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Der verbotene Ort

Fred Vargas

Der verbotene Ort

Roman

Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze

 

Aufbau-Verlag

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Inhaltsübersicht

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Kommissar Adamsberg verstand es, Hemden zu bügeln, seine Mutter hatte ihm beigebracht, wie man die Schulterpasse ausstrich und den Stoff um die Knöpfe herum glättete. Er zog den Stecker des Bügeleisens, legte die Kleidungsstücke in den Koffer. Er hatte sich rasiert, gekämmt, er würde nach London reisen, daran führte kein Weg mehr vorbei.

Er nahm seinen Stuhl und schob ihn in das sonnenbeschienene Viereck der Küche. Der Raum öffnete sich nach drei Seiten, und so verbrachte er seine Zeit damit, seinen Stuhl je nach dem einfallenden Licht um den runden Tisch herum zu bewegen, gleich der Eidechse, die um den Fels wandert. Adamsberg stellte seine Schale mit Kaffee Richtung Osten und setzte sich mit dem Rücken zur Wärme.

Er wäre ja einverstanden, nach London zu fahren, um sich die Stadt anzusehen, zu riechen, ob die Themse den gleichen modrigen Geruch nasser Wäsche hatte wie die Seine, zu hören, wie die Möwen schrien. Schon möglich, dass die Möwen auf Englisch anders schrien als auf Französisch. Aber man würde ihm nicht die Zeit dazu lassen. Drei Tage Kolloquium, zehn Vorträge pro Sitzung, sechs Debatten, ein Empfang im Innenministerium. Über hundert hochrangige Polizisten würden sich in der großen hall drängen, nichts als Polizisten aus dreiundzwanzig Ländern, die zusammenkamen, um das große Europa der Polizei zu optimieren, genauer noch, um »die Regelung der Migrationsströme zu harmonisieren«. So lautete das Thema des Kolloquiums.

|6|Als Leiter der Pariser Brigade criminelle musste Adamsberg sich dort blicken lassen, aber das kümmerte ihn wenig. Seine Teilnahme würde flüchtig sein, nahezu ätherisch, einerseits aufgrund seiner Abneigung gegen das Regeln von Strömen, andererseits, weil er nie auch nur ein einziges Wort Englisch im Gedächtnis behalten hatte. Er trank ruhig seinen Kaffee aus, während er die Nachricht überflog, die ihm Commandant Danglard gerade schickte. »Treffen uns in 1 Std 20 Min in der Abfertigungshalle. Verfluchter Tunnel. Habe passendes Jackett für Sie eingesteckt, mit Kraw.«

Adamsberg strich mit dem Daumen über das Display seines Handys und löschte die Angst seines Stellvertreters, so wie man den Staub von einem Möbelstück wischt. Danglard war wenig geschaffen fürs Laufen, fürs Rennen, schon gar nicht fürs Reisen. Den Ärmelkanal im Tunnel zu durchqueren schreckte ihn ebenso wie ihn zu überfliegen. Dennoch hätte er niemandem seinen Platz abgetreten. Seit dreißig Jahren schwor der Commandant auf die Eleganz der englischen Kleidermode, er setzte darauf, um seinen natürlichen Mangel an Erscheinung zu kompensieren. Von dieser lebenswichtigen Option inspiriert, hatte er seine Dankbarkeit auf das übrige Vereinigte Königreich ausgedehnt und war zum Typus des anglophilen Franzosen schlechthin geworden, der die Liebenswürdigkeit der Manieren, das Taktgefühl der Engländer und ihren diskreten Humor bewunderte. Außer in Augenblicken, in denen er jede Zurückhaltung fahrenließ, worin der anglophile Franzose sich vom wahren Engländer unterscheidet. So freute ihn die Aussicht auf einen Aufenthalt in London, mit Migrationsströmen oder ohne. Blieb nur noch das Hindernis dieses verfluchten Tunnels zu überwinden, durch den er zum ersten Mal fuhr.

|7|Adamsberg spülte seine Kaffeeschale aus, nahm seinen Koffer, wobei er sich fragte, was für ein Jackett mit was für einer Kraw Commandant Danglard für ihn ausgesucht haben mochte. Da schlug sein Nachbar, der alte Lucio, mit seiner schweren Faust an die verglaste Eingangstür, dass sie erzitterte. Der Spanienkrieg hatte ihm seinen linken Arm genommen, als er neun Jahre alt war, und es schien, als sei der rechte dementsprechend stärker geworden, um in sich allein die Spannweite und Kraft von zwei Händen zu vereinen. Das Gesicht an die Scheiben gepresst, sah er mit gebieterischem Blick zu Adamsberg herein.

 

»Komm mal rüber«, brummte er im Ton eines Befehls. »Sie kriegt sie nicht allein raus, ich brauch deine Hilfe.«

Adamsberg stellte seinen Koffer nach draußen in den verwilderten kleinen Garten, den er sich mit dem alten Spanier teilte.

»Ich muss für drei Tage nach London, Lucio. Ich helfe dir, wenn ich zurück bin.«

»Zu spät«, polterte der Alte. »Komm rüber.«

Und wenn Lucio polterte, mit seinen rollenden »r« in der Stimme, erzeugte er ein so dumpfes Geräusch, dass es Adamsberg schien, als käme der Ton direkt aus der Erde. Er nahm seinen Koffer in die Hand, in Gedanken schon an der Gare du Nord.

»Was kriegst du nicht raus?«, sagte er abwesend und verschloss seine Tür.

»Die Katze, die im Schuppen lebt. Du wusstest doch, dass sie Junge kriegt, oder?«

»Ich wusste nicht, dass im Schuppen eine Katze lebt, und es ist mir auch vollkommen egal.«

»Dann weißt du’s jetzt. Und es wird dir nicht egal sein, hombre. Sie hat bis jetzt erst drei rausgebracht. Eins ist tot, und zwei weitere stecken fest, ich kann ihre Köpfe spüren. Ich werde massieren und dabei sanft schieben, und du ziehst |8|raus. Aber pass auf, fass nicht wie ein Schlächter zu, wenn du sie holst. So ein Kätzchen, das zerbricht dir unter den Fingern wie Keks.«

 

Finster und mit dringlichem Ausdruck stand Lucio da und kratzte seinen fehlenden Arm, indem er die Finger im Leeren bewegte. Er hatte oft erklärt, dass er damals, als er seinen Arm verlor, dort einen Spinnenbiss hatte und gerade dabei war, ihn zu kratzen. Aus diesem Grund juckte der Biss ihn noch nach neunundsechzig Jahren, weil er mit dem Kratzen nicht fertig gewesen war, es nicht gründlich hatte machen, nicht hatte vollenden können. Das war die neurologische Erklärung, die seine Mutter ihm geliefert hatte, sie war für Lucio mit der Zeit zur Philosophie schlechthin geworden und ließ sich auf jede Situation und jedes Gefühl anwenden. Man muss bis ans Ende gehen, oder gar nicht erst anfangen. Den Kelch bis zur Neige leeren, auch in der Liebe. Wenn also eine lebenswichtige Handlung ihn intensiv beschäftigte, kratzte Lucio seinen unterbrochenen Spinnenbiss.

»Lucio«, sagte Adamsberg etwas entschiedener, indem er den kleinen Garten durchquerte, »in eineinviertel Stunden geht mein Zug, mein Stellvertreter steht an der Gare du Nord und verzehrt sich vor Ungeduld, und ich werde jetzt nicht den Geburtshelfer bei deinem Katzenvieh spielen, während in London hundert Spitzenpolizisten auf mich warten. Sieh zu, wie du klarkommst, am Sonntag erzählst du mir dann alles.«

»Und wie willst du, dass ich hiermit klarkomme?«, schrie der Alte und hob seinen Armstumpf.

Lucio hielt Adamsberg mit seiner mächtigen Hand auf und reckte sein vorgeworfenes Kinn, das nach Meinung von Commandant Danglard eines Velázquez’ würdig gewesen wäre. Der Alte sah nicht mehr scharf genug, um sich korrekt |9|zu rasieren, und manche Stoppeln entkamen seiner Klinge. Weiß und hart stachen sie hier und da aus seinem Gesicht und bildeten so etwas wie eine Dekoration aus silbrigen Dornen, die in der Sonne glänzten. Manchmal kriegte Lucio eine von ihnen zu fassen, klemmte sie resolut zwischen zwei Fingernägel und zog daran, als wenn er eine Zecke ausreißen würde. Und er gab nicht auf, bevor er sie nicht hatte, gemäß der Spinnenbiss-Philosophie.

»Du kommst mit mir.«

»Lass mich in Ruhe, Lucio.«

»Du hast gar keine Wahl, hombre«, sagte Lucio düster. »Das kreuzt deinen Weg, du musst es wahrnehmen. Oder es wird dich dein Leben lang jucken. Es kostet dich ganze zehn Minuten.«

»Auch mein Zug kreuzt meinen Weg.«

»Der kreuzt hinterher.«

Adamsberg ließ seinen Koffer los und verfluchte seine Ohnmacht, während er Lucio zum Schuppen folgte. Ein klebriges, blutbeschmiertes Köpfchen zeigte sich zwischen den Hinterpfoten des Tieres. Unter den Anweisungen des alten Spaniers nahm er es behutsam in seine Hand, während Lucio mit professionellem Griff auf den Bauch drückte. Die Katze miaute fürchterlich.

