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Der Schrei

Ilse Behl

Geboren und aufgewachsen in der Nordheide südlich von Hamburg versuchte die Autorin schon früh, dem »Buchstabenwesen«, das sie überall entdecken konnte, auf die Spur zu kommen.

Sie wusste: In besonderer Weise mussten die Zeichen zusammengefügt unbedingt etwas mit ihrem Leben zu tun haben! Die harte Arbeit im ländlichen Familienbetrieb stand einer länger dauernden Schulbildung leider im Wege, sodass Ilse Behl den Mut fassen musste, ihre eigenen Vorstellungen und Talente besser zu erkennen und in ihre Realität zu überführen: »Kreativität« hieß die Lösung.

Als sie viel später endlich ihr Lehrerinnen-Examen in Händen hielt, erkannte sie, dass ihr eigener Weg bereits Geschichten enthielt, Geschichten, die sogar Romancharakter hatten. So fügten sich nun die Buchstaben allmählich willig wie Bausteine zu einem Gebäude zusammen: In einer besonderen Weise umkreisen die Protagonisten in allen Büchern ihr Selbst in den verschiedensten Lebenslagen und -Situationen. Lesen und Schreiben wurden wechselseitig zu »Handlangern« ihrer literarischen Arbeit.

Ihre Erfahrungen gibt sie an wechselnde Kreise, auch Schulklassen (auf Wunsch) im Bundesgebiet oder in der Volkshochschule in Kiel bei »biografischen Recherchen« weiter.

ILSE BEHL

DER SCHREI

oder:

WER IST TIGER-MANUEL?

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Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm:
www.buchmedia-publishing.de

Originalausgabe

August 2018

Die Schatzkiste

Ein Verlag der Buch&media GmbH, München

© 2018 Buch&media GmbH, München

Umschlaggestaltung: Johanna Conrad

ISBN print: 978-3-96233-076-7

ISBN epub: 978-3-96233-077-4

ISBN pdf: 978-3-96233-078-1

Printed in Germany

INHALT

EIN WINTERHUHN MIT NAMEN NICOLA

GROSSMUTTER IST NICHT GERADE DIE GROSSE MUTTER

DER ALTE SVEN HAT GUT LACHEN

FREDY IST AUCH SO EIN TYP

DER FREMDE JUNGE

ECHTE SILBERLINGE

FLÜCHTLINGE

FREDY IST NEUGIERIG

ES GIBT EIN GEHEIMNIS

FREMD SEIN

JONAS

WIE GEHTS DENN SO, WAS SAGT DIE OMA?

ANSPANNEN

SVEN BJÖRNSON LEGT LOS

VOM BALKON SPRINGEN?

CHAOS IM KLASSENZIMMER

WO IST DAS KIND GEBLIEBEN?

LIEBE

WUT

GEFANGEN

HEISSE SPUR

TIGER-MANUEL

FLUCHT EBEN

EIN MENSCH NAHT

DIE BADEWANNE GENANNT MITTELMEER

SVEN IST EIN KUMPEL

WEGLAUFEN

EINBRECHER?

ERHOLUNG

TIGER-MANUEL

SCHLAG AUF SCHLAG

PAPA ETWA?

DER SCHNELLE BLICK

WO, WIE UND WARUM?

SUCHEN UND FINDEN

EIN SCHREI

WALDI, DER MENSCHENHUND

DAS SCHICKSAL FRAGT NICHT

SCHÄTZE

GRABEN UND SÄEN

DAS KIND IST KEIN KIND MEHR

TIGER-MANUEL: DIE WAHRHEIT

ALKAZARS BEICHTE

GLÜCKSZAHL 11

JEDER IN PORTUGAL WILL EIN GANZER MANN SEIN

DER BRUDERKAMPF

DER ABSCHIED

JONAS

MUTTER UND TOCHTER

EIN WINTERHUHN MIT NAMEN NICOLA

Nicola Meyenstett lebt eigentlich mit ihren Eltern in Hannover, wo ihr Vater bei einer Forschungsfirma arbeitet und für unbestimmte Zeit mitten im Winter nach Nordafrika geschickt wird. Weil er sich nach einigen Wochen nicht mehr zu Hause meldet, reist die Mutter ihm voller Sorge nach. Die Zeit überbrückt das dreizehnjährige Mädchen bei der Großmutter in der Nähe Nürnbergs. Die Großmutter ist sehr bekümmert.

