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Die Abendgesellschaft der Quartiersleute

Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.

Thomas Morus

Drei Herren I

Fährmann? Fährmann! Ist er der Fährmann? Die Stimme kommt von oberhalb der kleinen grasbewachsenen Erhebung, hinter der der Fluss verläuft, bevor er weiter unten ins Meer mündet. Eigentlich klingt sie nicht wie eine Stimme. Eher so, als habe der Wind zu sprechen gelernt und übe in einer höheren Lage. Er beschattet die Augen und sucht den Horizont ab, schaut zu den Strandkiefern auf dem Hügel hinauf, von wo er glaubt, dass der Wind ihn angesprochen hat. Dort oben steht wirklich jemand, den Arm in den Himmel gestreckt und mit einem Hut wedelnd. Unwillkürlich schaut er über seine Schulter, aber er weiß, dass hier niemand außer ihm ist. Fährmann? Seit wann ist er der Fährmann? Er wirft einen kurzen Blick auf das Ruderboot am Steg, der vom Strand einige Meter ins Wasser führt und zuckt dann mit den Schultern. Fremde. Jetzt sind es schon zwei, nein, sogar drei Gestalten, die aus dem Schatten der Bäume treten und ganz langsam den schmalen Pfad herunterkommen. Azurblauer Himmel, silbrig-grüne Nadelquaste, weiße sandige Adern im Hang und diese drei Fremden. Es sieht aus, als sei ein Gemälde Claude Monets gerade dabei, lebendig zu werden. Mit jedem Schritt, den die drei Männer näher kommen, kann er sie besser erkennen. Der eine ist klein und rundlich, trägt eine ziemliche Plauze vor sich her und in der rechten Hand einen Zylinder. Die beiden anderen sind schmal, einer fast dürr und recht groß, mit einer Frisur und einem Backenbart, die aussehen, als würde er täglich einen kapitalen Stromschlag erhalten. Auch sie tragen Zylinder in den Händen, und als sie ihn fast erreicht haben, legen sie ihre Finger kurz an die Stirn und grüßen wortlos. Samtwesten mit Silberknöpfen, Lederschürze, und am Gürtel des Dicken rasselt bei jedem seiner Schritte ein Schlüsselbund. Ein seltsames Trio.

Er ist der Fährmann, nicht wahr? Sehr fein, sehr fein. Und dann blickt der Mann zum Boot hinunter und meint: Und das Gefährt liegt schon bereit. Sehr fein.

Er macht den Mund auf und will etwas erwidern, aber da hält der Pralle ihm schon ein Goldstück unter die Nase und er kann nur die Augen aufreißen und den Mann ungläubig anschauen. Ja, er ist der Fährmann! Dafür hätte er sich ohne zu zögern auch für vieles andere zur Verfügung gestellt.

Sagen Sie nicht, dass das zu wenig ist, knurrt der Dicke lächelnd und setzt seinen Zylinder auf. Das dort ist nicht der Styx, Sie sehen nicht aus wie Charon, vor allem aber, und er deutet hoheitsvoll auf sich und seine beiden Kollegen, sind wir nicht tot!

Was für Sätze! Er versteht kein Wort!

Wie heißt er, junger Mann? Nenn er uns seinen Namen.

John, antwortet er leise und lässt die Münze in seine Westentasche rutschen. John Buttger, und dann gehen sie im Gänsemarsch zum Boot, wo er die Riemen in die Holme legt.

Dr. Fama hatte natürlich völlig recht. Sie ist und bleibt eine Quelle göttlicher Offenbarung.

Immer wieder tauchen die Ruderblätter leise klatschend ins Wasser ein, in einem schläfrigen Rhythmus, der die Unterhaltung der drei Fremden untermalt.

Wir dürfen nicht müde werden, uns stets deutlich zu machen, dass sie zum Aufbau der Zukunft unerlässlich ist. Wir sind quasi Erben und führen ein in der Vergangenheit begonnenes Werk weiter. Die beiden Schmalen schweigen, nicken aber zustimmend. Und wie Dr. Fama sagte: Es gilt, standhaft zu sein, gegenüber Ruch- und Gewissenlosigkeit eines revolutionären Ungeistes. Haben Sie mitbekommen, meine Herren, was diese jungen Spunde in ihrer zeitgeistigen Umnachtung gefaselt haben? Sie wollen die Arbeit ganzer Generationen über den Haufen werfen, weil sie wahrhaftig davon ausgehen, der Menschen Heil und Segen dadurch hervorbringen zu können, dass sie jegliche Art von Kontinuität ablehnen. Als könne man jeden Tag bei Null anfangen.

Wieder nicken die beiden anderen, und der Mann mit der Drahtfrisur spitzt die Lippen und beginnt dann zu rezitieren: Undankbar der Sohn, der gedankenlos verwirft, was der Vater ihm gegeben. Achtung, sie erhält und strebt, das Bewährte in die Zukunft einzupflegen.

Dieses Mal hebt der Dicke den Zeigefinger und nickt. Alles verirrte Individualisten mit erschreckend übersteigertem Freiheitsdenken. Sie werden noch erleben, was sie davon haben.

Eine Weile sitzen sie schweigend auf ihren Bänken und starren hinaus aufs Wasser. Der Arm des Dicken hängt über der Reling und seine Finger zerschneiden lautlos die Oberfläche der sanften Wellen.

Vom Guten der Vergangenheit zu singen, heißt, stets das Kind von falschen Wegen abzubringen. Der Lange zieht seinen Zylinder und wischt sich mit dem Handrücken über die verschwitzte Stirn.

Ich hätte es nicht besser sagen können, antwortet der Schmerbauch und nimmt die Hand aus dem Wasser. Vergangenheit und Gegenwart sind Partner im Aufbau einer edlen Zukunft. Wie Vater und Sohn, Großvater und Enkel. Quod a patribus acceperunt, hoc filiis tradiderunt. Der eine spricht und der andere hört zu, zum Wohle aller, des Fortschritts und der Nachwelt.

Langsam treibt das Boot auf den Steg zu. Er legt die Riemen längs und springt hinaus, um den Bug an einer Bohle festzumachen.

Habt Dank, John Buttger. Sie waren uns ein zuverlässiger Kapitän. Wir kommen wieder. Noch einen schönen Tag.

Er sieht ihnen nach, wie sie hintereinander die Böschung hinauflaufen und zwischen den Bäumen verschwinden. Leise verklingt das Rasseln des Schlüsselbundes.

Eins

Tylorstown, Rhondda Fach, Wales, 1896

John & Rufus

Die Explosion zerriss den schiefergrauen Morgenhimmel, fraß sich hinauf durch die dunklen Wolkenfetzen und fegte ihr Echo wie eine Lawine aus zerreißenden Felsbrocken das Tal herunter.

John Buttger blieb wie angewurzelt stehen. Sekundenlang war er sich nicht sicher, ob er die Geräusche wirklich gehört hatte oder ob sie nur einer inneren, satanisch heimtückischen Einbildung entsprungen waren.

Als habe ein unterirdischer Dämon seine Ketten gesprengt, donnerten das zischende Kreischen auseinanderbrechenden Holzes und ein abgrundtiefes Grollen zerberstenden Gesteins vor ihm durch die Schatten. Er starrte an den flackernden Petroleumlampen vorbei den Weg hinauf und versuchte etwas zu erkennen. Eine fenstergroße Fläche des Weges war abgesackt und hatte sich vor ihm in den Schatten in eine rissige Mulde verwandelt. Er hörte den schwer gehenden Atem der beiden Wilson-Brüder hinter sich und einen Herzschlag später das einsetzende Wimmern des jungen Milton. Das dunkle Rauschen, das folgte, war mitleidlos real. Ein langes, grausam unmenschliches Fauchen stob aus den beiden Schächten oben auf dem Hügel, und dann löste sich quietschend die Eisenverkleidung des Lüftungsrades vom Gestänge neben Schacht 6, zerschnitt surrend die Luft und landete mit einem ohrenbetäubenden Scheppern irgendwo in den Schattenrissen der brechenden Äste.

Für ein paar Sekunden herrschte Totenstille, und nur das beängstigende Zischen und Brausen des schwarzen Qualms war zu hören, der pfeifend aus den beiden Öffnungen des Berges in den düsteren Himmel fuhr.

John Buttger drehte sich langsam um und blickte sprachlos in die Gesichter der zwölf weiteren Männer, die mit aufgerissenen Augen den Weg hinaufstarrten. Keiner sagte ein Wort. Samuel Jenkins kniete auf dem Weg und hielt sich die Hände vor das Gesicht. Der alte Olding zitterte, als habe man ihn an diesem Februarmorgen mit einem Eimer Eiswasser geweckt, und Milton rannen die Tränen in Strömen über die Wangen.

Er hatte nicht darauf geachtet, dass die Männer hinter ihm stehen geblieben waren. Wenn sie frühmorgens ihre Schicht antraten, hingen die meisten von ihnen ihren Gedanken nach. Sie sprachen nicht viel, hielten es für sinnvoller, ihre Kraft nicht mit unnötigem Geschwätz auf dem Weg hinauf zu den Einstiegen zu verschwenden, die Jüngeren verschämt gähnend und die Alten ihre Müdigkeit in Mienen vergrabend, die so versteinert wirkten wie die Wände der Stollen, in die sie für die nächsten Stunden hinabfahren würden. Heute war er ein wenig früher als die anderen aufgewacht, hatte sich angezogen, seinen Beutel gepackt und sich langsam auf den Weg gemacht. Jetzt schaute er über die Köpfe der Männer hinunter ins Tal und sah die anderen Kumpel weiter unterhalb im Morgendunst stehen, fassungslos heraufstarrend.

Ein weiteres leiseres, tiefes Dröhnen rollte ihnen entgegen und ihre Augen blickten unwillkürlich das Tal hinauf, suchten ängstlich die Baumwipfel ab, von wo sie wussten, dass hinter ihnen der Einstieg zum Cynllwyndu, Schacht 8, lag. Eine riesige, wabernde Rauchwolke schwärzte die Dämmerung und ließ den Tag über dem Schacht wieder Nacht werden.

John Buttger streckte zögernd die Hand aus. Schwarze Flocken schwebten durch seine Finger und rieselten zu Boden. Von weiter oben ertönten Schreie. Stimmen riefen durcheinander und eine Minute später kamen zwei Kumpel mit Fackeln den Weg heruntergelaufen. Als sie die Männer erreichten, gaben sie die Fackeln für einen Augenblick weiter, stützten ihre Hände auf die Knie und rangen keuchend nach Luft.