»Zieh noch ein bisschen stärker, hombre, fass es unter den Pfoten und zieh! Entschlossen, aber sanft, und drück nicht den Schädel zusammen. Mit deiner anderen Hand kraul der Mutter die Stirn, sie ist in Panik.«

»Lucio, wenn ich jemandem die Stirn kraule, schläft er ein.«

»Joder! Zieh, verdammt!«

 

Sechs Minuten später legte Adamsberg zwei kleine rote, piepsende Ratten neben zwei andere auf eine alte Decke. Lucio schnitt ihnen die Nabelschnur durch und legte sie |10|nacheinander an die Zitzen. Er warf einen besorgten Blick auf das klagende Muttertier.

»Wie war das mit deinen Händen? Womit bringst du die Leute in Schlaf?«

Adamsberg schüttelte bedauernd den Kopf.

»Ich weiß es nicht. Wenn ich ihnen die Hand auf den Kopf lege, schlafen sie ein. Das ist alles.«

»So machst du es mit deinem Kind?«

»Ja. Es kommt auch vor, dass die Leute einschlafen, während ich mit ihnen rede. Ich habe schon Verdächtige während eines Verhörs eingeschläfert.«

»Dann mach das mit der Mutter. Apúrate! Mach, dass sie einschläft.«

»Großer Gott, Lucio, kriegst du das nicht in deinen Schädel rein, dass ich zum Zug muss?«

»Wir müssen die Mutter beruhigen.«

Adamsberg war die Katze egal, nicht aber der schwarze Blick, den der Alte ihm zuwarf. So streichelte er den – unglaublich weichen – Kopf der Katze, denn in der Tat, er hatte keine Wahl. Das Hecheln des Tieres kam zur Ruhe, während Adamsbergs Finger wie Kugeln von seinem Mäulchen zu seinen Ohren rollten. Lucio wiegte anerkennend den Kopf.

»Sie schläft, hombre

Adamsberg löste langsam seine Hand, wischte sie im feuchten Gras ab und entfernte sich im Rückwärtsgang.

 

Während er über den Bahnsteig der Gare du Nord lief, fühlte er, wie das Zeug zwischen seinen Fingern und unter den Nägeln hart wurde. Er hatte zwanzig Minuten Verspätung, Danglard kam mit eiligen Schritten auf ihn zu. Man hatte immer den Eindruck, dass Danglards Beine, die schlecht konstruiert waren, von den Knien abwärts in ihre Einzelteile zerfallen würden, wenn er zu rennen versuchte. |11|Adamsberg hob die Hand, um seiner Eile wie auch seinen Vorwürfen Einhalt zu gebieten.

»Ich weiß«, sagte er. »Etwas hat meinen Weg gekreuzt, und ich musste zufassen, sonst hätte ich mich mein Leben lang kratzen müssen.«

Danglard war an Adamsbergs unverständliche Bemerkungen schon so gewöhnt, dass er sich selten die Mühe machte, Fragen zu stellen. Wie viele andere in der Brigade beachtete er sie kaum noch, wusste er doch zwischen Interessantem und Unwichtigem zu unterscheiden. Außer Atem wies er auf die Abfertigungshalle und machte kehrt. Während Adamsberg ihm in aller Gelassenheit folgte, versuchte er sich an die Farbe der Katze zu erinnern. Weiß mit grauen Flecken? Mit roten Flecken?

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»Auch bei Ihnen passieren ja merkwürdige Dinge«, sagte Superintendent Radstock auf Englisch zu seinen Pariser Kollegen.

»Was sagt er?«, fragte Adamsberg.

»Dass auch bei uns merkwürdige Dinge passieren«, übersetzte Danglard.

»Das stimmt«, sagte Adamsberg, ohne sich weiter für das Gespräch zu interessieren.

Viel wichtiger war ihm im Augenblick, dass er laufen konnte. Er war in London, es war Juni, und es war Nacht, er wollte laufen. Diese zwei Tage Kolloquium begannen an seinen Nerven zu zerren. Stundenlang sitzen zu müssen war eine der wenigen Prüfungen, die sein Phlegma brechen, ihn in den seltsamen Zustand versetzen konnten, den die anderen »Ungeduld« oder »Hektik« nannten und der ihm normalerweise unerreichbar war. Am Tage zuvor war es ihm drei Mal gelungen, sich davonzustehlen, er hatte einen summarischen Spaziergang durch das Viertel gemacht, hatte sich Häuserfluchten mit ihren Klinkerfassaden eingeprägt, den Ausblick auf Reihen weißer Säulen und schwarz-goldener Laternen gespeichert, er war ein Stück durch ein Gässchen namens St. John’s Mews gelaufen, weiß Gott, wie man so was wie »Mews« aussprechen sollte. Dort war ein Schwarm Möwen englisch schreiend aufgeflogen. Doch seine Abwesenheiten waren bemerkt worden. Heute hatte er in seinem Sessel ausharren müssen, hatte störrisch geschwiegen zu den Diskussionsbeiträgen seiner Kollegen, unfähig, dem |13|schnellen Rhythmus des Dolmetschers zu folgen. Die hall war gesättigt mit Polizisten, die sich mit großem Einfallsreichtum der Aufgabe widmeten, das Netz enger zu ziehen, durch welches »der Strom der Migranten harmonisiert« und Europa mit einem unüberwindlichen Gatter umzäunt werden sollte. Da Adamsberg jedoch dem Festen stets das Flüssige, dem Statischen das Geschmeidige vorgezogen hatte, folgte er naturgemäß den Bewegungen dieses Stroms und suchte mit ihm nach Möglichkeiten, wie die Befestigungsanlagen, die unter seinen Augen hochwuchsen, zu überwinden wären.

Radstock, dieser Kollege von New Scotland Yard, schien sehr beschlagen in Netzen, wiederum aber nicht besessen genug von der Frage ihrer Effektivität. Er wollte in knapp einem Jahr in Rente gehen, mit der sehr britischen Vorstellung, dann an irgendeinem See im Norden angeln zu gehen, so berichtete Danglard, der alles verstand und alles übersetzte, auch das, was Adamsberg gar nicht wissen wollte. Adamsberg wäre es lieber gewesen, wenn sein Stellvertreter mit seinen unnützen Übersetzungen etwas sparsamer umginge, aber Danglards Freuden waren so selten, und er schien so froh zu sein, sich in der englischen Sprache zu sielen wie das Wildschwein in einem Schlamm von besonderer Qualität, dass Adamsberg ihm kein Gran seiner Zufriedenheit nehmen wollte. Danglard wirkte glücklich hier, fast beschwingt, sein weicher Körper straffte sich, seine hängenden Schultern nahmen Form an, er gewann an Auftreten und Statur, was ihn beinahe zu einem bemerkenswerten Menschen machte. Vielleicht nährte er den Gedanken, eines Tages seinen Ruhestand gemeinsam mit diesem neuen Freund zu genießen, beim Angeln an jenem See da oben.

Radstock nutzte Danglards Gutwilligkeit, um ihm in allen Einzelheiten sein Leben beim Yard zu erzählen wie auch eine Menge schlüpfriger Anekdoten, von denen er meinte, dass |14|sie französischen Gästen gefallen würden. Danglard hatte ihm während des ganzen Mittagessens mit großer Geduld zugehört und zugleich die Qualität des Weins im Auge behalten. Radstock nannte den Commandant »Denglarde«, und sie überboten sich gegenseitig in Geschichten und versorgten sich mit Getränken, Adamsberg im Schlepptau hinter sich lassend. Der Kommissar war der Einzige unter den hundert Bullen, der nicht einmal Rudimente der Sprache beherrschte. Er wohnte der Veranstaltung mehr am Rande bei, wie er auch gehofft hatte, und nur wenige Leute hatten überhaupt verstanden, wer er wirklich war. An seiner Seite sah man den jungen Brigadier Estalère mit seinen von chronischem Erstaunen immer weit aufgerissenen grünen Augen. Es war Adamsbergs Wunsch gewesen, ihn mit auf diese Reise zu nehmen. Er hatte gemeint, der Fall Estalère werde sich schon noch arrangieren, und von Zeit zu Zeit bemühte der junge Mann sich ja auch, dahin zu gelangen.

 

Die Hände in den Taschen seines eleganten Anzugs, genoss Adamsberg in vollen Zügen diesen langen Spaziergang, auf dem Radstock von einer Straße in die andere ging, um ihnen die Kuriositäten des Londoner Nachtlebens vorzuführen. Hier eine Frau, die unter einem Dach aneinandergenähter Regenschirme schlief, einen teddy bear von über einem Meter Größe im Arm. »Einen Plüschbären«, übersetzte Danglard.

»Das hatte ich verstanden«, sagte Adamsberg.

»Und dort«, Radstock wies in eine rechtwinklig abzweigende Avenue, »sehen Sie Lord Clyde-Fox. Einen Vertreter jener Spezies, die man bei Ihnen den exzentrischen Aristokraten nennt. Offen gesagt, wir haben nicht mehr allzu viele von ihnen, sie reproduzieren sich kaum. Der hier ist noch jung.«

Radstock blieb stehen, um ihnen Zeit zu lassen, den Mann |15|zu betrachten, und er tat es mit der Befriedigung eines Menschen, der seinen Gästen ein seltenes Stück zeigt. Adamsberg und Danglard betrachteten ihn folgsam. Groß und hager, tanzte Clyde-Fox mal auf dem einen, mal auf dem anderen Bein unbeholfen auf der Stelle, immer kurz vor dem Umfallen. Zehn Schritt von ihm entfernt stand schwankend ein anderer Mann, eine Zigarre im Mund, der die Bemühungen seines Gefährten beobachtete.

