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Der tibetische Agent

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel
Mandarin Gate
erschien 2012 bei St. Martin’s Press, New York.

ISBN 978-3-8412-0553-7

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, April 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2013 bei Rütten & Loening, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Copyright © 2012 by Eliot Pattison

Published by Arrangement with Eliot Pattison

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie fürdas öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Büro Süd unter Verwendung eines Motivs von © Michele Falzone/JAI/Corbis

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

Kapitel Achtzehn

Kapitel Neunzehn

Epilog

Glossar der Fremdsprachigen Begriffe

KAPITEL EINS

Das Ende der Zeit fing in Tibet an. Shan Tao Yuns alter Freund Lokesh hatte es ihm in den letzten Monaten immer wieder gesagt. Erst gestern hatte er ihn abermals daran erinnert und mit gekrümmtem Finger auf eine unnatürlich geformte Wolke gezeigt, die am Horizont lauerte. Im Verlauf des vergangenen Jahres war Shan mehr als einmal schaudernd Zeuge geworden, wie Lokesh und ihre Lama-Freunde feierlich die uralte Prophezeiung deklamierten. Die Menschen hatten ihre Chance gehabt und versagt; sie hatten es zugelassen, dass ihre Zivilisation sich mehr um Unmenschlichkeit drehte als um Menschlichkeit. Nun befanden sie sich in einer Abwärtsspirale und würden in absehbarer Zeit durch eine intelligentere, mitleidsvollere Spezies abgelöst werden. Die Anzeichen dafür waren überall in Tibet zu sehen, und so erschien es den Lamas absolut logisch, dass der Prozess hier einsetzte, auf dem Dach der Welt, in dem Land, das der Heimat der Götter am nächsten war.

Während Shan nun zusah, wie Lokesh einen alten Pilgerpfad säuberte und sich dabei leise betend bei den Insekten für die Störung entschuldigte, wurde ihm klar, dass er die alten Tibeter nicht nur wegen ihrer gütigen Weisheit bewunderte, sondern auch für die Lebensfreude, die sie sich trotz aller finsteren Vorahnungen bewahrten.

»Jamyang spielt mit einer Ziege!«, rief Lokesh plötzlich.

Shan bemerkte, dass sein Freund innegehalten hatte und zum gegenüberliegenden Hang schaute. Er blickte verwirrt über das kleine Hochtal hinweg und erkannte eine rennende Gestalt in dem kastanienbraunen Gewand eines Mönches. Erschrocken sah er zu der Straße in dem größeren Haupttal dahinter. Erst vor einer Stunde hatten sie dort eine Polizeipatrouille bemerkt. Jamyang war ein unregistrierter und somit illegaler Mönch, und es war leichtsinnig von ihm, sich so nahe an einer öffentlichen Straße zu zeigen.

»Er wird noch zu seiner eigenen Feier zu spät kommen«, verkündete Lokesh grinsend. Shan erinnerte sich, dass der Lama sie eingeladen hatte, ihm in einer Stunde bei einer Mahlzeit Gesellschaft zu leisten, unweit der abgelegenen Hütte, die sein Zuhause war. Dort gab es einen kleinen Schrein, den Jamyang restauriert hatte, und der Rest des Tages sollte entsprechenden Feierlichkeiten gewidmet sein.

Shan ging zu seinem Pick-up, nahm sein verschrammtes Fernglas vom Armaturenbrett und richtete es auf den gegenüberliegenden Hang. »Das ist keine Ziege«, berichtete er gleich darauf. »Er verfolgt einen Mann.« Die vordere Gestalt balancierte mühsam einen Sack und einen langen Gegenstand quer über den Schultern und lief in einer gebückten, ungleichmäßigen Gangart.

Lokesh streckte beunruhigt einen Arm aus und zeichnete in der Luft den Verlauf des Pfades nach, dem die beiden Gestalten folgten. »Da geht es zu dieser neuen chinesischen Stadt!«, warnte er und deutete auf den Punkt, an dem der Weg hinter der Kammlinie verschwand. »Ihm ist nicht klar, wohin er gelockt wird!«

Mit jäher Bestürzung nahm Shan den Hang erneut in Augenschein. Er hatte die Stadt – eine der neuen Einwanderersiedlungen, wie sie überall im ländlichen Tibet aus dem Boden gestampft wurden – sorgsam gemieden und seine alten tibetischen Freunde ebenfalls ermahnt, sich davon fernzuhalten. Die Regierung zahlte mittlerweile Belohnungen für Informationen über unregistrierte Mönche und noch weitaus mehr für ihre Ergreifung. Das hatte eine neue Sorte Kopfgeldjäger hervorgebracht, die der Polizei zur Hand gingen und versteckte Lamas aufspürten. Bei den Tibetern hießen diese verabscheuungswürdigen Männer Knochenfänger, denn die Mönche, die sie anschleppten, waren zumeist benommene, ausgemergelte Einsiedler, die nur noch aus Haut und Knochen bestanden. Der Knochenfänger, der Jamyang in die Hände der Behörden lockte, würde damit mehr verdienen als die meisten Tibeter in einem ganzen Jahr. In der Stadt musste es einen Polizeiposten mit einem Gefängnis geben. Der Lama mit dem großen Herzen würde verloren sein.

Shan zog hektisch die zerknitterte Landkarte zu Rate, die vorn in seinem Wagen lag, und setzte sich ans Steuer. Er rief Lokesh zu, sie würden sich bei Jamyangs Schrein treffen, aber als er den Pick-up wendete, schwang der alte Tibeter sich auf die Ladefläche.

Sie rasten in halsbrecherischem Tempo den Berg hinunter. Der jahrzehntealte Wagen hüpfte und schlingerte über den lockeren, unebenen Schotter, schlängelte sich am Sockel des Gebirgsgrates entlang, auf dem Jamyang sich befand, und dann die Serpentinen auf der anderen Seite hinauf, um dem Fliehenden den Weg abzuschneiden. Von der Ladefläche hörte Shan das Klappern der losen Eimer und Schaufeln und dazu das Lachen von Lokesh, jenes sanfte Lachen, das geholfen hatte, Shan während der ersten schrecklichen Monate am Leben zu erhalten, als er vor vielen Jahren in ein Straflager geworfen worden war.

Der alte Motor ächzte und hustete, während der Wagen die unbefestigte Straße erklomm. Dann kam er zitternd an einer langen Reihe von Felsblöcken zum Stehen. Hier kreuzte der Weg, auf dem Jamyang den Kamm überqueren würde. Unterhalb erstreckte sich offenes Weideland, gefolgt von dem kleinen Straßennetz der neuen Siedlung, nur ungefähr anderthalb Kilometer entfernt.

Der rennende Mann hatte so sehr mit seiner schweren Last und der Beobachtung des Pfades hinter sich zu tun, dass er beinahe mit Shan zusammengestoßen wäre. Er keuchte auf und wollte Shan ausweichen, indem er auf ein Sims am Wegesrand sprang. Doch sein Hinken brachte ihn aus dem Gleichgewicht, und er stürzte schwer, verstauchte sich fluchend den Knöchel und blieb bäuchlings im Gras liegen. Der Inhalt des Sacks wurde um ihn verstreut.

»Der Kerl ist wahnsinnig!«, stöhnte der Fremde mit ängstlichem Blick den Pfad hinauf und rieb sich den Knöchel. »Geht wie ein blindwütiger Yak einfach auf mich los!« Er fing an, die Gegenstände flink wieder vom Boden aufzulesen.

Shan musterte den Mann für einen Moment. Er war Mitte dreißig, von zäher, drahtiger Gestalt und mit einer langen Narbe über dem linken Auge, die unter seinem struppigen schwarzen Haar verschwand. Die zerlumpte Schaffellweste und -mütze schienen ihn als Hirten auszuweisen, aber unter der Weste trug der Tibeter ein schwarzes T-Shirt mit dem Bild eines Skeletts, das eine Sichel hielt. Shan nahm seinen Hut ab.

Der Fremde erstarrte kurz, als er Shans chinesische Gesichtszüge sah. »Er ist nicht registriert, Genosse!«, rief der Tibeter mit dünner Stimme und hob eine kleine kupferne Opferschale auf. »Sonst würde er sich wohl kaum wie ein wildes Tier in dieser Hütte verstecken.« Er richtete sich auf und zuckte zusammen, als er seinen Fuß belastete. Dann humpelte er auf das größte seiner Beutestücke zu, zwei armlange Bretter, fest verschnürt mit den Bändern, die man benutzte, um die in Holz geschnitzten Druckstöcke tibetischer Schriften zusammenzuhalten.

Shan machte in Gedanken eine schnelle Bestandsaufnahme der anderen Gegenstände, die der Hinkende aufhob. Das zusammengerollte Gemälde einer Gottheit, die kleine Bronzefigur einer dakini-Göttin, zwei Teile einer Zeremonientrompete und ein silbernes gau, eines jener Amulette, wie es fromme Tibeter, mit geheimen Gebeten darin, um den Hals trugen. Zusammen mit den Druckstöcken würde das auf dem Schwarzmarkt genug einbringen, um den Mann für mehrere Wochen zu ernähren.

Der Hirte wollte sich die Bretter auf die Schultern wuchten, hielt dann aber erschrocken inne und wich zurück. Ein Stück neben ihm war der große schlanke Mann mit dem kastanienbraunen Gewand aufgetaucht. Jamyang lächelte. »Lha gyal lo«, sagte er zu dem Dieb. Den Göttern der Sieg.

