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Kasey Michaels

PROLOG

Er richtete sich nicht nach der Mode, er kreierte sie. Ihn umwehte das Flair der vornehmsten Salons im Paris der Nachkriegszeit, er roch geradezu nach weltmännischer Kultiviertheit. Als er Gefallen daran fand, sein blondes Haar schulterlang wachsen zu lassen, beeilte sich die Hälfte aller modebewussten jungen Leute, es ihm gleichzutun; ein paar verstiegen sich dazu, auf Haarteile zurückzugreifen.

Er ritt einen Fuchsschimmelhengst mit einer weißen rautenförmigen Blesse. Die Verkaufszahlen von Fuchsschimmelhengsten schossen in die Höhe, ebenso wie die Einkünfte eines gewissen Jacques Dupuis, eines früheren Jockeys und wahren Künstlers im Weißmalen.

Er konnte eine Geige schluchzen lassen, einem Pianoforte neckische Töne entlocken, und er spielte Flöte, weil er es amüsant fand. Arbeitslose Musiklehrer wurden plötzlich überrannt von der Nachfrage nach Unterricht, und jemand, der Musik als „eingängige Geräuschkulisse“ bezeichnete, war noch nie den Bemühungen Dutzender unmusikalischer französischer Stutzer ausgesetzt gewesen.

Er mied das Theater, und die Kartenverkäufe brachen ein. Er machte einen Scherz, und ganz Paris lachte. Junge Damen träumten von ihm, junge Männer wetteiferten darum, mit ihm gesehen zu werden. Gastgeberinnen überschütteten ihn mit Einladungen … zu ihren Partys, in ihre Boudoirs.

Sie nannten ihn Puck, und der Name entzückte sie. Er war so überaus inakzeptabel und doch überall willkommen.

Er war le beau bâtard anglais, der schöne englische Bastard, das geliebte Hätschelkind der Pariser Gesellschaft, er war rundum wunderbar.

Und jetzt hatte er der unverhohlen bestürzten Stadt Paris Adieu gesagt und war in sein Herkunftsland zurückgekehrt, gerade rechtzeitig zum Beginn der neuen Saison in London.

Wo er nur als Robin Goodfellow Blackthorn bekannt war.

Als der Bastard.

Puck posierte am Kaminsims im opulenten Salon des äußerst luxuriösen Herrschaftshauses am Grosvenor Square, mitten im Herzen des eleganten Mayfair. Er wirkte ungezwungen in seinen vornehmen französischen Kleidern. Seine Krawatte war ein Meisterwerk, das Wohlgefallen seines Schneiders am schönen Körperbau des Kunden zeigte sich im exquisiten Schnitt der schwarzen Tuchjacke und der auf den hochgewachsenen, schlanken Leib geschneiderten engen Hosen.

Er trug sein einnehmendstes Lächeln mit der Leichtigkeit langjähriger Übung zur Schau und verbarg die Intelligenz in seinen faszinierenden blaugrünen Augen. Alles hing davon ab, wie er die Ereignisse der bevorstehenden Minuten steuerte, und doch hatte er dem zufälligen Beobachter leutselig, töricht und so gefährlich wie eine Pusteblume zu erscheinen.

In Wahrheit war er auf der Hut, skeptisch gegenüber den zwei Herren, die er als entschieden vielschichtiger kannte als irgendein beliebiges Paar langweiliger Engländer, die ihre Ahnen vielleicht bis zur Sintflut zurückverfolgen konnten, ansonsten aber vermutlich strohdumm waren.

Seit einer Viertelstunde spielten sie Katz und Maus, redeten über dies und jenes, und jeder tat so, als wäre sein Gegenüber alles andere als das, was er war. Wer aus diesem Eiertanz aus schnellem Geist und Täuschung als Sieger hervorgehen würde, stand in den Sternen, doch Robin Goodfellow Blackthorn zog es ausnahmslos vor, auf sich selbst zu setzen.

„Ich liebe das ländliche England“, bemerkte Puck völlig zusammenhanglos. Niemand hatte dieses Thema bislang angesprochen. „Die Gegend um Gateshead zum Beispiel ist sehr zu empfehlen. Wirklich, über Gateshead könnte ich mich stundenlang auslassen.“

Als ihm dieser Ball zugespielt wurde, brach Baron Henry Sutton endlich das sinnlose höfliche Geplänkel ab und kam zur Sache, wozu es ihn, wie Puck wusste, schon seit seiner Ankunft mächtig drängte.

„Sie wollen uns erpressen?“ Der Baron sah seinen Freund, einen gewissen Richard Carstairs, an und sagte: „Da haben wir’s, Dickie. Der Bastard versucht, uns zu erpressen.“

„Ach, schwerlich, Mylord, wenngleich ich leise protestieren muss, denn ich sehe keinen Grund, die Umstände meiner Geburt in diesem Zusammenhang zur Sprache zu bringen“, widersprach Puck, löste sich vom Kaminsims und nahm den Kampf auf. „Ich hatte mich nur meiner früheren flüchtigen Bekanntschaft mit unserem Mr Carstairs hier erinnert, anlässlich eines netten Abends, den wir beide in Gateshead verbrachten. Ein hinreißendes Städtchen, wenn auch ein bisschen weitab vom Schuss für einen Gentleman wie Mr Carstairs. Jack hingegen ist überall zu finden, meistens, wenn man es am wenigsten erwartet, und natürlich führt er immer etwas im Schilde.“

Dickie Carstairs, ein hellhäutiger Bursche mit runden Wangen, dessen ziemlich füllige Gestalt ahnen ließ, dass das Liebste im Leben für ihn wahrscheinlich die Verbindung zu seinem Koch zwecks der nächsten Mahlzeit war, wandte sich mit aufgerissenen Augen dem Baron zu. „Hast du das gehört? Er hat Jack erwähnt. Niemand soll von Jack wissen. Sein Bruder, um Himmels willen! Ist wahrscheinlich genauso ausgefuchst. Hab doch gesagt, wir hätten nicht hierherkommen sollen. Und nicht herbeordern lassen sollen. Mir passt das nicht!“

Der Baron, sowohl dem Aussehen als auch dem Auftreten nach der Gewitztere von beiden, sah Puck finster an. „Ihr Bruder wird davon erfahren.“

Puck lächelte nur noch breiter. „Ach ja, gewiss, davon bin ich überzeugt. Jack erfährt offenbar immer alles, so oder so. In der Beziehung ist er bemerkenswert, finden Sie nicht auch? Im Familienkreis nennen wir ihn Black Jack. Er ist von uns allen der größte Romantiker. Bestellen Sie ihm beste Grüße von mir, ja? Und wie geht es … Wie hieß der Bursche gleich? Ah, jetzt fällt es mir wieder ein. Jonas. Und wie geht es Jonas? Ich vermute mal, der schreckliche Mensch weilt nicht mehr unter den Lebenden und wurde irgendwo fern von London und einer zivilisierten englischen Rechtsprechung verscharrt. Allerdings habe ich manchmal wohl einen Hang zum Hochdramatischen.“

„Falls Sie andeuten wollen, dass wir ihn umgebracht und …“

„Dickie, das dürfte reichen“, unterbrach ihn der Baron beruhigend. „Gut, nun mal im Ernst, Mr Blackthorn. Ihnen ist augenscheinlich bekannt, dass Ihr Bruder und Mr Carstairs und ich der Krone gelegentlich, wenn Not am Manne ist, einen kleinen Dienst erweisen.“

Puck hob die Hände. „Einen Entsorgungsdienst, möchte ich meinen, noch dazu einen verdammt nützlichen. Aber bitte keine Einzelheiten. Ich ziehe ein Gespräch in aller Freundschaft vor.“

„Das hat nichts mit Freundschaft zu tun. Sie haben uns Schreiben zukommen lassen, in denen Sie genügend Informationen preisgeben, um uns herzurufen, und jetzt verlangen Sie eine Gegenleistung für Ihr Schweigen. Korrekt?“

Puck griff nach der Kristallkaraffe und füllte mit eleganter Geste die Weingläser seiner Gäste nach. „Gut erkannt, meine Herren. Ja, genau das wäre mir lieb. Eine kleine Gegenleistung dafür, dass ich gewisse Vorfälle in Gateshead im vergangenen Frühling und Ihre Beteiligung daran vergesse. Nichts Weltbewegendes. Im Grunde eine Lächerlichkeit. Ich hätte gern eine kleine – nicht gerade winzig kleine, aber auch keine großartige – Einführung in die Londoner Gesellschaft. Ich möchte ein paar wichtigen Leuten vorgestellt werden, dazu gut sichtbare freundschaftliche Unterhaltungen mit mir im Park, vielleicht eine Einladung, zwei so imposante und gesellschaftlich anerkannte Persönlichkeiten wie Sie zu einem Sportereignis zu begleiten. Ich bin überzeugt, das würde mir als Einstieg reichen.“

„Hast du das gehört? Hast du das gehört! Nie und nimmer!“, brauste Dickie Carstairs wütend auf. „Der Gesellschaft einen Bastard unterjubeln? Mit unserem Segen? Unerhört!“

Der Baron bedeutete seinem Gefährten zu schweigen. „Ihr Bruder Beau hat es versucht, vor Jahren. Zwei Mal, wenn ich mich recht erinnere.“

„Ja, ich weiß, und mit unterschiedlichem Erfolg.“ Puck nahm seinen Platz am Kaminsims wieder ein.

