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Der Regen in deinem Zimmer

Paola Predicatori

Der Regen
in deinem Zimmer

Roman

Aus dem Italienischen
von Verena von Koskull

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Inhaltsübersicht

Meine Mutter

27. September

20. Oktober

25. Oktober

31. Oktober

5. November

Unsichtbar

9. November

In deinen Augen

16. November

Gabriele hätte dir gefallen

17. November

Aufzählung der Dinge in deinem Zimmer

21. November

22. November

26. November

Aufzählung der Dinge, die ich nicht für dich getan habe

Wieder der 26. November

27. November

28. November

Teresas Haus

30. November

Als ich dich gebadet habe

Erster Dezember

Als du dich verliebt hast

2. Dezember

3. Dezember

7. Dezember

12. Dezember

Wenn du schläfst

13. Dezember

14. Dezember

Erinnerst du dich an Franco?

15. Dezember

21. Dezember

Letzte Nacht habe ich von dir geträumt

23. Dezember

24. Dezember

Weihnachten

26. Dezember

Im Raum schweben

26. Dezember – die zweite

2046

27. Dezember

28. Dezember

29. Dezember

30. Dezember

31. Dezember

2. Januar

9. Januar

10. Januar

11. Januar

13. Januar

21. Januar

24. Januar

Abschied

Noch immer 24. Januar

Zwei Regenbögen

25. Januar

26. Januar

27. Januar

2. Februar

17. Februar

7. März

Wenn das Glück zurückkehrt, tue ich so, als wäre nichts

23. März

10. April

28. April

30. Mai

3. Juli

27. Juli

7. August

Der Strand, leer, endlos. Kein Raum mehr, sondern die Schiefebene der Zeit, auf der die Erinnerung gleitet.

Ausschnitte von Dingen und Menschen tauchen auf, die Einstellung ist unstet, oft verschwommen. Eine junge Frau mit einem kleinen Mädchen auf dem Arm. Die Frau streichelt dem Mädchen zärtlich übers dunkle Haar und küsst es auf die Schläfe. Das Gesicht des Mädchens, dann das der jungen Frau. Der Wind weht ihr das Haar ins Gesicht. Sie lächelt, bewegt die Lippen. Sie sagt etwas zu dem Mädchen, doch es gibt keinen Ton, nur Stille. Und Zeit. Alles erscheint und verschwindet in diesem geneigten, fernen, unerreichbaren Raum. Der Strand, die Wolken, die wandernde Frau. Plötzlich ist nichts mehr zu sehen.

Meine Mutter

Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als ich beim Klauen erwischt wurde. Ich war acht oder neun Jahre alt, und es war in einem dieser kleinen Supermärkte um die Ecke, in denen man von den Kassen aus sämtliche Gänge im Blick hat. Im Schreibwarenregal hatte ich einen herzförmigen rosa Radiergummi entdeckt und konnte nicht widerstehen. Sofort war eine der Kassiererinnen da und sagte, ich solle damit herausrücken, sie habe mich genau gesehen. Ohne sie anzusehen, gab ich ihr den Radiergummi und flitzte davon.

Es ist genau die gleiche Angst wie damals. Das Herz, das wild zu pochen beginnt, ein betäubender Lärm, der von der Brust in die Ohren steigt, so dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Plötzlich ist alles überdeutlich. Ich habe jede Kleinigkeit noch vor Augen. Die Kassiererin trug einen dunkelroten Rock und schwarze Mokassins. Neben den rosa Herzradierern lagen blaue Schlampermäppchen. Die Leute an der Kasse drehten sich zu mir um. Ich rannte davon, und mein Herz barst fast vor Schreck. Während ich nach Hause lief, verwandelte sich die Angst in Scham, und ich beschloss, niemandem davon zu erzählen.

Als meine Mutter erfuhr, sie habe Nierenkrebs, war die jähe Angst wieder da: Sie drückte mir die Luft ab, schoss mir ins Blut und zerriss mir das Herz. Meine Mutter war siebenunddreißig und hieß Anna. Zwei Jahre später war sie tot.

In der Angst zu leben ist schlimmer als jeder Albtraum, das weiß ich jetzt; die ganze Zeit über hat meine Mutter so gelebt, mit diesem Todesgedanken, Tag für Tag, Stunde um Stunde. Sie fing an, die kleine Bettleuchte die ganze Nacht brennen zu lassen und die Fensterläden nicht mehr zu schließen. Sie sagte, unsere Wohnung sei dunkel, es komme nicht genug Licht herein. Im Kampf gegen die Dunkelheit nahm sie die Wohnzimmervorhänge ab und begann, die einst so geliebte Nacht zu hassen.

