Logo weiterlesen.de
Der höchste Preis

Walter Schott, ein Mann mit bewegter Vergangenheit, lebt als Drehbuchautor und Journalist in Berlin. Eines Tages erhält er den Anruf einer alten Bekannten: Monika Hochstätter. Sie ist todkrank und bittet Schott, ihr Romanmanuskript zu lektorieren, in dem sie ihre Erlebnisse als Prostituierte niedergeschrieben hat.

Als er Näheres erfahren möchte, wird er mit einer schrecklichen Tatsache konfrontiert: seine Schwester Astrid wurde, ebenso wie Monika, als 11-jähriges Mädchen von Monikas späterem Ehemann Gerhard Hauser sexuell missbraucht. Für Schott ist das endlich die Erklärung dafür, warum Astrid mit 30 Jahren Selbstmord begangen hat. Er kehrt daraufhin in seine Heimatstadt Traunstein zurück, um Hauser zur Rechenschaft zu ziehen.

Wolfgang Schweiger wurde 1951 geboren, danach Ausbildung zum Speditionskaufmann, später Studium der Sozialpädagogik, seit 1979 als freiberuflicher Autor und Journalist tätig. Er veröffentlichte ein gutes Dutzend Krimis und schrieb Drehbücher für TV-Serien wie „SOKO 5113“ und „Der Fahnder“.

Wolfgang Schweiger

Der höchste Preis

PENDRAGON

Ist es schon morgen

oder nur das Ende der Zeit?

Jimi Hendrix, Purple Haze

1

Schott setzte sich, legte „Traunsteiner Tagblatt“, Gauloises und Feuerzeug auf den Tisch vor sich und winkte der Bedienung. Während er auf seinen Cappuccino wartete, blätterte er die Zeitung durch und sah nach, was die alte Heimat so an Nachrichten zu bieten hatte. Viel Dramatisches war nicht dabei: Eine Schlägerei in Traunreut, ein Unfall auf der B 304, eine Bergrettung am Watzmann. Ansonsten nichts als Bauvorhaben, Vereinsaktivitäten, Dorffeste und auf der Kulturseite ein Bericht von den Salzburger Festspielen. Schöne, heile Welt. Schott nahm seinen Cappuccino in Empfang, zahlte und steckte sich eine Zigarette an. Dann lehnte er sich zurück und wartete darauf, dass sich der Mann blicken ließ, den er demnächst töten würde.

Schott war noch immer erstaunt darüber, wie leicht es ihm gefallen war, die Sache auf ein rein technisches Problem zu reduzieren. Auf ein militärisches Kommandounternehmen sozusagen: Aufspüren und vernichten. Auch wenn der Mistkerl für das, was er verbrochen hatte, vor Gericht vermutlich mit Bewährung davongekommen wäre. Und ihm absolut klar war, dass es schlicht Wut war, die ihn antrieb. Eine mörderische Wut darüber, dass er versagt hatte. Dass er keinen Blick für die Tragödie gehabt hatte, die sich jahrelang vor seiner Nase abgespielt hatte.

Schott schüttete etwas Zucker in seinen Cappuccino, rührte um und fixierte kurz einen etwa gleichaltrigen Mann, der mit hastigen Schritten in Richtung Stadtplatz eilte. Schon wieder einer, der mit ihm die Schulbank gedrückt hatte? Der brav hier geblieben war und Karriere als Studienrat, Anwalt oder Zahnarzt gemacht hatte. Und jetzt im Kreise seiner Lieben und zufrieden mit sich auf sein Leben zurückschauen konnte. Egal. Was geschehen war, konnte er nicht mehr ändern. Er konnte nicht einmal um Vergebung bitten. Aber er konnte dafür sorgen, dass jemand den Preis dafür bezahlte. Den denkbar höchsten Preis. Er trank einen Schluck und konzentrierte sich wieder auf Hauser, auf sein Vorhaben. Sein Plan war ganz einfach: Er würde Hauser unauffällig in seine Gewalt bringen und ihn wissen lassen, wieso er sterben musste. Und dass es nichts auf der Welt gab, was er dagegen tun könnte. Dann würde er ihn mit mehreren Kugeln niederstrecken und die Leiche in einem Moorgebiet zwischen Waging und Teisendorf spurlos verschwinden lassen. Keine Leiche, keine Anklage. Und folglich keine Verurteilung. Schott grinste böse vor sich hin, den Blick wieder fest auf die Glastür gerichtet, durch die Hauser jeden Augenblick ins Freie treten konnte. Es sei denn, der Herr Finanzmakler machte keine Mittagspause oder war Selbstversorger. Oder war längst durch einen Hintereingang verschwunden, um irgendwo auswärts seinen Geschäften nachzugehen.

