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Der uns lebendig macht

Inhalt

Titelei

Durch den Heiligen Geist inspiriert

1. Aber bitte spritzig!

2. Wirksamer Geist

3. Vielerlei Geister

4. An den Geist glauben

Der Heilige Geist und seine Dynamik

1. Die Kraft des Geistes empfangen

2. Der Geist des Lebens

3. Inwiefern heilig?

4. Der Geist als schöpferische Person

5. Vom Geist ergriffen

6. Was will das werden?

7. Der Geist als Band der Liebe

8. Heil’ger Geist, du Tröster mein

9. Gottes Gabe an die Menschen

10. Geistesgegenwart und Lebenserneuerung

In der Kraft des Heiligen Geistes glauben und leben

2. Gott erkennen

3. Wie können wir glauben?

4. Glauben bekennen

5. Gott recht sein

6. Lob der guten Werke

7. Ihr sollt heilig sein!

8. Fortsetzung des christlichen Weges

9. Unterwegs im Glauben

10. Zur Freiheit befreit

Gemeinschaft der Heiligen

1. Kirche in der Kraft von Gottes Geist

2. Das Wesen der Kirche

3. Verheißungsvolle und kritische Anfänge

4. Gestalt und Gestaltung der Kirche

5. Begabte Gemeinde

6. Einander gelten lassen

7. Beseelt vom Geist

8. Kirche als Raum des Geistes

9. Der Geist verbindet

10. Ämter und Dienste der Gemeinde

11. Einheit und Zukunft der Kirche

12. Ich bin bei euch alle Tage

Komm, Schöpfer Geist!

1. Wort und Geist

2. Heilige Wahrzeichen

3. Vom Geist inspirierte Hoffnung

4. Augenblicke der Ewigkeit

5. Gedrängte Zeit

6. Im Wortwechsel mit Gott

7. Betend den Alltag unterbrechen

8. Der uns lebendig macht

Quellennachweis S. 67

Durch den Heiligen Geist inspiriert

1. Aber bitte spritzig!

Mein rheinhessischer Winzer bietet mir sein „Gute-Laune-Paket ‚Sommerspirit‘“ an. Als Inhalt winken ein als „spritzig“ und „quirlig“ ausgewiesener Riesling feinherb, ein „strahlender“ Grauburgunder und das als „Spaßmacher“ bezeichnete Cuvée Summertime. Das Wort „spirit“ weckt Erwartungen an einen Genuss, der den Sommer überdauert. Spirit, esprit, Geist: Diese Begriffe sind tief in unserer Lebenswelt und Sprache verankert. Gelegentlich ist ihr ursprünglich religiöser Sinn vollkommen verdeckt, bisweilen schimmert er noch durch. Darum ist es reizvoll, dem Phänomen Geist auf den Grund zu gehen.

„Aus dem Nichts alles herauszuholen, was nicht darinnen war, [ist] ein wunderbares Glück göttlicher Schöpfungskraft“, schreibt der Maler des Expressionismus Emil Nolde (1867–1956) am 4. August 1941 in sein Notizheft (Worte am Rande, 15). Indirekt spielt er auf die Vorstellung einer göttlichen Schöpfung aus dem Nichts an, dem sich alles Dasein verdankt (vgl. 2. Makkabäer 7,28). Jener kreative Akt göttlicher Schöpfungskraft, auf den Nolde auch sein eigenes künstlerisches Schaffen zurückgeführt hat, lässt sich als Werk von Gottes schöpferischem Geist verstehen. Dieser haucht die geschaffene Welt an und verleiht ihr in einem inspirierenden Akt Leben.

Inspiration gehört zu den Schlüsselwörtern des modernen Lebensgefühls. Dieses häufig verwendete Wort scheint vordergründig ein profaner Begriff zu sein. Wer aber dem Sinn und dem Ursprung von Inspiration auf den Grund geht, stellt fest, dass es sich dabei um einen religiös geprägten Begriff handelt. Inspiration kommt ähnlich wie Kreativität gleichsam von oben. Doch in der Moderne begegnet häufig die Auffassung, dass der inspirierte Mensch von heute keinen Bezug zum Himmel hat. Möglicherweise beschleicht manche Menschen die Furcht, als allzu sentimental oder, schlimmer noch, als allzu fromm zu gelten. Aber es hilft ihnen nichts: Inspiration hat einen Ursprung, und dieser liegt nicht in der Person dessen, dem Kreativität zugeschrieben wird. Das gilt in besonderer Weise für die Inspiration, von der ein Künstler beseelt ist.

Christen glauben, dass Gottes Odem – ein altes Wort für Atem – und sein schöpferisches Wort die Welt ins Dasein gerufen haben und den einzelnen Menschen mit Geist erfüllen. Sie führen die Inspiration, die keineswegs nur in den religiösen Biotopen des Lebens eine Rolle spielt, auf Gott zurück. So gesehen hat Gottes Geist nicht nur eine Funktion für Religion und Glauben, sondern auch für Kunst, Kultur und viele weitere Lebensäußerungen. Ein von Gottes Geist inspirierter Mensch öffnet sich für das verheißungsvolle Experiment, dieser Inspiration im eigenen Leben Raum und Gestalt zu geben.

