!« sagte der General abermals. Er erhob sich ächzend, fuhr in den blauen Luftwaffenrock und ließ sich von den Jungen die Stiefel anziehen. »Ich bringe jetzt Sibylle weg. Elektroschocks sollen das einzige sein.« Wolzow schnob durch die Nase. »Bei der hilft nichts mehr. Die sollten sie am besten gleich drinbehalten.« Der General murmelte etwas vor sich hin. Er war so groß wie sein Neffe, hatte die gleiche Adlernase und die gleichen grauen Augen unter buschigen Brauen. Er stand fertig angekleidet im Zimmer und preßte beide Handflächen gegen die Schläfen. »Verdammter Kognak! Verdammtes Gesaufe!« Er sah seinen Neffen nachdenklich an und fragte plötzlich: »Sorgen?«

»Mit der Schule«, sagte Wolzow. »Ich bleib vielleicht sitzen.« – »Dumm oder faul?« fragte der General. »Natürlich faul«, entgegnete Wolzow. »Wir rücken noch dieses Jahr ein … Erst mal zur Flak.« Der General begann zu lachen, nahm die Flasche und füllte die Gläser. »Prost! Mach dir nichts draus!«

Draußen klappten Türen, und die ätzende Stimme wurde vom Klagegeheul Frau Wolzows übertönt. Wolzow schenkte Rotwein ein.

Betäubt und angeregt lief Holt nach Hause. Am Himmel zogen Wolken auf. Als es dunkelte, flammte hinter den Bergen fernes Wetterleuchten. Holt stand am Fenster. Er dachte an den Augenblick in der Badekabine.

 

Am anderen Morgen fehlte Wolzow noch immer. Maaß verlas eine Anordnung: »Die Klassen III bis VI werden für drei Wochen zur Erntehilfe eingesetzt. Abreise am 21. Juli … gez. Knopf, Bannführer, Mietzsch, Oberstudiendirektor.« – »Schon drei Tage nach Ferienbeginn!« murrte Gomulka.

Nach Schulschluß fand Holt die Wolzowsche Villa verschlossen. Enttäuscht machte er sich auf den Heimweg. Aus dem Fenster des Wieseschen Hauses schaute der blasse Peter und rief ihn hinein. In dem großen, hellen Salon stand der Flügel. Peter Wiese sprach leise und nachdenklich. Er setzte sich bald an den Flügel und spielte.

Wieses Spiel stimmte Holt meist ein wenig melancholisch. »Man muß etwas Formenlehre beherrschen …«, erklärte Wiese. »Die Sätze zeigen dann ihre Architektur. Ohne Formenkenntnis gibt es kein richtiges Musikverständnis.« Er schlug ein paar Takte an. »Beethoven, Sonate Opus zwei Nummer eins, ein Schulbeispiel! Der Hauptsatz: viertaktiger Vordersatz, und jetzt … vier Takte Nachsatz. Ich wiederhole noch mal. Dritter und vierter Takt sind die Wiederholung der Takte eins und zwei in der Dominante.« Er spielte. »Siebenter und achter Takt … Kadenz, ein Halbschluß … damit ist der Hauptsatz beendet …« Wiese erklärte den ersten Satz Takt für Takt. »Überleitung. Seitensatz.« Er spielte. »Schlußgruppe. Das ganze bis hierher nennt man auch Exposition. Und nun folgt die Durchführung.« Das Nacheinander der Töne wurde durchsichtig. »Ist jedes Musikstück so streng aufgebaut?« fragte Holt. Wiese holte weit aus. »Die Form zerfällt … Nur wenige Prinzipien werden noch beibehalten, zum Beispiel Achttaktigkeit …« – »Was ist eigentlich das Schwerste auf dem Klavier?« fragte Holt;

Wiese überlegte. »Klavierauszüge von Richard Strauss … Aber es ist nicht schlimm, wenn man danebengreift, Strauss klingt sowieso immer ein bißchen falsch.« Er kramte lange in den Noten. Holt horchte auf.

Das hab ich noch nie gehört, dachte er. Wiese rief stockend, während er sich abmühte: »In der Partitur klingt es natürlich ganz anders … Hier, das soll ein Glockenspiel sein … oder Triangel.« Kling-ling-ling, klimperte er im Diskant. Die Flut der Töne, dissonant und erregend, dann wieder harmonisch, verwirrte Holt. »Überreichung der silbernen Rose«, rief Peter Wiese, »da mußt du dir zwei Frauenstimmen vorstellen …«

Ich hab viel erlebt in den letzten Wochen, dachte Holt. Noch kurze Zeit, dann ist alles vorbei, der Sommer, die Stunden hier bei Wiese, die Nachmittage am Fluß. Dann beginnt das große, das abenteuerliche Leben, der Krieg, die von gewaltigen Schicksalsmächten geforderte Bewährungsprobe! »Spiel weiter«, bat er, »mir gefällt das …« Keiner weiß, wo wir hingeraten, dachte er. Hier ist ja nirgendwo Flak, vielleicht werden wir an einem Brennpunkt eingesetzt! Das ruhige Leben ist eine Schande in dieser Zeit! Da hab ich die letzten beiden Jahre mit meiner Mutter in Bamberg gesessen, auch dort waren Bombennächte nur eine Sage; dann und wann Alarm, was ist das, wo andere, kaum ältere, schon an der Kanone stehen? »Selbsthilfe gegen Feuer und Tod«, hatte er gestern in der Zeitung gelesen, und »Ein Wort zum Luftkrieg« von Reichsminister Doktor Goebbels.

