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Der Sterne Tennisbälle

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Inhaltsübersicht

I. Das Komplott

Jemand klopfte laut...

Pete und Hillary...

Ned beugte sich...

Ashley Barson-Garland...

Ned lag im...

Ashley sah zu...

Ned stand nackt...

II. Die Festnahme

»Vergib mir die...

Bei seiner Rückkehr...

Ned war müde...

»Oliver, mein Lieber...

An einen Holzpfosten...

Ich gebe nur...

So sehr Portia...

Dr. Mallo war...

Ned erwachte aus...

III. Die Insel

»Na, Ned, mein...

Vereinzelte Tage fielen...

Babe sah vom...

Mit Ausnahme der...

Es war tiefer...

Im Frühjahr hatte...

Die Tür zum...

Ned richtete sich...

IV. Durch und durch durchdacht

Rufus Cade schloß...

Das Frühstück bei...

Oliver Delft haßte...

Die Titelmusik von...

»Meines Erachtens sollten...

Rufus Cade saß...

Barson-Garlands Seite...

Oliver Delft fühlte...

Albert knallte die...

»Willkommen an Bord...

Albert hatte sein...

Simon hatte den...

V. Finale

Oliver Delft hatte...

Für mein’n Kollegen

|8|Wir sind nur der Sterne Tennisbälle, aufgespielt, Gewechselt, wie es ihnen paßt.

 

John Webster, Die Herzogin von Malfi, Akt V, Szene 3

|10|I. Das Komplott

Alles begann irgendwann im vorigen Jahrhundert, in einer Zeit, als sich Liebende noch Briefe schrieben und in versiegelten Umschlägen schickten. Manchmal schrieben sie mit bunter Tinte, um ihre Liebe zu zeigen, oder sie parfümierten das Briefpapier.

 

41 Plough Lane

Hampstead,

London NW3

 

Montag, 2. Juni 1980

Liebster Ned –-

tut mir leid, das mit dem Geruch. Ich hoffe, Du hast es irgendwo aufgemacht, wo Du allein bist. Sonst treiben sie Dich mit ihrem Spott bestimmt in den Wahnsinn. Es heißt Rive Gauche, also fühle ich mich wie Simone de Beauvoir, und Du fühlst Dich hoffentlich wie Jean-Paul Sartre. Nein, hoffentlich nicht, denn ich finde, er war ganz schön fies zu ihr. Ich schreibe Dir oben in meinem Zimmer nach einem Krach mit Pete und Hillary. Ha, ha, ha! Pete und Hillary, Pete und Hillary, Pete und Hillary. Du kannst es nicht leiden, wenn ich sie so nenne, stimmt’s? Ich liebe Dich so sehr. Wenn Du mein Tagebuch sehen könntest, würdest Du sofort tot umfallen. Heute morgen habe ich gleich zwei Seiten geschrieben. Ich habe alles aufgelistet, was Dich so wunderbar und herrlich macht, und wenn wir eines Tages für immer zusammen sind, zeige ich es Dir vielleicht mal, und dann fällst Du gleich noch einmal tot um.

|11|Ich habe geschrieben, daß Du altmodisch bist.

Erstens: Als wir uns das erste Mal gesehen haben, bist Du aufgestanden, als ich ins Zimmer kam, was zwar lieb war, aber es war im Hard Rock Café, und ich kam aus der Küche, um Deine Bestellung aufzunehmen.

Zweitens: Jedesmal, wenn ich Mum und Dad Peter und Hillary nenne, wirst Du rot und beißt Dir auf die Lippen.

Drittens: Als Du Dich das erste Mal mit Pete und – okay, ich habe Erbarmen –, als Du Dich das erste Mal mit Mum und Dad unterhalten hast, hast Du sie über Privatschulen und private Krankenversicherungen schwadronieren lassen, und wie schrecklich alles wäre, und wie schlimm die Regierung wäre, und Du hast kein einziges Wort gesagt. Daß Dein Dad ein Tory-Abgeordneter ist, meine ich. Du hast Dich redegewandt übers Wetter geäußert und unverständlich über Cricket. Aber damit bist Du nicht rausgerückt.

Darum ging es übrigens bei dem Krach vorhin. Dein Dad war mittags bei Weekend World, Du hast ihn hundert pro gesehen. (Ich liebe Dich übrigens. Mein Gott, wie ich Dich liebe.)

»Wo gabeln die die bloß auf?« hat Pete gezetert und mit dem Finger auf den Fernseher gezeigt. »Wo bloß?«

»Was?« habe ich gesagt und mich auf einen Kampf eingestellt.

»Wen«, hat Hillary gesagt.

»Diese ewiggestrigen Tweedjacken«, hat Pete gesagt. »Schau dir diesen alten Schwachkopf an. Wie kommt der eigentlich dazu, über die Kumpel zu reden? Der erkennt ein Brikett doch nicht mal, wenn es ihm in die Braune Windsor-Suppe fällt.«

»Erinnerst du dich an den Jungen, den ich letzte Woche mit nach Hause gebracht habe?« fragte ich und bin sicher, jeder unvoreingenommene Beobachter hätte mir eisige Ruhe attestiert.

|12|»Sicherheit der Arbeitsplätze, sagt der!« schrie Peter den Bildschirm an. »Mußtest du vielleicht je Angst um deinen Arbeitsplatz haben, Mr. Eton, Oxford und Gardekorps?« Dann drehte er sich zu mir. »Hm? Welcher Junge? Wann?«

Das ist sowas von typisch für ihn. Du stellst ihm eine Frage, und er sagt erst mal ganz was anderes, was überhaupt nichts mit dem Thema zu tun hat, und dann beantwortet er deine Frage mit einer oder mehreren Gegenfragen. Macht mich rasend. (Du übrigens auch, liebster Neddy. Aber eher liebestoll.) Wenn man meinen Vater fragt: »Pete, wann war die Schlacht von Hastings?«, dann sagt er: »Die kürzen die Arbeitslosenunterstützung. Inflationsbereinigt ist die in nur zwei Jahren um fünf Prozent zurückgegangen. Fünf Prozent. Mistkerle. Hastings? Warum willst du denn das wissen? Warum Hastings? Hastings war bloß ein Scharmützel zwischen Landesherren und Raubrittern. Die einzige Schlacht, die man wirklich kennen muß, ist die …« und schon wäre er wieder ganz woanders. Er weiß, daß es mich rasend macht. Hillary macht das hundert pro auch rasend. Aber ich habe nicht lockergelassen.

»Der Junge, den ich mitgebracht habe«, sagte ich. »Er hieß Ned. Du weißt genau, wen ich meine. Er hat Trimesterferien und ist vor zwei Wochen ins Hard Rock gekommen.«

»Dieser Edelspießer im Cricketpullover? Was soll mit dem sein?«

»Er ist kein Edelspießer!«

»Sah mir aber ganz nach einem aus. Fandst du nicht auch, Hills?«

»Er hatte jedenfalls gute Manieren«, sagte Hillary.

»Da hast du’s.« Pete wandte sich wieder der Glotze zu, wo Dein Dad gerade versuchte, vor einer Gruppe von Bergarbeitern in Yorkshire eine Rede zu halten, wobei ich gestehen muß, daß das wirklich komisch war. »Schau dir das an! Garantiert |13|das erste Mal im Leben, daß der alte Faschist den Norden zu sehen bekommt und nicht bei Watford umdreht. Außer wenn er auf dem Weg nach Schottland durchfährt, um Moorhühner abzuknallen. Unglaublich. Unglaublich.«

»Watford ist ja schön und gut, aber wann warst du das letztemal nördlich von Hampstead?« habe ich gesagt. Na ja, geschrien. Fand ich aber in Ordnung, schließlich machte er mich rasend, und manchmal ist er so was von scheinheilig.

Hillary zog ihre übliche Nummer ab von wegen ›wie redest du denn mit deinem Vater?‹ und widmete sich dann wieder ihrem Artikel. Sie schreibt neuerdings Kolumnen für Spare Rib und geht unheimlich schnell an die Decke.

»Du hast anscheinend vergessen, daß ich an der Sheffield University promoviert worden bin«, sagte Pete, als hätte er damit schon den Preis »Nordengländer des Jahrzehnts« verdient.

»Lassen wir das mal dahingestellt«, fuhr ich fort. »Ned ist jedenfalls zufällig der Sohn von dem Mann da.« Und ich zeigte mit einem triumphierenden Finger auf den Bildschirm. Dummerweise war gerade der Moderator im Bild.

Pete sah mich mit ehrfürchtiger Miene an. »Der Junge ist der Sohn von Brian Walden?« fragte er heiser. »Du gehst mit Brian Waldens Sohn?«

Brian Walden, der Moderator, muß mal Labour-Abgeordneter gewesen sein. Pete glaubte, ich bewegte mich in den Kreisen der sozialistischen Aristokratie. Ich sah ihm an, wie er fieberhaft seine Chancen ausrechnete, sich bei Brian Walden einzuschleimen (so von Schwiegervater zu Schwiegervater), sich bei der nächsten Wahl ein Mandat an Land zu ziehen und aus der Tretmühle der Kultusbehörde von Großlondon zu Kitzel und Glanz des Unterhauses und landesweitem Ruhm zu avancieren. Peter Fendeman, der kauzige Aufwiegler und Held der Arbeiterklasse, ich sah die ganze Vision vor seinen gierigen Augen vorbeiziehen. Widerlich.

|14|»Der doch nicht!« sagte ich. »Der da!« Dein Vater war wieder im Bild, wie er mit Akten unter dem Arm auf Downing Street Number Ten zuging.