Ich hatte nie eine klassische Mutter-Vater-Kind-Familie. Meine Mutter und Nonna, meine Großmutter, sind alles, was ich an Familie hatte. Mein Großvater starb, als ich noch klein war, meinen Vater habe ich nie kennengelernt. Er ging, als meine Mutter schwanger wurde. Jetzt sind wir nur noch zu zweit, und an die Zukunft zu denken macht mir Angst.

Zu den Erinnerungsstücken aus meiner Kindheit gehört ein Videofilm, den mein Großvater an meinem dritten Geburtstag gedreht hat, an dem wir zugleich den Uniabschluss meiner Mutter feierten. Der Film steht in meinem Zimmer im Regal. Seit sie gestorben ist, habe ich ihn mir oft angesehen. Da gibt es eine Sequenz, als ich gerade die Kerzen auspusten will: Meine Mutter steht hinter mir, vor uns auf dem Tisch thront ein riesiger Kuchen. Ich balanciere auf einem Stuhl, und sie umfasst meine Taille. Sie sagt mir etwas ins Ohr, irgendetwas, das man eben zu kleinen Kindern sagt, etwa: Schau mal, was für ein schöner Kuchen. Der Ton ist miserabel, aber daran lässt sich leider nichts ändern, meinte ein Techniker, dem ich den Film brachte. Ich lege ihr eine Hand an die Wange, ohne die Torte vor mir aus den Augen zu lassen. So unwahrscheinlich es klingen mag, an diesen Moment erinnere ich mich. Jedes Mal, wenn ich ihn mir ansehe, denke ich das Gleiche: dass die Zeit nie vergangen ist und ich noch dort bin, die Stimme meiner Mutter an meiner Wange. Das ist mein einziger Wunsch. Zurückkehren. Die Zeit anhalten.

Nach der Diagnose wurde sie notoperiert, und sofort begannen die Therapien, doch alle Ärzte, die sie untersuchten und ihre Krankenakte in die Hände bekamen, meinten, es gebe keine Hoffnung und sie hätte nicht mehr lange zu leben. Niemand konnte uns sagen, wie lang, manche sagten Monate, andere sagten gar nichts. Weil sie jung war, wurde die Behandlung fortgesetzt. Meine Mutter wollte von Anfang an im Bilde sein, und als wir alle Bescheid wussten, begann eine Achterbahnfahrt von ungewisser Dauer. Als würde einem das Herz ausgewrungen.

Ich erfuhr es von meiner Großmutter. Tags darauf bin ich nicht zur Schule gegangen – ich war sechzehn und in der elften Klasse – und den übernächsten auch nicht. Als meine Klassenkameradinnen Sonia und Barbara anriefen, erfand ich eine Ausrede und bat sie, den Lehrern zu sagen, ich sei krank und käme bald wieder. Den Krebs meiner Mutter erwähnte ich nicht, ich wollte mich nicht ihren Fragen aussetzen und es sollte nicht die Runde machen. Zum ersten Mal hatte ich erwachsen gehandelt: Ich hatte geschwiegen, um sie zu schützen, um hohlen Verlegenheitsfloskeln und sinnlosem Gerede zu entgehen und zu begreifen, was eigentlich gerade geschah. Meine Mutter nahm mich ebenfalls beiseite, und ich hoffte inständig, dass man mir meine Angst nicht ansah. Sie setzte alles daran, gefasst zu wirken, doch die Schatten unter ihren Augen und ihre angespannte Miene sprachen für sich. Sie sagte genau das, was ich schon von Nonna wusste, aber als ich das Wort Krebs aus ihrem Mund hörte, schossen mir die Tränen in die Augen. Sie nahm mich fest in die Arme und sagte, es gebe Therapien und mit mir zusammen würde sie es schaffen. In dem Moment wurde aus mir wir und ihr Krebs wurde zu meinem. In jenen Tagen barst mein Kopf vor Fragen: Die Symptome? Hatte sie wirklich nichts bemerkt? Wann hatte alles angefangen? Warum hatte sich niemand über ihren plötzlichen Gewichtsverlust gewundert? Wieso bemerkte sie immer alles, wenn es um mich ging, aber ich, die ich sie doch liebte, hatte mir keine Gedanken um sie gemacht? Wenn man jemanden liebt, sollte man sich doch um ihn kümmern! Und wenn meine Liebe derart verantwortungslos war, hatte ich sie dann vielleicht nicht genug geliebt?