Auf die Frage, was er vom Heiligen Geist halte, antwortet der Philosoph Wilhelm Schmid: „Der [Heilige Geist] leuchtet mir sehr ein. Inspiration heißt, dass etwas in mich fährt und dann in Form eines Gefühls oder einer Idee aufblitzt. Es ist ein energetisch angeregter Zustand. Das wird jeder Künstler, jeder Wissenschaftler, jeder Ingenieur, möglicherweise auch jeder Politiker bestätigen, der eine Inspiration hat“ (Die ZEIT, Nr. 20, 13.5.2015, 58). Die göttliche Eingebung – die Inspiration – ist der Ausdruck dafür, dass es Bereiche des menschlichen Daseins gibt, die sich einer rein rationalen Beschreibung entziehen. Inspiration ist eine Bezeichnung dafür, dass es etwas Unverfügbares gibt und dieses Unverfügbare in einem Ansturm von Überraschung und Verblüffung in das Leben eindringt. Inspiration belebt, hat einen Ursprung und richtet sich an einen Adressaten.

Dieses Buch geht von der begründeten Annahme aus, dass Inspiration ihren Ursprung bei Gott hat und den Menschen samt der ihn umgebenden Welt erneuert. Wir folgen den Spuren des Gottesgeistes und verstehen ihn als eine lebendige und belebende Kraft. Die Existenz und Wirksamkeit dieses Geistes werden in unterschiedlichen Blickrichtungen erkundet:

– in seiner ihm eigenen Kraft und Dynamik;

– in seiner existenziellen Bedeutung für das Leben;

– in seinem Wirken in den Glaubenden;

– in seiner Gegenwart in der Kirche;

– in seiner Wirkung in der Wortverkündigung, bei der Feier der Sakramente, in der christlichen Hoffnung und im Gebet.

In diesen Lebensbereichen lässt sich der Geist Gottes als ein Geist entdecken, der lebendig macht. Er teilt dem Menschen und der ganzen Kreatur seine Leben stiftende und lebendig machende Kraft mit. So gesehen ist die Rede vom Heiligen Geist ein ausgesprochen erfreuliches Thema des christlichen Glaubens, weil der Geist Vertrauen, Freude, Liebe und nicht zuletzt Spritzigkeit in das Leben einträgt.

2. Wirksamer Geist

In der Geschichte der christlichen Theologie wurden zahlreiche Versuche gemacht, Ursprung, Wesen und Wirkung des Gottesgeistes zu beschreiben. Einer der wichtigsten reformatorischen Texte, der Heidelberger Katechismus von 1563, gibt auf die Frage, was ein Mensch vom Heiligen Geist glaubt, die Auskunft: „Der Heilige Geist ist auch mir gegeben und gibt mir durch wahren Glauben Anteil an Christus und allen seinen Wohltaten“ (Frage 53). Gott wirkt durch seinen Geist am zerbrechlichen und verletzlichen Menschen. Dieser wird nicht auf sich selbst und seine eigenen Grenzen zurückgeworfen. Vielmehr reißt über seinem Leben gleichsam der Himmel auf. Göttliche Inspiration dringt in sein Herz und in seinen Verstand. Seine eigene Größe und Macht halten Gott nicht davon ab, den einzelnen Menschen wertzuschätzen und ihn in Bewegung zu versetzen. In der Kraft von Gottes Geist bleiben Menschen auf Dauer mit dem dreieinigen Gott verbunden. Ihr Glaube ist die Antwort auf diese Verbindung und verleiht ihr einen Ausdruck.

„Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein“ (EG 132). Diese Strophe des Pfingstkanons bringt in Anlehnung an die Verheißung des auferstandenen Christus (Apostelgeschichte 1,8) zum Ausdruck, dass Gottes Geist mehr ist als eine fromme Einbildung. Gottes Geist ist eine Wirklichkeit, real und wirksam zugleich. Hält man Gottes Geist für eine fromme Fantasie, dann traut und mutet man der menschlichen Fantasie zu viel zu. Sie kann zwar manches Gedankenkonstrukt ersinnen und entspinnen – aber auf die Idee eines Gottesgeistes würde sie wohl kaum kommen.

Dem Heiligen Geist kann zugesprochen werden, dass er eine Wirklichkeit ist. Zugleich erweist er sich in der Welt und im Leben der Menschen als wirksam. Dem gilt es mit Hilfe der Theologie auf die Spur zu kommen. In dieser gedanklichen Arbeit steckt Verheißung und das Versprechen, einen Blick für das Wesen und Wirken des Geistes zu gewinnen. Wer sich über den Geist kundig macht, vermag ihn auch in seinen Wirkungen immer deutlicher zu entdecken – an sich selbst, an anderen, an der Schöpfung, an der Kirche und an der Welt.

