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Der Weihnachtshund von Venedig

Informationen zum Buch

Ein Hund zum Fest

Zwei ungewöhnliche Helden für ein Weihnachtsmärchen: ein kleiner Straßenhund, der zur Weihnachtszeit in Venedig fast zu erfrieren droht – und der zwölfjährige Maxi, der in Oberbayern jede Nacht um seinen verstorbenen Hund trauert. Doch wie sollen der Niemandshund und der Junge vom Chiemsee zusammenkommen? Zum Glück gibt es das Schicksal – und Penelope, die vom Hundehimmel herabschaut. Sie weiß, dass der Niemandshund genau der richtige ist, um Max zu trösten.

Die anrührende, zauberhafte Odyssee eines Hundes von Venedig nach Deutschland.

Erstes Kapitel

Wie heißt es so schön? Nicht der Mensch sucht sich seinen Hund, sondern der Hund sucht sich seinen Menschen aus. Und ist man erst einmal von einem Hund ausgewählt worden, hat man keine Chance mehr auf ein freies und unabhängiges Leben. Doch wie genau kommt Hund auf seinen Menschen. Nun, Hundebesitzer sind die Opfer einer höheren Macht. Durch sie wird das unsichtbare Band zwischen Hund und Mensch geknüpft. Es sind nicht die entzückenden Fellpfoten eines vierbeinigen Erdenbürgers mit Schnauze und Schwanz, die darüber entscheiden, welcher Mensch zu welchem Hund kommt – es sind besondere Pfoten, Pfoten, die über die Brücke gegangen sind.

Was für eine Brücke, fragen Sie? Keine Brücke aus Stahlträgern zum Anfassen und Draufstehen. Es ist eine für das menschliche Auge unsichtbare Brücke, eine Brücke in allen Farben des Regenbogens. Deshalb heißt die Brücke auch Regenbogenbrücke. Und sie führt weder über einen Fluss noch über eine Schlucht. Sie verbindet auch keine Inseln oder zwei Kontinente, nein, sie ist die Brücke, die von der Erde hinauf in den Himmel führt, direkt ins Land der immer saftig grünen Wiesen, der sanften Hügel, in das Land, in dem Kranke wieder gesund und Alte wieder jung werden.

Dieses Land ist nur Hunden vorbehalten. Und auch nur unter der Voraussetzung, dass sie das Zeitliche gesegnet haben. Sie denken jetzt an Ihren Vierbeiner, haben Tränen in den Augen? Müssen Sie nicht, denn …

… einmal am Tag, zu jener besonderen Stunde, in der die Sonne im Westen allmählich verglüht, während sich der noch junge Mond am Firmament zu zeigen beginnt, versammeln sich alle Hunde aus dem Regenbogenland auf der Brücke. Schnauze an Schnauze, Hinterteil an Hinterteil, Stummelschwanz an langer Rute stehen sie da und blicken nach unten, um zu sehen, ob es ihren Menschen auch wirklich gut geht, die sie aufgrund einer höheren Macht, als sie selbst es sind, verlassen mussten. Wenn ja, kehren sie zufrieden auf die Wiese zurück, spielen, toben, balgen, fressen, kraulen sich gegenseitig das Fell.

Falls nein, wird beraten, was sie dagegen tun können, und zumeist kommen sie zu dem Schluss, dass es das Beste wäre, wenn ihr Mensch einen neuen Hund bekäme. Und da keiner seinen Menschen besser kennt als der eigene Hund, beginnt er sich augenblicklich auf die nicht immer einfache Suche nach dem richtigen Objekt zu machen.

Dabei wird nicht nur die Patenschaft für das ehemalige Herrchen oder Frauchen übernommen. Gelegentlich kommt einem Hund, der den richtigen Lebensabschnittsgefährten für sein altes Herrchen oder Frauchen sucht, dabei auch ein verlorener Mensch unter.

Ein verlorener Mensch ist ein Mensch, dem noch nie das große Glück beschieden war, einen Hund sein Eigen zu nennen. Nun, für diese armen Geschöpfe sorgt unser himmlischer Hund gleich mit. Damit Mensch nicht eines Tages seine letzte Reise antritt, ohne je erfahren zu haben, wie schön das Leben hätte sein können.

