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Der letzte Tiger

Impressum

Redaktionelle Mitarbeit: Monika Dütmeyer, Darja Schmidt

ISBN 978-3-8412-0665-7

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Dezember 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Bei Aufbau erstmals 1952 erschienen; Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung capa design, Anke Fesel unter Verwendung eines Motivs von André Lützen

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

»Rùng là vàng, nếu mình biết bao vệ, xây dựng thì rừng rất quý«

Wald ist Gold, wenn wir ihn schützen und pflegen, ist er sehr wertvoll.

Ho Chi Minh, 1963*


* aus einer Rede Ho Chi Minhs anlässlich einer Konferenz zur Bewusstseinsbildung des Volkes in den Bergregionen (Hôi nghi Tuyên giáo miền núi), 31. 8. 1963; entnommen der Webseite der vietnamesischen Volksarmee (www.qdnd.vn).

Es war Ende Oktober, und die Monsunzeit hätte längst zu Ende sein sollen. Doch es regnete stärker als die ganzen Wochen zuvor. Nach über einer Woche Dauerregen stand das Wasser teilweise mehr als einen Meter hoch in Hanois Straßen. 58 Menschen waren bislang ums Leben gekommen. Die meisten waren ertrunken oder infolge defekter Stromleitungen getötet worden. Misstrauisch betrachtete Kommissar Pham Van Ly die dicken Bündel schwarzer Kabel, die dicht über seinem Kopf über dem Gehweg hingen. Die Hosenbeine hochgekrempelt, watete er durch das grauschwarze Wasser. Hier in der Altstadt, die etwas höher lag als die übrigen Stadtteile, reichte es ihm nur bis zu den Knien. Trotz des Regens war es warm, und Kinder tobten mit Styroporplatten durchs Wasser. Die Nichtschwimmer unter ihnen hatten leere Plastikflaschen um Bauch und Arme gebunden. Ly sah, wie sie lachten, hörte sie aber nicht. Zu laut war der Regen. Sein dünnes Plastikcape klebte unangenehm an seinem Körper. Mit zusammengekniffenen Augen und gebeugtem Rücken kämpfte er sich bis zur Lan-Ong-Gasse durch.

Erst vor wenigen Wochen war der Arzt Doktor Song aus seinem winzigen Praxiskabuff in einem Hinterhof der Thuoc-Bac-Gasse, der »Gasse der Nördlichen Medizin«, in dieses zur Straße hin gelegene Ladengeschäft in der Lan-Ong gezogen. Er war einer der Letzten gewesen, der sich von den Schlossern aus der »Gasse der Nördlichen Medizin« hierher hatte verdrängen lassen. Doch da in der Altstadt das Prinzip »eine Gasse – eine Ware« galt, musste er dahin übersiedeln, wo nunmehr alle seine Kollegen praktizierten.

Doktor Song hatte die Ladengitter aufgezogen. Gestapelte Sandsäcke schützten vor dem Hochwasser. Ly stieg über die Barrikade.

»Ah, Kommissar«, rief Doktor Song und kam mit ausgebreiteten Armen hinter dem langen Tresen hervor. Mit seinen Anfang vierzig war er etwas jünger als Ly. Er lächelte. Feine Falten legten sich um seine Mundwinkel. Er hatte weiche, fast feminine Gesichtszüge.

Ly zog das Regencape aus und sah sich um. »Schicker Laden«, sagte er.

Apothekerschränke aus dunkel lackiertem Holz standen vor beiden Längswänden. An Schnüren unter der Decke hingen getrocknete Geckos und Wurzeln. Auf dem Boden standen Kisten mit tellergroßen linh chi-Pilzen und Ginsengwurzeln, Eimer mit Baumrinden und anderen für Ly undefinierbaren Heilpflanzen. Obwohl der Laden um ein Vielfaches größer war als der alte, war er schon genauso vollgepackt und hatte denselben vertrauten Geruch nach Pilzen, Zimt, Anis und abgebrannten Räucherstäbchen. Ly fand das beruhigend.

»Die Geschäfte laufen gut«, sagte Doktor Song mit einem Lächeln und goss zwei Tassen Artischockentee für Ly und sich ein. Er murmelte ein moi uong – »Lade zum Trinken« – und fragte, wie er Ly helfen könne.

»Meine Mutter – ihr Rheuma macht ihr wieder zu schaffen«, sagte Ly.

»Kein Wunder. Bei diesem Wetter.«

»Sie braucht etwas gegen die Schmerzen.«

»Es wird ja nicht besser mit Ihrer Mutter«, sagte der Arzt. »Sie sollten wirklich mal über Tigerknochenpaste nachdenken. Die würde nicht nur gegen die Schmerzen helfen, sondern auch die Krankheit etwas ausbremsen.«

Ly konnte sich nicht vorstellen, wie Paste aus eingekochten Tigerknochen helfen sollte. Aber es war ein uraltes Rezept, und Ly vertraute auf seinen Arzt. Er hatte viele Jahre Erfahrung. Ly erinnerte sich, dass er schon als ganz junger Mann in der Praxis seines Vaters, des alten Doktor Hung, mitgearbeitet hatte, bevor er sie dann nach dessen Tod übernommen hatte.

»Was kostet die Paste?«, fragte Ly.

»Leider.« Doktor Song gab einen langgezogenen Seufzer von sich. »Sie ist verboten. Ein echtes Problem für unsere Medizin. Es sind ja nicht nur die Tiger. Wir dürfen kaum noch Tiere verarbeiten. Auch Bären, Warane und Königskobras, sogar Seepferdchen stehen unter Schutz. Als ob die Gesundheit der Menschen nicht vorgeht.« Er hob resigniert die Arme.

»Aber Sie können die Paste doch sicher besorgen?« Sie wäre teuer, das war es doch, worauf er letztendlich hinauswollte, dachte Ly.

Der Arzt presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf.

»Aber bitte«, sagte Ly. »Sie haben es selbst vorgeschlagen.« Es ging ihm um die Gesundheit seiner Mutter, nicht um irgendwelche Tierschutzgesetze. »Ich bin bei der Mordkommission, nicht bei der Umweltpolizei.« Ly konnte nicht ganz verbergen, dass dieses Gespräch ihn zu nerven begann.