„Ein paar kommen bitte mit uns. Die anderen laufen nach Tylorstown zurück und holen Hilfe. Schnell! Wir müssen irgendwie da runter und schauen, ob …“

Der Mann begann zu husten und die anderen schauten sich schweigend und ratlos an. Von den Kumpel weiter unterhalb hatten sich Sam Dickens und zwei andere gelöst und liefen in Richtung Dorf. Der Rest der Gruppe kam langsam den Weg hinauf.

Der alte Olding hatte sich erhoben, wild in seinem Beutel herumgekramt und eine Rolle Zündschnur sowie eine Metallschachtel hervorgezerrt. Sein Gesicht war eine Maske aus Verzweiflung und Zorn. Immer wieder wischte er sich die Tränen mit dem Oberarm vom Gesicht und seine zuckenden Wangen ließen erkennen, dass er unentwegt die Zähne aufeinander biss. John Buttger musterte ihn und legte die Stirn in Falten. Als Olding mit zitternden Fingern versuchte, das Ende der Zündschnur zwischen Deckel und Dose zu klemmen und zwei Schritte den Weg hinunter machte, ging Buttger ihm nach und hielt ihn am Arm fest. Die Dose fiel zu Boden und der Bellitstaub ergoss sich auf das niedergetretene Gras.

John Buttger schüttelte langsam den Kopf und flüsterte: „Mach dich nicht unglücklich, alter Mann! Du kommst jetzt mit mir. Wir gehen nach oben und schauen, was wir machen können. Hast du mich verstanden? Du gehst jetzt nicht ins Dorf zurück.“

Olding schenkte ihm einen hasserfüllten Blick und seine Hand legte sich auf sein im Gürtel steckendes Bergeisen.

„Wie ich sagte – mach dich nicht unglücklich, Olding!“

Olding presste die Lippen aufeinander, kniff die Augen zusammen und begann, am ganzen Körper zu zittern. Als er sie wieder öffnete, quoll ein Schwall Tränen hervor und er nickte in Richtung der beiden Schächte. Immer noch regneten vereinzelt schwarze Ascheflocken aus dem mausgrauen Morgenhimmel.

„Unglücklich?“, flüsterte er und verzog das Gesicht zu einer Fratze. „Mein Sohn …! Mein Sohn hatte die Nachtschicht, Buttger. Er hat mit mir getauscht!“

Den letzten Satz schrie Olding.

„Ich solle mich etwas ausruhen, hat er gesagt. Schlafen … Er wollte mit dem Reparaturtrupp heute Nacht die Lampen und Seile kontrollieren. Mein Sohn, Buttger! Er … er ist da unten …“ Olding schluckte und seine Hand umklammerte das Eisen am Gürtel.

Die Männer schauten herüber und regten sich nicht. Milton war verschwunden.

„Es hat ihn nicht erwischt! Es hat ihn nicht erwischt, Olding! Es hat – ihn – nicht – erwischt. Er lebt noch!“

John Buttger wusste nicht, was er anderes sagen sollte und zog den Mann vorsichtig den Hang hinauf. Olding riss sich los, drehte grimmig den Kopf ins Tal und folgte dann Buttger und den Kumpeln.

Als sie Schacht 7 erreichten, fanden sie sechs weitere Männer, die sich verzweifelt bemühten, einen der beiden Fahrkäfige per Hand heraufzudrehen. Der zweite Käfig schaukelte mit verbogenen Stangen leise am Einstieg. Die Luft war erfüllt von schmierigem, grauem Nebel.

Buttger und die anderen eilten ihnen zu Hilfe, aber kaum hatten sie den Einstieg erreicht, rissen kurz nacheinander zwei der drei Seile, die Männer stürzten nach hinten und der Käfig im Schacht rutschte krachend und quietschend in die Tiefe. Den Männern kam es vor, als zähle die Zeit die Sekunden mit heißen, auf die Haut tropfenden Bleitropfen. Das quälende Geräusch wollte und wollte nicht enden, wurde leiser und leiser, und irgendwann schlug der Käfig mit einem kaum noch wahrnehmbaren Poltern auf der Sohle auf. Alle hatten die Augen geschlossen.

Buttger wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Dann stand er auf und schaute sich nach Olding um. Der saß mit hängenden Schultern auf einem Stein und starrte blicklos und wie in Trance in das Dunkel der Bäume.

„Wie viele sind unten?“, fragte John Buttger einen der Männer, die versucht hatten, den Käfig zu bergen. Er kannte den jungen Mann nicht.

Der Kumpel zuckte mit den Schultern und meinte müde: „58 hier. Und zwanzig drüben in sechs.“ Dann blickte er über die Bäume und ergänzte: „Wie viele es in acht sind, weiß ich nicht.“

John Buttger bemerkte, dass der Mann Olding mit einem kurzen, verstohlenen Blick gemustert hatte.

„Bist du ein Freund seines Sohnes? Wie heißt du?“, fragte Buttger leise.

Der Mann nickte nur kurz und ging davon. „Matthew. Matthew Sturges“, kam die kaum noch hörbare Antwort.

Der fade Schein der Lampen am Einstieg und die graue Morgendämmerung warfen gespenstische Schatten auf den Boden. Einige der Stangen an der Vorderfront und auf dem Dach des Käfigs waren verbogen. Die Tür klemmte und ließ sich nicht mehr öffnen. Aus dem Tal in der Ferne ertönte das Schlagen einer Glocke.

Rufus Oldings erster Sohn war vor zwei Jahren, am 23. Juni 1894, bei einem Unglück in der Grube Albion in Pontypridd umgekommen. Die Explosion hatte damals die gesamte Kuppe des Einstieghügels zerfetzt. 290 Männer waren in den Stollen umgekommen oder später ihren Verletzungen erlegen. Rufus’ Sohn hatte man nicht gefunden.

Die Oldings waren von Pontypridd nach Tylorstown gezogen, nicht einmal sieben Meilen entfernt. In der Hoffnung auf eine, wenn nicht bessere, dann wenigstens um eine Nuance andere und sicherere Welt, hatten Rufus Olding und sein Sohn hier im Rhondda Fach wieder angefangen, sich für andere in die ewige Dunkelheit zu graben, für andere Kohle und Wohlstand zu schürfen, dafür betend, dass es ihnen vergönnt wäre, sich selber so lange wie möglich lebendig in den nächsten Tag hinüberzuretten.

In der ersten Oktoberwoche desselben Jahres war seine Frau gestorben, weiter unten am Afon Taf. Nicht in der Schwärze irgendwelcher Tunnel, sondern unter einem strahlend blauen Himmel, an den eisernen Gleisen der Verladestation, von denen eines gebrochen war, sodass der beladene Wagen von den Gleisen rutschte, umkippte und sie unter sich begrub. Was Mary Olding dort gewollt hatte, hatte ihm Rufus nie erzählt.

Unter den Männern herrschte Ratlosigkeit. Manche unterhielten sich leise. Die anderen standen unentschlossen in Gruppen herum und wussten nicht, was sie als Nächstes tun sollten. Buttger ging langsam zu Olding und setzte sich neben ihn auf den Felsbrocken. In der Luft schwebte der Gestank von Schweiß und verbranntem Holz.

„Ich wusste nicht, was ich außer ‚er lebt noch‘ sagen sollte, Olding. Ich glaube einfach …“

„Dann lass es doch einfach bleiben“, antwortete der alte Mann tonlos.

Minutenlang saßen sie schweigend auf dem Stein, als warteten sie apathisch darauf, von einem sie erlösenden Engel an der Hand genommen und in eine andere Welt geführt zu werden.

„Es war nie anders. Die Einen reden und die Anderen hören zu.“

Rufus Olding sprach leise vor sich hin.

„Es war nie anders, Buttger. Die Einen wissen und reden. Reden und reden, und die Anderen glauben und müssen zuhören. Die eine Seite aufrecht, unter freiem Himmel stolzierend, einen Gott neben sich wissend, der ihr Recht gibt, weil er schweigt und ihr mit Sicherheit einen nächsten Tag beschert; die andere Seite gekrümmt kriechend in einer pechschwarzen Hölle, in der man nie aufzugeben wagt, an einen Gott zu glauben, der, obwohl er niemals zu unseren Gunsten gesprochen hat, vielleicht die Güte besitzt, ein paar weitere dunkle Nächte zu gewähren. Es war nie anders, Buttger! Warum versuchst du zu reden, wenn du nichts zu sagen hast? Warum versuchst du dich, ausgerechnet jetzt, auf ihre Seite zu schlagen?“

Buttger sah Olding von der Seite an. Der Mann starrte in die Morgendämmerung und ließ die Tränen einfach laufen. Buttger hatte den Mann selten so viele Worte sprechen gehört. Aus dem Tal, den Weg herauf, drangen Stimmen und das schummrige Flackern von Fackeln und Lampen. John Buttger stand auf und blickte in die graue Dunkelheit hinunter.

„Ich will nur, dass du nichts Unüberlegtes, nichts Falsches machst, Olding“, flüsterte er.

„Nichts Falsches?! Das einzig Falsche, junger Mann, was ich gemacht habe, war, auf diese Welt zu kommen und zu feige zu sein, ein einziges Mal das Richtige zu machen, und mit dieser Schmach so alt zu werden, dass …“

Und dann begann Olding zu husten und ließ den Satz unvollendet.

Wenig später stolperte eine Gruppe von fünf weiteren Männern aus den Schatten und eilte zum Einstieg. Mr. David Hannah war der leitende Direktor der Grube und fungierte darüber hinaus als Manager von Schacht Acht. Griffiths, seine rechte Hand, hielt seine Lampe wie ein tumber Nachtwächter am ausgestreckten Arm in die Höhe und wich den Blicken der Männer aus. Einer der Kumpel, die versucht hatten, den zweiten Käfig zu heben, erstattete Bericht und schaute dabei immer wieder verstohlen auf den kleinen Vogelbauer an Hannahs Hand, in dem eine Maus ängstlich fiepste und verstört im Kreis rannte.

„Öffnen Sie den Fahrkäfig und lassen Sie mich herunter“, rief Hannah einem Mann am Einstieg zu, und als der Mann hilfesuchend in die Runde blickte, schrie er ihn wütend an: „Haben Sie mich nicht verstanden, Mann? Aufmachen!“

„Der Käfig geht nicht auf. Die Tür ist verbogen, Sir“, ertönte eine Stimme und Hannah drehte sich fluchend um.

„Wie heißen Sie?“ David Hannahs Augen überflogen die Gruppe.