Meine Mutter und ich hatten nie viel geredet, und daran änderte sich auch während ihrer Krankheit nichts, aber wir fingen an, uns mit Blicken zu suchen, einander die Hand zu drücken, wenn wir zusammen einen Film anschauten, und uns still zuzulächeln, ein inniges Lächeln, angefüllt mit einer Hoffnung, die uns niemand gegeben hatte. Meine Großmutter war stets zur Seite und unterstützte meine Mutter in allen Entscheidungen, bis hin zur letzten. Während der ganzen zwei Jahre habe ich meine Großmutter nie weinen sehen. Manchmal erschien sie mir wie ein anderer Mensch, angefüllt mit einer Kraft, die aus früherem Schweigen in fernen, jungen Jahren rührte und nun wieder zum Tragen kam.

Wenige Tage vor der OP konnte ich nicht mehr an mich halten und erzählte es meinen Schulfreundinnen. Als es so weit war, bekam ich einen Haufen SMS und Mails, auch von Leuten, von denen ich seit einer Ewigkeit nichts gehört hatte. Ich hatte niemandem gesagt, dass es kein heilender Eingriff sein würde, und all diese vor Leben und Zuversicht strotzenden Nachrichten hatten zur Folge, dass ich mich jedes Mal beherrschen musste, das Handy nicht an die Wand zu pfeffern. Als ich ein paar Tage später wieder in die Schule kam, war der Sensationseffekt bereits abgeflaut. Alle erkundigten sich, wie die OP gelaufen sei, wie es meiner Mutter gehe, und das war’s. Als ich einige Zeit darauf abermals fehlte, fragte niemand mehr nach. Meine Freundinnen hörten auf, mich zu besuchen, und ich besuchte sie nicht mehr. Mit der Ausrede, in solchen Situationen lasse man einen Menschen besser in Ruhe, wurde es leer um mich. Die beiden folgenden Jahre verbrachte ich wie unter einem Schatten. Klausuren, Prüfungen, Samstagabende in der Disco, Schwimmbad, Stadtbummel, aber in allem, was ich tat, war meine sterbende Mutter. Ihr Tod war überall: im Rucksack zwischen den Schulbüchern, in den rosig klaren Frühlingsabenden, aber vor allem in ihrem mutlosen, wissenden Blick. Ich weiß noch, dass ich jeden Tag wünschte, sie würde es entgegen allen Prognosen schaffen: Wir hätten noch Zeit und hätten gelernt, sie nicht zu vergeuden und das, was wir uns zu sagen hatten, nicht aufzuschieben.

Wenn jemand mich fragte, was ich von diesen zwei Jahren erinnere, würde ich antworten, nichts Besonderes: die Gesten, das Lächeln, die kleinen Alltäglichkeiten. Das ist das Leben, das habe ich jetzt begriffen. Nicht die Dinge zählen, sondern die Augenblicke. Ich glaube, selbst meine Art zu atmen hat sich verändert: Ich habe gelernt, die Luft anzuhalten, als hätte ich die ganze Zeit unter Wasser verbracht und nur darauf gewartet, wieder nach oben zu kommen. Und ständig war da die Angst. Ich kann mich an einen Film erinnern, in dem eine Frau kurz vorm Sterben ihre Töchter zu sich ruft und jeder einzelnen eine Art Abschiedsrede hält. Meine Mutter tat nichts dergleichen. Das Einzige, was sie bis zum Ende nicht müde wurde mir zu sagen, war, dass sie mich liebte und dass ich das Schönste sei, was ihr im Leben widerfahren sei. Wenn wir zusammen waren, musste ich ihr viel erzählen, von der Schule, von meinen Freundinnen, davon, was ich einmal machen wollte. Und dann, gegen Ende, als sie schon sehr schwach war, bat sie mich einfach, mich zu ihr aufs Bett zu setzen. Dann streckte ich mich neben ihr aus und nahm ihre Hand oder sie legte mir ihre aufs Haar und wir schlummerten ein, als könnten wir der Zeit noch Zeit stehlen, Schleichwege und Fluchten schaffen.

