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Der Trapper am Swift-Creek

Ein Sommernachmittag im Walde

„Take care!“

Der Warnungsruf kam von meinem indianischen Begleiter, als wir neben den verglimmenden Resten unseres Lagerfeuers saßen, an dem wir soeben unsere Mittagsmahlzeit bereitet und eingenommen hatten. Ich folgte mit meinen Augen der Rich­tung seiner Blicke, aber ich sah nichts, was seine Warnung ge­rechtfertigt hätte.

Dann hob er seinen Arm und zeigte in die Höhe. Aufschauend sah ich, noch ziemlich hoch in der Luft, einen kahlköpfigen Adler schweben, der dort enge Kreise zog, ohne seine Flügel zu bewegen. Vermutlich hatte er an der Stelle, nach der der Indianer zuerst deutete, eine Beute erblickt.

Im nächsten Augenblick schrak ich zusammen. Denn von dort, nicht weiter als drei oder vier Meter von mir, tönte das un­heimliche Rasseln einer Klapperschlange, und gleichzeitig er­blickte ich die gefährliche Kreatur selbst. Sie war wenigstens einen Meter lang und offenbar eben aus dem Walde geschlüpft. An einer sandigen, sonnendurchwärmten Stelle hatte sie einen Augenblick verweilt. Während sie ihre kleinen lidlosen Augen mit einem Ausdruck von unbeschreiblicher Wut und Bosheit auf mich gerichtet hielt, verursachte eine Bewegung ihres Schwanzes das so gefürchtete Klappern.

Fast automatisch hatte ich nach meiner neben mir im Grase liegenden Rifle gegriffen, und wenn mir auch die nächsten zwei oder drei Sekunden kaum Zeit dazu ließen, hatte ich doch das deutliche Gefühl eines tiefen Hasses gegen das Untier und be­rechnete, ob es mir noch gelingen könnte, das Scheusal mit einem wohlgezielten Schuss abzutun, bevor es mich mit seinen blitz­schnellen Windungen erreichen und mir seinen tödlichen Biss versetzen konnte.

„Nicht schießen!“

Wie eine dringende Warnung tönte der Ruf des Indianers an mein Ohr, gleichzeitig mit dem Geräusch schwerer Flügelschläge. Im selben Augenblick schoss eine dunkle Gestalt aus der Luft herab und strich dicht über den Boden hin, ohne ihn zu berüh­ren. Als sie sich wieder in die Luft erhob, wand sich die Schlange in den mächtigen Klauen des Adlers, die sie fest wie ein Schraubstock umspannten.

Unsere Nähe hatte ihn bei der Erfassung seiner Beute offen­bar nicht im Geringsten gestört. Das war nicht überraschend, denn alle Vögel der Wildnis, die Adler nicht ausgenommen, sind auffällig wenig menschenscheu, und in diesem Falle ging alles so blitzschnell vor sich, dass er eigentlich nur wie ein schwarzer Schatten an mir vorübergestreift war.

Während er in der Richtung nach einem hohen Felsvorsprung emporflog, der sich nicht weit von unserm Lagerplatze in den breiten Gebirgsbach vorschob, konnte ich sehen, wie er dort oben den Körper der Bestie zerriss und Stück für Stück ver­schlang. Dann strich er ab, stieg zunächst höher in die Lüfte, um aber gleich darauf wieder herabzuschweben. Dieses Herabkom­men schien aber nicht ganz freiwillig zu geschehen. Ich bemerkte, wie er schwer mit den Flügeln um sich schlug und zuletzt ganz augenscheinlich die Gewalt über seine Bewegungen verlor. Es war irgend etwas los mit ihm, denn er versuchte mit großer Mühe und Anstrengung, sich in der Luft zu halten. Das gelang ihm aber nur noch kurze Zeit. Dann überschlug er sich und stürzte jäh in das reißende Wasser des Creeks. Der Schlange musste es also noch möglich gewesen sein, ihm einen Biss zu ver­setzen und ihn mit ihrem Gift zu töten.

Eine Zeit lang sah ich auf die Stelle, wo das edle Tier in den Wellen verschwunden war, dann wandte ich mich an meinen Begleiter:

„Warum wolltest du nicht, dass ich auf die Schlange schieße? Dachtest du, ich träfe den Adler? Schade, dass er in den Fluss fiel.“

„Klapperschlangen darf man nicht töten“, versetzte der In­dianer lakonisch.

Er gehörte zu dem Volke der Tlingits.

„Damit werden die Klapperschlangen sicher einverstanden sein“, entgegnete ich, „aber ich verstehe das nicht recht. Jeder tötet doch so ein Biest, wenn er es sieht, vorausgesetzt, dass es ihm nicht zuvorkommt.“

„Kein Indianer tut’s“, erklärte er.

„Doch“, widersprach ich. „Ich habe ihre getrockneten Leiber in den Tipis einiger Medizinmänner bei den Blutindianern in Alberta gesehen.“

„Medizinmänner dürfen töten, andere nicht. Klapperschlan­gen machen ,Böse Medizin‘. Bringt Unglück, wenn töten.“

Der Indianer war mein nächster Nachbar auf der kleinen Farm, die ich vor ein paar Wochen von einer Landkompanie gekauft hatte, und von der unser gegenwärtiger Lagerplatz nur ein paar Meilen entfernt war. Er hieß in der Sprache seines Volkes Duck-toolh, was so viel wie ‚Schwarze Haut‘ bedeutet, bei den Tlingits aus mythologischen Gründen das Sinnbild für große körperliche Kraft. Seine Blockhütte, die er mit seiner Tochter Jutti ganz allein bewohnte, lag keine zwei Meilen von meiner Farm entfernt an einem Bergabhange inmitten eines paradiesisch schönen Fleckchens Erde.

Der volle Name des etwa zwanzigjährigen Mädchens war Gonakatate Jutti, auf deutsch Gonakatates Kind, ein sehr ge­achteter Name, ebenfalls mythologischen Ursprungs, der sich durch Generationen hindurch in ihrem Stamme von mütterlicher Seite her fortgeerbt hatte; denn bei den Tlingits herrscht Ma­triarchie, und die Ehren eines Geschlechtes werden daher nicht durch die Väter, sondern durch die Mütter vererbt. Da Vater und Tochter jetzt aber von ihrem Stamme getrennt lebten und fast nur mit Weißen in Berührung kamen, so hatte sich die Abkürzung des Namens in Jutti ganz von selbst ergeben.

