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Der mieseste aller Krieger

Rodrigo Díaz Cortez

Der mieseste
aller Krieger

Roman

Aus dem chilenischen Spanisch
von Petra Strien

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Impressum

Die Originalausgabe mit dem Titel

El peor de los guerreros

erschien 2011 bei Los libros del lince, Barcelona.

ISBN 978-3-8412-0642-8

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, August 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2013 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

© Rodrigo Díaz Cortez, 2011

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Lucrecia Demaestri unter Verwendung eines Fotos von ©FPG/Getty Images, grafische Adaption hißmann, heilmann, Hamburg

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Für Luisa,

die rückhaltlos treibende Kraft dieses Romans

Und für Guido,

wegen des narkotisierenden Gifts seiner Lektüre

Und es war mir unmöglich, die Augen zu verschließen, nicht zu sehen, welch seltsames Schauspiel sich bot, seltsam schleppend, wenngleich in eine rasende Wirklichkeit eingezwängt:

Tausende junger Männer wie ich, mit oder ohne Bart, doch alle Lateinamerikaner, Wange an Wange mit dem Tod.

Roberto Bolaño

»Selbstbildnis mit zwanzig Jahren«

(aus: Fragmente der Unbekannten Universität)

Paitanás, 19. September 1939

Das Schrillen des Glockenweckers konnte das Paar nicht mehr aus dem Schlaf reißen, denn es war schon tot. Der Strauß Rosen lag über das Bett verstreut, die seidigen Blütenblätter umgaben die hingestreckte Engländerin, die Inglesa. Ihr Engelsgesicht sah aus wie von Pollen bedeckt, und ihre Schlangenaugen waren auf das Grauen gerichtet. Sofanor saß in einer Ecke des Zimmers. Der feine Blutfaden, der sich aus dem Loch in seiner Stirn zog, war bereits getrocknet, und unter dem Schnurrbart hatte sich sein frisches Lächeln bewahrt. In der Atacamawüste erzählt man sich seither diese Geschichte, ihre Geschichte, die sich während der Nationalfeierlichkeiten ereignete. Viele halten sie für eine Legende, aber sie hat sich tatsächlich zugetragen.

Ich habe alles in meinem Gedächtnis gespeichert, Benito, und ich werde dir diesen ganzen Mist erklären, der uns umgebracht hat. Die Zeit verging wie im Flug und vernebelte uns die Sicht mit ihrem Staub; schweigend wie im Stummfilm zog sie vorüber, was mich nervös machte. Du ahnst noch nicht, wem die Stimme gehört, die da zu dir spricht, doch ich sehe deine losen Blätter, die verstreuten Bücher und das Heft unter deinem Kopfkissen – alles wirkt wie von einem Erdbeben durchgeschüttelt. Ein einziges Chaos herrscht in deinem Zimmer, Benito, abgesehen von dem Foto, das an der Wand hängt. Es zeigt einen Mann in tadelloser Uniform und mit einem stillen Bärtchen; er war es, der dich damals mitnahm. Aber wir wollen nicht vorgreifen. Wie gesagt, es war ein Ereignis, von dem die Besucher der Pension noch heute sprechen. Die Ermordung des Paares verhalf dem Chanchoquín zu einer gewissen Berühmtheit. Von da an schoss der Preis dieses Zimmers in die Höhe. Die morbide Neigung der Hauptstädter, einmal am Ort des Verbrechens zu übernachten, bescherte der Ojerosa einige Gäste.

Die Toten brannten darauf, aus der Erde aufzusteigen, um zu tanzen. Sie brauchten das Orchester und die Jungs aus der Schule, die dem Umzug folgten. Durch Straßen, in denen sich ein paar alte Häuser, die Backsteinfassaden mit Zement und Farbe verkleidet, dem von den vielen Erdstößen rissigen Pflaster zuneigten. Und während ein Geier langsam und sicher an einem wolkenlosen Himmel kreiste, probten sie glühend ihren Aufstieg aus der Hölle. Mit wahnhaftem Blick streckten sie die Beine, vollführten Luftsprünge, immer dem Trompeter nach, der beim Blasen seine roten Backen aufpumpte. Der weiße Salpeterstaub stob zwischen den sich im Tanz windenden Geistern auf und verwandelte sich in wirbelnde Staubwolken, die den Schatten der Lebenden folgten. Das einfache Volk, dunkel wie der Kautschuk, tanzt nur in der Benommenheit des Schnapses. Denn es lebt gefangen in seinem versteinerten Willen und macht, das Hirn von der Sonne versengt, nicht die geringsten Anstalten, sich gegen die Machthaber aufzulehnen. Nur manchmal erhascht es einen Blick auf den roten Schein des Fegefeuers.

Die Musik der Trommeln, Becken und Trompeten auf der Straße hatte den Schuss übertönt, und alle zogen sich spät zurück, um schlafen zu gehen. Die Ojerosa vom Chanchoquín hätte wohl aufbleiben müssen, um zu wachen, während die Landsleute ruhten, doch dann wurde sie vom Schlaf übermannt, bis um halb sechs ein Wecker scheppernd Alarm schlug. Die Witwe des italienischen Musikers riss die Augen auf. Dann erhob sie sich und drückte ihr weißes Haar mit einem Wolltuch platt. Noch schlaftrunken verstand sie nicht, warum keiner dieses ohrenbetäubende Ding zum Schweigen brachte. Und nachdem sie laut klopfend an der Tür gerüttelt hatte, beschloss sie, den Schlüssel von der Rezeption zu holen. Während sie mit langen Schritten durch den Flur eilte, dachte sie, Sofanor und die Inglesa seien schon früher aufgebrochen und hätten diesen verfluchten Wecker vergessen – doch dann trat sie über die Schwelle. Das schrille Rasseln hatte auch andere Pensionsgäste herbeigelockt, und die Ojerosa wusste nicht, ob sie zuerst den Wecker abstellen oder López-Cuervo II rufen sollte, den Offizier der Carabineros, diesen Sohn des Satans.

