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Des Waldbauern Friedel

1. Vertrieben

Es war im Sommer des Jahres 1730. In dem wunderschönen Gebirgsländchen Salzburg, das im Süden Deutschlands, zwischen Bayern, Tirol und Österreich liegt, grünten die saftigen Wiesen, dufteten die dunklen Tannenwälder; und die untergehende Sonne vergoldete die Spitzen der gewaltigen Berge. Nicht allzu weit von einem kleinen gewerbefleißigen Städtchen stand am Bergeshang, von Waldbäumen beschattet, eine schlichte Hütte. Nur zwei Menschen wohnten darin: der Waldbauer Andreas, ein weißhaariger, aber noch sehr rüstiger Mann, und sein neunjähriger verwaister Enkel Fridolin, meist Friedel genannt. Einen schmuckeren Buben gab es wohl kaum in der ganzen Gegend! Hoch gewachsen, weiß und rot wie Milch und Blut, obgleich er sich von früh bis abends im Sonnenschein tummelte, mit lustigen strahlenden Augen und weichem, dunklem Lockenhaar. Schon war er kräftig genug, dem Großvater bei der Bearbeitung des sehr kleinen Gütchens zu helfen, sodass die beiden, seit dem Tode eines alten, treuen Knechtes, ganz allein wirtschafteten.

Jetzt ruhten Großvater und Enkel am Waldesrand und schauten behaglich der schneeweißen Kuh und den fünf schönen Ziegen zu, die sich die würzigen Kräuter wohlschmecken ließen. Andreas hatte Brot und Käse und einen Krug Milch herausgeholt, denn in der Hütte war’s noch heiß und dumpfig von der Sonnenglut des Tages.

Schweigend saßen sie beisammen. Sonst hatte der Alte am Feierabend gern geplaudert und erzählt; seit einiger Zeit war er merkwürdig still. Aber sieh, jenseits der Wiese trat plötzlich ein stattlicher Hirsch mit majestätischem Geweih aus dem Waldesdunkel hervor und begann zu grasen. Wie festgebannt stand das zahme Vieh und schaute verwundert nach dem stolzen Gast hinüber; der Knabe aber betrachtete ihn mit atemlosen Entzücken. Aber nur zu bald gewahrte das herrliche Tier die Menschen, die es wohl schon als seine Feinde kennen mochte. Es warf den Kopf zurück und enteilte in mächtigen Sprüngen.

„Schade, dass du deinen Stutzen nicht hier hattest“, sagte Friedel, „sonst könnten wir morgen Hirschbraten essen.“

„Nimmermehr! Das Hochwild ist nicht des Volkes; es ist des Erzbischofs.“

„Das ist nicht recht! Es frisst unser Gras und bricht oft genug in unser Feld. Er hätt’ es ja nicht gesehen, wenn du den Hirsch geschossen hättest! Er sitzt so weit weg in seinem Palast in der Stadt Salzburg.“

„Schäm dich, so zu reden! Du weißt recht gut, dass es Gott gesehen hätte. Nein, nein! In allen irdischen Dingen wollen wir dem harten Herrn gern untertan sein; aber nimmer, nimmer hat er Macht über unsere Seelen!“

Der Alte hatte nur mit sich selbst gesprochen, doch war dem Kinde seine tiefe Erregung nicht entgangen, und es fragte ängstlich:

„Will der garstige Erzbischof deiner Seele was tun, Großvater? Wie kann er denn das? Sie ist ja ganz tief inwendig.“

Andreas schwieg lange, dann zog er den Knaben an sich und begann:

„Du hast in deiner Einfalt wahr gesprochen, mein Kind; er kann meiner Seele nichts tun! Schon längst möchte ich dir etwas sagen, was du noch nicht ganz verstehen wirst, aber doch wissen musst. Höre mir nun recht aufmerksam zu. Sag, weißt du denn, warum wir am Sonntag nicht in die schöne große Stadtkirche gehen, sondern in das ärmliche Kapellchen in der engen Gasse?“

