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Der Waldmensch

Der Waldmensch

 

Fast in allen Ländern der Welt, wo es noch große Strecken Wildnis gibt, taucht dann und wann das Gerücht von Wald- oder „wilden Menschen“ auf, die man hier und da im Wald einmal gesehen haben will. Unter diesen „wilden Menschen“ sind aber dann keineswegs Indianer gemeint, die, wenn sie auch in der Wildnis leben, doch ihre bestimmten Sitten und Gebräuche haben, sondern solche, die wie die wilden Tiere einsam in Schluchten, Höhlen oder hohlen Bäumen hausen, und wenn sie einen andern Menschen kommen sehen oder ihn auch nur wittern, gerade so fliehen wie das Wild.

So ist es Tatsache, dass es in Amerika hier und da solche wilden Menschen gegeben hat, die ohne Kleider, mit wirrem, langem Haar, langgewachsenen Nägeln und von Wurzeln und Insekten lebend, besonders in den ungeheuren Niederungen hausten, und die Jäger, die einen von ihnen vielleicht zufällig einmal zu Gesicht bekamen, erzählten dann daheim die schrecklichsten Geschichten von ihnen: wie sie mit langen Haaren bewachsen und von ganz übernatürlicher Stärke wären, ja Zähne und Fänge wie Bären und Augen wie glühende Kohlen hätten.

Furcht und Überraschung mochten bei solchen Leuten wohl immer dazu beitragen, das Aussehen solcher unglücklichen Wesen, die sie im Walde getroffen, zu übertreiben. Die Aufgeklärten unter den Waldbewohnern wissen es sich aber recht gut zu erklären, woher solche Waldmenschen kommen, denn wenn sie auch – einmal draußen in der Wildnis – wirklich wild sein mögen, so sind sie doch eben nur wild geworden und waren früher Menschen wie sie selber. Man hat auch noch nie zwei solcher Waldmenschen beisammen gefunden; sie kommen immer nur einzeln vor und gehen dann auch meist im Walde zugrunde.

Woher sie kommen, ist leicht erklärt. Es gibt nämlich kaum etwas Fürchterlicheres für einen Menschen, als sich zu verirren. Hier bei uns in Deutschland hat das nun freilich nicht viel zu sagen; denn wenn sich einmal ein Mensch in einem großen Walde verirrt und gezwungen ist, eine Nacht draußen im Freien zu bleiben, so weiß er doch recht gut, dass rings um ihn andere Menschen wohnen, und wenn er nur dem nächsten Bache folgt und immer an diesem entlanggeht, so muss er zuletzt entweder zu Häusern, zu einer Mühle oder überhaupt zu einem Platze kommen, wo er jemanden findet, derihn zurechtweisen kann.

Weit anders ist das in jenen ungeheuren Wildnissen Amerikas, in denen nur hier und da menschliche Wohnungen liegen und wo besonders in den flachen Niederungen weite Sümpfe den Wanderer aufhalten und gefährden. Wer sich an solcher Stelle wirklich einmal verirrt, der ist auch fast verloren, und die Angst vor diesem Schicksal packt solche Unglücklichen gewöhnlich so gewaltig, dass sie die Geistesgegenwart gänzlich verlieren. Kaum glauben sie sich verirrt, so fangen sie an hin- und herzulaufen, bald nach dieser, bald nach jener Seite, um einen Ausweg aus dem Wald zu finden, und die Furcht vor dem Verderben entmannt sie gleich vollständig im ersten Augenblick.

Es scheint Tatsache zu sein, dass die meisten dieser Verirrten schon am ersten Tage eine Art von Wahnsinn ergreift. Der schrecklichste Hungertod steht ihnen vielleicht vor Augen, und die Angst macht sie so verwirrt, dass sie zuletzt wirklich wahnsinnig werden. So aller ihrer Sinne beraubt sind sie schließlich, dass sie, wenn sie dann endlich einen Menschen antreffen, gerade so vor ihm fliehen, wie sie ihn früher gesucht haben.

Nach einiger Zeit, wenn sie wirklich imstande sind, sich von Wurzeln, wilden Früchten oder auch von Rinde so lange am Leben zu erhalten, bleiben ihre Kleider stückweise an den Dornen hängen, und sie verstecken sich nachts in hohlen Bäumen oder Dickichten oder, wenn sie in bergigem Land sind, in einer Höhle, gerade wie ein wildes Tier.

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