Aber Schott hatte es nicht eilig. Bekam er Hauser nicht hier und jetzt zu Gesicht, würde er abends zu dessen Landhaus nördlich vom Chiemsee hinausfahren und sich dort einen ersten Eindruck von seinem Opfer verschaffen. Was er ohnehin als nächsten Schritt vorhatte: Hausers häusliche Umgebung zu überprüfen. Er nahm nochmals die Zeitung zur Hand, aber da wurde die Tür schon geöffnet und ein Mann kam heraus. Schott erkannte ihn auf Anhieb wieder, trotz der paar Jahrzehnte, die seit ihrer letzten Begegnung vergangen waren. Er rückte seine Sonnenbrille zurecht und beobachtete, wie Hauser an ihm vorbei ging, den Kiosk nebenan ansteuerte und sich vor der Theke anstellte. Ein schwergewichtiger, schwer atmender Mann in einem anthrazitfarbenen, schlecht sitzenden Anzug, dem man seine vierundsechzig Jahre schon von weitem ansah. Eher mitleiderregend denn ein Feindbild. Aber Schott hatte einen ganz anderen vor Augen, einen schlaksigen, gut aussehenden, unheimlich von sich überzeugten Kerl, der im Viertel der King gewesen war. Der es mit allen konnte, mit den Mädels sowieso, aber auch mit den Schlägertypen.

Schott sah aus den Augenwinkeln zu, wie Hauser einen Teller mit Gulasch, dazu eine Semmel und eine Flasche Cola, zu einem der Stehtische trug. Erst aber sein Handy aus der Jackentasche zog und vor sich hin legte, ehe er sich über seine Mahlzeit hermachte.

Schott wandte sich ab und richtete seine Aufmerksamkeit auf ein paar Schüler, die lautstark vor dem Edeka-Laden herum alberten. Der Anblick stimmte ihn unvermutet melancholisch. Kinder! Auch so eine Prüfung, die an ihm vorbei gegangen war. Wie es wohl wäre, Vater von so einem Halbwüchsigen zu sein? Eine Autoritätsperson darzustellen? Anderen Befehle zu erteilen? Er musste unwillkürlich lächeln. Ausgerechnet er, der immer gemacht hatte, was er wollte, ohne Rücksicht auf Verluste. Ohne Rücksicht auf andere. Auf seine kleine Schwester zum Beispiel. Sein Lächeln erstarb. Als ihm jemand auf die Schulter tippte, zuckte er zusammen. Er drehte den Kopf, und erblickte Hauser neben sich, die halbgeleerte Flasche Cola in der rechten, eine zerknüllte Serviette in der linken Hand.

„Sag mal, bist du nicht der Schott Walter aus dem Seehuberweg?“, fragte Hauser.

Schott nickte mit zugeschnürter Kehle.