In der Bibel ist vielfach und vielfältig vom Gottesgeist die Rede. Manche dieser Aussagen müssen erklärt werden. Wir werden uns nicht damit begnügen können, Sätze über den Geist einfach nur als gegeben hinzunehmen und nachzusprechen. Vielmehr geht es darum, diese Aussagen gedanklich nachzuvollziehen und auf die eigene Gegenwart und das eigene Leben zu beziehen.

Die Aussage, dass der Heilige Geist lebendig macht, mag als Glaubenssatz unmittelbar einleuchten. Doch selbstverständlich ist die Zustimmung zu diesem Satz keineswegs. Über Jahrhunderte hinweg sind die Kirchen und das theologische Denken dem Heiligen Geist und seinen Wirkungen mit teils offener und mit teils verdeckter Skepsis begegnet. Manche sprechen von einer Geistvergessenheit in den Kirchen und besonders im Protestantismus. Diese Geistvergessenheit hat Gründe. Einer von ihnen liegt darin, dass der Geist und sein Wirken von einer Dynamik angetrieben sind, die schwer zu kontrollieren ist. Der Geist ist dem Verdacht ausgesetzt, den Glauben und die Kirche in eine Unruhe zu versetzen, die Irritation und bisweilen Angst auslöst. Dass eine solche Unruhe heilsam sein kann, war nicht im Blick. Zu denken ist an die spannungsreiche Geschichte der Kirchen im 16. Jahrhundert und in den Folgejahrhunderten im Umgang mit den Täufern. Die vom Geist beseelten Täufer waren insbesondere der werdenden evangelischen Kirche suspekt. Sie galten als aufrührerisch und – wie der Geist, auf den sie sich beriefen – als kaum kontrollierbar. Aus Angst vor Kon-trollverlust tolerierten die Kirchen leider sogar Gewalt gegen die Täufer. Es zählt zu den trüben Kapiteln der Reformation, dass diese Auseinandersetzungen nicht nur mit Worten, sondern auch mit Gewalt ausgetragen wurden. Viele Täufer wurden verfolgt, vertrieben und einige hingerichtet – so wie es 1527 an Felix Manz geschah, der im Zürcher Stadtfluss Limmat ertränkt wurde. In der Skepsis und Abwehr gegenüber den Wirkungen des Geistes liegen nicht nur theologische Versäumnisse, sondern ist auch eine Schuldgeschichte verborgen.

In der Neuzeit wurde die Wahrnehmung des Heiligen Geistes gelegentlich zugunsten einer breit ausgeführten Glaubenslehre in den Hintergrund gedrängt. Die Wirkung des Geistes, den Glauben zu wecken, rückte in einem Maße in den Vordergrund, dass zunehmend der Glaube selbst, sein frommes Gefühl und seine Entwicklung als das eigentlich Entscheidende betrachtet wurden. Hinter ihnen trat die inspirierende Kraft des Heiligen Geistes zurück. Indem das Gewicht so stark auf den Menschen verlagert worden ist, wurde zuweilen unklar, von welchem Geist eigentlich die Rede ist – vom Menschengeist oder vom Gottesgeist (siehe dazu S. 54ff).

3. Vielerlei Geister

Das Wort „Geist“ ist vieldeutig. Ein Philosoph, der sich von Aristoteles (384–322) oder Georg Wilhelm Hegel (1770–1831) hat belehren lassen, verbindet mit dem Wort „Geist“ in erster Linie einen intellektuellen Sachverhalt. Für ihn ist „Geist“ der Ausdruck einer lebendigen Gedankenbewegung, in der sich eine Wirklichkeit erschließt. Ein geistreicher Mensch ist demnach ein Mensch, der von vielfältigen Gedanken erfüllt ist und kluge Einfälle hat. Den Charme einer solchen intellektuellen Schaffenskraft charakterisiert die französische Sprache mit dem kaum übersetzbaren Ausdruck „esprit“. Zwischen reflektierten Geistvorstellungen einerseits und populären Assoziationen zum Geist wie „Poltergeist“ oder „Flaschengeist“ andererseits haben sich weitere Bedeutungen angesiedelt. Sie bringen sowohl die Lebendigkeit als auch die Unfassbarkeit und Ungreifbarkeit von bestimmten Ideen und Gedanken zum Ausdruck.

Auf der Linie des lateinischen Begriffs „animus“ wird mit Geist das leibseelische Zentrum der Persönlichkeit eines Menschen bezeichnet: sein Gemüt, sein Bewusstsein, die sogenannten Lebensgeister, die gelegentlich ermüden und geweckt werden müssen. Das Wort „Geist“ kann auch auf den verborgenen Sinn eines Textes hinweisen. Wer im Geiste eines Vertrags handelt, geht anders mit dem Text um als jemand, der sich nur am Textbuchstaben festhält. Er handelt situationsgerecht und schöpferisch. Ferner kann das Wort „Geist“ auch für menschliche Beziehungen stehen. Die einen Menschen handeln im Geist des Vertrauens, des Friedens und der Gerechtigkeit; andere lassen den zerstörerischen Geist der Rache und Vergeltung in sich wüten. In diesen Fällen gewinnt das Wort „Geist“ die Bedeutung von Atmosphäre und Klima.

