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Der kleine Mann

Dietrich Stahlbaum

Der kleine Mann

...und andere Geschichten, Satiren und Reportagen aus sechs Jahrzehnten. Ein Lesebuch





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

I n h a l t



DER KLEINE MANN -I-
FIETE DER GROSSE
HERR H.
DER KLEINE MANN -II-
FEIND HÖRT MIT
LUPULSKY
DER KLEINE MANN -III-
EMPFANG DER LEHRLINGE GOTTES
- Ein Betriebsausflug -
DIE APPARATE SEHEN DAS NICHT
DER KLEINE MANN -IV-
IM JAHRE NEUNZEHNHUNDERTSIE...
„MACH MAN LEGGO!“ Mit Binnenschiffern
auf dem Rhein Herne Kanal - Reportage
DER KLEINE MANN -V-
VON KABUL NACH BOCHUM - Ein Bericht
DER KLEINE MANN -VI-
AUF DER SUCHE NACH DER
GRÜNEN SONNE - Reportage -
DER RENTNERBUS
DER KLEINE MANN -VII-
DAS VORURTEIL
DER KLEINE MANN -VIII-
DER BUDDHA IN DEN USA
FRISCH IN ERINNERUNG,
das Ende des Zweiten Weltkriegs
und das erste Nachkriegsjahr:
I - Vorwärts Kameraden, es geht zurück
II - ...heimwärts...
III - Im Kral
DER KLEINE MANN -IX-



DER KLEINE MANN –I–



Der kleine, arbeitslose Mann



...ging über die Wälle der Stadt. Am Grafenwall begegnete ihm ein junger, vollbärtiger Mensch. Der begrüßte ihn und nannte ihn beim Vornamen. Freundlich erwiderte der kleine, arbeitslose Mann den Gruß und ging zum Kurfürstenwall. Der junge, vollbärtige Mensch ist Mitglied der SPD. Beobachtet hatte diesen Vorgang ein Mitglied der CDU.

Am Kurfürstenwall begegnete dem kleinen, arbeitslosen Mann ein alter, weißhaariger Herr, der an einem Krückstock ging. Ihm gab der kleine, arbeitslose Mann die Hand, nannte ihn beim Vornamen und sprach mit ihm. Sie verabschiedeten sich, und der kleine, arbeitslose Mann ging zum Herzogswall. Der alte, weißhaarige Herr, der an einem Krückstock ging, ist jahrelang im KZ gewesen. Er ist heute Mitglied der DKP. Diesen Vorgang am Kurfürstenwall hatte ein ehemaliger Jungsozialist beobachtet.

Am Herzogswall begegnete dem kleinen, arbeitslosen Mann ein junger Mensch mit langen Haaren. Sie begrüßten sich und nannten sich beim Vornamen. Lachend verabschiedete sich der kleine, arbeitslose Mann und ging zum Königswall. Der junge, langhaarige Mensch ist Mitglied der KPD/ML. Diesen Vorgang am Herzogswall aber hatte ein Mitglied der DKP beobachtet.

Am Königswall begegnete dem kleinen, arbeitslosen Mann eine junge Frau mit einer großen Sonnenblume auf einer Jutetasche. Sie umarmten sich, sprachen miteinander und verabschiedeten sich. Der kleine, arbeitslose Mann ging zum Kaiserwall. Am Kaiserwall erreichte ihn ein anderer kleiner Mann, der diesen Vorgang beobachtet hatte. Der andere kleine Mann trug eine Mütze auf dem Kopf und war ihm nachgelaufen. Sie begrüßten sich, und der kleine Mann mit der Mütze auf dem Kopf sagte zu dem kleinen, arbeitslosen Mann ohne Mütze: „Ah, du bist jetzt bei den Grünen?!“

Lächelnd antwortete der kleine, arbeitslose Mann, der ohne Mütze: „Nein, ich bin in der Frauenbewegung.“

Ein paar Tage später beobachtete ihn der andere kleine Mann, der mit der Mütze, am Lohtor. Er sah, wie der kleine, arbeitslose Mann Plakatstellwände und einen schweren Bücherkarton aus einem Auto hob und wie zwei Frauen ihm dabei halfen, und er sah, wie sie zu dritt die Plakatstellwände und den Bücherkarton ins Frauenzentrum trugen.