Er hatte sie am Haken, er wusste es. Wenn sie ihn ansahen, mussten sie genug Züge von Beau an ihm erkennen, um zu wissen, dass er nicht der Typ war, der katzbuckelte, und genug von Jack, um sich gut zu überlegen, ob sie ihn … verärgern wollten.

„Ich bin nicht mein Bruder Beau, meine Herren. Und auch nicht mein Bruder Jack. Wir sind sämtlich Söhne des Marquess of Blackthorn, alle drei bedauerlicherweise unehelich geboren, aber wir sind nicht ein und dieselbe Person. Beau, Gott behüte ihn, hat einmal geglaubt, er bräuchte unbedingt die Aufnahme in die Gesellschaft. Jack hingegen lehnt die Gesellschaft rundweg ab. Insgeheim, glaube ich, hält er Sie alle für Narren.“

„Und Sie?“, fragte der Baron und kniff die Augen zusammen.

„Und ich?“ Puck zuckte elegant die Achseln. „Ich verlange im Grunde wenig vom Leben. Ich will mich und meine Mitmenschen lediglich amüsieren. Wissen Sie, ich bin ein ziemlich unterhaltsamer Zeitgenosse. Wer weiß, vielleicht stellen Sie sogar fest, dass Sie mich mögen. Und nun, möchten Sie noch etwas Wein – Dickie, wie ich sehe, ist Ihr Glas schon wieder leer –, während wir unseren ersten Vorstoß in den gesellschaftlichen Trubel besprechen? Ich möchte den Maskenball bei Lady Fortesque vorschlagen, anberaumt für diesen Freitagabend. Nicht ganz salonfähig, wie ich höre, sowohl der Ball als auch Lady Fortesque, und der Großteil der Crème de la crème meidet beide.“

Der Baron, eindeutig ein Mann, der Puck gewogen und keineswegs als zu leicht befunden hatte, stellte sein Weinglas ab, erhob sich und signalisierte Dickie Carstairs, es ihm nachzutun. „Isobel wird höchstwahrscheinlich entzückt sein von der Aussicht auf einen derartigen Skandal. Ich lasse Ihnen später am Nachmittag eine Einladung zukommen.“

„Ausgezeichnet“, stimmte Puck zu, legte den Arm um Dickie Carstairs’ Schultern und geleitete seine Gäste zur Tür. „Ich sehe Sie beide dann wohl auf dem Ball?“

„Aber … aber es ist ein Maskenball. Wie wollen Sie uns erkennen?“

„Nicht nötig“, sagte Puck, an Dickie gewandt. Der Mann hatte in seinen Augen irgendwie nicht das Zeug zum Meuchelmörder, denn kein Mensch käme je auf die Idee, in ihm eine abenteuerlustige Seele zu vermuten. „Sie werden mich erkennen, mich ansprechen. Verstehen Sie, ich bin, pour mes péchés, ziemlich einzigartig.“

„Aufgrund Ihrer Sünden? Ich glaube, das behagt mir nicht“, sagte der unglaubwürdige Abenteurer und musterte Puck mit gerunzelter Stirn von oben bis unten. „Ich frage mich die ganze Zeit, ob Sie diese Weste hier oder in Paris haben schneidern lassen. Verdammt edel! Ich habe wohl nicht den Bauch, um so etwas tragen zu können. Oder vielmehr, ich habe auf jeden Fall zu viel Bauch dafür, aber wenn Sie mir Ihren Schneider nennen würden, könnte ich …“

„Ach, um Himmels willen! – Komm schon, Dickie“, sagte der Baron mit einem Seufzer und packte den Mann am Ellenbogen. Wadsworth höchstpersönlich reichte ihnen Hut und Handschuhe und hielt ihnen die Haustür auf. Keiner von ihnen steckte ihm für seine Mühen eine Münze zu, aber so waren die besseren Leute nun mal, knauserig, wenngleich die Anerkennung der Hilfe eines Dieners in Form von Geld schon manchen Mann davor bewahrt hat, dass sein Hut und seine Handschuhe auf mysteriöse Weise auf ewig unauffindbar blieben.

Als die Tür sich hinter seinen von dannen ziehenden Gästen geschlossen hatte, sah Puck den Butler an. „Das ist ziemlich gut gelaufen“, sagte er und lächelte erfreut. „Hast du irgendetwas Interessantes für mich, Wadsworth?“

„Ja, Sir“, sagte der frühere Soldat und griff in seine Tasche. „Hab einen vollgekritzelten Zettel im Hutband des Dicken gefunden und den Text für Sie abgeschrieben. Ist anscheinend nichts von Bedeutung.“

Puck nahm den zusammengefalteten Papierfetzen entgegen. Er würde wohl nie begreifen, warum so viele Männer Hutbänder für ein sicheres Versteck hielten, doch es war schön zu wissen, dass Mr Dickie Carstairs so berechenbar war. „Tatsächlich? Das wäre schade, oder? Wie auch immer, du bist ein unbezahlbares Goldstück, Wadsworth. Ich komme jetzt allein zurecht. Danke.“

Er faltete den Zettel auseinander und las den kurzen Text auf dem Rückweg in den Salon.

Ich bitte um Verzeihung. Dieser unverschämte Bengel! Tut ihm bitte den Gefallen. Er ist harmlos. Sonnabend, selber Ort, gleiche Zeit. Neuer Auftrag. J. B.

Puck lächelte, zerknüllte den Zettel und warf ihn ins Feuer. „Ach, Jack, und es wird mir ein Vergnügen sein, dich wiederzusehen …“

1. KAPITEL

Die große Stadtresidenz am repräsentativen Berkeley Square war Lady Leticia Hackett von ihrer Großmutter mütterlicherseits anstelle einer Mitgift vermacht worden und durch so viele gesetzliche Auflagen gesichert, dass der verschwenderische, spielsüchtige Vater ihrer Ladyschaft sie nicht verkaufen konnte, um seine Schulden zu begleichen.

Reginald Hackett, Leticias lärmender, grobschlächtiger, ungehobelter Ehemann, Besitzer einer Handelsschifffahrtsgesellschaft, war ihr von diesem ewig klammen Vater, dem Earl of Mentmore, eingebrockt worden. Er hatte einfach ihren guten Namen und ihren makellosen Stammbaum an den Meistbietenden verschachert, an einen bürgerlichen Emporkömmling, der sich fälschlich einredete, sich mit seinem Geld den Zugang zur vornehmen Gesellschaft erkaufen zu können.

Ihre Tochter Regina, ihr einziges Kind, war ein Geschenk der Götter und der Grund dafür, dass Leticia sich nicht noch mehr als die gewohnte, ohnehin schon beträchtliche Menge Wein einverleibte.

Die beiden Frauen führten ein vertrauliches Gespräch in Reginas Boudoir, abgesehen von Leticias Schlafzimmer dem einzigen Raum, den Reg Hackett nicht zu betreten wagte. Das letzte Mal, als er sein Mütchen kühlen wollte, ohne umständlich Heim und Herd verlassen und seine Geliebte in Picadilly aufsuchen zu müssen, hatte Lady Leticia eine kleine silberne Pistole unter ihrem Kissen hervorgeholt und ihm bemerkenswert treffsicher das linke Ohrläppchen abgeschossen. Wäre sie nüchtern gewesen, hätte sie ihn wahrscheinlich verfehlt.

Das Schlafzimmer seiner Tochter betrat er nicht. Er, der seinen Verstand nur zum Lügen, Betrügen und Zusammenstehlen eines Vermögens benutzte und ansonsten nicht als sonderlich intelligent bezeichnet werden konnte, verstand immerhin, dass Regina ihn verachtete.