Denn es ist die Pflicht eines jeden, mutig, ruhig und vorbereitet zu sein, hatte da gestanden … Weil die Wirklichkeit des Bombenkrieges jeden Brief, jeden Bericht und jedes Vorstellungsvermögen übersteigt … Ein brennendes Haus, ein verschütteter Keller darf keine neue und überraschende, nur eine hundertmal durchdachte und längst erwartete Lage schaffen … Durch die hohe Glaswand des Wintergartens fiel mildes Sonnenlicht. Wiese spielte: Kling-ling-ling … Keller, Fluchtwege ins Freie, Mauerdurchbrüche, wassergetränkte Decken, Gasmaske, Kerzen und Streichhölzer, im Keller Trinkwasser und reichlich Mundvorrat, derbe Kleider, Phosphorspritzer, Mut und Fähigkeit zur Selbsthilfe. Nicht verzagen! Zähne zusammenbeißen!

»Die Sänger-Arie«, sagte Wiese und sang mit kindlicher Altstimme: »Di ri-go-o-riiii …« Gewiß, der Luftterror nimmt in diesen Wochen immer mehr zu. Aber der Doktor Goebbels sagt: Was die Engländer durchgestanden haben und wofür sie mancher von uns bewunderte, das müssen wir jetzt durchstehen! Wie sich für die Briten auf dem Gebiet des Luftkrieges das Blatt gewendet hat, so wird es sich wieder für uns wenden. Die Engländer haben zwei Jahre darauf gewartet, unsere Wartezeit wird nur einen geringen Bruchteil der englischen Wartezeit ausmachen. Es soll niemand glauben, daß der Führer dem Wüten des feindlichen Terrors untätig zuschaue. Wenn wir über unsere Maßnahmen dagegen nicht reden, so ist das nur der Beweis … Ja, dachte Holt, der beste Beweis! … dafür, daß wir um so mehr daran arbeiten. Die Zeit ist groß und erhaben und beschwört die Erinnerung an die besten Jahre des friderizianischen Zeitalters herauf. Friedrich stand manchmal mit seinem jungen preußischen Staat vor Gefahren, mit denen wir die, welche wir heute zu überwinden haben, gar nicht vergleichen dürfen! Er ist damit fertiggeworden.

Und wir, dachte Holt, Kerle wie Wolzow und ich … es wäre gelacht!

Peter Wiese spielte. Dann, eines Tages der Endsieg! dachte Holt. Blumen, Jubel, Glockengeläut. Kling-ling-ling, läutete das Klavier. Als Holt sich verabschiedete, sagte Wiese leise: »Ihr geht ja nun bald … Ich werde wohl hierbleiben, untauglich …« Holt sah durch den Wintergarten ins Freie. Armer Kerl, dachte er.

Am Abend war Wolzow wieder da, und Holt blieb bei ihm in der leeren Villa. Sie saßen zusammen in der Halle, vor dem schwelenden Kaminfeuer. »Es werden ganz neue Flak-Waffen vorbereitet. Hoffentlich kommen wir noch richtig zum Schuß!« sagte Wolzow.

 

5

 

Stenographie bei Hessinger, dann Zeugnisverteilung durch Studienrat Maaß, da herrschte in der Klasse schon Ferienstimmung. Man verabschiedete sich vom alten Schuljahr mit Rüpeleien. Hessinger, ein gutmütiger, alter Mann, hatte arg zu leiden; er war wehrlos, und man quälte ihn. »Ich weiß nicht«, sagte Holt in der Pause, »aber es war zuviel, es war gemein.« Gomulka betrachtete ihn nachdenklich. »Hast recht.« – »Warum läßt er sich’s gefallen?« rief Vetter. »Halt’s Maul«, sagte Wolzow.

Da geschah etwas Außergewöhnliches. Der dicke, blonde Vetter, wegen seiner Leibesfülle stets verspottet, rebellierte gegen Wolzow. »Jetzt geht dir der Arsch vorm Sitzenbleiben, ha?« Es war eine Sensation.

Aber Wolzow nahm Vetter gar nicht ernst. »Du? Na, ich halt’s deiner Blödheit zugut.« Er grinste. »Da hat der Maaß nämlich ganz recht, wenn er fragt, ob du die Blödheit von deiner Mutter hast. Denn das viele Fett hast du von deinem Vater.«

Zemtzki stand hinter Vetter und stichelte leise: »Das darfst du nicht auf dir sitzenlassen!« Vetter stammelte mit hochrotem Kopf: »Das … das … solche Beleidigung, also … heute um sechs am Rabenfelsen!«

Wolzow war überrascht. »Du willst dich mit mir schlagen?« – »Du hast meine Sippe beleidigt«, behauptete Vetter. »Ich bestimm die Bedingungen. Ich schick dir den Fritz, der ist mein Sekundant.« Zemtzki nickte eifrig. Gomulka drängte sich nach vorn. »Ich bin Unparteiischer.« Nun redeten alle auf Vetter ein. »Laß das, er haut dich zusammen!« Vetter war den Tränen nahe. »Aber meine Sippe … die Ehre meiner Sippe …« Vor der Tür pfiff der Posten.