Ich liebe Dich, Ned. Ich liebe Dich mehr als die Gezeiten den Mond. Mehr als Mickey seine Minnie und Pu der Bär den Honig. Ich liebe Deine großen schwarzen Augen und Deinen süßen knackigen Hintern. Ich liebe Dein wuscheliges Haar und Deine knallroten Lippen. Ist Dir eigentlich klar, daß die knallrot sind? Die wenigsten Leute haben Lippen, die wirklich so rot sind, wie es in Gedichten immer heißt. Deine sind hochrot, röter als ich es je gelesen habe, und ich will sie jetzt sofort überall spüren – aber egal wie rot Deine Lippen sind, wie knackig Dein Hintern, wie groß Deine Augen, Dich liebe ich. Als Du da an Tisch 16 gestanden und mich angelächelt hast, war es, als hättest Du überhaupt keinen Körper. Ich war stinksauer aus der Küche gekommen, und plötzlich erstrahlte vor mir eine Seele. Ned. Du. Eine bloße Seele strahlte mich an wie die Sonne, und ich wußte, daß ich sterben müßte, wenn ich nicht den Rest meines Lebens mit ihr verbringen würde.

Trotzdem habe ich mir heute nachmittag sehnlichst gewünscht, Dein Vater wäre Gewerkschaftsführer, Gesamtschullehrer, Herausgeber des Morning Star oder Brian Walden höchstpersönlich – alles, nur nicht Charles Maddstone, Kriegsheld, Brigadegeneral des Gardekorps im Ruhestand, Ex-Kolonialbeamter. Und am meisten habe ich mir gewünscht, er wäre kein Kabinettsmitglied in einer konservativen Regierung.

Aber das ist nicht ganz fair, oder? Denn dann wärst Du ja nicht Du.

Als Pete und Hillary es endlich kapierten, starrten sie nur zwischen mir und dem Bildschirm hin und her. Hillary betrachtete sogar den Stuhl, auf dem Du bei Deinem Besuch gesessen hast. Funkelte ihn an, als hätte sie ihn am liebsten desinfiziert und verbrannt.

|15|»Oh, Portia!« sagte sie mit gebrochener Stimme, wie das früher hieß.

Pete wurde erst so rot wie Lenin, aber dann schluckte er seinen Zorn und seinen verletzten Stolz hinunter und begann ein »ernstes Gespräch«. Er hatte »vollstes Verständnis« für meinen jugendlichen Protest gegen alle Werte und Normen, zu denen sie mich erzogen hatten. Nein, mehr noch, er hatte Respekt davor. »Weißt du, in gewisser Hinsicht bin ich stolz auf dich, Porsh. Stolz auf deinen Kampfgeist. Du lehnst die Autorität ab, und habe ich dich nicht von jeher genau das gelehrt?«

»Was?« kreischte ich. (Ich muß ehrlich sein. Es gibt kein anderes Wort dafür. Es war definitiv ein Kreischen.)

Er breitete die Arme aus und hob die Schultern, eine Geste teuflischer Selbstgefälligkeit, die mich bis an mein Lebensende verfolgen wird. »Okay. Du triffst dich mit dem Oberklassetrottel des Jahres, und jetzt ist dein Dad hellhörig geworden. Pete hört dir zu. Reden wir darüber, ja?«

Also ehrlich

Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, erhob ich mich und ging die Treppe hoch, um mit mir ins Reine zu kommen.

Das hätte ich jedenfalls tun sollen, aber leider tat ich es nicht.

Sondern ich habe ihn angeschrien: »Du Arschloch, Pete! Ich hasse dich. Du bist jämmerlich! Und weißt du was noch? Ein Snob. Ein grauenhafter, erbärmlicher Snob!« Dann bin ich davongestampft, habe die Tür hinter mir zugeknallt und bin weinend nach oben gerannt. Der Vorsitzende der Unsterblichen (nach Aischylos’ Wort) hatte seine Kurzweil mit Portia beendet.

Puh. Und noch mehr Puh.

Wenigstens wissen sie jetzt Bescheid. Hast Du es Deinen Eltern schon gesagt? Die gehen wahrscheinlich genauso an die |16|Decke. Sehen ihren geliebten Sohn umgarnt von der Tochter jüdischer Linksintellektueller. Wenn man einen Geschichtsdozenten mit einer halben Stelle an der North East London Polytechnic einen Intellektuellen nennen kann, was man meiner Meinung nach nicht kann.

Ohne äußere Hindernisse wäre es ja keine Liebe, oder? Ich meine, wenn Julias Vater Romeo um den Hals gefallen wäre und gesagt hätte: »Ich verliere keine Tochter, ich gewinne einen Sohn«, und wenn Romeos Mum gestrahlt hätte: »Willkommen in der Familie Montague, Julia, mein Mäuschen«, dann wäre das Stück kaum über den ersten Akt hinausgekommen.

Ein paar Stunden nach dieser ›betrüblichen Szene‹ klopfte Pete dann mit einer Tasse Tee an meine Tür. Präzision, Portia, Präzision – er klopfte mit den Knöcheln, aber Du weißt schon, was ich meine. Erst nervte mich seine Jammergestalt, aber dann merkte ich, daß ihm tatsächlich zum Heulen war. Er hatte gerade einen Anruf aus Amerika bekommen. Petes Bruder, mein Onkel Leo, hatte gestern abend in New York einen Herzinfarkt und starb, bevor der Krankenwagen kam. Ganz schön hart. Anfang des Jahres ist seine Frau Rose an Eierstockkrebs gestorben, und jetzt ist es auch mit ihm vorbei. Achtundvierzig ist er geworden. Achtundvierzig und stirbt an einem Herzinfarkt. Mein armer Vetter Gordon kommt jetzt nach England und wohnt erst mal bei uns. Er mußte den Krankenwagen rufen und alles. Stell Dir vor, Du mußt mit ansehen, wie Dein Vater vor Deinen Augen stirbt. Er war ihr einziges Kind. Der arme Kerl muß in fürchterlicher Verfassung sein. Hoffentlich gefällt es ihm bei uns. Ich glaube, seine Familie war ziemlich orthodox, und ich weiß nicht recht, was er von unserem Familienleben halten wird. Ein Bagel mit Speck fällt für uns unter koscher. Ich habe Gordon noch nie gesehen und mir immer vorgestellt, daß er einen |17|schwarzen Bart hat, was natürlich Blödsinn ist, schließlich ist er in unserem Alter. Siebzehn, bald achtzehn, so um den Dreh.

Danach ist bei Fendemans natürlich Friede ausgebrochen, und nächste Woche habe ich dann einen Bruder, mit dem ich über alles reden kann. Dann kann ich endlich über dich reden.

Was man von Dir nicht behaupten kann, o mein Neddie. »Ein Spiel gewonnen. Ganz gut gespielt, glaube ich. Bin viel am Lernen. Denke oft an Dich.« Das sind schon die interessantesten Stellen.

Ich weiß, daß Du mitten im Klausurenstreß steckst, aber ich doch auch. Aber keine Angst. Es überläuft mich heiß und kalt, egal was Du schreibst. Ich schaue mir die Handschrift an und stelle mir vor, wie Deine Hand über das Papier gleitet, und dann kriege ich schon Zuckungen wie ein liebeskranker Aal. Ich sehe vor mir, wie Dir beim Schreiben die Haare in die Stirn fallen, und dann zapple und hechle ich schon wie ein … wie ein … ähm, darüber sprechen wir noch. Ich denke an Deine Beine unter dem Tisch, und eine Million Trillionen Zellen in mir funkeln und sprudeln. Dein Querstrich beim »t« raubt mir den Atem. Ich halte die Rückseite des Umschlags an die Lippen, denke daran, wie Du ihn angeleckt hast, und mir wird ganz anders. Ich bin eine drollige durchgedrehte dösige dreiste delirierende Romantikerin, und wenn ich an Dich denke, bin ich im siebten Himmel.

Trotzdem wäre es mir tausendmal lieber, Du würdest im nächsten Trimester nicht an deine Schule zurückgehen. Geh doch einfach ab und sei genauso frei wie normale Menschen. Du mußt doch nicht nach Oxford, oder? Ich würde niemals an eine Universität gehen, wo ich auch den ganzen Winter verbringen muß, um eine extra Aufnahmeprüfung zu machen, wenn ich schon meine A-Levels hinter mir habe und meine ganzen Freunde weg sind. Haben die’s nicht eine |18|Nummer kleiner? Warum können die sich nicht wie eine normale Uni benehmen? Komm doch mit mir nach Bristol. Dort hätten wir es viel schöner zusammen.

Aber ich werde Dich nicht unter Druck setzen. Du mußt selber wissen, was Du tust.

Ich liebe Dich, ich liebe Dich, ich liebe Dich.

Mir ist gerade etwas eingefallen. Angenommen, Dein Kunstlehrer wäre mit Eurer Klasse an dem Samstag nicht in die Royal Academy gegangen. Angenommen, er hätte sich für die Tate oder die National Gallery entschieden. Dann wärt Ihr nicht in Piccadilly gewesen, und Du hättest nicht im Hard Rock Café Mittag gegessen, und ich wäre nicht das glücklichste, glücklichste, schwachsinnigste verliebte Mädchen auf der ganzen Welt.

Die Welt ist sehr … ähm … (blättert in den Erläuterungen zu Thomas Hardy, die sie eigentlich lesen sollte) … die Welt ist sehr kontingent.

Da hast Du’s.

Ich küsse die Luft um mich her.

Liebe und Liebe und Liebe und Liebe und Liebe,

Deine Portia X

Nur ein X, denn Fantastillionen wären nicht annähernd genug.

 

7. Juni 1980

Meine liebste Portia,

vielen Dank für Deinen wunderschönen Brief. Nach Deiner (durch und durch gerechtfertigten) Kritik an meinem schrecklichen Briefstil wird die Antwort etwas knifflig. Aus Dir sprudelt das nur so heraus wie aus einem Geisier (Schreibung?), und das ist nicht gerade meine starke Seite. Auch Deine Handschrift ist total einzigartig (wie natürlich alles an Dir) und meine total unleserlich. Ich wollte Deine kleine |19|Zugabe (die war übrigens phantastisch) beantworten, indem ich meinen Umschlag mit Eau de Cologne oder Aftershave einsprühe, aber ich benutze keins. Und das Leinöl, mit dem ich meinen Cricketschläger poliere, würde Dich wohl kaum verführen, oder? Dachte ich mir.

Tut mir ehrlich leid, daß Du Krach mit Deinen Eltern hattest. Wäre es eine Hilfe, wenn Du Peter (da! Ich hab’s gesagt!) erzählst, daß ich total arm bin? Wir fahren im Urlaub nie ins Ausland, mein Vater kann sich gerade noch diese Schule leisten, und ich weiß, daß es nicht sehr links klingt, aber der Rest geht für Fahrtkosten drauf, weil er ständig zwischen London und seinem Wahlkreis pendelt, und für die dringendsten Reparaturen an unserem baufälligen Haus. Wenn ich Geschwister hätte, müßte ich garantiert (apropos, wo hast Du bloß dieses »hundert pro« aufgeschnappt?) ihre Sachen auftragen, aber so trage ich eben seine auf. Ich bin der einzige hier an der Schule, der in Kavallerieköper und alten Reitjacken herumläuft, wenn wir mal die Schuluniformen ausziehen dürfen. Ich trage sogar seine alte Kreissäge, die im Lauf der Zeit fast orange geworden ist, und die Krempe ist aufgesplittert. Als meine Mum noch am Leben war, hat sie ihm doch tatsächlich die Socken gestopft, als hätten wir noch immer Queen Victoria. Also mein Vater ist vielleicht ein Faschist (wofür ich ihn, ehrlich gesagt, nicht halte), aber dann ein total armer. Ich habe ihm übrigens erzählt, daß ich in London ein Mädchen kennengelernt habe, und er hat sich sehr gefreut. Er ist nicht an die Decke gegangen, als ich ihm erzählt habe, die Schule hätte Dir einen Samstagsjob als Bedienung in einem Schnellimbiß vermittelt. Im Gegenteil, er hat gesagt, das würde Initiative zeigen. Und was Euer Judentum angeht – da hat er aufgehorcht und gefragt, ob Deine Familie vor Hitler geflohen wäre. Er hatte damals mit diesem Kriegsverbrechertribunal in Nürnburg (Nürnberg?) zu tun und … ist ja auch egal, |20|ich halte meinen Vater jedenfalls nicht für etwas Besseres als Deinen – ich fand Deine Eltern sogar echt nett –, sondern wollte nur sagen, Du brauchst keine Angst zu haben, er könnte dagegen sein, daß wir zusammen sind. Er freut sich schon darauf, Dich kennenzulernen, und ich freue mich darauf, daß Du ihn kennenlernst. Die meisten Leute halten ihn für meinen Großvater, weil er älter ist als die meisten Eltern, verstehst Du? Ich glaube, er ist ein sehr guter Mensch, aber ich bin natürlich total voreingenommen. Er ist ja auch alles, was ich habe. Meine Mutter starb bei meiner Geburt. Hatte ich das nicht erzählt? Tut mir leid. Es war ihre erste Schwangerschaft, und sie ging auf die Fünfzig zu.

Das sind ja schlimme Nachrichten über Deinen Onkel in Amerika. Es tut mir sehr leid für Euch. Ich hoffe, Gordon stellt sich als netter Kerl heraus. Es wäre doch toll, wenn Du endlich einen Bruder bekämst. Alle meine Vettern sind zum Davonlaufen.

Ich kann’s kaum erwarten, daß das Schuljahr endlich vorbei ist. Gott sei Dank habe ich die letzte Klausur hinter mir. Ich habe soviel gepaukt, daß mir der Schädel brummt, aber ich habe das Gefühl, es reicht trotzdem noch lange nicht.

Langweiliger Schulklatsch, Teil Eins. Ich bin zum Schulsprecher ernannt worden.

Tätää!

Eigentlich heißt es »Schulkapitän«. Nur für ein Jahr, aber ich werde wegen der Aufnahmeprüfung in Oxford soviel zu tun haben, daß es mir nicht so wichtig ist. (Darüber bald mehr.) Wenn Du erst mal so alt bist wie ich, verliert die Autorität jeden Glanz. Dann besteht sie nur noch aus harter Arbeit und endlosen Besprechungen mit dem Schulleiter und den Präfekten – hier heißen die Präfekten Aufsichtsschüler, frag mich nicht warum.

Teil Zwei: Der Segelclub macht im August einen Törn an |21|der schottischen Westküste entlang. Der zuständige Sportlehrer hat gefragt, ob ich Lust hätte mitzukommen. Zwei Wochen und zwar die, in denen Du mit Deinen Eltern nach Italien fährst, also genau die, wo wir uns sowieso nicht gesehen hätten. Den Rest des Sommers verbringe ich in der Wohnung meines Vaters in Victoria, und Du hoffentlich auch so oft wie möglich! Jobbst Du dann wieder im Hard Rock Café?

Also. Oxford. Ich finde es genauso unerträglich wie Du, daß ich im September hierher zurückkommen muß, während Du tun und lassen kannst, was Du willst. Ich bin drauf und dran, die ganze Sache an den Nagel zu hängen und mich in Bristol zu bewerben, um bei Dir sein zu können. Ich bin eigentlich gar nicht so scharf auf Oxford, aber es würde meinem Vater das Herz brechen, wenn ich nicht hinginge. Sein Ururgroßvater war am St. Mark’s College, und da hat seitdem jeder Maddstone studiert. Es gibt sogar einen nach uns benannten Hof. Aber glaub jetzt bloß nicht, ich hätte es dadurch leichter, angenommen zu werden, die Zeiten sind leider vorbei. Im Gegenteil, ich muß bei der Aufnahmeprüfung besser abschneiden als jeder andere, um zu beweisen, daß ich es meinen eigenen Leistungen zu verdanken habe und nicht dem Namen meiner Familie oder Beziehungen. Es bedeutet meinem Vater soviel. Das klingt hoffentlich nicht allzu sentimental. Ich bin sein einziger Sohn, und ich weiß, wie sehr er sich darauf freut, mich zu besuchen, mit mir durch die Colleges zu streifen und mir zu zeigen, wo er damals war, als er jung war.

Wenn du bloß herkommen und mich hier besuchen könntest. Wie wär’s, wenn ich Dich nächstes Jahr als Neuling einschmuggle? Du mußt bloß quieken und hübsch aussehen, und das kannst Du ja bestens. Nein, korrigiere – Du siehst natürlich wunderschön aus. Du bist überhaupt die Schönste, die ich je gesehen habe und je sehen werde. (Quieken kannst Du allerdings wirklich gut.)

|22|Ich liebe Deine Briefe. Ich kann das alles noch gar nicht fassen. Haben wir das wirklich erlebt? Andere Jungen haben hier auch Freundinnen, aber bei uns muß es etwas anderes sein. Die zeigen ihre Briefe herum und geilen sich in aller Öffentlichkeit daran auf. Das kann nur heißen, daß es für sie bloß ein Witz ist. Und für uns ist es doch wirklich kein Witz, oder?

Du schreibst, was für eine komische Sache das Schicksal ist und was es für ein Zufall war, daß wir in die Royal Academy gegangen sind, und daß wir, wenn nicht, wahrscheinlich nie im Hard Rock Café gelandet wären. Das ist ein total unfaßbarer Gedanke. Aber dann, als Du zu uns an den Tisch gekommen bist, wo wir, glaube ich, zu siebt gesessen haben, warum hast Du da ausgerechnet mich zweimal angesehen? Mal davon abgesehen, daß ich mich zum Idioten gemacht habe und aufgestanden bin. Tut mir übrigens leid, dich enttäuschen zu müssen, aber ich bin nicht aus Höflichkeit aufgestanden. Ich habe dich gesehen und bin aufgestanden. Das war eine Art Reflex. Das klingt bestimmt total bescheuert – es war, als hätte ich Dich schon immer gekannt. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr könnte ich schwören, ich wußte, daß Du durch die Schwingtür kommen würdest. Ich hatte mich schon den ganzen Tag komisch gefühlt. So anders; Du kennst das vielleicht. Als wir ins Café kamen, nachdem wir zwei Stunden durchs Museum gelatscht waren und dann noch einen Kilometer durch Piccadilly, da wußte ich einfach, daß etwas passieren würde. Und als Du dann auf uns zugekommen bist (Du hast Dir über die Schürze gestrichen und auf ganz komische Weise nach dem Bleistift hinterm Ohr getastet – das weiß ich alles noch ganz genau), bin ich einfach aufgesprungen. Ich hätte fast geschrien: »Endlich!«, und dann hast Du mir in die Augen gesehen, und wir haben uns angelächelt, und das war’s dann.

Aber Du mußt doch die anderen aus meiner Klasse gesehen |23|haben. Die meisten sind viel größer als ich und sehen besser aus. Ashley Barson-Garland war da, der ist zwanzigmal so witzig und ein richtiger Intelligenzbolzen.

Nebenbei bemerkt … Heute vormittag habe ich in Bio etwas total Schlimmes gemacht. Es fällt mir schwer, es hinzuschreiben, weil ich ein schlechtes Gewissen habe. Nichts, was Dich beunruhigen müßte, aber es war schon merkwürdig. Ich habe Barson-Garlands Tagebuch gelesen. Zum Teil jedenfalls. Ich habe so etwas noch nie gemacht, und ich verstehe nicht, was in mich gefahren ist. Ich erzähl’s Dir alles ganz genau, wenn wir uns wiedersehen.

 

Wenn wir uns wiedersehen.

Wenn wir uns wiedersehen.

Wenn wir uns wiedersehen.

 

Ich muß IMMERZU an Dich denken. Und mir passieren laufend so seltsame Sachen.

Vor meiner Geburt war mein Vater District Commissioner im Sudan. Ich weiß noch, wie er mir mal erzählt hat, daß die jungen Männer, die Neuankömmlinge aus Großbritannien, immer in gebügelten Khakishorts herumgelaufen sind, und wenn ihnen eine der schönen Nubierinnen entgegenkam, die immer oben ohne oder auch ganz nackt herumspazierten, dann mußten sie sich manchmal zur Wand drehen oder auf der Stelle hinsetzen, um zu verbergen, daß sie, wie mein Vater es ausdrückte, ›im unteren Stockwerk etwas aufgeregt waren‹. Na, und wenn ich mir jetzt vorstelle, wie Du diesen Brief liest, wenn ich weiß, daß Du genau das hier bald vor Dir liegen hast, dann werde ich im unteren Stockwerk etwas aufgeregt. Ganz schön aufgeregt sogar.

Wenn ich also sage, daß mir das Herz schwillt, wenn ich an Dich denke, dann weißt Du, was ich meine. Jetzt bin ich |24|tatsächlich rot geworden. Ich liebe Dich so sehr, daß ich weder aus noch ein weiß und nur noch lachen kann.

 

Ich liebe Dich hoch alles plus eins.

Ned X

 

Ned konnte sich nicht erklären, wie er etwas so Tückisches und Niederträchtiges hatte tun können. Vielleicht war es das Schicksal, vielleicht auch der Teufel, an den er unbeirrbar glaubte.

Er hatte das Buch aus Ashley Barson-Garlands Tasche gezogen, sich auf die Knie gelegt und die erste Seite aufgeschlagen, bevor er überhaupt gemerkt hatte, was er da tat. Seine rechte Hand lag auf dem Tisch und tat ab und zu so, als glitte sie durch Zellbiologie, Teil II.

Er senkte die Augen und las.

Es war ein Tagebuch. Er wußte nicht, was er sonst erwartet hatte. Es war bestimmt vier Jahre alt. Vielleicht hatte ihn das Alter am meisten angezogen, als er es aus der Tasche lugen sah. Ihm war aufgefallen, daß Ashley das Buch überallhin mitnahm, und das hatte ihn gefesselt.

Trotzdem war es merkwürdig, daß er so etwas getan hatte. Ned hatte sich bisher nicht für einen Menschen gehalten, der anderer Leute Tagebücher las.

Es war schwer zu lesen. Weniger die Handschrift, die war sehr klein, aber klar und deutlich: Barson-Garlands Stil war – wie sollte man sagen – komplex. Ja, das war das richtige Wort für einen Intellektuellen. Der Stil war komplex.

Mit jeder Zeile, die Ned las, fiel das schläfrige Gemurmel der Klasse weiter hinter ihm zurück, bis er mit den Worten völlig allein war. An seinem Hals pochte hastig und schuldbewußt eine Ader.

 

|25|3. Mai 1978

Didsbury

 

Das Wichtigste ist die Aussprache. Wenn du die richtig hinkriegst, kommst du ihnen näher. Dann hast du’s schon halb geschafft. Wohlgemerkt, nicht nur die Aussprache, sondern auch die Körpersprache. Achte darauf, wie die Stimme aus dem Mund kommt, darauf, daß der Mund nur wenig geöffnet wird, achte auf die Lippenstellung, die Kopfhaltung, das Neigen des Kopfes, die Gesten (nur die Hände, nicht die Arme, sie sind ja keine Italiener) und die Blickrichtung.

Weißt du noch, wie du im Bus jedesmal knallrot geworden bist, wenn einer von ihnen deinen Namen ausgesprochen hat? Immerzu tauchte dein Name in ihrem Gespräch auf, und für den Bruchteil einer Sekunde hast du tatsächlich geglaubt, sie sprächen über dich. Du hast geglaubt, sie würden Dich unerklärlicherweise kennen. Sie hätten dich als einen der Ihren erkannt, ausgebootet durch einen tragischen Schicksalsschlag. Beim allerersten Mal im Bus, weißt du noch, wie da immerzu dein Name fiel? Vielleicht würdest du dich mit ihnen anfreunden. Du warst richtig aufgeregt! Sie hatten es dir angesehen. Was du in dir hattest. Es war ihnen aufgefallen. Dieses gewisse Etwas.

Und dann hast du es bemerkt. Sie redeten gar nicht über dich. Sie ahnten nichts von deiner Existenz. Sie meinten einen ganz anderen Ashley. Einen witzigen Ashley …

 

Der ist aber klasse, Ashley.

Ashley, das ist ja zum Schießen.

 

Als dir klar wurde, daß du nicht gemeint warst, fühlte sich diese Enttäuschung an wie ein Stromstoß, aber trotzdem warst du irgendwie stolz und fühltest dich ihnen verbunden. |26|Einen Tag lang bist du doch federnder durch die Welt gegangen, oder? Wenn einer von ihnen deinen Namen, diesen von dir so gehaßten Namen, der dir so peinlich war, der so sehr nach Mittelschicht roch, wenn einer von ihnen diesen Namen mit dir teilte, dann war er als Name vielleicht doch okay. War »Ashley« womöglich ein Name der Oberen Mittelschicht oder gar – man wußte ja nie – der Aristokratie?

Welcher von ihnen war wohl Ashley? Es war absurd, aber der Name wurde so oft bemüht, daß du ein paar herrliche Tage lang glaubtest, sie hießen womöglich alle Ashley. Dann überlegtest du, ob Ashley ein anderes Wort für »Freund« war, ihr Gegenstück zu dem häßlichen »Sportsfreund«, das du tagaus tagein bei dir auf dem Betonspielplatz hörtest, nur ein paar Straßen entfernt von ihrem Steingeviert. Aber dann wurde dir wieder etwas klar.

Es gab gar keinen Ashley. Ashley existierte nicht. Es gab nur ein actually.

Der ist aber klasse, actually. Actually, der ist ja zum Schießen.

Kannst du actually, kannst du denn actually, Ashley, allen Ernstes geglaubt haben, sie würden womöglich von dir reden? Hast du wirklich und wahrhaftig geglaubt, ihre trägen Blicke hätten dich actually, Ashley, auch nur registriert? Dein Gesicht hat vielleicht ab und zu ihr Blickfeld durchquert, aber wie konntest du bloß glauben, deine Identität oder gar dein Gesicht wäre ihnen actually, Ashley, bewußt geworden?

Aber sie sind dir bewußt geworden. Und wie. Du hast ihre Haut betrachtet, ihre Haare und dich immer gefragt, warum sie so anders waren als unsere Haut und Haare. Haut und Haare normaler Menschen. War das angeboren? Dir sind die typischen roten Flecken auf ihren Wangen aufgefallen, ein Scharlachrot, das viel heller war als das staubige Blutrot auf den Wangen der Jungen in deiner Schule. Und bei einigen fiel |27|dir auf, wie fahl und durchscheinend ihr Teint war, und du hast dich gefragt, ob es vielleicht an ihrer Ernährung lag. Oder an der Ernährung ihrer Mütter, als sie noch im Mutterleib schwammen.

Am unvergeßlichsten brannte sich dir natürlich ihre Standarte ein. Die Standarte der vom Schicksal Begünstigten. Ihre Standarte. Die Stirnlocke. Die schwungvolle Stirnlocke. Die Stirnlocke mit dem Schwung. Die Standarte der schwungvollen Stirnlocke. Wie du dich nach einer solchen Locke gesehnt hast. Was für eine Leere sich in dir aufgetan hat, wenn du diese Standarte gesehen hast. Wie bei einem Franzosen, dem fern der Heimat der Duft einer Gauloise in die Nase steigt. Wie bei einem in den Weiten Asiens verlorenen Engländer, der plötzlich die Erkennungsmelodie der Archers vernimmt. Denn in dir drin hast du schon immer gewußt, daß ihre Standarte in Wirklichkeit auch deine ist. Wenn nur der schreckliche Fehler nicht gewesen wäre. Und die Leere, die sich in dir auftat, dieses unermeßliche Sehnen war kein Neid, keine Begehrlichkeit. Actually, Ashley, es war Verlust, es war Exil. Du warst aus deiner Heimat vertrieben worden, alles nur wegen des »schrecklichen Fehlers«.

Dabei bist du mit ihnen bloß Bus gefahren, wie oft, fünfmal? Höchstens sechsmal. Du hast gesehen, wie sie einstiegen und sich zur letzten Reihe durchschwangen, manchmal legte sich eine Hand auf deine Kopfstütze, und von der Nähe dieser Hand zu deinem Kopf wurde dir schwindlig, und du hättest am liebsten die Luft um dich herum vertilgt, so groß war dein Hunger nach dem, was sie verkörperten. Was sie hatten. Ihren mutmaßlichen Regelverletzungen. Wie sie ohne Schuluniformen nach London türmten. Die schöne, obwohl lächerliche Uniform aus Frack und gestreifter Hose, die sie gegen Pullover und Kordhose eingetauscht hatten. Die Standarte schwang, ungehindert durch Kreissägen oder Zylinder.

|28|Am letzten Tag, dem Tag vor dem Umzug in den Norden, hast du eine Kreissäge mitgenommen, die unter dem Sitz lag, nicht wahr? Ihr Besitzer hatte nicht gemerkt, daß er sie beim Einsteigen noch aufhatte. Die anderen hatten ihn verspottet, und lachend hatte er sie in gespieltem Selbsthaß quer durch den Bus Richtung Fahrer geschleudert. Als er ausstieg, hättest du fast den Mund aufgemacht und ihm gesagt, sie läge unter dem Sitz vor deinem, aber du hast geschwiegen. Hast dich deiner Nordlondoner Vokale geschämt. Du hast die Kreissäge mitgenommen und behalten. Ein flacher Strohhut mit blauem Band. Und von da an hast du sie getragen, nicht wahr? In deinem Zimmer. Du hast sie jetzt auf. Du trägst sie jetzt, oder etwa nicht? Du bist sowas von ordinär, so scheinheilig, so erbärmlich … Und es hilft nicht, stimmt’s? Dein Haar ist zu struppig für einen Schwung wie bei einem wilden Lachs im Tay oder wie beim Durchblättern des Stoffmusterbuchs in Savile Row, deine Haare sind borstig wie eine Klobürste oder ein Fußabtreter. In Wirklichkeit trägst du J. H. G. Etheridges Kreissäge nicht (allein diese drei Initialen … Klasse), J. H. G. Etheridges Kreissäge ist zufällig auf deinem Kopf. So wie dieses Tagebuch auf dem Tisch ist und der Tisch auf dem Boden. Der Boden trägt den Tisch nicht, und der Tisch trägt das Tagebuch nicht. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Und dieser Unterschied, dieser Unterschied … das ist der Grund, warum du dir so oft einen in diesen Strohhut hinein runterholst, oder? Oder nicht, du elende Niete?

 

Wie konnte es bloß zu dem schrecklichen Fehler kommen? Der Abfolge schrecklicher Fehler.

Wie konnte dein Bewußtsein aus seinem banalen Samen und ihrem geistlosen Ei hervorgehen? Die Geburt war der erste schreckliche Fehler. Vielleicht kann die Metempsychose erklären, warum die Sache derart schiefgelaufen ist. In einem |29|früheren Leben warst du einer von ihnen, und davon ist eine Erinnerungsspur übriggeblieben, die dich quält. Vielleicht bist du ein Findelkind oder der Bastard eines herzoglichen Seitensprungs, in Pflege gegeben bei diesen bemitleidenswerten Leuten, die Eltern zu nennen du gezwungen bist.

Allein der Name. Ashley. Ashley. ASHLEY. Schreib ihn, sprich ihn aus, wie du willst, es ändert doch nichts. Er stinkt nach Stammtisch und Zigarillo wie ein Handelsreisender mit getönten Brillengläsern und Autositzbezügen aus Schaffell. Ashley ist ein Sportlehrer: Ashley sagt »Prostata, meine Hernien« und »Hoppala, Guteste«. Ashley fährt einen Vauxhall. Ashley trägt Kunstfaserhemden und Hosen aus Baumwoll-Polyester-Mischgewebe, die ihm als »Freizeitmode« angedreht werden. Ashley sagt »Mahlzeit« in der Kantine und »Feierabend«, wenn er nach Hause geht. Ashley geht noch aufs »Klosett«. Ashley hängt in der Adventszeit Lichtgirlanden vor die Doppelfenster. Ashleys Frau liest die Daily Mail und stellt Nippes auf den Fernseher. Ashley träumt von asphaltierten Auffahrten. Ashley wird es nie zu etwas bringen. Ashley ist verflucht.

Mum und Dad haben dich so genannt.

Nicht Mum und Dad sagen.

Mama und Papa, mit der Betonung auf der zweiten Silbe. Mamah und Papah. Nein, lieber nicht. Dann schüttest du das Kind mit dem Bade aus. (Apropos Bad: Immer »Necessaire« sagen, um Gottes willen nicht »Kulturbeutel«.) »Mutter« und »Vater« ist besser.

Mutter und Vater haben dich so genannt. Und das Schlimmste daran ist, daß der Name nur leicht danebenliegt. Roy, Lee, Kevin, Dean oder Wayne, die sind das Wahre. Echtes Lumpenproletariat. Dennis, Desmond, Leonard, Norman, Colin, Neville und Eric sind scheußlich, aber ehrlich. Aber Ashley. Das ist ein Name wie Howard, Lindsay oder Leslie. |30|Trifft fast ins Schwarze. Ist nur etwas zu bemüht. Und das ist das Traurige daran.

Amerikanern kann das alles egal sein, was? Namen und deren Folgen. Der einzige Ashley, der wenigstens einen Hauch von Klasse mitbrachte, war übrigens Amerikaner. Ashley in Vom Winde verweht. Der hatte soviel Klasse, daß er Eshley genannt wurde. Im Film hat Leslie Howard gar nicht erst versucht, ihm einen amerikanischen Akzent zu geben. Leslie und Howard. Zwei widerliche Namen zum Preis von einem. Aber Leslie Howard war ja auch kein Engländer. Er war Ungar, und frisch von der Fähre fand er Leslie und Howard bestimmt geschmackvoll.

Das Wort »geschmackvoll« ist absolut daneben. Unaussprechlich.

Aber fand. Fand er geschmackvoll. Da liegt der Hase im Pfeffer. Was die Leute kultiviert finden, kann meilenweit entfernt sein von dem, was actually, Ashley, kultiviert ist. Man sollte meinen, silberne Fischmesser wären supervornehm, aber nein, Fischmesser aller Art sind absolut tabu. Die kann man auch gleich in Spitzendeckchen einwickeln und alle gesellschaftlichen Ambitionen fahren lassen.

Aber es geht nicht um gesellschaftliche Ambitionen. Es geht um die Sehnsucht.

Manche Männer wachsen doch mit dem Gefühl auf, man hätte sie in den falschen Körper gesperrt, oder? Eine Frau gefangen in einem Männerkörper.

Wäre es nicht auch möglich, daß manche Leute als in Plebejerkörpern gefangene Patrizier aufwachsen? Und instinktiv wissen, daß sie in die falsche Schicht hineingeboren worden sind?

Aber es geht nicht um Schichten. Es geht um den Hunger.

Ach Ashley, du Einfaltspinsel, glaubst du denn allen Ernstes, du könntest in ihre Welt gehören? Weißt du denn nicht, daß man in ihre Welt nur hineingeboren werden kann?

|31|Aber das ist einfach ungerecht. Wenn man will, kann man Amerikaner werden. Man kann Jude werden. Man kann, siehe Leslie Howard, nicht nur Engländer werden, sondern sogar alles verkörpern, was England je bedeutet hat. Man kann Londoner werden, Moslem, eine Frau, ein Mann oder ein Russe. Aber man kann kein … kein … fast hätte ich Gentleman geschrieben, aber wie nennt man das? Mann von Welt, feiner Pinkel, Privatschulschnösel … einer von ihnen. Einer von ihnen kann man nicht werden, auch nicht, wenn man sich tief drin als einer von ihnen fühlt, auch nicht, wenn man in tiefster Seele weiß, daß man das Recht dazu hat, die Bestimmung, das Bedürfnis und die Pflicht. Nicht einmal, wenn man weiß, daß man es besser machen würde. Ist doch wahr. Ich würde das mit viel mehr Stil hinkriegen. Inklusive der Mühelosigkeit, die darüber hinwegtäuscht, daß es Arbeit ist, es hinzukriegen, wenn das nicht zu paradox ist. Diese natürliche, zwanglose Selbstverständlichkeit hinkriegen. Aber diese Chance ist dir des schrecklichen Fehlers deiner Geburt wegen versagt.

Der Umzug in den Norden war ein weiterer Sargnagel. Ein weiterer schrecklicher Fehler. Dad ist gestorben, und Mum wurde Lehrerin an einer Taubstummenschule in Manchester. Dad war Offizier gewesen. In der Royal Air Force, wie du betrübt zugeben mußt, nicht in einem der feschen Regimenter der Army. Er ist nie geflogen und hatte daher nichts Interessantes. Aber er war wenigstens Offizier. Jetzt mal ehrlich, er hat beim Militär als einfacher Flieger beim Bodenpersonal angefangen. Er gehörte nicht mal zur Offiziersklasse. Er mußte sich von der Pike hochdienen, und das verzehrt dich, stimmt’s? Dann ist er an den Folgen seiner Diabetes gestorben, einer bürgerlichen, um nicht zu sagen proletarischen Krankheit, und du bist mit deiner Mum und deiner Schwester Carina in den Norden gezogen. (Carina! Carina, Herrgott noch mal! Was soll denn das für ein Name sein? Ist ja schön |32|und gut, daß der Herzog von Norfolk eine Tochter namens Carina hat. Aber es liegen Welten dazwischen, ob man sagt »Darf ich Ihnen Lady Carina Fitzalan-Howard vorstellen?« oder »Das ist Carina Garland.«) Du bist von Old Harrow und aus ihrer Nähe weggezogen, weg von ihren Fracks, Zylindern, Blazern und Kreissägen. Du warst zwölf Jahre alt. Nach und nach hat dich der Akzent des Nordens angesteckt. Nicht sehr, nur eine Spur, aber für deine empfindlichen und geschärften Ohren so unüberhörbar, wie eine Hasenscharte unübersehbar ist. Langsam reimten sich »one« und »none« bei dir auf »shone« und »gone« statt auf »sun« und »gun«, und allmählich hörte man die g’s in »ringing« und »singing«. In der Schule hast du sogar »mud« mit »good« gereimt und »grass« mit »lass«. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, andernfalls wärst du als Tunte aus dem Süden verprügelt worden, aber diesen Sprachmatsch hast du teilweise mit ins Haus geschleppt. Nicht daß deine Mum was gemerkt hätte.

Bis heute Nachmittag.

Heute Nachmittag hat sie ein paar taubstumme Kinder zum Tee mit nach Hause gebracht. Als sie wieder weg waren, hast du gesagt, meine Güte, sogar deren Zeichensprache hat ja einen mancunischen Einschlag. Eigentlich ein guter Witz. Mum war pikiert und hat dich einen Snob genannt. Das erstemal, daß das Wort laut ausgesprochen wurde. Es hing in der Luft wie ein Furz in der Teestube. Ich habe es taktvoll überhört, aber uns beiden war klar, daß wir schlafende Hunde geweckt hatten, denn wir wurden rot und schluckten. Ich fummelte an meinen Schnürsenkeln herum, und sie mußte plötzlich den Deckel der Teekanne zurechtrücken.

Dann bin ich hochgekommen und habe angefangen, das alles aufzuschreiben und … Mist. Ich bin in die erste Person verfallen. Ich habe »ich« gesagt.

Egal, das ist sowieso alles bald Geschichte. Aufgepaßt, bald |33|gehöre ich dazu. Ich bin schon fast drin. Und ich lasse mich nicht mehr aufhalten. Ich bin intelligenter als sie, tapferer und zudem besser. Ich bin für jede einzelne Klausur bestens präpariert, und sie werden mich nicht zurückweisen können.

Aber ich muß mich auf die große Schule vorbereiten. Die Schule, die zählt. Die Schule des Lebens, wenn die Phrase gestattet ist. Ich werde meinem »Garland« den Mädchennamen meiner Mutter voranstellen. Warum auch nicht? Sowas haben die doch schon immer gemacht. Ich werde Barson-Garland heißen. Das klingt doch schon viel besser. Menschenskind, ich könnte aus der doppelläufigen Büchse eine mit drei Läufen machen. Barson-Barson-Garland, wie wäre das? Ein bißchen zuviel, fürchte ich. Aber Barson-Garland gefällt mir. Das entschärft den Ashley, macht ihn fast schon erträglich.

Aber das Wichtigste ist die Aussprache. Wenn ich ankomme, wird sie sitzen, und niemand wird je etwas merken. Meine Übungen sind fertig vorbereitet:

 

Nicht good, sondern gid.

Nicht post, sondern paste.

Nicht real, sondern rail.

Nicht go, sondern gay.

Nicht –

 

Die Außentür zum Biologieraum knallte zu, Ned blickte hoch und sah Ashleys Scheitel in der Scheibe der Innentür. Er schlug das Tagebuch zu, schob es hastig in die Tasche zurück und beugte sich rasch über sein Zellbiologie, Teil II, beide Fäuste in die Wangen gepreßt, die Haare hingen ihm wie ein dichter Seidenvorhang in die Stirn.

Er schien tief ins Buch versunken, als sich Barson-Garland wieder neben ihn setzte. Ned sah hoch und lächelte. Er hoffte, der Druck der Fäuste würde die starke Rötung erklären.

|34|»Was war denn los?« flüsterte er.

»Nichts besonderes«, sagte Barson-Garland. »Der Direktor will, daß ich bei der Abschlußfeier die Ansprache halte.«

»Du liebe Zeit, Ashley! Ist ja total super.«

»Ach, das ist gar nichts … gar nichts.«

Barson-Garlands erstes nothing reimte sich auf frothing, und er verbesserte sich schnell. Ned tat so, als hätte er nichts gemerkt. Eine halbe Stunde zuvor hätte er nichts gemerkt. In einer spontanen Aufwallung von Sympathie und Freundschaft legte er Ashley die Hand auf die Schulter.

»Bin verdammt stolz auf dich, Ash. Wußte doch schon immer, daß du ein Genie bist.«

Dr. Sewell krächzte schrill dazwischen. »Wenn Sie schon alles Wissenswerte verarbeitet und nichts Besseres zu tun haben als zu schwätzen, Maddstone, dann wären Sie vielleicht so gut, diesen Chloroplasten an der Tafel für mich zu beschriften.«

»Klar doch, Sir.« Ned seufzte fröhlich, ging nach vorn und warf Barson-Garland über die Schulter ein bedauerndes Lächeln zu.

Barson-Garland lächelte nicht. Er starrte ein gepreßtes vierblättriges Kleeblatt auf Ned Maddstones Stuhl an. Dasselbe vierblättrige Kleeblatt, das drei Jahre lang ungestört zwischen den Seiten seines privaten Tagebuchs gelegen hatte.

 

|35|Jemand klopfte laut an die Tür von Rufus Cades Arbeitszimmer. Nach zwanzig Sekunden panischen Fluchens ließ sich dieser in seinen Sessel fallen, sah sich noch einmal hektisch um, und zufrieden, daß alle Spuren beseitigt waren, rief er ein »Herein!«, in dem sich hoffentlich Lässigkeit und Langeweile mischten.

Ashley Barson-Garlands sardonisches Gesicht erschien in der Tür.

»Ach, du bist das.«

»Wer denn sonst?« Ashley setzte sich und sah halb belustigt, halb verächtlich zu, wie sich Cade weit aus dem Fenster lehnte und Pfefferminzbonbons ausspuckte wie ein Seereisender, der sich auf einer Fähre über die Reling erbricht.

»Mich dünkt, lieblicher Lavendelduft durchflutet die Stube«, sagte Ashley, nahm eine Airfresh-Dose vom Schreibtisch und inspizierte sie mit wohlwollendem Amüsement.

Cade, immer noch bäuchlings auf dem Fensterbrett, wühlte im Blumenbeet unter dem Fenster. »Hätt’st ja auch sagen können, daß du es bist.«

»Und mir das Vergnügen dieser Darbietung versagen?«

»Verarschen kann ich mich alleine …« Cade richtete sich auf und hatte einen lädierten, aber fachmännisch gerollten Joint in der Hand, den er sorgfältig von Kompostkrümeln befreite.

Ashley sah zufrieden zu. »So feinfühlig. Wie ein Archäologe, der eine just ausgegrabene etruskische Vase sauber pinselt.«

»Ich hab’ auch ’ne Flasche Gordon’s da«, sagte Cade. »Man glaubt es kaum, aber Maddstone hat die fünf Pfund zurückgezahlt, die er mir schuldete.«

|36|»Ach, das glaube ich gern. Ich habe gesehen, wie sein stolzer Herr Papa ihm heute nachmittag kurz vor dem Spiel einen Zehner zugesteckt hat.«

Cade holte ein Zippo aus der Hosentasche. »Was, als Belohnung, weil er im nächsten Jahr Schulsprecher wird?«

»Ebensolches glaube ich annehmen zu dürfen. Indes auch eine Belohnung dafür, Kapitän der Cricketmannschaft zu sein und den alten Schlagrekord der Schule gebrochen zu haben. Und weil er einnehmend, höflich, lieb und nett ist. Weil er –«

»Du kannst ihn nicht ab, was?« Cade inhalierte tief und reichte Ashley den Joint.

»Danke. Meines Erachtens bist auch du ihm nicht sonderlich gewogen, Rufus.«

»Ja. Kann man sagen.«

»Hat das womöglich mit der Tatsache zu tun, daß er dich nicht in die A-Mannschaft aufgenommen hat?«

»Scheiß drauf«, sagte Cade. »Geht mir echt am Arsch vorbei. Er ist einfach … er ist ein Kotzbrocken, aber wie! Kommt sich immer so oberschlau vor. Ein Großkotz.«

»Mit der Einschätzung stehst du allein auf weiter Flur. Ich habe den Eindruck, die Schule ist geschlossen der Ansicht, unser Ned nenne unentwegte und liebenswerte Bescheidenheit sein eigen.«

»Und wenn schon. Mich führt er nicht hinters Licht. Tut immer so, als hätte er alles.«

»Hat er ja auch.«

»Bis auf Geld«, sagte Cade genüßlich. »Sein Vater ist bettelarm.«

»Stimmt«, sagte Ashley tonlos. »Bettelarm.«

»Dagegen ist ja auch nichts zu sagen«, ergänzte Cade mit taktloser Hast. »Ich meine … ich wollte nicht … Geld ist ja schließlich … du weißt schon …«

»Geld ist nicht alles? Da wär’ ich mir nicht so sicher.« Ashley |37|sprach deutlich und bedächtig wie immer, wenn er wütend war, und das war er oft. Wut nährte ihn, kleidete ihn, und er hatte ihr viel zu verdanken. Cades Taktlosigkeit reizte ihn bis aufs Blut, aber der Zorn stachelte ihn zu geistigen Höhenflügen an. »Wie wäre es mit folgendem Vergleich? Geld verhält sich zu allem wie ein Flugzeug zu Australien. Das Flugzeug ist nicht Australien, ist aber das beste uns bekannte Mittel, um hinzukommen. Metonymisch gesprochen, wäre das Flugzeug also doch Australien.«

»Auch ’n Gin?«

»Da sag’ ich nicht nein.« Im Handumdrehen vom Ärgern zum Amüsement. Ashley konnte einem Wesen nicht lange grollen, das auf der Evolutionsleiter so weit unten stand wie Cade.

»Deine Ansprache war … die war echt super«, sagte Cade und gab Ashley eine Flasche und ein Glas. Ashley sah, daß die Flasche halbleer war, während Cade anscheinend mehr als halbvoll war.

»Hat sie dir gefallen?«

»Na ja, ich mein’, war ja Latein, oder? Aber, doch. Klang prima.«

»Stets zu Diensten.«

»Willst du Musik auflegen?«

»Musik?« Ashley musterte Cades stolz geordnete Plattenborde mit pingeligem und ihm völlig bewußten Widerwillen. »Aber du hast doch gar keine. Was soll ich mir denn beispielsweise unter Honky Château vorstellen? Ein Schloß voller Gänse? Einen Bordeaux aus Hongkong?«

»Elton John. Die Scheibe ist Jahre alt. Davon mußt du doch mal gehört haben – Scheiße!«

Leises Klopfen an der Tür ließ Cade hochfahren. Bevor er sich an die nächste Vertuschungsaktion machen konnte, stand Ned Maddstone schon im Zimmer.

»Ach du liebe Zeit, tut mir leid. Wollte nicht … hey, meine |38|Güte, das ist doch nicht nötig. Ich bin doch kein … verdammt noch mal, das Schuljahr ist fast vorbei. Laßt euch nicht stören. Ich wollte bloß …«

»Komm rein, Ned, wir, weißte, wir feiern bloß grade ein bißchen«, sagte Cade und stand auf.

»Mann, find’ ich klasse, aber … na ja, mein Vater hat mich zum Essen eingeladen. Er wohnt im George. Dachte mir, daß du vielleicht hier bist, B-G, und wollte fragen, ob du Lust hast mitzukommen. Ähm, ihr beide. Natürlich. Von wegen letzter Schultag und so.«

Ashley feixte insgeheim über die täppische Ausdehnung der Einladung auf Rufus.

»Nett von dir«, sagte Rufus, »aber weißt du, ich hab’ schon einen in der Krone. Da ist mit mir nicht viel anzufangen. Würd’ euch bloß blamieren, ehrlich gesagt.«

Ned wandte sich beflissen an Ashley. »Oder hast du schon was vor, Ash?«

»Ist mir eine Ehre, Ned. Ehrlich. Ich spring’ nur eben nach oben und zieh’ mir was Passendes für den Abend an.« Er wies bedauernd auf seine Schulfeierkluft. »Geh ruhig schon vor. Ich komm’ dann ins George nach, wenn du nichts dagegen hast.«

»Prima. Prima. Echt prima«, sagte Ned und grinste fröhlich. »Na dann. Rufus, wir sehen uns im August, nicht?«

»Wie bitte?«

»Ich dachte, du bist bei Paddys Segeltörn dabei.«

»Ach so«, sagte Cade. »Klar. Definitiv.«

»Dann sehen wir uns in Oban. Freu’ mich schon. Okay. Na dann. Prima.«

In Cades Zimmer herrschte Schweigen, nachdem Ned gegangen war. Als wäre die Sonne verdunkelt worden, dachte Ashley bitter.

Daß dieses depperte Tugendlamm sich zu seinem, Ashley Barson-Garlands Gönner aufschwang, dieser Saubermann mit |39|seiner Seidentolle und den Dackelaugen, dieses präfektenperfekte Pseudomannsbild –

Ashley sah es natürlich, er konnte es Ned von den Augen ablesen. Den mitleidigen Wiedergutmachungsversuch. Die einfühlsame Zuneigung. Ned war zu dämlich, um zu merken, daß Ashley es gemerkt hatte. Wenn ein anderer Schüler, egal wer, sein Tagebuch gelesen hätte, dann hätte der ihn verspottet, wäre nach Strich und Faden über ihn hergefallen und hätte es der ganzen Schule weitergetratscht. Ashley war unbeliebt, das wußte er nur zu gut. Er gehörte nicht dazu. Er hörte sich richtig an, aber er gehörte nicht dazu. Er hörte sich zu richtig an. Diese schwachsinnigen Söhne vollblütiger Zuchtstuten und reinrassiger Hengste waren rüpelhaft und ungehobelt, und keiner von ihnen verdiente das ihm gewährte Privileg. Er, Ashley Barson-Garland, stand abseits, weil er nicht prollig genug war. Welch eine Ironie. Aber da ausgerechnet Ned heimlich sein Tagebuch gelesen hatte, wußte Ashley, daß sein Geheimnis in guten Händen war.

Aber kein Geheimnis war je sicher, wenn ein zweiter es kannte, sagte sich Ashley. Die Vorstellung war unerträglich, daß sein Leben, ein Teil seines Lebens auch im Kopf eines anderen existierte.

Er überlegte, ob er die offene Tasche bewußt neben Ned liegengelassen haben konnte. Als ihm ausgerichtet worden war, der Direktor wolle ihn sprechen, warum hatte er die Tasche da nicht mitgenommen? Er war todsicher, daß er mit seinem Tagebuch noch nie so nachlässig umgegangen war. Und Biologie war das einzige Fach, wo er neben Ned saß. Hatte er gewollt, daß Ned es las? Ashley tat diese unsinnigen Überlegungen ab. Vulgärpsychologie brachte ihn auch nicht weiter. Wichtiger war die Frage: Welche Seiten hatte Maddstone gelesen? So wie er Ned kannte, hatte er bestimmt vorne angefangen, sagte sich Ashley. Er konnte unmöglich weit gekommen sein. Querlesen war nicht seine starke Seite.

|40|Was hatte Ned danach wohl gemacht? Wahrscheinlich gebetet. Ashley mußte bei dem Gedanken fast lachen. Genau, Ned wäre in die Kapelle gegangen, auf die Knie gefallen und hätte um Erleuchtung gebetet. Welche Erleuchtung hatte sein kastanienrot glänzender Shampoowerbungsjesus ihm wohl zukommen lassen? »Gehe hin und liebe Ashley wie deinen Bruder. Mein Sohn Ashley ist voller Angst und Selbsthaß. Gehe hin, und der Herr lasse leuchten sein Angesicht über ihm und sei ihm gnädig.«

Mitleid. Ashley verkrampfte sich. Er hätte Ned am liebsten die Kehle aufgerissen, Venen und Nerven mit den Zähnen herausgezogen und auf den Boden gespuckt. Nein, stimmte nicht. Das war falsch. Das wollte er nicht. Es hätte Ned nur zum Märtyrer gemacht. Ashley wollte etwas viel Vollkommeneres. Er spürte einen neuen Zorn, den er erst auf den Begriff bringen mußte: Haß.

Cade hatte den Gin ausgetrunken. »Du willst doch nicht im Ernst mit seinen Eltern essen gehen, oder?« fragte er.

»Wieso denn nicht? Natürlich geh’ ich hin«, sagte Ashley sanft.

»Der wollte mich, glaub’ ich, gar nicht einladen«, sagte Cade. »Schleimscheißer.« Er schlug mit der Faust auf die Armlehne, und eine Staubwolke stieg auf. »Verfluchte Scheiße, warum bin ich bloß aufgestanden? Als wäre er mein Herr und Meister. Er tut immer so grundehrlich, dabei ist alles, was er macht, reine Camouflasche.«

»Camouflasche?« sagte Ashley. »Das gefällt mir. Camouflasche. Manchmal erstaunst du mich, Rufus.«

»Noch ’n Zug?« Cade bot ihm den letzten Zentimeter des Joints an. »Ich wollte Camouflage sagen.«

»Nein, wolltest du nicht. Das glaubst du vielleicht, aber dein Gehirn weiß es besser. Du hast doch bestimmt mal Zur Psychopathologie des Alltagslebens gelesen, oder?«

|41|»Quatsch mit Soße«, sagte Cade.

Ashley stand auf. »Ich geh’ mich dann besser umziehen. Freu’ mich schon, endlich aus dieser Zwangsjacke rauszukommen.«

Das war gelogen. Ashley fühlte sich selten wohler, als wenn er seinen Sonntagsstaat aus gestreifter Hose, Frack und Zylinder anlegen konnte.

»Arschloch«, sagte Cade. »Verfluchtes Scheißarschloch.«

»Oh, das nenne ich wahre Höflichkeit.«

»Du doch nicht. Maddstone. Für wen hält sich der Arsch eigentlich?«

»Das frag’ ich mich auch«, sagte Ashley an der Tür. »Schlaf gut.«

»Du bist übrigens auch ein Arschloch, Ashley Bastard-Garland«, brummelte Cade vor sich hin und lehnte sich im Sessel zurück, als die Tür ins Schloß fiel. »Mal ehrlich, wir sind doch alle Arschlöcher. Aua!« Er hatte sich die Unterlippe an den letzten Millimetern des Joints verbrannt. »Alles Arschlöcher, bis auf den beschissenen Ned Maddstone. Was ihn zum allergrößten Arschloch macht«, folgerte er.

 

|42|Pete und Hillary zeigten die unausstehliche Selbstgefälligkeit, die sie immer aufsetzten, wenn sie am Vorabend miteinander geschlafen hatten. Portia versuchte, das auszublenden, indem sie lautstark und hektisch in der Küche hantierte und Schubladen mit solchem Karacho zuknallte, daß das Besteck wie ein Gamelan klimperte und klirrte. Das blendende Sonnenlicht der Toskana fiel durchs Fenster auf den ausladenden Tisch in der Mitte des Raums, wo Pete einen großen Brotlaib in Scheiben schnitt.

»Heute morgen werden wir uns an Prosciutto und Mozzarella gütlich tun«, sagte er. »Wir haben Kirschmarmelade, wir haben Aprikosenmarmelade, und Hills kocht gerade Kaffee.«

»Seit wir hier sind, haben wir uns an genau diesen Dingen gütlich getan«, sagte Portia, nahm ein Glas Orangensaft und setzte sich.

»Ich weiß. Ist das nicht herrlich? Hills und ich sind in aller Herrgottsfrühe aufgestanden und haben im Dorf ofenfrisches Brot gekauft. Riech mal. Los. Nur zu.«

»Pete!« Portia stieß den Laib weg, den er ihr hinhielt.

»Irgendwer ist heute morgen mit dem linken Bein aufgestanden …«

Portia musterte ihren Vater. Er trug ein offenes Batikhemd, ein Armband aus Elefantenhaar, Holzlatschen und, wie sie schaudernd sah, eine hautenge rotbraune Badehose, die jede Beule und Schwellung seiner Genitalien betonte.

»Wie kommst du denn –« setzte sie an, wurde aber von ihrem verschlafen hereinschlurfenden Vetter unterbrochen.

»Aha!« sagte Pete fröhlich. »Es ist wach. Es ist wach und braucht Futter.«

|43|»Ja, hi!« sagte Hillary, die neuerdings einen komischen amerikanischen Einschlag hatte, wenn sie mit Gordon sprach. Auch das brachte Portia in Rage.

»Was ist heute angesagt?« fragte Gordon, nahm eine Einkaufstasche vom Stuhl neben Portia und setzte sich.

»Also Pete und ich haben gedacht, wir könnten uns den Palio ansehen«, sagte Hillary aufgedreht und stellte den beiden die Kaffeekanne hin.

»Ist doch aus und vorbei, Hillary«, sagte Portia mit jenem verzweifelten Unterton, in dem man sich mit einem Kind unterhält. »Wir haben doch die Familie getroffen, die den letzte Woche gesehen hat, weißt du das nicht mehr? Direkt vor ihnen war ein Reiter vom Pferd gefallen und hat sich das Bein so gebrochen, daß der Knochen herausstand. Sowas kannst doch selbst du nicht vergessen haben.«

»Aber Mäuschen, es gibt in Italien doch nicht nur diesen einen Palio«, sagte Pete. »Der in Lucca ist heute abend. Nicht so spektakulär oder gefährlich wie in Siena, aber ganz spannend, hab’ ich mir sagen lassen.«

»Lucca?« fragte Gordon mit vollem Mund. »Wo is’n das?«

»Nicht weit weg«, sagte Pete, goß Kaffee in eine große Schale und verdünnte ihn mit heißer Milch. Obenauf schwammen Hautstücke. Portia wurde bei dem Anblick fast schlecht. »Da wollte ich sowieso mal hin. Lucca soll die Olivenölhauptstadt der Welt sein. Man kann beim Pressen zusehen. Ich finde, heute vormittag schwimmen und lesen wir, dann fahren wir ganz gemütlichüber die Landstraßen hin und essen irgendwo in den Hügeln. Was haltet ihr davon?« Hautstücke vom Kaffee hingen ihm im Schnurrbart. Portia hatte sich noch nie so für ihn geschämt. Es war ihr schon immer ein Rätsel gewesen, wie Hillary so etwas auf sich ertragen konnte. Seit sie wußte, daß es auf der Welt einen Mann wie Ned gab, war es ihr erst recht ein ewiges kosmisches Mysterium geworden.

»Find’ ich gut«, sagte Gordon. »Du nicht auch, Portia?«

|44|»Total.«

Portia konnte ein launisches Achselzucken gerade noch unterdrücken. Vor ihren Eltern führte sie sich ungeniert wie eine verwöhnte Göre auf, aber auf Gordon wollte sie reifer wirken. Sonst hätte sie jetzt gesagt: »Das heißt, wenn wir in Lucca ankommen, sind die ganzen Läden und Cafés dicht, ja? Und wir müssen wieder fünf Stunden lang durch eine total ausgestorbene und gottverlassene Stadt laufen, bis der Rest der Welt aus der Siesta aufwacht. Toller Plan, Pete.«

So aber beschränkte sie sich auf die Bemerkung: »Arnolfini kam aus Lucca.«

»Bitte wer?« fragte Gordon.

»Es gibt ein Gemälde von van Eyck«, sagte Portia, »das heißt Die Verlobung des Arnolfini. Arnolfini ist der Mann auf dem Bild und kam aus Lucca. Er war Kaufmann.«

»Ach ja? Und woher weißt du das alles?«

»Weiß nicht, muß ich irgendwo gelesen haben.«

»Ich hab’ mich nie mit Kunstgeschichte befaßt.«

Portia fand, die Antwort »Ich auch nicht; man muß sich nicht gleich mit etwas ›befassen‹, um ein bißchen darüber zu wissen« hätte arrogant geklungen, und biß sich erneut auf die Zunge. Sie wurde langsam wirklich unerträglich intolerant. Dabei mochte sie Gordon. Es gefiel ihr, wie stoisch er sich mit den Schicksalsschlägen abfand, die ihn heimgesucht hatten. Er schien sie ebenfalls zu mögen, und es war ja nicht schwer, jemanden zu mögen, der einen auch mochte, sagte sie sich. Das war keine Eitelkeit, das war gesunder Menschenverstand.

»Mich däucht, ich höre das liebliche Spotzen eines Fiat«, sagte Pete und neigte den Kopf Richtung Auffahrt. »So Gott will, bringt er uns Kunde aus England.«

Portia schoß hoch. Ihr Wankelmut war wie weggeblasen. Sie brauchte einen Brief wie ein Junkie einen Schuß. »Ich gehe«, sagte sie, »dann kann ich ein bißchen Italienisch üben.«

|45|Hillary rief ihr nach: »Porsh, du weißt doch, daß deine Ergebnisse frühestens nächste Woche kommen! Außerdem hat Mrs. Worrell gesagt, daß sie uns hier anruft, wenn irgendwas in der Post ist, was vom Prüfungskomitee kommen könnte …«

Aber Portia war schon aus dem Haus ins grelle Weiß des Tages getreten. Wen kümmerten denn Prüfungsergebnisse? Wen kümmerte überhaupt etwas? Ein Brief von Ned, bitte laß einen Brief von Ned dabeisein.

»Buongiorno, Signor Postino!«

»Buongiorno, ragazza mia.«

»Come va, questo giorno?«

»Bene, grazie, bene. E lei?«

»Anche molto bene, mille grazie. Ähm … una lettra per mi?«

»Momento, momentino, Signorina. Eccola! Ma solamente una carta. Mi dispiace, cara mia.«

Eine Postkarte, nur eine Portkarte. Sie ließ sich ihre Enttäuschung nicht anmerken und nahm sie mit zitternder Hand entgegen. Er segelte, sagte sie sich. Ein Brief war wahrscheinlich zu kompliziert. Beim Betrachten der Karte sah sie mit wachsendem Entzücken, daß er sie mit klitzekleinen, gerade noch lesbaren Buchstaben bedeckt und sogar die Adresse der Villa mit roter Tinte geschrieben hatte, damit sie sich von der winzigen blauen Handschrift abhob, die praktisch jeden Quadratmillimeter der Karte bedeckte. Er hatte es sogar geschafft, zwischen den Zeilen der Adresse Wörter unterzubringen, sah sie. Das war besser als jeder Brief. Weil er sich soviel Mühe gegeben hatte. Tausendmal besser. Vor lauter Entzücken und Liebe stiegen ihr Tränen in die Augen.

»Ciao, bella!«

»Ciao, Signor Postino!«

Sie drehte die Karte um und betrachtete die Aufnahme auf der Vorderseite, wobei sie im blendenden Sonnenlicht die Augen zusammenkniff. Ein kleiner Fischerhafen glänzte unter |46|einer gnädigeren Sonne als der auf sie herniederbrennenden. »Der Hafen von Tobermorey« stand darunter in altmodischer gelber Kursivschrift. Die Photographie hätte aus den Fünfzigern stammen können. An der Mole stand ein kleiner Morris-Minor-Lieferwagen. Dann entdeckte Portia im Gewimmel der Fischerboote eine kleine, mit roter Tinte gezeichnete Jacht.

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