Als ich die beiden sah – ich war die zwei Straßen hergerannt –, hielt ich wie erstarrt inne, wortlos. Ich konnte keinen Fuß mehr vor den anderen setzen, während ich versuchte, den Anblick zu verdauen. Ich war viel mit ihnen zusammen gewesen, hatte sie sogar das eine oder andere Mal auf einen Raubzug begleitet, so dass sie fast schon zur Familie gehörten. Doch das lauwarme Bier mit dem kleinen Schierlingszweig und dieser Haufen Rosenblätter auf dem Bett hatten nichts mehr mit mir zu tun. Sofanor hatte mich in letzter Zeit vergessen, oder sie hatte dafür gesorgt, dass er mich vergaß. Tatsache war, dass sie wieder einmal einen Geldschrank auf einem dieser englischen Schiffe ausgeraubt hatten, die sie so gut kannte wie den blitzenden Revolver von Sofanor – denselben, den du dort auf deinem Tisch liegen hast, Benito, um dich von ihm inspirieren zu lassen. Auch wenn meine Stimme kratziger klingt als eine Brise, die durch einen trockenen Dornbusch bläst, hör mir zu, mein Junge. Lass diese Kriminalgeschichte sein und konzentriere dich auf unsere, die ein echtes Heldenstück war. Du bist gerade ein wenig verwirrt, aber du kannst mich hören. Mich mit dem alten Webley Mark herbeizurufen ist deine Art, nicht zuzulassen, dass ich aus deinen Seiten verschwinde, und zu verhindern, dass der unvorhergesehene Schmerz, deine Familie kennenzulernen, sich auf ewig festsetzt.

Sofanor und die Inglesa hatten sich also einer Menge Schmuck und einer beträchtlichen Summe englischer Pfund bemächtigt. Dennoch schien diesmal alles merkwürdig gelaufen zu sein, anders als sonst. Laut Sofanor kannte die Lorenzona die Spuren der Wüste besser als jeder andere, besser selbst als die Runzeln in ihrem Gesicht. Irgendwann muss die Inglesa kapituliert haben, und wahrscheinlich ist sie darüber schier verrückt vor Eifersucht geworden. Und je stärker dieses Gefühl, desto heftiger brannte womöglich ihr Wunsch, ihn umzubringen. Damit du mich recht verstehst, mein lieber Benito, die Beziehung zwischen Sofanor und der Engländerin war reichlich eigenartig. Die Inglesa hatte Beine so lang wie ihr Haar, das sie immer glänzend gebürstet trug. Ihre großen grünen Augen schienen gleich auf den ersten Blick alles zu begreifen, und ihre weiße Haut war, das will ich nicht leugnen, der Grund, warum die Strolche ihr an den Fersen klebten, ihr phantasievolle Komplimente zuraunten und die Parfümwolke, die sie im Vorübergehen hinterließ, begierig aufsogen. Damit du es dir in das Heft, in dem du Ideen sammelst, notieren kannst, Benito: Die Strolche mit den Sandalen waren Bauern aus dem Süden, Pampinos, die dem Ruf des Salpeters in die Wüste gefolgt waren, um dort ihr Glück zu versuchen. In Wahrheit bestand für uns Jugendliche damals die einzige Altersvorsorge in der Hoffnung auf einen vorzeitigen Tod.

Dem Anschein nach hatte Sofanor den Webley Mark fest in der Hand gehalten: Das saubere Loch in seiner Stirn zeugte von einem sicheren Schuss, und unter dem mächtigen Schnurrbart war ihm sein Lächeln gefroren. Bevor die Inglesa starb, hatten ihre Hände noch mit aller Macht den Blumenstrauß umklammert. Es hieß, sie habe mit einer dritten Person gerungen, bis ihr Körper reglos auf das Bett gesunken sei, übersät von den wüst verstreuten roten Rosenblättern. So weit die Rekonstruktion des Verbrechens, die Hintergründe wurden indes nie ganz aufgeklärt. Eines kann ich dir jedoch versichern: Die beiden waren froh über die Art, wie sie gestorben sind. Für dich mag das zwar unsinnig und wenig einleuchtend klingen, aber es ist so, wie ich sage, Benito. Sofanor wusste, dass er an ihrer Seite den Tod finden würde. Wenngleich sie mehr Zeit damit verbrachten, sich zu streiten als sich zu lieben, waren sie schon seit Jahren ein Paar. Die Inglesa hatte lange auf den Schiffen gearbeitet, weshalb ihr überhaupt die Idee kam, diese Raubzüge zu planen. Sofanor hatte sie schnell mit ihrem Hüftwackeln zu manipulieren gewusst und als Komplizen gewonnen. Doch irgendwann ging ihr seine Sauferei auf die Nerven, und als sie das Gefühl bekam, ihr langes Haar würde langsam fahl, verließ sie ihn für einen aus ihrem Land. Nachdem einige Zeit verstrichen war, tauchte sie wieder in der Kneipe auf und zerrte ihn zu sich ins Bett, wo sie Versöhnung feierten. Bei einem dieser Wiedersehen zeugten sie die Tita.

