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Der tibetische Verräter

Eliot Pattison

Der tibetische Verräter

Roman

Aus dem Amerikanischen von Edgar Rai

 

Aufbau-Verlag

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Inhaltsübersicht

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Anmerkung des Autors

Glossar der fremdsprachigen Begriffe

|5|1

Niemand starb je auf dem Chomolungma. Das sagten die Sherpas jedes Mal, wenn sie Shan Tao Yun hinaufschickten, um eine Leiche zu bergen. Ein Mann konnte so tiefgefroren sein, dass seine Finger brachen wie Zündhölzer, seine Knochen konnten nach einem Dreihundert-Meter-Sturz in die Tiefe zu Mehl zerrieben sein, die Muttergottheit der Berge – der Mount Everest, wie die Westler sie nannten – barg ihre Seelen und hielt sie am Leben. Nicht wirklich lebendig, hatte ein alter Sherpa ihn gewarnt, aber tot auch nicht, jedenfalls nicht im üblichen Sinn. Als müsste Shan jederzeit darauf gefasst sein, dass die Leiche, die er aus dem Berg holte, wieder dorthin zurückbefohlen wurde. Mehr als einer von Shans neuen Freunden in den Basislagern der Bergsteiger behauptete, in den Winden, die vom Gipfel herunterwehten, Stimmen derjenigen zu hören, die bereits Jahre zuvor gestorben waren.

Während er gewissenhaft das Seil verschnürte, das die in eine Zeltbahn gewickelte Last auf dem Rücken seines Maultieres fixierte, warf Shan einen nachdenklichen Blick zur schneebedeckten Bergspitze empor. Die Rundung, auf der dabei seine Hand ruhte, war die Schulter des Toten. Tenzin Nuru. Ein Freund. Sollte der Wind Tenzins Stimme zu ihm tragen, würde Shan sie erkennen.

Er hatte gerade den Abstieg auf dem schmalen Pfad begonnen, als ihn die Führungsleine zurückzog. Das alte Maultier, sein ständiger Begleiter auf diesen Pfaden, weigerte sich, weiterzugehen. Shan betrachtete wachsam die hohe, windzerklüftete Landschaft. Er vertraute den Instinkten seines Gefährten. Die Tibeter gaben ihm stets dasselbe Tier mit, ein stolzes, langbeiniges Exemplar, dessen klare Augen Shan immer aufmerksam im Blick |6|hatten, wenn er auf ihren Abstiegen alte chinesische Gedichte rezitierte. Jetzt waren die Ohren des Maultieres angelegt, der Kopf war geduckt.

Shan hörte das Trampeln von Hufen auf losem Geröll, kurz darauf schoss ein kleines Pferd über den vor ihnen liegenden Anstieg. Es trug einen Sattel, jedoch keinen Reiter. Aus einem lädierten Kassettenrecorder, der an einer Schnur vom Sattelknauf herabbaumelte, tönte blechern Rockmusik. Außerdem zog das Pferd einen veralteten Karabiner an einem gerissenen Riemen hinter sich her. Das Schlimmste befürchtend, griff Shan nach den Zügeln, brachte das Pferd zum Stehen, nahm das Gewehr, entfernte das Magazin und warf es zwischen die Felsen. Eilig sah er sich nach einem möglichen Fluchtweg um, doch da es keinen gab, blieb ihm nichts anderes übrig, als den Mantel über seine Fracht zu breiten, das Pferd zu beruhigen, indem er ihm den Hals klopfte, und den Kassettenrecorder auszuschalten.

Im nächsten Moment folgte dem Pferd ein schnaufender Mann in einer zerschlissenen grauen Uniform. Als er Shan erkannte, stieß er einen Fluch aus, hielt inne, strich sich die Uniform glatt und ließ sich das Gewehr geben. Kaum hielt er es in der Hand, richtete er es auf Shan.

»Ich verhafte Sie im Namen der Volksrepublik«, verkündete er mit müder Stimme.

Shan strich weiter über den Hals des Pferdes. »Wessen werde ich diesmal beschuldigt, Wachtmeister Jin?«

Der Polizist, ein Tibeter Mitte dreißig, der gemeinsam mit seiner chinesischen Uniform auch einen chinesischen Namen angenommen hatte, beargwöhnte das Gepäck des Maultiers.

»Mord?«, antwortete er hoffnungsvoll.

Jin Bodai arbeitete nicht für die gefürchtete Öffentliche Sicherheit, sondern als Gesetzeshüter des Verwaltungsbezirks. Seine Aufgabe bestand im Wesentlichen darin, Ordnungswidrigkeiten zu ahnden und Genehmigungen zu prüfen.

Geduldig sah Shan zu, wie Jin seinen Karabiner unter den Arm klemmte und die äußere Schnur des Pakets löste, das auf dem Rücken seines Maultieres vertäut war. Zum Vorschein kam |7|Tenzins Kopf. Der Polizist zog ihn an den Haaren nach oben, beugte sich vor, um ihn genauer inspizieren zu können, ließ ihn fallen und sah Shan fragend an.

»Jeder Arzt«, erklärte Shan mit ruhiger Stimme, »sogar einer aus Tingri, würde Ihnen bescheinigen, dass dieser Mann seit mindestens achtundvierzig Stunden tot ist. Es gibt ein Dutzend Zeugen, die bestätigen können, dass ich vor zwei Tagen in der Stadt war und im Lager gearbeitet habe.«

Erneut richtete Jin seine Waffe auf Shan: »Und wenn schon«, sagte er gereizt, »ein Mann ohne Papiere – ein Illegaler –, der einen Toten mit sich führt. Das sollte genügen, um mich endlich von diesem verfluchten Berg runterzubringen.« Sein Gewehr – wie auch seine Uniform und so ziemlich alles andere in seiner kleinen Wache in Shogo – war ein ausrangiertes Stück aus den Beständen der Öffentlichen Sicherheit.

»Illegaler Leichentransport könnte funktionieren«, schlug Shan vor, »möglicherweise sogar unerlaubte Entfernung eines Toten.«

Die Züge des Wachtmeisters hellten sich auf: »Ich verhafte Sie wegen illegalen Leichentransports.«

»Aber nicht heute«, erklärte Shan müde. Das Maultier stieß ihn an, als wolle es ihn an seine eigentliche Aufgabe erinnern. »Nicht mit dieser Leiche.«

Jin ließ seufzend das Gewehr sinken. »Warum nicht?«

Shan zog eine Flasche aus einer der Satteltaschen, goss sich etwas Wasser in die gewölbte Hand und ließ das Maultier daraus trinken. »Weil dieser Sherpa aus Nepal ist. Verhaften Sie uns, und die Öffentliche Sicherheit wird Sie mit allen möglichen Fragen konfrontieren. Zunächst einmal: Wie kommt ein Ausländer ohne die erforderlichen Papiere in Ihren Verwaltungsbezirk? Noch dazu ein toter. Als Nächstes wartet ein Berg von Formularen, der abgearbeitet werden will: Rücküberführung eines Leichnams in sein Herkunftsland und so weiter. Sie werden eine Woche damit beschäftigt sein, die entsprechenden Vordrucke auszufüllen, und dabei werden Sie kaum auf meine Hilfe zählen können, wenn ich hinter Gittern sitze.«

|8|Jin zuckte zusammen.

»Den Rest der Saison«, fuhr Shan fort, »werden Sie sich dann anhören dürfen, wie sehr das Klettergeschäft mit den Ausländern darunter leidet, wenn die Basislager ständig von Polizisten kontrolliert werden.«

Die Zunge des Wachtmeisters fuhrwerkte in seinem Mund herum. »Besser, als ständig diesem blöden Gaul nachzulaufen.«

Wieder stieß das Maultier Shan ungeduldig in die Seite. Ebenso wie Shan schien es sich daran zu erinnern, dass sie noch einen kilometerlangen Abstieg vor sich hatten, ehe sie in Tumkot, wo Tenzins Sippe sie erwartete, den Leichnam übergeben konnten.

»Außerdem werden Sie es schon deshalb nicht tun«, fuhr Shan etwas beschämt fort, »weil ich nicht pünktlich zur Arbeit komme, wenn Sie mich noch länger festhalten, und mein Arbeitgeber das ranghöchste tibetische Parteimitglied ist.«

Dem Wachtmeister schien die Luft auszugehen. Er kramte ein verkrumpeltes Päckchen Zigaretten hervor, zündete sich eine an, ließ sich auf einem abgeflachten Stein nieder und bedachte Shan mit einem argwöhnischen Blick. »Auf der anderen Seite des Berges hat man einen Namen für solche wie Sie«, stellte er fest, während er den Rauch ausstieß. »Unberührbare. Gut, um Leichen und sonstigen Müll zu entsorgen. Die unterste Kaste der untersten Gesellschaftsschicht. Dabei sind Sie Chinese. Gebildet. Warum lassen Sie das mit sich machen?«

»Ich ziehe es vor, es als eine heilige Pflicht zu betrachten.«

Shan holte zwei Äpfel aus dem Beutel, der am Geschirr des

Maultiers befestigt war, gab einen dem Pferd, den anderen seinem Maultier. Bei dieser Gelegenheit warf er einen Blick auf Jins Ausrüstung. Neben dem Kofferradio, das Jin während seiner Einsätze meist ausgeschaltet ließ, bemerkte Shan vor allem den schweren Munitionsgürtel, der um die übrigen Sachen auf dem Rücken von Jins Pferd gewickelt war.