Es gibt vielerlei Geister, die zumindest zwei Gemeinsamkeiten haben: Was auch immer unter dem Geist verstanden wird – es handelt sich erstens um Sachverhalte, die nicht auf der Ebene der sichtbaren Dinge angesiedelt sind und gerade auf diese Weise bemerkenswerte Wirkungen haben. Und es geht zweitens um vielschichtige und komplexe Vorgänge, die auf Klärung und auf die Unterscheidung der Geister angewiesen sind (vgl. 1. Korinther 12,10).

Vom Geist ist nahezu inflationär die Rede – außerhalb und innerhalb der Religion und des Glaubens. In unterschiedlicher Nähe zu den klassischen Kirchen üben charismatische Bewegungen auf einige Menschen ein hohes Maß an Anziehungskraft aus. Manche dieser Gemeinschaften setzen auf besondere Geistwirkungen und Geisterlebnisse. Abseits von den Kirchen und Glaubensgemeinschaften berufen sich im Bereich der Esoterik weltanschauliche Gruppierungen auf das Wirken von Geistkräften. Von diesen erwarten sie Erleuchtung, Klarheit und Erkenntnis. Neuere Strömungen der Geistbewegung propagieren ein neues Zeitalter des Geistes. Doch welcher Geist oder welche Geister jeweils gemeint sind und herbeigerufen werden, bleibt oft unklar. Eins jedoch ist unübersehbar: Es lässt sich ein neuer Spiritualismus innerhalb und außerhalb von Religion und Kirche beobachten. Spiritualität ist in Mode. Doch gerade hier bleibt kritisch zu fragen, in welchem Maße romantisierende oder am ekstatischen Erlebnis orientierte Formen von Spiritualität sich zu Recht auf den in der Bibel bezeugten Heiligen Geist berufen können. Da der Geist Hochkonjunktur hat, muss kritisch danach gefragt werden, welcher Geist eigentlich gemeint ist. Es gibt vielerlei Geister, und gerade darum ist es wichtig, diese voneinander zu unterscheiden.

Zur Unterscheidung der Geister hat sich Martin Luther (1483–1546) im Großen Katechismus von 1529 so geäußert: „Es sind sonst mancherlei Geist in der Schrift als Menschengeist, himmlische Geister und böser Geist. Aber Gottes Geist heißet allein ein heiliger Geist, das ist, der uns geheiligt hat und noch heiliget […]‚ so soll […] der heilige Geist […] ein Heiliger oder Heiligmacher heißen“ (BSELK, 1058). Die Unterscheidung der Geister vollzieht sich also in dieser Weise: Gott der Heilige Geist unterscheidet sich selbst vom Geist der Welt und definiert sich als der Heilige Geist. Als solcher stiftet er neue Verhältnisse. Er begründet im Menschen ein neues Verhalten und ein Neuverstehen seiner selbst. Und er schafft am Ende sogar neues Leben, das ein verwandeltes Leben aus Gott heraus ist. Solche Wirkungen hat kein anderer Geist – weder der menschliche Geist noch irgendwelche vorgeblich auf den Menschen einwirkenden oder von ihm ausgehenden spirituellen Kräfte.

Nicht alles, was sich auf Gottes Geist beruft und geistige Vollmacht für sich beansprucht, stammt wirklich von Gott. Schließlich gibt es auch solche Geister, die sich gegen das Wirken des Gottesgeistes richten. Schon im Alten Testament wird die Falschprophetie, die verkündigt, was die Menschen gerne hören wollen, als Lüge entlarvt. Da sie unter dem Einfluss des Lügengeistes steht, verblendet sie die Menschen und führt sie von der Wahrheit ab (vgl. 1. Könige 22,18–23). Der Geist der Wahrheit wird dem Geist des Irrtums und der Täuschung gegenübergestellt (1. Johannes 4,6). Das wirft die Frage auf, woran Gottes Geist erkannt werden kann. Als Kriterium für Gottes Geist wird im Neuen Testament genannt, dass er in die Wahrheit führt (Johannes 16,13). Darum trägt er die Bezeichnung „Geist der Wahrheit“ (Johannes 14,17). Die Bitte um ihn wird auch im Pfingstlied ausgesprochen (EG 136,1):

„O komm, du Geist der Wahrheit,

und kehre bei uns ein,

verbreite Licht und Klarheit,

verbanne Trug und Schein.“

Das bedeutet keineswegs, den menschlichen Geist gering zu achten. Im Gegenteil! Zum Wesen des Menschen gehört es, dass er Geist hat und über Geist verfügt. Zunächst ist damit seine Denkfähigkeit gemeint. Seine Verstandeskräfte lassen ihn sein eigenes Leben ordnen und die Welt um sich herum gestalten. Das zeichnet ihn vor allen anderen Lebewesen aus. Mit Geist werden auch sein Wollen und sein Antrieb zum Handeln bezeichnet. Man kann sogar sagen, dass der Geist des Menschen sein Selbst ist und ihm Selbstbewusstsein und Identität verleiht. Sein Geist macht den Menschen zum Menschen.