Ich war seit vier Jahren aus dem Gefängnis raus, als die Sache sich zutrug, und López-Cuervo II war überzeugt, dass ein Kompagnon oder ein Rivale sie umgebracht hatte und dann durch das schmale Zimmerfenster entkommen war. Als Verdächtiger kam in seinen Augen nur ich in Frage, da es niemanden sonst gab, auf den dieses Profil gepasst hätte. Aber dann tauchte ich früh am Morgen im Chanchoquín auf, um festzustellen, dass es meinen Freund Sofanor erwischt hatte. Die Ojerosa wollte mich in die Sache hineinziehen. Einen ganzen Tag lang beschuldigte sie mich, sie habe mich in der Nähe ihrer Pension gesehen. Das sei ja logisch, erwiderte ich, unser Lokal befinde sich schließlich nur zwei Straßen entfernt vom Chanchoquín. Ich denke, die Alte war bloß neidisch auf unsere Arche Noah, die mehr Leute an Bord lockte als ihre Pension – alle, die nach Paitanás hereinkamen, mussten zuerst an unserem Laden vorbei. Die Ojerosa war zwar eine Witwe mit viel Geld, dafür aber war sie malträtiert worden von dem italienischen Musiker, mit dem sie verheiratet gewesen war. Die Ärmste sah aus wie eine versteinerte Kuh wegen der Arthritis, die ihr Gesicht beinahe zur Karikatur verunstaltete. Mit deiner Großmutter, du wirst noch erfahren, welche ich meine, war sie von Kindesbeinen an befreundet gewesen, deshalb wussten wir, dass sie pingelig war bis zur Besessenheit. Noch tief in der Nacht trocknete sie Löffel und Teller ab und polierte alles blitzblank.

López-Cuervo II und seine Agenten verhörten sie mehrmals, ebenso wie mich. Sich die Tränen mit einem Zipfel ihres Taschentuchs abtupfend, beteuerte die Ojerosa, Sofanor und die Inglesa hätten am Tag zuvor gegen sechs Uhr abends seelenruhig die Pension betreten. Sie sagte, Sofanor habe glücklich gewirkt. Vielleicht hatte die Inglesa ihm ja erzählt, dass sie seit ihrem letzten Treffen ein reizendes kleines Geschöpf zur Welt gebracht hatte – oder sie hatte das Geheimnis doch lieber für sich behalten, um die Dinge nicht noch komplizierter zu machen. Das werden wir wohl nie erfahren.

Sofanor habe davon geredet, dass sie drei oder vier Tage bleiben würden, sie seien frisch verheiratet und wollten später über die Kordilleren ans Meer weiter, um ihre Hochzeitsreise auf dem Ozean zu verbringen. Die Ojerosa war ganz aus dem Häuschen darüber, wie sehr mein Freund sich verändert hatte und dass mit seiner Gefährtin eine so elegante Lady in ihrem Chanchoquín logierte. Deshalb beeilte sie sich, als sie Sofanor später mit einem Rosenstrauß und einem Kasten teuersten Bieres beladen sah, ihre italienische Vase mit Wasser zu füllen. Zwei Tage später musste sie dann von López-Cuervo II erfahren, die beiden seien gefährliche Verbrecher gewesen. Die Alte weinte über ihre kostbare Vase, die nun als Scherbenhaufen vor dem Bett lag. Natürlich war das damals eine raue Zeit, in der das Gute nichts galt und die abartigsten Schamlosigkeiten unser tägliches Brot waren, das will ich gar nicht leugnen. Aber Sofanor mit seinem erstarrten Schnurrbartlächeln hatte nichts gemein mit dem Verbrecher, zu dem die Zeitungen ihn abstempelten.

Ich hatte keine Ahnung, dass er zu der Inglesa zurückgekehrt war und sie bei all den ausgeraubten Klippern in Iquique ihre Hand im Spiel gehabt hatten. Am Abend des Nationalfeiertags, kurz vor den Festlichkeiten, hatte Sofanor mich im Arche besucht. Ich hatte ihm einen Hocker hingeschoben und eine Flasche Bier vorgesetzt.

»Was ist mit dir los, Alter? Hat es dir die Sprache verschlagen?«, fragte ich ihn, als er sich schweigsamer als eine Mumie gab. Er leerte die Flasche fast in einem Zug und fragte mich dann, ob ich den Wecker noch hätte.

»Klar habe ich den noch«, sagte ich. »Die Trinidad hütet ihn wie ihren Augapfel.«

»Sehr gut!«, rief er und zeigte grinsend seine weißen Zähne.

»Aber wozu brauchst du denn meinen Wecker, wo du doch eine goldene Uhr da in der Tasche hast«, hakte ich nach. »Wem hast du die geklaut, du alter Gauner?«

Mein Freund grinste vergnügt und strich sich zufrieden über den Bart.