Die Tlingits hatten früher viel weiter nördlich im südöstlichen Teile von Alaska gelebt und waren dort die Herren des Landes gewesen. Ihre Hauptniederlassungen befanden sich am Ende des Lynnkanals. Dort hatten die Laichgründe der zahl­losen Lachszüge und fast ebenso unzählige Mengen anderer Fische, Robben, Bären, Bergziegen und kleineren Wildes, zu­sammen mit den ausgedehnten Beerengebüschen an den Berg­hängen ihnen einen Überfluss an Nahrung geliefert. Und da die Bergpässe, die einzigen Zugänge nach dem Innern von Alaska, von ihnen besetzt waren, so besaßen sie nicht nur das Monopol für den Pelzhandel aus diesen Gegenden, sondern auch für die Kupfer-Plazer in den Tälern am oberen Yukon und White River. Als dann die Weißen, zuerst vereinzelt, später aber in größerer Anzahl, ins Land kamen und mit der wachsenden Nachfrage nach Pelzen auch deren Preise stiegen, gelangten die Eingebore­nen zu einem hohen Wohlstand.

Wie sehr sie die Wichtigkeit dieser Umstände für ihr ferneres Gedeihen, ebenso wie die Gefahr, die ihnen von dem weiteren Vordringen der Weißen drohte, völlig erkannt hatten, geht dar­aus hervor, dass, als die Hudson Bay Co. im Jahre 1852 den Handelsposten Fort Selkirk an der Mündung des Pelly in den Lewis River gründete, eine Kriegerbande unter dem berühmten Häuptling Chartrich diesen Punkt überfiel und niederbrannte. Dabei warnten sie die Überlebenden der Garnison des Forts, sich jemals wieder in dem Gebiete, das sie als das ihrige betrach­teten, blicken zu lassen. Tatsächlich blieben sie auch die Herren darin, bis die Goldfunde am Klondike die Weißen in Scharen, gegen die sie machtlos waren, in das Land brachten.

Bis dahin hatten sie sich wirksam gegen die ihnen verhasste Zivilisation der Bleichgesichter abschließen können, hatten unter ihren eigenen wohlgeordneten Gesetzen mit den ihnen reichlich zur Verfügung stehenden Nahrungsquellen ein glückliches, sor­genloses Leben geführt, sich in Pelze und eingetauschte wollene Decken gekleidet, hatten Ahnenkult getrieben und ihr Leben mit seltsamen Zeremonien umgeben, ihre Toten verbrannt und abergläubische Hexenkünste geübt. Sie hatten Shamans, die man als eine Art indianischer Geheimlogen bezeichnen könnte, ge­gründet und unterhalten, waren stolz, eitel und empfindlich gegen wirkliche oder auch nur vermeintliche Beleidigungen, aber nichtsdestoweniger gesund, ehrlich und gut gesinnt, wenn man ihnen freundlich entgegenkam.

Mit der Entdeckung des Goldes am Klondike änderte sich das aber alles. Sie wurden aus ihrem Lande verdrängt, wander­ten nach den Lachsfischereien und Minen der Weißen in Britisch-Kolumbien und sind heute über das ganze nördliche Küstenland des Stillen Ozeans zerstreut.

So war es auch gekommen, dass ich den Tlingit, in dessen Ge­sellschaft ich mich heute befand, als meinen einzigen Nachbar in einem beträchtlichen Umkreise, in seiner einsamen Hütte le­bend, antraf. Ich hatte mich um seine Freundschaft bemüht, denn einerseits war es recht angenehm, im Falle der Not einen Nachbar in nicht allzu weiter Entfernung zu haben, und an­dererseits hoffte ich, aus seiner Erfahrung als Woodsman und besonders auch als Trapper, im kommenden Winter viel Nutzen zu ziehen.

Ich selbst war kein Neuling im Lande und in diesen Dingen nicht ganz unerfahren. Meine Beschäftigung mit ihnen war bis­her aber immer nur in einigen Ferienwochen erfolgt, die ich zwischen eine und die andere, stets Monate in Anspruch neh­mende, literarische Arbeit einzuschieben pflegte. Meine Kennt­nisse des Trappergewerbes waren daher auch nicht so lückenlos, dass mir die Ratschläge eines Eingeweihten in dieser Kunst nicht hätten willkommen sein müssen.

Wie ich eigentlich dazu gekommen war, die Farm – es handelte sich nur um zehn Äcker – zu kaufen, ist mir nie recht klar­geworden. Sie wurde mir billig angeboten. Der frühere Besitzer war, wie mir der Agent, von dem ich sie kaufte, kurz und ganz beiläufig mitgeteilt hatte, plötzlich verstorben und die Farm, auf die nur die übliche Anzahlung geleistet worden war, wieder Eigentum der Landgesellschaft geworden. Zwei Äcker waren bereits urbar gemacht und mit Obstbäumen bepflanzt, zwei weitere Äcker waren waldfrei. Auch war eine Blockhütte vorhan­den. Das bestimmte mich, den Kauf abzuschließen, wobei der Umstand, der sie anderen vielleicht weniger begehrenswert hätte erscheinen lassen, nämlich die weite Entfernung von der näch­sten Eisenbahnstation und der dazugehörigen ‚Stadt‘, für mich noch einen besonderen Anreiz darstellte. Denn ich hatte keines­wegs die Absicht, im Schweiße meines Angesichtes Bäume zu fällen, Wurzeln zu roden und Obstbäume zu pflanzen, sondern sah den Kauf mehr als eine bequeme Gelegenheit an, Natur­studien zu machen und nebenbei und fern von all den unver­meidlichen Ablenkungen der Großstadt eine umfangreiche lite­rarische Arbeit zu vollenden.

