Logo weiterlesen.de
Der Weg des Bösen

Der Weg des Bösen- Sibylle Meyer

2. Auflage

© Sibylle Meyer

-Alle Rechte vorbehalten-

Diese Geschichte ist reine Fiktion. Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.

Umschlaggestaltung: Sibylle Meyer

Titelbild: Viktoriapark /Kreuzberg- Berlin

Der Weg des Bösen

Obwohl gerade in Berlin der April zumeist regnerisch und dunkel war, lachte die Sonne heute am strahlendblauen Himmel und tat genau so, als wenn es mitten im Hochsommer wäre. Die große Stadt wirkte dadurch bei weitem freundlicher, als sie es in den letzten Tagen getan hatte. Eigentlich waren die letzten beiden Wochen nur verregnet und hatten von Unfreundlichkeit nur so getrotzt.

Eva Härtling stand am Fenster und blickte hinab auf die belebte Straße. Die Menschen, die dort unten umherliefen, genossen den warmen, angenehmen Wind und die Freundlichkeit des Tages. Jedenfalls dachte Eva, dass es so war. Die ersten warmen Sonnenstrahlen nach kalten Tagen wurden doch immer begrüßt, oder etwa nicht? Nur Eva hatte heute kaum ein Auge für das Wetter und den strahlendblauen Himmel. Stattdessen starrte sie aus tränenüberströmten Augen aus dem Fenster, drehte sich dann wieder abrupt um und lief ziellos durch ihre Wohnung.

Eva war meistens gerne zu Hause. Sie war stolz auf ihre Zweizimmerwohnung im Herzen von Kreuzberg, die sie sich selbst nach eigenem Geschmack liebevoll eingerichtet hatte. Eine dunkelrote Couchgarnitur aus Lederimitat, dazu passend einen Tisch aus Buchenholz, der allerdings einen Anstrich erhalten hatte, dass es schien, er wäre aus echtem Mahagoni und ein hellgrauer Schrank aus Birkenholz bildeten die hübsche Einrichtung.

Eine urig moderne Lampe und helle Auslegware, die sie billig bei Domäne erstanden hatte, verliehen ihrem Wohnzimmer einen Hauch von Eleganz und Modernität. Sie lebte gerne hier. Die Menschen hier waren herzhaft natürlich; nicht so snobistisch veranlagt, wie in der Gegend, in der Eva aufgewachsen war und in der immer noch ihre Mutter lebte.

Sie war froh gewesen, den immer neugierigen Blicken und dem ständigen Naserümpfen der Nachbarn ihrer Eltern entkommen zu sein.

Eva war in einer der reichsten Gegenden Berlins aufgewachsen, in der niemand zu leben schien, der nicht zumindest einen Doktortitel vorzuweisen hatte. Natürlich gab es auch einige, denen einfach das Glück zu Wohlstand verholfen hatte, aber die waren dann am aller schlimmsten.

Nur nicht aus der Rolle fallen, war ihre Divise. Nein, diese Einstellung hatte ihr nie gefallen, und als sie dann endlich über ein Alter verfügt hatte, wo man sich von seinem Elternhaus loseisen konnte, ohne dass es zu sehr nach Flucht aussah, und als sie dann auch über genügend Eigenkapital verfügt hatte, um sich diese Wohnung leisten zu können, hatte sie schnell ihren Koffer gepackt, und war gegangen. Wenn Eva jetzt an ihr damaliges Zuhause dachte, konnte sie nur mit dem Kopf schütteln. Dort hatte sie immer das Gefühl gehabt, von allen anderen ausgeschlossen zu sein. Warum eigentlich? Auch ihre eigene Familie war nicht gerade arm. Auch sie besaßen eine zweistöckige Villa und ein größeres Grundstück.

Vielleicht war ihr Vater daran schuld? Er war ausgezogen und ihre Eltern hatten sich scheiden lassen, als Eva zehn Jahre alt gewesen ist. Eva war damals sehr traurig gewesen, daran konnte sie sich noch gut erinnern. Heute fragte sie sich allerdings, wie diese beiden doch so grundverschiedenen Menschen, überhaupt eine Ehe hatten führen können. Ihre Mutter war die Tochter einer steinreichen Professorenfamilie, die oftmals sogar für die höchste Prominenz tätig gewesen war. Ihre Mutter selbst erhielt ihren eigenen Professorentitel in Geografie, als sie nicht älter als dreißig war. Ihr Vater war ein kleiner Arbeiter gewesen, und ihre Mutter hatte Zeit ihrer Ehe versucht, ihm eine bessere Stellung zu verschaffen, die er allerdings gar nicht haben wollte. Darum hatten sie sich getrennt, und die einzige, die über diese Trennung geweint hatte, war Eva gewesen.

Trotzdem, oder vielleicht sogar weil ihre Eltern getrennt waren, hatte sich ihr Verhältnis zu ihrem Vater nur noch

liebevoller entwickelt. Eva liebte ihren Vater, und vielleicht war das der Grund gewesen, dass sie sich im Hause ihrer Mutter immer so fehl am Platze gefühlt hatte. Trotzdem hatte sie Jahre lang versucht, ihrer Mutter alles Recht zu machen;

Eva war aufs Gymnasium gegangen, hatte ihr Abitur gemacht und angefangen Literatur zu studieren. Allerdings nur vier Semester lang. Dann hatte sie ihrer Mutter wohl den größten Schock verpasst, als sie nicht nur ihr Studium schmiss, sondern noch dazu bei der Schwester ihres Vaters in die Lehre ging. Aber sie war als Friseurin hundertmal glücklicher, als sie es jemals in einer der vielen Vorlesungen auf der Uni gewesen war. Aber vielleicht war der Grund auch nur, weil dort eines der wichtigsten Dinge waren, immer den Garten grüner zu haben, das Haus sauberer und das Auto größer. Falls die Menschen, die hier wohnten, dieses Spiel des gegenseitigen Ausstechens ebenfalls kannten, geschah es in viel kleinerem, bescheidenerem Rahmen, und man musste erst hinter die Fenster sehen. Hier geschah kein Protzen auf offener Straße, hier hatte keiner Angst, dass ein Fremder, der nur zufällig vorbei kam die Nase rümpfte nur weil der Garten, vor der Haustür nicht die teuersten Pflanzen und Steinanlagen aufzuweisen hatte. Als Eva dann auszog um sich ihr eigenes Leben aufzubauen hatte ihre Mutter ihr sämtliche finanzielle Unterstützung gestrichen. Aber Eva war das egal gewesen. Sie war stolz darauf, aus eigenen Kräften und mit eigenem Geld ihr Leben zu meistern.

Wenn sie nun hier aus ihrem Fenster schaute, das in der vierten Etage lag, fiel ihr Blick auf schöne, alte Häuser und eine belebte Straße.

Auf dem breiten Mittelstreifen standen mächtige alte Bäume.

Zumeist Kastanien, die im Herbst in goldroten Farben leuchteten. Das geschäftige Treiben, das erst vollkommen ungewohnt für sie gewesen war, hatte ihrer Seele gut getan.

Es hatte aus ihr, zumindest nach eigenem Empfinden, einen normalen, unkomplizierten Menschen gemacht.

Doch heute wusste sie nicht recht, ob ihr Heim nun Zuflucht oder Gefängnis war. Sie fühlte sich so mies!

Niedergeschlagen und verzweifelt suchte sie nach einem Grund. Ihr Blick fiel auf ihren Spiegel. Für einen kurzen Moment hörte sie auf zu schluchzen und widmete sich, voller Aufmerksamkeit, ihrem eigenen Spiegelbild. Eva war vor ein paar Tagen fünfundzwanzig geworden, doch heute wirkte sie bei weitem älter. Ihre Finger zeichneten die dunklen Ringe, die sich unter ihren Augen gebildet hatten, nach.

Dann tasteten sie sich über ihren Hals, ihre Taille, bis zu ihrem Bauch. Hatte sich schon etwas an ihr verändert?

fragten ihre Augen, die sie aus dem Spiegel heraus kritisch anstarrten. Unsinn! Schnippisch zog sie ihre schmale Nase kraus, wandte sich schlagartig wieder um und nahm ihren unruhigen Spaziergang durch ihr Wohnzimmer wieder auf. Das einzige, das ihr wiederholtes Schluchzen, das zwar mittlerweile tränenlos blieb, übertönte war Terry Yacks Stimme, die zum hundertsten Male Season in the sun erklingen ließ. Eva hatte ihren CD-Player auf Wiederholung gestellt. Warum sie das getan hatte, und warum sie sich diesen Song immer noch anhörte, hätte sie nicht sagen können. Die Musik tat ihren Nerven nicht gut. Im Gegenteil, alles wurde durch dieses Lied nur noch schlimmer! Dennoch versagten ihre Hände ihr den Dienst, wenn sie die Musik abstellen wollte. Evas Hände glitten durch ihr mittelblondes Haar und über ihr heißes Gesicht. Ihr Kopf war leer. Leer von all den Tränen, die sie seit gestern vergossen hatte. Erschöpft ließ sie sich auf einen Sessel fallen. Langsam machten ihr Kopfschmerzen zu schaffen. Sollte sie sich darüber wundem? Sicher nicht!

Plötzlich vernahm sie das Klingelzeichen an ihrer Wohnungstür. Aus leergeweinten Augen starrte sie ungläubig in ihren Flur. Unfähig sich zu bewegen. Erst als der Klingelton zum vierten Male erklang, raffte sie sich endlich auf. „Moment bitte!" kam es kläglich und leise aus ihrer wunden Kehle.

Niemals zuvor war ihr eine einzige Bewegung so schwer gefallen! Dabei war sie doch Minuten vorher noch durch die ganze Wohnung gehetzt!

Mit bleiernen Gliedmaßen erhob sie sich schwerfällig aus ihrem Sessel und stolzierte mit steinernen Beinen, zur Wohnungstür. Der Besuch schien mittlerweile seinen Finger nicht mehr von der Klingel zu bekommen. Der Ton ging ihr auf die Nerven. Trotzdem schaffte sie es nicht, ihren Füßen einen schnelleren Gang zu befehlen. Endlich hatte sie die Klinke in der Hand.

Bernd, ihr langjähriger Freund und seit zwei Jahren auch Kollege, starrte sie verdattert an.

"Ich glaube, du hast auch schon mal besser ausgesehen!

Ist was nicht in Ordnung?" stammelte er verlegen. Aus ratlosen Augen blickte er sie einen Moment an. Doch dann nahm er das aufgelöste Mädchen nur in seine Arme und drückte sie sanft.

Eva hing in seinen Armen wie eine Puppe. Bernd glaubte beinahe sie atme nicht einmal mehr. Doch dann traten neue Tränen in Evas hübsche, blaue Augen und ein neuer Schwall haltlosen Schluchzens ließ ihren schlanken Körper beben.

"Was ist denn nur los? Hey, erzähl schon!" forderte Bernd sie liebevoll auf. Er hätte nicht gedacht, dass sie ihn verstehen könne, so laut war ihr Weinen geworden.

Vorsichtig schob er sie erst einmal zurück in ihre Wohnung und schloss die Tür.

"Dieser verdammte, bepisste Scheißkerl!" würgte Eva schließlich hervor.

Bernds Augen wurden groß. Solche Ausdrücke nahm Sie sonst niemals in den Mund. Was war denn nur los?

"Burkhard?" fragte er ungläubig.

Evas Kopfnicken folgte seiner Frage, noch ehe er die erste Silbe ausgesprochen hatte. Noch dazu war es so heftig, dass Bernd nun schon Angst haben musste, sie würde buchstäblich ihren hübschen Kopf verlieren.

"M' ich verstehe! Ihr habt euch also gestritten?!- Aber Hey, das soll vorkommen! In den besten Beziehungen! Aber das ist doch kein Grund, gleich das Ende der Welt voraus zu sagen!"

Bernd setzte ein schiefes Grinsen auf, das ihm aber nicht so richtig glücken wollte und blitzte Eva spitzbübig an. Doch Evas Augen blieben leer und seltsam starr. Es kam keinerlei Reaktion auf sein aufmunterndes Lächeln. Auch Bernds Mundwinkel zogen sich gezwungen wieder zurück.

"Also doch so schlimm?" konnte er nur dumm fragen. Etwas anderes fiel ihm jetzt auch nicht mehr ein. Was nützten alle guten Worte? Liebeskummer musste nun mal jeder alleine meistern! Dennoch verstand Bernd eigentlich immer noch nichts.

Doch da stammelte Eva erregt:

"Er hat Schluss gemacht! Er hat eine andere! - So 'ne verfluchte rothaarige Hexe! - Diese dreimal verfluchte Schlampe...! " Evas Stimme hatte jetzt einen heiseren, und doch schrillen Klang angenommen. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt, so dass ihre Fingernägel sich tief ins Fleisch gruben. Ruckartig löste sie sich aus seiner leichten Umarmung und lief rückwärts einige Schritte. Vor ihrem Spiegel blieb sie dann plötzlich wieder stehen, starrte hinein und begann auf einmal wie besessen zu lachen.

"Da, „ schrie sie und zeigte auf ihr Spiegelbild, "Da, sie dir das an!" Blitzschnell, mit einer kraftvollen, schnellen Drehung fegte sie plötzlich ein Bild, einen Parfümflakon und alles Mögliche, das sich noch auf ihrer Konsole befand, zu Boden.

Wut war in ihr Gesicht getreten. Keine Verzweiflung mehr, eher eine wahnsinnige, alles zerstörende Wut! Bernd trat erschrocken einen Schritt rückwärts und beobachtete sie aus erstaunt aufgerissenen Augen. Eva starrte für Sekunden auf die Parfumflasche, deren Inhalt sich jetzt auf dem Parkettboden ergoss und das Foto von Burkhard, dessen Glas nun einen Sprung quer über sein Gesicht zeigte. Noch einmal fuhr ihre Hand hoch, zur Faust geschlossen schlug sie auf ihren Spiegel ein. Ein knirschendes Geräusch verriet, dass auch dieses Glas jetzt aufgegeben hatte. Vier große Stücke

Spiegelglas kippten, wie in Zeitlupe, nach vorne und zerbarsten vollends auf dem Holzboden. Die Scherben deckten den ganzen Fußboden ab. Doch das Geräusch, des berstenden Glases, hatte Eva wieder zu Besinnung gebracht.