„Buttger, Sir. John Buttger. Wir wollten gerade unsere Schicht antreten.“

„Dann fahren wir eben auf dem Käfig ein. Ich will da runter. Buttger, Sie kommen mit. Sie können mir zur Hand gehen.“

John Buttger nickte.

Hannah wies mit dem Finger auf zwei weitere Männer. „Und Sie beide laufen hinauf zu 8 und schauen, wie es dort oben aussieht. Ich habe die Kollegen Evans, Jones und Thompson bereits informieren lassen. Sie müssten in Kürze hier eintreffen. Und jetzt los. Machen Sie schon!“

Scheppernd setzte sich die Winde in Bewegung und die beiden Männer kletterten auf den Fahrkäfig. David Hannah klemmte den Vogelbauer zwischen seine Knie, reichte Buttger die Lampe und klammerte sich an die Stangen. Langsam rutschten sie in die Tiefe. Nicht nur die Tür schien verbogen zu sein. Der ganze Käfig hatte sich augenscheinlich verzogen und schabte immer wieder mit schrillem Kreischen an den Schachtwänden entlang. Hannahs schattenüberzogenes Gesicht zeigte deutlich, wie viel Mühe es ihm bereitete, diese Geräusche und das wimmernde Knarzen der Seile zu überhören. Meter für Meter sanken sie schweigend in die Dunkelheit, verbunden in dem Wunsch, der jeweils andere möge dieses Schweigen mit keinem Wort und mit keiner Frage unterbrechen.

Als sie die Sohle erreichten, umgab sie öliger, grauer Nebel und der stechende Geruch von rußigem Holz. Trümmer und Gesteinsbrocken bedeckten den Boden. Aus der Schwärze des Schachtes hörten sie leises Stöhnen, und nach wenigen Metern stießen sie auf zwei Kumpel, die völlig verwirrt auf dem Boden saßen und verängstigt wimmernd an den Wänden lehnten. Als Hannah sie ansprach, blickten sie nur kurz auf, gaben aber keine Antwort. Niemand von ihnen schien ernster verletzt zu sein. Hannah gab ihnen zu verstehen, dass Hilfe unterwegs sei, dass sie sich nicht vom Fleck rühren und Ruhe bewahren sollten.

Hustend tasteten sich Hannah und Buttger weiter voran. Im Maschinenraum fanden sie Dalvin Wynfor, ohnmächtig und aus einer tiefen Wunde am Kopf blutend. Buttger hielt sich den Unterarm vor Mund und Nase und atmete widerwillig den schmierigen Dunst ein und aus. Wynfor hatte vor zwei Wochen geheiratet. Wenn Gott den Berg über ihnen in den nächsten Stunden nicht einstürzen ließ, würde seine Frau ihn irgendwann wieder in die Arme schließen können. Der Mann atmete noch.

Nach 20 Metern teilte sich der Schacht. Die linke Öffnung versperrten die Überreste eines zerborstenen Wagens. Die rechte Öffnung war ein schwarzes Loch. Seit sie vom Käfig heruntergestiegen waren, hatte Hannah immer wieder einen Blick auf den Vogelbauer und die Maus geworfen, die inzwischen zitternd in einer Ecke saß. Jetzt stand er vor der Gabelung und dachte nach.

„Buttger, gehen Sie zurück und bringen Sie die Männer nach oben. Ich gehe noch ein Stück weiter und sehe nach, wie es dort hinten aussieht. Schauen Sie nicht so. Wenn das Tier hier keinen Mucks mehr macht, bin ich so schnell wieder bei Ihnen, dass Sie denken, ich wäre nie von Ihrer Seite gewichen. Das können Sie mir glauben! Kommen Sie mit ein oder zwei Männern zurück. Zu zweit schafft man das hier nicht. Vielleicht ist der Doktor ja schon oben. Wenn nicht, wird er jeden Moment kommen. Ich habe nach ihm schicken lassen. Los jetzt! Ich mache Sie für das Leben ihrer Kumpel dahinten verantwortlich. Also denken Sie nicht einmal daran, mir zu widersprechen. Im Maschinenraum sind noch Lampen. Schaffen Sie’s bis dahin?“

John Buttger antwortete nicht. Die Einen reden und die Anderen hören zu. Oldings Satz wehte durch seinen Kopf und verschwand in der Dunkelheit. Die Umrisse des Direktors waren in der Öffnung des Schachtes verschwunden und das Flackern seiner Lampe wurde mit jedem Schritt schwächer.

Am 1. Februar, sechs Tage nachdem die Explosion den Morgenhimmel erschüttert hatte, läuteten die Glocken im Dorf vormittags zu jeder vollen Stunde. Die Kirche, in der um ein Uhr mittags der Gedenkgottesdienst stattfand, war erfüllt vom Dampf nasser, schwitzender Wollmäntel, und auf dem kleinen Platz vor dem Eingang standen die, die keinen Platz mehr bekommen hatten im Nieselregen; die eine Hälfte unter ihre Schirme geduckt, die andere Hälfte die ausdruckslosen Gesichter zum Himmel gerichtet, als begrüßten sie die herabfallenden Tropfen wie ein Geschenk, das zu erhalten ihnen nicht jeden Tag vergönnt war.

57 Särge hatten sie in den letzten drei Tagen auf dem Friedhof in die Erde gesenkt, weil eine Lagerung der Leichen selbst jetzt im Winter unmöglich gewesen war. Neun der Särge hatte Meyers, der örtliche Bestatter, liefern können. Die anderen 48 hatte die Grubenleitung aus Cardiff kommen lassen müssen.

Alfred Beecham und Alfred Jackson waren mit 15 Jahren die Jüngsten gewesen. John Pearce hinterließ eine Frau und fünf Kinder und wäre nächsten Monat 64 geworden. Oldings Sohn war unter den Letzten, die man fand. Er lag eingeklemmt unter einem Balken, das seltsam rosige Gesicht zur Stollendecke gewandt, als habe er zu lange in der Sonne gesessen.

Welch ein teuflischer Zynismus, hatte Buttger verbittert gedacht, als einer der Männer diesen Umstand beiläufig erwähnt hatte. Sie lebten in einem Landstrich, den Gott für sämtliche Schattierungen der Farbe Grau erschaffen hatte und mit dem er ihnen an manchen Tagen seine unbeschreibliche Allmacht aufzuzeigen schien, immer dann, wenn die Sonne aus einem wolkenlosen, tiefblauen Himmel strahlte, abertausend Grüntöne die Hänge herabflossen und er sie schweigend daran erinnerte, dass Ödnis und unbeschreibliche Schönheit in derselben Sache wohnen konnten.

Dalvin Wynfor, der Mann, den sie im Maschinenraum gefunden hatten, hatte später zu Protokoll gegeben, dass einer der Männer ihm Sonntagnacht gemeldet habe, weiter unten habe sich seiner Meinung nach Gas gebildet und das Wässern des Kohlestaubs sei nur an manchen Stellen erfolgt. Die Sprengung an dieser Stelle sei daraufhin bis zur Klärung seitens der Grubenleitung ausgesetzt worden.

Nach dem Gottesdienst gingen die meisten schweigend in ihre Häuser. John Buttger zog es noch einmal auf den Friedhof zurück. Der Gedanke, im Zimmer auf seinem Bett zu sitzen, behagte ihm nicht. Rufus Olding stand am Grab seiner Söhne und seiner Frau und starrte auf die frisch zugeworfene Erde. Die beiden Holzkreuze und die kleine Gedenktafel für seinen ersten Sohn lagen noch am Rand. Buttger trat schweigend hinter Olding und bemerkte erst jetzt, dass er eine winzige, krautige Pflanze mit einem kleinen Wurzelballen in den Händen hielt. Olding kniete sich hin und pflanzte das unscheinbare Grün in eine Ecke des Grabes.

Ohne sich umzudrehen murmelte er leise: „Merk dir das, Buttger, auch Unkraut kann schön sein. Im Frühjahr zeige ich dir die blauen Blüten.“

„Was ist das?“, fragte Buttger.

„Veronica. Gewitterblümchen. Also lass die Finger von den Blüten, sonst beschwörst du nur das nächste Unwetter herauf.“

Am 20. Februar kam es in der Grube Westleigh in Leigh, Lancashire zu einem Käfigsturz, bei dem acht Kumpel ums Leben kamen. Der Vorfall erschien ein paar Tage später als Randnotiz in den Zeitungen, aber die wenigsten in Tylorstown erfuhren oder nahmen Notiz davon.

Anfang März waren die schlimmsten Schäden behoben und die Direktion der Tylor & Co. Ltd. ordnete an, den regulären Betrieb in den Stollen wieder aufzunehmen.

Die Männer fuhren ein und kehrten viele Stunden später mit schwarz verschmierten Gesichtern zu ihren Frauen zurück. Sie versuchten, die Angst in den Stollen oder sonntags auf den Kirchenbänken zurückzulassen, gingen an den heißen Julitagen mit ihren Kindern zum Schwimmen hinunter an den Afon Taf, in der Hoffnung, dass dort die letzten auf ihrer Seele lastenden Steine im Fluss versanken, oder begrüßten ab und an einen neuen Kumpel mit einem Schulterklopfen und dem beruhigenden Gefühl, in Zukunft jemand weiteren an ihrer Seite zu haben, mit dem man in schweigendem Einverständnis seine Angst teilen konnte.

Ende September, acht Monate nach dem Unglück, saß John Buttger gedankenverloren auf seinem Bett und betrachtete den Zettel in seiner Hand. Aus Gründen, die er sich nicht erklären konnte, war Rufus Olding Ende März zu ihm ins Zimmer gekommen und hatte gefragt, ob es ihm etwas ausmache, wenn er bei ihm einzöge und das zweite Bett übernähme, in dem Jacky McAllister geschlafen hatte, bis sie ihn mit den anderen 56 begraben hatten. Buttger hatte mit den Schultern gezuckt und zugestimmt. Seitdem erzählte ihm Olding manchmal von seinen beiden Söhnen. Die Frau erwähnte er mit keinem Wort. Die meiste Zeit jedoch schwieg er, saß hustend in seiner Ecke und schaute sofort in eine andere Richtung, wenn er sah, dass Buttger bemerkt hatte, wie er ihn beobachtete, oder gab vor zu schlafen, wenn Buttger von seiner Schicht kam.