»Interessant«, sagte Danglard höflich.

»Er treibt sich oft hier in der Gegend herum, wenn auch nicht jeden Abend«, meinte Radstock, so als würden seine Kollegen einen echten Glücksfall erleben. »Wir schätzen einander. Herzlich, hat immer ein freundliches Wort. Er ist ein Orientierungspunkt in der Nacht, ein vertrautes Licht. Zu dieser Stunde kommt er von seinem Streifzug zurück und versucht nach Hause zu gehen.«

»Betrunken?«, fragte Danglard.

»Nie ganz. Er setzt seine Ehre darein, bis an seine Grenzen zu gehen, sämtliche Grenzen, und sich dort festzuklammern. Er behauptet, wenn er sich auf einem Grat bewege, in der Balance zwischen einem Abgrund und dem anderen, sei er zwar sicher, zu leiden, aber nie sich zu langweilen. Alles in Ordnung, Clyde-Fox?«

»Alles in Ordnung, Radstock?«, erwiderte der Mann und wedelte mit der Hand.

»Amüsant«, meinte der Superintendent. »Zumindest in seinen guten Momenten. Als vor zwei Jahren seine Mutter starb, hat er eine ganze Schachtel Fotos von ihr aufessen wollen. Seine Schwester ging ziemlich brutal dazwischen, und die Sache endete böse. Eine Nacht im Krankenhaus für sie, eine Nacht auf der Polizeiwache für ihn. Der Lord raste vor Zorn, dass man ihn daran hinderte, die Fotos zu verschlingen.«

»Er wollte sie wirklich essen?«, fragte Estalère.

|16|»In der Tat. Aber ein paar Fotos, was ist das schon? Es heißt, bei Ihnen hat einer mal einen hölzernen Schrank essen wollen.«

»Was sagt er?«, erkundigte sich Adamsberg, als er Radstock die Brauen runzeln sah.

»Er sagt, bei uns habe einer seinen Schrank aufessen wollen. Was er übrigens in ein paar Monaten auch geschafft hat, mit zeitweiliger Unterstützung von zwei, drei Freunden.«

»Und es ist eine wahre Begebenheit, nicht wahr, Denglarde?«

»Absolut wahr, so geschehen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.«

»Das ist völlig normal«, meinte Estalère, der seine Worte wie seine Gedanken häufig schlecht wählte. »Ich weiß von einem Mann, der ein Flugzeug gegessen hat, und er hat nur ein Jahr dafür gebraucht. Ein kleines Flugzeug.«

Radstock nickte ernst. Adamsberg hatte an ihm einen Hang zu feierlichen Darlegungen beobachtet. Er bildete mitunter sehr lange Sätze, die – nach ihrem Tonfall zu urteilen – von der Menschheit handelten und wie es um sie stand, vom Guten und vom Bösen, vom Engel und vom Dämon.

»Es gibt Dinge«, sagte Radstock, und Danglard übersetzte simultan, »die der Mensch sich nicht vorstellen kann, solange ein anderer Mensch nicht auf die ausgefallene Idee kommt, sie zu verwirklichen. Aber wenn diese Sache, ob gut oder schlecht, erst einmal ausgeführt ist, findet sie Eingang in das Gemeingut der Menschheit. Wird verwendbar, wiederholbar und sogar überbietbar. Der Mensch, der den Schrank gegessen hat, eröffnet einem anderen die Möglichkeit, ein Flugzeug zu essen. So enthüllt sich mit der Zeit der große, unbekannte Kontinent des Irrsinns wie eine geographische Karte, die in dem Maße Gestalt annimmt, wie das Land erforscht wird. Wir schreiten in ihm ohne jede Sicht voran, allein auf die Erfahrung gestützt, |17|das habe ich meinen Jungs immer wieder gesagt. So ist Lord Clyde-Fox gerade dabei, seine Schuhe aus- und wieder anzuziehen, das macht er nun schon wer weiß wie viele Male. Und keiner weiß, warum. Wenn man es erst herausbekommen hat, kann jemand anders dasselbe tun.«

»He, Clyde-Fox!«, rief der alte Polizist und ging auf ihn zu. »Irgendein Problem?«

»He, Radstock!«, erwiderte der Lord mit sehr sanfter Stimme.

Die beiden Männer begrüßten sich mit einem vertrauten Zeichen, zwei Nachtvögel, Experten alle beide, die nichts voreinander zu verbergen hatten. Clyde-Fox setzte einen bestrumpften Fuß auf das Trottoir, den Schuh in der Hand, dessen Inneres er aufmerksam inspizierte.

»Ein Problem?«, wiederholte Radstock.

»Ein verdammtes Problem. Schauen Sie sich’s an, wenn Sie den Mut dazu haben.«

»Wo?«

»Am Eingang des alten Friedhofs von Highgate.«

»Ich mag es nicht, wenn man dort herumschnüffelt«, knurrte Radstock. »Was hatten Sie dort zu suchen?«

»Eine Grenzerforschung in Gesellschaft auserwählter Freunde«, sagte der Lord und wies mit dem Daumen auf seinen Gefährten mit der Zigarre. »Zwischen Schrecken und Vernunft. Ich kenne den Ort in- und auswendig, er aber wollte das mal erleben. Aber Achtung«, fügte Clyde-Fox etwas leiser hinzu. »Der Kamerad ist voll bis zur Halskrause und flink wie ein Elf. Schon im Pub zwei Kerle niedergemacht. Er ist Lehrer für kubanischen Tanz. Nervöser Typ. Nicht von hier.«

Lord Clyde-Fox schüttelte wieder einmal seinen Schuh in der Luft, schlüpfte hinein und zog den anderen aus.

»Okay, Clyde-Fox. Aber Ihre Schuhe? Schütteln Sie die aus?«

|18|»Nein, Radstock, ich kontrolliere sie.«

Der Mann aus Kuba rief einen Satz auf Spanisch, der zu besagen schien, dass er nun genug hätte und abhauen würde. Der Lord machte ihm mit der Hand ein achtloses Zeichen.

»Was kann man«, begann Clyde-Fox wieder, »Ihrer Meinung nach in Schuhe hineintun?«

»Füße«, schaltete Estalère sich ein.

»Genau«, sagte Clyde-Fox und sandte dem jungen Brigadier einen beifälligen Blick. »Und besser, Sie überprüfen, ob Ihre eigenen Füße in Ihren eigenen Schuhen stecken. Radstock, wenn Sie mir mit der Taschenlampe leuchten würden, könnte ich damit vielleicht mal fertig werden.«

»Was soll ich Ihnen denn sagen?«

»Ob Sie was drin sehen.«

Während Clyde-Fox seine Schuhe hochhielt, untersuchte Radstock gewissenhaft deren Inneres. Adamsberg, den man vergessen hatte, lief mit langsamen Schritten um sie herum. Er stellte sich den Kerl vor, der über Monate hinweg Stück für Stück seinen Schrank zerkaute. Er fragte sich, ob er selber lieber einen Schrank oder ein Flugzeug oder die Fotos seiner Mutter verspeisen würde. Oder etwas ganz anderes. Etwas, das dem unbekannten Kontinent des Irrsinns, von dem der Kommissar gesprochen hatte, ein neues Stück hinzuzeichnen würde.

»Nichts drin«, sagte Radstock.

»Sind Sie ganz sicher?«

»Ja.«

»Gut«, sagte Clyde-Fox und zog sich die Schuhe wieder an. »Üble Geschichte. Tun Sie Ihren Job, Radstock, sehen Sie sich das an. Gleich am Eingang. Da steht ein Haufen alter Schuhe auf dem Trottoir. Seien Sie seelisch gefasst. Es sind vielleicht zwanzig Stück, Sie können sie nicht verfehlen.«

»Das ist nicht mein Job, Clyde-Fox.«

|19|»Und ob er das ist. Sie stehen sorgfältig dort aufgereiht, mit den Spitzen Richtung Friedhof, als wenn sie dort hineingehen wollten. Ich rede natürlich vom alten Hauptportal.«

»Der alte Friedhof wird nachts bewacht. Geschlossen für Menschen wie für Schuhe von Menschen.«

»Trotzdem wollen sie rein, und ihre ganze Haltung hat etwas sehr Unsympathisches. Sehen Sie sie sich an, tun Sie Ihren Job.«

»Clyde-Fox, es ist mir ziemlich egal, ob Ihre alten Schuhe da hineinwollen.«

»Da irren Sie, Radstock. Denn es sind noch die Füße drin.«

Schweigen trat ein, eine unangenehme Druckwelle strich über sie hinweg. Aus Estalères Kehle kam ein kleiner Klagelaut, Danglard presste die Arme zusammen. Adamsberg hielt im Laufen inne und hob den Kopf.

»Scheiße«, flüsterte Danglard.