Reg war es recht so. Seine Tochter betrachtete er als eine Art Handelsware, ähnlich einem sicher in die Docks von London gesegelten Schiff voll indischer Seide, die er zu überhöhten Preisen an Dummköpfe verkaufen würde. Genau darum geht es im Geschäftsleben. Man kauft zu einem bestimmten Preis ein und verkauft zu einem weit höheren Preis. Er hatte sich seine hochgeborene adlige Lady sozusagen eingekauft, und jetzt würde er ihren Nachwuchs an einen Titel verkaufen.

Das Mädchen war recht hübsch, wenn es nur den Mund hielt, und Reg verlangte es danach, durch Heirat mit einer der ersten Familien Englands verwandt zu sein. Dem Himmel sei Dank, dass Regina nicht als Junge zur Welt gekommen war. Er hätte nicht gewusst, wie er einen Jungen in höhere Schichten als die, aus denen er selbst stammte, hätte verschachern sollen. Regina würde ihm einen Earl einbringen, mindestens, wenn schon ein Duke nicht infrage kam. Wenn man in der Gosse geboren ist und auf einen Earl zeigen und sagen kann „Das ist meiner“, dann ist das genauso gut wie zehntausend der bestnotierten Aktien an der Börse.

Reg hatte recht, was das Aussehen seiner Tochter betraf. Sie schien völlig ohne sein Zutun entstanden zu sein, denn sie hatte keinerlei Ähnlichkeit mit dem Mann, der ihr Vater war, abgesehen von einem kleinen Mal links an der Oberlippe, direkt über dem Mundwinkel, was seiner Meinung nach sogar recht hübsch aussah. Ansonsten hatte sie das dunkelbraune, ins Rötliche gehende Haar ihrer Mutter, Augen so blau, dass sie Staunen erregten, und noch dramatischer wirkten durch die langen, geschwungenen schwarzen Wimpern und die schönen Bögen der Brauen über einer geraden Nase, so aristokratisch, dass die von Queen Charlotte im Vergleich dazu wie ein Plumpudding aussah.

Oh ja, Regina war wirklich eine Schönheit. Unterkühlt wie ihre Mutter, wie nicht anders zu erwarten war. Solange sie nur brav die Schenkel zusammenpresste, bis Reg sie an einen Titel verscherbelt hatte, wollte er nicht mehr von ihr verlangen.

„Dreh dich bitte mal um, Liebling“, sagte Lady Leticia und schwenkte ihr Weinglas ungefähr in die Richtung ihrer Tochter. „Es ist deine erste Saison. Da darf dein Ausschnitt nicht zu gewagt sein.“

Regina warf einen Blick auf ihr Abbild im Spiegel, griff sich mit beiden Händen an den Ausschnitt und zog den Stoff höher. Ihrer Mutter, Gott segne sie, war die ziemlich große Oberweite ihrer Tochter seit jeher ein wenig peinlich. Sie war sogar so weit gegangen zu behaupten, es gehöre sich nicht für eine Dame und sei ein untrüglicher Hinweis auf Reginas von der Großmutter väterlicherseits ererbtes minderwertiges Blut.

Regina hatte die Frau nie kennengelernt. Sie war vor Reginas Geburt gestorben, doch falls bei Regina irgendetwas nicht stimmte, fehlte oder zu viel war, konnte die Schuld immer ihrem Vater, ihrer Großmutter oder dem „minderwertigen Blut“ in die Schuhe geschoben werden. Als sie im Alter von fünf Jahren versehentlich eine der Lieblingsfigürchen ihrer Mutter zerbrach, hatte es sie zutiefst verwundert, dass diese ihre Ausrede „Ich war’s nicht; Großmutter Hackett war’s“ nicht akzeptierte.

„Der Ausschnitt ist gut so, Mama“, sagte Regina, drehte sich um und tat ihr Bestes, um ihre Brust „einzuziehen“, indem sie die Schultern nach vorn bog. „Ich bin nahezu akzeptabel.“

„Du bist ganz und gar akzeptabel“, verkündete Lady Leticia hitzig und nahm noch einen tiefen Zug aus ihrem Weinglas. „Sie müssen dich akzeptieren, sie haben gar keine Wahl. Ich kann unseren Stammbaum zurückverfolgen bis …“

„Bis ins fünfzehnte Jahrhundert, und das Familienvermögen bis zum vergangenen Dienstag, als Papa mal wieder Großvater Geoffreys und Onkel Seths Spielschulden bezahlen musste, damit die zwei nicht in den Schuldturm geworfen werden. Ja, ich weiß.“

„Dieser Vorwitz ist kein Charakterzug, den du von meiner Familie geerbt hast“, sagte Leticia beleidigt und griff nach der Weinkaraffe. „Übrigens, der Blauton kleidet dich gut. Er passt wunderbar zu deinen Augen – die du bitte niederschlägst. Und trage das Kinn nicht zu hoch. Debütantinnen sind schüchtern. Die Herren finden Schüchternheit reizend.“

„Ich wüsste gern, warum. Ich kann mir eher vorstellen, dass sie sie zu Tode langweilt. Danke, Hanks“, sagte Regina, als ihre Zofe ihr eine einzelne Reihe perfekter Perlen um den Hals legte. Dann schritt Regina quer durch den Raum auf ihre Mutter zu, beugte sich hinab, gab ihr einen Kuss auf die schmale, papiertrockene Wange und hielt die Luft an, denn ihre Mutter glaubte, die Weinfahne durch großzügigen Parfümgebrauch überdecken zu können, was in Wirklichkeit alles noch verschlimmerte. „Tante Claire und Miranda kommen gleich. Geht es dir gut?“

Mit einem Seitenblick auf ihre Kristallkaraffe nickte Leticia. „Ich bin nicht allein.“

Regina öffnete den Mund, um ihrer Mutter Vorhaltungen zu machen, schlug sich ein derart sinnloses Unterfangen jedoch aus dem Kopf. Stattdessen blickte sie Hanks fragend an, und Hanks zwinkerte ihr zu. Der Wein war mit Wasser versetzt. Schön. Nach der ersten Karaffe waren Leticias Geschmacksnerven offenbar betäubt, denn dass Regina die zweite – und manchmal die dritte – Karaffe mit Wasser streckte, war ihr noch nicht aufgefallen.

„Dann mache ich mich jetzt auf den Weg. Miranda hat irgendetwas über das köstliche Dessert unserer Gastgeberin geäußert, glaube ich. Deshalb nehme ich am besten meinen größten Pompadour und bringe dir eine Kostprobe mit.“

Leticias Miene hellte sich auf. „Zitronenschnittchen. Auf Lady Mondays Soiree gibt es immer Zitronenschnittchen. Recht schlicht, aber sie hat eine begnadete Köchin.“

„Es ist noch nicht zu spät, uns zu begleiten“, schlug Regina vor. Sie hätte es gern gesehen, wenn ihre Mutter sich häufiger in der Gesellschaft blicken ließe. Cousine Miranda war zwar eine recht angenehme Gefährtin, neigte aber zu Leichtsinn und hatte, wenn es Zeit zum Aufbruch war, schon mehr als einmal hinter einer Kübelpalme hervorgescheucht werden müssen, fort von irgendeinem Offizier niederen Dienstgrades.

„Deine Tante Claire reicht gewiss als Anstandsdame. Geh nur. Hanks und ich kommen schon zurecht. Nicht wahr, Hanks?“

„Ja, Mylady“, sagte die Zofe und knickste.

Mit einem letzten warnenden Blick zu Hanks griff Regina nach ihrem Pompadour und dem Schultertuch, verschwand im Treppenhaus und erreichte die Eingangshalle im selben Augenblick, als ein Diener meldete, dass die aufwendige Kutsche der Mentmores sie auf dem Platz erwartete. Die Mentmores hatten nie eine vornehme wappengeschmückte Kutsche besessen, bevor Reginald Hackett eine solche für die Nutzung während der Saison erstanden hatte unter dem Vorbehalt, dass seine Tochter niemals in einem anderen Gefährt durch die Stadt kutschieren sollte. Regina eilte nach draußen, ließ sich in die dunkle Kutsche helfen und setzte sich gegen die Fahrtrichtung neben Mirandas Zofe Doris Ann. „Bin ich zu spät, oder bist du zu früh?“, fragte sie ihre Cousine und bemerkte dann befremdet, dass ihre Cousine allein auf der Sitzbank saß. „Miranda? Wo ist Tante Claire?“

Ihre Cousine lachte perlend – Regina hätte es als Kichern bezeichnet, doch alle anderen fanden Mirandas Lachen entzückend – und strich über ihre goldenen Locken, um die Regina sie insgeheim beneidete. Dunkles Haar hatten viele, doch Mirandas Locken waren außergewöhnlich und zurzeit der letzte Modeschrei, genauso wie ihre überaus helle Haut, die zierliche Figur und ihre anscheinend beinahe flache Brust.

