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Der Tote im Salonwagen – Fandorin ermittelt

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Inhaltsübersicht

PROLOG

ERSTES KAPITEL,

ZWEITES KAPITEL

DRITTES KAPITEL,

VIERTES KAPITEL

FÜNFTES KAPITEL,

SECHSTES KAPITEL

SIEBTES KAPITEL,

ACHTES KAPITEL

NEUNTES KAPITEL,

ZEHNTES KAPITEL

ELFTES KAPITEL,

ZWÖLFTES KAPITEL

DREIZEHNTES KAPITEL,

VIERZEHNTES KAPITEL

FÜNFZEHNTES KAPITEL,

SECHZEHNTES KAPITEL

EPILOG

PROLOG

 

Die Fenster zur linken Seite waren blind, von Eis und nassem Schnee verklebt. Unentwegt warf der Wind pappige weiche Flocken gegen die kläglich klirrenden Scheiben, rüttelte am schweren Leib des Waggons, ließ nicht ab von dem Versuch, den Zug vom glatten Geleise zu stoßen und wie eine schwarze Schlackwurst über das weite weiße Feld zu rollen, über den zugefrorenen Fluß, die brachen Äcker, geradenwegs bis zum Waldrand, der sich ganz hinten, wo Himmel und Erde zusammenstießen, als vager grauer Streifen abhob.

Diese ganze betrübliche Landschaft konnte man gut durch die rechten Fenster betrachten, welche erstaunlich rein und klar geblieben waren – doch wozu hätte man das tun sollen? Nichts als Schnee, höllisch pfeifender Wind und grauer, tiefhängender Himmel: Trübe, Kälte, Tod.

Um wieviel hübscher war es hier drinnen, im ministerialen Salonwagen: behagliches, von hellblauer Seide getöntes Schummerlicht, das Knacken der brennenden Holzscheite hinter der bronzenen Ofentür, der rhythmisch gegen den Rand des Teeglases klingelnde Löffel. Das Kabinett war nicht groß, doch exquisit eingerichtet: Konferenztisch, Ledersessel, eine Karte des Imperiums an der Wand. So mit fünfzig Werst1 pro Stunde durch den Schneesturm fegend, ließ sich auch einem trüben, kalten Wintermorgen etwas abgewinnen.

In einem der Sessel, bis zum Kinn mit einem schottischen Plaid zugedeckt, schlummerte ein alter Mann mit strengen, herrischen Gesichtszügen. Noch im Schlaf waren seine silbergrauen Brauen gerunzelt, in den Winkeln des unerbittlichen Mundes hatten sich Kummerfalten eingegraben, immer wieder ging ein nervöses Zucken über die furchigen Wangen. Der hin- und herschwingende Lichtkegel der Lampe entriß dem Halbdunkel eine kräftige, auf der Armlehne aus Mahagoni ruhende Hand mit funkelndem Diamantring.

Auf dem Tisch, direkt unter der Lampe, lag ein Stapel Zeitungen. Zuoberst der illegal in Zürich erscheinende Volkes Wille, neueste Ausgabe, von vorgestern. Ein Artikel auf dem nach oben gefalteten Teil war mit wütendem Rotstift markiert:

 

 

Urplötzlich heulte die Lokomotive auf, so durchdringend, daß es einem in die Glieder fuhr – erst einmal lang, dann mehrmals kurz: »Uuuh! U! U! U!«

Die Lippen des Schlafenden zuckten nervös, ein dumpfes Stöhnen drang zwischen ihnen hervor. Die Augen klappten auf, ein befremdeter Blick huschte erst nach links, zu den hellen Fenstern hin, dann nach rechts zu den dunklen, ehe er endlich scharf wurde und zu verstehen schien. Der finstere Alte warf den Plaid von sich (kurze Samtjacke, weißes Hemd und schwarze Fliege kamen zum Vorschein) und betätigte, die trockenen Lippen bewegend, ein Glöckchen.

Die Tür, die aus dem Kabinett ins Vorzimmer führte, öffnete sich sogleich. Herein flog ein Oberstleutnant, recht jung noch, in blauer Gendarmenuniform mit weißen Achselschnüren, der sich im Laufen den Leibriemen zurechtrückte. »Einen guten Morgen, Hohe Exzellenz!«

»Sind wir schon durch Twer?« fragte der General mit belegter Stimme, ohne den Gruß zu erwidern.

»Zu Befehl, Herr General. Wir sind kurz vor Klin.«

»Schon vor Klin?« Der General in seinem Sessel schien erbost. »Wieso hast du mich nicht früher geweckt? Hast du verschlafen?«

Der Offizier rieb sich die zerknitterte Wange.

»Nicht doch! Ich sah nur, daß Sie eingenickt waren. Gut, daß der Herr General mal ein Auge zutut, hab ich gedacht. Macht ja nichts, zum Waschen, Ankleiden und Teetrinken bleibt genügend Zeit. Noch eine Stunde bis Moskau.«

Der Zug verlangsamte die Fahrt, schien bremsen zu wollen. Draußen tauchten Lichter auf, vereinzelte Straßenlaternen, eingeschneite Dächer.

Der General gähnte.

»Na schön, dann laß schon mal den Samowar aufstellen. Irgendwie will mir das Aufwachen heute schwerfallen.«

Der Oberstleutnant salutierte und trat ab, schloß lautlos hinter sich die Tür.

Das Vorzimmer war hell erleuchtet, es roch nach Likör und Zigarrenrauch. Neben dem Schreibtisch, den Kopf aufgestützt, saß noch ein Offizier: weißblond, rotgesichtig, mit hellen Brauen und Schweinswimpern. Er räkelte sich, daß die Gelenke knackten.

»Na, was sagt er?« fragte er den Oberstleutnant.

»Er will den Tee. Ich gebe Anweisung.«

»Aha«, sagte der Blonde gedehnt und blickte zum Fenster hinaus. »Ist das Klin? Setz dich, Michele. Ich geh und sag Bescheid wegen des Samowars. Muß sowieso mal raus, die Beine vertreten. Kann ich gleich nachschauen, ob die nicht wieder pennen, die Teufel.«

Er stand auf, zog die Uniform straff und ging mit klirrenden Sporen nach nebenan, ins dritte Gelaß dieses Wunders von einem Waggon. Hier war die Möblierung äußerst schlicht: Eine Stuhlreihe längs der Wand, Kleiderhaken und in der Ecke ein kleiner Tisch, darauf Geschirr und der Samowar. Zwei stämmige Männer in identischen Kamelottanzügen (die Schnurrbärte auf gleiche Art hochgezwirbelt, nur daß der eine strohgelb, der andere rotblond war) saßen reglos einander gegenüber. Zwei andere lagen auf zusammengerückten Stühlen und schliefen.

Beim Eintreten des Weißblonden sprangen die beiden Sitzenden auf, doch der Offizier legte den Finger an die Lippen, zeigte auf den Samowar und sprach im Flüsterton: »Tee für Seine Hohe Exzellenz … Mann, ist das hier stickig. Ich geh Luft schnappen.«

Draußen auf der Plattform standen zwei Gendarmen mit Karabinern in Habtachtstellung. Hier war nicht geheizt, so daß die Wachleute Mäntel, Mützen und Kapuzen trugen.

»Noch lange bis zur Ablösung?« fragte der Offizier. Dabei zog er die weißen Handschuhe glatt und spähte auf den langsam vorüberziehenden Bahnsteig hinaus.

»Eben erst angetreten, Euer Wohlgeboren!« schnarrte der Wachhabende. »Jetzt stehen wir’s durch bis Moskau!«

»Ah ja.«

Der Weißblonde drückte die schwere Tür auf; kalter Wind, Ruß und nasser Schnee wehten herein.

»Schon acht, und kaum ein Lichtstreif«, seufzte der Offizier, ohne damit irgendwen anzusprechen, und stieg hinab auf das Trittbrett.

Der Zug fuhr noch, die Bremsen knirschten und quietschten, da kamen schon zwei Männer den Bahnsteig entlang auf den Salonwagen zugeeilt: voraus ein kleinerer mit Laterne, dahinter ein großer, schlanker in Zylinder und elegantem weitem Macintosh mit Pelerine.

»Das hier ist er, der Sonderwagen!« rief der erste (an seiner Mütze als Stationsvorsteher zu erkennen) und wandte sich nach seinem Begleiter um.

Der blieb stehen und fragte, mit einer Hand den Zylinder festhaltend, den vor ihm in der offenen Waggontür stehenden Offizier:

»S-sie sind Modsalewski? Adjutant S-s-… Seiner Hohen Exzellenz?«

Anders als der Eisenbahner hatte der Stotterer nicht gebrüllt; die Stimme war jedoch so klangvoll und gemessen, daß sie mühelos durch den tosenden Sturmwind drang.

»Nein, ich stehe der Wachmannschaft vor«, erwiderte der Weißblonde, während er überlegte, ob das Gesicht des Stutzers ihm bekannt vorkam.

Es war allerdings bemerkenswert: strenge, doch feine Züge, das schwarze Schnurrbärtchen akkurat gestutzt, eine entschlossene senkrechte Furche auf der Stirn.