»Mein Kind, wie oft soll ich es noch sagen: Wenn die Schule aus ist, kommst du sofort nach Haus, damit ich mir keine Sorgen machen muss!«, mahnt die Großmutter täglich. Diesen Satz kennt Nicola auswendig. Wie spricht die Oma überhaupt mit ihr? Das Mädchen hält das nicht mehr aus. Heute bleibt Nicola vor der Haustür stehen. Mit den Winterstiefeln stößt sie ratlos gegen den unteren Holzbalken, den der Großvater vor zwei Jahren zur Verstärkung angebracht hat. Sie hört einen dumpfen Laut, der hoffentlich innen nicht nachhallt. Wie spät ist es denn? Sie hebt ihr Handy: vierzehn Uhr! Über eine halbe Stunde zu spät für ein gemeinsames Essen am Küchentisch. Nicola schluckt hörbar und klingelt endlich. Die Großmutter öffnet mit einem Ruck und beginnt sofort zu sprechen: »Wo kommst du her so spät? Wie siehst du überhaupt aus? Los, jetzt wasch dich, ich habe das Essen heute nicht warm gestellt. Sollte es ewig im Ofen stehen?«

»Ich war noch kurz an Holtmanns Teich. Die Wasserhühner haben ganz allein ein Loch im Eis geschafft. Jetzt können sie wieder tauchen …«, versucht Nicola eine Erklärung.

»Genau wie ein Wasserhuhn siehst du auch allmählich aus. Alles hängt an dir, geh, schau in den Spiegel. Ich werde mich wieder aufs Sofa legen!«

Das »Winterhuhn« liegt auf einer gestreiften Bettdecke.

Mit dem neuen Handy in der schlaffen Hand wartet es. Worauf denn nur?

Das Telefon soll klingeln, natürlich, aber es ruft ja niemand an … Die Freunde in Hannover sind zu weit entfernt. Man kann sich nicht einfach so treffen.

Wenigstens soll der Tag endlich zu Ende gehen.

Langeweile, lange Weile, jeden Tag aufs Neue.

Eine Stunde Fernsehen hat die Großmutter erlaubt.

Ab und zu lauscht Nicola zum Fenster hin:

Unregelmäßig fallende Regentropfen kündigen schon wieder schlechtes Wetter an, scheint es. Plötzlich hört sich etwas hart an, das sich am Fenster zu schaffen macht. Eisstückchen? Innerhalb weniger Sekunden verschwindet der graue Wettervorhang und es scheint das hellste Licht der Welt ins Zimmer.

Nicola ist noch dreizehn Jahre alt. Sie setzt sich ruckartig auf und schwingt beide Beine zugleich über den Bettrand. Was ist das für ein helles Licht? Jetzt ist sie sicher: Schnee und Frost gehen in ihren flüssigen Zustand über. Leise rieselt die Winterhärte davon. Dicke Tropfen, halb noch aus Eis, zerplatzen auf dem blanken Balkonboden nebenan. Auch die Dachrinne arbeitet: Das Blech knackt wie eine Dose unter dem Öffner.

Durchs Fenster aufblitzendes blankes Licht bringt Nicola in volle Fahrt. Das Handy rutscht ihr von selbst aus der Hand. Im Nu stürzt sie die Treppe hinunter und reißt die Haustür auf. Vorwärts an die Gartenpforte! Kommt vielleicht jemand vorbei, auf den sie schon lange heimlich gewartet hat? Vielleicht sogar Papa?

Hinter ihr liegt das Drinnen, die Dunkelheit, der Winter. Vor ihr liegt das Draußen, das Licht, das Helle; der Frühling, der alles verändern wird: endlich!