„Hätte dich beinahe nicht erkannt, so von der Seite her. Aber dann dachte ich mir: Mensch, diesen Zinken kennst du doch von irgendwoher.“

Arschloch, dachte Schott. Er räusperte sich, sagte dann mit brüchiger Stimme: „Vielleicht hätte ich auch so zulegen müssen wie du, Gerd. Dann würd’s vielleicht weniger auffallen.“

Hauser nickte, stellte seine Flasche auf dem Tisch ab und setzte sich neben Schott. Er wischte sich mit der Serviette den Mund ab und fragte: „Bist du schon länger in Traunstein?“

„Seit ein paar Tagen …“

„Du bist damals doch weg, weil du nicht zum Bund wolltest, oder?“

„Genau.“

„Und bist dann in Berlin geblieben, soweit ich gehört habe?“

„Mehr oder weniger.“

Hauser beugte sich vor und blies Schott seinen säuerlichen Atem ins Gesicht.

„Waren doch schon andere Zeiten damals, was? Nicht so wie heute, wo man nur von Problemen hört und alle darüber reden, wie man die Welt retten kann. An so einen Krampf haben wir damals keinen einzigen Gedanken verschwendet, oder?“

„Nicht unbedingt …“ Schott fluchte längst innerlich vor sich hin. Wieso musste ausgerechnet dieser Scheißkerl ihn wiedererkennen? Wo doch der Brandl Peter, den er viel besser gekannt hatte, gestern einfach an ihm vorbei gelaufen war. Dass er hier mit Hauser an einem Tisch gesehen wurde, war genau einer der kleinen dummen Fehler, die einen Kopf und Kragen kosten konnten.

„Tja, ich wünsche mir auch manchmal, ich hätte einfach so abhauen können“, sagte Hauser dann. „Raus aus diesem Provinzmief. Aber mit Familie und so. An die Monika erinnerst du dich bestimmt noch, oder?“

„Ja, sicher …“

„Und, was machst du so beruflich?“

„Ich schreibe Drehbücher. Fürs Fernsehen.“

Hauser nickte anerkennend. „Nicht schlecht. Und, wie verdient man da so?“

„Ganz gut eigentlich …“

Hauser deutete zu dem Gebäude, in dem sich seine Büroräume befanden. „Ich habe eine kleine Firma. Anlagenberatung und alles, was so dazu gehört. Also, wenn du mal nicht weißt, wohin mit deinem Geld, ich wüsste da ein paar interessante Möglichkeiten.“

„Auch legale?“, rutschte es Schott heraus.

Hauser grinste vielsagend. „Das auch …“

Schott schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, aber so gut verdient man in der Branche nun auch wieder nicht.“

„Und jetzt, bleibst du länger hier?“

„Keine Ahnung. Mal sehen, was sich ergibt.“ „Na ja, die Stadt ist mehr oder weniger die gleiche geblieben, würde ich mal sagen.“

„Die Stadt vielleicht …“

„Also dann, ich muss zurück, habe gleich einen Termin.“

Hauser erhob sich schwerfällig, nahm Serviette und Colaflasche an sich und entsorgte beides am Kiosk. Wieder bei Schott am Tisch, kramte er in seiner Brieftasche nach einer Visitenkarte und reichte sie Schott. „Aber melde dich doch mal, ja?“

„Mache ich“, sagte Schott. „Mache ich ganz bestimmt.“

2

Gruber warf die Haustür hinter sich zu, stellte seine Aktentasche ab und betrat das Badezimmer. Während er sich die Hände wusch, musterte er sein Spiegelbild. Er war nicht gerade erfreut über das, was er erblickte. Als hätte er eine Nacht lang durchgesoffen. Das Gesicht grau und aufgedunsen, die Augen klein und gerötet, die Stirn noch faltenreicher als sonst. Ein alter Sack, der nichts mehr auf die Reihe brachte. Aber gut, dies war auch definitiv nicht sein Tag gewesen, soviel stand fest. Sieben Stunden Autobahn inklusive zweimal durch München, und dann dieser Reinfall.

Eiskalt, gerissen und hochintelligent, so schätzten die Spezialisten vom LKA den Täter ein. Dafür sprach allein schon seine Vorgehensweise: In keinem Fall gab es Zeugen, Spuren oder gar eine Leiche. Drei Mädchen, die im Verlauf von zwölf Jahren einfach im Nichts verschwunden waren. Und was hatten ihm die Kollegen im Schwabenland präsentiert: Einen Verlierer, wie er im Buche stand. Arbeitslos, keine Ausbildung, mit Mühe die Hauptschule geschafft. Nur weil der Kerl vor ewigen Zeiten an einer Bushaltestelle ein Schulmädchen belästigt hatte.