Nach einigen Wochen saß der kleine, arbeitslose Mann, diesmal mit einer Mütze in der Hand, vor einem Beamten, der ihn einstellen wollte.

Der Beamte, ein sehr freundlicher Mensch, fragte den kleinen, arbeitslosen Mann dieses und jenes und kam schließlich zum Kern seiner Befürchtungen.

„Ich habe gehört“, sagte der freundliche Beamte, „vielleicht sind es ja nur Gerüchte: Sie sind in der DKP. Es wird auch gesagt, Sie sind in der KPD/ML. Ich kenne Sie ja schon ganz gut; aber ich möchte mich noch einmal vergewissern, dass wir da keine Überraschungen...“

Der kleine, arbeitslose Mann drehte, während er aufmerksam zuhörte, seine Mütze in den Händen. Als der freundliche Beamte, ohne seinen Satz zu beenden, schwieg, ihn ansah und in seinem Gesicht die Antwort suchte, sagte der kleine, arbeitslose Mann mit der Mütze in den Händen: „Wissen Sie, es gibt Leute, die haben Schubladen in ihrem Kopf. Sonst passiert darin nicht viel in solchen Köpfen. Ich will Ihnen mal eine wahre Geschichte erzählen“, und er erzählte den Teil dieser Geschichte, den der freundliche Beamte wahrscheinlich noch nicht kannte.

(1979)


FIETE DER GROSSE



Er öffnete die Haustür und ließ uns herein. Er trug des Alten Fritzen Waffenrock. Gerda umarmte ihn. Mir gab er eine etwas feuchte Hand. Er duzte mich auch gleich. Später nannte er mich Nick, weil ich Pfeife rauche und aussähe wie Knatterton.

Er zog seinen Säbel und zerhieb die Luft, schlich vor uns her die Kellertreppe hoch, stach vor der Wohnungstür auf einen Unsichtbaren ein und führte uns in seinen Palast. Dort empfing er uns als der König selbst. Wir müssten gleich gucken kommen. Selbstverständlich könnten wir zuerst die Sachen ablegen und uns die Finger waschen: „Klo, zweite Tür links..., nicht ins Bad!“ Da sollten wir lieber nicht rein. Er habe da etwas gemacht. Das dürften wir nachher sehen.

Nun bedrohte er mit seiner Säbelspitze die Wohnzimmerlampe und öffnete uns eine geheime Kammer, das Arsenal.

Wir mussten die Front seiner Leibgarde abschreiten. Angst erregende Gesichter. In ihnen bewegte sich nichts. Füsiliere. Sie waren aus Blei.

„Jeder hat zwölf scharfe Patronen im Sack.

Sie standen, in drei Reihen ausgerichtet, auf seinem Basteltisch. „In einer Viertelstunde fangen die Manöver an. Die Armee ist in Stellung gegangen. Gut getarnt. Der Feind hat die Eisenbahn erobert. Unternehmen Tarnkappe!“

Der Monarch erörterte mit uns die Lage. Den Kaiser von Breslau habe er schon erledigt, „aber da ist noch der Sachsenkönig“, ob ich nicht Lust habe, der Sachsenkönig zu sein.

Fiete der Große sah mich schräg von unten an. Ich hatte keine Lust und fragte, wie lange die Schlacht dauern solle. „Ich bin kein Militarist“, offenbarte ich ihm.

Jedoch, Fiete ließ sich nicht beirren: „Gerda hat mir erzählt, du bist im Krieg gewesen. Dann weißt du doch, Krieg ist manchmal lang und manchmal kurz.“

„Ja, ich bin im Krieg gewesen. Davon habe ich die Schnauze voll.“
„Macht nichts.“

Er stach mit seiner Säbelspitze neben Gerdas Füßen in den Teppich und befahl ihr: „Du sorgst für die Verwundeten! Hier ist eine Binde. Die streifst du dir über den Arm!“

Gerda hörte nicht zu. Sie starrte auf einen Punkt unter einem Sessel, der umgekippt und mit einer grünen Tischdecke zugehängt war. Unter der Tischdecke bewegte sich etwas. Da schlug der König auf einer blechernen Waschschüssel Alarm.

Das seien die Generale. Jetzt ginge es los. Er pumpte sich voll Luft und blies auf einer kleinen Trompete zum Sturm.

