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Der verlorene Sohn von Tibet

Gewidmet dem Gedenken an
Patrick J. Head, Lama-Anwalt

Besonderer Dank gebührt Natasha Kern, Keith Kahla, Catherine Pattison und Lesley Kellas Payne.

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

ERSTER TEIL

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

ZWEITER TEIL

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

DRITTER TEIL

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

Kapitel Achtzehn

Kapitel Neunzehn

Kapitel Zwanzig

Kapitel Einundzwanzig

Anmerkung des Verfassers

Glossar der fremdsprachigen Begriffe

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

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ERSTER TEIL

Kapitel Eins

In Tibet gibt es Geräusche, wie man sie nirgendwo sonst auf der Welt vernimmt. Ein unerklärliches dumpfes Stöhnen wälzt sich die Hänge der verschneiten Bergspitzen hinab. Unter wolkenlosem Himmel hallt donnergleiches Grollen durch die Täler, und in mondhellen Nächten war mitten im zerklüfteten Gebirge von den Sternen der Klang winziger Glocken an Shan Tao Yuns Ohren gedrungen.

Anfangs hatte Shan auf seiner Gefängnispritsche gelegen und sich vor den unheimlichen Lauten gefürchtet. Später war er bei der Suche nach einer wissenschaftlichen Erklärung zu dem Schluß gelangt, es müsse sich dabei wohl um ein Zusammenspiel der dünnen Höhenluft und des Windes handeln, der veränderlichen Eisformationen und der Temperaturunterschiede zwischen Gipfeln und Schluchten. Nach mittlerweile fünf Jahren war Shan sich dessen nicht mehr so sicher. Der lange Aufenthalt in Tibet hatte ihn gelehrt, daß die meisten seiner früheren Überzeugungen nicht ausreichten, um das Wesen der Dinge zu durchschauen.

Das gequälte Ächzen, das nun quer durch die Talsenke schallte, ließ sich gewiß nicht mit herkömmlichen Mitteln erklären. Eine junge Frau in Shans Nähe hielt sich die Ohren zu und lief davon. Das Geräusch stammte von Surya, einem greisen Mönch in rotem Gewand, der zehn Meter entfernt von ihnen saß, und als Shan es zum erstenmal gehört hatte, war auch er erschaudert und hatte unwillkürlich die Flucht ergreifen wollen. Die Mönche nannten diese seltsamen Klagelaute Kehlgesang, aber Shan hielt sich lieber an die Bezeichnung, die sein alter Freund und einstiger Mithäftling Lokesh bevorzugte: Seelenschluchzer. Nach Lokeshs Ansicht war das spirituelle Bewußtsein unten in der Außenwelt oftmals so verkümmert, daß dieses Geräusch dort nur dann erklang, wenn die Seele eines Sterbenden sich mühsam vom Körper zu lösen versuchte. In Tibet hingegen sprach niemand voller Angst von dem Todesröcheln, denn hier war das Geräusch den Lebenden zugedacht. Die Gläubigen hier hatten gelernt, wie man den Seelen ohne Zunge eine Stimme verlieh.

Shan blickte der Frau bekümmert hinterher. Es war ein Tag großer Freude und noch größerer Gefahr. Die für vogelfrei erklärten Mönche, bei denen Shan lebte und die sich jahrzehntelang in ihrer geheimen Einsiedelei versteckt gehalten hatten, wollten der Bergbevölkerung nun nicht nur ihre Existenz preisgeben, sondern die Fremden zudem bei verbotenen Ritualen anleiten. Der heutige Tag würde herrliche Überraschungen bergen und den weiteren Lauf der Welt verändern, hatte Gendun, der oberste Lama, verkündet.

Shan hatte die Mönche davor gewarnt, ausgerechnet diese Tibeter zu der Klosterruine zu bringen. Daraufhin hatte Gendun sich auf ein Knie niedergelassen und einen Kieselstein umgedreht. Diese Geste war als Anspielung auf eine seiner Lehren gemeint gewesen. Die Welt konnte durch jede noch so unbedeutende Handlung verändert werden, sofern ihr Reinheit innewohnte, und sogar die kleinste aller denkbaren Gesten war rein, solange sie frei von Angst und Zorn blieb. Das Leben dieser Hirten war jedoch seit jeher von Furcht geprägt.

Peking hatte den Bewohnern im unwirtlichen Süden des Bezirks Lhadrung übel mitgespielt, denn sie hatten sich noch lange nach der militärischen Einnahme Lhasas hartnäckig gegen die chinesische Besatzung gesträubt. Die Ruinen, zwischen denen Shan und die anderen standen, waren die einzigen Überreste von Zhoka gompa, dem Kloster, das der Bevölkerung südlich des zentralen Tals von Lhadrung jahrhundertelang als religiöser Mittelpunkt gedient hatte. Vor vierzig Jahren war es einem Luftangriff der Volksbefreiungsarmee zum Opfer gefallen und gleich vielen tausend anderen gompas von Peking in Schutt und Asche gelegt worden. Die tapferen frommen Tibeter, die vergeblich versucht hatten, Zhoka und alles, wofür es stand, zu verteidigen, waren in alle Winde verstreut, getötet oder schlicht in tiefe Resignation getrieben worden.

»Man wird uns verhaften!« hatte eine Frau mit verschlissener roter Weste geklagt, als Shan und Lokesh die Leute auf einem grasbewachsenen Bergkamm getroffen und ihnen bedeutet hatten, zu dem achthundert Meter breiten Trümmerfeld hinabzusteigen.

»An diesem Ort spukt es!« hatte ein anderer Hirte protestiert, als Lokesh das Labyrinth aus bröckelnden Steinmauern betreten wollte. »Hier werden sogar die Lebenden zu Gespenstern!«

Doch als Lokesh, mit einem alten Pilgerlied auf den Lippen, unbeirrt weitergegangen war, hatte der Mann sich hinter seinen Gefährten eingereiht. Nervös und schweigend waren sie ihrem Führer bis zum früheren großen Innenhof des gompa gefolgt.

»Ein Wunder!« hatte die Frau mit der roten Weste erstaunt gerufen, den Arm einer alten Frau neben sich umklammert und den drei Meter hohen, eindeutig erst kürzlich errichteten Schrein angestarrt, der in der Mitte des Hofs aufragte. Zögernd waren sie dann gemeinsam vorgetreten, hatten den vor dem Schrein sitzenden Surya gemustert, das leuchtend weiße Gebilde zunächst argwöhnisch betastet, als würden sie ihren Augen nicht trauen, und sich dann ehrerbietig vor dem Mönch niedergelassen. Die anderen waren allmählich gefolgt, und einige hatten dabei die Gebetsketten berührt, die an ihren Gürteln hingen.

Nun aber, als Suryas Kehlgesang einsetzte, wichen mehrere der Hügelleute in die Schatten zurück. Die anderen waren von dem Geräusch wie gebannt und verfolgten mit weit aufgerissenen Augen, daß Surya fröhlich den Kopf zurückwarf, ohne in seinem Bemühen innezuhalten.

»Gottestöter!« Der Schrei kam von überall und nirgends und hallte von den eingestürzten Mauern wider. Ein Stein flog an Shans Schulter vorbei und traf Surya am Knie. »Mörder!« rief dieselbe furchtsame Stimme. Der Gesang des Mönchs stockte und erstarb. Suryas Augen richteten sich auf den Stein.

»Gottestöter!« Als das Wort zum zweitenmal erklang, wandte Shan sich hastig um und entdeckte einen kleinen Mann mit ledrigem Gesicht und der zerlumpten Kleidung eines Hirten, der mit wütendem Blick auf Surya wies.

Der Fremde nahm einen weiteren Stein, doch da war Shan auch schon an seiner Seite und packte ihn am Handgelenk. Der Mann sträubte sich, wollte sich losreißen und Shan zurückstoßen. »Lauft um euer Leben! Die Mörder!« schrie der Hirte den anderen zu, die auf dem Hof verweilten.

Ein alter Tibeter, dessen Haupt und Kinn mit kurzen weißen Stoppeln bedeckt waren, erschien neben dem Fremden. Der Hirte sah ihn verunsichert an und hörte auf, sich zu wehren. Mit sanfter Gewalt öffnete Lokesh die Faust des Mannes, so daß die Kiesel zu Boden fielen. »Surya ist ein Mönch«, sagte er ruhig. »Er ist das genaue Gegenteil eines Gottestöters.«

»Nein«, knurrte der Hirte, während Surya hinter ihnen abermals den Gesang anstimmte. Der Zorn in seinen Augen wich tiefer Verzweiflung. »Die Regierung steckt Männer in Mönchsgewänder, um uns zu täuschen. Wir sollen verleitet werden, die alten Bräuche zu pflegen, damit man uns verhaften oder gar noch Schlimmeres mit uns anstellen kann.«

»Nicht heute«, sagte Lokesh. »Nicht hier.«

Da schüttelte der Mann den Kopf, als wolle er dem alten Tibeter widersprechen, und deutete hinter sich auf die Schatten zwischen den verfallenen Mauerresten.

Eine Frau tauchte auf. Sie hielt die vorderen Zipfel einer zusammengerollten Decke gepackt. Hinter ihr folgten zwei Jungen, der größere höchstens zehn Jahre alt, und trugen ernst, mit trostlosen, müden Mienen das andere Ende der langen Last. Als die drei den Hirten erreichten, ließen sie die schwere Bürde zu Boden sinken. Die Jungen eilten sofort zu der Frau und vergruben die Gesichter in ihrem dicken Filzrock. Der kleinere der beiden stieß ein leises Schluchzen aus.

Lokesh kniete nieder, lüftete vorsichtig eine Ecke der Decke und stöhnte unwillkürlich auf.

Dort vor ihm lag ein alter Mann mit dünnem, struppigem Bart. Sein linkes Ohr hing zerfetzt, und die linke Gesichtshälfte war blutverkrustet und eingefallen, da man ihm Wange und Kiefer zertrümmert hatte. Die leblosen Augen schienen fragend gen Himmel zu blicken.

»Sie haben ihn totgeprügelt«, flüsterte der Hirte, ohne seinen argwöhnischen Blick von Shan und Lokesh abzuwenden. »Haben ihn zusammengeschlagen und einfach so liegengelassen.«

Shan bückte sich und schlug die Decke ganz beiseite. Die Beine des Mannes schienen beide gebrochen zu sein; eines war in unnatürlichem Winkel verdreht, beim anderen war die Hose aufgerissen, so daß man blutiges Fleisch und ein Stück Knochen erkennen konnte. »Wer ist bloß zu so etwas fähig?« fragte er und sah in die leeren braunen Augen des Toten.

»Er hieß Atso und war über achtzig Jahre alt«, erwiderte der Hirte. »Er hat am Fuß einer Klippe allein in einer Hütte gewohnt, drei Kilometer östlich von hier, in Richtung des Tals.« Der Mann hielt kurz inne, als müsse er sich um Fassung bemühen. »Niemand hier in den Hügeln hat so viel wie er über unsere Traditionen gewußt.«

»Man hat ihn umgebracht, weil er die alten Bräuche gepflegt hat?« fragte Shan.

Der Hirte zuckte die Achseln. »Man wird hier schon wegen eines Worts getötet«, stellte er mit hohler Stimme fest und klang dabei dermaßen sachlich, daß Shan erschauderte. Der Mann zog ein Messer aus dem Gürtel und schob mit der Klinge ein Stück Heidekraut aus dem Haar des Toten. Tibeter vermieden es nach Möglichkeit, eine Leiche direkt zu berühren. »Atso hätte niemals Fremde an sich herangelassen, es sei denn, einer von ihnen wäre wie ein Mönch gekleidet gewesen«, sagte er anklagend und schaute besorgt zu der Frau und den Jungen, die sich dem Ursprung des Kehlgesangs näherten. »Mörder sind unter uns«, flüsterte er.

Die Worte ließen Shan zu dem Berggrat oberhalb der Klosterruine aufblicken. Inmitten einiger Sommerblumen saß dort eine schmale, schwarz gekleidete Frau und suchte mit einem Fernglas die Landschaft ab. Liya, eine der wenigen Einheimischen, die den Mönchen insgeheim behilflich waren, hielt Wache.

»Es müssen Gebete gesprochen werden«, verkündete Lokesh.

»Nein«, entgegnete der Hirte. »Hier in den Hügeln verzichten wir auf jede Zeremonie, damit man uns nicht verhaftet.«

»Aber du bist heute hergekommen«, wandte Lokesh ein.

»Die Frau da oben«, sagte der Hirte und wies in Liyas Richtung, »ist mit ihrem Pferd von Lager zu Lager geritten und hat in Anwesenheit meiner Familie behauptet, hier würde heute ein Wunder geschehen. Wie konnte ich da nein sagen, wo meine Kinder doch alles gehört hatten? Bei unserem Aufbruch heute morgen haben die beiden sogar gesungen, was sie sonst nie machen. Dann sind wir in der Nähe seiner Hütte auf Atso gestoßen.«

Shan erkannte, daß nicht die eigentlichen Worte des Hirten ihn schmerzten, sondern der Tonfall, in dem er sie vortrug. Der Mann klang trotz seiner Verzweiflung, als sei all sein Leid schon vor langer Zeit aufgebraucht worden.

»Und nun sitzt hier ein Mann in einem Mönchsgewand und will uns in die Falle locken«, fügte der Hirte hinzu. »So wie die Gottestöter es immer tun.«

Der Begriff versetzte Shan aufs neue einen Stich. »Warum benutzt du so ein schreckliches Wort?« fragte er.

Der Hirte hob mit dem Messer einen kleinen Beutel an, der neben dem Toten lag. Als Shan das Behältnis nahm und den Inhalt auf die Decke schüttete, stieß Lokesh einen weiteren Klagelaut aus. Es war eine kleine, zierliche Silberstatue der Schutzgöttin Tara, ein in jeder Hinsicht vollkommenes Kunstwerk, dessen Kopf man jedoch mit einem wuchtigen Hieb plattgeschlagen hatte. Der Hirte drehte die Figur mit seiner Messerklinge um. Der Rücken der Göttin war gespalten, als hätte man sie von hinten erdolcht.

Die geschändete Statue schien Lokesh mehr zuzusetzen als der Anblick der Leiche. Der alte Tibeter nahm die zerstörte Göttin, barg sie einen Moment lang mit feucht schimmerndem Blick in den Armen und legte sie dann zurück neben den übel zugerichteten Toten, wobei er ihr beständig zuflüsterte. Shan konnte die Worte nicht verstehen, aber der Kummer seines Freundes war unverkennbar.

Als Lokesh wieder aufblickte, wirkte er unerwartet entschlossen. Er erhob sich langsam, nahm den Hirten beim Arm und führte ihn einige Schritte zu einer Stelle, von wo sie Surya sehen konnten. Lokesh wollte nicht zulassen, daß die Ängste der Hirten die Feier zunichte machten.