Wenn aber im religiösen Sinn vom Heiligen Geist gesprochen wird, ist nicht der Geist des Menschen gemeint. Kein Geist eines Menschen, kein Mensch selbst, ist ein Heiliger Geist. Wohl kann durch Gottes Heiligen Geist der ganze Mensch und sein menschlicher Geist – sein Ich und sein Selbst – inspiriert und zu einem neuen Denken angeregt werden. Der menschliche Geist, sein Denken und Tun werden vom Heiligen Gottesgeist bewegt, befreit und in Anspruch genommen. Wann immer das geschieht, ist der Heilige Geist eine Kraft, die dem ganzen Menschen zur Lebendigkeit verhilft. Der Geist des Menschen bleibt jedoch immer menschlicher Geist. Es ereignet sich keine Vergöttlichung, denn auch der menschliche Geist ist Geschöpf, vom Schöpfer unterschieden.

Das lässt sich noch weiter zuspitzen. Der menschliche Geist wird durch Gottes Heiligen Geist überhaupt erst zu einem in Wahrheit menschlichen Geist. Nämlich menschlich in dem Sinne, dass er auf heilsame Weise dem falschen Druck oder dem unrealistischen Traum entzogen wird, selbst göttlich zu sein. Es ist für den menschlichen Geist gut, ganz und gar menschlich zu sein. So gesehen dringt die Rede vom Heiligen Geist auf Unterscheidung und darauf, dass der Mensch wirklich Mensch sein kann. Alles Übermenschliche wäre etwas zutiefst Unmenschliches.

4. An den Geist glauben

Das Apostolische Glaubensbekenntnis, das seinen Ursprung in der Westkirche hat, formuliert den Glaubens- und Bekenntnissatz: „Ich glaube an den Heiligen Geist“. Ein einziger lapidarer Bekenntnissatz ist dem Heiligen Geist gewidmet – ohne eine weitere Erklärung seines Ursprungs, seines Wesens oder seines Wirkens. Etwas mehr Raum gibt das aus der Ostkirche stammende Bekenntnis von Nizäa-Konstantinopel von 381 dem Heiligen Geist: „Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten […].“ In diesem Satz sind vier Aussagen von besonderer Bedeutung.

Erstens äußert sich das Bekenntnis über das Verhältnis des Heiligen Geistes zu den anderen beiden göttlichen Personen, dem Vater und dem Sohn Jesus Christus. Damit wird zugleich ein erster Hinweis auf den Heiligen Geist gegeben: Er ist ein Teil der Dreieinigkeit (Trinität) Gottes und damit Gott selbst.

Zweitens erklärt das Bekenntnis das Wirken des Heiligen Geistes, indem er diesen als lebendig machenden Herrn umschreibt. Dieses Wirken des Geistes steht in einem engen Bezug zu seinem göttlichen Wesen, das für das Wirken ursächlich ist. Denn nur als dem Wesen nach göttlicher Geist und Herr kann er Leben stiften. Zugleich wird seine das Leben der Christen begründende Kraft angesprochen. Mit „Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben“ bringt das Apostolische Glaubensbekenntnis zum Ausdruck, was der Heilige Geist konkret wirkt. Wer von diesem Geist her lebt, vertraut auf die Vergebung, auf die Auferstehung der Toten und auf das ewige Leben, lässt sich davon trösten und wird dessen gewiss.

Drittens wird der Heilige Geist in die göttliche Heilsgeschichte eingeordnet. Schon durch die alttestamentlichen Propheten hat er gesprochen. Damit macht das Bekenntnis auf das erste Reden und Wirken des Geistes in der Geschichte Israels aufmerksam. Bereits vor dem irdischen Auftreten Jesu Christi und vor der Existenz der christlichen Gemeinde war der Geist am Werk. Darum gehört die Rede vom Heiligen Geist zu den theologischen Themen, welche Israel und die Kirche miteinander verbinden.

Viertens steht der Geist in einem direkten Bezug zur Kirche und zur christlichen Gemeinde. Das wird dadurch deutlich gemacht, dass das Bekenntnis zum Heiligen Geist in einem Atemzug in das Bekenntnis zur Kirche als Wirkung des Geistes übergeht: „Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige [allgemeine] christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen […]“ (Apostolisches Glaubensbekenntnis). Dieser eine Atemzug besagt: Ohne das Wirken des Geistes gibt es keine Kirche. Und ohne sich über das Wirken des Heiligen Geistes Rechenschaft abzulegen, gibt es kein wahres Reden über die Kirche. Darum ist die Lehre von der Kirche (Ekklesiologie) nicht anders zu denken als in Verbindung und Fortsetzung der Lehre vom Heiligen Geist (Pneumatologie – also Lehre vom pneuma Gottes). Ferner sind auch die Sakramente Taufe und Abendmahl unlösbar mit dem Wirken des Heiligen Geistes verbunden. Im Blick auf die Taufe bringt Luther das im Kleinen Katechismus von 1529 mit diesen Worten zum Ausdruck: „Mit dem Worte Gottes ist’s eine Taufe, das ist ein gnadenreiches Wasser des Lebens und ein Bad der neuen Geburt im Heiligen Geist“ (BSELK, 884).