Zitternd starrte sie auf ihr Zerstörungswerk.

Bernd war nun ganz und gar fassungslos. Erst nach einigen Sekunden, in denen er Eva nur beobachtete, während sie noch immer auf den Boden starrte, fiel sein Blick auf Evas Hand. Ein Strom roten Blutes ergoss sich daraus auf die glitzernden Scherben. Jetzt endlich kam wieder Bewegung in Bernd. Er schüttelte mit dem Kopf, um dann aber gleich ins Badezimmer zu stürzen, und mit einem Handtuch und einem Lappen wieder zu kommen.

"Mann oh Mann“, murmelte Bernd nur, während er das Handtuch um ihr Handgelenk schlang.

Dann sah er sich wieder dem zertrümmerten. Spiegel gegenüber.

"Nun wirst du wirklich Pech haben! Sieben Jahre.. Hat ja bereits angefangen. Ganz schön tiefer Schnitt, den du dir da zugezogen hast! - Ich glaube, ich werde dich zu einem Arzt fahren. Muss bestimmt genäht werden.“ Ungläubig schaute Eva auf ihre Hand. Unter dem dicken Handtuchverband sickerte langsam etwas Blut durch. Doch nun musste Eva doch grinsen.

"Typisch Schwuchtel!" meinte sie dann nur. " Wegen jedem bisschen gleich zum Arzt.." Evas Augen sahen ihn wieder ganz normal an. Na, wenigstens hatte sie sich wieder beruhigt. Schnippisch warf sie jetzt ihren Kopf in den Nacken und meinte spitz:

"Pah! Konnte das auch schon mal besser!"

"Was meinst du?" fragte Bernd, erstaunt über diese unerwartete Wandlung.

"Na, Spiegel zerschlagen. Du hättest mich eben als Teenie kennen müssen. Da hätte ich sicher nicht einen Kratzer abbekommen." Sagte sie und ließ dabei völlig außer Acht, dass Bernd sie ja bereits als Kind gekannt hatte.

Eva wandte sich jetzt ihrem Wohnzimmer zu und setzte sich hin. Bernd tat es ihr nach und nahm neben ihr Platz. Eine Weile saßen sie nur schweigend da, dann schüttelte Eva den Kopf und meinte leise:

"Eigentlich hatte ich ja gedacht, ich hätte mir solche Unarten abgewöhnt. Schließlich muss ich ja jetzt alles allein bezahlen.

Ist doch viel zu teuer! -- Aber vielleicht gehören solche Unarten einfach zu einer Schwangerschaft. Was meinst du?" Eva schüttelte wieder den Kopf. Diesmal nur heftiger. Sie rollte ihre Schultern, als beabsichtige sie ihre Muskeln zu locken. Doch dann fielen ihre Schultern wieder nach vorne und sie sackte in sich zusammen.

Ungläubig überrascht, vielleicht auch schockiert, starrte Bernd sie an.

"OH Evi, das ist es also! -- Du bist schwanger?!-- Dieser verfluchte Typ! -- Sag mal, weiß er es überhaupt? Lässt du es weg machen? Du willst doch das Kind nicht behalten, oder? Irre Situation!" Bernd war nun völlig durcheinander. Was sollte er dazu sagen. Er wusste nicht, wie man mit solch einer Situation umgehen sollte!

Aus wieder tränenfeuchten Augen blickte Eva ihn nun direkt an. Dann stahl sich wieder ein Lächeln in ihr Gesicht.

"Mensch, du tust ja gerade so, als solltest du das Kind bekommen!" Ihre Hand wischte die letzten Tränen fort und ihr Lächeln wurde jetzt sogar freier.

Bernd atmete sichtlich auf. So gefiel sie ihm schon besser.

Jetzt glich sie mehr der Eva, die er kannte.

"Was hast du denn jetzt vor? Mit dem Kind.. meine ich. "

Eva blickte kurz zu Boden, dann zuckte sie nur die Schultern.

„Ich weiß nicht! Ich muss noch darüber nachdenken. - Aber ich weiß, was wir jetzt machen!" Sie ließ ein stockendes Lachen erklingen.

„Ich gehe jetzt da rein“, Sie zeigte bestimmt auf die Badezimmertür, „und werde sehen, dass ich mich einigermaßen wieder herrichten kann. Du könntest ja vielleicht, in der Zwischenzeit, die Scherben etwas zusammen fegen. Bist du so lieb?" Jetzt zog sie eine Grimasse, die Bernd ein amüsiertes Grinsen entlockte.

„Und dann gehen wir aus. Ich finde, das sollte alles gefeiert werden. Ich lade dich ein! - Mal sehen… Vielleicht erst mal gut essen gehen, und dann vielleicht Billard? Wie wär's?

Oder nein! Wir gehen tanzen! Was hältst du davon?" Eva schaute Bernd an. Doch in ihrem Blick war keine Frage.

Ihre Augen verrieten, dass ihr Vorschlag bereits abgemachte Sache war. Bernd kam sich unsicherer denn je vor. Seine Augen spiegelten Überraschung und Ratlosigkeit wieder.

Beides in gleichen Maßen. Doch dann nickte er nur stumm.

Sein Blick schien zu sagen: Verdammt! Lerne einer die Frauen kennen! Eva musste lachen. Doch dann sagte er:

"Klar doch! Mann, das nenn ich einen Stimmungswechsel!"

Während Eva sich im Bad fertig machte, dachte sie an Bernds überraschtes Gesicht. Sie fragte sich, ob überhaupt ein Mann jemals eine Frau verstehen würde. Eva band sich ihre langen Haare zu einem Zopf, den sie mit einer silbernen Spange zusammen hielt. Dann trug sie das Make-up sorgfältig auf. Nachdem sie auch noch etwas Schminke benutzt hatte, betrachtete sie ihr Gesicht selbstsicher im Spiegel. Ihre dicken Augenringe waren gekonnt weggeschminkt. Sie konnte zufrieden sein. Was nur fand Burkhard an dieser anderen?

Als sie dann bereits nach wenigen Minuten, aus dem Badezimmer trat, hörte sie auch Bernds anerkennendes Pfeifen. Das tat er nicht gerade oft. Er war einfach nicht der Typ, für Komplimente, und erst recht nicht bei einer Frau.

"Man hat ja nicht umsonst einen Kosmetikkurs absolviert!" sagte sie lachend und streckte ihre Nase provozierend in die Luft.

Hätte Bernd nicht selbst diesen Ausbruch von Leid und Wut erst vor wenigen Minuten miterlebt, hätte er geglaubt, alles sei in bester Ordnung.

Eva führte ihn als erstes in ein Restaurant, wo sie ihre Schwangerschaft allerdings tatsächlich unter Beweis stellte.

Bernds Augen wurden immer größer, angesichts des vielen Essens, das Eva heute in sich hinein stopfte. Normaler weise war er es immer, der viel zu viel aß. Nicht selten tat es ihm Tage später wieder leid. Wenn er zum Beispiel, seinen dicker gewordenen Bauch einziehen musste, um überhaupt in seine Jeans zu passen. Doch heute konnte er nur zusehen. "Irgendwie merkt man wirklich, dass du schwanger bist!" konnte er sich dann nicht verkneifen fest zu stellen.

Eva zog für Sekunden einen Schmollmund, aß aber dann unbekümmert weiter.

"Vielleicht!" nuschelte sie nur, während sie den Mund noch voller Eis hatte. "Aber vielleicht ist das auch nur dieses berüchtigte Wutfressen. Soll's ja geben! Aber jetzt bin ich auch wirklich satt. Sonst kann ich mich ja nachher nicht bewegen. Schließlich wollten wir ja tanzen gehen! Früh genug werde ich wohl sowieso zu schwerfällig werden. Mir graust es schon jetzt, bei dem Gedanken!"

"Du willst es also doch behalten? Ohne Vater?"

"Sch... drauf Wer braucht denn schon einen Vater?!" schnippisch pustete Eva los. Dann wischte sie dieses leidige Thema mit einer kurzen Handbewegung vom Tisch, bevor sie den Ober heran rief.

Eva zahlte und sie verließen das Lokal. Bernd nahm sich vor, heute lieber nicht mehr zu viel zu sagen. Wer konnte schon wissen, wie Eva die Worte heute aufnehmen würde. Er beschloss, sie einfach entscheiden zu lassen. Innerlich nickte er sich selbst anerkennend zu. Vielleicht kam er ja doch mit solch einer Situation ganz gut zurecht?

Eva ließ den Taxifahrer vor einer Disco in der City halten.

Nach einer halben Stunde hatte Bernd dann doch das Gefühl es könne ein angenehmer Abend werden.

2

Nach anfänglichem Schweigen, in das beide verfallen waren, lockerte sich die Stimmung doch zusehends. Eva schien sich bester Laune zu erfreuen. Sie lachte und wirbelte auf der Tanzfläche herum, so als hätte es die Ausbrüche zu Hause gar nicht gegeben. Die meisten Gäste der Diskothek, hielten sie beide wohl für ein Pärchen der Traumfabrik. Bernd musste innerlich schmunzeln. Für ihn war das Ganze etwas seltsam und ungewohnt. Dennoch genoss er dieses Spiel, was ihn allerdings selbst wunderte, schließlich verkehrte er ansonsten in ganz anderen Kreisen! Aber so langsam taten ihm auch die Beine weh, und er strebte wieder der Sitzecke zu. Eva dagegen schien überhaupt nicht genug bekommen zu können. Sie konnte gut tanzen; das musste selbst Bernd zugeben. Jetzt, so allein auf der Tanzfläche, fehlte es Eva auch nicht an gut aussehenden Männern, die vielleicht sogar versuchten mit ihr anzubändeln. Eva lachte nur und wirbelte weiter über ihre eigene Bühne. Bernd hob sein Glas und ließ sich das köstliche, kühle Bier durch die durstige Kehle laufen. Lächelnd lehnte er sich zurück und beobachtete Eva und die Männer, die sich um ihre Gunst zu reißen schienen.

Natürlich beobachtete er aber meistenteils die Männer. Normalerweise hätte es ihn gestört, sich diesem Teil nicht ganz und gar hingeben zu können. Doch Eva schien wohl doch etwas zu viel getrunken zu haben. Das konnte er an ihrem Gesichtsausdruck ablesen.

Irgendwie beunruhigte ihn das. Eigentlich war es nicht seine Art, dermaßen auf sie acht zu geben. Na ja, diesmal war doch etwas anders als sonst, sie war schließlich schwanger. Hieß es nicht immer, Alkohol würde dem Kind schaden? Und sie wollte es doch behalten, oder etwa doch nicht? Etwas genervt, von seinen eigenen, übertriebenen Sorgen, und der noch dazu störenden Erkenntnis, dass er sich dieses Kind wirklich wünschte, schaute er auf seine Armbanduhr. Nur wenige Sekunden fehlten bis Mitternacht. Als homosexueller würde er sonst wohl kaum in den Genuss kommen ein eigenes Kind zu haben, bei Evas Kind hätte er wenigstens die Möglichkeit Onkel zu sein. Wäre sicherlich schön, dachte Bernd. Ob er Eva dazu überreden könnte, für heute genug sein zu lassen?

Noch ein, zwei Tänze wollte er ihr gönnen, und sie dann darauf ansprechen. Bernd wurde es schon ganz mulmig,

wenn er an den nächsten Tag dachte, wo der Wecker ja wieder um 6.30h sein schrilles Klingeln hören lassen würde. Tief atmete er ein. Doch der gewollte Kick kam nicht. Kein Wunder, bei diesem Qualm hier drinnen!

Plötzlich begann das Licht zu flackern und dann war es stockdunkel in der Disco. Auch die Musik war verstummt.

Stromausfall! Doch es blieb keine Zeit, um darüber beunruhigt zu sein; binnen weniger Sekunden waren die vielen Lichter wieder an und auch die Musik lief weiter.

Kaum einer der Gäste hatte sich dadurch stören lassen.

Bernds Augen suchten nach Eva. Da sah er sie! Sie stand, als wäre sie angewurzelt. Nichts an ihr war noch in Bewegung.

Ihre Augen waren, soweit Bernd das von hier aus sehen konnte, weit aufgerissen. Ihr Gesicht wirkte, jedenfalls in diesem Flackerlicht, wie eine wächserne Maske. Bernd sprang auf und lief auf sie zu. Er griff ihr an die Schultern und begann sie sanft zu schütteln.

"He Eva, ist dir nicht gut? Komm, das war wohl doch zu viel!" Er blickte ihr jetzt direkt ins Gesicht. Ihre Augen waren wirklich aufgerissen und ihr Blick ging in irgendwelche Fernen. Bernd jagte es eine kalte Gänsehaut über den Nacken. Was war nur los mit ihr? Doch jetzt blinzelte sie. Ihr Blick normalisierte sich wieder, was bei Bernd einen Seufzer der Erleichterung auslöste.

"Hat dir der Stromausfall etwa solche Angst eingejagt?" fragte er und versuchte seiner Stimme etwas Belustigung zu verleihen.

Fragend sah Eva ihn an.

"Von was sprichst du eigentlich?" Unwirsch machte sie sich los und verließ die Tanzfläche von ganz allein. Er musste sie nicht erst bitten. Eigentlich hätte ihm das recht sein können, wenn nicht dieser seltsame Ton in ihrer Stimme gewesen wäre. Bernd lief ihr nach. Sie war bereits durch die Tür, als er sie einholte. Auf der Straße wirkte sie plötzlich wieder ganz normal. Sie lächelte, als wäre nichts gewesen. Verdammt, das machte ihn ganz nervös! Lag das nun wirklich an der Schwangerschaft?