Der Arzt sah Ly eine Weile schweigend an und wiegte den Kopf hin und her. Schließlich sagte er: »Ich könnte mich umhören. Der Preis liegt bei etwa zwanzig Millionen Dong für hundert Gramm. Minimum.«

Ly schluckte. Das waren fast tausend Dollar. Von dem Geld konnten sie zwei Monate gut leben. Inklusive der hohen Schulgebühren für die beiden Kinder. Und mit hundert Gramm wäre es ja wohl auch kaum getan.

»Alles, was billiger verkauft wird, ist eine Fälschung«, fügte Doktor Song hinzu.

Ly fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Das konnten sie sich momentan wirklich nicht leisten. Von seinem Staatsgehalt sowieso nicht, aber auch nicht von dem besseren Einkommen, das seine Frau Thuy als Reiseleiterin verdiente. »Das … ich werde darüber nachdenken«, sagte Ly ausweichend.

Doktor Song nickte. »Dann würde ich Ihnen erst mal wieder etwas Pflanzliches mischen.« Er trat an den Apothekerschrank hinter seinem Tresen und zog mehrere Schubladen heraus. Mit einer kleinen Schaufel fuhr er in die Kistchen und häufte verschiedene Kräuter und Pulver auf eine Tafelwaage. Dann kippte er alles auf ein Blatt Zeitungspapier, faltete es zu einem Päckchen und verschnürte es fest. »Das soll Ihre Mutter in klaren Reisschnaps einlegen und mindestens drei Wochen ziehen lassen.« Doktor Song schrieb die Anweisung zusätzlich auf einen Zettel, den er an das Päckchen heftete. Unter dem Tresen holte er noch eine kleine Flasche mit einer braunen Flüssigkeit hervor. »Bis dahin soll sie diesen Medizinschnaps hier trinken. Jeden Tag ein kleines Glas.« Und mit einem Lachen schob er hinterher: »Und nicht mehr! Richten Sie ihr das mit bestem Gruß von mir aus.«

*

Auf dem Weg von Doktor Song ins Präsidium ging Ly zu Hause vorbei, um seiner Mutter die Medizin zu bringen und sich trockene Kleidung zu holen. Er hatte gleich ein mit tinh im Präsidium und wollte nicht so durchnässt, wie er war, in der Sitzung auftauchen. Und das alte Stadthaus, in dem sie wohnten, lag sowieso auf dem Weg. Er schob das Ladengitter zur Seite und stieg über die Sandsäcke, die auch hier seit Tagen lagen. Seine Mutter saß vor dem Ahnenaltar unten im Erdgeschoss. Die Räucherstäbchen glimmten. Jeden Tag zündete sie welche an, und Ly wusste, dass sie dabei in Gedanken bei seinem ältesten Bruder war. Er war 1979 im Krieg gegen die Chinesen gefallen, mit gerade einmal neunzehn Jahren, von einem Granattreffer im Unterstand verschüttet und erstickt.

Ly betrachtete seine Mutter. Ihre wässrigen Augen waren auf den aufsteigenden Rauch gerichtet. Sie war alt geworden. Es würde nicht mehr lange dauern, und auch sie wäre Ahne. Er schämte sich, nicht die Tigerknochenpaste für sie bestellt zu haben, und legte das Päckchen mit der Kräutermischung und die kleine Flasche auf ihr Bett. Er würde ihr später die Anweisungen des Arztes erklären. Jetzt ließ er sie mit ihren Erinnerungen alleine.

Fünf Minuten später trat er wieder auf die Straße. Trockene Wechselkleidung hatte er in eine Plastiktüte gestopft und ging in Richtung Präsidium. Der Regen hatte noch immer nicht nachgelassen. Als sein Handy klingelte, rannte er in eine der Hallen der Quoc-Su-Pagode, an der er gerade vorbeiging, und stellte sich unter.

»Hallo?«

»Truong hier.«

»Hey, was ist denn in dich gefahren, dass du mich mal anrufst?«, fragte Ly. Sonst war er es doch immer, der sich bei Truong meldete. Er konnte sich nicht erinnern, dass es je anders gewesen wäre. Sie kannten sich bereits seit der Grundschulzeit, und Truong war immer schon ein Eigenbrötler gewesen. Trotzdem hatte sich über all die Jahre, die sie sich nun kannten, eine Freundschaft entwickelt, die Ly wichtig war, und es störte ihn nicht weiter, dass sein Freund sich nie von sich aus meldete. Umso mehr wunderte er sich allerdings jetzt über seinen Anruf. »Ist etwas passiert?«

»Können wir uns sehen?«, fragte Truong.

»Sicher. Wie wär’s morgen zum Mittagessen?«

»Hm, geht’s nicht heute noch?«

»Worum geht’s denn?«, fragte Ly.

»Ich … das erklär ich dir, wenn wir uns sehen. Nicht am Telefon.«

Truong klang nervös, und Ly hätte sich jetzt gerne sofort mit ihm getroffen. Aber er konnte nicht schon wieder eine Sitzung ausfallen lassen. Sein Chef hatte ihn bereits verwarnt. »Ich muss noch in ein mit tinh. Danach komme ich bei dir vorbei.«

»Ruf mich an, wenn du fertig bist. Dann komme ich lieber zu euch rüber. Meine Wohnung steht voll Wasser.« Truong wohnte im Erdgeschoss in einem der baufälligen sozialistischen Wohnblocks, die schon bei weniger Regen voll Wasser liefen.

»Außerdem ist der Strom abgestellt«, fügte Truong noch hinzu. »Ich könnte dir nicht mal einen Tee kochen.«

»Bier tät’s auch.«

»Das ist warm.« Truong lachte. »Also, du rufst später durch, okay?« Dann legte er auf.

Ly trat wieder in den Regen, um die letzten Meter bis zum Präsidium zu gehen.