»Sind Sie diesmal unterwegs, um einen besonderen Krieg zu führen?«

Jin runzelte die Stirn. »Eigentlich hat mich die Leitstelle hergeschickt, |9|um einen Diebstahl zu untersuchen. Bergsteigerausrüstung. Seile und Haken, die vor zwei Tagen aus dem Basislager verschwunden sind.«

»Aber?«

»Ich wurde von einem Leutnant der Öffentlichen Sicherheit aufgehalten, der einen ganzen Haufen Kampftruppen dabei hatte. Er hat mir gesagt, dass eine erhöhte Sicherheitsstufe ausgerufen wurde. Ministerin Wu, zuständig für den Tourismus, wird heute im Basislager erwartet. Also hat der Leutnant mir neue Befehle erteilt.«

»Die haben Sie wegen der Touristen mit so viel Munition ausgestattet?«

Jin zog ausgiebig an seiner Zigarette und musterte Shan. Keine Frage, er würde Shan noch brauchen, um sich in dem Dschungel der Bürokratie zurechtzufinden. Schließlich zog er die Schultern hoch. »Da die Straße gesperrt werden soll, hat man entschieden, in Sarma Gompa eine Präventivuntersuchung durchzuführen. Ist eins von den kleinen Klöstern oben im Tal. Nur ein Bus, eskortiert von ein paar Kriechern«, erklärte er, wobei er den üblichen Jargon für Soldaten der Öffentlichen Sicherheit verwendete.

Shan durchlief ein Schauer. Nachdem bereits vor Jahrzehnten nahezu jedes Kloster in der Region zerstört worden war, hatte Peking den letzten verbliebenen gompas erlaubt, ihren Betrieb weiterzuführen, wenngleich unter strenger Aufsicht des Büros für Religiöse Angelegenheiten. Eines der Mittel, mit denen diese Abteilung die tibetischen Mönche an der kurzen Leine hielt, waren sogenannte Treueeide, die man sie Peking gegenüber ablegen ließ. Einzelnen Mönchen, die diesen Eid verweigerten, nahm man die Gewänder ab. Doch als ganze Gemeinschaften sich widersetzten, sah man darin einen Akt organisierten Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Man gab ihnen eine letzte Chance zu unterzeichnen, anschließend wurden sie in den tibetischen Gulag deportiert. Shan schloss für einen Moment die Augen und versuchte, eine Welle schmerzhafter Erinnerungen zu unterdrücken, die er jahrelangen eigenen Erfahrungen in einem dieser Lager zu verdanken hatte.

|10|Er betrachtete die verwaisten Hänge über ihnen. Gestern, auf dem Weg zum Chomolungma-Basislager, hatte er dort Familien mit kleinen Schaf- und Yakherden gesehen. Nach fünfzig Jahren Erfahrung mit der chinesischen Armee schienen viele Tibeter einen sechsten Sinn für herannahende Soldaten entwickelt zu haben.

»Warum machen die das?« Jins Stimme hatte einen Plauderton angenommen. »Der wievielte Tote ist das diese Saison?«

Shan drehte sich um und sah, dass der Wachmeister den leblosen Körper auf dem Maultier betrachtete. »Für mich wird es der dritte sein, den ich hinunterbringe.«

Wenngleich das Basislager in Tumkot mit Lkw und Nutzfahrzeugen erreicht werden konnte, war das Dorf selbst, obwohl es dort die meisten Träger gab, von der westlichen Zivilisation relativ unberührt geblieben. Zwar gab es dort keine Mönche mehr, doch es gab eine Astrologin, und die hatte den Einwohnern übermittelt, dass die Gottheiten es nicht gerne sahen, wenn chinesische Autos ihre Toten transportierten. Später, aus Gründen, die Shan noch immer nicht nachvollziehen konnte, hatte sie vorhergesagt, dass er die Aufgabe übernehmen würde, die Toten zu begleiten.

»Sie sagen, dass die Muttergottheit dieses Jahr zornig ist.«

»Zornig?«, feixte Jin und blies Rauchsäulen aus seinen Nasenlöchern. »Ich würde eher sagen, sie ist ein launisches Miststück, das eine Fehde mit dem Rest der Welt austrägt.«

Shan legte seine Hand auf den Rücken des Toten. Die anderen Träger, die er aus dem Berg geholt hatte, waren ihm unbekannt gewesen. Selbst mit dem stets gutgelaunten Tenzin hatte er nur wenig zu tun gehabt. Dennoch fühlte er sich allen drei auf seltsame Weise verbunden. Die alten Tibeter hätten gesagt, ihre Geister hätten sich mit Shan angefreundet.

»Sie sind nur die Kofferträger derer, die selbst gerne Götter wären«, stellte Shan leise fest. »Um ihre Familien zu ernähren.« Er ließ seinen Blick den Weg hinabschweifen, während das Maultier ihn abermals anstupste. »Wann werden sie hier sein?« Ein Stück weiter unten würde ihn der Pfad bis auf weniger als fünfzig |11|Meter an den Straßenverlauf heranführen. Was er überhaupt nicht gebrauchen könnte, wäre, von der Öffentlichen Sicherheit mit einer unidentifizierten Leiche angehalten zu werden.

Die Züge des Wachtmeisters verhärteten sich. Mit einem Blick, als habe Shan ihm den Spaß daran verdorben, warf er seine Zigarette zwischen die Steine. Dann stand er auf, um sein Pferd zu besteigen. »Früh genug«, schimpfte er.

»Sie sollten keine Musik hören beim Reiten«, empfahl Shan, während der Polizist umständlich versuchte, mit geschultertem Gewehr sein Pferd zu besteigen. »Es ängstigt das Pferd. Und bleiben Sie nicht zu lange im Sattel. Die Tibeter laufen die Hälfte der Zeit neben ihren Pferden und reden mit ihnen.«

Jin grinste spöttisch und griff nach seinem Kassettenrecorder.

»Ist ein langer Marsch bis nach Hause«, bemerkte Shan.

Wieder grinste der Polizist, ließ aber das Gerät ausgeschaltet. Er richtete sich auf, stieß dem Pferd die Hacken in die Seiten und trabte steif davon.

Zwanzig Minuten später stand Shan im Schatten eines Felsblocks und beobachtete die Staubwolke, die den Weg des Busses nachzeichnete. Sein Magen zog sich zusammen. Auch er hatte ausgeprägte Instinkte, was die Öffentliche Sicherheit anging. Er beugte sich vor wie eine Katze, bereit, sich mit dem rettenden Sprung vor einem herannahenden Räuber in Sicherheit zu bringen. Während er weiter die Staubwolke im Auge behielt, die sich in einigen hundert Metern an einem aufragenden Felsen vorbeischob, bemerkte er, dass er seine eigene Hand umschlossen hielt, am Gelenk, da, wo seine Gefangenennummer eintätowiert war.

Er griff die Zügel und wollte sich vorsichtig zurückziehen, als er eine Erschütterung bemerkte, ähnlich einem kleinen Erdstoß. Es folgten das Kreischen von Metall sowie der Knall eines explodierenden Reifens. Verärgerte Rufe waren zu hören und das trockene Knacken einer Pistole, gefolgt von panischem Pfeifengeträller. Shan warf seinem Maultier einen letzten nachdenklichen Blick zu, um dann den Pfad hinabzusteigen, der zur Straße führte.

|12|Wenige Augenblicke später kauerte er in einer Mulde. Unter ihm bot sich ein Bild des Chaos. Ein Militärtransporter, ausgelegt für etwa zwanzig Gefangene, steckte, eingekeilt zwischen zwei Felsen, auf der schmalen Straße fest. Die Frontscheibe war geborsten, der rechte Vorderreifen platt, Stoßstange und Kotflügel waren zerbeult. Offenbar hatte sich eine Gesteinslawine gelöst. Der Bus war seitlich von herabstürzenden Felsbrocken getroffen worden, zwei der vergitterten Fenster waren eingedrückt. Ein Soldat der Öffentlichen Sicherheit, vermutlich der Fahrer, lehnte benommen an einem Felsen. Wo sein Kopf die Windschutzscheibe getroffen hatte, klaffte eine Wunde. Außer ihm war nur ein weiterer Kriecher zu sehen, der eilig in den Felsspalten verschwand, verzweifelt seine Pfeife blasend. Unterdessen flohen die Mönche, die im Bus gefangen gewesen waren, mit Ausnahme eines alten Mannes in roter Robe, der sich über den verletzten Fahrer beugte.

Shan ließ sich den Felsvorsprung hinunterrutschen und landete auf der Straße. Der Lama hatte einen Streifen Stoff aus seiner Tunika gerissen und umwickelte damit den blutenden Kopf des Fahrers, der kurz davor war, sein Bewusstsein zu verlieren. Als Shan sich näherte, hob der Lama den Kopf. Shan kannte ihn nicht, doch das müde Lächeln und der unerschrockene, in sich ruhende Gesichtsausdruck waren ihm aus seiner Zeit als Gefangener wohl vertraut.

»Du hast getan, was du konntest«, sagte Shan mit drängender Stimme. »Bitte, geh jetzt.« Er wusste, was der Lama vorhatte, und es erfüllte ihn mit Trauer. »Indem du den Bus verlassen hast, bist du geflohen. Es wird keinen Unterschied machen, ob sie dich hier finden oder zehn Kilometer weiter.« Shan kniete sich neben den verwundeten Soldaten. »Ich kümmere mich um ihn. Du hast keine Vorstellung davon, was sie dir antun werden. Bleib bei deinen Freunden, dort wirst du dringender gebraucht.«

Unbeeindruckt von Shans Worten, nahm der Lama eine Meditationsstellung ein.

»Die Soldaten werden dich …«

Der Lama schnitt ihm das Wort ab, indem er seine ineinander |13|gelegten Hände erhob, eine Geste, die Shan gut kannte: die Einladung, an einem Mantra teilzunehmen.

Erinnerungen an das Gefängnis wurden wach, in das sie ihn gesperrt hatten, an Mönche, die bis zur Besinnungslosigkeit mit Schlagstöcken und Rohren traktiert wurden, an alte Tibeter, die Tritte ins Gesicht erhielten, bis ihnen die Zähne ausfielen, an Lamas, die ihren Scharfrichtern friedlich in die Augen blickten, während diese ihnen die Pistolen an die Schläfen setzten. Der Lama nickte weise, dann begann er, mit tiefer Stimme ein Mantra zu sprechen, ein Bittgebet an den Heilenden Buddha.

»Lha gyal lo«, sagte Shan mit fester Stimme, während er sich zurückzog. Den Göttern der Sieg.

In einiger Entfernung tauchten rotbraune Flecken zwischen den Felsen auf. Shan lief ihnen entgegen und fand sich drei vor Angst zitternden Mönchen gegenüber.