»Was sagt er?«

»Er sagt, dass ein paar alte Schuhe in den alten Friedhof hineinwollen. Er sagt, Radstock irrt sich, wenn er meint, sich das nicht ansehen zu müssen, denn es seien noch die Füße drin.«

»Schon gut, Denglarde«, fiel Radstock ihm ins Wort. »Er ist betrunken. Schon gut, Clyde-Fox, Sie sind betrunken. Gehen Sie jetzt nach Hause.«

»Da sind die Füße drin, Radstock«, wiederholte der Lord in gesetztem Ton, wie um zu unterstreichen, dass er sicher auf seinem Grat stand. »Abgeschnitten auf Höhe der Knöchel. Und diese Füße wollen da rein.«

»Okay, sie wollen da rein.«

Lord Clyde-Fox kämmte sich jetzt mit aller Sorgfalt, ein Zeichen für seinen unmittelbar bevorstehenden Aufbruch. Dass er sein Problem jemandem anvertraut hatte, schien ihn ins normale Leben zurückgeholt zu haben.

|20|»Rechnen Sie mit ziemlich alten Schuhen«, fügte er hinzu, »fünfzehn oder zwanzig Jahre alt.«

»Und die Füße?«, fragte Danglard diskret. »Die Füße sind in skelettiertem Zustand?«

»Let down. Er ist betrunken, Denglarde.«

»Nein«, sagte Clyde-Fox und steckte seinen Kamm ein, ohne den Superintendent zu beachten. »Die Füße sind nahezu unversehrt.«

»Und sie versuchen hineinzukommen«, vollendete Radstock.

»So ist es, old man

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Radstock schimpfte ohne Unterlass leise vor sich hin, die Hände um das Steuer geklammert, während er sie schnell zu dem alten Friedhof in der nördlichen Vorstadt von London fuhr.

Mussten sie auch diesen Clyde-Fox treffen. Musste dieser Beknackte auch nachprüfen wollen, ob sich wirklich kein Fuß in seine Schuhe geschlichen hatte. Und da rollten sie nun Richtung Highgate, weil der Lord von seinem Grat gefallen war und eine Vision gehabt hatte. Es würden ebenso wenig Schuhe vor dem Friedhof stehen, wie Füße in den Schuhen von Clyde-Fox gewesen waren.

Doch Radstock wollte nicht allein dorthin. Nein, vor allem nicht wenige Monate vor seiner Pensionierung. Den liebenswürdigen Denglarde zu überzeugen, dass er ihn begleitete, hatte ihn einige Mühe gekostet, als wenn dem Commandant die Expedition widerstrebte. Aber wie hätte der Franzose das Geringste über Highgate wissen sollen? Mit Adamsberg dagegen gab es kein Problem, ihn störte der Umweg in keiner Weise. Dieser Kommissar schien sich in einem friedfertigen und verträglichen Dämmerzustand zu bewegen, man musste sich fragen, ob sein Metier überhaupt in irgendeiner Weise seine Aufmerksamkeit erregte. Ganz im Gegensatz dazu sein junger Kollege, der, die Nase am Fenster, mit großen Augen auf London starrte. Nach Radstocks Ansicht war dieser Estalère nahezu ein Dummkopf, und er wunderte sich, dass man ihn zu der Konferenz zugelassen hatte.

|22|»Warum schicken Sie nicht zwei von Ihren Leuten hin?«, fragte Danglard mit verdrossener Miene.

»Ich kann nicht auf eine Vision von Clyde-Fox hin eine Mannschaft losschicken. Immerhin ist er ein Mensch, der die Fotos seiner Mutter essen wollte. Aber nachzusehen sind wir ja wohl verpflichtet, oder?«

Nein, Danglard fühlte sich zu nichts verpflichtet. Er war glücklich, hier zu sein, glücklich, sich wie ein Engländer benehmen zu können, glücklich, dass eine Frau ihm Beachtung geschenkt hatte, gleich am ersten Tag des Kolloquiums. Er hoffte schon jahrelang nicht mehr auf dieses Wunder, und träge, wie er seit seinem fatalistischen Verzicht auf die Frauen geworden war, hatte er von sich aus nichts unternommen. Sie war es, die ihn angesprochen, die ihm zugelächelt hatte und immer wieder einen Vorwand fand, ihm zu begegnen. Falls er sich nicht irrte. Danglard fragte sich, wie das überhaupt möglich sei, er marterte sich mit Fragen. Pausenlos ließ er die flüchtigen Zeichen Revue passieren, die seine Hoffnung zerstören oder bestätigen konnten. Er sortierte, er bewertete sie, er schätzte ihre Verlässlichkeit ein, so wie man das Eis prüft, bevor man den Fuß darauf setzt. Er testete ihre Konsistenz, ihren möglichen Gehalt, suchte herauszufinden, ob ja, ob nein. Bis diese Zeichen, vom Verstande durch- und durchgeforstet, am Ende alle Substanz verloren hatten. Er brauchte Neues, zusätzliche Indikatoren. Und genau in diesem Augenblick saß jene Frau bestimmt mit den anderen Kongressteilnehmern an der Hotelbar. Er aber, da er Radstock auf seine Expedition begleitete, würde dort fehlen.

»Wieso müssen wir nachsehen? Der Lord war voll wie eine Strandkanone.«

»Weil es sich um Highgate handelt«, sagte der Superintendent mit zusammengepressten Zähnen.

Danglard bereute seine Frage. Sein intensives Nachdenken |23|über die Frau und die Zeichen hatte ihn daran gehindert, bei dem Namen »Highgate« aufzuhorchen. Er hob den Kopf, um etwas zu sagen, aber Radstock wehrte ab.

»Nein, Denglarde, das können Sie nicht verstehen«, sagte er im rauen, traurigen und endgültigen Ton eines alten Soldaten, der seinen Krieg mit niemandem teilen kann. »Sie waren nie in Highgate. Ich ja.«

»Aber ich verstehe, dass Sie nicht noch einmal dahin wollten und warum Sie dennoch hinfahren.«

»Das würde mich wundern, Denglarde, ohne dass ich Sie kränken will.«

»Ich weiß, was in Highgate passiert ist.«

Radstock warf ihm einen überraschten Blick zu.

»Danglard weiß alles«, bemerkte Estalère ruhig im Hintergrund des Wagens.

 

Adamsberg neben ihm hörte sie reden, fing hin und wieder ein Wort auf. Es war offensichtlich, dass Danglard über dieses Highgate eine Menge Dinge wusste, von denen er, Adamsberg, keine Ahnung hatte. Das war normal, sofern man den sagenhaften Umfang von Danglards Wissen als normal betrachtete. Der Commandant unterschied sich deutlich von einem sogenannten gebildeten Menschen. Er war ein Wesen von phänomenaler Gelehrsamkeit an der Spitze eines vielschichtigen Netzwerks unerschöpflicher Kenntnisse, die, so meinte Adamsberg, eins nach dem anderen alle seine Organe ersetzt hatten und ihn schließlich vollständig ausmachten, so dass man sich fragte, wie Danglard sich überhaupt noch als ein nahezu gewöhnlicher Mensch bewegen konnte. Weshalb er ja auch so schwach auf den Beinen war und nie spazieren ging. Dafür wusste er mit Sicherheit den Namen von dem Typen, der seinen Schrank gegessen hatte. Adamsberg betrachtete Danglards weiches Profil, über welches in diesem Augenblick ein Erschauern |24|lief, das bei ihm den Durchzug des Wissens anzeigte. Sehr wahrscheinlich rief sich der Commandant in aller Eile gerade sein großes Buch des Wissens über Highgate in Erinnerung. Während gleichzeitig irgendeine quälende Sorge seine Konzentration überschattete. Diese Frau vom Kolloquium, natürlich, die sein Gemüt in einen Strudel bohrender Fragen zog. Adamsberg sah zu seinem britischen Kollegen hin, dessen Name so schwer zu behalten war. Stock. Der schien weder an eine Frau zu denken noch seine Wissensgründe zu erforschen. Stock hatte einfach Angst.

»Danglard«, sagte Adamsberg und tippte seinem Stellvertreter leicht auf die Schulter. »Stock hat kein Verlangen, sich diese Schuhe anzusehen.«

»Ich sagte Ihnen, dass er normales Französisch im Großen und Ganzen versteht. Verschlüsseln Sie, Kommissar.«

Adamsberg nickte. Um von Radstock nicht verstanden zu werden, hatte Danglard ihm geraten, sehr schnell und eintönig zu sprechen und manche Silben halb zu verschlucken, aber das auszuführen war Adamsberg unmöglich. Er setzte seine Worte ebenso langsam wie seine Schritte.

»Er hat überhaupt kein Verlangen danach«, sagte Danglard im Zeitraffer. »Er hat Erinnerungen dort, an die will er nicht rühren.«

»Was ist dieses ›dort‹ denn?«

»Es ist einer der absonderlichsten romantischen Friedhöfe des Abendlandes, die Maßlosigkeit schlechthin, eine Entfesselung von Kunst und Grauen. Schaurige Grabmäler, Mausoleen, ägyptische Skulpturen, Geächtete und Mörder. Das Ganze verstreut in der geordneten Wildnis eines englischen Gartens. Ein einmaliger, allzu einmaliger Ort, ein Schmelztiegel aller Wahnideen.«

»Einverstanden, Danglard. Aber was ist in dieser Wildnis passiert?«

»Schreckliche Dinge, und letztendlich gar nicht viel. Aber |25|es ist ein ›nicht viel‹, das für den, der es gesehen hat, schwer wiegen kann. Darum wird der Friedhof nachts überwacht. Darum fährt der Kollege nicht allein hin, darum sitzen wir hier im Auto, statt im Hotel in aller Ruhe einen zur Brust zu nehmen.«

»Einen zur Brust zu nehmen, mit wem, Danglard?«

Danglard verzog das Gesicht. Adamsbergs Auge entgingen die feinsten Faserungen des Lebens nicht, auch wenn diese Faserungen ein Säuseln, eine kaum wahrnehmbare Empfindung, ein Lufthauch waren. Natürlich hatte der Kommissar diese Frau auf dem Kongress längst bemerkt. Und während er selbst noch die Tatsachen in zermürbender Besessenheit immer und immer wieder analysierte, schien Adamsberg sich schon ein fest umrissenes Bild gemacht zu haben.