*

Das mit tinh verlief genau so, wie Ly es befürchtet hatte: Parteikommissar Bui Van Hung, der ranghöchste und älteste Kommissar im Präsidium und Lys direkter Vorgesetzter, hielt einen Vortrag über die Errungenschaften des Sozialismus und ging dann nahtlos dazu über, neueste Verordnungen des Volkskomitees zu erläutern. Diesmal ging es dabei insbesondere darum, dass kleine und zu dickbäuchige Polizisten vom Dienst auf der Straße abgezogen würden. Stattdessen sollten dort mehr hübsche junge Frauen eingesetzt werden, um das Ansehen der Polizei zu verbessern. Ly konnte darüber nur noch lachen. Erst im letzten Jahr hatte man ihnen verboten, im Dienst Sonnenbrillen zu tragen. Als ob solche Maßnahmen irgendetwas ändern würden.

Es war bereits dunkel, als er endlich aus dem Konferenzraum kam. Er rief bei Truong an, erreichte ihn aber nicht und ging nach Hause.

Duc, sein sechsjähriger Sohn, lag auf dem Bett, den Kopf auf die Hände gestützt, und schaute »Tom und Jerry«. Sein Hamster kletterte auf seinem Rücken herum.

»Hallo, Duc. Alles okay?«, fragte Ly.

Ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden, sagte Duc: »Ich hab Hunger.«

Ly schaute auf die Uhr. Es war kurz nach sieben. Vor neun würde Thuy nicht nach Hause kommen. Sie begleitete ihre Reisegruppen meist noch zum Abendessen.

»Wo ist deine Schwester?«

»Weg.«

»Das sehe ich. Hat sie gesagt, wo sie hin ist?«

Duc schüttelte den Kopf. Ly seufzte. Huong könnte sich ruhig auch mal um ihren kleinen Bruder kümmern. Stattdessen war sie dauernd unterwegs. Sie kam nur noch zum Schlafen nach Hause.

»Was willst du essen?«, fragte Ly.

»Pizza.«

Dieses Pappzeugs, dachte Ly. Aber gut. Zum Kochen hatte er jetzt keine Lust mehr. Bevor er loslief, um die Pizza zu holen, rief er noch einmal bei Truong an. Doch der nahm auch diesmal nicht ab. Sicher würde er später einfach vor der Tür stehen. Das würde zu ihm passen. Ly fragte sich, was er wohl mit ihm besprechen wollte, hatte aber keine Idee.

Als Ly mit der Pizza für Duc und Frühlingsrollen für sich selbst zurückkam, war er zum x-ten Mal an diesem Tag bis auf die Haut durchnässt. Er zog sich um und versuchte noch einmal, bei Truong anzurufen. Langsam ärgerte er sich. Erst war es Truong so wichtig, ihn zu sprechen, und jetzt war er nicht erreichbar.

Sie aßen vor dem Fernseher. Duc legte seinen Kopf auf Lys Bauch und verschmierte sein Hemd mit Tomatensoße. Aber das war Ly egal. Es war gemütlich, und er genoss es. Duc schlief ein. Und auch Ly döste weg. Er hörte Thuy noch, als sie nach Hause kam, doch er öffnete seine Augen nicht mehr.

*

Am nächsten Tag brach die Sonne endlich durch den trübgrauen Himmel. Der Regen hatte aufgehört, und innerhalb von Stunden war das Wasser aus den Straßen abgeflossen.

Ly saß bei seinem Freund Minh in dessen bia hoi, einem Straßenlokal in der Altstadt. Er klopfte eine Vinataba aus der Packung und zündete sie an. Seine Hände zitterten.

»Mensch, Ly, hilf mir doch endlich mal.« Minh schnaufte und zerrte einen der Sandsäcke, mit denen er die Küche seines bia hoi vor dem Wasser geschützt hatte, auf die Straße. Heute war der erste Tag, an dem er sein Lokal wieder öffnen konnte. Mehrere Gäste saßen bereits draußen auf dem Gehweg unter dem alten Mandelbaum.

Ly blieb sitzen. Er atmete den Rauch seiner Zigarette tief ein und hielt ihn lange in den Lungen. Er konnte es einfach nicht glauben. Truong war tot.

Der Rechtsmediziner Dr. Quang hatte Ly vorhin angerufen. Truong habe einen Stromschlag erlitten, vermutlich als er seinen Kühlschrank angefasst hat. Dr. Quangs Berechnung zufolge sei er gestern zwischen vier und sieben Uhr gestorben. Die Hauswartin, die regelmäßig bei Truong putzte, hatte ihn am Morgen auf dem Boden in seiner Küche gefunden.

»Und ich hab mich noch über Truong geärgert, weil er nicht mehr erreichbar war«, sagte Ly. »Wenn ich doch nur gleich hingefahren wäre, als er mich angerufen hat. Vielleicht hätte ich ihn …«

»Hör auf. Es ist nicht deine Schuld«, unterbrach Minh ihn und trat gegen einen Sandsack, bis er über die Eingangsstufe auf die Straße fiel. »Hast du Truongs Schwester schon angerufen?«

Ly nickte. Truong hatte weder Frau noch Kinder gehabt. Seine Schwester, die in der Nähe von Saigon lebte, war die einzige Verwandte. »Gleich nachdem ich’s erfahren habe«, sagte er. »Ich wollte nicht, dass es ihr irgend so ein Typ aus der Verwaltung sagt.« Tränen traten Ly in die Augen, und er stützte die Stirn auf seine geballte Faust, so dass Minh es nicht sehen konnte. Er rief sich sein letztes Telefonat mit Truong ins Gedächtnis. Worüber hatte Truong bloß mit ihm sprechen wollen? Es musste wichtig gewesen sein, sonst hätte er ihn doch nicht angerufen. Hätte er doch nur dieses verfluchte mit tinh ausfallen lassen.

Minh stellte Ly ein Bier auf den Tisch. Mit dem Hemdsärmel trocknete Ly seine Augen, hob den Kopf und trank das Glas in einem Zug aus. »Irgendwas stimmt da nicht«, sagte er. »Er hat mir selbst noch gesagt, dass er keinen Strom in der Wohnung hat.«

»Vielleicht hat er ihn wieder angestellt?«, sagte Minh und versuchte, den nächsten Sandsack hochzuhieven. Voll Wasser gesogen, war er sogar für einen kräftigen Mann wie Minh zu schwer.

»Blödsinn«, sagte Ly. »Er hat im Erdgeschoss gewohnt. Mit Wasser in der Wohnung stellt er doch nicht den Strom an.«

Minh gab nur ein Brummen von sich.