»Hört genau hin, was für ein Geräusch er von sich gibt. Schaut euch diesen chorten an«, sagte der Hirte mit Blick auf den Schrein. »Falls der Mann nicht für die Regierung arbeitet, muß er ein Zauberer sein. Ich treibe meine Schafe jeden Frühling in diese Gegend. Der Schrein war noch nie zuvor da. Den müssen Geister gebaut haben.«

Geister. Shan und Lokesh sahen sich an. Der Mann hatte in gewisser Weise recht: Die Mönche von Yerpa, der verborgenen Einsiedelei, in der Shan und Lokesh lebten, hatten das kleine Gebilde im Mondschein geschaffen. Dabei hatte einer der Männer unaufhörlich gebetet, während die anderen zunächst das mehrstöckige Fundament und schließlich die glockenförmige Spitze errichteten. Der Schrein sollte der Klosterruine als Denkmal dienen, als ein Zeichen dafür, daß die Götter die einheimische Bevölkerung noch nicht völlig vergessen hatten.

»Geister und Mörder – und diese Liya läßt mich meine Familie herbringen.«

»Ich werde dir ein Geheimnis verraten«, flüsterte Lokesh angespannt, was sonst gar nicht seine Art war. Shan wußte, wie sehr es seinen alten Freund schmerzte, daß die Hügelleute ihnen so großes Mißtrauen entgegenbrachten. Lokesh schloß kurz die Augen, als müsse er sich beruhigen. Die Situation stand auf Messers Schneide, begriff Shan. Noch ein paar Worte des Hirten an die anderen Tibeter, und alle würden die Flucht ergreifen. Manche von ihnen würden danach womöglich Gerüchte über Mörder oder gar über illegale Mönche verbreiten und auf diese Weise Soldaten in die Berge locken.

Lokesh holte sein gau hervor, das silberne Gebetsamulett, das um seinen Hals hing, und klappte es behutsam auf. Es war unüblich, dies vor den Augen eines Fremden zu tun, und der Hirte verstummte vorerst. Im Innern des Medaillons steckte unter mehreren zusammengefalteten kleinen Zetteln, die Lokesh in seine Handfläche ausschüttete, das winzige Foto eines kahlköpfigen, bebrillten Mönchs mit gelassener Miene und fröhlichem Blick. »Der Mönch, den du singen hörst, heißt Surya«, erklärte Lokesh. »Er kommt aus dem Hochgebirge, nicht aus der Welt dort unten. Und auch er trägt in seinem gau ein Bild des Dalai Lama bei sich.« Er deutete auf das Foto. »Hast du denn wirklich vergessen, welcher Tag heute ist?«

Der Mann runzelte die Stirn und hob eine Hand an die Schläfe, als würde er plötzlich Schmerz verspüren. Er starrte erst Lokesh und dann Surya an, bevor die Angst in seinem Blick allmählich schwand und einer traurigen Verwirrung wich. »Ich habe auch so eins. Schon mein Vater und davor sein Vater haben es getragen«, sagte er und zog unter seinem Hemd ein kostbares silbernes gau hervor. »Aber es ist leer«, fügte er gequält hinzu. »Als ich noch klein war, hat mein Lehrer den Inhalt verbrannt.« Die Worte schienen ihn wieder an die Gefahren der Gegend zu erinnern, und er schaute erneut zu Atsos Leiche. »Sein Mörder ist hier irgendwo unterwegs und lauert alten Tibetern auf. Ihr müßt fliehen. In der Stadt heißt es, auf irgend jemanden sei ein Preis ausgesetzt worden. Die Soldaten fahnden nach ihm. Wir müssen …« Seine Stimme erstarb, und sein Blick richtete sich wieder auf Lokesh.

»Was für alte Tibeter?« fragte Shan bestürzt. »Wer hat einen Preis …« Auch er verstummte und sah Lokesh an.

Sein Freund löste mit einem Fingernagel soeben das Foto aus dem gau. Ungläubig sah der Fremde dabei zu, wie Lokesh das Bild statt dessen im Amulett des Hirten verstaute. »Wir werden Surya bitten, ein Gebet aufzuschreiben, damit du es dicht am Herzen tragen kannst«, sagte der alte Tibeter.

Der Mann öffnete und schloß mehrmals den Mund, als müsse er um Worte ringen. »Du meinst es wirklich ernst? Er ist ein echter Mönch?« Man sah ihm die Verblüffung und die Dankbarkeit an, dann Ehrfurcht und Schmerz. »Ich heiße Jara«, flüsterte er schließlich und ließ nun Surya nicht mehr aus den Augen. »Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen Mönch gesehen, nur die aus Lhasa, die einmal im Jahr vom Büro für Religiöse Angelegenheiten geschickt werden. Sie beten nicht, sondern halten Ansprachen. Auch die Kinder …« Die Worte blieben ihm im Hals stecken. »Für einen echten Mönch ist es hier viel zu gefährlich«, fuhr er dann hastig fort. »In dieser Gegend gilt er als geächtet. Die Soldaten werden ihn zum Gefängnis ins Tal bringen. Er muß sein Gewand verbergen. Bitte, ich flehe euch an, bedeckt seine Robe. Ihr habt ja keine Ahnung, wie furchtbar dieses Straflager ist.«

Lokesh lächelte und schob einen Ärmel hoch. Der Hirte war im ersten Moment verwirrt, bis er die lange eintätowierte Nummer auf dem Unterarm des alten Tibeters bemerkte.

»Du warst dort?« stöhnte der Hirte. »Du bist ein Häftling gewesen und gehst trotzdem ein solches Risiko ein?«

Lokesh wies auf eine alte, rissige Kohlenpfanne neben dem chorten, eine zeremonielle samkang aus Metall, in der einige Wacholderzweige brannten. »Der duftende Rauch lockt die Götter an. Sie werden uns beschützen. Du wirst schon sehen.«

Shan wandte sich zu Liya um, die weiterhin hoch über ihnen wachte. Nicht jeder hier verließ sich auf den Schutz der Götter. Die schwarz gekleidete Frau hielt nach Westen hin Ausschau, in Richtung der Garnison im Tal von Lhadrung, und hätte sogleich Bescheid gegeben, falls Soldaten aufgetaucht wären.

»Dieser Gesang, den er da von sich gibt«, sagte Jara und zeigte auf Surya. »Ist es das, was Mönche normalerweise tun?«

Lokesh zuckte die Achseln. »Es ist ein Teil der Feier. Er hat für sich Klarheit erlangt und tut seine Freude darüber kund.« Bei diesen Worten sahen er und Shan sich verunsichert an. Tags zuvor in Yerpa waren sie Zeugen eines merkwürdigen Vorfalls geworden. Nach wochenlanger Arbeit an dem Gemälde eines Gottes hatte Surya das Bild plötzlich zerstört. Auf Fragen nach dem Anlaß seines Tuns hatte er nicht reagiert, sondern nur stumm die Leinwand zerfetzt und seitdem mit niemandem mehr gesprochen. Wenigstens schien der Gesang nun wieder den fröhlichen Surya zum Vorschein gebracht zu haben, den sie beide kannten.

Jara wirkte keinesfalls beruhigt, sondern wandte sich nervös zu den Hängen um. »Die Tibeter in Lhadrung feiern nicht, es sei denn an einem chinesischen Festtag. Das hier ist Oberst Tans Bezirk.« Der Hirte erschauderte. Lhadrung gehörte zu den wenigen Gebieten, die noch immer unter Militärverwaltung standen, und der hiesige Kommandant war für seine Härte berüchtigt.

»Nein. Du bist jetzt in Zhoka«, sagte Lokesh, als wäre die windgepeitschte Senke ein anderer Ort, eine Zufluchtsstätte, die nicht zu Tans Bezirk gehörte. »Es gibt so viel, wofür wir dankbar sein können.«

Jara ließ den Blick über die Klosterruine schweifen, in der kein einziges intaktes Gebäude mehr existierte, musterte die verängstigten, bettelarmen Tibeter auf dem Hof und sah dann Lokesh an, als hielte er den alten Mann für verrückt. »Ich weiß, welcher Tag heute ist«, flüsterte er. »In der Stadt wurde ein Mann verhaftet, weil im Schaufenster seines Teeladens ein Kalender hing, auf dem dieses Datum angestrichen war.«

»Dann such dir einen anderen Grund aus. Sieh es als Fest der Rückkehr der Mönche.«

Jara wies mit ausholender Geste auf das Trümmerfeld inmitten der kargen Landschaft. »Woher kommen sie denn? Sind sie von den Toten auferstanden? In dem Land, in dem ich lebe, kehren Mönche nur dann zurück, wenn das Büro für Religiöse Angelegenheiten es anordnet.«

»Nenn es die Feier der neuen Freiheit.«

»Freiheit?«

Lokesh bedachte Jara und sein gau mit einem melancholischen Blick. »Von diesem Tag an kannst du dir aussuchen, an welchem Ort du lebst.«

Der Hirte lachte verbittert auf. Als er den alten Tibeter ansah, nahm Lokeshs Miene einen entrückten Ausdruck an, so als würde er hinter Jaras Augen in einen anderen Teil seines Wesens schauen. Der Hirte hielt dem Blick ruhig stand und hob zögernd eine Hand, als wolle er die weißen Bartstoppeln des größeren Tibeters berühren, genau wie die anderen zuvor ungläubig den chorten berührt hatten.

»Du wirst das Land, in dem du lebst, dauerhaft verändern, weil du in deinem gau ein Gebet von hier mitnimmst«, sagte Lokesh leise. Noch während er sprach, tauchte eine weitere Gestalt im Mönchsgewand auf, ein hochgewachsener, würdevoller Mann, dessen Gesicht glatt wie ein Pflasterstein war. Gendun, der Vorsteher der versteckten Einsiedelei Yerpa, in der Surya, Shan und Lokesh lebten, warf Jara einen freundlichen Blick zu und betrachtete dann mit traurigem Lächeln den toten Atso. »Lha gyal lo«, sagte er leise und ehrerbietig zu dem Leichnam. Den Göttern der Sieg.

Beim Anblick des Lama schien in Jaras Augen jähe Begeisterung aufzublitzen. Wohl niemand konnte in Genduns offenes, heiteres Antlitz schauen und dahinter eine Heimtücke vermuten. Als der Lama auf den Innenhof zurückkehrte, folgte Jara ihm langsam, deutete aber noch einmal auf den Toten. »Dennoch ist dort draußen ein Mörder unterwegs«, sagte er unschlüssig, als würde er mit sich selbst zu Rate gehen.

»Nicht hier. Nicht heute«, sagte Lokesh zum zweitenmal in jener Stunde.

Zu Shans Überraschung begleitete der alte Tibeter den Hirten nicht zu dessen Frau und Kindern, sondern bedeutete Shan, er möge sich mit ihm ein Stück zurückziehen. Als sie einige Schritte vor Atsos Leichnam standen, wandte Lokesh sich zum Hof um und stellte sich breitbeinig wie ein Wachposten auf. Shan war im ersten Moment verwirrt, begriff dann aber, daß keiner der anderen Tibeter ihn oder Atso sehen konnte.

Er schob die breite Krempe seines Huts zurück, kniete sich neben den Toten und nahm eine schnelle Untersuchung vor. Eine von Atsos Händen war um ein gau geschlossen, das er an einer alten Silberkette um den Hals trug, die andere hielt eine mala, eine Gebetskette. Der Rücken der ersten Hand wies eine klaffende gezackte Wunde auf, die von einem Knüppel oder Gewehrkolben herrühren konnte. Beide Handflächen waren zerkratzt und abgeschürft, die Fingernägel rissig und gesplittert. An einem Strick um seine Taille hing eine kleine Plastikflasche, halb gefüllt mit Wasser. Shan zog die Decke weg und legte den linken Fuß frei, der in einem zerlumpten Lederstiefel steckte. Um die Sohle war ein robuster, fünf Zentimeter breiter Jutestrang gewickelt.

In den Hosentaschen trug Atso zwei kleine Beutel bei sich; einer enthielt die frisch gepflückten Blüten einer Blume, der andere Wacholderspäne. Aus einer kleinen, eingenähten Innentasche der Filzweste zog Shan ein mehrfach gefaltetes Stück Papier, die gedruckte Ankündigung einer kostenlosen ärztlichen Untersuchung für Kinder im Tal. Auf der Rückseite des Blattes stand in zahllosen Reihen winziger tibetischer Handschrift immer wieder das mani-Mantra, die Anrufung des Mitfühlenden Buddha. Shan musterte das Gesicht des Mannes und dann wieder den Zettel. Atso hatte das Mantra mindestens tausendmal geschrieben und das Papier zusammengerollt und gefaltet, als solle es an einem sehr beengten Ort hinterlassen werden.

Shan nahm die demolierte Statue, die kleine silberne Tara. Ihre Patina ließ auf ein sehr hohes Alter schließen, abgesehen von dem hell schimmernden Fleck an einer Schulter. Nach Ansicht der Gläubigen brachte es Glück, diese Stelle zu reiben. Shan hielt sich die Figur dicht vor die Augen und betrachtete aus mehreren Winkeln den verbeulten, eingedrückten Kopf und den langen Spalt am Rücken. Er mußte an Jaras beklemmende Worte denken. Man wird hier schon wegen eines Worts getötet. Die Göttin war hohl und leer. Tibeter steckten kleine zusammengerollte Gebete häufig in solche Statuen.

Shan blickte wieder zu Lokesh. Anstatt mit den Todesriten zu beginnen, hatte sein alter Freund ihn gebeten, Atsos Leichnam in Augenschein zu nehmen, obwohl die Hügelleute nicht begeistert sein würden, daß Shan den Toten berührt hatte, und obwohl sie beide wußten, daß die Mönche Shan auf keinen Fall gestatten würden, in diesem Mordfall zu ermitteln, da für sie nur die Erforschung des Geistes zählte. Er legte die Göttin zurück auf die Decke und ging zu Lokesh. »Was weißt du noch?« fragte er. »Was verheimlichst du vor mir?« Er streckte den Zettel aus. »Wieso war Atso dermaßen beunruhigt, daß er tausend Mantras geschrieben hat?«

Lokesh betrachtete mit hilflosem Blick das Papier, als wolle er jedes einzelne Mantra lesen. »Ich habe ihn nur einmal getroffen, und zwar als ich vor zwei Wochen dort oben in den Bergen Beeren gesammelt habe«, sagte er und nickte in Richtung der schneebedeckten Gipfel im Osten. »Er hat mich gefragt, was wir hier in Zhoka machen würden. Als ich sagte, das sei ein Geheimnis und er solle heute herkommen, um es selbst herauszufinden, wurde er erst ärgerlich und dann traurig. Er sagte, wir hätten ja keine Ahnung. Zhoka sei ein Ort seltsamer und mächtiger Dinge, die man in Ruhe lassen müsse. Er sagte, am gefährlichsten an Zhoka sei, nicht zu begreifen, was es mit den Leuten anstelle.«

»Willst du andeuten, irgend etwas hier habe mit seinem Tod zu tun?« fragte Shan.