Sie starb eines Morgens, als ich in der Schule war. Schon seit einigen Tagen war sie nicht mehr aufgestanden. Der Arzt hatte die Morphindosis erhöht, und sie schlief fast nur noch. Sie sprach kaum, und hielt man ihre Hand, drückte sie sie nicht mehr. Ich wollte an dem Tag nicht zur Schule, aber Nonna zwang mich. Sie meinte, ein paar Stunden Ablenkung täten mir gut und wenn etwas sei, würde sie mich sofort anrufen. Als mein Handy summte und ich den Namen meiner Großmutter auf dem Display sah, wusste ich, was kommen würde. Ich sagte der Lehrerin, ich müsse sofort nach Hause, und rannte, ohne jemanden anzusehen, hinaus. Noch immer kann ich mir nicht verzeihen, an dem Tag nicht daheimgeblieben zu sein. Nicht da gewesen zu sein. Während ich wie eine Irre auf meinem Motorroller nach Hause raste und mir sagte, es könne nicht wahr sein, wurde mir klar, dass ich nie wirklich geglaubt hatte, dieser Moment könnte eintreten. In den zwei langen Jahren hatte ich mich daran gewöhnt, sie krank zu sehen, und irgendwann angefangen zu glauben, es würde immer so bleiben. Als ich sie daliegen sah, reglos, den Mund halb geöffnet, die Arme schlaff zu beiden Seiten, überfiel mich wieder die Angst und saugte mich aus. Natürlich hatte ich manchmal überlegt, wie es sein würde, sie tot zu sehen, aber selbst in jenem Augenblick, den grausig banalen Tod vor Augen, konnte ich es nicht fassen. Mit angehaltenem Atem ging ich zum Bett und starrte in ihr lebloses Gesicht, dann griff ich ihre Hände, drückte sie, rief sie, beugte mich zu ihr hinab, küsste sie und legte meine Stirn gegen ihre. Meine Großmutter stand in der Tür und wisperte mit tränenüberströmtem Lächeln: Sie ist nicht mehr da. Sie war nicht mehr da. Der Boden tat sich unter mir auf und die Angst presste mich an ihre Brust, bis ich nur noch den Pesthauch ihrer Lungen atmete. Meine Mutter war nicht mehr da.

Zu ihrer Beerdigung kamen außer Nonna und mir noch Angela und Claudia, die Uraltfreundinnen meiner Mutter. Für den Grabstein hatte ich ein Foto ausgesucht, dass ich an meinem letzten Geburtstag von ihr gemacht hatte: Sie lächelte mich an, und eine dichte dunkle Haarsträhne fiel ihr in die Stirn. Sie war wunderschön, wenn sie lächelte. Es war ein Herbsttag und die Sonnenstrahlen des Spätnachmittags ließen alles noch trostloser erscheinen. All dieses goldene Licht. Nonna und ich konnten uns nicht in die Augen sehen. Wir waren verstört und wehrlos. Wir hatten zu viele Hände gedrückt, den schweren Duft der vielen Blumen geatmet. Von der Kirche erinnere ich knarrende Bänke, gedämpftes Flüstern und ein durch Tränenschleier und Sonnenbrille wahrgenommenes Wirrwarr von Gesichtern. Als alles vorbei war, hakte ich meine Großmutter unter und wir verließen wortlos den Friedhof.

In den folgenden Tagen machten wir uns daran, ihre Sachen zu ordnen, auch wenn wir kaum den Mut dazu hatten. Sämtliche Kleidungsstücke, die monatelang über den Stuhllehnen in ihrem Schlafzimmer gehangen hatten, wurden gewaschen, zusammengefaltet und in ihren Schrank geräumt. Das Bett wurde neu bezogen, die Fensterläden angelehnt. Meine Großmutter engagierte eine Frau, die uns zur Hand gehen sollte. Eigentlich war das nicht nötig, doch ich glaube, sie konnte Mamas Zimmer nicht betreten, ohne dass der ganze Schmerz dieser zwei Jahre über sie hereinbrach. Signora Rosa schien in ihrem Leben nichts anderes gemacht zu haben, als trauernden Familien unter die Arme zu greifen. Sie tat alles ganz sacht. Sie brühte meiner Großmutter einen heißen Tee und überredete sie, sich aufs Sofa zu legen und ein bisschen fernzusehen. Die ganze Zeit über erkundigte sie sich kein einziges Mal, wie die Sachen meiner Mutter zu ordnen seien, sondern fragte lediglich Dinge wie: Würden sich die Zimmerpflanzen an einem sonnigeren Platz nicht wohler fühlen? Sollte sie die Fußmatte im Eingang ausklopfen? Ehe sie das Bett in Mamas Zimmer machte, flüsterte sie mir zu, es sei besser, erst ein bisschen zu lüften. Dabei nahm sie meine Hand und sah mich mit dem aufrichtigen Mitgefühl eines Menschen an, der den Schmerz anderer nicht fürchtet. Sofort wurde das Zimmer von kühler Luft erfüllt, doch den Geruch nach Medikamenten und Tod habe ich bis heute in der Nase. Meine Großmutter blieb im Wohnzimmer und starrte gramerfüllt in die Buchenkrone vor dem Fenster. Ich zeigte Rosa, wo alles hingehörte. Ich war die Priesterin, die still über den Tempel wachte, gerade so, als könnten meine Großmutter und ich aufwachen, wenn ich allzu laut redete, und merken, dass meine Mutter tot war.