»Verdammt, das war kein Unfall«, sagte Ly so laut, dass die anderen Gäste sich nach ihm umdrehten.

»Mann, Ly«, fuhr Minh ihn an und ließ den Sandsack mit einem Ächzen fallen. »Es reicht. Nicht jeder Tod ist gleich ein Mordfall.«

Dieser vielleicht schon, dachte Ly, trat seine Vinataba aus und zerknüllte die Packung mitsamt den Zigaretten. Sie schmeckten bitter und kratzten im Hals. Er hatte mal wieder eine dieser chinesischen Fälschungen erwischt. Man munkelte, sie würden impotent machen. Irgendwann würden die Chinesen sie noch alle ausrotten.

Minhs Frau kam die Treppe herunter. Auf ihren Unterarmen balancierte sie geschickt mehrere Teller. Bis im Erdgeschoss aufgeräumt war, kochte sie oben in der Wohnung.

»Hallo, Ly, du hast sicher Hunger«, sagte sie mit einem Lächeln und stellte die Teller vor ihn auf den Tisch. In Reismehl panierte Rippchen, Rinderhackspieße mit Zitronengras und in Knoblauch gedünsteten Pak-Choi-Kohl. Aber Ly konnte jetzt beim besten Willen nichts essen. Sobald Minhs Frau wieder die Treppe hinauf verschwunden war, schüttelte er entschuldigend den Kopf und sagte: »Ich hätte lieber noch ein Bier.«

»Warte.« Minh verschwand in der Küche. Ly hörte, wie er Kisten verschob. Irgendetwas fiel scheppernd auf den Boden. Als er schließlich zurückkam, hielt er eine bauchige Schnapsflasche in der Hand. In der bernsteinfarbenen Flüssigkeit lag eine aufgerollte Kobra zusammen mit einer Ginsengwurzel und kleinen roten Bocksdorn-Beeren. »Die trinken wir jetzt. Auf Truong.«

*

Am Morgen wurde Ly von einem schrillen Fiepen aus dem Stadtteilradio geweckt. Er zog sich die Decke über die Ohren, konnte aber die blechern klingende Stimme, die auf das Fiepen folgte, trotzdem noch hören. »… ab zwölf Uhr wird wegen Bauarbeiten das Wasser in folgenden Straßen abgestellt: Au-Trieu, Phu-Doan …« Nach der Durchsage lief ein altes revolutionäres Lied. Sicherlich war es von Kassette abgespielt, so wie es leierte. Ly schwor sich, bald auf den Laternenmast vor dem Haus zu klettern und diesen verfluchten kommunalen Lautsprecher zu zerstören. Anderenorts hatten entnervte Anwohner das längst getan.

Er hielt noch eine Weile die Augen geschlossen, bis er sich schließlich aus dem Bett quälte. Sein Kopf schmerzte, und er war froh, dass Thuy und die Kinder schon weg waren. Er warf den Wasserkocher an und kippte doppelt so viel Kaffeepulver in den Aluminiumfilter wie sonst. So richtig half auch das nicht.

Er wollte sich gerade einen zweiten Kaffee kochen, als ein Notruf von der Zentrale bei ihm einging. Er solle sofort zum Literaturtempel fahren, auf die Seite der Nguyen-Thai-Hoc-Straße. Es gäbe einen Toten.

*

Der Himmel war blau, und die Sonne brannte auf seinem Kopf. Mindestens ein Dutzend Mal musste Ly den Kickstarter seiner alten roten Vespa treten, bis der Motor endlich aufheulte. Der Schweiß lief ihm den Rücken hinunter.

Er nahm den Weg durch die Altstadt. Keine gute Entscheidung, wie er schnell merkte. In der Hang-Gai musste er Slalom um ganze Busladungen von Touristen fahren, die wie verschreckte Hühner über die Straße liefen. Er versuchte es mit Hupen. Doch das machte es nur noch schlimmer. In der Dien-Bien-Phu waren die Rollschranken vor die Bahngleise geschoben, die hier die Straße kreuzten. Noch war kein Zug zu hören, aber der Verkehr staute sich bereits über mehrere hundert Meter.

Als er endlich am Literaturtempel ankam, schob er sich schlechtgelaunt durch die Schaulustigen. Sie redeten leise miteinander. Ly hörte mehrmals das Wort Tiger heraus, konnte sich aber keinen Reim darauf machen. Zwei Verkehrspolizisten, die Ly den Rücken zugekehrt hatten, hielten Absperrbänder um einen alten Nissan, der frontal in die Mauer hinter dem Literaturtempel gekracht war. Die Kühlerhaube war bis zur Frontscheibe eingedrückt. Die Lichter waren zersplittert. Kopf und Brust des Fahrers lagen auf dem Lenkrad. Die Arme hingen schlaff herunter. Dr. Quang, der Rechtsmediziner, kniete zwischen Lenkrad und Leiche im Wageninneren und redete leise mit sich selbst, wie immer, wenn er konzentriert arbeitete. Ly ging um den Wagen herum. Er hatte lange kein so ungepflegtes Auto gesehen. Die Kotflügel waren verbeult, und das, so wie es aussah, nicht erst seit heute. Rost hatte sich in die Dellen gefressen, und getrockneter Schlamm klebte auf dem, was noch von dem stumpfen Lack übrig war. Die Polster der Vordersitze waren aufgerissen, weiße Füllung quoll hervor. Rücksitze gab es keine mehr. Ly beugte sich vor, um besser ins Wageninnere sehen zu können, und fuhr zurück. Adrenalin schoss heiß durch seinen Körper. Die Luft blieb ihm weg.

Auf der Fläche hinter den Vordersitzen lag ein Tiger. Seine Augen waren geschlossen. Ly war sich aber nicht sicher, ob er tot war oder sein Brustkorb sich nicht noch leicht auf und ab bewegte.

»Der Arme, er war vollkommen in Panik«, sagte eine Stimme neben Ly. Ein Mann war zu ihm getreten. In der Hand hielt er ein Gewehr, das aussah wie eine aufgemotzte Schrotflinte. Er war Ly eben schon aufgefallen. Er hatte neben einem der beiden Verkehrspolizisten gestanden. Wie ein Polizist sah er allerdings nicht aus. Er hatte kinnlange fettige Haare. Auf seinen Hals war ein Stern tätowiert. Seine Jeans war an den Knien durchlöchert.