In der ersten Maiwoche hatte sich John Buttger beim Beladen eines Wagens die Hand gequetscht. In der Folgenacht zog ein Gewitter über den Rhondda Fach und es goss in Strömen. Der Himmel entlud Sturzbäche, die auch am nächsten Tag kaum abebbten. Als Buttger frühmorgens mit schmerzerfülltem Gesicht seine Sachen packen wollte, hatte Olding ihn zurückgehalten.

„Leg dich hin, Junge. Ich übernehme das für dich.“ Buttger hatte abgelehnt, aber Rufus Olding hatte ihm den Beutel aus der Hand genommen und nur lakonisch gemeint: „Du redest zu viel, Buttger! Ich habe es dir schon einmal gesagt …“

Jetzt saß Olding mit ein paar Anderen vor der Tür und trank seinen Sonntagstee. John Buttger starrte auf den Zettel und las zum wiederholten Mal die wenigen Zeilen, die er in den letzten Monaten dorthin geschrieben hatte:

Ferndale, Tylorstown, Glamorganshire. 27. Januar 1896 – 57 Tote

Westleigh, Leigh, Lancashire. 20. Februar 1896 – 8 Tote

Brancepeth, Willington, Durham. 13. April 1896 – 19 Tote

Micklefield, Leeds, Yorkshire. 30. April 1896 – 63 Tote

Main Bryncoch, Neath, Glamorganshire. 4. August 1896 – 7 Tote

Der Traum, den er immer wieder träumte, kam ihm in den Sinn.

Er läuft durch das dunkle Tal. Überall herrscht Schweigen und Stille. Nicht ein einziges Geräusch liegt mehr in der Luft und er hört nur seinen schwer gehenden Atem. In der Ferne glänzt der Lichtpunkt eines erleuchteten Fensters, und als er dort ankommt, langsam die Stufen hinaufgeht und die Türe öffnet, sitzt dort ein Mann hinter einem Schreibtisch und wischt sich die Krümel eines Stück Kuchens vom Mund, dessen Reste vor ihm auf einem Porzellanteller liegen.

„Buttger, Sie sind schon wieder der Letzte! Wenn das so weiter geht, gibt es Abzüge!“

Und dann steigt er in einen endlosen Schacht hinab. Tiefer und immer tiefer, und beginnt, sich mit den Händen durch den Stein zu graben.

Buttger faltete den Zettel zusammen und legte ihn zurück in die Seiten eines der Bücher, die neben seinem Bett lagen. Durch das offene Fenster wehte das Gemurmel der Männerstimmen herein. Er heftete seinen Blick an den Schrank und schaute in Gedanken in eine andere Welt. Daumen und Mittelfinger der einen Hand spielten mit der Nagelkuppe des kleinen Fingers der anderen Hand, ohne, dass er sich dessen bewusst gewesen wäre. Übermorgen bekämen sie ihren Lohn für die letzte Woche ausbezahlt, und auch wenn man sie wieder mit blumigen Worten vertrösten würde oder ihnen nur einen Teil dessen bezahlte, was ihnen zustand, er würde seinen Plan dennoch nicht ändern.

Er schloss die Schublade seines Nachttisches auf, zog eine Metallschachtel heraus und öffnete den Deckel. Dort lagen seine kargen Ersparnisse, die er in den letzten Monaten nicht ein einziges Mal angetastet hatte. Darunter der Brief seines Vaters kurz bevor er gestorben war, sowie der Brief seines Onkels und dessen goldene Taschenuhr, die den einzigen Reichtum darstellte, den er jemals besessen hatte. Und auf dem Boden ruhte der kleine verschlissene Leineneinband mit Coleridge-Gedichten, Lyrical Ballads, den sein Onkel Benjamin vor langer Zeit einmal seiner Mutter geschenkt hatte, wohl in der Hoffnung, mit dieser verschämten Geste vielleicht doch noch einen Zugang zur verschlossenen Seele seines Bruders zu erlangen. John Buttger fragte sich, ob sein Vater damals diese Geste überhaupt registriert hatte. Am Ende hatte seine Mutter das Büchlein, in dem sie immer so gerne las, ihrem Sohn gegeben, und die ein oder andere Stelle daraus konnte John Buttger inzwischen auswendig.

Vorsichtig nahm er die Savonette heraus und drückte auf das Aufziehrad. Der Deckel sprang auf und das Zifferblatt spiegelte sich auf der glänzenden Innenseite. In hauchdünnen und kunstvoll geschwungenen Linien waren dort vier Buchstaben eingraviert worden: JSF und unter dem S ein kleineres B. Er versuchte sich zu erinnern, wie oft in seinem Leben er seinen Onkel getroffen hatte. Viermal? Fünfmal? Benjamin Buttger hatte Zeit seines Lebens in der Dienerschaft eines gewissen John Storrs Fry II. und dessen Vorfahren in Bristol verbracht; Industrielle, die eine Schokoladenfabrik besaßen und unsagbar reich zu sein schienen. Sechsmal? Vielleicht siebenmal? Wie oft hatten sich der Bruder seines Vaters und er gesehen? John Buttger wusste es nicht mehr. Das Verhältnis der beiden Brüder war kein gutes gewesen. Er war sich sicher, dass sein Vater Benjamin sein Leben lang beneidet hatte.

„Mein Bruder ist etwas Besseres, mein Sohn! Unsere Rücken sind krumm. Seiner vornehm stocksteif! Wir stinken nach Dreck! Er duftet bestimmt nach Schokolade …“

So war es natürlich nie gewesen, aber John Buttgers Vater hätte seinen Neid und seine Missgunst niemals zugegeben.

Ich glaube, dachte er, nach Mutters Tod haben sich die beiden überhaupt nicht mehr gesehen, und ließ seine Gedanken wandern.

Der Brief des Onkels war damals lang und ein letzter Versuch gewesen, Frieden zu stiften, wo niemals Krieg geherrscht hatte. Erlebt hatte er es nicht mehr. Und wie heilte man überhaupt die schwärenden Wunden anderer, wenn diese sie als pure Wahnvorstellung der Gegenseite postulierten? Als Benjamin Buttger John Storrs Fry bat, aus gesundheitlichen Gründen aus dem Dienst scheiden zu dürfen, hatte dieser seinem Onkel diese Uhr geschenkt. Als Zeichen der Dankbarkeit und Anerkennung seiner Loyalität in all den Jahren. So stand es in dem Brief.

Die Einen reden und reden und die Anderen müssen zuhören!, dachte John Buttger. Rufus Olding – du hast nicht recht gehabt! Nicht in diesem Falle.

Seine Finger fuhren tastend über die Gravur. JSF und ein kleineres B. Er atmete tief ein und wieder aus. Ich werde einfach gehen, dachte er. Ich werde niemandem etwas sagen und verschwinden. Denn überall ist es besser als hier. Dort draußen kann es nur besser sein als hier, hier, wo jeden Tag und jede Nacht Tod oder Verstümmelung von Körper und Seele lauerten, die einem, wenn man glaubte, ihnen in all den Jahren unter der Erde entkommen zu sein, ihren Pesthauch aus Entbehrung und Elend hinterherhetzten, einen Odem dieser Welt, der allgegenwärtig war und dem niemand entging.

John Buttger verschloss die Uhr und legte sie in das Kästchen zurück.

J für John und B für Buttger. Und für das S und das F werde ich mir Namen ausdenken. Und ich werde mit jedem Schritt, den ich von hier fortmache, ein anderer Mensch werden.

Zwei Tage später, in der Nacht zum 30. September 1896, holte John Buttger seinen kleinen Koffer unter dem Bett hervor, packte seine wenigen Habseligkeiten hinein und schloss leise die Tür hinter sich.

Rufus Olding war vor Stunden mit dem Reparaturtrupp eingefahren. Allerdings wunderte sich John Buttger, dass Oldings Beutel und sein Werkzeug neben seinem Bett gelegen hatten. Der alte Mann war noch nie ohne den Beutel, seine Vesperbrote und das Werkzeug zur Schicht gegangen. Für die Dauer eines Atemzuges lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Sollte Rufus … Er hatte den Mann nie verstanden. Olding ließ keine Menschenseele an sich heran. Dass er seine Nähe gesucht hatte und bei ihm eingezogen war, das war das Unerklärlichste von allem gewesen. Vielleicht hatte er ja nur seine Söhne gesucht, wenn er wortlos auf seinem Bett lag und ihn verstohlen beobachtet hatte.

John Buttger schlich im Schatten der Häuser bis zur Hauptstraße, lief hinunter zum Afon Taf und folgte dem Uferpfad flussabwärts. Bis Cardiff waren es 18 Meilen. Sechs, sieben oder, wenn es sich denn so ergäbe, weil er Umwege oberhalb des Ufers suchen musste, acht Stunden würden genügen, um sich Gedanken zu machen, wie sein neues Leben anfangen sollte. Die Nacht nahm ihn auf und der Mond spendete gerade so viel Licht, dass er die nächsten Meter des Weges vor seinen Füßen ausmachen konnte. Eine seltsame Mischung aus Aufregung und Benommenheit durchströmte seinen Körper und er blieb einen Moment stehen, um Luft zu holen und zu warten, bis das Rauschen in seinen Ohren verging.

Coleridge. Samuel Coleridge. Samuel für das S. Vielleicht. Warum nicht. Ein Gedanke fuhr ihm unvermittelt durch den Kopf und er suchte im Geiste nach der Stelle im Buch.

He went like one that hath been stunned,

and is of sense forlorn.

A sadder and a wiser man,

he rose the morrow morn.

Die letzten Zeilen aus The rime of the ancient mariner. John Samuel F. Buttger. Und für das F würde er auch noch etwas finden. Er hatte sich entschieden und er hatte es nicht eilig.

Obwohl der letzte Septembertag eine wärmende Sonne an den Himmel geschickt hatte, fror John Buttger. Und er war hundemüde. Sein Magen knurrte und ungeachtet der auffrischenden Böen, die der laue Wind über das Wasser im Hafen heraufwehte und die ständig wechselnde, flimmernde Bilder auf die Oberfläche malten, hatte er sich auf eine Mauer gesetzt und seinen rechten Schuh ausgezogen, um sich den wunden Fuß zu reiben.

In den letzten Stunden hatte er seine Gedanken unentwegt in die Zukunft geschickt und sich ausgemalt, sie kämen mit einer Idee oder einem Plan zurück, der seine aufkommenden Zweifel, seine Ungewissheit und Ziellosigkeit vertrieb, der ihn bei der Hand nähme und sagte: John Buttger, John Samuel F. Buttger, dort wirst du hingehen! Dort, schau, dort liegt dein Ziel!