Ein Düsenbomber schoss an des Monarchen Hand aus einem Teppichbunker hervor und wurde zum Stratosphärenflug unter der Zimmerdecke an einen Nagel gehängt. Das kostete den Monarchen sieben seiner Füsiliere. Denn der Tisch, auf dem er stand, schaukelte. Die dünne Platte bog durch, und es gab Risse im Furnier. Das sei eine
Bombe gewesen.

Gerda war nahe daran, aufzuschreien. Sie musste sich hinsetzen. Ihr Blick kam von dem zugehängten Sessel nicht los.

Die Verwundeten ächzten, riefen nach Wasser.

Gerda solle sich um sie kümmern und jetzt bloß nicht schlapp machen. Sie werde gebraucht. Sie könne doch Auto fahren.

„Fahr die Verwundeten ins Lazarett! Nimm die Ambulanz!“

Seine Majestät schleuderte den Schlegel seiner Landsknechts- trommel auf das Fell: Bomben aus der Stratosphäre. Gerda zuckte zusammen, der Sessel! Der Sessel setzte sich in Bewegung, auf sie zu. Ein Zipfel der Tischdecke riss ab, und heraus schüttelte sich ein Schäferhund, mit Stricken am Sessel angebunden: Max.

Seine Zunge hing ihm aus der Schnauze. Er wedelte mit dem Schwanz und zog den Sessel hinter sich her, um sich von Gerda streicheln zu lassen.

„Bärbel wollte dich doch mitnehmen!?“, sagte sie zu Max.

Für solche Probleme war jetzt keine Zeit. Denn ein Seekommando bedrohte die Küste: Zerstörer, Landungsboote, Marineinfanterie. Der Plastikbomber wurde samt Nagel aus der Stratosphäre herausgerissen und unter dem Teppich aufgetankt. U-Boote waren geortet worden. Auf der Kommode erschien Admiral Störtebeker, ein Bleimännchen mit rotem Dreispitz, grünen Stumpenstiefeln und weißem Bart. Er nahm die Königsorder entgegen. Die feindliche Flotte sei auf Grund zu setzen und zwar sofort. Seine Majestät leite selbst die Operation.

Admiral Störtebeker wurde dem König auf die rechte Hand gesetzt, und die Hand, Hubschrauber der Admiralität, startete senkrecht von der Kommode aus, mit rotierendem Daumen. Die Linke zog den Stratosphärenbomber hinterher. Der König drückte mit dem Ellbogen die Türklinke herunter, und im Badezimmer begann die Schlacht.

Der Stratosphärenbomber wurde wieder an einen Nagel gehängt. Admiral Störtebeker begab sich auf den Rand der Badewanne, die Mole, und empfing Befehle. Der Monarch, hoch über dem Kattegat, ein Bein links, das andere rechts auf dem Wannenrand, schoss Raketen ab, Wasserraketen, aus der Brause. Unter ihm schwammen die feindlichen Schiffe und die Fliesen.

Die papierenen Landungsboote sanken zuerst. Die Segeljacht kenterte. Der Panzerkreuzer lief voll Wasser. Das Motorboot dümpelte stark. Streichhölzer wurden angezündet, und unter einer Superbombe, Eimer voll Sand, zerbarst das letzte Schiff.

Der Bomber musste vom Himmel heruntergenommen werden: Der Treibstoff sei in den nächsten Minuten verbraucht. Es gelang, ihn unter dem Teppich zu landen. Dabei ertrank der Admiral, fiel in die Badewanne. Er hatte eben noch U-Bootalarm durchgeben können.

Beobachtet wurde nichts. Seine Majestät vermutete die Boote mindestens dreihundert Meter unter See. Er zog den Stöpsel heraus. Das Wasser floss sehr langsam ab; und ich, inzwischen zum Kapitän befördert, musste mit den Fingern das Abflussloch freihalten, bis am Grunde des Kattegat, auf einer langen Sandbank, Trümmer sichtbar wurden, Wracks, und die Leiche des Admirals.

Im Arsenal wurde ein Spion entdeckt, ein aus Holz geschnitzter Mensch, und vom König eigenhändig in Dunkelhaft gesteckt, in eine Schublade, um am nächsten Morgen verhört und unter der Brotschneidemaschine guillotiniert zu werden.