»Mit ihr«, warf Adamsberg in das Schweigen hinein. »Mit der Frau, die auf den Bügeln ihrer roten Brille herumbeißt, der Frau, die immer zu Ihnen herübersieht. Auf ihrem Anstecker steht ›Abstract‹. Ist das ihr Vorname?«

Danglard lächelte. Dass die einzige Frau seit zehn Jahren, die mal wieder seinen Blick gesucht hatte, sich »Abstrakt« nennen könnte, würde schmerzlich gut zu ihm passen.

»Nein. Das ist ihr Job. Ihre Aufgabe ist es, die Kurzfassungen der Vorträge einzuholen und zu verteilen. Ein Resümee nennt sich abstract

»Ah, sehr gut. Und wie heißt sie also?«

»Das habe ich nicht gefragt.«

»Der Vorname ist doch das Erste, was man wissen muss.«

»Ich möchte als Erstes wissen, was sie im Kopf hat.«

»Und das wissen Sie nicht?«, meinte Adamsberg überrascht.

»Wie sollte ich denn? Da müsste man sie zunächst mal fragen. Und wissen, ob man fragen darf. Und sich fragen, was man wissen darf.«

|26|Adamsberg seufzte und gab es auf, Danglard in seine hochgeistigen Mäander zu folgen.

»Dabei hat sie allerhand Ernstes im Kopf«, fuhr er fort. »Woran ein Glas mehr oder weniger heute Abend mitnichten etwas ändern wird.«

»Was für eine Frau?«, fragte Radstock auf Französisch, ungehalten darüber, dass die beiden Männer es fertigbrachten, ihn vom Gespräch auszuschließen. Und vor allem zu erkennen, dass der kleine Kommissar mit den zerzausten dunklen Haaren seine Angst durchschaut hatte.

Der Wagen war inzwischen auf der Höhe des Friedhofs angekommen, und plötzlich wünschte sich Radstock, die von Lord Clyde-Fox beschriebene Szene möge keine Vision sein. So dass der unbekümmerte kleine Franzose, dieser Adamsberg, seinen Teil vom Alptraum von Highgate abbekäme. Dass er ihn abbekäme und man ihn teilen könne, God. Dann würde man ja sehen, ob der kleine Bulle hinterher immer noch genauso gelassen wäre. Radstock brachte den Wagen dicht am Bürgersteig zum Stehen und stieg nicht aus. Er kurbelte die Scheibe zwanzig Zentimeter hinunter und brachte seine Stablampe in Stellung.

»Okay«, sagte er und warf im Rückspiegel einen Blick auf Adamsberg. »Teilen wir also.«

»Was sagt er?«

»Er fordert Sie auf, Highgate mit ihm zu teilen.«

»Ich habe nichts von ihm verlangt.«

»You’ve no choice«, sagte Radstock hart und öffnete die Wagentür.

»Ich habe verstanden«, sagte Adamsberg und hielt Danglard mit einer Geste zurück.

 

Der Gestank war widerlich und der Anblick schockierend, selbst Adamsberg erstarrte und hielt sich hinter seinem englischen Kollegen etwas zurück. Aus den rissigen Schuhen, |27|deren Schnürsenkel gelöst waren, ragten verweste Knöchel, man sah das dunkle Fleisch und die bleiche Färbung des sauber abgetrennten Schienbeins. Der einzige Unterschied gegenüber dem Bericht des Lords war, dass die Füße nicht einzutreten versuchten. Sie standen einfach da in ihren Schuhen, grausig und herausfordernd, standen auf dem Gehweg vor dem historischen Eingang zum Friedhof von Highgate. Sie bildeten einen akkurat angeordneten kleinen Haufen, unerträglich anzusehen. Radstock hielt seine Lampe mit weit ausgestrecktem Arm, das Gesicht von Abscheu verzerrt, er beleuchtete die sich zersetzenden Knöchel, die aus den Schuhen ragten, und suchte mit einer vergeblichen Handbewegung den Gestank des Todes wegzuwedeln.

»Bitte«, sagte Radstock in schicksalsergebenem, aggressivem Ton, indem er sich zu Adamsberg umwandte. »Bitte, das ist Highgate, der verfluchte Ort, und das seit hundert Jahren.«

»Hundertsiebzig«, präzisierte Danglard leise.

»Okay«, sagte Radstock und versuchte sich wieder zu fassen. »Sie können in Ihr Hotel zurückfahren, ich lasse meine Leute kommen.«

Radstock zog sein Telefon heraus, er lächelte seinen Kollegen gequält zu.

»Die Schuhe sind von mittelmäßiger Qualität«, sagte er, während er eine Nummer eingab. »Wenn wir Glück haben, sind es französische Schuhe.«

»Wenn die Schuhe es sind, sind es die Füße auch«, ergänzte Danglard.

»Ja, Denglarde. Welcher Engländer würde sich die Mühe machen, französische Schuhe zu kaufen?«

»Mit anderen Worten, wenn es nur von Ihnen abhinge, würden Sie uns diesen ganzen Horror gern über den Ärmelkanal schmeißen.«

»In gewisser Weise, ja. Dennison? Hier Radstock. Schick |28|mir die gesamte Mordkommission zum alten Friedhofsportal von Highgate. Nein, keine Leiche, nur ein Haufen billiger Schuhe, zwanzig Stück etwa. Mit den Füßen drin. Ja, den ganzen Stab, Dennison. Okay, gib ihn mir«, schloss er müde.

Superintendent Clems war im Yard, und der Freitagabend war immer besonders stressig. Es schien, als verhandelte man in den Büros und ließe Radstock am anderen Ende der Leitung warten. Danglard nutzte das Warten, um Adamsberg zu erklären, dass nur französische Füße akzeptieren würden, französische Schuhe zu tragen, und dass der Superintendent lebhaft wünschte, ihnen das Ganze über den Kanal schicken zu können, mitten ins Herz von Paris. Adamsberg nickte, die Hände im Rücken verschränkt, und lief langsam um den Haufen herum, den Blick nach oben auf die Friedhofsmauer gerichtet, um seinen Verstand auszulüften wie auch um sich vorzustellen, wohin diese toten Füße wohl gehen wollten. Sie wussten von Dingen, die Füße, die er nicht wusste.

»Ungefähr zwanzig, Sir«, wiederholte Radstock. »Ich bin vor Ort, ich sehe sie.«

»Radstock«, sagte die misstrauische Stimme des Vorgesetzten Clems, »was soll dieser Quatsch? Was soll das heißen, ›mit den Füßen drin‹?«

»God«, stöhnte Radstock. »Ich bin in Highgate, Sir, nicht in der Queen’s Lane. Schicken Sie mir nun die Leute, oder lassen Sie mich mit dieser Sauerei allein?«

»Highgate? Warum sagen Sie das nicht gleich, Radstock?«

»Ich sage nichts anderes seit einer Stunde.«

»Schon gut«, Clems klang auf einmal sehr versöhnlich, als hätte das Wort »Highgate« ein Alarmsignal ausgelöst. »Die Mannschaft kommt. Männer, Frauen?«

»Von allem etwas, Sir. Füße von Erwachsenen. In den Schuhen.«

»Wer hat Sie darauf aufmerksam gemacht?«

|29|»Lord Clyde-Fox. Er war es, der die Sauerei entdeckt hat. Er hat sich ein Glas nach dem anderen reingepfiffen, um darüber hinwegzukommen.«

»Gut«, sagte Clems rasch. »Und die Schuhe? Was für eine Qualität? Neu?«

»Ich würde sagen, zwanzig Jahre alt. Und ziemlich hässlich, Sir«, fügte er mit angestrengter Ironie hinzu. »Mit ein bisschen Glück können wir sie den Frenchies aufdrücken und wären das Problem los.«

»Kommt nicht in Frage, Radstock«, erwiderte Clems schroff. »Wir sind mitten in einem internationalen Kongress und erwarten Ergebnisse.«

»Das weiß ich, Sir, ich habe die beiden Kollegen aus Paris ja bei mir.« Radstock lachte kurz auf, er sah zu Adamsberg hinüber und griff zur gleichen List wie seine Kollegen, indem er seinen Sprechrhythmus in bemerkenswerter Weise beschleunigte.

Danglard war klar, dass der Superintendent, der sich gedemütigt hatte, als er sie bat, ihn zu begleiten, sich durch eine Flut kritischer Bemerkungen über Adamsberg nunmehr erleichterte.

»Wollen Sie damit sagen, dass Adamsberg in Person neben Ihnen steht?«, unterbrach ihn Clems.