Nicola reckt und streckt sich, streicht sich die Federn glatt. Alles zerknautscht und wirklich wie bei einem Huhn, das durchnässt aus dem Regenwetter kommt. Wo ist der warme Stall? Unentwegt starrt sie ins struppige Braun der Büsche und auf die eisglatten Gehwege auf der anderen Seite des Zauns. Verflixt! Kein goldenes Weizenkörnchen im Abfallhaufen des schlechten Wetters; bemooste Zweige und glitschige Blätter. Zeugs aus dem Vorjahr, einfach nur scheußlich!

Natürlich ist man mit fast vierzehn Jahren kein Kind mehr – auch wenn die Großmutter sie immer wieder so nennt: »Kind«. Andererseits kennt sie sich in der Welt draußen kaum aus. Großeltern sind nicht groß, sondern alt, und sie wollen nichts hören von den Sorgen der Kinder oder der jungen Leute. Und die Eltern selbst? Spielen sich auf mit Wichtigkeiten – sind dauernd unterwegs. Geschwister gibt es in Nicolas Leben nicht. Wer erzählt oder erklärt ihr, worum es eigentlich geht?

Warum lässt man sie in diesem armseligen Zustand? Sie möchte anerkannt sein und den Anderen etwas bedeuten. Oma zum Beispiel. Fragen und Antworten sollen stimmen, basta! Warum hält sie ihr vor, was in der Familie los ist?

Überhaupt. Das meiste lernt sie nebenbei, schnappt es auf, versucht, im Verhalten der Anderen zu lesen und etwas für sich herauszupicken. Das Mädchen kennt keinen einzigen Menschen, der nach Glück aussieht. In Nicola selbst versperren schwere Steinblöcke ihren Weg zur Großmutter oder zu den Jungen, denen sie so gern näher sein möchte.

GROSSMUTTER IST NICHT GERADE DIE GROSSE MUTTER

… die ihr helfen könnte, damit fertig zu werden

Von nichts kommt nichts. Also: Was ist mit den Schularbeiten? Kann nicht wahr sein, dass tagelang nichts zu tun sein soll? Ich will doch nur dein Bestes.«

Das soll versöhnlich klingen, dröhnt Nicola aber allmählich die Ohren voll. Und wann ist wenigstens Mama endlich zurück von ihrer Reise ins Ausland? Dort will sie Papa treffen. Es gibt etwas zu regeln, etwas Wichtiges, hat sie gesagt bekommen.

Nun steht das Mädchen am Gartentor, dreht den Kopf und blickt unsicher auf das Wohnhaus zurück. Was macht der Schnee auf dem Dach? Er beginnt zu rutschen. In dicken Wülsten hängt er bereits über der Dachrinne.

Hier lebt sie nun schon zu lange, zurückgelassen, findet sie – in Wirklichkeit sind es erst drei Monate: Januar, Februar, März.

Die Großeltern hatten sich vor Nicolas Geburt diesen Resthof gekauft. Sie wollten unbedingt richtig aufs Land ziehen, nachdem sie Opas Hof am Rande einer großen Stadt bereits verkauft hatten. In der Nähe von Bad Hersfeld. Sie wollten damals nicht so nahe am Industriegebiet leben und zogen darum in eine Wohnung in der Innenstadt. Dort mochte es aber keiner von beiden lange aushalten. Ihnen fehlte die Landschaft, die Tiere, die Lust zu leben, sogar die Arbeit. Dann wohnten sie wieder »dörflich« und Nicola bekam es als Kleinkind mit den Hühnern zu tun, mit dem »Federvieh« – und den Wespennestern unterm Dach. Die Hühner suchten öfter mal die Freiheit, indem sie plötzlich Anlauf nahmen und auf einen Apfelbaum flogen, von da aus über einen Zaun hinweg und hinauf auf die Weide mit den Schafen. Hühner kennen auch das Wort »Freiheit«. Das hat Nicola schon als Kind verstanden, wenn die Großeltern auch noch so wütend waren. Wer soll denn die Tiere wieder einfangen, Fredy etwa, der selbst »auf Arbeit« ist, wie er es nennt, und andere Leute auch, die teilweise bis Nürnberg fahren. Soll er immer einspringen?

Von Resthöfen ist öfter die Rede, viele Landwirte haben ihre Höfe verkauft.

»Ja, die Industrie, die macht uns kaputt!«, so ging Opas Rede.