Gruber nahm das Halfter mit der Heckler & Koch ab und verstaute die Waffe in der obersten Schublade des Flurschranks. Dann zog er Schuhe und Jackett aus, schlüpfte in seine Pantoffeln und ging in die Küche. Er holte eine Pizza Salami aus dem Tiefkühlfach, schob sie in den Ofen und stellte die Uhr ein. Zeit, die er noch nutzen wollte. Er schenkte sich ein Glas Bier ein und betrat das Wohnzimmer. Der Anrufbeantworter zeigte drei neue Nachrichten an. Er setzte sich auf die Couch, stellte das Bierglas ab und drückte die Abspieltaste.

„Hallo, ich bin’s.“

Seine Exfrau! Gruber stöhnte auf.

„Denk bitte dran, Freitag um halb acht in der Alten Wache. Du weißt, wie wichtig gerade diese Vernissage für mich ist. Und zieh dir bitte was Ordentliches an. Du hast doch diesen schönen dunkelblauen Anzug, den wir in Rosenheim gekauft haben. Schließlich werden eine Menge wichtiger Leute kommen, vielleicht sogar das Fernsehen. Also, ich rechne mit dir, mein Dickerchen. Ciao.“

Gruber schüttelte verwundert den Kopf. Als habe er nichts Besseres zu tun, als sich mit dem Anblick ihrer Klecksereien den Abend zu verderben. Aquarelle mit südländischen Motiven, zum Heulen. Aber vermutlich wollte sie ihn nur verkuppeln, wie schon des öfteren.

„Servus, da ist der Herbert. I wollt nur wissn, wannst endlich amoi wieder Zeit zum Üben hast? I werd scho dauernd angred, wann wir moi wieder auftretn. Oiso, lass was von dir hörn, Oida …“

Gruber stieß einen Seufzer aus. Nichts hätte er im Augenblick lieber gemacht, als seine Gitarre hervorgeholt und mit Herbert und den anderen aufgespielt. Let the good times roll. Aber woher die Zeit nehmen, von seiner gedrückten Stimmung ganz zu schweigen.

„Hi Paps. Tut mir echt leid, dass es diesen Sommer nicht geklappt hat, aber das Praktikum bei dieser Filmfirma war einfach tierisch anstrengend. Wir haben manchmal bis zu vierzehn Stunden am Tag gearbeitet. Aber zu Weihnachten komme ich ganz bestimmt zu euch. Ich hoffe, dir und Mama geht es gut, und ich wollte dich fragen, weil ich jetzt doch noch heuer nach Neuseeland fliegen möchte, ob das mit dem angebotenen Zuschuss noch steht? Gibst du mir bitte in den nächsten Tagen Bescheid? Ich hab dich lieb. Bis dann.“ Gruber lächelte versonnen vor sich hin. Und nahm sich vor, gleich morgen die zweitausend Euro zu überweisen. Wenn das werte Töchterchen unbedingt um die halbe Welt fliegen wollte, um sich von seinem Ferienjob zu erholen, warum nicht?

