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Der Tag mit Tiger

Impressum

ISBN 978-3-8412-0526-1

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2007 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Neubearbeitung eines Romans, der erstmals 1994 mit demselben Titel erschienen ist.

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano, Berlin

unter Verwendung einer Illustration von Frances Broomfield, getty images

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Wie eine Liebesgeschichte entstand

Der Unfall

Anne

Wie Tiger und Anne zusammenfanden

Ein erstaunliches Erwachen

Futterbeschaffung und andere Erkenntnisse

Erste Schritte außerhalb

Revierordnung

Die Pfote

Jakob

Nina

Jagd

Kampf

Freundschaft

Vier andere Freunde

Bedrohter Schwanz

Besuch bei Anne

Besuch bei den Mazindes

Besuch bei Christian

Die Jacke

Anne und Nina

Emils Auto

Gesang

Schwieriger Heimweg

Endlich ein paar Erklärungen

Eine hässliche Unterhaltung

Was tun?

Die Brandstifter

Rettung

Der Schlüssel

Ninas Auftritt

Verfolgung

Abschied

Schmerzliches Erwachen und eine neue Freundschaft

Maunzi

Vorwort
Wie eine Liebesgeschichte entstand

Es ist nunmehr zwanzig Jahre her, da entschloss sich Kater Maunzi, bei uns einzuziehen – und uns zu erziehen. Zu gehorsamen Dosen- und Türöffnern, pflichtgetreuen Fellkraulern, großmütigen Futterteilern und gelehrigen Katzensprachlern.

Sehr häuslich war der Kater nicht, er liebte es, in seinem Revier herumzustreichen, sich mit seinen Kumpels zu treffen und seinen wichtigen Geschäften nachzugehen.

Doch kam er regelmäßig nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause, um sich zu mir auf das Sofa zu setzen. Und dann schaute er mich oft mit seinen so tiefgründigen Augen an, als ob er mir etwas ungeheuer Bedeutsames mitzuteilen hätte.

Eines Tages wusste ich es dann – er wollte mir sein Herrschaftsgebiet zeigen. Und wer war ich, dass ich mich der eindringlichen Bitte meines Katers verschließen konnte?

Ich verwandelte mich also – zuerst in eine Katze, dann in eine Schriftstellerin.

Die zweite Verwandlung ließ sich leider nicht mehr rückgängig machen.

Der Unfall

Tiger war auf dem Weg nach Hause.

In seinem Revier herrschte Ordnung, die Futterzeit war in angenehme Nähe gerückt. Vor ihm lagen noch einige Meter Gestrüpp und die schmale Nebenstraße. Er war sehr zufrieden mit sich und seiner Umgebung. Der Auslauf ins Grüne mit allen notwendigen Attraktionen war schnell zu erreichen, und mit den anderen Bewohnern des ruhigen Wohngebietes hatte er sich seit langem arrangiert – na ja, weitgehend. Den Hunden begegnete er mit der ihnen gebührenden Achtung, Tiere quälende Kinder waren selten, und die Autofahrer nahmen meist Rücksicht auf alle Arten von Haustieren.

Die Sonne schien warm auf seinen braun-schwarz getigerten Rücken, als er aus dem Dickicht am Straßenrand hervortrat. Der Asphalt fühlte sich so angenehm aufgeheizt unter seinen Ballen an, er konnte der Versuchung nicht widerstehen, sich für einige schläfrige Augenblicke lang gestreckt auf dem heißen Boden mitten auf der Fahrbahn auszuruhen. Sein Mensch würde sowieso erst in einigen Minuten nach Hause kommen, um die Dose zu öffnen. Tiger legte sich auf den Bauch, den Kopf auf die gekreuzten Pfoten gebettet, und schloss die Augen.

Seine Ohren blieben dennoch in Aufnahmebereitschaft. Darum vernahm er auch das grelle Quietschen der Reifen auf dem Asphalt, als ein sportlich hergerichteter, knallroter Kleinwagen um die Kurve schleuderte.

