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Der zweite Blick

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Antoine de Saint-Exupéry, „Der kleine Prinz“

An einem Dienstag im Mai verlor Perdita ihr Gedächtnis.

Sie tauchte im Krankenhaus auf wie ein Gespenst aus einer anderen Welt, hohläugig und rastlos.

Ihr Begleiter, ein altersloser Mann mit sonnengegerbtem Gesicht, schob sie zur Tür hinein. In der einen Hand trug er Perditas bunte Leinentasche, in der anderen einen Stock, auf dem wie eine riesige Weintraube lauter Plastikbeutel hingen, die mit einer trüben Flüssigkeit gefüllt waren.

Perdita schämte sich, weil ihre Bluse nass am Körper klebte, und versuchte die Arme zu verschränken, um ihre Brüste zu bedecken. Sie hatte das Gefühl, als wandle sie auf dem Meeresgrund, in einem Traum, doch ohne den Schutz des Schlafes. Wie ein Fisch im Aquarium berührte sie mit den Fingern die Glaswand der Aufnahmestation. Die Krankenschwester dahinter bewegte die Lippen.

„Ihr Name?“, dröhnte die Stimme in einer fremden Sprache aus ihrem Mund.

Der Mann zuckte mit den Schultern, stellvertretend für Perdita.

„Sie weiß ihn nicht mehr“, sagte er. „Sie weiß nicht, wer sie ist.“

„Was soll das heißen?“, fragte die Schwester und runzelte die Stirn. „Wer sind Sie überhaupt?“

„Ich habe sie aus dem Bach gefischt“, murmelte der Alte. „Der Bus, in dem sie saß, ist verunglückt.“

Die Schwester zückte einen Kugelschreiber.

„Spricht sie Spanisch?“

„Offenbar nicht“, sagte er. „Ich habe keinerlei Papiere in ihrer Tasche gefunden.“

Die Schwester sah Perdita an. Hinter dem Glas des Aquariums flossen ihre Züge auseinander bis sie aussah wie ein erstaunter Kugelfisch.

„Was ist das Letzte, woran Sie sich erinnern können?“, fragte sie langsam auf Englisch und betonte die Silben wie eine Lehrerin beim Sprachkurs mit aufmunternden Bewegungen ihrer Hand.

Perdita stöhnte wie unter einer Last, die sie kaum tragen konnte. Sie versuchte, nach einem Gedanken zu greifen, doch sie entglitten ihr wie Schneeflocken und schmolzen auf ihrer Hand. Sie schüttelte den Kopf.

„Ich habe alles ruiniert“, sagte sie.

Der Arzt, der zu ihr kam, erkannte sofort, dass er den einsamsten Menschen der Welt vor sich hatte. Für Perdita roch er nach irgendetwas Vertrautem. „Haben Sie Zeit zum Übersetzen, Don Pedro?“, fragte er Perditas Begleiter, als wäre er ein Großvater, der regelmäßig seine Enkel mit einer Blinddarmentzündung ins Krankenhaus bringt.

Dieser wehrte mit einer barschen Handbewegung ab, machte aber keine Anstalten zu gehen.

„Wo haben Sie sie gefunden?“, fragte der Arzt.

Don Pedro schüttelte den Kopf. „Ich habe auf den nächsten Bus gewartet“, sagte er. „An der Biegung der Straße, die nach San Carlos führt – wo ich immer mein Kokoswasser verkaufe.“ Er deutete auf die Plastikbeutel auf seiner Schulter.

„Auf einmal sah ich eine Staubwolke, die vom Hügel herunterraste, und darin einen Jeep – er hatte ein unmögliches Tempo drauf, war wohl ein Tourist, der ein bisschen in den heißen Quellen baden will und die Straßen hier nicht kennt.“ Er schnalzte bedauernd mit der Zunge. „Direkt vor meinen Augen sackte er mit einem Reifen in ein Schlagloch. Mir blieb fast das Herz stehen. Der Bus, der aus der Gegenrichtung kam, hatte keine Chance auszuweichen – trotz des Jesusbildes auf seinem Heck.“

Dr. Zuñigas Mundwinkel hoben sich leicht.

„Grande dios, ich sah gerade noch, wie sich das Heck dreimal überschlug – und als ich hinlief, lag der Bus auf der Seite wie eine umgestülpte Einkaufstasche, und die meisten Leute waren herausgeklettert, manche lagen auf dem Boden herum, zwischen den Heiligenbildchen, die Doña Teresa immer im Bus verkauft und die niemandem etwas nützen.“ Er brummte etwas Unverständliches. „Die junge Dame hier …“ – er warf einen Seitenblick auf Perdita, die immer noch unbeweglich dastand, die Arme fest vor der Brust verschränkt. „Sie rannte im Bach herum, als suche sie etwas.“

„Was suchten Sie denn?“, fragte er streng.

Perdita zuckte die Schultern.