Er blieb noch ein paar Minuten lang sitzen und horchte auf die Stille im Haus. Schon seltsam, dachte er, da rackert man sich sein Leben lang ab und was bleibt, ist ein leeres Haus. Vielleicht wäre es doch klüger gewesen, gleich nach der Scheidung alles zu verkaufen und sich eine Wohnung in der Stadt zuzulegen, am Wochinger Spitz etwa, noch zentral und doch ruhig gelegen. Ihm graute jetzt schon vor der Totalrenovierung, die irgendwann in den nächsten Jahren auf ihn zukommen würde. Neue Heizung, neue Fenster, vielleicht sogar ein neues Dach. Andererseits war dieser Flecken hier seine Heimat, sein kleines Reich, das ihm niemand streitig machen konnte und wo ihm niemand auf den Wecker fiel. Hier konnte er rund um die Uhr Musik hören, so laut er wollte, konnte sich in seiner Freizeit seinen Rosen widmen und überhaupt so tun, als ginge ihn der Rest der Welt nichts an. Es reichte schon, dass er sich mit Kollegen herumschlagen musste, nervige Nachbarn hätten ihm da gerade noch gefehlt. Ganz abgesehen davon, dass er immer noch eine Frau finden könnte, mit der er zusammenleben wollte. Hier hätten sie reichlich Platz und könnten sich auch mal aus dem Weg gehen. Umstände also, die man nicht leichtfertig aufgeben sollte.

Als er genug davon hatte, über seinen häuslichen Kram nachzudenken, legte er „Delaney & Bonnie featuring Eric Clapton“ auf, ging zurück in die Küche und schnitt ein paar Tomaten und eine Zwiebel. Nebenbei trank er ein zweites Glas Bier und überlegte, ob er Silvia anrufen sollte. Ob er sich gleich jetzt oder erst morgen wieder mit ihr streiten wollte. Es war schon zum Verrücktwerden. Er mochte die Frau wirklich und redete sich ein, dass auch sie ihn mochte. Jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Gleichzeitig fand er es immer schwerer erträglich, um jedes Rendezvous betteln zu müssen. Zugegeben, die drei Kinder, die kranke Mutter und ihr Job als Bedienung hielten sie mächtig auf Trab, aber so auf Dauer als fünftes Rad am Wagen? Mehr geduldet als begehrt! Er nahm sich vor, noch vor dem Winter eine Klärung herbeizuführen.

Er hatte von der Pizza keinen Genuss erwartet, aber heute schmeckte es ihm noch weniger als sonst. Er kippte den Rest in den Mülleimer, stellte den Tomatensalat in den Kühlschrank und gönnte sich als Nachspeise einen Schokoladenpudding. Er hatte sich kaum auf die Couch gelegt, da klingelte sein Handy.

Es war Ulrike Bischoff.

Seine neue Kollegin.

Genauer gesagt: Frau Oberkommissarin Ulrike Maria Bischoff, Alter 32, keinen Freund, keine Kinder, keine besonderen Interessen. Aber überaus ehrgeizig und von eisiger Gemütskälte, wie er fand. Und wie viele, die von München hierher versetzt wurden, überzeugt davon, Besseres verdient zu haben.

„Tut mir leid, Sie zu stören“, sagte sie in der ihr eigenen hastigen Art. „Aber wir brauchen Sie. Ostermayer hat sich krank gemeldet. Irgendwas mit der Bauchspeicheldrüse.“

„Schon gut. Um was geht es?“

„Um einen Mordversuch. Jedenfalls sieht es ganz danach aus …“

Gruber dachte unwillkürlich an ein häusliches Drama. An Blut, Tränen und viel Geschrei. Ausgelöst durch Frust, Eifersucht oder Alkohol. Der übliche Mist eben. Und jetzt genau das Richtige für ihn.

„Und wo?“, fragte er kurzangebunden.

Bischoff nannte ihm die Adresse. Ein abseits gelegenes Bauernhaus, irgendwo in der Prärie zwischen Seebruck und Obing.

„Bin in zwanzig Minuten da“, sagte Gruber.