»Weg von der Straße!«, rief er und gestikulierte in Richtung des zerklüfteten Hanges über ihnen.

Die Soldaten mussten jeden Moment zurückkommen. Und sie würden Schlagstöcke dabei haben und Elektroschocker, die einem furchtbare Stromstöße versetzen konnten. Shan griff sich das erstbeste Handgelenk. Es gehörte einem jungen Tibeter, über dessen Kinn sich eine gezackte Narbe zog. Seine Augen blitzten trotzig, als er Shans Arm zurückstieß.

»Das sind Gefangenenwärter«, erklärte Shan. »Die werden sich nicht weit von der Straße entfernen. Aber sie werden Grenzschützer mit Helikoptern anfordern. Ihr müsst die höher gelegenen Täler erreichen«, drängte er. »Und zieht eure Gewänder aus! In euer Kloster könnt ihr nicht zurück. Haltet euch an die Schäfer und versteckt euch in den Höhlen.«

»Aber wir haben nichts Unrechtes getan«, wehrte sich der junge Mönch und fügte mit Blick auf den alten Lama hinzu: »Rinpoche hat recht. Das ist alles nur ein Missverständnis.«

»Das ist kein Missverständnis! Ihr werdet auf Jahre in den Gefängnissen der Öffentlichen Sicherheit verschwinden.«

Die anderen Mönche rafften ihre Gewänder zusammen und rannten den Hang hinauf. Der junge Mönch jedoch machte |14|einige unschlüssige Schritte in Richtung des alten Lama, der noch immer sein Mantra betete.

»Ich kann ihn nicht zurücklassen.«

Shan sprach zu dem Rücken des jungen Mönchs: »Sie werden euch nicht zusammen lassen. Geh zu ihm, und alles, was du dadurch erreichst, sind fünf Jahre chinesische Gefangenschaft. Als Erstes werden sie dein gau zerstören und dein Gewand verbrennen.«

Der Mönch wandte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht zu ihm um: »Ich habe von einem Chinesen gehört, der selbst in Gefangenschaft war und jetzt unseren Leuten hilft. Wie heißen Sie?«

»Du willst meinen Namen nicht wissen und ich nicht deinen.« Shan zeigte den Hügel hinauf. »Geh!«

»Aber Rinpoche …«

Als Shan jetzt zum Lama hinübersah, schlug ihm das Herz bis zum Hals. »Die Alten haben die Fähigkeit, Gefängnismauern anzunehmen wie die Mauern einer Klosterzelle. Das Beste, was du für ihn tun kannst, ist zu fliehen. Bring dich in Sicherheit, so kannst du Mönch bleiben. Erspare ihm den Schmerz, zu wissen, dass er dich die Freiheit gekostet hat.«

Der Mönch drehte sich zum Lama, sprach ein stummes Gebet, berührte sein Handgelenk an der Stelle, wo seine Perlenkette gewesen war, bevor die Kriecher sie zerrissen hatten, und rannte den Berg hinauf.

Von unterhalb ertönte ein metallisches Pfeifen, gefolgt von scharfen Befehlen und einem langen, schmerzlichen Stöhnen. Shan kämpfte gegen die aufsteigende Panik an und blickte sich um. Zwischen den Steinen waren bunte Flecken zu erkennen. Ein dickes, rotes Kletterseil, außerdem gelbe und schwarze Seile, die zu einer Schlinge gebunden waren – die gestohlene Ausrüstung. Etwas klirrte unter seinen Füßen, und als er sich bückte, um es aufzuheben, hielt er einen stählernen Karabinerhaken in der Hand. Noch einmal betrachtete er den Hang und versuchte, sich vorzustellen, wie die Seile benutzt worden waren. Doch bevor er einen Schluss ziehen konnte, hörte er drei krachende Schüsse über sich und rannte los.

|15|Es würde verwundete Mönche geben – und wütende Kriecher. Noch während er rannte, überlegte er, was von den Dingen, die er bei sich trug, als Verband herhalten könnte. Doch als er die kleine Ebene auf dem Rücken der Anhöhe erreichte, erwarteten ihn dort keine Mönche, sondern ein Verkehrsunfall.

Eine große, dunkle Limousine war von der schmalen Straße abgekommen und hatte sich überschlagen. Die Tür auf der Fahrerseite stand offen.

Noch ganz außer Atem lehnte Shan sich gegen den Kotflügel. Offenbar hatte es keinen Zusammenprall gegeben, sondern der Wagen hatte sich in den kleinen, knorrigen Wacholderbüschen verfangen und war herumgeschleudert worden. Shan hielt Ausschau nach Soldaten, ging vorsichtig um den Wagen herum und blieb abrupt stehen.

Die zwei Frauen saßen gegen einen Felsblock gelehnt. Die Chinesin, mittleren Alters, trug eine weiße Seidenbluse, die jüngere Frau hatte blonde, kurzgeschnittene Haare und hielt sich den Bauch, als habe sie Magenschmerzen. So, wie die Chinesin die blonde Frau ansah, hätte man annehmen können, sie seien in eine leise Unterhaltung vertieft. Doch die Hände der Älteren waren blutgetränkt. Shan kniete sich neben sie und legte ihr zwei Finger an den Hals, konnte aber keinen Puls finden. Ihr Körper war noch warm, doch sie war bereits tot.

Die Augen der blonden Frau waren in die Ferne gerichtet, ihr Gesicht zeigte keinerlei Regung. Dann allerdings bemerkte Shan, wie ihre Hand zitterte, als wolle sie auf sich aufmerksam machen. Sie war von zwei Kugeln getroffen worden, beide in der Brust. Auf ihrer roten Windjacke und der hellblauen Bluse waren dunkle Flecken zu sehen. Aus ihrem Mundwinkel rann Blut. Als sie Shan ihr Gesicht zuwendete und ihn mit bittendem, verständnislosem Blick ansah, schnürte sich ihm die Brust zusammen. Er setzte sich neben sie, legte ihr einen Arm um die Schultern und wischte ihr einen Blutfleck von der Stirn.

»Nicht bewegen«, flüsterte er auf Chinesisch, bevor er es auf Englisch wiederholte.

Er strich ihr über den Kopf. Eine innere Stimme rief: Lauf! Er |16|musste schleunigst fliehen, wenn möglich den Mönchen helfen. Aber er konnte keine sterbende Frau zurücklassen.

»Wer war das?«, fragte er.

Die Lippen der Frau öffneten und schlossen sich. »Der Rabe«, flüsterte sie auf Englisch.

Ihre Hand tastete nach seiner und drückte sie, während sich ihr Blick wieder gen Himmel richtete. Doch es war nicht der Himmel, wie Shan klar wurde, und auch kein Vogel, sondern der hoch aufragende, düstere Berg im Süden – der Everest.

Noch einmal fing ihr Blick Shan ein: »Bin ich es …«, hörte er ihre dünne Stimme. Der Rest ihrer Worte ging in einem Blutschwall unter. Sie führte eine Hand zum Mund und tastete nach dem Blut, das sie mit dem nächsten Husten auf der Wange verschmierte.

»Hilfe ist unterwegs«, sagte Shan mit belegter Stimme. »Alles wird gut.«

Sobald die Soldaten kämen, würde er sie bitten, zum Bus zurückzulaufen, einen Verbandskasten zu holen und den Notarzt zu rufen.

Das leise Lächeln der Frau kehrte zurück, als hätte er einen Witz gemacht, dann ließ sie ihren Kopf auf seine Schulter sinken wie auf die eines alten Freundes. Nur kurz ausruhen. Unter offenbar größter Anstrengung berührte sie mit ihrer freien Hand ein verziertes Schächtelchen, das von ihrem Hals herab hing. Ein gau, ein tragbarer Schrein, das traditionelle tibetische Gebetsmedaillon. Wie um es Shan zu zeigen, schoben ihre Finger das Medaillon in seine Richtung, dann fiel die Hand in ihren Schoß zurück. Während Shan weiter über ihre schmutzigen, blonden Haare strich und nach tröstlichen Worten suchte, wich die Kraft aus der Hand, die nach seiner getastet hatte, ihre Atmung verlangsamte sich und setzte schließlich ganz aus.

Shan strich weiter über ihren Kopf und betrachtete sie wie aus der Entfernung. Ihre leblosen Augen waren noch immer auf die Muttergottheit der Berge gerichtet. Als er das gau unter ihr Hemd zurückschob, hörte er sich noch immer sinnlose Worte flüstern. Zu spät nahm er den Schatten neben sich wahr, das Bein |17|in der grauen Uniform. Der elektrische Schlag traf Shan überall gleichzeitig, an der Hand, dem Hals, der Wirbelsäule, und plötzlich sah er sich selbst, aus noch größerer Entfernung, seinen zuckenden Körper, der den der blonden Frau auf sich zog und dabei ihr Blut auf seinem Gesicht und seiner Brust verschmierte. Ein Schlag schien in seinen Kopf einzudringen, dann wusste er nichts mehr.

|18|2

Mit seinem gesunden Auge betrachtete Shan die Hand des toten Gefangenen. Sie zuckte und schreckte dabei die Fliegen auf, die sich an der nässenden Wunde gütlich taten. Er hatte das schon öfter erlebt, diesen Laborfrosch-Reflex. Bei Opfern von Elektroschocks trat dieses Phänomen häufig auf. Die sehnigen Finger schnappten nach Luft, als suchten sie verzweifelt nach dem Regenbogenseil, das gute Buddhisten in den Himmel beförderte. Unter stechenden Schmerzen hob Shan seinen Kopf so weit von der Pritsche, dass er sehen konnte, wem die tote Hand gehörte. Ein dunkles, schmerzvolles Stöhnen drang aus seiner Kehle. Die Hand war seine eigene.