Ly deutete auf die Waffe. »Haben Sie den Tiger erschossen?«

»Sind Sie wahnsinnig?« Der Mann warf Ly einen entsetzten Blick zu. »Betäubt habe ich ihn. Was glauben Sie denn?«

»Was ist mit dem Fahrer?«, fragte Ly.

»Geht mich nichts an. Ich bin nur wegen des Tigers hier.«

Was für ein Idiot, dachte Ly. Er ging zur Fahrertür zurück, beugte sich vor und rief Dr. Quang zu: »Und, wie sieht’s aus?«

»Hallo, Ly! Der Tote hat nur ein paar Kratzwunden im Nacken«, rief der Rechtsmediziner mit dem ironischen Unterton, der in fast allem, was er sagte, mitschwang. Rückwärts kroch er aus dem Wagen heraus. An seinem weißen Hemd klebte Blut. »Aber immerhin ist noch kein Fleisch von den Knochen geknabbert«, fügte er mit einem Grinsen hinzu. Dieser makabre Humor seines Kollegen irritierte Ly immer wieder.

Dr. Quang zog sich die Handschuhe aus und schob Ly ein Stück vom Wagen weg. »Ich muss dich enttäuschen. Dein Fall ist das nicht.«

»Das heißt?«, fragte Ly leicht gereizt. Er mochte es nicht, bevormundet zu werden, auch nicht von Dr. Quang, den er sehr respektierte.

»Es war kein Mord. Ich denke, der Tiger ist einfach etwas zu früh aus seiner Narkose erwacht«, sagte Dr. Quang. »Der Mann hat sich erschrocken und – rums – den Wagen gegen die Wand gesetzt. Genickbruch. Dumm gelaufen. Der arme Tiger sieht aber auch ganz schön mitgenommen aus.« Der Rechtsmediziner unterstrich seine Worte mit ausschweifenden Handbewegungen.

»Was musste der Mann auch mit einem lebenden Tiger spazieren fahren!«, sagte Ly und fragte sich gleichzeitig, wieso hier alle Mitleid mit dem Tiger hatten und nicht mit dem Fahrer.

»Die wollten das Tier sicher noch ein bisschen mästen«, sagte Dr. Quang. »Umso größer der Tiger, desto schwerer die Knochen. Und umso mehr Geld gibt’s. In dieser Knochenpaste steckt ein Vermögen. Und das ist es ja wohl, worum es hier geht, oder was meinst du?«

»Wahrscheinlich«, sagte Ly mit dem Anflug eines schlechten Gewissens, hatte er doch selbst gerade erst diese Paste kaufen wollen. Er wandte sich ab, dann doch froh, dass das hier kein Fall für die Mordkommission war. Im Kopf versuchte er hochzurechnen, wie viel Tigerknochenpaste man wohl aus so einem Tier herausholen könnte.

Aus dem Augenwinkel sah er, wie Nguyen Manh Tu am Unfallort eintraf. Tu war der neue Leiter der Abteilung für Umweltschutz, die jüngst bei der Hanoier Polizei eingerichtet worden war, um den illegalen Handel mit Tieren und Pflanzen einzudämmen. Oder zumindest, wie Ly vermutete, um den guten Willen dazu vorzutäuschen.

Die Hände in den Hosentaschen stieg Tu über das Absperrband und ging auf Dr. Quang zu. Ly kannte Tu nur aus mit tinhs, hatte jedoch noch nie mehr mit ihm zu tun gehabt. Aber ihn störte dessen offensichtliche Arroganz. Tu war einer dieser jungen Städter aus besserem Haus. Um die dreißig, sehr ehrgeizig, gut ausgebildet, Auslandsstudium in Australien. Er trug tief sitzende Jeans mit breiten Gürteln und T-Shirts mit irgendwelchen englischen Sprüchen, die Ly nicht verstand. Die kurzen Haare hatte er zu Stacheln gegelt. Seine Zähne waren makellos. Keine Spur von zu viel grünem Tee oder Zigaretten.

Ly drängte sich durch die Menge der Schaulustigen und ging zurück zu seiner Vespa, die er unter den Bäumen auf der anderen Straßenseite abgestellt hatte. Er tastete seine Hosentaschen nach dem Schlüssel ab, bis er sah, dass er noch steckte. Wieder startete die Vespa nicht sofort, und der Kickstarter haute Ly in die Achillessehne. Er fluchte. Er würde das alte Teil doch noch mal verschrotten oder es an einen Ausländer verhökern, der Lust hatte, es von Grund auf zu restaurieren.

*

Eine halbe Stunde später grüßte Ly den alten Pförtner, der vor dem Eingang zum Präsidium stand, einem ockergelben Bau aus der französischen Kolonialzeit mit bodentiefen Fenstern und grünen Lamellenjalousien.

Mit schweren Schritten stieg Ly die Treppe in den zweiten Stock hinauf und ging durch den langen kahlen Gang. Seine Schritte hallten hohl auf dem Steinboden. Die Tür zum Büro seiner Assistentin stand offen.

»Hallo, Ly, so spät?«, rief Lan ihm zu, schob sich die langen Haare hinter die Ohren und kickte ihre Pumps, die sie abgestreift hatte, unter den Schreibtisch. »Kaffee?«

Ly mochte den Kaffee aus Lans Filtermaschine nicht besonders, trotzdem nahm er dankend an. Solange Koffein drin war, war ihm heute alles recht.

»Irgendetwas Neues bei dir?«, fragte er.

»Ich schreibe noch die Berichte für den Fall draußen in Gia Lam fertig. Ansonsten gibt es nicht viel zu tun.« Sie sah ihn mit hochgezogenen Brauen an. »Und bei dir? Du siehst nicht gut aus.«

Ly erzählte Lan vom Tod seines Freundes Truong und dass er in dem Fall ermitteln wollte. Lan hatte Tränen in den Augen, während sie zuhörte. Ly fragte sich, wieso. Sie hatte Truong doch gar nicht persönlich gekannt.