Lokesh wandte sich zu der Leiche um. »Was er sucht, ist irgendwohin entschwunden«, sagte er leise.

Shan musterte seinen Freund. Die alten Tibeter neigten dazu, bei ihren Äußerungen die Zeiten zu vermischen und zu überbrücken, so daß sie bisweilen Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte ignorierten, wenn sie eine grundlegende Wahrheit zum Ausdruck brachten. Gerade als er nachhaken wollte, kam aus dem Schatten hinter Atso eine junge, schwarz gekleidete Frau zum Vorschein, die ihr Haar zu einem langen Zopf geflochten hatte. Sie kniete sich neben den Toten, verstaute die lädierte Statue, ohne genauer hinzusehen, wieder in ihrem Beutel, zog die Decke glatt und legte sie dann über Atso, als würde sie ihn liebevoll zu Bett bringen. Dabei warf Shan einen flüchtigen Blick auf den rechten Stiefel des Toten, der zwar ebenfalls mit Jute umwickelt war, aber längst nicht so abgerissen wirkte wie sein Gegenstück und vermutlich gar nicht zusammengehalten werden mußte.

»Liya«, sagte Shan. »Woher kennst du diese Statue?«

Als sie den Kopf hob, standen ihr Tränen in den Augen. »Als ich noch klein war, hat Atso mich immer auf den Schultern getragen, damit die Schafe mich nicht umrennen konnten. Ich habe ihn seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Damals ist seine Frau gestorben und er in diese Hütte gezogen.«

»Wohin wollte man ihn bringen?« Shan verstand nicht, weshalb die Tibeter seinen Fragen auszuweichen schienen.

»Als ich letzte Nacht geritten bin, waren zwischen hier und dem Tal Fremde in den Bergen.« Liya verzog gequält das Gesicht. »Ich bin abgestiegen und wollte mich verstecken, aber sie haben plötzlich Lampen auf mich gerichtet und etwas gerufen. Sie sagten, ich dürfe nicht nach Osten – als würde das Land rund um Zhoka ihnen gehören. Ich dachte, es seien Hirten, die sich um ihre Weiden sorgten, und nahm an, die Mönche wären bestimmt froh, heute so viele Leute wie möglich hier zu haben. Als ich sagte, hier würde eine Feier mit Mönchen stattfinden, fingen zwei der Leute an, sich aufgeregt auf englisch zu unterhalten. Ein Mann und eine Frau. Jemand hat mir direkt ins Gesicht geleuchtet, sich dann auf chinesisch entschuldigt und zusammen mit den anderen den Rückzug angetreten. Es ergab keinen Sinn. Was sollte ein Westler denn schon von Zhoka wissen? Und welcher Chinese würde sich auch nur an diesen Ort erinnern?« Sie rieb sich ein Auge. »Ich hätte es besser wissen und die Leute warnen müssen.«

»Die Arbeit, die hier geleistet wurde, war in ganz Tibet berühmt, sogar bei den Göttern«, warf auf einmal eine tiefe, sanfte Stimme ein. Surya stand einige Schritte hinter Shan im Eingang der Klosterruine und betrachtete angestrengt einen kleinen Felsbrocken in seiner Hand. Nein, sah Shan, das war kein Stein, sondern ein Stück Verputz, ein Teil eines Gemäldes. Man konnte deutlich die vordere Hälfte eines Rehs erkennen, ein vertrautes Motiv aus den Darstellungen von Buddhas erster Predigt. »Hier«, sagte der Mönch in sonderbar reumütigem Tonfall zu dem Reh, »hier mußt du an den Erdboden genagelt werden.«

Als Shan sich ihm näherte, betrat der alte Mann die Ruine und schien genau wie am Vortag noch immer keinen von ihnen wahrzunehmen.

In der Stille, die auf Suryas befremdliche Worte folgte, nahm Shan die Trümmer zu Füßen des Mönchs in Augenschein und verspürte unvermittelt eine schreckliche Vorahnung, die es nur um so dringlicher erscheinen ließ, daß er begriff, was hier vor sich ging. Eine der Wände stand noch teilweise, der Rest waren Steine, zerbröckelter Putz und verkohlter Schutt. Surya ging noch einen Schritt, schien einen Schwächeanfall zu erleiden und fiel auf die Knie. Lokesh wollte ihm zu Hilfe eilen und erstarrte, als Surya die langen Finger emporreckte und sie mehrmals öffnete und schloß, als wolle er etwas vom Himmel herabbeschwören.

Kurz darauf deutete der Mönch auf einen Trümmerhaufen außerhalb seiner Reichweite. Shan ging zögernd auf die verbrannten Balken und zerbrochenen Dachziegel zu. Liya half ihm, und nach kaum einer Minute hatten sie eine kleine geborstene Holzkiste mit zwei Schubfächern freigelegt, zwanzig Zentimeter hoch und fast doppelt so breit. Als Shan die Kiste an Surya weiterreichte, leuchteten die Augen des Mönchs auf. Obwohl er, genau wie sie alle, die Ruinen zum erstenmal besuchte, schien er den Kasten zu kennen. Als er die untere Lade herauszog, brach das verwitterte Holz der Vorderseite ab. Surya griff hinein, holte eine Handvoll langer, eleganter Pinsel hervor und streckte sie himmelwärts. Er schloß die Augen, als würde er ein kurzes Gebet sprechen, und fing an, die Pinsel an die Anwesenden zu verteilen. »Heute wird das Ende aller Dinge sein«, flüsterte er lapidar, aber eigenartig fröhlich, und lächelte dann, als er Shan den letzten Pinsel gab. »Gesegneter Atso. Gesegneter Beschützer!« rief er.

Shan starrte den Mönch an und war verwirrter als je zuvor. Surya kannte den Toten. Hatte er irgendwie versucht, ihnen zu erklären, was mit Atso geschehen war?

»Hört dem kleinen Mädchen zu«, rief Surya aus. »Sie versteht.« Der Mönch erhob sich abrupt und kehrte auf den Innenhof zurück. Shan und Lokesh sahen sich fragend an. Hier gab es kein kleines Mädchen. Außer Jaras Söhnen hatten sie keine Kinder gesehen.

Heute wird das Ende aller Dinge sein. Shan hörte immer noch Suryas Worte, als er mit Lokesh wieder auf den Hof trat. Der lange schmale Pinsel steckte in seiner Tasche. Für Gendun und die Mönche würde es tatsächlich das Ende bedeuten, falls Soldaten hier auftauchten.

Shan zwang sich, seine Aufmerksamkeit den Gebeten und den ehrfürchtigen Tibetern zu widmen. Jara stand mit seiner Frau drei Meter vor dem chorten, beobachtete den jungen Mönch, der den Gesang übernommen hatte, und nickte, als Surya sich neben den Glaubensbruder setzte und in die Litanei einfiel. Lokesh zupfte Shan am Ärmel. Jaras Frau hatte einen Arm um ein Mädchen von allenfalls acht oder neun Jahren gelegt, das zwischen ihr und ihrem Mann stand.

»Das ist die Tochter meiner Schwester«, erklärte Jara, als Shan näher kam. »Aus einer Stadt in der Provinz Sichuan, viele hundert Kilometer östlich von hier. Sie möchte bei uns das Leben in Tibet kennenlernen. Ihre Eltern haben hier in den Bergen gewohnt, wurden aber noch vor der Geburt der Kleinen weggeschickt, um in einer chinesischen Fabrik zu arbeiten. Sie ist noch nie hier gewesen und hat außer ihren Eltern noch kein einziges Mal andere Tibeter getroffen.«

»Diese Statue«, sagte Shan. »Weißt du, woher sie stammt?« Ihm fiel auf, daß erst eine, dann noch eine alte Tibeterin sich erhob und in die Richtung, wo der tote Atso lag, im Schatten verschwand.

»Es gibt viele davon, wenn man weiß, wo man suchen muß«, erwiderte der Hirte. »Der große Kerl da drüben hat den ersten der abgeschlachteten Götter gefunden.« Er wies auf einen riesigen, stiernackigen Hirten in schmutziger Schaffellweste, der zehn Meter entfernt von ihnen stand. »Er hat gesagt, die Gottestöter seien die schlimmsten aller Dämonen. Er hat einen der Toten zu uns gebracht, weil er dachte, jemand aus meiner Familie könne ihn vielleicht heilen.«

»Hast du vorhin die Gottestöter gemeint?« fragte Shan. »Sind sie diejenigen, die wegen eines Worts töten? Geht es um ein bestimmtes Wort?«

Die Frage schien Jara wie ein Schlag zu treffen. Er zuckte zusammen, preßte sich eine Faust vor den Mund, als fürchte er, ihm könne ungewollt eine Äußerung entweichen, und ging weg.

»Was ist denn?« fragte das Mädchen, ohne Surya aus den Augen zu lassen, der wenige Schritte vor ihr saß. »Was ist denn mit diesen armen Männern los?«

»Das ist bloß ein Laut, den Seelen von sich geben«, sagte Lokesh mit zufriedenem Lächeln. Die Kleine schmiegte sich daraufhin nur noch enger an ihre Tante.

»In den Fabrikstädten wird nicht gelehrt, wie Seelen sprechen«, warnte Jaras Frau.

»Aber etwas in ihr möchte gern zuhören«, stellte Lokesh fest, als das Mädchen sich aufrichtete, den Kopf ein Stück zur Seite neigte und nicht länger furchtsam, sondern staunend Surya betrachtete. Eine der alten Tibeterinnen kehrte mit besorgter Miene zurück, schlug aber keinen Alarm. Shan sah, daß sie um ihre Fassung rang. Trotz Atsos Tod wollte sie diese erste Feier seit vielen Jahren nicht stören.

»Ich habe Angst«, räumte Jaras Frau nervös ein. »All diese Mönche. Falls jemand aus der Stadt …«

»Meine Mutter hat jedes Jahr gesagt, dieser Tag sei voller Wunder«, warf Lokesh ein und rieb sich nachdenklich das bärtige Kinn. »Sie hat mir erzählt, aus einem bayal könnten Heilige zum Vorschein kommen«, fügte er verschmitzt hinzu und spielte damit auf die überlieferte Kunde von den verborgenen Ländern an, in denen Gottheiten und Heilige lebten. »Es ist eine Zeit der Freude, nicht der Angst. Wann hast du diesen Tag zuletzt gefeiert?«

Die Frau wandte den Kopf ab, und Shan konnte nicht erkennen, ob sie verlegen war oder nur versuchte, Lokesh zu ignorieren. Einen Augenblick später sah sie wieder Surya an. »Ich war noch ein kleines Mädchen«, sagte sie mit entrücktem Lächeln.

Lokesh drehte sich zu einem der Tontöpfe um, die überall auf dem Hof verteilt standen, griff hinein und hielt die Hand dann der Frau entgegen. Im ersten Moment wich sie zurück, als fürchte sie sich. Dann streckte sie zögernd einen Arm aus, und Lokesh ließ etwas weißes Mehl auf ihre Handfläche rieseln. Unschlüssig starrte die Frau diese Gabe an.

Der alte Tibeter vollführte lächelnd mit seiner Hand mehrere ruckartige Aufwärtsbewegungen.

»Einer meiner Cousins sitzt deswegen im Gefängnis«, sagte die Frau, musterte versonnen das Mehl und seufzte. Dann schleuderte sie es plötzlich in die Luft, was ihren Mann zu einem Freudenschrei veranlaßte. In der nächsten Sekunde tat Lokesh es ihr gleich, so daß sie alle in eine kleine Wolke Gerstenmehl gehüllt wurden.

Die angespannte Miene der Frau veränderte sich zu einem Lächeln, weil Lokesh mit ausgebreiteten Armen einen kleinen Freudentanz aufführte und dabei so leichtfüßig wirkte, als wolle er sogleich hinwegschweben. Sie warf noch mehr Mehl empor, klatschte in die Hände und legte den Kopf in den Nacken, so daß der feine weiße Staub auf ihrem Gesicht landete. »Er hat ein weiteres Jahr gelebt!« rief sie. Einige der alten Tibeter fielen in den Ruf ein und griffen nun ebenfalls in die Tontöpfe.

Gerstenmehl in die Luft zu werfen war ein traditioneller Ausdruck der Freude, aber die Regierung hatte den Tibetern bei Strafe verboten, es ausgerechnet an jenem besonderen Datum zu tun, dem Geburtstag des im Exil lebenden Dalai Lama.

»Lha gyal lo!« rief Lokesh gen Himmel. »Den Göttern der Sieg!«

Die Frau hielt inne und schaute über Shans Schulter. Er drehte sich um und sah, daß das Mädchen hinter ihnen stand und sehr besorgt wirkte. Die Tante der Kleinen warf über ihr eine Handvoll Mehl in die Höhe, aber das Kind wich vor der Wolke zurück, als habe es Angst davor.

Als die Frau dies bemerkte, verschwand ihre Ausgelassenheit. Sie bedeutete dem Mädchen, es solle sich wieder Surya und dem jüngeren Sänger zuwenden, doch als Shan sich ein Stück entfernte, ging die Kleine ihm hinterher. Er setzte sich auf einen Felsen, und nach kurzem Zögern nahm das Mädchen neben ihm Platz.

»Ist es in Ordnung?« fragte sie ihn zaghaft. Sie hatte zur chinesischen Sprache gewechselt.

»In Ordnung?« entgegnete Shan auf tibetisch.

»Dürfen die Leute so etwas tun?«

Auf einmal brachte Shan es nicht mehr fertig, dem Kind ins Gesicht zu sehen. Als er nicht antwortete, fing die Kleine an, sich nervös den Mehlstaub von den Wangen zu wischen.