Wie lange mir das einsame Leben behagen würde, darüber machte ich mir keine Gedanken. Schließlich konnte ich ja auch zu jeder Zeit meine paar Habseligkeiten wieder auf mein Pack­pferd verladen und in die Kultur zurückkehren. Inzwischen mochte die Zeit und die straßenbauende Regierung für den erfor­derlichen Wertzuwachs sorgen, der, wie ich hoffte, bei einem späteren Wiederverkauf eine Rolle spielen würde.

Mein Unterhalt auf der Farm würde mich nichts kosten. Ge­müse war zwischen den Obstbäumen bereits in reichlicher Menge gepflanzt; für Fleisch würde meine Büchse und Angelrute sor­gen; Beeren, Pilze und sonstige essbare Dinge enthielt der Wald im Überfluss; und was ich sonst noch brauchte, konnte ich mir durch den Verkauf von eingesammeltem Harz, Ginsengwurzeln und Sirup verschaffen, den mir die zahlreichen Zuckerahornbäume lieferten. Dazu kamen als Haupteinnahme im Winter die durch Trappen erbeuteten Felle. Ein gelegentlicher Ritt mit dem Packpferd nach der zwölf Meilen weit entfernten Stadt genügte dazu vollkommen.

Das ungefähr war mein Gedankengang beim Kauf gewesen, und ich hatte an diesem Programm auch nicht das Geringste zu ändern brauchen, als ich auf der Farm anlangte und mich den Dingen, die mich bis dahin nur in Gedanken beschäftigt hatten, in Wirklichkeit gegenübersah.

Nur eine Sache hatte ein anderes Gesicht bekommen und mir einige neue, von Beunruhigung nicht freie Ausblicke verschafft. Von dem Tlingit erfuhr ich nämlich, dass nicht nur der frühere Besitzer der Farm, sondern auch sein Partner, beides junge und anscheinend völlig gesunde Leute, plötzlich gestorben waren.

Duck-toolh hielt auffallend zurück mit seinen Mitteilungen über diese beiden Todesfälle und ihre vermutliche Ursache, und ich konnte nur noch erfahren, dass er selbst Pete Walton, den überlebenden Partner, vor ungefähr drei Monaten tot vor der Hütte an seinem Feuerplatze gefunden hatte. Obwohl die Krä­hen schon gehörig an dem Körper herumgehackt hatten – die Wölfe hatten ihn verschont, da sie aus Vorsicht fast immer nur das fressen, was sie selbst getötet haben –, war doch noch zu erkennen gewesen, dass sein Genick gebrochen und sich an seiner linken Gesichtshälfte eine blutunterlaufene Stelle befand.

Für den Tlingit bestand kein Zweifel, dass dies ein Zeichen Matschi-Manitus, des Teufels war, dessen Klaue ihn dort ge­troffen hatte, als er ihm das Genick abdrehte. Er war davon um so mehr überzeugt, als auch der Partner ein paar Monate vorher in ganz ähnlicher Weise umgekommen war. Sicher war jedenfalls, dass beider Tod gewaltsam erfolgte, und dass diese Vorgänge großes Aufsehen in der Gegend hervorgerufen hatten. Da die Bevölkerung ruhig und friedlich war und man von dem Vorhandensein von Desperados, die man mit der Tat hätte in Verbindung bringen können, nichts wusste, so gelangte man, mit Ausnahme des Tlingit, der fest an seinen Teufel glaubte oder diesen Glauben wenigstens vorgab, allmählich zu der An­nahme, dass beide einem geheimen Feinde zum Opfer gefallen waren.

Das alles konnte ich aber, wie erwähnt, nur mit großer Mühe aus dem Indianer herausholen. Er war freilich gewohnheits­mäßig schweigsam, hatte mir aber doch auf Fragen, die andere Dinge betrafen, bereitwillig genug Auskunft gegeben. Das brachte mich zu dem Glauben, dass ihn etwas Besonderes in die­sem Falle zu so großer Zurückhaltung veranlasste. Für mich wurde die Sache damit natürlich noch rätselhafter, und das machte den Aufenthalt auf der Farm etwas unbehaglich, da die Vorsicht gebot, auf der Hut zu sein vor etwas, das ich nicht kannte.

An jenem sonnenfreundlichen, aber durch eine leichte Brise angenehm gekühlten Augusttage dachte ich aber kaum noch daran, und das kleine Vorkommnis mit der Klapperschlange hatte vollends jeden Gedanken daran ausgelöscht.

Ich war am Morgen in aller Frühe mit meinem Packpferde aufgebrochen, um, wie das fast täglich geschah, im Walde und besonders auch im Creek Ernte zu halten, obwohl ich nicht gesät hatte. Einige Stunden zuvor war ich dabei auch auf Duck-toolh gestoßen, den gleiche Absichten hierher geführt hatten. Auch er führte sein Packpferd mit sich, da er, wie auch ich, auf einen größeren Lachsfang rechnete, denn die Zeit der Lachswande­rung hatte vor einigen Tagen begonnen und musste wahrgenom­men werden, da sie uns einen Teil des Winterproviants in der Form von geräucherten und gedörrten Fischen liefern sollte.

Die Pferde, wenn auch augenblicklich nicht sichtbar, hielten sich sicherlich irgendwo in der Nähe auf und suchten sich, ge­nügsam, wie sie nach Art ihrer Rasse waren, zwischen den Bäu­men aus den dort verstreut wachsenden zähen Gebirgskräutern ein dürftiges Futter. Sie zu koppeln oder anzubinden, war nicht erforderlich, denn nach der Gewohnheit vieler Packpferde ent­fernten sie sich niemals weit von dem Orte, an dem sie zurück­gelassen wurden.

Die Ergebnisse meiner Vormittagsarbeit lagen in Gestalt einer nicht sehr reichlichen Menge von Harz, eines Korbes voll Him­beeren und zweier Kanister voll Ahornsirup, durch Anbohrung einiger Ahornbäume gewonnen, neben dem Packsattel, den ich meinem Pferde abgenommen hatte, im Grase. Die Ausbeute des Indianers war größer als die meine, da er beim Einsammeln eifriger gewesen war und nicht, wie ich, geraume Zeit auf Beo­bachtungen des Tier- und Pflanzenlebens verwendet hatte.