»So ist es. Schläft der Kleine im Stehen, oder was?«

»Hüten Sie Ihre Zunge, und wahren Sie Distanz, Radstock«, befahl Clems. »Der ›Kleine‹, wie Sie sagen, ist eine Tretmine.«

So träge er auch erscheinen mochte, war Danglard doch kein ruhiger Mensch, und kaum eine Feinheit des Englischen entging ihm. Er verteidigte Adamsberg bedingungslos, ausgenommen die Kritik, die er sich selbst an ihm gestattete. Er riss Radstock das Telefon aus der Hand und stellte sich vor, während er sich langsam von den Geruchsschwaden der toten Füße entfernte. Und es schien Adamsberg, als würde der |30|Mann am Telefon sich ihm nach und nach als der bessere Angelgefährte denn Radstock erweisen.

»Verstehe«, räumte Danglard trocken ein.

»Es ist nichts Persönliches, Commandant Denglarde, glauben Sie mir«, sagte Clems. »Ich will Radstock nicht entschuldigen, aber er war damals vor über dreißig Jahren mit dabei. Nicht gerade ein Glückstreffer für ihn, wenn das jetzt sechs Monate vor der Pensionierung auf ihn zukommt.«

»Es ist doch eine alte Geschichte, Sir.«

»Nichts ist schlimmer als alte Geschichten, das wissen Sie. Alte Stümpfe treiben immer wieder aus, das kann jahrhundertelang so gehen. Ein wenig Nachsicht für Radstock, Sie können das nicht verstehen.«

»Ich kann. Ich kenne das Drama von Highgate.«

»Ich spreche nicht von der Ermordung des Wanderers.«

»Ich auch nicht, Sir. Wir sprechen vom historischen Highgate, hundertsechsundsechzigtausendachthundert Leichname, einundfünfzigtausendachthundert Gräber. Wir sprechen von den nächtlichen Vampirjagden der siebziger Jahre und auch von Elizabeth Siddal.«

»Sehr gut«, sagte der Superintendent nach einem Schweigen. »Nun, wenn Sie das alles wissen, dann müssen Sie auch wissen, dass Radstock beim letzten Einsatz mit dabei und dass er damals noch sehr unerfahren war. Halten Sie ihm das zugute.«

Die Verstärkung war eingetroffen, Radstock übernahm deren Leitung. Ohne ein Wort klappte Danglard das Telefon zu, steckte es seinem britischen Kollegen in die Tasche und ging zu Adamsberg zurück, der, an ein schwarzes Auto gelehnt, auf den niedergeschlagenen Estalère einzureden schien.

»Und was werden sie damit machen?«, fragte Estalère mit bebender Stimme. »Zwanzig Personen ohne Füße finden, um sie ihnen wieder anzukleben? Und dann?«

|31|»Zehn Personen«, korrigierte Danglard. »Bei zwanzig Füßen macht das zehn Personen.«

»Richtig«, gab Estalère zu.

»Aber wie’s aussieht, sind es nicht mehr als achtzehn. Wären also neun Personen.«

»Einverstanden. Aber wenn die Engländer ein Problem hätten mit neun Personen ohne Füße, dann wüssten sie es vermutlich schon, oder?«

»Falls es sich um Personen handelt. Falls es sich jedoch um Körper handelt, nicht unbedingt.«

Estalère schüttelte den Kopf.

»Falls die Füße Toten abgeschnitten wurden«, präzisierte Adamsberg. »Das macht dann neun Leichname. Die Engländer haben irgendwo neun Leichname ohne Füße und wissen es nicht. Ich frage mich«, fuhr er nachdenklich fort, »was ist eigentlich das Wort für ›Füße abschneiden‹? Jemandem den Kopf abschlagen heißt ›enthaupten‹. Bei den Augen sagt man ›enukleieren‹, bei den Hoden ›kastrieren‹. Aber was sagt man bei den Füßen? ›Epedestrieren‹?

»Nichts«, sagte Danglard, »man sagt nichts. Das Wort gibt es nicht, weil es den Akt nicht gibt. Das heißt, weil es ihn noch nicht gab. Ein Mensch aber auf dem unbekannten Kontinent hat ihn jetzt vollbracht.«

»Wie bei dem Schrankesser. Da gibt es auch kein Wort.«

»Wie wäre es mit Thekophag«, schlug Danglard vor.

|32|4

Als der Zug in den Tunnel unter dem Ärmelkanal einfuhr, atmete Danglard hörbar ein, dann biss er die Zähne zusammen. Die Hinreise hatte seine Furcht nicht gemindert, diese Passage unter dem Wasser erschien ihm immer noch inakzeptabel, es war ein Aberwitz, was die Reisenden taten. Er sah deutlich vor Augen, wie er mit hoher Geschwindigkeit dahinraste, bedeckt von Tonnen sich brechender Wogen.

»Man spürt förmlich das Gewicht«, sagte er und starrte an die Wagendecke.

»Da ist kein Gewicht«, erwiderte Adamsberg. »Wir sind nicht unter dem Wasser, wir sind unterm Fels.«

Estalère fragte, wie es denn möglich wäre, dass das Gewicht des Meeres nicht auf den Fels drückte, bis der Tunnel einbräche. Geduldig und bestimmt zeichnete Adamsberg für ihn das System auf eine Papierserviette: das Wasser, den Fels, die Ufer, den Tunnel, den Zug. Dann machte er die gleiche Skizzen noch einmal ohne Tunnel und ohne Zug, um ihm zu beweisen, dass ihr Vorhandensein nichts am Zustand der Dinge änderte.

»Dennoch«, meinte Estalère, »das Gewicht des Meeres muss doch auf etwas drücken.«

»Es drückt auf den Fels.«

»Dann drückt doch aber der Fels viel stärker auf den Tunnel.«

»Nein«, sagte Adamsberg und zeichnete das System von neuem auf.

Danglard machte eine gereizte Bewegung.

|33|»Man stellt sich das Gewicht eben vor. Diese ungeheuerliche Masse über uns. Das Versunkensein. Einen Zug unterm Meer fahren zu lassen ist die Idee eines Geisteskranken.«

»Nicht mehr, als einen Schrank zu verspeisen«, sagte Adamsberg, indem er seine Zeichnung schraffierte.

»Aber was hat Ihnen dieser Schrankesser bloß getan, verdammt? Wir reden seit gestern nur noch von ihm.«

»Ich versuche mich in sein Denken hineinzuversetzen, Danglard. Ich versuche die Gedanken des Schrankessers zu ergründen, oder die des Fußabschneiders, oder des Kerls, dessen Onkel von einem Bären verschlungen wurde. Gedanken von Menschen, die gleich Bohrmaschinen schwarze Tunnel unter dem Meer graben, von deren Existenz man zuvor nicht einmal etwas ahnte.«

»Wer wurde verschlungen?«, fragte Estalère, plötzlich hellwach.

»Der Onkel von einem Typen auf dem Packeis«, wiederholte Adamsberg. »Das war vor einem Jahrhundert. Es blieb von ihm nicht mehr als seine Brille und ein Schnürsenkel übrig. Der Neffe liebte seinen Onkel sehr. Von da an geriet alles ins Wanken. Er tötete den Bären.«

»Sehr vernünftig«, sagte Estalère.

»Aber er nahm das Fell mit nach Genf und schenkte es seiner Tante. Die es in ihrem Salon ausstellte. Danglard, der Kollege Stock hat Ihnen am Bahnhof einen Umschlag übergeben. Seinen Zwischenbericht, nehme ich an.«

»Radstock«, korrigierte Danglard in düsterem Ton, den Blick noch immer zur Wagendecke gerichtet, das Gewicht des Meeres überwachend.

»Interessant?«

»Uninteressant für uns. Es sind seine Füße, soll er sie behalten.«

Estalère zwirbelte eine Serviette zwischen seinen Fingern, er war sehr konzentriert, hielt den Kopf gesenkt.

|34|»Also wollte der Neffe«, unterbrach er, »der Witwe sozusagen ein Andenken des Onkels mitbringen?«

Adamsberg bejahte und wandte sich wieder Danglard zu.

»Sagen Sie mir trotzdem was zu dem Bericht.«

»Wann kommen wir heraus aus diesem Tunnel?«

»In sechzehn Minuten. Was hat Stock gefunden, Danglard?«

»Aber logischerweise«, begann Estalère zögernd, »wenn der Onkel in dem Bären war und der Neffe …«

Er unterbrach sich, senkte erneut nachdenklich den Kopf und kratzte sich seine blonden Haare. Danglard seufzte, sei es wegen der sechzehn Minuten, sei es wegen dieser ekelhaften Füße am Friedhofstor von Highgate, die er gern hinter sich gelassen hätte. Oder auch, weil Estalère, der ebenso beschränkt wie neugierig war, als einziger Mensch in der Brigade bei Adamsberg nicht das Nützliche vom Unnützen unterscheiden konnte. Unfähig, auch nur eine seiner Bemerkungen mal nicht zu beachten. Für den jungen Mann ergab jedes Wort des Kommissars zwangsläufig einen Sinn, den suchte er. Und für Danglard, dessen biegsamer Verstand schnellen Schrittes von Idee zu Idee eilte, bedeutete Estalère eine ärgerliche und kontinuierliche Zeitverschwendung.