»Ich muss früh aufstehen und brauche ein ordentliches Glockengeläut, um wach zu werden.«

»Warum bittest du nicht die Ojerosa, dich zu wecken?«

»Ich sehe, es geht dir gut, Samu …«

Er ließ den Satz in der Schwebe, ohne die geringste Absicht, ihn zu beenden. Ich versuchte, auf die kumpelhafte Tour herauszukriegen, was er vorhatte, aber der Mistkerl ließ mich auflaufen. Er wusste genau, dass dieser Wecker alles war, was mir von der Petronila geblieben war. Schließlich schob er sich das lockige Haar aus der Stirn, blickte sich verstohlen nach allen Seiten um und legte ein paar Scheine auf die Theke. Das Angebot war verlockend, es kostete ihn letztlich nicht viel, mich zu überzeugen, den Wecker wider Willen herauszurücken. Ich wollte ihn noch fragen, in welche Art von Geschäften er gerade verwickelt sei, aber dann hielt ich lieber den Mund. Stattdessen erklärte ich ihm ausführlich, obwohl er es eilig zu haben schien, den Aufziehmechanismus, wie man die Zahnräder einstellte, welche die Zeiger in Gang setzten und den kleinen Zeiger, der hinterherlief und das Klingeln auslöste. Ich dachte, er wollte ihn als Geschenk für die Inglesa, später wurde mir dann klar, dass ich mich gründlich geirrt hatte. Für sie war es wichtig, einen Wecker zu haben, der ihnen die Müdigkeit und den Schlaf austrieb, um so rasch wie möglich ihre Fahrt zur Hölle fortzusetzen. Schließlich stellte mir das Großmaul einen Vitrola auf die Theke und wollte mich umarmen, was ich abwehrte. Ich verstand seine Euphorie nicht.

»Dieses Grammophon ist für dein Lokal, Samu. Leg eine Platte auf und lass sie tanzen!«

Das war das Letzte, was er sagte, bevor er sich davonmachte. Ich weiß noch, wie ich dachte: elender Mistkerl. Was wusste ich schon über die neuen Methoden, mit denen sie jetzt Tresore knackten! Das habe ich auch López-Cuervo II erzählt, doch er beharrte darauf, es müsse jemanden aus ihrer Vergangenheit geben, der sie tot sehen wollte, und dieser Verdächtige könne nur ich sein. Er wollte mich unbedingt hinter Schloss und Riegel bringen, er fand bloß keine schlüssigen Beweise. Ich hatte ein Jahr im Knast gesessen, weil ich der Flor diese Bluse besorgt hatte. Das restliche Geld meines Überfalls wartete geduldig in einer Flasche zwischen den Felsen auf mich, ganz in der Nähe des Felsentors von Antofagasta. Als ich rauskam, habe ich den Fischkarren aufgegeben und die Beute umgehend ins Arche Noah investiert, ein rentables Geschäft, wo die Leute ihre Einsamkeit in der Wüste totschlagen konnten. Deine Großmutter hatte auf mich gewartet, Benito. Sie arbeitete als Serviererin in einer Schenke, aber dann hat sie ihren Job dort geschmissen, um mit mir gemeinsam den Laden aufzubauen. Flor war so warmherzig, dass es eine Freude war, sie zu lieben. Sie kümmerte sich mit einem heiligen Eifer um streunende Hunde, solche, die vom Zug angefahren worden waren oder morgens tot auf der Landstraße lagen. Eines Tages kehrte sie von ihren Mittagsbesorgungen mit einem Hundebaby heim, mein Gott, ein Hündchen, und später noch eins. Sie konnte den Anblick schutzloser Tiere einfach nicht ertragen. »All die verhungerten Straßenkinder, die in den Salpeterlagern um Arbeit betteln, all die Einsamen, die von einem Ort zum anderen ziehen auf der Suche nach etwas zu tun. All das Zeugen und Gebären, nur um sie anschließend auf die Straße zu jagen«, klagte meine Florcita bekümmert, als sie erfuhr, dass sie selbst keine Kinder kriegen konnte.

Tagsüber betrieben wir das Arche Noah als Schenke, und zu später Stunde kamen dann die Mädchen, um ihre nächtlichen Künste zu beweisen. Meine Aufgabe war es, abends zu öffnen. Ich stand hinter der Theke und freute mich, die Taugenichtse aus dem Süden mit ihren Sandalen hereinströmen zu sehen, ausgelaugt vom Anblick der Wüste und vom Gefühl der brennenden Sonne auf der Haut. Tag für Tag trafen mehr von ihnen ein, enttäuscht und durstig verhökerten sie ihre wenigen mitgebrachten Ersparnisse im Wirtshaus. Die Soldaten, die man abgestellt hatte, um in unserem Dorf für Ordnung zu sorgen, hielten es ebenfalls nicht lange aus und desertierten bei der erstbesten Gelegenheit. Die Niedergestochenen, die man am Morgen nach einer Feier auf der staubigen Straße fand, und der Geierschwarm, der anschließend kreiste und auf ein Stück Fleisch lauerte, waren ein allzu grotesker Anblick für junge Männer, die gerade erst den Wehrdienst hinter sich hatten.

Aber da gab es noch Pater Alzamora, der alle Gewalttaten absegnete und sich beim Bürgermeister über den Namen unseres Bordells beschwerte. Ich hatte immer die gleiche Ausrede auf Lager.