Maaß trug die Zeugnishefte unter dem Arm. Er schielte über den Rand der Brille hinweg. Auch Wolzow wurde versetzt; seine sehr guten Noten in Turnen und Geschichte hatten ihn gerettet, aber sonst war sein Zeugnis jammervoll. Draußen blinzelte er in die Sonne. »Heut sind ein paar Kisten gekommen, von meinem Vater, der Nachlaß. Wir packen das gleich aus.«

 

Es war ein drückend heißer Nachmittag. Wolzow und Holt hatten sich bis auf die Badehose ausgezogen und kauten mit vollem Munde. In der Küche war seit Wochen kein Geschirr abgewaschen worden, verdreckte Teller und Töpfe füllten das Spülbecken. Auf dem Tisch häuften sich Tüten und Speisereste, Rotweinflaschen dazwischen, volle und leere. Wolzow holte Werkzeug, klemmte sich eine Rotweinflasche unter den Arm und schob Holt in die Halle. Dort standen drei große Kisten und ein paar Koffer auf dem Teppich. Wolzow riß die Vorhänge auf, durch die Fenster flutete Licht, die Staubteilchen tanzten. »Nimm erst mal ’n Schluck Rotspon.«

Der Rotwein schmeckte, Holt trank aus der Flasche, mehrere große Schlucke. Wolzow warf Kistenbretter in den Kamin, dann packte er Röcke und Hosen aus. Das schlechte Zeugnis geht ihm wirklich nicht unter die Haut, dachte Holt. Sein eignes war gerade noch erträglich ausgefallen, aber Maaß hatte ihm »moralische Unreife und übersteigertes Geltungsbedürfnis« bescheinigt. Bei der Flak interessiert das niemanden, dachte er.

»Hier!« sagte Wolzow. »Na bitte!« Er zog einen Offiziersdolch mit einem Griff von Elfenbein aus der Scheide. »Prachtvoll, was? Aber der Kamin stinkt.« Holt riß ein Fenster auf. Die zweite Kiste war mit Schachteln, Etuis und Packtaschen gefüllt. Eine Aktentasche enthielt Papiere, dicke Stapel Landkarten, in Wachstuch gebundene Hefte, deren Seiten mit einer flüchtigen Handschrift bedeckt waren, ein Kästchen mit Orden und Ehrenzeichen und anderen Kram. »Ich bin der Erbe. Wenn meine Alte so weitermacht, laß ich sie entmündigen.« Er rief: »Sieh her!« Da waren zwei, nein, drei Pistolentaschen. Wolzow öffnete die erste und entnahm ihr eine schwere Schußwaffe. »Mensch …«, flüsterte Holt begeistert, »eine Nullacht!« – »Si vis pacem, para bellum …«, sagte Wolzow, »daher der Name Parabellum.« Er riß das Magazin heraus und öffnete den Verschluß, eine Patrone kullerte über den Teppich. »Und hier … eine siebenfünfundsechziger Walther. Die kenn ich noch nicht.« Er schob Holt die dritte Tasche hin. Holt zog eine kleine Selbstladepistole aus dem Futteral. Er schloß die Hand um den Griff und zog den Schlitten zurück; eine glänzende Patrone sprang heraus. Mit leisem metallischem Geräusch glitt das Schloß wieder nach vorn. Jetzt den Finger krummgemacht … Herr bin ich über Leben und Tod!

»Belgischer Browning«, sagte er, »Kaliber sechsfünfunddreißig. Neben den beiden Kanonen fast’n Spielzeug, aber herrlich!« – »Wenn sie dir gefällt«, sagte Wolzow, der die Walther wieder zusammensetzte, »kannst du sie behalten.« Er lief auf sein Zimmer, holte das ausgestopfte Rebhuhn und stellte es auf den Kaminsims vor die glänzenden Klinker.

Es klingelte. Draußen standen Gomulka und Zemtzki. Holt führte sie in die Halle. Wolzow stieß das Magazin in den Handgriff der Walther. »Kommt rein!« Er hob die Pistole, zielte auf das Rebhuhn und drückte ab. In der Halle krachte der Schuß wie eine Handgranate. Das Geschoß prallte vom Kaminsims ab und zerschmetterte eine große Vase, die keinen Meter neben Gomulka auf einem Tischchen stand. Pulvergeruch breitete sich aus. Gomulka, dem die Scherben der Vase um den Kopf flogen, verzog keine Miene. »Mein Tirolerstutzen hätte den Klinker zerschlagen«, sagte er. Wolzow sicherte die Pistole und legte sie vor sich auf den Rauchtisch. »Du hast Nerven, alle Achtung! Du hast überhaupt allerhand kriegerische Tugenden!« – »Verrückt«, piepste Zemtzki, »knallt mit Kanonen rum, bis es mal ins Auge geht!«