„Mein Leben“, sagte sie. Einige Brocken Englisch tauchten am Horizont ihrer Gedanken auf wie ein tröstliches Dorf nach einer langen Reise und sie hoffte, dass zumindest der Arzt sie verstehen würde.

Dr. Zuñiga schüttelte bedauernd den Kopf. „Es tut uns leid“, sagte er auf Spanisch zu Don Pedro. „Wir haben absolut keine Informationen über sie. Sie muss hierbleiben, bis wir ihre Identität geklärt haben. Ich werde die Polizei verständigen.“ Perdita verstand seine Worte nicht, aber die Entschlossenheit, mit der er nach seinem Diensttelefon griff.

„Nein! Nicht! Ich will nicht hierbleiben!“, rief sie und wandte Don Pedro erschrocken das Gesicht zu.

„So helfen Sie mir doch – draußen in Ihrem Laden – kann ich telefonieren …“ –

Doch dieser war schon aufgestanden, hatte sich mit einer leisen Geste verbeugt und ging rückwärts aus dem Zimmer.

Der Arzt rief Satzfetzen in den Hörer – von einer Touristin, die plötzlich hier mitten in Costa Rica aufgetaucht sei und ihr Gedächtnis verloren habe – während Perdita ihn am Ärmel zog und versuchte, ihm das Telefon aus der Hand zu reißen.

Das Gesicht eines Pflegers tauchte wachsam im Türrahmen auf. Der Arzt gestikulierte hilfesuchend in seine Richtung.

Miguel näherte sich mit leopardenhaften Schritten und drückte Perdita sanft auf ihren Stuhl zurück.

„Sie brauchen keine Angst zu haben“, sagte er auf Englisch und ging in die Hocke, um ihr ins Gesicht zu sehen. „Sie brauchen überhaupt nichts zu tun. Wir kümmern uns um Sie!“

Perdita wimmerte wie ein Tier, das in eine Falle geraten war. „Ich kann nicht hier bleiben“, jammerte sie.

„Gefällt es Ihnen hier nicht?“, fragte Miguel.

„Hier riecht es nach Angst“, sagte Perdita.

Dr. Zuñiga, der immer noch telefonierte, runzelte die Stirn und machte eine abwehrende Handbewegung.

Perdita versuchte, sich mit aller Kraft zu erinnern, weshalb sie hier war, wo sie vorher gewesen war und wer sie überhaupt war, doch ihre Gedanken stoben auseinander wie ein Taubenschwarm in Venedig.

„Hier“, sagte Miguel leise und reichte ihr einen Becher mit einer Tablette. „Damit Sie schlafen können. Ich zeige Ihnen Ihr Zimmer. Die anderen schlafen schon …“

Er war das einzig Reale in der Leere, die Perdita umgab, daher folgte sie ihm wie ein Schaf seiner Herde, da es sonst nichts gab, was ihr hätte Halt geben können. Miguel öffnete die Tür eines Krankenzimmers, aus dem lautes Schnarchen drang, und reichte ihr ein Nachthemd, das sie über ihre Kleidung streifte.

Er beobachtete sie interessiert.

„Und Sie erinnern sich wirklich an – an gar nichts?“ Er zeichnete mit den Handflächen einen entschlossenen Strich in die Luft. „Nada?“

Perdita schüttelte schweigend den Kopf.

„Was machen Sie denn gerne? Malen Sie?“ Er lächelte verschwörerisch. „Ich weiß, es ist nicht meine Aufgabe, aber …“ – er drehte sich nach allen Seiten um, als würde er ihr ein Geheimnis verraten.

Perdita schüttelte stumm den Kopf. „Malen …“ wiederholte sie flüsternd.

„Dibujar, paint …“ – er zeichnete mit den Händen große Kreise in die Luft. Sie saß zusammengesunken auf ihrem Bettrand. Die Medikamente schienen zu wirken.

„Oh. Anscheinend nicht“, murmelte er.

„Musica?“ fragte er daraufhin verschmitzt und begann, auf einer imaginären Flöte zu spielen. Mit seinen geschmeidigen Bewegungen sah er aus wie ein Schlangenbeschwörer. Perditas Bettnachbarin, die mit großen Augen unter ihrer Decke hervorgelugt hatte, heulte auf und verkroch sich unter der Decke.

„Vibora …!“, rief sie mit zitternder Stimme.

„Nein, nein“, beschwichtigte Miguel, „hier sind keine Schlangen“ – und fügte mit einem Blick auf Perdita hinzu: „Pobrecita, sie hat vor allem Angst, sogar vor Schlangen.“ Perdita lächelte.

„Dann vielleicht – tanzen?“ Er hüpfte auf und ab wie ein Hampelmann. Aus einer Ecke des Zimmers kamen missbilligende Rufe. Eine Frau mit aufgetürmten Haaren richtete sich drohend auf und schwang eine imaginäre Machete.