Er streckte die Hand aus und hielt sie sanft davon ab. »Die Leute brauchen mich nicht um Erlaubnis zu fragen.«

»Du bist Chinese.«

Shan mußte an einen Tag vor mehr als fünf Jahren denken. Die Soldaten hatten ihn im Straflager bei Lhadrung von der Ladefläche eines Lastwagens geworfen. Er hatte bäuchlings und halb bewußtlos im kalten Schlamm gelegen, ohne zu wissen, wo er sich überhaupt befand. Sein Ohr hatte geblutet, und an Armen und Leib hatte er immer noch den stechenden Schmerz der Elektroschocks verspürt, während er als Folge der Verhördrogen nur verschwommen sehen und keinen klaren Gedanken fassen konnte. »Von diesem Tag an wird dein Leid immer mehr abklingen«, hatte plötzlich eine ruhige Stimme geflüstert. Unter großer Anstrengung hatte Shan die Augen geöffnet und das heitere Gesicht eines alten Tibeters erblickt, der, wie Shan bald erfuhr, ein Lama im vierten Jahrzehnt der Gefangenschaft war. »Es wird in deinem Leben nie mehr so schlimm sein wie jetzt«, hatte der Lama erklärt und Shan auf die Beine geholfen. Doch im Verlauf der fast anderthalb Jahre seit seiner Freilassung hatte Shan einen neuen Schmerz entdeckt, gegen den sogar die Lamas machtlos waren: ein quälendes Schuldgefühl, das durch die arglose Frage eines kleinen Mädchens ausgelöst werden konnte.

»Ich wünschte, der Dalai Lama wäre bei seinem Volk«, sagte Shan nahezu flüsternd. »Und ich wünsche ihm ein langes Leben.«

»Bist du etwa Buddhist?«

Jemand hielt Shan eine Schale Buttertee vor die Nase.

»So etwas in der Art.« Lokesh lachte leise, hockte sich vor den beiden hin und trank einen Schluck aus einer zweiten Schale. »Als ich noch klein war«, fuhr der alte Tibeter fort und sah dabei feierlich das Mädchen an, »hat meine Mutter mich oft weit ins Gebirge mitgenommen und mir alte Hängebrücken über tiefen Schluchten gezeigt. Die Brücken stellten unsere Verbindung zur Außenwelt dar. Niemand wußte, wie sie beschaffen waren oder wodurch sie noch immer hielten. Sie sahen aus, als könne man sie gar nicht bauen. Immer wenn ich meine Mutter danach fragte, antwortete sie, die Brücken seien einfach da, weil wir sie brauchten. Und so ist es auch bei unserem Shan.«

»Aber ist es in Ordnung?« fragte sie erneut mit ihrer sanftmütigen, ernsten Kinderstimme.

»Wie heißt du?« fragte Shan.

»Dawa. Mein Vater arbeitet in einer chinesischen Fabrik«, versicherte sie eilig. »Er hat das ganze Jahr gespart, um mich herschicken zu können. Das Geld hat nur für meine Busfahrkarte gereicht. Ich war bisher noch nie außerhalb der Stadt.« Shan sah Lokesh an. Hört dem kleinen Mädchen zu, hatte Surya sie ermahnt. Doch Dawa hielt sich zum erstenmal in Tibet auf.

»Dawa, ich möchte, daß es in Ordnung ist. Du auch?« Hatte Surya andeuten wollen, daß sie die merkwürdigen Ereignisse dieses Tages nur dann begreifen konnten, wenn sie die Vorfälle von der Warte eines Außenstehenden betrachteten? überlegte Shan.

Das Mädchen nickte schüchtern und sah Shan dabei durchdringend an. »Wie kann ein Chinese so etwas sein?« fragte sie. »Eine Brücke, meine ich. Will er sagen, daß du zum Teil Tibeter bist?«

»Ich wurde von anderen Chinesen ins Gefängnis gesteckt, und zwar nicht wegen eines Verbrechens, sondern weil diese Leute fürchteten, ich könnte die Wahrheit sagen. Damals wollte ich sterben, und ich wäre tatsächlich gestorben, hätten Lokesh und andere wie er mir nicht beigebracht, wieder zu leben.«

Dawa wirkte unschlüssig. Shan nahm einen Mehltopf und hielt ihn ihr hin. Zögernd richtete sie ihren Blick auf das Gefäß und griff mit zitternden Fingern hinein. Sie schien vor lauter Aufregung zu erschaudern. Dann warf sie eine Handvoll Mehl empor und verfolgte feierlich, wie es wieder zu Boden rieselte. »Ich habe gesehen, wohin sie gehen. Ich glaube, ich kenne den Weg in das verborgene Land«, verkündete sie unsicher und schaute dabei Surya an, der von seinem Platz neben dem jüngeren Sänger aufgestanden war und nun mit gemächlichen, würdevollen Schritten den Hof überquerte.

Shan verstand nicht, was Dawa meinte, und blickte ihr hinterher, als sie dem Mönch in die Ruinen folgte. Ein ungewohntes Geräusch ließ ihn sich zu dem chorten umwenden. Gelächter. Mehrere der älteren Tibeter lachten und warfen unterdessen immer mehr Mehl in die Luft. Die Feier hatte wahrhaftig begonnen.

Dann packte jemand ihn am Arm. Liya stand mit bleichem Gesicht neben ihm und nickte in Richtung des alten steinernen Turms, der sich in etwa anderthalb Kilometern Entfernung auf dem Grat oberhalb der Ruinen erhob.

Im ersten Moment konnte Shan nichts Außergewöhnliches entdecken, aber dann bewegte sich am Fuß des Turms etwas Grünes. Seine Kehle schnürte sich zu. Dort oben waren Soldaten, mindestens ein Dutzend. Er sah sich hastig um. Niemand sonst hatte bemerkt, daß die Armee sie beobachtete. Eine Warnung würde die Tibeter in Panik versetzen und zu einem sofortigen Fluchtversuch veranlassen, wenngleich die meisten der Leute in den höher gelegenen Regionen westlich des Tals zu Hause waren, so daß ihnen nun der Rückweg versperrt wurde.

»Du mußt es ihm sagen«, drängte Liya verzweifelt. »Versuch es wenigstens.«

Shan nickte langsam, sah Liya wieder verschwinden und betrachtete die fröhlichen Tibeter. Sie hatten endlich einmal vergessen können, was für ein mühseliges Dasein sie auf den felsigen Hängen fristeten und welche Ängste sie ständig begleiteten, aber ihr Jubel würde nur von kurzer Dauer sein. Shan machte sich auf die Suche nach Gendun.

Fünf Minuten später fand er den Lama im Norden des Klostergeländes, wo Gendun in den hundertfünfzig Meter tiefen Abgrund schaute, der das Areal auf dieser Seite begrenzte. Seltsamerweise saß der alte Mann nicht mit übergeschlagenen Beinen da, sondern ließ die Füße zwanglos über den Rand der Kluft baumeln und verfolgte mit begeistert glänzenden Augen, wie ein Falke in den Aufwinden über der Schlucht schwebte. Ohne sich umzudrehen, klopfte Gendun auf den Felsen neben sich. Shan nahm Platz. »Ich habe einen solchen Tag nicht mehr erlebt, seit ich ein kleiner Junge war«, sagte der Lama. »Damals haben wir bei dem Bergkloster, in dessen Nähe ich geboren wurde, stets ein weißes Zelt errichtet und den ganzen Tag lang gesungen. Die Mönche befestigten einen geheimen Segensspruch am Ende eines hohen Pfahls, und wir sind abwechselnd nach oben geklettert und haben versucht, ihn uns zu holen.«

»Es sind Soldaten in der Nähe«, sagte Shan ruhig und musterte die verschlissenen Seile und gesplitterten Holzbohlen, die auf der gegenüberliegenden Seite der Kluft in die Tiefe hingen. Das waren die Überreste der alten Brücke, die den nördlichen Torhof des gompa einst mit der Außenwelt verbunden hatte.

Gendun wandte beinahe vorwurfsvoll den Kopf und schaute zu einem langen Stein, der auf einem flachen Schutthaufen lag und ursprünglich als Türsturz gedient hatte. Jemand hatte ihn freigelegt und dadurch eine verblichene, aber immer noch leserliche Aufschrift zum Vorschein gebracht: Studiere nur das Absolute. Auf dem Stein standen ein gerahmtes Porträt des Dalai Lama sowie das Fragment einer lebensgroßen Bronzestatue, eine anmutig nach oben gewölbte Hand.

»Früher wäre dies ein Festtag für das ganze Volk gewesen.« Genduns Stimme glich trockenem Gras, das im Windhauch raschelt. »Wir sorgen dafür, daß es wieder so wird. Das hier ist der Anfang.«

Für Gendun war es der Anfang, doch Surya behauptete, es sei das Ende. Shan sah noch einmal zu der Inschrift auf dem Stein und erforschte dann sorgfältig Genduns Miene. Das Antlitz des alten Lama konnte so komplex wie der Himmel sein. Sein Blick hatte sich geklärt. Er würde es nicht gutheißen, wenn jemand den Mönchen mit Gerede über irgendwelche Gefahren kam, über Mörder oder Ausländer, die in den Hügeln umgingen. Vor seinem inneren Auge ließ Shan die Reaktion des Lama auf den toten Atso Revue passieren. Gendun hatte beim Anblick der Leiche weder überrascht gewirkt noch sein Mitgefühl zum Ausdruck gebracht, sondern statt dessen Worte der Freude geäußert.

»Rinpoche, ich verstehe nicht, was vor sich geht«, sagte Shan schließlich und sprach Gendun damit als ehrwürdigen Lehrer an.

»Wir weihen heute nicht nur den Schrein«, verkündete Gendun. »Wir erneuern die Weihe des gompa. Zhoka wird zu neuem Leben erwachen. Surya wird sich dauerhaft hier niederlassen.«

In Shans Magen breitete sich ein eisiges Gefühl aus. Surya und Gendun begriffen nicht, wie tyrannisch und rachsüchtig das Büro für Religiöse Angelegenheiten vorging, dem jeder Mönch ohne staatliche Lizenz als Verbrecher galt. Sie hatten nie Oberst Tan kennengelernt, der nach eigenem Ermessen und ohne Gerichtsverhandlung entscheiden konnte, Mönche ins Arbeitslager zu stecken.

Als Shan erneut Gendun ansah, verspürte er plötzlich tiefe Traurigkeit. Dies war die Weise, auf die Tibeter sich verteidigten: Sie setzten jeder noch so erdrückenden Übermacht lediglich eine tugendhafte Haltung entgegen. Beim Einmarsch der chinesischen Invasoren waren Tausende von Tibetern mit Musketen und Schwertern, manche gar nur mit Gebeten gegen Maschinengewehre angerannt. Hierher nach Zhoka zu kommen war Suryas Art, das gleiche zu tun. »Lha gyal lo«, stellte Shan entmutigt fest.

Der alte Lama nickte versonnen.

»Warum gerade jetzt?« fragte Shan.

Gendun wies mit ausholender Geste auf die Ruinen. »Zhoka war einst ein sehr bedeutender Ort, an dem große Wunder geschahen. Es gibt hier viel, das neu gelernt und wiederhergestellt werden muß.«

Shan ließ den Blick über das verlassene gompa schweifen. Die tiefe Senke, in der man das Kloster errichtet hatte, maß an der Sohle mehr als vierhundertfünfzig Meter im Durchmesser, und die Ruinen erstreckten sich weit die Hänge hinauf. Viele der früheren Hof- oder Garteneinfassungen und sogar einige der Hauswände standen noch, wenngleich keine unversehrt geblieben war. Eine riesige Mauer, die offenbar zu einer Versammlungshalle gehört hatte, erhob sich fast sechs Meter in die Höhe und wies genau in der Mitte ein gezacktes, knapp zwei Meter breites Loch auf. Aus anderen, bedrohlich schiefen Wänden ragten verkohlte Bodendielen und Dachbalken. Shan wußte nur wenig über Zhoka, außer daß es berühmt für seine Künstler gewesen war. Etliche der Mauerfragmente trugen die Reste von Gemälden auf sich, so wie das halbe Abbild eines Rehs, das Surya in der Hand gehalten hatte. Von allen Mönchen Yerpas war er der vollendetste Künstler und hatte nicht nur prächtige thangkas geschaffen, traditionelle tibetische Stoffgemälde, sondern die Einsiedelei zudem mit zahlreichen Wandmalereien geschmückt. Surya bringe auf diese Weise seine Gebete zum Ausdruck, hatte Lokesh einmal gesagt. Nun aber schickte Gendun ihn an einen Ort, an dem alle Kunst erstorben war.

Schweigend saßen sie da und lauschten dem fernen Kehlgesang.

»Was wirst du all diesen Menschen sagen, die noch nie in einem Tempel gewesen sind und vor lauter Angst nicht gewagt haben, einen Mönch auch nur anzusprechen?« fragte Shan. Es war ein gemeinsames Mittagsmahl geplant, und Gendun wollte bei dieser Gelegenheit eine kurze Rede halten.

Der Lama lächelte. »Wir werden ihnen beibringen, sich mit offenen Augen fallen zu lassen.« Er spielte auf einen der alten verschlüsselten Lehrsätze an, die Shan seit den ersten Tagen in Yerpa kannte. Was ist das menschliche Leben? fragte der Schüler. Sehenden Auges in einen Brunnen zu stürzen, erwiderte der Meister. Mochten diese Worte auch zunächst befremdlich wirken, so hatte Shan doch im Laufe der Zeit erkannt, daß sie das Dasein der Bewohner Yerpas perfekt umschrieben. Die Seele durchwandere während ihrer Entwicklung viele Lebensformen und könne erst nach tausend früheren Inkarnationen auf eine flüchtige Existenz als Mensch hoffen, hatte Surya damals zu Shan gesagt. Das Leben war so kurz und die menschliche Inkarnation dermaßen kostbar, daß die Einsiedler von Yerpa sich unablässig der geistigen Bereicherung widmeten, und zwar nicht nur mittels ihrer religiösen Unterweisungen, sondern auch durch die Erschaffung wunderbarer Kunstwerke: Sie illustrierten Manuskripte, verfaßten Historien und ersannen Gedichte. Indem sie sich sogar bei den alltäglichsten Verrichtungen vom Grundsatz des Mitgefühls leiten ließen, führten sie ein Dasein umfassender Schönheit. Sobald man den Brunnen erkannte, in den man stolperte, könne man doch ohnehin nichts mehr daran ändern, pflegte Gendun gern zu sagen.

Yerpa beherbergte seit fast fünfhundert Jahren Mönche, Gelehrte und Einsiedler, doch der Lama wußte genausogut wie Shan, daß ein einziger Spitzel oder eine zufällige Militärpatrouille noch heute den Untergang des Klosters besiegeln konnte, das Shan inzwischen als einen der großen Schätze dieser Erde betrachtete, ein strahlendes Juwel in der Kruste einer freudlos trüben Welt.

»Ich habe mitgebracht, was du benötigen wirst, Shan«, sagte Gendun und deutete auf einen zerlumpten Leinenbeutel, der in verblaßter, einst kunstvoller tibetischer Handschrift mit dem mani-Mantra versehen war, der traditionellen Anrufung des Mitgefühls. »Lokesh kann dir heute abend den Weg zeigen. Es ist Halbmond.«

Tags zuvor hatten Gendun und Shan die Tasche feierlich gepackt, während der Lama von Einsiedlern früherer Zeiten erzählt und die von ihnen verfaßten Gedichte rezitiert hatte. Bei all den aufregenden Ereignissen des heutigen Tages hatte Shan ganz vergessen, daß er den nächsten Monat allein in einer Höhle zubringen würde, irgendwo tief in den Bergen.