Nun also Unterhofen. Öde hoch drei. Allmählich erscheint Hannover als verlorenes Paradies. All die schönen Geschäfte mit ihren Überraschungen in den Regalen. Sogar ihre alte Schule vermisst sie.

Ende März fielen auf einmal riesige Schneemassen vom Himmel und wehten die Gegend dicht. Busse konnten teilweise nicht fahren. Der Winter will einfach nicht abhauen, bis jetzt; ein widerliches Ding ist die Kälte. Man lebt eingesperrt wie in einem Gefängnis! Wann ist dieses Warten endlich vorbei? Nicola will unbedingt wieder in die Stadt Hannover zurück – in ihr Haus, in ihr Zimmer, ach, sie weiß nicht wirklich, was sie will. Sicher ist jedenfalls: Ihre Eltern sollen sie endlich wegholen aus dieser Verlassenheit.

»Winterhuhn« nennt Nicola sich selbst, seit sie bei der Großmutter lebt – übergangsweise. Hühner liebt sie. Früher, als Opa noch lebte, hockte sich das Mädchen auf den großen Pflock zum Holzhacken und beobachtete Hühner samt Hahn. Sie sprach mit ihnen in einer Flüstersprache. Wenn ein Huhn dann plötzlich losgackerte, hatte das Kind von damals den Eindruck, dass das Huhn mit ihr sprechen wolle. Bis sie endlich einsah, dass man sich nur mit Menschen wirklich verständigen könne. Aber wen hatte sie denn für sich zum Verständigen in der langen Wartezeit? Mitten im Winter wusste sie keinen anderen Namen als »Winterhuhn«. Manchmal hätte sie in der Schule lieber gegackert, als zu sprechen. Dann hätten die anderen in der Klasse wenigstens etwas zu lachen gehabt. Zur Erklärung hätte sie gern für den Fall noch eins draufgetan und erklärt, sie werde bestimmt kein einziges Ei legen. Gerade, dass sie den Schulweg ins Nachbardorf noch auf sich genommen hat. Immer wieder hatte sie sich krank gestellt. Oma knurrt den ganzen Tag, anstatt dass sie in richtigen Worten spricht. Meistens schimpft sie vor sich hin.

Ja, die Oma, Papas Mutter, sie ist schon alt und überhaupt: Warum lässt sie die rechte Schulter so hängen?

Ist diese Schulter Anlass für ihre schlechte Laune? Es kann vorkommen, dass sie ihren Kaffee verschüttet, wenn sie zum Trinken ansetzt. So was von peinlich. Nun schimpft sie noch mehr. Über ihr ganzes Leben. Irgendwo in ihr sitzt ein Knoten. Der drückt auch auf die Schulter.

Opa ist vor zwei Jahren gestorben. Seither kracht es im Gebälk. Das sagt man hier so, wenn die Dinge nicht laufen, wie sie sollen. Zum Ausbessern aller Schäden am Haus bestellt sie Fredy, der ein Verwandter sein soll. Seit Nicolas letztem Besuch hier im vorigen Sommer hat sich anscheinend alles verändert.

Vom Haus her ein wütender Ruf:

»Nicola! Bist du verrückt geworden? In Socken ans Tor zu gehen. Sofort zurück ins Haus! Hörst du?«

Das Mädchen rührt sich nicht. Es denkt nach. Aber nicht mit dem Kopf. Irgendwie fließt eine Unruhewolke durch ihren Körper und nimmt ihr die Kraft. Sie erstarrt. Kälte und Nässe fressen sich durch die Socken hindurch in ihre Füße hinein: Sie dreht sich nicht zu der Rufenden um.

»Warte nur, wenn Fredy kommt! Ich zähle bis drei. Hast du mich verstanden? Eins, zwei …?«

»Nein«, antwortet Nicola.

DER ALTE SVEN HAT GUT LACHEN

Aus den Augenwinkeln sieht sie den alten Sven mit seiner Schubkarre auf dem Weg herankommen. Sie kennt ihn bereits von seinen Ausflügen mit dem Hund.

Schon von Weitem scheint Sven das Mädchen zu fixieren. Nicola umklammert das obere Querbrett an der Gartenpforte.