3

Es war kurz nach neun und und längst stockfinstere Nacht, als Gruber am Tatort eintraf. Er parkte neben der Zufahrt hinter Bischoffs Roadster ein, stieg aus und blickte sich prüfend um. Ein umgebautes Bauernhaus mit etlichen Nebengebäuden in bester Alleinlage, hübsch und gepflegt, wie es den Anschein hatte. Eine echte Idylle, die heute Abend jedoch massiv gestört wurde. Er steckte sich schnell noch ein Pfefferminzbonbon in den Mund und ging dann weiter, am Gartenzaun entlang in den Hof, vorbei an zwei Streifenpolizisten, die grüßend die Hand hoben. Er nickte ihnen zu, passierte den Kombi der Spurensicherung, einen Einsatzwagen der Feuerwehr sowie zwei Streifenfahrzeuge. Er näherte sich dem vor der Garage abgestellten BMW-Geländewagen, der im Mittelpunkt des Interesses stand. Angestrahlt von zwei Scheinwerfern und umringt von etlichen Schutzpolizisten inklusive Schubert, den Kollegen Kleinert und Niedermaier, zwei Feuerwehrleuten und Bischoff.

Bischoff bemerkte ihn als erste und trat auf ihn zu. Wie immer wie aus dem Ei gepellt und trotz der späten Stunde unverschämt frisch wirkend. Nur ihr Gesichtsausdruck verriet Ungeduld.

„Also?“, fragte Gruber. „Was ist passiert?“

„Das Opfer heißt Gerhard Hauser“, sagte sie. „Ein Finanzmakler mit Büro in Traunstein. So wie es aussieht, hat er hier im Wagen gesessen und darauf gewartet, dass sich das Garagentor öffnet, als jemand von dort“, dabei deutete sie auf die linke Ecke der Garage, „auf ihn geschossen hat. Vier Mal, vermutlich …“

„Und, ist er tot?“

Bischoff schüttelte den Kopf. „Nicht die Spur. Soviel ich erfahren habe, wurde er zwar zweimal getroffen, am Kopf und an der Schulter, aber es soll sich nur um Streifschüsse handeln, Fleischwunden. Anscheinend hat er unheimliches Glück gehabt.“ „Zeugen?“

„Seine Frau hat ihn gefunden. Die beiden wohnen allein hier …“

„Was ist mit dem Täter?“

„Bis jetzt keine Spur. Aber wir haben ja gerade erst angefangen …“

Gruber blickte erneut in die Runde, leicht geblendet vom grellen Licht der Scheinwerfer. „Schon alles durchsucht hier, den Stall, die Scheune, die Hütte da hinten?“, fragte er.

„Nein, wir dachten, oh Mist, verdammter.“

Bischoff drehte ab, um Schubert, dem Einsatzleiter der Schutzpolizei, entsprechende Anweisungen zu geben. Gruber warf einen Blick in den BMW, von dem kaum eine Fensterscheibe heil geblieben war. Das gelbe Leder der Vordersitze war blutverschmiert und mit winzigen Glaspartikeln übersät. Auf dem Boden vor dem Beifahrersitz lag eine Aktentasche.

Niedermaier steckte seinen Fotoapparat weg und wandte sich Gruber zu.

„Servus Andreas“, sagte er. „Also, wenn du mich fragst, hätte der tot sein müssen.“

„Schön für ihn, aber was haben wir Schönes?“ „Vorläufig noch gar nichts“, ergänzte Kleinert. „Nicht mal Patronenhülsen …“

„Was ist mit den Projektilen?“

„Eins steckt in der Kopfstütze vom Fahrersitz, eins in der Türverkleidung rechts hinten. Werden wir gleich rausholen.“

„Sonst noch was, Schuhabdrücke vielleicht?“

„Im feuchten Gras …?“

Kleinert deutete in das Innere der Garage. „Übrigens, wir haben die Kiste da rausgeholt. Wahrscheinlich hatte er das Automatikgetriebe auf Drive gestellt und den Fuß auf der Bremse, als es passiert ist.“

„Verstehe …“

Erst jetzt bemerkte Gruber den blutigen Fingerabdruck am Handschuhfach. Er öffnete das Fach; drinnen lag, halb verdeckt von allerhand Krimskram, eine kleine Pistole. Er winkte Niedermaier und Kleinert heran.

„Sieht mir nach einer Walther PPK aus“, sagte Niedermaier, nahm die Waffe heraus und überprüfte das Magazin. Es war voll geladen.

Bischoff tauchte wieder auf, neben sich Schubert.