Der Anblick des Beutels löste einen heftigen Gefühlsansturm aus. Nicht lange nachdem Shan vor einigen Wochen aus dem Norden nach Yerpa zurückgekehrt war, hatte ihn eine schwere Krankheit befallen, verbunden mit hohem Fieber und einer drei Tage währenden Phase, in der er praktisch ohne Bewußtsein gewesen war. Nach Shans Genesung hatte Gendun sich sehr wortkarg verhalten, als würde eine große Sorge auf ihm lasten. Etwas war geschehen, und niemand wollte darüber reden. Shan befürchtete, den Mönchen könne irgendein Unheil drohen, und so ließ er nicht locker, bis sein alter Freund Lokesh ihm schließlich erklärte, daß Shan im Fieber eines Nachts wie ein verängstigtes Kind nach Gendun gerufen und weinend gesagt habe, er müsse nach Hause gehen und endlich frei sein.

Diese Worte hatten Gendun und Lokesh auf seltsame Weise erschüttert. Deshalb habe auch das Fieber so lange angedauert und Shan so sehr geschwächt, daß er sich kaum aufsetzen könne, hatte Lokesh erklärt. Seine Seele sei aus dem Gleichgewicht geraten, denn er leide unter einer Krankheit, die den tibetischen Heilern als »Herzwind« bekannt war.

Shan besaß kein Zuhause außer Yerpa und keine echte Familie außer den Mönchen und Lokesh. Doch Lokesh behauptete, das Fieber sei bis an eine dunkle Stelle im Innern Shans vorgedrungen, einen Ort der Verzweiflung, den die heilenden Kräfte der Tibeter nicht erreicht hatten und von dem die Tibeter auch nicht wußten, wie sie ihn erreichen sollten. Es hatte Shan unsagbar geschmerzt, auf den Gesichtern von Gendun und Lokesh plötzlich Selbstzweifel zu entdecken. Erst nach mehreren Tagen konnte er sich überwinden, die Sache zur Sprache zu bringen und als unbedeutend abzutun, als einen Traum womöglich, einen der wiederkehrenden Träume von sich selbst als kleinem Jungen, der nach seinem Vater suchte. Schenkt dieser Stimme keinen Glauben, hätte er am liebsten gesagt. Ignoriert diesen Teil von mir, der angeblich nicht bei euch bleiben möchte, und zweifelt nicht an euren Fähigkeiten als Lehrer.

»Du mußt eine Reise ins Innere antreten«, hatte Gendun am Ende zu ihm gesagt und damit eine lange Meditation gemeint. »Du mußt einen Weg finden, dich nicht länger selbst einzusperren. Ich kenne da eine Höhle.«

Dann hatten sie mehr als eine Woche auf die Vorbereitungen verwandt, gemeinsam meditiert und die Habseligkeiten ausgewählt, die Shan mitnehmen würde. Einige Butterlampen. Zwei Decken. Einen kleinen Sack Gerste samt winzigem Kochtopf und etwas Yakdung als Brennstoff. Und das Erbstück, das sich seit mehreren Generationen im Besitz von Shans Familie befand: die Schafgarbenstengel, mit denen man das Tao-te-king befragte, das uralte chinesische Buch der Weisheit.

»Wie kann ich denn jetzt von hier fortgehen?« fragte Shan flüsternd. Er war sich nicht einmal sicher, ob Gendun ihn hörte, doch er kannte die Antwort bereits. »Die Soldaten werden Oberst Tan von der Feier berichten. Die Mönche von Yerpa werden in größerer Gefahr schweben als jemals zuvor.«

»Für uns gibt es nichts Wichtigeres, als bei diesen Menschen zu sein, denen Buddha seit vielen Jahren bloß ein Schatten gewesen ist. Und für dich gibt es nichts Wichtigeres, als diese Höhle aufzusuchen.«

Jemand näherte sich. Sie standen auf und sahen Liya, die sie unschlüssig anstarrte. Die schüchterne junge Frau wirkte bekümmert. Hinter ihr tauchte Lokesh auf, schaute besorgt zu Shan und legte Liya beruhigend eine Hand auf die Schulter.

Der große, stiernackige Hirte kam zwischen den Ruinen zum Vorschein, dicht gefolgt von Jara und den meisten der anderen Hügelleute.

»Soldaten!« rief er und wies auf den alten Steinturm. »Unser Rückweg ist versperrt!« Die Tibeter tuschelten aufgeregt. Die Angst in ihren Blicken war zurückgekehrt. »Die ganze Welt weiß über eure geheime Feier Bescheid!« herrschte der kräftige Hirte vorwurfsvoll Liya an. »Da hättet ihr dem verfluchten Oberst auch gleich eine persönliche Einladung schicken können.«

Liya blickte zu Gendun und riß überrascht die Augen auf. Shan drehte sich um und sah, daß der Lama im Lotussitz auf dem langen steinernen Türsturz Platz genommen hatte. Die ausgestreckten Finger seiner rechten Hand wiesen zu Boden. Es war eine rituelle Geste, ein mudra, das die Erde zur Bezeugung des Glaubens anrief. Gendun saß zur westlichen Kammlinie gewandt, in Richtung der Soldaten. Eine der alten Frauen, die schon am chorten den ersten Schritt gewagt hatten, trat entschlossen vor und ließ sich zu Genduns Füßen nieder. »Falls heute Soldaten herkommen, werden sie mich genau hier antreffen«, verkündete sie.

Liya ging zu ihr. »Wir können uns in ein sicheres Versteck flüchten«, sagte sie. »Shan und seine Freunde werden uns helfen.«

Die Menge verstummte schlagartig. Liya keuchte auf, hielt sich die Hand vor den Mund und warf Lokesh einen erschrockenen Blick zu.

»Shan?« rief der korpulente Hirte. Dann ging er zu Shan und schlug ihm den Hut herunter, dessen breite Krempe bislang sein Gesicht beschattet hatte. »Da hol mich doch der Teufel!« fluchte er und wandte sich an die anderen. »Das also ist der Chinese, der sich immer in tibetische Angelegenheiten einmischt? Die Frau hat recht, er wird uns hier raushelfen.« Der Mann grinste tückisch und kam erneut auf Shan zu. Sein narbiges Gesicht ließ Roheit und Gier erkennen.

»Shan wird sich aus dieser Gegend zurückziehen«, warf Lokesh mit trauriger Stimme ein und stellte sich dem Mann in den Weg.

»Ganz recht«, knurrte der Hirte. »In Ketten und mit einer Spitzhacke.« Er drehte sich zu den anderen Tibetern um. »Er ist der Kerl, nach dem gesucht wird. Auf seinen Kopf ist eine Belohnung ausgesetzt.« Er wurde lauter. »Einhundert amerikanische Dollar. Genug, um uns allen monatelang die Bäuche zu füllen.«

Gendun stimmte ein Mantra an.

Shans Kehle war plötzlich knochentrocken. Er schaute von seinen Freunden zu dem aufgebrachten Hirten. »Wer steckt dahinter?« hörte er sich fragen. Im modernen Tibet waren Kopfgelder nicht unüblich. Die kommunistische Führung hatte den Grundsätzen der freien Marktwirtschaft durchaus etwas abgewinnen können.

»Das ist nur ein Gerücht«, sagte Liya angespannt. »Angeblich sollst du zu Oberst Tan gebracht werden.« Sie hob den Kopf und sah Shan in die Augen. »Du gehst sowieso nie in die Stadt. Auch wenn es wahr wäre, wir dachten, du würdest hier oben in Sicherheit sein. Diese Leute wußten nichts von dir … jedenfalls bis jetzt.« In ihrem Blick lag Schmerz.

»Es ist kein Gerücht«, widersprach der Hirte. »In den Fenstern der Geschäfte hängen Plakate.«

»Es tut mir leid«, sagte Liya zu Shan. »Tan will dich offenbar zurückholen. Du mußt dich einfach nur tiefer in die Berge flüchten. In deinen Schlupfwinkel. Geh sofort los.« Sie deutete auf den Schnürbeutel.

Shan war nie offiziell aus der Haft entlassen worden. Liya glaubte, ihm drohe erneut Zwangsarbeit in der 404. Baubrigade des Volkes.

Sein Blick wanderte zu der Tasche mit dem mani-Mantra. Er wußte, daß seine Freunde nicht versucht hatten, ihn zu hintergehen, indem sie ihm das Kopfgeld verschwiegen. Und es war ihnen auch nicht um seinen Schutz gegangen. Die Chinesen warfen Bomben, feuerten Kugeln ab, setzten Belohnungen aus. Für Shan und seine tibetischen Freunde unterschieden sich diese Dinge kaum von Hagelschauern oder stürmischen Winden. Es waren Bestandteile der rauhen Lebensbedingungen ihrer Umwelt, und so zogen sie sich allenfalls die Hüte tiefer ins Gesicht und beschleunigten ihren Schritt, aber sie wichen nicht vom Weg ab. Lokesh und Gendun würden dem Kopfgeld ebenfalls kaum Bedeutung beimessen. Ihnen kam es darauf an, daß Shan einen Monat in völliger Abgeschiedenheit zubrachte.

»Falls diese Soldaten wütend werden, brennen sie unsere Häuser nieder und töten unser Vieh«, knurrte der riesige Hirte.

Liya stellte sich neben Lokesh schützend vor Shan. »Wir würden Shan genausowenig im Stich lassen wie einen dieser Mönche hier«, verkündete sie entschlossen.

»Du begreifst gar nichts!« schrie der Narbengesichtige sie wutentbrannt an. »Ihr habt uns vorher nichts von euren Absichten erzählt. Dies ist die falsche Zeit für Mönche und Feiern. Wie kann man nur so naiv sein? Ihr habt den Leuten falsche Hoffnungen gemacht und sie hergelockt! Um uns vor den Soldaten zu schützen, bleibt uns nun gar keine andere Wahl, als Shan aufzugeben.«

Jaras Frau tauchte auf. Sie hielt zwei der Kinder bei den Händen und sah ihren Mann durchdringend und fragend an. Jara trat einen Schritt vor, blickte dann hinunter auf seine Brust und schien überrascht festzustellen, daß er eine Hand fest um sein gau geschlossen hatte. Langsam hob er den Kopf, betrachtete Lokesh und seine Söhne, drehte sich um und ließ sich mit übergeschlagenen Beinen vor Gendun nieder. Zwei andere Tibeter, zähe Männer mittleren Alters mit harten, verkniffenen Mienen, drängten sich an Jaras Frau vorbei, gesellten sich zu dem großen Hirten und musterten Shan mit gierigen Blicken. Die Frau schien nichts davon zu registrieren. Sie starrte verwundert ihren Ehemann an, der auch jetzt noch das gau umklammert hielt, und allmählich kehrte der freudige Ausdruck auf ihr Antlitz zurück.

»Hundert Dollar!« rief der Narbige. »Die wollen ihn ins Gefängnis stecken!« Der Mann wandte sich zu den anderen um. »Wann hatten wir schon jemals die Gelegenheit, einen Chinesen hinter Gitter zu bringen?« schnaubte er verächtlich. »Auf diese Weise hätten wir heute am Ende doch noch etwas zu feiern!«

»Nein!« fuhr Liya ihn an. »Er ist einer von uns! Er steht unter dem Schutz meines Clans!«

»Ihr könnt nach Süden laufen und euch verstecken, wenn es gefährlich wird«, gab der Hirte zurück. »Für euch ist es einfach, kurzfristig hier aufzutauchen und wieder zu verschwinden. Wir können uns nicht verstecken. Wir müssen hier leben. Atso wurde ermordet. Ist das nicht Warnung genug? Wir müssen die Chinesen und ihre Gottestöter loswerden.« Er wies dabei auf die Mönche.

Shan rührte sich nicht von der Stelle. Er spürte, daß Liya sich anspannte, als wolle sie sich auf den Mann stürzen. Statt dessen jedoch packte sie Shans Arm, wie um die anderen davon abzuhalten, ihn wegzuzerren.

»Atso wurde nicht ermordet«, sagte Shan. »Es war ein Unfall.«

»Das kannst du doch gar nicht wissen«, widersprach der Hirte.

»Doch. Atso hat es uns mitgeteilt.«

Die Miene des Mannes verfinsterte sich. »Bei uns macht man sich nicht über die Toten lustig.«

»Und die Wahrheit? Ist euch die etwa gleichgültig?« fragte Shan ruhig und ließ den Blick über die Tibeter schweifen. »Warum hat Atso am Fuß dieser Klippe gelegen?«

»Weil die Gottestöter ihn dort überrascht und erschlagen haben, nur dreißig Meter von seiner Hütte entfernt.«

»Seine Stiefel waren mit Jute umwickelt, aber die Sohlen hatten sich gar nicht gelöst. Seine Hände waren zerkratzt und verletzt.«

»Er hat sich gewehrt«, sagte der Hirte. »Wahrscheinlich hat man die kleine Tara direkt vor seinen Augen zertrümmert, um ihn zu quälen.«

»Nein«, sagte Shan. »Die Figur wurde bei einer anderen Gelegenheit beschädigt.« Er schaute kurz zu Liya. Sie nickte und lief los. »Was hat Atso in all den Jahren seit dem Tod seiner Frau gemacht?«

Die Tibeter sahen sich verunsichert an. Die ältesten von ihnen wichen Shans Blick aus.

»An seiner Kleidung hingen keine Wollfasern, und er hatte kein Lanolin an den Händen, also war er kein Schafzüchter. Ich werde euch verraten, was ich glaube«, sagte Shan. »Er hat sich um alte, verborgene Schreine gekümmert. Er besaß ein gau und eine Gebetskette. Er trug einen Beutel mit Blumenblüten und einen mit Holzspänen bei sich. Und Wasser. All das hat man früher auf die Altäre gestellt. Er hatte seinen Glauben noch nicht verloren. Und er war unterwegs zu einem Altar.«

Liya kehrte mit der kleinen Silberstatue zurück. Shan stellte sie auf einen flachen Felsen ins helle Sonnenlicht. »Ich glaube, ich kenne das Tal, in dem Atso gewohnt hat«, fuhr er fort. »Es ist dort sehr trocken, nichts als Felsen und Heidekraut. Warum wurde die Hütte ausgerechnet dort gebaut? Wer würde sich freiwillig an einem solchen Ort niederlassen?« Als niemand antwortete, deutete er auf die klaffende Wunde im Rücken der Göttin. »Wenn ihr genau hinseht, werdet ihr erkennen, daß in einer Falte des Metalls etwas festklemmt. Man hat der Figur zunächst den Rücken aufgeschnitten, sie dann umgedreht und den Kopf zertrümmert. Dabei wurde ein Stückchen Gras eingequetscht. Bei Atsos Hütte wächst aber kein Gras.«

Liya holte ein Klappmesser aus der Tasche, bog die Metallfalte auf, zog einen grünen Halm daraus hervor und hielt ihn hoch, so daß alle ihn sehen konnten.