Der Fremde hielt die Druckstöcke wie einen Schild vor sich. Als Jamyang seine Hände darauf legte, zog er daran und versuchte, sie dem Griff des Lama wieder zu entreißen. »Auf diesen Zauberer ist bestimmt ein Kopfgeld ausgesetzt!«, rief er Shan zu und deutete auf die unterhalb gelegene Siedlung. »Dort in Baiyun gibt es einen Polizeiposten!«

Shan begriff, dass der Mann sich vor dem freundlichen Lama mittleren Alters tatsächlich fürchtete. Jamyang war an seiner Seite erschienen, und zwar nicht etwa von dem Pfad, sondern wie aus dem Nichts. Und er war kein bisschen außer Atem. In der tibetischen Überlieferung gab es viele Geschichten über Lamas, die sich auf magische Art und Weise an andere Orte transportieren konnten.

»Wie hoch ist das Kopfgeld für Diebe?«, fragte Shan den Fremden.

Der Mann richtete seinen provisorischen Schild gegen Shan, dann gegen das Heck des Pick-ups, wo Lokesh inzwischen stand. Er gab sich geschlagen und ließ die Bretter sinken. Doch als er die verblasste Aufschrift auf der Wagentür sah, verflog sein Kummer sogleich wieder. »Du kontrollierst bloß irgendwelche armseligen Gräben«, sagte er.

»Ich bin der offizielle Aufsichtsbeamte für Gräben«, erwiderte Shan, »und glaub mir, eine nähere Bekanntschaft mit der Regierung der Volksrepublik möchtest du heute nicht schließen.«

Der Tibeter starrte Shan ein paar Herzschläge lang an, runzelte dann die Stirn und blickte verwirrt zu Jamyang, der eine Hand noch immer auf den Druckstöcken hatte und ihm mit der anderen die kleine bronzene dakini entgegenstreckte. Der Mann ließ die Bretter los, schnappte sich die Figur und stopfte sie sich in die Tasche, bevor er den Rest des Diebesguts auf die Ladefläche des Pick-ups legte. Nach einem Moment ging Lokesh ihm zur Hand, forderte den Dieb dann gutmütig auf, sich ebenfalls auf die Heckklappe zu setzen, und schob ihm das Hosenbein hoch, um den Knöchel zu untersuchen. Lokesh seufzte und schaute zu Shan. Der Mann mochte sich den Knöchel verstaucht haben, aber sein Bein war bereits von einem früheren, nicht richtig verheilten Bruch in Mitleidenschaft gezogen.

»Du brauchst eine Krücke«, stellte Jamyang fest und ließ den Blick über den Hang schweifen. Die nächstgelegenen Bäume befanden sich weit unten, entlang des Baches, der neben der neuen Siedlung verlief.

»Ich werde ihn fahren«, sagte Shan.

»Das wirst du natürlich nicht«, widersprach Lokesh prompt. »Du wirst Jamyang zurückbringen und mit der Feier beginnen. Auf der Straße sind es viele Kilometer bis in die Stadt, aber auf diesem Ziegenpfad ist es nur eine kurze Strecke. Ich werde seine Krücke sein und treffe euch dann später beim Schrein.«

Shan hatte kein gutes Gefühl dabei, aber er wusste, dass es aussichtslos war, mit dem alten Tibeter diskutieren zu wollen. »Hast du deine Papiere?«, fragte er seinen Freund. Die Polizei tauchte beunruhigend häufig im Tal auf und überprüfte doppelt und dreifach die Registrierungen, legte zum Teil sogar unerwartete Hinterhalte auf Nebenstrecken. Die Leute im Tal waren tief in der tibetischen Tradition verwurzelt, was sie für die Regierung automatisch verdächtig machte. Lokesh wies auf seine Hemdtasche und nickte, dann drückte er kurz das gau, das um seinen Hals hing, als wolle er auf die wahre Quelle seines Schutzes hinweisen.

Shan nickte zögernd. »Lha gyal lo. Wir erwarten dich noch vor dem Abendmahl.«

Der Hirte hob eine Hand, als Lokesh ihm auf die Beine half. Er griff in seine Tasche und streckte Jamyang die bronzene Göttin entgegen. »Nein«, sagte der Lama. »Ich habe sie dir aus freiem Willen gegeben. Heute ist ein glücklicher Tag.«

Das Gesicht des Diebes umwölkte sich. Er blieb stumm und starrte den Lama aus großen Augen an, während er mit einem Arm über Lokeshs Schultern davonhumpelte. Auch Shan war verblüfft. Die kleine dakini hatte zu den ältesten und kostbarsten Stücken aus Jamyangs Schrein gezählt.

Der Lama ging ohne ein weiteres Wort um den verbeulten Pick-up herum und nahm auf der Beifahrerseite Platz. Als Shan sich ans Steuer setzte, ließ Jamyang bereits mit befremdlicher Inbrunst seine Gebetskette durch die Finger gleiten und murmelte ein Mantra vor sich hin, eine lange, sich wiederholende Anrufung, die Shan nicht erkannte.

Das Schweigen zwischen ihnen war merkwürdig angespannt. Shan fragte sich, ob der Lama der Ansicht war, er hätte sich dem Dieb nicht in den Weg stellen sollen. Und ob ihm bewusst war, wie gefährlich es sein konnte, wenn ein solcher Mann den Ort kannte, an dem seine Hütte stand. »Dir ist nicht immer klar, wie riskant es ist«, rechtfertigte er sich.

Jamyang sah ihn an und neigte den Kopf, als hätten Shans Worte ihn überrascht. Ein winziges Lächeln huschte über sein Gesicht, und er fuhr sich mit der Hand durch das kurze schwarze Haar. »Dir ist nicht immer klar, wie riskant es ist«, wiederholte der Lama flüsternd und nahm dann sein Mantra wieder auf.

Nach einigen Minuten schien Jamyang sich zu entspannen, und als sie behutsam einem langen Sims folgten, hob er bedächtig eine Hand. Seine Stimme war leicht wie eine Feder. »Ich glaube, ich sollte Worte an euren Pilgerschreinen sprechen. Nur für einige Momente.«

Sie hatten eine scharfe Kurve am Ende einer der steilen Serpentinen erreicht. Von hier aus hatte man freie Sicht auf den Yangon, den heiligen Berg, der das lange Tal beherrschte, den majestätischen Gipfel, von dem es hieß, er verbinde die Einheimischen mit den alten Bräuchen und den alten schlafenden Gottheiten. Neben der Straße ragten vier Steinhaufen auf, die Lokesh und Shan wiederhergestellt hatten. Sie waren aus mani-Steinen errichtet, Steinen mit eingeritzten Gebeten, und markierten nicht nur den Schnittpunkt der Straße mit einem der zahlreichen Pilgerpfade des Tals, sondern auch eine halbkreisförmige flache Stelle aus festgetretener Erde oberhalb einer schroffen Klippe. Die Pilger hatten den Landgottheiten an diesem Aussichtspunkt viele Jahrhunderte lang ihre Hochachtung bezeigt.

Noch bevor der Wagen stand, sprang der Lama bereits heraus, eilte mit langen, energisch wippenden Schritten zum Rand des Simses und breitete begeistert die Arme aus, als wolle er dem Berg um den Hals fallen. Shan verfolgte, wie er leise, vertrauensvolle Worte an den Gipfel richtete und danach jeden der vier Steinhaufen aufsuchte.

Heute war ein außergewöhnlich schöner Tag. Die Schneekappe des Berges schimmerte unter einem kobaltblauen Himmel, und seine Hänge waren in die Farben des Frühsommers getaucht. Beim Anblick des Lama verflüchtigten Shans Sorgen sich und wichen einer neuen Zufriedenheit. Sie hatten Jamyang nicht zum ersten Mal vor einer Entdeckung durch die Behörden bewahrt, aber so knapp wie heute war es noch nie gewesen. Und wie immer würde Lokesh ihm später erklären, dass es dem Lama nicht bestimmt sei, den Knochenfängern in die Hände zu fallen, und dass er und Shan von den Gottheiten erwählt worden seien, Jamyang zu retten, damit dieser seinem übergeordneten Schicksal gerecht werden und helfen könne, die alten Bräuche am Leben zu erhalten.

Shan pflückte einen Zweig Heidekraut und legte ihn auf den Steinhaufen neben Jamyang. Er war sich nicht sicher, ob der Lama ihn überhaupt bemerkt hatte, bis dieser plötzlich das Wort ergriff. »Ich habe mal etwas über das Alter des Planeten gelesen. Wir haben vier Milliarden Jahre benötigt, um dahin zu kommen, wo wir sind«, sagte er mit wehmütigem Lächeln.

Shan hatte den Lama sehr lieb gewonnen, seit er und Lokesh ihm vor Monaten begegnet waren, als er in einem der hohen Seitentäler eine mani-Mauer, entlang eines einsamen Pfades, wiederaufbaute. Jamyang war Ende fünfzig und somit einige Jahre älter als Shan, aber nicht annähernd so alt wie Lokesh. Wie viele der Lamas sprach auch er niemals über seine Vergangenheit, doch er war eindeutig hochgebildet, und zwar nicht nur auf dem Gebiet der buddhistischen Schriften, sondern auch in Bezug auf Geschichte, Literatur und das Wesen der Welt. Shan wusste, dass sein alter Freund den Mönch mittlerweile als eine Art Brücke betrachtete, als einen der seltenen unabhängigen, unverdorbenen Lehrer, die noch eine Generation weiterleben würden, nachdem Lokesh und die anderen Vertreter des alten Tibet nicht mehr da waren. Jamyang schloss sich nie an, wenn die anderen vom Ende der Zeit sprachen. Er hegte immer noch Hoffnung, wusste Shan, wenngleich diese Saat in zahllosen anderen Tibetern allmählich vertrocknete und starb.

