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Der Schiffs-Kapitän

Friedrich Gerstäcker

Der Schiffs-Kapitän

Erzählung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Der Schiffs-Kapitän

 

Es war zu Ende der Vierziger Jahre, im Monat April, dass die Bark Mary Burton, die in New York Fracht für Liverpool eingenommen, mit ihrer regelmäßigen Bemannung und einer kleinen Anzahl von Passagieren den Hafen verließ und, die Segel von einer leichten, aber günstigen Brise gebläht, in die offene See hinaus hielt.

Draußen, von keiner Gefahr mehr bedroht, verließ sie der Lotse, und der Kapitän, der indessen nur an Deck auf- und abgegangen war und darauf geachtet hatte, dass die durch den Lotsen bisher gegebenen Befehle auch rasch ausgeführt wurden, übernahm jetzt wieder das Kommando.

Kapitän Powell war ein Mann in seinen besten Jahren, schlank und sehnig gewachsen, mit braunen krausen Haaren und blauen Augen, ein Schotte von Geburt und ein tüchtige Seemann, der sich seine Lebenszeit auf den verschiedenen Meeren des Erdballs herumgetrieben, bis er sich jetzt hier, auf der Paketfahrt zwischen New York und Liverpool, gewissermaßen zur Ruhe gesetzt hatte und nun einzig und allein seine regelmäßigen Reisen zwischen den beiden Hafenplätzen machte.

Matrosen fahren allerdings nicht gern mit Passagieren, denn besonders bei rauem Wetter, wo das unglückliche Landvolk gleich seekrank wird, ist des Aufwaschens und Scheuerns kein Ende und es wird zuletzt zur Unmöglichkeit, das Schiff sauber und rein zu halten. Der Kapitän aber hatte dafür die Annehmlichkeit steter Gesellschaft auf der langen Fahrt und, endlich im Hafen angekommen, weiter nichts zu tun, als seine Papiere dem Reeder abzuliefern – alles andere besorgte der Obersteuermann.

So gedrängt von Passagieren die Fahrzeuge aber auch – besonders in jener Zeit – auf der Reise nach Amerika waren, so wenige führten sie zum alten Land zurück, und meist nur Geschäftsleute, selten Familien, die vielleicht das nicht in der neuen Heimat gefunden haben mochten, was sie erwartet hatten; Arbeiter, also Zwischendeck-Passagiere, fast nie.

So befanden sich auch diesmal nur wenige Kajüte-Passagiere an Bord der Mary Burton, im Ganzen sechs: ein deutscher Arzt, ein Handelsmann, Mr Levison, ein amerikanischer Landagent, der nach Liverpool hinüber wollte, um seine im Westen liegenden wertlosen Ländereien mit fleißigen Arbeitern zu bevölkern, ein amerikanischer Missionar, der es sich vorgenommen hatte, die malaiischen Heiden zum Christentum zu bekehren, und zwei Damen, eine ältere und eine jüngere: Engländerinnen, die zurück in ihre Heimat gingen und mit denen der Kapitän schon von New York aus bekannt sein musste, denn als sie an Bord gekommen waren, hatte er sich längere Zeit mit der älteren Dame unterhalten und ihnen sodann – eine sehr große Vergünstigung an Bord – seine eigene Kajüte, die viel geräumiger und bequemer als die übrigen war, für die Reise abgetreten.

Die junge Dame, eine jener blühenden Gestalten, wie wir sie häufig in dem glücklichen England finden, hatte das allerdings nicht annehmen wollen und darauf bestanden, denen ihnen zukommenden state room zu beziehen, der auch ziemlich freundlich eingerichtet, wenn auch ein wenig sehr beschränkt war. Die Mutter dagegen, die ihre Bequemlichkeit liebte, ließ keine Einrede gelten und nahm das freundliche Anerbieten an.

Der erste Tag nahm aber die „häusliche Einrichtig“ der Damen vollständig in Anspruch, und wenn sie auch beide nicht mehr an der Seekrankheit litten, verfehlte die erste schaukelnde Bewegung des Fahrzeugs nicht, auch bei ihnen jenes unangenehme Gefühl hervorzurufen, von dem nur ganz bevorzugt Glückliche vollständig befreit bleiben. Sie waren beide nicht krank, aber der Appetit fehlte ihnen, sie erschienen deshalb auch nicht in dem kleinen Salon, in dem der Tisch gedeckt war, als der Steward die Mahlzeit ankündigte; und der Kapitän verzehrte dieses erste Mahl allein mit dem Landagenten und seinem Obersteuermann.

In der Nacht frischte die Brise auf, aber die See blieb ruhig. Sie hatte jene tief dunkelblaue wunderbare Färbung angenommen, und auf den leicht gekräuselten Wogen lagen die kleinen, wie Silberschaum blitzenden Kämme, entstehend und zerfließend im endlosen Spiel. Das Fahrzeug, dabei von dem Seitenwind leicht geneigt, schoss seine Bahn dahin, und muntere Möwen spielten darum umher, jetzt an der Seite, mit den zartgebogenen Flügelspitzen die aufzüngelnden Wogen leicht berührend, jetzt vor dem Bug vorbeischießend, um gleich darauf wieder im Fahrwasser mit den klugen Augen nach unten zu spähen, ob nicht vielleicht ein leckerer Bissen Speck hinausgeworfen wurde, auf den sie dann niederstießen und sich kreischend darum zankten.

Die Bewegung war durch die etwas stärkere Brise lebendiger geworden, aber das Fahrzeug wurde doch ziemlich stet auf der Backbordseite gehalten, und gegen Abend hatten sich ziemlich alle Passagiere, selbst die Damen, so weit erholt, um an Deck erscheinen zu können. Nur Mr Levison hütete noch sein Bett und brachte den Kajütenjungen durch das ewige Waschbecken Hinaus- und Brandy und Wasser Hereintragen fast zur Verzweiflung.

„Nun, Mrs Ellis“, redete der Kapitän die Damen an, als sie sich zeigten – er ging gerade auf dem Quarterdeck auf und ab, „das ist recht, dass Sie an die frische Luft heraufkommen – und Miss Kate ebenfalls. Sie beschämen den Gentleman, der noch immer da unten in seiner Koje ächzt und stöhnt. Es ist aber auch wundervolles Wetter, und wenn die Brise anhält, hoffe ich, Sie in vierzehn Tagen wohlbehalten in Liverpool an Land zu setzen.“

„Das gebe Gott“, seufzte die alte Dame, „aber dem Wasser ist nicht zu trauen, und wer weiß, wie es morgen aussieht.“

„So wollen wir uns wenigstens des Augenblicks freuen“, lachte der Seemann. „Die Mary Burton ist ein wackeres Fahrzeug, und ich denke, ich kann Ihnen, trotz allem, eine rasche Reise versprechen. Sie hat wenigstens bis jetzt immer Glück gehabt.“

„Unberufen!“, sagte die alte Frau ängstlich und winkte wie abwehrend mit der Hand. „Gott gebe, dass es so bleibt.“

„Und haben Sie sich unten bequem eingerichtet, Miss Kate?“

„Viel bequemer, als wir erwarten konnten“, sagte das junge Mädchen errötend. „Nur das bedaure ich, dass diesmal unsere Bequemlichkeit mit der Ihrigen erkauft ist.“

„Erwähnen Sie es nur nicht“, rief der Seemann, und über sein eigentlich bleiches Gesicht zog ...

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