Unter quälenden Anstrengungen richtete er sich auf und lehnte sich gegen die gekalkte Steinwand. Er ignorierte die Taubheit seiner Beine und betastete sein blindes Auge, um festzustellen, dass es lediglich zugeschwollen war. Der Schmerz, der sich in seinem Körper ausbreitete, als er den Kopf hob, war mit nichts vergleichbar, was er in den letzten Jahren erlebt hatte. Sein Blick tastete sich über den kahlen Betonboden. Shan registrierte frische Blutlachen und Erbrochenes unter einer verdreckten Spülwanne, dann begann die Zelle zu rotieren. Das Letzte, was er wahrnahm, während er erneut das Bewusstsein verlor und die Wand hinabglitt, war ein vergilbtes Plakat, das an der Wand vor seiner Zelle hing. Glücklich lächelnde Arbeiter waren darauf zu sehen, darüber der Schriftzug: FREUDE DURCH ARBEIT ZUM WOHLE DES VOLKES.

Es war Nacht, als Shan das nächste Mal das Bewusstsein erlangte. Die einzige Lichtquelle bestand aus einer milchigen Glühbirne, die im Mittelgang zwischen den Zellen von der Decke hing. Darunter ein Metalltisch sowie eine dreibeinige Tafel. |19|Shan stellte sich auf wackelige Beine, indem er seinen Körper von der Wand abstieß. Als er einen Fuß vor den anderen zu setzen versuchte, knickten seine Knie ein, und der Zellenboden flog ihm entgegen. Es gelang ihm, sich abermals auf die Füße zu stellen und einen zweiten Schritt zu gehen. Dabei erinnerte er sich an die Lektionen seiner tibetischen Lehrmeister, jedem Schmerz einzeln zu begegnen. Shan schaffte es bis in die vordere Ecke seiner Zelle, wo er in sich zusammensackte. Er umklammerte die Eisenstangen und zog sich empor, um im Schein der Glühbirne das Werk seiner Peiniger zu inspizieren.

Sein linker Arm war von blutigen Stellen überzogen, die Haut an mehreren Stellen abgeschürft. Seine Lippen waren blutig und geschwollen, einige Zähne im Oberkiefer lose. Die Gefangeneninstinkte, die seit seiner Zeit im Gulag in ihm lauerten, erwachten zu neuem Leben. Im Geiste erstellte Shan eine Liste der Instrumente, mit denen sie ihn bearbeitet hatten. Für den Kiefer und die Schulter hatten sie Stöcke verwendet, für den Arm Stäbe mit grobem Schleifpapier, die bei jedem Schlag ein Stück Haut mitrissen. Diese Methode erfreute sich besonderer Beliebtheit. Die Schienbeine waren mit Stahlkappen von Stiefeln traktiert worden, die Fußrücken mit den Absätzen. Shan schloss die Augen und betastete mit der Zunge die Innenseiten seiner Wangen. Er konnte nichts Ungewöhnliches feststellen, da war kein metallischer Nachgeschmack. Chemikalien hatten sie noch nicht verwendet.

Er zog die Beine in den Lotussitz, presste die Zähne aufeinander und fixierte ein kleines, rechteckiges Fenster aus Drahtglas oben in der Rückwand. Shan konnte Sterne erkennen. Er tauchte seinen Finger in die nächste Blutlache und malte damit einen Kreis an die Wand. Dann einen Kreis innerhalb des Kreises. Anschließend füllte er die Kreise mit Mustern. Er war noch mit dem Malen des Mandalas beschäftigt, das etwas Klarheit in seine Gedanken zurückbrachte, als sich seine Nackenhaare aufstellten. Er sah sich um und machte in der Dunkelheit eine glühende Zigarette in einer der offenstehenden Zellen am Ende des Flures aus. Jemand saß auf einem Feldbett und beobachtete ihn.

|20|Shan umfasste eine Eisenstange. Mit einer Bewegung, die Messerstiche in seine Schultern stieß, drehte er sich so, dass er direkt den Flur vor sich hatte. So erwiderte er den Blick des Mannes, der ihn aus dem Dunkel heraus beobachtete, bis neue Schmerzen sich wie eine Feuerwalze aufbauten, seinen Hinterkopf in Brand setzten und ihn schließlich zu Boden streckten.

Während sein Körper von Schmerzen zerfressen wurde, blendete sich Shans Bewusstsein abwechselnd ein und aus. Sein Verstand wurde von Erinnerungen und Visionen heimgesucht, die es ihm unmöglich machten, Realität und Einbildung länger auseinander zu halten. Er sah die Körper der entflohenen Mönche, gestapelt wie Feuerholz, daneben einen Kriecher, der sie mit Benzin übergoss. Sein Vater, der Professor, rezitierte Shakespeare in kurzen, keuchenden Silben, während er mit brennenden Stöcken gefoltert wurde. Gemeinsam mit Tenzin und der blonden Frau stand Shan auf dem Gipfel des Chomolungma, bis sie vom Wind erfasst und in eine Schlucht geschleudert wurden, wo sie wie auf einer Welle zwischen lauter toten Bergsteigern dahintrieben.

Ein trübes Licht sickerte durch das rechteckige Fenster. Es mussten Stunden vergangen sein. Shan lag in einer Pfütze aus Erbrochenem. Ein Mann schritt vor der Zelle auf und ab. Jedes Mal, wenn er einen Sonnenflecken durchschritt, blitzten seine schwarzen Offiziersstiefel auf. Er blieb stehen, redete. Einen Moment später schüttete jemand einen Eimer kaltes Wasser über Shan.

Er reagierte nicht. Jemand stieß einen Fluch aus. Neue Befehle wurden erteilt. Eine Metalltür wurde geöffnet und geschlossen. Shan beobachtete durch einen Schmerzensschleier hindurch, wie der Mann den Inhalt einer Plastikflasche in den Eimer entleerte.

Ein beißender Geruch stieg ihm in die Nase. Shan presste die Zähne aufeinander und versuchte, auf die Beine zu kommen, indem er sich nach vorne schob und die Eisenstangen umfasste. Aus Erfahrung wusste er, dass manche Kriecher sich einen Spaß daraus machten, Gefangene mit Ammoniak zu übergießen.

»Doch noch aus dem Mittagsschlaf erwacht.«

|21|Der Offizier sprach in langsamen, gesetzten Worten, die Shan einen Schauer über den Rücken jagten. Er war in Peking ausgebildet worden, war möglicherweise sogar aus einer der inoffiziellen Einsatztruppen, deren Aufgabe darin bestand, der Parteispitze Ungelegenheiten aus dem Weg zu räumen. Eine dunkle Vorahnung stieg in ihm auf. Weshalb schickten sie einen wie ihn, um sich mit einem wie Shan zu befassen?

Shan griff nach den Stangen. Von seinem Bein tropfte Blut. Sein Gegenüber war scharf, dann wieder unscharf. Jeder Atemzug jagte ihm einen stechenden Schmerz durch die Brust. Er schloss die Augen, tastete nach seinem Gleichgewicht und fixierte den Offizier mit klarem Blick.

»Ich brauche etwas Tee«, erklärte er mit trockener Stimme.

Die Augen des Offiziers lagen noch immer im Dunkel. Sein blutloses Grinsen entging Shan dennoch nicht. Er drehte sich um, gab ein paar kurze Anweisungen, und ein Aufseher verschwand eilig den Flur hinunter.

Niemand sprach, bis Shan an den Metalltisch in der Mitte des Flurs gebracht und an einen Stuhl gekettet wurde. Vor ihm stand ein Becher mit Tee. Bevor er daraus trank, hielt er sich den Becher unter die Nase und sog den Dampf ein. Der Nebel in seinem Kopf lichtete sich. Dann stürzte er die Hälfte des siedenden Inhaltes in einem Zug herunter.

»Ich bin Major Cao«, verkündete der Offizier, nahm eine Thermosflasche und füllte die Tasse nach. »Wir werden gemeinsam ein paar Fragen beantworten.«

»Üblicherweise«, sagte Shan mit respektloser Stimme, während sein Gegenüber sich auf einem Stuhl niederließ, »kommt erst die Befragung und dann die Folter. Es könnte sich als« – er suchte nach dem richtigen Wort – »kontraproduktiv erweisen, einen Gefangenen unschädlich zu machen, bevor man sich erkundigt, ob er zu kooperieren bereit ist.«

»Sie missverstehen das« erwiderte Cao. »Die Behandlung, die Sie von Seiten der Öffentlichen Sicherheit erfahren haben, war lediglich ein Abschiedsgeschenk. Jeder Offizier der Öffentlichen Sicherheit in diesem Bezirk ist von hier strafversetzt |22|worden. Die meisten auf verwaiste Außenposten, wo man auf Jahre nichts von ihnen hören wird. Der Grund dafür sind Sie. Die Offiziere verspürten einfach das dringende Bedürfnis, Ihnen ihre aufrichtigen Gefühle zum Ausdruck zu bringen, bevor sie auf ihre Posten abberufen wurden.«

Während der Stille, die diesen Worten folgte, schlug der Offizier eine zerfledderte gelbe Mappe auf, deren fettgedruckte Schriftzeichen auf dem Deckel Shan nur allzu bekannt waren. Der Mann war ein Profi. Anhand der eintätowierten Nummer auf seinem Arm Shans Identität zu ermitteln war kein Kunststück, doch dass jemand tatsächlich noch einmal seine Akte ausgraben würde, hätte er nicht für möglich gehalten.

Shan hatte einen weiteren traurigen Moment der Erkenntnis. »Welcher Tag ist heute?«

Um die Akte aus dem entfernten Lhadrung anzufordern, waren mindestens achtundvierzig Stunden notwendig.