Wolzow holte eine Rotweinflasche. »Setzt euch!« Die Flasche ging reihum. Dann begann Zemtzki: »Vetter ist vor versammelter Klasse beleidigt worden. Für seine Eltern kann er nichts, sagt er. Sie prügeln ihn jeden Tag, aber die Ehre seiner Sippe steht über allem. Gut, was? Ich hab gesagt, wenn er sich nicht mit dir schlägt, gilt er überall als Feigling.« – »Der soll Ruhe geben«, sagte Holt. – »Er hat sich was Neues ausgedacht, wo er bessere Chancen hat als im Boxen. Er will sich mit Fahrtenmessern stechen.« Wolzow lachte. »Das hat er bei Karl May geklaut!« – »Dreschen will er sich nicht«, meinte Zemtzki, »weil ihn sein Vater gestern erst mit ’m Ochsenziemer verhauen hat. Aber er will die Ehre seiner Sippe mit deinem Blut abwaschen.«

Gomulka lächelte.

»Gilbert nimmt die Forderung an«, meinte Holt. »Meinetwegen sechs Uhr am Rabenfelsen. Sag dem Vetter folgendes: Gilbert ist das in der Erregung rausgerutscht. Das muß genügen. Messerstecherei ist ein bißchen übertrieben.« Aber Wolzow rief: »Nachher denkt er, ich hab Angst!«

»Vetter wird von allen gehänselt«, sagte Gomulka nachdenklich. »Zu Hause ist er der Prügelknabe, ihr habt keine Ahnung, was dort manchmal los ist! Er ist richtig verbittert, und die Erklärung lehnt er ab, das weiß ich jetzt schon.«

»Mir macht es nichts aus«, sagte Wolzow gleichmütig. »Jetzt raus mit euch, ich hab keine Zeit.«

Sie packten die letzte Kiste aus, und die Halle füllte sich mit Ausrüstungsgegenständen. Ein Koffer enthielt Pistolenmunition aller Kaliber, und schließlich packte Wolzow Zigarren aus, fünfundzwanzig Kisten vielleicht, duftende Zigarren. Er entdeckte die Brieftasche seines Vaters. Sie enthielt etwas mehr als dreihundert Mark.

Er spielte wieder mit der Walther, nachdenklich, den Kopf auf die Seite gelegt. »Ich hab mir die Sache mit dem Meißner durch den Kopf gehen lassen. Daß ich heute im Dienst vor jedem Scharführer strammstehen muß, das verdanke ich ihm. Eigentlich wär da längst eine Abreibung fällig. Ich mach also mit. Aber es muß bald sein, denn in acht Tagen rückt er ein. Ich hab Stammführer Wurm getroffen, der führt mit dem Barth unser Erntekommando. Kann ja heiter werden! Also, der Meißner rückt ein.« – »Wenn wir zurückkommen«, sagte Holt nachdenklich, »ist er über alle Berge.« – »Hast du etwa die Absicht, drei Wochen im Ernteeinsatz zu bleiben?« – »Wie meinst du das?« – »Durchbrennen!« – »Wohin?« fragte Holt. – »Das ist es eben … Aber auf jeden Fall hau ich hier ab … bis zur Einberufung.«

Holt überlegte. »Du kommst nicht weit. Früher war das anders.« Aber nun stieg vor seinen Augen die wilde Landschaft der Berge empor, uferlose Wälder … die Höhle! »Ich wüßte was«, sagte er, heiser vor Erregung. »Ein Versteck …« Und er erzählte.

»Komm mit hoch«, sagte Wolzow. In seinem Zimmer kramte er Landkarten hervor, Meßtischblätter der Umgebung. »Der Vostrauer Berg kann’s nicht gewesen sein, den kenn ich genau … Zeig mal, wo du langgegangen bist.« Holt studierte die Karte. »Hier … durch die beiden Dörfer … Dann bin ich nach Norden, dann ging’s um einen sehr langen Berg herum westnordwestlich, dann wieder nach Norden …« – »Da bist du viel weiter weggewesen, als du glaubst! Der Vostrauer Berg liegt ganz woanders. Du bist wahrscheinlich um den Breiten Berg und weiter … Steinbrüche gibt’s da hinten viele … Hier muß das gewesen sein … Neben dem Kahlenberg … noch hinter der Bruchspitze … Das sind von hier dreißig Kilometer …« – »Ich bin auf dem Rückweg hart marschiert und doch etwa sieben Stunden unterwegs gewesen …«

Wolzow saß auf dem Bett und paffte eine Zigarre. »Vor paar Jahren war ich mal dort … Eine verdammt einsame Gegend! Keine Dörfer, nur Wald … In den Bergen hat’s ganz früher Bergwerke gegeben. Wenn jemand von der Höhle wüßte, hätte ich’s bestimmt gehört!« Er ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. »Jetzt haben wir Juli. August, September … Da müssen wir’n Haufen Kram mitschleppen!«

Holt lehnte am Fenster. Nun verschlug es ihm doch die Sprache. Aber dann sah er Wälder, Wolken, Berge … nächtliche Lagerfeuer, Sternenhimmel … Freiheit, Ungebundenheit … großes berauschendes Abenteuer!