„Schon gut, schon gut.“ Er warf einen letzten Blick auf seine neue Patientin, die die Arme um die Knie geschlungen hatte und sich mit stumpfem Blick auf dem Bett hin und her wiegte. „Vielleicht fällt Ihnen bis morgen etwas ein“, flüsterte er zögernd. „Warte mal, eines versuchen wir noch. Vielleicht – schreiben?“

Er legte Daumen und Zeigefinger aneinander und zeichnete kleine Kringel in die Luft.

Perditas Augen leuchteten auf, als habe er ein Licht angezündet.

„Oh, ja, bitte – Papier!“, flüsterte sie.

Die schnarchende Frau warf sich auf die andere Seite, so dass die Bettfedern quietschten.

„Du Arme, du könntest hier sowieso nicht schlafen.“ Miguel seufzte und sah sich verlegen nach allen Seiten um. „Ich darf das eigentlich nicht …“, murmelte er. „Aber – hier.“ Er schob ihr einen dicken Schreibblock zu, den er in die Tasche seines Kittels gestopft hatte, und einen Kugelschreiber. Perdita riss ihn ihm aus der Hand, als handle es sich um etwas Essbares.

Ihre Bettnachbarin rief wütend unter ihrer Bettdecke hervor, dass sie schlafen wolle.

Miguel warf Perdita einen verschwörerischen Blick zu und legte den Finger auf die Lippen. Sie lächelte zurück. Dann stand sie leise auf und setzte sich auf den Fußboden, dorthin, wo das Licht vom Flur hereinfiel und ein schmales Dreieck auf den Boden zeichnete.

„Ist alles in Ordnung?“, rief Dr. Zuñiga von Ferne.

„Ja, ja, alles bestens“, sagte Miguel und eilte diensteifrig aus dem Zimmer.

„Sehr gut“, seufzte Dr. Zuñiga und rieb sich die Augen. „Dann lege ich mich jetzt etwas hin. Wie geht es der neuen Patientin?“

Miguel machte eine beschwichtigende Handbewegung. „Lassen wir sie schlafen. Vielleicht kommen die Gedanken morgen von alleine zurück“.

Dr. Zuñiga seufzte erleichtert. „Ich bin froh, mit Ihnen Dienst zu haben, Miguel“, sagte er und klopfte dem Pfleger zufrieden auf die Schulter. „Sie Sind wirklich ein Segen für die ganze Station. Mit Ihnen ist es immer ruhig.“ Er gähnte, winkte noch einmal erleichtert und verschwand in Richtung Stiege.

Miguel lächelte. Er warf einen Blick über den grell beleuchteten Flur zu Perditas Zimmer. Die Tür war angelehnt.

Hinter der angelehnten Tür kauerte Perdita, den Block auf den Knien, und schrieb.

~

Macarenas Lied

Sie brachten ihm Macarena an Händen und Füßen gefesselt und über den Rücken eines Maultieres geworfen wie ein Mehlsack, da sie sich so sehr wehrte, dass man sie nicht anders transportieren konnte. Die Leute, die an der Straße wohnten, zogen sich in ihre Häuser zurück und die Vorhänge zu um nicht von den Augen und Flüchen des Mädchens getroffen zu werden.

Die meisten hatten sich schon neugierig beim Hinrichtungsplatz versammelt, in sicherer Entfernung zum Galgen, der in der Mitte stand und auf den die Sonne unbarmherzig niederbrannte.

Paco sah die kleine Karawane in der Ferne auftauchen und erkannte sofort Macarenas widerspenstige Gestalt, die ihm wie eine Fata Morgana erschien. Er versuchte ihren Blick aufzufangen als sie vorbeizogen, doch ihr Körper war so verdreht, dass es nicht möglich war. Im Gegensatz zu ihr folgten ihr Bruder und ihre Tante gehorsam den Knechten des Königs. Sie zerrten das erschöpfte Maultier bis zum Königsthron, der auf der Alameda aufgebaut war, dort wuchteten sie das Mädchen hinunter, das mit Tränen der Wut in den Augen dem König vor die Füße fiel.

Voller Verachtung betrachtete er ihren schmalen Körper von oben bis unten.

„Du bist also des Gauners letzter Wunsch“, sagte er dann gedehnt.

Macarena hielt die Augen gesenkt und erwiderte nichts, wie Paco ihr eingeschärft hatte.

„Warum wohl?“, sagte der König und lächelte verächtlich. „Hast wohl seinen Strohsack geteilt, was?“

Macarena antwortete immer noch nicht.

„Wenn du nicht reden willst“, sagte der König, „haben wir genügend Mittel, um deiner Redseligkeit auf die Sprünge zu helfen“.

Macarenas Augen weiteten sich vor Entsetzen, doch ein Henker trat aus der Reihe und raunte dem König zu: „Lasst sie. Wir brauchen sie noch. Das können wir später immer noch tun.“

Paco hatte den dritten Tag ohne Wasser an den Pfahl der Alameda gekettet verbracht und nachdem er Macarenas Ankunft gesehen hatte, klammerte sich sein Blick an den fernen roten Punkt ihres Rockes, um nicht wieder in der Salzwüste zu versinken.

Er wusste nicht mehr, wie er hierhergekommen war, jegliche Erinnerung war im quälenden Durst verloren gegangen.

Er erinnerte sich nicht an die maskierten Reiter mit dem Wappen des Königs, die wie aus dem Nichts erschienen waren und den friedlichen Lagerplatz seiner Sippe in ein Meer von Blut getaucht hatten. Ihr Anführer hatte Pacos kleine Schwester mit einer einzigen schnellen Bewegung vor sich aufs Pferd gehoben und war mit ihr zwischen den Bäumen verschwunden, die ihre Schreie in ihr Blätterrauschen aufnehmen und endlos wiedergeben sollten. Zwei andere hatten sich mit aufgepflanzten Bajonetten auf Pacos Eltern, zwei friedliche Alte, gestürzt, die soeben noch in die Glut des Feuers geblickt hatten, bevor eine andere, furchtbare Glut ihre Augen blendete.

Angstvoll hatten die Pferde an ihren Stricken gezerrt, und ihr Wiehern hatte das Klirren der Waffen und die Entsetzensschreie von Pacos Familie übertönt.

Die Boten des Königs schienen in einem wahren Blutrausch zu wüten, schließlich hatten sie die Fahrenden oft genug gewarnt, eine anständige Arbeit anzunehmen oder aus der Stadt zu verschwinden.

„Wo“, richtete einer der Reiter sein blutbeflecktes Messer auf Pacos Brust, „hast du Lump jetzt das ergaunerte Gold versteckt?“

Blitzschnell hatte sich Paco unter dem Messer hindurch geduckt und die Sekunde der Verwirrung ausgenutzt, um zu seiner Fuchsstute zu rennen. Mit einem Griff hatte er den Knoten ihres Halfters geöffnet, war in den Sattel gesprungen und in gestrecktem Galopp davongejagt. Doch die Reiter des Königs hatten damit gerechnet. Im Nu hatten sie ihre Pferde gewendet und sprengten Paco hinterher.

Dieser hatte instinktiv den Weg zum Waldrand eingeschlagen.

Die Stute war gestrauchelt, als sie bis zu den Fesseln im weichen Ackerboden versank, doch er hatte sie entschlossen vorwärts getrieben, den Blick auf den dunklen Wald gerichtet, der ihn retten würde, denn dort kannte er sich aus wie kein Zweiter.

Die Reiter des Königs jubelten im Stillen. Sie hatten dem Gauner absichtlich etwas Vorsprung gegeben, damit er in die Falle tappte, die sie für ihn gebaut hatten. Sie hielten so viel Abstand, dass sie gerade noch das davonstiebende Pferd sahen, zwischen dessen Hinterbacken weißer Schaum hervortrat. Paco hatte nicht gewusst, dass an mehreren Stellen dicke Äste quer über den Weg lagen, die einen Ahnungslosen in Sekunden aus dem Sattel werfen würden. Doch er hatte die Gefahr gespürt und sich tief über den schweißnassen Pferdehals gebeugt, als ihm siedendheiß einfiel, dass er diesen Weg kannte. Er endete mit einem riesigen Holzhaufen, den die Bauern aufgehäuft hatten um ihr Holz zu lagern.

Blitzschnell hatte Paco im Kopf die Möglichkeiten überschlagen, die ihm blieben, während die Hufe seines Pferdes einen bedrohlichen Dreitakt auf den Waldboden trommelten. Um abzuspringen war er viel zu schnell unterwegs. Die Bäume standen so dichtgedrängt am Wegesrand, dass es unmöglich sein würde, ihnen auszuweichen. Bei einem hastigen Blick über die Schulter hatte er die blitzenden Helme seiner Verfolger gesehen. Vielleicht würden sie ihn am Leben lassen.

Mit Entsetzen war vor seinem inneren Auge der Holzstoß aufgetaucht. Vergeblich hatte Paco versucht, sein Pferd zu stoppen, das sich jeglicher Kontrolle entzogen hatte und in gestrecktem Galopp dahinjagte.

„Halt!“, schrie er und zerrte verzweifelt an den Zügeln. „Ich ergebe mich!“

Doch es war bereits zu spät gewesen. In letzter Sekunde hatte die Stute gemerkt, dass ihr Fluchtweg nach vorne abgeschnitten war. In Bruchteilen von Sekunden hatte sie ihre vier Beine mit aller Kraft in den Boden gestemmt, war krachend in den Holzstoß hineingeschlittert und hatte sich mit einem schrillen Schrei aufgebäumt, als sich die Splitter in ihr Fleisch bohrten. Paco war in hohem Bogen aus dem Sattel katapultiert worden. In den Bruchteilsekunden des Fallens war es, als bliebe die Zeit stehen. Eine unheimliche Stille breitete sich in seinem Kopf aus, während die dunklen Baumstämme den schwarzen Nachthimmel über ihm freigaben und er sich langsam wie ein Herbstblatt fallen sah.