Cao ignorierte ihn. »Liest sich wie eine Auftragsoper für die Partei«, stellte der Offizier trocken fest, während er die Seiten umblätterte. »Tragische Fehleinschätzungen, die dazu führen, dass ein verlässliches Kadermitglied auf dunkle, antisoziale Pfade gerät, die ihn in immer kriminellere Kreise führen, bis er schließlich, in einem Akt grenzenlosen Selbsthasses, einen Mord begeht, wodurch sein unterbewusstes Verlangen nach Exekution endlich einen Ausdruck findet.« Cao blickte zu den leeren Zellen hinüber wie zu einem Publikum, bevor er sich wieder Shan zuwandte. »Sollte die Partei nicht entscheiden, die Sache unter den Teppich zu kehren, wird Ihre Hinrichtung in ganz China für Schlagzeilen sorgen.«

Um dem Durcheinander von Schmerzen und Ängsten, das die Drohungen des Majors in ihm auslösten, einen klaren Punkt entgegenzusetzen, bohrte Shan sich unauffällig einen Finger in den Bauch. »Also war sie eine Regierungsbeamtin«, mutmaßte Shan, »die Frau mit den Schüssen im Bauch.«

»In seinem Selbsthass war er so blindwütig«, fuhr der Offizier fort, »dass sein Erinnerungsvermögen beeinträchtigt wurde.« Wieder richtete Cao seine Worte an ein imaginäres Publikum, |23|bevor er Shan ansah. »Sie haben ein gesellschaftliches Vorbild zerstört, mehr noch: Sie haben Pekings Lieblingsdenkmal enthauptet. Sie, Genosse San, haben die Tourismusministerin ermordet.«

Shan starrte ins Halbdunkel. Eine neue Art von Schmerzen wogte durch seinen Körper. Vor seinem geistigen Auge kehrten die Bilder der toten Chinesin zurück – und die der blonden Westlerin, die in seinen Armen gestorben war. Er hörte ihre letzten, rätselhaften Worte, die wie eine Frage an den Berg gerichtet waren.

Er deutete auf seinen Becher, den Cao grinsend nachfüllte. »Was für ein Tag ist heute?«, wiederholte er mit zittriger Stimme. »Ist schon Donnerstag?«

Major Cao zog einen Bleistift und ein Blatt Papier aus der Schublade, zeichnete sorgfältig sieben zusammenhängende Kästchen, kreuzte die ersten beiden aus und schob Shan das Blatt über den Tisch. »In diesem Leben werden sie keinen anderen Kalender mehr brauchen«, erklärte er.

Shan musste einen Brechreiz unterdrücken. Er beugte sich über die Tasse, um aufs Neue den Teedampf einzuatmen, und schloss die Augen. »Ein so schweres Vergehen verlangt nach einer gründlichen Untersuchung.« Er sah auf und versuchte, seiner Stimme festen Halt zu geben. »Forensischer Art.«

»Als man Sie stellte, saßen Sie Seite an Seite mit einem ihrer Opfer, von oben bis unten mit Blut besudelt. In Ihrer Tasche fand sich ein Zettel mit dem Namen des Hotels, in dem die Ministerin gastierte.« Shans Hand tastete nach der inzwischen leeren Hosentasche. Den Zettel hatte er völlig vergessen, und er konnte sich auch nicht erlauben, Cao davon zu unterrichten, weshalb er ihn bei sich getragen hatte. »Alles, was wir noch an Beweisen brauchen«, fuhr Cao fort und legte eine Hand auf die Mappe, »ist Ihre tragische Lebensgeschichte.«

Zum ersten Mal suchte Shan den direkten Blickkontakt mit dem Offizier. »Falsch«, sagte er, seine Stimme etwas fester, »sonst wären Sie nicht hergeschickt worden.«

Cao ließ einen Seufzer hören, als habe ihn seine Aufgabe |24|bereits ermüdet. »Hundert Millionen. So viel bringt die Bergsteigerei jedes Jahr ins Land. Peking möchte sichergehen, dass wir es hier nicht mit tibetischen Separatisten oder sonstwas zu tun haben, die diesen blühenden Wirtschaftszweig gefährden könnten. Eine Vorsichtsmaßnahme, wenn Sie so wollen.«

»Also geht es gar nicht um Mord, sondern um Devisen?«

Der Major fixierte Shan, als sehe er ihn zum ersten Mal. »Wie Ihnen bekannt sein dürfte, Inspektor Shan, bevorzugen wir es, wenn die Todeskandidaten zum Zeitpunkt ihrer Hinrichtung bei Bewusstsein sind, um ihnen bis zuletzt die Gelegenheit zu geben, Reue für ihre Taten zu zeigen. Sie allerdings dürfen Ihre Sünden bereuen, obwohl Sie nur an einen Stuhl gefesselt sind. Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viele Knochen und Nerven sich in ihren Füßen und Knöcheln befinden?«

Shan hielt dem Blick des Majors stand, während er über seine Antwort nachdachte. »Peking hat Sie beauftragt. Das heißt, Sie selbst kommen nicht aus Peking. Mit anderen Worten: Lhasa – regionales Hauptquartier.«

Das Augenlid des Majors zuckte. Shan hatte ins Schwarze getroffen.

»Während Ihrer Bewusstlosigkeit haben Sie einen Namen gerufen, immer wieder – Ko. Wer ist dieser Ko? Sollten wir die Suche nach einem Komplizen aufnehmen?«

Shans Magen krampfte sich zusammen. Um von seiner Reaktion auf die Erwähnung des Namens abzulenken, simulierte er eine neuerliche Schmerzattacke. »Ein politisches Märchen mag ausreichen, um die Öffentlichkeit ruhigzustellen, Major. Am Ende aber, wenn man hinter verschlossenen Türen den Tod einer Ministerin diskutiert, wird der Staatsrat Beweise sehen wollen. Forensische Beweise. Sie scheinen dem Thema auszuweichen.«

Cao griff nach eine zweiten Tasse, die neben der Thermosflasche stand, und drückte so fest zu, dass Shan erwartete, sie zerspringen zu sehen.

»Ich war nur zufällig am Tatort«, erklärte Shan. »Ich sah, dass die Ministerin verwundet war. Sie starb durch einen Schuss aus nächster Nähe. Ich hatte keinerlei Schmauchspuren an den Händen. |25|Haben Sie sich überhaupt die Mühe gemacht, das zu überprüfen?«

»Ich bin erst vierundzwanzig Stunden nach Ihrer Festnahme eingetroffen. Für die erste Beweisaufnahme waren andere zuständig.«

»Die, die inzwischen in die Wüste geschickt wurden«, bemerkte Shan.

»Soweit ich weiß, sind einige auch auf Bohrinseln im chinesischen Meer versetzt worden – die Mongolei des einundzwanzigsten Jahrhunderts.«

»So ähnlich wie Lhasa«, warf Shan ein, »für einen ambitionierten Offizier der Öffentlichen Sicherheit.«

An Caos Hals trat eine Sehne hervor. »Einige der größten Herausforderungen für die Öffentliche Sicherheit finden sich in Tibet. Es ist eine Ehre für mich, dem Vaterland zu dienen, wo immer es mich hinschickt.«

Shan erkannte den Ton und die Formulierung eines Mannes, der in seiner Karriere Rückschläge hatte hinnehmen müssen. »Haben Sie wenigstens die Felsen abgesucht?«

»Wonach?«

»Der Mordwaffe. Offenbar wusste der Täter, dass die Öffentliche Sicherheit die Straße sperren würde, und hatte sich auf den Bus mit den Mönchen konzentriert. Wie es aussieht, wusste er sogar, dass die Öffentliche Sicherheit aus diesem Grund entschieden hatte, auf den üblichen Begleitschutz zu verzichten. Er hatte eine realistische Chance, nahe an die Ministerin heranzukommen, solange er sich den Bus vom Leib hielt. Und er konnte sich nicht erlauben, in der Nähe des Tatorts mit einer Waffe aufgegriffen zu werden.«

»Was erlauben Sie sich?«

»Ich erlaube mir, auf die Inkompetenz der Öffentlichen Sicherheit hinzuweisen. Die Waffe liegt da oben in den Bergen, vermutlich nicht weiter als achtzig oder hundert Meter vom Tatort entfernt.«

»In vierundzwanzig Stunden werden Sie darum betteln, uns zeigen zu dürfen, wo sie ist.«

|26|Shan erwiderte Caos Blick ohne jede Regung. »Befragungen durch die Öffentliche Sicherheit sind ausgesprochen unzuverlässig, Major. Was Sie möglicherweise in vierundzwanzig Stunden haben werden, ist entweder ein toter Gefangener und kein Geständnis, oder aber die Tatwaffe, frisch genug, um belastendes Beweismaterial zu sichern.«

Cao schloss die Akte und beschwerte sie mit seiner Faust. »Wer zum Teufel sind Sie, Shan?«

»Ich bin der Sand im Getriebe, den die Öffentliche Sicherheit immer wieder ausspuckt«, antwortete Shan mit ernster Stimme.

Cao nahm eine weitere Akte vom Tisch. »Ein führendes, regionales Parteimitglied hat eine Petition verfasst. Es erinnert daran, dass die Behörde nicht weit von hier eine Anstalt für geistig gestörte Straftäter unterhält. Diese Anstalt ist sehr beliebt, zumindest in Kreisen der Öffentlichen Sicherheit. In Lhasa nennen wir sie ›das Kurhotel‹.«

»Die Yeti-Fabrik«, murmelte Shan. »Bei den Tibetern heißt sie

›die Yeti-Fabrik‹.«

»Zweifellos, weil sie Übermenschen hervorbringt.«

»Weil entflohene Insassen gerne ziellos in den Bergen herumstolpern, üblicherweise nackt, im Schnee, mit den geistigen Fähigkeiten von Affen.«

Caos Lippen zeigten keine Regung, doch seine Augen blickten amüsiert. »Dieses Parteimitglied jedenfalls plädiert dafür, dass wir unsere Verantwortung dem Volk gegenüber wahrnehmen, indem wir Sie heilen, bevor wir Sie erschießen. Um Ihnen so die Möglichkeit zu geben, den Menschen in diesem Land zu erklären, weshalb Sie sie so beschämt haben. Ich habe den Genossen kommen lassen und ihn gefragt, welche Beweise er für Ihre Geistesgestörtheit vorlegen kann. Seine Antwort war: Jedes Gespräch mit Ihnen sei Beweis genug.«

Die eigentliche Folter hatte also noch gar nicht begonnen. Zweifellos hatte Cao die Befugnis, Shan in eines der medizinischen Versuchszentren der Öffentlichen Sicherheit zu überstellen. Schon einmal hatte Shan mit einer solchen Einrichtung Bekanntschaft gemacht – bevor man ihn in den tibetischen Gulag |27|gesteckt hatte. Mehr als fünf Jahre lag das inzwischen zurück. Jeder Mensch, der einigermaßen bei Verstand war, ließe sich lieber eine Kugel in den Kopf jagen, als in so eine Anstalt gebracht zu werden.