Wolzow studierte wieder die Karte. »Man kann den Weg mächtig abkürzen, wenn man flußaufwärts fährt, mit einem Boot durch den Schwarzbrunn … Das wär auch für’s Gepäck günstig, man könnte einen Kahn den Fluß hochtreideln … Wir sehn uns die Höhle gleich mal an, ja?«

»Bis Dienstag«, sagte Holt nun, und für ihn war das Abenteuer beschlossene Sache, »können wir alles vorbereiten. Dann fahren wir zum Ernteeinsatz. Das ist tatsächlich die beste Art, hier zu verschwinden. Nach drei Tagen kommen wir heimlich zurück, verprügeln den Meißner, und anschließend geht’s los.« Es war alles ganz einfach.

Aber Wolzow meinte: »Die Sache mit Meißner will gut überlegt sein; du weißt ja, Überfall auf einen HJ-Führer, das kann uns übel bekommen.« – »Er muß aber wissen, warum wir ihn verdreschen«, sagte Holt. »Vorsicht«, entgegnete Wolzow, »das macht’s noch gefährlicher!« – »Und dein Onkel?« fragte Holt. »Kann der uns notfalls nicht beistehn?« – »Wo denkst du hin!« rief Wolzow. »Onkel Hans ist seit dreißig in der Partei, als deutscher Offizier würde er so was nicht dulden. Nein, wir müssen uns schon selber helfen.« – »Wenn wir was in die Hände bekämen«, meinte Holt, »was Schriftliches, ein Geständnis, das ihn unmöglich macht, falls er nicht den Mund hält!« Wolzow überlegte wieder. »Gute Idee«, sagte er dann, »ich laß mir’s durch den Kopf gehen.«

Sie bereiteten sich auf die Verabredung am Rabenfelsen und zugleich auf den anschließenden Nachtmarsch zur Höhle vor.

Sie packten die Pistolen ein, Munition, Taschenlampen, die Karte, einen Laib Brot und zwei Büchsen Fleisch. Jeder hing eine zusammengerollte Zeltbahn um.

 

Der Rabenfelsen lag nahe der Stadt, hinter der Bismarckhöhe. Sie liefen zwischen Lauben und Gärten entlang. »Wir brauchen Gewehre«, sagte Wolzow. »Mit der Pistole kann man keinen Hasen schießen, schon gar kein Wildschwein … Eine Kleinkaliberbüchse muß her, mindestens … Meine ist kaputt. Der Sepp hat eine! Außerdem hat er einen Tirolerstutzen, Kaliber elf Millimeter … oder noch größer. Die Kugeln muß er aus Blei gießen, mit einer Kugelform, die Patronen lädt er mit Schwarzpulver. Es macht einen fürchterlichen Gestank und knallt wie eine mittelalterliche Feldschlange. Aber auf hundert Meter legst du damit jedes Wild um.« – »Den Sepp sollten wir mitnehmen«, sagte Holt. »Er hat die Schule genauso satt wie wir.«

Der Rabenfelsen bestand aus bizarr aufeinandergetürmten Basaltbrocken. Die Sonne warf seinen Schatten bis an den nahen Waldrand.

Gomulka begrüßte sie. Vetter hielt sich mit Zemtzki abseits. »Halt dich zu uns, Sepp, wenn der Zauber vorbei ist«, sagte Wolzow.

Zemtzki teilte feierlich mit, daß Vetter jede Versöhnung ablehne. »Er will kämpfen.«

Gomulka hatte auf der Wiese einen Kreis abgesteckt. Wolzow zog das Hemd über den Kopf, zog auch die Breeches und die Stiefel aus und stand schließlich barfuß, in der Badehose, im Gras. »Wollt ihr wirklich?« fragte Gomulka, plötzlich ganz ernst. Wolzow trat schon in den Kreis. Auch Vetter trug nur die Turnhose. Holt fuhr ihn an: »Du bist ein Rindvieh, Mensch, du bist selbst schuld, wenn dir …« – »Wenn du mich beschimpfst, mußt auch du mit mir kämpfen«, unterbrach ihn Vetter. Er klapperte mit den Zähnen. Als er gleichfalls in den Kreis trat, schielte er argwöhnisch auf Wolzow, der gelassen wartete, einen halben Kopf größer als Vetter, Arme, Brust und Schultern mit Muskeln bepackt. Vetters Körper war schwammig, rosig, ein wenig gedunsen.

Gomulka hielt Vetter ein HJ-Fahrtenmesser hin. Auch Wolzow erhielt einen Dolch. »Stellt euch in den Kreis, Gesichter abgewandt!« – »Und wer trägt Vetters Leiche nach Hause?« fragte Zemtzki. »Ich bin doch als Sekundant nicht etwa verpflichtet, ihn auch noch …« – »Still!« rief Gomulka. »Wenn ich sage ›los‹, dreht ihr euch um und kämpft, ohne weiteres Kommando. Wer den Kreis verläßt, hat verloren. Sonst bis zur Kampfunfähigkeit. Das Kommando lautet ›Achtung … fertig … los!‹ Das Kommando gilt: Achtung … fertig …« – »Ich kämpfe nämlich für meine Sippe!« rief Vetter verzweifelt. Er war blaß, und seine Knie zitterten. »Halt den Mund«, sagte Wolzow, »Sepp, gib endlich das Zeichen!« Holt sah, daß Wolzow wütend war. »Los!« rief Gomulka.