Eigentlich wäre er selbst gerne Vater geworden, aber seine Veranlagung sprach nun mal dagegen. Bernd seufzte leise und heftete seinen Blick auf die Straße. Er hatte beschlossen, Eva nicht mehr auf den Vorfall anzusprechen. Doch dann nagte diese Ungewissheit in ihm. Oder war es einfach nur Neugier?

Doch Eva sah ihn, auf seine Frage hin, nur merkwürdig an.

"Was meinst du denn? Mir ging es doch die ganze Zeit über prächtig!" verkündete sie bestimmt. Vielleicht ein wenig zu bestimmt.

Sie liefen schweigend weiter, doch dann nahm Eva von allein das Thema noch einmal auf.

"Ich weiß nicht, was los war. Irgendetwas war in meinem Kopf. Verstehst du? So ein Gefühl eben. Ich kann es nicht erklären. Aber jetzt ist wieder alles O.K.!" Eva hakte sich, wie zur Bestätigung, bei ihm unter und lachend steuerten sie dem Taxistand entgegen.

Dennoch, Eva selbst war nicht so beruhigt, wie sie sich gab.

Dieses Gefühl, das sie vorhin, auf der Tanzfläche, überfallen hatte, ging ihr nicht aus dem Kopf. Es war nichts Bestimmtes. Nichts Konkretes. Und doch...!

Innerlich zuckte sie dann doch die Schultern und schob diese Gedanken bei Seite. Wahrscheinlich lag es einfach an dem Kind und allem Drumherum!

3

Eva spürte mehr, als dass sie es sah, dass Bernd Sie ununterbrochen musterte.

"Mir ist ein wenig schwindlig. Habe sicher zu viel getrunken. " Eva ließ diese Erklärung so beiläufig wie möglich erklingen.

Sie hatte die Augen geschlossen und lehnte ihren Kopf an die lederne, braune Kopfstütze, des Mercedes. Aber ihr war nicht schwindlig. Sie hatte auch nicht zu viel getrunken. Das war es ganz und gar nicht! Die drei kleinen Biere konnten nicht die Schuld daran tragen. In Evas Kopf ging es auf ganz andere Art drunter und drüber. Dieses Gefühl, das sie vorhin überfallen hatte. Was war das nur? Eva hatte versucht es als kleines Mitbringsel, ihrer Schwangerschaft, abzutun. Aber das gelang ihr nicht! Gut, man hatte ja schon einiges gehört, das sich durch eine Schwangerschaft ändern könnte… Aber sie stand nicht kurz vor der Entbindung! Das neue Leben, das in ihr heran zu wachsen begonnen hatte, war nicht älter als zwanzig, vielleicht auch einundzwanzig Tage. Es konnte noch keine Depressionen in ihr hervorrufen! Aber war nicht Depression sowieso der falsche Ausdruck? Nein, sie war nicht plötzlich depressiv geworden! Es war eine Angst in ihr gewesen, ein Gefühl als sähe sie in einen riesigen Abgrund.

Direkt in das heiße Feuer der Hölle. Eva wunderte sich, in welche Richtung ihre Gedanken gingen. Aber auch das war nicht richtig. In Wirklichkeit, erkannte sie jetzt, hatte sie nichts gesehen. Gar nichts! Es war nur ein Gefühl. Aber ein Gefühl, das sie sich nicht erklären konnte. Nicht in dem Moment, als es sie besprungen hatte, und auch nicht jetzt, als sie darüber nachdachte. Aber es hatte ihr Angst gemacht. Und, wenn sie ehrlich war, machte es ihr immer noch Angst! Dennoch wäre sie nicht in der Lage gewesen, dieses Gefühl, oder gar den Grund dafür, wirklich zu erklären. Nicht sich selbst und erst recht keinem anderen. Das war auch der Grund, weshalb sie die Augen geschlossen hatte und versuchte Bernd weis zu machen, ihr ginge es nicht so gut.

Aber sie konnte auch nicht aufhören, daran zu denken. Was, zum Teufel, war nur mit ihr los? Wenn es Angst gewesen war, dann vor was? Angst hatte Gründe, konnte erklärt werden! Aber Eva hatte keinen Grund und sie konnte auch nichts erklären. Kurz dachte sie an den Stromausfall, der in der Disco aufgetreten war. Aber der war auch nicht der Grund, für dieses seltsame Gefühl. Er war zwar ungewöhnlich, das konnte Eva sich getrost sagen, aber er hatte nichts mit diesem Gefühl zu tun gehabt. Nichts mit dieser unerklärlichen Starre, in die sie diesen einen Moment verfallen war. Der Stromausfall war nicht vorher geschehen, sondern genau gleichzeitig mit diesem Gefühl gekommen. Er hatte auch nicht so lange angehalten; nicht einmal so lange, bis Eva sich wieder erholt hatte. Nur Sekunden. Allerdings Sekunden, in denen nichts mehr ging. Weder eines der sicher zahllosen Lichter, die die Disco zu bieten hatte, noch die Tonanlagen, deren es gewiss auch nicht wenige dort gab. Ein normaler Sicherungsschaden hatte es nicht sein können, denn eine solche Vielzahl, von elektrischen Anlagen, lief über mehrere Sicherungen. Sicherlich verfügte die Diskothek auch über eine geeignete Notstromversorgung.

Eva öffnete die Augen. Aber nicht so, dass Bernd es sehen konnte. Sie blickte aus nur leicht geöffneten Lidern auf die vorbei ziehenden Straßenschilder; sie wollte nicht mehr daran denken, was in der Disco passiert war.

Eva wollte dieses Gefühl der Angst wieder loswerden, deshalb begann sie, fast automatisch, mit einem Spiel, das sie als Kind schon gespielt hatte, wenn sie irgendeinen Ärger verkraften musste. Sie zählte die Autos einer Farbe. Diesmal entschied sie sich für die Farbe Gelb. Und tatsächlich funktionierte dieser Trick. Wie damals, als sie noch ein Kind war. Es gab nicht viele Autos dieser Farbe. Bis zur übernächsten Straßenabzweigung zählte sie gerade vier Stück. Aber es reichte, um ihre Gedanken in andere Bahnen zu lenken. Eva schmunzelte über ihre eigene Reaktion.

"Geht es dir jetzt wieder besser?" fragte Bernd, und Eva erkannte, dass er ihr Gesicht und ihre geöffneten Augen im Spiegelbild, der dunklen Taxischeibe erkennen konnte. Sie wandte den Kopf und lächelte ihn an. Dann nickte sie.

Es ging ihr auch tatsächlich wieder gut. Trotzdem wollte sie nicht allein nach Hause gehen. Sie beschloss Bernd zu bitten, die Nacht bei ihr zu verbringen. Dazu würde sie wohl keine Überredungskünste anwenden· müssen, denn Bernd war sowieso viel zu faul, um jetzt noch zu sich nach Hause zu fahren. Eva wusste das. Sie kannte schließlich Bernd lange genug, um seine Ablehnung gegenüber nächtlichen Alleinfahrten zu kennen.

Das Taxi hielt und Eva drückte dem Fahrer einen Zwanziger in die Hand.

"Stimmt so!" sagte sie beschwingt und stieg aus. Bernd kam natürlich mit zu ihr; sie hatte ihn gar nicht erst bitten müssen.

Bernd holte noch etwas zu trinken aus dem Kühlschrank und Eva legte eine CD ein. Diesmal jedoch nicht Terry Yacks, den packte sie weit weg, in die Schublade ihres Schrankes.

Bernd beobachtete sie verwundert, ohne jedoch etwas dazu zu sagen. Sie unterhielten sich eine Zeit lang ungezwungen miteinander. Doch plötzlich war es wieder da! Dieses Gefühl. Aber anders als zuvor, hatte sie sich diesmal unter Kontrolle. Bernd bemerkte nichts davon. Aber es war auch ein anderes Gefühl. Diesmal war es nicht Angst, sondern eher ein Gefühl der Beklemmung, das sich um ihre Brust zu legen begann. Eva schluckte einmal etwas zu heftig, denn Bernd Gesichtsausdruck wurde fragend. Aber Eva hatte sich schnell wieder unter Kontrolle, und Bernd sagte nichts. Das Gefühl schwand, wie beim ersten Mal, binnen Sekunden.

Eva konnte wieder frei atmen. Sie empfand Erleichterung.

Dennoch blieb ein vages Gefühl der Unsicherheit. Am liebsten hätte sie Bernd gebeten, die Nacht in ihrem Bett zu verbringen. Nicht um mit ihm zu schlafen. Nein, sicher nicht!

Bernd war schwul. Und auch sie stellte fest, nachdem sie sich nun, zum allerersten Mal seit sie sich kannten, und das war nun doch schon etliche Jahre lang, dass er auch dann nicht ihr Typ wäre, wenn es anders wäre. Sie bedachte ihn mit einem hämischen Grinsen. Aber auch darauf sagte Bernd nichts. Fragte er sich denn gar nicht, über was sie lachte? Die Vorstellung, es ihm zu erzählen, reizte sie ungemein! Doch sie unterließ es. Jetzt fühlte sie sich wieder ganz normal. Eva wunderte sich, wie schnell ihre Innenwelt sich doch ändern konnte! Trotzdem: sie hätte ihn heute Nacht gerne in ihrer Nähe gewusst. Doch die Nähe im Wohnzimmer musste wohl reichen! Alles andere hätte er doch sicherlich nicht, oder zumindest falsch, verstanden! So beließ sie es dabei und stand auf, um die Decken und das Kissen für Bernd, aus ihrem Wohnzimmerschrank zu kramen.

4

Wedding.

Evas Vater, George Härtling und zwei seiner Kollegen mussten sich heute die Spätschicht teilen. Normalerweise mochte George die Spätschicht nicht besonders. Aber mit Lutz und Achim ließ sie sich ertragen. Sie arbeiteten in einem Krematorium als Verbrenner, und sie verdienten nicht schlecht, in diesem Job. Dennoch gehörte diese Arbeit nicht gerade zu der Sorte von Beschäftigungen, die man gerne machte. Doch am Ende zählte das Geld, das man hier verdiente. Und schwer war diese Arbeit auch nicht, jedenfalls nicht körperlich.

Außerdem hatten George und seine Kollegen sich in all den Jahren, die sei bereits hier waren, auch daran gewöhnt.

Gruselig war hier jedenfalls nichts. Auch wenn viele andere das wohl dachten, doch darüber konnten sie mittlerweile nur noch lächeln.

Hier, in ihrem Aufenthaltsraum, wo sie die meiste Zeit der Nacht verbrachten, ließ es sich ja auch aushalten.

Die drei Männer, alle Ende der Vierzig bis Mitte Fünfzig, saßen auf gut gepolsterten Stühlen, die um einen runden Holztisch platziert waren, und hielten ihre Karten in den Händen. Skat war in der Tat der spannendste Teil in ihrem Job. Im Hintergrund lief der Schwarz-Weiß-Fernseher. Zu mehr reichte die Spendierhose ihres Arbeitgebers nicht. Aber niemand nahm von der Sendung viel Notiz; das Skatspiel war nun mal interessanter. Der Aufenthaltsraum war nicht groß. Seine Wände waren lindgrün gestrichen. Alles vom Einfachsten. Aber er war zumindest mit dem Nötigsten, für eine solche Nachtschicht ausgestattet. Nur eben der Fernseher, Tisch und vier Stühle, eine Kaffeemaschine, die auf ihren morgendlichen Dienst wartete, und ein alter, brummender Kühlschrank, der aber sehr wohl noch seinen Dienst tat. Das Krematorium selbst glich eher einem Hallenbad. Seine Wände waren hellbraun gekachelt und klinisch rein. Dafür sorgte täglich eine ganze Putzkolonne, die dem Haus dieses nach Chlor riechende Flair gab. Die Neonbeleuchtung sorgte für helles, schattenloses Licht. Es gab in dem ganzen Gebäude nicht eine einzige Ecke, die nicht vollständig ausgeleuchtet war. Die Öfen, in denen die, in ihren Särgen liegenden Leichen verbrannt wurden, waren versteckt in die glatten Kachelwände eingelassen. Die Särge wurden mit gabelstaplerähnlichen Gerätschaften, auf die, direkt in die Brennöfen führenden, Gleise gebracht. Maschinell wurden die Särge dann in die sich automatisch öffnenden Luken gefahren. Alles in allem war es wirklich kein schwerer Job, den sie hier zu erledigen hatten. Alles sauber und rein maschinell. Nur ein paar Knöpfe drücken und schon machte sich alles von allein. Das einzige, was sie dann noch zu tun hatten, war die verbrannte Asche in Plastikurnen zu füllen und ihnen eine Nummer zu verpassen. Alles in allem ließen sich hier die nötigen Wartezeiten aushalten.

"Gut, dass sie uns die Nachtschichten wenigstens zu dritt machen lassen! Da kann man doch wenigstens 'nen ordentlichen Skat dreschen! Dafür würd' ich sogar öfters herkommen! - Im Übrigen: ich spiele einen Grand aus der Hand. Ha, ha da guckst du, was?" George hielt sein Blatt triumphierend in den Händen und grinste über sein ganzes, breites Gesicht.

Es stimmte, die Tagschichten waren da langweiliger. Da waren sie immer nur zu zweit. Allerdings konnten nicht alle Kollegen Skat spielen, darum war George auch besonders froh, wenn er mit diesen beiden hier zusammen Dienst hatte.

Noch dazu an einem Abend, wie diesem hier, wo ihm die

Blätter nur so zufielen. Heute war wohl sein Glückstag und das wollte er aus ganzem Herzen genießen!

"M'" schnalzte Lutz jetzt. "Du ziehst einem heute ja ordentlich die Hosen aus! - Aber solange der Suff noch umsonst ist...! Wie lange ist denn noch?" George warf einen lachenden Blick auf seine goldfarbene Timex, die ein Geburtstagsgeschenk seiner Tochter war.