Ly schenkte sich Kaffee nach und ging über den Gang in sein Büro hinüber. Er streute Trockenfutter ins Aquarium und sah zu, wie die blau-rot gestreiften Zwergfadenfische, die er gerade neu gekauft hatte, mit weit aufgerissenen Mäulern an die Wasseroberfläche stieben. Seine Fische waren das einzig Persönliche im Raum. Der Rest gehörte zur Standardausstattung. Sofa und Sessel aus schwarzem Kunstleder, Beistelltisch, Aktenschrank, Schreibtisch, Holzstühle. Die kahlen Wände waren türkisgrün getüncht wie die Wände in allen öffentlichen Gebäuden des Landes.

Ly ließ sich in einen der Sessel sinken und rief Dr. Quang an, der immer noch draußen am Literaturtempel beschäftigt war. Eigentlich hätte er ihn gleich vorhin noch mal auf Truong ansprechen sollen. Aber da hatte sein Kopf noch zu sehr gedröhnt, und dieser Tiger hatte ihn völlig durcheinandergebracht.

»Bist du wirklich sicher, dass Truongs Tod ein Unfall war?«, fragte Ly.

»Es war ein Stromschlag. Wie er zustande kam, kann ich nicht sagen.«

»Du meinst also, es könnte auch Mord gewesen sein?«

»Möglich ist alles. Und …«

»Und was?«, fragte Ly.

»Bei dem Regen fällt ein tödlicher Stromschlag mehr oder weniger nicht auf.«

Dr. Quang hatte recht, dachte Ly. Strom war bei diesem Wetter vermutlich wirklich die beste Art, jemanden unauffällig zu beseitigen.

Er holte sich noch einen Kaffee, wobei er Lans Kanne leer machte, und rief Do Van Dang an, den Leiter der Spurensicherung. »Ly hier. Ich brauche den Bericht zu Le Ngoc Truong.«

»Le Ngoc Truong?« Dang schien einen Moment zu überlegen. »Nein. Da haben wir nichts.«

»Gestern. Ngo-Quyen-Straße. Ein Stromschlag.«

»Bei Unfällen werden wir nicht gerufen«, sagte Dang.

»Woher willst du wissen, dass es ein Unfall war?«

»Stromschläge sind bei so einem Hochwasser wie dem letzten an der Tagesordnung.«

»Na bestens, dann verpasse ich meiner nervigen Nachbarin einen Stromschlag, und keiner untersucht’s? Toll. Gut zu wissen.«

Dang seufzte leise. »Ly, bitte, weißt du, wie viele Stromtote es alleine bei dem letzten Hochwasser gab?«

»Ja, 59. Truong mitgezählt.«

»Die können wir nicht alle untersuchen«, sagte Dang in ruhigem Tonfall, was Ly umso mehr ärgerte. Dang mochte ein guter Kriminaltechniker sein, aber manchmal machte er Ly mit seiner Art wahnsinnig.

»Mach eine Ausnahme«, sagte Ly. »Schick ein Team in Truongs Wohnung.«

Als Dang nicht sofort antwortete, dachte Ly, er würde seiner Bitte nachkommen. Doch dann sagte Dang: »Nicht ohne Anweisung des Parteikommissars.«

Ly fluchte. Verdammter Bürokrat.

*

Parteikommissar Bui Van Hung saß an seinem großen Schreibtisch aus schwerem Holz. Hinter ihm an der Wand hing ein in Öl gemaltes Porträt von Ho Chi Minh. Der breite goldfarbene Rahmen passte perfekt zur Stuckdecke. »Genosse Ly, wie kann ich Ihnen helfen?« Der Parteikommissar drückte sich aus seinem Stuhl hoch und kam auf Ly zu. Sein Gang war schleppend, mit einer Hand stützte er sich am Schreibtisch ab. Er hatte gerade seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert, und das Laufen fiel ihm schwer.

»Es geht um den Fall Le Ngoc Truong«, sagte Ly.

»Ich habe davon gehört. Auch dass er ein Freund von Ihnen war.«

»Ein enger Freund.«

»Mein aufrichtiges Beileid.«

»Ich möchte in dem Fall ermitteln«, sagte Ly.

Der Parteikommissar musterte Ly durch seine dicken Brillengläser. »Warum? Soweit mir berichtet wurde, war es ein Unfall.«

»Es gibt Unstimmigkeiten. Ich habe kurz vor seinem Tod noch mit ihm gesprochen. Er war nervös, er wollte unbedingt mit mir reden.«

»Worüber?«

»Ich … wir kamen nicht mehr dazu.« Ly stockte. Was sollte er sagen? Er hatte nichts in der Hand, um zu beweisen, dass es kein Unfall war.

Parteikommissar Hung legte Ly seine Hand auf den Arm. Eine Geste, die Ly unangenehm war.

»Genosse Ly«, sagte der Parteikommissar leise, aber mit Nachdruck.

»Bitte«, sagte Ly. »Ich brauche eine Vollmacht für die Spurensicherung.«

Der Parteikommissar drückte Lys Arm und deutete ein Kopfschütteln an. »Genosse Ly, ich verstehe, dass es schmerzt, wenn ein Freund so plötzlich aus dem Leben gerissen wird. Aber nicht jeder Tod ist ein Mordfall.«

*

Ly rief noch einmal bei der Spurensicherung an. Doch Dang ließ sich nicht überreden, ohne offizielle Anweisung seine Leute in Truongs Wohnung zu schicken. Ly legte grußlos auf. Dann würde er sich eben selbst in der Wohnung umsehen.

*

Der Wohnblock in der Ngo-Quyen-Straße, in dem Truong gewohnt hatte, war ein Plattenbau aus den siebziger Jahren, der u-förmig um einen Hof gebaut war. Zwischen den Bodenplatten spross Unkraut. Im hinteren Teil des Platzes parkten Motorräder und Fahrräder. Unter einem Baum gab es einen Teestand und eine große Vitrine, in der die Volkszeitung sowie Mitteilungen des Nachbarschaftskomitees angeschlagen waren. Ly fand einen Zweizeiler zu Truongs Tod und die Wohnungsnummer der Hauswartin.

Die Wohnung lag im zweiten Stock. Die Hauswartin war eine alte Frau. Sie erzählte Ly, dass sie normalerweise öfter bei Truong geputzt hatte, aber wegen des Wassers länger nicht in seiner Wohnung gewesen sei. Erst gestern, nachdem das Wasser aus den Erdgeschosswohnungen abgelaufen war, war sie wieder rübergegangen. Da habe sie ihn gefunden.