Aber wo lag dieses dort? In England? Am anderen Ende der Welt? In Europa? Im Westen Deutschlands gab es Städte, die hießen Dortmund, Essen oder Bochum, in einem, wie er wusste, riesigen Industriegebiet, in dem andere, und in seiner Vorstellung namen- und gesichtslose Kumpel, die gleichen Stollen in die Tiefen der Erde trieben, wie er es bis gestern gemacht hatte. Waren es die gleichen Stollen? Die gleichen Kumpel? War es die gleiche Arbeit? Waren es menschenwürdigere Bedingungen, unter denen die Männer, Frauen und Kinder dort lebten? Gestattete der Lohn diesen Männern ein würdevolleres Leben ohne Angst und Entbehrungen? Sollte er hier aus der Erde kriechen, nur um dort irgendwo wieder in ihr zu verschwinden?

Andere hatten das gemacht. Was aus ihnen geworden war, hatte er nie erfahren. Was würden die Kumpel und ihre Familien in Tylorstown denken, wenn sie erführen, dass er ausgerechnet nach Deutschland gegangen war, um dort nach Kohle zu graben und ein Teil jener verhassten Maschinerie zu werden, deren immer stärker werdende Konkurrenz sie hier fürchteten? Sie würden ihm tagsüber gemeinsam ihre neidgetränkte Verachtung hinterherschreien, ihn zur Hölle schicken, und nachts, in den kurzen Momenten, wenn sie aus dem Schlaf aufschreckten und alleine in ihren Betten lagen, keine Antworten auf ihre Frage finden, warum sie seinen Entschluss so gut nachvollziehen konnten.

John Buttger zog sich den Schuh wieder an und stand auf. Er kannte Cardiff nicht, das hinter seinem Rücken rauschte, pfiff, gurgelte und lärmte, aber er musste für die kommende Nacht eine billige Unterkunft finden, in der man für ein paar Pence etwas zu essen bekam. Ansonsten würden zwar seine Ersparnisse unangetastet bleiben, er aber in einer dunklen und kaum windgeschützten Ecke verhungern und erfrieren. Er reckte seine steifen Glieder und machte sich auf den Weg in Richtung Zentrum.

And winter slumbering in the open air,

wears on his smiling face a dream of spring!

Work without hope, dachte John Buttger. Auch Samuel Coleridge. Ich bin nicht losgezogen, um hier nach Schritten, die man fast noch zählen konnte, einfach stehen zu bleiben.

Als er in die Stuart Street einbog, drehte er sich noch einmal zum Hafenbecken um. Er hatte sich nicht getäuscht. Dort lag ein großer Frachtdampfer am Kai. Das Dampfschiff reckte seinen gelben Schlot mit den schwarzweißroten Streifen in den Himmel und die beiden Kräne an Heck und Bug sahen aus wie zusammengeklappte, schlafende Spinnen. Erich Woermann. Der Schriftzug prangte in weißen Buchstaben auf dem schwarzen Metall am Bug. Ein deutscher Frachter.

Wears on his smiling face a dream of spring! Über John Buttgers Gesicht huschte ein unmerkliches Lächeln. Vielleicht ja doch Deutschland. Vielleicht sollte er das Schiff dort unten ja als Zeichen verstehen, als Wink des Himmels. Und dieses Zeichen war so gut wie jedes andere. Die Kumpel würden es nie erfahren. Und es ging sie auch nichts mehr an. Er würde sich alles noch einmal reiflich überlegen.

Das Victoria’s Anchor lag am Ende der Ship Lane, einer schmalen Sackgasse unweit der Docks in der Tiger Bay, und nur einen Steinwurf von der Stelle entfernt, an der John Buttger vor Stunden auf der Mauer gesessen hatte, um seinem wunden Fuß einen Moment Ruhe zu gönnen. Er war auf der Suche nach einer Unterkunft durch die halbe Stadt gelaufen, aber alle Wirtshäuser, die auf den ersten Blick den Eindruck gemacht hatten, seinen finanziellen Möglichkeiten zu entsprechen, hatten sich als immer noch zu teuer oder belegt herausgestellt.

Irgendwann war er auf seiner Wanderung wieder in der Nähe des Hafens gelandet und hatte einen Norweger nach billigen Gasthäusern gefragt. Der Mann hatte ihm das Victoria’s Anchor empfohlen und grinsend und in kaum zu verstehendem Kauderwelsch gemeint: „Wenn es als Ankerplatz für eure Königin gut genug ist, dann sollte es für unsereins ausreichen, oder, Junge?“

John Buttger war sich sicher, dass die Königin von den Vorzügen und Nachteilen solcher Etablissements wahrscheinlich nur eine vage Vorstellung hatte. In einem Vierteljahr würde ihr diamantenes Thronjubiläum beginnen, aber er war sich sicher, dass die Wege durch die entsprechenden Jahresfeierlichkeiten nicht an Häusern wie dem Victoria’s Anchor vorbeiführten, auch wenn der wohl nicht ganz ernst zu nehmende Schriftzug zweifelsohne zu ihren Ehren auf dem Schild über der Tür stand.

John Buttger streckte sich auf seinem Bett aus und schloss müde die Augen. Der Geruch des Zimmers war so fremd. Die Bettwäsche. Das Stück Seife auf der Ablage unter dem Spiegel. Die Tapeten. Licht zwischen Buchen. Sonne auf den Blauglöckchen. Wasser, das in der moosigen Erde versinkt. Endlose Tunnel. Das lächelnde Gesicht Oldings, der seinem Sohn die Hand auf die Schulter legt. Würfel in schwieligen Händen. Die Lippen einer jungen Frau. Das metallische Knirschen von Rädern. Stimmen. Rufe und Schreie.

John Buttger schlug die Augen auf. Auf der Straße unter dem Fenster schienen sich zwei Männer zu streiten. Irgendetwas polterte auf das Pflaster, dann hörte man sich schnell entfernende Schritte. Buttger stand auf, wusch sich das Gesicht und blickte aus dem Fenster. Es hatte weiter aufgeklart und über den Dächern am Ende der Straße war ein Stück des blauen Himmels zu sehen. Er verschloss seinen Koffer im Schrank, steckte vorsichtshalber den Schlüssel ein und verließ das Zimmer.

Der Schankraum war gut besetzt und das Raunen sich gedämpft unterhaltender Stimmen lag in der Luft. An einem Tisch neben der Theke spielten drei Männer Karten. Die einzige Frau im Raum war eine alte Bedienung, die einer Gruppe von Gästen an einem Tisch in der Ecke missmutig Tee, Bier und drei verschiedene Tellergerichte servierte, weil sie nicht zu verstehen schien, wer welches Getränk und welches Essen bestellt hatte. Zwei bärtige Alte löffelten geistesabwesend ihre Suppe und ein junger Mann mit Pudelmütze blätterte gelangweilt in einer Zeitung.

Buttger blieb einen Moment unschlüssig stehen und setzte sich dann an den Tresen. Draußen war es dunkler geworden und durch die schmalen Fenster zur Straße fiel nur noch mattes Licht. Der Wirt schaltete die Deckenlampe an, zapfte ein Bier und stellte es vor Buttger auf den Tresen.

„Ich wollte eigentlich nur …“ John Buttger winkte überrascht ab, aber der Wirt nickte wortlos in Richtung eines der Kartenspieler, der in diesem Moment sein Glas hob, sich mit der einen Hand über die Glatze fuhr und mit der anderen herüberprostete.

„Auf ein Spielchen, junger Mann?“

Buttger schüttelte abwehrend den Kopf und meinte: „Das ist sehr freundlich von Ihnen, Sir, aber … aber ich habe im Augenblick für so etwas nicht das nötige Kleingeld. Vielen Dank.“

„Na, dann wäre das ja ein Grund mehr, sich an unseren Tisch zu setzen. Warum wollen Sie sich nicht ein kleines Sümmchen hinzuverdienen? Hier sitzen nur ehrliche Seelen! Auf die englische Gastfreundschaft! Lang lebe die Königin!“

Buttger fragte sich, warum der Mann die drei letzten Sätze so überbetont laut in den Raum gerufen und dabei in Richtung der Gruppe am Tisch in der Ecke gegrinst hatte. Das leise Gespräch dort stockte für einen Moment und die Männer blickten verstohlen herüber. Die Gabel in der Hand des einen Mannes blieb einen Augenblick lang in der Luft über dem Teller hängen, dann setzten die Männer ihre Unterhaltung fort.

„Wo kommt er her? Wo will er hin? Was hat er vor?“, fragte der Glatzkopf wieder in normaler Lautstärke und in leutseligem Ton. „Sie sind auf der Durchreise? Der alte Freezing sieht den Leuten so etwas an.“

Einer der Männer hatte die Karten gemischt und gab für ein neues Spiel.

Buttger verspürte nicht die geringste Lust, diesem Mann seine jüngste Lebensgeschichte auf die Nase zu binden, und antwortete wortkarg: „Ja. Ja, ich bin auf der Durchreise. Das haben Sie ganz richtig erkannt.“

„Und welcher Profession geht der junge Mann nach, wenn man fragen darf?“

Langsam wurde es Buttger unangenehm. Unbewusst hatte er immer wieder an seinem Bier genippt, um dem prüfenden Blick des Mannes vielleicht zu entgehen. Jetzt war das Glas leer und er gab dem Wirt ein Zeichen, dass er ein weiteres wünschte.

„Was führt dich in unser schönes Cardiff, mein Junge? Wir lieben hier eine gute Geschichte. Und heutzutage kann man in dieser Stadt die eigenartigsten Geschichten erleben.“

Freezing schien nicht locker lassen zu wollen und auch diesen letzten Satz hatte er wieder übermäßig laut und spöttisch lächelnd herausposaunt.

„Ich bin – ich war Bergmann. Ich bin auf der Suche nach etwas Neuem.“

So war es und es war keine Schande. Sollte der Mann doch wissen, was ihn hierher geführt hatte. Vielleicht gäbe er jetzt endlich Ruhe.

Aber die Reaktion folgte auf dem Fuße. Der Glatzkopf tippte sich an die Schläfe und zwinkerte ihm mit einem Auge zu. Dann nahm er seine Karten auf und studierte kurz das Blatt.