Zweites Kapitel

An diesem Sonntagabend – es war der erste Advent – war Penelope, von ihrer Menschenfamilie auch liebevoll Penny genannt, die Neue auf der Brücke. Noch etwas eingeschüchtert stand sie neben all den anderen Hunden, die in sämtlichen Sprachen bellten und sich so auf der Brücke verteilten, dass sie den besten Blick auf ihren Kontinent, ihr Land, ihre Stadt oder ihr Dorf, auf ihre Straße und vor allem auf ihre Menschen hatten.

»Geh kumm, jetzt schau ned so traurig.« Ein frecher Zwergschnauzer aus dem Bayerischen Wald stupste sie an.

»Herzlich willkommen«, knurrte Wolfshund Josef aus München. Penny hatte sich erst einmal unter den deutschen Staatsbürgern eingereiht, da sie deren Bellen verstand – und sich dann nach und nach zu den Bayern vorgearbeitet.

Sie war ein rotes Cockerspanielmädchen, Sternzeichen Löwe, und hatte normalerweise einen höchst eigenwilligen Kopf, der ihr neunzehn glückliche Menschenjahre und drei weniger glückliche Menschenmonate beschert hatte. Denn in diesen letzten drei Monaten hatte sie dem Tierarzt Michael Gruber meist in Begleitung seines besten Menschenfreundes, dem zwölfjährigen Maxi, öfter einen Besuch abstatten müssen, als ihr lieb gewesen war.

»Komm, Penny, komm!« Wenn Penny so gar nicht mehr zu Spritzen, Medikamenten und Fiebermessen im Hinterteil wollte, hatte Maxi sie einfach auf den Arm genommen und in die Tierarztpraxis getragen.

Dabei konnte sich Penny noch genau an den Tag erinnern, als Maxi getragen worden war. Mama Elisabeth hatte ihn mit Papa Vincent eines Tages einfach so nach Hause gebracht. In das idyllische Haus auf der Fraueninsel inmitten des bayerischen Meeres, des Chiemsees. Vor dem Haus ein üppig blühender Bauerngarten. Hinter dem Haus eine Wäschestange, an der die Wäsche duftend und bunt im Wind wehte, und ein Fischernetz für den von Vincent im Morgengrauen frisch gefangenen Fisch.

In einer Tragetasche hatte Maxi gelegen, der sich bei näherer Betrachtung als recht eigenartiges Wesen entpuppte. Zumindest in Pennys Augen. Er hatte zwar vier Pfoten, aber kein Fell. Doch selbst wenn Penny auf einen Nackthund getippt hätte, sah das Wesen doch irgendwie anders aus. Auch sonst verhielt es sich merkwürdig. Es heulte, bellte und jaulte nicht. Nein, es brüllte. Noch nie hatte Penny in ihrem zu diesem Zeitpunkt immerhin schon sieben Jahre dauernden Hundeleben einen Hund so merkwürdige Geräusche machen hören. Dazu kam, dass er nicht von selbst lief. Entweder lag er irgendwo herum – na gut, das machte Penny gelegentlich auch –, oder Frauchen Elisabeth schleppte ihn durch Wohnung und Garten. In einem Tragetuch! Nur wenn das Wesen hungrig an Frauchen Elisabeths Zitzen hing, dann war die Situation in Pennys Augen zumindest einigermaßen normal.

Vincent dagegen bekam immer so einen merkwürdigen Blick, wenn er in den Wagen sah, in dem Welpe Maxi herumgeschoben wurde, weil er selbst nach Wochen und Monaten noch nicht laufen konnte. »Eye, tuzzi tuzzi … toller Bub … wirst amal ein ganz a großer … vielleicht sogar mal einer von Bayern München … ein Fußballer, mein ich …«

Fußballspieler! Im Liegen! Da träumte Vincent wohl vo’ de’ Weißwürscht’, wie man in Bayern so schön sagte. Und Penny wusste, wovon sie sprach. Schaute Vincent im Fernsehen die Bundesliga rauf und runter, saß sie immer neben ihm, höchst fasziniert von dem Ball, der zwischen so vielen Männerbeinen immer hin und her sprang. Maxi würde nie ein Fußballer werden – nie! Außer sie, Penelope, tat das, wozu seine Eltern, offenbar blind vor Liebe, nicht imstande waren.