Jetzt begaben wir uns beide mit je zwei großen Körben, die wir zu diesem Zwecke mit uns geführt hatten, und natürlich unsern Rifles nach dem Creek, um zu sehen, welche Ernte er uns bieten würde.

Wir hatten aber durchaus keine Eile. Die Tage und das Leben hier in der Wildnis waren ja so lang. Auch mein Begleiter schien ganz damit einverstanden zu sein, die Sache mit möglichster Lässigkeit zu betreiben. Wir ließen uns daher zunächst wieder am Ufer des Creeks an einer Stelle nieder, wo uns eine Anzahl Steinblöcke gegen die wachsamen Blicke irgendwelcher miss­trauischen Tiere fast unsichtbar machten, ohne uns selbst den Ausblick ganz zu nehmen.

So saß ich eine ganze Weile da und blickte in das klare Was­ser, in dem die Forellen spielten, und aus dem sich die silber­glänzenden Leiber mächtiger Lachse auf ihrer langen und rätselvollen Reise aus dem Ozean nach den Laichgründen in oft me­terweiten Sprüngen herausschnellten, wenn Steinbänke sich die­ser Reise hindernd in den Weg stellten, dieser Reise, der Be­stimmung ihres Lebens, aber auch dem Tod entgegen.

Ich dachte über das Wunder dieser Lachswanderung nach, sah mit meinem geistigen Auge, wie sie sich, aus unbekannten Tiefen des Ozeans kommend, schon vor Wochen in der Nähe der Flussmündungen gesammelt hatten, denselben Flussmündun­gen, aus denen sie vier Jahre vorher als kleine ein- und zwei­jährige Fische in das große, weite Leben des Meeres eingetreten waren. Dachte darüber nach, welch geheimnisvoller Impuls in ihnen lebendig sein mochte, der sie jetzt zurückführte nach der Stätte ihrer Geburt, gehorsam dem Rufe der Natur, der auch der Ruf Gottes ist, und der die meisten von ihnen in den Tod führte, nachdem ihr Leben an der Stätte, wo es entstanden, sich erfüllt hatte.

Im Geiste sah ich die Millionen ihrer blinkenden Leiber sich in den Flussmündungen tummeln, wo sie sich erst eine Zeit lang aufhalten müssen, um sich wieder an das Süßwasser der Flüsse zu gewöhnen. Dort spielen sie, jagen und plätschern umher wie eine Schar fröhlicher Schulkinder an einem Ferientag. Ich sah aber auch, wie an den bisher so stillen, einsamen Ufern plötzlich ein kurzes lärmendes Leben erwacht war, Hunderte und Tau­sende von Fahrzeugen, vom leichten Indianerkanu bis zum mo­dernen Fischdampfer, erschienen und Meilen von Netzen aus­gespannt wurden in Vorbereitung für den Fang. Ich hörte das Hämmern, Pochen und Stampfen aus den Konservenfabriken am Strande, die, nachdem monatelang kaum ein vereinzelter Wärter die weiten, leeren Arbeitssäle mit dumpfhallenden Schrit­ten durchwandert hatte, sich plötzlich wieder mit lärmenden Menschen füllten, die mit fieberhafter Arbeitshast vom frühesten Morgen bis zum Sonnenuntergang die Millionen von Blechdosen walzten, für deren Füllung der nun bald einsetzende Fang und die ihn begleitende Massenschlächterei der ungeheueren Schwär­me silberner Fischleiber sorgen würde.

Es liegt etwas Tieftragisches in diesem Rennen der Lachse um den Tod. Einen Tod, entweder in diesen hässlichen Fabrikschläch­tereien mit ihren Haufen von faulenden Abfällen, die aufzuzeh­ren auch die ungezählten Scharen kreischender Möwen, Krähen und anderer Räuber der Luft nicht ausreichen; oder den natür­lichen Tod durch Erschöpfung und Krankheit, nachdem der Laich abgelegt ist.

Es könnte fast scheinen, als ob etwas in den Lachsen lebt, das sie ihr tragisches Schicksal ahnen lässt, denn der Beobachter ge­winnt den Eindruck, dass sie bis zum letzten Augenblick zögern, ihre Wanderung zu beginnen. Dann plötzlich, wie einem uner­bittlichen, geheimnisvollen Rufe folgend, treten sie in solchen Scharen in die Flüsse ein, dass man sie mit einem Handnetze aus dem Wasser schöpfen kann und dass selbst die mit Dampf und allen Mitteln raffiniertester Technik arbeitende Fischerei­organisation nur einen Teil von ihnen um die Erfüllung ihres Lebens an ihrer Geburtsstätte betrügen kann.

Und es ist immer dieselbe Flussmündung, aus der sie einst hervorgegangen sind, nach der sie jetzt, vier Jahre später, und niemand weiß woher, zurückkehren. Das ist festgestellt durch Zeichen, ähnlich dem Druckknopfe an einem Handschuh, die man am Schwanze der jungen Fische befestigte, bevor sie die Stätte, wo sie nach ihrem Ausbrüten die ersten zwei Jahre ihres Lebens verbrachten, verließen.

Wer führt sie zurück aus den Weiten und Tiefen des Ozeans und lässt sie genau diese Flussmündung wiederfinden?

Was den Netzen und sonstigen Fangmethoden der Menschen entronnen ist, wandert jetzt die Flüsse hinauf, zwei bis drei­tausend Meilen weit, und viele von ihnen verschmähen auf der wochenlangen Wanderung jede Nahrung.

Auch hier füllten sie den Creek, nachdem sie den langen Thompson River heraufgekommen und mit einer unfehlbaren Sicherheit, die man nicht mehr mit dem armseligen Worte In­stinkt bezeichnen kann, seine Mündung in diesen Fluss aufge­funden hatten.

Sie kamen und zogen an uns vorüber, in drängender Hast, über Stellen, oft so flach, dass sie mit halbem Leibe über das Wasser ragten, schnellten sich in freiem Schwunge durch die Luft über Steinbänke, um an der nächsten tieferen Stelle im Uferschatten einen Augenblick zu verweilen und neue Kräfte zu sammeln.

Aber nur einen Augenblick. Dann hetzte das Unbekannte in ihnen, der Trieb, sie wieder vorwärts. Erschöpft, zerschunden, oft mit tiefen Wunden in der schillernden Schuppenhaut.