27. September

Heute ist der erste Schultag nach dem Tod meiner Mutter. Ich steige die Treppe zu meinem Klassenraum hinauf und spüre, wie mich alle anstarren. Ich bemühe mich, möglichst normal zu wirken, obgleich ich mich fühle, als hätte die Welt mir mein innerstes Geheimnis entrissen. Im Flur laufe ich ein paar Klassenkameradinnen über den Weg, die mich mit Säuselstimmen und Teddybärblicken grüßen, doch ich tue so, als würde ich sie nicht sehen. Vor der Tür steht eine Gruppe Jungs. Zwei davon sind in meiner Klasse und sagen mir linkisch hallo. Einer macht einen halben Schritt auf mich zu, aber als ich stur geradeaus weitergehe, gesellt er sich wieder zu den anderen. Umso besser, auf Verlegenheitsfloskeln kann ich verzichten. Kaum betrete ich den Klassenraum, wird mir klar, dass dies der letzte Ort auf der Welt ist, an dem ich heute sein will. Ich atme tief durch und habe das Gefühl, Lichtjahre weit weg zu sein. Der Tod meiner Mutter hat mich zu einem Riesen gemacht: Von hier oben erscheinen alle Menschen bedeutungslos und völlig gleich. Da sind meine Schulkameraden, noch immer jemandes Söhne und Töchter, alle in den gleichen Klamotten, mit den gleichen Gesichtern, die nicht wissen, was sie sagen sollen. Ich wünschte, sie wären tatsächlich Fremde, dann müsste ich sie wenigstens nicht grüßen. Sonia sitzt schon an unserem Tisch, sieht mich an und versucht zu lächeln. In der Kirche hat sie Rotz und Wasser geheult. Mir wird schlecht, wenn ich dran denke. Uns trennen nur noch wenige Schritte und schon ahne ich, wie sie mir tagelang ihr süßliches Mitgefühl aufdrängen und sich in die Rolle der sorgenden Trösterin stürzen wird. Das ist nicht okay, ich habe die Kraft nicht, niemand kann ernsthaft von mir verlangen, dass ich das alles ertrage. Wie angewurzelt stehe ich mitten im Klassenraum, als wäre die Zeit stehengeblieben. Es gibt genau zwei Fluchtmöglichkeiten. Die erste ist, auf dem Absatz kehrtzumachen und zu gehen. Über die zweite muss ich nicht einmal nachdenken, ich habe sie direkt vor mir, als wäre sie urplötzlich aus dem Nichts aufgetaucht. Langsam steuere ich auf meinen Platz zu, doch statt mich zu setzen, gehe ich weiter. Ich kann es nicht fassen: Noch ehe ich richtig kapiere, was ich tue, lasse ich den Platz neben Sonia links liegen und gehe zur Bank in der letzten Reihe.

Ich nähere mich dem Nichts und ziehe sämtliche Blicke auf mich: Die halbe Klasse hält den Atem an und traut ihren Augen nicht, während ich in Zeitlupe die letzten Meter bis zur verbotenen Zone zurücklege und mich setze. Alle starren mich mit offenem Mund an, vor allem Sonia.

Gabriele Righi alias Zero. Wir, ich inklusive, nennen ihn so, seit er einmal während der Pause eine Schublade am Lehrerpult aufgebrochen hat, um sich sein Handy wiederzuholen, das ihm die Mathelehrerin abgenommen hatte. Als die Lehrerin eine Viertelstunde später wieder hereinkam, meinte sie, jetzt bekäme er einen Schulverweis, er würde fliegen, und zwar mit null Punkten, Zero! »Wer?«, fragte er ganz blöd zurück, und sie war sich nicht zu dämlich zu antworten: »Du hast mich genau verstanden, Righi! Eine glatte Sechs, Zero.« – »Keine Ahnung, wer das ist, dieser Zero«, hatte er ungerührt gekontert, und sie hatte zurückgefaucht: »Du, Righi, du bist Zero!« Wie eine Horde Affen hatten wir hinter vorgehaltener Hand losgekichert, wohl wissend, dass die Lehrerin zu weit gegangen war. Aber wer hätte so einen schon verteidigt? Von dem Tag an war er für alle nur Zero, und die Legende war geboren.