»Aha, dann also Stabsrottmeister von S-s-… Seydlitz. Angenehm!« sagte der Fremde mit zufriedenem Nicken und säumte nicht, sich seinerseits vorzustellen: »Fandorin, Staatsbeamter im b-b-… besonderen Auftrag Seiner Erlaucht des M-m-… Moskauer Generalgouverneurs. Ich darf annehmen, daß Sie von mir wissen.«

»Jawohl, Herr Staatsrat, wir erhielten die Geheimdepesche, daß Sie für die Sicherheit des Herrn Generals in Moskau zuständig sind. Ich gedachte Sie allerdings erst auf dem dortigen Bahnhof zu treffen. Steigen Sie ein, steigen Sie ein, die Plattform weht sonst ganz voll Schnee!«

Der Staatsrat verabschiedete sich vom Stationsvorsteher mit einem Nicken, erklomm behende die steilen Stufen und schlug die Tür hinter sich zu. Augenblicklich wurde es still, Fandorins Stimme hallte. »Sie befinden sich bereits auf dem Territorium des G-g-… Gouvernements Moskau«, erläuterte der Beamte, während er den Zylinder abnahm und den Schnee von der Oberseite schüttelte. Dabei konnte man sehen, daß seine Haare pechschwarz, die Schläfen jedoch, seiner Jugend zum Trotz, vollkommen grau waren. »Hier beginnt s-sozusagen meine Jurisdiktion. Wir werden in K-k-… Klin mindestens z-zwei Stunden Aufenthalt haben, vor uns liegt eine Schneewehe auf den Gleisen, die erst beseitigt werden muß. Genug Zeit, sich zu verständigen und die K-kompetenzen zu klären. Zuvörderst aber muß ich Seiner Hohen Exzellenz meine Aufwartung sowie eine d-d-… dringende Mitteilung machen. Wo kann ich ablegen?«

»In der Wachstube, wenn ich bitten darf, dort sind Kleiderhaken.«

Von Seydlitz geleitete den Beamten zunächst in den vorderen Raum, wo die Zivilagenten Dienst taten, und von hier – nachdem Fandorin seinen Macintosh ausgezogen und den durchgeweichten Zylinder auf einen Stuhl geworfen hatte – in den dahinterliegenden.

»Michele, das ist Staatsrat Fandorin«, erklärte der Chef der Wachmannschaft dem Oberstleutnant. »Selbiger. Mit einer dringenden Mitteilung für den Herrn General.«

Der Angesprochene erhob sich.

»Modsalewski, Adjutant Seiner Hohen Exzellenz. Dürfte ich einen Blick auf Ihre Legitimation werfen?«

»Aber g-gewiß doch.« Der Beamte zog ein gefaltetes Papier aus der Tasche und reichte es dem Adjutanten.

»Es ist Fandorin«, beteuerte der Wachoffizier. »In der Depesche war die Beschreibung, ich erinnere mich bestens.«

Modsalewski prüfte gewissenhaft das Siegel und die Photographie, bevor er das Papier seinem Besitzer zurückgab.

»In Ordnung, Herr Staatsrat. Ich erstatte sogleich Meldung.«

Keine Minute später wurde der Beamte in das Refugium aus weichen Teppichen, Mahagoni und bläulichem Lampenschein vorgelassen. Er trat ein und verbeugte sich wortlos.

»Seien Sie gegrüßt, Herr Fandorin«, schnarrte der General leutselig, der nun schon anstelle der Samtjacke einen Uniformrock trug. »Erast Petrowitsch mit Vor- und Vatersnamen, wenn ich nicht irre?«

»Zu Diensten, Hohe Exzellenz.«

»Sie geruhen Ihren Schützling also schon ante portas in Empfang zu nehmen? Ihr Eifer ist zu loben, wenngleich ich diesen ganzen Aufwand als einigermaßen entbehrlich ansehe. Erstens ging meine Abreise aus Sankt Petersburg geheim vonstatten, zweitens lasse ich mich von den Herren Revolutionären nicht ins Bockshorn jagen, und drittens liegt unser Schicksal allein in Gottes Hand. Wenn er einen Chrapow bis jetzt verschont hat, spricht das dafür, daß er den alten Kämpen noch gebrauchen kann.« Und der General – kein anderer als Chrapow natürlich – bekreuzigte sich fromm.

»Ich habe Eurer Hohen Exzellenz eine hochdringliche, äußerst k-k-… konfidentielle Mitteilung zu überbringen«, versetzte der Staatsrat leidenschaftslos, mit einem Seitenblick auf den Adjutanten. »T-t-… Tut mir leid, Oberstleutnant, aber so lautet die Instruktion.«

»Geh rüber, Mischa«, befahl der sibirische Generalgouverneur, den die ausländische Presse einen Henker und Satrapen nannte, in innigem Ton. »Ist der Samowar schon bereit? Sobald wir hier fertig sind, rufe ich, dann trinken wir zusammen ein Gläschen Tee … Ja nun!« fuhr er fort, nachdem die Tür sich hinter dem Adjutanten geschlossen hatte. »Was haben wir denn für Geheimnisse? Ein Telegramm vom Zaren? Geben Sie her.«

Der Beamte trat dicht an den Sitzenden heran, fuhr mit der Hand in die Innentasche seines Biberjacketts – als ihm die verbotene Zeitung mit dem rot angestrichenen Artikel ins Auge fiel. Den Blick des Staatsrats bemerkend, verzog der General das Gesicht.

»Tja, die Herren Nihilisten lassen Chrapow nicht aus den Augen! Ihren ›Henker‹ … Daß ich nicht lache! Gewiß wird auch Ihnen, lieber Fandorin, allerhand Unsinn über mich zu Ohren gekommen sein? Glauben Sie bloß nicht den bösen Zungen! Nichts als Lügen, an den Haaren herbeigezogen … Barbarische Wärter sollen das Mädchen in meinem Beisein halbtot geprügelt haben. Eine Verleumdung ist das!« Man sah, die unselige Geschichte um jene Iwanzowa, die sich erhängt hatte, hing Seiner Hohen Exzellenz tüchtig an, ließ ihm noch keine Ruhe. »Ich bin ein ehrlicher Soldat, Träger zweier Georgskreuze – eins für Sewastopol2, eins fürs zweite Plewna3!« ereiferte er sich. »In Wahrheit wollte ich das dumme Ding vor der Strafkolonie bewahren! Gut, ich hab sie geduzt – und wenn schon. Ich meinte es doch ganz väterlich! Ich hab eine Enkelin in ihrem Alter! Darauf verpaßt sie mir altem Mann, einem Generaladjutanten, eine Ohrfeige. Vor versammelter Wachmannschaft, vor den Häftlingen! Allein diese Untat hätte sie von Gesetzes wegen mit zehn Jahren Zwangsarbeit zu büßen! Statt dessen habe ich befohlen, sie ein bißchen auszupeitschen, und die Sache hätte sich gehabt. Von wegen halbtot, wie es die Postillen schrieben – zehn Hiebe, mit halber Kraft! Und nicht die Gefängniswärter, die Aufseherin hat es getan. Wer konnte denn ahnen, daß diese verrückte Iwanzowa Hand an sich legen würde? Dabei ist sie nicht mal von adligem Blut, gewöhnlicher Mittelstand, und solche Sachen!« Der General winkte erbost ab. »Das bleibt nun ewig an mir hängen. Kurz darauf hat noch so eine Verrückte auf mich geschossen. Ich hab Seiner Majestät geschrieben, man möge sie nicht hängen, doch der Zar blieb hart. Eigenhändig hat er es auf mein Gesuch geschrieben: ›Wer das Schwert gegen meine Getreuen erhebt, darf auf Gnade nicht hoffen!‹« Chrapow schniefte gerührt, Greisentränen in den Augenwinkeln. »Jetzt veranstalten sie eine große Hatz auf mich. Die reinste Wolfsjagd. Und dabei hab ich nur das Beste gewollt … Ich versteh das nicht, beim besten Willen, ich versteh das nicht!«

Konsterniert hob der Generalgouverneur die Hände. Da entgegnete der junge Mann mit dem dunklen Haarschopf und den grauen Schläfen auf einmal ganz ohne zu stottern: »Einer wie Sie wird nie verstehen, was Ehre und Menschenwürde bedeuten. Sei’s drum. Den anderen Bluthunden soll es eine Lehre sein!«

Die Kinnlade des Generals klappte nach unten, er wollte sich aus dem Sessel erheben, doch der sonderbare Beamte hatte die Hand inzwischen aus seinem Jackett gezogen, und darin war kein Telegramm, sondern ein kurzer Dolch. Der Dolch drang dem General mitten ins Herz, Chrapows Brauen schoben sich nach oben, der Mund ging auf, doch es kam kein Laut. Seine Finger krallten sich um die Hand des Staatsrats, wobei der Diamant noch einmal aufblitzte. Dann kippte der Kopf des Generalgouverneurs leblos nach hinten, und ein Rinnsal dunkles Blut lief ihm das Kinn hinab.

Angewidert löste der Mörder den Griff des Toten von seinem Handgelenk, riß den angeklebten Schnurrbart mit einem nervösen Ruck von seiner Oberlippe und rieb sich die grauen Schläfen, die davon so schwarz wurden wie sein übriges Haar.