Penny begann sich um Maxi zu kümmern. Und nach etwa zehn Monaten hatten sie es geschafft. Maxi fing an zu krabbeln.

Danach ging es so richtig los. Penny brachte Maxi bei, wie man herumtobt, spielt, Knochen versteckt und sie wieder ausbuddelt. Nur als sie Maxi zeigen wollte, wie man anständig aus einem Napf fraß, war Elisabeth dazwischengegangen. »Penny, der Maxi ist doch kein Hund. Er ist ein Mensch!«

Ein Mensch? Das, was da ständig auf allen vieren herumkrabbelte, sie am Ohr und am Schwanz zog und unverständliches Zeug vor sich hin brabbelte, sollte ein Mensch sein?

Ein Mensch! Egal. Maxi war größer geworden, aber erst als er etwa zwei Monate später in der Lage war, doch noch zu laufen, und zwar auf zwei Pfoten, hatte es Penny gedämmert, dass Elisabeth und Vincent recht hatten. Maxi war kein missglückter Hund. Er war ein geglückter Mensch. Auch nicht schlecht. Jedenfalls waren sie Freunde geworden und gingen von nun an viele lange Jahre durch dick und dünn.

Wenn Vater Vincent seinen Sohn Maxi von der Fraueninsel mit dem Boot aufs Festland und zum Schulbus brachte, saß Penny als edle Galionsfigur ganz vorn am Bug. Und wenn Maxi nach der Schule in Prien an der Bootsanlegestelle ankam, wartete Penny schon auf ihn. Sie hatten in einem Bett geschlafen, allerdings nur heimlich. Elisabeth stand da nicht so drauf. Sobald sich die Tür des Elternschlafzimmers hinter Elisabeth und Vincent schloss, kroch Penny unter die Decke zu Max. Und glaubte Penny, Maxi habe für den Nachmittag genug gelernt, hatte sie ihm die Pfote einfach mitten aufs Schulheft gelegt.

Freunde – das waren sie gewesen. Wahre Freunde. Sie hatten nicht nur miteinander getobt. Wie oft hatten sie, bei Sonnenuntergang am Seeufer sitzend, miteinander geschwiegen und gemeinsam über das Leben nachgedacht. In der Hoffnung, dass noch viele gemeinsame Jahre vor ihnen lagen. Und wie schnell waren sie vergangen – diese vielen gemeinsamen Jahre! Ein Blinzeln und schon waren sie vorbei. Die Erinnerung trieb Penny Tränen in die Augen.

Sie denken, Hunde weinen nicht? Sie tun es. Aber so, dass wir es nicht sehen. Sie wollen nicht, dass wir ihretwegen traurig sind.

In den letzten Jahren war sie also mit Maxi immer öfter zum Tierarzt vorn hineingegangen und, seit Penny die Hintertür entdeckt hatte, gleich wieder hinaus. Bis zu jenem Tag, an dem die Spritze kam. Schon seit längerer Zeit hatte sich die Beziehung zwischen Maxi und Penny umgedreht. Maxi konnte inzwischen sehr gut laufen, auf dem Sportplatz und beim Fußball war er der Schnellste, so wie von Vincent erhofft, Penny hingegen musste immer öfter von ihm getragen werden, weil ihre Beine nicht mehr mitmachten. Auch an dem Tag, an dem die Spritze kam, hatte Penny es nicht mehr allein geschafft, und Maxi hatte sie, begleitet von Vincent, in die Tierarztpraxis tragen müssen. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte Penny noch gehofft, der Tierarzt werde sie mit dieser Spritze wieder auf alle vier Pfoten bringen, doch dann hatte sie die Tränen in Maxis Augen gesehen und hatte verstanden…

Die Zeit des Abschieds war gekommen.

Trotz ihrer wirklich schlimmen Schmerzen, die sie nicht zeigte, weil sie niemandem Kummer bereiten wollte, war sie mit letzter Kraft auf Maxi zugerückt, hatte den Kopf in seinen Schoß gelegt und ihm mit den Augen versprochen, auch von oben gut auf ihn aufzupassen. Ein letzter Atemzug und – sie hatte Maxi und Vincent, der ihn begleitet hatte, allein gelassen. Für immer. Damals hatte sie ja noch nichts von der Regenbogenbrücke gewusst. Nicht einmal geahnt, dass es diese Brücke gab.