„Hab ich mir schon gedacht. Der alte Freezing hat, wie gesagt, ein Auge für so etwas. Du bist nicht der Einzige, Junge. In diesen Zeiten bist du nicht der Einzige. Man schuftet sich den Rücken krumm, um sich wenigstens ab und an eines dieser köstlichen Bierchen leisten zu können“, er hielt das leere Glas hoch und deutete dem Wirt an, ein neues zu bringen, „oder dafür zu sorgen, dass seine Liebsten nicht verhungern, und dennoch muss man hilflos mit anschauen, wie es jeden Tag weniger wird, wie die Kinder weinen, weil ihre Mütter keinen Shilling mehr haben, den sie umdrehen können, um ihnen etwas auf den Teller zu geben. Mit ansehen zu müssen, wie die hohen Herrschaften dort oben tatenlos zuschauen, wie andere hohe Herrschaften und ihre Handlanger uns das Wasser abgraben …“

Auf Freezings Wangen waren rosige Flecken erschienen. Er legte seine restlichen Karten auf den Tisch und begann, neben sich auf der Fensterbank in einem Stapel Zeitungen nach einem bestimmten Exemplar zu suchen.

„Hier! Hier, mein Junge.“ Der Mann blätterte hastig in der Zeitung und spitzte die Lippen.

„Die Saturday Review. Sir Peter Mitchell. September 1896. Ich lese nur vor, was hier steht. ‚Wenn Deutschland‘“, er warf Buttger einen kurzen Blick über die Zeitung zu, als wolle er sicher gehen, dass er ihm zuhörte, „‚wenn Deutschland morgen aus der Welt vertilgt würde, gäbe es übermorgen keinen Engländer, der nicht reicher wäre als heute.‘ Und so weiter und so weiter und dann: ‚Germania esse delendam. Wenn das Werk vollendet ist, können wir Frankreich und Russland zurufen: ‚Nehmt euch von Deutschland, was ihr haben wollt!‘“

Im Schankraum war es mucksmäuschenstill geworden. Alle schauten den Glatzkopf an oder starrten betreten auf ihre Gläser. Einer der Mitspieler sammelte mit spitzen Fingern die Karten vom Tisch ein und ordnete sie umständlich zu einem Stapel.

„Aber! Aber! Aber!“ Freezing faltete die Zeitung wieder zusammen, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und hob süffisant lächelnd einen Zeigefinger.

„Das alles hindert uns nicht daran, unseren Widersachern und Feinden die Hand zu reichen, ihnen in einer Notlage beizustehen, ihnen mit unserem Material und unserem Wissen zu helfen, ihren maroden Kahn wieder flott zu bekommen, damit der gute Wilhelm und sein …“ Er fingerte einen Zettel aus der Westentasche und las in manieriertem Ton vor: „Das musste ich mir aufschreiben. Dieser Name ist etwas ganz besonderes: ‚… und sein Reichskanzler Chlod-wig-Fürst-zu-Ho-hen-lo-he-Schillingsfürst‘, oha, ‚am Ende nicht das ganze schöne Kautschuk und Kopra aus Togoland abschreiben müssen Wir wollen davon nichts! Nein! Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter! Wir schreiben lediglich eine angemessene Rechnung. Stellen unsere Telefone und Telegraphen zur Verfügung, so wie es unter ehrlichen Kaufleuten üblich ist. Kaufleute, die sich achten. Und schätzen. Die sich – nicht – vernichten …“

Der Miene des Wirtes war nichts zu entnehmen, als er dem Mann das Bier brachte. Freezing hob langsam das Glas und prostete den Männern am Ecktisch mit einem aufgesetzten Lächeln zu.

„Auf die englische Gastfreundschaft. Lang lebe die Königin!“

Langsam begann es Buttger zu dämmern. Die Männer dort hinten gehörten offensichtlich zu dem deutschen Frachter, den er im Hafen hatte liegen sehen. Der Name fiel ihm nicht mehr ein. Und so wie es klang, war irgendetwas mit dem Schiff passiert, das die Mannschaft veranlasst hatte, hier in Cardiff Hilfe zu erbeten. Einer der Deutschen hob sein Bierglas eine Handbreit vom Tisch und erwiderte lächelnd Freezings Gruß.

„Lang lebe die Königin! Auf die Gastfreundschaft!“

Der Mann schien ein passables Englisch zu sprechen.

John Buttger räusperte sich und musterte den Glatzkopf.

„Mr. Freezing. So war doch der Name, oder? Bei aller Wertschätzung Ihrer Person, aber ich teile Ihre Meinung nicht. Ganz und gar nicht. Und auch nicht die, die Sie soeben vorgelesen haben. Ich spreche kein Lateinisch, aber ich fürchte, man kann sich den Sinn aus dem Zusammenhang erschließen. Es gibt keinen Krieg! Und wenn es nach mir ginge, sollte das auch so bleiben. Glauben Sie mir, da, wo ich herkomme, sind der Tod und das Leid allgegenwärtig. Ich bin vor ihnen geflohen, Sir, und ich möchte ihnen morgen nicht schon wieder ins Angesicht schauen müssen, weil Menschen wie Sie sie herbeireden. Obwohl ich gestehen muss, dass der Gedanke, mit Ihnen in eine Grube einzufahren, in der vor Stunden Ihre Freunde das Leben gelassen haben, etwas äußerst Reizvolles hat, denn ich bin mir sicher, ein solcher kleiner Ausflug würde sogar jemanden wie Sie zum Schweigen bringen. Und ja – auf die Gastfreundschaft!“

Jetzt hob Buttger sein Glas und prostete den Männern in der Ecke zu, die dankend zurücknickten. Freezing zog die Augenbrauen hoch und winkte verächtlich ab. Dann zahlte er für den ganzen Tisch und die Männer verließen ohne ein weiteres Wort den Anchor.

Die Einen reden, und die Anderen hören nur zu. Rufus Olding, du hättest schon wieder nicht recht gehabt, dachte John Buttger, drehte sich auf seinem Hocker um und widmete sich dem Rest seines Bieres.

„Darf ich Sie auf ein weiteres Bier einladen?“

Der Deutsche, der Freezings Gruß erwidert hatte, war neben Buttger getreten und hatte sich auf einen freien Hocker gesetzt.

„Natürlich nur, wenn Sie möchten. Darf ich mich vorstellen? Wilhelm Bauer.“

John Buttger sah den Mann einen Augenblick erstaunt an und willigte dann dankend in die Einladung ein. Jedes Bier, das er nicht selber bezahlen musste, war ein willkommener Anlass, seinen knurrenden Magen zu besänftigen. Er hoffte inständig, dass dieser Mann keine Gedanken lesen konnte.

„Ich möchte mich auch im Namen der anderen Männer für Ihre freundlichen Worte bedanken. Ich bin Rechtsanwalt und der Mann mit den grauen Haaren an unserem Tisch ist Kapitän Friedrich Hofmeister. Meine Englischkenntnisse wurden von den Anderen als die verwertbarsten eingestuft.“

Die Erich Woermann hatte vor vier Wochen auf ihrem Weg von Togoland nach Hamburg einen Maschinenschaden erlitten, war in einem Unwetter in Richtung der Irischen See abgetrieben und hatte es unter Schwierigkeiten bis nach Cardiff geschafft. Wilhelm Bauer hatte die Mannschaft nach Lome begleitet, um dort an Gesprächen mit dem Gouverneur August Köhler teilzunehmen, in denen es um rechtliche Fragen bei der Erschließung weiterer Gebiete gegangen war. Das Schiff hatte Kautschuk und Kopra geladen und hätte Ende August den Hafen von Hamburg erreichen sollen.

„Es ist nicht so, dass Ihre Landsleute uns nicht geholfen hätten. Ich glaube aber, es erfolgte etwas widerwillig und auf Amtswegen, die ganz bewusst ein wenig länger ausgelegt wurden“, erklärte Bauer und das Bier begann Buttger in den Kopf zu steigen.

„Es bedurfte einer Unzahl von Telefonaten und Telegrammen mit Hamburg, bis klar war, wie wir vorgehen würden und wer die Kosten übernimmt. Hofmeister ist ein guter Mann. Ihr Engländer würdet sicherlich seinen etwas eigenartigen Humor mögen. Aber es gab Momente, da hat er ziemlich über Ihre Landsleute vom Leder gezogen. Und die Reaktionen aus Hamburg waren auch nicht immer hilfreich.“

Wilhelm Bauer machte eine kleine Drehbewegung mit dem Finger und lächelte.

„Wir wurden strengstens angewiesen, eine möglichst billige Unterkunft zu finden. Ich glaube, das ist uns gelungen. Solange die Ladung im Hafen vor sich hinschaukelt, nutzt sie niemandem etwas und bringt nichts ein. Die Reederei hatte schon erwogen, eigene Leute zu schicken oder einen Teil der Mannschaft über Plymouth zurückzuholen. Hier versicherte man uns aber, dass dies nicht nötig sei. Man werde sich beeilen und das Möglichste tun.“

Er lachte kurz, und eine Weile schwiegen sie und beobachteten den Wirt, der akribisch den Tresen abwischte.

„Dem freundlichen Mr. Freezing gegenüber erwähnten Sie, dass Sie auf der Suche nach einer neuen Anstellung sind. Ich fürchte, in dieser Angelegenheit können wir wenig für Sie tun. Außerdem werden Sie sicherlich Ihre eigenen Pläne haben. Sollten Sie aber in Erwägung ziehen, diese Pläne auch außerhalb Großbritanniens verwirklichen zu wollen, dann schauen Sie doch morgen einmal bei der Woermann vorbei. Wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischen kommt, sollten wir morgen, spätestens aber übermorgen, diesen gastlichen Hafen verlassen können. Hamburg ist eine schöne Stadt und Männer, die anpacken können … Aber das ist natürlich allein Ihre Entscheidung. Überlegen Sie es sich. Auf dem Schiff redet man etwas ungestörter. Und wenn Sie beim Spülen die Teller nicht fallen lassen oder dumm im Wege herumstehen, bin ich sicher, dass Hofmeister Ihnen ein preisgünstiges Ticket verkauft. Vielleicht sehen wir uns ja morgen. Guten Abend und nochmals vielen Dank!“

Wilhelm Bauer stand auf und ging an seinen Tisch zurück. John Buttgers Kopf fühlte sich an, als habe jemand eine Tüte darübergestülpt. Die Geräusche um ihn herum klangen anders. Weiter entfernt und dumpfer. Er war an Alkohol nicht sonderlich gewöhnt. Und ihm wurde urplötzlich klar, dass er in seinem ganzen Leben noch nie auf einem Schiff gestanden hatte. Er blieb noch zehn Minuten sitzen. Dann kramte er seine Geldbörse hervor, legte die Münzen auf den Tresen und stand auf. Die Tür zum Schankraum wurde aufgezogen und als der Mann, der eintrat, seinen Kopf hob und einen kurzen Blick über die Tische warf, wäre John Buttger vor Schreck und Überraschung beinahe vornübergestürzt.