George grinste, als er daran dachte. Er und seine Tochter hatten innerhalb einer einzigen Woche Geburtstag, und sie hatten in diesem Jahr, es war vor drei Jahren, George konnte sich genau daran erinnern, beide denselben Gedanken gehabt. Beide hatten sie als Geburtstagsgeschenk eine Timex gewählt. Es waren zwar beide nicht die teuersten Modelle, hatten aber trotzdem eine ganze Stange Geld gekostet. Aber Eva war ihm jeden Pfennig wert! Er und seine Tochter hatten ein ganz besonderes Verhältnis. Dass das auch andersherum so empfunden wurde, hatte seine Tochter ihm, nicht nur mit diesem teuren Geschenk bewiesen. Aber er brauchte gar keine teuren Geschenke von ihr; er hatte sie damals auch ausgeschimpft deswegen. Er wusste auch so, dass sie ihn liebte. Eigentlich hätte Eva gar keine Geldsorgen haben brauchen, dachte er. Schließlich war ihre Mutter keine arme Frau. Aber, seit Eva sich dafür entschieden hatte auszuziehen, mit ihm Kontakt zu pflegen und natürlich, seit sie ihr Studium an den Nagel gehängt hatte, um Friseurin zu werden, hatte ihre Mutter jeglichen Kontakt zu ihrer Tochter abgebrochen. George war keineswegs erfreut darüber, und er war, genau wie seine Frau, ziemlich aus dem Häuschen gewesen, als Eva ihm eröffnet hatte, dass sie nicht länger zur Uni gehen würde. Aber Eva hatte seine Halsstarrigkeit wohl geerbt, jedenfalls hatte sie sich nicht reinreden lassen. Nicht von ihrer Mutter und auch nicht von ihm, und hätte seine Schwester ihr nicht die Lehrstelle gegeben, so wusste George, hätte sie sich eben eine andere gesucht. Zur Uni wäre sie trotzdem nicht mehr gegangen. Aber das war lange her. Ein Räuspern seines Spielpartners ließ ihn wieder an das Spiel denken.

"Beinahe noch eine ganze Stunde. Hast keine Chance, Lutz!

Ist noch genug Zeit, für mein Superspielchen! " Das stimmte. Jede Wartezeit betrug hier drei Stunden, solange, bis die schweren Eichensärge verbrannt waren und sie wieder ein paar Handschläge tätigen mussten. Außerdem wurden die Krematoriumsangestellten wöchentlich mit drei Flaschen Brandy und Bier versorgt. Auf die Art konnte man doch seine Schichten hinter sich bringen! Der Alkohol war zur Nervenberuhigung bestimmt, ob man dadurch nun seiner Gesundheit Schaden zufügte, darüber dachte wohl niemand nach.

George hatte seinen Gran Hand lachend gewonnen, und nun hatte Achim das neue Spiel an sich gerissen. Er hatte Herz angesagt und es war nicht schwer auszumachen, dass er mit Dreien spielte. George kratzte sich etwas säuerlich den Kopf, schließlich hatte er sich vorgenommen, heute als Sieger nach Hause zu fahren. Doch dieses Spiel würde wohl Achim gewinnen. Da konnte man wohl nichts machen! Aber die Nacht war noch lang und er würde wohl noch einige Male die Chance haben, zu gewinnen.

Plötzlich war da ein Geräusch. Direkt aus der Aufbewahrungshalle. Es war ein dumpfes Scheppern, dem Geräusch eines umfallenden Holzstapels nicht unähnlich.

"Was war denn das?" Achim schob sein Blatt zusammen.

"Mann, die Idioten waren sicher zu blöde, die Sargdeckel richtig drauf zu tun. Sicher waren wieder Verwandte da, die ihn noch mal sehen wollten." Kommentierte George gelassen. Das war tatsächlich schon einmal geschehen. Bei der Verbrennung hatte man festgestellt, dass nach einer letzten Verabschiedung von dem Toten, der Sargdeckel nicht richtig geschlossen war, und er beim letzten Transport plötzlich verrutschte. Aber es kam nun wirklich nicht so oft vor und dass der Deckel von allein fiel, war nun noch unwahrscheinlicher.

Georg stand auf, in dem er seinen Stuhl geräuschvoll nach hinten schob, wandte sich zur Tür und blieb dann wieder stehen.

"Na, was ist? Soll ich die Scheiße vielleicht allein aufheben?"

Lutz schlug sich lachend vor die Stirn.

"Oh entschuldige, ich hatte ganz vergessen, dass du ja viel zu schwach für solch eine schwere Last bist!" hänselte er. "Ach, verdammte Scheiße! Warum warten wir nicht auf die Frühschicht? Sollen die doch den Mist gerade biegen. Wenn da nun mehr vom Stapel gefallen ist, als du denkst? Dann ist das Spiel vorbei, ehe ich auch noch mal an der Reihe bin.

Verdammt! Ich hab sowieso keine Lust, heute noch eine steife Leiche in ihr anberaumtes Bettchen zurück zu legen! Warten wir also?“

Lutz warf seinen beiden Kollegen einen fast bittenden Blick zu, doch Achim winkte nur lachend ab und stampfte auf George zu, um ihm zur Hand zu gehen.

"Ach lass nur, das schaffen wir schon allein!" Doch nun hatte sich auch Lutz erhoben und die drei gingen, mit dem besten Vorhaben, ihren Job zu machen.

Sie hatten den längeren Gang, der zur Aufbewahrungshalle führte, noch nicht ganz durchquert, als ein weiteres Poltern erklang. Dann kam wieder ein Poltern, und dann noch eines. Die Männer blieben stehen. Irgendetwas war hier nicht normal! Sie konnten sich einer leichten Gänsehaut kaum noch erwehren. Dennoch war es ihre Pflicht nachzusehen, was da passiert ist. Sie begannen ihren Weg langsam fortzusetzen. Unvermittelt blieb Achim wieder stehen. Seine Augen blinzelten beunruhigt. Da war wieder ein Geräusch. Diesmal aber ein ganz anderes. Was sie jetzt hörten, waren eindeutig Schritte!

Doch in den Klang des Trittes, mischte sich noch ein weiteres Geräusch: etwas, das sich wie ein Kratzen oder Schaben anhörte. Beinahe so, als fahre man mit einer Metallklinge über die Kacheln des Fußbodens.

"Verflucht!" flüsterte Achim jetzt. "Wenn ich den erwische, der uns das..."

Er kam nicht mehr dazu, seinen Satz zu vollenden. Seine Augen weiteten sich in grenzenlosem Entsetzen. Er hörte noch Georgs Stimme, die heiser flüsterte:

"Gott steh uns bei!" und dann das Kreuz, vor seinem Gesicht schlug.

Doch mehr nahm niemand mehr war. Das Grauen hatte sie gepackt! Für Sekunden verharrten sie in regloser Stellung, bereit sich diesem Grauen zu stellen, und... von ihm vernichtet zu werden!

5

Nur wenige Stunden später wurden die Leichen entdeckt. Die zwei Kollegen, die zur Frühschicht gekommen waren, fanden die Toten fast sofort. Obwohl sie beide den Anblick von Toten gewohnt waren, versetzte diese grausame Szene sie doch in Panik. Was hier vorgefallen war, war alles andere als ein normaler Mord! Alles war voller Blut. Die Körper waren auseinandergefetzt. Es war kaum noch zu erkennen, welcher Körperteil zu welchem Mann gehörte. Aber so viel Zeit ließen die Beiden sich auch nicht. Von Schrecken erfüllt, ließen sie ihre Blicke nur kurz über die Szenerie schweifen. In grotesk verdrehter Stellung, die Augen aus dem blutigen Gesicht gerissen, lag einer der Männer, der einmal ihr Kollege gewesen war, über einen umgekippten Sarg, der Länge nach ausgestreckt. Der eine Arm, der ihm noch verblieben war, war noch immer in Abwehrstellung, auf seinen grausamen Gegner gerichtet. Die beiden Männer entdeckten ihn beinahe gleichzeitig. Die leeren, blutigen Augenhöhlen starrten sie an! Das Gesicht kreidebleich, die Augen weit aufgerissen und die Hände zu Fäusten geballt, wirbelten sie herum und hetzten in Richtung Ausgang. Erst als die kühle Luft des Friedhofes ihre Lungen füllte, hielten sie wieder an. Schwer keuchend starrten sie sich an; sie waren beide kaum noch zu einer weiteren Bewegung fähig.

Das Grauen hatte sich tief in ihre Eingeweide gefressen. Ihre Gedanken überschlugen sich, liefen in völlig irrationale Richtungen. Erst nach einigen Minuten, die den Beiden wie Stunden vorkamen, fasste der ältere der beiden Männer endlich wieder einen klaren Gedanken. Er war um die fünfzig und trug eine Brille mit einem schwarzen Gestell aus

dickem Horn, die ihm den Spitznamen Orgeby eingetragen hatte.

"Wir müssen die Polizei benachrichtigen. Aber ich gehe da nicht wieder hinein. " Seine Stimme klang selbst in seinen eigenen Ohren fremd und unwirklich.

Er setzte sich schon in Bewegung, um von der gerade überliegenden Gaststätte die Polizei zu informieren, aber sein jüngerer Kollege tat keinen einzigen Schritt. So wandte er sich wieder um und starrte dem Jungen ins Gesicht. Beide Hände in die Schultern des Jüngeren gekrallt, schüttelte er ihn.

"Stephan, hörst du mich nicht? Stephan, verdammt!"

"Oh Gott... was ist da drinnen passiert? Was?" stammelte Stephan. Sein Gesicht war um keinen Deut dunkler als das Weiß der Friedhofsmauer, welche den Totenacker umgab.

Der Ältere lockerte seinen Griff "Bist du wieder O.K.? Kannst du mit kommen? Rüber in die Kneipe, zu Helga? Mensch Junge, wir müssen telefonieren!" Doch noch immer guckte der junge Mann, seinen Kollegen, nur aus geweiteten Pupillen haltlos an. Dann jedoch kam wieder ein Erkennen in seinen Blick. Er nickte langsam.

"Ist wieder gut." kam es leise über seine zitternden Lippen.

Der junge Stephan tat Lothar leid. Er war noch zu jung für solch einen Job. Aber hierfür gab es wohl kein Alter, das hoch genug wäre, um diese Grausamkeit zu verarbeiten.

Als die Kneipentür sich hinter ihnen schloss, hatte auch Lothar ein Gefühl, als wenn jemand die schweren Fesseln, die sich um seinen Magen und um sein Herz gelegt hatten, so langsam wenigstens lockerte. Er trank erst einen Whisky, ehe er selbst in der Lage war, das nötige Telefongespräch zu fuhren. Obwohl die Polizei nicht lange auf sich warten ließ, hatten beide schon ihren dritten Scotch hinter sich, als ein Mann in grüner Uniform fragte:

"Wer hat angerufen?"

Der Polizist brachte beide zu einem dunkelblauen Opel Rekord, der etwas abseits der drei Einsatzwagen parkte. Ein Mann, der in etwa Lothars Alter hatte, aber viel größer war, er war um die ein Meter neunzig, kam ihnen entgegen. Er war nach der neuesten Mode gekleidet und hatte eine selbst gedrehte Zigarette zwischen den Lippen. Lothar starrte ihn ungläubig an. Nein, dieser Mann machte nicht den Eindruck eines Polizisten, eher eines Journalisten. Lothar erwartete jeden Moment, er würde eine dieser großen Profikameras zücken, oder wenigstens ein Mikrofon, mit dessen Hilfe er ihn gleich ausfragen würde.

Dennoch stellte er sich als Hauptkommissar vor. Sein Name war Reich.

"Wer hat denn nun die Leichen gefunden?" Es war ihm anzumerken, dass er schon die Leichen gesehen hatte, denn sein Gesichtsausdruck zeugte von seinem Innenleben. Kein Wunder, sie hatten ja auch die Tür sperrangelweit offen gelassen!

Stephan hatte die Lippen zusammen gekniffen, seine Hautfarbe hatte sich noch nicht wieder normalisiert. Also antwortete Lothar: "Eigentlich wir beide gleichzeitig!" Er reichte dem Kommissar die Rechte; die Handflächen waren immer noch feucht und seine Hände zitterten. Der Kommissar bedachte ihn mit einem aufmunternden Lächeln, was allerdings auch nicht ganz ungezwungen wirkte. Lothar erzählte:

"Wir beide arbeiten dort, als Verbrenner. Wir sind die Ablösung, für die armen Kerle. - Na ja, wir wollten eben gerade unsere Schicht antreten. Haben uns nur gewundert, dass keiner der Nachtschicht, auf uns gewartet hat.

Eigentlich ist das nämlich nicht üblich. Sie müssten uns doch den Schlüssel übergeben. Sie verstehen? Na ja, als wir dann unsere erste Füllung.. Verzeihung! Ich meine natürlich, die ersten Särge holen wollten, fanden wir… unsere Kollegen.

Einfach scheußlich!“

Lothar musste erst einmal nach Luft schnappen. Seine Gesichtsfarbe hatte sich, während er sprach, wieder· reichlich aufgehellt. Ihm war übel! Doch noch konnte er diese Vernehmung wohl nicht hinter sich lassen. Verdammt!

Der Kommissar bedachte ihn mit einem mitleidigen Blick.

Doch Stephan erging es da wohl noch schlechter; mit ihm konnte der Kommissar wohl noch nicht rechnen. Also musste Lothar, wohl oder übel, noch bei der Stange bleiben. Jetzt hatte auch Lothar sich nach Stephan umgesehen. Er stand dort drüben, nicht weit von dem letzten Einsatzwagen, hatte die Hände in den Taschen vergraben und murmelte ständig vor sich hin. Sein Blick war starr auf den Boden geheftet, und keine Armee hätte ihn auch nur einen einzigen Schritt näher an das Krematorium heran gebracht. Reich blickte sich kurz suchend um und winkte dann einen jungen Polizisten heran. Der junge Mann brauchte dringend ärztliche Hilfe.