Beide drehten sich um und gingen langsam aufeinander zu, Wolzow ruhig und entspannt, aber Vetter watschelte unbeholfen daher, fuchtelte mit dem Dolch in der Luft herum und sagte vor Aufregung immerfort: »Los … los … los …« Auf einmal warf Wolzow das Messer weg, Vetter erschrak und stieß mit dem Dolch nach ihm, Wolzow wich mit einem schnellen Schritt zur Seite und gab Vetter eine so gewaltige Ohrfeige, daß der dicke Junge rücklings zu Boden fiel. Über Wolzows Arm rann Blut. Das alles dauerte nur eine Sekunde.

»Vetter liegt außerhalb des Kreises, der Kampf ist beendet, Wolzow ist Sieger«, erklärte Gomulka. Holt besah sich die Schnittwunde. »Ein Kratzer, nicht der Rede wert.«

Vetter saß im Gras und heulte. »Alle verspotten mich«, sagte er schluchzend. »Ich kann doch nicht dafür, daß ich so dick bin … Ich bin kein Feigling!« rief er. »Meine eigene Sippe verhaut mich immer, und keiner will mein Freund sein! Aber ich mach das nicht mehr mit! Ich geh in die weite Welt …« Holt klopfte ihm auf die Schulter. »Hör auf zu heulen! Wenn du durchbrennen willst …« Er sah auf Wolzow. Wolzow grinste und nickte. »Komm mit uns. Wir machen den Laden hier dicht.« – »Wenn du ein einziges Wort verrätst«, drohte Wolzow, »knall ich dich einfach ab!« Er stieß Zemtzki in den Rücken. »Das gilt auch für dich!«

Vetter trocknete sich die Tränen ab. Er stammelte: »Wirklich?

… Wirklich?« Wolzow verteilte Zigarren. Die Sonne stand tief über den Bergen, der riesige Schatten des Felsens hüllte die Jungen ein.

Holt erzählte von Wolzows Plan und von der Höhle. Wolzow setzte hinzu: »Wir brauchen deine Gewehre, Sepp … Wir schießen Wild. Dort gibt es genug Hasen und Rehe. Die Hunnen haben auch bloß Fleisch gegessen.«

Zemtzki und Vetter saßen mit offenem Mund dabei; aber Gomulka dachte lange nach. »Wir fliegen alle von der Penne, das ist euch klar?« – »Niemand fliegt!« rief Wolzow. »Wir sind verschwunden! Wenn wir einrücken, sind wir eben wieder da. Ich wette, daß dann keiner mehr an Rausschmeißen denkt! Wir werden doch alle bei der Flak gebraucht!« – »Das ist richtig«, sagte Gomulka. »Und dort hinten finden sie uns nicht, da müßte die Polizei mit ein paar hundert Mann die Wälder durchkämmen …«

»Also … Also … Gilbert!« rief Vetter plötzlich außer sich. »Wenn ihr mich mitspielen laßt … ich schwör dir ewige Gefolgschaft!« Sein Gesicht, das von der Ohrfeige geschwollen war, strahlte. Holt sagte: »Wir müssen alle schwören!« Dann standen sie im Kreis, mit erhobenen Schwurfingern. »Wir wollen treue Kameraden und Freunde sein und zusammenhalten, was auch kommt, jetzt und im Krieg. Der Wolzow soll unser Führer sein, und wir wollen ihn nie im Stich lassen.« – »Wer so einen Eid bricht, ist ein Lump!« sagte Vetter. Holt sah stumm auf Wolzow, auf das harte Profil mit der Adlernase.

»Wißt ihr, warum das hier Rabenfelsen heißt?« fragte Gomulka, als sie aufbrachen. »Hier soll mal einer einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben, und der Teufel ist ihm in Gestalt eines schwarzen Raben erschienen.«

Niemand schloß sich vom Nachtmarsch zur Höhle aus.

 

6

 

Tags darauf ging Holt über die Liegewiese zu seiner Kabine, zwischen den vielen Menschen hindurch, die den heißen Nachmittag am Wasser verbrachten. Er wusch sich im Fluß den Staub der langen Wanderung vom Körper, dann schlenderte er über das Floß.

Beim Sprungturm saß Peter Wiese mit einem großen, blonden Burschen. Holt blieb überrascht stehen: Wiese und Hartmuth Meißner? Wiese winkte, Holt dachte: So ein Zufall! Er grüßte katzenfreundlich und sah sich Meißner an, interessiert und abschätzend. Er hatte ihn bisher nur flüchtig gesehen. Ein großer, kräftiger Bursche mit muskulösem, trainiertem Körper, sehr braungebrannt. Ein eckiges Gesicht und kalte, farblose Augen. Das Haar war fast weiß. Wiese stellte sie einander vor.