»Ciao, Gabriele«, würde ich gern sagen, aber ich sage nichts und setze mich. »Ciao, Alessandra«, könnte er sagen, aber er sagt nichts, denn er ist Zero.

Er war das Gesprächsthema, wenn es kein besseres gab, obwohl wir eigentlich kaum etwas über ihn wussten und das, was wir wussten, ziemlich trüb war: Er wohnte in einer der Mietskasernen hinterm Bahnhof, im trostlosesten Viertel der Stadt. Der Vater hing mehr an der Flasche als an seiner Familie und arbeitete nur, wenn er gerade mal nüchtern war. Die Mutter malochte für zwei, was ihr von ihrem Mann immer wieder derart heftig gedankt wurde, dass selbst der Notarzt beeindruckt war, weshalb, so hieß es, sich jetzt das Sozialamt um sie kümmerte. Außerdem – ein unverzeihlicher Verstoß gegen die Hofetikette – trug Zero keine Markenklamotten, und als Krönung war er auch noch dabei beobachtet worden, wie er bei den Dealern auf dem kleinen Platz hinter der Schule Gras kaufte, was bei meinen Klassenkameraden, die sich samstagabends bis zum Abwinken mit Pillen und Alkohol zudröhnten, als völlig uncool galt. Mit so einem redete man nicht, und wenn man es tat, war man eine arme Sau, die sonst nirgendwo landen konnte. Niemand von uns hatte ihn je zusammen mit jemandem aus der Schule gesehen. Kurz, Zero war allenfalls für ein paar Lacher und gegen die gröbste Langeweile gut. Er war x-mal in der Nachprüfung gelandet und mindestens einmal hängengeblieben, und jedes Jahr hofften die Lehrer aufs Neue, er würde nicht mehr auftauchen. Doch er kam wieder, mit dem üblichen Rucksack und dem verschlossenen Blick eines Menschen, der nur in Ruhe gelassen werden will. Zwei Jahre lang hatten wir ihn hereinkommen und sich auf den immer gleichen Platz setzen sehen und, ohne zu wissen, warum, darüber gelacht. Er sah uns noch nicht einmal an und ebenso wenig die Lehrer, die eine Erklärung für nicht gemachte Hausaufgaben verlangten und ihn schweigend anstarrten, wenn er im mündlichen Test auf keine der Fragen eine Antwort wusste. Es war das letzte Schuljahr, und womöglich ließen sie ihn sogar durchkommen, damit er sich irgendwo anders ausschwieg. Man konnte noch so viel Kohle haben und der Beste, Schönste und Hipste der Klasse sein, gab man sich mit Zero ab, war man eine Null. Wenn man gewisse Dinge tut, ist es, als würde man eine Maske aufsetzen, hinter der man verschwindet und nichts mehr wert ist.

Als ich mich setze, bin ich wie betäubt. Meine Ohren rauschen, mein Herz pocht, und ich habe nicht den blassesten Schimmer, weshalb ich das tue. Wut? Schmerz? Nein, der Schmerz ist es nicht, ich weiß noch nicht mal, wie er inzwischen aussieht, dieser Schmerz, und wo er sich verkrochen hat. Nach deinem Tod kann nichts mehr so sein wie vorher, ich bin der Zauberlehrling, dem niemand helfen kann. Es ist weder Selbstkasteiung, noch sind es Schuldgefühle, aber etwas ist geschehen, das Leben hat sich verändert und ist zu etwas geworden, mit dem man nicht gerechnet hat, weil so was immer nur anderen passiert. Doch diesmal hat es einen selbst erwischt, und man muss etwas unternehmen, die Gewissheiten abschütteln, am Lack der fraglosen Selbstverständlichkeiten kratzen, sich an das Unvorhersehbare gewöhnen, an den irren Kobold, den man in sich hat und der nur darauf wartet, plötzlich loszukreischen.

Sobald ich sitze, geht mir auf, dass ich nicht ganz bei Trost sein muss: Bis vor wenigen Monaten wäre ich in meinen kühnsten Träumen nicht darauf gekommen, so etwas zu tun, nicht einmal im Drogenrausch. Und jetzt hocke ich hier, zugedröhnt mit einem Cocktail aus Traurigkeit und einer lächerlichen Prise Wahnsinn, und der Countdown läuft: drei, zwei, eins, Zero.