Cao erhob sich und umrundete den Tisch. Er war älter, als Shan anfangs gedacht hatte. Oberhalb des Handgelenks verlief eine Narbe, wie sie nur eine Kugel hinterlassen haben konnte.

»Sie haben Peking damals in Ketten verlassen«, setzte der Major an. »Ich bin sicher, dass Sie seither immer damit gerechnet haben, dass die Regierung eines Tages Ihr Leben einfordern würde.«

Shan blickte auf den Boden seiner leeren Tasse. »Ein Onkel hat mir mal gesagt, ich würde meinen Lebensabend selbstgenügsam in den Bergen verbringen und Gedichte schreiben, umgeben von singenden Vögeln.«

Cao gab einen dunklen, gutturalen Laut von sich. Möglicherweise ein Lachen. »Ich habe Ihre Geschichte vorwärts und rückwärts gelesen. Besonders den Teil über den Beginn Ihrer Karriere, als Sie Berühmtheit erlangten, weil Sie ranghohe Beamte wegen Korruption hinter Gitter brachten. Sogar mit ehemaligen Kollegen von Ihnen habe ich gesprochen. Langsam fange ich an, Sie zu verstehen. Einer Ihrer wesentlichen Charakterzüge ist das Verlangen nach Vollständigkeit. Sie hören erst auf, wenn alle offenen Enden verknotet sind. Für Sie hat Justiz weniger mit Richtern und Gerichten als vielmehr mit Absolutheit und Katharsis zu tun. Sie wollen Erlösung. Nun … die können Sie haben. Lassen Sie mich nicht die Mannschaft hereinrufen, die draußen auf Sie wartet. Ziehen Sie einen klaren Schlussstrich.«

Cao schob eine Pause ein, bevor er zur Tafel schritt, ein Stück Kreide von einer Hand in die andere springen ließ und zu schreiben begann. »Ich war immer ein großer Freund japanischer Verse«, erklärte er, »einfache, klare Worte.« Er trat zur Seite, damit Shan die Tafel sehen konnte.

Wort befreit das Herz,

Kugel befreit die Seele,

|28|stand dort zu lesen. Darunter:

Blut auf Vögelchen

»Ich werde Sie in die Berge bringen, Shan«, sagte Cao im Flüsterton. »An einen hübschen Platz mit Singvögeln.«

Shan las mehrmals Caos merkwürdiges Haiku, bevor er antwortete: »Major, Sie scheinen mir für Ihren Job eindeutig überqualifiziert zu sein.«

Cao warf Shan einen letzten Blick zu, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand im Dunkel. Shan sah ihm nicht nach, sondern achtete nur auf die Geräusche, eine Tür, die geöffnet und wieder geschlossen wurde, zweimal. Wärter kamen, lösten seine Fesseln und brachten ihn in eine Verhörzelle in einem anderen Teil des Gebäudes, wo sie ihn erneut an einen Metallstuhl ketteten.

Drei Männer in weißen Laborkitteln kamen herein, der älteste von ihnen trug eine Arzttasche. Langsam, eins nach dem anderen, nahm er seine Instrumente heraus und ordnete sie sorgsam auf dem Tisch an. Ein kleiner Stahlhammer, vier zahnärztliche Untersuchungsinstrumente, zwei Zangen, unterschiedlich lange, sehr dünne Nadeln, kurze Latexschläuche, ein Zahnextraktionsgerät.

Während die Männer noch auf ihn herabblickten und dieses stumme Präludium spielten, das solchen Sitzungen stets vorausging, griff Shan sich eine der überdimensionalen Nadeln und fuchtelte damit herum wie mit einem Klappmesser. Die drei Männer wichen zurück. Shan beugte sich über den Tisch und stach in ihre Richtung, bis die Kette an seinem Handgelenk ihn zurückriss.

»Ich enttäusche Sie ungern«, erklärte Shan, »aber ich bin kein Neuling.«

Und mit einer einzigen, flüssigen Bewegung bohrte er sich die Nadel bis zur Hälfte in den Bizeps seines linken Arms. Einer der Assistenten schnappte nach Luft und hielt sich die Hand vor den Mund, als müsse er sich übergeben, das Gesicht des anderen wurde bleich. Der Arzt lächelte.

 

|29|Shan zweifelte daran, dass es in der Geschichte der Menschheit eine Institution gegeben hatte, die über Schmerzen und Ängste besser Buch geführt hatte als Pekings Büro für Öffentliche Sicherheit. Die Kriecher wurden mit Handbüchern und Tabellen ausgestattet, es gab ein spezielles, sechs Monate währendes Trainingsprogramm, das den Namen »physikalische Verhörmethoden« trug. Wie alle eigenständigen Wissenschaften, so kennzeichnete auch diese ein spezielles Vokabular. Shan, der sich in den Händen eines Meisters seines Fachs befand, war in den Genuss einer sogenannten »umfangreichen Examination« gekommen. Dabei wurde eine kurze Anwendung jedes zur Verfügung stehenden Instruments vorgenommen, um zu ermitteln, auf welches der Gefangene am besten ansprach. Shan war, wie er es von den Lamas in Gefangenschaft gelernt hatte, an einen anderen Ort gegangen, hatte seinen Geist von seinem Körper getrennt. Lass es einen Sturm sein, der draußen tobt, hatte ihm ein Lama einst erklärt, und über den du keine Kontrolle hast. Bleibe bei dir, im Inneren, wo der Sturm dich nicht erreichen kann.

Shan lag auf dem Zellenboden, wo sie ihn nach beendeter Examination hingeworfen hatten. Er nahm nichts wahr außer dem Schmerz, der anschwoll und abebbte. Irgendwann begann er sich zu fragen, weshalb er einen kleinen, weißen Kieselstein umklammert hielt. Bis es ihm wieder einfiel. Die Kriecher, die zunehmend frustrierter reagiert hatten, je länger Shan auf ihre Methoden mit Schweigen antwortete, hatten den Rest der Examination im Eiltempo durchlaufen. Cao wartete darauf, hinzugerufen zu werden – sobald sie den Gefangenen soweit hätten. Am Ende konnten sie Shan nur noch aus dem Stuhl hieven, wobei er sich auf den Tisch übergab, was die Assistenten zurückweichen ließ. Diese Gelegenheit nutzte er, um unbemerkt seine Hand um den Zahn zu schließen, den sie ihm gezogen hatten.

Er spuckte das Blut aus seinem Mund, stabilisierte seine zitternde Hand und rammte den Zahn in sein Bett zurück. Aus seinen Jahren in Gefangenschaft wusste er, dass ein eben erst entfernter Zahn guter Chancen hatte, sich wieder im Kiefer zu |30|verwurzeln. Während er die Stelle rieb, an der er sich die Nadel in den Arm gestoßen hatte, versuchte er, die Finger seiner linken Hand zu strecken. Die Kriecher hatten den Trick, der ihm vor Jahren von einem anderen Gefangenen beigebracht worden war, nicht gekannt. Mit etwas Glück und der richtigen Stelle konnte man nicht nur seine Peiniger verwirren, sondern durch eine Art Akupunktur die Nerven der linken Hand blockieren, die ein beliebtes Ziel bei solchen Befragungen war. Die rechte ließ man in der Regel intakt, damit die Geständnisse noch unterschrieben werden konnten.

Es gelang ihm, bis zur Pritsche an der Zellrückwand zu kriechen, bevor er erneut das Bewusstsein verlor. Als er das nächste Mal erwachte, war die Nacht hereingebrochen. Er quälte sich in den Lotussitz und starrte in die Dunkelheit. Teile seines äußeren Lebens vermischten sich mit alptraumhaften Visionen: die heiteren Gesichter zweier alter Tibeter, die er liebte wie seine Familie und die er vor Monaten zu ihrem eigenen Schutz in den Bergen östlich von Lhasa zurückgelassen hatte – die Schreie der Inhaftierten in den anderen Verhörzimmern.

Wieder und wieder führten ihn seine Träume an eine Tür, die sich während des Verhörs geöffnet hatte, hinter die er jedoch nicht zu blicken wagte. Dann brach sich eine neue Schmerzenswelle über ihm, die Tür schwang auf, und er konnte die Vision nicht länger von sich fernhalten. Er sah seinen Sohn Ko, Shan Ko, Gefangener des Gulag, auf seinem Bett in der Yeti-Fabrik, wie er derselben Befragung unterzogen wurde, die Shan über sich hatte ergehen lassen müssen.

 

Am Morgen lag ein Zettel auf dem Stuhl neben seiner Pritsche, ein Formular. Sofern keine anderslautende, durch eine Magistratsperson beglaubigte Erklärung vorliegt, stehen die Organe des Gefangenen nach erfolgter Exekution für medizinische Zwecke zur Verfügung. Nicht der Gefangenen, wie er bemerkte, sondern des Gefangenen. In das Freifeld war sein Name eingetragen.

Als die drei Männer zurückkamen, nahm Shan sie nicht zur Kenntnis, sondern konzentrierte sich ganz auf das Mandala, das |31|er mit seinem eigenen Blut an die Wand gemalt hatte – am Vortag, als er noch die Kraft gehabt hatte, sich zu widersetzen. Heute war alles, was er tun konnte, als sie ihn auf die Füße zwangen, nicht vor Schmerzen in Tränen auszubrechen. Er versuchte, aus sich herauszugehen, sich von dem Gefangenen zu lösen, der durch den Flur schlurfte, während eine wütende Stimme in seinem Kopf ihm immer wieder die Möglichkeiten aufzählte, die ein schlauer Gefangener genutzt hätte, um sich während einer solchen Befragung selbst zu töten. Als der Arzt seine Tasche öffnete, bäumte sich Shans Körper unwillkürlich auf und wand sich in unkontrollierten Zuckungen.