»Schon gut!« sagte Holt. »Wer kennt den Hartmuth Meißner nicht?«

Meißner wandte ihm langsam das Gesicht zu. »Was soll das heißen?« fragte er. Holt lächelte. Es war ein Nervenkitzel. »Na, eben dies und das.« – »Du bist rotzfrech«, meinte Meißner, aber Holt unterbrach ihn rasch: »Sollst dauernd Weibergeschichten haben. So was spricht sich rum.« – »Hast du da was Bestimmtes gehört?« – »Kann man’s wissen?« fragte Holt zurück. Er hielt Meißners Blick stand, er tat ganz harmlos, aber er fühlte dabei Haß in sich aufsteigen. Warte nur, bald stehen wir uns anders gegenüber!

Er legte sich lang auf die sonnenheißen Bretter. »Hast ja recht«, sagte er. »Wenn man bald einrückt, da nimmt man eben noch mit, was sich bietet.« – »Für so einen Standpunkt bist du noch ein wenig grün«, erwiderte Meißner. – »Was sind schon die paar Jahre, die du älter bist als ich! Wir haben alle die gleiche Philosophie.« – »Und die wäre?« – »Leben und leben lassen«, sagte Holt.

Meißner, der schläfrig in der Sonne saß, wachte auf. »Das klingt mir ’n bißchen liberal.« – »Gar nicht«, widersprach Holt. »Keiner weiß, ob er wiederkommt, und da will sich halt jeder vom Speck noch ein ordentliches Stück abschneiden.« Meißner schwieg. Dann sagte er mit geschlossenen Augen, den Kopf rücklings an die Balken des Sprungturmes gelegt: »Daß ihr alle den Geist unserer Zeit nicht begreifen könnt! Ein Stück vom Speck abschneiden … Was ist das für ein jüdischer Standpunkt! Es geht um das Reich, und ob der einzelne auf seine Kosten kommt, ist völlig bedeutungslos. Wer heute darauf ausgeht, sein Leben zu genießen, der verrät Deutschland! Und das Reich als Ganzes, mein Lieber, das kommt schon auf seine Kosten! Es wächst und erstarkt …« – »Vielleicht hast du recht, aber ich brauch keinen Unterricht, ich hatte zwei Jahre lang das beste Fähnlein im Stamm! Aber daß man sein Leben nicht genießen darf, das sag mal nicht so laut!« – »Ich habe nicht von der Masse, sondern von uns Führernaturen gesprochen«, erläuterte Meißner. – »Mit den Führernaturen allein kannst du aber keinen Krieg führen.« Meißner verzichtete auf eine Erwiderung. Er saß noch eine Weile in der Sonne, dann ließ er Holt und Wiese allein.

»Was sitzt du mit … dem zusammen?« fragte Holt, und Wiese entgegnete, beinahe entschuldigend: »Er hat sich zu mir gesetzt …« – »Was meinst du …?« fragte Holt. »Ob ich mit ihm fertig würde?« – »Er ist älter … aber ich glaub schon«, antwortete Wiese, etwas erstaunt, und da Holt nichts weiter sagte, begann er schließlich: »Du hast ihn richtig veralbert! Ich denke manchmal, du könntest der beste Schüler in der Klasse sein, wenn du nur wolltest! Warum lernst du nicht?«

»Lernen ist nichts für Männer. Ich will endlich in den Krieg.« Er dachte nicht daran, daß seine Worte Peter Wiese kränken mußten.

»Da erfährt ein reicher Mann eines Tages«, sagte Wiese nachdenklich, »daß er Schwindsucht hat. Die Ärzte sagen: Keine Rettung, noch ein Jahr! Alle Ärzte sagen ihm dasselbe. Da denkt er: Gut. Und nun bringt er sein Vermögen durch, bis auf den letzten Pfennig. Als das Jahr herum ist, da ist ein Wunder geschehn. Er ist gesund. Und steht vor dem Nichts.«

Ein dummes Beispiel, dachte Holt ärgerlich, ein echtes Miesepeter-Beispiel! Was interessiert mich das Nachher? Jetzt ist Krieg! Er zwang sich zu einer freundlichen Antwort. »Ich versteh dich«, brummte er.

»Und das Komische ist«, sagte Wiese leise, »daß ich dich beneide! Ich gäb was drum«, fuhr er dann fort, und es klang unglücklich, »wenn ich dein Freund sein könnte. Aber da muß man wohl sein wie der Wolzow. Ich war immer der Schwächste, ich hab immer gedacht: Meine Waffe ist der Geist … Aber eigentlich bist du auch klüger als ich.«

Komisch, dachte auch Holt. Er sagte: »Ich hab bei Nietzsche gelesen: ›Unser Glaube an andere verrät, worin wir gerne an uns selber glauben möchten … Unsere Sehnsucht nach einem Freunde ist unser Verräter …‹«

»Ja … so ist das … Ich möcht auch raufen und prügeln können, frech sein, aber … ich bin vom Ernteeinsatz zurückgestellt, und mit der Flak wird es auch nichts …« – »Wir können ja trotzdem Freunde sein«, antwortete Holt, ein wenig gerührt. Er überlegte … Nein, kommt nicht in Frage. Aber … »Kannst du schweigen, Peter?« – »Ja, für dich hab ich sogar schon gelogen!« Holt hielt Wiese die Hand hin. »Ich hab Vertrauen zu dir. Wolzow, ich und noch wer, wir haun ab … Bis zur Einberufung verschwinden wir. Aber du und ich, wir werden uns ab und zu treffen. Auch Gilbert darf es nicht wissen. Du sagst mir, was los ist in der Stadt und wie man über unser Verschwinden denkt.«