Mit einem Satz sprang er auf, um sich in Sicherheit zu bringen. Doch das Fahrzeug war schneller. Rotes Blech traf seinen Kopf mit einem harten Schlag, und sein Körper wurde auf den Bürgersteig geschleudert. Hier blieb er liegen.

Der Fahrer hatte von dem Unfall nichts gemerkt, er schoss mit gleich bleibender Geschwindigkeit um die nächste Ecke.

Für Tiger war es dunkel geworden.

Anne

Beschwingt lief Anne zu ihrem Auto auf dem Firmenparkplatz, und kurze Zeit später war sie auf dem Weg zum Supermarkt, wo sie einige Einkäufe erledigte, um für sich und ihren Kater ein exklusives Abendessen zubereiten zu können. Während sie anschließend nach Hause fuhr, summte sie falsch, aber ausgesprochen gut gelaunt die Melodie aus dem Autoradio mit. Für sich hatte sie ein frisches Huhn und Gemüse erstanden und für Tiger ein paar Schälchen Schleckerkatz seiner Lieblingsgeschmacksrichtung Rind in Gelee gekauft. Dazu eine nicht allzu kleine Portion Hackfleisch.

Die Woche war anstrengend, aber erfolgreich gewesen. Wie üblich hatte es noch ein wenig Geplänkel gegeben, und das hartnäckige Angebot ihres Kollegen, sie endlich einmal zum Essen einladen zu dürfen, hatte sie freundlich lächelnd mit den Worten abgelehnt: »Tut mir leid, Jörg, aber ich habe für heute Abend schon einen Gast zum Essen.«

»Hast du etwa doch wieder einen Freund?«, hatte Jörg misstrauisch zurück gefragt.

Ivonne mischte sich ein und beruhigte ihn: »Vermutlich wird sie sich mit ihrer Verabredung eine fangfrische Maus teilen. Stimmt’s, Anne?«

Entschuldigend zuckte Anne nur mit den Schultern. »In der Tat. Ich habe Tiger ziemlich vernachlässigt in den letzten Wochen. Er hat sich einen kleinen Festschmaus verdient. Ich nehme deine Einladung ein andermal an, Jörg. Bestimmt! Aber jetzt muss ich los.«

Anne wusste, dass die Kollegen sich über ihre Katzenliebe mit leichtem Spott auslassen würden, aber nicht mehr als sie selbst, wenn es etwa um Jörgs übertriebenen Stolz auf seinen Sportwagen, Ivonnes Manikürefimmel oder andere kleine Schrulligkeiten ging.

Es war der wunderschöne Nachmittag eines Frühsommertages. Beim Autofahren freute sich Anne wieder einmal darüber, wie günstig ihre kleine Wohnung lag. Heute hatte sie früh genug Feierabend gemacht und wollte sich ein wenig auf die windgeschützte Terrasse setzen, und wenn man dem wettervorhersagenden Nachrichtensprecher glauben konnte, würde es auch am Wochenende dazu Gelegenheit geben. Dann würden alle Gärten und Veranden zum Leben erwachen und die nachbarschaftlichen Unterhaltungen wieder beginnen, die in den Wintermonaten immer etwas einschliefen.

Obwohl sie schon seit fast sieben Jahren in der ruhigen Seitenstraße wohnte, kannte Anne ihre Nachbarn nicht besonders gut. Sie war viel außer Haus, und da sich in diesem Teil der Wohngegend niemand aufdrängte, blieb es bei einem gelegentlichen Schwätzchen über den Zaun oder beim Einkaufen. Erst als Tiger zu ihr gezogen war, hatte sie – aus gegebenem Anlass – mit einigen anderen Katzenbesitzern Kontakt bekommen.

Da war zum Beispiel der Rentner Emil Mahlberg, der nach dem Tode seiner Frau sein leeres Haus nur noch mit seinem Kater Jakob teilte und häufig die Gelegenheit nutzte, mit Anne ein paar Worte über das Wetter und die Katzen zu wechseln. Jakob war sein ein und alles, aber nach außen hin schien es eine eher einseitige Beziehung zu sein. Der weiße Kater mit den braunen Flecken im Fell wirkte mürrisch und zurückhaltend. Annes einmaliger Versuch, ihn zu streicheln, war mit einem Fauchen und einem derben Kratzer belohnt worden. Anschließend hatte Jakob ihr demonstrativ das Hinterteil zugedreht. Emil hatte lachend um Entschuldigung für sein schlechtes Benehmen gebeten und versichert, Jakob sei eigentlich ein sehr liebevolles Tier, nur schon ein wenig alt. Da habe man eben so seine Schrullen.

