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Der Zorn

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
    1. Hurston, Maine, Montag, 2. Juni, neun Uhr morgens
  7. Erster Teil
    1. 1 Cap May, Dienstag, 3. Juni
    2. 2 Tagebuch von David Barnes, Dienstag, 3. Juni, Zeitungsausschnitte
    3. 3 Locust Street, Philadelphia
    4. 4 University City, Philadelphia
    5. 5 Tagebuch von David Barnes, Donnerstag, 5. Juni Zeitungsausschnitte
    6. 6 Locust Street, Philadelphia, Dienstag, 10. Juni
    7. 7 Manaus, Mittwoch, 11. Juni
    8. 8 Auf der Straße nach Clydesburg, Illinois
    9. 9 Fort Detrick, Maryland
    10. 10 Tagebuch von David Barnes, Donnerstag, 12. Juni Zeitungsausschnitte
    11. 11 University City, Philadelphia
    12. 12 Bei Clydesburg, Illinois
    13. 13 Irgendwo über Brasilien
    14. 14 Eine Straße in Illinois
    15. 15 Fort Detrick, Maryland
    16. 16 Eine Straße in Illinois
    17. 17 Tagebuch von David Barnes, Freitag, 13. Juni Zeitungsausschnitte
    18. 18 Auf dem Rio Mucajai
    19. 19 Fort Detrick, Maryland
    20. Pentagon, Washington
    21. 20 Tagebuch von David Barnes, Montag, 16. Juni Zeitungsausschnitte
    22. 21 Haddon’s Grove, Maryland
    23. 22 Fort Detrick, Maryland
  8. Zweiter Teil
    1. 23 Bethel, Alabama, Freitag, 20. Juni, mittags
    2. 24 Tagebuch von David Barnes, Freitag, 20. Juni
    3. 26 Market Street 12, Philadelphia
    4. 27 Auf dem Rio Mucajai
    5. Der Shapono
    6. 28 Malibu, Los Angeles
    7. 29 University City, Philadelphia
    8. 30 Montpellier, Colorado
    9. Fort Detrick, Maryland
    10. 31 Tagebuch von David Barnes, Montag, 23. Juni
    11. 32 Fort Detrick, Maryland, Militärkrankenhaus
    12. 33 Fort Detrick, Maryland
    13. Washington, Weißes Haus, Oval Office
    14. 34 Market Street 12, Philadelphia
    15. 35 Irgendwo über dem Regenwald Amazoniens
    16. 36 Fort Detrick, Maryland, Donnerstag, 26. Juni
    17. 37 Fort Detrick, Maryland, Freitag, 27. Juni
    18. 38 Tagebuch von David Barnes, Freitag, 27. Juni
    19. 39 New York, Park Avenue
    20. 40 Fort Detrick, Maryland
    21. 41 Irgendwo über dem Regenwald Amazoniens, Venezuela
    22. 42 Ein kleines Haus am Ufer des Simcoe-Sees, Kanada
    23. 43 Fort Detrick, Maryland
    24. 44 Irgendwo über dem Urwald Amazoniens, Venezuela
    25. 45 Washington, im Untergeschoss des Weißen Hauses, Oval Office II
    26. 46 Fort Detrick, Maryland, Militärkrankenhaus
    27. 47 Tagebuch von David Barnes, Sonntag, 29. Juni
    28. 48 Fort Detrick, Maryland
    29. 49 Fort Detrick, Maryland
    30. 50 Washington, im Untergeschoss des Weißen Hauses, morgens
    31. 51 Washington, im Untergeschoss des Weißen Hauses, Oval Office II
    32. 52 Tagebuch von David Barnes, Dienstag, 1. Juli
    33. 53 Washington, im Untergeschoss des Weißen Hauses
    34. 54 Washington, Kongresssaal im unterirdischen Bunker des Weißen Hauses, Montag, 7. Juli
  9. Dritter Teil
    1. 55 Washington, unterirdischer Bunker, Kongresssaal
    2. 56 Washington, unterirdischer Bunker, Kongresssaal
    3. 57 Merritts Büro
    4. 58 Oval Office
    5. 59 Mikrobiologisches Labor
    6. 60 Gregs und Marys Zimmer, Samstag, 12. Juli
    7. 61 Tagebuch von David Barnes Datum: Ich weiß es nicht mehr. Ich habe aufgehört, die Tage zu zählen.
    8. 62 Colonel Bosmans Zimmer
    9. 63 Peter Baslers Zimmer
    10. 64 Prescots Aufzeichnungen
    11. 65
    12. Bosmans Zimmer
    13. 66
    14. 67 Tagebuch von David Barnes Ohne Datum
    15. 68
  10. Epilog
  11. Dank

Über dieses Buch

Die Angst geht um. In einer amerikanischen Kleinstadt brechen Menschen auf offener Straße zusammen. Innerhalb von Minuten sterben sie an einem tödlichen Virus. Dann häufen sich die Schreckensmeldungen aus aller Welt: Hunde zerfleischen ihre Besitzer. An den Bäumen wächst giftiges Obst. Springfluten, Wirbelstürme und Erdbeben verwüsten den Globus. Eine gigantische Umweltkatastrophe oder ein heimtückischer Schlag mit biologischen Waffen? Die US-Regierung und alle Wissenschaftler stehen vor einem Rätsel. Nur zwei Menschen wissen, was wirklich passiert ...

Ein Roman des Untergangs und des Neubeginns. Eine Parabel über die Koexistenz von Mensch und Erde. Und eine Warnung.

Über den Autor

Mit seinem ersten Roman »Der Zorn« katapultierte sich der bis dahin unbekannte junge Philosophieprofessor Denis Marquet aus Lyon an die Spitze der französischen Bestsellerliste. Sein Szenario des von Menschen verursachten Untergangs der Erde ist aktueller denn je und nicht nur für Fans von Öko-Thrillern empfehlenswert.

Denis Marquet

Der Zorn

Aus dem Französischen von Helga Migura

Prolog

Hurston, Maine, Montag, 2. Juni, neun Uhr morgens

Der alte Cliff drückte seinen Zigarettenstummel im Staub aus und blinzelte. Die Sonne stand noch nicht hoch am Horizont, doch ihre Strahlen waren schon sengend heiß. Alles schien normal. Die Leute gingen zur Arbeit, die Läden öffneten. Es war viel los auf der Hauptstraße. Nur die Luft war für einen klaren Junimorgen etwas drückend.

Doch abgesehen davon schien alles normal.

Alles schien normal, doch da war etwas, das Cliff störte. Aber er wusste nicht, was. Und das machte ihn langsam nervös.

Er zündete sich eine weitere Zigarette an.

Der alte Cliff, so nannte man ihn hier, verbrachte seit fünfzehn Jahren seine Tage damit, rauchend auf einem Holzstuhl zu sitzen, den er jeden Morgen um neun von sich zu Hause mitbrachte und hier aufstellte, vor der gekalkten Mauer der kleinen Schule, in der er fast vierzig Jahre lang gearbeitet hatte. Als Grundschullehrer. Er stellte seinen Stuhl auf, setzte sich hin und schaute. Die Leute gingen vorbei. Und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn nicht binnen fünf Minuten einer seiner ehemaligen Schüler auftauchen, ihn begrüßen und einen kleinen Schwatz mit ihm halten würde ... Ungefähr drei Vierteln der Stadtbevölkerung hatte er als Kindern den Hintern versohlt; da war es klar, dass er nie lange alleine saß ...

Und natürlich kannte er die Straße wie seine Westentasche ...

Doch heute ... Alles war da, wo es hingehörte: die völlig gleich gebauten Holzhäuser, oder jedenfalls fast gleich; der kleine Supermarkt, wo ganz Hurston sich mit nahezu allem eindeckte; die Leute, die unterwegs waren und es ein wenig eilig hatten ...

Alles schien normal ...

Und dennoch ...

Da war etwas ...

Aber was?

Das irritiert mich, sagte sich Cliff. Gerade hatte ihm jemand von der anderen Straßenseite aus freundlich zugewunken, er jedoch kaum darauf reagiert. Etwas war anders als sonst.

Cliff hob den Kopf und sah zum Himmel, als könnte er in den Wolken, die sich träge über der kleinen Stadt ausbreiteten, eine Antwort lesen.

Dann begriff er.

Es war die Stunde der Spatzen. Die Stunde, in der sich zu dieser Jahreszeit die Spatzen wie zum Appell auf den Ästen des großen Baums aufreihten, der die Straße beherrschte, ehe sie sich auf Insektenjagd machten ...

Es war die Stunde der Spatzen.

Doch da waren keine Spatzen. Nicht ein einziger. Der Himmel war völlig leer. Man sah nur die Spur eines Linienflugzeugs, ganz weiß, ganz hoch oben. Aber keinen Vogel.

Und auch kein Insekt.

Das war merkwürdig.

Merkwürdig, wie man gar nicht mehr wahrnahm, was die kleinsten Grundkonstituenten des Alltags ausmachte. Die Insekten waren wie Flecken auf der Netzhaut, die vor dem Blick herumtanzen, so nah und vertraut, dass man gar nicht mehr darauf achtet, weil sie nicht wirklich zur Außenwelt gehören ... Die Fluginsekten – Fliegen, Mücken, Moskitos, Wespen, Bienen und Hornissen –, die die Morgenluft mit ihrer Spur aus schierer Geschwindigkeit durchschnitten, waren etwas so Alltägliches, dass man sie gar nicht mehr wahrnahm. Doch an diesem Morgen ... An diesem Morgen war die Luft leer, und die Stille, die kein Summen und kein Vogelgezwitscher durchbrach, die Stille, gegen die sich nur noch die Stimmen der Menschen abhoben, wurde plötzlich bedrückend ... beklemmend ...

Und die Hunde?, fragte sich Cliff.

Wo war der Hund vom alten Bart? Der alte Bart wohnte im Haus gegenüber, und sein Hund beobachtete den ganzen Tag die Leute, die vorbeigingen – ein bisschen so wie Cliff; es war ein sehr alter Hund, dessen Zeit abgelaufen war wie die Cliffs und der das auch wusste ... Gestern Morgen war er dagewesen, dachte der alte Mann bei sich, der sich sehr gut daran erinnerte; er hatte seine Sinne noch alle beisammen, die Bilder in seinem Gedächtnis waren klar ... Er sah das alte Tier mit seiner sabbernden Schnauze genau vor sich, das zu müde gewesen war, um noch nach Streicheleinheiten zu betteln ...

Und die Katze von Miss Brondby?

Und ...

Cliff hatte begriffen. Irgendetwas war wirklich anders als sonst. Und das lag nicht an seiner erschöpften Phantasie, die ihm da vielleicht einen Streich spielte.

Man sah kein einziges Tier mehr auf der Straße.

Da waren keine eigenbrötlerischen Hunde mehr, die mit wichtigtuerischer Miene dahertrabten, als gingen sie Beschäftigungen nach, die nur ihnen allein bekannt waren ... Auch keine scheuen, stolzen Katzen mehr, die an den Mauern entlangschlichen, stets auf der Lauer nach etwas Essbarem ...

Da waren nur noch Menschen.

Und Cliff wurde bewusst, wie wertvoll die Anwesenheit der Tiere war. Denn wenn sie fehlten, überkam ihn ein Gefühl der Einsamkeit. Der Einsamkeit des Menschen ...

Cliff fragte sich nun ernsthaft, was da eigentlich vor sich ging.

Er war beunruhigt.

Er hätte gerne mit jemandem gesprochen. Doch er fürchtete, für verrückt gehalten zu werden ... Und dennoch, das alles war wirklich nicht normal. Wenn er nur mit jemandem sprechen könnte ...

Plötzlich brach ein Mann auf der Straße zusammen. Kaum hatte sich ein Menschenauflauf um ihn gebildet, da stürzten zwei weitere Personen, eine junge Frau und ihr kleiner Sohn, zu Boden.

Cliff erhob sich von seinem Stuhl. Er war müde.

Schreie waren zu hören.

Eine noch junge Frau kam dem alten Mann entgegen. Sie war blass, ihre Augen waren schwarz umrandet, wie mit Kohle akzentuiert. Da erkannte er die kleine Kate. Die beste Schülerin seines letzten Jahrgangs. Sie arbeitete jetzt als Ingenieurin in Bangor und verbrachte ein paar freie Tage hier ...

Die junge Frau war vor Cliff stehen geblieben. Ihr Mund stand offen, und aus ihren vor Entsetzen starren Augen tropfte etwas Blut.

Dann brach sie zusammen.

Cliff stürzte zu ihr.

In einer letzten Zuckung ergoss sich eine Mischung aus Schleim und Blut aus ihren Nasenlöchern, dann starb sie.

Der alte Mann blickte um sich.

Überall lagen Tote. Menschen rannten, Frauen standen reglos da und schrien. Leblose Körper wurden über den Boden geschleift.

Cliff spürte ein Brennen in der Brust, das immer stärker wurde. Eine Schwäche lähmte seine Glieder. Er fiel auf die Knie.

Da begriff er, dass er nun sterben würde.