»Lokesh und ich klettern nachts bisweilen die Hänge hinauf, um einfach nur unter dem Himmel zu sitzen«, sagte Shan. »Letzten Monat haben wir Meteoritenschauer beobachtet. Sie schienen alle auf dem Yangon zu landen, als hätte der heilige Berg sie zu sich gerufen.«

Jamyang nickte. »Der Berg und seine Gottheit sind schon seit jeher da. Sie werden immer da sein, noch lange nach uns allen. Der Mensch kann das nicht ändern, oder?«

Shan musterte den Lama einen Moment lang; er war sich nicht sicher, ob er ihn richtig verstanden hatte. »Nein«, antwortete er zögernd, »das können wir nicht.« Er verfolgte schweigend, wie Jamyang zum Wagen ging und ein Kupferrohr holte, eines der Trompetenteile, die der Dieb gestohlen hatte. Der Lama entfernte einen Holzstöpsel und holte aus dem Rohr eine kleine verschnürte Stoffrolle hervor. Es war eine Leine mit selbstgefertigten Gebetsfahnen, eine jede versehen mit einem heiligen Bildnis und einer Inschrift von Jamyangs Hand. Er gab Shan das eine Ende. Sie spannten die Schnur wortlos zwischen zwei der Steinhaufen auf und klemmten die Enden unter den obersten Steinen fest. Ein jedes Flattern im Wind würde die Gebete erneuern.

Als sie fertig waren, nickte der Lama ihm dankbar zu und deutete dann auf eine Ansammlung zerfallender Gebäude in der Ferne, auf dem Grund des Haupttals. »An einem solchen Tag gibt es vermutlich Anzeichen für Besucher«, sagte er. Es dauerte einen Moment, bis Shan begriff, dass Jamyangs Tonfall fragend klang. Er holte sein Fernglas und richtete es auf die Ruinen. Die örtlichen Bauern und Hirten hatten vor einigen Monaten mit dem Wiederaufbau des uralten verlassenen Klosters begonnen. Sie opferten dafür ihre Mußestunden. Andere, wie Lokesh und Jamyang, arbeiteten dort für gewöhnlich im Schutz der Nacht.

»Ja«, berichtete er. »Ich sehe einen Lastwagen.«

Der Lama nickte. »Ich komme gleich zu dir«, sagte er und bedeutete Shan, er möge zum Wagen gehen. Shan setzte sich ans Steuer und beobachtete, wie Jamyang die Gebetsfahnen abschritt, eine jede dabei berührte und Worte murmelte, die sie zu ihrer Aufgabe befähigen würden. Dann wandte er sich dem Berg zu und ließ sich jäh zu Boden fallen, um sich wie ein Pilger bäuchlings vor Yangon auszustrecken.

Bis sie den Wagen geparkt hatten und den knappen Kilometer zur Hütte des Lama emporgestiegen waren, war es später Nachmittag. Das kleine Gebäude, in dem Jamyang schlief – ursprünglich ein Unterschlupf der Hirten –, war so karg wie die Zelle eines Einsiedlers. Der Lama verbrachte den größten Teil seiner Zeit in der oberhalb gelegenen flachen Höhle, in der er ein uraltes Basrelief restauriert hatte, das mehrere Gottheiten und heilige Symbole zeigte.

In der Hütte erweckte Shan die schwelende Glut der Kohlenpfanne zu neuem Leben und legte etwas von dem getrockneten Yakdung nach, den der Lama als Brennstoff sammelte. Schweigend tranken sie einen Tee, dann füllte Jamyang einen kleinen Holzeimer mit Wasser, und sie gingen den Pfad hinauf zum Schrein.

Jamyang hatte unterhalb der alten Felsfiguren als provisorische Altäre zwei primitive Bänke aufgestellt, die nun mit Opfergaben bedeckt waren. Es würde weder ein spezielles Gebet gesprochen noch eine Feier angefangen werden, bevor nicht alle Opfer gereinigt waren. Jamyang legte die Gegenstände zurück, die sie dem Dieb abgenommen hatten, und füllte eine Opferschale mit Wasser. Dann brachte er einen Lappen zum Vorschein und fing ehrfürchtig an, die Stücke auf dem Altar zu putzen. Shan schüttete die Asche aus einer kleinen zeremoniellen Kohlenpfanne und begab sich auf den Hang, um etwas duftendes Wacholderholz zu sammeln, dessen Rauch die Gottheiten anlockte. Derweil grübelte er über die melancholische, ungewisse Stimmung nach, die sich auf der Rückfahrt über den Lama gelegt hatte. Jamyang hatte so gewirkt, als wolle er Shan gern etwas mitteilen, finde aber nicht die passenden Worte. Nun jedoch war der Lama zu Hause, bei seinem geheimen Schrein, und wieder heiter und gelassen.

Es war in der Tat ein Festtag. Da der schlichte, elegante Schrein wiederhergestellt war, würden Jamyang und Lokesh anfangen, die Tibeter der Gegend herzubringen, damit sie den Göttern huldigen konnten und lernen würden, dass die alten Bräuche nicht vergessen waren. Die Gefahr für den Lama würde immer größer werden. Shan musste den beiden unbedingt begreiflich machen, dass sie nie mehr als eine Handvoll Gläubige gleichzeitig mitbringen durften. Eine größere Gruppe könnte die Aufmerksamkeit der Behörden erregen. Peking bemühte sich sehr, alle Überbleibsel der tibetischen Tradition im Land zu tilgen, würde aber nie Erfolg haben, solange es Männer wie Lokesh und Jamyang gab. Während der letzten Wochen hatten fromme Tibeter an anderen Stellen des Tals damit begonnen, der Polizei durch spontane Gebetsversammlungen die Stirn zu bieten. Angekündigt wurden sie durch den Klang der langen, weithin und tief hallenden dungchen-Hörner, mit denen man einst die Gläubigen in den Tempel gerufen hatte. Die verwegene Gruppe, die dafür verantwortlich war, würde zweifellos auch zu Jamyangs Schrein kommen und die Behörden von hier aus mit ihrem Horn verhöhnen. Shan ertappte sich dabei, dass er wie ein Soldat die Landschaft begutachtete und sich überlegte, wo er als unsichtbarer Wächter der Besucher Position beziehen könnte und welche Fluchtrouten es für die Tibeter gab, wenn die Polizei den Berg heraufkam.

Eine halbe Stunde später, während der duftende Rauch in den ruhigen, klaren Himmel emporstieg, ließ Jamyang sich mit übergeschlagenen Beinen nieder und fing an, den aus dem Stein gehauenen Gottheiten heilige Schriften vorzulesen. Während er sprach, wich auch der letzte Rest Sorge aus seinem Gesicht. Shan setzte sich in der Haltung eines Novizen neben ihn, achtete auf die korrekte Reihenfolge der langen losen Seiten und hielt sie am Boden fest, als der Wind auffrischte. Sein Blick wanderte über die Behelfsaltäre. Jamyang war ein vollendeter Künstler im traditionellen Stil und hatte sich angewöhnt, Alltagsgegenstände mit religiösen Symbolen zu verzieren. Entlang des Randes eines Butterfasses hatte er eine Muschel aufgemalt, einen springenden Fisch, eine Vase und die anderen acht Glückszeichen des tibetischen Rituals. Von einer Kupferkanne starrte ein großes Auge. Der Griff einer kleinen Gerstensense wurde durch eine Ranke mit Lotusblüten geschmückt.

Plötzlich erstarrte Shan. In der Mitte der Bank vor Jamyang lag etwas Neues, ein schwarzes und fremdes Objekt. Eine kleine Automatikpistole. Der Lama konnte unmöglich eine solche Waffe besitzen, doch dann sah Shan, dass auch sie mit einer Blume verziert worden war und dass auf dem Lauf das Mantra an den Mitfühlenden Buddha geschrieben stand. Shan wäre am liebsten aufgesprungen und hätte das tückische, hässliche Ding den Hang hinuntergeschleudert. Er sagte sich, dass es sich hierbei nur um eine weitere von Jamyangs Maßnahmen zur Befriedung der Welt handle und dass auch die Pistole für den Lama lediglich ein alltäglicher Gegenstand sei, der durch heilige Worte gereinigt werden könne. Die Alten glaubten, nach einer solchen Reinigung würde eine Waffe nie wieder Schaden anrichten.

Shan widerstand dem Impuls und bemühte sich, sein wild klopfendes Herz zu beruhigen. Im Verlauf seiner Haft hatte er mehr als einmal mit angesehen, wie ein Mönch mit genau so einer Pistole exekutiert wurde, kniend und Mantras rezitierend, während der Henker über ihm stand. Er dachte daran, dass andere den Schrein besuchen würden, andere, die wussten, dass der Besitz einer solchen Waffe ein schweres Verbrechen war, andere, die Jamyangs Vorgehen womöglich nicht verstehen würden. Wo konnte der Lama die Pistole gefunden haben? Shan schob seine Angst beiseite und hielt sich vor Augen, dass Jamyangs Naivität in gewisser Weise eine Gabe war, ein Teil der Reinheit dieses Lehrers. Er lehnte sich zurück und beschloss, das Ritual nicht zu stören. Heute Nacht aber würde er zurückkehren und die Waffe verschwinden lassen.