Die Lehre vom Heiligen Geist (Pneumatologie) gibt Antwort auf die Frage, wer oder was der Heilige Geist dem Wesen nach ist. Sie gibt diese Antwort, indem sie beschreibt, was dieser Geist tut und bewirkt. Gerade von der Beschreibung seiner Wirkungen her können Aussagen über das Wesen des Geistes gemacht werden. Der Geist ist, was er wirkt, und sein Wesen erschließt sich aus seinen Wirkungen. Schon in der Gotteslehre und in der Lehre von Jesus Christus (Christologie) liegt es nahe, das Wesen und das Wirken in eine Beziehung zueinander zu setzen und zunächst nach dem Handeln Gottes des Vaters und Gottes des Sohnes zu fragen. Überhaupt gilt hinsichtlich des dreieinigen Gottes und der Möglichkeit, von ihm angemessen zu reden: Um dem Geheimnis von Gottes Wesen und Sein auf die Spur zu kommen, muss man zunächst nach seinem Werk und Handeln fragen. Gott erschließt sich den Menschen in einer Weise, dass sie zu Worten finden, die seinem Wesen angemessen sind. Wenn wir fragen: Wer oder was ist der Heilige Geist?, reden wir zunächst davon, was der Heilige Geist tut und bewirkt. Im Nachdenken über das Wirken des Heiligen Geistes kommen wir seinem Wesen näher. Wo aber erfahren wir etwas über sein Wirken? Zuallererst in der menschlichen Ur-Kunde der Heiligen Schrift, im Alten und Neuen Testament. Deren Autoren geben in vielfältiger Weise über den Heiligen Geist Auskunft. Mehr noch: Sie erheben darin sogar den Anspruch, über Gott und seinen Geist die Wahrheit zu sagen. Und wenn man nach dem Herzstück ihres Redens vom Gottesgeist sucht, so wird man es vor allem darin finden, dass dieser Geist in einem umfassenden Sinne lebendig macht.

Der Heilige Geist und seine Dynamik

1. Die Kraft des Geistes empfangen

Der Schlüssel, um das Wirken des Heiligen Geistes zu verstehen, sind die biblischen Texte des Alten und Neuen Testaments. Inmitten der Vielfalt der biblischen Aussagen gibt es eine grundlegende Gemeinsamkeit, die sich in diesen Texten widerspiegelt: Was Gottes Geist bewirkt, kommt von Gott her, hat in ihm seinen Grund und verbindet die Menschen mit ihm.

Die dritte trinitarische Person, der Heilige Geist, ist keine vage Idee und entspringt keiner blühenden Fantasie. Vielmehr geht es um den lebendigen und lebendig machenden Gott in der Person seines Geistes. Im christlichen Festkalender ist dem Heiligen Geist das Pfingstfest gewidmet. Die Bedeutung dieses Festes für den Glauben umschreibt der Theologe Eberhard Jüngel mit den Worten: „Gott [kommt] unentwegt auf den Menschen zurück. Er ist gern dort. Ihm macht es Freude, uns treu zu bleiben“ (Von Zeit zu Zeit, 82). Wenn vom Heiligen Geist die Rede ist, dann geht es keineswegs nur um Gott, sondern zugleich um den Menschen. So unfassbar das Pfingstgeschehen auch sein mag – Gott ist durch seinen Geist wirklich und wirksam im Leben eines Menschen und in der Gemeinschaft der Glaubenden anwesend.

Von der Wirklichkeit und Gegenwart des Gottesgeistes spricht eine Reihe von biblischen Texten. Mit dem Versprechen „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“ (Apos-telgeschichte 1,8) verabschiedet sich der auferstandene Jesus von seinen Jüngern. Er, der in das Leben Gottes eingegangen ist, lässt diejenigen, die zu diesem Leben noch unterwegs sind, nicht allein zurück. Die lebendige und Leben schaffende Gegenwart des Geistes bestimmt das Leben der Glaubenden und die Existenz der Gemeinde Jesu Christi bis zur endzeitlichen Wiederkunft ihres Herrn. Diesen Gedanken halten auch Jesu Worte in den Abschiedsreden des Johannesevangeliums fest, die im eigentlichen Sinne Zukunftsreden sind (Johannes 14,1–16,33). Zu seinen Jüngern spricht Jesus: „Ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit. … Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein“ (Johannes 14,16f). Etwas später sagt er: „Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden“ (Johannes 16,7).