„Hab nimmer daran gedacht“, gestand der Knabe. „Hab aber mal in die große Kirch’ neingeguckt, als die Tür weit offen stand. Ei, das ist’s fein drin! Bilder gibt’s und Figuren, und gleißt alles von Gold und Silber.“

„Das glaub ich wohl! Aber sieh, der dicke Pater Ignatius führt die Leute in der schönen Kirche nicht den rechten Weg zum Himmel. Du kennst ihn doch, nicht wahr?“

„Es ist unser Herr Jesus Christus“, erwiderte der Knabe feierlich; „wer an ihn glaubt, wird selig.“

„Dabei bleib fest dein Leben lang! So lehrt ja unser lieber Pfarrer mit großem Fleiß die Großen und Kleinen und schöpft alle seine Lehre aus der lieben Bibel. Pater Ignatius aber verbietet die Bibel zu lesen. Er sagt, man solle sich den Himmel verdienen mit guten Werken; man solle die Jungfrau Maria und andere Heilige anrufen, die doch auch sündige Menschen waren. Sieh, so gibt’s zweierlei Leut’ hier. Die Meisten folgen dem Pater, der kleine Teil dem Pfarrer. Bisher haben sie äußerlich Frieden gehalten; jetzt aber hat der Erzbischof befohlen, die Wenigen, die das kleine Kirchlein besuchen, zu ängstigen und zu verfolgen.“

„Aha!“, lachte der Junge. „Nun weiß ich auch, warum mich des Müllers Sepp letzthin einen Ketzer schalt. Na, ich hab’s ihm heimgezahlt, dass er heulend davonlief mit einer Beule am Kopf. Und ist doch älter als ich!“

„Das musst du nicht tun! Weißt du nicht, wie geduldig unser Heiland litt, als man ihn beschimpfte?“

„Ach, Großvater, das geht ja mit dem Sepp nimmer. Der tät ja gleich –“

„Schweig, törichtes Kind! Ich verbiete dir ernstlich, dich zu rächen, wenn man dich deines Glaubens wegen beschimpft.“

Zwei große Tränen, die über das ehrwürdige Antlitz des Alten in den weißen Bart rollten, stimmten den Knaben plötzlich weich und ernst. Liebkosend schmiegte er sich an den Alten und sprach leise:

„Sag mir doch alles; so will ich brav sein. O Großvater, ich will auch mal in den Himmel kommen, wo mein Herzensmütterle ist und der Vater, den ich kaum gekannt!“

„Nun, so höre! Ringsum im Salzburger Land gibt’s in Städten und Dörfern noch viele Leut’, die den rechten Glauben haben. Bisher hat man sie geduldet, denn sie sind gar friedlich, fleißig und sehr geschickt in allerlei Kunst und Handwerk, sodass sie viel Gewinn ins Land bringen. Aber der Erzbischof Firmian ist herrschsüchtig und hartherzig. Er will durchaus, dass wir alle unsern Glauben abschwören und wieder zu des Papstes Kirche kommen sollen.“

„Wer ist nur der Papst, Großvater? Ich hör allweil’ von ihm und möcht’s wissen?“

„Das ist der alleroberste Priester der Kirche, die sie katholisch nennen. Gar reich und mächtig wohnt er in der herrlichen Stadt Rom. Er sagt, er sei Petri Nachfolger und Christi Stellvertreter auf Erden.“

„Glaub ich nimmer! Ist doch der liebe Heiland selber bei uns! Was braucht’s einen Papst?“

„Das ist wahr. Wir nennen ihn den Antichrist und das Kind des Verderbens. Dabei bleib nur fest, mein Kind. Denk nur, man will uns unsere Bibeln wegnehmen; und unsere schönen Lieder sollen wir nicht mehr singen!“

„Nun sing ich gerade recht, zum Trutz!“

„Das ist brav; so denken wir alle. Und damit wir recht fest bleiben, sind unsere Ältesten (das heißt Vorsteher) aus dem ganzen Lande zusammengekommen heimlich bei Nacht in dem wilden, dunklen Felstal, wo die Schwarzach schäumend durchbraust –“

„Ist’s das, wo wir neulich hinabgeschaut haben, als wir so hoch zu Berg gestiegen waren?“

Der Großvater nickte.