So beginne ich mein letztes Schuljahr damit, einen Strich zwischen mir und den anderen zu ziehen. Zwischen mir ohne dich und dem Rest der Welt.

Als ich neben Gabriele Platz nehme, sieht er noch nicht einmal auf. Vollkommen reglos sitzt er da und verzieht keine Miene. Womöglich denkt er, ich drehe am Rad, weil ich meine Mutter verloren habe, sollte die Nachricht bis zu seinem Planeten vorgedrungen sein. Ich frage ihn nicht um Erlaubnis, es kommt mir gar nicht in den Sinn, dass meine Gegenwart ihn stören könnte. Ich setze mich und basta. Ab jetzt sind wir Ale und Gabriele, wie zwei Namen in einem Herz.

Noch immer glotzt mich die ganze Klasse sprachlos an, irgendjemand prustet los, als hätte ich den größten Witz aller Zeiten gelandet. Ich höre jemanden flüstern: »Ist die verrückt geworden?«, und dann nehmen alle ihre Plätze ein und der Unterricht beginnt. Die Lehrer, die sich an diesem Vormittag die Klinke in die Hand geben, werfen mir einen flüchtigen Blick zu, aber bis auf das eine oder andere kurze »Schön, dass du wieder da bist«, sagen sie nichts. Nur Sonia dreht sich während der Mathestunde mit aufgerissenen Augen zu mir um und macht mir Handzeichen, die so viel heißen wie, was machst denn du für ’ne Scheiße? Ich sehe sie an, hebe fragend das Kinn, schüttle den Kopf und tue so, als verstünde ich nicht. Als es zur Pause klingelt, schlüpfe ich hastig und ohne jemanden anzusehen, hinaus, gehe zuerst aufs Klo und dann ans hinterste Ende des Flurs, wo die unteren Klassen sind und ich niemanden kenne. Ich lehne mich neben dem Fenster an die Wand, bleibe zehn endlos lange Minuten so stehen und versuche dabei an nichts zu denken. So könnte ich bis zum Ende des Schuljahres stehen bleiben und dann Ciao, ihr Lieben. Ilaria, Barbara, Sonia. Ich will niemanden mehr sehen. Niemanden. Ich will, dass alles anders ist, auch wenn ich nicht weiß, wie. Wer sagt, das Leben geht weiter, ist ein Idiot. Nein, das Leben bleibt stehen. Die Zeit geht weiter, aber das Leben kommt immer wieder zum Stillstand und wird zu etwas völlig Fremdem. Das auf der Stelle Stehen und Warten ist das Schwierigste daran. Heute habe ich beschlossen, mich in die hinterste Bank zu setzen und zu warten. Ich leiste Widerstand, ich will nicht, dass mein Leben irgendwie ohne dich weitergeht.

Als ich nach dem Klingeln zurück in die Klasse komme, hat jemand meine Schultasche auf meinen alten Platz neben Sonia gestellt. Mit Wucht knalle ich sie zurück auf Zeros Tisch. Wieder starren alle mich an, doch Zero sieht kaum zu mir auf und bückt sich nur, um einen Stift aufzuheben, der durch die Erschütterung hinuntergefallen ist. »Na kommt, Mädels, lassen wir sie in Ruhe«, flüstert Ilaria. Genau, kümmert euch um euren Kram. Als die letzte Stunde um ist, raffe ich hastig meine Sachen zusammen und mache mich grußlos aus dem Staub. Auf dem Weg an meinem alten Platz vorbei werfe ich Sonia einen flüchtigen Blick zu, und sie grüßt mich wie immer, wie man es mit Verrückten eben macht, als wäre es ein ganz normaler Morgen gewesen und dies nur ein momentaner Aussetzer, an den wir uns irgendwann tränenselig Arm in Arm auf der Bettkante ihres weißen Ikea-Jugendzimmers zurückerinnern würden.

Bye-bye, my friend.

Am Nachmittag gehe ich ins Schwimmbad, und im Wasser schaffe ich es endlich, mich zu entspannen. Einzig in dieser flüssigen blauen Masse gelingt es mir, an nichts mehr zu denken und die anderen Schwimmer neben mir zu vergessen.