»Was soll ich machen, Hochwürden? Daheim hat die Hausherrin das Sagen, und sie liebt nun mal ihre Tiere. Wenn Sie wüssten, wie es bei uns zu Hause aussieht. Daher der Name – Arche Noah. Außerdem ist es ein Zugeständnis an Ihre Freundin Trinidad, eines der beliebtesten Mädchen.«

Dem Pfaffen stieg die Zornesröte ins Gesicht bei der Erwähnung von Trini, dem Mädchen, das ihm manch eine Nacht zu Willen war. Mir waren Alzamoras Nachstellungen gleichgültig. Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Valparaíso, 1917 – 1920

Ich lief dicht am Wasser entlang, wo ich auf all die von der Brandung angespülten Äste und Muscheln trat, neugierig, was es mit dem Lumpenbündel auf sich hatte, das weiter hinten trieb. Meine Schritte hinterließen kein Geräusch. Als ich näher kam, sah ich eine Leiche. Ich erkannte sofort, dass es meine war. Der vom Rumpf abgetrennte Kopf bewegte sich über den Steinen am Ufer, ein Anblick, der mich rührte, obwohl ich wusste, was es hieß, wie ein Gespenst zu hausen. Seit sie mich in den Siebzigern aus dem Flugzeug warfen. Aber ich werde nicht schweigen, weil ich es nicht darf, bis du die ganze Tragikomödie kennst. Manchmal ist es besser, nicht zu viel zu wissen, geben sie mir zu verstehen. Vielleicht haben sie ja nicht ganz unrecht. Aber mir gefällt deine Neugier zu erfahren, was geschehen ist, Benito. Du verhältst dich so, wie wir es uns immer von dir gewünscht haben. Du bist ein junger Mann, der noch nicht mit beiden Beinen auf der Erde steht, der den Dingen auf den Grund gehen will. Daher rührt deine leidenschaftliche Melancholie. Doch mehr noch beeindruckt mich, wie du dein Gedächtnis mit meinem verschmelzen lässt, wie du mit dieser Methode die Zeit deiner Eltern zurückholst, wie du die Themen findest, die dein Heft füllen sollen. Das hast du dir geschworen. Du tastest dich in der Unordnung deines Zimmers vorsichtig voran, schließt die Augen und öffnest sie wieder, stehst auf und kehrst zurück zu dem Möbelstück, wo du den Webley Mark VI, Kaliber .38, gefunden hast, kramst einige vergilbte Seiten des Atacameño hervor, breitest die Zeitung wie eine Decke auf dem Tisch aus und gehst den alten Bericht über Sofanor und die Inglesa noch einmal durch. Du suchst den erzählerischen Impuls, deshalb willst du den Rest der Geschichte von mir erfahren.

Wie gesagt: Da war mein Körper. Ich hätte ihn am liebsten auf meinen Fischkarren geladen, um ihn zu irgendeinem Friedhof zu bringen und meinen Namen auf den Grabstein zu schreiben, doch ich besaß nicht die nötige Körperlichkeit, um diese Aufgabe zu bewältigen. So viel beerdigtes Leben, Kopf an Kopf, die Augen mit dem Fetzen eines alten Hemdes verbunden, all das schlug Pater Alzamora schwer auf den Magen. Er betete für die armen Würmer, die selten in unserer Atacamawüste gedeihen. Dabei hatte der Pfaffe schon das brutale Vorgehen von López-Cuervo senior gebilligt. Gott und Satan arbeiteten schon seit Jahren, seit Jahrzehnten Hand in Hand, seit der Entstehung der Welt waren sie Komplizen, der Satan López-Cuervo beeinflusste jede Entscheidung, die der Gott Alzamora traf. Mir stehen die Haare zu Berge, wenn ich mir vorstelle, was sie mit meiner Petronila gemacht haben. Als Sofanor mich damals so verzweifelt sah, weil man mir genommen hatte, was ich am meisten liebte, floh er aus der Klosteranstalt, um mir beizustehen.

»Bist du dir ganz sicher?«, fragte ich ihn.

»Samu, für das, was dieser Hurensohn verbrochen hat, gibt es keine Worte. Ich gehe mit dir, wir werden ihn finden.«

Wir schnürten unsere Bündel und machten uns auf die Suche nach dem Mörder. Ich weiß nicht mehr, wie uns zu Ohren kam, dass López-Cuervo nach Santiago umgezogen sei. Jedenfalls begaben wir uns dorthin, um ihm die Stirn mit einer Kugel zu dekorieren. Mit einem Foto in der Hand zogen wir durch die Straßen der Hauptstadt, durch die hübschen Gärten und Parks, und versuchten, die wenigen Informationen, die wir über den Satan bekommen konnten, zusammenzufügen. Wir träumten in jener Zeit von nichts anderem, als davon, diesen Verbrecher zur Strecke zu bringen. Das war unsere Art, mit Petronilas Tod umzugehen. In schlechten Momenten dachten wir verzweifelt, der Erdboden habe López-Cuervo verschluckt, doch bald darauf durchkämmten wir wieder optimistisch die Straßen, klapperten die Polizeireviere der Stadt ab und zeigten sein Foto herum, damit wir ihm endlich unsere Nachricht überbringen könnten – die seines eigenen Todes.

Das Leben in Santiago machte uns bisweilen zu schaffen. Nirgendwo schlug uns die Vertrautheit unseres Dorfes entgegen. Die Leute interessierten sich ungeheuer dafür, wo man herkam, welchen Familiennamen man führte, und viele blickten verächtlich auf uns Provinzler herab, die man schon von weitem an ihrem Gang, an ihrer Art zu sprechen und sich zu kleiden erkannte. Wir hatten auf einem riesigen Freigelände in der Nähe des Río Mapocho unser notdürftiges Lager aufgeschlagen, das uns drei lange Jahre ein Zuhause war. Abends schmuggelten wir uns in Dichterlesungen, um gratis zu essen und zu trinken. Manchmal suchten wir uns auch Beerdigungsfeiern, wo lauwarmer Wein ausgeschenkt wurde.