Ein Fisch besonders lenkte meine Aufmerksamkeit auf sich. Er war an uns vorübergelangt bis zu einer Steinbank ein wenig weiter flussaufwärts. Neunmal versuchte er über sie hinwegzu­kommen gegen das wie in einem kleinen Wasserfall herabströ­mende Wasser. Stets wurde er wieder zurückgeschleudert, rastete eine Weile, um dann sogleich von Neuem das Unmögliche zu versuchen. Es war noch weiter oben, wo er sein Leben empfan­gen und nun neues Leben zu geben hatte.

Beim neunten Male glaubte ich schon, dass ihm sein aussichts­los scheinender Versuch doch gelungen sei; das war aber eine Täuschung. Er hatte wieder nicht den oberen Rand der Stein­bank erreicht und war in das herabstürzende Wasser versunken, das ihn mit hinabwusch und unten gegen das Ufer rollte, ohne dass er noch imstande gewesen wäre, irgendwelchen Widerstand zu leisten. Dort lag er, gestrandet auf Sand und Kieseln. Noch ein mehrmaliges, zuckendes Bewegen der Flossen – dann war er tot – die Tragödie seines Lebens zu Ende.

Im nächsten Augenblick waren auch schon ein paar Krähen und ein Habicht, die in beträchtlicher Anzahl in den Bäumen an den Ufern und auf Steinblöcken im Bachbett mit lüsternen Augen auf Beute lauerten, dabei, ihn in Stücke zu hacken und zu verschlingen. So endete ein Leben, von dem man in Wahrheit sagen konnte: Getreu bis in den Tod.

Ich war noch in diese Betrachtungen versunken, als ich mich von meinem indianischen Begleiter leise am Arm berührt fühlte.

„Dort!“, sagte er halblaut, und der Blick seiner Augen zeigte mir die Stelle an, die er meinte.

Sie befand sich etwas stromab und zeigte tieferes, sehr klares Wasser. Ein weiblicher Lachs legte dort eben seine Eier ab. Das Männchen folgte, und nachdem es sie befruchtet hatte, ge­brauchte es seinen Schwanz wie einen Propeller, um den Schlamm aufzuwühlen. Das gab dem Laich die nötige Schutz­decke wie auch die erforderliche Schwere, um ihn in dem weichen Bodenschlamm festzuhalten, wo sich seine Entwicklung vollzie­hen musste. Dass diese angewandte Vorsichtsmaßregel eine drin­gende Notwendigkeit war, bewies die Schar räuberischer Forel­len, die dem Paar wie ein Rudel Wölfe folgte und eine Unmenge von den Eiern verschlang.

Mehrmals wandte sich das Männchen blitzschnell gegen sie, und dann stoben sie auseinander, aber nur um gleich darauf dreist und furchtlos wieder zurückzukehren.

Das Schauspiel hatte mich gefesselt, denn es offenbarte sich darin wieder das große Rätsel der Natur, die verschwenderisch Leben zeugt, um es ebenso verschwenderisch wieder zu vernich­ten, ohne der Kreatur über den Sinn dieses Spiels jemals Aufschluss zu geben.

So musste ich eine ganze Weile sinnend dagesessen haben.

Dann, als ich meinen Blick erhob und umherschweifen ließ, wurde er durch eine dunkle Form eine Strecke weit flussab an­gezogen. Dort lag ein Bär auf einem ins Wasser ragenden Baum­stamm. Er war vorher nicht dort gewesen und musste aus dem Walde herausgetreten sein, während meine und meines Beglei­ters Aufmerksamkeit völlig den Vorgängen vor uns im Wasser zugekehrt gewesen war. Er war nicht sehr groß und mochte ungefähr zweihundert Pfund wiegen. Er hatte uns nicht be­merkt, denn der leichte Wind stand von unten herauf. Zunächst suchte er, wie jeder erfahrene Fischer es tut, einen klaren Über­blick über die Lage der Dinge zu erlangen. Er drehte seinen Kopf erst nach rechts, dann nach links und beobachtete die vor­beigleitenden und sich zwischen den Steinblöcken hindurchwin­denden Fische. Dann hatte er sich offenbar seinen Plan zurecht­gelegt, denn er verhielt sich regungslos, und man hätte ihn schla­fen glauben, aber auch für einen Teil des Baumstammes halten können, während doch jeder Nerv und jeder Muskel dieses bewegungslosen Körpers aufs Höchste gespannt war. Mit einer gedankenschnellen Bewegung schlug die Pfote ins Wasser, und ein acht- oder zehnpfündiger Lachs flog ans Ufer.

Ich beobachtete ihn durch meinen Feldstecher, und es schien mir, als ob er seinen Fang unter irgendeiner Wurzel versteckte. Die Bären sind Leckermäuler und Feinschmecker und lieben, in Bezug auf Fische wenigstens, einen gewissen Wildgeschmack. Unschlüssig wanderte er dann eine Weile am Ufer hin und her, sah ohne allzu großes Interesse einen anderen Bären aus dem Unterholz herausbrechen und sich auf den Lachsfang begeben, dann drang er geräuschvoll und plump wie eine Kuh in das Dickicht der Holzapfel- und Erlenbüsche ein und war im näch­sten Augenblick verschwunden. Der andere Bär hatte ihn wohl bemerkt, denn er stand nicht zwanzig Schritte von ihm entfernt, hatte ihm aber ebenfalls keine Beachtung geschenkt. Bären sind keine geselligen Tiere, und mit Ausnahme der Brunstzeit, nach der sie das Weibchen wieder verlassen, leben sie einzeln und für sich.

Es war auch nicht überraschend, dass wir hier gleich zwei Bären zu Gesicht bekommen hatten. Zur Zeit der Lachswan­derung kann man immer darauf rechnen, ihnen an den Flüssen und Bächen zu begegnen, denn das ist die Zeit, die ihnen das Fettpolster verschafft, von dem sie während ihres langen und nur selten unterbrochenen Winterschlafes zehren müssen.