Nach einem raschen Blick über die Schulter, auf die verschlossene Tür, trat der Mann zielstrebig vor eines der vom Schnee blinden Fenster, die auf die Gleise hinaus gingen, zerrte am Griff – doch das Fenster war am Rahmen angefroren, gab nicht nach. Was den seltsamen Staatsrat jedoch nicht aus der Fassung brachte. Er packte den Griff mit beiden Händen, hängte sich daran. Die Stirnadern traten ihm hervor, die zusammengebissenen Zähne knirschten – und, o Wunder: Der Fensterrahmen knirschte ebenfalls und fuhr nach unten. Schnee stäubte herein, dem Kraftprotz mitten ins Gesicht, die Vorhänge flatterten fröhlich. Ein behender Satz – und der Mörder schwang sich über die Fensterkante, war einen Moment später im Morgengrauen verschwunden.

Wenige Augenblicke später war das Kabinett nicht mehr wiederzuerkennen. Übermütig, als könnte er sein Glück nicht fassen, ließ der Wind allerlei hochwichtiges Papier über den Teppich wirbeln, zerrte an der fransigen Tischdecke, zauste die schlohweißen Haare des Generals.

Der hellblaue Lampenschirm geriet jäh ins Schaukeln, der Lichtkegel glitt über die Brust des Toten, und man konnte sehen, wie gründlich der Dolch eingepflanzt war, bis ans Heft – und daß dieses Heft zwei gravierte Initialen trug: KG.

HENKER DER VERGELTUNG ENTZOGEN

Wie unsere Redaktion aus zuverlässigster Quelle erfuhr, soll Generaladjutant Chrapow, der erst letzten Donnerstag vom Amt des stellvertretenden Innenministers und Befehlshabers des Gendarmeriekorps entbunden wurde, in Bälde zum Generalgouverneur von Sibirien ernannt werden; er wird sich unverzüglich an seinen neuen Dienstort begeben. Die Hintergründe dieser Versetzung sind nur allzu einleuchtend. Dem Zaren liegt daran, Chrapow der Rache des Volkes zu entziehen, indem er seinen braven Kettenhund für eine Weile aus dem hauptstädtischen Verkehr zieht. Doch das Urteil, das unsere Partei über diesen blutrünstigen Satrapen gefällt hat, bleibt in Kraft. Mit seinem unmenschlichen Befehl, die politische Gefangene Polina Iwanzowa der Folter zu unterziehen, hat Chrapow selbst dafür gesorgt, daß die Gebote der Menschlichkeit auf ihn keine Anwendung mehr finden. Er hat sein Leben verwirkt. Zweimal gelang es dem Henker, seinen Rächern zu entkommen, doch er ist und bleibt dem Tode geweiht.

Aus nämlicher Quelle war zu erfahren, daß Chrapow bereits für den Posten des Innenministers vorgesehen ist. Die Abkommandierung nach Sibirien ist eine vorübergehende Maßnahme, ihr einziger Zweck, Chrapow vor dem Sühneschwert des Volkszorns in Sicherheit zu bringen. Die Zarenbüttel rechnen damit, unsere Kampfgruppe, der es obliegt, das Urteil über diesen Henker zu vollstrecken, in nächster Zeit aufzudecken und zu liquidieren. Und ist die Gefahr erst gebannt, wird Chrapow mit fliegenden Fahnen, als des Imperators unumschränkter Günstling, nach Petersburg zurückkehren.

Das darf nicht sein! Die ausgelöschten Leben unserer Genossen schreien nach Vergeltung.

Unsere Genossin Iwanzowa, da sie die Schmach nicht ertrug, hat sich im Kerker erdrosselt. Sie war gerade einmal siebzehn Jahre alt.

Die dreiundzwanzigjährige Studentin Skokowa hat auf den Satrapen geschossen, aber nicht getroffen. Sie wurde gehenkt.

Ein Genosse unserer Kampfgruppe, dessen Namen geheim zu bleiben hat, wurde von einem Splitter der eigenen Bombe getötet, während Chrapow abermals unversehrt blieb. Sei’s drum, Hohe Exzellenz, der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht. Unsere Kampfgruppe wird Euch auch in Sibirien aufspüren.

Angenehme Reise!

ERSTES KAPITEL,

in welchem Fandorin verhaftet wird

Der Tag war von Anfang an verkorkst. Erast Petrowitsch Fandorin war in aller Herrgottsfrühe aufgestanden, weil er schon um halb neun auf dem Nikolaus-Bahnhof sein mußte. Gemeinsam mit seinem japanischen Kammerdiener hatte er das obligatorische Gymnastikprogramm absolviert, hatte eine Schale grünen Tee getrunken und war beim Rasieren (währenddessen machte er Atemübungen), als das Telefon schellte. Wie sich nun herausstellte, war das frühe Aufstehen für die Katz gewesen: Der Kurierzug aus Sankt Petersburg würde aufgrund von Schneeverwehungen um zwei Stunden verspätet ankommen.

Da alle notwendigen Vorkehrungen zur Gewährleistung der Sicherheit für den hohen hauptstädtischen Gast bereits am Vortag getroffen worden waren, fiel Fandorin nicht gleich ein, womit er die unerwartete freie Zeit hätte füllen können. Gut, er konnte früher zum Bahnhof fahren, doch das wollte er nicht. Wozu seinen Untergebenen unnötig auf die Nerven fallen? Es bestand kein Zweifel, daß Oberst Swertschinski, amtierender Chef der Gendarmerieverwaltung im Gouvernement, alle Anweisungen genauestens befolgt hatte: Bahnsteig eins, wo der Zug einfahren würde, war von Agenten umstellt, direkt auf dem Bahnsteig wartete eine gepanzerte Kutsche, und der Begleitschutz war auf das sorgfältigste ausgewählt. Eine Viertelstunde früher auf dem Bahnhof zu sein würde vollkommen ausreichen – auch das nur der Ordnung halber und nicht, um allfällige Unterlassungen zu entdecken.

So verantwortungsvoll die Aufgabe war, die ihm Seine Erlaucht Fürst Dolgorukoi hier übertragen hatte, so unkompliziert war sie auch. Er hatte die prominente Person in Empfang zu nehmen, zum Frühstück beim Fürsten und anschließend zur Erholung in eine peinlich bewachte Residenz auf den Sperlingsbergen zu geleiten, bevor er den frischgebackenen sibirischen Generalgouverneur abends an den Zug nach Tscheljabinsk bringen würde; der Ministerwagen würde selbstverständlich angekoppelt sein. Das war eigentlich alles.

Die einzig heikle Frage, die Fandorin seit dem gestrigen Tag quälte, war, ob er Generaladjutant Chrapow die Hand schütteln sollte – der sich eine wenn nicht Schandtat, so im mindesten unverzeihliche Dummheit hatte zuschulden kommen lassen.

Von Amts wegen und im Hinblick auf die Karriere galt es die Gefühle natürlich hintanzustellen, zumal Leute, die es wissen mußten, eine baldige Rückkehr des Ex-Gendarmeriekommandeurs in die Führungsspitzen prophezeiten. Daß Fandorin den Händedruck nicht zu umgehen beschloß, hatte jedoch einen gänzlich anderen Grund: Ein Gast ist ein Gast, den zu kränken einfach nicht anstand. Einen kühlen, betont offiziellen Ton anzuschlagen konnte durchaus genügen.

Der Entschluß war richtig, ja geradezu unanfechtbar, und dennoch nagten, wie man so schön sagt, an Fandorins Herzen Zweifel: Waren es am Ende nicht doch Karrieregelüste, die den Ausschlag gaben?

Darum also kam der plötzliche Aufschub Fandorin zupaß – es bot sich noch einmal Gelegenheit, aus dem moralischen Dilemma herauszufinden.

Fandorin hieß seinen Kammerdiener Masa einen starken Kaffee brauen, machte es sich im Sessel bequem und fing erneut an, alles Für und Wider gegeneinander abzuwägen – wobei er jedesmal, ohne es zu merken, die rechte Hand zur Faust schloß und wieder öffnete.

Lange zu grübeln blieb ihm indes erspart, denn es schellte erneut, und diesmal an der Tür. Im Flur ertönten Stimmen: zuerst leise, dann laut. Jemand schien ins Kabinett vordringen zu wollen, doch Masa ließ es nicht zu und stieß dabei die gewisse Art Pfeif- und Zischlaute aus, die von der Standhaftigkeit des vormaligen Untertans Seiner Majestät des Kaisers von Japan ebenso kündeten wie von seiner Kampfeslust.

»Masa, wer ist da?« rief Fandorin und trat aus dem Kabinett ins Empfangszimmer.

Dort sah er die ungebetenen Gäste: Gendarmerieoberstleutnant Burljajew, Chef der Moskauer Geheimpolizei, mit zwei Herren in karierten Mänteln, augenscheinlich Detektiven, im Gefolge. Masa, die Arme ausgebreitet, versperrte den dreien den Weg, und es sah ganz so aus, als wollte er in allernächster Zeit vom Wort zur Tat schreiten.