Erster Teil

1
Cap May, Dienstag, 3. Juni

Die drei Idioten hatten sich dem Ufer genähert, und der Lärm wurde nun wirklich unerträglich. Amy ertappte sich dabei, wie sie heftig kleine Hautstückchen um den Nagel ihres Zeigefingers abzupfte, was ihre Gereiztheit noch verstärkte. Das seien keine Finger mehr, das seien nur noch Stümpfe, pflegte Tom mit einem Ausdruck von Abscheu zu sagen und drohte, ihr nicht mehr die Hand zu halten. Dann entschuldigte sie sich, oder sie war beleidigt, je nach ihrer momentanen Stimmungslage, doch er hatte gar nicht so Unrecht. Er war nur etwas grob; er traf irgendwie nicht den richtigen Ton, und möglicherweise war ihm der richtige Ton im Grunde auch egal; jedenfalls hatte er nicht Unrecht. Sie mochte sich selbst nicht, wenn sie so war. Zu nervös. Vielleicht war sie eben nicht fürs Studieren geschaffen. Ganz einfach. Wenn man überhaupt keinen Spaß an einer Sache hat, ist man vielleicht einfach nicht dafür geschaffen, sagte sie sich und hätte am liebsten laut gelacht. Doch sie beherrschte sich. Außerdem hatte sie keine Lust, für verrückt gehalten zu werden. Der Strand war schwarz von Menschen, und die brauchte sie nicht unbedingt auf sich aufmerksam zu machen. Nicht fürs Studieren geschaffen. Vielleicht wurde es langsam Zeit, das zu erkennen! Drei Tage vor dem Abschlussexamen ... Drei Tage bis zum Abschlussexamen, und sie hatte nichts Besseres zu tun, als sich im feinen Sand von der Sonne bräunen zu lassen! Ich habe einfach die Nase voll, ich muss mich entspannen, hatte sie gedacht und den Band mit dem armen Milton in die Ecke geworfen, Das verlorene Paradies, das sie eigentlich kommenden Freitag ab acht Uhr morgens in- und auswendig kennen sollte. Ich muss mich entspannen! Sie war nun zwanzig Jahre alt und durchforschte ihre Erinnerungen vergebens nach einem Moment, in dem sie sich wirklich entspannt gefühlt hatte. Wenn sie wenigstens hätte schwimmen, sich im frischen, salzigen Wasser aalen, Salz und Frische auf ihrer Haut spüren, ein wenig vergessen können ... Doch da waren plötzlich die drei Idioten aufgetaucht, mit ihren Jet-Skiern für dreißigtausend Dollar, ihren Ray-Ban-Sonnenbrillen und ihrer billigen Protzerei, und hatten Panik unter den Schwimmenden verbreitet; noch dazu konnten sie leicht jemanden umbringen, wenn er in ihre Antriebsschraube geriet, sie konnten ein Kind töten oder ihm ein Bein abhacken ... und sie machten nicht den Eindruck, als wollten sie mit ihrem Radau aufhören! Dabei war sie kaum zwei Minuten, nachdem sie ins Wasser gegangen war, schon fast dabei gewesen, alles zu vergessen und sich treiben zu lassen, die Ohren in den bauschigen Wogen ... Einer von ihnen hatte sich sogar an sie herangemacht, der Affigste von den dreien, mit einem Augenzwinkern über den Rand der Brille hinweg, wie wär’s mit einer kleinen Runde, meine Süße? Ganz bestimmt! Danach vögelst du mich dann hinten in der Bucht, bringst mich anschließend wieder zurück, und wenn ich schön lieb gewesen bin, schenkst du mir einen großen grünen Schein! Idiot! Idiot ... Sie hatte fluchtartig das Wasser verlassen wie die meisten Badenden. Und jetzt musste sie sich das Heulkonzert ihrer Motoren anhören ...

Amy warf den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Wenn man doch nur die Ohren schließen könnte, wie man die Augen schließt ... und, wenn man wollte, nichts mehr hören müsste, von der grenzenlosen, dröhnenden Idiotie der Leute nicht mehr belästigt werden würde. Von der Dummheit der Leute ... Der Dummheit der Kerle ... Wenigstens war Tom durchaus nicht dumm. Ein bisschen unbeholfen zwar, aber nicht dumm ... Er war zumindest rührend ... Doch Tom, der keinerlei existentielle Probleme hatte, war gerade dabei, Mathe zu wiederholen, und würde sein Examen lässig bestehen, er schon. Amy war müde. Ob die drei Idioten wohl irgendwann abhauten? Dann würde sich der Lärm immer weiter entfernen und schließlich ganz aufhören, und sie könnte sanft eindösen ... Oder das Gedröhne der Motoren würde unvermittelt abbrechen, und es würde Stille eintreten, tiefe, friedliche Stille ... Es bedürfte nur eines starken Strudels, einer gut gezielten kleinen Flutwelle, die sie auf einen Schlag verschlingen würde, mit einem satten Blubb wie im Waschbecken ... Der Ozean wäre ein großes Waschbecken, und sie würde den Stöpsel herausziehen, schwupp! Die Idioten würden ein wenig herumwirbeln und dann im Siphon verschwinden ...

Als Amy sich der Stille bewusst wurde, schreckte sie auf. Die Motoren waren verstummt. Dann hörte man Schreie, immer zahlreicher. Amy blickte aufs Meer. Sie konnte gerade noch das Gesicht des Jungen erkennen, der sich vorhin an sie herangemacht hatte. Er trieb im Wasser, seine Brille hatte er nicht mehr, sein Gefährt auch nicht; das Meer wirkte ganz sonderbar. Er machte Bewegungen, als kämpfte er gegen etwas an. Dann verschwand er. Das Meer war ruhig. Und leer.

Amy packte ihr Handtuch, ihre kleine rote Ledertasche und rannte in Richtung Straße. Sie lief an Männern in Badehosen vorbei, die zum Wasser rannten, an Müttern, die ihre Kinder zurückhielten, an verstörten Gesichtern. Amy lief. Sie sind ertrunken.

Ich war es nicht. Nur weg von diesem Strand. Ich habe den Stöpsel nicht herausgezogen, es war ein Unfall. Das Meer ist kein Waschbecken. Das Meer ist kein Waschbecken.

Der dicke Bobby verkaufte sein Eis aus gegebenem Anlass mit Katastrophenmiene. Um ihn herum drängten sich die Schaulustigen. Zwölf Jahre. Zwölf Jahre verkaufte er nun sein Eis von seinem Wohnwagen aus, immer an derselben Stelle, an dieser kleinen Straße, die bis zum Strand führte, aber so etwas hatte er noch nie gesehen ... Es war, als wären sie eingesaugt worden ... Jugendliche, nicht von hier, nein, Kinder reicher Leute, mit ihren komischen Wassermotorrädern, einfach eingesaugt ... Wahrscheinlich eine Strömung ... Nein, kein Hai; alle waren fast gleichzeitig untergegangen, zusammen mit ihren Maschinen, also kein Hai, allenfalls einer, der Anabolika geschluckt hatte! Bobby holte tief Luft, als wollte er seinen dicken Körper vor Lachen ausschütten, doch niemand schien seine geistreiche Bemerkung zu würdigen, also setzte er wieder die ernste, betroffene Miene auf, die dem Augenblick angemessen war. Was für ein schreckliches Unglück! Die armen Kinder ... Und ihre Eltern, die noch gar nichts davon wussten ... Noch nie hatte er so etwas gesehen ... Förmlich eingesaugt!

Ein paar Schritte entfernt schöpfte Amy, den Rücken an einen Elektromast gelehnt, wieder Atem. Über den Strand glitt das kreisende Blaulicht eines Feuerwehrwagens, der bis ans Meer vorgefahren war. Ein Menschenauflauf, den man in einiger Entfernung zurückhielt, verbarg die nutzlosen Rettungsmaßnahmen, die man den drei Jungen zukommen ließ, vor Amys Augen. Es hatte über eine Viertelstunde gedauert, sie ans Ufer zu bringen. Keinerlei Hoffnung. Sie sind tot, Amy ... Wie du es dir gewünscht hast, nicht wahr? Ein starker, gut gezielter Strudel und dann wohltuende Stille ... Das ist es doch, was du wolltest, oder? Schau nur, Amy, welche Macht du hast! Du brauchtest nur einmal daran zu denken! Die Macht des negativen Denkens, Amy ... Bravo!

Sie machte sich auf den Heimweg.

Wenn doch nur diese Stimme endlich schwiege! Heimgehen. Schlafen, aufwachen, und nichts von alledem wäre geschehen. Ein Alptraum wie damals, als sie ein Kind war und geträumt hatte, dass ihr kleiner Bruder gestorben sei und sie ihn getötet habe. Es war so realistisch gewesen: Sie hatte es nicht absichtlich getan, es war ein Unfall, sie hielt ihn in ihren Armen, er war so klein, so niedlich, und dann hatte sie ihn aus Unachtsamkeit, in einem Augenblick von Unaufmerksamkeit fallen lassen, und sein zartes Köpfchen mit dem feinen blonden Flaum schlug auf dem Fliesenboden in der Küche auf, und sie weinte und schrie, sie liebte es doch so sehr, dieses Baby! Sie war aufgewacht und ins Zimmer ihres kleinen Bruders gelaufen, der selig schlief ... Sie hatte keinen Schlaf mehr gefunden.

Es kann nicht sein. Es ist ein Zufall. Nicht ich habe das gemacht. Ich wollte es nicht wirklich. Es war lachhaft, sie hatte sich nur abreagiert, jeder hat solche Gedanken, es waren solche Idioten ... Es waren solche Idioten, und sie sind tot, Amy! Bravo, Tod den Idioten, wie du oft sagst, der Satz stammt doch von dir, Amy, oder?

Sie blieb wie angewurzelt stehen. Vor ihr erhob sich die große Tanne am Straßenrand, die man vom Fenster ihres Zimmers und auch vom Strand aus sehen konnte, die große hundertjährige Tanne, die ihre dunkelgrünen Äste gen Himmel reckte. Amy schloss die Augen. Sie überließ sich ihrer Phantasie und stellte sich den Baum in allen Einzelheiten vor: wie er im Licht des Tages aufrecht stand, dann gleichsam unter der Wirkung einer übernatürlichen Kraft ins Wanken geriet, sich in der Mitte spaltete und auseinanderbrach und seine grüne Spitze in einem Gesplitter aus Holz und Nadeln niederstürzte ...

Die Vorstellung war täuschend echt ...

Von Entsetzen gepackt, hielt Amy die Augen geschlossen, ballte die Fäuste in den Taschen ihrer Hose. Ein Auto fuhr vorbei. Jenseits des Hügels erklang das Rauschen des Meeres, und die Vögel sangen ihr Abendlied. Ein weiteres Auto, dessen Motorgeräusch sich langsam entfernte. Amy öffnete die Augen. Zu ihren Füßen stand ein kleiner Junge und betrachtete sie erstaunt und ungeniert mit aufgerissenen Kinderaugen. Amy lächelte ihn etwas verlegen an. Du drehst durch, meine Liebe. Der Baum stand nach wie vor da, kein Zweifel, bog sich im Abendwind, wodurch der Eindruck entstand, er würde gleich umkippen. Doch er kippte nicht um, er stand ganz fest, tief verwurzelt, würdevoll. Die besorgte Stimme einer Mutter rief nach dem Kind, und schon lief es weg. Ich drehe durch, dachte sie und lachte los. Nicht fürs Studieren geschaffen, definitiv! Jetzt nach Hause, ein kleines Glas Rotwein vor dem Fernseher, um zehn ins Bett ... Morgen wird gebüffelt!

Auf dem Bildschirm bewegte sich stumm ein Sänger, ein Teenagerschwarm, der bestimmt schwul war und so wirkte, als würde er fürchterlich leiden. Man sollte ihm den Gnadenstoß geben, dachte Amy, die den Ton des Fernsehers ausgeschaltet hatte, und spülte einen Mund voll Popcorn mit dem letzten Schluck aus ihrem Weinglas hinunter. Dann packte sie die Angst. Nein, das nehme ich zurück. Den Finger auf der Fernbedienung, stellte sie den Ton laut. Der geschniegelte Sänger mit seinen schmachtenden blauen Augen und seiner trostlosen Fönwelle starb beinahe vor Liebeskummer. Doch er war quicklebendig, wie seine einstudiert hohe, brüchige Stimme bezeugte. Hör auf damit, dachte sie. Lächerlich. Es ist ein Zufall, du darfst dir das nicht zu Herzen gehen lassen! Die Tanne steht, der Sänger singt, und deine Gedanken haben genauso wenig Kraft wie Tom nach drei Gläsern Wein! Dabei musste sie laut losprusten ... Tom ... Und wenn ich ihn jetzt anriefe? Nein, er lernt.

Ja, aber die Sendung ist vielleicht nicht live ...

Amy stand auf, um diesen Gedanken zu verscheuchen. Ach, ich bin ja bekloppt! Schluss jetzt, ich gehe ins Bett; morgen sieht alles anders aus! Sie stieg die Treppe hinauf.

– Aber die Tanne, die liebst du doch ...

– Was hat denn das damit zu tun?

– Du siehst sie gern an, wenn du morgens die Fensterläden aufmachst: wie sie sich über der Landschaft erhebt, wie ihre Spitze über den kleinen Hügel ragt ... – Ja und? – Ja, und eben deswegen ist sie nicht umgestürzt ... – Du hasst sie nicht ... – Aber die »drei Idioten‹ ...

Amy stand mitten auf der Treppe, reglos, und barg den Kopf in ihren Händen. Ich verliere die Nerven. Ich denke wie eine Verrückte, wie eine total Übergeschnappte! So etwas gibt es nicht! Ich war das nicht, ich habe überhaupt nichts damit zu tun, ich bin schließlich nicht der Herrgott! Wenn ich bloß irgendwelche Leute hassen müsste, um auf sie ein Unglück herabzubeschwören, dann würde angesichts der vielen Menschen, die mir auf den Geist gehen, hier in der Gegend Bevölkerungsmangel herrschen, und als Erste wäre meine gute alte Freundin Linda dran, die Tom Briefe schreibt. Sie war schon immer eifersüchtig auf mich; jedes Mal, wenn ich irgendwie Erfolg habe, was sowieso nicht so oft vorkommt, dann will sie es auch, diese Schlange ... Amy begann zu zittern. Erst heute Morgen hatte sie Tom am Telefon deswegen eine Szene gemacht, obwohl der Arme gar nichts dafür konnte; zumal Linda nicht gerade sein Typ sein dürfte, was Amy jedoch nicht daran gehindert hatte, Linda als alles Mögliche zu beschimpfen und ihr wahrlich nichts Gutes zu wünschen ... Eine eisige Hand schnürte ihr das Herz zu. Dass sie der Schlag treffen sollte ... Das hatte sie zu Tom am Telefon gesagt, aber das war nicht ihr Ernst gewesen, nur so dahingesagt ... – Wie sie auch den Tod der drei Idioten nicht wirklich gewollt hatte, es war nur so dahingesagt, Amy, nur so dahingesagt ...

Sie musste wissen, was los war. Amy stieg die Stufen wieder hinunter, öffnete die Wohnzimmertür und nahm den Telefonhörer ab. Lindas Nummer wusste sie auswendig. Sie hatten so viel miteinander telefoniert, manchmal bis drei Uhr morgens, hatten die Welt neu erschaffen und waren über alle Leute hergezogen; darin waren sie ganz groß: Da gab es das Linda-Special, heimtückische Finesse à la ›unschuldige Giftnudel‹, oder den Amy-Standard, etwas mehr die direkte Art, ätzend wie Napalm, wie Linda immer sagte ... Der dritte Klingelton ... Nimm ab, Linda ... Nimm ab! Amy spürte, wie ihr ein Tropfen Schweiß gleich einem Insekt über die Schläfe kroch, dann über die Wange ... Der fünfte Klingelton ... Der sechste ...