Die Gabe des Geistes ist das erfahrbare Zeichen dafür, dass Jesu Jünger in der Zeit seiner irdisch-leiblichen Abwesenheit nicht auf sich selbst gestellt sind. Sie bleiben nicht sich selbst überlassen und müssen nicht als schutzlose „Waisen“ (Johannes 14,18) ihr Dasein fristen. Vielmehr wird ihnen als wirksamer Trost zugesagt, dass sie die Anwesenheit des Sohnes und des Vaters in ihrer Mitte erfahren und sich dessen gewiss sein können. Diese zunächst an Jesu Jünger gerichteten Worte gelten der ganzen christlichen Kirche und ihren Mitgliedern bis heute. Indem der Geist wirkt, kommen Gott der Vater und sein Sohn Jesus Christus zu ihnen. Sie werden vom Geist durchdrungen und von ihm in einem höchst erfreulichen Sinne in Besitz genommen. Im Wirken des Geistes berühren der Vater und der Sohn die Menschen so, dass sie geöffnet, erneuert, zurechtgebracht, zusammengeführt und in die Welt gesandt werden. Jesu Versprechen: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“ zielt auf die Ausbreitung der christlichen Gemeinde. Die Jünger werden mit ihrer Botschaft zu Jesu Zeugen bis ans Ende der Welt (Apostelgeschichte 1,8).

Wie auch immer man beurteilen mag, was sich beim Jerusalemer Pfingstfest ereignet hat (Apostelgeschichte 2,1–13): In dieser Geschichte werden authentische und zugleich außergewöhnliche Erfahrungen mitgeteilt. Es sind Erfahrungen des Aufbruchs und des Durchbruchs, welche die missionarische Entfaltung der kleinen Jüngerschar zu einer weltumspannenden ökumenischen Gemeinschaft ausgelöst haben. Ohne die Gegenwart des Geistes kann man sich nach dem Zeugnis des Neuen Testaments weder das persönliche Christsein noch das Christentum noch die Kirche vorstellen.

Die Frage nach dem Geist Gottes wurde zu einer Lebens-, Überlebens- und Zukunftsfrage der jungen Gemeinden zu Beginn unserer Zeitrechnung. Ausgelöst durch das Pfingstfest, wuchs in ihnen die Überzeugung, dass alle Lebensäußerungen des Glaubens und der Gemeinden im letzten Grund vom Geist Gottes her ihren Ausgang nehmen. Umgekehrt würde ohne Gottes schöpferischen Geist das Christsein, das Paulus als ein „Leben im Geist“ beschreibt (Galater 5,25), verkümmern, austrocknen und schließlich zu Grunde gehen. Aus diesem Grund bekennt der Glaube den Geist Gottes als einen Geist, der Leben schafft und ihm Gestalt gibt.

Die frühen Christen waren mit einer großen Selbstverständlichkeit davon überzeugt, dass der Heilige Geist unter ihnen am Werk ist. Wenn man den vom Geist gewirkten urchristlichen Aufbruch mit der durchschnittlichen Realität unserer Kirchen und Gemeinden vergleicht, dann klingt das wie der Bericht aus einem fernen Traumland. Eine solche Zuversicht, mit dem Wirken des Geistes Gottes jederzeit zu rechnen, ist in den durchschnittlichen Gemeinden unserer Zeit – jedenfalls in Mitteleuropa – eher selten anzutreffen. Gelegentlich wird dieses Fehlen durch einen geschäftigen Aktionismus, programmatische Aufgabenorientierung und Reformstress kompensiert. Weit von den urchristlichen Aufbrüchen abgekoppelt, steht vielfach das eigene kirchliche Handeln im Mittelpunkt und nicht die große Vorgabe, in der Kraft des Geistes leben zu dürfen. Auf diese Weise wird das, was eigentlich den Lebensgrund der Kirche bildet – das Wirken von Gottes Geist –, zu einer Verlegenheit. In den Kirchen assoziiert man eher die Gefahren als die Verheißungen des Geistes: spirituelle Unberechenbarkeit, ekstatischer Enthusiasmus und charismatische Leidenschaft. Wer sich durch die Unberechenbarkeit des Geistes verunsichern lässt, sucht sein Heil in einem eher wohltemperierten Christentum.

Die Folgen einer solchen Geistvergessenheit und in dessen Folge Geistlosigkeit sind nicht zu übersehen. Das Grundgefühl unserer Zeit, Gott sei im Grunde abwesend und am gegenwärtigen Leben der Menschen nicht interessiert, wird gerade dann verstärkt, wenn die Vitalität des Geistes in Abrede gestellt oder gar in Verruf gebracht wird. Das Ergebnis jener Geistvergessenheit und Geistlosigkeit sind Erstarrung und Erschöpfung innerhalb und außerhalb der Kirche.