»Das beweist überhaupt nichts«, zischte der Hirte.

»Warum wurde die Hütte ausgerechnet dort gebaut?« fragte Shan erneut.

»Die Klippe dahinter weist nach Süden, und unterhalb gibt es eine kleine Quelle«, warf Lokesh nachdenklich ein. Nach traditioneller Ansicht waren das zwei der Attribute eines Ortes von großer spiritueller Macht. Der alte Tibeter wandte sich an die anderen und wiederholte Shans Frage.

»Eine Höhle«, sagte die alte Frau bei Gendun. Es war kaum lauter als ein Flüstern. Jemand in ihrer Nähe fluchte, und ein anderer rief ihr zu, sie solle den Mund halten. Sie hingegen fuhr mit deutlich lauterer Stimme fort und sprach dabei Gendun an, als habe er die Frage gestellt. »Hoch oben auf der Klippe gibt es einen uralten Ort, an dem die Götter hausen«, rief sie. »Die Hütte wurde für diejenigen errichtet, welche die Höhle beschützen und den Göttern dienen.«

Shan sah ebenfalls den Lama an und begriff, daß dessen kurzer Blick und die wenigen Worte, die er an den toten Atso gerichtet hatte, bereits alle wesentlichen Informationen enthielten. Gendun hatte gewußt, daß Atso heilige Arbeit verrichtete.

»Er hat die Göttin irgendwo anders gefunden, vielleicht auf einem grasbewachsenen Hang, und beschlossen, er müsse sie fortan schützen und womöglich heilen«, sagte Shan. »Und zu diesem Zweck wollte er sie in die heilige Höhle bringen.«

»Ja, genau das hätte er getan!« rief die alte Frau in plötzlicher Erkenntnis.

»Zum Schutz schrieb er tausendfach ein Mantra auf, umwickelte seine Stiefel mit Jute, damit er besseren Halt finden würde, und kletterte die Klippe hinauf«, sagte Shan. »Aber er ist abgestürzt und hat sich beim Aufprall auf die Felsen beide Beine gebrochen, fast das Ohr abgerissen und das Gesicht zertrümmert. Es gab keinen Mord«, verkündete Shan mit lauter Stimme. »Und es gibt hier keine Mönche, die töten.«

Noch während er sprach, deutete Liya erschrocken zu dem alten Turm. »Die Soldaten sind fort!«

Die Tibeter folgten Liyas Blick und starrten dann mit großen Augen wieder Shan an, als habe er irgendeine Zauberei vollbracht. Einer nach dem anderen ließen sie den großen Hirten stehen, und manche fielen in Genduns Mantra ein. Der Narbige seufzte. »Lha gyal lo«, sagte er resigniert, trat im Weggehen aber gegen Shans Hut.

Die Fürbitten setzten wieder ein. Die Feier begann erneut. Als Shan seinen Hut aufhob, hörte er Gebetsfetzen und sah dann, wie einige Tibeter einander umarmten. Mehrere kamen zu ihm, um ihm die Hand zu schütteln, und einer gab ihm einen kleinen Gebetsschal. Einige der Kinder brachten die Tontöpfe vom Innenhof mit und fingen lachend an, Mehl in die Luft zu werfen. Die Freudenkundgebung fiel lauter und herzlicher aus als zuvor, denn es schien sich in der Tat um einen Tag der Wunder zu handeln: Immerhin hatte Shan sowohl die Soldaten als auch das Schreckgespenst eines unbekannten Mörders beseitigt. Gendun, der weiterhin auf dem ehemaligen Türsturz saß, lächelte. Sie würden nun doch noch ihr Fest feiern und er seine Rede halten können. Lokesh machte sich daran, einigen der Hirten ein Pilgerlied beizubringen.

Als Shan sich zu Liya gesellte, um mit ihr das Mehl auszuteilen, neigte sie den Kopf in Richtung des Hofs. »Hör doch …«

»Da ist nichts …«, setzte er an, aber im selben Moment fiel ihm auf, daß der Kehlgesang verstummt war. Eigentlich hätte die Litanei bis zum Beginn von Genduns Lehrstunde fortdauern sollen.

Als Shan sich zum Innenhof umwandte, ertönte von dort ein gellender Schrei. Er rannte los.

Das entsetzte Kreischen hörte gar nicht mehr auf. Es war der hysterische Ruf eines Kindes. Shan hatte erst wenige Schritte zurückgelegt, als ihm Dawa mit blutgetränktem Kleid entgegenkam. Sie gestikulierte hektisch und schrie immer weiter. Shan sah, daß auch ihre Handflächen dunkelrot waren und Blut über ihre Unterarme rann.

Das Mädchen war vollkommen außer sich. Jara lief mit ausgestreckten Armen auf sie zu, aber Dawa schien es gar nicht zu bemerken, sondern schlug einen Haken, packte den erstbesten Mehltopf und schleuderte ihn in den Abgrund, dann noch einen und noch einen. Langgezogene weiße Mehlspuren markierten wie Rauchfahnen die Flugbahnen der Gefäße.

Dawa schien wahllos alles mögliche vom Boden aufzuheben und in die Schlucht zu befördern. Nein, nicht wahllos, erkannte Shan gleich darauf. Das Mädchen zerstörte alles, das auf den Buddhismus oder die geheime Feier hindeutete. Das Foto des Dalai Lama. Die anmutige Bronzehand. Und dann bekam sie plötzlich Shans Beutel mit dem mani-Mantra zu fassen. Shan wollte eingreifen, doch es war zu spät. Die Tasche mit seinen Vorräten für den nächsten Monat und den kostbaren Schafgarbenstengeln flog über die Kante in die Kluft.

Es brach allgemeine Unruhe aus, und die Leute flohen unter panischen Rufen den Hang hinauf. Shan lief zum Innenhof. Lokesh stand am chorten und starrte entgeistert zu dem Stein, auf dem die Kehlsänger gesessen hatten. Dort saß nun wieder Surya, den sie seit einer Stunde nicht mehr gesehen hatten, gekleidet in das schlichte graue Baumwollhemd, das er für gewöhnlich unter dem Mönchsgewand trug. Seine Robe lag auf seinem Schoß. Mit glasigem Blick riß er Stück für Stück von dem kastanienbraunen Stoff ab und warf die Fetzen in die lodernde Kohlenpfanne. Lokesh trat vor, als wolle er Surya von seinem Tun abhalten, doch der greise Mönch stieß ihn weg. Nach kurzem Zögern bemerkte Lokesh, daß die Berührung einen feuchten Fleck hinterlassen hatte. Er erstarrte. Es war Blut.

»Ich bin kein Mönch mehr«, klagte Surya, als die Flammen den Rest seines Gewands verzehrten. »Ich habe jemanden getötet«, stieß er gequält mit hohler Stimme hervor. »Kein Mönch mehr. Kein menschliches Wesen.«

Kapitel Zwei

Dawa kam auf den Hof gelaufen. Sie schrie noch immer. Als Jara sie endlich einholte und in die Arme schloß, trommelte sie mit beiden Fäusten auf seine Brust ein. Lokesh griff in die Flammen und versuchte vergeblich, die brennenden Stoffetzen herauszuholen. Dann schaute er mit fassungslosem Blick zu Shan. Es war offenbar noch jemand ums Leben gekommen. Die Hügelleute flohen in Panik, und Surya entsagte seinem Gelübde. Sie stürzten sehenden Auges in den Brunnen.

Lokesh nahm etwas von seinem Gürtel und drückte es Surya flehentlich in die Hand. Es war seine mala, seine Gebetskette. Der alte Mönch starrte teilnahmslos auf die Asche seiner Robe und ließ sich die Perlen um die Finger wickeln. »Om mani padme hum«, flüsterte Lokesh traurig, als müsse er Surya daran erinnern, wie man den Mitfühlenden Buddha anrief. Die Augen des alten Mönchs richteten sich mit leerem Blick auf Lokesh und dann geistesabwesend auf die mala zwischen seinen Fingern. Er öffnete die Hand und ließ die Kette zu Boden fallen. Lokesh hob sie auf und stimmte ein neues Mantra an, eine dringliche Bitte an Tara, die Beschützerin der Gläubigen.

Niemand warf noch Mehl in die Luft. Kein Freudenschrei erhob sich mehr gen Himmel. Die wenigen verbliebenen Hügelleute waren an die Mauern des Hofs zurückgewichen und starrten Surya verwirrt und verängstigt an. Der jüngere Mönch, der zuvor den Kehlgesang übernommen hatte, schwieg nun und schaute unverwandt und mit qualvoll verzerrtem Gesicht die brennende Robe an.

Liya kam hinzu, ließ hektisch und erschrocken den Blick über das Durcheinander schweifen und mußte sich erst mit einer, dann beiden Händen am chorten abstützen. Sie schloß einen Moment lang die Augen, beruhigte sich ein wenig, richtete sich wieder auf und holte hinter dem Schrein einen Tontopf mit Wasser hervor. Während Jara die schluchzende Dawa weiterhin im Arm hielt, machte Liya sich wortlos daran, das Blut von den Händen des Mädchens abzuwaschen.

Als Shan sich dem einst so fröhlichen und sanften Mönch näherte, kam er sich völlig hilflos vor. »Surya«, flüsterte er dicht neben dem Ohr des alten Mannes. »Ich bin’s – Shan. Erzähl mir, was passiert ist.«

Surya ließ nicht erkennen, ob er ihn gehört hatte. Ein neues Geräusch drang über seine Lippen. Kein Kehlgesang oder Mantra, sondern ein leises, schreckliches Wimmern, das Geräusch eines sterbenden Tiers. Er starrte zu Boden, und das Funkeln seiner Augen schien vollends zu erlöschen.

Shan erschauderte und ging zu Dawa. Als Liya ihn ansah, deutete er auf die fliehenden Tibeter. »Die Soldaten halten sich womöglich immer noch in den Bergen auf«, stellte er mit finsterer Stimme fest. Liya biß sich auf die Lippe, musterte hilflos die kleine Dawa, reichte den Tontopf dann an Shan weiter und lief in Richtung des Hangs.

»Was war los, Dawa?« fragte Shan, als er sich neben sie kniete. Sie vergrub das Gesicht an der Brust ihres Onkels. »Was hast du gesehen, als du Surya gefolgt bist?« Weder das Mädchen noch Jara schienen ihn zu hören. Dann packte ihn ein jähes Schuldgefühl, denn ihm fiel wieder ein, daß sie vorhin in fragendem Tonfall etwas zu ihm gesagt und er nicht darauf reagiert hatte. Ich glaube, ich kenne den Weg in das verborgene Land, hatten die Worte gelautet. Er stand auf, betrachtete die Ruinen und versuchte sich daran zu erinnern, was Surya im Anschluß an den ersten Kehlgesang getan hatte.

Zwischen ihren Einsätzen vertieften die Sänger sich normalerweise in eine Meditation. Da Surya fortan an diesem Ort leben sollte, hatte er sich hier zweifellos genauer umgesehen als die anderen und vielleicht eine besonders geeignete Stelle gefunden, um dort zu meditieren. Shan folgte dem Pfad, auf dem Dawa ins Halbdunkel verschwunden war, und fand sich wenig später vor zwei Säulen aus Fels wieder, die zu einem der ehemaligen Gebäude gehört hatten.

Shan ging zwischen den Säulen hindurch. Zu seiner Überraschung befand sich dort eine düstere, direkt aus dem Fels gehauene und am oberen Ende von Flechten überwucherte Treppe, deren Stufen durch Jahrhunderte des Gebrauchs in der Mitte ausgehöhlt waren. Trotz einer Breite von fast zweieinhalb Metern konnte man die Stiege nur aus der Nähe erkennen, denn die Wände zu beiden Seiten neigten sich dermaßen weit nach innen, daß sie alle Blicke abschirmten und es zudem riskant erscheinen ließen, sich der Stelle zu nähern. Shan nahm die Mauern genauer in Augenschein. Falls auch nur eine von ihnen einstürzte, wäre er dort unten gefangen. Dawa hatte sich gewiß nicht bis dorthin vorgewagt, und Surya würde sich schwerlich an einen solchen Ort begeben, um zu meditieren. Shan wollte schon kehrtmachen, als er auf der Treppe ein paar feuchte rote Tropfspuren entdeckte. Er stieg hinab in die Dunkelheit.

Es folgten einhundertacht steile, fast dreißig Zentimeter hohe Stufen, bis Shan schließlich in einen düsteren Gang gelangte. Die Hundertacht war eine machtvolle Zahl von großer symbolischer Bedeutung und entsprach der Anzahl der Perlen einer buddhistischen Gebetskette. Es roch nach Ruß und verbrannter Butter. Shan verharrte völlig reglos. Da waren noch andere Gerüche. Ein schwacher, schaler Weihrauchduft, der sich im Laufe der Jahrhunderte vermutlich dank der unaufhörlich schwelenden Kohlenpfannen an den Wänden festgesetzt hatte. Ein kaum wahrnehmbares Teearoma. Und etwas Neueres, Fremdes. Tabak. Sechs Meter weiter den Korridor entlang brannte eine trübe Flamme. Es war eine halb umgestürzte Butterlampe, deren Inhalt sich als schmaler glänzender Bach auf den Felsboden ergossen hatte. Shan stellte das kleine Gefäß aufrecht hin und schöpfte die Butter mit einer Steinscherbe zurück hinein. Dann nahm er die Lampe und folgte dem kühlen Gang. Schon nach wenigen Schritten kamen zwei gegenüberliegende Türöffnungen in Sicht, und kurz dahinter endete der Tunnel an einer massiven Felswand.

Der rechte Durchgang führte in eine winzige quadratische Kammer von nur anderthalb Metern Seitenlänge, die früher zur Meditation oder als Lagerraum genutzt worden sein mochte. Darin stand ein großes Tongefäß mit Wasser, neben dem eine grobe Leinwand lag, die als Decke oder Gebetsteppich gedient haben konnte. Shan hob den Stoff an. Es war ein Sack, geschmeidig, nicht ausgetrocknet, und am unteren Saum mit Plastik vernäht. Große chinesische Ideogramme besagten, daß der ursprüngliche Inhalt Reis gewesen war, abgefüllt in der Provinz Guangdong.