Anne hatte nie vergessen, mit was für einem sprechenden Blick auf seinen Menschen Jakob diese Worte kommentiert hatte.

Mehr Erfolg mit ihren Annäherungen hatte sie bei der Katze von Minni Schwarzhaupt. Cleo hatte nur noch drei Beine, auf denen sie aber fröhlich durchs Leben hoppelte. Sie ließ sich gerne streicheln, und wenn Tiger das beobachtete, hatte Anne immer den Eindruck, dass er nur mit Mühe seine Eifersucht unterdrücken konnte.

Zwei Siamkatzen streiften hin und wieder hochnäsig an ihrer Wohnung vorbei, waren aber einem freundlichen Gruß und einem leichten Strich über den Kopf nicht abgeneigt. Wem sie gehörten, wusste Anne nicht, vermutete ihr Zuhause jedoch ganz in der Nähe.

Bei einer weiteren Katze hatte allerdings auch ihr Besitzer eine gewisse Neugier bei ihr geweckt. In dem Mehrfamilienhaus zur rechten Seite wohnte ein gut aussehender Mann mit einer Faltohrkatze. Diese cremefarbene Scottish Fold besuchte Tiger oftmals und war sogar schon einmal wissbegierig, aber überaus vorsichtig bis in die Küche gekommen und hatte eine gastlich angebotene Portion Milch akzeptiert. Mit ihrem Besitzer hätte Anne gerne mal über sie geplaudert, aber Christian Braun schien ein wenig ungesellig zu sein.

Inzwischen war Anne am Ortseingang angekommen und bog gleich darauf in ihre Straße ein. Sie parkte vor dem Nachbarhaus, holte den Einkaufskorb aus dem Kofferraum und wollte eben über die Straße gehen, als sie Tiger auf dem Bürgersteig liegen sah.

Sie stellte den Korb ab, ging die wenigen Schritte auf ihn zu und sprach ihn an.

»Hallo, Tiger, mein Alter! Was liegst du denn hier so faul in der Sonne?«

Sie bückte sich und wollte ihn kraulen. Dabei merkte sie, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte. Tigers Augen waren halb geschlossen, und aus seinem Mäulchen tropfte Blut.

»O Gott, Tiger!«, murmelte sie und kniete sich nieder.

Der Katzenkörper fühlte sich noch ganz warm an, und als sie ihn vorsichtig anfasste, vermeinte sie ein ganz leises Schnurren zu hören. Vorsichtig streichelte sie ihm über den Kopf und flüsterte entsetzt: »Warte, mein Kleiner, ich werde versuchen, dir zu helfen.«

Im Sturmschritt lief Anne auf das Haus zu, raste ans Telefon und wählte die Nummer des Tierarztes. Zum Glück erreichte sie ihn sofort, und er versprach ihr, sich um den Patienten zu kümmern, sowie sie vorbeikäme. In fliegender Hast räumte sie den Katzenkorb aus dem Keller – Tiger hatte ihn selten benutzt und hasste ihn innig – und lief auf die Straße zurück. Als sie zu dem bewusstlosen Tier kam, kniete ein Mann neben ihm, den sie mit Erstaunen als ihren Nachbarn Christian erkannte.

»Er ist angefahren worden, nicht wahr?«, erkundigte er sich, während er zu ihr aufsah.

»Es sieht so aus.« Zornig entfuhr ihr: »Wie ich diese Idioten hasse!«

Christian murmelte beruhigend: »Kommen Sie, wir legen ihn ganz vorsichtig in den Korb. Sie fahren sicher zum Tierarzt mit ihm, nicht wahr?«

Anne nickte, und behutsam half er ihr, den schlaffen kleinen Körper in den Korb zu heben und zum Auto zu tragen.