Sofanor war Frühaufsteher, und oft wusch er bereits zusammen mit den Frauen vom Gelände am Flussufer seine Wäsche, wenn ich noch meinen Kater auskotzte. Oder er reinigte mit Hingabe seinen deutschen Revolver. Eines Tages dann erfuhren wir aus dem Atacameño, dass der Satan in Valparaíso vor Gericht geladen war. Der Tod des jungen Dichters José Monteforte aus Antofagasta hatte zwei Carabineros ins Gefängnis gebracht. Aufgeregt wedelte ich mit der Zeitungsseite vor Sofanors Nase herum, aber der Idiot konnte nicht lesen, zumindest konnte er es schlechter als ich. Er setzte zwar ein interessiertes Gesicht auf und ließ dabei den Revolver um seinen Zeigefinger kreisen, doch später musste ich ihm alles noch mal genau erklären.

»Steck die Knarre weg«, sagte ich. Es machte mich nervös, dass er den ganzen Tag diese Waffe polierte. »Nicht dass sie mit ihrem Glitzern noch die Geier anlockt.«

»Entspann dich, du Spinner«, sagte er. »In der Hauptstadt gibt es keine Geier.«

Nach der Neuigkeit, dass López-Cuervo sich offenbar in Valparaíso aufhielt, beschlossen wir, auf der Stelle aufzubrechen. In die nördlichen oder südlichen Provinzen reiste man von der Hauptstadt aus grundsätzlich auf dem Seeweg, auf Dampfern, die die gesamte Westküste Südamerikas entlangschipperten. Von Santiago nach Valparaíso allerdings mussten wir den Zug nehmen. Eine unserer Mitbewohnerinnen auf dem Gelände hatte uns den Namen und die Adresse einer alten Frau gegeben, die in Valparaíso auf dem Markt am Hafen arbeitete. Und tatsächlich ließ die Alte uns drei oder vier Tage in ihrem Lagerschuppen übernachten. Ich erinnere mich noch, dass er vergittert war und ein Schloss hatte, zu dem ein verflixter Schlüssel gehörte, auf den wir gut aufpassen sollten. Und daran, dass wir, als wir keinen Tabak mehr hatten, dauernd auf getrockneten Eukalyptusblättern herumkauten oder auf Blättern von irgendeinem anderen Baum.

Viele Jahre später sollte ich dich in einer Ecke sitzen sehen, Sofanor, mit fröhlichem Blick, einem spöttischen Lächeln auf deinen erstarrten Lippen, tot mit gerade mal vierunddreißig, aus übertriebenem Stolz. Warum hast du die Inglesa nicht gefragt, was sie in diesen elf Monaten getrieben hat? Was hat dir nur so die Sprache verschlagen, verdammt? Aber du wolltest dich ja lieber weiter mit deinen Zweifeln herumplagen, hast die quälenden Gedanken geschluckt, um deiner Ausländerin mit dem atemberaubenden Körper und dem gebürsteten Haar zu gefallen, verflucht, dabei zerfraß dir die Ungewissheit die Eingeweide. Ich weiß nicht, wer von uns der miesere Krieger war, du wegen der Zeremonie mit den zerfledderten Rosen oder ich, weil ich mich feige von den Raubzügen zu den Geschäften am Hafen zurückgezogen hatte, um schließlich das Arche zu führen. Dieses Bordell war die rettende Idee. Ich gestehe, dass ich für keine der Arbeiten geeignet war, um die ich mich bewarb. Wegen meiner Angst vor der See musste ich selbst die Jobs als Fischer ausschlagen, ich taugte gerade mal dazu, mit dem Fischkarren durch die Gegend zu ziehen.

Nun, wie gesagt, für drei, vier Nächte machte uns die Alte also Platz in ihrem Lagerschuppen auf dem städtischen Markt. Dort schliefen wir viel besser als zuvor auf dem Gelände, und ihre Fischsuppe richtete uns wieder auf. Manchmal strich sie uns sogar über den Kopf, als wären wir ihre Enkel. Den Schlüssel überließ sie uns, damit wir zum Pinkeln rein- und rausgehen konnten. Und dieser verfluchte Schlüssel war ein wichtiges Detail in dem Plan, den Sofanor heimlich ausheckte. Eines Abends nämlich, es waren genau drei Jahre seit Petronilas Tod vergangen, entdeckte mein Freund den Satan López-Cuervo zufällig in einem Restaurant auf dem Cerro de Concepción. Er folgte ihm auf Schritt und Tritt, bis er herausfand, dass er in einem von Pflanzen und Sträuchern umgebenen Gemäuer mit seiner Frau und seinem fünfjährigen Sohn López-Cuervo II lebte. Doch verriet er mir nichts von seiner Entdeckung, obwohl wir so lange schon an einem gemeinsamen Racheplan feilten.

Als ich nach unserer dritten durchzechten Nacht in Valparaíso erst spät aufwachte, war er nicht da. Der Mistkerl hatte das Gitter abgesperrt und mich wie einen Gefangenen in dem Schuppen zurückgelassen. Erst am Nachmittag kam er zurück, der Schweiß stand ihm im Gesicht und rann ihm bis in den Hemdkragen.

»Gehen wir, Samu, es ist Zeit, in den Norden abzuhauen.«

»He, was ist passiert, du Arschloch?«, fragte ich.

»Ich habe ein paar Päckchen Colmena besorgt und genug Geld, um aus uns Herumtreibern ehrbare Passagiere zu machen.«

Sofanor schloss das Gitter auf und ließ den Schlüssel stecken. Er schnappte sich seine Sackleinentasche und grinste mich an mit seinen weißen Zähnen.

