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Der tote Zimmermann

Friedrich Gerstäcker

Der tote Zimmermann

Eine Spukgeschichte





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Der tote Zimmermann

Im Westen von Yorkshire, tief im Inneren des Landes und von der großen Heerstraße selbst ziemlich abgelegen – denn Eisenbahnen gab es damals noch nicht in dem jetzt von ihnen nach allen Richtungen hin durchschnittenen England – lag ein altes, wohl nicht gerade schon verfallenes, jedoch baufällig genug aussehendes Gebäude. Vor der Reformation hatte es als Kloster gedient; von den Rundköpfen aber genommen und eine Zeitlang zu einer Art Kaserne benützt, war es später durch Kauf an eine alte katholische Familie übergegangen, die allerdings kein Kloster wieder daraus machen konnte und wollte, aber doch auch so viel wie möglich das alte Schloss von den Entweihungen zu befreien suchte, die ein fanatischer Pöbel damals in der festen Überzeugung, dem lieben Gott damit einen ungemein großen Gefallen zu tun, ausgeübt hatte.

Die Klosterkirche, von der die wütenden Reformatoren wenig mehr als die Gewölbe hatten stehen lassen – und diese ebenfalls nur aus dem Grund, weil sie sie nicht einreißen konnten – wurde wieder so weit hergestellt, dass sie den Namen eines »anständigen Gotteshauses« verdiente – wie es die Pastoren und Priester gewöhnlich nennen, wenn die Kirche ländlich und die Pfarrwohnung behaglich eingerichtet ist. Die hohen gewölbten Fenster, aus denen die wilden Soldaten all die zierlichen Steinhauereien, die gotischen Arabesken, Kreuze und Heiligenbilder mit größter Sorgfalt herausgeschlagen hatten, wurden frisch, aber einfach umgemauert und mit neuen Fenstern versehen; die Zellen der Mönche dagegen, die eben den Hauptteil der Kaserne gebildet hatten, ließ der Eigentümer niederreißen und den Platz zu Wirtschaftsgebäuden benützen. Er war bis auf das Refektorium mit der inneren Einrichtung fertig geworden, als er plötzlich starb und sein ganzes Vermögen und Grundeigentum, das sich meist auf dieses alte Kloster und die dazugehörigen Ländereien beschränkte, seiner einzigen Erbin, einer Stiefschwester und alten Jungfer, hinterließ, die ihm bis dahin mit Hilfe ihrer fast ebenso alten Dienstmagd die Wirtschaft geführt hatte.

Diese verpachtete bald darauf das Gut an einen Fremden, einen Protestanten, der die Felder und sonstigen Wirtschaftsgebäude in vortrefflichen Stand brachte, sich aber dafür den Henker um die neu eingerichtete Kapelle kümmerte und lieber zwei volle englische Meilen zu der dort errichteten protestantischen Kirche ritt, als dass er sich der kleinen Gemeinde in der alten Klosterkapelle angeschlossen hätte.

Die Dienstleute – fast lauter Katholiken, die mit dem früheren Besitzer gekommen oder später aus protestantischen Umgebungen hierher gezogen waren – schüttelten darüber freilich den Kopf und meinten, der alte Herr müsse sich im Grab umdrehen, wenn er sähe, wie all seine Mühe und Arbeit nun so vergebens gewesen wäre und protestantische – und man könnte ebenso gut sagen heidnische – Hände auf seinem Grund und Boden wirtschafteten.

Die Schwester aber war ein viel zu vernünftiges Frauenzimmer, um sich an solche Reden und Ideen zu kehren. Sie wusste recht gut, dass sie leben musste, und da sie natürlich nicht selber mehr Landwirtschaft treiben und Felder bebauen konnte, so verstand es sich von selbst, dass sie einen Pächter dazu nahm. Ob der nun später, wenn er einmal starb, in den Himmel und in Abrahams Schoß oder an einen Ort kam, dessen eine gute Christin nur mit innerem Schauder gedenken konnte, ging sie auf der Welt nichts an. Sobald der Mann nur, solange er ihr Gut bewirtschaftete, seinen Zins ordentlich bezahlte, hätte er ihretwegen einen Wegweiser statt eines Kruzifixes anbeten können. Das konnte ihr gleichgültig sein.

