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Der tote Chaussee-Einnehmer

Friedrich Gerstäcker

Der tote Chaussee-Einnehmer

Gespenstergeschichte





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Der tote Chaussee-Einnehmer

 

In Wiedelstädt, einem kleinen Städtchen im ...schen, lebte vor längeren Jahren Herr Meier – eine so anspruchslose Persönlichkeit wie sein Name selber.

Klein, von sehr schmächtiger Statur und ein Junggeselle von sechsundfünfzig Jahren, hatte er, solange er denken konnte, dem Leben seine eigene Existenz mit Kopieren abgezwungen und dabei sogar nicht selten selbst die geringen Ansprüche unbefriedigt gesehen, die er an das Leben machte. Trotzdem aber hörte man nie, dass ergegen das Schicksal gemurrt hätte. Mit allem zufrieden, was über ihn hereinbrach – sei es in Gutem oder Bösem –, vegetierte er fort; gegen jeden freundlich und gefällig, sich nie ereifernd, nie auch nur verdrießlich. Wenn es je ein organisches Wesen gegeben hat – wie einige Idealisten von den Tauben behaupten wollen – das imstande gewesen ist, ohne Galle zu leben, so war es jedenfalls Herr Meier.

So sauber wie seine Handschrift war dabei sein ganzes Wesen, und das abgetragenste, fadenscheinigste Röckchen wurde auf das Unerbittlichste so lange gebürstet, bis auch kein Tüttelchen Staub mehr darauf sichtbar blieb. Ein haarscharf geschliffenes Radiermesser lag zwar auf seinem Schreibtisch, aber er kam nie in den Fall, es zu benützen; ein Tintenklecks war ihm etwas Entsetzliches, obgleich er sich der Zeit nicht erinnerte, dass er selber einen gemacht hätte, und pünktlich bis zum Extrem in allen Sachen, dehnte er das natürlich auch auf seine Arbeiten aus.

Bei diesem Wesen hatte er eine angeborene Ehrfurcht vor jedem, der einen anständigen Rock auf dem Leib trug; besonders vor allen Beamten, in deren Zahl einzutreten bis jetzt sein höchster – wenn auch stets vergeblicher – Wunsch gewesen war.

Es lässt sich leicht denken, dass ein solcher Charakter, wenn auch unbeachtet, doch keinesfalls unbenützt, durch dieses Leben wandeln konnte. So hatte denn auch der Herr Kreisdirektor Roßleber durch mehrere Arbeiten, die Meier für ihn geliefert hatte, dieses würdige Individuum kaum für kurze Zeit beobachtet, als er auch den Nutzen erkannte, den er von ihm ziehen konnte, und er hatte ihn deshalb regelmäßig beschäftigt.

Meier, dabei ganz Vertrauen, Hingebung und Verehrung, machte den Kreisdirektor bald mit seinem sehnlichsten Herzenswunsch bekannt: eine feste Anstellung zu bekommen, und erhielt dafür vom Kreisdirektor das feste Versprechen, ihn darin zu unterstützen. Daher schrieb er ihm in dieser stets getäuschten, aber nie aufgegebenen Hoffnung dreißig Jahre lang den Bogen um einen Kreuzer billiger als jedem anderen.

Hierüber wurde der Kreisdirektor ein alter Mann und – da Meier nicht jung blieb und doch an jedem Neujahrstag mit seinem devotesten Wunsch nie verfehlte, seine alte Bitte vorzutragen – endlich doch gerührt.

Einige Stellen hätten sich allerdings für den alten Kopisten schon gefunden; der Kreisdirektor wusste aber recht gut, dass er, wenn er diesem eine solche zuwies, auch eben seinen Kopisten damit verlieren würde, und man konnte doch nicht von ihm verlangen, dass er sich selber einen Schaden zufügte, nur um einem anderen zu helfen!

Da starb plötzlich der Chaussee-Einnehmer vor dem Römertor, und zwar zufällig gerade am zweiten Januar, wo die regelmäßig wiederkehrende einunddreißigste Neujahrsbitte des alten Mannes noch in seinem Gedächtnis war. Der Platz musste außerdem unmittelbar wieder ausgefüllt werden, denn die Straße dort war ziemlich frequentiert, und eine Stunde darauf erhielt Meier, vor Freude zitternd, die Weisung, den Posten augenblicklich zu übernehmen.