»Dr. Wendels Praxis ist zum Glück nicht weit.«

Bevor sie ins Auto stieg, blickte Anne ihren Helfer noch einmal unglücklich an und meinte: »Ich bin ganz zitterig. Das arme kleine Wesen.«

»Fahren Sie vorsichtig. Ich hoffe, Dr. Wendel kann ihm noch helfen. Er ist ein guter Tierarzt. Meine Nina hat er auch schon verarztet.«

Christian schloss die Autotür, und Anne machte sich mit einem klammen Gefühl im Bauch auf den Weg zur Praxis. Um heftige Bewegungen in dem Katzenkorb zu vermeiden, zwang sie sich, trotz ihrer Besorgnis langsam und vorsichtig zu fahren.

Dr. Wendel machte ihr nach der Untersuchung wenig Hoffnung.

»Frau Breitner, so leid es mir tut, wir werden Ihren Tiger wohl einschläfern müssen. Äußerlich hat er außer einer Risswunde am Kopf keine Verletzungen, aber die Schädelknochen haben den Schlag durch das Auto nicht ausgehalten. Er hat nur noch wenige Stunden zu leben.«

Anne stand mit trockenem Mund im Behandlungszimmer. Nach drei erfolglosen Versuchen zu sprechen sagte sie endlich mit heiserer Stimme: »Ich wusste gar nicht, wie sehr ich an dem Kater hänge, Herr Doktor. Er ist mir doch erst vor drei Jahren zugelaufen.«

»Wer von einer Katze adoptiert wird, der kann sich selten so einfach von ihr trennen.«

»Wenn er wirklich sterben muss, kann ich ihn dann nicht mit nach Hause nehmen, damit er in seinem Körbchen einschläft?«

»Wenn Sie das wollen, kann ich Sie natürlich nicht daran hindern. Aber es ist möglicherweise nicht sehr schön für Sie.«

»Trotzdem – ich will ihn mitnehmen«, sagte Anne mit plötzlicher Bestimmtheit.

»Nun gut, aber ich gebe dem Kater ein schmerzstillendes Mittel, damit er nicht leidet.«

So fuhr Anne mit ihrem Tiger an dem warmen Sommerabend zurück nach Hause.

Wie Tiger und Anne zusammenfanden

Als sie in der Wohnung angekommen waren, hob Anne Tiger vorsichtig aus dem Transportkorb und legte ihn auf seine Decke auf dem Sofa, auf der er so viele Abende gemeinsam mit ihr verbracht hatte. Seine äußerliche Kopfwunde war gereinigt und kaum zu erkennen, und so machte er trotz seiner Bewusstlosigkeit einen friedlichen Eindruck.

Es war über die Ereignisse inzwischen spät geworden. Der Appetit an dem geplanten Abendessen war Anne durch den Unfall vergangen. Sie legte Huhn und Hackfleisch in den Kühlschrank, ließ aber den Einkaufskorb unausgeräumt auf dem Küchenschrank stehen. Dann goss sie sich ein Glas Milch ein und setzte sich zu Tiger auf das Sofa. Manchmal streichelte sie ihn vorsichtig und murmelte leise seinen Namen und all die liebevollen Bezeichnungen, mit denen sie ihn zusätzlich noch gerufen hatte. Angesichts des nahenden Abschieds von ihrem Tiger ließ sie noch einmal ihre gemeinsame Zeit an sich vorbeiziehen.