„Kümmern Sie sich bitte um den Jungen.“ Reich hatte erkannt, dass er mit dem jungen Mann so nichts anfangen konnte, er stand unter Schock und erst ein Beruhigungsmittel würde ihn dazu bringen, wenigstens seinen Namen nennen zu können.

In Lothars Augen war er dadurch mindestens eine Stufe höher gestiegen. Aber auch er fühlte sich mies. Mehr als das: er hatte Angst. Noch immer starrte er auf das weiß getünchte Gebäude, in dem er noch vor kurzer Zeit, völlig teilnahmslos ein- und ausgegangen war.

Er fragte sich, ob er das jemals wieder tun könnte.

Doch jetzt riss ihn der Kommissar aus seinen Gedanken.

"Sie sehen doch etwas besser aus, als ihr Kollege. Meinen Sie, Sie wären in der Lage, mir noch ein paar Fragen zu beantworten?" Die Worte waren zwar als Frage formuliert; aber sie waren alles andere als das. Denn ohne auf eine Antwort zu warten, hakte Reich sich plötzlich unter und zog ihn einige Meter weiter, die Straße hinunter. Doch die wenigen Schritte, die ihn jetzt vom Krematorium trennten, und vor allem· die Tatsache, dass er dieses Gebäude nicht länger direkt vor Augen hatte, beruhigten Lothar etwas. Jedenfalls in so weit, dass er jetzt tatsächlich in der Lage war, sich auf die Fragen des Polizeimannes zu konzentrieren. Zwar zitterten seine Hände immer noch stark, aber seine Stimme hatte er zumindest wieder unter Kontrolle, genau wie seine Gedanken, die er endlich wieder normal lenken konnte.

Zuerst fragte der Kommissar nach seinen persönlichen Angaben:

Lothar Schmidt, achtundvierzig Jahre und seit mehr als zehn Jahren in diesem Krematorium beschäftigt.

Dann wurde Lothar nach den Toten gefragt. Auch diese Angaben konnte Lothar ohne weiteres machen:

Achim Luckow. Er war seit drei Jahren sein Kollege gewesen. Der zweite Mann war Lutz Berger. Er arbeitete schon seit ebenfalls zehn Jahren in diesem Beruf, war aber erst vor einem halben Jahr hier her gekommen. Wo er früher tätig war, konnte Lothar nicht sagen. Er hatte nie darüber mit ihm gesprochen; sie hatten nicht allzu oft zusammen Dienst gehabt. Schließlich war da noch Georg Härtling, der zusammen mit Berger hier angefangen hatte. Davor war er in Ruhleben tätig gewesen. Ebenfalls im Krematorium, wenn auch nicht als Verbrenner. Bei diesen Fragen musste Lothar nicht lange überlegen.

Aber dann kam die Frage nach dem Warum. Lothar konnte nur stumm die Achseln zucken. Nein, er konnte sich wirklich nicht vorstellen, was hier passiert war! Er hatte auch nichts bemerkt, was auf die Anwesenheit eines oder mehrerer Fremder schließen ließ.

"Ihre Kollegen sind umgebracht worden. Also, wie, frage ich Sie, sind die Mörder in das Haus gekommen?" hakte der Kommissar nach.

Lothar schluckte, doch dann gab er doch zu:

"Wissen Sie, an warmen Tagen lassen wir oft die Türen offen stehen. Wegen des Sauerstoffes, verstehen Sie? Die Klimaanlage geht einem manchmal auf den Wecker.- Na ja, die Schlüssel hängen nicht weit von der Tür."

"Jeder, der zufällig über den Friedhof läuft, würde sie also hängen sehen? Und würde sich natürlich auch leicht ihrer bemächtigen können? Wollen Sie das sagen, Herr Schmidt?" Schmidt nickte.

"Aber spätestens bei Dienstschluss würden wir das doch bemerken. Mir ist kein Verlust bekannt geworden. " Es klang wie eine Verteidigung. Seltsam, schließlich war er ja nicht der Angeklagte!

Reich nickte nur stumm.

"Aber wir waren auch viel zu geschockt, um uns da drinnen noch genau umzusehen. Vielleicht ist ja doch ein Fenster kaputt." fügte Lothar dann doch noch hinzu. Reich gab keine Antwort mehr. Er schien mit seinen Gedanken weit weg zu sein;

dennoch bezweifelte Lothar nicht einen Moment, dass Reich seine Gedanken nirgends anders hatte, als bei den drei Toten und diesem Krematorium.

Stimmen und zuschlagende Autotüren zerstörten das aufkommende Schweigen. Reich und Lothar drehten sich fast gleichzeitig um. Drei Privatwagen waren angekommen und parkten jetzt genau auf dem weißen Weg, vor dem Krematorium. Einen davon kannte Lothar. Es war der dunkelbraune Mercedes von Kirnhoff, dem Friedhofsleiter.

Die anderen beiden mussten irgendwelchen Stadtangestellten gehören, die auch in gewisser Weise mit dem Friedhof und dem Krematorium zu tun hatten.

Reich reichte Lothar noch kurz die Hand; es war ein erstaunlich leichter Händedruck, den Lothar bei diesem Mann nicht erwartet hatte. Dann entließ ihn der Kommissar mit den Worten: „Gehen sie nach Hause und ruhen sie sich ein wenig aus.

Wenn wir noch Fragen haben, werden wir uns bei Ihnen melden."

Lothar fiel ein Stein von Herzen, als der Mann ihm den Rücken zudrehte und wieder zurück zum Haus lief. Lothar blickte ihm noch eine Weile nach.

Dieser Mann machte wirklich nicht den Eindruck eines Kommissars, wie er so beinahe lässigen Schrittes, den Weg entlang lief, die Hände in den Taschen seines Blazers verborgen. Es fehlte nur noch, dass er laut vor sich hin pfiff. Aber Lothar hörte keinen Ton, und wenn er sich recht bedachte, waren die Augen von Reich doch die eines Polizisten. Dieser Mann hatte sich zwar alle Mühe gegeben, um Lothar einfühlsam zu befragen, und er hatte auch auf jegliche Fragen an Stefan verzichtet, aber Lothar bezweifelte nicht, dass dieser Mann auch hart und unerbittlich sein konnte, wenn es um die Vernehmung Verdächtiger ging.

Lothar wollte jetzt nur noch weg, von diesem schrecklichen Ort. Er überlegte kurz, ob er nach Hause oder zu einem Freund gehen sollte, entschied sich aber letztendlich doch für die Kneipe. Aber nicht für die, in der sie vorhin gewesen waren, nein, die lag wirklich viel zu nah. Er wollte nach Hause, in seine Stammkneipe, dann hatte er es auch nicht mehr so weit, wenn der Alkohol seine Wirkung tat. Lothar hoffte inständig, dass dem bald so sein würde.

Reich stellte sich kurz den Neuankömmlingen vor und brachte dann einige belanglose Fragen vor. Doch er wusste, dass auch diese Art von Fragen wichtig waren, um die Reaktion der Gefragten zu testen. Alle zeigten sich betroffen und soweit Reich das jetzt schon· beurteilen konnte, waren ihre Reaktionen nicht gespielt. Sie waren echt!

Leider konnte auch niemand etwas zum besseren Verstehen des Geschehenen beisteuern. Reich hatte das auch nicht erwartet. Das einzige, das alle Anwesenden übereinstimmend sagten war, dass es sich bei dem Täter um einen vollkommenen Psychopaten handeln musste. Reich seufzte ungehört in sich hinein. Solche Fälle liebte er besonders! Es würde also wieder die berühmte Suche, nach der Stecknadel im Heuhaufen werden! Bei all den Wahnsinnigen, die eine Stadt wie Berlin zu bieten hatte, würde ein solches Motiv einen Haufen Papierkrieg bedeuten, dass ihm jetzt schon ganz schummrig vor Augen wurde. Nichts desto weniger wusste Reich eines genau: er würde diesen Mistkerl finden!

Und sollte er die nächsten zwei Jahre nicht von seinem Bürostuhl aufstehen können!

Nervös kaute Reich an seiner Selbstgedrehten. Im Mundstück war schon kaum noch Tabak und auch das Papier war schon abgeknabbert. Seine Männer kümmerten sich jetzt um den Revierleiter und um seine Begleitung. Reich hatte keine Fragen mehr. Er ließ nur· noch die Atmosphäre, der Umgebung und vielleicht noch zum Teil, die Unterhaltungsbrocken, die auf ihn herab rieselten, wirken. Da wurde er plötzlich angesprochen:

"Hallo Herr Hauptkommissar Reich! Einen schönen guten Tag wünsche ich Ihnen!" Reich schaute auf. Es war der Mann von der Spurensuche, der ihn immer an einen Fan, auf einem Tennisturnier erinnerte. Wie hieß er doch gleich? Klon? Klovit? Der Name wollte nicht in Reichs Kopf, also gab er den Gruß namenlos zurück.

"Was gefunden?" fragte er, ohne wirkliche Neugier zu entwickeln. So schnell waren die Jungs nun mal nicht!

Langjährige Erfahrungen hatten Reich lernen lassen, dass, wollte man wirklich etwas Brauchbares haben, man warten musste!

"Gefunden?" erwiderte der andere gelassen. Aber dann wandelte sich sein Ton. Reich wurde hellhörig.

"Fragen Sie lieber nach dem, was wir nicht gefunden haben!

Uns fehlt nämlich eine Leiche. Eine, die normaler Weise in ihrem Sarg liegen müsste, die jetzt aber nirgends mehr aufzutreiben ist. " Reich verstand nicht.

"Mann, wie soll ich das verstehen? Sie meinen eine von den … normalen Leichen? Drücken Sie sich doch bitte etwas genauer aus. Ihr Kauderwelsch bringt mir nicht viel!" Reich hatte sich von dem Baumstamm, an welchem er die letzten Minuten gelehnt hatte, gelöst und starrte den Spurensicherer jetzt doch interessiert an.

Doch der kaute nur weiter, ohne sich stören zu lassen, unbekümmert auf seinem Kaugummi. Doch dann antwortete er:

"So, wie ich es gesagt habe! - Dort ist ein Sarg, der keinen Inhalt mehr hat. Ist wahrscheinlich vom Stapel gerutscht.

Jedenfalls ist die dazugehörige Leiche nirgends mehr zu finden.

Sie ist verschwunden, und damit Basta! Machen sie damit also was sie wollen. Mehr Informationen habe ich nicht. Schönen Tag noch!"

Der Mann drehte sich weg und ließ Reich einfach stehen.

Ohne sich nochmals umzudrehen, stieg er in seinen Wagen und drehte den Zündschlüssel.

Oh Mann, wie Reich diesen Typen doch mochte! Niemals schien er etwas wirklich ernst zu nehmen. Er redete von Leichen, wie andre Leute über CDs!

Reich kramte wieder nach seinem Tabaksbeutel und drehte sich eine Zigarette. Aber diesmal steckte er sie nur zwischen die Lippen, ohne sie anzuzünden. Seine linke Hand fuhr über sein Gesicht, so wie er es morgens manchmal tat, wenn er

nach einer viel zu kurzen Nacht, aufstehen musste. Nur, da war er immer müde. Jetzt war er hellwach!

"Drei neue Leichen.... Eine fehlende!" murmelte Reich immer wieder vor sich hin. Verdammt, was sollte er damit nur anfangen? Wenn jemand solch grausame Morde beging, und dann noch eine Leiche mit nach Hause nahm, hätte er dann denn nicht die frischen mitgenommen? Was, zum Teufel, sollte jemand mit einer Leiche, die bereits zum Verbrennen vorbereitet war? Reich hätte nicht sagen können, warum ihn gerade der Gedanke an die fehlende Leiche so beschäftigte: aber er tat es! Er fegte seine nicht angesteckte Zigarette zu Boden und trat darauf, als wenn er die Glut erst löschen musste. Dann lief er langsam noch mal zum Tatort zurück. Vielleicht hatten er und auch diese Idioten, von der Spurensicherung, doch etwas übersehen? Vielleicht nur eine Kleinigkeit?

Die Toten waren bereits auf Bahren gelegt und anstandshaft zugedeckt. Dennoch hatte Reich das Gefühl, er könne durch die dunklen Leichendecken hindurch sehen. Könnte diese ekelhaften Verstümmlungen ausmachen, mit der jede Leiche versehen worden war. Schaudernd wandte Reich sich ab.

Jetzt entdeckte er auch den Sarg, von dem ihm erzählt worden war. Ihn hatte niemand berührt. Das weiße Spitzenkissen lag direkt neben dem Deckel, der noch zur Hälfte den Sarg bedeckte. Reich ließ seine Blicke einige Augenblicke auf diesem Indiz haften, dann sah er sich um.

Blut klebte noch an der Decke und den weißen Wänden, genau wie an den braunen Kacheln. Reich wusste nicht weshalb er dachte, dass es sich allein um das Blut der Opfer handelte. Aber er war sich sicher. Dann wandte er sich wieder einer der abgedeckten Bahren zu. Als wenn jemand seine Hand führen würde, vollkommen gegen seinen Willen, ergriff er das Leichentuch und hob es an. Angewidert fuhr er zurück.

"Mein Gott!" keuchte er und kniff die Augen zusammen.

Sein Blick fiel auf Lutz Berger. Oder besser gesagt, auf seine Überreste.

Der Mann war von oberhalb des Brustbeines bis hin zum Bauchnabel völlig aufgeschlitzt worden. Die Eingeweide quollen heraus. Der lange, aber schmale Riss hatte sich noch weiter geöffnet und klaffte jetzt weit auseinander. Reich konnte sich nicht erinnern, ob das auch vorhin schon so gewesen war. Den linken Arm, den ihm der Mörder abgetrennt hatte, war noch immer nicht gefunden. Das hatte ihm einer der Polizisten bereits gesagt. Vorhin, als er sich auf den Weg ins Haus gemacht hatte. Das Gesicht des Toten war eine einzige grausam entstellte Maske. Die rechte Gesichtshälfte war ebenfalls aufgerissen und vergrößerte den Mund auf grauenhafte Weise, bis hin zum Ohrläppchen.