Die Tochter des Plingit

Es war noch längst nicht Abend, als wir unsere Körbe mit Fischen, deren Fang uns leicht genug geworden war, gefüllt hatten und unsere Pferde herbeiholten, um ihnen mit unserer übrigen Ausbeute auch diese Last aufzupacken.

Nachdem wir auf einem durch wiederholte frühere Benut­zung schon einigermaßen gangbar gemachten Pfade etwa eine Meile weit durch den ziemlich dichten Wald gewandert waren, trennte ich mich von Duck-toolh, da mein Weg von da ab in südwestlicher Richtung weiterführte.

Vor meinem Packpferde herschreitend, hatte ich diese Rich­tung noch nicht lange verfolgt, als ich vor mir das Brechen von Baumzweigen hörte und in einiger Entfernung durch die Büsche hindurch undeutlich die Form eines Reiters erkannte, der auf mich zukam. Gleichzeitig ertönte von der Stelle aus ein freund­liches Wiehern, das mein Packpferd lebhaft beantwortete.

Die Begegnung überraschte mich, denn es geschah nur ganz selten, dass Fremde sich in diese Gegend verirrten. Im nächsten Augenblick löste sich aber das Rätsel, denn eine mir wohlbe­kannte Pinto-Stute kam in Sicht. Anstatt eines Reiters trug das Pferd aber eine Reiterin, die ich ebenfalls kannte, denn es war niemand anderes als Jutti, die Tochter des Tlingit.

Sie trug ihre gewöhnliche indianische Tracht, bestehend aus einer mohnblumenfarbenen Bluse, über der sich die Enden eines buntfarbigen Schultertuches kreuzten, einen Rock aus weichge­gerbtem Hirschleder, der an seinem Saum zu Fransen ausge­schnitten war; weichen, bis an die Knie reichenden Ledergama­schen und Mokassins aus gleichem Material, deren Nähte mit einer Reihe kleiner blauer Glasperlen bestickt waren.

Sie war von übermittelgroßer Figur, voll und kräftig entwickelt, aber keineswegs plump. Im Gegenteil zeigte ihr Körper runde und ebenmäßige Linien, die dadurch noch angenehmer auf­fielen, dass alle seine Bewegungen die Geschmeidigkeit einer Wildkatze verrieten. Diesen ohne Einschränkung angenehmen Eindruck hatte man freilich nur, wenn sie im Sattel saß. Beim Gehen mischte sich dagegen noch eine andere Eigenschaft in ihn hinein, die sie einer Wildkatze noch viel ähnlicher machte, in mir aber immer ein gewisses prickelndes Gefühl erweckte, als müsse ich vor irgend etwas auf meiner Hut sein: nämlich dem schleichenden Schritte der Indianer.

Man sah fast unter der samtenen, rotbraunen Haut dieser schwellenden Glieder das heiße Blut ihrer Rasse jugendfrisch und lebensbegehrend pulsieren, und wenn in einem unbedachten Augenblick die nur mühsam beherrschte Natur ihre Fesseln brach und der sonst stählern ruhige Blick ihrer dunklen Augen, den diese für gewöhnlich vorzutäuschen wussten, einem unruhi­gen Flackern wich, dann glich auch dieses dem raublüsternen Augenfunkeln einer Wildkatze, die eine Beute erspäht. Der harte Mund, die hohen Backenknochen und das schwarze, in langen dicken Zöpfen vorn über die Schultern herabhängende, mit roten Schleifen geschmückte Haar erhöhten noch den Ein­druck leidenschaftlichen Verlangens, das sich in diesen schwel­lenden Gliedern dehnte, aber merkwürdig veredelt wurde durch einen Zug herben, resignierten Stolzes um die Mundwinkel.

Schön im landläufigen Sinne konnte man Jutti nicht nennen. Auf den ersten Blick erschien sie sogar reizlos. Wenn man aber die Züge ihres Gesichtes genauer betrachtete, dann glühte aus dieser kargen Reizlosigkeit die üppigste, exotische Schönheit heraus, die durch eine darin ausgeprägte, unverkennbar tragische Linie einen ganz eigenen Charakter erhielt.

Jetzt lag aber mehr ein düsterer, fast verbitterter Ausdruck auf ihrem Gesicht. Sie hatte jedenfalls ebenso wenig erwartet, mich hier zu treffen wie ich sie, und die Begegnung schien ihr auch wenig erwünscht zu sein. Ich hatte wenigstens das deutliche Gefühl, dass es sie bestürzt machte, als ich ihr ein lebhaftes: „Hallo, Jutti!“ zurief.

Sie beherrschte das Englische vollkommen, da sie während des mehrjährigen Umherwanderns ihres Vaters von einem Ar­beitsplatz an der Küste zum andern, der gesetzlichen Vor­schrift entsprechend, in einer Boardingschule für Indianerkinder untergebracht war. Denn nach dem in Kanada und den Ver­einigten Staaten bestehenden zivilisatorischen System haben über Indianerkinder nicht deren Eltern zu bestimmen, sondern nur der Regierung, die auch Vormund über die Eltern ist, steht dieses Recht zu.

Sie hatte ihr Pferd zum Stehen gebracht. Das meinige war an den Pinto herangetreten, und in einem schweigenden Ge­dankenaustausch steckten beide ihre Köpfe zusammen.

Es dauerte eine kleine Weile, ehe sie antwortete. Dann sagte sie:

„Ich – ich – oh, ich war in Pine Butte.“

Pine Butte war unsere nächste Stadt und Eisenbahnstation.

Ein gewisses Zögern in ihrer Antwort war nicht zu verkennen, und ich hatte auch den deutlichen Eindruck, dass sie verlegen war.

„Ist mein Vater zu Hause?“, fügte sie dann hastig hinzu, als läge ihr daran, die Unterhaltung auf einen anderen Gegenstand zu lenken. Ich begriff das nicht, denn es war doch ganz selbst­verständlich, dass sie von Zeit zu Zeit nach der Stadt ritt, und ein paar Körbe aus geflochtenem Schilf, die vor ihr zu beiden Seiten quer über den Sattel hingen und ursprünglich Beeren enthalten haben mochten, jetzt aber mit verschiedenen Einkäu­fen gefüllt waren, machten das noch erklärlicher.