„Die Tatwaffe?“, fragte sie.

„Leider nein. Lag im Handschuhfach …“

Schubert hielt eine Straßenkarte in der Hand.

„Wir haben jetzt über zwanzig Streifenwagen im Einsatz“, erklärte er. „Wenn wir nur wüssten, wonach wir suchen sollen. Wir wissen ja nicht einmal, ob Mann oder Frau.“

„Halten Sie doch alles auf, was sich bewegt, und notieren Sie sich die Namen der Insassen“, erwiderte Gruber. „Aussortieren können wir später.“ „Sollen wir auch Straßensperren errichten lassen, was meinen Sie?“

„Warum nicht? Außerdem würde ich vorschlagen, hier alles zu durchsuchen und auch die nähere Umgebung durchzukämmen. Könnte ja sein, dass der Killer sich irgendwo versteckt hält und warten möchte, bis sich die Aufregung gelegt hat.“

Schubert sah nicht glücklich aus. „Wenn das mal gut geht“, murmelte er, während er sich argwöhnisch umschaute.

„Was ist denn mit den Spürhunden?“, fragte Bischoff.

„Habe ich schon angefordert“, erwiderte Schubert. „Das kann aber noch dauern …“

„Was halten Sie davon?“, fragte Bischoff, nachdem Schubert außer Hörweite war.

„Schwer zu sagen. Vielleicht ein Raubüberfall, schon wegen der Pistole. Aber dazu müssten wir erst wissen, ob er seine Wertsachen noch hat. Was, sagten Sie noch mal, ist er von Beruf?“

„Finanzmakler. Anlagenberatung und so.“

„Na ja, vielleicht hat er auch jemanden so schlecht beraten, dass der jetzt so sauer auf ihn ist, dass er ihn umbringen wollte …“

„Und dann in der Aufregung daneben geschossen hat“, ergänzte Bischoff. „Aber gleich vier Mal?“

„Warum nicht? Alles schon da gewesen.“

„Kann natürlich auch sein, dass er gar nicht die Absicht hatte, ihn umzubringen“, sagte Bischoff dann.

Sie bemerkte Grubers ungläubige Miene. „Ich versuche nur, den Fall von allen Seiten zu beleuchten“, fügte sie etwas lahm hinzu.

„Reden wir mit seiner Frau“, sagte Gruber. „Dann sehen wir weiter.“

4

Am Krankenhaus in Traunstein angekommen, parkte Gruber direkt vor dem Haupteingang ein und wartete an der Tür, bis seine Kollegin heran war. Er hatte unterwegs mächtig gegen seine Müdigkeit ankämpfen müssen und fühlte sich miserabel. Zumal ihm klar war, dass der Abend noch lang werden könnte. Aber vielleicht hatten sie ausnahmsweise mal Glück, tröstete er sich. Vielleicht hatte Hauser den Schützen erkannt, der Zugriff hatte Erfolg, und sie konnten den Fall schon in wenigen Stunden abschließen.

Eine Nachfrage am Empfang ergab, dass Hauser noch operiert wurde. Sie liefen wortlos die Treppe zu den OP-Sälen hoch, wo im Flur eine Frau einsam auf einem Stuhl hockte. Beim Anblick der Beamten sprang die Frau auf und blickte ihnen erwartungsvoll entgegen. Gruber musterte sie kurz. Eine noch recht attraktive Blondine von schätzungsweise Mitte vierzig mit leicht ausladender Figur und augenblicklich ziemlich zerzaustem Haar. Bekleidet mit einem rosafarbenen Hausanzug, der nun an allen möglichen Stellen mit Blut beschmiert war. Als wäre sie gerade einem Horrorfilm entsprungen.

„Frau Hauser, nehme ich an?“, sagte Gruber.

Die Frau nickte nur.