Ein bohrender Schmerz, der von seiner Schultergegend ausging, war langsam in sein Bewusstsein gedrungen. Er hatte ihn an der Hand heraus aus dem angenehm kühlen Sumpf in eine brennende Hitze gezogen, und das rhythmische Klappern von Pferdehufen auf den Pflastersteinen hatte sein Bewusstsein erreicht.

Paco blinzelte, doch das Licht war so hell, dass es ihn blendete und er fragte sich, ob dies schon der Tod war. Da hörte er Stimmen, wie von einem Markttag, und als er die Augen langsam öffnete, wurde ihm bewusst, wo er sich befand. Er kauerte angekettet auf dem Richtplatz der Alameda, ohne einen Tropfen Wasser, die schlimmste Strafe unter der Sonne Andalusiens.

Rechts und links von ihm waren zwei Wachen postiert, die aufpassten, dass niemand ihm frisches Wasser oder Essen brachte. Er versuchte, sich zu erinnern, was geschehen war, doch sein Gedächtnis war gnädig und im letzten Bild seiner Erinnerung sah er sich mit seiner Sippe am Lagerfeuer sitzen, während sie darauf warteten, dass Macarena kommen würde um zu singen.

Macarena hatte das Singen nie gelernt, sie hatte es mit der Muttermilch eingesogen wie das Tanzen, das Reiten und das Heilen von Krankheiten mit einem Blick in die Handflächen und in die Seele.

Seitdem sie denken konnte, hatte ihre Familie musiziert und dazu getanzt, manchmal auf Festen, doch öfter in der Verschwiegenheit einer kleinen Kammer, um den misstrauischen Blicken der Sesshaften zu entgehen. Sie legten all ihre Gefühle in die Musik, überschäumende Lebensfreude bei Hochzeiten und die abgrundtiefe Verzweiflung des Todes.

Pacos und ihre Sippe waren seit jeher gut befreundet, sie trafen einander immer wieder auf Kreuzungspunkten ihres Lebens, auch wenn das nicht geplant war, ließen ihre Pferde zusammen weiden und tauschten Hühner aus. An dem Tag, an dem die Soldaten des Königs Pacos Familie niedergemetzelt hatten, war Macarenas Mutter, vier Hügel entfernt, zur selben Zeit ruckartig stehengeblieben, hatte das Geschirr fallen gelassen, das sie gerade trug und gesagt, sie fühle ein Messer in ihrer Brust. Sofort kamen Macarenas Brüder herbeigelaufen, packten sie unter den Armen und betteten sie auf ein Strohlager. Sie beschwor ihre Söhne, noch heute die Pferde zu satteln und so schnell wie möglich von hier fortzugehen. Dann hauchte sie ihr Leben aus, mit offenen Augen, die sie sich weigerte zu schließen, da sie wusste, dass ihre Freunde geblendet worden waren. Und als irgendwann der Geist aus ihrem erschöpften Körper wich, hatten ihre Augen vor Anstrengung die Farbe verloren und glichen dem blassen Orange ihrer Korallenohrgehänge.

Obwohl Pacos Bewusstsein ihn von der Wirklichkeit fernhielt, war der Durst schlimmer als die Schmerzen. Die andalusische Sonne brannte unbarmherzig auf die Alameda herab und verwandelte seine Zunge in einen pelzigen Knebel.

„Willst du uns nun sagen, wo ihr das Gold versteckt habt“, sagte der Wächter, der neben ihm stand, hochmütig. Paco wiederholte schwach, dass er keines habe.

„Das glauben wir dir nicht“, sagte der Wächter und trank das lauwarme Wasser aus seinem Krug, der sich in der Sonne erhitzt hatte wie ein Kochtopf.

„Wir wissen doch alle, dass ihr Zigeuner stehlt, wo ihr nur könnt. Selbst fremde Kinder sind vor euch nicht sicher.“

Paco dachte an seine Schwester, und wie der Reiter des Königs mit ihr zwischen den Baumstämmen verschwunden war, und die Schreie der Geschändeten hallten in seinem Kopf wider wie in einem steinernen Tempel.

„Wasser“, bat er.

Der Wächter wischte sich den Mund ab.

„Das bekommst du, wenn du uns sagst, wo ihr das Gold versteckt habt.“

Paco sank zurück in die Wüste seines Durstes. Durch die Menge ging ein enttäuschtes Raunen. Bald träumte er die Pflastersteine des Bodens als kühlen Meeresgrund, am nächsten Tag saßen seine Gedanken in der Erde fest und waren nicht mehr zu bewegen.

„Auf diese Weise kommen wir nicht weiter“, sagte der Wächter zum König.