Elisabeth war zu diesem Zeitpunkt schon eine ganze Weile nicht mehr bei ihnen gewesen. Nicht in dem idyllischen Haus und auch nicht mehr auf der Fraueninsel mitten im Chiemsee.

Vor genau einem Jahr hatte sie Vincent, Maxi und die kleine Töpferwerkstatt verlassen, in der sie gearbeitet hatte.

»Ich gehe«, hatte sie nur gesagt. »Ich ertrage die Insel nicht mehr. Es ist alles zu klein. Ich bin Künstlerin, ich brauche die Welt.«

Das fiel ihr nach dreizehn Jahren Inselleben ein. Penny hatte Elisabeth geliebt, aber dass sie so plötzlich gegangen war, das hatte sie nicht verstanden und ihr auch nie ganz verziehen. Sie waren doch immer eine glückliche Familie gewesen – Elisabeth, Maxi und Vincent. Vor allem die gemeinsamen Fahrten auf Vincents Dampfschiff waren etwas Besonderes gewesen. Wenn der Bug das gleichmäßige Wasser nicht nur aufschäumte und teilte, sondern förmlich zerschnitt und eine Wassernarbe hinterließ, bis sich der See hinter dem Dampfschiff wieder zusammenfügte, nur kleine weiße Schaumbällchen hinterlassend. Penny hatte jedoch nicht nur gern Galionsfigur gespielt. Sie war auch für ihr Leben gern geschwommen.

Kein Wasser, das sie nicht anzog wie die italienische Salami, die Elisabeth stets zum Trocknen an das Regal mit den Kräutern hängte, die sie fast alle selbst gesammelt hatte. So sehr Penny auch versuchte, es ihrem Gummiball gleichzutun, der wunderbar hochspringen konnte, die Salami erwischte sie nie. Dafür schwamm sie. Einmal, als sie noch klein war, hatte Vincent sie sogar zum Tierarzt gebracht, weil er fürchtete, es sei etwas mit ihren Hinterläufen passiert. Der Tierarzt hatte gelacht und gemeint: »Ihr Hund hat nur einen Muskelkater vom vielen Schwimmen.«

Lang, lang war’s her! Penny, auf der Regenbogenbrücke, Hinterteil an Hinterteil, Schwanz an Schwanz, seufzte tief aus ihrer Hundeseele heraus und blickte nach unten. So viel Welt, so tief unter ihr, das hatte sie nicht erwartet. Aber auch nicht diese Schönheit, als jetzt, im Winter schon zu früher Stunde, auf der Erde die Muster der weihnachtlich geschmückten Städte und Straßen im tiefen Schnee aufleuchteten.

Schnee, der alles rein machte. Nichts war weißer als Schnee, außer der Sonne vielleicht und ganz sicher dem Göttlichen. Aber Penelope hatte sich jetzt mit dem Irdischen zu beschäftigen.

Noch recht orientierungslos begann sie nach der Fraueninsel zu suchen. Im Sommer ein blühender Garten, wurde sie im Winter zum Märchen. Kein Auto, das die Ruhe störte. Die Wege waren schneebedeckt ebenso wie die Dächer der niedrigen malerischen Häuser. Der Inselladen, in dem es bei Martha fast alles zu kaufen gab. Die Töpferei mit seinem wunderbaren alten Handwerk, in der Elisabeth beschäftigt gewesen war.

Jetzt waren die Bohlen am Steg vom Eis überzogen, und die Chiemseeschiffe, im Sommer schwer beladen mit Touristen, legten seltener an.

»Ich finde sie nicht«, jammerte Penny. »Ich finde die Fraueninsel nicht.« Doch Hundeseelen sind einfache Seelen und schon gar nicht vollkommen. Keine von ihnen, die aus aller Herrchen Länder stammten, interessierten sich für ein winziges Eiland in Bayern. Weder Schäferhündin Stella aus Argentinien noch Martha, ein rumänischer Mischling, oder Tarek, ein Boxer aus der Türkei. Sie interessierten sich aber für Penny und fragten sich, weshalb sie Tränen in den Augen hatte. Ein paar von ihnen trotteten zu ihr hinüber und scharten sich um den Neuankömmling. »Ich wäre so gern noch wenigstens über Weihnachten geblieben«, seufzte Penny, und ihre Augen wurden noch dunkler und noch feuchter.