Der zweite Raum maß ungefähr fünf mal fünf Meter und besaß am anderen Ende der rechten Wand einen weiteren, kleineren Durchgang. Shan trat ein und erstarrte. Vor der hinteren Türöffnung schimmerte ein dunkler Fleck. Nachdem Shan den ersten Schrecken überwunden hatte, ging er neben dem Fleck in die Hocke und berührte ihn prüfend mit einer Fingerspitze. Es war frisches Blut.

Shan wischte den Finger am Boden ab, stand auf, reckte die Lampe hoch empor und sah sich im Raum um. Inzwischen konnte er das Blut riechen, vermischt mit einem anderen Geruch, den er im Gulag kennengelernt hatte. Kein wirklicher Geruch, hätte Lokesh eingewandt, sondern eine spirituelle Wahrnehmung, auf die keiner der herkömmlichen fünf Sinne ansprach. Falls man es zuließ, versicherte Lokesh, könne die eigene Seele gleich einem Nachhall den Schatten einer unlängst geschehenen Gewalttat spüren oder die Störung, die eintrat, wenn ein anderer Geist sich mühselig von einem jäh niedergestreckten Körper löste. Shan hätte lieber auf diese Empfindung verzichtet, aber er wußte nicht, wie er sie unterdrücken sollte. Der Tod hatte diesem Raum einen Besuch abgestattet.

Shan fühlte sich plötzlich leer und kalt. Etwas in ihm schrie, er solle zurück an die Oberfläche rennen, und er fand sich dicht an der Felswand wieder, rutschte an ihr hinunter in eine kauernde Stellung, einen Arm mit geballter Faust schützend vor den Kopf gehoben, als wolle er einen Angriff abwehren. Was hatte Atso über Zhoka gesagt? Es sei ein Ort seltsamer und mächtiger Dinge, den man nicht verkennen dürfe. Nein, nicht ganz. Er hatte gesagt, es sei gefährlich, nicht zu begreifen, was Zhoka mit den Leuten anstelle. Shan schloß die Augen und atmete tief durch. Als er den Arm sinken ließ, stieß seine Hand gegen etwas Kaltes. Vorsichtig streckte Shan die Finger aus und bekam einen langen, glänzenden Metallzylinder zu fassen. Es war eine schwere Taschenlampe, wie sie vor allem bei der Öffentlichen Sicherheit beliebt war, denn man konnte sie gut als Schlagstock zweckentfremden. Shan drückte den Knopf kurz vor dem Kopfende der Lampe. Nichts geschah. Seine Finger waren abermals feucht. An dem Zylinder klebte Blut.

Shan ließ die defekte Lampe fallen und schritt den Rand des Raums ab. Die Wände waren einst kunstvoll verputzt und bemalt gewesen. Neben der Blutlache blieb Shan stehen und hob erneut die Butterlampe. An der Wand befand sich das Abbild einer grimmigen Gottheit, die einen umgedrehten Schädel voller Blut hielt. Es war einer der mythischen lokapalas, ein Hüter des Gesetzes. Die Gestalt hatte neun zornige Köpfe und ein Dutzend Armpaare. All ihre Augen waren geblendet worden; manche hatte man sauber ausgestochen, andere weggebrannt, wie mit der Glut einer Zigarette. Der machtvolle Gott wirkte traurig und hilflos, und der Schädel in seiner Hand war leicht zur Seite geneigt, so daß der Eindruck entstand, das Blut am Boden sei in Wahrheit aus dem Gemälde geflossen. Unter dem Bild lagen dicht vor der Wand mehrere dunkle, abgenutzte Perlen. Shan nahm eine und musterte sie bekümmert. Surya hatte die Schnur seiner uralten, seit Generationen weitergereichten mala zerrissen und die Perlen liegengelassen, als würden sie ihm nichts bedeuten.

Eine Spur feuchter roter Flecken verlief von der Lache zum ersten Durchgang und weiter in Richtung Treppe. Suryas Unterarme waren blutüberströmt gewesen, genau wie Dawas Handflächen und die Vorderseite ihres Kleids. Sogar ihre Schuhe hatten blutige Spuren hinterlassen. Shan untersuchte die Abdrücke am Boden. Dawa war ausgerutscht und bäuchlings in die schaurige Pfütze gefallen. Dann hatte sie sich beim Aufstehen abgestützt. Aber die teure Taschenlampe hatte nicht ihr gehört, und das Mädchen wäre nicht ohne Licht hergekommen. Surya mußte sich mit der Butterlampe hier aufgehalten haben. Da Dawa sich bis zu der Blutlache gewagt hatte, mußte Surya jenseits davon, auf der anderen Seite des kleineren Durchgangs, gewesen sein. Shan trat über die Lache hinweg ins Halbdunkel und entdeckte ein wenig abseits einige große Blutstropfen, die ebenfalls von dem Opfer stammen mußten. Der Gang hinter dem Raum verbreiterte sich und verlief leicht abschüssig. Von fern war ein leises Rauschen zu vernehmen; es klang wie Wind. Rechts lag eine kleine Meditationszelle. Als Shan eintreten wollte, stieß er mit dem Fuß gegen einen Gegenstand. Er bückte sich und zuckte zurück. Es war ein Knochen, ein menschlicher Oberschenkelknochen, und er war tropfnaß vor Blut.

Erneut drückte Shan sich dicht an die Wand. Hier hat jemand eine Leiche entbeint, schien eine Stimme in seinem Kopf zu keuchen. Unmöglich, wandte eine andere Stimme zweifelnd ein. Surya hätte gar nicht die Zeit für eine solch gräßliche Tat gehabt. Und außerdem war Surya kein Mörder.

Shan zwang sich, das Fundstück genauer zu betrachten. Das Blut war frisch, der Rest jedoch nicht. Es handelte sich um die Art von Knochen, aus denen traditionelle kanglings hergestellt wurden, die Trompeten der tibetischen Zeremonien. An der Wand lehnten noch drei weitere dieser Oberschenkel. Einer der Handwerker von Zhoka mußte sie vor vielen Jahrzehnten dort zurückgelassen haben. Allerdings hatte man ihre Anordnung verändert. Der mittlere Knochen stand senkrecht, und die anderen beiden lehnten dagegen, so daß ein Pfeil entstand, der nach oben auf ein mit Blut an die Wand gemaltes Symbol wies. Jemand hatte ein etwa fünfundzwanzig Zentimeter breites Oval gezeichnet, dessen Längsachse parallel zum Boden verlief. In seinem Zentrum befand sich ein Kreis und darin wiederum ein Quadrat.

Shan ging auf die Meditationszelle zu und entdeckte, daß in den Boden zwei je zehn Zentimeter lange Rechtecke eingelassen waren, jeweils knapp fünf Zentimeter tief und etwa einen halben Meter sowohl voneinander als auch von der Wand entfernt. Darin hatten ursprünglich vielleicht die Beine eines Altars oder einer Bank gesteckt. In der Zelle lag unter einem verstaubten Stück Sackleinen ein Haufen Schutt. Shan erkannte zerbrochene Töpferwaren und spröde Gerstenkörner, die Jahre, vermutlich aber Jahrzehnte alt waren. Und er sah ein vertrocknetes, gespaltenes Brett von zwölf mal vierzig Zentimetern.

Die Blutlache ging ihm nicht aus dem Sinn. Irgend jemand war hier gestorben. Aber wo war die Leiche geblieben? Es gab nur die Blutspuren, die Surya und Dawa hinterlassen hatten, und falls Surya den Toten weggetragen hätte, wären seine Robe und sein Untergewand blutgetränkt gewesen. Das Mädchen mußte nach dem Sturz in die Pfütze panisch geflohen sein. Surya hatte, noch weit vom Tageslicht entfernt, die Lampe fallen gelassen, ohne sie zuvor zu löschen und ohne sie wieder aufzuheben. Weil ihn etwas in Angst und Schrecken versetzt hatte. Etwas, das er gesehen hatte? Oder etwas, das er getan hatte? Nein, hielt Shan sich ein weiteres Mal vor Augen, es war unmöglich, daß der sanfte Surya, der häufig Shans Füße segnete, damit sie kein Insekt zertreten würden, auf einmal einen anderen Menschen tötete.

Shan sah sich den Schutt genauer an. Das Brett war ziemlich stark beschädigt, aber man konnte noch das kunstvolle Schnitzwerk erkennen, die Abbildung einiger Rehe, die zwischen Bäumen umhersprangen. Es handelte sich um den Deckel eines peche, wurde ihm klar, eines traditionellen tibetischen Buches aus losen Seiten. Shan lehnte das Brett an die Wand und hob das Sackleinen an. Darunter lagen weitere Scherben, eine intakte Tonfigur des Mitfühlenden Buddha und dicht vor der Wand ein langes, schmales Stück Pergament, eine Seite aus einem peche. Behutsam nahm Shan das Blatt und las es. Dann blickte er auf und starrte eine Weile in die Dunkelheit. Er las es erneut, drehte es um und untersuchte es sorgfältig im Schein der Lampe. Der Text war alt, stammte aber nicht von den hölzernen Druckstöcken, die üblicherweise bei der Herstellung der peche verwendet wurden, sondern war in blauer Tinte verfaßt, wie mit einem Gänsekiel oder Füllfederhalter. Auf den ersten Blick schien die kühn geschwungene Handschrift der eleganten tibetischen Linienführung zu entsprechen, die bei heiligen Texten Anwendung fand. Aber dies waren keine tibetischen, sondern englische Worte. Götter werden durch den Tod erneuert, stand dort. Erkenne, dann laß los. Hebe den Pinsel tausendmal tausend Male, dann laß ihn auf den Stein sinken. Heilige Mutter, Heiliger Buddha, Heiliger Geist. Götter werden durch den Tod erneuert.

Am unteren Rand des Pergaments waren im traditionellen tibetischen Stil weitere Rehe aufgemalt, dazu kleine detaillierte Abbildungen von Yaks. Shan las die Sätze, starrte den blutigen Knochen an und fröstelte. Diese Buchseite schilderte den Tod wie in einem Gedicht oder einer Lobrede. Sie war sehr alt, vielleicht mehr als hundert Jahre. Und sie hatte genau an dem Ort überdauert, an dem heute jemand gestorben war. Ein Zufall, hätte Shan noch vor einigen Jahren gesagt. Doch falls Lokesh bei ihm gewesen wäre, hätte der alte Tibeter feierlich in die Hände geklatscht und erklärt, wie glücklich sie sich schätzen könnten, zugegen zu sein, wenn zwei Schicksalsräder für einen kurzen Moment ineinandergriffen.

Shan hob aufs neue die Lampe, fand aber keine weiteren Buchseiten, sondern nur jede Menge Tonscherben, Leinenfetzen und etwas, das wie ein verschrumpelter Apfel aussah. Er nahm sich noch einmal das Pergament vor, las die seltsamen und beklemmenden englischen Worte, rollte das Blatt zusammen und steckte es ein. Als er sich aufrichtete, entdeckte er in einer Ecke der Kammer einen kleinen dunklen Gegenstand. Shan hielt die Lampe dicht daneben. Es war eine Zigarre, der Stummel einer dünnen Zigarre. Shan nahm ihn und hielt ihn sich unter die Nase. Der Tabak verströmte einen ekelhaft süßlichen Gestank, wie Shan ihn noch nie gerochen hatte. Dies war weder ein tibetisches noch ein chinesisches Produkt. Als Shan den Stummel in ein Stück Stoff wickelte, schien ein eisiger Hauch seinen Rücken zu streifen. Er sah sich nach allen Seiten um und stieg dann über die Lache hinweg zurück in den ersten Raum. Dabei fiel ihm in der Mitte der Pfütze der schwache Umriß eines kleinen runden Objekts von knapp vier Zentimetern Durchmesser und der Dicke einer Münze auf. Mit einem Stück Verputz schob er es an den Rand, wickelte es in ein Taschentuch und steckte es ebenfalls ein.

Auf einmal fing er an zu zittern. Die sonderbaren Ereignisse und vielleicht noch seltsameren Gespräche des Tages gingen ihm durch den Kopf. Vorhin – war das wirklich erst eine Stunde her? – hatte Gendun gesagt, heute sei einer der schönsten Tage seines Lebens. Surya hingegen hatte behauptet, heute werde alles enden. In den Bergen waren angeblich Gottestöter unterwegs. Der heutige Tag sollte den weiteren Lauf der Welt verändern. Zhoka barg Geheimnisse, die nicht unterschätzt werden durften.

Aus dem dunklen, abschüssigen Tunnel hinter der Blutlache ertönte unvermittelt ein leises, dumpfes Stöhnen. Das war nur der Wind, der sich in einem Felsspalt fing, vermutete Shan, aber er preßte sich unwillkürlich wieder gegen die Wand. Wer oder was auch immer die Leiche weggeschafft hatte, hatte dies erst vor zwanzig oder dreißig Minuten getan und konnte sich durchaus noch in der Nähe aufhalten. Shan reckte die Lampe in Richtung des Geräusches, doch die Flamme flackerte immer stärker, weil der Brennstoff fast aufgebraucht war. Shan lief los. Als er die Treppe erreichte, erlosch die Lampe. Rückwärts gewandt, stieg er dem Tageslicht entgegen und behielt dabei die Finsternis sorgfältig im Auge.

Die Ruinen draußen waren verlassen, und auf dem Innenhof regte sich nur noch die schmale Rauchfahne, die von der alten samkang aufstieg. Shan lief zum nördlichen Torhof, direkt bei der Schlucht und den Resten der Hängebrücke. Abgesehen von ein paar weißen Flecken auf dem felsigen Boden deutete hier nichts mehr auf eine Feier hin. Shan trat an den Rand des Abgrunds. Irgendwo tief dort unten lagen sein Schnürbeutel und die Bambusdose mit den lackierten Schafgarbenstengeln, die zur Befragung des Tao-te-king dienten und seit vielen Generationen in seiner Familie weitervererbt worden waren. Sie hatten Krieg und Hungersnot überstanden, die Ermordung von Shans Onkeln und seinem Vater durch Maos Rote Garden und sogar Shans eigene Strafgefangenschaft. Doch die schreckliche Furcht eines kleinen Mädchens hatte ihr Ende bedeutet.

Langsam wanderte Shan zwischen den Trümmern umher, rief nach Lokesh und Liya und fand sich schließlich vor dem chorten wieder. Geistesabwesend zog er den Pinsel aus der Tasche und starrte ihn eine Weile an. Dann fielen ihm jäh die Soldaten wieder ein. Er drehte sich um und rannte los.

Nach einer Viertelstunde hatte Shan den Gebirgsgrat oberhalb von Zhoka erreicht und erspähte in nordwestlicher Richtung und etwa einem Kilometer Entfernung ein rundes Dutzend gebeugter Gestalten. Er blieb stehen und ließ den Blick über die Landschaft schweifen. Im Norden wurde Zhoka durch die tiefe Schlucht begrenzt. Im Süden ragten steile, schroffe Gipfel auf und schienen abweisend vor dem gefahrvollen Ödland jener Region zu warnen. Die Soldaten hatten sich zuletzt im Nordwesten blicken lassen, zwischen Zhoka und dem Tal von Lhadrung. Als Shan erneut in diese Richtung schaute, glaubte er bei dem alten Steinturm am Ende der Kammlinie ein kastanienbraunes Mönchsgewand aufblitzen zu sehen.