»Wenn wir vorgestern nicht mit Radstock mitgegangen wären«, begann Danglard wieder, »wenn wir nicht auf diesen Spinner Clyde-Fox gestoßen wären, wenn Radstock uns nicht mit zum Friedhof geschleppt hätte, dann wüssten wir gar nichts von diesen niederträchtigen Füßen und würden sie ihrem Schicksal überlassen. Ihre Bestimmung ist britisch, und sie bleibt es.«

»Es ist nicht verboten, sich dafür zu interessieren«, sagte Adamsberg. »Wenn sie einem schon mal über den Weg laufen.«

Ganz offensichtlich, dachte Adamsberg, war es Danglard nicht gelungen, die Frau in London unter so beruhigenden |35|Umständen zu verlassen, wie er sich gewünscht hätte. Folglich gewann seine Angst wieder die Oberhand und schlich sich aufs Neue in die Furchen seiner Seele. Adamsberg stellte sich Danglards Verstand wie einen Block aus feinem Kalkstein vor, in den der Regen der Fragen unzählige Mulden gegraben hatte, und darin lagerten seine ungelösten Probleme. Jeden Tag waren drei oder vier dieser Mulden gleichzeitig aktiv, im Augenblick die Tunnelpassage, die Frau in London, die Füße von Highgate. So wie Adamsberg ihm erklärt hatte, war die Energie, die Danglard aufwandte, um die Fragen zu lösen und die Mulden zu reinigen, vollkommen vergeblich. Denn sobald eine der Mulden saniert war, wurde der Platz frei, um neue entstehen zu lassen, die sich mit weiteren bohrenden Fragen füllten. Und indem er sich unaufhörlich damit beschäftigte, verhinderte er das allmähliche Versanden und natürliche Auffüllen der Gruben.

»Kein Grund zur Sorge, sie wird von sich hören lassen«, versicherte Adamsberg.

»Wer?«

»Abstract.«

»Logisch betrachtet«, warf Estalère ein, der immer noch seinen Kurs verfolgte, »hätte der Neffe den Bären am Leben lassen und seiner Tante dessen Exkremente mitbringen müssen. Denn der Onkel war im Bauch des Bären und nicht in seinem Fell.«

»Genau«, sagte Adamsberg befriedigt. »Alles hängt von der Vorstellung ab, die der Neffe sich vom Onkel und vom Bären macht.«

»Und von seiner Tante«, fügte Danglard hinzu, beruhigt durch Adamsbergs Gewissheit hinsichtlich Abstracts und der Nachricht, die sie von sich geben würde. »Einer Tante, von der man nicht weiß, ob sie lieber das Fell oder die Exkremente des Bären als Ersatz für den Verblichenen haben wollte.«

|36|»Alles hängt von der Vorstellung ab, die man sich macht«, wiederholte Adamsberg. »Was war die Vorstellung des Neffen? Dass die Seele des Onkels sich im Bären verbreitet hatte bis in seine Fellspitzen hinein? Was für eine Vorstellung verband der Thekophag mit dem Schrank? Und der Fußabschneider? Welche Seele hauste für sie im Holz, in den Zehenspitzen? Was meint Stock, Danglard?«

»Lassen Sie diese Füße, Kommissar.«

»Sie erinnern mich an irgendetwas«, sagte Adamsberg unbestimmt. »An eine Zeichnung, oder an einen Bericht.«

Danglard hielt die Zugbegleiterin an, die gerade mit Champagner durch den Wagen kam, nahm ein Glas für sich und eins für Adamsberg und stellte beide auf sein eigenes Bord. Adamsberg trank selten und Estalère fast nie, weil sich ihm beim Genuss von Alkohol der Kopf drehte. Man hatte ihm erklärt, dass genau dies das angestrebte Ziel sei, und dieses Prinzip hatte ihn verblüfft. Wenn Danglard trank, betrachtete er ihn heimlich mit unverhohlener Neugier.

»Vielleicht«, hob Adamsberg wieder an, »war es auch die nebulöse Geschichte eines Mannes, der in der Nacht seine Schuhe suchte. Oder der gestorben war und zurückkehrte, um nach seinen Schuhen zu verlangen. Ob Stock sie kennt?«

Danglard stürzte rasch das erste Glas hinunter, löste seinen Blick von der Decke und sah Adamsberg halb neidisch, halb resigniert an. Es kam vor, dass Adamsberg sich sammelte und in einen gezielten und gefährlichen Angreifer verwandelte. Das war selten, aber dann war es möglich, ihm Widerstand zu bieten. Weniger Angriffsflächen hingegen bot er, wenn seine Gedankenmaterie sich in bewegliche Blöcke teilte, was meistens der Fall war. Und überhaupt keine mehr, wenn dieser Zustand sich bis zu ihrem Auseinanderdriften steigerte wie im Augenblick, befördert vom Schaukeln des Zuges, das alle Bindungen löste. Dann schien Adamsberg sich wie ein Taucher vorwärtszubewegen, Körper |37|und Denken schwerelos treibend und ohne Ziel. Seine Augen folgten diesem Schlingern und nahmen das Aussehen von Braunalgen an, die in seinem Gegenüber einen Eindruck von Unschärfe, von Schweben oder Nichtvorhandensein erweckten. Adamsberg in seine Extremzustände begleiten hieß in tiefes Wasser gelangen, zu den trägen Fischen, dem öligen Schlick, den wabernden Medusen, hieß undeutliche Umrisse und verschwommene Farbtöne sehen. Wenn man ihn allzu lange dahin begleitete, riskierte man, im lauen Wasser einzuschlafen und unterzugehen. In solchen besonders wässrigen Augenblicken konnte man mit ihm nicht diskutieren, ebenso wenig wie man mit der Gischt, dem Schaum, den Wolken hätte reden können. Danglard hatte eine rasende Wut auf ihn, dass er ihn schon wieder in diese Untiefe hinabzog, wo er doch gerade die zweifache Prüfung der Kanalunterquerung und der Ungewissheit über Abstract durchmachte. Es verdross ihn auch, dass er Adamsberg so oft in seine Nebel folgte.

Er goss sein zweites Glas Champagner hinunter und rief sich schnell Radstocks Bericht in Erinnerung, um klar umrissene, genaue und beruhigende Fakten herauszufiltern. Adamsberg sah das, und er hatte keine Lust, Danglard das Entsetzen zu erklären, das diese Füße in ihm ausgelöst hatten. Der Schrankesser, die Geschichte mit dem Bären, sie waren nur bedeutungslose Ablenkungen bei dem Versuch, das Bild des Gehsteigs vor Highgate zu verdrängen, es von sich selbst und dem noch verletzlichen Gemüt von Estalère fernzuhalten.

»Es sind siebzehn Füße«, sagte Danglard, »also acht Paar und ein einzelner Fuß. Folglich neun Personen.«

»Personen oder Körper?«

»Körper. Es scheint sicher, dass sie post mortem abgenommen wurden, mit einer Säge. Fünf Männer und vier Frauen, alles Erwachsene.«

|38|Danglard machte eine Pause, aber Adamsbergs Algenblick wartete angestrengt auf die Fortsetzung.

»Diese Entnahmen erfolgten an den Toten mit Sicherheit vor ihrer Bestattung. Radstock vermerkt dazu: ›Im Leichenschauhaus? In den Kühlkammern der Beerdigungsinstitute?‹ Und nach der Form der Schuhe zu urteilen – was zu präzisieren bliebe –, wäre all das vor zehn oder zwanzig Jahren geschehen und hätte sich über einen langen Zeitraum erstreckt. Kurz, ein Mensch, der im Laufe der Zeit mal hier, mal da ein Paar Füße abgeschnitten hat.«

»Bis er das Sammeln leid war.«

»Wer sagt, dass er es leid ist?«

»Genau dieser Vorfall. Stellen Sie sich doch mal vor, Danglard. Da trägt dieser Mensch zehn oder zwanzig Jahre lang seine Trophäen zusammen, und das ist eine teuflisch schwierige Arbeit. Gewissenhaft lagert er sie in einer Gefriertruhe. Bemerkt Stock dazu was?«

»Ja. Es wurde mehrmals eingefroren und wieder aufgetaut.«

»Also holte der Fußabschneider sie von Zeit zu Zeit heraus, um sie sich anzusehen oder weiß Gott, was sonst. Vielleicht, um sie woanders hinzubringen.«

Adamsberg lehnte sich zurück, und Danglard warf einen Blick an die Wagendecke. Noch ein paar Minuten, und sie wären raus aus der Brühe.

»Und eines Abends«, hob Adamsberg wieder an, »trotz all der Mühe, die ihm dieses Sammeln bereitet hat, gibt der Fußabschneider seinen kostbaren Besitz auf. Einfach so, stellt ihn auf die Straße. Lässt alles stehen und liegen, als wenn er kein Interesse mehr daran hätte. Oder – und das wäre noch viel beunruhigender – als ob ihm das nicht mehr genügte. Genau wie die Sammler, die ihre Beute abstoßen, um sich in ein neues Unterfangen zu stürzen, durch das sie ihre Sammelleidenschaft auf ein höheres und noch vollkommeneres |39|Niveau heben werden. Der Fußabschneider geht zu etwas anderem über. Etwas Besserem.«

»Also Schlimmerem.«

»Ja. Er schreitet tiefer in seinen Tunnel hinein. Stock hat allen Grund, sich Sorgen zu machen. Wenn es ihm gelingt, die Spur zurückzuverfolgen, wird er noch in erstaunliche Bereiche eindringen.«

»Und wohin wird ihn das führen?«, fragte Estalère, indem er die Wirkung des Champagners auf Danglard beobachtete.

»Bis zu dem unfassbaren, grauenvollen, alles verschlingenden Ereignis, das die ganze Geschichte ausgelöst hat und am Ende in Verirrungen mündet, die in Schuhen oder Schränken hausen. Dahinter öffnet sich der schwarze Tunnel mit seinen Stufen und seinen Gängen. Und in den wird Stock hinabsteigen müssen.«

Adamsberg schloss die Augen und schien ohne erkennbare Überleitung in einen Zustand von Schlaf oder Flucht zu sinken.