Das konnte nicht sein.

In ein nagelneues Flanellsakko und einen braunen Pullover gekleidet, unter dem ein blütenweißes Hemd hervorblitzte, stand Rufus Olding dort vor ihm und grinste ihn an. Er schien beim Friseur gewesen zu sein und die Pomade in seinem schwarzen Haar stand dem Glanz seiner neuen Schuhe in nichts nach. Nur der alte Beutel über der Schulter war etwas, das John Buttger an den alten Mann in Tylorstown erinnerte. Und Olding lächelte. Wann hatte er diesen grimmigen Mann jemals lächeln gesehen? Sprachlos schaute Buttger ihn an.

„Du redest zu viel, Buttger! Ich habe es dir immer gesagt“, scherzte Olding, kam auf Buttger zu und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter.

„Wo hast du diese …? Bist du mir gefolgt? Wieso bist du überhaupt …?“

John Buttger rang nach Worten und der Alkohol in seinen Adern war ihm dabei wenig hilfreich.

„Hast du schon etwas gegessen? Ich könnte eine Kleinigkeit vertragen.“

Olding zog Buttger an den Tisch, an dem Freezing mit seinen Männern gesessen hatte, und drückte ihn auf einen Stuhl.

Buttger schüttelte entgeistert den Kopf und meinte: „Nein. Habe ich noch nicht. Ich versuche, mein Geld beisammen zu halten.“

Und dann fragte er sich, warum er das diesem Mann überhaupt erklären musste. Olding gehörte in eine andere Welt. Und diese Welt hatte er geglaubt, hinter sich gelassen zu haben.

Rufus Olding winkte den Wirt herbei und sagte: „Sir, zwei Steaks mit Kartoffeln und viel Sauce. Und zwei große Bier. Ich hoffe, das ist machbar!“

Der Wirt nickte nur und verschwand in der Küche. Der Mann musste stumm sein, dachte John Buttger. Seitdem er ihn das erste Mal gesehen hatte, hatte er kein einziges Wort gesprochen. Als er angekommen war, hatte ihm die alte Frau alles erklärt und ihm den Preis genannt.

„Woher hast du das Geld, das du dafür brauchst, Olding? Und wovon …“

Buttger brach den Satz ab und zeigte mit dem Finger auf Oldings Jackett.

Olding schlug die Hände ein paar Mal gegeneinander und sah Buttger eine Weile mit ausdrucksloser Miene an. Dann grinste er kurz, beugte sich vor und sagte mit gedämpfter Stimme: „Ich war heute Mittag schon einmal hier in der Gegend. Im Gegensatz zu anderen habe ich ein Gespür dafür, wo man gar nicht erst nach für unsereins adäquaten Etablissements suchen muss …“

John Buttger fiel ihm ins Wort und starrte ihn fassungslos an. „Soll das heißen, dass du mir die ganze Zeit nachgeschlichen bist?“

Aber Olding überhörte die Frage, beugte sich noch etwas weiter über den Tisch und begann zu flüstern.

„Du hast dir eine feine Gegend ausgesucht, John Buttger. Hier scheinen eine Menge ehrbarer Bürger zu wohnen. Ich habe einem Philippinen eine Handvoll Sovereigns abgenommen. Der Gute dachte, ich besäße genug Geld, um ihm meine Börse freiwillig zu überlassen. Das war falsch. Ganz falsch. Und sein Messer hat ihm auch nichts genutzt. Ich habe ihm eins auf die Nase gegeben und meinerseits sein Angebot angenommen, mir seine Barschaft unentgeltlich auszuhändigen.“

„Was soll das, Olding? Du erzählst mir haarsträubende Lügen! Du bist weder ein Schläger noch ein Dieb.“ Buttger blickte sich verstohlen um, ob irgendjemand im Raum Oldings Ausführungen mitbekommen hatte.

Rufus Olding strich sich über das Kinn und wieder blickte er Buttger lange und mit zusammengekniffenen Augen an.

„Ich spreche nicht von Diebstahl, John Buttger! Ich spreche von Entschädigung, von Wiedergutmachung. Von Kompensation. Nenn es Schadenersatz, wenn du willst! Wenn man mir das Leben nehmen will, dann wehre ich mich. Schau nicht so. Du würdest es genauso machen.“ Und dann bekam er wieder einen seiner Hustenanfälle, klopfte mechanisch mit einer Faust auf seine Brust und konnte anschließend minutenlang kaum sprechen.

Der Wirt brachte die beiden Biere und Buttger wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Schweigend saßen sie eine Weile voreinander, tranken von ihren Bieren und wenn sich ihre Blicke über dem Tisch trafen, zwinkerte ihm Rufus Olding verschmitzt zu. Als die alte Frau ihre Steaks brachte, hatte John Buttger keinen Hunger mehr. Die Situation war absurd. Vor zwei Tagen hatte Rufus Olding noch in seinem Bett neben ihm im Rhondda Fach gelegen, schweigend, wie so oft, und sie hatten gemeinsam der nächsten Schicht entgegengedämmert. Jetzt saß er vor ihm, hatte ihn in Cardiff zum Essen eingeladen und sah aus, als habe er nie in einer Mine gearbeitet.

Wilhelm Bauer und die anderen Deutschen hatten, ebenso wie der Junge mit der Pudelmütze und die beiden alten Männer, gezahlt und waren gegangen. Für eine Weile saßen John Buttger und Olding alleine im Schankraum.

„Und? Wie sehen deine Pläne für uns aus?“

Mit schelmischem Gesichtsausdruck und in aller Seelenruhe spießte Olding mit der Gabel Erbsen von seinem Teller auf und sah dabei aus, als wolle er Insekten auf das Filz eines Schaukastens pinnen.

„Uns?!“, entfuhr es Buttger unwillkürlich und einen Herzschlag später ergänzte er: „Du bist mir also doch gefolgt! Warum gibst du es nicht zu und sagst mir endlich warum?“

Olding zerdrückte mit der Gabel eine Kartoffel in der Sauce und wog dabei den Kopf hin und her.

„Nein, Junge, zuerst nicht. Aber irgendwann bin ich dir dann nachgegangen.“

John Buttger schnaufte. Ohne Zweifel war dieser Alte doch Bergmann. Und ebenso zweifellos schien ein Leben in Dunkelheit dieses Wesen bis ins Innerste geprägt zu haben. In den Eingeweiden des Berges musste er gelernt haben, nur noch in finsteren, unergründlichen und manchmal beängstigenden Sätzen zu sprechen, hinter deren Sinn man nur kam, wenn man bereit war, Schicht für Schicht abzutragen, immer hoffend, nur auf das zu stoßen, wonach man gegraben hatte.

Olding lächelte.

„Du erinnerst mich manchmal an meinen Ältesten, Buttger. Verschlossen, fast sanft, aber wer ihn kannte und ihm zu feste auf den Fuß trat, der konnte ab und an ganz schön was erleben. Nein, ich bin dir nicht wirklich nachgegangen. Als ich sah, dass du nicht im Zimmer warst und dein Koffer verschwunden war, habe ich mir so etwas gedacht. Und dass du nicht in die Berge abhaust, liegt ja wohl auf der Hand. Ich habe dich auf der Mauer am Hafen sitzen sehen und bin dir eine Weile nachgegangen. Als …“

„Aber warum bist du überhaupt aus Tylorstown fort? Ich meine, es gibt genug Gründe, aber …“

Abermals überhörte Rufus Olding Buttgers Einwurf, schaute gedankenverloren durch ihn hindurch und redete einfach weiter.

„Für einen Moment habe ich mir überlegt, dich anzusprechen. Aber dann ließ ich die Idee und dich einfach gehen. Später traf ich den netten Philippinen und danach“, er strich sich über die Haare, „danach habe ich mich ein wenig angemessener gestaltet. Dass wir uns allerdings hier wieder über den Weg laufen, das halte ich dann doch für ein Zeichen unseres Herrn.“

„Blödsinn! Ich glaube dir kein Wort, alter Mann! Sag mir, warum du aus Tylorstown fort gegangen bist. Du musst unmittelbar nach mir verschwunden sein, wenn ich mir überlege, dass du mir wie ein Schatten gefolgt bist.“

„Wie mein Willy. Genau wie mein Willy. Ich hab’s dir gesagt. Aber, Buttger, ich habe dir auch immer wieder gesagt, dass du zu viel redest. Du redest zu viel, mein Freund. Aber wenn du schon plappern willst, dann erzähle mir einfach, was du vorhast. Und ich sage dir, ob es eine gute Idee ist. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass jemand auf dich aufpassen muss. Ich nehme mir ein Zimmer in diesem noblen Wirtshaus und morgen sehen wir weiter.“

Wieder schnaubte Buttger und schob den halb leeren Teller von sich.

„Nur, weil du vom Alter her mein Vater sein könntest, brauchst du dich nicht wie einer zu benehmen, Rufus Olding. Vielleicht erinnerst du dich einmal an die letzten Jahre, um dir die Frage zu beantworten, ob ich eine Gouvernante brauche.“

Die Tür ging auf und der Norweger, der Buttger den Hinweis auf das Victorias Anchor gegeben hatte, betrat den Raum, hob die Hand zum Gruß und grinste zu ihnen herüber.

Sie bestellten sich noch zwei Gläser Bier und Buttger erzählte Olding widerwillig und mit ein paar knappen Sätzen von Freezings unangenehmen Sticheleien und dem Gespräch mit Wilhelm Bauer. Er verspürte keine sonderliche Lust, dem Alten einen detaillierten Bericht zu erstatten, erwähnte seine Erwiderung auf die verletzenden Auslassungen des Glatzkopfes nur mit wenigen Worten, und als er fertig war, hatte er dennoch das seltsam quälende Gefühl, ein Geheimnis preisgegeben zu haben. Von den Gedanken, die ihn morgens am Hafen und während seiner Suche nach einer Unterkunft umgetrieben hatten, sprach er mit keinem Wort. Er glaubte immer noch nicht, dass die Geschichte mit dem Philippinen der Wahrheit entsprach, und, mochten sie in den letzten Monaten auch das Zimmer geteilt haben, er fühlte sich in keiner Weise verpflichtet, diesem seltsamen alten Mann seine Seele zu offenbaren.

„Deutschland …“ Dieses eine Wort war Oldings einzige Antwort auf John Buttgers kurze Geschichte. Er nickte einige Male nachdenklich mit dem Kopf und schien wieder durch ihn hindurchzuschauen.