Reich deckte gerade den Toten wieder zu, als er bekannte Schritte hinter sich vernahm.

"Der Arm ist nicht zu finden. Genau so wenig wie all die Teile die den anderen fehlen. Bei Luckow besteht der fehlende Teil immerhin aus seinem gesamten Unterkörper.

Nicht gerade ein kleiner Teil, sollte man annehmen. Aber es scheint nichts zu machen zu sein. Alles bleibt verschwunden! Nur Härtling hatte Glück. Er ist zumindest noch vollständig. Auch wenn er ebenfalls nicht mehr gesund aussieht!"

Reichs jüngerer Mitarbeiter hatte also doch den Weg hierher gefunden! Schulz war erst zweiunddreißig Jahre alt oder, besser gesagt, jung! Jedenfalls für den Posten, den er hier schon seit geraumer Zeit innehatte.

Er sah auch ganz und gar nicht wie ein Kommissar der Mordkommission aus. Schulz war ein sportlicher Typ, mit stechend blauen Augen und schulterlangem, rotblondem Haar.

Er war mit Jeans, einem weiten, hellblauen Pullover und, wie immer, mit weißen Sportschuhen der Firma Nike, bekleidet.

Dennoch war er gut in seinem Job. Das musste Reich zugeben. Schon oft war er ihm besonders hilfreich gewesen.

Vor allem dann, wenn Ermittlungen sie in Punk- oder auch in Rockerszenen führten. Extremgruppe, nannte Reich diese Leute. Ganz gleich, immer dann jedenfalls, war es Schulz, der die Befragungen vornahm. Er wusste wie man mit solchen Leuten umging. Hatte es schneller raus, ihr Vertrauen zu gewinnen. Schulz selbst nannte Zeugen wie Verdächtige immer nur Klienten. Reich musste bei diesem Gedanken schlucken. Er gab ihnen diese Bezeichnung auch in deren Anwesenheit, und auch ansonsten war Schulz' s Art nicht gerade von der behandschuhten Weise. Aber gerade das war es wohl, was solche Angehörige jener Extremgruppen, mit Schulz zusammen arbeiten ließ. Schulz selbst wäre ja wohl der skrupelloseste Kerl, der auf Gottes weitem Erdboden zu finden gewesen wäre, wäre er nicht bei der Polizei gelandet. Aber auch jetzt noch zweifelte Reich nicht daran, dass er selbst seine eigene Großmutter verkaufen würde, sollte das seinen Vorhaben entgegen kommen! Bis heute hatte nicht einmal er selbst, und er arbeitete mit Schulz immerhin seit einigen Jahren eng zusammen, jemals die kleinste Gemütsanwandlung bei ihm feststellen können.

Dennoch war Schulz ein guter Kollege! Auch diesmal, als er seine Gesichtszüge studierte, wirkte der Ausdruck eher, als wenn er sich gerade die Sportschau ansehen würde und nicht direkt zwischen aufgerissenen und grauenhaft geschändeten Leichen stehen würde.

"Dich schockt wirklich nichts!" konnte Reich sich nicht verkneifen zu sagen.

Zu seiner eigenen Überraschung sah Schulz ihn an, und seine Augenlider zuckten. Wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde; aber lange genug, dass Reich es bemerkt hatte.

"Meinst du? Nicht gerade appetitlich, das gebe ich gern zu."

Seine Stimme klang beiläufig. Zum allerersten Male kam Reich der Gedanke, dass sein Kollege nur spielte, dass er gar nicht so hart war, wie er sich immer gab. Aber gleich darauf verwarf er diesen Gedanken wieder.

"Na komm, lass uns zurück ins Büro. Hier habe ich schon genug gesehen!" Reich drehte sich um und machte sich auf den Weg zu seinem Auto. Schulz folgte bereits nach wenigen Sekunden, als wolle er ihm in die Hacken treten. Da war es wieder, jenes Gefühl, dass diese Leichen ihm doch an die Nieren gingen!

6

Bernd hatte die Nacht auf Evas Couch verbracht.

Gerade hatte er die Augen aufgemacht und blinzelte verschlafen ins grelle Sonnenlicht. Evas Fenster besaßen, zu seinem Unbehagen, keinerlei Vorhänge, die das Licht draußen vorließen. Bernd verzog das Gesicht. Er fühlte sich nicht gerade taufrisch. Offensichtlich hatte er gestern doch mehr getrunken, als er selber gedacht hatte. Auf jeden Fall aber mehr, als es ihm gut tat! Der Geschmack, den er im Mund hatte, erinnerte stark an einen voll gesaugten Wattebausch. Sein Kopf tat weh und er überlegte, ob er nun aufstehen und sich ein Aspirin machen sollte, oder ob er sich doch noch mal auf die andere Seite drehen sollte, um dem Schlaf ein wenig mehr Chancen einzuräumen, den gestrigen Tag wieder wett zu machen.

Zerschlagen rieb er sich übers Gesicht. Sein Kopf schmerzte wirklich unangenehm. Doch der Gedanke ans Aufstehen war fast noch unangenehmer. Er wollte sich gerade die Decke über den Kopf ziehen, als es an der Wohnungstür klingelte.

Bernd stöhnte. Eva sollte doch gefälligst aufmachen! Aber gleich darauf sah er ein, dass dieser Wunsch wohl nicht in Erfüllung gehen würde. Er kannte Eva nun lange genug;

nichts würde sie jetzt dazu bringen, das Bett zu verlassen!

Da klingelte es wieder. Diesmal länger. Bernd seufzte noch einmal und richtete sich auf der Couch halb auf. Er versuchte die Zeige der Wanduhr zu erkennen. Die Uhr stellte die Nachbildung einer altägyptischen Sonnenuhr da. Sonst mochte er diese Nachbildung, doch heute schien die Sonne so direkt auf diese Uhr, dass ihr Schein sich in dem Gold der Uhr spiegelte. Die Zeiger waren nicht zu erkennen. Also stand er dann doch auf. Es hatte soeben ein drittes Mal geklingelt. Diesmal noch dringender. Jetzt erkannte Bernd die Zeiger der Uhr. Es war gerade 6.45 Uhr.

Bernd fluchte vor sich hin: "Verdammt noch mal! Wer klingelt denn um diese Zeit?" Doch dann, nach dem er sich nochmals davon überzeugt hatte, dass Eva diese verdammte Tür nicht aufmachen würde, aus dem Schlafzimmer kam kein einziger Laut, gab er sich einen letzten erforderlichen Ruck, und lief zur Tür. Bernd machte sich nicht die Mühe etwas überzuziehen. So öffnete er ,dem morgendlichen Störenfried, bekleidet nur mit einem knappen, schwarzen Slip, die Tür.

"Eildienst!" stellte der sich nur ganz knapp vor.

Na ja, dachte Bernd, eine Entschuldigung konnte er wohl vergessen.

Das Paket, welches der Mann ihm direkt unter die Nase hielt, war am Deckel mit kreisrunden, ein markstückgroßen Löchern versehen. Bernd besah sich diese Löcher erstaunt, doch da knallte ihm der Bote einen Zettel auf das Päckchen.

"Unterschreiben. Hier." Er reichte ihm einen blauen Kugelschreiber und deutete auf die Zeile, am Fußende des Zettels.

Bernd kritzelte seinen Namen darunter, nachdem er die Buchstaben i.A. voraus geschickt hatte. Dann schloss er die Tür. Er hörte noch wie der Mann die Treppe wieder hinunter lief. Neugierig bedachte Bernd nun das Päckchen doch mit einem längeren Blick.

Thomas Härtling stand auf dem Absender. Bernd seufzte nun doch etwas lauter; lauter sogar noch als vorhin, als ihn der Eildienst aus dem Bett geholt hatte. Das konnte ja nichts Vernünftiges bedeuten, dachte er resignierend. Andere Leute um diese Zeit aus den Federn zu holen… Das sah ihm nun wirklich ähnlich. Blöder Idiot!

Anderseits, mit einem zweiten Blick auf die Uhr, stellte er fest, hätten sie beide ja sowieso eigentlich zur Arbeit gemusst. Ach, Bernd winkte ab; Eva würde das schon regeln!

Schließlich war ihr beider Chef ja auch gleichzeitig Evas Tante. Da würde dieser eine, freie Tag wohl drin sein!

Auf einmal spürte Bernd, wie sich in seiner Magengegend etwas rührte. Teufel, war ihm übel!

Er trat wieder zur Couch und stellte das Päckchen auf dem davor stehenden Tisch ab.

"Wer war das?" klang endlich Evas Stimme unwirsch aus dem Schlafzimmer.

Bernd grinste. Eva hörte sich auch nicht gerade an, wie der frische Morgen. Hatte er es doch geahnt! Irgendwie ging es ihm plötzlich wieder besser. Gut zu wissen, dass er nicht allein mit seinem Kater war. Nur ganz kurz regten sich Schuldgefühle in ihm, aber eben nur ganz kurz. Dann rief er laut, auf die geschlossene Tür zu:

"Ein Paket, von deinem Herrn Bruder! Sieht merkwürdig aus." Er wollte eigentlich noch etwas hinzufügen, aber da hörte er ein leises Geräusch, das direkt aus dem Päckchen zu kommen schien. Bernd verstummte und lauschte.

Tatsächlich! Er legte den Kopf schief und hörte noch einige Sekunden auf den hellen Ton, der unter der dicken Pappe hervor drang. Dann rief er Eva wieder zu:

"Ich denke, du stehst auf und siehst es dir an. Scheint etwas Lebendiges zu sein."

„..Mmm." Machte Eva etwas lauter.

„Nun komm schon!" Bernd öffnete kurzer Hand die Schlafzimmertür.

„Komm, mach es auf. Es piepst so komisch. He Eva!" rief er jetzt doch etwas lauter, als sich die Freundin immer noch nicht bequemen wollte, das Bett zu verlassen.

Doch jetzt hob sie beide Arme, streckte sich gähnend und schwang endlich die Beine aus dem Bett. Schnell, oder wenigstens dachte sie, dass ihre Bewegungen schnell waren, warf sie sich ihren hell rosa Morgenmantel über die Schultern und schlüpfte, beim Gehen, mit den Armen hinein.

Ihre Hand griff nach ihrer Stirn. Sie hat also auch Kopfschmerzen, dachte Bernd grinsend

Seufzend, als sei sie in der Nacht um mehrere Jahrzehnte gealtert, ließ sie sich auf Bernds Schlafstätte sinken.

"Siehst ja wirklich nicht gerade munter aus!" grinste er schadenfroh.

Mit zittrigen Händen angelte sie jetzt nach dem Paket. Doch nur wenige Minuten darauf veränderte sich ihr Gesichtsausdruck so rasch, als hätte man einen Film geschnitten.

Das, was sie jetzt in ihren Händen hielt, die jetzt überhaupt nicht mehr zitterten, war ein kleines, schnatterndes Etwas.

Bernd staunte nicht schlecht. Das da war ein kleines, braun- weiß geflecktes Küken!

Der kleine Kerl begann sich jetzt, sichtlich erfreut, den Pappkarton hinter sich gelassen zu haben, in Evas offene Handflächen zu kuscheln.

"Was ist denn das?" fragte Bernd fassungslos erstaunt.

Eva hatte den dazugehörigen Brief aus dem Päckchen gefischt und las jetzt die wenigen Zeilen, die ihr Bruder dazu geschrieben hatte.

,,Ich glaub's einfach nicht!" rief sie aufgeregt. "Das hier ist ein Gänseküken. Genauer gesagt: eine junge Brandgans. Er schreibt, er hat sie geschenkt bekommen. Na ja, wer's glaubt. . . " Eva faltete den Brief wieder zusammen. Sie tat es mit einer Hand, denn die andere hatte das Küken nicht wieder frei gegeben, nach dem es erst davon Besitz ergriffen hatte. Eva senkte den Kopf und beobachtete das junge Tier, das in ihrer Handfläche kuschelte und sie aus kleinen, runden Entenaugen heraus musterte.

In Evas Augen trat ein belustigter Ausdruck.

"Ist der denn jetzt völlig durchgedreht? Was, zum Teufel, soll ich denn mit einer Brandgans? Was soll so ein Wasservogel hier in meiner Wohnung?" Evas Augen hefteten, wie festgefroren, auf diesem kleinen Etwas. Dann begann es mächtig in ihrem Gesicht zu zucken und ein regelrechter Lachschwall brach aus ihr hervor. Bernd sah sie ungläubig an. Er fragte sich schon, ob sie sich überhaupt wieder beruhigen würde. Doch da hörte er schon wie sie heftig zu atmen begann und endlich war wieder Ruhe eingekehrt. Den Vogel hatte der Lärm, den Eva veranstaltet hatte, aber nicht im Geringsten gestört. Bernd schüttelte den Kopf.

„Ich wusste ja schon immer, dass dein Bruder sie nicht alle beisammen hat! - Aber er ist doch niedlich. Wie willst du ihn nennen? Du behältst ihn doch?!"

"Unsinn! Bist du jetzt auch durchgedreht? Ich werde mich, so schnell wie möglich, beim Zoo informieren, ob sie dort Verwendung für ihn haben. Oder, meinst du, meine Badewanne reicht ihm?" Der letzte Satz war nur ironisch gemeint. Eva hatte Ahnung von Tieren und sie wusste ganz genau, dass man solch ein Tier auf keinen Fall in einer Zweizimmeretagenwohnung halten konnte.