Ly konnte die Hauswartin schnell überreden, ihm Truongs Zweitschlüssel zu überlassen. Sie gehörte noch einer Generation an, die gelernt hatte, der Obrigkeit zu gehorchen.

Das Wasser war wirklich aus Truongs Einzimmerwohnung verschwunden. Trotzdem stieg Ly der pilzige Geruch, der feuchten Räumen eigen war, in die Nase. Er drückte den Lichtschalter. Der Strom war aus. Er fragte sich, wer ihn nach Truongs Tod wieder abgeschaltet hatte. Vielleicht die Leute von der Polizei, die Truong abgeholt hatten. Der Stromkasten hing hoch über der Eingangstür. Die alte Hauswartin wäre dort oben nicht einmal angelangt, wenn sie auf einen Stuhl gestiegen wäre.

Gleich im Eingangsbereich befand sich die Küche. Der Kühlschrank war ein uraltes russisches Modell. Er stand offen und war bis auf eine Dose Red Bull leer. Ly bückte sich, um sich das Kabel anzusehen. Es sah brüchig aus und war an mehreren Stellen mit Isolierband umklebt. Er konnte allerdings nicht sagen, ob da jemand etwas manipuliert hatte, und verfluchte Dang, dass er sein Team nicht herschickte.

Die Wohnung sah in etwa so aus, wie Ly sie in Erinnerung hatte, auch wenn er seit Jahren nicht hier gewesen war. Ein Bett, ein Regal, eine Matte auf dem Boden. Alles wies auf Truongs zurückgezogenes Leben hin. Ly fand keine Fotos, keine kleinen Andenken, wie sie sonst in Regalen herumstanden, und auch keine Briefe. Er nahm die Bücher herunter, die auf einem der Regalbretter standen, und blätterte eines nach dem anderen durch. Sie waren zerlesen und rochen muffig, was bei der Luftfeuchtigkeit nicht ausblieb.

Die Bücher behandelten alle die Tierwelt Vietnams. Tiere waren immer Truongs Leidenschaft gewesen. Das war schon während der Schulzeit so gewesen. Ly erinnerte sich, wie Truong früher manchmal tagelang von zu Hause verschwunden war. Anfangs hatte seine Tante, bei der er und seine Schwester aufwuchsen, ihn noch gesucht, bald ließ sie es aber sein. Sie wusste, dass er wieder auftauchen würde. Mal mit einer Kiste Waldschildkröten, dann wieder mit bunten Schmetterlingen, schillernden Käfern, Loris-Äffchen oder Eidechsen. Auf dem Flachdach des Hauses, in dem sie damals wohnten, baute er kleine Käfige, in denen er die Tiere eine Weile hielt. Dann saß er tagelang da oben und war für kein Fußballspiel zu haben. Er sagte immer, er müsse erst seine Tiere »verstehen«. Bis auf eine einzige Schildkröte, die er noch Jahre später hatte, hat er, soweit Ly wusste, immer alle Tiere wieder frei gelassen.

Während Ly seinen Gedanken nachhing, fiel ihm ein braunes Papier ins Auge, das hinter dem Regal hervorschaute. Er zog daran. Es war ein Umschlag mit einer Landkarte und mehreren Fotos. Die Landkarte war eine veraltete Karte vom Norden Vietnams. Hanoi war noch in seinen alten Grenzen eingezeichnet. Mittlerweile war die Stadtfläche dreimal so groß. Truong hatte einige Orte mit rotem Marker eingekreist: Hai Phong, die Hafenstadt östlich von Hanoi. Mong Cai, eine Stadt oben an der chinesischen Grenze. Und mehrere kleine Orte in den Bergregionen, die Ly aber alle nichts sagten.

Er blätterte die Fotos durch. Auf allen waren Tiere zu sehen: Zibetkatzen, Stachelschweine, Binturongs, Makaken, Gibbons, Schuppentiere, ein Bär. Sie waren durch Gitterstäbe fotografiert. Vielleicht waren sie im Hanoier Zoo aufgenommen, dachte Ly. Truong hatte dort gearbeitet. Anfangs als Tierpfleger, später war er in der Hierarchie aufgestiegen. Was genau er zuletzt gemacht hatte, wusste Ly allerdings nicht, was ihn, wenn er jetzt darüber nachdachte, selbst überraschte.

Er setzte sich auf die Bettkante und klickte das Handy durch, das er in der Nachttischschublade gefunden hatte. Außer Telefonnummern war darin nichts gespeichert. Die letzte Nummer, die Truong angerufen hatte, war Lys gewesen.

Irgendwann stand er auf, verließ die Wohnung und setzte sich an den Teestand im Hof. Die Verkäuferin hatte die Kannen mit den Tees in einen dick mit Kissen ausgestopften Holzkasten gestellt, so dass sie warm blieben.

»Einen Jasmin-Tee«, sagte Ly. »Und Vinataba.«

»Vinataba habe ich nicht. Die will doch keiner mehr.« Die Frau stand auf und griff nach einer der Tüten, die an Nägeln hinter ihr am Baum hingen. »Thang Long können Sie haben.« Sie zog eine kanariengelbe Packung mit dem Flaggenturm der Hanoier Zitadelle aus der Tüte. Ly mochte die Thang Long nicht besonders, aber sie waren doch besser als diese chinesischen Kopien der Vinataba, die er sonst so oft erwischte.

»Sie waren in Truongs Wohnung?«, fragte die Frau. In ihrem Gesichtsausdruck mischten sich Neugier und Misstrauen.

»Kannten Sie ihn?«, fragte Ly.

»Ich wohne hier. Ich kenne jeden.«

Ly nickte. Natürlich. In diesen alten sozialistischen Wohnblocks funktionierte die gegenseitige Überwachung noch.

»Es ist furchtbar, was passiert ist«, sagte sie und reichte Ly den Tee. »Dass die Stadt dieses Stromnetz nicht einmal erneuert. Und überhaupt, was tun die schon für uns …« Sie begann über die Regierung zu schimpfen, die Korruption und den neuen Reichtum, von dem sie wie so viele nichts abbekam. Ly hörte nur mit einem Ohr zu. Ein pummeliges Mädchen von etwa acht Jahren hüpfte auf einem Bein auf den Teestand zu.