»Linda Evans ...«

»Linda, bist du’s?«

»Amy? Was ist los? Du hörst dich an, als wärst du in Panik ...«

»...«

»Amy?«

»... Alles in Ordnung, Linda, ich wollte nur wissen, ob es dir gut geht ... Geht’s dir gut?«

»Aber ja, mir geht’s gut ... Du klingst komisch ... Na ja, mir geht’s halt so, wie es einem zwei Tage vor dem Examen geht ... Ich habe von nichts eine Ahnung ...«

Amy trat aus dem Haus und machte ein paar Schritte im Garten. Die feuchte, frische Nachtluft roch angenehm nach Frühsommer. Es war eine gute Idee gewesen, die zehn Tage vor dem Examen im zweiten Wohnsitz ihrer Eltern zu verbringen, am Meer, in einem Haus, das für sie viele schöne Erinnerungen barg, an die Ferien, an ihre Cousins, die hereingeschneit kamen, an Spiele, Lachen und allerlei Unfug ... Amy ging langsam unter den Bäumen weiter und lauschte auf die Stille, vor der sich das Schnarren der Heuschrecken abhob ... Momentan war das Haus völlig verwaist ... Jess, der große deutsche Schäferhund, der das Grundstück bewachte oder zumindest so tat (dazu war er zu gutmütig und zu einfältig, wie Amy immer sagte ...), kam ihr freudig entgegengelaufen. Das liebe, grobschlächtige Tier ... Sie hatte ein einstündiges Gespräch mit Linda über sich ergehen lassen müssen, in dem es um Milton und die Unsicherheitsfaktoren beim Examen ging, doch nun war sie beruhigt. Sie ärgerte sich auch über sich selbst. Dass ihre Phantasie so mit ihr durchgegangen war ... Amy kraulte Jess am Hals; der Hund schloss die Augen vor lauter Glück, und plötzlich hatte sie keine Lust mehr, die Nacht allein zu sein. Es war eine Woche her, seit ihre Eltern mit Joe in den Süden zu den Großeltern gefahren waren. Joe hatte sich sehr darauf gefreut; er liebte seinen Großvater sehr, doch als er Amy zum Abschied umarmt hatte, hatte er geweint ... Letztlich hatte sie ihn dieses Jahr wenig gesehen; an der Universität verbrachte sie ihre Zeit auf dem Campus – man musste dazusagen, dass dies das erste Jahr war, das sie nicht mehr bei ihren Eltern verbrachte, und sie hatte sich in ihrem kleinen Studentenzimmer gleich so viel freier gefühlt als in der großen Familienwohnung mit dem unverbauten Blick auf den Washington Square ... Doch ihr kleiner Bruder fehlte ihr wirklich, und auch die Eltern, die üblichen Wutanfälle ihrer Mutter und das Zeitungsrascheln ihres Vaters ...

»Komm, Jess! Einmal ist keinmal ...«

Sie öffnete die Haustür und bedeutete dem Hund, hereinzukommen. Jess zögerte erst einen Moment und stürzte dann durch die Türöffnung, überglücklich über diese einmalige Gelegenheit.

Ich bräuchte eine Schlafkur, sagte sich Amy, während sie sich vor ihrem Spiegel auszog. Meine Güte ... Man darf doch wohl einen Schock bekommen, wenn man miterlebt, wie drei Personen ertrinken, oder? Hab doch ein bisschen Nachsicht mit dir, meine Liebe! Wenn du dich selbst nicht magst, wie sollen dich dann die anderen mögen, sagte Tom bisweilen zu ihr. Und er hatte nicht Unrecht ... Letztendlich hatte Tom selten Unrecht, und es wäre schön, wenn er jetzt hier wäre. Amy fühlte sich irgendwie verwundbar. Sie warf ihrem Hund über die Schulter einen Blick zu.

Jess saß ganz aufrecht da und blickte sie an. Mit einem merkwürdigen Blick, den sie noch nie zuvor an ihm wahrgenommen hatte. Das waren nicht mehr die großen, sanften Augen, liebesfeucht und hingebungsvoll; es lag etwas Starres in diesem Blick, etwas Totes. Und so etwas wie kühles Interesse.

Amy schauderte es. Dann schlug sie sich selbst ins Gesicht. Hör auf damit! Hör auf mit dem Blödsinn! Du bist ja vollkommen verrückt ... Vor Jess Angst zu haben! Das arme Tier ... Vielleicht hatte Linda Recht, und ich sollte zu einem Psychiater gehen. Sie würde mit Tom darüber sprechen; er hatte ihr eine gute Adresse gegeben.

Wirklich, alle wollen, dass ich wieder richtig im Kopf werde! Doch ihr war nicht zum Lachen. Sie neigte tatsächlich dazu, ihre Wahnvorstellungen für real zu halten, und es sah nicht so aus, als würde sich das legen ... Das ist der Schock, meine Liebe, das ist ganz normal ... Und das mitten in der Prüfungsphase! Jetzt aber ins Bett, morgen geht’s mir besser! Eine ganze Nacht Schlaf ... Eigentlich ging es ihr jetzt schon besser. Amy war etwas beruhigter und steuerte auf ihr Bett zu.

Doch zuerst ließ sie den Hund hinaus.

2
Tagebuch von David Barnes, Dienstag, 3. Juni,
Zeitungsausschnitte

UNGEWÖHNLICHE ERDBEBENAKTIVITÄT IN VIRGINIA

Eine Reihe schwacher Erdbeben hat den Süden Virginias zwischen Martinsville und Norfolk heimgesucht. Die Erschütterungen erreichten nur die Stärke 4,2 auf der Richter-Skala und verursachten lediglich Sachschäden.

Dennoch wirft diese Erdbebenaktivität in einer Gegend, die nicht als »Gefahrengebiet« gilt, Fragen auf. Ist mit einer Verschärfung des Phänomens zu rechnen? Professor Berkamp, Leiter des Labors für Geophysik an der Virginia-Commonwealth-Universität in Richmond, sagt zwar offen, er sei nicht in der Lage, die Vorkommnisse zu erklären, gibt sich jedoch zuversichtlich: »Es besteht keinerlei Grund zu glauben, es könne sich hier um den Beginn einer Serie oder um den Auftakt zu einem schwereren Erdbeben handeln.«

Trotzdem ist eine größere Katastrophe nie auszuschließen, auch nicht in einem Gebiet, das als stabil gilt. So hatte im August 1886 ein Beben von sehr starker Magnitude, das bis heute in unguter Erinnerung geblieben ist, in Charleston, South Carolina, mehrere Dutzend Menschenleben gefordert ...

Wissenschaftler geben zu, dass die Ursachen des Erdbebens von Charleston sowie weiterer kleinerer Beben, die seitdem in South und North Carolina auftraten, nach wie vor nicht bekannt sind.

Deswegen besteht in naher Zukunft jedoch noch lange kein Grund zur Beunruhigung, da man weiß, dass geologische Zeiträume sich nach Jahrtausenden bemessen oder gar nach mehreren Zehntausenden von Jahren!

The Virginian Pilot, S. 5, Dienstag, 3. Juni

Kommentar: Keiner.

3
Locust Street, Philadelphia

»Moment mal, Peter, du tust ja so geheimnisvoll! Geht es bei der Sache um ein Verteidigungsgeheimnis?«

»Du weißt gar nicht, wie gut du es triffst. Ich kann dir am Telefon nicht viel dazu sagen. Ich bin etwas in Eile, und außerdem ...«

Greg machte einen Rückzieher.

»Okay, okay! Dann also wie abgemacht: Wir sehen uns am Dienstag, und du erklärst mir alles. Und wie geht es dir sonst?«

»Es geht so, es geht. Und dir? Mary ist abgereist, oder?«

»Gestern. Für zwei Monate.«

»Dann ist Greg jetzt ein freier Mann! Das wirst du ausnützen, oder? Du hast doch bestimmt verliebte Groupies im Hörsaal sitzen ...«

»Das denkst du ... Zugeknöpft, bebrillt, verklemmt ...«

»Du bist ganz schön gemein! Und ein Lügner noch dazu! In dem Alter haben sie Pickel, da gebe ich dir ja Recht, aber es sind doch sicher auch gut aussehende Mädchen darunter, oder? Mit leuchtenden Augen, rosigen Wangen und noch etwas tapsiger Sinnlichkeit, aber zu allem bereit ...«

Greg brach in Lachen aus.

»Jetzt sprichst du von dir! So vernaschst du also deine Studentinnen! Stell dir vor, ich könnte dich damit erpressen ... Nur schade, dass du dauernd pleite bist! Peter Basler, der große Verführer, der junge Herzen bricht ...«

»Du bist ja nur eifersüchtig! Weil ich nämlich frei bin und keine Mary habe, die jeden Abend in der Küche steht und aufpasst, wann ich heimkomme ...«

»Ach, das ist nicht ihre Art! Sie kommt oft später heim als ich ...«

»Auf jeden Fall hast du zwei Monate, um die verlorene Zeit wieder wettzumachen ...«

»Hör zu, das ist wiederum nicht meine Art, dazu habe ich einfach keine Lust. Im Moment fühle ich mich sonderbar ... Nervös ... Außerdem habe ich das Gefühl, dass die Leute auch irgendwie komisch sind ... Als wäre die Luft elektrisch geladen ... Ich muss wohl etwas überarbeitet sein ...«

»Ja ... Mir geht es auch so ähnlich wie dir ... Und nicht nur die Menschen benehmen sich komisch, mein Lieber! Übrigens hat das auch etwas damit zu tun, wovon ich dir berichten möchte ...«

»Ach?«

»Mehr sage ich nicht! Ich muss jetzt weg. Ich verabschiede mich herzlich, ich weiß, dass du das auch tust, wir haben einander lieb, und jetzt lege ich auf.«

Er legte auf.

Greg Thomas war nachdenklich geworden. Er kannte Peter seit fünfzehn Jahren; sie hatten auf den Hörsaalbänken Hunderte von Schreibspielen miteinander gemacht und gemeinsam entdeckt, welche Freuden einem die Frauen schenken konnten, die Wissenschaft und ein guter Joint, während man Jim-Morrison-Songs mitsummte, und Peter war nicht der Typ, der sich mit kleinen Geheimnissen profilieren musste ... Das machte ihn stutzig.

Greg war ein neugieriger Mensch, was in seiner Branche eher als gute Eigenschaft galt. Er lernte gern, er entdeckte gern. Er forschte gern. Also war er Forscher geworden. Schon als er noch ganz klein war ... Greg lächelte. Er sah es wieder vor sich, wie er als Kind den ganzen Tag in der Gegend herumlief und die Pflanzen und Tiere beobachtete, wie er nach Einbruch der Dunkelheit heimkam, völlig verdreckt und glücklich, bisweilen mit kleinen Mitbringseln aus Flora und Fauna ... Seine Mutter, auf einem Stuhl stehend, als er einmal unabsichtlich eine völlig harmlose Schlange losgelassen hatte; er war so stolz darauf gewesen, sie gefangen zu haben ... Im Grunde machten ihn dieselben Eigenschaften, die ihm als Kind Rügen und Strafen eingetragen hatten, heute zu einem angesehenen und bewunderten Mann. Man darf sich nie ändern, sagte er sich.

Er hatte plötzlich Lust auf ein Glas Whisky. Ein harter Tag. Harte Zeiten. Wenn einfach alles schief geht ... Seine Hand tat ihm weh. Er betrachtete die Wunde. Schlimm ... Zwischen Daumen und Zeigefinger war seine Hand übel zugerichtet gewesen und dann genäht worden. Getrocknetes Blut ließ die Punkte der Naht hervortreten fast wie ein Märtyrermal. Der Schmerzensmann ... So hatte Mary diese wirklich äußerst empfindliche Stelle bezeichnet und ihm dann aber ganz wunderbar die Hand massiert, und nicht nur die Hand; niemand konnte wie Mary einen Menschen so mit den Händen in den Schlaf massieren, mit ihren seltsamen Techniken, taoistisch oder irgend so etwas, doch höllisch wirksam, oder himmlisch (das hätte sie bestimmt lieber gehört ...), und sie »besuchte den Schmerzensmann«, wie sie ihn nannte, nie, ohne als Zeichen des Respekts sanft den Kopf zu neigen, so wunderbar versponnen war sie ... Und genau dort hatte dieser dämliche Hund zugebissen ... Greg liebte Hunde, aber jener Hund, ein schöner Husky mit verschiedenfarbigen Augen, schien das nicht zu wissen. Er hatte ihn angesprungen; glücklicherweise hatte Greg reflexartig reagiert und sich mit der rechten Hand geschützt, sonst wäre er ihm an die Kehle gegangen – dieser Hätschelhund wurde plötzlich von einem Heißhunger auf Halsschlagadern erfasst, und als er begriffen hatte, dass Gregs Halsschlagader nicht auf der Speisekarte stand, war er auf sein Frauchen losgegangen ... Die Ärmste ... Er hatte ihr ein Stück Wade herausgerissen ... Greg hatte sie ins Krankenhaus gefahren, und jetzt konnte er seine Sitze neu beziehen lassen; Blut bekommt man am schlechtesten heraus, sagte seine Mutter immer, Gott hab sie selig ... Und die arme Frau, die seine Mutter hätte sein können, heulte wie ein Schlosshund, nicht so sehr wegen der Schmerzen, sondern weil sie es einfach nicht fassen konnte ... Ein so braves Tier ... So lieb, und er spielt so gern ... Ja, mit den Halsschlagadern von Passanten, hatte Greg gedacht und seine Beifahrerin getröstet: Das kommt vor, wissen Sie, ich befasse mich mit dem Verhalten von Tieren, ja, beruflich; nun, es gibt tatsächlich Fälle, in denen ganz zahme Haustiere plötzlich wild werden, ja, selbst äußerst liebe, sanfte Tiere, aber ja ...

Greg schenkte sich ein zweites Glas ein. Er hatte es nötig. Kann man ein solches Gift ›nötig‹ haben, fragte eine Stimme in seinem Kopf, und er erkannte die Stimme von Mary. Halt den Mund. Der Whisky ist gut, und du hättest ja nicht wegzufahren brauchen. Ich trinke, um zu vergessen. Du hättest mich nicht allein lassen dürfen. Und wenn ich jetzt Lust habe, mich volllaufen zu lassen, dann lasse ich mich eben volllaufen, und jemandem, der nicht da ist, gestehe ich nicht das Recht zu, mein Verhalten vom Flugzeug aus zu überwachen! Wenn dir deine Indianer wichtiger sind als der Mann, der dich liebt, dann kannst du in deinem Urwald bleiben!

Greg merkte, dass seine Gedanken ein wenig von ihrer legendären Klarheit verloren. Er hielt seine Nase ins Glas und ließ sich von der golden schimmernden Flüssigkeit hypnotisieren, deren Geruch sein Gehirn angenehm lähmte. Mary. Im Grunde mochte er es, wenn sie einen strengen Ton anschlug und die Stirn runzelte; er spürte sehr wohl, dass sie es nicht wirklich so meinte, sie meinte es nie wirklich so, Mary, die immer dieses Funkeln in den Augen hatte, außer vielleicht, wenn er sie nicht mehr sah, sondern nur noch erahnte; sie liebten sich immer im Halbdunkel, damit sie sich mit der Haut sehen konnten, wie Mary es ausdrückte, und es stimmte, ihre Haut verriet ihm in solchen Momenten wirklich, dass sie sich hingab ... Wenn ihre Augen ganz anders funkelten, dann meinte sie es vielleicht doch so ... Mary war nie ernst, außer wenn sie sich liebten, und das war vielleicht das Einzige, was es verdiente, ernst genommen zu werden: Mary zu lieben ...

Mist, sie fehlt mir ... Jetzt ist sie noch keine acht Stunden weg, und schon fehlt sie mir, das kann ja heiter werden ... Zwei Monate! Greg spürte, wie in seiner Brust ein Hauch jener alten, grenzenlosen, tiefen Traurigkeit hochstieg, dieser nur allzu vertrauten Gefährtin, die ihn schon als Kind heimgesucht hatte, ohne dass es einen Grund dafür gab, und dieses Tier nährte sich vom Leid und vom Kummer des Tages, doch sein Reich war die Nacht, und in der Nacht packte es ihn und führte ihn in maßlos tiefe Brunnen, in innere Abgründe voll düsterer, schwankender Schatten. Dann wartete er mit offenen Augen auf die Morgendämmerung, das Herz so bedrückt, dass er fast zu sterben meinte; es war die Stunde, zu der man in den Armen der Mutter Zuflucht suchen durfte, doch seine Mutter hatte selten Zeit, ihn lange an sich zu drücken, gleichwohl zehrte er von diesen kurzen Umarmungen, bis es wieder hell wurde ...

Wie spät war es gewesen, als Mary, die vor ihm aufgestanden war, heute Morgen nochmals ins Bett gekommen und sich an ihn gekuschelt hatte? Vielleicht Viertel vor acht; sie hatte ihn sanft geweckt, und so hatte der Tag gut angefangen. Schon komisch, sagte sich Greg, wie schnell alles kaputtgehen kann ... Gut, es war der Tag ihrer Abreise, aber sie hatten sich beide darauf vorbereitet, auf Marys Abreise. Seit ihrer Heirat waren sie noch nie so lange getrennt gewesen, aber hier handelte es sich um eine Gelegenheit, die sie am Schopf ergreifen musste, eine Expedition, die vom Forschungszentrum für Kulturanthropologie der Universität von Pennsylvania, wo Mary arbeitete, finanziert wurde, und man hatte sie mit der wissenschaftlichen Leitung des Unternehmens betraut, eines Projekts, das ihr so sehr am Herzen lag ... Er wusste bereits seit vier Monaten, dass sie fahren würde, und freute sich aufrichtig für sie; es war ihm bewusst, dass sie wichtig war, ihre Arbeit, eine Leidenschaft, die sie, nebenbei bemerkt, zu etwas Faszinierendem machte, wenn sie darüber sprach. Sie musste eine unvergleichliche Dozentin sein, und witzig noch dazu; ihre Studenten waren bestimmt ganz verrückt nach ihr. Er hatte sich oft gesagt, dass er liebend gern an einem ihrer Kurse teilnehmen würde, irgendwann ...

Greg kippte den letzten Schluck aus seinem Glas hinunter und füllte es erneut. Also, warum hatte er sich so schlecht gelaunt geben müssen? Unfreundlich. Denn er war es, der unfreundlich gewesen war, auch wenn er lieber gestorben wäre, als dies auch nur einen Moment lang zuzugeben, und vor allem sollte sie nicht sehen, dass ich traurig bin, weil sie wegfährt ... Ich bin kindisch, sagte sich Greg. Er hatte ein schlechtes Gewissen. Er hatte sich kühl gegeben, und sie waren kühl auseinandergegangen, und jetzt hätte er alles darum gegeben, sie an sich zu drücken, ihren Atem zu spüren und die sanfte Berührung ihres Haars. Und ihr zu sagen, dass er sie liebte. Wie einfach das doch ist. Warum muss man sich das Leben so schwer machen? Sie war jetzt sicher traurig, in ihrem Flugzeug ... Um welche Uhrzeit landete sie? Wenn sie mich anrufen würde ... Aber das wird mitten in der Nacht sein, da wird sie sich nicht trauen ... Was bin ich nur für ein Idiot!

Danach war eins zum anderen gekommen ... Der Hund, der ihn gebissen hatte, der Vormittag, den er im Krankenhaus vertan hatte ... Resonanz, sagte Mary immer. Nichts geschieht zufällig, meinte sie das? Was in unserem Leben geschieht und wem wir begegnen, entspricht dem, was wir sind: einem mehr oder weniger tiefgründigen Zustand unseres Wesens. Mary sagte, man könne immer eine Lehre aus dem ziehen, was einem zustößt, etwas daraus lernen ... Greg war eher geneigt, das als Frauengerede zu betrachten, als schwach ausgeprägten analytischen Geist, als Neigung, alles durcheinanderzubringen ... das hatte er ihr natürlich nie so gesagt ... Doch jetzt war er sich über nichts mehr sicher. Was wollte dieser dämliche Hund mir beibringen? Dieser dämliche Hund ...

Als Greg die Augen wieder öffnete, saß er immer noch auf der Wohnzimmercouch, mit einem leeren Glas Whisky auf den Knien und Whiskydunst um sich herum, von dem ihm leicht übel wurde. Es war ein Uhr morgens. Greg verspürte keine große Lust, sich in das viel zu leere Bett zu begeben, doch seine Lider waren bleischwer, und der Gedanke, auf der Wohnzimmercouch vom Licht der Morgendämmerung zu erwachen, war ihm unerträglich. Er stand auf und ging ins Bett.

4
University City, Philadelphia

»Ba-nal!«, entfuhr es Tom, und er begann hektisch, ein leeres Blatt mit mathematischen Zeichen zu füllen, wobei er jeden Abschnitt seiner Beweisführung mit kleinen Juchzern der Genugtuung begleitete. Dann zog er wütend einen Strich und stand so schnell von seinem Stuhl auf, dass dieser umkippte. Er warf die Arme nach oben und drehte eine Ehrenrunde an den Wänden seines Zimmers entlang, am Wandschrank vorbei, quer über das Bett; er warf einen weiteren Stuhl um und blieb schließlich vor dem Spiegel stehen. Er sah sich bewundernd an. Ein Genie. Tom ist ein Genie. Euklid, Newton, Einstein ... Tom Altman! »Bereits seit frühester Kindheit zeichnete sich Tom Altman durch außergewöhnliche Begabung in den naturwissenschaftlichen Fächern aus, speziell in der Mathematik. Im Alter von zehn Jahren verblüffte er seinen Lehrer mit seinem kühnen Denkvermögen und seinen fulminanten Eingebungen. Im Laufe seines erfüllten Lebens machte er zahlreiche Entdeckungen, doch insbesondere wird ihn die Nachwelt als einen der größten Mathematiker aller Zeiten ehren. Dies verdankt er dem berühmten Altman-Theorem, das er mit achtundzwanzig formulierte«, äh, nein, sagte sich Tom, mit siebenundzwanzig, »und das, wie hinreichend bekannt ist, die Naturwissenschaften revolutionierte und in außergewöhnlichem Maße bereicherte. Er verstarb als reicher und geehrter Mann in seinem achz...«, neunzigsten, beschloss Tom, »Lebensjahr im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte.«

Tom war erschöpft von den vier Vormittagsstunden, in denen er sich mit seinen Übungsaufgaben beschäftigt hatte, und von seiner erfüllten Biographie ... Er verspürte Hunger. Im Übrigen war es dreizehn Uhr, er hatte sich wirklich eine Pause verdient. In seinem Minikühlschrank befand sich noch ein Croque-Monsieur, ein Käse-Schinken-Sandwich, möglicherweise schon etwas hart geworden, doch Tom liebte Croque-Monsieurs und kaufte sie immer im Zwölferpack. Wenn man sie kurz in die Mikrowelle legte, wurden sie etwas mürber, aber ihre Konsistenz war ihm eigentlich egal; er liebte einfach den Geschmack, und außerdem war die Mikrowelle wirklich praktisch: Während seiner ersten sechs Monate auf dem Campus hatte er lediglich eine Kochplatte gehabt, und da er mit Restaurantbesuchen sparen wollte, hatte das zur Folge, dass er sich mit im Wasserbad erhitzten Konservendosen durchgebracht und die Hälfte des Jahres immer wieder die gleichen Gerichte gegessen hatte, ein halbes Dutzend insgesamt – nicht sehr abwechslungsreich und diätetisch ziemlich wertlos, wie Amy immer sagte! Allerdings, seit er die Mikrowelle hatte, aß er vor allem Croque-Monsieurs ... Amy wäre nicht gerade entzückt, wenn sie das erfahren würde, zumal sie ihm bei der Finanzierung seiner Mikrowelle kräftig unter die Arme gegriffen hatte.

Das tat Toms Begeisterung jedoch keinen Abbruch, und er verschlang das erste Viertel seines Croque-Monsieur. Er bekam Studienbeihilfe, musste jedoch halbtags arbeiten, um wohnen und essen und sich ab und zu einen Kinobesuch mit Amy leisten zu können. Zwar bot sie ihm immer an, ihn einzuladen, doch Tom wollte nicht, dass Amy für ihn aufkam. Hin und wieder war das in Ordnung, da hatte er keinen falschen Stolz, aber nicht auf Dauer! Außerdem machte er ihr gern kleine Geschenke, nicht sehr oft, das verstand sie durchaus, aber zumindest zu besonderen Anlässen: Geburtstag, Weihnachten oder Thanksgiving ... So hatte er ihr zu ihrem Geburtstag im vergangenen April, am fünften April, das wusste er auswendig, ein wunderschönes kleines Halstuch geschenkt, nichts Luxuriöses, doch mit Bedacht ausgewählt; er war einen ganzen Tag lang durch die Geschäfte der Stadt gezogen und in Chinatown dann endlich fündig geworden. Es war aus hübschem hellblauem Stoff und hatte ihr sehr gut gefallen. Sie trug es oft, wenn sie durch den Fairmount-Park schlenderten oder wenn sie sich bei Smoky Joe’s ein Chili gönnten ... Das war »ihr« Lokal, das Smoky Joe’s, dort hatten sie sich Anfang Oktober kennen gelernt ... am siebten Oktober, sagte sich Tom stolz vor ... Sie saß auf der Terrasse, mit einer Freundin, Linda, und sie unterhielten sich. Diese Linda war offensichtlich ein ganz schön heißer Ofen ... Aufgefallen war ihm jedoch Amy ... Nicht, dass Linda nicht gut gebaut wäre; ganz im Gegenteil! Aber das war etwas anderes ... Amy ... Erstens war sie auch gut gebaut, vom Typ her weniger ... »gepolstert« als Linda, okay, aber feingliedrig, schlank und mit den richtigen Rundungen an den richtigen Stellen ... Doch darum ging es eigentlich gar nicht. Jedes Mal, wenn Tom sich seine Begegnung mit Amy wieder ins Gedächtnis rief, bemühte er sich, in Worte zu fassen, was er empfunden hatte, aber das war schwer. Nicht nur, weil seine Begabung mehr auf mathematischem als auf sprachlichem Gebiet lag, sondern vor allem, weil er es nicht wirklich verstand ... Sie hatte ein hübsches Gesicht und einen hübschen Mund mit reizend geformten Mundwinkeln; Tom küsste sie mit Vorliebe auf die Mundwinkel. Und dann hatte sie unglaublich blaue Augen, so blau wie der Himmel; ihre Augen waren wirklich zum Sterben schön, aber es war nicht nur das ... Sie hatte etwas an sich ... das ihn sofort schwach werden ließ ... etwas Unnahbares, total Respektloses und gleichzeitig völlig Hilfloses ...

Das ist es!, sagte sich Tom, den Mund noch voll vom letzten Bissen Croque-Monsieur. Irgendwo ist sie ein hinreißendes kleines Biest, aber in Wirklichkeit, wenn man genau hinsieht, ist sie völlig hilflos!

Als er an dem bewussten Tag an der Terrasse von Smoky Joe’s vorbeigegangen war, hatte er einen langen, etwas düsteren Blick über die beiden Mädchen schweifen lassen, so nach Art von Humphrey Bogart in Casablanca; er hatte den Film vier- oder fünfmal gesehen und beherrschte das jetzt ganz gut, und die beiden hatten nicht die Augen niedergeschlagen, vielleicht, er wusste es nicht so recht, hatte Linda ihm sogar kurz zugezwinkert, auf jeden Fall aber seinen Blick wohlgefällig erwidert, doch er hatte nur Amy gesehen, Amy, die den Blick bereits in dem Moment abgewandt hatte, als er an ihnen vorbei war und sie nicht länger beäugen konnte, ohne dass es so ausgesehen hätte, als würde er eine Schau abziehen, oder ohne dass er in jemanden hineingerannt und wie ein Idiot dagestanden hätte ... Also war er um das Lokal herumgegangen, war unauffällig wieder zu seinem Ausgangspunkt vor der Terrasse zurückgekehrt und hatte gewartet, bis die beiden Freundinnen Anstalten trafen zu gehen, und dabei Amy beobachtet. Das Ganze hatte vielleicht eine Stunde oder länger gedauert, dann waren sie aufgestanden, und er war ihnen gefolgt (es war das erste Mal, dass er etwas Derartiges tat ...); glücklicherweise hatten sie sich bald darauf getrennt. Amy war in Richtung Campus gegangen, und er hatte sie angesprochen. Normalerweise spreche ich keine Frauen an, hatte er angefangen. Das sagen alle Aufreißer, hatte sie erwidert, und sie sah so aus, als würde sie sich damit auskennen ... Es hatte sich also eher schlecht angelassen ... Doch dann hatte er diese großartige Eingebung gehabt, die Worte waren ihm ganz natürlich über die Lippen gekommen, und er hatte protestiert: Und wenn jetzt ein Typ total hingerissen von einer Frau ist, soll er sie dann einfach ziehen lassen, um ihr zu beweisen, dass er kein Aufreißer ist, oder wie? Er musste ungeheuer aufrichtig und ungeheuer motiviert gewirkt haben, denn Amy begann zu lachen, ein kleines kehliges Lachen, einfach süß, so wie eine Frau lacht, die durchblicken lässt, dass sie nicht gänzlich abgeneigt ist, dass das Eis gebrochen, dass alles möglich ist, und Tom hatte gespürt, wie in seiner Brust die Sonne aufging. Sie waren etwas trinken gegangen; es blieb nicht bei einem Glas ... Als sie sich kurz vor Mitternacht verabschiedeten, hatte sie ihn ganz leicht auf die Lippen geküsst, dann war sie in der Dunkelheit verschwunden ... In jener Nacht hatte er nicht allzu viel geschlafen ...

Schäm dich!, sagte sich Tom, als er auf seine Uhr sah, Viertel nach zwei! Er sollte jetzt vielleicht langsam wieder zu büffeln anfangen ... Doch seine Lider waren schwer und das Zimmer von einer Art Trägheit durchdrungen, von Siesta-Atmosphäre. Er blickte auf sein ungemachtes Bett, das die Arme nach ihm auszustrecken schien; es würde ihm schon reichen, sich in die Decke zu rollen, nur ein Viertelstündchen, um danach wieder fit zu sein ... Nein, das geht nicht, du kannst Siesta halten, wenn du dein Examen in der Tasche hast, und zwar mit Prädikat! Im Waschbecken türmten sich mehrere ziemlich schmutzige Tassen; er nahm eine davon heraus, ließ das warme Wasser laufen, spülte sie mehr symbolisch unter dem Wasserhahn ab, gab Pulverkaffee hinein und goss ihn auf. Dann stellte er die Tasse in die Mikrowelle und die Zeitschaltuhr auf dreißig Sekunden. Ein guter Kaffee ... Tom nahm die Dose mit dem Pulverkaffee und schnupperte ausgiebig an ihrem Inhalt. Einen kleinen Schluck Kaffee, dachte er, nicht schlecht ... Nicht schlecht ... Die Mikrowelle klingelte, und Tom nahm die Tasse heraus. Sie war heiß, und Tom merkte, dass er etwas fröstelte. Er fühlte sich irgendwie sonderbar.

Er hielt die dampfende Tasse zwischen den Handflächen ganz nahe an seine Brust, und die Wärme und der Geruch weckten seine Lebensgeister wieder ein wenig. Hey, was ist los mit dir, Alter, ein moralisches Tief? Glaubst du, das ist der richtige Moment dafür? Er trank einen Schluck Kaffee. Das Gesöff war kochend heiß und bitter; so mochte Tom seinen Kaffee, ohne Zucker, aber dieser hier war etwas stark geraten. Er verzog das Gesicht, fühlte sich leicht bedrückt. Zugegeben, einen ganzen Vormittag in einem ungelüfteten Zimmer über Examensaufgaben zu brüten, ist nicht sehr intelligent; seit vielleicht zwei Tagen hatte er das Fenster nicht mehr geöffnet! Wenn Amy sein Zimmer betrat, sagte sie zuweilen, es rieche wie in einem Raubtierkäfig ... Tom stand auf, öffnete die Zimmertür und ging zum Fenster. Ein bisschen Durchzug ... Er hatte Lust, Amy anzurufen. Sie musste gerade beim Lernen sein ... Seit drei Tagen hatte er nichts mehr von ihr gehört; hoffentlich geht es ihr gut, dachte er. Aber warum sollte es ihr nicht gut gehen? Ist bei dir eine Schraube locker, oder was? Sie ist am Meer, sie lernt, sie geht jeden Abend eine halbe Stunde schwimmen, sie denkt viel an dich, und morgen Abend kommt sie zurück! Also, jetzt hol mal tief Luft! Mit den Ellenbogen auf den Fensterrahmen gestützt sah Tom auf den Campus hinunter. Es liefen nicht sehr viele Studenten herum, natürlich, alle waren beim Lernen. Und das solltest du besser auch wieder tun! Tom trank den letzten Schluck Kaffee. So, jetzt mache ich mich wieder daran. Aber vorher rufe ich kurz Amy an, nicht länger als fünf Minuten, versprochen! Tom stellte die Tasse ins Waschbecken und ging zum Telefon. Da begann dieses zu klingeln.

Tom fuhr zusammen. Es dauerte einen Moment, bis ihm klar wurde: Wenn das Telefon klingelt, kann ich Amy nicht anrufen, sagte er sich mit nicht ganz klarem Kopf. Ein drittes Klingeln ertönte. Und wenn sie es ist? Es muss Amy sein! Er nahm den Hörer ab.

»Tom?«

Es war Amy. »Das ist ja ein unglaublicher Zufall! Ich habe gerade an dich gedacht und wollte dich anrufen! In ungefähr zehn Sekunden hätte ich ...«

»Tom!«

Ihre Stimme klang anders als sonst. Um einige Tonlagen höher, mit kaum verhüllter Anspannung, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. Tom spürte, wie er von dumpfer Unruhe und gleichzeitig erstaunlicherweise von tiefer Ruhe erfasst wurde. »Amy, ist etwas nicht in Ordnung? Sag’s mir.«

»...«

»Amy?«

Am anderen Ende der Leitung wurde das Schweigen von kurzen Geräuschen unterbrochen, die Tom nicht einordnen konnte. Ob sie weint?, fragte er sich.

»Weinst du, Amy?«

Plötzlich glaubte Tom zu verstehen. Schlechte Nachrichten. Ihre Eltern waren mit dem Auto weggefahren, zusammen mit ihrem kleinen Bruder, Richtung Süden, wie er meinte ... Es musste ihnen etwas zugestoßen sein ...

»Amy ... Ist etwas passiert?«

»Tom ... oh Gott ...«

Ihre Stimme war jetzt tiefer, fast wieder normal, aber dumpf, wie ausgelaugt. Ja, das musste es sein. Wahrscheinlich ihre Eltern ... Lieber Gott ... Und vielleicht auch ihr kleiner Bruder.

»Amy, du kannst mit mir sprechen. Sag es mir.«

»Tom ... Kannst du kommen? ... Komm und hol mich ab ...«

»Dich abholen? In Cap May?«

»Ach, Tom ... Ich bin am Durchdrehen ...«

»Was ist passiert, Amy, um Himmels willen, sag’s mir!«

»Nichts ist passiert, Tom ... Ich glaube, ich drehe langsam durch ... Ich habe Angst ...«

»Angst wovor?«

»Ich weiß nicht ... Es liegt etwas in der Luft ... Die Bäume ... Ich habe Angst vor dem Hund ...«

»Vor Jess? Du hast Angst vor Jess? Aber vor Jess brauchst du doch keine Angst zu haben, Amy! Was ist los mit dir?«

Tom war völlig verwirrt. Er hatte sich in der Lage gefühlt, auf die Mitteilung einer Katastrophe genau richtig zu reagieren, er hatte einen kurzen Moment lang unvermutet die Kraft in sich gespürt, zuhören, trösten, stark sein zu können. Doch jetzt sah er sich mit Dingen konfrontiert, die er überhaupt nicht verstand, die er einfach nicht begriff. Ich drehe durch, sagte Amy. War es wirklich das, was sich dort anbahnte?

»Hör zu, Amy ...«

»Tom, komm und hol mich ab, ich bitte dich inständig ...«

Aus ihrer Stimme sprach eine solche Verzweiflung, dass Tom jede weitere Diskussion für sinnlos hielt. »Aber wie? Ich habe doch kein Auto ...«

»Das von meiner Mutter ist da, der Ford. Er steht in der Tiefgarage des Hauses. Der Parkwächter hat die Schlüssel. Ich habe ihn angerufen; er wird sie dir geben ... Komm und hol mich ab, Tom, ich habe Angst.«

»Gut ... ich komme so schnell wie möglich.«

»Danke.«

Sie legte auf.

Cap May war etwa eineinhalb Autostunden von Philadelphia entfernt. Tom fuhr mit zusammengebissenen Zähnen. Er hatte ganz schön herumkurven müssen, bis er aus der Stadt draußen war, aber das war zu erwarten gewesen, bei all den Einbahnstraßen war das Fahren höllisch, selbst mitten am Nachmittag. Dann war der Autostrom nach und nach versiegt, und jetzt fuhr Tom die zulässige Höchstgeschwindigkeit. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er das Gaspedal bis zum Anschlag durchgedrückt, doch er zwang sich zu einer vernünftigen Fahrweise, damit er Ruhe bewahrte, und auch, weil jetzt nicht gerade der richtige Zeitpunkt war, von den Bullen angehalten zu werden. Wenn alles gut ging, würde er in weniger als einer Stunde bei Amy sein und sich um sie kümmern können. Was sie nur haben mochte? Tom wusste sehr wohl, dass sie eher schwache Nerven hatte, wie viele andere Mädchen auch, vielleicht etwas schwächer als der Durchschnitt, aber schließlich war Amy nicht verrückt ... Nur reagierte sie manchmal ein wenig überempfindlich; sie musste sich irgendetwas eingebildet haben. Dazu der Examensstress ... Sie nahm sich ihr Studium zu sehr zu Herzen, das hatte er ihr schon gesagt, aber gut ... Amy war nicht der Typ, der sich leicht beeinflussen ließ; sie hatte sogar einen ganz schönen Dickkopf ... Verlorene Mühe zu hoffen, man könne sie ändern! Aber wenn sie sich ihr eigenes Studium vielleicht auch zu sehr zu Herzen nahm, dann ganz offensichtlich nicht das seine, da sie soeben dabei war, ihm einen Lernnachmittag zunichte zu machen, und das zwei Tage vor dem Examen! Tom, dessen Beunruhigung sich aufgelöst hatte, fühlte leichten Ärger in sich hochsteigen. Manchmal ganz schön lästig, die Kleine, dachte er. Lästig, lästig, ganz schön lästig, begann er vor sich hinzusummen, doch sogleich überfielen ihn mächtige Schuldgefühle. Amy hatte am Telefon geweint und wirklich schlecht geklungen ... Sie braucht mich, sagte sich Tom, ich bin derjenige, den sie anruft, wenn es ihr schlecht geht, und er verspürte unbändiges Verlangen, sie an sich zu drücken, ihr zärtliche Worte ins Ohr zu flüstern und sie in seinen Armen zu wiegen ... Tom warf einen Blick auf den Tacho. Noch etwa sechzig Kilometer, rechnete er aus, doch er merkte, dass seine Geschwindigkeit deutlich über dem Limit lag ... Er zwang sich, langsamer zu fahren.

Tom war erst einmal in Cap May gewesen, im März dieses Jahres; Amys Eltern hatten ihn über das Wochenende eingeladen, und er war mit dem Bus gekommen. Das genügte ihm, um sich zurechtzufinden. Das Haus lag nicht weit vom Strand entfernt, und er erinnerte sich an die große Tanne, deren Wipfel er hinter dem kleinen Hügel erspähte. Das Haus musste direkt dahinter sein.

Als er hinter dem Hügel war, kannte sich Tom sofort wieder aus. Amy liebte diese Tanne sehr, und sie ragte auch wirklich eindrucksvoll vor dem Anwesen empor. Er fuhr noch ein paar Dutzend Meter, da tauchte schon das Haus vor ihm auf. Er hatte einen guten Orientierungssinn. Das Tor stand offen. Tom steuerte seinen Wagen in den von hohen Linden gesäumten Zufahrtsweg, und ihm war, als könnte er trotz der Klimaanlage im Auto die Frische der Bäume riechen. Die Reifen quietschten laut auf dem Kies; das Anwesen schien in vollkommener, fast andächtiger Stille zu liegen.

Während jenes Winterwochenendes hatte Tom die Ruhe dieses Hauses schätzen gelernt, das Gefühl der Entspannung, das einen überkam, sobald man über die Schwelle trat, das Rascheln des Winds in den Blättern, und auch den Wunsch zu schlafen, während einem sonst der Stadtlärm und die hektische Betriebsamkeit auf dem Campus die Nerven wach hielten ... Doch jetzt war die Stille bedrückend ... Tom war aus dem Wagen gestiegen und hätte sich gewünscht, dass Amy die dreistufige Eingangstreppe heruntergekommen wäre, sich in seine Arme geworfen und ihm dabei zugeflüstert hätte: Oh Tom, da bist du ja, vielen Dank, verzeih mir, ich habe mich idiotisch benommen, jetzt geht’s mir besser, wenn du willst, bleiben wir heute hier und verbringen einen schönen Abend zusammen, und morgen früh fahren wir zurück ...

»Amy?«

Das Fenster ihres Zimmers stand offen, doch das Mädchen antwortete nicht. Tom rief lauter: »Amy! Bist du da? Antworte mir doch!« Er glaubte zu hören, wie sich etwas im Haus bewegte. Dann eine Art klagendes Stöhnen ... »Amy? Bist du das? Alles in Ordnung?« Das Stöhnen erklang erneut, kurz, fast wie ein Jaulen, und etwas kam die Treppe herunter, oder besser, stürzte sie beinahe herunter, und kratzte dann gegen die Tür. Gebell.

»Jess!« Tom verstand nichts mehr. Amy war nicht da. Doch sie war sicher nicht schwimmen gegangen, nach der Krise, die sie am Telefon gehabt hatte ... Wenn sie im Haus geblieben ist, kann ihr nichts zugestoßen sein ... Vielleicht macht sie einen kleinen Spaziergang ... Sie marschiert oft lange Strecken, wenn es ihr nicht gut geht ... Der Junge legte seine Hand an die Haustür. Sie war nicht abgeschlossen. Er drückte sie langsam auf. Dahinter kläffte der Hund immer rasender.

»Ruhig, Jess, ruhig!« Das Tier war an ihm hochgesprungen und begrüßte ihn mit unbändiger Freude. »Platz, Jess, Platz!« Tom liebte Hunde, doch jetzt war er nicht in der richtigen Stimmung und wehrte Jess zerstreut ab.

Das Haus wirkte unbewohnt, als wären seine Bewohner plötzlich von einer schrecklichen Katastrophe ereilt worden und hätten auf der Stelle weglaufen und alles so zurücklassen müssen, wie es war. Der Hund, der es plötzlich leid war, den Ankömmling zu begrüßen, ließ von ihm ab, sprang zur Treppe und rannte ein paar Stufen hoch. Dann blieb er stehen, drehte sich zu Tom um und begann zu kläffen, als wollte er ihm bedeuten, ihm zu folgen.

»Halt die Klappe, Jess! Amy?« Das Kläffen wurde stärker. In diesem Moment bemerkte Tom die roten Spuren am Maul des Tiers. »Jess? Was hast du da an der Schnauze? Lass mich mal sehen ...« Tom verspürte einen Anflug von Panik. Er stürzte zur Treppe. Das Tier bellte und machte sich in Richtung erster Stock davon.

»Jess! Hierher!« Der Hund blieb am Treppenabsatz stehen. Ein raues, dumpfes Heulen entrang sich seiner Kehle und schien Tom zu sagen: »Komm, komm schauen ...« Als Tom bei ihm war, sprang er wieder hoch und lief auf Amys Zimmer zu. Am Ende des dunklen Korridors drang ein Lichtschimmer durch die einen Spalt breit geöffnete Tür. Der Hund stürmte ins Zimmer. Tom folgte ihm mühsam; er sah nichts und fühlte einen Prellungsschmerz am rechten Oberschenkel. Er war gegen ein Möbelstück gestoßen und erinnerte sich vage an eine große Anrichte, die irgendwo dort stand ... Was um alles in der Welt ging hier vor? Wo war Amy? Er stieß die Tür zu ihrem Zimmer auf.

Durch das offene Fenster flutete Tageslicht ins Zimmer. Tom war geblendet und orientierte sich an dem Hecheln des Hundes, der in der Nähe von Amys Bett saß. Ein Stück weiter weg lag ein umgekippter Stuhl. Der Kopf des Hundes ruhte auf etwas, das auf dem Boden lag und das Tom zunächst für eine Decke hielt, die man nachlässig dort hingeworfen hatte. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an das Licht ...

Was dann kam, erlebte Tom wie in Zeitlupe, wie den schlimmsten Alptraum überhaupt. Amy lag auf dem Boden vor dem Bett, völlig reglos, mit weit geöffneten Augen, leicht zur Seite geneigtem Kopf und lässiger Körperhaltung. Doch auf ihren Gesichtszügen stand das Entsetzen geschrieben. Wie erstarrt trat Tom ganz langsam näher, so als würde dann alles plötzlich verschwinden, als würde er wie so viele Male zuvor wieder neben ihr aufwachen, ihren Arm berühren, um sich zu vergewissern, dass sie da war, sie atmen hören ... Er kauerte sich zu Amy nieder und lauschte mit seinem ganzen Körper. Sie atmete nicht mehr. Von der anderen Seite her leckte Jess ihr eifrig die Kehle, und Tom sah, wie unter seiner unermüdlichen Zunge gleich einem klaffenden Lächeln eine mindestens zehn Zentimeter lange, unregelmäßige Wunde mit deutlichen Bissspuren zum Vorschein kam.

Jess hatte Amy sorgfältig von ihrem Blut gesäubert.

5
Tagebuch von David Barnes, Donnerstag, 5. Juni
Zeitungsausschnitte

IMMER MEHR TODESFÄLLE DURCH ERTRINKEN AN DER ATLANTIKKÜSTE

Die Behörden empfehlen äußerste Vorsicht.

Seit zwei Wochen sind im Atlantik etwa hundert Personen unter schwer erklärbaren Umständen in Strandnähe ertrunken. In Rehoboth Beach, in Cap May, in Virginia Beach wie auch in Georgia und Florida verschwanden Badende plötzlich ohne ersichtlichen Grund und bei Wetterbedingungen, die keinerlei Gefahr darzustellen schienen.

Eine »geheimnisvolle Strömung« ...

Mehreren Zeugen zufolge sollen einige der Opfer von einer plötzlichen Strömung oder einem Strudel eingesogen worden sein. An einem Strand in Cap May, von dem normalerweise keine gefährlichen Strömungen bekannt sind, wurden drei junge Leute mit ihren Jet-Skis gleichzeitig abgetrieben.

Die Behörden weisen zwar einen Zusammenhang zwischen den tragischen Vorkommnissen zurück, empfehlen Badenden jedoch, vorsichtig zu sein und nicht zu weit hinauszuschwimmen.

The Atlantic City Herald, S.6, Donnerstag, 5. Juni

Kommentar: Keiner.

6
Locust Street, Philadelphia, Dienstag, 10. Juni

Greg stand mit nacktem Oberkörper auf dem Balkon, eine Tasse dampfenden Kaffees in der Hand, und ließ die Milde des beginnenden Sommers auf sich einströmen. Die Temperatur war ideal, doch es war erst acht Uhr morgens, und es sah nach einem schwülen Tag aus. Bereits seit ein paar Tagen war es so drückend ... Gewitteratmosphäre, kein Windhauch ... Schon um zehn Uhr morgens stand die Sonne hoch am Himmel und begann zu stechen; die Hitze überzog einen unter der Kleidung mit klebrigem Schweiß, der die Bewegungen zu verlangsamen schien und einem beständig Lust auf Wasser machte, auf das Meer oder auf eine frische Dusche ... Außerdem war die Luft stark elektrisch aufgeladen, doch das Gewitter, das jeden Moment auszubrechen schien, wurde gleichsam von einer Spannung zurückgehalten, die die Atmosphäre durchtränkte und die Nerven der Leute bloßlegte ... Greg versuchte, sich zu entspannen. Der Schuylkill River floss friedlich um den Campus herum, dessen rote Ziegelgebäude und weite Grasflächen er in einigen hundert Metern Entfernung sehen konnte. Grün ist eine beruhigende Farbe, dachte Greg und ließ seinen Blick über das Panorama schweifen. Seit ihrem ersten Besuch hatte Mary diese Wohnung unbedingt gewollt. Sie war natürlich traumhaft gelegen, so nahe am Campus der U-Penn (Universität von Pennsylvania), wo beide arbeiteten, doch Mary hatte sich vor allem in die Aussicht verliebt. Die Wohnung befand sich im siebten Stock eines Gebäudes an der Ecke Locust- und 28. Straße und hatte zum Fluss hin kein Visavis. Der Ausblick nach Norden erstreckte sich über die Grenzen des riesigen Campus hinweg am Wasserlauf entlang bis zu den satten Grünflächen des Fairmount-Parks ... Ein Gefühl wie auf dem Land, und dabei wohnten sie mitten in der Stadt!

Greg trank den letzten Schluck Kaffee. Der bittere Geschmack und der aromatische Dampf des Getränks hatten es nicht geschafft, seinen Geist wachzurütteln. Seit ein paar Nächten fand er keinen Schlaf. Sein Körper entspannte sich erst am frühen Morgen, wenn die unsichtbare Hand, die sein Herz festhielt, sie lockerte und er ein wenig schlafen konnte. Seit Marys Abreise verspürte er eine diffuse Angst, die sich mit keiner konkreten Vorstellung verband; es war keine Angst vor etwas Bestimmtem, nur ein Unbehagen, das sein ganzes Wesen erfasst hatte ... Er wusste natürlich, dass das mit Marys Abwesenheit zu tun hatte und auch mit ihrem verpatzten Abschied ... Er konnte seine Gefühle nicht ausdrücken, und jetzt nahm Mary ihm das übel, und er nahm es sich selbst übel. Tags zuvor hatte sie eine knappe Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen; dass sie gut angekommen und dass alles in Ordnung sei, Küsschen ... Der Anrufbeantworter hatte die Uhrzeit ihres Anrufs aufgezeichnet. Sie hatte angerufen, während er seinen Ethnologiekurs über Kommunikation bei Tieren hielt; sie wusste also genau, dass sie ihn da nicht antreffen würde ... Im Übrigen, dachte Greg, ist es nicht ausgeschlossen, dass sie mir etwas mitteilen wollte, indem sie genau dann anrief, als der Kurs stattfand ... Kommunikation! Mary war eine sehr ... bedeutungsbewusste junge Frau, die ein Talent dafür hatte, einem verschlüsselte Botschaften zukommen zu lassen, wenn man es am wenigsten erwartete. Bei ihr ist es ratsam, seine Interpretationsfähigkeit zu schärfen – auf die Gefahr hin, in völlige Paranoia zu verfallen! Greg hielt sich den Kopf mit beiden Händen. Er wusste nicht mehr, was er denken sollte. Aber lieber darüber lachen als darüber weinen, sagte er sich.

Jedenfalls war er letzte Nacht erst um fünf Uhr morgens eingeschlafen, und das Läuten des Weckers hatte ihn mit einem Ruck aus dem Tiefschlaf gerissen. Im Grunde genommen war er deshalb tagsüber so missgelaunt. Dazu kam noch das Klima, und Greg fühlte, wie seine Müdigkeit wuchs. Tja, ich bin eben keine zwanzig mehr, dachte er; mit zwanzig waren drei Stunden Schlaf pro Nacht mehr als ausreichend, um in Form zu sein; außerdem habe ich das oft im Kurs nachgeholt ... Das Problem ist nur, dass ich die Kurse jetzt selbst halte und dabei schwerlich ein Nickerchen machen kann ...

Greg trat wieder in sein Zimmer und zog sich langsam an. Um neun hatte er eine Verabredung mit Peter, und zu dessen Büro waren es zehn Minuten zu Fuß, wenn man langsam ging ... Er sah das Gebäude von seinem Fenster aus. Vier Stockwerke aus rotem Ziegelstein, die das Laboratorium für Tierbiologie der Drexel-Universität beherbergten, das Peter leitete. Die beiden waren lange Zeit Kollegen gewesen, angehende Biologen, danach geschätzte und bald anerkannte Forscher ... Und der eine wie der andere, sofern man den Gerüchten an der Universität Glauben schenkte, war für bedeutende Auszeichnungen vorgesehen ... Doch glücklicherweise waren sie nie zu Konkurrenten geworden, da Greg sich nach seiner Promotion taktvollerweise auf tierische Verhaltensforschung spezialisiert hatte. Da sie nun keine Kollegen im eigentlichen Sinne mehr waren, konnten sie es sich erlauben, Freunde zu bleiben, worüber Greg sehr froh war. Eine merkwürdige Freundschaft übrigens, die darin bestand, dass sie miteinander lachten, Tennis spielten und sich gegenseitig aufzogen wie in guten alten Zeiten ... Über ernste oder allzu persönliche Dinge unterhielten sie sich so gut wie nie; ihre Beziehung schien auf einer stillschweigenden, doch von beiden gewollten Distanziertheit zu gründen, gegen die zu verstoßen sie für unangemessen gehalten hätten. Trotzdem wusste Greg, dass er, wenn etwas Schlimmes passieren sollte, auf seinen alten Kumpel zählen konnte, und umgekehrt war es genauso.

Greg nahm die Wohnungsschlüssel von dem kleinen Brett am Eingang, vergewisserte sich, dass er nichts vergessen hatte, und ging hinaus. Jedenfalls hoffte er, dass es sich umgekehrt genauso verhielt ... Greg war sich in letzter Zeit über nichts mehr richtig sicher und fragte sich beunruhigt, ob darin nicht die ersten Symptome einer schweren Depression zu sehen waren ... Wusste Peter eigentlich, dass er auf ihn zählen konnte? Und er selbst, konnte er wirklich auf Peter zählen? Wenn etwas Schlimmes passieren sollte, würde er sich lieber auf Mary stützen ... Aber falls Mary etwas zustoßen sollte? Waren Peter und er wirklich Freunde?

Greg betrachtete sich im Spiegel des Aufzugs, streckte sich mit einer hässlichen Grimasse selbst die Zunge heraus und beschloss, sich einen Termin beim guten alten Doktor Lansdowne geben zu lassen, der bestimmt das richtige Mittelchen finden würde, um seine überhitzten grauen Zellen wieder abzukühlen ...

Die frische Luft auf dem kurzen Weg tat ihm gut, und so schritt Greg in bester Laune durch den Eingang zum Campus der Drexel-Universität. Die Drexel-Uni und die U-Penn lagen nebeneinander, waren verwaltungstechnisch jedoch getrennt, so dass zwischen den Forschern der beiden Universitäten bisweilen herzlichere Beziehungen bestanden als unter den Kollegen innerhalb der eigenen Universität, wo zumeist Konkurrenzdenken, Feindseligkeiten und Ressentiments herrschten, mit ihrem Rattenschwanz an Klatsch und Tratsch und Intrigen, mittels derer Karrieren geschmiedet und zerstört wurden ... Peter und Greg teilten eine entschiedene Abneigung gegen solche Grabenkämpfe, die sie für lächerlich hielten, und hatten es sich zur Regel gemacht, nie den ersten Stein zu werfen. Zudem schirmte ihre Position sie allmählich zumindest vor grober Heimtücke ab, wenn auch nicht vor Eifersüchteleien.

Greg stieg die vier Stockwerke zu Fuß hinauf. In dem langen, anonymen, kalten Korridor, von dem die Büros der Laborforscher abgingen, hätte er sich selbst mit geschlossenen Augen zurechtgefunden. Peters Büro verriet durch nichts die herausgehobene Stellung dessen, der dort residierte, abgesehen davon, dass in ihm ein heilloses Durcheinander herrschte, das sich wahrscheinlich kein Forscher hätte erlauben können, dem es um Überzeugungskraft gegangen wäre. Wie immer, wenn er seinen Freund besuchte, hatte Greg die Tür geöffnet, ohne zuvor anzuklopfen. Nun hielt er kurz inne. Inmitten der gewohnten Unordnung saßen zwei Männer Peter gegenüber, den Rücken zur Tür gewandt. Damit hatte Greg nicht gerechnet. Einer der Männer trug anscheinend eine Militäruniform. War das eine offizielle Besprechung? Darüber hätte Peter ihn doch informieren können, statt den Geheimnisvollen zu spielen, dann hätte er sich zumindest eine Krawatte umgebunden! Sein Freund bedeutete ihm hereinzukommen und ergriff das Wort:

»Meine Herren, darf ich Ihnen Greg Thomas vorstellen, von dem Sie sicher bereits gehört haben.«

Die beiden Männer erhoben sich. Derjenige, der ihm als Erster die Hand drückte, hatte ein rundes, ansprechendes Gesicht, das Greg gleich für ihn einnahm.

»Greg, das ist Steve Rosenqvist, den du wahrscheinlich vom Hörensagen kennst. Mr Rosenqvist leitet seit zwei Jahren – das stimmt doch, oder? ...«, Rosenqvist nickte zustimmend, »... das Laboratorium für Meeressäugetiere an der Universität Honolulu.«

Greg verbeugte sich kurz.

»Sehr erfreut, Mr Rosenqvist. Ich habe Ihre Abhandlung über kollektive Tropismen und die Koordinierung der Atemsysteme bei den Odontozeten mit großem Interesse gelesen. Die Welt der Zetazeen scheint der Tierpsychologie Perspektiven zu eröffnen, die mehr als vielversprechend sind ...«

Rosenqvist wirkte geschmeichelt. »Das glaube ich in der Tat, zumal ...«

Peter unterbrach sie: »Meine Herren, es ist äußerst bewegend, wenn zwei ganz offensichtlich passionierte Experten sich persönlich kennen lernen, doch ich möchte Sie daran erinnern, dass wir im Moment andere Sorgen haben ...«

Er wandte sich an den Mann in Uniform. »Greg, darf ich dir Colonel Bosman vorstellen?«

Greg hielt dem Militärangehörigen etwas verlegen die Hand hin. »Verzeihen Sie bitte, Colonel. Ich freue mich, Sie kennen zu lernen.«

»Aber ich bitte Sie! Ich freue mich auch. Die Leidenschaft ist es, die einen guten Forscher ausmacht, und Mr Basler hat Sie uns für diese nicht ganz gewöhnliche Aufgabe wärmstens empfohlen.«

Greg machte große Augen. Der Colonel lächelte. »Wie ich sehe, hat Ihr Freund den Mund gehalten. Doch ehe wir Näheres besprechen, Mr Thomas, gestatten Sie mir, Ihnen ein kleines Geschäft vorzuschlagen.«

»Ein Geschäft?«

»Sagen wir so: Sie werden eine Entscheidung treffen müssen.«

»Eine Entscheidung? ... Gut, Colonel, ich höre ...«

Der Colonel vergewisserte sich, dass die Tür geschlossen war.

»Also. In zwei Minuten sind Sie entweder durch diese Tür wieder draußen, ohne erfahren zu haben, womit wir uns hier befassen, oder wir sind dabei, Ihnen zu erklären, worum es geht. In letzterem Fall haben Sie zuvor dieses Papier hier unterschrieben und gehören damit zu unserem Team. Und Sie unterliegen dann der militärischen Geheimhaltung.«

Er reichte Greg ein einfaches Formular. Es trug den Briefkopf des Verteidigungsministeriums, Abteilung für weiterführende Forschungsprojekte, Staatssicherheit. Der Text darauf war sehr kurz.

Hiermit bestätige ich, ........., dass ich durch meine Unterschrift dem Staatlichen Verteidigungsministerium (SV) ab dem ......... für einen Zeitraum von sechs (6) Monaten, der sich bis auf Widerruf durch die zuständige Behörde automatisch verlängert, als geheimer Sonderbeauftragter zur Verfügung stehe.

Ich verpflichte mich zur Wahrung des Militärgeheimnisses bei allen Aufgaben, mit denen ich im Rahmen meines Sonderauftrags vom SV betraut werde. Geheimhaltungsstufe [roter Stempelaufdruck]: HÖCHSTE VERTRAULICHKEIT.

Ich bekomme ein halbamtliches Gehalt, das sich nach Art. 92a CPM, Passus Sonderdienste in Friedenszeiten, errechnet.

Greg wurde leicht schwindlig. Er legte das Papier in eine Schreibtischecke. »Warten Sie«, sagte er mit etwas zu bedächtiger Stimme, »wenn ich recht verstanden habe, soll ich mich auf unbefristete Zeit verpflichten, und das für eine Aufgabe, die ich überhaupt nicht kenne?«

Das nach wie vor liebenswürdige Lächeln des Militärangehörigen begann Greg leicht auf die Nerven zu gehen.

»Ich verstehe, dass Sie sich wundern, doch es handelt sich hier um ein Ausnahmeverfahren, abgestimmt auf eine Ausnahmesituation. Die Entscheidung liegt bei Ihnen.«

»Eine Ausnahmesituation?«

Das Lächeln des Colonels wurde noch breiter. »Verzeihen Sie mir, doch ich kann Ihnen nicht mehr darüber sagen.«

»Aber inwiefern könnte mein Spezialgebiet für das Militär auch nur im Mindesten von Nutzen sein?«

»Verzeihen Sie mir, doch ich kann Ihnen darüber keine weitere Auskunft geben.«

Greg fragte sich, wie sein Gesprächspartner wohl reagieren würde, wenn er ihn an die Hoden fassen und fest zudrücken würde. Dann verspürte er das Verlangen, die Tür hinter sich zuzuschlagen und alle drei einfach sitzen zu lassen. Peter legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Ich verstehe deine Ratlosigkeit, Greg. Mir ging es genauso, als der Colonel zu mir kam ... Und ich habe unterschrieben. Und ich bereue es wahrhaftig nicht. Und unser Freund Rosenqvist hat auch unterschrieben. Du kannst natürlich machen, was du willst ... Aber ich würde bei dieser Sache sehr gern mit dir zusammen arbeiten.«

Bosman ergriff wieder das Wort. Greg sah ihn nicht an, doch er spürte sein unerträgliches Lächeln.

»Mr Thomas, ich möchte ergänzend hinzufügen, dass Sie nach Aussage Ihres Freundes Peter Basler für diese Aufgabe der qualifizierteste Forscher sind.«

Greg sah dem Colonel in die Augen. »Colonel, es gehört nicht zu meinen Aufgaben als Wissenschaftler, einen Beitrag zur Steigerung des Massenvernichtungspotentials der Menschheit zu leisten. Ich liebe mein Land, aber es lässt sich nur schwer mit meinen ethischen Grundsätzen vereinbaren, für das Militär zu arbeiten.«

Der Colonel lächelte immer noch, doch seine Augen glänzten kalt. Er wollte gerade antworten, als Peter sich einmischte:

»Greg, es geht nicht um die Herstellung von Waffen! Wenn du nicht unterschreiben willst, dann lass es! Aber ich spreche als Freund zu dir, vertraue mir: Es handelt sich um eine absolut wissenschaftliche, absolut gewaltfreie Arbeit, und noch dazu höchst interessant für dein Fachgebiet. Außerdem ist sie sinnvoll. Ungeheuer sinnvoll.«

»Mr Basler«, unterbrach ihn der Militärangehörige, »es ist nicht ratsam, noch mehr darüber zu erzählen. Lassen wir unseren Freund nach bestem Gutdünken seine Entscheidung treffen. Ich schlage vor, wir machen inzwischen einen kleinen Spaziergang ...«

Colonel Bosman öffnete die Tür und trat mit einer höflichen, aber gebieterischen Bewegung zur Seite. Die beiden anderen gingen hinaus, und er folgte ihnen. Ehe er die Tür wieder schloss, lächelte er Greg noch einmal zu. Dieser wandte den Blick ab.

Greg sah aus dem Fenster. Peter und Rosenqvist machten ein paar Schritte auf dem Kiesweg entlang des Gebäudes und unterhielten sich. Etwas weiter weg stand der Colonel an einen Baum gelehnt und rauchte eine Zigarette.

Greg wusste, dass er unterschreiben würde. Und genau das war es, was ihn an dieser absurden Geschichte am meisten aufregte. Alles hatte sich so abgespielt, als hätte dieser verdammte Offizier längst begriffen, dass er ihn nicht mit Glacéhandschuhen anzufassen brauchte, weil seine Neugier sowieso stärker war. Er muss sich über mich informiert haben, dachte Greg. Dieser Scheißkerl muss mein Leben in- und auswendig kennen. Wenn diese Aufgabe so wichtig ist, werden sie bestimmt ihre Spitzel auf mich angesetzt und in ihren Akten alles über mich vermerkt haben: meine Vorlieben, meine Erinnerungsstücke und meine Unterhosengröße. Sie müssen mich beschattet und sich über meinen Lebenswandel erkundigt haben ... Litt er an Verfolgungswahn? Vielleicht, doch die Erfahrung lehrt einen, dass man gar nicht genug an Verfolgungswahn leiden kann, sagte sich Greg und ging zum Schreibtisch. Er nahm das Formular, trug seinen Namen und das Datum ein und unterschrieb. Dann setzte er sich mit dem Gesicht zur Tür und wartete.

Es waren kaum zwei Minuten verstrichen, als die Bürotür sich öffnete und die hohe Gestalt des Offiziers im Türrahmen erschien. Bosman trat sofort zur Seite und ließ die beiden anderen vorbei. Dann ging er zum Schreibtisch, nahm das Formular, faltete es, ohne es anzusehen, zweimal zusammen und steckte es in einen Aktenkoffer.

»Jetzt ist alles geregelt, und wir können uns an die Arbeit machen. Draußen wartet ein Wagen auf uns.«

Peter ging zu Greg. »Willkommen im Club«, flüsterte er ihm ins Ohr.

Rosenqvist lächelte ihm zu. Greg hatte das unangenehme Gefühl, schwer hereingelegt worden zu sein. »Wohin fahren wir denn?«, fragte er so neutral wie möglich.

»An einen ruhigeren Ort«, antwortete die Stimme des Colonels.

Das Licht ging aus. Greg fühlte sich schlecht. Er saß auf einem der Stahlrohrstühle, mit denen der Vorführraum ausgestattet war – denkbar unbequem waren sie, diese Stühle, typisch Militär: Man konnte sich nicht zurücklehnen, ohne dass sich einem eine Metallstange ins Kreuz bohrte, und er musste daher eine völlig steife, verklemmte Haltung einnehmen, wie in Kolonnen-Habachtstellung ... Doch das Unbehagen, das er verspürte, saß tiefer. Während der Fahrt zur Militärbasis hatte er sich gefragt, ob er nicht vielleicht die größte Dummheit seines Lebens begangen hatte, als er dieses dämliche Formular unterzeichnet hatte, und jetzt, wo er gleich etwas mehr über das Wespennest erfahren sollte, in das er sich gesetzt hatte, war er hin- und hergerissen zwischen Besorgnis und verzehrender Neugier. Was war das für ein Film, den man ihm nun vorführen würde? Rosenqvist hatte ihn mitgebracht. Der Colonel machte es ganz spannend und beantwortete keine seiner Fragen. »Ein wenig Geduld noch, Mr Thomas« war alles, was man ihm entlocken konnte, und dabei lächelte er wie ein Vampir vor einer entblößten Halsschlagader ... Ein wenig Geduld ... Gregs Geduld stieß langsam an ihre Grenzen. Plötzlich wurde die Leinwand hell. Bilder erschienen, verwackelt und unscharf. Der Film schien nicht gerade von erstklassiger Qualität zu sein ... Dann sah man etwas Blaues, und das Objektiv richtete sich ziemlich ungeschickt auf eine Art Schwimmbecken. Keinerlei Ton. Das darf nicht wahr sein, dachte Greg, Rosenqvist hat seinen Urlaub auf Video aufgenommen, und jetzt führt er es uns vor ... Gleich werde ich aufwachen, das ist nur ein Alptraum, Mary wird da sein, wir werden zusammen frühstücken und dabei plaudern, und ich werde ihr von diesem idiotischen Traum erzählen, na, da wird sie lachen ... Auf der Leinwand erschien eine graue Flosse, die das Wasser in alle Richtungen durchpflügte. Ein Delphin. Das ist das Bassin, das zu Rosenqvists Labor gehört ... Das Tier erhob sich halb aus dem Wasser, zeigte ein breites Lächeln, das von einem Auge zum anderen zu reichen schien, öffnete das Maul und stieß unhörbare Laute aus. Tursiops truncatus, murmelte Greg, der sich langsam für das, was er sah, zu interessieren begann. Dann kippte das Bild weg, und man sah nun den Beckenrand, an dem mehrere Männer standen, unter denen auch Rosenqvist zu erkennen war. Einer von ihnen trug eine Badehose und sprang ins Becken. Der Delphin drehte eine Runde im Wasser, entfernte sich von dem Mann und schwamm dann zu ihm. Sie sind miteinander vertraut, dachte Greg. Tatsächlich streckte der Mann die Hand aus, und das Tier ließ sich anfassen. Anschließend tauchte es auf den Grund des Beckens, und der Mann tauchte ihm nach.

Was dann kam, vollzog sich mit rasender Geschwindigkeit und ließ Greg auf seinem Stuhl erstarren. Der Delphin schoss plötzlich durch das blaue Wasser auf seinen Freund zu. Ein paar Sekunden lang schäumte das Wasser heftig und verdeckte das Geschehen. Dann sah man den Delphin, wie er sich im Arm des Mannes verbiss und wie wild herumschwamm, wobei er sein Opfer wie eine Marionette hin und her schüttelte. Eine dunkelrote Flüssigkeit stieg langsam an die Oberfläche. In diesem Moment stellte sich das Bild, das schon seit mehreren Sekunden stark wackelte, auf den Kopf. Ein paar Wolken zogen von oben nach unten über die Leinwand, dann wurde sie schwarz.

Man hörte nur noch das kaum wahrnehmbare Geräusch des Projektors, dessen Motor immer noch lief. Der Raum lag für ein paar nicht enden wollende Sekunden im Dunkeln. Greg sah undeutlich die Umrisse von Peter und Rosenqvist, die nebeneinander vor ihm saßen. Dann tauchte die hohe Gestalt des Colonels auf, der etwas abseits auf der rechten Seite gesessen hatte. Er bewegte sich zur Tür. Das Licht ging wieder an.

»Das ist ja schrecklich«, sagte Greg. »Schrecklich und ganz und gar unglaublich ... Delphine greifen keine Menschen an. Nicht einmal, wenn sie bedroht werden ... Noch nie hat man bei ihnen aggressives Verhalten feststellen können ...«

»Tja, hier haben sie es sehr wohl ...«, bemerkte Bosman.

Rosenqvist räusperte sich und ergriff das Wort: »Tatsächlich haben wir hier ein vollkommen atypisches Phänomen vor uns, wenn man von den bisher gemachten Beobachtungen an Zetazeen und speziell Delphinen ausgeht. Doch es handelt sich nicht mehr um einen Einzelfall. Man könnte fast meinen, dass die Ausnahme inzwischen zur Regel zu werden beginnt ...«

Greg starrte ihn entsetzt an. »Was wollen Sie damit sagen?«

»Wenn dies hier auch leider der spektakulärste Fall ist, so ist er doch nicht der Einzige, bei dem wir aggressives Verhalten seitens der von uns gehaltenen Tursiops festgestellt haben ... Wir konnten drei weitere Male feindseliges Auftreten beobachten, das allerdings keine schlimmen Folgen hatte. Ich muss hinzufügen, dass wir nach dem, was dem armen Teddy zugestoßen ist, stärkere Sicherheitsvorkehrungen getroffen haben ...«

»Und was ist aus dem Delphin geworden, der den Mann angegriffen hat?«

»Nach vollbrachter Tat zeigte er ein paar Tage lang Anzeichen von Niedergeschlagenheit ... Wir haben ihn zunächst unter den normalen Bedingungen, unter denen er gehalten wurde, beobachtet, ohne einzugreifen. Danach haben wir einige Experimente mit ihm durchgeführt, um sicherstellen zu können, dass es sich nicht um eine physiologische Störung handelte ...«

»Und?«

»Nichts. Wir haben ihn genauestens untersucht, zuerst in lebendem, dann in totem Zustand; wir haben ihn seziert und analysiert ... Nichts! Zudem wird die Hypothese eines idiosynkratrischen Phänomens dadurch entkräftet, dass wir bei drei anderen Delphinen vergleichbare Verhaltensanomalien beobachtet haben ...«

Peter ergriff das Wort: »Das ist noch nicht alles, Greg. Du musst wissen, dass im Marineland in Miami vor knapp einer Woche ein Tursiops truncatus einen Dresseur, der seit mehr als zwei Jahren mit ihm arbeitet, schwer gebissen hat. Und gestern hat ein Forscher im Aquarium von Vancouver einen Arm verloren ...«

»Das ist wirklich unglaublich! Man weiß doch, dass Delphine sich lieber abschlachten lassen, als einen Menschen anzugreifen! Das habe ich mit eigenen Augen gesehen! Ich war bei den Vorkommnissen auf Yuki Island vor Ort. Sie wissen ja, was dort passiert ist: Die Japaner haben Tausende von Delphinen niedergemetzelt, mit Hieb-‍, Stich- und Stoßwaffen, einen nach dem anderen ... Die Delphine verteidigten sich nicht einmal! Hätten sie es getan, wären die Fischer dabei draufgegangen! Ein Delphin ist nämlich unter bestimmten Umständen durchaus in der Lage, es sogar mit einem Hai aufzunehmen!«

»Enschuldigen Sie«, unterbrach ihn Bosman, »was ist auf Yuki Island passiert? Warum hat man dort Delphine abgeschlachtet?«

»Die Fischer aus der Gegend hatten die Küstengewässer zu stark abgefischt und dadurch eine Fischknappheit verursacht. Auch Delphine ernähren sich ja von Fischen ... Somit standen die Fischer und die Delphine sozusagen miteinander in Konkurrenz, aber das Abschlachtmanöver, das übrigens bestens organisiert und äußerst spektakulär war, hatte vor allem das Ziel, die japanische Regierung weich zu klopfen, damit sie Subventionen gewährte ... Eine Werbeaktion sozusagen ... Ich war damals aktives Mitglied in einer ökologischen Bewegung, und ...«

»Sie behaupten also«, unterbrach ihn der Colonel, »dass sich ein Delphin in seinem ... sagen wir ... normalen Zustand eher umbringen lässt, als dass er einen Menschen angreift?«

»Sehr richtig. Mr Rosenqvist wird Ihnen das bestätigen.«

»Das untermauert in der Tat die Ausführungen, die Mr Rosenqvist gemacht hat, ehe Sie zu uns gestoßen sind ... Meine Herren, muss ich daraus schließen, dass Sie das Phänomen, mit dem wir uns hier beschäftigen, ganz und gar nicht begreifen?«

Peter ergriff erneut das Wort: »Beim momentanen Stand unserer Kenntnisse ist die Situation als Ganzes noch nicht erklärbar, das stimmt ...«

»Nun, Mr Basler, wie wäre es, wenn Sie bei dieser Gelegenheit Ihren Freund über die Situation als Ganzes unterrichten würden ...«

Greg sprang überrascht auf. »Das ist noch nicht alles?«

Peter lächelte ihm zu. »Nein, Greg, es gibt noch etwas anderes, und ich würde dir raten, dich wieder zu setzen.«

»Was ist das für eine Geschichte? Lämmer, die Wölfe jagen?«

»Da liegst du gar nicht so weit daneben! Es geht um unsere lieben vierbeinigen Freunde ... Es ist nämlich so, dass Haustiere, speziell Hunde, wenn auch nur in Ausnahmefällen, plötzlich wild werden und ihre Besitzer oder andere Personen angreifen ...«

Greg schoss das Bild des großen Huskys durch den Kopf, den sein Frauchen als gutmütig geschildert hatte ...

»Was bedeutet das?«

»Das bedeutet, dass unsere Freunde, die Tiere, die Statistiken über den Haufen werfen! Und nicht nur die Wauwaus ... Heute Morgen verzeichnete man auf amerikanischem Staatsgebiet insgesamt dreihundertdreiundfünfzig Tote innerhalb eines knappen Monats ... Und ein paar Tausend mehr oder weniger schwer Verletzte, wobei das nur diejenigen sind, die erfasst wurden ...«

»Darunter meine Wenigkeit«, sagte Greg und zeigte seine verbundene Hand. »Ich wurde letzte Woche von einem Köter angegriffen, der offensichtlich sehr in Rage war, obwohl er, wenn man seiner Besitzerin glauben soll, ein eher liebenswertes Naturell hat ...«

»Na«, bemerkte der Colonel, »das dürfte doch eine zusätzliche Motivation für Sie sein, uns bei der Lösung unseres Problems zu helfen. Für mich ist klar, dass da irgendetwas vor sich geht. Tiere spielen verrückt. Unsere Politiker würden gerne wissen, weshalb. Und was zu tun ist, damit das keine verrückten Ausmaße annimmt ... Bis zum heutigen Tag hat noch niemand bemerkt, wie umfassend das Phänomen ist. Aber wenn die Statistiken weiterhin exponentiell steigen, ist das nur noch eine Frage von Tagen ... An die Arbeit, meine Herren!«

Colonel Bosman schlug die Hacken zusammen und ging.

»Der Typ meint wohl, er sei in einem Hollywood-Film«, murmelte Greg.

Peter lachte höhnisch. »Dann würde ich ein Wörtchen mit dem Drehbuchautor reden ... Weil diese Geschichte total unglaubwürdig ist! Irgendetwas macht diese Tiere völlig wahnsinnig, aber es ist ein aggressiver Wahnsinn, der sich bisher ausschließlich gegen Menschen zu richten scheint ... Ich glaube, es liegt im allgemeinen Interesse, möglichst schnell eine Erklärung dafür zu finden.«

Er öffnete die Tür und bedeutete den anderen, hinauszugehen. »Aber jetzt, meine Herren, möchte ich Ihnen zunächst unseren neuen Arbeitsplatz zeigen!«

7
Manaus, Mittwoch, 11. Juni

Mary hatte das Ende des ungeheuer langen Korridors erreicht und musste sich eingestehen: Sie hatte sich schon wieder verlaufen! Dieses Hotel ist der reine Wahnsinn, sagte sie sich, so etwas habe ich noch nie erlebt! Jetzt wohnte sie bereits eine Woche im Amazonas-Hotel und schaffte es immer noch nicht, sich in den endlosen Fluren des gewaltigen Gebäudes zurechtzufinden. Man sollte sich mit dem Fahrrad darin fortbewegen oder auf Rollschuhen, überlegte sie. Resigniert machte Mary kehrt. Wenn ihr nur jemand begegnet wäre ... Doch der riesige Betonklotz war wie ausgestorben; keine Menschenseele, die sie nach dem Weg hätte fragen können. Das Hotel wirkte unbewohnt, als wären die Menschen, die es erbaut hatten, schon vor langer Zeit von einer Naturkatastrophe hinweggefegt worden ... So war dieses Manaus ... Eine von gefährlichen Schatten bevölkerte Stadt, die von der Erinnerung an einstige Pracht lebte, von der nur noch die Maßlosigkeit und die von einer dicken Schmutzschicht bedeckten Ruinen zeugten ... Mary war müde. Mit Sylvain, dem Assistenten von Professor Legal, war sie eine Woche lang kreuz und quer durch die Stadt gelaufen, um Material zusammenzustellen und Kontakte aufzunehmen. Die Logistik einer solchen Expedition war nicht einfach. Nicht etwa, dass sie aufwändiges Material mitnehmen mussten ... Doch der kleinste Irrtum, die geringste Nachlässigkeit konnten, so harmlos sie auch scheinen mochten, zum Verhängnis werden, wenn man sich mitten im Regenwald befand. Was das anbelangte, hatte der Professor bei ihrer letzten Unterredung äußerste Strenge gezeigt. Er hatte sich über die »Stubenanthropologen« lustig gemacht, die die Amerikaner in seinen Augen waren. »Sie halten Vorlesungen, aber sie gehen nicht vor Ort.« Die ewige Rivalität zwischen den verschiedenen Schulen und Nationalitäten! Schließlich war Diego Legal, anders als sein Name vermuten ließ, Franzose ... Doch in diesem Punkt hatte er vielleicht nicht ganz Unrecht. Sie selbst jedenfalls hatte ihre Universität nie verlassen und war damit unter ihren Kollegen durchaus kein Ausnahmefall, was so weit ging, dass die Ankündigung ihrer Expedition so etwas wie Skepsis hervorgerufen hatte. Mary wusste genau: Ohne die Rückendeckung, die der Name Diego Legal leistete, hätte sie nie die erforderlichen Mittel für dieses Unternehmen bekommen ...

Mary war denselben Weg wieder zurückgegangen und befand sich nun in der Mitte einer Art überdimensionaler Kreuzung, von der ein Dutzend Korridore abgingen, in alle Richtungen und ohne das kleinste Hinweisschild ... Es gab auch eine Reihe von Aufzügen, die merkwürdigerweise alle in diesem Stockwerk stehengeblieben waren und durch deren geöffnete Türen fahles Licht fiel. Alles war menschenleer. Ich bin im Herzen des Labyrinths, dachte die junge Frau. Alle Richtungen sehen gleich aus, doch nur eine ist die richtige ... Bin ich überhaupt im richtigen Gebäudeflügel? Mary hatte die Nase voll von der unfreiwillig komischen Sucherei ... Wenn sie eines Tages von ihren Abenteuern in Amazonien berichten sollte, wäre es romantischer, sich im endlosen Regenwald verirrt und von wilden Früchten und Kleintieren ernährt, als sich in den Korridoren eines Luxushotels verlaufen zu haben! Sie brauchte nur zur Rezeption hinunterzugehen und sich von dort zu ihrem Zimmer bringen zu lassen; sollten diese Machos aus dem hintersten Brasilien doch hämisch grinsen! Mit einem Seufzer steuerte sie auf die Aufzüge zu. Mein Zimmer ... Mein Bett! Schlafen, dachte sie, schlafen ... vielleicht träumen? Bei dieser Reminiszenz (an Shakespeare, wie sie glaubte) musste sie lächeln. Mary hatte keine Angst vor ihren Träumen ... »Glauben Sie an Schicksal?«, hatte Diego Legal sie gefragt. »Ich glaube, dass es keinen Zufall gibt«, hatte ihre Antwort gelautet, »und dass wir alle eine Bestimmung haben ... Doch wir können sie ablehnen oder verfehlen.« Er hatte sie mit seinen ernsten, klaren Augen angeblickt. Welche Augenfarbe hat er eigentlich?, überlegte sie und konnte es nicht sagen. Und doch hatte sie ihn seit ihrem ersten Treffen in Paris vor zwei Jahren dreimal gesehen, und jedes Mal hatten sie sich bis spät in die Nacht unterhalten ... Aber bei Diego waren es nicht die Augen, die sich einem einprägten, sondern der Blick. Das Privileg von Männern, die das Leben im Griff haben und daran gewachsen sind, dachte Mary. In diesem Moment meinte sie diesen Blick auf sich ruhen zu fühlen, der bisweilen ungeheures Wohlwollen mit erschreckend fordernder Strenge in sich zu vereinen wusste ...

Mary wollte gerade in den ersten Aufzug steigen, als sie merkte, dass sie nicht allein war. Halb verdeckt von einem Betonpfeiler, zeichnete sich ein paar Meter links von ihr eine kleinwüchsige Gestalt gegen das Licht ab. Dann fiel ein großer roter Ball auf den Boden und sprang in ihre Richtung. Da trat ein kleines Mädchen aus dem Schatten des Pfeilers und kam langsam auf Mary zu, wobei es sie aus aufmerksamen, tiefschwarzen Augen beobachtete, ohne besondere Vorsicht oder Zurückhaltung, doch mit einer Langsamkeit, die der Kleinen eigen zu sein schien ... Mary wollte ihr zulächeln, doch in ihrem Blick lag ein allzu tiefer Ernst, und so begnügte sich die junge Frau damit, sie einfach zu betrachten. Der rote Ball war bis zu Marys Füßen gerollt, und sie hob ihn auf. Das Kind streckte die Hände aus; Mary gab ihm den Ball. Sie hätte gern mit ihm gesprochen, konnte jedoch kein Wort Portugiesisch. Das kleine Mädchen rührte sich nicht und sah sie immer noch an. Mary holte ein Stück Papier und einen Bleistift aus ihrer Tasche und schrieb ihre Zimmernummer darauf, gefolgt von einem Fragezeichen. Sie reichte dem Kind den kleinen Zettel, das ihn las und sie dann erneut ansah. »Ich habe mich verlaufen«, sagte Mary in ihrer eigenen Sprache. Das kleine Mädchen klemmte sich den Ball unter den Arm, griff mit der anderen Hand nach der von Mary, setzte sich in Bewegung und zog die junge Frau, die ohne zu zögern folgte, in eine bestimmte Richtung. Sie bogen in einen Flur, dann in den nächsten, und langsam kannte Mary sich wieder aus ... Plötzlich ließ das Kind ganz unvermittelt ihre Hand los, begann zu laufen und verschwand am Ende des Korridors.

Reglos verharrte Mary einige Sekunden und suchte den langen, leeren Flur mit den Augen ab. Ihr war, als hätte sie geträumt ... Zugleich verspürte sie in ihrer Brust eine unbestimmte Angst und wünschte sich, das seltsame kleine Mädchen wäre noch da, sagte etwas zu ihr ... Dann ging sie zu ihrer Tür und schloss auf.

Als sie ins Zimmer trat, begann das Telefon zu klingeln.

Dunkelheit senkte sich über Manaus. Mary stand, die Ellenbogen aufs Geländer gestützt, auf dem Balkon und ließ sich vom Lärm der Stadt einlullen, von den Lichtern, die die Nacht durchdrangen, von dem wimmelnden, finsteren, fremden Leben zu ihren Füßen ... Sie brauchte nur noch einzuschlummern, sanft in den tiefen Schlaf zu gleiten, der sich hinter ihren Augen ganz leise heranpirschte ... Es war ein ausgefüllter Tag gewesen, und nun war alles erledigt. Es gab keine Schwachstellen in der Organisation, ganz wie Diego es gewollt hatte. Vor ein paar Minuten hatte Sylvain angerufen und berichtet, dass es ihm gelungen sei, einen Motor für das Boot zu beschaffen. Das nötige Benzin würden sie in der Mission kaufen. Was den Rest betraf ... Sechs Kisten mit Material gemäß der von Diego erstellten Liste standen im Kellergeschoss des Hotels, die Liste selbst lag auf dem Schreibtisch in ihrem Zimmer – drei Blätter, die sie gewissenhaft abgehakt, überprüft und abermals überprüft hatte: ein paar Macheten und Feilen sowie Feuerzeuge, Messer, Nylonfäden, Äxte und Angelhaken, ein paar Dutzend Meter roter Baumwollstoff, polyvalentes Serum gegen Schlangengift, fünf oder sechs Kilo Korallenperlen, Zündhölzer, Kleidungsstücke und die erforderlichen Lebensmittelvorräte für fünf Personen, um sechs Wochen im Dschungel überleben zu können ... Ein buntes Sammelsurium wie in einem Trödelladen, angesichts dessen es Mary schwer fiel, zwischen den für den Fortgang ihrer Expedition und ihre Sicherheit unerlässlichen Gegenständen und den zur Kontaktaufnahme mit den Eingeborenen dienenden ...

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