Bernd protestierte nicht mehr. Obwohl, interessiert hätte es ihn ja, wie man mit so einem Vogel das Leben verbringen konnte. Er war nicht nur tierlieb, sondern übertrieb manchmal auch gerne. Seine Freunde hatten ihn deshalb oft aufgezogen. Jetzt schmunzelte er. Na, jedenfalls würde er keinen Elefanten mit ins Bett nehmen! Obwohl die meisten seiner Freunde gerade das ihm zutrauen würden. Trotzdem, gegen alles bessere Wissen, versuchte er es doch noch einmal:

„Mensch Eva, so eine Gans hat doch was! Das hat nicht jeder als Haustier. Sollen ja auch ausgezeichnete Wachhunde abgeben. Denk doch mal..."

Doch Eva sah ihn nur entschieden an. Er hatte ja auch eigentlich nichts anderes erwartet.

"Das ist nicht einmal ein Haustier“, kommentierte sie. "Ein Zugvogel, der überall hingehört, aber nicht in eine Wohnung!"

Jetzt klärte sie ihn auch noch darüber auf, wo sich der normale Lebensraum dieser Tiere befand: nämlich an der Nordsee- und Atlantikküste. Aber all das interessierte Bernd nicht sonderlich. Er hatte sich jetzt das Küken geschnappt und streichelte sein weiches Daunenkleid. Etwas in ihm protestierte dagegen, ihn jemals wieder herzugeben. Aber wahrscheinlich hatte Eva recht. Dennoch sagte er:

"Jetzt ist er aber erst einmal hier. Vielleicht lässt du ihn, bis er erwachsen ist, wenigstens bei dir wohnen. Er hat doch nicht einmal seine Mutter!"

"Und die soll ich jetzt spielen. Mann, Bernd!" Eva hatte die letzten Sätze gesagt, als sie schon auf dem Weg zum Telefon war. Jetzt wählte sie, und Bernd zweifelte nicht daran, dass es die Nummer vom Zoologischen Garten war.

"Hallo!" sagte sie in den Apparat. "Ich brauche Frischnahrung. Würmer, Weichtiere und so weiter... Eine Gans.. Ja, O.K. Wir kommen." Bernd staunte. Vielleicht hatte die Schwangerschaft sie doch nachgiebiger gestimmt.

"Also behältst du sie erst einmal?" Zu Bernd Freude nickte sie.

"Aber nicht lange und nur dir zu Liebe!" Eva bestimmte, dass Bernd für ihr Frühstück sorgen sollte, während sie selbst in diesen Zoohandel fahren würde, um dem Ganter etwas zum Beißen zu besorgen.

Mit einem leisen Windhauch rauschte Eva an ihm vorbei, ins Bad.

Bernd hatte die Gans auf den Fußboden gesetzt und das kleine Etwas erkundete neugierig und schnatternd seine neue Heimat.

Na, wenigstens war das Thema von gestern vergessen, dachte Bernd. Er zog sich selbst an und versuchte nun das kleine Tier wieder einzufangen, was aber gar nicht so leicht war, denn der Minivogel hatte bereits ziemlich flinke Füßchen. Er hatte es noch nicht geschafft, als er hörte, wie die Tür ins Schloss viel. Also war Eva bereits gegangen.

Bernd zuckte die Schultern. Er kniete auf dem Boden und streckte abermals die Hände aus. Endlich schlossen sich seine Finger um dieses unsagbar weiche Daunenkleid, des neuen Familienmitgliedes.

"Jetzt bekommst du gleich was zu essen." Flüsterte er dem Jungvogel zu. Er hatte sich bereits in das Tier verliebt. Wieder mal ein Grund mehr für seine Freunde, ihn auf den Arm zu nehmen. Na und, dachte er sich. Bernd sah sich in der Wohnung nach dem Zweitschlüssel um. Wenn er zum Bäcker gehen sollte, musste er ja schließlich danach wieder in die Wohnung kommen!

Da klingelte es abermals an der Tür. Hatte Eva auch ihren Schlüssel vergessen? Unsinn! So schnell konnte sie gar nicht wieder hier sein.

„Wieder ein Päckchen, von diesem Verrückten? Vielleicht eine kleine Schwester für dich?" fragte er die Gans. Bekam allerdings keine Antwort, denn das Tier knautschte nur weiterhin vergnügt an seinem Zeigefinger.

Er lief zur Tür und öffnete. Zwei Männer standen vor ihm.

Der eine hatte langes, rotblondes Haar, der andere, der ältere der Beiden, trug sein Haar kurz geschnitten. Er war schon grau im Ansatz.

Was wollen die denn hier? dachte er. Laut sagte er aber nur:

„Ja, bitte?"

„Ist Frau Härtling zu sprechen?" fragte der Jüngere.

„Nein. Ist einkaufen!"

„Wann wird sie zurück erwartet? - Mann, mach’s nicht so spannend, Jungchen!" Eigentlich hätte Bernd jetzt gerne eine passende Antwort, auf dieses Benehmen gegeben. Aber er versuchte dennoch, wenigstens etwas Freundlichkeit zu bewahren.

„Wer sind Sie denn eigentlich? Was..?"

„Mordkommission!" der Dunkelhaarige hatte bereits seine Marke gezückt, noch ehe Bernd den Satz zu Ende bringen konnte.

"Also!" drängte jetzt der Jüngere.

Er sieht eher aus, wie ein Rocker, stellte Bernd jetzt in Gedanken fest. Und so was ist bei der Polizei!

"Müsste gleich wieder zurück sein. Was ist passiert?" Bernd hatte plötzlich ein mulmiges Gefühl im Magen. Die beiden Beamten wechselten Blicke untereinander, die zu verstehen nicht allzu schwer waren. Bernd jedenfalls wurde dadurch nur noch unruhiger.

Der Langhaarige räusperte sich. Ein wenig zu verlegen, wie Bernd fand, dann sagte er:

"Ist eigentlich privat, für Frau Härtling. Aber vielleicht könnten Sie...? Wer sind Sie denn, bitte?"

"Mein Name ist Bernd Schuhmann. Ich bin ein guter Freund von Frau Härtling."

"Sie sind also sozusagen liiert?" Bernd schüttelte den Kopf, was einen bedauernden Blick in die Augen des Anderen trieb.

Mann, machen die es aber spannend, dachte Bernd noch, ehe er erklärte:

"Nein. Das nicht. Aber wir sind so etwas wie Geschwister, wenn Sie es so wollen. Wir kennen uns schon von Kindheit an. Wir arbeiten auch zusammen. Bei ihrer Tante. Wir sind beide Friseure." Eigentlich wollte Bernd gar nicht so detailliert werden.

Warum tat er es dann? Er wunderte sich über sich selbst.

Tatsächlich war er nicht gerade bekannt, viel für Fremde übrig zu haben. Aber irgendwie spürte er, dass es genau das war, was die beiden Kripos hören wollten.

"Gut“, sagte jetzt der Ältere. "Der Vater von Frau Härtling ist verstorben. Gestern, in der Nacht. Auf seinem Arbeitsplatz. "

Der Polizist übertrug ihm die Nachricht, als wäre es ein Referat über irgendein unwichtiges Produkt. Aber das war es nicht! Was er jetzt gehört hatte, war die Nachricht vom Tod eines guten Bekannten. Verdammt noch mal, konnten diese Kerle denn kein bisschen Mitgefühl zeigen? Jetzt war er froh, dass Eva nicht da war. Fassungslos starrte er dem Rothaarigen ins Gesicht. Obwohl es ja eigentlich der andere war, der mit ihm als letztes gesprochen hatte. Der Rothaarige gab seinen Blick zurück; aber es war kein Mitleid in ihnen.

Vielleicht Müdigkeit. Vielleicht auch Resignation, aber eben kein Mitleid!

"Verstorben.. sagen Sie? Sie meinen, er ist ermordet worden?

Stimmt doch, oder? Sonst wären Sie wohl kaum hier!"

Bernd schloss seine Finger zu Fäusten; das Küken protestierte quakend. Bernd ließ es wieder auf den Boden, jedoch ohne den Blick von den beiden Männern zu nehmen. Der Ältere nickte jetzt. Bernd fühlte sich so langsam wie in einem Albtraum gefangen. Gleich erwartete er aufzuwachen. Wie sollte er das nur alles Eva beibringen? Hatte sie denn nicht, verdammt noch mal, genug Probleme? Auch ohne das hier!

"Und wie ist er umgebracht worden? Und warum verdammt noch mal? Haben Sie den Mörder schon?" bohrte er jetzt weiter. Schließlich musste er Eva doch irgendetwas erklären.

Die beiden schüttelten ihre Köpfe, als hätten sie es einstudiert.

„Können wir leider noch nicht sagen. Werden Sie Frau Härtling aufklären? Wir wären ihnen dankbar- danach sollte Sie aufs Präsidium kommen. Wegen der Formalitäten." Damit streckte der Langhaarige ihm ein Kärtchen entgegen.

Zimmernummer mit Telefonnummer und Name stand auf dem Kärtchen. Schulz. Die Beamten wandten sich zum Gehen. Bernd grüßte nicht. Er stand noch immer da, an die offenstehende Wohnungstür gelehnt, als die Beamten bereits die Treppe hinunter und das Haus verlassen hatten. Er fühlte sich schrecklich. Er war nicht der Typ, der solche Hiobsbotschaften überbringen konnte. Irgendwie hatte er auch Angst vor Evas Reaktion. Automatisch ging er ins Wohnzimmer zurück und setzte sich auf die Couch. Genau so automatisch griffen seine Hände nach der Decke, die er noch nicht wieder fort geräumt hatte, und zog sie sich bis zum Hals hoch. Bernd hatte Evas Vater gut gekannt. Er war immer freundlich und aufgeschlossen gewesen. Nicht einmal als sich später heraus stellte, dass Bernd auf Männer stand, hatte sich ihre Beziehung im Geringsten geändert. Evas Vater war ihm ein guter Freund geblieben, den er gern nach seiner Meinung gefragt hatte. Jetzt war er tot! Einfach so. Jemand hatte ihn umgebracht. Es fiel ihm schwer, sich so etwas auch nur vorzustellen. Verflucht, wer in Gottes Namen, sollte so etwas tun?

Noch immer saß er starr auf der Couch und hielt die Decke fest an sich gepresst, als Eva strahlend zurückkam.

7

"Ich weiß ja nicht, wie' s dir geht, aber ich brauch jetzt 'nen Scotch. Doppelt!" Schulz hatte sich in seinen Stuhl fallen lassen, als wäre er plötzlich um Jahre gealtert. Sein Blick zeugte von einer Müdigkeit, die Reich noch niemals vorher bei ihm gesehen hatte. Reich warf ihm einen musternden Blick zu. Betreten, ja das war wohl die Beschreibung, für den Gesichtsausdruck, den Schulz aufgesetzt hatte. Sie waren seit vielleicht nicht ganz zwanzig Minuten zurück, und jetzt hatten sie es endlich geschafft, die Bürotür hinter sich zu schließen. Sie waren zufrieden, hatten sie doch die letzten Stunden damit zugebracht, die Verwandten der Ermordeten über das Geschehen aufzuklären. Reich hasste diese Aufgabe immer.

Bei Schulz hatte er allerdings nie derartige Gefühlsbeteiligung erlebt! Ihren letzten Termin hatten sie mit Frau Luckow gehabt, der Witwe von Achim Luckow, jenes bedauerlich zugerichteten Toten, dessen Unterkörper man immer noch nicht gefunden hatte. Das alles mussten sie dieser Frau beibringen. Es war einfach scheußlich gewesen!

Der Nervenzusammenbruch, den Frau Luckow erlitten hatte, war an der ganzen Geschichte wohl noch das wenigste gewesen. Weinend und kreischend war die Frau auf Reich losgegangen. Mit den Fäusten hatte sie seine Brust bearbeitet. Ihre Schläge waren aber nicht halb so kraftvoll, wie es den Anschein gehabt haben musste. Aber all das hatte ihre vierzehnjährige Tochter mit angesehen. Sie hatten das Mädchen zwar zuvor in ihr Zimmer geschickt, aber sie musste wohl gespürt haben, welcher Art die Nachricht war, die sie überbringen mussten. Sie war wieder heraus gekommen und nun hatte sie alles mit angehört. Das Mädchen hatte keinen Ton gesagt. Sie war auch stumm geblieben, als sie sie zu ihrer Großmutter brachten, nachdem ihre Mutter vom Krankenwagen abgeholt worden war. Die ganze Fahrt über hatte das Mädchen geschwiegen. Nur ihre Augen...! Reich hatte versucht irgendetwas in ihnen zu erkennen. Traurigkeit, Wut, irgendetwas. Doch da war nichts gewesen. Die Augen einer Puppe. Das Mädchen stand unter Schock. Trotzdem wollte Reich sie nicht in ein Krankenhaus bringen, sondern benachrichtigte den Arzt von der Großmutter aus. Seine Entscheidung war wohl hoffentlich richtig gewesen, denn das Kind brauchte nicht nur medizinische Hilfe, sondern vor allem die Nähe einer Person, zu der sie Vertrauen hatte. Die sie liebte.

Ihre Großmutter hatte, Gott sei Dank, die Nerven behalten!

Nur ihre Hände hatten leicht gezittert, als sie ihre Enkelin in die Arme schloss. Bemerkenswert!

Doch weder an Schulz noch an Reich waren diese Szenen einfach so vorbei gegangen. Jetzt, als sie diese schrecklichen Aufgaben hinter sich hatten, in der Sicherheit ihres Büros, forderten sie ihren Tribut. Reich hatte dieses Gefühl immer.

Immer, wenn er derartige Dinge erledigen musste, ging es ihm danach schlecht. All die vielen Jahre, die er nun schon bei der Mordkommission arbeitete, hatten daran nichts ändern können. Einige seiner Kollegen, in anderen Revieren, schickten für solche Sachen, ihre Untergebenen. Reich wusste das, und mehr als ein Mal hatte er es bereut, es nicht ebenfalls so zu halten. Aber es ging ihm einfach gegen den Strich, andere die Drecksarbeit machen zu lassen. Auch wenn' es ihm danach jedes Mal so ging, als habe er selbst gerade solch eine Todesnachricht bekommen. Diesmal aber war es Schulz, der am meisten litt. Reich beobachtete ihn. Er hatte noch immer eine Gänsehaut und seine Hände zitterten leicht.