»Man kann aber nicht mit Sicherheit davon ausgehen, dass der Fußabschneider den Kurs ändert«, beeilte sich Danglard zu entgegnen, bevor Adamsberg sich ihm gänzlich entziehen würde. »Noch dass er sich seiner Sammlung entledigt. Alles, was man weiß, ist, dass er sie vor Highgate hingestellt hat. Und, verdammt, das ist nicht wenig. Man könnte auch sagen, er habe ein Opfer dargebracht.«

Der Zug fuhr schnaufend ins Freie, und Danglards Stirn glättete sich. Sein Lächeln machte Estalère Mut.

»Commandant«, murmelte er, »was ist eigentlich in Highgate passiert?«

Wie so oft und ohne es je gewollt zu haben, legte Estalère den Finger auf die entscheidende Stelle.

|40|5

»Ich weiß nicht, ob es so gut ist, die Geschichte von Highgate zu erzählen«, meinte Danglard, der ein drittes Glas Champagner für den Brigadier bestellt hatte und es an seiner Stelle trank. »Vielleicht ist es besser, nicht mehr darüber zu reden. Es ist einer von diesen großen Tunneln, die Menschen bohren, nicht wahr, Kommissar, und ein sehr alter, lange vergessener. Vielleicht ist es besser, man lässt ihn in sich zusammenstürzen. Denn das Problem, wenn so ein Irrer einen Tunnel öffnet, ist, dass andere Leute ihn hinterher für sich benutzen können, wie Radstock es ausgedrückt hat. Genau das ist mit Highgate geschehen.«

Mit dem entspannten Ausdruck eines Menschen, der eine unterhaltsame Geschichte hören wird, wartete Estalère auf die Fortsetzung. Danglard betrachtete sein heiteres Gesicht und war unsicher, was er tun sollte. Estalère in den Tunnel von Highgate mitzunehmen hieß, das Risiko einzugehen, dass man seine Arglosigkeit gefährdete. In der Brigade war es üblich, von Estalères »Arglosigkeit« zu reden statt von seiner Dummheit. In vier von fünf Fällen lag Estalère nämlich voll daneben. Aber seine Naivität brachte mitunter auch die unerwarteten Segnungen der Unschuld hervor. Es kam vor, dass die Böcke, die er schoss, auf Spuren führten, so simpel und naheliegend, dass keiner darauf gekommen war. In den meisten Fällen aber waren Estalères Fragen Bremsklötze. Man bemühte sich, geduldig darauf zu antworten, einerseits weil man ihn mochte, andererseits weil Adamsberg meinte, eines Tages würde der Knoten bei ihm platzen. |41|Man versuchte daran zu glauben, und an dieses kollektive Bemühen hatte man sich gewöhnt. Danglard unterhielt sich in Wahrheit gern mit Estalère, wenn er Zeit hatte. Denn dabei konnte er einen Haufen Kenntnisse abspulen, ohne dass der junge Mann jemals ungeduldig wurde. Er warf einen Blick auf Adamsberg, der mit geschlossenen Augen dasaß. Er wusste, dass der Kommissar nicht schlief und ihn sehr wohl hörte.

»Warum willst du das wissen?«, fuhr er fort. »Diese Füße gehören Radstock. Und jetzt befinden sie sich auf der anderen Seite des Meeres.«

»Sie haben gesagt, es könnte eine Opfergabe sein. Für wen? Hat Highgate einen Besitzer?«

»In gewisser Weise schon. Es hat einen Gebieter.«

»Und wie heißt er?«

»Die Entität«, antwortete Danglard mit einem Schmunzeln.

»Seit wann?«

»Der alte Teil des Friedhofs, der Westteil, vor dem du vorgestern gestanden hast, wurde 1839 eröffnet. Aber auch dir wird einleuchten, dass der Gebieter dort schon viel früher gewohnt haben kann.«

»Ja.«

»Viele sagen, eben weil die Entität schon vorher dort lebte, in der alten Kapelle auf der Anhöhe von Hampstead Heath, wurde der Ort zwangsläufig für die Einrichtung eines Friedhofs gewählt.«

»Ist es eine Frau?«

»Ein Mann. Mehr oder weniger. Und man sagt, es wäre seine Macht gewesen, die die Toten und den Friedhof angezogen hätte. Verstehst du?«

»Ja.«

»Man beerdigt seit langem nicht mehr in diesem Westteil, es ist ein historischer Ort geworden, und weltbekannt. Es |42|gibt ganz außergewöhnliche Grabmäler dort, Merkwürdigkeiten aller Art, und sehr berühmte Tote. Charles Dickens und Marx, zum Beispiel.«

Ein Schatten des Unbehagens ging über das Gesicht des Brigadiers. Estalère versuchte seine Unwissenheit nie zu verbergen, auch nicht die sehr große Sorge, die sie ihm bereitete.

»Karl Marx«, präzisierte Danglard. »Er hat ein bedeutendes Buch geschrieben. Über den Klassenkampf, die Ökonomie, all diese Sachen. Daraus ist dann der Kommunismus entstanden.«

»Ja«, registrierte Estalère. »Aber hat das was mit dem Besitzer von Hampstead zu tun?«

»Sag lieber ›dem Meister‹, so ist es üblich. Nein, Marx hat nichts mit ihm zu tun. Ich habe ihn nur genannt, um dir zu erklären, dass Highgate West in der ganzen Welt bekannt ist. Und sehr gefürchtet.«

»Ja, denn auch Radstock hatte Angst. Warum?«

Danglard zögerte. Wo sollte er anfangen mit dieser Geschichte? Und sollte er überhaupt?

»An einem Abend vor fast vierzig Jahren«, sagte er, »im Jahr 1970, waren zwei junge Mädchen auf dem Heimweg von der Schule und nahmen eine Abkürzung über den Friedhof. Atemlos und vollkommen verstört kamen sie zu Hause an, sie waren von einer schwarzen Silhouette verfolgt worden und hatten Tote aus ihren Gräbern steigen sehen. Eines der Mädchen wurde krank und fortan zur Schlafwandlerin. Während ihrer Anfälle lief sie zum Friedhof und begab sich immer zu derselben Gruft. Zur Gruft des Meisters, so sagte man damals, des Meisters, der sie rief. Man lauerte ihr auf, man ging ihr nach und fand an dem Ort Dutzende von ausgebluteten Tierkadavern. Die Nachbarschaft bekam es mit der Angst zu tun, der Lärm schwoll an, die Zeitungen stürzten sich auf das Phänomen, eine Hysterie brach aus. Neben |43|anderen Erleuchteten begab sich auch ein Exorzistenpriester an die Stätte, um den Geist des ›Meisters von Highgate‹ auszutreiben. Sie drangen in die Gruft ein und stießen auf einen Sarg ohne Namen, der anders dastand als die übrigen. Sie öffneten ihn. Was nun kommt, ahnst du.«

»Nein.«

»Es lag ein Körper im Sarg, aber es war weder der Körper eines Lebenden noch der eines Toten. Er lag da und war vollkommen konserviert. Es war ein Mann, ein namenloser Unbekannter. Der Erleuchtete zögerte, ihm das Herz mit dem Pfahl zu durchbohren, denn die Kirche untersagt es.«

»Warum wollte er es durchbohren?«

»Estalère, du weißt nicht, wie man Vampire unschädlich macht?«

»Ach so«, sagte der junge Mann bedächtig, »es war ein Vampir.«

Danglard seufzte und wischte über die beschlagene Fensterscheibe.

»Das dachten zumindest die Erleuchteten, und deshalb waren sie auch mit Kruzifixen, Knoblauch und Pfählen gekommen. Vor dem offenen Sarg sprach der Erleuchtete die Beschwörungsformel: Tritt hervor, heimtückisches Wesen, Träger aller Übel und aller Falschheiten. Entweiche von diesem Ort, verruchte Kreatur.«

Adamsberg schlug die Augen auf, hellwach.

»Sie kennen die Geschichte?«, fragte Danglard etwas feindselig.

»Nicht diese, aber andere. Und in diesem Augenblick hören die Versammelten ein gewaltiges Grollen, einen unmenschlichen Lärm.«

»Genau das geschah. Ein grauenhaftes Stöhnen hallte in der Gruft wider. Der Erleuchtete warf schnell seinen Knoblauch und versiegelte den Eingang des Grabmals mit Ziegelsteinen.«

|44|Adamsberg zuckte die Schultern.

»Man hält einen Vampir nicht mit Ziegelsteinen auf.«

»In der Tat, die Methode funktionierte nicht. Vier Jahre später ging das Gerücht um, in einem Haus in der Nachbarschaft spuke es, einem alten viktorianischen Gebäude von gotischem Baustil. Der Illuminat durchsuchte das Haus und fand im Keller einen Sarg, den er als denjenigen wiedererkannte, den er vier Jahre zuvor in der Gruft eingemauert hatte.«

»War ein Körper darin?«, fragte Estalère.

»Das weiß ich nicht.«

»Es gibt noch eine ältere Geschichte, nicht wahr?«, sagte Adamsberg. »Denn sonst hätte Stock nicht solche Angst gehabt.«

»Die zu erzählen habe ich keine Lust«, grummelte Danglard.

»Stoc ...

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