„Ich hätte die Wette gewonnen. Wilhelm Bauer zweifelte ein wenig, ob Sie kommen würden. Friedrich Hofmeister. Ich bin der Kapitän dieses nahezu wiederhergestellten Schiffes. Guten Tag, Herr …?“

„Buttger. John Buttger.“

Die Männer reichten sich die Hände zur Begrüßung und John Buttger steckte die Taschenuhr wieder in die Weste zurück. Ein junger Matrose hatte ihn schweigend in den Speiseraum der Mannschaft geführt und er hatte fast eine Viertelstunde wartend aus dem Fenster auf das Hafenbecken geschaut und versucht, seine Gedanken zu sortieren.

„Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie habe warten lassen und darüber hinaus meine dürftigen Englischkenntnisse. Wir sind froh, dass wir Bauer dabei haben. Setzen Sie sich doch bitte. Kann ich Ihnen etwas anbieten? Tee, Wasser, einen deutschen Schnaps?“

Buttger verneinte dankend und sie setzten sich auf zwei Stühle an einem der Tische.

„Auch von meiner Seite nochmals allerherzlichsten Dank für Ihre Schützenhilfe gestern Abend. Obwohl wir uns ja nicht im Krieg befinden. Wilhelm Bauer hat mir alles berichtet.“

Hofmeister lachte, nahm seine Kappe ab und legte sie auf die Tischplatte.

„Der Tatsache, dass Sie hier sind, entnehme ich, dass Ihre Pläne nicht zwangsläufig in England umgesetzt werden sollen. Einen Arbeitsplatz kann ich Ihnen nicht anbieten, aber gegen eine Passage bei angemessener Bezahlung habe ich nichts einzuwenden. Kommen Sie mit uns und machen Sie sich selbst ein Bild von Deutschland. Und vielleicht können Sie irgendwann solch netten Herren wie dem von gestern ein anderes Bild von unserem Land malen. Auch in Hamburg liegt das Geld nicht auf der Straße, aber im Hafen gibt es immer etwas. Und dass Sie unter der Last eines Sackes nicht zusammenbrechen, kann jeder sehen. Überlegen Sie es sich.“

„Herr Bauer erwähnte, dass es vielleicht möglich wäre, dass ich an Deck oder in der Küche …“

Hofmeister winkte ab und schüttelte den Kopf.

„Bitte verstehen Sie mich jetzt nicht falsch, Herr Buttger. Ich weiß, dass Sie nicht vorhaben, unser ganzes wertvolles Porzellan zu zerschlagen. Aber die Männer arbeiten, wie sie eben arbeiten. Ich möchte nicht, dass die …“, er suchte nach dem passenden Wort, „die bewährte Routine gestört wird. Auch nicht, wenn ich weiß, dass es mit den besten Vorsätzen – for the best, sagt man so? – geschähe.“

„Das Problem ist“, und Buttger begann zu stottern, „dass wir – unter Umständen –, dass nicht nur ich alleine …“

Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wie er dem Kapitän die Geschichte mit Olding auf eine Art und Weise beibringen konnte, ohne sich heillos zu verhaspeln oder dessen Sprachkenntnisse hoffnungslos zu überfordern. Hofmeister runzelte die Stirn und zog eine Augenbraue hoch.

„Sie wollen sagen, dass dort draußen hinter einer Ecke auch noch Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Frau und sieben Kinder darauf warten, an Deck kommen zu dürfen?!“

„Nein! Nein. Nein, das wollte ich nicht sagen. Ein Freund, ein Bekannter, nein, ein Freund …“

Es war unmöglich! Er würde wieder gehen. Er würde etwas anderes versuchen, sich in Cardiff irgendeine Handlangerarbeit suchen und nach einer Weile sehen, wie es weiterginge. So lange warten, bis er das Geld für eine billige Passage zusammen hatte.

„Ich habe kein Geld. Ich habe so gut wie kein Geld. Alles, was ich besitze, brauche ich für das, was kommt und von dem ich nicht einmal weiß, wie es aussieht.“

Rufus Olding zu fragen, ob er ihm die Überfahrt bezahlen könne, ihn um einen noch so kleinen Betrag anzubetteln, war etwas, das niemals in Betracht kommen würde. Er hatte den Gedanken gedacht und sofort wieder zum Teufel gejagt. Was oder wer immer hinter dem Gesicht eines Philippinen stecken mochte, Buttger wollte damit nichts zu tun haben.

John Buttger stand auf und reichte dem Kapitän zögernd die Hand. Den Versuch war es wert gewesen. Aber jetzt wollte er nicht noch mehr Zeit verlieren. Unwillkürlich griff seine freie Hand in die Westentasche und holte die Uhr hervor. Ein Knopfdruck, und der Deckel sprang auf. Es war kurz nach neun. Er würde den ganzen Tag damit verbringen, eine Arbeit zu suchen.

„Haben Sie vielen Dank. Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Kapitän Hofmeister. Ich finde schon etwas. Und alles Gute für die Heimreise. Auf Wiedersehen.“

John Buttger drehte sich zur Türe und legte die Hand auf den Knauf.

„Warten Sie, Buttger“, sagte Hofmeister in seinem Rücken. „Einen Vorschlag kann ich Ihnen vielleicht noch machen.“

Langsam drehte sich Buttger wieder um. Friedrich Hofmeister sah ihn an und deutete mit dem Finger auf seine Weste.

„Ihre Uhr ist recht hübsch. Mein Vater hatte eine kleine Sammlung von Taschenuhren. Freie Passage, freie Unterkunft, freies Essen, keine Arbeit, wenn Sie mir Ihre Taschenuhr überlassen und nicht im Wege herumstehen.“

John Buttger hatte das Gefühl, als kröche ihm ein Insekt über den Rücken, und er schüttelte unmerklich den Kopf.

„Die Uhr ist unverkäuflich, Herr Hofmeister. Sie gehörte meinem Onkel. Dennoch, vielen Dank.“

Hofmeister antwortete nicht und schaute ihm nach, wie er die Türe hinter sich schloss. Auf dem Deck blieb Buttger kurz stehen und schaute über den Pier hinunter auf die Häuser der Stadt. Der Lärm in den Straßen und das Rufen der Schauerleute vermischten sich mit dem Geräusch eines einfahrenden Käfigs, dem knarzenden Quietschen kohlebeladener Wagen und dem eintönigen Trommeln des Regens auf den Dächern in Tylorstown. Buttgers Blick folgte einer über den Bug fliegenden Möwe. Als das Tier sich auf den Handlauf der Reling setzte und mit den Flügeln schlug, musste er an das flackernde Licht der Grubenlaternen denken.

And winter, slumbering in the open air,

wears on his smiling face a dream of spring!

And I, the while, the sole unbusy thing,

nor honey make, nor pair, nor build, nor sing.

John Buttger stützte sich an der Metallwand neben ihm ab und schloss die Augen. Onkel Benjamin. Wäre es in deinem Sinn … Wärest du verletzt, wenn ich … Hast du mir die Uhr gegeben, weil du geahnt hast, dass ein solcher Moment kommen würde?

Buttger schluckte und ging zögernd zur Tür der Kabine zurück. Als er die Hand auf den Knopf legen wollte, wurde sie aufgezogen und Hofmeister schaute ihn verwundert an. Keiner der beiden Männer sagte etwas. John Buttger löste die Kette der Taschenuhr aus dem Knopfloch seiner Weste und hielt sie Friedrich Hofmeister vor die Brust.

„Sollte es sich ergeben, Sir, dass Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Frau und sieben Kinder noch bitten werden an Deck kommen zu dürfen, müssen sie alle für sich selber bezahlen. Das hier“, und er nickte in Richtung der Uhr, „das hier ist eine Angelegenheit ausschließlich zwischen Ihnen und mir. Können wir uns darauf verständigen?“

Hofmeister nahm die Uhr an sich und ein so breites wie unergründliches Grinsen legte sich auf sein Gesicht. Dann nickte er. Sie schüttelten sich die Hände und Hofmeister meinte: „Morgen so gegen elf Uhr. Ihre Landsleute haben gute Arbeit geleistet, Mr. Buttger.“

John Buttger hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass Rufus Olding seiner eigenen Wege gehen würde, und irgendetwas tief in seinem Inneren sagte ihm, dass der alte Mann vielleicht recht damit gehabt hatte, als er beim Abendessen beiläufig gemeint hatte, dass vier Arme und vier Augen eine Reise ins Ungewisse leichter überstehen konnten. Er hatte sich zu nichts verpflichtet und Olding, mochte er so verschlossen sein wie er war, hatte ihm in Tylorstown nicht selten zur Seite gestanden, unten, in der Dunkelheit der Stollen, wenn er merkte, dass Buttger eine helfende Hand benötigte.

Sie nahmen gemeinsam das Abendessen im Victorias Anchor ein und John Buttger erzählte dem alten Kumpel, dass er am nächsten Tag mit der Erich Woermann nach Deutschland fahren würde.

Als sie am nächsten Morgen nach dem Frühstück, das aus fettigen Toasts und verbrannten Eiern bestanden hatte, gemeinsam zum Hafen schlenderten, fragte sich Buttger nur, wie Olding sich so sicher sein konnte, dass Friedrich Hofmeister auch ihn mitnähme. Aber dann hatte Olding dem Kapitän nach einem kurzen Gespräch fünf Sovereigns in die Hand gedrückt und Buttger hatte einmal mehr an den gesichtslosen Philippinen denken müssen. Nein, er hatte sich zu nichts verpflichtet und er würde mit Rufus Olding noch manches Gespräch führen müssen.

Drei Tage später, in den ersten Oktobertagen des Jahres 1896, machte die Erich Woermann im Hamburger Hafen fest. Buttger und Olding hatten während der Überfahrt meist mehr oder minder schweigend ihre winzige Kabine geteilt, so, wie sie es zuletzt in Tylorstown mit ihrem Zimmer getan hatten, hatten Beiläufigkeiten gewechselt oder an Deck gestanden und auf das Wasser des Ärmelkanals geschaut. Hatte Olding in Cardiff auf eine schwer zu erklärende Art und Weise einen fahrigen und nervösen Eindruck gemacht, so wirkte er hier oben auf dem Schiff, an die Reling gelehnt, absolut ruhig und gelassen. Nur sein rasselnder Atem war noch immer derselbe.

Am zweiten Abend hatte ihnen der Kapitän einen Messingbecher mit Kopra gebracht, Buttger hatte vorsichtig gekostet, aber Olding hatte mit dem abfälligen Satz ...

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