»Pardon, Herr Fandorin«, brummte Burljajew mit verlegener Baßstimme, wobei er den Hut abnahm und sich mit der Hand über die graumelierte harte Bürste fuhr, »es liegt hier wohl ein Mißverständnis vor. Ich habe eine Depesche aus dem Polizeidepartement erhalten.« Er wedelte mit einem Papier. »Darin wird mitgeteilt, Generaladjutant Chrapow sei ermordet worden, und, äh … Sie wären der Mörder, weshalb ich mich gezwungen sehe, Sie unverzüglich in Haft zu nehmen. Die müssen übergeschnappt sein, aber … Befehl ist Befehl … Wenn Sie die Güte hätten, Ihren Japaner zu besänftigen, ich weiß vom Hörensagen, was für ein flinker Fußkämpfer er ist.« Und so absurd es war: Als erstes empfand Fandorin Erleichterung (nämlich bei dem Gedanken, daß die Frage des Händedrucks sich von selbst erledigt hatte), bevor er den ungeheuerlichen Sinn des Gesagten erfaßte.

 

Der Verdacht fiel erst von Fandorin ab, nachdem der verspätete Kurierzug eingefahren war. Noch vor dem Stillstand des Zuges sah man einen weißblonden Gendarmerie-Stabsrottmeister mit verzerrten Gesichtszügen aus dem Ministerwagen auf den Bahnsteig springen; böse Verwünschungen ausstoßend, stürzte er dorthin, wo zwischen den beiden Spitzeln der arretierte Staatsrat stand. Doch der Stabsrottmeister war noch nicht heran, als er in einen zögerlichen Schritt verfiel und schließlich ganz stehenblieb: Er klapperte mit den kaum bewimperten Lidern, hieb sich die Faust auf den Schenkel.

»Das ist er nicht! Das ist er nicht! Er sieht ihm bloß ähnlich! Und nicht mal sehr! Höchstens der Schnurrbart und die grauen Schläfen, sonst überhaupt nicht«, murmelte der Offizier wie vor den Kopf geschlagen. »Wen habt ihr da angeschleppt? Wo ist Fandorin?«

»Ich bin Fandorin, mein lieber Herr von S-s-… Seydlitz, das versichere ich Ihnen«, sagte der Staatsrat übertrieben sanft, so als spräche er zu einem Geisteskranken, und wandte sich dann an Burljajew, dem die Schamröte ins Gesicht gestiegen war. »Herr Oberstleutnant, würden Sie bitte Ihren Leuten b-b… begreiflich machen, daß sie meine Ellbogen loslassen können? Und sagen Sie, Stabsrottmeister, wo steckt Oberstleutnant Modsalewski, wo sind Ihre Wachleute? Ich muß sie sämtlichst anhören und ihre Aussagen zu Protokoll nehmen.«

»Anhören? Zu Protokoll nehmen?!« rief Seydlitz mit brüchiger Stimme und reckte die geballten Fäuste gen Himmel. »Was denn zu Protokoll nehmen, Himmel noch mal? Haben Sie noch nicht begriffen? Er ist tot! Tot! Alles ist aus, mein Gott! Aber wir müssen schleunigst die Gendarmerie mobilisieren, die Polizei! Wenn ich dieses Scheusal nicht finde, diesen Satan …« Er verhaspelte sich, wurde von einem Schluckauf geschüttelt. »Aber ich werde ihn finden, das steht fest! Und wenn ich die ganze Erde umwühlen muß! Ich leiste Satisfaktion! Sonst kann ich mir nur noch die Kugel geben!«

»Ist ja gut!« entgegnete Fandorin, immer noch so lammfromm wie zuvor. »Den Stabsrottmeister werde ich wohl besser etwas später befragen, wenn er wieder alle beisammen hat. Beginnen wir mit den anderen. Der B-bahnhofsvorsteher soll sein Kabinett für uns räumen. Die Herren Swertschinski und Burljajew bitte ich bei den Verhören anwesend zu sein. Anschließend werde ich zu Seiner Erlaucht fahren und Bericht erstatten.«

»Aber wie verfahren wir mit dem Leichnam, Euer Hochgeboren?« kam die zaghafte Frage des in respektvoller Entfernung stehenden Zugbegleiters. »So eine hochstehende Persönlichkeit … Wohin mit ihm?«

»Wie, wohin?« fragte der Staatsrat verwundert. »Gleich k-kommt der Leichenwagen, und dann ab mit ihm ins Leichenschauhaus. Zur Obduktion.«

 

»… woraufhin Adjutant Modsalewski, der als erster die Fassung wiedergewann, ins Bahnhofsgebäude rannte und eine chiffrierte Depesche an das P-p-… Polizeidepartement aufgab.« Fandorins umfänglicher Rapport näherte sich dem Ende. »Zylinder, Macintosh und Dolch sind zur Untersuchung ans Laboratorium übergeben. Chrapow liegt im Leichenschauhaus. Seydlitz bekam eine Beruhigungsspritze.«

Im Raum war es still geworden, nur die Uhr tickte, und die Fensterscheiben klirrten unter dem Ansturm des heftigen Februarwindes. Fürst Wladimir Andrejewitsch Dolgorukoi, der Generalgouverneur der altehrwürdigen Metropole, bewegte in sich gekehrt die runzligen Lippen, zupfte an seinem langen, gefärbten Schnurrbart, kratzte sich hinterm Ohr, wovon das kastanienbraune Haarteil ein wenig zur Seite rutschte. Selten hatte Fandorin Gelegenheit gehabt, Moskaus Souverän in derart niedergeschlagener Verfassung zu sehen.

»Das wird mir die Petersburger Kamarilla unter Garantie nicht verzeihen«, sprach Seine Erlaucht voller Schwermut. »Das kümmert die gar nicht, daß dieser verfluchte Chrapow, Friede seiner Asche, noch nicht den Fuß auf Moskauer Boden gesetzt hatte. Klin liegt nun mal im Moskauer Gouvernement … Was meinen Sie, Fandorin, das dürfte es nun gewesen sein, oder?«

Fandorins Antwort war ein Seufzen.

Also wandte sich der Fürst an seinen Diener, der mit einem silbernen Tablett in Händen nahe der Tür stand. Auf dem Tablett allerlei Schälchen, Ampullen und ein kleines Glas mit Eukalyptusplätzchen, gut gegen den Husten. Der Diener hieß Frol – Frol Wedischtschew. Obschon er das bescheidene Amt eines Kammerdieners bekleidete, gab es für den Fürsten keinen ergebeneren und erfahreneren Ratgeber als ihn, den ausgemergelten Alten mit dem Kahlschädel, den riesigen Koteletten und den dicken Gläsern in der goldgefaßten Brille.

Mehr Personen befanden sich nicht in dem geräumigen Kabinett – nur diese drei.

»Was meinst du, mein lieber Frol?« fragte Dolgorukoi mit bebender Stimme, »Zeit für den Abgang? Und wohl gar in Unehren, aller Gunst verlustig? Statt dessen mit einem Skandal am Hals …«

»Ach, Wladimir Andrejewitsch«, entgegnete der Kammerdiener, auch er ganz weinerlich. »Dann quittiert Ihr ihn eben, den Staatsdienst. Genug gedient, gütiger Gott im Himmel, Ihr seid ja nun schon über die Achtzig … Zermartert Euch nur nicht die Seele, ich bitt Euch. Und sollte der Zar keinen guten Faden an Euch lassen, die Moskauer werden Eurer im guten gedenken. Wie auch anders, wo Ihr doch fünfundzwanzig Jährchen für ihr Wohl gesorgt habt, so manche Nacht kein Auge zugetan … Fahren wir eben nach Nizza, wo die Sonne scheint. Dort werden wir auf der Veranda sitzen und der guten Zeiten gedenken, was will man mehr auf seine alten Tage …«

Der Fürst lächelte traurig.

»Du weißt doch, Frol, daß ich dazu nicht geschaffen bin. Ohne Amt und Würden sterbe ich, binnen sechs Monaten gehe ich ein. Nur deshalb stehe ich noch fest auf den Beinen, weil mein Moskau mich stützt. Ginge es wenigstens um eine Sache, die lohnte – so aber, für nichts und wieder nichts! In meiner Stadt steht doch alles zum Besten. Nein, das ist arg …«

Auf dem Tablett in des Dieners Händen fing es leise zu klingeln und zu klirren an. Tränensturzbäche ergossen sich über seine Wangen.