Seine Majestät hatte nämlich Hunger. Es war gegen zehn und Schlafenszeit.

Wir beseitigten alle Kriegsschäden, und Gerda kochte Tee. Der Einzige, der sich nicht davon beeindrucken ließ, war Max. Schmatzend stand er vor seinem Napf.

Als wir allein waren, sagte ich zu Gerda: „Fiete hat eine Menge Spielzeug, das muss sich Bärbel doch vom Munde absparen.“ „Ach, sie verdient ganz gut. Aber sie kann sich nicht viel um den Jungen kümmern. Wahrscheinlich verwöhnt sie ihn deshalb mit Geschenken.“

Bärbel, Fietes Mutter, war damals Kellnerin. Sie arbeitete nachmittags und bis in die Nacht hinein. Jetzt war sie zu ihrem Freund, einem Monteur, nach Rotterdam gefahren und hatte uns Fiete und ihre Wohnung in Obhut gegeben, für zwei Wochen. Von Max hatte sie uns nichts gesagt.

„Ich glaube, da kommt einiges auf uns zu“, sagte Gerda, „und wir wollten doch hier einen ruhigen Urlaub machen.“

Gerda und ich waren nicht verheiratet und hatten keine Wohnung. Wir hatten auch keine Erfahrung mit Kindern...

Die nächste Überraschung blieb nicht aus. Gerda und ich kamen hungrig vom Einkauf zurück. Ich hatte ihr versprochen, die Kartoffeln zu schälen. Wir freuten uns auf das Mittagessen: Schweinskotelett, grüne Erbsen und die Knollen. Das trugen wir in Plastikbeuteln vier Etagen hoch.

Als wir die letzten Stufen hinter uns hatten, fragte ich Gerda: „Wie lange brauchst du, bis das Essen fertig ist? Der Magen hängt mir schon auf den Knien.“

„Das kommt darauf an, wann du mit den Kartoffeln fertig bist.“
„Ich habe zuletzt als Rekrut Kartoffeln geschält, vierundvierzig bei Verdun.“
„Oha!“

Das galt nicht mir, sondern war ein Gefühlsausbruch, als Gerda die Küche betrat. Dort tanzten die Topfdeckel. Blasen platzten heraus.
Fiete stand vor dem Herd und hielt seine Arme schützend über die Pötte. Er hatte sich eine weiße Schürze vorgebunden; und eine Papiermütze verriet uns, was er da tat.

„Gleich fertig“, sagte er. „Nehmt Platz!“

Der Küchentisch war gedeckt. Neben jedem Teller lag, zusammengefaltet, ein aus einer Zellstoffrolle herausgeschnittener Latz.

Er habe alles längst besorgt: Halbe Kompanie zum Kartoffelschälen abkommandiert und die Schalen mit Lastwagen zur Kippe fahren lassen. Admiral Störtebeker überwache die Ausführung seines, Friedrichs des Großen, Befehls.

„Admiral Störtebeker?“, wollte ich wissen. „Ich denke, der ist er- trunken?“
„Störtebeker ertrinkt nicht. Das war nur ein Trick von ihm.“
Gerda erkundigte sich: „Wo hast du denn die Kartoffeln her?“
„Na, gekauft. Beim Konsum. Ihr müsst sie nur noch bezahlen.“
„Ja... aber...“
„Nix aber! Gemüse im linken Topf!“
„Auch vom Konsum?“
„Nee, aussem Keller.“
„Aussem Keller?“
„Aussem Keller. Fleisch im rechten Topf!“
„Fleisch?“
„Fleisch.“
„Was für Fleisch?“
„Fleisch. Ihr müsst nicht immer so viel fragen. Ihr seid wirklich
neugierig.“
„Wo ist Max?“
„Der ist mit einem Knochen im Wohnzimmer. Lässt keinen rein. Da, bitte schön: Die Speisekarte!“

Er gab uns die Speisekarte, ein Blatt Papier mit einem Ochsenkopf, drei Kartoffeln und einem gemüseähnlichen Gebilde, von Fiete mit Buntstiften gemalt. Darunter stand:

Kartoffeln wie Mama sie macht
Vom Ochsen gekocht
Zwiebelgemüse

Und das schmeckte gar nicht einmal so schlecht!