Das Neue Testament ist davon überzeugt, dass Gottes Geist sich nicht vorschreiben lässt, wie und wo er zu wirken hat (vgl.Johannes 3,6–8). Auch die vielfach begegnende und berechtigte Klage über einen Mangel an Glaubenserfahrungen ist letztlich ein Ergebnis der Geringschätzung der Geisteswirkungen. Diese Leerstelle, aus der die mangelnde Wahrnehmung von Gottes Geist in den Kirchen resultiert, wird indes von anderer Seite her gefüllt. Die pfingstlichen und charismatischen Bewegungen und die Pfingstkirchen setzen – freilich einseitig und nicht immer biblisch reflektiert – auf den Geist und die Erfahrungen mit ihm und machen so auf das große Defizit in den klassischen Kirchen aufmerksam (siehe S. 131ff). Umso wichtiger ist es, dass sich die Kirchen den Kraftzuwachs durch den Gottesgeist für ihre Existenz erneut und nachhaltig bewusst machen.

Man darf allerdings auch die Unterschiede zwischen der Situation der Urchristenheit und der Lage der heutigen Kirchen nicht übersehen. Die unhistorische Aufforderung, zur Lebensform der Urgemeinde wieder zurückzukehren, ist ebenso abwegig, wie die Situation der Urgemeinde kurzschlüssig zu idealisieren. Dass alle eins und „beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet“ (Apostelgeschichte 2,42) gewesen sind, beschreibt eine ideale Situation und nicht flächendeckend den Alltag der ersten Gemeinden. Das ändert jedoch nichts am grundsätzlichen Gewicht, das der auferstandene Jesus Christus seiner Verheißung, den Geist zu senden, verliehen hat. Sein Versprechen: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“ (Apos-telgeschichte 1,8) ist mehr als ein Satz der Vergangenheit. Es ist auch ein Satz an die Kirchen der Gegenwart. Mit ihm weist er auf ihre Lebensgrundlage hin und warnt zugleich davor, es sich in einer für den Glauben und die Kirchen schädlichen Geistvergessenheit bequem zu machen. Eine Kirche, die den Geist weder erbittet noch ihn gar vermisst, erliegt einem fatalen Selbstmissverständnis.

2. Der Geist des Lebens

Die Unterscheidung der Geister setzt voraus, dass man sich über den ursprünglichen Sinn des Wortes „Geist“ in den biblischen Texten orientiert. Im Hebräischen des Alten Testaments stoßen wir auf das Wort ruach, im Griechischen des Neuen Testaments auf das Wort pneuma. Beide Ausdrücke bezeichnen zunächst die erfrischende Bewegung des belebenden Windes oder des Sturmes. Wenn von der ruach des Menschen gesprochen wird, geht es in der Regel um die menschliche Lebenskraft, seine Vitalität, den Lebensodem und die Beständigkeit des Atmens und des Atemhauches, ohne die das Leben nicht möglich ist. Kommt die Sprache auf die ruach Gottes, ist damit in bildhafter Sprache der Geist Gottes als göttlicher Atem, ein von Gott ausgehender Lebenshauch, eine Beatmung gemeint. Gottes Atem bleibt nicht bei ihm, sondern teilt sich an die Schöpfung mit und ruft das Geschaffene überhaupt erst ins Dasein.

Zu Beginn der Schöpfung, als Himmel und Erde erschaffen wurden, schwebte Gottes Geist wie Atem oder Wind über der Tiefe (1. Mose 1,2). Durch Gottes Wort und den Geisthauch seines Mundes wird die gesamte Schöpfung ins Leben gerufen (Psalm 33,6). Das schöpferische Wirken von Gottes Geist sorgt auch für das menschliche Leben. Gott bläst dem Menschen den Lebensatem in die Nase, und es entsteht ein lebendiger Mensch (1. Mose 2,7). Jeder Mensch lebt zu jeder Zeit davon, dass Gottes Atem ihn belebt. Seinerseits zeigt der Mensch mit dem Atem und beim Atmen seine Lebendigkeit. Der Atem und das Atmen sind ein Ausdruck von geschaffenem Leben und Lebenskraft. Indem Gottes Geist das Leben überhaupt erst ermöglicht, erweist er sich als eine schöpferische und dynamische Kraft. Umgekehrt erhält der Mensch sein Leben und seine Identität dadurch, dass Gott ihm das Leben einhaucht. Erfüllt vom Gottesatem kommt der Mensch zum Leben und so zu sich selbst.

Gottes Geisthauch erfüllt auch die gesamte Schöpfung. Ohne diesen Geist gibt es kein Leben. Davon reden die Psalmbeter, indem sie sich an Gott wenden: „Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken [die Kreaturen]; nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub. Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und du machst neu das Antlitz der Erde“ (Psalm 104,29f). Der Theologe und Dichter Matthias Jorissen (1739–1823) hat diese Verse in folgende sprachliche Form gegossen:

„Was Atem hat und Leben, hat’s von Dir.

Drum harrt es Dein und schaut hinauf zu Dir,

und jedes harrt auf die ihm eigne Weise. […]

Will Deine Hand den Atem ihnen wehren,

so müssen sie zum Staube wiederkehren.

Doch bläsest Du den Geist des Lebens ein,

so wird der Staub auch wieder lebend sein.“

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