„Noch ein paar Stunden, und er stirbt uns und mit ihm das verlorene Gold.“

Der König zuckte die Schultern. „Nun denn - dann hängt ihn eben. Aber wir müssen ihm einen letzten Wunsch erfüllen, sonst wird das Volk aufbegehren. Sag ihm das – er wird sowieso nichts wollen als Wasser.“

Der Wächter trat zu Paco, die Karaffe hinter seinem Rücken versteckt. „Du hast einen letzten Wunsch frei“, sagte er. „Das ist der Befehl des Königs, des großen und mächtigen.“

Doch Paco verlangte nicht nach Wasser. Sein Körper war bereits in Sphären, in denen er derlei nicht mehr brauchte.

„Ich möchte Macarena singen hören“, flüsterte er.

Noch nie war es vorgekommen, dass der König einem Gefangenen seinen letzten Wunsch verweigert hatte. Dessen Erfüllung war so notwendig wie der sonntägliche Stierkampf, auf den das Volk beharrte, und der König gewährte es gerne, solange er einen Landstreicher mehr hängen sah.

„Nun denn, so schafft die Sippe herbei“, sagte er. „Nur hängt euch die Henkersmützen um, damit euch der Blick dieser Teufelsweiber nicht trifft; er könnte euch für immer verhexen.“

Es war nicht schwierig, Macarenas Familie zu finden. Sie war um das Totenbett ihrer Mutter versammelt, und die Klagelieder hallten durch die Wälder, ließen die Pferde in langsamen Schritt verfallen und hielten die Schwerter in der Scheide fest.

Mit tränenleeren Augen drehten sie sich um und sahen die dunklen Reiter, die darauf warteten, sie abzuholen. Ohne ein Wort des Widerstandes ging Macarenas Bruder langsam auf sie zu, seine Gitarre unter dem Arm als wäre sie sein Kind. Nur Macarena wehrte sich wie ein wildes Tier, die Totenwache aufzugeben und ihre Mutter den Geistern freizugeben.

Sie kamen im Morgengrauen an der Alameda an, wo sich eine neugierige Menschenmenge versammelt hatte wie beim Fischmarkt. Macarena hatte das Gefühl, als seien ihre Knochen nach dem wilden Ritt einzeln wie in einem Sack durcheinander geschüttelt worden, doch kaum hörte sie das Rufen der Leute, versuchte sie, ihren Freund ausfindig zu machen. Zu ihrem Entsetzen sah sie nur ein graues Bündel, das bei den beiden Säulen in der Mitte des Platzes auf dem Boden lag. Mit all ihrer Kraft versuchte sie, ihm trotz der Entfernung Energie zu schicken und spürte, dass nur ein Teil davon ankam, und seine Schmerzen zu verstärken schien.

Ohne ein Wort der Gegenwehr stieg sie auf das Podest, das ein paar Helfer eilig vor dem Königsthron aufgebaut hatten und wo ihre Tante und ihr Bruder mit der Gitarre bereits warteten. Macarena wusste, dass sie nicht mehr viel Zeit hatten. Auf einen Blick von ihr fing ihre Tante an zu klatschen, senkte den Kopf und klatschte mit ihren Händen eine Melodie, die das Lachen und Reden der Leute übertönte und langsam verstummen ließ. Ihr Bruder zupfte ein paar Saiten seiner Gitarre, schüchtern und vorsichtig, er wusste nicht, was er spielen sollte, jetzt, wo der aufmunternde Geist seiner Mutter fehlte. Er dachte an sie und das Denken wurde zu Musik und wurde zu ihren Tränen und den orangefarbenen Korallenohrgehängen.

Der erste Akkord traf die Menschen an einer unerwarteten Stelle.

Paco, der gedacht hatte, die Schwelle des Todes bereits überschritten zu haben, freute sich an dem hellen Licht, das ihn umgab, und dem Frieden. Zu diesem Frieden passte kein Laut; die Musik schien ihn am Kragen zu packen und von dem Weg, den einzuschlagen er im Begriff war, zurückzuhalten. Die Zuhörer waren verstummt und warteten auf das Einsetzen von Macarenas Stimme.

Sie begann zu singen, dunkel und klar, sie wollte eine Bulería singen um ihren Freund aufzumuntern. Doch gleich bei der ersten Strophe, in der ein Mann die Korallenohrringe seiner Liebsten besingt, musste sie an ihre Mutter denken, wie sie tot in ihrem Sarg gelegen hatte. Unwillkürlich drangen die Gedanken an die tote Mutter aus ihrem Mund und die Lieder änderten sich auf eine traurige Weise.

Die Wachen nahmen die Musik schmerzhaft wahr. Sie passte nicht zum heutigen Anlass, und berührte sie in einer Weise, die sie nicht kannten.

Der König rückte unbehaglich auf seinem Sitz hin und her. Er vermochte sein Schaudern nicht einzuordnen und fühlte sich hilflos, mit seinen Reitern und blitzenden Waffen, angesichts dieser drei jämmerlichen Gestalten. Das magere Mädchen, das vom satten Grün des Frühlings zu singen begonnen hatte, sang auf einmal von der Melancholie des Abschiednehmens, der Einsamkeit des Lebens als ewig Verfolgte und von ihrer toten Mutter im Sarg mit den Korallenohrringen.