„Mama genießt, was selten genug vorkommt, den Abend zu Hause, weil Tante Leticia uns heute Abend als Anstandsdame begleitet“, erklärte Miranda und lachte beziehungsweise kicherte erneut.

Regina kniff die Augen zusammen. „Das ist nicht lustig. Ich habe Mama gesagt, dass Tante Claire uns begleitet.“

Miranda machte mit ihrer winzigen Hand eine wegwerfende Bewegung. „Als hättest du noch nie geschwindelt. Und wenn nicht, dann ist es höchste Zeit für dich, damit anzufangen. Zwar vergisst Tante Leticia ja die Hälfte von allem, was man ihr erzählt, weil sie … Oh, entschuldige, Reggie. Ich plappere ohne zu überlegen, und zwar ständig, nicht wahr?“

„Du tust so einiges, ohne zu überlegen“, erwiderte Regina und faltete die Hände im Schoß. „Und jetzt sag mir, wohin diese Kutsche uns bringt, bevor ich ans Dach klopfe und wenden und zurück zum Berkeley Square fahren lasse.“

„Nein, das darfst du nicht! Ich kann nicht allein gehen, aber ich muss einfach hin. Du beschwerst dich, dass niemand dich will, oder höchstens, weil dein Vater reich ist. Nun ja, mich will überhaupt keiner. Papa mag ja ein Viscount sein und Großvater Geoffrey ein Earl, aber alle Welt weiß, dass wir arm sind wie die Kirchenmäuse. Ja, vermutlich findet Papa irgendwann einen reichen Kaufmann für mich, wie Großvater es mit Tante Leticia geregelt hat, wenn sich vor dem Ende der Saison keine standesgemäße Partie bis über beide Ohren in mich verliebt. Aber der ist dann nicht so reich wie Onkel Reginald und wahrscheinlich doppelt so ungehobelt. Und vorher möchte ich noch ein bisschen Spaß haben. Ich habe die ganze Woche an meinem Plan gearbeitet. Doris Ann, zeig’s ihr.“ Sie wies auf ihre Zofe, die nach der Gobelintasche zu ihren Füßen griff. „Was wollen wir auf einer schrecklichen, todlangweiligen Aufführung, wenn wir doch einen Ball besuchen können?“

„Einen Ball? Ich bin nicht für einen Ball ge… Was ist das?“

„Das sind Dominos“, erklärte Miranda voller Stolz, griff in die smaragdgrüne Seidenfülle des Maskenkostüms mit der Kapuze und zog es auf ihren Schoß, bevor Doris Ann eine ähnliche Seidenkreation in Scharlachrot Regina reichte. „Und die Masken, Doris Ann.“

„Sind die nicht herrlich!“, rief Miranda und hielt sich ihre Maske vors Gesicht. Sie wirkte kokett, erinnerte an ein Katzengesicht und war passend zu der Farbe der Seide dicht an dicht mit grünen Glassteinchen besetzt. Auf den zahlreichen smaragdgrünen, fächerartig wie Flammen nach oben und zu den Seiten auslaufenden Spitzen funkelten größere Steine. „Siehst du? Man bindet diese Seidenschleife am Hinterkopf. Beide Masken sind hübsch, aber diese hier gefällt mir am besten. Du hast doch nichts dagegen?“

„Du siehst aus wie eine Katze“, sagte Regina und senkte den Blick auf die Maske in ihren Händen. „Und das ist nur lieb gemeint. Meine Maske ist … weiß.“

„Elfenbeinfarben, Regina“, berichtigte Miranda. „In der Form gleicht sie meiner, abgesehen von dem Teil, der die Nase bedeckt, und ist das nicht eine herrliche Spitze? Und diese winzigen Perlen überall? Und diese kleinen Rosenknospen aus Seide? Und die schönen Seidenschleifchen? Ach, zieh nicht so ein mürrisches Gesicht, Reggie. Die Maske ist hübsch!“

Regina betrachtete die Maske noch einmal. Ja, da waren Rosenknospen, drei an der Zahl. Je eine an den Seiten und eine dritte, die sich, wenn sie die Maske aufsetzte, genau in der Mitte ihrer Stirn befand. Sie zupfte sie ab, und Miranda kreischte empört auf, bevor sie ein breites Lächeln aufsetzte und in die Hände klatschte.

„Du kommst also mit?“

Regina musterte die Maske. Sie betastete das dekadente Seidenhäufchen in ihrem Schoß.

Sie zögerte.

„Ich erinnere mich, gehört zu haben, dass Maskenbälle nicht mehr so akzeptabel sind wie früher einmal.“

„Natürlich nicht, Dummchen, sonst hätte ich die Einladung wohl kaum vom Schreibtisch meines Bruders stehlen müssen, oder? Aber nur, weil Justin an irgendeiner Boxveranstaltung außerhalb der Stadt teilnimmt, muss die Einladung doch nicht verfallen? Außerdem ist Lady Fortesque die Gastgeberin, und Justin hat schon öfter von ihr gesprochen. Demnach ist die ganze Sache … einigermaßen akzeptabel.“

Regina ließ die Seide noch einmal durch die Finger gleiten. Scharlachrot. Debütantinnen trugen niemals Rot. Sie trugen auch keine Masken, dessen war sie sich ziemlich sicher. Und sie war sich völlig sicher, dass sie ohne Begleitung eines Elternteils oder einer anderen Anstandsperson nicht an Bällen teilnahmen.

„Was spielt sich auf einem Maskenball ab?“

Miranda zuckte die Achseln. „Vermutlich verstecken sich alle hinter ihren Masken, bis die Aufforderung kommt, sie abzusetzen. Das tun wir natürlich nicht. Dann sind wir schon lange fort. Aber solange wir dort sind …“ Sie legte eine Pause ein, vermutlich um die Wirkung zu erhöhen. „Solange wir dort sind, verraten wir niemandem unsere richtigen Namen, und wir können tanzen und flirten und … Ach, Reggie, bitte sag Ja!“

Eine Debütantin zu sein war langweilig. Wahrscheinlich sollte es langweilig sein, damit alle schnellstens einen passenden Partner fanden, heirateten und nie wieder Debütantin sein mussten. Als eine Hackett, Tochter der armen, gepeinigten Lady Leticia und des völlig inakzeptablen Reginalds, hatte Regina mehr als genug unhöfliche Blicke, abfällige Andeutungen und sogar ein paar entsetzte Mütter erlebt, die ihre Söhne fast gewaltsam in die entgegengesetzte Richtung zerrten, wenn die Gefahr bestand, stehen bleiben und Artigkeiten mit der reichen, aber nicht standesgemäßen Miss Hackett austauschen zu müssen. Abgesehen von den adligen Standesgenossen, die arm waren wie die Kirchenmäuse und sich vielleicht herabließen, in Betracht zu ziehen, dem Geld ihres Vaters den Hof zu machen. Diesen ging sie jedoch aus dem Weg, sehr zum Leidwesen ihres Vaters.

Tanzen können – ja, und flirten –, ohne dass jemand ihren Namen kannte? Und für ein paar gestohlene Stunden nicht die Tochter des ungehobelten Emporkömmlings und Handelsschiffkaufmanns oder gar der traurigen, trunksüchtigen Lady Leticia zu sein?