Zwar kam ihm die Sache etwas überraschend – denn wenn er auch dreißig Jahre Zeit gehabt hatte, sich darauf vorzubereiten, war ihm jetzt der Termin der Übersiedlung doch außerordentlich nahe gestellt–, aber, lieber Gott, »kurze Haare sind bald gebürstet«.

Seine paar Effekten, die erwirklich besaß, bedurften keiner großen Vorbereitung, um von einem Haus in das andere transportiert zu werden. Sein ganzer Reichtum bestand in einem Bett, einem Schreibtisch, einem kleinen, außerordentlich hartgesessenen Sofa, einer Kommode, drei Stühlen und einem schmächtigen Kleiderschrank; und eine Stunde später befand sich das alles, auf einen Handwagen gepackt, schon unterwegs zum Römertor. Die Tintenflasche sowie seine Schreibmappe trug er selber, und ehe der Abend kam, war er vollständig eingerichtet.

Der Kreisdirektor hatte ihm dabei einen anderen Chaussee-Einnehmer hinausgeschickt, damit er von diesem die zwar sehr einfache, aber doch nötige Unterweisung erhalte. Am Nachmittag war er noch rasch auf dem Gericht vereidigt worden und saß mit Sonnenuntergang schon allein an seinem Fenster und nahm von vorüberfahrenden Wagen Chausseegeld ein, als ob er in seinem ganzen Leben nichts anderes getan hätte.

Das Chausseehaus vor dem Römertor lag etwa eine Viertelstunde von der Stadt entfernt, und zwischen ihm und dieser war nur noch der mit einer niederen weißen Mauer umschlossene Kirchhof. Das ziemlich kleine Häuschen, dem sich ein schmaler, aber sehr nett gehaltener Garten anschloss, sollte auch in Zukunft nur von ihm allein bewohnt werden; für jetzt hatte er aber noch andere und ihm allerdings nicht erwünschte Einquartierung darin.

Der frühere Chaussee-Einnehmer nämlich, der erst in der vorigen Nacht gestorben war, konnte natürlich so schnell weder irgendwo anders hingeschafft noch begraben werden und musste deshalb bis zu seiner Beerdigung im Chausseehaus bleiben. Der alte Mann lag im Nebenstübchen in seinem Leichenhemd auf dem Stroh ausgestreckt, und seine ihn überlebende Ehehälfte, dienach der Beerdigung zu Verwandten in die Stadt ziehen wollte, war bis dahin auch noch zurückgeblieben und hatte sich einstweilen ihr Bett in die Bodenkammer hinaufgeschafft.

Die arme alte Frau weinte den ganzen Tag und konnte dem Nachfolger ihres Mannes nicht genug erzählen, was für ein braver, rechtlicher Mensch ihr Seliger gewesen sei und wie unglücklich sie sich fühle, dass ihn der liebe Gott allein abberufen und sie alte Frau noch zurückgelassen hätte, um ihn zu betrauern. Dabei unterließ sie nicht, Herrn Meier mit allen Einzelheiten seiner Krankheit und seines Leidens bekannt zu machen, erzählte ihm von dem bösen Husten, den er gehabt hatte, und dass er trotzdem noch Tag und Nacht seine Pflicht erfüllt habe. Selbst in den letzten kalten Nächten kurz vor seinem Tod habe er nur selten gewollt, dass sie aufgestanden sei, wenn draußen ein Wagen gehalten habe, und das sei denn auch wohl, wie sie meinte, mit ein »Nagel zu seinem Sarg« geworden.

Die gute alte Frau plauderte in solcher Art in einem fort und unterließ nicht, dabei schmerzlich zu beklagen, dass sie jetzt aus dem alten, liebgewonnenen Häuschen müsse.

Meier dagegen, die Gutmütigkeit selber und von ihrer Erzählung schon innig gerührt, versicherte ihr, dass er alles tun wolle, was in seinen Kräften stehe, um ihr den Abschied nicht zu schmerzlich zu machen. Sie sollte sich auch ja nicht damit beeilen, und wenn sie noch acht oder vierzehn Tage oder selbst mehrere Wochen dableiben wolle, so bitte er sie, ihn selber als gar kein Hindernis zu betrachten.

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