Ich erwähne dies aber nur hier deshalb, um eben zu rechtfertigen, dass sie von den noch streng katholischen Untersassen des kleinen Gebiets mit nichts weniger als günstigen Augen betrachtet wurde. Diese schüttelten auch sehr häufig die Köpfe und meinten, das könne nun und nimmermehr zu einem guten Ende führen.

»Das Fräulein«, wie sie übrigens allgemein von der Nachbarschaft zum Unterschied von anderen Fräulein genannt wurde, die gewöhnlich noch ihren Geschlechtsnamen dazugesetzt bekamen, bewohnte mit ihrer alten Dorothea die Zimmer des früheren Abtes, die danach von einigen Offizieren der Rundköpfe benützt, später, nachdem sie anständig hergerichtet worden waren, von ihrem Bruder in Besitz genommen und dadurch die noch am besten erhaltenen Gemächer des ganzen Hauses waren.

Gleich an diese stieß das alte Refektorium des Klosters, und dieses hatte ihr Bruder mit mehreren Abteilungen durchschneiden wollen und dadurch in kleinere Gemächer, die zu verschiedenen Zwecken benützt werden konnten, verwandeln lassen. Hierbei aber vom unerbittlichen Tod überrascht, war alles in dem großen Saal, wie es die Arbeiter eben verlassen hatten, stehen und liegen geblieben, und es sah fast unheimlich aus, wenn man, aus dem Wohnzimmer tretend, die Tür öffnete und dann in den weiten, alten, grau-düsteren Saal hineinschaute, wo die Mauersteine neben den noch halb vergoldeten und mit Zierrat geschmückten, halb von profanen Händen abgekratzten und beklecksten Wänden aufgeschichtet oder unordentlich umhergestreut lagen; wo hier ein Balken über einem Heiligenbild, dem die Rundköpfe das früher glorienumstrahlte Angesicht schwarz übermalt hatten, in der Ecke lehnte, dort eine Leiter aus der Kreuzigung Christi an der Hinterwand ordentlich herausgefallen schien, während die Bilder selbst, beschmutzt und mit groben Pinselstrichen überschmiert, gar traurig und betrübt nur hier und da noch einen Arm oder ein Bein vorstreckten.

Der alte Herr hatte diese Kleinigkeiten eben gelassen, weil er einen Totalumbau des ganzen Saales beabsichtigte, und dann wären die Wände ja doch von Neuem wieder mit Kalk beworfen und übermalt worden.

Dies alles beschloss »das Fräulein« abändern zu lassen, und zwar nicht allein des Saales und des dadurch verlorenen Raumes wegen – lieber Gott, sie brauchte mit ihrer alten Magd sehr wenig Platz und hätte den recht gut entbehren können, ohne sich auch nur im Mindesten einzuschränken – aber es war schon ein hässliches, ich möchte fast sagen unheimliches Gefühl, wenn sie in ihrem Zimmer, das dicht daran stieß, saß und sich nur durch die schwere eichene Tür von dem wüsten Bauplatz mit seinen entweihten und geschändeten Bildern und dunklen Ecken und Schutthaufen getrennt wusste. Und abends hätte sie manchmal darauf schwören wollen – wenn sie das überhaupt je getan hatte – dass sie Schritte und Geflüster im Saal gehört habe. Dorothea war leider halb taub und konnte nicht gut zum Zeugen aufgerufen werden; aber selbst die Köchin, ein junges, leichtfertiges Ding zwar und sonst gerade in keiner großen Achtung bei ihrer Herrin, wurde, als man sie später danach fragte, ganz verlegen und versicherte dem Fräulein, sie wolle es nur gestehen, sie hätte etwas ganz Ähnliches in dem alten Saal auch schon gehört, und sie möchte ihm mit seinen verunstalteten und misshandelten Heiligenbildern abends ...

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