»Der hat es bereut, Samu. Ich werde dir noch erzählen, was er mir gesagt hat, bevor er starb.«

»Du hast ihn umgebracht? Du verdammter Mistkerl, das war meine Aufgabe!«

»Der Dampfer läuft in zehn Minuten aus!«

»Ich hätte diesen Satan töten müssen.«

»Beeil dich und halt die Klappe. Ich habe eine Kugel für dich aufgehoben.«

Paitanás, 1939 – 1948

Das Esszimmer hatte ein großes Panoramafenster, und Flor saß gerne auf dem Sofa, um Papierfiguren zu basteln und auf die staubige Straße hinauszublicken, die vor urewigen Zeiten einmal eine Landstraße gewesen war und quer durch Paitanás führte, von einem Ende zum anderen, wo sie sich dann in der unendlichen Wüste verlor. Ich hatte gelernt, in der Sprache der Gauner zu reden, wie sie zu denken und zu fühlen, wie ein Herz fühlt, wenn es in die Falle gerät. Niemals hätte ich gedacht, dass Flors Schrulle mit der Bluse uns dazu bringen würde, das Bordell zu kaufen. Ihre dunkle Hautfarbe, die zur ewigen Umarmung einlud, ihre prallen Brüste und ihr feuriger Blick verzauberten mich dermaßen, dass ich sie jeden Abend besuchte. Und was mir an deiner Großmutter besonders gefiel, war, dass, immer wenn sie sich zu mir gesellte, ein frischer Blumenduft in meine Nase stieg. Außerdem ist sie mit mir gekommen, kaum dass ich sie darum bat, und nachdem sie das Haus mit Hunden und Katzen gefüllt hatte, brachte der Gott Alzamora, damals noch blutjung, uns dieses Mädchen ins Haus, so dass wir unverhofft doch noch zu einer Familie wurden. Und wer wäre besser geeignet als eine Tierliebhaberin, um sich eines Waisenmädchens anzunehmen?

Die Nachbarn versicherten, ein Matrose der in Coquimbo überfallenen Natal Star sei es gewesen, der die Tita in einem Weidenkorb nach Paitanás gebracht und die Beerdigung für Sofanor und die Inglesa bezahlt habe. Doch der Priester wollte nie über den Umschlag mit dem Geld reden, den er unter dem Kissen der improvisierten Wiege gefunden hatte. Flor allerdings fühlte sich gekränkt durch das Geschenk des Priesters – sie war unfruchtbar, da mochte ich sie mit noch so viel Samen versorgen. Und so weigerte sie sich zunächst, sich um einen fremden Säugling zu kümmern. Doch dann geschah das Wunder. Die Tita blickte ihr in die Augen und schenkte ihr ein wundervolles zahnloses Lächeln, woraufhin deiner Großmutter die Tränen kamen, Benito. Unverzüglich meldeten wir das Mädchen auf unseren Familiennamen an.

Unablässig strömten die Leute herbei, um das kleine Püppchen zu bestaunen. Unsere hübsche Tita verzauberte alle. Ihre Äuglein blitzten neugierig, so gesehen besaß sie etwas von der Inglesa; auch ihr Temperament zeugte von jenem Stachel der Ungeduld, wie meine Flor zu sagen pflegte. Alle meinten, wir sollten die Tita taufen lassen, um sie vor dem bösen Geist ihrer leiblichen Eltern zu schützen. Erst als das Mädchen verständig genug war, erwähnte niemand mehr die beiden, um das Geheimnis ihrer Herkunft zu wahren.

Von Sofanor war nie so viel die Rede gewesen wie von der Inglesa. Über sie erzählte man sich, ein alter dänischer Taucher, der sie aus England mitbrachte, habe sie bereits mit dreizehn Jahren zur Frau gemacht und sie anderen Landsleuten, wenn er sich mit ihnen betrank, schon mal für eine Nacht ausgeliehen. Sie ging mit jedem mit, so hieß es, der ihr einen guten Preis bot. Und schon bald verließ sie den alten Dänen, der sich als ihr Gebieter aufgespielt hatte, und verliebte sich in Ronal, einen Seemann, der dem Alten immer bei seinen Tauchgängen zur Seite stand. Aber auch dem wurde sie schließlich wieder untreu. Die Inglesa suchte Zuflucht auf den Klippern, die Iquique anliefen, wo sie immer sehr freundlich aufgenommen wurde. Wer sie mit dem Schrubber den Kabinenboden putzen sah, hätte ihr niemals eine Zukunft als Einbrecherin und Diebin vorhergesagt, denn jede ihrer Bewegungen strahlte Unschuld aus. Später starb der dänische Taucher, er ertrank unter merkwürdigen Umständen. Wie es scheint, war er mit Arbeiten am Meeresboden beschäftigt, als jemand ihm den Sauerstoffhahn zudrehte.