Als Sven bei Nicola angekommen ist, lässt er mit einem lauten Knall die Griffe der Karre aus den Händen rutschen, woraufhin sein kleiner Hund aufgeschreckt aus der Wanne springt. »Wau!«, stößt der hervor.

»Was muss ich sehen? Hat das Mädchen keine Schuhe an den Füßen bei dem Wetter? Was sind denn das für Manieren? Will es tanzen im Walzerschritt?«, bemerkt Sven aus Spaß. Er nimmt seinen Dackel auf den Arm und dreht sich mit ihm wie zum Tanz im Kreis. Schließlich legt er das Tier vorsichtig in die Wanne der Schubkarre zurück und hebt das Gefährt an. Nicola weiß: Er will zum Friedhof hinauf, wo seine Verwandten begraben liegen. Er ist als Einziger übrig geblieben und lebt nun allein in einem kleinen Zimmer auf einem Gehöft am Waldrand bei den ehemaligen Nachbarn seiner Eltern. Sie weiß nicht genau Bescheid darüber.

Nicola mustert Sven. Wie der aussieht in seiner grauen Joppe ohne Schal und Mütze. Für ihn ist der Frühling wohl schon da?

Sie ist noch so unheimlich jung. Und er ist so alt, und dazu ziemlich unvernünftig. Trotzdem: Eigentlich kann er sich glücklich schätzen, weil er ein Tier für sich hat.

Im Weitergehen bleibt Sven plötzlich noch einmal stehen, ohne die Karre abzustellen, dreht den Kopf zu ihr zurück und fragt: »Hattest du eben ›Nein‹ gerufen?«

»Ja!«, antwortet sie.

»Ist recht, das muss man üben, die Sache mit dem Nein sagen, sonst kommt man zu nichts, das kann man an mir sehen! Du hast wohl vergessen, dass ich viele Geschichten weiß von den Leuten, die sie selbst nicht mehr erzählen können – vor allem von dem Jungen, den sie hier Tiger-Manuel genannt haben«, brummt Sven, laut genug, dass Nicola ihn hören kann. Im Weitergehen lässt er den Kopf hängen. Ein seltsamer Mensch mit seinem dünnen, grauen Haar. Die Großmutter kommentiert meistens ärgerlich: »Der spinnt herum, macht dumme Witze, arbeitet nicht, höchstens, wenn er ausnahmsweise mal Lust dazu hat, zahlt nicht mal Miete bei den Holtmanns.«

Igitt, wie ist ihr jetzt kalt geworden. Die nassen Strümpfe triefen vor Wasser, die Jeans ist bis an die Knie vollgesogen. Was wird Oma sagen? Nur fix ins warme Haus!

Dort angekommen zerrt sie die nassen Socken von den Füßen und wirft sie durch die offen stehende Badezimmertür in die Badewanne.

»Getroffen!«, lacht sie unwillkürlich.

Schnell in die trockenen Hausschuhe geschlüpft. Jetzt aus Spaß zum Friedhof hinaufgehen, wo ein Grab neben dem anderen steht? Kein Ort auf der ganzen Welt interessiert sie weniger als so ein Friedhof. Obwohl auch der Opa unter einem Busch ganz hinten in Richtung der Felder liegt. Wer will schon bis dahin durch den Matsch laufen? Und Tiger-Manuel? Der interessiert sie am allerwenigsten.

Der Großvater war früher mal ein richtiger Landwirt. Nicola hatte Angst vor ihm. Er roch nach Stall und Zigarre und manchmal pupste er absichtlich und lachte dabei. So was! Abends im Sommer saß er immer auf der Bank vor dem Haus, wo er das Gartentor im Blick hatte, und rauchte seine Pfeife. Die Oma bekam dann bald von ihm den Befehl: »Mutter, setz dich daher zu mir!« Sie kam, saß eine Weile ganz still neben ihm und schien abzuwarten. Worauf wartete sie? Der Opa qualmte, streckte gemütlich die Füße von sich. Auf einmal rückte er nah an sie heran, blies die Backen auf und ließ den Rauch aus der Pfeife in kleinen Wölkchen in ihr Gesicht ab. Oh, wie sie da hustete, wie sie aufsprang und wie sie zu schimpfen begann: »Pfui, du alter Schmarotzer, was kann ich denn tun für dich, damit du endlich wirklich nett bist mit mir? Du wirst sehen, man kann bis drei zählen, dann hast du deinen Krebs weg!«

Nicola schämte sich für die beiden, wenn sie so miteinander umgingen, aber was sollte sie machen? Wenn sie Fragen stellte, hörte sie eine seltsame Antwort: »Auf dem Lande ist man nicht zimperlich!«

Nun hatte sie einen triftigen Grund, hinter dem Haus zu verschwinden. Ein paar einzelne Hühner, die gar nicht in den Vorgarten durften, liefen mit gespreizten Flügeln hinter ihr her, als sei sie deren Glucke.

Die kleine Nicola wollte nie bei dem Opa im Vorgarten bleiben. Die Hühner waren ihr lieber.

Wenn sie sich in seiner Gegenwart doch nur wohlfühlen könnte!

Und was war schon im darauf folgenden Jahr passiert? Der Großvater starb an einem Erstickungsanfall. Er hatte ein besonders hartes Teilchen von seinem Tabak in die Luftröhre bekommen und musste schrecklich husten.

Nun liegt er auf dem Friedhof, an der Mauer dicht bei den Feldern.

»Hab ich ihm das nicht prophezeit? Der hat mir gar nichts geglaubt, nicht mal die Butter auf dem Brot!«, war Omas hilfloser Kommentar dazu gewesen. Aber wieder in die Stadt ziehen? Auf gar keinen Fall. Sie hatte hier ihre Arbeit. Punkt.

FREDY IST AUCH SO EIN TYP

Jetzt hat Nicola Hunger. Langsam bewegt sie sich auf die Küche zu. Plötzlich geht sie schneller, ruft: »Oma warte, die große Schüssel mit der Suppe stelle ich auf den Tisch, die ist für dich zu schwer!«

Fredy ist gekommen, nachdem er auf dem Bau Feierabend gemacht hat. Irgendetwas wird gewiss zu reparieren sein bei der Oma. Vielleicht ist das Schmelzwasser vom Dach durch das undichte Fenster gesickert. Aber vor den Ausbesserungen ist Fredy zum Essen eingeladen.

Er bekommt von Oma die Anweisung: »Auf dem Dachboden musst du ohne mich nachsehen. Die Treppenstufen sind morsch. Fredy, gut, dass du da bist, ehe der Schnee taut. Du kennst dich ja aus. Das Mädchen kann dir die Leiter halten …«

Da klingelt es an der Tür.

»Geh nachschauen, wer uns stört, vielleicht ist es die Post. Kann ja sein, dass sich mal einer von den beiden Herrschaften aus dem Ausland meldet. Wird höchste Zeit, will ich mal sagen!« Sie meint Nicolas Eltern.

Vom Flur her hört man Svens Stimme. Er stöhnt laut: »Kann die Oma zur Tür kommen? Auf dem Friedhof bin ich ausgerutscht, auf dem verfluchten Eis unter dem Schnee! Und ich dachte, heute kann ich es mal wieder versuchen. Mein Waldi will doch auch an die Luft!«

In der Küche hat man alles mitgehört.

»Geh mit, Kind, ich stell dir das Essen warm. Ohne den Hund hätte er reinkommen können zum Mitessen. Warte, ich fülle dir etwas für ihn ab!«

Nicola sucht nach einer Leinentasche für die kleine Blechschüssel mit dem festen Deckel. Plastiksachen hat die Oma nicht im Haus. Die kann sie nicht leiden.

»So ein Schmarrn heutzutage!«, schimpft sie darüber.

Sven wartet inzwischen bei Waldi draußen an der Karre. Waldi liegt in der Schubkarre lang ausgestreckt auf einem Kornsack aus brauner Jute. Er hat nicht einmal Lust, Nicola zu begrüßen, als er sie bemerkt. Sie lässt die Tasche mit dem Essen in eine freie Ecke neben dem Hund rutschen, packt die Karre und ruckelt damit los.

Wie gern säße sie jetzt mit den anderen am Tisch, hungrig, wie sie ist. Sie wird sich beeilen. Der Sven kann nachkommen.

»Langsam, mein Madl«, sagt Sven. Er geht an den Straßenrand, da liegt ein dicker Stock. Nun hat er also eine Krücke, auf die er sich stützen kann.

Nachdem sie von der Dorfstraße abgebogen sind, sieht Nicola den holtmannschen Hof mit seinem roten Dach liegen und dahinter den Wald.

DER FREMDE JUNGE

Vor dem Nebengebäude mit der Waschküche stellt Nicola die Schubkarre ab.

Waldi hebt den Kopf und schaut sich nach seinem Herrchen um, während Nicola herauszufinden versucht, in welchem der Gebäude Sven wohnen mag. Nicht einmal seinen Nachnamen kennt sie.

An einem ganz mit Efeu bewachsenem Teil des Nebengebäudes mit Tür und Fenster bleiben ihre Blicke hängen. Davor ein Rosenbusch. Da wird er doch gewiss nicht wohnen, passt gar nicht zu ihm, so wie er dahergeschlurft kommt, denkt Nicola.

Ein lautes Bellen weckt sie aus ihren Gedanken. Mühsam klettert Waldi über das Vorderrad aus der Schubkarre heraus auf den gepflasterten Hof und dackelt auf Sven zu, der mittlerweile aufgeholt hat. Der beugt sich zu Waldi hinunter und streichelt ihm den Kopf: »Na mein Hund, nun sind wir beide angeschlagen: du mit deinem Rheuma und ich mit dem gebrochenen Fuß. Wir haben ein Glück, was? Wird wohl nur verstaucht sein. Man darf nicht aufhören an sein Glück zu glauben und wenn man hundert Jahre alt wird! Wollen mal gleich nachsehen und einen kalten Verband anlegen. Jetzt hat es auf alle Fälle mit Einszweidrei und Walzertakt erst mal ein Ende.«

Der Dackel wendet sich wieder Nicola zu. Er sieht aus, als hätte er Angst vor der hohen Türschwelle zu Svens Wohnung.

Nicola könnte nun umkehren, um endlich an den Esstisch zu kommen, aber sie spürt weder Hunger noch Durst. Sie steht einfach nur da und wartet. Sie bückt sich, um Waldi zu sich zu locken, der daraufhin bellt und zu ihr herüberläuft.

Sven hat schon die Haustür geöffnet.

»Madl, komm mal her. Kannst mir noch eben beim Verbinden zur Hand gehen. Ist das recht? Nur keine Angst! Außerdem hab ich noch was für dich, ein bisschen was zum Klimpern!«, ruft Sven – eine Hand wedelt winkend in der Luft.

Sie gibt sich einen Ruck. Der Hund Waldi möchte richtig vorlaufen, aber er schafft es nicht. Soll sie ihn auf den Arm nehmen?

Über das Pflaster des Hofes nähert sich aufgeregt ein Mann, hinter ihm ein Junge.

Der Mann ruft: »He Sven, endlich! Die Schubkarre, ich habe sie gesucht, wir brauchen noch Briketts aus dem Schuppen. Hör mal, du musst mir aber unbedingt Bescheid geben, wenn du mit deinem Waldi spazieren gehen willst. Darum habe ich dich schon gebeten. Ist doch kein Zustand, dass ich dich suchen muss. Und warum stehst du so schief da und hältst dich am Türrahmen fest?«

»Danke der Nachfrage, ist nicht so wichtig, das Mädchen soll mir nur eben zur Hand gehen. Und wegen der Schubkarre entschuldige ich mich!«

»Ach was, lass mal, behalt das alte Ding, ich kaufe eine neue. Ist’s recht so? Ich meine die Karre. Dann servus!«

Der Junge schaut Nicola an. Sie hat ihn noch nie gesehen, sicherlich ist er für die Ferienzeit hergekommen. Daran hat sie noch nicht gedacht.

Sie will seinem Blick standhalten. Endlich legt er Tempo vor, geht mit eiligem Schritt hinter dem Mann, der Holtmann heißt, her.

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