»Großmutter Ba«, rief das Mädchen, »ich hab fünfhundert Dong, bekomm ich dafür einen Kaugummi?«

Die Frau griff wieder nach einer der Tüten am Baum und holte ein Glas mit bunten Kaugummikugeln heraus. »Nimm dir zwei.« Sie strich dem Mädchen zärtlich über die Wange, und in ihren Augen lag jetzt ein weicher Ausdruck.

»Wissen Sie, ob Truong in den letzten Tagen Besuch hatte?«, fragte Ly. »Haben Sie irgendjemanden gesehen?«

»Sie sind von der Polizei, oder?«

»Ich war ein Freund von Truong«, sagte Ly.

Sie gab ein ungläubiges Murren von sich.

»War jemand da?«, wiederholte Ly.

»Truong hatte nie Besuch. Es kam höchstens mal der Pizzadienst.«

»Pizzadienst?«

Einen Moment war die Frau damit beschäftigt, die Kissen enger an die Teekannen zu drücken. Dann sagte sie: »Wenn Sie so fragen. An seinem Todestag war auch jemand da. Ich hab mich noch gewundert. Sonst kommen die Lieferanten immer mit diesen Pizzamopeds. Sie wissen schon, mit den Kisten hinten drauf. Der am Todestag war aber zu Fuß. Und in Gummistiefeln. Ich dachte noch, es ist wegen des Regens.«

»Können Sie ihn beschreiben?« Vielleicht war das endlich eine Spur.

»Nein. Einer dieser jungen Burschen eben.«

»Und der Pizzadienst? Haben Sie sich den Namen gemerkt?«

Die Frau schob die Lippen vor und deutete ein Kopfschütteln an. »Mit solchem Zeugs kenn ich mich nicht aus. Aber er hatte eine rot-weiße Uniform an.«

Ly rief Lan an. Sie sollte überprüfen, ob eine der Pizzerien, deren Mitarbeiter rot-weiße Uniformen trugen, in den letzten Tagen eine Bestellung von Truong angenommen hatte.

*

Von Truongs Wohnung aus fuhr Ly zum Zoo. Er wollte sich an Truongs Arbeitsplatz umsehen. Er parkte, kaufte ein Ticket und folgte dem Weg entlang des Thu-Le-Sees, an den der Zoo grenzte. Tretboote in Schwanenform dümpelten auf dem Wasser. In Käfigen hockten Makaken auf kahlen Ästen, kleine Eulen hielten ihre Köpfe im Gefieder versteckt. In einem Raubtiergehege mit vielen kleinen abgeschlossenen Einheiten dösten Tiger und Bären. Unter den dicht gewachsenen Bäumen des Parks stand die Luft. Es waren kaum Besucher da, trotzdem drehten sich alle Karusselle, die zwischen den Käfigen aufgebaut waren. Eine Achterbahn ratterte laut über ihre Schienen. Es gab ein Spiegellabyrinth, eine Go-Kart-Anlage, eine Rollschuhbahn. Laute Musik schallte aus Dutzenden Lautsprechern. Jeder Lautsprecher ein anderes Lied. Mit handgemalten Plakaten warb der zooeigene Zirkus für seine Vorstellung mit fahrradfahrenden Bären und tanzenden Affen. Ein Schwarm winziger Mücken folgte Ly. Erfolglos versuchte er, die lästigen Insekten mit der Hand wegzuschlagen.

An einer Grillstation kaufte Ly eine Bratwurst, die wie ein Eis auf einem Holzstab steckte. Die Wurst schmeckte so trocken, als hätte sie gestern schon einmal auf dem Rost gelegen. Ly überlegte, mit einem Bier nachzuspülen, ließ es aber bleiben. Er hatte gestern wirklich schon genug getrunken. Und wahrscheinlich wäre das Bier hier sowieso schal.

Das Verwaltungsgebäude, über dessen Eingang die vietnamesische Flagge hing, lag am äußersten Rand des Zoogeländes. Der Gang zu den Büros im Erdgeschoss war weiß gefliest. Es roch nach Scheuermittel und frischer Farbe. Ly klopfte an der Tür mit dem Schild »Nguyen Thu Nga, Zoodirektorin«.

Es war kühl im Raum. Eine Klimaanlage ratterte laut. Die Zoodirektorin, die Ly schon auf Fotos in der Zeitung gesehen hatte, saß hinter ihrem Schreibtisch, stand aber auf, als Ly eintrat und sich als Kommissar der Hanoier Polizei vorstellte. Sie war eine große kräftige Frau um die fünfzig, mit sehr kurz geschnittenen Haaren und dunklen, fast schwarzen Augen.

»Bitte, setzen Sie sich«, sagte sie und wies auf einen freien Stuhl, unter dem ein Terrier lag und schlief. Ly fiel ihre Stimme auf, sie war ungewöhnlich tief, und es klang etwas Herrisches in ihr mit.

»Der Hund tut nichts«, schob sie nach.

Ly verzichtete trotzdem darauf, sich zu setzen. Das Tier blinzelte nicht einmal, aber für ihn waren Hunde, mit denen man sich ein Zimmer teilte, eine Mode, an die er sich noch nicht recht hatte gewöhnen können. »Ich komme wegen eines Ihrer Mitarbeiter«, sagte er. »Es geht um Le Ngoc Truong.«

»Tragisch«, sagte Nguyen Thu Nga. »Aber wieso sind Sie hier? Man sagte mir, es war ein Unfall.«

»Es ist reine Routine.«

Die Frau nickte, sah aber nicht besonders überzeugt aus.

»Was genau hat Le Ngoc Truong im Zoo gemacht?«, fragte Ly.

»Er war so eine Art Bestandsverwalter. Er hat die Bücher über die Tiere geführt. Er musste neue Tiere aufnehmen und verstorbene austragen. Er hat die Tiere natürlich auch alle untersucht.«

»Machen das nicht Ärzte?«

»Truong hatte eine Zusatzausbildung als Tierarzt.«

»Das hat er mir nie erzählt«, sagte Ly.

Sie sah ihn irritiert an. »Sie kannten ihn?«

L

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