„Prima, Fiete!“, lobte Gerda. „Das hast du gut gemacht.“

Das Fleisch war durch einen Wolf gedreht und mit Mehl, Eiern und Semmelbröseln zu Kugeln verarbeitet: Klopse nennt man das. Beim Abwasch sagte Fiete, er habe das Fleisch eigentlich für Max geholt, aus der Abdeckerei, und fünfzig Pfennig dafür bezahlt. Die müsse er zurückhaben. Sonst stimme seine Hundekasse nicht.

Gerda verschwand für eine Weile in der Toilette.

Später.

Es musste ein neuer Plastikbomber besichtigt werden. Er sei eben aus der Fabrik gekommen und schon eingeflogen. Er flöge einskommasieben Mach, käme, auch ohne Rückenwind, auf zwo. Spitzenhöhe 15 000. Ich solle mir den Druckhelm aufsetzen. Es ginge
in die Stratosphäre.

„Aber ich muss erstmal Abendbrot essen, Fiete!“, sagte ich. „Mit leerem Magen fliegt man nicht gut. Und das ist gegen die Vorschriften. Jeder Pilot muss sie kennen: Verdauungskanäle leeren, mäßig den Magen füllen. Leichte Kost. Käse, Marmelade, Tee und so weiter.“
„Und eine Knoblauchwurst“, ergänzte Fiete. „Treibstoff! Nick, der Tee muss noch fünf Minuten ziehen.“
„Ja, aber diese fünf Minuten sitze ich ganz gern.“
„Nick, ich glaube, der Tee muss noch acht Minuten ziehen. Gerda, wie lange muss der Tee ziehen?“

Gerda schnitt Brot in Scheiben.

„Etwa fünf Minuten“, antwortete sie.

„Nick, vielleicht muss der Tee auch noch einmal gekocht werden.“
„Tee wird nicht gekocht“, meinte Gerda, „nur überbrüht.“
„Heb mal den Deckel, Nick!“
Ich hob den Deckel ab. Wasser war in der Kanne, klares Wasser.
„Du Scheusal, wann hast du das gemacht, Fiete?“
„Als Gerda eben mal raus gegangen war.“
„Dann wirst du das auch trinken!“, sagte ich.

Wir haben ihn natürlich nicht das heiße Wasser trinken lassen. Aber nun musste er warten, bis der Tee endlich fertig war. Fiete stopfte sich das Abendbrot mit beiden Händen in den Mund. Er zog die Wurstpelle durch die Zähne, stand auf, schob eine Käsestulle hinterher, lief zum Küchenregal, nahm zwei Aluminiumtöpfe heraus und rannte damit in sein Zimmer.

Der neue Plastikbomber war verhüllt: Unter einem roten Taschentuch. Ich begrüßte die Ehrenkompanie und ihren Chef, den Hauptmann von Köpenick, einen Bleisoldaten. Ich musste mir zu diesem Zweck einen Druckhelm aufsetzen. Auf dem Helm war ein weißer Kreidestern.

Also war ich General. Der König trug einen dreigestirnten Helm. Dass es ein Druckhelm war, spürte ich sofort: Er war zu klein. Als Ehrengabe wurde mir ein Trommelrevolver umgehängt. Dabei salutierte die Ehrenkompanie. Das tat sie übrigens bei jeder Gelegenheit, bei der feierlichen Enthüllung neuer Waffen wie beim Schlafen in einer Zigarrenkiste, beim Vormarsch im Gelände wie im Kampf: Diese tapferen Soldaten lagen grüssend auf der Bahre und starben mit militärischem Gruß. Sie waren aus Blei.

Der König blies auf seiner Trompete den Ehrenmarsch. Feierlich zog ich die seidene Hülle vom Plastikbomber herunter. Dieser war noch nicht ganz fertig, und ich musste den König beraten. Die Frage war, ob das Leitwerk des Bombers grün, rot oder blau angemalt werden sollte. Wir entschieden uns für rot.

Die Tragflächen wurden hellblau und der Rumpf wurde mit grüner Farbe angepinselt. So sahen denn auch die Hände des Monarchen aus.

Gerda kam aus der Küche und guckte uns eine Weile zu. Sie hatte den neuen Bomber schon am Vormittag besichtigt und sich wohl ein paar Gedanken gemacht. Jetzt fragte sie: „Sag mal, Junge, deine Mama hat dir aber viel Geld gegeben, dass du dir so ein teures Flugzeug kaufen kannst?“
„Ja, fünfundzwanzig Mark.“
„Für Spielzeug? Oder für den Hund?“
„Für mich. Für Max muss ich extra abrechnen.“

Gerda sah in dieser Nacht lauter fliegende Untertassen, Männer mit
Aluminiumköpfen und einen großen, braunen Hund. Ich habe nichts
gesehen.

Es hatte geschneit. Busse blieben stecken und Autos kamen nicht vom Fleck. Die Räumkommandos machten Überstunden. Fiete lief auf Schiern zur Schule, aber der Unterricht fiel aus. Gerda musste ihm sofort ein Schneehemd nähen, aus einem weißen Laken. Er müsse auf Patrouille. Er habe Berichte über eine Gebirgsdivision, die in der Nacht den Bungsberg überschritten habe und bereits am Stadtrand stehe Oldenburg sei in größter Gefahr.

Fiete wachste seine Bretter, schnallte sich seine Pistolen und
Trommelrevolver um, zog das Tarnhemd an, hing sich den Brotbeutel über und stakste davon.

Wir standen am Küchenfenster und schauten hinaus.

„Gerda, guck mal: Am Bungsberg, der Fernsehturm! Da ist ein feindlicher Artilleriebeobachter drauf. Gleich wird es hier krachen.“
„Ja, wenn die von Putlos aus wieder mal danebenschießen...“

Putlos ist ein Truppenübungsplatz, wenige Kilometer von Oldenburg entfernt.

„Letzten Herbst schlugen die Panzergranaten neben der Vogelfluglinie ein. Im Sommer stauen sich da die Autokolonnen, wenn die Bauern über die Straße treckern. Bärbel sagt, als damals die Granaten ein schlugen, wäre es beinah zu einer Massenkarambolage gekommen.“

Ich sagte: „Kinder spielen Soldaten. Das ist sinnvoll. Warum aber spielen Soldaten Kinder...?“

Gerda unterbrach mich: „Ist das deine Meinung? Ich verstehe dich nicht mehr. Erst hältst du mir lange Vorträge über den Militarismus – hast ihn ja selbst erlebt, dann spielst du Soldaten mit einem Kind und findest das sinnvoll!?“

„Du hast mich nicht ausreden lassen, Gerda. Ich habe Karl Kraus zitiert. Er hat den Zweiten Weltkrieg und Vietnam nicht erlebt. Er hätte gegen diesen Aphorismus einen anderen geschrieben. Und Fiete, weißt du, Gerda, einem Kind das Kriegspielen in zwei Wochen abgewöhnen? Wir haben es in dreißig Jahren nicht geschafft, den Militarismus in Deutschland zu beseitigen. Und verbieten? Solange mit Kriegsspielzeug Geschäfte gemacht werden können - das, ja, das sollte man verbieten! Der Junge hat sich eine Spielwelt aufgebaut, die ihm alles bedeutet. Wenn Bärbel wieder hier ist, müssen wir uns weiter um ihn kümmern. Wir müssen ihm eine andere Welt zeigen, die wirkliche. Und dass man aus dieser wirklichen Welt etwas machen kann. Sie verändern kann. Schon indem man aus einem Klumpen Lehm etwas formt. Oder aus einem Stück Holz etwas schnitzt. Vor allem braucht Fiete Spielkameraden. Kinder in seinem Alter. Ja, wir müssen mit Bärbel sprechen. Jetzt können wir nicht viel mehr tun, als ihn aus seiner Einsamkeit zu befreien.“

„Wir müssen uns auch um Bärbel kümmern“, fügte Gerda hinzu.
„Der Junge wächst ihr über den Kopf.“

Fiete kam spät zurück. Es war bereits dunkel. Er erzählte, er habe die feindliche Gebirgsdivision völlig aufgerieben und hunderte von Gefangenen gemacht. Oldenburg sei gerettet.

„Und weißt du, was ich gesehen hab, Nick? Einen kaputten Panzer!“
„Wo?“
„In Putlos.“
„Mensch, Junge, du warst auf dem Gelände?“
„Nein, am Zaun.“
„Da hast du aber einen langen Weg hinter dir.“
„Ich bin auch ganz schön müde.“

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