Miranda spürte, dass ihre Cousine schwankte, und verfocht ihr Anliegen mit noch mehr Nachdruck. „Wir werfen diese hübschen Maskenumhänge über und verbergen unsere Kleider. Doris Ann und ich haben sie auf dem Speicher gefunden, und sie riechen kaum noch nach Kampfer, denn wir haben sie gelüftet. Kannst du dir vorstellen, dass meine Eltern vor Urzeiten tatsächlich irgendwann jung genug waren, um so etwas und diese Masken zu tragen? Deswegen bekommst du den roten Domino, denn Papa ist klein und du bist so schrecklich groß, wie dein Vater. Aber nicht alle sind so langweilig und tragen einfach nur Domino und Maske. Einige Gäste kommen auch vollständig kostümiert, es wird Ritter und Schäferinnen geben – und alles mögliche an fantastischen Ideen. Wer weiß, Reggie? Vielleicht hast du, wenn es Mitternacht schlägt, einen Teufel geküsst. Ist das nicht mehr als aufregend?“

„Keine von uns wird irgendwelche Teufel küssen“, sagte Regina und hielt sich die Maske vors Gesicht. Doris Ann band die Seidenschleife, damit nichts verrutschte. „Wir bleiben eine Stunde, länger nicht, und besuchen dann mit etwas Verspätung die Aufführung, für den Fall, dass deine oder meine Mutter zufällig mit der Gastgeberin spricht. Wir kommen zu spät, weil eines der Kutschpferde lahmt. Außerdem wirst du mir und werde ich dir nicht länger als für die Dauer eines Tanzes von der Seite weichen, Miranda. Abgemacht?“

Miranda bemühte sich bereits, die Arme in die Ärmel des tarnenden Dominos zu schieben. „Ja, ja, abgemacht! Natürlich!“

„Und wenn wir erwischt werden, sage ich allen, dass es deine Idee war und du mich entführt hast.“

„Reggie! Das würdest du niemals tun!“

„Nein, wahrscheinlich nicht“, bestätigte Regina. „Aber ich dachte gerade an die Situation, als Mama und ich zu Besuch auf Mentmore waren und du mich beschuldigt hast, dich in den Zierteich gestoßen zu haben.“

„Und sie haben mir geglaubt, nicht dir“, sagte Miranda und band die Schleife des Dominos unter ihrem kecken kleinen Kinn, bevor sie ihr Haar unter der Kapuze verbarg. „Das liegt daran, dass ich so süß und unschuldig aussehe und du so … Ach, schon gut.“

„Oh nein, nichts ist gut“, sagte Regina, als die Pferde die Kutsche vor einem großen Gebäude zum Stehen brachten. Die Fackeln, die der Beleuchtung dienten, warfen seltsame Schatten in den Wagen. „Wie sehe ich aus?“

Miranda zappelte auf ihrem Sitz. „Na ja, Mama sagt dekadent, aber Papa sagt exotisch. Und Justin …“

„Ja? Was sagt mein idiotischer Cousin?“

„Er sagt, du siehst aus, als wärst du bereit. Und sieh mich nicht mit so großen Augen an, denn ich weiß nicht, was das heißt, aber Mama hat gesagt, er soll in meiner Gegenwart nicht so reden. Komm schon, Reggie! Wenn wir nur eine Stunde zur Verfügung haben, lass uns das Beste daraus machen.“

„Ich schätze, jetzt muss ich Großmutter Hackett noch eine weitere Sache anlasten“, brummte Regina, band die Schleife des scharlachroten Dominos am Hals und bedeckte ihr Haar mit der Kapuze. „Schön, ich bin bereit.“

Er trug sein blondes Haar seitlich gescheitelt und ließ es offen auf die Schultern fallen, sodass es die schmalen goldenen Bänder verbarg, die seine Maske hielten. Sie war vom besten Kostümbildner in Paris nach Pucks Entwurf für ihn gefertigt worden. Sie passte ihm perfekt, denn er hatte sich der Herstellung einer Art Totenmaske unterzogen, damit der Kostümbildner mit dem exakten Modell der Knochenstruktur seines Kunden arbeiten konnte.

Es war eher eine Dreiviertel- als eine Halbmaske, die sein Gesicht wie angegossen vom Haaransatz bis über Nase und Wangenknochen bedeckte. Die Gestaltung war schlicht: keine Spitze, keine Rüschen, keine Edelsteine oder Federn für Puck. Stattdessen war die Wirkung der Maske – und die war beträchtlich – auf die Bemalung der polierten Oberfläche zurückzuführen.

Er hatte sich von einem Feuerrad inspirieren lassen. Vom Zentrum des Rads auf dem Nasenrücken gingen einem Windrad ähnlich acht sich wie Tortenstücke verbreiternde Keile in dramatischen Farben aus, alle glatt und aus einem Stück. Aufgemalte goldene Keile zogen sich rechts von seiner Nase und über den unteren Teil der Wange über die rechte Schläfe und die linke Seite der Stirn und vom linken Auge über den Wangenknochen. Vier weitere, Flügeln ähnliche Formen verliefen in umgekehrter Richtung und waren schwarz wie Ebenholz.

Einzig sein Mund mit den vollen Lippen, sein fein gemeißeltes Kinn und ein Paar belustigt dreinblickende blaugrüne Augen waren unter der Maske und dem wehenden Haar zu sehen.

Die Wirkung war faszinierend.

Und er hatte es nicht bei der Maske belassen.

Er war ganz in Schwarz gekleidet, einschließlich Weste und den Spitzen an Hals und Handgelenken. Er trug einen weiten, knielangen schwarzen Seidenumhang mit glitzernd goldenem Futter und hielt einen langen Ebenholzstab mit schwarzen Bändern und einem goldenen Schlangenkopf als Knauf in der Hand. Ein taubeneigroßer Rubin, umgeben von Diamanten, bändigte die schwarzseidenen Kaskaden seiner Halsbinde. Den Kopf bedeckte ein flacher, breitkrempiger schwarzer Musketierhut mit einer flauschigen geschwungenen Feder.

In Paris hatte es einen Aufschrei gegeben, als er das Kostüm zum ersten Mal getragen hatte; allen voran die schöne Lady de Balbec, wie Puck sich mit einem Lächeln erinnerte. Sie hatte ihn angefleht, die Maske nicht abzusetzen, während sie ihn begierig seiner Kleider entledigte, ihn über sich zog und den „maskierten Fremden“ kokett bat, sie nicht zu entehren. Manchmal kamen Frauen auf die merkwürdigsten Ideen, doch gerade deshalb waren sie ja so reizvoll.

An diesem Tag unterschied er sich – wie in Paris – in einem Ballsaal voller einfallsloser Dominos und Teufel, Könige und Harlekins, Milchmädchen und Narren von allen anderen so drastisch wie der Tag von der Nacht. Er wusste, dass er Aufmerksamkeit erregte. Warum sonst hätte er wohl kommen sollen?

Als er Baron Henry Sutton und Mr Richard Carstairs sah – Sutton im langweiligen schwarzen Domino mit schwarzer Maske und Carstairs als kompletter Hofnarr von den Schellen am Hut bis hin zu seinen Schuhen –, warf Puck sich eine Seite seines Umhangs über die Schulter, sodass die golden schimmernde Seide zu sehen war, lüftete schwungvoll den Hut und machte vor beiden eine elegante Verbeugung.

„Gentleman, welche Ehre.“

„Ja, ja, die Ehre des Bastards“, knurrte der Baron. „Was zum Teufel soll dieser Aufzug darstellen?“

„Die Sünde, meine Herren“, erklärte Puck gedehnt und ohne zu zögern und zupfte beiläufig die schwarze Spitze an seinen Handgelenken zurecht. „Ich nenne es die Sünde.“

Dickie Carstairs hob seine Maske und kratzte sich seitlich an der Nase. „Da hat er nicht ganz unrecht, Henry. Sieht nicht gerade wie ein Unschuldsengel aus, oder? Können wir jetzt gehen? Ich bekomme Kopfschmerzen vom Geklimper dieser verdammten Schellen. Oder müssen wir ihn noch jemandem vorstellen?“

„Das ist bedauerlicherweise der Sinn des Ganzen“, sagte der Baron und ließ den Blick durch den großen Ballsaal schweifen.

Das tat auch Puck. Es war ein gemieteter Saal, da nicht einmal Lady Fortesque auch nur im Traum daran dachte, ein solches Fest in ihrer Residenz am Portland Square zu veranstalten. Äußerst geschickt hatte sie die Kastenform des Saals mit Hilfe von Wandschirmen und hohen, die Sicht versperrenden Pflanzen aufgelockert und zugleich Rückzugsmöglichkeiten und lauschige Sofas für alle bereitgestellt, die es nach romantischer Liebelei verlangte.

Diener mit Satyrmasken gingen umher mit Tabletts voller golden ziselierter Gläser, gefüllt mit berauschendem Honigwein, und sie hatten ihre liebe Mühe, ihre Tabletts stets wieder aufzufüllen, denn wem die Maske vor dem Gesicht nicht genügend Mut verlieh, fand diesen in dem einen oder anderen Glas von dem starken, süßen Gebräu.

Puck sah einen großen, in Pelze gekleideten Mann, der einer Marie Antoinette mit Perücke und Schönheitspflaster den Hof machte. Diverse andere Kostüme waren zu sehen, doch zum größten Teil hatten sich die Gäste lediglich mit Dominos und schlichten, manchmal auch pfiffigen Masken unkenntlich gemacht.

Schließlich waren die Verschleierung und das Geheimnis das Gebot des Abends.