»Sei froh, dass der Tierarzt dich erlöst hat«, knurrte Boxer Tarek. »Oder hättest du noch länger bei jedem Schritt einknicken wollen? War’s dir nicht peinlich, dass du am Ende nicht mal mehr eine einzige Stufe allein geschafft hast? Und diese Schmerzen … brrr …« Tarek wurde allein schon von der Vorstellung so sehr geschüttelt, dass sein Speichel spritzte, von der Brücke tropfte und irgendwann zu kleinen Eiskristallen gefror.

»Aber Max vermisst mich«, gab Penny unglücklich zurück. »Er weint sich jeden Tag in den Schlaf.«

»Du heulst dich doch auch jeden Tag in den Schlaf«, mischte sich nun Stella, die Schäferhündin, ein.

»Such für ihn nach einem neuen Hund, dann geht’s ihm gleich wieder besser.« Das war Klicka, eine kleine Speedy Gonzales, das heißt ein Chihuahua-Mädchen aus Kelheim an der Donau.

»Nie wieder wird er eine so gute Freundin bekommen wie mich.« Penny gab nicht auf.

»Sei nicht so eingebildet.«

»Ich belle nur die Wahrheit.«

»Jeder ist zu ersetzen. Auch du!«

Penny zog den Schwanz ein, verließ gekränkt die Brücke und schwor sich, mit all ihrer Kraft zu verhindern, dass ein anderer Hund ihren Platz einnahm. Da konnten die anderen bellen, wie sie wollten.

Nicht mit ihr.

Sie war nicht freiwillig gekommen, und sie würde sich auf Teufel komm raus widersetzen, so wie sie es auch schon als Lebewesen getan hatte, wenn ihr etwas nicht passte! Und auch wenn es im Regenbogenland zu ihren neuen Aufgaben gehörte, sie würde für Max keinen neuen Hund finden. Sie nicht!

Penny hatte noch nicht zu Ende gedacht, da geschah etwas, was sehr selten vorkam und daher fast einem Wunder glich. Es fing wieder an zu schneien. Das ist im Winter normal, sagen Sie, ja, das ist es, in der Schweiz, in Bayern, in Österreich, in Südtirol, nicht aber in Venedig, der Serenissima, der wunderbaren italienischen Lagunenstadt, und hätte es auch in dieser Nacht zum Montag nicht geschneit, hätte diese Geschichte vermutlich nie so stattgefunden, und Penny wäre mit ihrer Weigerung durchgekommen, für Maxi einen neuen Hundefreund zu finden.

Drittes Kapitel

Bisher war die Welt von Nessunodicane perfekt gewesen. Der kleine Niemandshund lebte nicht nur in Venedig, dieser wunderbaren Stadt, die ihresgleichen sucht. Vor allem im letzten Schimmer des Tages, wenn sie dalag, eingesponnen in seidige Farben, von Wasser umspült. Nessuno, so wurde der Niemandshund kurz und knapp von all denen genannt, die sich nicht nur um eine, sondern um seine vier Pfoten wickeln ließen, Nessuno hätte an keinem anderen Ort der Welt leben wollen. Er, der kleine Zottelmix, eine nicht unbedingt edle Variation diverser Rassen, hineingeboren in eine Hundefamilie, die sich vor allem durch eine Eigenschaft auszeichnete – einen riesengroßen freien Geist.

Das heißt, die männlichen Mitglieder von Nessunos Familie waren Freigeister, die weiblichen dagegen eher das, was man unter höheren Töchtern versteht. Sie wohnten in den Palazzi, streiften durch die wunderbaren Gärten am Canale Grande, sie waren wohl genährt, und ihr Fell glänzte in der Sonne, so dass es die Augen derer blendete, die durch die venezianischen Gassen zogen, immer auf der Suche nach Fressen und einem amourösen Abenteuer.