Anschließend fiel er in eine sonderbare Starre, in der er kaum noch etwas von seiner Umwelt wahrnahm – mit Ausnahme eines neuen, stechenden Schmerzes in seinem rechten Arm. Sein Blick folgte dem Schlauch, an dem die Nadel befestigt war, bis zu dessen Ventil am anderen Ende. Einer der Assistenten war damit beschäftigt, eine klare Flüssigkeit in den Schlauch zu injizieren. Shan versuchte, sich auf die Flasche zu konzentrieren, die der Mann auf den Tisch stellte. Gleich würde der Geschmack in seinem Mund ihm verraten, ob es sich bei der Flüssigkeit um ein Wahrheitsserum oder um eine der Spezialrezepturen handelte, mit denen die Muskeln zum Kochen gebracht wurden. Stumpf betrachtete er die Flasche, ohne zu verstehen, weshalb sich eine lindernde Wärme auf seine Glieder legte. Dann war er plötzlich hellwach und suchte in den verbitterten Gesichtern des Teams nach einer Erklärung. Sie verabreichten ihm Schmerzmittel und Glukose, und dann bandagierten sie wortlos die offenen Stellen an seinem Körper.

Zehn Minuten später waren die Männer in Weiß verschwunden. Noch immer tropfte die Glukoselösung durch den Schlauch in seinen Arm. Abgesehen von einem dampfenden Becher mit Tee, war der Tisch leer. Shans erster Schluck lief noch die Kehle hinunter, als Cao sich aus dem Schatten löste.

»Soweit ich unterrichtet bin, gibt es hier oben über Hunderte von Kilometern nichts als Wildnis«, stellte er in säuerlichem Ton fest.

Shans Antwort war ein heiseres Krächzen. »Tausende.«

|32|»Gut. Verschwinden Sie darin.« Die Worte des Majors waren gespickt mit eisiger Eindringlichkeit. »Sollten Sie mir noch einmal über den Weg laufen, werde ich mir ein Hackmesser und ein Flugzeug besorgen und Sie in kleinen Stücken über die Berge verstreuen, während Sie mir dabei zusehen.«

Shan nippte schweigend an seinem Tee und überlegte, was das für eine Falle war, die Cao ihm möglicherweise gerade stellte. Dann erinnerte er sich an die vielen Stunden, die ihm im Anschluss an das Verhör entgangen waren. »Sie haben die Pistole gefunden«, schloss er.

Cao antwortete, indem er an Shan herantrat, die Nadel aus seinem Arm riss und auf die Tür wies.

 

Shan blinzelte in die strahlende Morgensonne und hörte, wie hinter ihm die Tür zugeschlagen wurde. Shogo erwachte gerade. Einige vereinzelte Schafe streunten über die rissige Straße. Dann rauschte ein Tross glänzender SUVs vorbei – Himalajatouristen nach einem Abstecher in das Handelszentrum auf dem Dach der Welt. Irgendwo brannte Weihrauch, um die Götter des neuen Tages zu ehren.

Nach zwei stolpernden Schritten bemerkte Shan den gut gekleideten Tibeter, der in der Teestube auf der anderen Straßenseite am Tisch saß. Er wartete, bis zwei vorbeirollende Mannschaftswagen mit Grenzsoldaten in ihrer eigenen Staubwolke verschwunden waren, und überquerte die Straße.

Tsipon, einflussreichster Geschäftsmann Shogos und außerdem führendes, regionales Parteimitglied, war der einzige Mann in der Stadt, der eine Krawatte trug. In seinem Anzug und dem weißen Hemd sah er aus, als sei er auf dem Weg zu einem geschäftlichen Meeting.

»Danke, dass Sie versucht haben, mich in die Yeti-Fabrik einweisen zu lassen«, sagte Shan, als er sich in den Stuhl neben ihm fallen ließ.

»Es ist Klettersaison. Ich kann mir nicht erlauben, weitere Mitarbeiter zu verlieren. Diese verdammten Kriecher verstehen einfach nichts vom Geschäft.«

|33|Ein Mann erschien mit drei Tassen schwarzem Tee, die er auf dem Tisch abstellte. Bevor er sich setzte, schob er eine davon in Shans Richtung. Der Mann war groß und athletisch, seine Haut auf eine Weise gegerbt, die verriet, dass er viele Tage in großer Höhe zubrachte. Mit seinen schwarzen Haaren hätte Shan ihn auf den ersten Blick für einen tibetischen Kellner halten können, doch er hatte die Gesichtszüge eines Westlers, und seine Kleidung und die Stiefel hätten einen tibetischen Durchschnittsverdiener ein Jahresgehalt gekostet.

»Sehen Sie ihn sich an«, sagte er auf Englisch zu Tsipon, »der Mann ist ja völlig im Eimer. Den Deal können Sie vergessen.«

Tsipon warf Shan einen erwartungsvollen Blick zu. Allem Anschein nach war dies tatsächlich eine Geschäftsbesprechung.

Tsipon lächelte und gab einer im Türrahmen wartenden Frau ein Zeichen. Sie beugte sich zu ihm herab, ließ sich etwas zuflüstern und verschwand.

»Was für ein Tag ist heute?«, fragte Shan auf Tibetisch.

»Oh, tut mir leid – Samstag.«

Shan schloss die Augen. Für einen Moment verlor er die Kontrolle über den Schmerz.

Tsipon schaltete auf Englisch um: »Das Gebiet, das zu den Kletterpfaden auf der nepalesischen Seite der Berge führt, ist vom nepalesischen Militär zum Sperrgebiet erklärt worden. Offenbar gibt es Probleme mit den Rebellen, die in Katmandu die Kontrolle übernehmen wollen. Kein westlicher Besucher darf derzeit den Südhang besteigen. Mister Yates hat drei Klettergruppen, die bereits für diese Saison gebucht haben und erwarten, innerhalb der nächsten sechs Wochen auf den Gipfel geführt zu werden. Jetzt muss er sie die Nordwand hinaufschicken.«

Der Fremde trank seinen Tee. Shan bemerkte verfärbte Hautpartien an zweien seiner Finger. Einem fehlte die Kuppe – ein typisches Zeichen für Erfrierungen in großer Höhe.

»Unmöglich«, sagte Shan, »Sie wissen, das ist unmöglich.«

Um eine Expedition in den Berg zu schicken, bedurfte es wochenlanger Vorbereitungen. Genehmigungen waren einzuholen, |34|Zeltplätze mussten gefunden, Proviant und Ausrüstungen organisiert werden.

Der Fremde schob Shan einen Stapel Servietten zu. Vor ihm auf dem Tisch hatte sich ein roter Fleck gebildet. Offenbar tropfte Blut von seiner Kopfbinde.

»Verdammt, Shan«, rief Tsipon auf Tibetisch, »dem Amerikaner kommt das Geld aus den Ohren raus. Drei der Expeditionen sind bereits bezahlt. Haben Sie eine Ahnung, wie viel Geld das bedeutet? Hinzu kommen zwanzig Prozent extra, um sie nach China zu bringen. Zwanzig Prozent, von denen ein Viertel für mich abfällt.«

Während Shan sich eine Serviette auf die Stirn drückte, kehrte die Frau zurück und stellte eine Platte dampfender momos vor ihnen ab, tibetische Klöße. Shans freie Hand, die einen eigenen Willen zu haben schien, schoss hervor und stopfte ihm einen in den Mund.

»Ich brauche Sherpas«, sagte Tsipon, »Träger, Maultiere und Pferde. Es müssen neue Basislager eingerichtet und ausgestattet werden. Und wir brauchen Sicherheitsleinen entlang der Route.«

Shan blickte zwischen den Männern hin und her. »Gehen Sie rauf in die Dörfer.« Ein weiterer momo verschwand in seinem Mund. »Genug Geld kann da Wunder wirken.« Auf der Suche nach einer Erklärung für seinen Heißhunger erinnerte er sich an die Handvoll Reis, die alles war, was er in den letzten drei Tagen zu sich genommen hatte.

»Diesmal nicht«, erklärte Tsipon. »Es gibt Komplikationen. Die Sherpas geben mir die Schuld – ich gebe sie Ihnen.«

Shan streifte den Amerikaner mit einem Seitenblick. Sein irritierter Gesichtsausdruck verriet, dass ihm die Spannung zwischen Shan und Tsipon nicht verborgen blieb, auch wenn ihre Worte keinen Sinn für ihn ergaben.

»Die Schuld wofür?«

»Den Sherpa, den Sie aus dem Berg geholt haben – Tenzin. Er war beliebt. Die Leute sprechen noch heute davon, wie er als Teenager bis auf den Gipfel gestiegen ist. Und er kam aus einer |35|großen Familie, die auf beiden Seiten der Grenze lebt. Sie wollen seine Leiche.«

Der momo in Shans Hand verharrte auf halbem Weg. »Irgendjemand muss das Maultier doch gefunden haben. Alleine geht es nicht weit.«

»Nein«, antwortete Tsipon, »nichts.«

»Verstehe ich nicht.«

»Jetzt mal im Klartext«, sagte Tsipon, noch immer auf Tibetisch, »dieser dämliche Amerikaner und seine Geschäftspartner machen mir das beste Angebot, das ich je bekommen habe – das diese Stadt je bekommen hat. Shan, Sie haben sich bereit erklärt, für mich zu arbeiten, weil ich Sie in die Yeti-Fabrik einschleusen kann, damit Sie Ihren verlorenen Sohn sehen können.«

Bei der Erwähnung seines Sohnes blickte Shan alarmiert auf. Die Angst, dass jemand mithören und den wahren Grund erfahren könnte, der ihn in diese Gegend gebracht hatte, war allgegenwärtig. Während der qualvollen Stunden im Gefängnis hatte er sich von der kühnen Hoffnung genährt, dass er nicht nur seinen Sohn in der Yeti-Fabrik finden würde, sondern mit ihm auch einen Weg in die Freiheit oder wenigstens zurück in den Gulag von Lhadrung, wo Shan und seine Freunde ihm möglicherweise helfen konnten.

»Ich habe mich damit einverstanden erklärt, Sie einzustellen, weil niemand bei diesen zurückgebliebenen Bergbewohnern solche Wunder wirken kann wie Sie.«

Shan betrachtete den momo in seiner Hand und schüttelte bedächtig den Kopf. »Ihr Teil der Abmachung bestand darin, mich in die Yeti-Fabrik zu bringen. Darauf warte ich seit zwei Monaten.«

»Das war am Donnerstag, als Sie mich bei einer offiziellen Inspektion für ausgewählte Parteimitglieder begleiten sollten. Sie haben Ihren Termin verstreichen lassen.«

Das Gefühl, sämtlicher Illusionen beraubt worden zu sein, war so gewaltig, dass Shan sich mit einer Hand auf der Tischplatte abstützen musste. »Also, wann ist die nächste?«, fragte er mit trockener Stimme.

|36|»Sie wollen zu Ihrem Sohn?«, fragte Tsipon in sachlichem Ton. »Dann bringen Sie mir diesen toten Sherpa.«

Shan starrte Tsipon ungläubig an. Er hatte geglaubt, die Gefangenschaft hinter sich gebracht zu haben, dabei hatten sich Tsipon und die Kriecher einfach nur eine neue Art der Folter ausgedacht.

Er bemerkte, dass Yates weitere Servietten in seine Richtung schob. Auf seinen Kloß tropfte Blut. Er stieß angeekelt den Teller von sich weg, erhob sich unter größten Anstrengungen aus seinem Stuhl, schwankte, setzte zögerlich einen Fuß vor den anderen und brach ohnmächtig zusammen.

 

Ihm war nicht bewusst, dass sein Körper bewegt wurde, einzig die Schmerzen bohrten sich bis in sein Gehirn. Später sah er dämmrige Lichter in der Dunkelheit und noch mehr Dämonen. Der Schmerz kam in Wellen und machte es Shan unmöglich, seine Konzentration auf einen Punkt zu richten, eine Erklärung für die Ereignisse zu finden, die sich seit der Bergung von Tenzins Leiche zugetragen hatten. Menschen aus seiner Zeit in Peking tauchten hohnlächelnd vor ihm auf. Immer deutlicher sah er Ko, wie er gefoltert wurde, überlagert von leblosen, fragenden Gesichtern. Die blonde Frau in den Bergen fragte ihn, warum sie sterben musste, Tenzin warf ihm vor, ihn in der Stunde der Not allein gelassen zu haben.

Als Shan erwachte, umgeben von Dunkelheit, hatte er nur einen Gedanken: Tsipon hatte ihn nicht verstanden. Es gab eine andere Möglichkeit für Shan, zu seinem Sohn vorzudringen. Er musste lediglich das neue Hotel am Fuß des Berges erreichen. Dann könnte er Tsipon, Cao und die Mörder hinter sich lassen. Bevor er wieder das Bewusstsein verlor, hörte er seine eigene Stimme, wie sie nach Ko rief, ihn anflehte, am Leben zu bleiben, die Qualen der Yeti-Fabrik zu überstehen.

Am Ende sah er nur noch die Muttergottheit. Schwebend in der Dunkelheit blickte sie mit strapazierter Geduld auf ihn herab. Aus ihren Augen sprachen Vorwürfe, die ihn daran erinnerten, dass in den Bergen Mönche auf der Flucht waren, verängstigte Mönche, die seine Hilfe brauchten.

|37|Mit jedem Mal, das er erwachte, nahm er mehr von seiner Umwelt wahr. An seinem Feldbett standen neben einer Kerze Tee und Nudeln, die sich auf magische Weise nach jedem neuen Erwachen reproduziert hatten. Dann, endlich, blieb er wach und konnte sich aufsetzen. Die Dunkelheit seiner Kammer wurde durch schwere, schwarze Stoffe erzeugt, die an gespannten Kletterschnüren um sein Feldbett hingen. Auf jeder der Seiten seines provisorischen Kabinetts stand eine umgedrehte Holzkiste. Auf einer weiteren Kiste zu seiner Linken lagen ein Stapel Gaze mit einer Rolle Heftpflaster sowie ein Beutel mit antibiotischem Puder. Zu seiner Rechten befand sich eine Figurine der tibetischen Schutzgöttin Tara, flankiert von zwei in einem Brett steckenden Räucherstäbchen. Zwischen den Stäbchen lag ein Blatt, auf das ein bekanntes Mantra aufgemalt war. Shan erkannte den Duft von Aloe. Jemand hatte ihn mit Bandagen und Pillen gepflegt, jemand anderes mit heilsamem Weihrauch und der Anrufung des Heilenden Buddha. Shan richtete sich auf und rieb sich mit langsamen Bewegungen die Steifheit aus den Gliedern. Anschließend tastete er sich an den Stoffbahnen entlang, bis er eine Öffnung fand, und stolperte hinaus in ein vertrautes Labyrinth aus Steinen und alten Balken.

Der seit Jahrzehnten herrenlose Stall, den er sich vor zwei Monaten als sein Quartier eingerichtet hatte, lag am Rande einer Senke, die der Stadt Shogo als Müllkippe diente. Die Bewohner mieden den Ort, und Tsipon hatte Shan eine Unterkunft hinter seinem Depot angeboten, doch Shan fühlte sich zu dieser Hütte hingezogen. Sie war alt und verfallen, aber seit Shan begonnen hatte, seinen eigenen Alterungsprozess wahrzunehmen, fühlte er sich in Gegenwart gealterter Dinge ganz wohl, insbesondere, wenn es sich um tibetische Dinge handelte.

Er war beeindruckt gewesen von den schweren, handgearbeiteten Säulen und Balken, die aus dem Bruchstein ragten und denen die Jahrhunderte nichts hatten anhaben können. Außerdem hatte er unter den Schutthaufen auf der Rückseite etwas entdeckt, das schließlich den Ausschlag dafür gegeben hatte, ausgerechnet hier seinen mageren Hausstand unterzubringen.

|38|Er humpelte zu seiner provisorisch errichteten Werkbank, nahm das schützende Segeltuch ab und versicherte sich, dass alles unberührt geblieben war. Über die Bretter verteilt lagen antike Schnitzklötze, die früher für den Druck von peche verwendet worden waren, den traditionellen tibetischen Gebetsbüchern. Seine wenige Freizeit verbrachte Shan damit, diese großen, rechteckigen Blöcke, die er aus dem Bauschutt fischte, zu restaurieren, zerbrochene Teile zusammenzuleimen und die eingeritzten Schriftzeichen und Ritualbilder freizulegen. Er nahm sich den Block, an dem er zuletzt gearbeitet hatte, und begann geistesabwesend, den Schmutz abzukratzen.

Es war eine Art nächtliches Ritual geworden, etwas, das ihn seinen alten Freunden Gendun und Lokesh so nahebrachte, dass Shan sie manchmal an seiner Seite glaubte. Keine Pille oder Salbe hätte seine Wunden schneller heilen können.

Shan beendete die Arbeit an der Rosenholztafel, einer Seite des Herzens Sutras – des Sutras der höchsten Weisheit –, deren Ränder mit Vögeln verziert waren, und legte sie zu anderen in einen Sack. Die besterhaltenen Platten würde er mit zurück nach Lhadrung nehmen, um sie in der geheimen Klause seiner Freunde in Sicherheit zu wissen. Er hatte die Arbeit an einem weiteren Block aufgenommen, den er mit einer Bürste reinigte, die er aus Haaren des alten Maultiers angefertigt hatte, als ein Gedanke an ihm zu nagen begann. Dieser Gedanke ließ ihm keine Ruhe – bis er schließlich die Bürste beiseitelegte und seinen Blick richtungslos durch den Stall wandern ließ. Niemand hatte auch nur mit einem Wort die blonde Frau erwähnt. Der Mord an einer Staatsministerin mochte in Peking für Aufregung sorgen, der Mord an einer Westlerin im Schatten des Everest jedoch würde in der ganzen Welt für Schlagzeilen sorgen.

Das flehende Gesicht der blonden sterbenden Frau schob sich immer wieder vor sein geistiges Auge. Eine Fremde, die unmöglich alleine mit der Ministerin unterwegs gewesen sein konnte. Bin ich es? Das waren ihre letzten Worte. Als sei sie sich im Unklaren darüber gewesen, wer starb.

»Es heißt, in den Bergen gebe es ein Kloster, das diese Dinger |39|tatsächlich noch verwendet«, erklärte eine Stimme hinter seinem Rücken.

Shan erkannte die Silhouette eines großgewachsenen Tibeters im Türrahmen. Er trug eine Sonnenbrille und schien seinen Blick auf die peche-Platten gerichtet zu haben.

»Mit einer Druckerpresse, meine ich. Der letzten in der Region.«

Shan war erfreut angesichts dieser unerwarteten Nachricht. »Weißt du, wo?«

Er hatte eine plötzliche Vision von sich, wie er mit einem Stapel verschnürter Platten zum Kloster hinaufstieg. Beinahe konnte er die Freude der alten Lamas erkennen, wenn sie sehen würden, was er ihnen mitgebracht hatte.

Kypo zog die Schultern hoch. »Irgendwo in den Bergen. Wir müssen los. Tsipon hat gesagt, sobald du dich wieder auf den Beinen halten kannst, soll ich dich zu ihm bringen.« Tsipons Chefausrüster war noch nie ein Mann vieler Worte gewesen.

Shan stand von seinem Stuhl auf. »Danke, Kypo, für mein« – er deutete auf das mit Decken abgeteilte Gelass – »mein Krankenzimmer.«

»Tsipon meinte, wir sollten dich ins Lager oder in das Häuschen hinter dem Depot bringen, aber ich dachte, du würdest dich hier wohler fühlen – bei deinen …« Kypo betrachtete die Werkbank. »… Sachen.«

Shan hatte nicht versucht, die Blöcke, an denen er arbeitete, vor Kypo zu verheimlichen, und Kypo hatte nicht gefragt, was es damit auf sich hatte. Es schien ihn nicht zu interessieren.

»Er meinte, Hauptsache du hättest es warm und dunkel.«

»Du hast mir das Essen und die Sachen gebracht?«

»Ich habe das Essen und die Verbände gebracht«, antwortete Kypo spitzfindig und trat hinaus ins Sonnenlicht.

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