Es war drei Jahre her, seit sie Tiger zum ersten Mal getroffen hatte. Sie lebte damals noch mit Matthias zusammen, doch die Beziehung war, wie sie sich eingestand, schon im Scheitern begriffen. Matthias war in einem großen Unternehmen tätig und hatte auch an jenem Spätsommerabend in einem Verständnis erheischenden Monolog wieder über die Unfähigkeit seines Vorgesetzten und die mangelhaften Vorgaben in seinem Arbeitsgebiet geklagt, bis Anne ihn schließlich ungeduldig angefahren hatte: »Du beklagst dich dauernd darüber, dass alle Leute in deiner Umgebung falsche oder keine Entscheidungen treffen. Was hältst du denn davon, wenn du dein Schicksal einfach selbst in die Hand nimmst? Du könntest die Stelle wechseln, wenn das alles so unerträglich für dich ist.«

Diese Bemerkung hatte Matthias ihr übel genommen und ihr vorgeworfen, sie verstehe ihn eben auch nicht richtig. Ein Wort gab das andere, und sie gerieten in einen Streit, in dem Annes aufgestaute Bitterkeit über die ständige Rücksichtnahme auf das empfindliche Seelenleben von Matthias in nicht immer fairen Argumenten hervorbrach.

Das Ganze fand bei geöffnetem Terrassenfenster in Annes Wohnzimmer statt, und als eine dieser giftigen Gesprächspausen eintrat, in denen beide Gegner neue Munition sammelten, schaute sie gedankenverloren in die Dunkelheit. Da entdeckte sie den kleinen weißbäuchigen Kater, der direkt vor dem Fenster saß und interessiert in das Zimmer starrte. Abgelenkt von dem Streit stand sie langsam auf und näherte sich der offenen Tür. Das Tier blieb sitzen, war aber alarmiert und fluchtbereit. Als Anne sich niederließ, um ihn etwas näher zu betrachten, sprang der Kater auf und verschwand in der Dunkelheit.

»Schade, ich hätte gerne ein paar Worte mit ihm gewechselt«, hatte sie lächelnd zu Matthias gewandt gemeint, inzwischen wieder völlig ruhig und gelassen.

Er hingegen war noch immer misslaunig und maulte: »Klar, mit Katzen und Hunden zu reden ist auch viel einfacher als mit mir. Tierische Bedürfnisse sind viel unkomplizierter als die eines Mannes.« Dann setzte er noch hinzu: »Das war schon bei meiner Mutter so. Die hat so einen exklusiven Rassespaniel, der ihr immer wichtiger war als ich. Das ist jetzt auch noch so. Wenn ich mit meinen Problemen zu ihr komme, hört sie immer nur mit halbem Ohr hin und spielt nebenbei mit diesem Köter. Aber Gnade Gott, wenn das Vieh eine Zecke im Fell hatte! Das war ihr verdammt viel wichtiger als meine Angelegenheiten.«

Anne hatte seine Mutter als patente Frau mit gesundem Urteilsvermögen kennengelernt und konnte allmählich verstehen, weshalb sie bei dem dauerhaft unverstandenen Matthias kaum noch Geduld zum Zuhören aufgebracht hatte. Doch gerade dieses Unverstandensein hatte sie anfangs selbst so an Matthias angezogen. Ihm, einem energisch wirkenden, selbstbewussten Mann mit kantigem Kinn und sportlich schlanker Figur, hatte sie zunächst Tatkraft und Durchsetzungsvermögen zugetraut. Er hatte ihr gleich zu Beginn ihrer Bekanntschaft seine Schwierigkeiten mit seiner vorherigen Freundin anvertraut – sie hatte ihn einfach nicht verstanden –, und das hatte Anne geschmeichelt. Sie fühlte sich gebraucht und zur Hilfe aufgerufen. Fälschlicherweise, wie ihr nach und nach aufging. Sie hatte angenommen, Matthias mit ein wenig liebevoller Unterstützung über diesen Schicksalsschlag hinweghelfen zu können, aber statt einer Besserung fanden sich immer neue Belastungen und Zweifel, für die er von ihr eine Lösung erwartete.

Einige Abende später machte Anne dann Matthias die schmerzliche Tatsache klar, dass das Zusammensein für sie nicht mehr tragbar war. Die folgende Auseinandersetzung war weder schön noch leise und endete in einem beiderseitigen Tränenstrom.

Als Anne dann, verheult und verbittert über die ungerechtfertigten Anschuldigungen, auf die Terrasse ging und sich auf die niedrige Begrenzungsmauer setzte, tauchte der Kater wieder auf leisen Sohlen auf. Er blieb jedoch in sicherer Entfernung sitzen. Einen kurzen Moment nahmen die beiden Blickkontakt auf, dann drehte er sich um und ging erhobenen Schwanzes von dannen.

