Logo weiterlesen.de
Der magische Blumenladen 1: Ein Geheimnis kommt selten allein

Die seltsame Frau

Bevor Violet die Tür zum Blumenladen aufzog, schloss sie die Augen und schnupperte. Dieser Duft! Er kroch durch die Türritzen und das Schlüsselloch in den Flur und füllte das ganze Haus.

Violet lächelte. Sie hatte auch allen Grund dazu. Vor ihr lagen zwei Wochen Ferien. Und Tante June hatte erlaubt, dass Violet nicht nur den ganzen Tag in Tante Abigails Blumenladen verbringen durfte, sie durfte zum ersten Mal auch bei Abigail übernachten! Erst morgen Abend musste sie nach Hause zurück.

Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie Lord Nelson. Der dicke honigfarbene Kater saß auf der untersten Treppenstufe und betrachtete Violet mit schief gelegtem Kopf.

War er eben schon hier gewesen oder hatte er sich lautlos genähert, während Violet die Augen geschlossen hatte?

„Hallo, Nelson.“ Sie streckte die Hand aus, um den Kater zu streicheln, aber er duckte sich unter ihren Fingern weg und verschwand nach oben. Nicht weil er scheu oder ängstlich war. Lord Nelson bestimmte selbst, wann man ihn streicheln durfte, und jetzt hatte er ganz offensichtlich keine Lust auf Zärtlichkeiten.

Aus dem Laden drangen zwei Frauenstimmen. Die eine gehörte Tante Abigail, aber die andere? Neugierig öffnete Violet die hintere Ladentür und blickte hinein.

Der Blumenladen schien heute noch voller zu sein als sonst: Auf den Regalen, neben der Kasse und auf dem Boden drängten sich Vasen, Eimer und Töpfe mit Blumen, die in allen Farben leuchteten. Goldgelbe Narzissen strahlten mit pinken Ranunkeln, hellblauen Hyazinthen und knallroten Tulpen um die Wette.

Vor dem Ladentisch stand Mrs Blue von der Konditorei am Marktplatz, sie kehrte Violet den Rücken zu.

Tante Abigail war gerade damit beschäftigt, ein Bund Pfingstrosen in grünes Seidenpapier einzuschlagen. Violet konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber sie wusste, dass ihre Tante wehmütig lächelte, wie immer, wenn sie Blumen einwickelte. Sie hätte die Rosen nämlich lieber behalten, anstatt sie zu verkaufen.

„Schade, schade, schade“, trillerte Lady Madonna in ihrem Käfig, der über der Kasse hing. Von dort aus beäugte und kommentierte der türkisfarbene Wellensittich alles, was im Laden vor sich ging.

„Ich wünschte, ich hätte ihr nie das Sprechen beigebracht“, seufzte Tante Abigail mindestens dreimal täglich. „Dann müsste ich mir jetzt nicht ständig ihre frechen Sprüche anhören.“

„Jammerschade“, zwitscherte Lady Madonna, als Abigail das Seidenpapier zuklebte.

Lady Madonna hat Recht, dachte Violet, um die Pfingstrosen war es wirklich schade. Die Blüten waren weiß und riesig, fast so groß wie Violets Kopf. Und sie verströmten einen wunderbaren Duft, den Violet riechen konnte, obwohl sie immer noch an der Tür stand.

„Schneiden Sie die Stiele alle zwei Tage schräg an und wechseln Sie das Wasser, dann werden Ihnen die Blumen lange Freude machen.“ Tante Abigail reichte den Strauß über den Ladentisch. „Hier, bitte schön!“

„Danke schön!“, rief Lady Madonna.

Glücklich hielt Mrs Blue ihre Nase an die Rosen. „Köstlich, Miss Abigail. Ihre Blumen duften besser als meine Kuchen.“ Sie zückte ihren Geldbeutel und gab Tante Abigail ein paar Pfundnoten.

Tante Abigail öffnete die altmodische Kasse und holte das Wechselgeld heraus. Als sie den Kopf wieder hob, sah sie Violet.

„Violet, Darling!“ Sie lächelte ihre Nichte an.

Mrs Blue drehte sich ebenfalls zu ihr um. „Oh, hallo, Violet. Möchtest du auch Blumen kaufen?“

„Nein, nein, ich gehöre doch zum Laden“, sagte Violet, obwohl das nicht stimmte.

Der Blumenladen gehörte Tante Abigail und Violet war nur am Samstag und mittwochs nach der Schule bei ihr. Den Rest der Woche wohnte sie bei ihren Pflegeeltern, den Berrys. Tante June und Onkel Nick.

Heute war jedoch weder Samstag noch Mittwoch, sondern Donnerstag. Aber im Gegensatz zu Violet hatte Tante June keine Ferien, sondern musste wie immer zur Arbeit in die Bank. Und Onkel Nick war mit seinem LKW unterwegs. Damit Violet nicht allein zu Hause war, durfte sie zu Tante Abigail. Und heute Abend – das war das Beste – musste sie auch nicht wie sonst nach Hause, sondern durfte mit Abigail zu Abend essen und hinterher würde ihre Tante ihr eine Geschichte vorlesen und dann durfte Violet auf ihrem geblümten Sofa schlafen. Tante June und Onkel Nick hatten nämlich Kinokarten.