Macarena hatte kaum zwei Strophen gesungen, als sie die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Sie brachten ihre Stimme zum Zittern. Doch sie sang unbeirrt weiter, während die Trauer in ihrer Stimme auf den ersten Wachtposten übergriff, der sich verstohlen über die Augen wischte. Er musste an seine eigene Mutter denken, die ebenfalls solche Ohrringe getragen hatte.

Vor dem inneren Auge des Königs tauchte das Bild seines toten Vaters auf, wie er ihm voller Vertrauen die Krone übergeben hatte, einen Tag, bevor er gestorben war. Macarenas Bruder griff in die Saiten, als gelte es, seine eigene Trauer zu verwandeln, in die Kraft, die die Gitarre hergab. Ihre Tante klatschte mit der jahrelangen Übung vieler Hochzeiten unbeirrt weiter, und schämte sich ihrer Tränen nicht.

Auch der Wächter musste an seine alten Eltern denken, die bei einer Feuersbrunst ums Leben gekommen waren, als die Sonne Sevillas die Strohdächer entzündet hatte. Er blickte zu Paco, der als Schutz vor der Sonne zusammengekrümmt unter dem Pfosten lag und spürte zum ersten Mal so etwas wie Mitleid mit dem Gefangenen.

Macarena sang um ihr Leben, obwohl ihr die Tränen wie Sturzbäche über die Wangen flossen. Die einfachen, aber klaren Worte bohrten eine unausweichliche Schneise in die Herzen der Zuhörer. Sie hatten nun alle Tränen in den Augen, da ihr Gesang jeden einzelnen an sein eigenes Leid und an das seiner Vorfahren erinnerte und alle Menschen in stummem Einverständnis verband. Wie das Echo von Macarenas Stimme spürte jeder die Einsamkeit, die Traurigkeit und die Furcht, von der sie sang, im eigenen Leib und in der Seele. Das Verstehen löste ein unendliches Mitgefühl aus, das um sich griff wie eine Epidemie.

Nachdem alle Tränen um die toten Eltern geweint waren, weinten die Hebammen um die toten Kinder, die Bauern um die toten Hühner, der Fleischer um die Tiere, denen er das Fell über die Ohren zog; die Marktfrau bedauerte die Vögel im Käfig, dem Schlachter taten die Kühe leid, und sogar der Torero wurde von unerklärlichem Mitleid ergriffen mit den Stieren, die er sonntäglich spießte.

Der König wollte aufspringen und diesen bedrohlichen Flamenco beenden, doch irgendetwas hielt ihn auf seinem Sitz zurück. Es war das Fühlen, das auf ihn selbst übergegriffen hatte, so überraschend, dass er dachte, er sei verrückt geworden.

Als Letztes ergriff es die Henker. Macarenas Gesang verlieh dem ganzen Heer an Toten, die ihr Beruf mit sich brachte, eine Stimme, und ein Henker nach dem anderen blickte mit tränennassen Augen auf den unglücklichen Paco.

Der Wunsch, ihm einen Wasserkrug zu reichen, wurde so stark, dass einige von ihnen zum Himmel blickten und beteten, er möge sich erbarmen und dem Unglücklichen eine Wasserflut schicken, die selbst der König nicht verhindern konnte.

Während sich der Gesang und das Klatschen verstärkte und zu einem bedrohlichen Crescendo anschwoll, begannen sich die Menschen rundherum weinend in die Arme zu fallen.

Einer nach dem anderen wischte sich die Tränen vom Gesicht, sie tropften auf den Boden, verdampften auf den heißen Steinen und der König blickte fassungslos auf sein weinendes Volk.

Mit Schaudern sah er, wie sich eine Wolke vor die Sonne schob, verdichtete und immer dunkler und dunkler wurde, bis sie sich mit einem gewaltigen Donnerschlag entleerte und auch der Himmel seine Schleusen öffnete und in einem gewaltigen Regenschauer weinte.

Da erhob sich der König, um Paco loszuketten.

Martha und Claire

Martha und Claire wohnten in derselben Straße, einander gegenüber. Martha beneidete Claire und Claire beneidete Martha.

Wenn Marthas Mann auf Reisen war, saß Martha abends vor dem Küchenfenster. Gebannt blickte sie zum Haus gegenüber, dessen hell erleuchtetes Fenster ihr wie ein Tor zu einer anderen Welt erschien. Die Wohnung der Schönen hatte keine Vorhänge. Martha schätzte, dass sie sie nicht brauchte. Sie seufzte wehmütig.

In Wirklichkeit hatte die schöne Claire keinen Mann, der Vorhänge montieren konnte. Sie hatte auch keinen Vater mehr, der das getan hätte. Und um selbst mit ihren alabasterfarbenen Händen zu Bohrer und Schraubenzieher zu greifen, fühlte sie sich zu schwach. Also hatte sie keine Vorhänge. Claire war es egal, ob jemand in ihre Wohnung hineinsehen konnte oder nicht. Sie sehnte sich danach, dass jemand in ihre Seele hineinsehen würde.