»Gott ist gnädig, Wladimir Andrejewitsch, vielleicht läßt er den Kelch vorübergehen!« schluchzte er. »Was haben wir nicht schon alles durchgestanden, und der liebe Gott hat immer die Hand über uns gehalten. Unser Fandorin wird den Übeltäter auftreiben, der den General auf dem Gewissen hat, und dann haben Seine Majestät gewiß ein Einsehen …«

»Ach wo«, sagte der Fürst gedehnt, und es klang deprimiert. »Das hier berührt die Sicherheit des Staates im Innersten. Und wo die Mächtigen sich zu fürchten anfangen, da kennen sie keine Gnade. Sie müssen selber Furcht einflößen, und am allermeisten den eigenen Leuten. Damit die Bescheid wissen. Damit bei denen die Furcht vor der Macht größer ist als die vor dem Mörder. Und was auf meinem Territorium passiert, dafür habe ich geradezustehen. Nein, nur um eines bitte ich den lieben Gott: daß der Verbrecher so schnell wie möglich gefunden wird, und daß wir ihn finden. Damit ich wenigstens abtreten kann, ohne mich zu schämen. Mit einem würdigen Schlußstrich.« Sein Blick suchte den Sonderbeauftragten – ein Blick, in dem Hoffnung lag. »Wie schaut es aus, Fandorin, werden Sie diese KG aufspüren können?«

Fandorin zögerte mit der Antwort, er sprach leise und unsicher: »Sie kennen mich, Euer Erlaucht, ich mache ungern leere V-v-… Versprechungen. Wir können ja nicht einmal sicher sein, daß der Mörder nach vollbrachter Tat Richtung Moskau geflohen ist und nicht zum Beispiel nach Petersburg … Schließlich werden die Aktionen der Kampfgruppe von dort aus organisiert.«

»Ist ja wahr.« Der Fürst nickte vergrämt. »Wirklich, was rede ich da … Gendarmeriekorps und Polizeidepartement haben es miteinander nicht fertiggebracht, dieser Gegner habhaft zu werden, und da verlange ich von Ihnen … Rußland ist groß, ein Bösewicht kann überall untertauchen. Bitte um Nachsicht! Beim Ertrinken klammert man sich an jeden Strohhalm, wissen Sie. Und immerhin haben Sie mir mehr als einmal aus den fatalsten Situationen herausgeholfen …«

Der Staatsrat hüstelte, mit einem Strohhalm verglichen zu werden berührte ihn unangenehm. »Aber …«, fuhr er fort, und wie er das sagte, schwang durchaus ein Geheimnis mit. »Was, aber?« horchte Wedischtschew auf, stellte sein Tablett ab, fuhr sich hurtig mit einem Riesentaschentuch über das verheulte Gesicht und rückte näher an den Staatsrat heran. »Gibt es vielleicht doch einen Anhaltspunkt?«

»Aber … man kann es ja wenigstens versuchen«, brachte Fandorin seinen Satz versonnen zu Ende. »Man muß es sogar. Ich hatte Euer Erlaucht ohnehin um Erteilung der nötigen Vollmachten bitten wollen. Der Mörder hat meinen Namen mißbraucht und mich so gewissermaßen herausgefordert. Ganz zu schweigen von einigen höchst p-peinlichen Momenten heute morgen, die erleben zu müssen er mir eingebrockt hat. Und außerdem hege ich trotz allem die Vermutung, daß der Täter sich von Klin auf kürzestem Wege nach Moskau abgesetzt hat. Vom Tatort bis hier fährt man mit dem Zug eine Stunde, so schnell konnte die Fahndung gar nicht anlaufen. Wäre er hingegen nach Petersburg aufgebrochen, müßte er noch unterwegs sein. Und seit elf Uhr ist die Fahndung ausgerufen, alle Bahnhöfe sind geschlossen, die Eisenbahngendarmerie überprüft die Fahrgäste sämtlicher Züge im Umkreis von dreihundert Werst. Nein, ganz unmöglich, daß er es bis Petersburg geschafft hat.«

»Und wenn er nun gar nicht mit der eisernen Bahn gefahren ist?« gab der Kammerdiener zu bedenken. »Hat sich statt dessen auf ein Pferdchen geschwungen und ist nach Kleinkleckersdorf getrabt, wo er in der Versenkung verschwindet, bis die Aufregung sich legt?«

»Kleinkleckersdorf ist für einen, der in der Versenkung verschwinden will, der ganz falsche Ort. Dort fällt jeder Fremde auf. Unterzutauchen ist am einfachsten in der großen Stadt, wo keiner keinen kennt und wo die Revolutionäre ihr konspiratives Netz haben.«

Der Generalgouverneur sah Fandorin forschend ins Gesicht und klapperte mit dem Deckel seines Schnupftabaksdöschens, ein Zeichen dafür, daß er aus der Verzweiflung heraus in einen Zustand tiefer Nachdenklichkeit gefunden hatte.

Fandorin wartete ab, bis die Ladung im Nasenloch angebracht und mit schallendem Niesen losgegangen war. Nachdem Wedischtschew seinem Dienstherrn Augen und Nase mit dem Taschentuch trockengetupft hatte (just jenem, mit dem er sich eben noch selbst die Tränen gewischt), kam des Fürsten Frage: »Und wie wollen Sie ihn suchen, selbst wenn er hier in Moskau ist? Wir haben eine Million Menschen in der Stadt. Ich bin nicht einmal befugt, Ihnen Gendarmerie und Polizeiapparat zu unterstellen, geschweige in der Lage, sie zur Mitarbeit zu bewegen. Wie Sie wissen, trudelt mein Gesuch um Ihre Ernennung zum Polizeipräsidenten schon den dritten Monat durch die Instanzen. Die ganze Polizei ein einziges Babylon, so sieht es aus, mein Lieber.«

Was Seine Erlaucht unter einem Babylon verstand, waren die chaotischen Zustände, die in der Stadt herrschten, seit der letzte Polizeipräsident, der den Begriff »nichtabrechnungspflichtige Geheimfonds« etwas sehr wörtlich ausgelegt hatte, suspendiert worden war. In der Hauptstadt Petersburg war daraufhin ein langwieriges bürokratisches Procedere in Gang gesetzt worden: Der dem Fürsten nicht wohlgesinnte Hofklüngel mochte unter keinen Umständen zulassen, daß die Schlüsselposition einem von Dolgorukois Zöglingen zufiel, hatte aber auch nicht die Handhabe, dem Generalgouverneur seinen eigenen Favoriten aufzuzwingen. Derweil mußte die Riesenstadt ohne obersten Schutzherrn und Gesetzeshüter auskommen. Dem Polizeipräsidenten hätte es oblegen, das Vorgehen der städtischen Polizei, der Gendarmerieverwaltung des Gouvernements und der staatlichen Geheimpolizei zu lenken und zu koordinieren, statt dessen ging es zu wie im Zigeunerlager: Oberstleutnant Burljajew von der Geheimpolizei und Oberst Swertschinski von der Gendarmerie schikanierten einander unentwegt, was sie jedoch nicht daran hinderte, gemeinsam über die Verschleppungsmanöver unverschämter Reviervorsteher Klage zu führen.

»Stimmt, für konzertierte Aktionen ist die Situation nicht eben günstig«, gab Fandorin zu. »Doch im g-gegebenen Fall könnte uns die Uneinigkeit der Ermittlungsorgane sogar zupaß kommen ….«

Die glatte Stirn des Staatsrats furchte sich, seine Hand fuhr wie von selbst in die Tasche und zog die Perlenschnur aus Jade hervor, die ihm half, wenn es galt, die Gedanken beisammen zu halten. Dolgorukoi und Wedischtschew, denen Fandorins Gepflogenheiten nicht neu waren, spitzten atemlos die Ohren; in beide Greisengesichter trat ein Ausdruck, wie man ihn von Kindern im Zirkus kennt, die genau wissen, daß der Zylinder in der Hand des Zauberers leer ist, und die dennoch nicht daran zweifeln, daß der fingerfertige Mann im nächsten Moment ein Täubchen oder Kaninchen daraus hervorziehen wird. Und da war es auch schon.

»Darf man fragen, wieso dem Täter die Sache so glatt von der Hand ging?« hob Fandorin an und hielt einen Moment inne, als erwartete er tatsächlich eine Antwort auf seine Frage. »Doch wohl nur deshalb, weil er bis ins kleinste unterrichtet war – über Dinge, die eigentlich nur sehr wenige hätten wissen dürfen, Punkt eins. Die Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit von G-generaladjutant Chrapow auf seiner Durchreise durch das Gouvernement Moskau sind frühestens vorgestern bestimmt worden, und dies in Gegenwart eines sehr begrenzten Personenkreises, Punkt zwo. Irgendwer aus diesem Kreis, der in die Einzelheiten der Planung eingeweiht war, hat den Revolutionären diesen Plan gesteckt – absichtlich oder unabsichtlich, Punkt drei. Es genügt, diesen Mann aufzutreiben, um über ihn der Kampfgruppe und ihrem Vollstrecker auf die Schliche zu kommen.«

»Was soll das heißen, unabsichtlich?« fragte der Generalgouverneur mit gerunzelter Stirn. »Absichtlich, das kann ich nachvollziehen. Auch im Staatsdienst gibt es falsche Hunde! Der eine offenbart sich den Nihilisten für Geld, der andere, weil er sich von den Dämonen hat anstiften lassen. Aber unabsichtlich, wie soll das gehen? Doch nicht im Schlaf?«

»Nein, eher aus Nachlässigkeit«, erwiderte Fandorin. »In der Mehrzahl der F-fälle verplaudert sich eine Amtsperson gegenüber ihren Angehörigen, von denen wiederum jemand Verbindung zu den Terroristen hat. Das kann der Sohn sein, die Tochter, die Geliebte. Was unsere Kette lediglich um ein Glied verlängert.«

»Aha.« Der Fürst langte schon wieder nach dem Schnupftabak. »An der Geheimsitzung vorgestern, auf der es um die Durchreise von Chrapow ging, die Erde sei dem armen Sünder leicht, da haben außer mir und Ihnen nur Swertschinski und Burljajew teilgenommen. Nicht einmal die Polizei haben wir hinzugezogen, auf Anweisung aus Petersburg. Wollen wir also jetzt die Herren Vorgesetzten von der Gendarmerieverwaltung und der Geheimpolizei verdächtigen? Das wird ja immer schöner. Ha… ha… haptschi!«

»Gesundheit und ein langes Leben!« warf Wedischtschew ein und machte sich erneut daran, Seiner Erlaucht die Nase zu putzen.