Das Auftauchen der kleinen Tita in unserem Städtchen löste bei Alzamora einen Anfall von geheuchelter Christlichkeit aus. Der Pfaffe war ein Profi, er hortete sein Geld in einer verschließbaren Truhe, deren Schlüssel er wie ein Kruzifix an einer Kette um den Hals trug. Seine wahre Berufung bestand darin, fremdes Vermögen anzuhäufen – in der Gewissheit, dass er eines Tages, wenn er am wenigsten damit rechnete, Paitanás würde verlassen müssen. Ich kann mich noch erinnern, wie er eines Morgens zu uns nach Hause kam, auf dem Sofa vor dem großen Fenster Platz nahm und um ein Gläschen Sherry bat. Er bereitete uns keine Schwierigkeiten bei den Taufformalitäten auf unseren Familiennamen. Tatsächlich war er der Erste, der uns klarmachte, dass es besser sei, der Kleinen nichts von ihren wahren Eltern zu erzählen. Flor sagte zu allem ja und amen, um jeden Konflikt zu vermeiden und zu verhindern, dass der Pfaffe uns das Kind womöglich wieder wegnahm. Dabei wusste die Tita ohnehin, seit sie ihren Verstand gebrauchen konnte, dass wir nicht ihre leiblichen Eltern waren. Als er plötzlich einen von Flors Hunden bellen hörte, sprang der Priester auf und hatte es mit einem Mal furchtbar eilig. Flor rief das Tier laut zur Ordnung, doch da war Alzamora längst über alle Berge.

Eines Sonntags stahl sich ein besonders rebellisches Hündchen davon, das jede Unachtsamkeit seiner Herrin nutzte, um ein bisschen Freiheit zu schnuppern. Als es am Mittag wider Erwarten nicht zum Fressen wiederauftauchte, begab sich die Tita auf die Suche nach ihm. Sie schaute im Brunnenbecken auf dem Platz nach, auf der staubigen Landstraße, wo ein paar Kinder Ball spielten, aber nirgends war eine Spur von ihrem Lieblingshündchen. Als sie gerade in der brennenden Mittagssonne das Handtuch werfen wollte, entdeckte sie von weitem ein Hündchen, das aussah wie ihres. Sie sah es in der Kirche verschwinden, durch das Portal, das einen Spalt offen stand, um für ein wenig frische Luft zu sorgen. Verkündete Alzamora nicht ständig, dass alle Lebewesen Kinder Gottes seien? Die Tita rannte zur Kirche, denn sie wusste, dass der Priester dieses Gotteskind mit Fußtritten und Stockschlägen aus seinem bröckelnden Tempel befördern würde. Und kaum war sie über die Schwelle getreten, sah sie das Hündchen – es war ihr Hündchen – schwanzwedelnd und bellend herumspringen, um auf sich aufmerksam zu machen. Doch keiner der frommen Kirchgänger wagte es anzurühren, denn Alzamora brüllte, der Hund sei des Teufels. Da lief das Tier nach vorne, um den Priester anzubellen, der sich sogleich hinter dem Kreuz mit dem angenagelten Christus verkroch.

»Schafft diesen verdammten Köter hier raus!«, krächzte Alzamora.

Der Pfaffe hatte noch nie eine Schwäche preisgegeben, und nun wurde seine panische Angst selbst vor Hunden offenkundig: Hysterisch erklomm er den Balken des Kreuzes, so dass die gesamte, aus massivem Pinienholz gefertigte Konstruktion bedrohlich ins Wanken geriet. Sprachlos starrten die Gläubigen auf ihren Priester, und als einige losstürmten, um den frechen Welpen einzufangen, hielt die Tita sie mit einem schrillen Pfiff zurück, der allen durch Mark und Bein ging. Indes begann der Balken unter dem zitternden Pfaffen zu knirschen. Seelenruhig ging die Tita zu ihrem Hündchen und legte ihm die Leine um den Hals.

»Du Teufelsgöre, diese Töle konnte ja nur dir gehören.«

»Sie sind ein erbärmlicher Hosenscheißer, niemand hat Ihnen etwas zuleide getan!«

»Wenn du nicht auf der Stelle verschwindest«, keuchte Alzamora, »verpasse ich dir einen Tritt in den Allerwertesten, der sich gewaschen hat!«

Der Priester wollte keinen Streit, er wollte nur dieses beängstigende Vieh aus der Kirche haben. Die Tita, die es mit ihren zarten acht oder neun Jahren schon faustdick hinter den Ohren hatte, wartete, bis mit dem nächsten Knirschen der Holzbalken auseinanderbrach und der Priester polternd zu Boden fiel. Die Gläubigen, die sich bis dahin ein Lachen verkniffen hatten, konnten nun nicht mehr an sich halten, als sie den Priester ungeschickt in seiner Soutane straucheln sahen.

Und dann rief die kleine Tita ihm von dem schweren Portal aus zu, vor dem sie der unbekannte Reiter einst abgelegt hatte:

»Gott ist reine Zeitverschwendung! Wenn es ihn wirklich gibt, hat er uns schon vor Jahren zum Teufel gejagt.«

Das Mädchen war empört. Wenn sie es auch noch nicht mit den richtigen Worten ausdrücken konnte, so spürte sie doch, dass der Gott Alzamora den guten Glauben seiner Gemeinde ausnutzte, dass er seinen Landsleuten im Prinzip nicht mal ein Stück Brot gönnte. All das dachte sie, während der Priester sich an den Kopf fasste, zum Himmel aufblickte und fluchte, das Weihwasser, das er ihr über den Kopf habe rinnen lassen, sei aber auch zu gar nichts nutze gewesen.

»Mein Gott! Heiliger Vater!«, rief deine Großmutter Flor entsetzt, als sie von dem Zwischenfall erfuhr. »Dieses Mädchen hat die Aufsässigkeit im Blut.«

Ich biss mir auf die Lippen, um nicht zu lachen. Aber die Tita wusste genau, auf welcher Klaviatur sie spielen musste, um Flor zu besänftigen und sie sich wieder gewogen zu machen.

»Tita«, ermahnte meine Frau die Kleine, »v

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