Weitere zehn Minuten später hatte Shan die langsamsten der flüchtenden Tibeter eingeholt und fragte im Vorbeilaufen jeden einzelnen, wo die Mönche geblieben seien. Die meisten würdigten ihn nur eines kurzen, wütenden Blicks und sahen dann wieder weg. Lediglich eine der alten Frauen, die mit Surya gebetet hatten, streckte nach ängstlichem Zögern den Arm aus und deutete nach vorn.

Lokesh stand neben der Turmruine auf einem Sims, starrte in den dunklen Eingang des Gebäudes und ließ eifrig die Perlen seiner Gebetskette durch die Finger gleiten. Als Shan ihn erreichte, packte der alte Tibeter ihn am Arm, als wolle er den Freund davon abhalten, sich noch dichter an den Turm heranzuwagen.

Shan sah diesen Ort zum erstenmal aus der Nähe und erkannte nun, daß der Turm nicht vollständig zerstört worden war. Vom oberen Teil ragte nur noch eine einzige verbrannte Mauer fast sechs Meter in die Höhe. In den Eisenklammern an ihrer Außenseite hingen die letzten Reste einer ehemaligen Leiter. Die offene kleine Kammer im Erdgeschoß war jedoch vollkommen intakt. Sie wurde von einer natürlichen Felsformation gebildet und stellte eine Rückzugsmöglichkeit dar, die den Reisenden oder Wachposten früherer Tage Schutz vor den Elementen geboten hatte. Mit dem Rücken zum Eingang kniete dort eine einsame Gestalt auf dem Boden. Surya.

»Warum hat er diese Richtung eingeschlagen?« wandte Shan sich an Lokesh. »Vor uns liegt Lhadrung. Was ist mit den Soldaten? Man könnte ihn verhaften. Die Leute wurden in Panik versetzt. Falls jemand fragt, werden sie verraten, daß er ein Mönch ohne Lizenz ist. Sie haben vor ihm inzwischen genausoviel Angst wie vor der Armee.« Er sah Lokesh an und entnahm dessen Miene nichts als Schmerz und tiefe Verwirrung. »Wir müssen ihn zurück nach Hause bringen, in Sicherheit. Dann können wir ihn fragen, was geschehen ist, und ihm weiterhelfen.« Falls Oberst Tan etwas von illegalen Mönchen oder einem bekennenden Mörder erfuhr, würde er die Gegend von Truppen durchkämmen lassen. Wer auch immer den Soldaten in die Hände fiel, würde vermutlich reden. Yerpa war seit vielen Jahrzehnten unbemerkt geblieben, doch unter dem Einfluß der Verhörspezialisten würde Surya den Standort letztlich preisgeben. Dann müßte Yerpa das Schicksal von Zhoka teilen, und auch Gendun und all die anderen Mönche würden hinter Gittern landen.

»Er will nicht in die Stadt«, sagte Lokesh, klang dabei aber unschlüssig. »Er wollte hierher. Unten auf dem Hof hat er nichts mehr gesagt, nur die schrecklichen Worte, die du mit angehört hast. Dann ist er plötzlich aufgestanden, hat zum Turm geschaut und ist losgelaufen. Als ich ihn eingeholt habe, war er damit beschäftigt, die Wände da drinnen von dem alten Staub zu säubern. Dann sind das Mädchen und Gendun gekommen.« Er wies auf einen Felsen in etwa dreißig Metern Entfernung, wo der Lama saß und Dawa beobachtete, die an einer Quelle das Blut von ihrem Kleid wusch. Ihre Tante und ihr Onkel warteten mit den anderen Kindern ein Stück abseits und beobachteten sie ratlos. »Sie läßt niemanden an sich heran, nicht einmal Gendun. Sie sagt, sie will zurück in ihre chinesische Fabrikstadt. Sie sagt, sie haßt Mönche. Sie sagt, sie haßt uns alle, weil wir sie betrogen hätten.«

Shan mußte an Dawas Erlebnisse in den Klosterruinen denken. Das Mädchen hatte zunächst Verwirrung und Angst verspürt, dann Ehrfurcht und Freude und am Ende Entsetzen und Schmerz. »Sie ist hergekommen, um das Leben in Tibet kennenzulernen«, merkte Shan lakonisch an.

Lokesh nickte ernst. »Wir müssen Surya nach Yerpa zurückbringen. Er bedarf umfassender Heilung.«

Die Stimme seines Freundes hatte auf Shan noch nie so zerbrechlich gewirkt. Er verfolgte, wie Lokesh mit seltsam sehnsüchtigem Blick auf Zhoka hinabschaute. »Was mit Surya geschehen ist, ist auch dem Mädchen widerfahren. Was haben wir bloß falsch gemacht?« fragte der alte Tibeter. Shan konnte nur langsam den Kopf schütteln.

Nach einer Weile ging Shan zu Dawa und setzte sich neben ihr ins Gras. Sie nahm keinerlei Notiz von ihm, sondern versuchte unbeirrt, das Blut von ihrem Kleid abzuwaschen.

»Ich weiß, daß du unter der Erde etwas Schreckliches erlebt hast«, sagte er. »Ich war auch dort unten und habe das Blut und die Knochen gesehen. Es war so dunkel, und es gab unheimliche Geräusche. Ich habe mich gefürchtet, genau wie du. Aber außer mir war da niemand. Hast du jemanden gesehen?«

Das Mädchen gab ein leises Wimmern von sich. Nein, erkannte er, sie summte ein Lied. Die Melodie klang vertraut und ließ Shan unwillkürlich frösteln. »Der Osten ist rot«, eine der Standardhymnen der Politoffiziere, die auch oft aus den Lautsprecheranlagen der chinesischen Schulen ertönte. Schweigend wandte Shan sich zu Lokesh und Gendun um und versuchte zu begreifen, weshalb die beiden sich nicht eifriger um Surya kümmerten. »Dawa«, unternahm er dann einen zweiten Versuch. »Ich muß wissen, was du gesehen hast. Ich möchte gern helfen.«

Das Mädchen fing mit einer Hand das blutige Wasser auf, das aus dem Kleid tropfte, und musterte es voll grausiger Faszination. Als Shan schon aufstehen wollte, hob Dawa den Kopf. »Er hatte ein Auge in der Hand«, flüsterte sie. »Und einen Nagel durch den Körper.« Dann stimmte sie wieder ihr scheußliches Lied an.

Als Shan zu Lokesh zurückkehrte, eilte eine Gestalt heran und hielt dermaßen abrupt am Eingang des Turms inne, daß sie fast hineinstolperte. Liya stützte sich mit einer Hand am Fels ab und rang nach Luft. »Schnell!« rief sie Surya zu und betrat den Raum. »Er muß von hier verschwinden«, keuchte sie, als Shan sich zu ihr gesellte. »Falls es nicht anders geht, müssen wir ihn tragen.« Ihre Stimme erstarb, und sie starrte den Mönch an.

Surya rieb die Rückwand der kleinen Kammer hastig mit einem Stück Stoff frei, das er offenbar von seinem Untergewand abgerissen hatte, und murmelte dabei vor sich hin. Es war ein Bild. Surya bemühte sich hektisch, ein Wandgemälde zu säubern, das viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte alt sein mußte. Links davon waren die jeweils fünfundzwanzig Zentimeter hohen Buchstaben eines verblichenen mani-Mantras zu erkennen. Auf der Wand zur Rechten prangte ein jüngeres Werk, ein komplexes Gemälde mehrerer Gottheiten, dessen Erstellung vermutlich viele Tage gedauert hatte. Shan betrachtete die satten Farben und den kraftvollen Pinselstrich des zweiten Bildes, wandte sich zu Lokesh um und fand in dessen Blick die eigene Überraschung bestätigt. Der unverkennbare Stil dieses Gemäldes war ihnen vertraut. Es handelte sich um eine Arbeit von Surya, doch der alte Mönch interessierte sich keinen Deut für das eigene Werk.

»Wer ist das denn?« flüsterte Liya mit Blick auf das Wandgemälde, das er reinigte. Auch Shan war sich über die zentrale Gottheit nicht ganz im klaren. Es sah nach Tara der Beschützerin aus, und zwar in einer der grimmigen Verkörperungen, die gegen spezielle Dämonen und Ängste kämpften. Allerdings trat jede der Hauptgottheiten in mannigfachen Erscheinungsformen auf, und Shan war längst nicht mit allen vertraut.

Er wollte Lokesh fragen, aber sein alter Freund starrte mit offenem Mund das Gemälde an. »Wie schrecklich«, flüsterte Lokesh und schaute voller Sorge zurück nach Zhoka. Shan wußte, daß damit nicht die Fähigkeiten des Künstlers gemeint waren, sondern das Böse, vor dem dieses Bild schützen sollte. Surya stimmte in leisem, dringlichem Tonfall ein Mantra an. Shan erkannte es sofort. Om ah hum, ein besonderes Mantra der Ermächtigung, das letzte in einer Folge von Gebeten, mittels deren Gottheiten beschworen wurden.

»Es bleibt keine Zeit mehr«, sagte Liya zu Surya. »Du mußt fliehen.« Sie ging zu ihm und vollführte mit leeren Händen eine ziehende Geste, als scheue sie davor zurück, den Mönch zu berühren, dessen Arme immer noch mit getrocknetem Blut besudelt waren. »Keine Zeit«, wiederholte sie verzweifelt.

Shan jedoch spürte, daß für Surya nur dieses Gemälde zählte. Mochten sie alle auch Angst haben, der Mönch hatte etwas viel Schrecklicheres erlebt und schien als einziger zu begreifen, wie schlimm es in Wahrheit um sie stand. Er war zu der Einsicht gelangt, daß die Gottheit auf dem Bild ihre einzige Verteidigungsmöglichkeit darstellte. Nun erst registrierte Shan, daß unterhalb des alten Gemäldes etwas an der Wand geschrieben stand, wahrscheinlich ein Mantra. Jemand hatte es mit dunkelroten Strichen unleserlich gemacht. Die Farbe stammte aus einer der kleinen Holzröhren, die Surya unter seinem Gewand an einem Lederriemen um den Hals trug. Shan sah, daß die Hände des Mönchs frische rote Flecke aufwiesen, die nicht von dem getrockneten Blut herrührten. Surya hatte in diesem kleinen Unterschlupf nicht nur das alte Gemälde freilegen, sondern auch die Inschrift tilgen wollen.

»Om hum tram huih ah«, rief Surya laut und entschlossen. Es war ein Mantra, um Hüter zu binden. Dann verstummte der alte Mönch und starrte in die Augen der Gottheit. Es war, als habe er soeben einen Pakt mit Tara geschlossen.

Liya sah den Mönch an und schob sich dann an Shan vorbei nach draußen. Ihr standen Tränen in den Augen. Er beobachtete, wie sie die Landschaft jenseits von Zhoka absuchte, als halte sie nach jemand Bestimmtem Ausschau, und dann die fliehenden Tibeter zu dem Pfad unterhalb der Kammlinie scheuchte, der hinter dem Felsvorsprung in steilen Serpentinen nach unten verlief und bis zu den Zeltlagern und Häusern auf den Hängen des Tals von Lhadrung führte. Liya rannte fünfzig Meter zurück, hob sich ein stolperndes Kind auf den Rücken und trug den kleinen Jungen mit gespielter Fröhlichkeit am Turm vorbei zu seinen müden Eltern am Ende des Grats. Als die Leute den Pfad hinabstiegen, rief Liya ihnen einen Segen hinterher. Shan trat auf die grasbewachsene Bergflanke hinaus und bedeutete Jara, er solle mit seiner Familie aufbrechen.

Es war nur noch ein halbes Dutzend Tibeter in Sicht, als Liya sich umdrehte und verwirrt innehielt. Shan folgte ihrem Blick und sah, daß Surya nun mit seitlich ausgestreckten Armen draußen auf dem Sims stand und in das tiefe Tal schaute. Lokesh machte einen Schritt auf den Mönch zu, erstarrte und schien angestrengt zu lauschen. Als Shan näher kam, hörte er es ebenfalls: ein tiefes Donnern, das aus wolkenlosem Himmel ertönte. Plötzlich tauchten an der Kammlinie mehrere schreiende Gestalten auf, stolperten panisch den Pfad hinauf, den sie eben erst hinabgestiegen waren, und ließen achtlos ihre Körbe und Taschen fallen.

Shan begriff zu spät, was das metallische Rattern zu bedeuten hatte. Als er Lokesh am Arm packte, wuchs der Lärm zu einem ohrenbetäubenden Dröhnen an. Jenseits des Grats stieg ein riesiger schwirrender Rotor auf, gefolgt von dem dunkelgrauen Rumpf eines Armeehubschraubers. Die Leute brüllten wild durcheinander und stoben nach allen Seiten davon. Jara stapfte durch den Bachlauf und eilte zu seiner Nichte, während seine Frau die anderen Kinder einsammelte. Auch Dawa sprang auf und lief los, aber nicht auf ihren Onkel zu, sondern am Hang entlang in die entgegengesetzte Richtung.

Shan schickte Lokesh zurück zu den Ruinen und rannte zu Gendun. Der Helikopter blieb derweil dicht über dem Boden schweben. Als Shan dem Lama auf die Beine half, sprang ein halbes Dutzend Soldaten in voller Kampfausrüstung aus der Maschine.

Shan und seine Freunde liefen los, stolperten, strauchelten über Steine. Er mußte mehrmals innehalten und Gendun helfen, ihn regelrecht wegzerren, denn der Lama schien sich nicht beeilen zu wollen und angesichts der Soldaten keine Angst, sondern Neugier zu verspüren. Plötzlich blieb Lokesh, der drei Schritte vor ihnen lief, stehen und blickte zu dem alten Steinturm.

Auch Shan drehte sich verwundert um. Die Soldaten verfolgten niemanden, nicht einmal Gendun, der ein Mönchsgewand trug. Surya stand mitten auf dem Sims, hatte sich zu den Neuankömmlingen umgewandt und hielt noch immer die leeren Hände wie zum Gruß ausgestreckt. Die Soldaten umringten ihn mit schußbereiten Waffen und warteten kurz ab, während einer von ihnen eine Hand ans Ohr preßte. Dann wurde Shan voller Entsetzen Zeuge, wie die Männer Surya packten, ihm den ledernen Halsriemen mit den Farben herunterrissen, ihn zum Hubschrauber zogen und ...

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