»Die auch!« verkündete Fandorin ohne Umschweife. »Und außerdem gilt es festzustellen, wer noch von den Offizieren der Gendarmerie und der Geheimpolizei von irgendwelchen Details K-k-… Kenntnis hatte. Ich denke, das können höchstens drei, vier Leute gewesen sein.«

»Ja Gottchen, wenn es so ist«, ächzte Frol, »das machen Sie doch spielend und mit links! Hört, hört, Euer Erlaucht! Werft die Flinte nur nicht ins Korn! Wenn Ihr schon abtreten müßt, dann in aller Pracht und Herrlichkeit! Auf Händen getragen, und nicht mit einem Tritt in den Hintern! Ihr werdet sehen, der Staatsrat hat uns den Judas ruck, zuck herausdividiert. Punkt eins, Punkt zwei, Punkt drei, und fertig.«

Der Staatsrat schüttelte den Kopf.

»Ganz so einfach ist es nicht. Aus der Gendarmerieverwaltung könnte etwas herausgesickert sein, aus der Geheimpolizei ebenso. Aber es gibt noch eine dritte Möglichkeit, die zu prüfen leider nicht in meiner Macht steht. Unsere Planung, Chrapows Geleitschutz betreffend, ging als chiffrierte Depesche zur Bestätigung nach Petersburg. Darin waren auch Angaben zu meiner Person vermerkt, der ich für die Sicherheit des Gastes verantwortlich war: Auszug aus der Dienstliste, Portrait parlé, Legende und so weiter. Alles, wie in derlei Fällen üblich. Darum hat Seydlitz an der Identität des Pseudo-Fandorin auch nicht gezweifelt, weil er über mein Äußeres bestens informiert war, sogar über mein St-tottern. Sollte aber die Quelle der Indiskretion in Petersburg liegen, werde ich kaum etwas ausrichten können. So weit reicht mein Arm nicht, wie man sagt … Immerhin stehen die Chancen zwei zu eins, daß die Spur nach Moskau führt. Und vor allem versteckt sich der Mörder höchstwahrscheinlich hier. Ihn werden wir suchen.«

 

Vom Hause des Generalgouverneurs fuhr der Sonderbeauftragte geradenwegs zur Gendarmerieverwaltung in die Malaja Nikitskaja. Unterwegs im Schlitten des Fürsten, einem geschlossenen, mit blauem Samt ausgeschlagenen Gefährt, überlegte er, wie er mit Swertschinski umgehen sollte. Die Hypothese, der Oberst – für den Fürsten und Wedischtschew seit vielen Jahren eine Vertrauensperson – könnte in Verbindung zu den Revolutionären stehen, bedurfte einer lebhaften Phantasie, doch damit war der Staatsrat nun einmal gesegnet, und außerdem hatte es in seinem an Abenteuern reichen Leben schon handfestere Überraschungen gegeben.

Was also ließ sich sagen über den Obersten des Sondergendarmeriekorps Stanislaw Swertschinski?

Verschlossen war er, gewitzt, ehrgeizig, zugleich übervorsichtig, am liebsten im Schatten agierend. Ein pedantischer Beamter. Geduldig auf seine Stunde wartend, und die schien ihm zu schlagen: Noch war er nur amtierender Chef der Behörde, doch würde er in diesem Amte bestätigt werden, und es sah ganz danach aus, dann wären ihm die allerappetitlichsten Karriereaussichten eröffnet. Wobei man in Moskau genauso wie in Petersburg wußte, daß Swertschinski ein Mann des Generalgouverneurs war. Sollte der Fürst tatsächlich gen Nizza verschwinden, aufs Altenteil abgeschoben, so konnte es passieren, daß der geneidete Posten dem Obersten nicht erhalten blieb. General Chrapows Tod mußte also für Swertschinskis Karriere ein betrübliches, wenn nicht fatales Ereignis sein. So schien es zumindest auf den ersten Blick.

Von der Twerskaja zur Malaja Nikitskaja war es nicht weit. Wäre der Wind nicht gewesen und das Schneetreiben, Fandorin hätte die Strecke lieber zu Fuß zurückgelegt – im Laufen denkt es sich besser. Schon ging es herunter vom Boulevard. Der Schlitten glitt längs des gußeisernen Gitterzauns vor dem Hause des Barons Ewert-Kolokolzew, in dessen Seitenflügel Fandorin logierte; zweihundert Meter weiter tauchte die wohlbekannte weiß-gelbe Villa mit dem gestreiften Büdchen neben dem Portal aus dem Schneegestöber.

Fandorin stieg aus, hielt den Zylinder fest, der sogleich wegfliegen wollte, und rannte die glatten Stufen hinauf. Der altbekannte Wachtmeister im Vestibül salutierte zackig.

»Er ist bei sich und wartet schon«, meldete er, der Frage zuvorkommend. »Den Pelz und die Kopfbedeckung, wenn Hochgeboren erlauben. Ich bringe die Sachen in die Garderobe.«

Fandorin dankte zerstreut; er betrachtete das vertraute Interieur, als sähe er es zum ersten Mal.

Ein Flur mit einer langen Reihe gleicher, wachstuchbezogener Türen. Die Wände in ödem Hellblau, weiß abgesetzt. Der Turnsaal am anderen Ende. Sollte man es für möglich halten, daß zwischen diesen Mauern der Hochverrat nistete?

Im Vorzimmer tat der Adjutant Dienst, Oberleutnant Smoljaninow – ein junger Mann mit gesunder Gesichtsfarbe, flinken schwarzen Augen und verwegen gezwirbeltem Schnurrbart.

»Wünsche wohl geruht zu haben, Herr Staatsrat«, begrüßte er fröhlich den häufigen Gast. »Ein Wetterchen, was?«

»Jaja«, nickte Fandorin. »Darf ich?«

Und umstandslos, wie ein alter Kollege und demnächst vielleicht Vorgesetzter es sich erlauben durfte, betrat er das Kabinett des Obersten.

»Was sagt man in den oberen Etagen?« Swertschinski hatte sich hastig erhoben und eilte ihm entgegen. »Was meint der Fürst? Was unternehmen wir, wie gehen wir vor? Ich bin ja ganz außer mir.« Und die Stimme senkend, so daß ein gräßliches Flüstern daraus wurde, setzte er hinzu: »Meinen Sie, er wird abgesetzt?«

»Das kommt darauf an. Gewissermaßen auf uns b-beide.«

Fandorin ließ sich in einem der Sessel nieder, der Oberst ihm gegenüber, und das Gespräch wurde sogleich amtlich.

»Herr Oberst, ich möchte offen zu Ihnen sein. Unter uns – entweder hier bei Ihnen oder bei der Geheimpolizei – ist ein V-v-… Verräter.«

»Ein Verräter?« Der Oberst schüttelte so heftig den Kopf, daß sein Scheitel, der die glatt gekämmte Frisur in idealer Linie halbierte, einen geringen Schaden davontrug. »Bei uns?«

»Jawohl. Ein Verräter oder zumindest ein Schwätzer, was unter den g-gegebenen Umständen ein und dasselbe ist.«

Der Staatsrat trug dem Gesprächspartner seine Sicht der Dinge vor.

Erregt zwirbelte Swertschinski beim Zuhören die Schnurrbartenden. Zuletzt legte er sich die Hand auf das Herz und sagte eindringlich: »Ich bin mit Ihnen vollkommen einer Meinung! Ihre Argumente sind schlüssig und überzeugend. Doch was meine Behörde betrifft, so bitte ich, sie bei diesbezüglichen Mutmaßungen auszunehmen. Unsere Aufgabe bei der Anreise des Generals Chrapow bestand einzig und allein in der personellen Bereitstellung des Geleitschutzes. Ich habe darum auch keine speziellen Maßnahmen getroffen: Ein halber Zug Kavallerie wurde aufgestellt, das war alles. Und ich kann Ihnen versichern, verehrtester Herr Staatsrat, daß hier im Hause ganze zwei von der Sache im Detail wußten: ich und Oberleutnant Smoljaninow. Ihn als meinen Adjutanten mußte ich natürlich ins Bild setzen. Aber Sie kennen ihn ja, er ist ein besonnener, gewissenhafter junger Mann von edelster Denkart, so einer treibt kein falsches Spiel. Und an meiner Verschwiegenheit, darf ich hoffen, werden Sie keine Zweifel haben.«

Fandorin senkte den Kopf und sagte diplomatisch: »Eben d-darum bin ich zuerst hierher gekommen und verheimliche vor Ihnen nichts.«

»Und ich garantiere Ihnen, da stecken entweder die Petersburger oder die vom Gnesdnikowski dahinter!« sprach der Oberst, die schönen Samtaugen aufreißend. Die vom Gnesdnikowski – damit meinte er die Geheimpolizei, die am Bolschoi Gnesdnikowski Pereulok ihren Sitz hatte. »Über die Petersburger kann ich schlecht urteilen, dafür sind meine Kenntnisse nicht ausreichend, aber unter Oberstleutnant Burljajews Schranzen gibt es einiges Gesindel – ehemalige Nihilisten und andere zwielichtige Gestalten. Dort müßte man nachhaken. Den Oberstleutnant selbst zu beschuldigen fällt mir natürlich nicht ein, Gott bewahre, aber für die geheimen Sicherheitsvorkehrungen ist sein Agentendienst zuständig gewesen, es muß also zumindest eine kleine Instruktion gegeben haben, Auskünfte gegenüber einer nicht geringen Anzahl höchst zweifelhafter Subjekte. Das nenne ich unvorsichtig. Und außerdem …« Swertschinski geriet ins Stocken, so als wüßte er nicht, ob er fortfahren sollte.

»Außerdem?« fragte Fandorin nach und sah seinem Gegenüber fest in die Augen. »Gibt es noch eine Version, die ich vielleicht übersehen habe? Reden Sie, Herr Oberst, reden Sie. Wir sind hier ganz unter uns.«

»Es gibt da ja noch die Sorte Geheimagenten, die bei uns unter der Bezeichnung ›Mitarbeiter‹ firmieren. Mitglieder revolutionärer Zirkel, die irgendwann anfangen, mit der Polizei zusammenzuarbeiten.«

»Agents provocateurs1?« Der Staatsrat runzelte die Stirn.

»Das nicht unbedingt. Manchmal einfach bloß Informanten. Ohne sie kommt man bei unserer Arbeit nicht weit.«

»Aber woher sollten eure Spione Einzelheiten über den Empfang unseres geheimen Gastes erfahren haben? Dazu auch noch meine P-p-… Personenbeschreibung?« Fandorin ließ seine Brauen wie schwarze Pfeile aufeinander zuschnellen. »Das leuchtet mir nicht ein.«

Der Oberst war in sichtlicher Verlegenheit. Er errötete ein wenig, zwirbelte seinen Schnurrbart noch ärger und senkte vertraulich die Stimme: »Es gibt da sehr verschiedene Agenten. Und die Beziehungen, die die verantwortlichen Offiziere zu ihnen pflegen, sind unterschiedlicher Natur. Manchmal ausgesprochen privat, um, nun ja, hm … um nicht zu sagen: intim. Sie verstehen.«

»Nein!« Fandorin war zusammengezuckt, blickte seinen Gesprächspartner einigermaßen entgeistert an. »Ich verstehe nicht und möchte auch gar nicht verstehen. Wollen Sie damit sagen, Angehörige der Gendarmerie und der Geheimpolizei könnten um der Sache willen s-s-… sodomitische Beziehungen zu Agenten unterhalten?«

»Wer denkt denn gleich an sodomitische!« raunte Swertschinski und schlug die Hände zusammen. »Unter diesen sogenannten Mitarbeitern gibt es nicht wenige Frauen, die noch dazu meist jung und von anziehendem Äußeren sind. Und es wird Ihnen bekannt sein, welch freizügige Anschauungen die revolutionäre und mit den Revolutionären sympathisierende Jugend von heute in Fragen des Geschlechts vertritt.«

»Ach so, jaja«, murmelte der Staatsrat und wurde etwas verlegen. »Davon habe ich gehört. Von der Tätigkeit der G-g-… Geheimpolizei habe ich eben nur eine sehr vage Vorstellung. Revolutionäre sind mir auch noch nie untergekommen, ich hatte bisher immer mit Mördern, Hochstaplern und ausländischen Spionen das Vergnügen. Aber mir scheint, Herr Oberst, Sie wollen mein Augenmerk auf einen ganz bestimmten Offizier der Geheimpolizei lenken? Welcher ist es denn? Wer von denen hat Ihrer Meinung nach verdächtige Kontakte?«

Wohl eine halbe Minute lang verdeutlichte der Oberst unter Zuhilfenahme aller Physiognomie seine inneren Qualen, bis er sich endlich gut sichtbar einen Stoß gab.

»Herr Staatsrat«, flüsterte er, »es handelt sich hierbei natürlich um eine teils privatime Angelegenheit, jedoch kenne ich Sie als einen Mann von ausgesprochener Diskretion und Toleranz und sehe mich nicht befugt, vor Ihnen etwas zu verheimlichen, was noch dazu von größter Wichtigkeit sein könnte und wovor alle privaten Erwägungen zurückzutreten haben, wie sie ohnehin …« Swertschinski verhedderte sich in der eigenen Grammatik, brach ab und wurde deutlicher: »Ich verfüge über Informationen, denen zufolge Oberstleutnant Burljajew die Bekanntschaft einer gewissen Diana pflegt, was selbstverständlich ein Deckname ist. Eine sehr geheimnisumwitterte Person, die mit den Behörden uneigennützig und aus ideellen Beweggründen zusammenarbeitet, ebendarum aber eigene Bedingungen stellt. Zum Beispiel kennen wir weder ihren wahren Namen noch ihren Wohnort, nur die Adresse eines konspirativen Quartiers, welches das Departement für sie angemietet hat. Allem Anschein nach ist sie von Adel oder zumindest aus sehr gutem Hause. Mit vielen ergiebigen Kontakten zu revolutionären Kreisen in Moskau und Sankt Petersburg. Sie leistet der Polizei in der Tat unschätzbare Dienste …«

»Sie ist Burljajews Geliebte, und er könnte sich vor ihr verplaudert haben«, unterbrach Fandorin ungeduldig Swertschinskis Ausführungen. »Meinen Sie das?«

Der Oberst knöpfte sich den Kragen auf, rückte näher.

»Ich … bin nicht sicher, ob sie seine Geliebte ist, doch ich halte es für möglich. Sogar wahrscheinlich. Und wenn es so wäre, dann könnte es gut sein, daß Burljajew ihr gegenüber ein Wörtchen zuviel hat verlauten lassen. Doppelagenten, noch dazu von diesem Format, sind wenig berechenbar, wissen Sie. Heute kooperieren sie mit uns, morgen überlegen sie es sich anders und …«

»Gut. Ich werde das in Betracht ziehen.«

Fandorin hing irgendeinem Gedanken nach, dann wechselte er schroff das Thema.

»Ich nehme an, Wedischtschew wird Ihnen schon am T-t-… Telefon gesagt haben, daß ich auf Ihre uneingeschränkte Mitarbeit angewiesen bin.«

Swertschinski legte sich schon wieder die Hand auf das Herz: mit allem, was in meinen Kräften steht, mochte das heißen.

»Dann hören Sie. Ich bräuchte für meine Ermittlungen einen t-tüchtigen Assistenten, auch als Verbindungsoffizier. Würden Sie mir Ihren Smoljaninow ausborgen?«

 

Der Staatsrat konnte kaum länger als eine halbe Stunde in der weiß-gelben Villa zugebracht haben, doch als er sie verließ, war die Stadt nicht wiederzuerkennen. Die Winde mußten es leid geworden sein, den Schnee vor sich her durch die krummen Gassen zu wirbeln, so daß er nunmehr in locker zusammengeschobenen Wehen auf den Dächern und auf dem Pflaster lag, während der Himmel, noch vor kurzem dem Anschein nach gar nicht vorhanden, wie von Zauberhand gelichtet war. Und man sah, daß er mitnichten flach und grieselig, sondern im Gegenteil sehr hoch war, strahlend blau – und gekrönt, wie es sich gehörte, von einem kleinen goldenen Kreis, funkelnd wie ein Goldrubel. Über den Firsten prangten auf einmal, Christbaumkugeln gleich, die Kuppeln der Kirchen, der jungfräuliche Schnee flirrte regenbogenfarben, kurz: Moskau hatte sein Lieblingszauberkunststück vollbracht und sich aus einer Kröte in eine Prinzessin verwandelt. Aber was für eine! Man staunte mit offenem Mund.

Fandorin schaute, blieb stehen, geradezu geblendet von diesem Strahlen.

»Ist das eine Pracht!« frohlockte Smoljaninow, genierte sich jedoch im nächsten Moment seines Überschwangs und fügte lässig hinzu: »Metamorphose ist kein Ausdruck dafür … Wohin fahren wir eigentlich, Herr Staatsrat?«

»Zur Geheimpolizei. Aber das Wetter ist wirklich herrlich. Lassen Sie uns zu F-fuß gehen.«

Fandorin schickte den Schlitten zurück zum Stall des Generalgouverneurs, und fünf Minuten später schritten der Sonderbeauftragte und sein rotbäckiger Begleiter den Twerskoi Boulevard entlang, wo das Volk, beglückt von so viel unverhoffter Gnade der Natur, schon in hellen Scharen unterwegs war, obwohl die Hausknechte eben erst begonnen hatten, die Alleen vom Schnee zu räumen.

Ab und zu spürte Fandorin, daß er angeschaut wurde: Die einen blickten erschrocken, andere mitleidig, manche auch einfach bloß neugierig, er begriff nicht gleich, was dies zu bedeuten hatte. Ach so: Es lag wohl an dem seitlich hinter ihm ausschreitenden jungen Mann im blauen Gendarmenmantel, mit Säbel und Revolvertasche. Ein Außenstehender mochte denken, der an sich doch ganz anständig ausschauende Herr in Pelzmantel und sämischledernem Zylinder würde abgeführt. Zwei entgegenkommende Ingenieurstudenten, die Fandorin überhaupt nicht kannte, nickten dem »Arrestanten« sogar zu, während Blicke voller Haß und Verachtung die »Eskorte« trafen. Fandorin wandte sich nach dem Oberleutnant um, doch der lächelte freundlich wie immer und schien die Feindseligkeit der jungen Männer gar nicht bemerkt zu haben.

»Smoljaninow, Sie werden voraussichtlich ein paar Tage mit mir unterwegs sein. Ich bitte Sie, nicht in Uniform zu erscheinen, das dürfte der Sache kaum dienlich sein. Besser in Zivil. Und übrigens, was ich Sie schon immer f-fragen wollte: Wie kommt es, daß Sie bei der Gendarmerie gelandet sind? Ihr Vater ist doch Geheimrat, wenn ich nicht irre? Sie könnten gut bei der G-g-… Garde sein.«

Der Oberleutnant nahm die Ansprache als Aufforderung, den respektvollen Abstand zu verkürzen – ein Sprung, und er war mit Fandorin auf gleicher Höhe.

»Was hätte ich davon, bei der Garde zu dienen?« gab Smoljaninow bereitwillig Auskunft. »Ewig nur Paraden und Besäufnisse, das ödet einen doch an. Bei der Gendarmerie zu dienen macht dagegen großen Spaß. Geheimaufträge ausführen, gefährliche Verbrecher jagen, manchmal wird auch scharf geschossen. Voriges Jahr hat sich ein Anarchist in Nowogirejewo auf einer Datscha verschanzt, wissen Sie noch? Drei Stunden Schießerei, wir hatten zwei Verwundete. Um ein Haar hätte es auch mich erwischt, die Kugel ist mir an der Wange vorbeigezischt. Ein halb Zoll weiter links, und ich hätte jetzt einen ordentlichen Schmiß.«

Das Bedauern des jungen Mannes über die verpaßte Gelegenheit war unüberhörbar.

»Und daß … daß die blaue Uniform den meisten Leuten, vor allem Ihren Altersgefährten, ein D-dorn im Auge ist, das macht Ihnen nichts aus?«

Hierbei sah Fandorin seinem Begleiter gespannt in die Augen, doch dessen Blick blieb ungerührt.

»Darauf achte ich gar nicht. Ich diene dem Vaterland, und mein Gewissen ist rein. Und eines Tages werden die Vorurteile gegenüber dem Gendarmeriekorps ohnehin aus der Welt sein – wenn nämlich den Leuten allen klargeworden ist, wie viel unsereins leistet zum Schutze des Staates und der Opfer von Gewalt. Sie kennen doch unser Ehrenzeichen, das Zar Nikolaus I. dem Korps verliehen hat – ein weißes Tuch für die Tränen der Unglückseligen und Geplagten.«

Soviel naiver Enthusiasmus ließ den Staatsrat erneut einen staunenden Blick auf seinen Begleiter werfen.

»Unser Dienst gilt nur deswegen als schändlich, weil man so wenig von ihm weiß«, fuhr der Oberleutnant noch hitziger fort. »Und übrigens ist es gar nicht so einfach, eine Offizierslaufbahn bei der Gendarmerie einzuschlagen. Erstens wird nur Erbadel genommen. Immerhin sind wir die Beschützer des Throns, auf uns kommt es an. Zweitens werden hierfür nur die würdigsten, die gebildetsten Offiziere der Armee ausgesucht, man muß die Akademie abgeschlossen haben, mindestens Oberstufe. Kein Vergehen im Dienst. Und um Himmels willen keine Schulden. Ein Gendarm muß eine reine Weste haben. Wenn Sie wüßten, wie viele Examen ich zu absolvieren hatte – Hilfe! Für meinen Aufsatz zum Thema ›Rußland im zwanzigsten Jahrhundert‹ hab ich die Höchstnote bekommen, und trotzdem mußte ich fast ein ganzes Jahr bis zur Aufnahme in den Lehrgang warten, und danach dauerte es noch einmal vier Monate, bis eine Stelle frei war. Bei der Moskauer Behörde bin ich aber nur mit Papas Hilfe gelandet …«

Letzteres hätte Smoljaninow nicht erwähnen müssen, weshalb Fandorin die Ehrlichkeit des jungen Mannes um so höher zu würdigen wußte.

»Welche Zukunft blüht Rußland denn nun im zwanzigsten Jahrhundert?« fragte Fandorin, und sein Seitenblick auf den Thronbeschützer war voller Sympathie.

»Eine grandiose! Es bräuchte nur einen Stimmungsumschwung unter der gebildeten Bevölkerung, weg vom Defätismus, hin zum Unternehmungsgeist, und die ungebildeten Teile der Bevölkerung müßten Bildung erhalten, damit sie Stück für Stück zu Selbstachtung und Würde finden. Das ist die Hauptsache! Wenn wir das versäumen, dann werden auf Rußland noch sehr schwere Prüfungen zukommen …«

Welcherart Prüfungen das sein würden, erfuhr Fandorin vorerst nicht, denn sie waren bereits in den Bolschoi Gnesdnikowski eingebogen und sahen vor sich das unscheinbare, zweistöckige grüne Gebäude, in dem die Moskauer Geheimpolizei ihren Sitz hatte.

 

Einer, der sich nicht auskannte im verschlungenen Geäst des altehrwürdigen Baumes, welcher das russische Staatswesen war, mochte sich nur schwer vergegenwärtigen, worin der Unterschied zwischen Geheimpolizei und Gendarmerie recht eigentlich bestand. Formell gesehen, oblag ersterer die Verfolgung politischer Täter, letzterer die Ermittlung gegen sie. Insofern allerdings Verfolgung und Ermittlung zumindest bei geheim geführten Untersuchungen nicht voneinander zu scheiden sind, taten beide Behörden praktisch dasselbe: Sie versuchten, das revolutionäre Krebsgeschwür auszumerzen, und dies mit allen vom Gesetz vorgesehenen oder auch nicht vorgesehenen Mitteln. Gendarmen ebenso wie »Geheime« rekrutierten sich aus seriösem, gründlich geprüftem Personal, denn mit Staatsgeheimnissen hatten es beide zu tun. Der Unterschied war nur, daß die Gendarmerieverwaltung des Gouvernements dem Stab des Sondergendarmeriekorps unterstand, die Geheimpolizei dem Polizeidepartement. Das hieraus resultierende Durcheinander verkomplizierte sich noch dadurch, daß führende Ränge der Geheimpolizei des öfteren auch beim Gendarmeriekorps geführt wurden, während bei der Gendarmerie wiederum Staatsbeamte saßen, die vom Departement kamen. Offenbar hatte es in früheren Zeiten einen durch Erfahrung klugen, von der Lauterkeit der menschlichen Natur nicht allzu überzeugten Mann gegeben, der meinte, ein Argusauge wäre für so ein ruhloses Imperium zu wenig. Aus gutem Grund hat der liebe Gott den Menschen zwei Augäpfel geschenkt. Nicht nur, daß man mit zwei Augen einen Brandherd schneller erspäht hat – man verhindert so auch, daß ein Auge allein sich zuviel auf sich einbildet. Darum also war das Verhältnis zwischen den beiden Säulen der politischen Polizei traditionell von Eifersucht und Feindseligkeit geprägt, was die Obrigkeit nicht bloß hinnahm, sondern vermutlich sogar förderte.

In Moskau wurde die uralte Fehde zwischen Gendarmen und »Geheimen« zumindest ein wenig dadurch gemildert, daß man denselben Vorgesetzten hatte – den Polizeipräsidenten nämlich. Das »grüne Haus« am Bolschoi Gnesdnikowski schien hierbei jedoch im Vorteil, da es über das größere Agentennetz verfügte und darum besser als die blauuniformierten Kollegen der Gendarmerie über das Leben in der großen Stadt und deren Launen informiert war – und wer die besseren Informationen hat, der ist für einen Vorgesetzten allemal nützlicher. Eine gewisse Bevorzugung der Geheimpolizei ließ sich schon am Standort ablesen, befand sie sich doch in unmittelbarer Nähe zur Residenz des Polizeipräsidenten. Um aus dem Hintereingang der einen in den Hintereingang der anderen zu schlüpfen, hatte man lediglich einen geschlossenen Hof zu überqueren, während selbst ein geübter Fußgänger von der Malaja Nikitskaja bis zum Twerskoi eine Viertelstunde benötigte.

Durch die anhaltende Vakanz des Führungspostens aber war, wie Fandorin sehr gut wußte, die empfindliche Balance zwischen beiden Behörden gestört. Schon aus diesem Grunde waren die Verdächtigungen, die Swertschinski über Burljajew und seine Mannschaft geäußert hatte, mit einiger Vorsicht zu genießen.

Fandorin stieß die unansehnliche Tür auf und kam in ein schummriges Foyer mit niedriger, von Rissen durchzogener Decke. Ohne zu zaudern, nur mit einem kurzen Nicken hin zu dem Türdiener in Zivil, der mit einer stummen, devoten Verbeugung antwortete, lief er eine alte geschwungene Treppe hinauf in den ersten Stock. Smoljaninow, die Hand am Säbel, polterte hinterdrein.

Das obere Stockwerk korrigierte den ersten Eindruck beträchtlich: ein breiter, heller Korridor mit Läufer, lederbespannte Türen, hinter denen Schreibmaschinen geschäftig klapperten, und an den Wänden prunkvolle Stiche mit Ansichten vom ...

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