„Wir haben uns eben getrennt, und er wird zu Hause sein, bevor Sie dort anlangen“, beantwortete ich ihre Frage.

„Dann wird er auf mich warten“, sagte sie und war schon wieder im Begriff, ihr Pferd anzutreiben.

Eine Minute wohl blieb sie stumm und hielt ihren Blick auf mich gerichtet, als sähe sie mich zum ersten Male. Der Wald hatte sich schon mit den Abendschatten gefüllt, aber an der Stelle, wo wir uns befanden, brachen noch einige Lichtlanzen der untergehenden Sonne durch das Blättergewirr und streiften auch ihr Gesicht. Ich wusste nicht, war es dieses Purpurgold, das eine so tiefe Röte darauf malte, oder eine innere Empfindung, die das Blut in ihre Wangen gejagt hatte, sie sah aber in diesem Augenblicke ungemein anziehend aus. Gleichzeitig schien es mir, als ob der düstere Ausdruck, der sich schon vorher darin zeigte, noch viel tiefer geworden sei und ihr Körper unter einer ge­waltsam unterdrückten Empfindung zitterte.

„Sagen Sie“, begann sie dann stockend, „wären Sie bereit, mir eine Bitte zu erfüllen –, auch – auch wenn sie Ihnen selt­sam erscheinen mag?“

„Aber, Jutti, das ist doch ganz selbstverständlich, wenn es irgendwie in meiner Macht steht.“

„Und Sie werden auch zu meinem Vater nicht darüber spre­chen?“

„Wenn Sie das nicht wünschen, ganz sicher nicht.“

„Um was ich Sie bitte, wird Sie befremden, aber – ich habe meine Gründe dafür.“

Ihre Lippen pressten sich zu einer harten Linie zusammen.

„Ich werde nicht nach Ihren Gründen forschen. Sagen Sie mir nur, was Sie von mir wünschen!“ versetzte ich.

„Ich möchte Sie bitten, uns nicht mehr zu besuchen!“, stieß sie hervor, als müsse sie dazu erst einen hindernden Zwang über­winden.            .

Ich fuhr zurück. Die Bitte hatte mich getroffen wie eine Lanze. Nicht, dass sie mich verletzt oder beleidigt hätte, denn da­zu war der Ton, in dem sie hervorgebracht wurde, zu ernst und wie von einem nur mühsam niedergekämpften Schluchzen er­füllt gewesen. Aber ich war überrascht. Alles andere hatte ich eher erwartet als dieses Gebot, denn einem solchen kam es ja schließlich gleich.

„Es wird mir leid tun, Jutti, sehr leid. Aber wenn Sie meinen Besuch nicht gern sehen, werde ich natürlich nicht mehr kom­men.“

„Das ist es nicht!“, rief sie schnell, und in ihren Augen kam das seltsame unruhige Flackern. „Nein, glauben Sie mir, das ist es nicht! Aber wenn ich auch sprechen wollte, Sie würden es doch nicht verstehen. Vielleicht verstehe ich es selbst nicht. Aber ich weiß, dass Sie ein Mann sind – ein Mann –, der die Bitte eines Mädchens achten wird, auch wenn sie eine Indianerin ist. Das hat mir den Mut gegeben, sie auszusprechen. Und ich danke Ihnen. Good night!“

Sie hatte mir, wahrscheinlich um ihrem sonderbaren Ver­langen jeden Anschein einer kränkenden Bedeutung zu nehmen, vom Pferde herab ihre Hand gereicht, die sich heiß und fiebernd anfühlte. Ich empfand einen Druck, der unter einem leiden­schaftlichen, mir aber völlig unverständlichen Impuls wohl etwas kräftiger ausgefallen sein mochte, als sie beabsichtigt hatte, denn sie entzog sie mir rasch und, wie es mir scheinen wollte, etwas be­stürzt wieder. Dann ihrem Pinto einen leichten Schlag mit der Hand gebend, trieb sie ihn in der Richtung nach ihres Vaters Hütte auf dem Trail vorwärts.

Völlig verblüfft von ihrem sonderbaren Benehmen, sah ich ihr nach, bis sie zwischen den Bäumen verschwunden war.

„Kannst du dir einen Vers daraus machen, alter Junge?“, fragte ich mein Packpferd, denn ich hatte, wie so viele andere in der Wildnis, die Gewohnheit angenommen, mit meinen Tieren manchmal eine richtige Unterhaltung zu führen.

Es spitzte die Ohren. Dann schüttelte es den Kopf.

„Nein? Na, siehst du! Ich kann’s auch nicht.“

Eine unangenehme Überraschung

 In diese Gedanken versunken, war ich mir gar nicht bewusst geworden, dass ich mich meiner Hütte bis auf eine nur geringe Entfernung genähert hatte. Erst ein Schnauben meines Pferdes machte mich darauf aufmerksam. Es klang aber nicht wie sonst. Etwas wie Misstrauen und Beunruhigung lag darin. Zuerst schenkte ich diesem Umstand keinerlei Beachtung, denn es kam oft vor, dass das ziemlich furchtsame Tier misstrauisch wurde. Als ich der Hütte aber näher gekommen war und man von dort schon das Brechen der Zweige unter unseren Füßen hätte ver­nehmen müssen, ohne dass mein Hund, den ich zur Bewachung zurückgelassen hatte, uns mit dem gewohnten Freudengebell entgegengesprungen kam, fiel mir das auf.

Zugleich schien mir die Stille um mich her, obgleich sie doch dieselbe war wie im übrigen Walde, einen sonderbaren Charak­ter anzunehmen. Etwas Drohendes, Übelbedeutendes brütete in ihr. Freilich, es war seltsam, dass der Hund sich noch nicht ge­zeigt oder sonst wie bemerkbar gemacht hatte, denn das ver­säumte er niemals.

Im nächsten Augenblick trat ich aus den Gebüschen heraus auf die Lichtung, in deren Mitte die Hütte stand, und während mein Tier ein lautes Schnauben hören ließ und seine steif emporgestreckten Ohren und grünlich aufleuchtenden, scheu umhersuchenden Augen ganz deutlich eine entschiedene Unruhe ver­rieten, ließen mir ein seltsamer, alles verpestender Gestank und die offene Bohlentür meiner Hütte keinen Zweifel darüber, dass hier nicht alles in Ordnung war.