„Mein Name ist Gruber, Kripo Traunstein. Das hier ist meine Kollegin Bischoff …“

„Wissen Sie schon was Näheres?“, fragte sie. „Ich meine, haben Sie schon eine Spur vom Täter?“

„Die Fahndung läuft auf Hochtouren“, erwiderte Gruber ausweichend. „Wir tun, was wir können.“

„Also nichts?“

Gruber ging nicht darauf ein. Sein Blick fiel auf einen durchsichtigen Plastikbeutel, der hinter der Frau auf dem zweiten Stuhl lag. Gefüllt mit dem, was er für Hausers Utensilien hielt: Schlüsselbund, Armbanduhr, Brieftasche, Notizbuch, Papiertaschentücher, Kugelschreiber.

Er deutete auf den Beutel.

„Sind das da die Sachen Ihres Mannes?“

„Ja …“

„Fehlt denn irgendetwas? Geld, Kreditkarten, Münzen, Schmuck?“

Die Frau schüttelte den Kopf.

„Einen Raubüberfall oder dergleichen können wir also ausschließen“, sagte Gruber zu Bischoff.

„Wie steht es denn um Ihren Mann?“, fragte Bischoff die Frau.

„Er wird immer noch operiert.“

Gruber warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Ich dachte, es wäre nur halb so schlimm?“

„Das stimmt schon. Aber er hat auch ein paar Glassplitter ins linke Auge abbekommen, die jetzt noch entfernt werden, und das dauert.“

„Verstehe.“

„Könnten Sie uns kurz schildern, was Sie mitbekommen haben?“, fragte Bischoff.

„Und wenn’s geht, im Sitzen“, ergänzte Gruber, der plötzlich eine bleierne Schwere in den Beinen verspürte.

„Ja, natürlich.“ Frau Hauser nahm den Plastikbeutel an sich.

Sie fanden gleich um die Ecke eine Reihe weiterer Stühle und setzten sich, mit Frau Hauser in ihrer Mitte, in einen Halbkreis. Die Frau strich sich mit den Fingerspitzen übers Haar und lächelte Gruber zaghaft an. „Ich muss furchtbar aussehen“, sagte sie. „Aber ich wollte unbedingt mit. Auch wenn ich normalerweise kein Blut sehen kann.“

„Kein Problem“, erwiderte Gruber.

„Soll ich Ihnen vielleicht einen Kaffee besorgen?“, fragte Bischoff. „Hier ist doch sicher irgendwo ein Automat.“

Frau Hauser winkte ab. „Nein, nein. Es geht schon … Ich war im Wohnzimmer und hab ferngesehen“, begann sie, leicht zögerlich. „Ich habe seinen Wagen kommen gehört, habe gehört, wie er vor der Garage gestoppt hat, ja, und gleich darauf hat es einen dumpfen Knall gegeben. Dass es ein Schuss sein könnte, daran habe ich zuerst gar nicht gedacht. Erst als es nochmals geknallt hat, noch drei Mal, um genau zu sein, war mir klar, dass hier jemand auf meinen Mann geschossen hat.“

„Und dann?“, fragte Gruber.

„Bin ich sofort raus …“

Gruber blickte die Frau verwundert an. „Einfach so. Obwohl Ihnen klar war, dass draußen geschossen wurde?“

„Hatten Sie denn keine Angst?“, fügte Bischoff hinzu.

„Ich wollte ihm helfen“, war die leicht empörte Antwort. „Da denkt man vielleicht nicht so rational.“

„Natürlich. Und dann?“

„Nichts, wenn Sie meinen, ob ich jemanden gesehen habe …“

Schritte näherten sich, gleich darauf bog ein grünlich bekleideter Mann mittleren Alters mit erschöpftem Gesichtsausdruck um die Ecke. Er blieb vor ihnen stehen und blickte sie der Reihe nach fragend an.

„Kriminalpolizei“, erklärte Gruber und erhob sich.

„Wir sind jetzt fertig“, erklärte der Grünkittel. „Der Rest fällt dann eher in den plastisch-chirurgischen Bereich.“

„Wann können wir mit ihm sprechen?“

„Nicht vor morgen früh.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der höchste Preis" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen