Logo weiterlesen.de
Der gute Terrorist

Robert B. Parker

Der gute Terrorist

Ein Auftrag für Spenser

Deutsch von Frank Böhmert

pub

 

Als Dennis Doherty sein Büro betritt, weiß Spenser sofort, dass etwas nicht stimmt. Spenser ist aber einverstanden, als Doherty ihn bittet, dem verdächtigen Verhalten seiner Frau Jordan auf den Grund zu gehen. Ein Auftrag ist ein Auftrag. Ein paar Tage später jedoch bricht die Hölle los und drei Menschen sind tot. Jordans Exgeliebter leitet eine Gruppe, die bei der Finanzierung von Terroristen behilflich ist. Spenser wird seine sämtlichen Verbindungen nutzen – legale wie illegale –, um die Wahrheit aufzudecken.

Spenser ist Privatdetektiv und kann auch auf eine kurze „Polizeikarriere“ zurückblicken. Seinen Klienten gegenüber verhält er sich mal unverschämt, mal liebenswürdig. Das krasse Gegenstück von ihm ist sein Partner Hawk. Doch Spenser hat auch eine sensible Seite. Er ist gebildet, kann Shakespeare zitieren und kocht für seine Freundin Susan Silverman. Weltweit wurde die erfolgreiche Fernsehserie „Spenser“ mit Robert Urich als Spenser ausgestrahlt.

Robert B. Parker wurde 1932 geboren. Nachdem er einen M.A. in amerikanischer Literatur erworben hatte, promovierte er 1971 über die „Schwarze Serie“ in der amerikanischen Kriminalliteratur. Seit seinem Debüt „Spenser und das gestohlene Manuskript“ im Jahr 1973 sind über dreißig Spenser-Krimis erschienen. 1976 wurde Parkers Roman „Auf eigene Rechnung“ von der Vereinigung amerikanischer Krimi-Autoren mit dem „Edgar Allen Poe Award“ als bester Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet.

Infos zum Autor unter www.robertbparker.de

1

Er kam mit einer schmalen Aktentasche unter dem Arm in mein Büro. Er trug einen dunklen Anzug und ein weißes Hemd mit einer rot und blau gestreiften Krawatte. Seine roten Haare waren sehr kurz geschnitten. Sein Gesicht war schmal und spitz. Er schloss sorgfältig hinter sich die Tür, drehte sich um und bedachte mich mit einem scharfen Blick.

„Spenser?“

„Und mächtig stolz drauf“, sagte ich.

Er sah mich drohend an und sagte nichts. Ich lächelte freundlich.

„Machen Sie hier einen auf schlau?“, fragte er.

„Schon vorbei. Was kann ich für Sie tun?“

„Gefällt mir nicht, wie das hier läuft.“

„Tja. Aller Anfang ist schwer.“

„Witze reißen gefällt mir auch nicht.“

„Dann sollten wir bestens miteinander auskommen.“

„Mein Name ist Dennis Doherty.“

„Eine Alliteration – gefällt mir.“

„Was?“

„Ups, schon wieder.“

„Jetzt hören Sie mal zu. Wenn Sie meinen Auftrag nicht wollen, dann sagen Sie es einfach.“

„Ich will Ihren Auftrag nicht.“

„Na schön.“ Er machte kehrt und ging zur Tür. Er öffnete sie, blieb stehen und drehte sich um.

„Ich war wohl ein bisschen zu energisch“, sagte er.

„Ist mir aufgefallen.“

„Lassen Sie mich noch mal von vorne anfangen.“

Ich nickte. „Am besten ohne Einschüchterungsversuche.“

Er schloss die Tür, kam zurück und setzte sich in einen der Stühle vor meinem Schreibtisch. Er sah mich eine Zeit lang an. Nicht drohend. Nur aufmerksam.

„Sie haben mal geboxt?“, fragte er.

Ich nickte. „Die Nase?“

„Mehr um die Augen herum.“

„Gut beobachtet.“

„Die Nase war mal gebrochen. Das kann ich sehen. Aber sie ist nicht platt.“

„Ich hab’s rechtzeitig aufgegeben.“

Doherty nickte. Er sah zu dem großen Foto von Susan auf meinem Schreibtisch. „Verheiratet?“

„Nicht ganz.“

„Schon mal verheiratet gewesen?“

„Fast.“

„Wer ist das da auf dem Bild?“

„Die Frau meiner Träume.“

„Sie sind zusammen?“

„Ja.“

„Aber nicht verheiratet.“

„Nein.“

„Schon lange zusammen?“

„Ja.“

Wir schwiegen.

„Haben Sie ärger mit Ihrer Frau?“, fragte ich nach einer Weile.

Er sah zu dem Ehering an seiner Hand. Dann sah er mich wieder an, ohne zu antworten.

„Der einzige Mensch, mit dem Sie jemals richtig reden konnten, war Ihre Frau“, sagte ich. „Und jetzt, wo es um Ihre Frau geht, können Sie mit ihr nicht reden.“

Er sah mich weiterhin an, dann nickte er langsam. „Sie kennen das.“

„Ja.“

„Sie haben das auch durchgemacht.“

„So was in der Art.“

Er betrachtete Susans Foto. „Mit ihr?“

„Ja.“

„Sie sind immer noch zusammen.“

„Ja.“

„Und es läuft gut?“

„Sehr gut.“

Die Ellbogen auf den Armlehnen des Stuhls gelegt, faltete er seine Hände und legte das Kinn darauf. „Also ist es machbar.“

„Schluss ist erst, wenn man alles versucht hat.“

„Klar doch.“

Ich wartete. Er saß dort. Dann öffnete er die schmale Aktentasche und zog ein Foto vom Format 20 × 25 cm heraus. Er legte das Foto vor mir auf den Tisch.

„Jordan Richmond“, sagte er.

„Ihre Frau.“

„Ja. Sie hat ihren Namen behalten. Sie ist Professorin.“

„Ah ja“, sagte ich, als hätte das etwas erklärt. Ich lege viel Wert auf einen ermutigenden Gesprächsstil.

„Ich glaube“, sagte er, „sie fand die Vorstellung zu gewöhnlich, einen Namen wie Doherty zu tragen.“

„Zu bodenständig.“

„Zu irisch.“

„Noch schlimmer.“

„Ich will damit nicht sagen, dass sie versnobt ist. Das ist sie nicht. Sie ist nur anders aufgewachsen als ich. Privatschule, Smith College.“

„Kinder?“

„Nein.“

„Wo komme ich ins Spiel?“

Er holte tief Luft. „Ich will, dass Sie herausfinden, was sie vorhat.“

„Was glauben Sie denn, was sie vorhat?“

„Ich weiß es nicht. Sie ist abends oft weg. Manchmal kann ich merken, dass sie getrunken hat, wenn sie nach Hause kommt.“

„Oh“, sagte ich. „Das.“

„Das?“

„Sie glauben, dass sie fremdgeht.“

„Ich glaube nicht, dass sie mir das antun würde.“

„Vielleicht geht es ja nicht um Sie.“

„Was?“

Ich schüttelte den Kopf. „Also, was glauben Sie?“

„Ich weiß nicht, was ich glauben soll, es läuft einfach nicht gut. Sie ist zu oft weg. Und wenn sie zu Hause ist, ist sie irgendwie gereizt. Keine Ahnung. Ich will, dass Sie es herausfinden.“

Ich hatte noch ein paar Fragen auf Lager, aber die waren mehr von der psychologischen Sorte. Und er heuerte mich ja nicht an, weil ich so ein toller Therapeut war.

„Gut“, sagte ich.

„Was berechnen Sie?“

Ich sagte es ihm.

Er nickte. „Und Sie werden es herausfinden?“

„Ja.“

„Sie soll nichts davon merken.“

„Ich hab ziemlich was drauf. Wo wohnen Sie?“

„Das brauchen Sie nicht zu wissen. Sie können sie am College abpassen.“

„Um sie auf dem Weg nach Hause zu beschatten.“

Er nickte. „Stimmt. Brant Island Road 636 in Milton.“

Ich betrachtete das Foto. „Ist sie darauf gut getroffen?“

„Ja. Sie ist einundfünfzig und sieht jünger aus. Einssiebzig, fünfundsechzig Kilo. Sie ist gut in Form. Treibt Sport. Sie fährt einen Honda Prelude. Kennzeichen von Massachusetts. ARP7 JD5.“ Er griff wieder in seine schmale Aktentasche und holte einen Ausdruck heraus. Er legte ihn auf den Schreibtisch neben das Foto. „Ihr Unterrichtsplan. Concord College. Wissen Sie, wo das ist?“

„Ja.“

„Ihr Büro ist in Foss Hall. Fachbereich Englisch. Steht auf dem Plan.“

„Und was ist mit Ihnen, wie erreiche ich Sie?“

„Ich geb Ihnen meine Handynummer.“

Ich schrieb sie auf. „Wo arbeiten Sie?“

„Das brauchen Sie nicht zu wissen. Handy reicht.“

Ich beließ es dabei. „Wollen Sie regelmäßige Berichte?“

„Nein. Wenn Sie was haben, rufen Sie an.“

„Wenn sie etwas außer der Reihe tut, sollte es nicht lange dauern, sie dabei zu erwischen.“

Er nickte. „Ich glaube nicht, dass sie eine Affäre hat.“

„Klar“, sagte ich.

„Wann können Sie anfangen?“

„Ich bin ein paar Tage weg. Dienstag kann’s dann losgehen.“

Er rührte sich nicht. Ich wartete.

„Sie ist nicht …“, sagte er schließlich. „… ich kann mir nicht vorstellen, dass sie eine Affäre hat … so interessiert an Sex ist sie nicht.“

„Ich werde mich darum kümmern.“

Er nickte, wandte sich ab und ging zur Tür. Der Faltenfall seiner Jacke ließ vermuten, dass er hinter der rechten Hüfte eine Waffe trug.

2

Es war Ende September, und die Sommergäste hatten Cape Cod verlassen. Susan und ich fuhren gern in der Nachsaison für ein paar Tage dort hin, bevor alles für den Winter dichtmachte. So kam es, dass wir Sonntagabend im Chillingworth in Brewster kalte Pflaumensuppe und gegrillte Jakobsmuscheln vom Cape aßen und dazu eine Flasche Gewürztraminer tranken.

„Wenn jemand erklärt, dass sein Partner nicht an Sex interessiert ist“, sagte Susan, „dann kann er im Grunde genommen nur davon reden, dass sein Partner nicht an Sex mit ihm interessiert ist.“

„Ich habe so etwas noch nie behauptet.“

„Aus gutem Grunde.“

„Für mich klingt’s nach Sex.“

„Und als ob er Angst davor hat, dass dem so ist“, sagte Susan.

„Vor irgendwas hat er jedenfalls Angst“, sagte ich.

„Und er hält sich bedeckt. Wollte nicht verraten, wo er wohnt. Will nicht sagen, wo er arbeitet.“

„Solche Sachen sind vielen Leuten peinlich.“

„Dir?“

„Nicht mehr als dir, schöne Therapeutin.“

Sie lächelte und nippte an ihrem Wein. „Wir beide decken wohl Geheimnisse auf.“

„Und jagen verborgenen Wahrheiten nach.“

„Und den Leuten geht es dann oft besser.“

„Aber nicht immer.“

„Nein. Nicht immer.“

Wir aßen selig unsere Pflaumensuppe und nippten unseren Wein.

„Du magst Scheidungsfälle nicht, oder?“, fragte sie.

„Da komm ich mir immer wie ein Spanner vor.“

Susan lächelte, was jedes Mal ein prächtiger Anblick ist. „Ist das etwas anderes als ein Privatschnüffler?“

„Ich hoffe doch.“

„Die Bösen zu jagen, gibt dir ein Gefühl von Unerschrockenheit.“

„Ja.“

„Und untreue Eheleute zu jagen, eins von Schäbigkeit.“

„Ja.“

„Aber du tust es trotzdem.“

„Ist mein Beruf.“

„Und zwar ein guter. Verlustgefühle sind sehr schmerzhaft.“

„Kann ich mich noch gut dran erinnern.“

„Ja“, sagte sie. „Ich auch. Meine halbe Arbeitszeit dreht sich um solche Fälle.“

„Bei aller Ähnlichkeit, unsere Berufe sind nicht identisch.“

„Meiner erfordert weniger Muskelarbeit. Aber der Punkt ist, dass man Menschen auf verschiedene Weise retten kann. Mit einem Satz über hohe Gebäude springen ist nicht die einzige Möglichkeit.“

„Ich weiß.“

„Und darum übernimmst du auch Scheidungsfälle, obwohl du dir schäbig dabei vorkommst.“

„Das Heldentum hat seine Kehrseite.“

„Aber auch seine Belohnungen.“ In Susans Augen stand ein winziges Funkeln.

„Wo wir gerade davon sprechen …“, sagte ich.

„Könnten wir vielleicht erst zu Ende essen?“

„Natürlich. Ich hab Geduld.“

„Und du bedankst dich auch immer so schön“, sagte Susan.

3

Ich wusste Dohertys Name und Anschrift. Es wäre nicht allzu schwer gewesen, mehr über ihn herauszufinden. Er hatte mich jedoch nicht angeheuert, damit ich etwas über ihn herausfand. Also fand ich lieber was über seine Frau heraus.

Das Concord College lag nicht in Concord. Es lag in Cambridge. Drei neue, großzügig verglaste Hochhäuser gegenüber der Longfellow Bridge in Kendall Square. Ein Softwaremagnat hatte für dessen Bau eine Summe gestiftet, die das Bruttosozialprodukt mehrerer kleiner Länder überstieg. Es war, vielleicht aus Respekt vor seiner finanziellen Grundlage, ein Treibhaus neuer Ideen. Der Besuch kostete um die 40.000 Dollar im Jahr.

Ich ging in das mittlere Hochhaus, Foss Hall, und dort in den vierten Stock hinauf. Von meinem reifen Alter abgesehen war ich zu gepflegt gekleidet, um als Student durchzugehen. Die meisten trugen schlampige Klamotten, für die sie einiges hatten hinblättern müssen. Vom Alter her hätte ich als Lehrkörper durchgehen können, aber auch da verriet mich der Gepflegtheitsfaktor. Der Lehrkörper war nicht weniger nachlässig gekleidet als die Studentenschaft, nur billiger. In der Hoffnung, trotzdem nicht aufzufallen, trug ich eine grüne Büchertasche. Schwer getarnt.

Dem Unterrichtsplan zufolge, den Doherty mir gegeben hatte, befand sich Jordan Richmonds Büro in Zimmer 425, und ihre Bürozeit begann in zehn Minuten. Ich schlenderte an dem Büro vorbei. Es hatte eine Eichentür mit Fenster. Es war niemand drin. Ich ging weiter und blieb hinter dem nächsten Büro stehen, um ein Schwarzes Brett zu studieren. Imperialismus zerschlagen … Filmfestival: Jean-Luc Godard … Kein Blut für Öl … MitbewohnerIn gesucht … Gewaltfreie Kommunikation … Keine Subventionen für die Reichen … Freibier im MIT … Afrikanisch Amerikanische Konferenz … Lyrik-Reihe im Concord: „Apollonische Verzweiflung im Werk von Sara Teasdale“ … Gleiche Arbeit, gleicher Lohn … Schwullesbische Koalition … Intelligent Design ist weder … Vielleicht war es ja doch kein Treibhaus für neue Ideen. Von der apollonischen Verzweiflung einmal abgesehen. Während ich die Anschläge studierte, spazierte Jordan Richmond an mir vorbei auf ihr Büro zu.

Das Foto wurde ihr nicht gerecht. Es hatte einmal eine Zeit in meinem Leben gegeben, da hätte ich es als ungehörig der älteren Generation gegenüber empfunden, den Hintern einer einundfünfzigjährigen Frau zu bewundern. In den letzten Jahren war ich dieser Einbildung nicht mehr erlegen, aber wenn sie noch aktuell gewesen wäre, hätte Jordan Richmond ihr ein Ende gesetzt. Sie hatte braune Haare mit blonden Strähnchen. Am Standard ihres Kollegiums gemessen war sie bei weitem zu elegant angezogen. Wenn ich es aus dem Augenwinkel richtig mitbekommen hatte, war sie geschminkt. Sie trug einen schwarzen Hosenanzug mit zarten kreidefarbenen Nadelstreifen. Unter dem Jackett ein rosa T-Shirt. Dem Geräusch beim Gehen nach zu schließen, hatte sie hochhackige Schuhe an.

Ich lungerte möglichst unverdächtig im Gang herum, bis sie um halb fünf Feierabend hatte und mit einer Aktentasche aus schwarzem Leder das Gebäude verließ. Ich folgte ihr. Im Fahrstuhl standen wir so dicht beieinander, dass ich ihr Parfüm riechen konnte.

Auf der Straße gingen wir nach rechts, und sie betrat das Marriott Hotel. Ich zog eine Baseball-Mütze aus meiner Büchertasche und setzte sie auf. Spenser, Meister der Tarnung. Dann stopfte ich die Tasche in einen Mülleimer vor dem Hotel, wartete einen Augenblick und folgte Jordan Richmond. Sie war in der Lobby-Bar. An einem Tisch, mit einem Mann. Ich setzte mich, die Mütze auf dem Kopf, ans andere Ende des Tresens, wo er einen Bogen beschrieb. So saß sie mit dem Rücken zu mir, und ich konnte mir ihren Begleiter ansehen. Er wirkte groß. Sein Schnauzer und Ziegenbart waren säuberlich getrimmt. Die Nase stach hervor. Seine dunklen Augen lagen tief in den Höhlen. Die schwarzen, lockigen Haare waren kurz geschnitten und grau durchschossen. Er trug einen teuren dunklen Anzug, dazu ein weißes Hemd und eine blaue Seidenkrawatte. Er nippte an einem Martini.

Sobald sie es sich bequem gemacht hatte, winkte er der Bedienung. Sie nahm seine Bestellung auf und brachte Jordan einen Martini. Jordan nahm das Glas und machte damit eine Geste zu dem Mann. Er hob sein Glas, und sie stießen an. Ich bestellte ein Bier. Der Barmann stellte mir eine Schale Nüsse hin. Ich aß ein paar, um seine Gefühle nicht zu verletzen.

Jordan und ihr Begleiter gaben ein paar Anhaltspunkte, dass Dohertys Befürchtungen nicht unbegründet waren. Sie saßen dicht beieinander. Jordan berührte ihn oft, legte eine Hand auf seinen Unterarm oder seine Schulter. Einmal beugte sie sich lachend vor, so dass sie einander mit der Stirn berührten. Alle seine Bewegungen waren träge, nicht als ob er erschöpft, sondern absolut zufrieden und entspannt war. Und es sehr angenehm fand, genau der Mensch zu sein, der er war.

Sie hatten zwei Drinks. Er zahlte. Sie standen auf und gingen. Ich legte zu viel Geld auf den Tresen und folgte ihnen. Sie spazierten gemeinsam zum Concord College zurück. Stiegen auf dem Parkplatz in einen Honda Prelude und fuhren davon. Mein Wagen stand ein Stück entfernt in der Main Street. Bis ich dort ankam, waren sie außer Sicht. Also fuhr ich stattdessen über die Longfellow Bridge und nach Milton hinunter. Ich brauchte ungefähr eine halbe Stunde bis zur Brant Island Road. Ich parkte an der Ecke, so dass ich das Haus im Blick hatte, in dem Dennis und Jordan wohnten. Es war ein mit waagerechten weißen Brettern verkleidetes zweistöckiges Haus mit grünen Fensterläden. Licht war an. In der Auffahrt stand ein Ford Crown Vic. Um zehn nach elf setzte Jordan den Prelude in die Auffahrt neben den Crown Vic. Sie stieg aus, richtete ein wenig ihre Hose, zupfte sich kurz die Haare zurecht, dann nahm sie die Aktentasche aus dem Wagen, schloss die Tür und ging vorsichtig zum Haus.

4

„Das klingt schon nach einer Affäre“, sagte Susan.

„Ich hab sie zusammen gesehen“, sagte ich. „Es ist eine Affäre. Aber ich hab damit noch keinen Beweis.“

„Ich weiß. Wirst du ihrem Mann schon was sagen?“

„Glaube nicht. Es wäre ja nur mein erster Eindruck.“

„Du willst ihm Gewissheit verschaffen?“

„Ich glaube, solange ich es nicht beweisen kann, wird er es nicht wahrhaben wollen.“

Susan nickte. „Manchmal schwer zu sagen, was am besten wäre.“

„Die Wahrheit vielleicht?“

Sie schmunzelte. „Die hat sich oft als effektiv erwiesen.“

Wir teilten uns zum Abendessen gerade Schweinefleisch süß-sauer bei P.F. Chang’s an der Park Plaza. Außer man denkt, teilen hieße gleiche Portionen für jeden. In diesem Falle hatte ich Schweinefleisch süß-sauer, und Susan kostete mal.

„Aber ich weiß nicht“, sagte ich, „ob ich es in diesem Stadium hätte wissen wollen, ohne Gewissheit zu haben.“

„Grund für einen Verdacht hattest du ja schon.“

„Ja, aber ich konnte es nicht glauben.“

„Warum nicht?“

„Keine Ahnung. Ich weiß nicht, ob ich nicht glauben konnte, dass du das tun würdest oder dass mir so etwas passieren konnte.“

„Oder es nicht glauben wolltest.“

„Kommt aufs Gleiche hinaus.“

Susan holte sich ein kleines Stück Schweinefleisch auf ihren Teller, zerteilte es und aß eine Hälfte.

„Also werde ich lieber warten, bis ich es beweisen kann“, sagte ich.

Susan nickte. „Hast du vor, ihnen mit einer Videokamera zu Leibe zu rücken?“

„Igitt!“

„Oder jubelst du ihnen irgendein Abhörgerät unter?“

„Igittigitt!“

Sie schmunzelte. „Bist du sicher, dass du für diese Art Tätigkeit geeignet bist?“

„Doherty muss es wissen.“

„Auch wenn er darunter leiden wird.“

„Leiden tut er jetzt schon.“

Sie nickte wieder und aß die andere Hälfte ihres Fleischstückchens. „Und darunter zu leiden, dass man es weiß, ist besser als darunter zu leiden, dass man es nicht weiß?“

„Ja.“

Sie nickte. Sie schien sehr wenig zu dem Ganzen zu sagen zu haben. Normalerweise hatte sie immer einiges zu sagen.

„Hast du einen Plan, was das Beweisen angeht?“

„Nein.“

„Was also wirst du tun?“

„Was ich immer tue. Bei der Stange bleiben; aufpassen, dass ich nichts kaputt mache; schauen, was sich entwickelt.“

„Und wenn sich nichts entwickelt?“

„Dann helf ich ein bisschen nach.“

„Ja“, sagte sie. „Das tust du bestimmt.“

5

Diesmal gab ich dem Portier vom Marriott einen Zwanziger, damit er meinen Wagen davor stehen ließ. Unglücklicherweise gingen Jordan Richmond und ihr Freund nicht ins Marriott. Sie gingen die Straße hinunter in eine Bar namens Kendall Tap. Sie war so klein, dass ich lieber zwei Stunden und zwanzig Minuten lang gegenüber auf der Straße wartete, bis sie herauskamen und zu Fuß zum College zurückgingen. Bevor wir dort ankamen, blieben sie bei einer silbernen Mercedes-Limousine stehen, deren Parkschein abgelaufen war. Der Mann nahm ein Knöllchen von der Windschutzscheibe, faltete es und steckte es ein. Dann ging er herum und öffnete die Beifahrertür. Jordan stieg ein. Er schloss die Tür, ging wieder herum, stieg auf der Fahrerseite ein und fuhr davon. Wieder nichts. Ich schrieb mir das Kennzeichen auf, vor allem um mich besser zu fühlen. Dann ging ich zu Fuß zum Collegeparkplatz zurück.

Jordan Richmonds Wagen stand immer noch dort. Das bedeutete, dass sie ihr Freund wieder zurückbringen musste. Ich ging rüber zum Marriott, holte beim Portier meinen Wagen ab und parkte in der Nähe des Collegeparkplatzes auf der Straße. Ich hatte Hunger. Die Uhr im Armaturenbrett zeigte 19:13 an. Wenn Jordan an ihrem gestrigen Abendablauf festhielt, würde sie ihren Wagen erst ungefähr um zehn holen. Ich dachte an ein Sandwich mit Baked Beans und Mayo auf Anadamabrot. Ich dachte an Corned-Beef-Haschee mit Eiern. Ich dachte an Linguini mit Fleischklößchen.

Ich fragte mich, warum ich nie an Stopfleber oder Perlhuhnbrust oder Ente mit Oliven dachte. Ich fragte mich, ob alle Menschen so waren oder ob es an meiner Bodenständigkeit lag. Wahrscheinlich letzteres. Wenn man kultivierter war, dachte man vielleicht an Seezunge, wenn man Hunger hatte.

In Boston hatte es seit dem Labour Day überwiegend geregnet, und jetzt fing es wieder an. Regen gefiel mir. Ich fand ihn romantisch. Susan gefiel er nicht. Er ruinierte ihr die Frisur. Ich fragte mich manchmal, wie wir überhaupt zusammen sein konnten. Ungefähr das Einzige, was uns beiden gefiel, waren wir zwei. Zum Glück gefielen wir uns sehr.

Linguini oder Seezunge waren gerade nicht zu haben, also betrachtete ich die Regenmuster auf der Windschutzscheibe und dachte an Sex. Abends ist in Kendall Square nicht viel los. Ab und zu kam jemand in Regenkleidung an mir vorbei. Gelegentlich fuhr ein Auto mit langsam schwingenden Scheibenwischern den Broadway hinunter. Die restliche Zeit über gab es nur mich und die strahlende Straßenbeleuchtung auf der regennassen Straße.

Ungefähr um zehn fuhr der silberne Mercedes vor und hielt neben dem Parkplatz. Der hoch gewachsene Unbekannte stieg aus, ging herum und öffnete die Beifahrertür. Jordan Richmond stieg aus. Sie trug eine Art Cowboy-Regenhut. Sie hielten Händchen, während sie zu ihrem Wagen gingen. Er wartete, während sie die Tür aufschloss. Dann riss sie ihren Hut herunter, drehte sich zu ihm um, und sie gaben sich einen Gutenachtkuss. Es war ein langer Kuss, lang genug wahrscheinlich, dass ihr die Haare anklatschten, und er beinhaltete eine Menge Gefummel. Schließlich ließen sie voneinander ab, sie stieg ein und stieg gleich wieder aus, und sie küssten sich erneut. Gott sei Dank verschwamm es durch den Regen ein bisschen. Ich legte den Kopf nach hinten, dehnte meine Halsmuskeln und sah mir eine Weile den Himmel meines Autos an. Als ich wieder hinsah, stieg sie gerade zum zweiten Mal in ihr Auto. Diesmal klappte es. Er wartete, bis ihre Tür zu war und der Motor lief, dann ging er zu seinem Auto zurück. Sie fuhr vom Parkplatz Richtung Longfellow Bridge. Ich blieb, wo ich war. Als sie schon eine Weile unterwegs war, fuhr der hoch gewachsene Unbekannte auf den Broadway Richtung Westen, und ich folgte ihm.

Er fuhr in eine Tiefgarage in der University Road Ecke Mt. Auburn Street. Ich hielt so an der Ecke, dass ich beide Straßen im Blick hatte. Er tauchte nicht wieder auf. Die Garage gehörte zu dem großen Apartmenthaus, unter dem sie sich befand, und so vermutete ich, dass der Unbekannte dort wohnte und es über den Fahrstuhl betreten hatte. Mehr gab es dort nicht zu sehen. Ich beschloss, nach Hause zu fahren und wieder einmal in meiner Sammlung klassischer Pornocomics zu blättern.

6

Der silberne Mercedes war auf Perry Alderson registriert, dessen Anschrift tatsächlich das Gebäude in der Mt. Auburn Street war, Einheit 112, eine Eigentumswohnung über der Tiefgarage, in der er geparkt hatte. Ich holte mein braunes Sakko aus Harris Tweed heraus, zog es über einen schwarzen Rollkragenpulli, ergänzte das Ganze um ein Notizbuch und eine Kamera und fuhr hinüber nach Cambridge. Ich ließ meinen Wagen bei Richie, dem Portier des Charles Hotel, und ging durch den leichten Regen zu Perry Aldersons Gebäude hinüber.

Am Empfang in der Lobby saß eine Frau. Ich lächelte sie an. Ein Lächeln voller Wärme und Aufrichtigkeit.

„Hi“, sagte ich.

Sie war rothaarig, hatte ein blasses Gesicht und vielleicht auch einen guten Körper, nur dass sie ihn kein bisschen zeigte. Sie war in eines dieser wallenden knöchellangen Kleider gehüllt, die in Cambridge anscheinend ungeschriebenes Gesetz waren. Darum blieb ihr körperlicher Zustand fraglich.

„Hallo“, sagte sie.

„Ich schreibe gerade etwas für das Metropolis über urbanes Leben. Letzte Woche war ich in Chicago, Near North, Sie wissen schon. Und nächste Woche bin ich in DC und mache Georgetown.“

„Wirklich?“

„Diese Woche Boston. Cambridge und Back Bay.“

„Und Sie wollen über dieses Gebäude schreiben?“

„Aber sicher. Es ist ein Prachtstück.“

„Ich fürchte, ich kann leider nicht zulassen, dass Sie die Bewohner belästigen.“

„Ach Gott, nein. Auf gar keinen Fall. Das ist überhaupt nicht nötig. Ich war hier einmal zu Gast, bei Mr Perry Alderson, und ich habe Fotos von seinem Apartment und alles mögliche Brauchbare. Aber jetzt sitzen mir die Rechercheure im Nacken. Ich weiß noch, dass es im ersten Stock lag, Nummer 112, aber ich erinnere mich nicht mehr richtig, war es das letzte am Ende des Ganges?“

„Das ist alles?“

„Absolut. Wenn ich das habe, bin ich im Geschäft. Mache noch ein paar Außenaufnahmen und falle Ihnen nicht weiter auf die Nerven.“

„Mr Aldersons Wohnung ist die letzte Tür links.“

Ich sah in den Gang hinter den Fahrstühlen. „Links. Ich hätte schwören können, es war ganz am Ende des Ganges.“

„Mr Alderson wohnt die letzte Tür links, Sir“, sagte sie bestimmt.

„Ein Gedächtnis wie ein Sieb. Und ich will Journalist sein. Darf ich ein Foto von Ihnen machen?“

Sie wäre beinahe rot geworden. „Fotografieren in der Lobby ist nicht gestattet, Sir. Nur mit vorheriger Genehmigung durch den Verwalter.“

„Natürlich. Gewiss doch. Könnten Sie mir einen kleinen Gefallen tun?“

„Das käme darauf an. Worum geht es denn?“

„Ich möchte diese Geschichte noch ein bisschen zurückhalten. Kann ich darauf vertrauen, dass dieses Gespräch vorläufig unter uns bleibt?“

„Ich kann durchaus den Mund halten, Sir.“

„Das hab ich mir gedacht. Schön, doch voller Rätsel.“

Diesmal wurde sie rot. Ich zwinkerte ihr unternehmungslustig zu und spazierte davon. Ein Journalist wie aus dem Bilderbuch.

7

Ich wartete in der Nähe des Eingangs zur Lobby-Bar im Marriott. Jordan und Perry tranken dort was. Ungefähr um zwanzig vor acht waren sie fertig. Perry zahlte, während Jordan ihre Sachen ordnete und sich den Riemen ihrer großen Handtasche über die Schulter warf. Als sie aus der Bar kamen, ging ich hinein, stieß Jordan dabei leicht an, ließ eine kleine Abhörvorrichtung in ihre Tasche fallen und sagte: „Entschuldigung.“

Sie lächelte abwesend und nickte, und sie gingen weiter. Kaum waren sie weg, machte ich kehrt und lief durch den Regen zu Hawks Jaguar, der mit laufendem Motor auf der anderen Straßenseite stand.

„Der Portier hat seinen Wagen kommen lassen“, sagte Hawk. „Silberner Mercedes.“

Ich stieg ein. „Folgen Sie diesem Wagen!“

Hawk sah mich an, während er losfuhr. „Also ich steh mehr auf schwarzen Humor.“

„Für den bist du zuständig.“

„Hui“, sagte Hawk. „Rassistische Anspielungen auch noch.“

Der silberne Mercedes hielt beim Parkplatz des Concord College. Jordan stieg mit ihrer Handtasche aus und ging zu ihrem Wagen. Als sie eingestiegen war und den Motor angelassen hatte, fuhr der Mercedes weiter, und Jordan folgte ihm in ihrem Honda Prelude.

„Warum getrennte Wagen“, fragte Hawk.

„Erspart ihm vielleicht, sie nachher zurückzufahren.“

„Oder sie wissen, dass wir an ihnen dran sind, und haben abgebrochen.“

„Werden wir ja sehen. Radio richtig eingestellt?“

„Hm-mm.“

Ich machte es an. Der Klang war irgendwie dumpf, aber ich konnte Hip-Hop-Musik hören. Und Jordans Scheibenwischer. Ziemlich gut. „Das ist keiner von deinen Sendern.“

„Nicht mein Stil. Ist ihr Radio.“

Der Prelude folgte dem Mercedes auf dem Broadway Richtung Westen, was bedeutete, dass sie nicht nach Hause fuhr.

„Wo hast du die Wanze her?“, fragte Hawk.

„Von Voyeurs’R’Us.“

„Wusste gar nicht, dass du dich mit Spionagetechnik auskennst.“

„Ich hab Emmett Sleeper gefragt.“

„Sleeper, der Spanner. Oberste Schublade.“

„Er meint, das Teil kriegt alles im Umkreis von fünfzehn Metern mit und sendet ein UKW-Signal über tausend Meter. Das einzige Problem sind wohl Hintergrundgeräusche.“

„Wenn die beiden machen, was du denkst“, sagte Hawk, „dann sind die Hintergrundgeräusche der Beweis.“

Ich nahm einen kleinen Kassettenrekorder vom Rücksitz und legte ihn in meinen Schoß. Den Stecker stöpselte ich in Hawks Zigarettenanzünder. Ich testete das Teil eine Minute lang, spulte wieder zurück und schaltete ab.

„Was wird sie denken, wenn sie später nach Hause kommt“, sagte Hawk, „und dieses Ding in ihrer Tasche findet?“

„Wenn sie weiß, was es ist, wird sie wissen, dass sie ertappt worden ist.“

„Und dann hört sie auf, diesen Typen zu treffen?“

„Nein.“

„Obwohl sie sich denken kann, dass ihr Mann es jetzt weiß?“

„Er weiß es jetzt schon. Wenn ich raten soll, würde ich sagen, sie will, dass er es weiß.“

„Warum erzählt sie’s ihm dann nicht einfach?“

„Weil sie gleichzeitig auch will, dass er’s nicht weiß.“

„Und so kann sie’s ihm besser heimzahlen?“

„Vielleicht. Falls sie ihm irgendwas heimzuzahlen hat.“

Hawk grinste. „Irgendwas gibt’s immer.“

Der Regen war stark heute Nacht, und der scharfe Wind ließ ihn noch stärker wirken. Der Mercedes fuhr in die Garage unter dem Apartmenthaus, der Prelude folgte ihm.

„Seine Wohnung ist hinten, auf dieser Seite des Gebäudes“, sagte ich.

„Woher weißt du das?“

„Bin Detektiv.“

„Vergess ich immer wieder.“ Hawk parkte an der Rückseite des Gebäudes.

Einen Moment später verstummten die Hip-Hop-Klänge, dann die Scheibenwischer. Die Wagentür ging auf und wieder zu. Ich drückte den Aufnahmeknopf des Rekorders. Ich hörte Jordans Stimme, leicht gedämpft, aber deutlich genug.

„Ich kann es kaum erwarten, bis wir nackt sind“, sagte ihre Stimme.

Ich konnte einen Mann lachen hören.

„Was meinst du“, sagte Jordan, „sind wir zu sexbetont?“

Wieder das Lachen. „Wahrscheinlich.“

Schritte.

„Na, zum Glück.“ Jordans Stimme.

Fahrstuhltüren. Fahrstuhlgeräusche. Jordan kicherte.

„Und wenn jemand einsteigen will?“, fragte der Mann.

„Dann sagen wir, ich hab dir geholfen, deine Schlüssel zu suchen.“

„Ich glaube, wir warten lieber, bis wir in meinem Apartment sind.“

„Mist.“

Noch mehr Kichern. Fahrstuhltüren. Das Kichern hörte auf. Schritte. Eine Tür.

„Erstmal einen Drink?“, fragte der Mann.

„Vielleicht einen kleinen, während ich mich zurechtmache.“

Die Tasche fiel zu Boden, irgendetwas raschelte, dann, weit weg, ein Geräusch, bei dem es sich um eine ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der gute Terrorist" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Teilen