Sie saßen in der Nachmittagssonne und schauten dabei zu, wie die sich verändernden Schatten den Gottheiten auf dem Fels Bewegung verliehen. Der süßliche Rauch umwehte sie, und das einzige Geräusch kam von Jamyangs leisem Mantra und dem gelegentlichen Lied einer Lerche. Shan entspannte sich wieder und ließ nur die ehrerbietigen Worte in sein Bewusstsein, so wie die Lamas es ihn gelehrt hatten. Eine Pforte in seiner Erinnerung öffnete sich, und er fing an, die gleichförmigen Gebete der Mönche seiner ehemaligen Sträflingsbaracke zu hören, was sich auch diesmal wieder lindernd auf seine Befürchtungen auswirkte. In diesem Moment spielte es keine Rolle, dass ganze Brigaden chinesischer Polizisten nach Männern wie Lokesh und Jamyang fahndeten, zwei der sanftmütigsten, freundlichsten Menschen, die er je gekannt hatte. Es war egal, dass Knochenfänger durch die Hügel streiften, dass Außenstehende sich im Tal ansiedelten und tibetische Familien vertrieben, die hier seit Jahrhunderten verwurzelt gewesen waren. Er konnte vorübergehend die Todesträume vergessen, die immer häufiger seinen Schlaf heimsuchten. Er würde nicht einmal zulassen, dass Gedanken an seinen Sohn, der fünfzig Kilometer von hier in einem Straflager eingesperrt war, einen Schatten auf diesen Tag warfen. Shan hatte von seinen Freunden zu akzeptieren gelernt, dass das Hier und Jetzt zählte, die Erfahrung dieses Moments. Und dieser Moment – in der Gegenwart des betenden Lama, mit einem Herz voller Vorfreude, weil Lokesh bald eintreffen würde und weitere andächtige Stunden bevorstanden – war perfekt.

Jamyang blickte von seiner Meditation auf, als hätte er Shans Gedanken gelesen. »Die Götter sind zufrieden genug«, verkündete der Lama mit heiterem Lächeln. Er griff durch den duftenden Rauch und drückte Shans Hand. »Es gibt mir Kraft, dass du jetzt hier bist«, flüsterte Jamyang und wickelte sich seine Gebetskette um die Finger.

Dann nahm der Lama die Pistole und schoss sich in den Kopf.

KAPITEL ZWEI

Der Todestraum hatte wieder einmal von Shan Besitz ergriffen. Es musste sich um eine dieser unbarmherzigen Visionen handeln, die seinen Schlaf mit den Bildern gefolterter Lamas und hingerichteter Mönche zur Qual werden ließen. Ein leise schluchzendes Stöhnen hallte in der flachen Höhle wider, und er schaute sich hektisch nach dem Ursprung um, bis ihm bewusst wurde, dass es aus seiner eigenen Kehle drang. Dann sah er die karmesinroten Tropfen, die über seine Hand rannen, weil Blut auf ihn gespritzt war. Er stürzte an Jamyangs Seite.

Die Augen des Lama waren offen und auf die herausgemeißelten Gottheiten über dem Altar gerichtet. Doch er sah nichts mehr. Das Einschussloch in der Mitte seiner Stirn war sauber und rund, wie ein drittes Auge. Die Austrittswunde am Hinterkopf war ein blutiger Krater voller Knochensplitter und Hirnmasse.

Shan liefen Tränen über das Gesicht, als er den toten Lama auf seinem Schoß barg. »Erkenne das strahlende Licht, das deinen Tod bedeutet.« Er hatte die Worte des Bardo, des traditionellen tibetischen Todesritus, schon so oft gehört, dass sie ihm wie von selbst über die Lippen kamen. Jamyangs Seele würde verwirrt sein und sich schrecklich vor der schwierigen Reise fürchten, die so unvermittelt anbrach. Daher mussten die Lebenden sie trösten. »Erkenne, dass dein Bewusstsein ohne Geburt oder Tod ist.« Er stieß die Worte mit kleinen erstickten Atemzügen hervor, leiser und leiser, bis sie schließlich ganz erstarben.

Shan wusste nicht, wie lange er dort, gelähmt vor Kummer, saß, wusste nicht, wie lange Lokesh schon zugegen war, aber als er aufblickte, stand sein Freund nur ein kurzes Stück entfernt und starrte den toten Lama mit gramerfüllter Miene an.

»Wir haben die Opfergaben gereinigt«, erklärte Shan mit verzweifeltem Flüstern. »Diese Pistole hatte ich bis dahin noch nie gesehen. Ich wollte sie heute Nacht verschwinden lassen. Aber er hat sie genommen und so schnell den Abzug gedrückt, dass ich nicht …« Lokesh trat vor und kniete sich neben den Leichnam. »Warum, Lokesh? Warum?«, krächzte Shan heiser. »Wir wollten doch seine Götter feiern …«

Der alte Tibeter hob mit zitternder Hand Jamyangs Kopf von Shans Schoß, und sie legten den Toten vor dem Schrein auf die Erde. Lokesh stand reglos da und betrachtete den Leichnam. Dann, als würde die Wahrheit ihm letztendlich bewusst werden, sackten seine Schultern herab, und er fiel auf die Knie. Shans Herz zog sich regelrecht zusammen, als er sah, wie sein Freund sich den Kopf des Toten an die Brust drückte und sich hin- und herwiegte. Als Lokeshs Rücken an die Felswand stieß, rutschte er daran entlang zu Boden und stimmte starr vor Entsetzen erneut die Worte des Bardo-Ritus an. Der alte Tibeter kümmerte sich nicht um die Tränen, die über seine ledrigen Wangen flossen.

Schließlich stand Shan auf, ging zu dem Eimer und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht, bevor er hinaus in den kühlen Wind trat und nach oben blickte. Es hieß, die Seelen der reinsten Lamas würden in einem Regenbogen aus Licht zum Himmel auffahren. Doch für Jamyang würde es keinen Regenbogen geben. Am Ende seines reinen Lebens hatte er eine schwere Sünde begangen, eine unreine Tat, die seine Seele dazu verdammen würde, unter den niedrigsten Lebensformen wiedergeboren zu werden. Die alten Tibeter damals im Straflager hatten es als Viererwahl bezeichnet, wenn jemand seinen Qualen ein Ende setzte, obwohl es für ihn eine Reinkarnation als vierbeinige Kreatur bedeutete. Shan unterdrückte ein weiteres Schluchzen. Was waren Jamyangs Qualen gewesen? Er hatte so viel gehabt, wofür es sich zu leben lohnte. Doch so unglaublich und unerklärlich es auch schien, er hatte die Viererwahl getroffen.

Shan wusste, er musste seine Angst und Trauer beiseite schieben. Es gab viel zu tun, und zwar unter großen Risiken.

»Hier können jederzeit Bauern und Hirten auftauchen«, sagte er zu Lokesh. »Das hier wird sich unmöglich geheim halten lassen.« Die Nachricht über einen unregistrierten Mönch, der an einem Kopfschuss gestorben war, würde zu viel Aufmerksamkeit erregen. »Die Kriecher werden davon erfahren«, sagte er und meinte damit die gefürchteten Schergen der Öffentlichen Sicherheit, die Elite von Pekings vielen Vollstreckungsorganen. Falls die Kriecher herausfanden, dass hier einer der geächteten Mönche unter dem Schutz der Tibeter gelebt hatte, würden sie das als Vorwand dafür benutzen, zwei oder drei Dutzend Einheimische zusammenzutreiben und in eines von Pekings neuen Befriedungslagern zu verfrachten.

Lokesh blickte fragend und unter Tränen auf.

»Wir müssen ihn zur Hütte tragen, damit er gesäubert werden kann«, fuhr Shan fort. »Ich hole Hilfe aus der Einsiedelei.« Die acht Kilometer entfernt gelegene Nonnenklause war winzig, aber er wusste, dass die Bewohnerinnen Jamyangs Geheimnisse geteilt hatten. »Dann müssen wir ihn schnell wegbringen, bevor etwas hiervon durchsickert. Falls die Kriecher den Schrein entdecken, werden sie ihn zerstören.« Shan schaute mit neuer Pein zu den Basrelief-Gottheiten. Erst vor einer Woche hatte Jamyang gesagt, sie müssten jeden dieser Schreine so behandeln, als wäre er der letzte in Tibet, der letzte auf der ganzen Welt, denn eines Tages würde einer von ihnen es sein. Peking duldete solche geheimen Kultstätten nicht. Die Kriecher hatten spezielle Teams, Gottkiller-Kommandos, die Dynamit und sogar tragbare Presslufthämmer benutzten, um sie zu zerstören. »Jamyang würde das nicht wollen. Er war das genaue Gegenteil eines Gottkillers.«

Lokesh hatte unterdessen nicht aufgehört, die uralten Worte des Bardo zu flüstern, auch während Shan redete, aber nun hielt er inne. »Die alten Klosterruinen sind näher«, sagte er mit heiserer Stimme. »Wahrscheinlich sind Nonnen aus der Einsiedelei dort zugegen und helfen beim Wiederaufbau.« Er hob Jamyangs Schultern an und bedeutete Shan, er solle die Füße nehmen.

***

Shan hielt mit dem Pick-up am Rand eines breiten ansteigenden Simses und kletterte schnell zur Kante empor, um sich zu vergewissern, dass bei dem verlassenen Kloster, das vor fünfzig Jahren weitgehend zerstört worden war, keine neuen Fahrzeuge standen. Schon beim ersten Blick auf die unterhalb gelegenen Ruinen zuckte er erschrocken zurück, holte hastig sein Fernglas aus dem Wagen und stieg abermals das Sims hinauf. Das letzte Stück kroch er bäuchlings bis zum Rand.

Dort unten herrschte rege Betriebsamkeit. Shan hatte mit dem Lastwagen gerechnet, den er zuvor aus einiger Entfernung entdeckt hatte, und vielleicht mit einigen der Traktoren und Esel, wie sie von den einheimischen Tibetern benutzt wurden. Stattdessen parkten am vorderen Tor ein Krankenwagen sowie drei der Geländefahrzeuge, die die Polizei bevorzugte. Im Innenhof standen mehrere Uniformierte versammelt.

Shan drehte sich um und schaute in Richtung des südlichen Horizonts, zu einem fernen Berg. Dort befand sich das Straflager, in dem sein Sohn Ko, sein einziges Fleisch und Blut, inhaftiert war. Shan hatte sein Dasein als hochrangiger Ermittler schon vor langer Zeit aufgegeben. Er hatte sogar Angebote abgelehnt, nach Peking zurückzukehren, trotz seiner Jahre als Gefangener des Gulag. Aber seinen Sohn würde er niemals im Stich lassen. Er lebte in Zwei-Wochen-Intervallen, für jeweils den ersten Sonntag eines Monats, wenn er Ko besuchen durfte, und für den Brief in der Mitte des Monats, den er ihm schreiben durfte. Oberst Tan, der eisenharte Militärkommandant des Bezirks, hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass Shan sämtliche Besuchsrechte verlieren würde, falls er Tan irgendwelche Probleme bescherte. Nein, Shan würde seinen Sohn niemals im Stich lassen – genauso wenig wie er die alten Tibeter im Stich lassen würde.

Die Polizei konnte aus allen möglichen Gründen über die Klosterruine hergefallen sein. Der wahrscheinlichste Anlass war, dass sie vermuteten, Schmuggler würden den Ort nach Artefakten durchstöbern. Falls die Beamten jedoch beschlossen, die verängstigten Tibeter zu verhören, die beim Wiederaufbau der alten Gebäude halfen, könnte einer der Leute ihnen durchaus von Jamyangs Schrein erzählen. Shan wurde sich noch einer weiteren schrecklichen Möglichkeit bewusst. Falls die Polizei Lokesh mit der Leiche und einer illegalen Pistole aufgriff, würde dies das Ende des alten Mannes bedeuten, und der Gedanke war für Shan unerträglich. Er musste wissen, was die Polizei vorhatte, und sie irgendwie von dem Grat fernhalten, damit Jamyangs unersetzliche Reliquien nicht den Gottkillern in die Hände fielen. Er schlich sich das Sims hinunter zu seinem Pick-up und klopfte sich den Staub von der Kleidung.

Eine halbe Stunde später stand er hinter den Ruinen im Schatten. Seinen Wagen hatte er noch ein Stück weiter hinten zwischen einigen Felsvorsprüngen zurückgelassen. Er rief sich die Anordnung der alten Gebäude eilig ins Gedächtnis. Das Kloster war zwar nur klein gewesen, aber bei seiner Errichtung hatte man sich strikt an die buddhistische Tradition gehalten. Unterhalb des Innenhofs lag die dukhang, die Versammlungshalle, mit Nebenkapellen entlang der Wände. Im rückwärtigen Bereich hatte es zwei kangtsangs gegeben, Wohngebäude, sowie die kleinen düsteren Kapellen, die für Schutzdämonen reserviert waren und in denen die Restauratoren einige der wichtigsten aus dem Schutt geborgenen Artefakte verstaut hatten. In der Mitte des Innenhofs stand ein chorten, einer der uralten Reliquienschreine mit ballonförmiger Kuppel und Spitze, der hier als erstes Bauwerk wiederhergestellt worden war. Erst vor ein paar Wochen hatten Shan und Lokesh im Schein der aufgehenden Sonne Jamyang dabei geholfen, den chorten weiß zu tünchen. Shan riskierte einen Blick von der Ecke eines der zerfallenden Gebäude zum vorderen Teil des Innenhofs. Dort auf der anderen Seite stand, mit dem Rücken zu Shan, fast ein Dutzend Gestalten, die meisten davon in Uniform. Sie blickten in den Schatten des strahlend weißen chorten. Shan ging über ein Stück offenes Gelände geradewegs auf den nächstgelegenen der alten Dämonenschreine zu. Als er die Rückseite des kleinen Steingebäudes erreichte, schlug ihm das Herz bis zum Hals. Er lehnte sich an die Wand und beruhigte sich. Dann warf er einen Blick durch die Lücke im Schutt, die früher das hintere Tor gewesen war, und fragte sich, ob er versuchen sollte, einige der hier versteckten Artefakte zu retten. Alles, was die Polizei fand, würde zum Staatseigentum erklärt und zerstört oder in irgendein verstaubtes Lagerhaus im Osten abtransportiert werden.

»Es heißt, diese alten Ruinen seien voller Geister.«

Er wirbelte zu der Frau herum, die gesprochen hatte. Ihre Uniform war die eines Leutnants der Öffentlichen Sicherheit und sah frisch gebügelt aus, der rote Emaillestern auf ihrer Mütze kürzlich poliert.

»Und es werden immer mehr«, fügte sie beiläufig hinzu, als sie kurz zu ihm aufsah und dann wieder den Boden neben Shans Füßen absuchte.

Shan bemühte sich, gleichmütig zu klingen. »Hier haben jahrhundertelang Menschen gelebt. Sie haben hier gelebt und sind hier gestorben.«

Die Mittdreißigerin blickte erneut und lange genug auf, um ihn kühl anzulächeln, als hätte er einen Witz gemacht. Dann bückte sie sich und studierte das Muster der Schatten in der Erde um sie herum. »Im richtigen Licht hat sogar ein flacher Fußabdruck eine Geschichte zu erzählen«, verkündete sie in professionellem Tonfall.

Während sie dort kniete, sah Shan die Latexhandschuhe, die gefaltet hinter ihrem Gürtel steckten, gleich neben einer kleinen Automatikpistole. Er wäre am liebsten einfach weggerannt, wich stattdessen aber einen Schritt zur Ecke des mit Gips verputzten Gebäudes zurück und legte seine Hand auf ein verblichenes religiöses Symbol, das in einem früheren Jahrhundert dort aufgemalt worden war. Ein allsehendes Auge.

»Von einer solchen Wand kann man keine Abdrücke nehmen«, sagte die Offizierin, stand auf und zog ihre Uniform glatt.

»Aber im Vorbeigehen können an einer rauen Oberfläche Fasern hängenbleiben.« Shan verspürte jähe Scham darüber, dass die Worte des ehemaligen Pekinger Ermittlers ihm so bereitwillig über die Lippen kamen. Er hatte dieses Leben aufgegeben und weit hinter sich zurückgelassen, nachdem er hier in Tibet seine neue Inkarnation gefunden hatte.

Die Frau neigte den Kopf und versuchte ihn einzuschätzen, musterte eingehend seine zerlumpte Kleidung und die verschrammten Stiefel. Dann nickte sie zögernd und griff in eine der tiefen Taschen ihres Waffenrocks. Erschrocken sah Shan, dass sie mehrere Zellophanbeutel zum Vorschein brachte und an ihn weiterreichte. Jeder war am unteren Rand mit einem einzeiligen Aufdruck versehen: Büro für Öffentliche Sicherheit – Beweismittel. »Major Liang nimmt es mit den Vorschriften ganz genau«, sagte sie, ging weiter und verschwand um die nächste Ecke, den Blick wieder auf den Boden gerichtet.

Shan starrte mit einer bösen Vorahnung die Tüten in seiner Hand an. Die Frau war nicht hier, um das Kloster zu zerstören, und nach Schmugglern suchte sie auch nicht. Und wieso hatte sie ihn so anstandslos akzeptiert? Sie hatte angenommen, dass er ungeachtet seines schäbigen Erscheinungsbildes irgendwie an einer Ermittlung beteiligt sei. Er trat ein paar Schritte vor und betrachtete die Personen in fünfzig Metern Entfernung. Jenseits der Gruppe Uniformierter stiegen Staubwolken von der Straße auf. Es näherten sich weitere Fahrzeuge. Shan wollte fliehen. Er musste fliehen. Dann dachte er an Lokesh, der bei dem Schrein mit dem Leichnam ihres Freundes wartete. Jamyang hatte an jenem Nachmittag ungewöhnlich interessiert an den Ruinen gewirkt. Shan drückte seine Hand ein weiteres Mal auf das Auge der Gottheit, murmelte ein schnelles Gebet und schlug dann einen langsamen, aber zielstrebigen Kurs zu den Polizisten ein.

Er tat so, als würde ihn der Boden interessieren, während er die Stationen abschritt, an denen die Pilger einst große Gebetsmühlen gedreht hatten. Er hielt bei einem Haufen Zimmermannswerkzeuge inne, den die Restauratoren zurückgelassen hatten, und verweilte dann bei einem kleinen Kreis roter Tropfen neben einer der wenigen verbliebenen Gebetsmühlen, wo offenbar ein Farbtopf gestanden hatte. Jemand hatte das Gestell der Mühle gestrichen und war gestört worden. Auf der Wand dahinter war rote Farbe verspritzt und davor lag ein abgenutzter Pinsel mit rotverklebten Borsten. Die Spritzer bildeten einen hohen Bogen, abgesehen von einem Fleck in der Mitte in einem etwas anderen Farbton, der auch der kleinen Lache entsprach, die zwei Meter vor der Mauer austrocknete. Shan steckte seine Hand in einen der Beutel, hob damit den Pinsel auf, steckte ihn in eine andere Tüte und legte ihn zurück an die ursprüngliche Stelle. Als er sich aufrichtete, spürte er den Blick eines Offiziers der Öffentlichen Sicherheit, der am vorderen Tor auf einer Bank im Schatten saß. Seine kalte, harte Miene änderte sich nicht, als Shan ihm zunickte. Er starrte Shan unverwandt an, als ein Untergebener zu ihm gelaufen kam, und starrte weiter, während er dem rangniederen Beamten zuhörte und ihm dann eine kurze barsche Antwort erteilte, die den jüngeren Kriecher wie einen verängstigten Höfling zurückweichen ließ.

Shan erschauderte unwillkürlich, als er sich von dem frostigen Blick des Mannes löste und das Ende des chorten umrundete. Dann erstarrte er abrupt.

Er hatte den Tod in Tibet öfter gesehen, als er sich erinnern wollte, hatte ihn sogar am heutigen Tag schon gesehen, doch ein Gemetzel wie hier im alten Kloster war ihm noch nie untergekommen. In einer roten Pfütze lagen drei Körper am Boden. Sie waren wie ein U angeordnet, die beiden größeren nebeneinander im Abstand von einem Meter zwanzig, der dritte im rechten Winkel zu ihren Füßen. Der Kopf des von Shan am weitesten entfernten Mannes lag nahezu abgetrennt auf der Schulter seines Eigentümers; jemand musste mit einer schweren Klinge mehrmals zugeschlagen haben.

Der parallel dazu liegende Leichnam hatte kein Gesicht. Auf den Kopf des Mannes war eingehackt worden, so dass von seinem Antlitz und den Seiten seines Kopfes nur noch rohes, zerfetztes Fleisch geblieben war. Zwischen all dem Rot schimmerte sein Schädelknochen weiß hervor. Und das Rot war zum größten Teil gar kein Blut, erkannte Shan. Die beiden Leichen waren fast vollständig mit Farbe bedeckt. In der Mitte wurden ihre Hände – eine Linke, eine Rechte – durch einen Stein am Boden gehalten. Die abgenutzten Wanderstiefel des Gesichtslosen lagen auf dem Bauch des dritten Leichnams, der, so sah Shan nun, einer tibetischen Frau mit einer Wollmütze gehörte. Die teuren Sportschuhe des Geköpften lagen auf ihren Beinen.

Das mechanische Klicken einer Kamera riss Shan aus seiner Erstarrung. Zwei Polizisten fertigten Fotos der Toten an. Er trat hinter sie, umrundete dann die Leichen und zwang sich, genau hinzusehen. Die Frau hatte eine Schusswunde in der Brust. Er erkannte nun, dass die Männer nicht nur in einer großen roten Pfütze lagen, sondern in einem Rechteck, und der Mörder hatte nicht nur rote Farbe benutzt. In der oberen linken Ecke gab es einen großen gelben Klecks mit vier kleineren im Halbkreis rechts daneben. Die braunen Augen des Gesichtslosen blickten leblos auf den chorten, und aus einem Einschussloch in seinem Hals war Blut gesickert. Der andere Mann, dessen Kopf nur noch an ein paar Hautstreifen hing, lag mit dem Gesicht zum Schrein, und seine Miene war zu einem brütenden, zornigen Ausdruck erstarrt. Er war Chinese. Ein Chinese, eine Tibeterin und ein gesichtsloses Ungeheuer, alle drei ermordet im Schatten des Berges, auf dem ein Lama sich gerade erst selbst getötet hatte.

Einer der Polizeifotografen griff sich plötzlich an den Bauch und lief ein Stück weg, um seine letzte Mahlzeit zu erbrechen. Ein junger Offizier tadelte ihn und stieß ihn zurück zu den Leichen. »Der Tatort muss lückenlos dokumentiert werden!«, herrschte er den sich duckenden Polizisten an.

»Die Tatorte.« Shan hatte das nur vor sich hin geflüstert, aber nicht bedacht, wie still es im Innenhof war.

»Du wagst es, mich zu korrigieren?«, zischte der Offizier. »Du …« Er musterte Shan verwirrt.

Shan wollte sich zurückziehen und sah sich auf einmal der Offizierin gegenüber, die ihm zuvor bereits begegnet war. Sie erwiderte seinen Blick erwartungsvoll und wandte ihr schmales Gesicht dann ihrem Kollegen zu. »Ich bin mir nicht sicher, ob die Frage der Zuständigkeit schon geklärt wurde«, verkündete sie, als wolle sie Shan verteidigen. Der Offizier zuckte bei den Worten zusammen, und Shan nahm zum ersten Mal von den unterschiedlichen Uniformen Notiz. Der junge Offizier, der ihn zurechtgewiesen hatte, trug das Oliv der Bewaffneten Volkspolizei, der Schlägertypen unter den chinesischen Strafverfolgungsbehörden. Viele Tibeter nannten sie die grünen Affen. Die Frau trug das Grau des Büros für Öffentliche Sicherheit. Zwei andere Männer, beide Tibeter, trugen das Blau der örtlichen Polizei und wiederum andere das Hellgrün des medizinischen Personals.

Zuständigkeit. Die Frau war klug genug, um zu wissen, dass diejenigen, die in der Volksrepublik die größte Macht besaßen, überhaupt keine Uniformen trugen. Das war der dünne Faden, an dem Shans Freiheit in diesem Moment hing. Sobald jemand merkte, dass er sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen dort aufhielt, würde man ihn sofort festnehmen. Wer sich als Polizist ausgab, wurde erschossen.

Die Frau drehte sich wieder gespannt zu ihm um. Ihm blieb keine andere Wahl, als mit der Scharade fortzufahren. Shan atmete tief durch und zeigte dann auf den Mann mit dem verstümmelten Gesicht. »Nur er wurde hier getötet. Er hat aus der Schusswunde in seiner Kehle geblutet. Nur unter ihm hat sich eine Blutlache angesammelt.« Shan wies auf die tote Tibeterin. »Sie hat eine Schussverletzung in der Brust, aber keine Blutlache.«

Die Frau schien nicht überzeugt zu sein. »Aber hier ist alles rot. Woher wollen Sie das wissen?«

»Sehen Sie genauer hin. Das Blut ist dunkler. Es trocknet anders.« Er zeigte auf eine Stelle, an der die beiden Rottöne nebeneinanderlagen. »Der Unterschied ist derzeit noch gering, aber wahrnehmbar. In einer Stunde wird das Blut nahezu braun sein. Die Wunden der beiden anderen haben nicht hier geblutet. Man hat bestimmt sehen können, von wo sie hergeschleift wurden, aber …« Er zuckte die Achseln und deutete auf die Füße der versammelten Beamten. Sie hatten mit ihren Stiefeln den gesamten Innenhof zertrampelt.

Shans Blick verweilte für einen Moment auf einem Topf roter Farbe am Sockel des chorten und richtete sich dann wieder auf das rote Rechteck mit dem Muster aus gelben Klecksen. Der Täter hatte sich bei der Anordnung des Ganzen große Mühe gegeben, als wolle er eine Botschaft senden. Ein Schaudern durchfuhr Shan, als er endlich erkannte, was das Rechteck unter den Leichen darstellen sollte: die chinesische Flagge, rot mit einem großen und vier kleineren gelben Sternen in der oberen linken Ecke.

»Narren!«, fuhr der junge Offizier die anderen an, beruhigte sich aber sofort, als er hinter sich Schritte nahen hörte. Die Wut auf seinem Gesicht verschwand, und Angst trat an ihre Stelle. Der hagere ältere Offizier war von seinem Platz im Schatten aufgestanden. Einen Moment lang glaubte Shan, der Mann in der grünen Uniform würde auf die Knie fallen.

»Alle zurück!«, knurrte der ältere Kriecher. »Sie und Ihre Leute sichern das Gelände ab«, befahl er dem Offizier in dem olivfarbenen Waffenrock. »Ein Mann ans Tor, die anderen errichten in einem Kilometer Abstand eine Straßensperre.« Wie hatte die Offizierin ihren Vorgesetzten genannt? Major Liang.

Der junge Offizier nickte unterwürfig und erteilte seinen Leuten dann leise und hastige Befehle. Die Männer in Blau, die örtlichen Polizisten, zogen sich wortlos zum Tor zurück. Als die Männer in Grün sich auf den Weg machten, tauchten zwei weitere Männer in Grau aus den Schatten auf. Die Frage der Zuständigkeit beantwortete sich von selbst.

»Ihre Hände«, sagte Shan und wies auf die tote Frau. »Das an den Fingern ist rote Farbe, kein Blut. Sie hat die alte Gebetsmühle an der Mauer gestrichen. Die Farbe ist in hohem Bogen an die Wand gespritzt, als der Pinsel ihr aus der Hand flog. Unter den Spritzern ist ein Blutfleck. Sie wurde dort bei der Arbeit überrascht und erschossen, mit dem Gesicht zur Wand. Ich glaube, Sie werden feststellen, dass die Kugel am Rücken eingedrungen und aus der Brust wieder ausgetreten ist. Sie steckt vermutlich in der Mauer. Sofern die Waffe kein Revolver war, dürfte dort in der Nähe auch eine Patronenhülse liegen.«

Die Offizierin erteilte sogleich ein paar knappe Befehle, und die Kriechersoldaten liefen zu der Wand. Major Liang warf Shan einen warnenden Blick zu und folgte dann den anderen.

Shan war unvermittelt allein mit den Toten. Er schaute nur kurz den Uniformierten nach, die hinter dem chorten verschwanden, und machte sich dann flink ans Werk, ließ sich ganz von seinen alten Instinkten leiten. Er wusste aus Erfahrung, dass solche Offiziere die Wahrheit derartiger Morde auf seltsame Weise verdrehen konnten, so dass unbequeme Verbrechen sich einfach in Luft auflösten. Und schlimmer noch, sie konnten Morde an einem heiligen Ort wie diesem als Vorwand benutzen, um auch noch die Überreste der Gebäude dem Erdboden gleichzumachen. Shan war es Jamyang, Lokesh und all den alten Tibetern schuldig, zu ergründen, was sich hier ereignet hatte.

Er strich mit den Fingern über das tote Fleisch, hob Gliedmaßen an, prüfte die Totenstarre und Körpertemperatur. Die Leute mussten seit vier oder fünf Stunden tot sein. Er beugte sich über den Gesichtslosen und biss bei dem Anblick die Zähne zusammen. Man hatte ihm das Gesicht nicht einfach abgeschnitten, sondern die Haut und das Fleisch vom Knochen gehackt, als würde man einen Baumstamm entrinden.

In den Taschen des Mannes mit dem fast vollständig abgetrennten Kopf fanden sich lediglich ein Wagenschlüssel und eine Schachtel filterlose Zigaretten. Eine Tätowierung auf der Innenseite seines Unterarms zeigte einen Vogel, eventuell eine Krähe, der eine Schlange in den Fängen hielt. Durch die brutalen Hiebe, die ihn beinahe geköpft hatten, war eine weitere Tätowierung im Nacken zerteilt worden: ein Geschöpf mit Schuppen, womöglich ein Drache. Shan bemerkte nun die Schmutzkruste an den Absätzen der teuren Schuhe und bückte sich, um die von ihnen hinterlassene Schleifspur zu betrachten, die weitgehend von den Polizeistiefeln zertrampelt worden war. Man hatte den Mann aus dem vorderen Teil des Geländes hergezerrt, vielleicht sogar direkt vom Tor. Shan hob einen der Schuhe an, die auf der Toten lagen, um sich den Schmutz genauer anzusehen, spürte etwas am Knöchel und schob das Hosenbein hoch. Überrascht hielt er inne. Er hatte schon seit Jahren kein Knöchelholster mehr gesehen. Außerhalb der großen Städte im Osten war ein so subtiles, verstecktes Ding eine echte Seltenheit. In Tibet machte man aus dem Einsatz von Schusswaffen kein großes Geheimnis. In dem Holster steckte keine Waffe, sondern tief unten nur ein gefaltetes Stück Papier. Shan vergewisserte sich, dass die Beamten immer noch außer Sicht waren, und verstaute das Papier in seiner Tasche. Er stand auf, beugte sich erneut über den Leichnam und schob die Finger tiefer in dessen Taschen. Als er die halb leere Zigarettenschachtel betastete, spürte er eine feste, unnachgiebige Oberfläche. Ein Stück Metall rutschte heraus, ein kunstvoll gearbeitetes Trapez mit eingeritzten buddhistischen Gebeten rund um zwei große Löcher im schmalen Ende. Ein Feuereisen. Der tote Chinese mit der teuren Kleidung trug ein primitives tibetisches Werkzeug zum Feueranzünden bei sich.

Shan steckte das Feuereisen zurück an seinen Platz und sah sich dann die beiden Hände im Zentrum der Flagge genauer an. Sie wurden nicht durch einen Stein am Boden gehalten, sondern durch ein verwittertes Trümmerteil aus den Ruinen. Darin war ein Bild eingemeißelt, eines der acht Glückszeichen. Shan bückte sich und erkannte Stoffgirlanden. Es war das Siegesbanner und pries den Triumph der buddhistischen Weisheit über die Ignoranz.

Dann widmete Shan sich zögernd der Frau. Er wusste, dass ihm wahrscheinlich nicht mehr als eine Minute bis zur Rückkehr der Kriecher blieb. Die Tibeterin schien Mitte fünfzig gewesen zu sein, mit zierlichem Antlitz, obwohl ihr verschlissener brauner Kittel und die rauen Hände die einer Bäuerin waren. Ihr dünner Halsschmuck war zerrissen, vermutlich als der Täter sie über den Boden geschleift hatte. Shan schloss ihr mit zwei Fingern sanft die blicklosen Augen und murmelte ein Gebet.

Das Loch über ihrem Herzen war nicht zu übersehen. Es handelte sich um eine große, hässliche Austrittswunde. Der Frau war demnach tatsächlich in den Rücken geschossen worden. Das Projektil hatte beim Austritt rote und weiße Stofffasern mit herausgerissen. Shan schaute genauer nach und stellte fest, dass ihre Brust unter dem Kittel mit einem Baumwollstreifen umwickelt war. Ein kleines steifes Rechteck in der Größe einer Ausweiskarte ragte darunter hervor. Mit einem Anflug von Schuldgefühl hob Shan den Stoff an, zog das Rechteck heraus und steckte es schnell ein, ohne einen Blick darauf zu werfen. Falls die Behörden die Identität eines tibetischen Opfers herausfanden, konnten sie den Angehörigen das Leben überaus schwermachen, denn sie gingen stets davon aus, dass die Familie Informationen über die betreffende Person zurückhielt. Shan ging ein gewaltiges Risiko ein. Die Kriecher würden jeden Moment zurückkommen und außer sich sein, falls sie ihn beim Herumhantieren an den Leichen erwischten, doch er traute ihnen nicht hinsichtlich der Beweise und brachte es einfach nicht über sich, die Frau zu verlassen. Er zog an ihrem Kittel und versuchte unbeholfen, die schreckliche Wunde zu bedecken. Da erst fiel ihm auf, dass an dem Stoff getrocknete Farbe in mehreren Schattierungen klebte. Es war bloß ein Arbeitskittel. Sie hatte ihn über ihrem dunkelroten Kleid angezogen.

Lauf weg, schrie eine Stimme in seinem Innern. Flieh zwischen die Felsen. Lokesh braucht dich.

Nach einem weiteren besorgten Blick in Richtung der Kriecher bückte er sich, um den zerrissenen Halsschmuck zu untersuchen, der aus fest geflochtenem Yakhaar angefertigt worden war. Shan zog an einem Ende, wodurch sich unter ihrer Schulter ein verziertes silbernes Kästchen löste. Ein gau. Sie hatte eine traditionelle Halskette mit einem traditionellen Amulett getragen.

In der Ferne erklang eine Sirene, die rasch näher kam, aber Shan rührte sich noch immer nicht. Schaudernd schob er die Wollmütze von ihrem Kopf und sah das kurze schwarze Haar, dann schlug er den Kittel zurück.

Beim Anblick des rotbraunen Stoffes schluchzte er unwillkürlich auf. Es war ein Mönchsgewand. Man hatte hier in der alten Klosterruine eine buddhistische Nonne ermordet und unter die Füße zweier Chinesen gelegt. Shan schnappte sich ihr gau und floh.

KAPITEL DREI

Er fuhr so schnell wie möglich, über flache Gebirgsgrate hinweg und schmale Wege hinauf, die kaum mehr als ausgetrocknete Bachbetten waren. An der Kreuzung des alten Pilgerpfades kam er schlitternd zum Stehen. Auch jetzt noch hielt er mit weißen Knöcheln und gesenktem Kopf das Lenkrad umklammert und schaffte es nicht, das tiefe Schluchzen zu unterdrücken, das seine Brust erbeben ließ. Der Tag, der so fromm und heiter begonnen hatte, war zu einem Albtraum geworden. Jamyang war nicht nur tot, er hatte Selbstmord und damit eine schwere Sünde begangen. Das alte Kloster, das für die geplagten Tibeter ein Symbol der Hoffnung geworden war, hatte sich in ein Schlachthaus verwandelt und befand sich in den Händen der Kriecher.

Jamyang war gestorben. Dann waren die Nonne und die beiden Männer gestorben. Nein, zwang er sich einzugestehen, die Leichen im Kloster waren seit mindestens vier Stunden tot gewesen. Also hatten sie als Erste ihr Leben verloren. Eine neue Woge der Verzweiflung schlug über Shan zusammen, als er die grausige Möglichkeit in Betracht zog, dass Jamyang die Taten verübt haben und dann von seinen Schuldgefühlen in den Selbstmord getrieben worden sein könnte. Hektisch versuchte er, den Tag Stunde für Stunde zu rekonstruieren. Die Morde hatten sich ungefähr zwei Stunden vor dem Zeitpunkt zugetragen, an dem sie Jamyang bei der Verfolgung des Diebs auf dem Berghang gesehen hatten. Shan erinnerte sich nun, dass Jamyangs Erscheinen dort unerwartet, ja sogar verblüffend gewesen war. Falls der Lama den hinkenden Dieb vom Schrein an verfolgt hätte, hätte er ihn viel früher einholen müssen.

Shan stieg aus dem Wagen und trat auf das Sims, auf dem Jamyang einige Stunden zuvor so merkwürdig gefühlsbetont verweilt hatte. Shan hatte geglaubt, der Lama habe den heiligen Berg betrachten wollen, aber das war von vielen Stellen aus möglich. Nur dieser Aussichtspunkt bot zudem aber einen freien Blick auf das alte Kloster. Jamyang hatte gefragt, ob Shan dort Anzeichen für Besucher ausmachen könne. Nein, rief eine Stimme in seinem Innern, das ist unmöglich. Der Lama hatte Gebete gesprochen, hatte sich bäuchlings vor dem Berg niedergeworfen und dann am Schrein die Opfergaben gereinigt. Shan hatte den wehmütigen Tonfall seiner Worte ignorieren wollen. Jamyang hatte sich von den Gottheiten verabschiedet. Er hatte aus irgendeinem Grund von den Morden gewusst.

Als Shan die Hütte erreichte, war Lokesh mit dem Leichnam des Lama allein. Er saß an Jamyangs Kopf und intonierte immer noch die Worte des Todesritus. Shan schürte die Glut in der kleinen Kohlenpfanne und bereitete Tee zu. Dann stellte er einen Becher davon neben seinen Freund, warf etwas Wacholder in die Flammen und wartete.

Als der alte Tibeter schließlich in seiner Rezitation innehielt, konnte er sich nur mit Mühe erheben, als sei seine Trauer eine zu schwere Last. Shan half ihm auf die Beine und reichte ihm seinen Tee. Das heiße Gebräu weckte Lokeshs Lebensgeister, und während er daran nippte, sah er den Toten an und neigte seinen Kopf erst auf die eine und dann auf die andere Seite, als würde er etwas lauschen, das Jamyang von sich gab. Genau wie Shan war er immer noch vollkommen bestürzt über das, was sich am Schrein zugetragen hatte.

»Wir können nicht drei Tage mit ihm hier bleiben«, sagte Shan und meinte damit die überlieferte Frist, die von den meisten Tibetern bei den Riten eingehalten wurde. »Im Tal ist Polizei. Es werden noch viel mehr kommen.«

Lokesh nickte ernst. »Hirten waren hier.« Seine Stimme war trocken wie Reisig. »Sie werden vor Mitternacht mit Pferden und einem Maulesel zurückkehren. Bis zu den Knochenebenen ist es fast ein Tagesritt.« Er meinte das versteckte Hochplateau in den Bergen, wo die ragyapas, die traditionellen Leichenzerleger, die Toten in Stücke zerteilten und an die Geier verfütterten. Die uralte Konvention des Himmelsbegräbnisses wurde von der Regierung strikt abgelehnt und war  – wie so viele tibetische Bräuche – in die Illegalität gezwungen worden.

»Du musst mit ihnen gehen«, sagte Shan. »Bleib dort oben, und beende die Riten.«

Doch Lokesh hörte ihm nicht zu. Er strich über das Einschussloch in Jamyangs Stirn. »Das ist nicht, wie es sein sollte«, sagte der alte Tibeter, wischte erneut über die Wunde und beobachtete sie erwartungsvoll. »Wir sollten nach einigen der Weisen schicken. Die wissen bestimmt, wie man ihn herausruft.«

Shan musterte seinen alten Freund, der vor der Invasion der Chinesen als Beamter in der Regierung des Dalai Lama gearbeitet hatte. Er kannte niemanden, der so häufig wortlos kommunizierte wie Lokesh, und wenn er etwas sagte, schien er oft in Rätseln zu sprechen. Als er nun sah, dass Lokesh mit hohler Hand etwas von dem duftenden Wacholderrauch über das Einschussloch verteilte, begriff er endlich. Die alten Tibeter glaubten, dass die Seele eines Menschen nach dessen Tod desorientiert in der leblosen Hülle verweilte und letztendlich ihren natürlichen Weg nach draußen durch eine winzige Öffnung im Schädeldach fand. Alte Lamas rissen einem Toten häufig die Haare am Scheitel aus, um den Weg frei zu machen. Doch Jamyangs Schädel hatte nun zwei neue und unnatürliche Löcher.

»Sein Geist war sehr konzentriert«, wandte Shan ein.

»Nein«, widersprach Lokesh bedächtig und zutiefst überzeugt. »Er hat sich selbst getötet. Was bedeutet, dass etwas von seinem Geist Besitz ergriffen hatte. Es hat sich um ihn gewickelt wie eine Schlange. Es ist immer noch da. Wir müssen es vertreiben.« Seine Finger berührten sanft die Seite von Jamyangs Gesicht und hielten über dem Muttermal an seinem Unterkiefer inne, das wie eine Lotusblüte aussah, eines der heiligen Symbole.

Shan wollte etwas einwenden und Lokesh irgendwie trösten, aber er wusste, dass sein Freund – ganz gleich, was Shan sagte  – noch wochenlang unter diesen Seelenqualen leiden würde. Und vielleicht lag Lokesh mit seiner Behauptung, ein böser Geist habe den Lama befallen, gar nicht mal so falsch. Denn gewiss hatte ihn irgendetwas Böses gequält und in den jähen Selbstmord getrieben. Auch über das alte Kloster war an jenem Tag das Böse hereingebrochen, und insgesamt vier Menschen hatten einen gewaltsamen Tod erlitten. Der logische Teil von Shans Verstand teilte ihm mit, dass die Ereignisse unmöglich miteinander in Beziehung stehen konnten. Doch die Instinkte des ehemaligen Ermittlers sagten ihm das Gegenteil.

»Mehr Polizei im Tal?«, fragte Lokesh auf einmal, als hätte er Shans Warnung erst jetzt gehört.

Shan schloss kurz die Augen. Er war sich nicht sicher, ob er die Kraft aufbringen würde, Lokesh von den Vorfällen im Kloster zu erzählen. Der alte Tibeter verspürte schon genug Schmerz; Shan wollte nicht noch mehr dazu beitragen.

Er wurde sich bewusst, dass sein Freund den Dienst an dem Leichnam unterbrochen hatte und ihn anstarrte. »Du wolltest die Nonnen holen«, stellte Lokesh treffend fest.

Shan hatte das Gefühl, eine schwere Last zu tragen. »Ich wollte im Kloster um Hilfe bitten. Stattdessen habe ich Leichen gefunden.« Die Worte schienen schon beim Sprechen in seiner Kehle zu brennen. »Dort wurden drei Menschen ermordet.«

Lokesh sagte nichts, sondern behielt die feuchten Augen fest auf eine der kleinen Bronzegottheiten neben Jamyangs Bettstatt gerichtet, während Shan ihm schilderte, was im Kloster vorgefallen war. Damals im Straflager waren Lokesh und die ältesten Lamas inmitten all der Schrecken stets Quellen heiterer Gelassenheit gewesen und hatten den neuen Gefangenen gesagt, die unmenschlichen Bedingungen ihrer Haft seien lediglich eine Prüfung ihres Glaubens. Sie waren Shan wie Felsen in einem Meer aus Folter und Entbehrungen vorgekommen. Doch wenn eine Brandung jahrelang anhält, kann sogar der härteste Fels bersten. Zum ersten Mal seit Shan ihn kannte, lag Verzweiflung im Blick seines Freundes. Als Shan mit seinem Bericht fertig war, fand Lokesh noch immer keine Worte, sondern entzündete nur etwas Weihrauch auf Jamyangs kleinem Altar und nahm wieder die Bardo-Rezitation auf. Es brach Shan das Herz, die Hand des alten Mannes zittern zu sehen, wo vorher kein Zittern gewesen war, und seine Stimme bei Worten stocken zu hören, die er schon unzählige Male gesprochen hatte.

Als die Hirten eintrafen, stand der Mond hoch am Himmel. Sie weigerten sich, mit Shan zu reden, und ließen nicht zu, dass er ihnen half, Jamyangs Leichnam in ein Tuch zu hüllen und auf dem Rücken des Maulesels zu verzurren. Lokesh hatte sich immer tiefer in sich selbst zurückgezogen. Er war zu einem alten, gebrechlichen Wesen geworden, das Hilfe brauchte, um auf den Rücken des Pferdes zu steigen, das die Hirten für ihn mitgebracht hatten. Als Shan sich von ihm verabschiedete, reagierte er nicht.

Shan stieg auf den Kamm oberhalb der Hütte und beobachtete die einsame Karawane auf ihrem Weg durch das mondbeschienene Tal. Dann blickte er zu den Sternen empor und bemühte sich, seine aufgewühlten Gefühle in den Griff zu bekommen. Schließlich rollte er sich vor der kleinen Hütte auf einer Decke zusammen, fand aber nur unruhigen Schlaf, der von abscheulichen Träumen heimgesucht wurde. Wagenladungen von Uniformierten ergossen sich als Folge der Morde in das Tal. Bauern wurden gewaltsam aus ihren Heimen vertrieben. Als ein Schlagstock sich erhob, um auf Lokesh niederzusausen, schreckte Shan stöhnend hoch. Er blieb wach und starrte in den Himmel.

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