„Also gut, da drüben“, sagte der Baron nach einer Weile. „Fangen wir mit dem guten König Henry Tudor an. In Wirklichkeit ist er Viscount Bradley, und, nein, er brauchte sein Wams nicht mit Stroh auszustopfen, hat aber vielleicht ein bisschen Sägemehl in den Strümpfen, für schönere Beine. Er ist ein Pferdenarr, falls das hilft.“

„Es hilft. Ich werde mich um Rat für die Einrichtung meiner Ställe an ihn wenden. Und wer ist sein Begleiter?“

„Das ist Will Browning“, informierte Dickie Carstairs ihn leise. „Überaus beliebt. Falls er Sie akzeptieren sollte, könnten Sie immerhin die Corinthians zu ihrem Bekanntenkreis zählen. Doch er wird Sie eher nicht akzeptieren. Trägt keinen Titel, ist aber trotzdem hochmütig.“

„Er ist ständig mit Springreiten beschäftigt oder schießt Augen aus Spielkarten oder prügelt sich bei Jackson’s, aber am meisten bildet er sich auf seine Fechtkunst etwas ein“, ergänzte der Baron.

Puck musterte die hohe, ziemlich athletische Gestalt von Kopf bis Fuß. „Ach ja?“, sagte er lächelnd. „Dann werde ich ihn wohl zu einem freundschaftlichen Wettkampf herausfordern müssen, oder?“

Der Baron zuckte die Achseln. „Tun Sie das. Wenn Sie dann nach verlorenem Kampf ans Bett gefesselt sind, brauchen Dickie und ich Sie niemandem mehr vorzustellen. Kommen Sie mit, bringen wir es hinter uns, ja?“

Im Lauf der folgenden zwanzig Minuten wurde Puck mit nicht weniger als zehn Herren der vornehmen Gesellschaft bekannt gemacht. Zwei behandelten ihn sehr von oben herab, drei schüttelten ihm die Hand, weitere drei hatten mit Beau auf der Iberischen Halbinsel gekämpft und zeigten sich entzückt, den Bruder dieses Mannes begrüßen zu dürfen. Puck hatte mit Viscount Bradley, der zusammen mit seinem Vater Eton besucht hatte, einen Termin am Markttag in Tattersall ausgemacht und einen Fechtkampf mit Mr Browning vereinbart, der Puck abschätzend musterte, so wie Puck ihn seinerseits taxiert hatte, und verkündete, dass er sich darauf freue, einen derart dreisten Schnösel in seine Schranken zu verweisen.

Puck hatte es natürlich unterlassen zu erwähnen, dass er das Fechten bei dem berühmten Motet an der Académie d’Armes de Paris erlernt hatte. Manche Dinge sollten eine Überraschung bleiben.

Jetzt langweilte Puck sich.

„Kennen Sie denn keine Damen, meine Herren?“, fragte er, als Dickie Carstairs sich einen weiteren goldenen Becher Honigwein vom Tablett eines vorbeigehenden Satyrs griff. „Ich verlange ja nicht, dass Sie meine unzumutbare Person Ihren Schwestern oder Gattinnen vorstellen, die heute Abend ohnehin nicht anwesend sein dürften, aber sind denn keine Damen zugegen, deren Sympathie vielleicht ausreicht, um mich zu ihrer nächsten kleinen Party einzuladen?“

„Lady Fortesque“, bot Dickie an. „Aber mit ihr haben Sie sich wahrscheinlich schon bei Ihrer Ankunft bekannt gemacht. Harriette Wilson und ihre Schwestern und ein paar weitere Kurtisanen halten sich vermutlich irgendwo hier auf, und eine Schar Tänzerinnen von Covent Garden sowie ein paar Schauspielerinnen von niedriger Herkunft. Falls Sie eine Bettgeschichte im Sinn haben, würde ich sagen, eine Schauspielerin ist nicht zu übertreffen. Die richtig guten können einem sogar vortäuschen, dass es ihnen Spaß macht. Was?“ Er rieb sich die Seite, wo der Ellenbogen des Barons ihn gerade getroffen hatte.

„Jacks Mutter ist Schauspielerin“, sagte Henry Sutton leise und verbeugte sich vor Puck. „Ich bitte um Verzeihung, Mr Blackthorn. Mein Freund hat heute Abend anscheinend seinen Verstand zu Hause gelassen. Doch um Ihre Frage zu beantworten: Nein, soweit ich die Lage überblicke, hat Lady Fortesque ihre Einladungen offenbar auf Herren beschränkt und den Saal dann mit … bereitwilligen Exemplaren des schwachen Geschlechts bevölkert, wenn Sie wissen, was ich meine.“

Puck gab sich versöhnlich. „Ja, mir ist schon aufgefallen, dass ein beträchtlicher Männerüberschuss herrscht.“

„Und jetzt wird dieser um zwei Exemplare verringert. Aber ich bin überzeugt, dass die Anzahl der Frauen zunimmt, sobald, wie Mr Carstairs so unhöflich andeutete, die Theater schließen. Ich kann mir bereits vorstellen, wohin dieser Abend führt, und möchte an derartigen öffentlichen Ausschweifungen nicht teilhaben“, sagte der Baron und verbeugte sich erneut. „Genießen Sie Ihre erste Kostprobe der Londoner Gesellschaft auf ihrem niedrigsten Niveau, Mr Blackthorn.“

Puck erwiderte die Verbeugung, bedankte sich und sah den Männern nach, als sie gingen. Dickie gestikulierte wild mit beiden Armen, als er den Baron höchstwahrscheinlich fragte, was er denn falsch gemacht hatte. Dickie Carstairs, überlegte Puck, lenkte vermutlich den Wagen und hob die Gruben aus, wenn Jack und der Baron ihre Zielobjekte ins Jenseits befördert hatten; für mehr schien er nicht zu taugen.

Er selbst sollte wohl am besten auch gehen, denn die Vorstellung, sich an diesem überhitzten, nur zu offensichtlichen Schauplatz anonymer und doch öffentlicher Affären zu amüsieren, behagte ihm nicht. Er hatte noch nie auf weibliche Gesellschaft verzichten müssen, wenn ihm danach war, und das Allerletzte, was er sich wünschte, war, mit einer Schauspielerin zu schlafen. Er wusste ja, wohin diese Art von Torheit führen konnte.

Puck wandte sich abrupt um, als seine Gedanken sich in eine Richtung bewegten, die er lieber nicht zulassen wollte, und wäre um ein Haar mit einem Gast kollidiert.

„Ich bitte um Verzeihung, ich wollte nicht … Na, hallo, schöne Dame.“

„Woher wollen Sie das wissen? Ich trage doch diese lächerliche Maske.“

Puck war über diese vorwitzige Antwort beinahe genauso verblüfft wie über die deutliche Geringschätzung im Ton der jungen Frau; seit seinem dreizehnten Lebensjahr war er von keinem weiblichen Wesen so kurz und bündig abgewiesen worden. Doch seine Verblüffung verflüchtigte sich schnell, als erstaunlich klare blaue Augen, umgeben von Wimpern, so lang und dunkel, dass er sie kaum für echt halten wollte, seine Aufmerksamkeit auf sich zogen.

Und dieser Mund. Nicht nur keck, sondern groß und üppig und eindeutig einladend. Über dem linken Mundwinkel dieser sinnlichen Lippen befand sich ein kleines braunes Mal – nein, ein Schönheitsfleck –, der den erotischen Gesamteindruck noch erhöhte. Den Eindruck, körperliche Freuden zu kennen und sexuellen Genuss. Ein Weib kam nicht mit einem solchen Mund auf die Welt, ohne zu wissen, wozu er gut ist und wie es ihn einsetzen kann.

Er legte die Hände auf ihre Schultern, stellte fest, dass sie ziemlich groß war für eine Frau, und betrachtete sie unverhohlen.

Sie war schmal gebaut. Unter ihrem scharlachroten Seidendomino verschwanden ihre zweifellos vorhandenen Kurven weitgehend, doch konnte er nicht verbergen, dass die Brüste herrlich voll waren und hoch saßen und, dessen war Puck sich sicher, paradiesisch zu berühren, zu reizen, zu schmecken waren.

Am besten aber war, dass diese Frau hier war. Puck beugte sich vor und kam ihrem Ohr mit dem Mund so nahe, dass sie ihn über das Stimmengewirr um sie herum hören musste.

„Wir werden tanzen, du und ich“, flüsterte er, strich mit den Händen an ihren Armen herab, umfasste ihre schmale Taille unter dem Domino, nahm ihre rechte Hand und führte sie an seine Lippen.

Ihre Finger waren kalt, obwohl es im Saal stickig und viel zu warm war, doch sie wich nicht vor ihm zurück. Sie ließ den Blick zur Mitte des Raumes wandern, wo sich Paare fanden, als die Musiker einen Walzer anstimmten.

„Nein, nicht hier. Du bist viel zu erlesen für diese zusammengewürfelte Schar“, gurrte er, dann wirbelte er sie herum und führte sie geschickt zu den offenen Fenstertüren und hinaus auf einen schmalen, mondbeschienenen Balkon.

Als er sah, dass die groben Bänke zu beiden Seiten des Eingangs mit Liebespärchen besetzt waren, die sich an Publikum nicht zu stören schienen, ließ er ihre Taille, nicht aber ihre Hand, los, drehte die Frau um und geleitete sie die flachen Stufen zu dem kargen, von Fackeln beleuchteten Garten hinunter.

Sie wehrte sich nicht, sondern hob nur ihre Röcke an und überließ sich Pucks Führung.

Es war nicht einfach, doch schließlich fand er eine kleine menschenleere Lichtung. Eine Bank gab es nicht, aber das Gras wuchs üppig, und dann war da noch ein kräftiger Baumstamm, an den er sie lehnen konnte, während er sich vertraut mit ihr machte.

Sich mit ihrem Körper vertraut machte. Und zwar intim.

Er war längst überzeugt, sie gut genug zu kennen.

Sie war hier, oder nicht? Sie war offenbar willig. Musste er noch mehr wissen?

„Wie heißt du, scharlachrote Lady?“, fragte er sie, blickte in ihre großen Augen, die nicht blinzelten, und verlor sich in ihren klaren wirbelnden Tiefen.

„Zuerst möchte ich Ihren Namen wissen. Sind sie Mr Black oder Mr Gold?“, fragte sie und zeigte wieder Interesse.

Puck lachte. „Weder – noch. Mein Name ist Robin Goodfellow.“

Die Wahrheit wird oft nicht geglaubt. So auch jetzt nicht.

„Oh ja, das wird wohl stimmen. Und ich bin Titania, die Elfenkönigin.“

„Ah, schöne Titania“, ließ Puck sie gewähren und wunderte sich im Stillen darüber, dass sie die Figuren aus Shakespeares Possenspiel kannte, bis ihm klar wurde, dass sie wahrscheinlich Schauspielerin war. Er war im Begriff, sein heiligstes Gebot zu brechen und mit einer Schauspielerin zu schlafen. „Dann glaubst du mir wohl nicht?“

„Genauso wenig wie Sie mir glauben. Aber ist das wichtig? Ich glaube nicht, dass Sie mich hierher geführt haben, um unsere Namen auszutauschen.“

„Und warum habe ich dich hergeführt?“, fragte er, während er die seidene Kapuze anhob und zurückschlug, unter der dichte, kunstvoll frisierte Locken zum Vorschein kamen, die im trüben Licht fast schwarz wirkten.

„Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich dachte, vielleicht um mich zu küssen.“

„Um dich zu küssen“, wiederholte Puck verdutzt. Sie sprach die Worte, als wären sie überaus gefährlich. „Und du bist hierhergekommen, um geküsst zu werden?“

„Das hatte ich nicht gedacht, nein. Aber wenn ich schon einmal hier bin – wenn schon, denn schon, nicht wahr? Ich bin überzeugt, meine – meine Begleiterin nutzt dieses ziemlich aufregende Stückchen Freiheit hemmungslos aus. Die Masken, verstehen Sie. Den Kuss eines Fremden im Mondenschein.“

Pucks Verstand sandte Alarmsignale aus, die seine Libido jedoch als lächerlich abtat. Sie war Schauspielerin, das war alles. Höchstwahrscheinlich spielte sie die schamhafte Jungfrau in der Hoffnung, dass ihn der Reiz des Neuen erregte.

Und ihre Masche war erfolgreich, vermutlich sogar erfolgreicher, als sie es sich erhofft hatte. Seine Sinne ließen sich von ihrer gespielten Naivität verführen, während sein Körper hart und von einer elementaren Leidenschaft ergriffen wurde, die er nicht mehr erlebt hatte, seit er ein liebeshungriger Jüngling gewesen war, den schon der bloße Gedanke daran, eine weibliche Brust zu berühren, äußerst verwirrt hatte.

„Dann, meine Elfenkönigin, fangen wir mit einem Kuss an.“

Weil er glaubte, sie wünschte sich, dass er sich auf ihr Spielchen einließ, und weil die Vorstellung, genau das zu tun, seine Leidenschaft beflügelte, umfasste Puck leicht ihr Kinn, neigte sich zu ihr und legte die Lippen auf ihren Mund.

Oh, und sie war gut. Sie enttäuschte nicht. Sie gestattete den Kuss, unternahm aber nichts, um ihn zu mehr zu ermutigen. Sie legte nicht die Arme um ihn, rieb nicht sofort ihren Körper an seinem – das untrügliche Signal Professioneller, die den Akt schnellstens hinter sich bringen und ein paar Goldmünzen in ihrem Täschchen haben wollen.

Doch sie hatte sich schwer verrechnet. Ihr angeblich ungeübter Mund stellte nicht nur eine Herausforderung dar, sondern vermittelte Puck auch Wonneschauer, die direkt in seine Lenden fuhren und ihn hart werden ließen.

Ein Kuss. Ein einziger Kuss, und schon war er bereit, ihr eine Wohnung einzurichten, ihr zu geben, was sie wollte: Diamanten, Perlen, eine eigene Kutsche und einen Stall. Ein Kuss, und er war der Narr, über den er lachte, versklavt von einer Frau, deren kaltblütiges Ansinnen darin bestand, Idioten wie ihm selbst den Kopf zu verdrehen.

Idioten wie seinem Vater.

Er löste sich von ihr und blickte in ihre herrlichen Augen.

Er sah keine Arglist. Keine Gier. Überhaupt keine Reaktion bis auf etwas, das als Verwirrung bezeichnet werden konnte.

Oh ja, sie war gut.

Doch er war besser.

Dieses Mal näherte er sich ihr nicht sanft. Er fiel mit offenem Mund über sie her. Er nahm sie in die Arme, presste die Lippen auf ihre, drängte mit der Zunge, knabberte mit den Zähnen, strich mit den Händen ihren Rücken hinab und wieder hinauf, um ihre üppigen Brüste zu umfassen. Er schob den rechten Schenkel zwischen ihre Beine und aufwärts zu ihrem Schoß.

Er küsste ihren Mund, ihren Hals, bog sie rücklings über seinen Arm und drückte die Lippen auf die weiche Haut im Ausschnitt ihres Kleides.

Und die ganze Zeit über flüsterte er auf Französisch. Wie schön sie war. Wie ihr jungfräuliches Spiel ihn in den Wahnsinn trieb. Was er zur Belohnung mit ihr machen würde, wie er es machen würde, wie sie dann erkennen würde, dass sie noch nie geliebt worden war, ganz gleich, wie viele Männer sie schon hatte.

Und sie antwortete sanft: „Ich halte eine Hutnadel bereit, die ich Ihnen ins Ohr steche, wenn Sie mich nicht auf der Stelle loslassen.“

Klare Worte, gesprochen in makellosem Französisch.

Puck richtete sie auf, schob sie von sich und sah sie verblüfft an. Diese Frau war nicht käuflich, sie war keine Hure. Er war hereingefallen. Bei Gott, auf was war er hereingefallen? Auf ein dummes kleines Mädchen, das seinen Spaß haben wollte?

„Was hast du gesagt?“

„Bestimmt nichts annähernd so Scheußliches wie Sie“, antwortete sie, zupfte ihren Domino zurecht und zog sich die Kapuze wieder über den Kopf. Ihre Hände zitterten, doch ihre Stimme war fest und klar. „Ich gehe jetzt. Und Sie werden mir nicht folgen.“

Er breitete die Arme aus, um ihr zu zeigen, wie harmlos er war, lächelte wieder und hatte sich erstaunlich gut unter Kontrolle. „Ich denke nicht daran, ganz sicher nicht. Aber lass dich zunächst warnen, du kleine Circe, denn beim nächsten Mal könntest du an eine andere Art von Bastard geraten. An jemanden, der sich größte Mühe geben könnte, dir zu zeigen, wie wirkungslos eine Hutnadel manchmal sein kann. Und noch etwas: Nicht erst drohen, sondern gleich zustechen, sonst bekommst du vielleicht gar keine Chance dazu. Und jetzt lauf, kleines Mädchen. Lauf, bis du zu Hause sicher im Bettchen liegst.“

Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Sie hob ihre Röcke an und lief den Weg zurück auf die Lichter des Ballsaals zu.

Puck folgte ihr gemächlichen Schrittes und versuchte, sich zu erinnern, was er zu ihr gesagt und was er ihr vorgeschlagen hatte, im Glauben, sie wäre etwas, was sie nicht war. Er fragte sich, ob er das Mädchen fürs Leben gezeichnet hatte.

Sie hatte wirklich Eindruck auf ihn gemacht, einen Eindruck, den er nicht so leicht würde abschütteln können.

2. KAPITEL

Wo ist sie? Wo ist sie? Warum habe ich ihr erlaubt, an dem Tanz teilzunehmen?

Regina wirbelte herum, stellte sich auf die Zehenspitzen, drängte sich an Ziegenhirten und Teufeln mit spitzen Schwänzen vorbei und hielt nach einem smaragdgrünen Domino Ausschau.

Wo ist sie!

Sie musste die Tränen zurückhalten, sonst würde sie nichts sehen können. Sie musste aufhören, an das zu denken, was gerade passiert war … was hätte passieren können. Dieser Mann! So sündhaft gut aussehend, so gefährlich in Schwarz und Gold.

Was hatte sie getan?

Hatte sie den Verstand verloren?

Was er gesagt hatte! Und sie hatte zugehört, fasziniert von seinen Worten, schamlos hingerissen von seinen Zärtlichkeiten … und ihrer Reaktion auf beides.

Regina hielt sich den Bauch, hatte plötzlich ein flaues Gefühl im Magen und verwünschte das honigsüße Getränk, das sie kurz vorher wie Wasser getrunken hatte, weil es so heiß und stickig und noch dazu ziemlich übelriechend in diesem grauenhaften Ballsaal war. Was war in dem Becher gewesen? Doch sicher nichts allzu Schreckliches. Es war ja nur Honig …

Sie wehrte sich gegen den Drang, die Hände trichterförmig an den Mund zu legen und Mirandas Namen zu rufen. Sie durfte keine Szene machen, durfte keine Aufmerksamkeit auf sich und Miranda ziehen. Ihrer beider Ruf wäre ruiniert, wenn jemand erfuhr, dass sie an diesem eindeutig unschicklichen Ball teilgenommen hatten.

Du liebe Zeit, wohin sie auch blickte, küssten sich Leute, kicherten und berührten einander unanständig beim Tanzen. So war es bei ihrer Ankunft noch nicht gewesen, wohl aber jetzt. Als ob mit jedem Ticken der Uhr eine weitere gesellschaftliche Fessel abgestreift würde, bis nur noch die niederen Instinkte übrig waren.

„Augenblick, meine Schöne, keine Bewegung! Lass dich anschauen.“ Ein großer Mann im Kostüm eines Wegelagerers, komplett mit einem Satz Pistolen in der Schärpe, die er um die Taille trug, hatte sie beim Arm gepackt und machte keinerlei Anstalten, sie loszulassen. „Ich will deine Wertsachen. Gib sie heraus und fang an mit einem Kuss von deinen schönen Lippen.“

Nicht erst drohen, sondern gleich zustechen, sonst bekommst du vielleicht gar keine Chance dazu. Regina stieß die Hutnadel in den fleischigen Handrücken des Mannes und lief davon, als er aufheulte und sie auf der Stelle freigab.

Sie war nicht sicher, auf welcher Ebene von Dantes „Inferno“ sie sich befand, aber sie musste nach draußen. Auf der Stelle.

Sie sah sich um, hatte Angst, dass der Mann, der sich Robin Goodfellow nannte, ihr folgte, doch er war nicht da. Da war überhaupt niemand, den sie kannte, was nicht heißen sollte, dass sie den Mann gekannt hätte.

Wenn sie doch nur Miranda finden würde!

Schließlich bahnte sie sich einen Weg durch den Irrgarten aus Wandschirmen und Pflanzen und Sofas zum Haupteingang und dem kleinen Vorzimmer, wo ein paar Zofen saßen, bereit, ihren Herrinnen wenn nötig zur Hand zu gehen.

„Ach, Miss Regina, da sind Sie ja! Gott sei Dank!“ Doris Ann ergriff Reginas Hände und drückte sie so fest, dass es wehtat. „Sie ist weg. Meine Miss Miranda ist weg!“

Regina befreite mit einiger Mühe ihre Hände und versuchte, die Zofe zu beruhigen. „Unsinn, Doris Ann. Sie ist verloren gegangen, weiter nichts, und höchstwahrscheinlich mit Absicht. Wann hast du sie zuletzt gesehen?“

„Überhaupt nicht“, sagte Doris Ann und schniefte. „Nicht mehr, seit wir hier angekommen sind. Es ist beinahe Mitternacht, und Sie haben gesagt, eine Stunde, Miss Regina, und jetzt sind es schon bald zwei. Und sie hat’s mir versprochen. Sie hat versprochen, auf Sie zu hören, Hauptsache, Sie kommen mit. Ich dachte schon, Sie beide wären gegangen, weil ich ja wusste, dass Sie eigentlich gar nicht herkommen wollten, aber jetzt sind Sie hier, und sie ist nicht hier, und ich war ganz sicher, dass sie bei Ihnen wäre und …“

„Schon gut, schon gut, Doris Ann, lass uns die Ruhe bewahren“, sagte Regina beschwichtigend. „Mir ist bewusst, dass wir schon länger hier sind als vereinbart, aber wenn ich … aufgehalten worden bin, ist es Miss Miranda höchstwahrscheinlich ebenso ergangen.“

„Ich habe mal meinen Kopf in den Ballsaal reingesteckt, als niemand geguckt hat, und da passieren seltsame und unanständige Dinge, Miss Regina. Ich habe zwei von den anderen Zofen reden gehört, verstehen Sie? Sie beide hätten überhaupt nicht hierherkommen dürfen.“

„Und wir brechen auf, sobald wir Miss Miranda gefunden haben. Das verspreche ich dir. Und jetzt gehen wir folgendermaßen vor: Wir suchen sie im Ballsaal. Du gehst links herum, und ich gehe rechts herum, und – Doris Ann! Wage es nicht, den Kopf zu schütteln!“

„Ich geh da nicht rein. Da passieren unanständige Dinge.“

„Ja, das sagtest du bereits. Aber deine Miss Miranda ist dort irgendwo.“ Oder irgendwo draußen im Garten. „Du hast sie doch lieb, oder?“

„Ja, Miss Regina. Aber da passieren unanständige …“

„Möchtest du Miss Mirandas Eltern gestehen, dass du beteiligt warst? Dass du Miss Miranda bei der Suche nach den Dominos und den Masken geholfen hast, dass du gewusst hast, was heute Abend geschehen sollte, und nichts unternommen hast, um es zu verhindern? Dass du ohne sie nach Hause gekommen bist?“

Doris Ann fuhr sich mit der Zunge über die schmalen Lippen. „Ich soll links herum gehen, sagten Sie?“

Regina atmete erleichtert auf. Immerhin würde sie Unterstützung haben. „Ja, links herum. Und wenn du sie findest, bringe sie auf der Stelle hierher zurück. Halte sie fest, wenn es sein muss, und lass sie nicht los, bevor ihr beide wieder hier seid. Hast du verstanden?“

Doris Ann nickte und schickte einen furchtsamen Blick in Richtung Ballsaal. „Oh Gott! Sie setzen die Masken ab, Miss Regina. Wollten Sie und Miss Miranda nicht längst verschwunden sein, wenn sie die Masken absetzen?“

„Oh mein Gott …“

Wie konnte sie zurück in den Ballsaal gehen, wenn die Leute jetzt die Masken fallen ließen? Sie würden sich wundern, warum sie ihre nicht absetzte, und da alle sich so schlecht benahmen, war nicht auszuschließen, dass irgendein unverschämter Mensch sie ihr vom Gesicht zu reißen versuchte.

Doch sie musste Miranda finden. Und sei es nur, um ihr den Hals umzudrehen!

„Gibt es ein Problem?“

Regina erkannte die Stimme und begriff, dass der Mann, der sich Robin Goodfellow nannte, sie gefunden hatte und in diesem Moment direkt hinter ihr stand.

„Nein. Danke.“ Sie kehrte ihm weiterhin den Rücken zu. Hatte er seine Maske abgenommen? Und wenn ja, sah er so gut aus, wie sie vermutete? Würde er sie immer noch auslachen? Würde er von ihr erwarten, dass sie ihre Maske absetzte? Hatte er ernst gemeint, was er gesagt hatte, als er sie küsste, als er Französisch zu ihr gesprochen hatte, im Glauben, sie würde ihn nicht ...

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