Im Gegensatz zu ihr wollte Martha ihr Seelenleben lieber verbergen. Sie wusste nicht, was geschehen würde, wenn sie es offenlegte.

Es war wieder einmal Abend und die schöne Claire tauchte am Fenster auf. Martha, im gegenüberliegenden Haus, hielt den Atem an. Sprachlos ließ sie ihr Pillendöschen sinken, das sie gerade in der Hand hielt. Sie starrte auf den weißen Rücken, der sich schamlos im hellerleuchteten Fenster präsentierte und auf die runden Gesäßbacken, die sich an die Scheibe pressten, nur von einem Hauch schwarzer Spitze verziert. Auf der weißen Haut hoben sich dunkel zwei fremde Hände ab, Hände eines Mannes, offensichtlich eines anderen als letzte Woche. Martha schnaubte verächtlich und bedachte ihr Telefon mit einem strafenden Blick, weil es nicht läutete.

Marthas Mann war wieder einmal auf Reisen. Wenn er nicht auf Reisen war, war er meistens müde. Jedenfalls würde er nie auf die Idee kommen, sie aufs Fensterbrett zu setzen, aber er liebte sie innig, das wusste sie ganz genau. Doch für sie fühlte sich diese Liebe wie ein warmer, zu lange getragener Mantel an, dessen Ellbogen schon etwas abgewetzt waren und sie wollte sich nicht die Mühe machen, die Löcher zu flicken.

Stattdessen verfolgte sie das Leben anderer, in Zeitschriften, im Fernsehen oder im Fenster gegenüber. Im Stillen sehnte sie sich danach, mit jemandem zu tauschen, der ein aufregenderes Leben führte; zum Beispiel mit der Schönen gegenüber. Deren Leben schien ihr unerreichbar und umso begehrenswerter, je länger sie es betrachtete, wie ein Kleid in einer Auslage, das man immer wieder bewundert, obwohl man es sich nicht leisten kann.

Das Zwischenspiel am Fenster dauerte nicht lange. Martha trank ihr Glas Wasser zu den Tabletten und beobachtete, wie gegenüber die Lichter aus- und wieder angingen. Kurze Zeit später trat ein Mann aus der Haustür und ging eiligen Schrittes die Straße hinunter, ohne sich noch einmal umzudrehen. Die Schöne beugte sich halbnackt aus dem Fenster, als würde sie sehnlichst darauf warten, dass er doch noch einen Blick zurückwarf.

„Sie wird sich verkühlen“, dachte Martha zufrieden und warf Claire einen bösen Blick über die Straße hinweg zu, der sehr schnell flog, denn Neid fliegt schneller als das Licht.

Claire fröstelte im offenen Fenster. Sie fand sich damit ab, dass Bob sich nicht mehr umdrehen würde, und schloss die Fensterläden. Gegenüber war es dunkel geworden. Enttäuscht wankte sie in ihr Bett zurück.

Wenig später lag sie alleine zwischen den zerwühlten Laken, in denen sie noch eine Spur von seinem Geruch wahrzunehmen glaubte.

Ihre Zähne klapperten, obwohl die Heizung lief. Sie wusste, warum ihr so kalt war, sie sehnte sich nach der Wärme seiner Umarmung oder zumindest danach, selbst jemanden umarmen zu können und sich einzubilden, dass er es sich wünschte. Doch sie musste sich eingestehen, dass er geflüchtet war, dass wieder jemand vor ihrer Sehnsucht geflüchtet war. Zitternd setzte sie sich auf und griff nach den zwei Gläsern Rotwein, die noch auf dem Fußboden standen. Sie wollte jemanden anrufen, wusste aber nicht, wen. Die meisten ihrer Freundinnen waren verheiratet und mussten jetzt in trauter Zweisamkeit mit einem warmen Körper im Bett liegen. So wie die Frau gegenüber. Claire wusste, dass sie sie heimlich beobachtete. Als sie sich aus dem Fenster gebeugt hatte, war drüben schnell das Licht ausgegangen. Warum machte sie das? Sie hatte doch einen Mann, Claire hatte die beiden oft genug morgens aus dem Haus gehen sehen. Warum lagen sie dann nicht abends miteinander im Bett und wärmten sich gegenseitig? Ob sie überhaupt wusste, wie gut sie es hatte?

Wenn sie nur selbst einen hätte, dachte sie bitter. Sie würde nichts anderes mehr tun als jede Nacht mit ihm im Bett zu liegen, sie würde nicht mehr arbeiten, denn sie bräuchte kein Geld, würde nicht mehr essen, denn sie bräuchte keine Nahrung, sie würde gar nicht mehr denken müssen, wie unnötig wäre jede Bemühung, irgendeine Lebensfunktion aufrechtzuerhalten, wenn sie doch von selbst aufrechterhalten werden würde, einzig und allein ...

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