Die Tür hatte ich, wie das ganz selbstverständlich war, am Morgen bei meinem Weggange mit dem großen Holzriegel ver­schlossen. Allerdings lag dieser nur lose in einem hölzernen Haken, und man brauchte ihn nur zu heben, um die Tür zu öffnen. Der Hund war außerhalb der Hütte geblieben mit der Weisung, sie zu bewachen. Sehr zu seinem Leidwesen freilich und nicht ohne lebhaften Widerspruch, da er viel mehr Abwechs­lung darin fand, mich zu begleiten.

Ich fand ihn jetzt, kaum zwanzig Schritte entfernt von der Hütte, mit zertrümmertem Schädel im Grase liegen.

Er war kein richtiger Trapperhund. Einen solchen hatte ich mir vor Beginn der Trappzeit im Oktober erst noch beschaffen wollen. Der jetzige, der hier vor mir mit fast völlig zerquetsch­tem Kopfe am Boden lag, war ein gelber Foxterrier, eine Rasse, die sich infolge ihres Ungestüms zu Trapperhunden nicht eignet.

Was war hier geschehen?

Als ich den üblen Geruch verspürte, war mein erster Ge­danke, dass sich ein Skunk hier eingefunden und den Gestank als Nachweis seiner Anwesenheit zurückgelassen hatte. Diese Annahme musste ich aber fallen lassen, denn der Gestank war absolut nicht so unerträglich wie der, den ein Skunk zurücklässt. Auch war die Tür geöffnet worden, und das konnte weder Hund noch ein Skunk getan haben. Höchstens ein Bär war dazu im­stande. Von den Bären ist ja auch bekannt, dass sie häufig ein­same Jäger- und Trapperhütten besuchen und dort einzudringen wissen, selbst wenn diese fester verwahrt sind, als die meinige es war.

Ich hatte mein Pferd einstweilen sich selbst überlassen und betrat, übler Ahnungen voll, meine Hütte. Der dorther kom­mende Gestank warf mich fast zurück. Ein Blick genügte, mich eine unbeschreibliche Verwüstung schauen zu lassen, obwohl die Schatten der beginnenden Dunkelheit die Hütte bereits füllten.

Alles war durcheinander geworfen, Kochgeschirr und Speise­reste lagen beschmutzt auf dem Boden; ein Sack mit Mehl war zerrissen und sein Inhalt umhergestreut; zwei Blechkannen mit Ahornsirup waren umgeworfen und ausgelaufen; Papiere und einige Bücher, die auf dem Tische gelegen hatten, von dort ein­fach auf den Boden herabgefegt; Blechdosen und verschiedene andere Behälter mit Konserven von einem Wandbrett herabge­worfen, zerbrochen oder zerquetscht und ihr Inhalt umherge­streut oder verschmiert.

Der Anblick war trostlos. Einige Minuten lang hatte ich buch­stäblich das Gefühl einer physischen Übelkeit, wozu freilich wohl auch der penetrante Geruch, der über allem lag, sein Teil beitragen mochte.

Wenn ich aber bisher zu der Annahme geneigt hatte, dass ein Bär hier eingedrungen war, so ließ sich diese nicht länger halten, denn mein suchender Blick überzeugte mich davon, dass aus meinem Bettkasten zwei wollene Decken verschwunden waren, die bei meinem Weggange zusammengefaltet dort gelegen hat­ten, und außer diesen auch meine doppelläufige Schrotflinte von ihrem Haken an der Wand und verschiedenes Kochgeschirr.

Ein Tier kam nicht in Frage. Ein Mensch war also hier eingedrungen, ein Mensch hatte den Diebstahl verübt und wahrscheinlich auch, aus mir völlig rätselhaften Gründen, einen Teil der Verwüstung angerichtet. Die Tür der Hütte ließ er, nachdem er sie mit seinem Raube wieder verlassen hatte, vermutlich offen stehen, und irgendein Tier, das nach der Art der Beschmut­zung aber größer als ein Skunk gewesen sein musste, hatte dann jedenfalls das Werk hier vollendet und seine Verachtung des Menschen auf seine Weise noch einen besonderen Ausdruck ge­geben.

Also ein Mensch! Das war ja gerade das Rätselhafte an der Sache. Ein Mensch in einer Gegend, in der weit und breit außer dem Indianer und seiner Tochter keiner vorhanden war.

Es ergab sich ganz von selbst, dass ich in Verbindung, mit dem, was hier vor sich gegangen war, auch an die unaufgeklär­ten Verbrechen dachte, denen die beiden Vorbesitzer meiner Farm zum Opfer gefallen waren. Als Beweggrund dafür hatte ich Rache irgendeines geheimen Feindes der beiden unglücklichen Männer angenommen und mir die fantastischen Ansichten des Indianers über die blutunterlaufenen Stellen an der linken Kopfseite der Gemordeten dahin erklärt, dass er ihnen, nachdem er sich ungesehen und ungehört an sie herangeschlichen, von hinten einen Schlag mit dem Gewehrkolben versetzt hatte. Dazu musste er freilich linkshändig gewesen sein. Das war zu beachten, denn es konnte vielleicht einen Fingerzeig zur Entdeckung des Mörders geben.

Wenn es aber schon denkbar ist, dass jemand zur Verübung eines Racheaktes aus einer weiten Entfernung herbeikommt, so war es ausgeschlossen, dass jemand eine weite Wanderung unter­nahm, nur um eine Schrotflinte, ein paar wollene Decken und etwas Kochgeschirr zu stehlen. Und die Gegend war damals in weitem Umkreise von der Mounted Police abgesucht worden, ohne dass man auch nur die Spur eines anderen Bewohners darin entdeckt hätte. Dass der Diebstahl und der Akt von Vandalis­mus, dem ich mich hier gegenübersah, von ein und derselben Person ausgeführt worden war, konnte als eine unabweisbare Schlussfolgerung angesehen werden.

Nur fehlte hier völlig das Motiv der Rache, da ich nur in Pine Butte und auch dort nur ganz flüchtig mit einigen Leuten bekannt ...

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