Ja, es waren verwegene Kerle, die venezianischen Straßenhunde, so manches Höheretöchterweibchen erlag ihrem Flehen und ihrem Charme und wurde mit einem dicken Bäuchlein zurückgelassen, was dazu führte, dass die menschlichen Besitzer die Hände über den Köpfen zusammenschlugen und riefen: »Oh dio mio!« Vor allem wenn aus den Bäuchen drei, vier, fünf oder auch sechs entzückende Hundewelpen purzelten. Meist ein kunterbunter Rassemix mit noch vor der Schönheit Venedigs verschlossenen Augen. Die Besitzer fluchten dann weiter, man solle alle Straßenhunde aus Venedigs Gassen vertreiben oder die räudigen Köter zumindest zwangssterilisieren …

Sobald sie jedoch ausgeflucht hatten, zogen sie die Welpen liebevoll auf, und der eine oder andere durfte sogar bleiben. Auch Nessuno hätte bleiben können. In einem Palazzo mit Luxuskörbchen, Luxushalsband, täglichem Gassi geführt werden an einer Luxusleine und eigens auf Größe, Körpergewicht und Alter abgestimmte Luxusnahrung. Er hatte auf Hundehimmelbett und Rindersteak ebenso verzichtet wie auf das tägliche Duschen mit nach Rosen duftendem Hundeshampoo.

In Nessuno steckte nun einmal der Abenteuer- und Freigeist seines Vaters, Großvaters und Urgroßvaters. Manche behaupteten sogar, er sei in direkter Linie verwandt mit Marco Polo beziehungsweise einem seiner Hunde, wobei nicht einmal überliefert ist, ob Marco Polo überhaupt im Besitz von Hunden gewesen war. Und Nessuno war auch nicht besonders scharf darauf, monatelang übers Meer zu segeln bis nach China. Ihm reichte es, die Galionsfigur auf der Gondel von Gondoliere Peppino zu spielen. Peppino war einmal Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie gewesen. Als die Universität jedoch von ihm verlangt hatte, sich zwischen der Professur und der Arbeit als Gondoliere zu entscheiden, hatte er sich für seine Gondel entschieden.

»Gondola, Gondola«, rief er im Chor mit anderen Gondolieri den vorbeiziehenden Touristen zu. Sie riefen, sie fluchten, stritten, sie sangen. Marco, der Dicke, der, wenn es heiß war, lieber in seinem Liegestuhl dahindämmerte, als zu arbeite und dabei lautstark Opernarien hörte. Oder Stefano, ein muskulöser Schönling und Frauenschwarm, er sang den ganzen Tag und redete, wenn er nicht sang. Egal was. Hauptsache, irgendwelche Worte purzelten aus seinem Mund. Man musste ihn nicht verstehen. Er verstand sich selbst nicht. Die wirkliche Sensation für die Touristen aber war Nessuno.

Mit Peppino fuhr Nessuno die Kanäle Venedigs rauf und runter. Immer denselben Bogen rund um die Griechenkirche San Giorgio. Er erntete Beifall von den Touristen, wurde wie wild fotografiert, nur eines durfte die Gondel bei diesen Fahrten nicht: Sie durfte nicht zu stark schaukeln. Denn Nessuno hatte ein Problem. Er wurde nicht nur seekrank, vor allem war er wasserscheu. Allein schon die Berührung mit Wasser wäre sein Untergang gewesen. Und nicht nur sprichwörtlich. Er war sicher, wenn er nur ein einziges Mal ins Wasser fiele, würde sein Herz aussetzen und er nie wieder auftauchen.

Nie hätte er gedacht, dass ausgerechnet seine Scheu vor Wasser sein Leben so eklatant verändern und er etwas auf sich nehmen würde, was er nicht einmal seinem schlimmsten Feind gewünscht hätte. Die Alpenüberquerung im Winter. Wobei er die Alpen nicht so richtig überquerte, sondern sich doch eher die modernen Verkehrsmittel zunutze machte.

Die eklatante und grundlegende Veränderung in Nessunos Leben begann am ersten Tag im Advent.

Gerade noch lag er geborgen in einer kuschligen Holzkiste, geschützt von einer alten Decke, vor Signorina Chiaras Werkstatt, in der sie kunstvolle venezianische Masken herstellte, und blinzelte in den aufgehenden Morgen. Da wirbelte etwas herum.

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