„Hu, ’s war schauerlich da unten.“

„Freilich! Aber dort waren sie ganz sicher vor des Erzbischofs Lauschern, die immer aufpassen, was wir tun. Da haben wir alle gebetet und einander die Hand gereicht und feierlich geschworen, dem rechten Glauben treu zu bleiben bis zum Tode.“

„War mein Pate Rudi auch dabei?“

„Gewiss; er ist ja der Älteste unserer Gemeinde. – Du bist ein junges Kind und begreifst noch wenig. Aber sag, willst du denn nun recht fleißig lernen und alles zu Herzen nehmen und fest dabei bleiben, was auch kommen möge?“

„Ich will, Großvater! Gewiss, ich will! Aber jetzt bin ich so müd’ und möcht’ schlafen gehen. Wir haben heute wacker geschafft.“

„So komm, ruf die Ziegen; lass uns hineingehen, beten und in Gottes Schutz ruhen.“

In den nächsten Tagen und Wochen blickte der Knabe oft ängstlich nach dem Städtchen hinab, ob etwa jemand kommen werde, um ihm und dem Großvater den rechten Glauben wegzunehmen. Wie das geschehen sollte, war ihm nicht so recht klar; doch ballte er tapfer die derben Fäuste und meinte, er wolle sich schon tüchtig wehren.

Da aber nichts Dergleichen geschah, schlug er sich’s bald aus dem Sinn und ward wieder leichtherzig wie zuvor. Der Großvater behandelte ihn liebreicher als je, hielt ihn aber streng zur Arbeit und ließ ihn nie mehr allein zur Stadt laufen, um allerlei zu besorgen, wie sonst wohl geschehen war.

Der Sommer schied; der Herbst schüttelte das Laub von den Bäumen, und endlich tanzten die ersten Schneeflocken in der Luft. Bald war’s aus mit der Arbeit im Freien. Nun musste sich der Wildfang wieder fleißig im Lesen, Schreiben und Rechnen üben, und der Großvater suchte ihm mit viel Geduld und Weisheit die Hauptlehren des Christentums ins Herz zu prägen. Der Knabe lernte willig und sammelte in dieser Zeit einen Schatz köstlicher Bibelsprüche, deren Verständnis ihm erst später aufging; und die herrlichen Lieder, die er mit dem Großvater sang, begleiteten ihn wie Trostengel durchs ganze Leben.

In diesem friedlichen, aber doch einförmigen Winterleben waren die Sonntage rechte Lichtblicke, die man mit Freuden begrüßte. Da wanderten die beiden zusammen zum lieblichen Kirchlein und blieben dann über Mittag bei dem Paten Rudi, wo es stets etwas Gutes zu essen gab. Unendlich viel Schönes war beim Paten Rudi zu sehen. Seine große, helle Stube hatte buntgemalte Wände, an denen allerlei Bilder hingen. Schrank und Truhe waren glänzend poliert und mit Silber beschlagen. Aus der großen Wanduhr trat beim Stundenschlag ein possierliches Männlein hervor und machte einen Diener. An dem Kachelofen konnte man die ganze Geschichte des Erzvaters Abraham betrachten. Das Beste aber war ein dickes Buch mit vielen seltsamen Holzschnitten; eine unversiegbare Freude für den lebhaften Knaben. Da gab es Ritter mit Schwert und Schild, Könige mit Krone und Zepter, Löwen, Elefanten und Affen, ja sogar große Segelschiffe und schwarze Menschen. War die lebhafte Einbildungskraft des Knaben durch das Betrachten dieser Wunderdinge angeregt, so schlüpfte er gern hinaus in die kleine ziemlich düstere Küche, wo die alte Magd Zenzi spinnend oder strickend am Herdfeuer saß.

„Zenzi, ein Märlein!“, bat er dann, sich auf den Schemel ihr zu Füßen setzend.

„Weiß keins mehr“, brummte sie regelmäßig, fing aber doch bald an zu erzählen, denn ihr Schatz an Märchen, Sagen und Abenteuern war unerschöpflich.

Was der Knabe da von Riesen und Zwergen, Nixen und Feen und wunderschönen Prinzessinnen hörte, erschien dem Großvater höchst unnütz und töricht. Der mildgesinnte Pate aber sprach:

„Lass ihn gewähren! Junges Blut will auch Kurzweil haben und heiteres Spiel. Er weiß wohl, dass das doch nur Scherz ist; es tut ihm keinen Schaden. Gott lässt ja auch Blümlein wachsen, nicht nur Korn und Weizen.“

Ach, Friedel sollte bald genug kein Märlein mehr hören! Eines Sonntagsmorgens, als er geschäftig alles zum Kirchgang rüsten wollte, sprach der Alte mit beklommener Stimme:

„Brauchst dein neues Wämsli nicht anzuziehen; ’s gibt keinen Kirchgang heute.“

„Aber, Großvater, sieh doch, wie schön die Sonne scheint! ’s ist auch nicht kalt.“

„Das weiß ich wohl; aber ’s Kirchlein ist zugeschlossen.“

„Ei, der Herr Pate hat ja den Schlüssel!“

„Der wird nimmer aufschließen!“, rief Andreas, plötzlich in Tränen ausbrechend. „Er liegt im finstern Kerker, und unser lieber Pfarrer auch!“ Damit barg er das Antlitz in die Hände und schluchzte laut.

Das konnte Friedel nicht ertragen. Er schlang die Arme um seinen Hals, liebkoste ihn zärtlich und schlug vor, schnell alle guten Leute zusammenzurufen und die Gefangenen mit Gewalt zu befreien.

Traurig schüttelte der Großvater den Kopf.

„Du sprichst wie ein dummes Kind. Mit Gewalt ist hier nichts getan. Die Zeit der Not und Versuchung ist gekommen; Gott gebe nur, dass wir alle treu bleiben!“

Nicht nur die Kapelle des Städtchens hatte man verschlossen, sondern alle protestantischen Kirchen im Salzburger Lande. Die Prediger und Ältesten warf man ins Gefängnis, damit sie ihre Glaubensbrüder nicht stärken und ermahnen konnten. Die verlassenen Gemeinden sollten mit allen nur erdenklichen Mitteln zum Papsttum zurückgeführt werden.

So verging das Jahr 1731 bis zum Herbst in großer Sorge und Unruhe. Viele, viele schmachteten im Gefängnis. Andern hatte man Hab und Gut genommen; und endlich erließ der grausame Erzbischof den Befehl, dass alle, die sich nicht zum Papsttum bekehren wollten, binnen weniger Wochen aus dem Lande weichen müssten.

Der Winter, der in jener Gebirgsgegend viel Schnee und Eis bringt, war dicht vor der Tür, aber das kümmerte den Erbarmungslosen nicht. Jammer und Herzeleid herrschte in den Häusern der Frommen; doch trösteten sie einander mit Gottes Wort und rüsteten mutig und ergeben zum Auszug. Von den Gefangenen waren nicht wenige in den feuchten Kerkern gestorben; die übrigen ließ man nun frei, damit sie, matt, krank und bleich, die beschwerliche Wanderung antreten möchten.

Aber noch war des Bischofs unersättlicher Hass nicht befriedigt. Er ersann eine Qual für die Armen, die man wohl teuflisch nennen kann. Er ließ vielen, besonders den Vornehmen und den eifrigsten Bekennern, ihre Kinder wegnehmen, um sie in Klöstern erziehen zu lassen. Was da für ein Jammer und Wehklagen aus den Elternherzen zu Gott emporgestiegen sein mag, ist nicht auszudenken!

Der alte Andreas wusste noch nichts von diesem letzten Anschlag des Tyrannen. Eifrig rüstete er mit Friedels Hilfe die wenige Habe, die er mitführen konnte, denn in drei Tagen wollte man die Wanderung beginnen. Die Angst und Aufregung der letzten Monate hatte ihn sehr verändert. Seine kräftige Gestalt war gebeugt, sein leuchtendes Auge matt geworden; er war kein starker Mann mehr, sondern ein müder Greis.

Friedel dagegen war frischer und mutiger als je. Wohl tat ihm zuweilen das junge Herz weh beim Gedanken an den Abschied von der geliebten Heimat; aber bald schlug es wieder freudig in Erwartung alles Wunderbaren, das er auf der Wanderung zu erleben hoffte.

Aber horch! Es klopft gewaltig an der Tür, die man in dieser angstvollen Zeit stets verschlossen hält.

„Im Namen des Erzbischofs! Öffnet!“, ruft eine raue Stimme, und zwei kräftige, wohlgenährte Mönche betreten das niedere Gemach.

„Was wollt ihr?“, fragte Andreas mit tiefem Ernst. „Ihr seht, ich rüste zum Auszug. Verschwendet eure Worte nicht mehr an mich.“

„Damit ist’s vorbei, starrköpfiger Alter“, erwiderte der eine mit hässlichem Lachen. „An dir ist wenig gelegen; aber diesen schmucken Buben will die Gnade des Erzbischofs vom Verderben erretten. Wir sind gesandt, ihn ins Kloster abzuholen. Aller Widerstand ist vergebens.“ Damit packte er den Knaben mit festem Griff am Arme.

„Mein Kind! Mein Kind!“, jammerte der Alte, wollte aufstehen und es an sich ziehen, aber die Kraft versagte ihm; der Schreck war allzu groß gewesen. Er wankte und sank ohnmächtig auf die Bank zurück.

Friedel aber sträubte sich gewaltig gegen die Mönche, schrie, schlug und stieß mit Händen und Füßen um sich, kratzte und biss. Bald aber sah er, dass es ihm, zwei starken Männern gegenüber, gar nichts nützte. Da ward er plötzlich ruhig und ließ sich ganz geduldig fortführen.

Als der Greis aus seiner Ohnmacht erwachte, war die Hütte leer; wenige Minuten hatten ihn des einzigen irdischen Glücks beraubt, das er noch besessen.

„O barmherziger Gott“, seufzte er, „nimm doch meine müde Seele zu dir! Was soll ich auf der Wanderschaft? Ich werde nur eine Last sein.“

Wie er die drei Tage überstand, war ihm selbst unbegreiflich. Sein einziger Trost war, inbrünstig für das Seelenheil seines Lieblings zu beten. Zuweilen trat er hinaus vor die Hütte, um nach dem Kloster hinüberzuschauen, dessen Mauern und Türme etwa eine Stunde weit entfernt in der Wintersonne glänzten. Wie mochte es dem Kinde gehen? Ach, es war ja kaum möglich, dass es treu bleiben konnte! Es war noch allzu jung, leichtherzig und unwissend.

Am letzten Abend übermannte ihn die Müdigkeit; er streckte sich aufs harte Lager und schlummerte einige Stunden. Da weckte ihn mitten in der Nacht ein leises Klopfen an der Tür. Erschrocken fuhr er auf. Wer mochte es ein? Was konnte man ihm noch rauben wollen? Aber, o Wunder! Draußen tönte eine traute Knabenstimme: „Ich bin’s, Großväterle; dein Friedel. O, lass mich ein; geschwind, geschwind!“ Und im nächsten Augenblick hing der Knabe jauchzend an seinem Halse.

„Hast du nicht gleich gedacht, dass ich wiederkommen würde?“, fragte er. „Ganz zufrieden hab ich mich gestellt, gegessen, gelacht und gespielt wie die andern Kinder. Da ließen sie mich bald außer acht und ich konnt’ mit die Gelegenheit zur Flucht besehen. Diese Nacht, als mein Bettgenoss’ fest schlief und der Mönch, der uns hüten sollt’, gewaltig schnarchte, hab ich leise das Fensterchen geöffnet. ’s war eben weit genug zum Durchschlüpfen. Am Weingeländer hinab in den Garten, vom hohen Baum hinauf auf die Mauer, und von da in gewaltigem Sprung hinaus ins Freie, gerade in einen Schneehaufen, den der Sturm zusammengeweht. Ja, ja, sie wussten nicht, wie ich klettern und springen kann! Vorher hatt’ ich aber heiß gebetet, Großvater, so heiß wie noch nie. Und sieh, Gott hat mir geholfen!“

„Mein Herzenskind, o Gott sei ewig Lob und Dank! Vergiss es nie, im ganzen Leben nicht, mein Friedel! Aber du zitterst vor Kälte; lege dich nieder, dass ich dich in die Wolldecke hülle.“

„Nein, Großvater, das geht nicht. Wir müssen fort, noch in der Nacht. Sie kommen gewiss, mich zu suchen. Da müssen sie die Hütte leer finden, und wir müssen weit weg sein.“

„Du hast recht, Bübli; ruh nur ein Weilchen, bis ich uns Milch wärme und noch ein Bündlein schnüre mit deinen Sonntagskleidern und was dir sonst noch wert ist.“

In einer halben Stunde schritten sie über die Schwelle der geliebten Hütte, so schwer beladen, wie es ihre schwachen Kräfte erlaubten. Andreas betete:


„In Gottes Namen fahren wir;

Sein heil’ger Engel geh uns für,

Wie dem Volk aus Ägyptenland,

Das entging Pharaonis Hand. Kyrieleis!

Herr Christ, du bist der rechte Weg

Zum Himmel und der ein’ge Steg.

Hilf uns Pilgrim’ ins Vaterland,

Weil du dein Blut hast dran gewandt. Kyrieleis!

Schnell über die mit leichtem Schnee bedeckte Wiese schreitend, erreichten sie bald das Waldesdunkel, wo sie vor Wind und Kälte ziemlich geschützt waren.

„Wo gehen wir hin, Großvater?“, fragte der Knabe leise.

„Nach der Höhle, wo wir schon einmal rasteten, als uns beim Holzfällen ein Wetter überraschte. Dort musst du schlafen bis zum Morgen. Dann geht’s weiter auf Umwegen zum Sammelplatz der Unsern, weit unten im Tal. Sieh, es schneit wieder; das ist gut. Sie werden unsere Fußspuren nicht finden.“

„Ziehen alle frommen Leute aus dem ganzen Lande miteinander fort?“, fragte Friedel weiter.

„O nein! Es sind ganz mächtig viel; wohl dreißigtausend. In viele Züge geteilt, werden sie nach verschiedenen Richtungen hin wandern.“

„Ist denn Platz für alle draußen in der Welt? Ist sie so groß?“

„O Kind, die Welt hat Raum für Unzählige! Aber ob wir alle liebreiche Aufnahme finden werden in der Fremde, das steht bei Gott. Etliche wollen sogar übers Meer ziehen ins ferne Land Amerika. Die meisten hoffen Zuflucht zu finden bei dem Preußenkönig, der ein frommer Mann und uns wohlgesinnt ist.“

„Aber wir, Großvater? Gelt, wir fahren mit übers Meer in einem großen Schiff, wie in des Paten Buch abgemalt ist? Das muss gar herrlich sein!“

„Ach Kind“, seufzte der Alte, „bitte Gott, dass meine Kräfte aushalten bis zum Sammelplatz; weiter denk noch nicht! Sieh, hier ist unsere versteckte Höhle; das Mooslager drin ist noch weich und trocken. Lass uns ruhen bis zur Morgendämmerung.“

2. In der Talmühle

Noch lag am nächsten Morgen mattes Dämmerlicht über dem Städtchen und seiner Umgebung, da ward es schon auf allen Pfaden, die nach Norden zu hinab ins Tal führten, lebendig. Und als die Sonne endlich emporstieg, herrschte auf der großen Wiese, wo man sonst allerlei ländliche Feste zu feiern pflegte, ein buntes, reges, aber ach, so trauriges Leben. Kein Lachen, Singen und Jauchzen war zu hören; wohl aber brach hier und da ein gequältes Herz in lauten Jammer aus.

Tröstend, ordnend und ermahnend gingen ernste, rüstige Männer zwischen den Betrübten umher, und allmählich bildete sich der Zug. Auf hochbepackten, von Pferden oder Kühen gezogenen Wagen führte man allerlei Hab und Gut mit sich; auch die Kranken und Schwachen ...

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