Warum auch immer – Anne wertete das als gutes Zeichen für ihren Entschluss. Sicher, Gefühle wie Liebe – oder war es Verliebtsein? Egal! – ließen sich nicht so ohne weiteres abstellen, auch wenn sich das Objekt dieser Empfindungen dafür als unwürdig erwies. Aber bevor sie sich selbst damit kaputtmachen würde, wollte sie eine klare Trennung vollziehen.

Eine Woche später zog Matthias aus, und Anne hatte ihre kleine Wohnung wieder für sich alleine.

Dachte sie.

Denn einen Tag nach Matthias’ Auszug – es war ein letzter warmer Sommerabend –, als sie mit ihrem Abendessen und einem Buch auf der Terrasse saß, erschien der Kater wieder. Er blieb wenige Schritte von ihr entfernt sitzen und betrachtete sie mit schräg geneigtem Kopf. Diesmal sprach Anne das Tier höflich mit halblauter Stimme an.

»Hallo, mein Kleiner. Schön, dass du vorbeikommst. Magst du ein Stückchen Wurst?«

Sie hatte so gut wie keine Erfahrung mit Katzen, hatte lediglich einen gesunden Respekt vor ihren Krallen und scharfen Zähnen. Deswegen war die erste Darreichung eines Häppchens nicht von Erfolg gekrönt. Sie hielt das Wurststückchen vorsichtig zwischen den Fingerspitzen und zuckte unwillkürlich zurück, als sich die Schnauze mit den nadelscharfen Fangzähnen näherte. Damit war das Fleisch für den Kater plötzlich wieder außer Reichweite, und deshalb tatzte er danach. Der Hieb hinterließ eine Schramme auf Annes Hand, und das Fleisch fiel auf den Boden, von wo er es gierig aufnahm und hinunterschlang.

»Es ist nicht sonderlich nett von dir, die Hand zu kratzen, die dich füttert«, bemerkte Anne ein wenig ungehalten. Allerdings blickte das Tier sie mit entsetzlich hungrigen Augen an. Sie musste trotz des schmerzenden Kratzers mitleidig lächeln.

»Du hast wohl Hunger, du wilder Tiger?«

Das Anwortmaunzen klang wie ein lang gezogenes: »Jaaauuuu!«

Also teilten sie sich das Essen, das Anne für sich zubereitet hatte, wobei für sie überwiegend Brot und Butter übrigblieben, und anschließend gab es für Tiger noch ein Schälchen Milch. Sichtlich gesättigt und zufrieden sprang er danach auf den gepolsterten Gartenstuhl, drehte sich gemütlich zusammen und schlummerte unbekümmert ein. Als Anne zu ihm ging, um ihm vorsichtig und zögernd über den Kopf zu streichen, blinzelte er ihr noch einmal zu, gab die Andeutung eines Schnurrens von sich und schlief ungerührt weiter.

Am nächsten Morgen war er verschwunden.

Er kam auch diesen und den nächsten Abend nicht wieder, und Anne fragte sich schon, ob sie die zwei Töpfchen Schleckerkatz ihrer Kollegin Ivonne für deren Katze mitgeben sollte. Doch am dritten Abend erklang ein unmissverständliches Maunzen vor der verschlossenen Terrassentür, das die Ankunft von Tiger meldete. Anne schob sofort die Tür auf. Mit vorsichtigen Schritten trat der Kater ein. Sichtlich neugierig schnüffelte er herum und begann einen Rundgang durch das Zimmer.

Anne beobachtete ihn schweigend.

Nachdem er alle Ecken, die Möbel, die Pflanzen und die auf dem Boden verstreuten Kissen begutachtet hatte, lenkte er seine Schritte zielgerichtet zur Küche. Obwohl die Tür nur angelehnt war, blieb er doch stehen, drehte sich um, wie um Erlaubnis bittend, und gab seinen Wunsch nach Nahrung durch Mimik, Gestik und Lautmalerei eindeutig zu verstehen.

Gehorsam öffnete Anne die Tür weiter, holte die Dose mit Katzenfutter aus dem Schrank, öffnete sie und legte einige Löffel voll davon auf einen Teller.

»Ich weiß nicht, wie viel du davon brauchst, aber du wirst mir sicher sagen, wenn es nicht reicht.«

Kaum stand der Teller auf dem Boden, stürzte sich Tiger darauf und bestätigte seinen guten Appetit durch lautes Schmatzen. Anschließend streifte er noch einmal flüchtig durch die Wohnung und verlangte dann energisch, wieder herausgelassen zu werden.

In den nächsten Wochen blieb dieses Ritual erhalten. Abends kam Tiger, um seine Portion Futter abzuholen, blieb einige Zeit in der Wohnung und verschwand wieder. Aber immer häufiger hatte Anne den Eindruck, dass er sich in der Nähe des Hauses aufhielt. Sie fand das eines Morgens bestätigt, als eine wohlgenährte, tote Maus vor ihrer Tür lag.

Die Tage wurden kürzer, und der Winter kam mit den ersten Frostnächten. Daher blieb Tiger nach und nach immer länger im Haus. Das Zusammenleben mit ihm erschien Anne unproblematisch. Der Kater war sauber und gut erzogen. Er sprang nach einer ernsten Ermahnung nicht mehr auf den Esstisch, er zerkratzte so gut wie keine Möbel, und seine sanitären Bedürfnisse regelte er gewöhnlich außerhalb. Hin und wieder ging er ihr schnurrend um die Beine und ließ sich auch ganz gerne von ihr streicheln.

Anne war häufig unterwegs. Obwohl sie eigentlich eine geregelte Arbeitszeit hatte, musste sie doch oft für einen dringenden oder eiligen Auftrag mit ihrem Team länger im Büro arbeiten. Deshalb blieb Tiger auch tagsüber alleine in der Wohnung. Ein-, zweimal, als Anne zu lange fortgeblieben war, äußerte er seinen Verdruss darüber durch einen feuchten Flecken mitten auf dem Wohnzimmerteppich. Wenn das geschehen war, huschte er jedes Mal bei ihrer Heimkehr mit sichtbar schlechtem Gewissen an ihren Beinen vorbei nach draußen. Darum schmunzelte Anne über das Missgeschick und nahm es ihm nicht besonders übel. Und als es sich nach ein paar Monaten endgültig abzeichnete, dass Tiger sie adoptiert hatte, begann sie sich bei anderen Katzenhaltern nach Lebensweise und Pflege zu erkundigen und ließ sich einen Tierarzt empfehlen. Sie lieh sich einen Transportkorb aus, vereinbarte einen Untersuchungstermin und nahm das schwierige Unterfangen in Angriff, Tiger dazu zu überreden, sich im Korb ins Auto verfrachten zu lassen. Wie sich zeigte, war mit freiwilliger Zusammenarbeit nicht zu rechnen. Auch Überredungskunststückchen mit dem Lieblingsfutter in der hinteren Korbecke fruchteten nichts. Schließlich musste Anne den zornig fauchenden Kater vom Kleiderschrank holen, wobei sie wohlweislich Handschuhe angezogen hatte. Er gab seinem Missfallen über diese Behandlung dann im Auto durch einen buchstäblichen Anschiss Ausdruck. Sie erreichten den Tierarzt trotz winterlicher Kälte mit geöffneten Fenstern.

Dr. Wendel untersuchte Tiger gründlich, erklärte ihn für außerordentlich gesund, kastriert und etwa fünf Jahre alt. Dann verabreichte er dem schmollenden Kater die notwendigen Impfungen.

Anschließend war Tiger drei Tage beleidigt.

Er ließ sich von Anne weder anfassen noch streicheln. Wenn sie mit ihm sprach, drehte er sich weg und nahm, wie sie ihm vorwarf, eine »Muffhaltung« an. Doch nach einiger Zeit verblasste wohl die Erinnerung an diese brutale Einmischung in seine Privatsphäre, und er zeigte sich wieder zugänglich. Sehr zärtlich und verschmust wurde er zwar nie, was wohl an seiner Art lag, aber er bevorzugte offensichtlich die menschliche Gesellschaft. Das zeigte er Anne, indem er ihr immer hinterher geschlichen kam, wenn sie in ihrer Wohnung für längere Zeit den Raum verließ, in dem sie sich gemeinsam aufgehalten hatten. Dennoch hielt er immer einige Meter Distanz. Nur einmal, als Anne mit einer heftigen Erkältung das Bett hüten musste, gab er dieses Fernhalten auf und sprang zu ihr auf das Kopfkissen. Dort blieb er liegen – bis auf die wenigen Stunden, die er für seine eigenen Angelegenheiten benötigte. Ansonsten schnurrte er ihr in ihrem fieberheißen Schlaf etwas vor.

Das war der eigentliche Beginn einer großen Zuneigung.

Langsam sank die Dämmerung nieder, und der Abendwind bauschte die Gardine vor der Schiebetür zur Terrasse. Erschöpft von der Aufregung und der Trauer rollte Anne sich schließlich auf ihrem Teil des Sofas zusammen, legte die Arme um den verletzten Tiger und bettete ihren Kopf an seine Seite. Kurz darauf war sie fest eingeschlafen.

Ein erstaunliches Erwachen

Anne erwachte, als sie die Kirchturmuhr drei Mal schlagen hörte. Obwohl es dunkle Nacht war, nahm sie ihre Umgebung erstaunlich deutlich wahr. Doch als sie ihren Kopf hob, blieb ihr vor Entsetzen fast das Herz stehen. Sie blickte in die grün funkelnden Augen einer mannsgroßen Katze!

Und nicht nur das! Diese Katze hatte auch ein mörderisches Gebiss, das sie ihr zeigte, als sie das Maul zu einem gewaltigen Gähnen aufriss. Dann richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf und machte einen Buckel. Ein seltsamer Laut der Panik entfuhr Annes Lippen, als sie zu dem Untier hochblickte.

»Willst du die ganze Nacht hier liegen bleiben, du faule Nuss? Los, beweg dich!«

Anne war inzwischen vollkommen verdattert – es verwunderte sie nicht einmal mehr, dass dieses Tier sie auch noch ansprach. Sie schaute es nur hilflos an.

»Auf die Pfoten, wird’s bald!«

»Wa…wa… was heißt hier Pfoten?«, brachte sie endlich in zornigem Ton hervor.

»Na, da schau dich doch nur an, du rattenschwänziges Fellbündel.«

Genau das tat Anne dann auch. Was sie sah, raubte ihr den Atem.

Sie war zwar mit ihren dunklen, kurz geschnittenen Haaren vertraut; neu hingegen war ihr, diese Haare, mit grauen Streifen durchsetzt, am ganzen Körper zu finden. Ebenso neu war ihr der Anblick ihrer Fingernägel, ein ewiges Problem des Abbrechens und Splitterns. Das war augenscheinlich vorbei. Beim Spreizen der rechten Hand erschienen fünf saubere, scharfe Krallen. Und was hieß hier überhaupt Hand? Tatze war der richtige Ausdruck dafür.

»Ich glaube, ich bin eine Katze«, murmelte sie fassungslos.

»Klar, und für dieses Glück solltest du ganz einfach dankbar sein. Nicht jedem ist die Chance vergönnt, einmal im Leben zu den höheren Wesen zu gehören.«

Anne wusste nicht, ob sie das als Trost werten sollte. Im Grunde ihres Wesens war sie jedoch eine Frau von praktischer Veranlagung, die sich normalerweise überall leicht zurechtfand. In einer aussichtslosen Situation pflegte sie keine unnötige Energie mit Jammern und Nörgeln zu verschwenden, sondern sie akzeptierte sie stattdessen und versuchte, möglichst das Beste daraus zu machen. Es blieb ihr auch jetzt nichts anderes übrig. Der grobe Anpfiff und die ungerechten Beleidigungen ihrer Katze taten das ihre, um sie aus ihrer Bestürzung zu befreien.

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