"Und ich dachte immer, dich lässt so was kalt!" Reich schob seinem Kollegen den gewünschten Scotch zu. Es war wohl eher ein Dreifacher, denn das Glas war so voll, dass Schulz sich erst vorbeugen und den ersten Schluck nehmen musste, als das Glas noch auf dem Tisch stand. Doch auch sein eigenes Glas hatte Reich bis zum Gehtnichtmehr gefüllt. Er leerte es jetzt mit einem Zug. Dabei genoss er das brennende, leicht betäubende Gefühl, als die goldbraune Flüssigkeit seine Kehle hinunter lief, dann goss er die Gläser nochmals voll. Diesmal allerdings nur bis zum zweiten Strich.

Schulz hatte den Kopf in die Handflächen gestützt und atmete laut durch den offenen Mund. Dann begann er zu sprechen, aber auch seine Stimme war verändert. Fast klang sie monoton.

„Einen haben wir aber noch vor uns. Die kleine Härtling. Selbst wenn sie schon weiß, dass ihr Vater tot ist, macht das auch keinen großen Unterschied- denn wir müssen ihr noch das WIE erklären. - Gottverdammte Scheiße!" Seine Stimme war lauter geworden und auch die Betonung war wieder da.

Er hob das Gesicht und blickte Reich an. "Hast du schon eine Idee? Was, zum Teufel, mag da passiert sein? - Weißt du, wenn ich den Leuten schon sagen muss, wie ihre Verwandten gestorben sind, würde ich Ihnen auch gerne wenigstens die Täter servieren!"

„Wollen wir das nicht immer?" antwortete Reich. Aber auch er wusste, dass dieser Fall anders war. Mit Brutalität waren sie immer konfrontiert. Kein Mord war sanft und zärtlich.

Aber, das hier konnte man kaum noch als brutalen Mord deklamieren! Es war grauenvoll!

Noch nie zuvor hatte er Schulz so niedergeschlagen und nervös gesehen. Er goss die Gläser ein drittes Mal voll, selbst wenn dadurch die Gefahr bestand, dass sie heute gar nicht mehr ihr Büro verlassen würden. Dann erst antwortete er:

"Ehrlich gesagt, wäre ich schon etwas beruhigter, wenn wir nur wüssten, was mit den fehlenden Körperteilen, der Opfer, geschehen ist! - Und was mit der Leiche geschehen ist, die verschwunden ist! - Irgendetwas sagt mir: das war kein geplanter Mord! - - Diese verdammte Leiche... "

"Ein Ritualmord also?" Reich lehnte sich im Stuhl zurück. Sein Blick hielt den von Schulz fest.

"Ich weiß es einfach nicht!" resignierte er.

Schulz schüttelte den Kopf, wobei sich eine Strähne seines langen Haares zwischen seine Lippen klemmte. Er entfernte sie mit dem Zeigefinger.

Reich hatte sich oft gefragt, wie ein Mann, vor allem aber ein Polizist mit derart langen Haaren leben konnte. Ihn hätte diese Haarpracht sicherlich gestört. Aber vor einer solchen Entscheidung stand er ja nun auch nicht mehr. Sein Haar war schon viel zu schüttern.

"Ich weiß nicht so recht." begann Schulz wieder. "Ein Ritualmörder hätte sicherlich sauberere Arbeit geleistet. Die stehen doch meistens immer auf die gleichen Körperteile. Sie sammeln sie ja auch regelrecht. Du weißt schon… Genitalien, oder Köpfe. Außerdem kennzeichnen sie auch ihre Opfer. Doch davon war nichts zu entdecken. Nein, das hier war etwas anderes!" Reich versuchte das Gedankenspiel zu verfolgen. Aber da fuhr Schulz auch schon fort. Es war allerdings so, als meine er nicht ihn, sondern als spräche er vielmehr mit sich selbst.

Trotzdem hörte Reich natürlich zu.

"Wie vor drei Jahren. Als dieser Irre die rechten Hände seiner Opfer abgeschnitten hatte. Später haben wir sie dann bei ihm im Keller wieder gefunden. Fein säuberlich in Reagenzgläsern, in denen sie im Alkohol baden durften. Aber hier?" Urplötzlich hatte er seine Aufmerksamkeit wieder Reich geschenkt. "Hier liegt der Fall anders. Ein ganzes Bein, oder wie im Fall von Luckow, der gesamte Unterkörper. Wo will man denn so etwas unterbringen? So große Reagenzgläser gibt es meines Wissens gar nicht!" Reich nickte.

"Es sei denn, man will ein neues Frankensteinmonster erschaffen- Vielleicht sollten wir Elektriker und Wissenschaftler in den Kreis der Verdächtigen aufnehmen?" warf er ein. Doch Schulz überging diese Antwort einfach. Er fuhr da fort, wo er geendet hatte.

"Reifenspuren waren auch keine da. - Hat dieser Scheißkerl also die ganzen Körperteile eigenhändig bis zum Hauptort getragen? Unvorstellbar! Außerdem gab es auch draußen keinerlei Blutspuren. Solche frisch ausgerissenen Körperteile bluten doch, oder etwa nicht?" Schulz schüttelte sich und hangelte nach dem vierten Scotch. Die Flasche ging beinahe zur Neige.

Reich stutzte. Er blickte seinen Kollegen aufmerksam an.

Irgendetwas an seinen Ausführungen hatte Reich hellhörig werden lassen; aber er wusste nicht einmal was es war. Jetzt wartete er.

Doch Schulz machte keine Anstalten weiter zu sprechen.

Was war es nur, das Schulz gesagt hatte? Reich hatte eine Sekunde lang gefühlt, ganz nahe an der Aufklärung zu sein!

Er überlegte angestrengt. Am liebsten hätte er seinen Kollegen gebeten, alles noch einmal zu wiederholen. Aber das hätte Schulz sicherlich gar nicht gekonnt. Die Sätze waren ja auch nur so aus ihm heraus gesprudelt.

"Behalte einen klaren Kopf, Junge!" versuchte Reich ihn jetzt aufzumuntern. Doch da klingelte das Telefon.

Mechanisch griff Reich nach dem Hörer.

Er hörte einen Moment zu. Seine Augen weiteten sich und er nickte dreimal hintereinander so stark mit dem Kopf, dass Schulz schon befürchtete, er verpasse sich selbst einen kräftigen Kinnhaken. Aber Reich schien es selbst nicht einmal zu spüren. Seine Gedanken überschlugen sich. Dann hängte er ein. Schulz erwarte schon eine neue Hiobsbotschaft. Aber das war es nicht.

"Sie wissen jetzt, wessen Leiche verschwunden ist. Es war eine Frau, Jutta Hoffmann. Sie war achtundfünfzig Jahre alt und war an Krebs verstorben. Vor zwei Wochen. Sollte heute eingeäschert werden. Was will man nur mit solch einer Leiche? Grausig ist das!" Reich griff nach seiner Brille und putzte jetzt, sicherlich schon zum fünften Male die Gläser ohne sie danach nur ein einziges Mal aufzusetzen.

„Was meinst du, hat er die etwa auch zum Friedhofstor hinaus getragen? Man, die muss doch schon flüssig gewesen sein. Zwei Wochen..!" Die Augen von Schulz waren nur noch zwei schmale Schlitze.

"Sollte man nicht für möglich halten, muss aber doch so sein!

- Wenn sie nicht gerade auf ihren eigenen Beinen dort hinaus spaziert ist." Versuchte Reich sich im Sarkasmus. In der gleichen Art, die sonst immer Schulz an den Tag legte. Doch das Grinsen, das er dazu aufgesetzt hatte, gefror gleich wieder, als er die Blicke seines Partners sah. Er war wohl doch nicht der Typ, für solch harte Sprüche.

8

Müde und kraftlos griffen sie nach ihren Jacken, die schon seit Stunden über die Lehnen ihrer Stühle gehangen hatten.

Heute war der dritte Tag, an welchem sie keinen normalen Feierabend kannten. Reich und Schulz hatten, in den letzten zwei Tagen, alle Akten durchforstet, fast alle Krankenhäuser angerufen, die eventuell psychisch kranke Patienten betreuten. Sie waren die Verbrecherlisten durchgegangen, ohne auch nur das Geringste zu finden. Schulz warf noch einen letzten Blick auf die Uhr. 22.30h. Seine dunklen Augenringe, die sich deutlich von der blassen Haut absetzten, zeugten von der Fassung, in der er sich befand. Endlich wollten sie nach Hause. Beide konnten nur noch daran denken, endlich das Licht in ihren Schlafzimmern zu löschen und sich dem Schlaf hingeben zu können, den sie schon längst brauchten. Sie wollten bereits aus dem Büro hinaus und Reich hatte den Schlüssel parat, um die Tür von außen abzuschließen, da klingelte das Telefon. Reich zögerte noch; er tauschte einen schnellen Blick mit Schulz, der schon auf dem Weg gewesen war, aber nun ebenfalls widerwillig die Tür anstarrte. Sollte dieses verdammte Telefon doch klingeln! Es war spät genug, dass niemand mehr wirklich verlangte, dass sie hier waren. Die Versuchung einfach zu gehen, und dieses verdammte Telefon sich selbst zu überlassen, war einfach verführerisch!

Dennoch öffnete Reich die Tür wieder und trat zum Telefon.

Einen Moment lang starrte er es noch müde an, ohne sich zu rühren.

"Na, heb schon ab!" sagte Schulz, der nun ebenfalls wieder im Büro stand.

Reichs Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig. Es dauerte nur Sekunden, dann war er wieder hellwach. Auch Schulz war nun neugierig geworden. Er machte sich bereits daran, die Kaffeemaschine in Betrieb zu setzen. Es würde wohl doch noch nichts mit dem Feierabend werden! Ihre Betten würden wohl noch warten müssen!

Als Reich den Telefonhörer auf die Gabel zurückgelegt hatte, hatte er bereits sein Jackett wieder über die Stuhllehne gehängt. .

„Krematorium Ruhleben!" erklärte er dann finster. "Beinahe die gleiche Geschichte. Ein toter Gärtner, zwei tote Verbrenner. Zwei leere Särge, zwei verschwundene Leichen.

Diesmal eine Frau und ein Mann. Die Opfer unterscheiden sich in nichts von denen aus Wedding. Nur der Gärtner bildet eine kleine Abweichung vom Strickmuster. Er wurde nicht im Haus, sondern draußen, auf dem Gelände ermordet. Ansonsten die gleiche Schweinerei. Also, derselbe Täter. Verflucht noch mal!

Hast du den Kaffee fertig? Na, dann los, machen wir uns wieder frisch!" Mit zitternden Händen goss Schulz ihnen den schwarzen, starken Kaffee in zwei große Tassen. Fast gleichzeitig hob er die Tasse und nahm einen Schluck, und verbrühte sich auch prompt die Lippen.

"Verdammt, ist der heiß!" Kommentierte er sein Missgeschick.

"Man, dieser Fall macht mich noch fertig! Ich hab schon keine Lust mehr auf Leichen. Bei diesem Fall beginne ich so langsam meinen Beruf zu verfluchen. Vielleicht zum ersten Mal wirklich. - Aber irgendetwas gefällt mir hier nicht.

Wenn ich doch nur wüsste, was! Zum Teufel, dieser Fall macht mich wahnsinnig!"

Reich nickte.

"Mir geht es genauso. Psychopaten hatten wir ja schon öfters. Aber das hier? Mord und Leichendiebstahl. Diese beiden Komponenten hatte ich selten zusammen erlebt."

"Selten?" fragte Schulz und schob seinen Stuhl lärmend zurück.

9

 

Zwei Tage später.

Es hatte sich herausgestellt, dass die Morde in Ruhleben sich tatsächlich, in keiner Weise von denen in Wedding, unterschieden. Auch das Ergebnis der vielen, zumeist sinnlosen Befragungen, war das gleiche. Reich und Schulz waren schon auf dem Rückweg gewesen, als sie von jemandem angerufen wurden. Aufgeregt, mit den Armen schwenkend, kam ein Mann hinter ihnen her. Seine dunkelgrüne Kleidung ließ darauf schließen, dass er einer der Gärtner war.

"Sie sollten mal diesen Kerl befragen, der hier immer herum lungert. Seit einigen Wochen ist er beinahe täglich hier." Der Mann versuchte schnaufend zu Atem zu kommen.

Reich war hellhörig geworden.

"Aber vielleicht besucht er auch nur das Grab eines Angehörigen?" Der Mann hatte den Kopf geschüttelt, ehe Reich seine Frage ausgesprochen hatte.

"Nein, das glaube ich nicht. Er ist auch nie an ein und derselben Stelle zu finden. Mal sitzt er auf einer Bank, an der seligen Wiese, mal trifft man ihn, still hinter einem Gebüsch ·stehend, an einer ganz anderen Stelle. Nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass er so viel Verwandte hat, die alle zusammen hier bei uns begraben liegen. Er ist irgendwie unheimlich, dieser Mann."

„Könnten Sie ihn beschreiben?" fragte Schulz, während er

schon sein kleines, schwarzes Notizbuch und seinen abgenutzten Kugelschreiber hervor krallte.

Doch was dann kam, war kaum etwas, mit dem sich etwas anfangen ließ.

Dunkle Jeans, zumeist mit Shirt und Lederjacke bekleidet.

Dazu braune Halbschuhe. Nicht einmal die Haarfarbe konnte der Mann mit Bestimmtheit sagen. Der Grund dafür war, dass der so Beschriebene stets eine Kopfbedeckung, in Form eines Basecaps, trug. Seine Körpergröße gab der Gärtner mit zwischen ein Meter siebzig und ein Meter achtzig an. Das einzige, das einer wirklichen Beschreibung nahe kam war, dass dem Mann vorne beide Schneidezähne fehlten, was, ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Weg des Bösen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen