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Der Sommer auf Usedom

Inhaltsübersicht

Lüttenort

Störtebeker

Peenemünde

Ahlbeck

Pudagla

Finale in Heringsdorf

Lüttenort

S. 5

Als Jasmin an der schlanken Taille der Insel ankam, um die sie Usedom zutiefst beneidete, musste sie kräftig Luft holen vor Glück. Mann, war das schön! Sie hatte ihr Auto in Koserow abgestellt und war die Hauptstraße bis Damerow entlangspaziert. Das Forsthaus, ein prächtiger Gebäudekomplex, der fast vollständig mit Reet gedeckt war, hatte ihr so gut gefallen, dass sie am liebsten gleich eine Skizze davon angefertigt hätte. Doch dann hatte sie sich mit einem Foto begnügt, das ihr später einmal als Vorlage dienen konnte. Sie war schließlich nicht nach Usedom gekommen, um Architektur zu malen. Jasmin wollte an einem Bilderzyklus über die Sagen und Legenden, über die Sitten und Gebräuche der Insel arbeiten. Vor allem aber wollte sie Zeit mit ihrer besten Freundin Gabi verbringen, die vor drei Jahren hergezogen war. Sie hatten einander in die Hand versprochen, sich mindestens einmal jährlich zu sehen. Zwar konnte Gabi sich nicht die gesamten zwei Wochen freinehmen, aber sie würden schon genug Nachmittage und Abende haben. Jede gemeinsame Sekunde war kostbar, und sie hatten es schon immer verstanden, diese zu genießen.

Ihr Weg führte Jasmin am Achterwasser entlang. Die Sonne ließ den Ausläufer des Gewässers, der sich vom Peenestrom bis hier hinaufzog, glitzern und tauchte den Tag in eine perfekte Temperatur. Dreiundzwanzig Grad, dazu eine seichte Brise, die das Schilf leise knistern ließ. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht, Ausdruck vollständiger Zufriedenheit, spazierte Jasmin dem Atelier des Malers Niemeyer-Holstein entgegen. Wo immer eine Reise sie hinführte, besuchte sie liebend gerne die Arbeitsstätten anderer Künstler. Vor allem, wenn diese so belassen worden waren, wie sie zu Lebzeiten des Künstlers ausgesehen hatten. Es gab wenig, was sie mehr inspirieren konnte. Zu sehen, wie die Glücklichen, die von ihrer Malerei hatten leben können, ihr Atelier gestaltet hatten, ihre Anwesenheit und unbändige Kreativität zu spüren, die durch ihren Tod keineswegs geringer zu werden schien, war für sie immer wieder ein beeindruckendes Erlebnis. Von Lüttenort und der Wirkungsstätte des berühmten Mannes, der von Kennern schlicht ONH genannt wurde, hatte sie schon viel gehört. Sie würde versuchen, möglichst viel darüber zu erfahren und dann ihre Eindrücke, ihre ganz eigene Geschichte über den preisgekrönten Küstenmaler auf Leinwand zu bannen.

Eine Möwe kreischte im Anflug auf den breiten Gürtel Rohrdickicht am Ufer und blieb, wie an unsichtbaren Fäden aufgehängt, über dem Achterwasser stehen. Dann drehte sie ab. Anscheinend war hier keine Beute zu machen.

Jasmin folgte dem gewundenen Steinweg, passierte ein blauweißes Boot und konnte endlich einen ersten Blick auf Atelier, Museum und Garten des Malers werfen. Sie seufzte wohlig. Schon jetzt spürte sie die Aura eines wahrhaft großen Künstlers. Jedenfalls war sie der festen Überzeugung, dass es das war, was sie spürte. Von weitem erkannte sie Skulpturen und einen Bogen, der womöglich aus alten Schiffsplanken oder gar Walknochen bestand. Im Hintergrund ein weißes, windschief aussehendes Haus. Am liebsten wäre sie sofort hineingestürmt, doch es blieb ihr nichts anderes übrig, als zunächst den gläsernen, für ihren Geschmack viel zu modernen Anbau rechter Hand zu betreten, um das Eintrittsgeld zu bezahlen. Unweit des Empfangstresens, an dem man eine Karte lösen konnte, stand eine Gruppe von Menschen, die auf etwas zu warten schien.

»Guten Tag, möchten Sie auch noch an der Führung teilnehmen?«

Jasmin zögerte einen Moment.

»Sie haben Glück. Es geht in zwei Minuten los, und es sind noch zwei Plätze frei.« Die Dame hinter dem Tresen, eine matronenhafte Person mit auberginefarbenem Haar und fröhlichen Augen, sah sie erwartungsvoll an.

»Gut, ja«, antwortete Jasmin zögerlich. Eigentlich entdeckte sie Orte wie diesen lieber auf eigene Faust.

»Sehr gerne!« Die Matrone mit dem violett schimmernden Haar ließ ihr keine Chance, es sich anders zu überlegen, nannte ihr den Preis und schob ihr bereits eine Karte auf dem Tisch herüber.

Also schön, schloss sie sich eben erst einer Gruppe an und sah sich anschließend noch alleine um. Jasmin war wild entschlossen, sich ihre gute Laune nicht verderben zu lassen. Sie nahm ihr Ticket entgegen. In dem Moment flog die Tür zu dem Wintergarten, dem Eingangsbereich der Ausstellungshalle, auf, und ein Mann stolperte im wahrsten Sinne des Wortes herein. Er war an dem Fußabtreter hängengeblieben.

»Hoppla«, sagte die Tresen-Matrone.

»Guten Tag«, antwortete er, als sei »Hoppla« eine gängige Begrüßungsformel.

»Möchten Sie auch noch an der Führung teilnehmen?«

»Ja, gerne, deswegen habe ich mich so beeilt.« Jasmin beobachtete, wie der Mann sich verstohlen Schweiß von der Stirn und seiner Oberlippe tupfte.

»Sie haben Glück. Es geht in einer Minute los, und es ist gerade noch ein Platz frei.«

Kaum hatte er seine Eintrittskarte bezahlt und entgegengenommen, wurde die Tür erneut geöffnet und lenkte alle Aufmerksamkeit der Wartenden auf die eintretende Person. Es handelte sich um eine kleine, sehr schlanke Frau. Sie trug ein weißes schwingendes Sommerkleid mit hellblauem Gürtel, dazu hellblaue Ballerinas und hatte schwarzes Haar. Wäre es goldblond gewesen, hätte Prinz Eisenherz diese Frisur tragen können. Der Pony war sorgsam zu einer Rolle nach innen geföhnt, ebenso die etwa kinnlangen Seitenpartien. Sie sah aus wie Schneewittchen, ging es Jasmin durch den Kopf. Schneewittchen stellte sich als Museumspädagogin vor, die nun die Führung durch das Haus von Niemeyer-Holstein leiten würde. Sie habe in Berlin Museumskunde studiert, sprudelte sie los. Im Brüder-Grimm-Haus in Steinau an der Straße habe sie schon gearbeitet und Erfahrungen im Chopin-Museum in Warschau gesammelt, worauf sie besonders stolz zu sein schien.

»Sie sehen, ich bin nicht auf Maler festgelegt«, verkündete sie und lachte melodisch. Jasmin hoffte, dass sie auch über ONH so viel würde erzählen können.

»Wir beginnen draußen«, sagte Schneewittchen und verließ auch schon den Wintergarten. In dem kleinen Park zwischen den Kunstwerken, die Freunde dem Maler geschenkt oder gegen Bilder getauscht hatten, begann sie mit ihrem Vortrag. Jasmin ließ sich von einem Eichhörnchen ablenken, das an den Zweigen eines Baumes turnte wie ein Artist, schließlich von einem Ast zum nächsten hüpfte und sich über den flachen Teil des Hausdaches davonmachte.

»Niemeyer-Holstein hat also nicht gleich ein Haus gebaut, sondern sich zunächst in einem S-Bahn-Wagen eingerichtet«, hörte sie Schneewittchen sagen und konzentrierte sich wieder auf die Führung, was ihr an diesem herrlich-sonnigen Junitag furchtbar schwerfiel. Außerdem gab es so viel zu sehen. Etwa die kleine Skulptur eines Reiters oder die eines nackten Mannes, vermutlich ein Diskuswerfer, dessen rechtes Bein von dem kräftigen Trieb eines Strauches mehrmals umschlungen war, als wolle die Pflanze den Sportler daran hindern, jemals aus ihrer Nähe zu verschwinden. Diesen S-Bahn-Wagen, den der Künstler 1932 für etwas über sechzig Mark gekauft und auf abenteuerliche Weise – das gute Stück hatte nämlich keine Räder mehr – hierhergeschafft hatte, gebe es noch, und man werde ihn auch betreten, drang die melodische Stimme der Museumspädagogin in Jasmins Bewusstsein.

»Sie können sich vorstellen, dass es etwas eng ist. Ich bitte Sie darum, gut darauf zu achten, wohin Sie treten. Und bitte nehmen Sie Rücksicht auf die anderen Teilnehmer der Besichtigung.« Wie viele Male mochte die Frau diesen Satz gesagt haben? Und wie recht sie damit hatte! Eng war eine glatte Untertreibung. Der ausrangierte Wagen mit seinem gewölbten Dach und den Schiebetüren war im Laufe der Jahre umbaut worden und bildete so den Mittelpunkt des Hauses. Jasmin war vollkommen fasziniert von den Gegensätzen, die hier zu ahnen waren. Im Winter mochte es nahezu unmöglich sein, dieses ungewöhnliche Gebäude warm zu kriegen. Die Küche war so winzig und spärlich eingerichtet, dass schon die Vorstellung, hier ein Mittagessen zuzubereiten, ihr Respekt vor der Dame des Hauses einflößte. Gleichzeitig wirkte alles so luftig und beinahe mediterran. Von dem Waggon ging es in eine Art Innenhof, in dem ein alter Olivenbaum seine knorrigen Äste mit den silbrigen Blättern von sich streckte. Wie schön musste es sein, an einem milden Tag wie diesem hier zu sitzen, ohne die Menschen natürlich, sondern ganz allein mit einer Staffelei und einer Farbpalette. Jasmin seufzte. Ja, an einem solchen Ort konnte man sich wahrhaft entfalten und sein ganzes kreatives Potential ausschöpfen. Sie sah sich selbst dort hocken und malen und die Zeit darüber so sehr vergessen, dass sie nicht einmal Lust auf Kuchen bekäme. Leider sah die Realität anders aus. Wenn sie nicht im Urlaub war, verbrachte sie ihre Tage streng nach der Uhr und hinter dem Schreibtisch in einer Steuerkanzlei. Und sie hatte jeden Tag Appetit auf Kuchen oder Torte. Sie schob den Gedanken beiseite. Jetzt war Urlaub, jetzt durfte sie ganz sie selbst sein. Verstohlen beobachtete sie den Mann, der als letzter Teilnehmer dieser Führung in den Wintergarten gestolpert war. Er sah gar nicht übel aus. Lachfältchen um den Mund und die braunen Augen, kurzes mittelbraunes Haar, das er mit etwas Gel aus der Stirn himmelwärts gezwungen hatte. Gerade so viel, um jung und frech auszusehen und noch nicht albern. Er trug eine ausgeblichene Jeans und ein T-Shirt und mochte etwa in ihrem Alter sein, also Anfang dreißig. Es war nicht zu übersehen, dass er Sport nicht nur im Fernsehen sah. Jasmin hörte Schneewittchen längst nicht mehr zu, sondern ärgerte sich darüber, dass sie Monat für Monat eine nicht unerhebliche Summe für ein Fitnessstudio ausgab, das sie zuletzt vor ungefähr neun Wochen von innen gesehen hatte. So würde sie nie die überflüssigen Pfunde loswerden, die aus ihr eine gedrungene kleine Kugel machten. Jedenfalls sah sie sich so. Gabi explodierte regelmäßig, wenn sie auf dieses Thema zu sprechen kamen.

»Du bist vielleicht einen Tick zu klein für dein Gewicht«, pflegte sie zu sagen. »Aber du bist ganz bestimmt nicht fett!«

Der Spätankömmling drückte sich ständig hinter der Gruppe herum. Wie in der Schule, wo immer alle in der letzten Reihe sitzen wollten. Auch jetzt wieder. Er stand eingezwängt zwischen einem Kaminofen und einem Möbel aus dunklem Holz in der Döns, dem Herzen des merkwürdigen Bauwerks. Hinter ihm an der mit Delfter Kacheln verkleideten Wand hatte Jasmin eben noch eine kleine Pendeluhr gesehen. Sie konnte nicht aufhören, zu ihm hinüberzustarren, weil sie befürchtete, im nächsten Moment würde er die Uhr mit dem Rücken vom Nagel drücken, und ihr letztes Stündchen hätte geschlagen.

»Und nun zum krönenden Abschluss gehen wir hinüber in das Atelier«, verkündete Schneewittchen mit Begeisterung. »Niemeyer-Holstein hat es ›Tabu‹ genannt, was nicht bedeutet, dass er dort niemanden empfangen wollte. Ganz und gar nicht.« Sie zählte seine Malerfreunde auf, die durchaus alle Zutritt hatten. »Für ihn war das Erschaffen von Bildern seine Arbeit, die er überaus ernst nahm. Mehr Inhalt, weniger Kunst, wie Shakespeare die Königin in Hamlet sagen lässt.« Schneewittchen lächelte zufrieden, hatte sie doch einmal mehr ihr Wissen außerhalb der Malerei bewiesen. Jasmin mochte das Zitat, fragte sich allerdings, ob es an dieser Stelle passte.

Doch schon sprach Schneewittchen weiter: »Und er argumentierte, dass er es einfach nicht ausstehen könne, wenn seine Ehefrau, die er Stüermann nannte, ihn wegen einer Nichtigkeit in seiner Konzentration unterbrach. Er pflegte zu sagen, dass auch niemand auf die Idee käme, die Tür zu einem Operationssaal einfach aufzureißen, um den Chirurgen zu fragen, was er am Abend gerne essen würde.« Sie zwinkerte und ging voraus in Richtung des Ateliers mit dem abweisenden Namen. Wie recht dieser Mann gehabt hatte, ging es Jasmin durch den Kopf. Ein letztes Mal sah sie sich in der Döns um, in der der Künstler so manchen gemütlichen Abend mit Stüermann und zahlreiche Begegnungen mit anderen Künstlern erlebt hatte. Dabei fiel ihr auf, dass der Spätankömmling wiederum wartete, um zum Schluss den Raum verlassen zu können. Ein sonderbarer Mensch.

Im Atelier angekommen, nahm Jasmin einen tiefen Atemzug, als könne sie dadurch die Atmosphäre und den Anblick aufsaugen, der sich ihr und den anderen bot. Überall Gemälde in dicken alten Rahmen, große und kleine. Was noch viel schöner war: Staffelei, Farbpalette, verbeulte Dosen mit gebrauchten Pinseln darin, ein Kaffeebecher, ja selbst Pantoffeln neben einem Stuhl erweckten tatsächlich den Eindruck, dass »der Alte« jeden Augenblick an seine Arbeit zurückkehren würde. Wunderbar! Jasmins Augen glitten über jedes winzige Detail. Da riss ein Poltern sie aus der geradezu magischen Stimmung. Der Spätankömmling war über einen Läufer gestolpert, hatte beinahe einen Vorhang mitgerissen, der neben der schmalen Eingangstür hing und ein Regal verdeckte, und ruderte nun hilflos mit den Armen, um nicht der Länge nach hinzuschlagen. Wenn es an diesem Ort nicht so gänzlich unpassend gewesen wäre, hätte Jasmin die Anwesenden gern gebeten, ihren Tipp abzugeben, ob dieser ungeschickte Kerl, der seine Füße anscheinend nicht unter Kontrolle hatte, auf selbigen bleiben oder tatsächlich stürzen würde. Entsetzt beobachtete sie, wie er gegen ein an der Wand hängendes Bord taumelte, das sich kurz vor und wieder zurück bewegte, woraufhin eine Miniatur, die darin gestanden hatte, ins Wanken geriet. Aus dem Augenwinkel erkannte er die Gefahr, riss seinen Oberkörper herum und fing das kleine Gemälde auf, bevor es zu Boden gehen konnte. Er bezahlte seine, für Jasmin völlig überraschende, Aufmerksamkeit und Reaktionsschnelligkeit mit einem Stoß seines Knies gegen die Kante eines Sessels, der ziemlich schmerzhaft gewesen sein dürfte.

»Entschuldigung«, stammelte er und stellte die Miniatur zurück an ihren Platz.

»Guckt der denn nicht, wohin er tritt?«, fragte eine kleine dralle Frau mit grauem streichholzkurzem Haar und einer runden Brille auf der Nase und schüttelte missbilligend den Kopf.

Jasmin musste schmunzeln. Natürlich musste sie der Grauhaarigen recht geben, aber irgendwie hatte der Tollpatsch etwas Sympathisches an sich. Außerdem war doch nichts passiert, und man musste zugeben, dass es bei ONH ziemlich eng war.

Drei Stunden später saß Jasmin vor einem Stück Apfelstrudel mit Vanille-Eis im Forsthaus und zeichnete mit dem Bleistift eine Skizze in ihr eigens dafür angelegtes Buch. Am Abend würde Gabi kochen, sie würden Wein trinken und vermutlich ein Dessert verspeisen oder zu später Stunde Käse und Oliven knabbern. Eigentlich hatte sie sich deshalb vorgenommen, tagsüber nichts zu essen. Andererseits bewegte sie sich hier auf der Insel viel mehr als in ihrer Steuerkanzlei, und schließlich hatte sie doch Urlaub. Wer mochte sich da schon kasteien? Wenn sie wieder zu Hause war, würde sie regelmäßig ins Fitnessstudio gehen, das nahm sie sich ganz fest vor und schob sich sehr zufrieden ein Stück Strudel mit Eis in den Mund.

Gabi wohnte in der sogenannten Usedomer Schweiz, dem Achterland am Südufer des Schmollensees. Hier gab es eine Holländerwindmühle, eine Kirche aus dem 13. Jahrhundert, sanfte Hügel und viel Wald. Ideal, um durch die Landschaft zu laufen. Nachdem Jasmin am Vorabend von ihrem ersten Ausflug zurückgekehrt war, hatte ihre Freundin Steak in Gorgonzolasoße aufgetischt, dazu Kroketten. Zum Nachtisch hatte es erst einen Eisbecher mit Eierlikör und später Käse gegeben. Es war also noch schlimmer gekommen, als Jasmin geahnt hatte.

»Bitte, Gabi, es war köstlich, aber du darfst mich auf keinen Fall zwei Wochen lang so mästen. Ich habe jetzt schon zu viel auf den Rippen, und ich bin nicht scharf darauf, dass noch drei oder vier Kilo dazukommen.«

»Also ehrlich«, hatte Gabi protestiert, »du hast wirklich Wahrnehmungsstörungen. Okay, vielleicht bist du für dein Gewicht etwas zu …«

»Klein«, fiel Jasmin ihr ins Wort. »Ich weiß. Dummerweise wachse ich auch nicht mehr.«

»Dann musst du eben an der anderen Stellschraube drehen, wenn du unbedingt etwas ändern möchtest, was du nicht wirklich müsstest, wenn du meine Meinung hören willst.«

»Will ich nicht.« Sie zog eine Grimasse.

»Dachte ich mir«, antwortete Gabi unbeeindruckt. »Geh joggen oder schwimmen oder fahr Rad! Mach, was du willst, nur geh mir bloß nicht mit deinen dauernden eingebildeten Figurproblemen auf die Nerven und werde vor allem nicht eine dieser unleidlichen Tanten, die mit verkniffenem Gesicht ein Salatblatt mümmeln und permanent schlechte Laune verbreiten.«

Jasmin hatte sich mehr schlecht als recht verteidigt und dann beschlossen, dass der Urlaub tatsächlich eine gute Gelegenheit war, sich mal wieder sportlich zu betätigen. Es gab Wander- und Fahrradwege, auf denen sie schon am Morgen eine Runde drehen konnte. Und genau das tat sie am zweiten Tag ihres Aufenthalts auf Usedom gleich nach dem Aufstehen.

Es würde ein warmer Tag werden, aber noch war es nicht zu heiß. Sie hatte sich von Gabi Stöcke geliehen, die für sie ein wenig zu lang waren, aber besser als nichts. Nordic Walking war für Untrainierte nun einmal erheblich günstiger als die Gelenke mit Jogging zu malträtieren. Man sah zugegebenermaßen ein wenig eigentümlich aus, aber sie war schließlich nicht auf dem Laufsteg, sondern auf einem Wanderweg, der sie jetzt in einen dichten Wald mit Erlen, Birken und Eichen führte. Sie hätte nicht erwartet, dass das üppige Laub so viel Sonnenlicht schluckte. Richtig düster wirkte der Pfad. Jasmin wurde sich mit einem Mal bewusst, dass sie ganz allein in einem Gebiet unterwegs war, in dem sie sich nicht gerade besonders gut auskannte. Am besten begnügte sie sich für den Anfang mit einer kleinen Runde. Jeden Tag konnte sie ein Stückchen weiter laufen, wenn sie erst eine brauchbare Karte der Gegend in ihrem Kopf gespeichert hatte. Kraftvoll schlug sie die Spitzen der Stöcke abwechselnd in den weichen Waldboden und lief mit großen Schritten voran. Plötzlich hörte sie ein Piepen irgendwo links des Weges, als hätte jemand sein Mobiltelefon eingeschaltet. Sie blickte zwischen Bäumen und Sträuchern hindurch. Blätter, die im vergangenen Herbst hinabgesegelt waren, lagen noch immer braun und vertrocknet wie Pergament herum und knisterten unter jedem ihrer Schritte. Da, wieder dieses Geräusch wie von einem Handy. Und dann gleich noch mal. Es klang doch eher nach einem Quietschen als einem Piepen. Wahrscheinlich nur ein Zweig, der sich vom Wind bewegt an einem Stamm rieb, sagte sie sich. Sie musste über sich selber schmunzeln. Schon immer hatte sie ein eher ängstliches Naturell gehabt. Doch hier in dieser idyllischen Gegend mitten im Naturpark waren nur Hundehalter oder harmlose Wanderer unterwegs. Es gab nun wirklich keinen Grund, eine Gänsehaut zu bekommen. Aber was war das? Ein kräftiges Schnauben, ganz eindeutig und nicht weit von ihr entfernt im Dickicht. Nicht wie von einem Stier, was sie auch nicht gerade beruhigt hätte, sondern ziemlich menschlich und an einen fiesen Schnupfen erinnernd. Sie hatte noch nie davon gehört, dass sich Rehe oder Wildschweine die Nase putzten. Instinktiv beschleunigte sie ihren Schritt. Jetzt wurde ihr doch mulmig, und das Schmunzeln verging ihr. Hatte es da nicht eben hinter ihr geknistert? Sie drehte sich um, doch da war nichts außer Bäumen und Sonnenstrahlen, die es hier und da zwischen den Ästen mit ihrem dichten Laub bis hinunter auf den Boden schafften. Wie gehetzt eilte sie durch den Wald über Wurzeln und Grasbüschel hinweg. Ihr fielen zwei kleine abgebrochene Zweige auf, die über Kreuz mitten auf dem Weg lagen. Ein geheimes Zeichen? Wieder blickte sie sich um. Sie spürte, wie sich die kleinen Härchen an ihrem Nacken aufrichteten. War nicht eben jemand zwischen den Bäumen verschwunden, als sie sich umgesehen hatte? Die Luft wurde ihr knapp, es begann in ihren Ohren zu rauschen. Hättest du dein Konditionstraining nur wichtiger genommen als Kino, Shoppen oder Treffen mit Bekannten, beschimpfte sie sich in Gedanken. Dann würde sie jetzt leichtfüßig dem Bösewicht entkommen, der hier ganz offensichtlich im Wald lauerte.

Schweißgebadet erreichte sie endlich das Haus ihrer Freundin. Die sah von ihrer Arbeit auf, als Jasmin keuchend die Loggia betrat, einen ehemaligen Freisitz, den der Vorbesitzer des Hauses mit Glas hatte schließen und zu einem voll nutzbaren Wohnraum umbauen lassen. Darin stand Gabis riesiger Zeichentisch, denn noch immer arbeitete die Architektin gern mit Papier und Bleistift. Der Teekessel pfiff, und die Uhr in der Diele stimmte mit ihrem tiefen Gong in das bescheidene Hauskonzert ein.

»Wie siehst du denn aus? Kann es sein, dass du es gleich bei deinem ersten Lauf ziemlich übertrieben hast?«

»Es war schrecklich!«, brachte Jasmin zwischen flachen, schnellen Atemzügen hervor. »Was du auf meiner Stirn siehst, ist der pure Angstschweiß.«

»Wie bitte? Ist etwa jemand hinter dir her gewesen?« Gabi sah sie über die Ränder ihrer halbrunden Brillengläser an und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

»Genauso war es. Glaube ich zumindest. Auf jeden Fall hat sich im Wald jemand herumgetrieben.«

»Das tun viele Menschen bei so schönem Wetter.« Gabi seufzte. »Sie gehen mit ihrem Hund spazieren oder treiben Sport, so wie du.«

»Nein, Gabi, der Kerl ist nicht spazieren gegangen. Der hat sich versteckt. Er hat gut aufgepasst, dass ich ihn nicht zu Gesicht kriege.« Sie wischte sich den Schweiß von der Oberlippe und musste an den Mann im Niemeyer-Holstein-Museum denken, der hereingestolpert war.

»Du hast ihn also nicht gesehen?«

»Nein, sag ich doch.«

»Und wieso weißt du, dass es ein Kerl war?« Gabi runzelte die Stirn.

»Eine Frau drückt sich doch wohl kaum im Unterholz herum«, gab sie aufgebracht zurück. »Ich kann dir sagen, ich bin um mein Leben gerannt.«

»Mit den Stöcken?«

»Die habe ich unter die Arme geklemmt.«

Jetzt musste Gabi lachen. Sie legte ihre Brille auf die Pläne, an denen sie gerade gearbeitet hatte. »Das hätte ich gerne gesehen!« Die Vorstellung schien sie sehr zu amüsieren. »Ich gieße uns mal einen Tee auf. Ich habe da eine Mischung aus Baldrian, Passionsblume und Melisse. Das ist jetzt genau das Richtige für dich.«

»Du hältst mich für überdreht, aber ich schwöre dir, auf eurer angeblich so friedlichen Insel treibt jemand sein Unwesen.«

»Da könntest du recht haben«, rief Gabi aus der Küche. »In der Zeitung steht heute, dass der Kunstdieb schon wieder zugeschlagen hat, der Galeristen und private Sammler seit Wochen in Angst und Schrecken versetzt.«

Jasmin hörte ihr nicht zu. »Das war’s«, murmelte sie vor sich hin. »Schluss mit der Lauferei durch den Wald. Lieber bin ich rund wie ein Goldhamster als mausetot!«

Gabi kam zurück. »Vorschlag: Du gehst erst mal duschen, dann trinkst du einen Tee, und danach ist es Zeit für meine Mittagspause. Was hältst du davon, wenn wir nach Heringsdorf fahren?«

Zwei Stunden später saßen die beiden Frauen in einem Lokal des beliebten Ferienorts, von dem sie einen schönen Blick auf die Seebrücke hatten. Der Strand war voller Menschen, die Ball spielten, mit ihren Kindern im Sand buddelten oder einfach nur in der Sonne lagen. Im Wasser war noch nicht viel los, die Ostsee war im Juni noch ziemlich frisch.

»Ich nehme nur ein Glas Wasser«, verkündete Jasmin und erntete einen erschöpften Blick ihrer Freundin. »Na schön, vielleicht esse ich doch einen kleinen Salat dazu.« Sie wandte sich an die Kellnerin. »Den mit Thunfisch und dreierlei Käse, bitte.« Den Schreck des Vormittags hatte sie vergessen und strahlte ihre beste Freundin überglücklich an. »Ich freue mich so, dass ich hier bin!«

»Ich freue mich auch.«

Sie schwiegen und hingen eine Weile ihren Gedanken nach.

Dann fasste Jasmin sich ein Herz. »Nun erzähl mal, wie hast du dich auf der Insel eingelebt?«, fragte sie, obwohl Gabi bereits seit drei Jahren hier wohnte und sie am Telefon und bei ihren früheren Treffen schon viel über die Umstellung, von Berlin nach Usedom zu ziehen, gesprochen hatten. Was sie wirklich wissen wollte, war, wie es Gabi seit dem Tod ihres Mannes ging. Die beiden waren für Jasmin ein Bilderbuch-Paar gewesen. Gabi hatte sich Thorsten mit vierzehn Jahren in den Kopf gesetzt und zehn Jahre später geheiratet. Sie hatten beide Architektur studiert, hatten dieselben Dinge geliebt und dieselben nicht leiden können. Als Thorsten vor etwas über vier Jahren plötzlich schwer krank wurde und dann so schnell starb, dass die beiden nicht einmal die Chance hatten, sich diesem Schicksal einigermaßen gefasst zu stellen, war auch Gabis Leben beendet gewesen. Jedenfalls ihr altes vertrautes Leben, das genauso war, wie sie es haben wollte. Sie musste ein neues beginnen, so viel stand fest. Darum der Ortswechsel, der Umzug auf die Insel.

»Toll! Stell dir vor, ich habe ein schönes altes ...

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