„Ich frage mich, warum wir das nicht öfter machen. Ihr geht abends aus und ich übernachte bei Tante Abigail“, hatte Violet beim Frühstück überlegt. „Wäre doch praktisch für euch.“

Tante June machte sofort ein kummervolles Gesicht. „Ach Kind, manchmal glaube ich, du würdest am liebsten ganz zu Abigail ziehen.“

„So ein Quatsch!“, rief Violet. „Ich hab euch doch lieb.“

„Was für ein Glück!“, sagte Onkel Nick. „Wir lieben dich nämlich auch wie verrückt!“

Die Berrys waren wirklich die besten Pflegeeltern, die man sich wünschen konnte. Tante June machte super Apfelkuchen und Onkel Nick sang Violet Seemannslieder vor, die sehr schaurig klangen, weil er den Ton nicht halten konnte.

Die beiden hatten sich jahrelang Kinder gewünscht und keine bekommen – bis sie Violet bei sich aufgenommen hatten. Aber vor einem Jahr war Tante Abigail in der Stadt aufgetaucht, und seitdem machte sich Tante June die allergrößten Sorgen, dass sie Violet wieder verlieren könnte. Weil Tante Abigail Violets richtige Tante war und Tante June nur die Pflegemutter. Dabei war das totaler Unsinn, Violet wollte gar nicht weg. Sie mochte ja alle drei: Tante June, Onkel Nick und Tante Abigail.

„Wie schön, dass du endlich da bist, Violet“, sagte Tante Abigail jetzt.

„Und ich darf bis morgen Abend bleiben“, sagte Violet.

„Na, da will ich nicht länger stören“, meinte Mrs Blue. „Ich wünsche noch einen schönen Tag.“

„Gleichfalls.“ Tante Abigail schaute mit Bedauern zu, wie Mrs Blue die Pfingstrosen aus dem Laden trug. „Vergessen Sie nicht, die Blumen anzuschneid…“ Doch da fiel die Ladentür bereits ins Schloss. Mrs Blue hörte Abigails Worte nicht mehr.

„Schade, schade, jammerschade!“, trillerte Lady Madonna.

„Halt den Schnabel“, sagte Tante Abigail, dann wandte sie sich wieder an Violet. „Tee?“

„Na klar, na klar!“, jubelte Lady Madonna. „Bitte schön! Danke schön!“

„Na klar“, sagte auch Violet, obwohl sie ja gerade erst gefrühstückt hatte. Aber Tante Abigails Tee war etwas ganz Besonderes. Sie nahm keine fertigen Teebeutel, sondern verwendete Rosenblätter, frische Minze, Hagebuttenschalen oder Hibiskusblüten. Manchmal fügte sie auch getrocknete Äpfel, Orangenschalen oder Zimtnelken hinzu. Der Tee schmeckte jedes Mal anders, aber immer fantastisch.

„Na, dann komm.“ Tante Abigail kam hinter der Theke hervor und wollte zur Küche gehen, aber im selben Moment klingelte die Glocke über der Ladentür.

Eine große, dünne Frau trat in den Blumenladen.

„Guten Tag“, sagte Tante Abigail und warf einen nervösen Blick auf die restlichen Pfingstrosen. Wahrscheinlich hätte sie sie gerne in Sicherheit gebracht, um zu verhindern, dass man ihr noch mehr davon abkaufte.

„Guten Tag.“ Die dünne Frau blieb mitten im Laden stehen, fummelte einen Zettel aus ihrer Handtasche und starrte auf das Papier.

„Brauchen Sie Hilfe oder möchten Sie sich erst einmal umsehen?“, fragte Tante Abigail.

„Hilfe.“ Nun hob die Frau den Kopf und blickte Tante Abigail an. In ihren Augen lag ein seltsamer Glanz, als hätte sie Fieber. „Ich brauche Hilfe.“

„Was suchen Sie denn?“, fragte Abigail freundlich.

„Bananen?“, schlug Lady Madonna vor. „Zitronen? Schau doch mal! Danke schön!“

Die Frau blinzelte irritiert und sah zu Violet.

„Was hast du gesagt?“

„Nichts“, sagte Violet. „Das war Lady Madonna, unser Wellensittich.“ Sie zeigte auf den Käfig über der Kasse.

„Bitte schön!“, trillerte Lady Madonna.

Der Blick der Fremden wanderte kurz zu dem Vogel, dann flog er wieder zurück zu Violet und von dort zu Abigail. „Ihre Tochter?“ Für einen winzigen Moment hellte sich ihr Gesicht auf. „Das sieht man sofort.“

„Meine Nichte“, sagte Tante Abigail.

„Ach so. Entschuldigung.“

„Macht doch nichts“, sagte Violet. Es war nicht das erste Mal, dass jemand sie für Tante Abigails Tochter hielt, sie sahen sich ja auch total ähnlich. Sie hatten die gleichen wilden orangeroten Locken und unzählige Sommersprossen auf der Nase, den Wangen und der Stirn. Sogar auf den Armen, im Nacken und auf den Zehen.

Die Frau starrte jetzt wieder auf ihren Zettel. Vielleicht stand da, welche Blumen sie kaufen sollte.

„Ich habe gerade wunderschöne Primeln reinbekommen“, sagte Tante Abigail, die bestimmt von den Pfingstrosen ablenken wollte.

Die Frau schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Deshalb bin ich nicht hier.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der magische Blumenladen 1: Ein Geheimnis kommt selten allein" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Teilen