 

»Komm mit zu mir«, sagte Wiese später, mit einem Blick auf die Armbanduhr. Holt wunderte sich, daß Wiese bei dieser Hitze einen schwarzen Anzug, Schlips und Kragen trug. Als er den Grund erfuhr, bei Wieses in der Diele, war es zu spät, sich zurückzuziehen. Wieses Schwester hatte Geburtstag. »Bleib!« bat Peter. »Ich werde nachher vorspielen!«

Holt kam sich lächerlich vor, in kurzer Lederhose und buntem Sporthemd; sein Haar, noch immer feucht vom Baden, stand zu Berge. In dem großen Raum waren die Glastüren zum Wintergarten und zur Veranda geöffnet, man blickte in den Garten hinaus. Um den Teetisch saßen Gäste. Holt war sehr befangen und sah nur das Bunt der Kleider und dazwischen eine schwarze Panzeruniform. Duft von Parfüm drang auf ihn ein, der Geruch von Zigaretten und Blumen. Wieses Schwester Helga sah ihrem Bruder ähnlich; denn auch sie war klein und zierlich, und das dunkelblonde Haar fiel in ein kränkliches blasses Gesicht. Sie wurde neunzehn Jahre alt.

Wiese stellte Holt vor. Holt murmelte ein paar Gratulationsworte und stand trotzig auf dem bunten Teppich. Die Unsicherheit schärfte seine Sinne, nichts entging ihm: Frau Wiese, in ihrem Sessel, tauschte einen Blick mit dem blonden Mädchen, das neben dem Panzerleutnant saß, und der Mund des blonden Mädchens zuckte belustigt.

Namen wurden genannt. Uta Barnim, Leutnant Kiefer, ihr Verlobter, und so fort. Man bot Holt Platz an, links neben ihm saß Frau Wiese, der Teetisch trennte ihn von Uta Barnim. Helga Wiese schenkte Tee ein. Holt verlor alle Befangenheit. »Wenn ich geahnt hätte, daß hier Geburtstag ist«, sagte er, »ich hätte noch schnell ein paar Blumen geklaut … besorgt, mein ich.« Das Lachen störte ihn nicht. Er sagte: »Blumen kaufen kann schließlich jeder! Geklaute sind viel wertvoller.« Frau Wiese sagte: »Wir nehmen den guten Willen für die Tat.«

Mittelpunkt war Uta Barnim, die älteste Tochter des Obersten Barnim, an dessen Haus Holt allmorgendlich vorbeiging. Wie sie groß und aufrecht an der Verandatür saß, im Licht der Nachmittagssonne, so hatte er in seiner Phantasie Kriemhild gesehen, in Agnes Miegels »Nibelungen«, oder auch Hildegard, die Grafentochter, im »Nest der Zaunkönige« … Er blickte rasch auf den Panzerleutnant, der ihn sonst vielleicht vor allen anderen interessiert hätte. Die anderen Mädchen sah er nicht, neben ihr, neben Uta.

Peter Wiese saß am Flügel und blätterte in den Noten. Er spielte eine Haydn-Sonate und dann seine Lieblingsstücke, verträumte und schwermütige Kompositionen von Schumann. Immer wieder sah Holt verstohlen auf Uta. Der dritte Satz, Allegro moderato? Alle räuspern sich, wie komisch! Ob sie vielleicht an mich denkt, jetzt, wie ich an sie? Ob man es fühlt, wenn die Gedanken einander begegnen? Ob es bei ihr anders wäre als an jenem Vormittag in der Kabine?

Man applaudierte. Der Leutnant flüsterte Uta Barnim ein paar Worte zu. Fatzke! dachte Holt. »Ja, danke.« Er nahm noch Tee. Eigentlich sollte ich gehn, dachte er, aber er blieb. Peter Wiese klappte den Flügel zu.

»Du hast dich in letzter Zeit vervollkommnet«, sagte Frau Wiese sanft. »Aber es wäre uns lieber, wenn du weniger üben und fleißiger trainieren würdest.« Die Freude in Peter Wieses Gesicht erlosch. »Es ist uns sehr unangenehm, daß du auch dieses Jahr für den Ernteeinsatz untauglich bist«, fuhr Frau Wiese noch sanfter fort. »Herr Holt, vielleicht können Sie Peter ein bißchen mitreißen, Sie sind sehr sportlich, ich habe von Ihren Streichen gehört, aber Sie verbringen doch wenigstens Ihre Freizeit durchweg an der Luft.« – »Na, wissen Sie, gnädige Frau«, sagte Holt, »das hat sich auf mein Zeugnis nicht günstig ausgewirkt.« Man lächelte. »In den Zeiten, in denen nicht der Geist, sondern die Faust entscheidet«, sagte Leutnant Kiefer mit heller Stimme und erhobenem Kinn, »da ist das Einpumpen sogenannter Weisheit völlig überflüssig.

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