Ich liebe das Wasser. Der Funke sprang über, als ich zwölf war, und das ist meiner Mutter zu verdanken. Damals hatte ich eine Freundin namens Cecilia, ein zierliches, ruhiges Mädchen, mit dem ich mich sehr gut verstand. Eines Tages, als ich zu ihr ging, um mit ihr Hausaufgaben zu machen, war gerade eine Freundin aus ihrem Tanzkurs dort. Sie redeten über die Tanzaufführung, und auf dem Bett lag ein rosa Tüllröckchen, das ihre Mutter extra für sie genäht hatte. Begeistert stürzte ich mich darauf, betrachtete es hingerissen und fragte, ob ich es anprobieren dürfe, ohne ihren alarmierten Blick und das boshafte kleine Lächeln ihrer Freundin zu bemerken. Mit einem verlegenen Lachen nahm sie mir den Rock aus der Hand und sagte, ich würde ihn nur ausleiern. Ich schämte mich furchtbar, vor allem, weil die Freundin mich anglotzte, als wäre ich ein Walross. Ich hatte Cecilia und mich nie als dünn und dick gesehen, wir waren Freundinnen, was zählte es da, wie wir aussahen? Was hatten unsere Körper damit zu tun?

Als ich nach Hause kam, brach ich noch in der Haustür in Tränen aus. Meine Mutter konnte mich nicht trösten. Von dem Tag an war ich offiziell dick, obgleich ich wegen des Alters und der Hormone allenfalls ein wenig pummelig war. Selbst meine Zöpfe, die ich mir jeden Morgen mit Hingabe flocht, um ordentlich auszusehen, kamen mir plötzlich fett vor.

Als meine Mutter mir das Schwimmen vorschlug, grauste mir bei der Vorstellung, mich der Welt im Badeanzug zu zeigen, doch schließlich willigte ich beklommen ein. Außer Kugelstoßen wollte mir kein passender Sport für mich einfallen. Ich weiß nicht, was das Wasser mit mir anstellte, doch es funktionierte. Ich begriff sofort, dass mit Badekappe und Schwimmbrille jeder hässlich ist und dass – viel wichtiger noch – das Wasser meinen Körper aufnahm und seine Widerstandskraft auf die Probe stellte, ohne ihn zurückzuweisen. Man musste sich, statt auf die Form, auf die Bewegung konzentrieren, und schon fühlte man sich zu Hause. Das Wasser liebte mich, und ich erwiderte diese Liebe. Mir gefielen die Schwimmer, die stetig und bedächtig eine Bahn nach der anderen zogen, als wären sie in der Karibik und täten die schönste Sache der Welt. So wollte ich mich auch fühlen. Selbstvergessen in einer einzigen, endlosen Bewegung.

Wie jedes Mal gleite ich, ohne anzuhalten, durch das Wasser, konzentriere mich auf den Atem, auf die bläulichen Bläschen, die sich bei jedem Schwimmstoß bilden. Ich stelle mir vor, die Schwimmbeckenwände würden plötzlich verschwinden: Endlich kann ich unter Wasser atmen und schwimme davon, ohne noch einmal aufzutauchen.

20. Oktober

Mein Platzwechsel liegt jetzt fast einen Monat zurück, und von Zero kein Lebenszeichen. Ihm wäre es auch egal, wenn ich mich auf seinen Schoß setzte.

Rund eine Viertelstunde nach mir trudelt er in der Schule ein, knallt seinen Eastpack-Rucksack, der schon bessere Zeiten gesehen hat, auf den Boden, verschränkt, ohne sich die Jacke auszuziehen, die Arme auf dem Tisch und legt den Kopf darauf. Ich sehe nur seinen von dichtem, braunem Haar bedeckten Nacken und rieche den Geruch nach Kälte, der seiner Jacke entströmt, die, wie die Obergiftspritzen der Klasse immer wieder gern betonen, seine Mutter ihm für fünfzehn Euro beim Asia-Shop gekauft hat, ein Fake – die echte trägt nur, wer sie geklaut hat oder sie sich leisten kann. Ich habe eine. Ein Geschenk meiner Mutter. Als sie sie mir gab, bin ich ihr vor Freude um den Hals gefallen und sie hatte lächelnd den Kopf geschüttelt, als wäre ich verrückt geworden, und gesagt: Die muss aber eine ganze Weile halten. Jetzt weiß ich, dass sie mein ganzes Leben lang halten muss.

Mathe, Italienisch und Geschichte. Als es zur Pause läutet, bin ich so müde, dass ich am liebsten nach Hause gehen würde. Ich will gerade aufstehen, als Gabriele sich plötzlich zu mir umdreht und mich nach einer Zigarette fragt. Ich bin kurz davor, ihn das noch einmal sagen zu lassen, um sicherzugehen, dass ich es mir nicht nur eingebildet habe. Ich rauche sehr wenig wegen der Schwimmerei, aber Zigaretten habe ich immer, weil es mich nervt, danach zu fragen. Hoffentlich sieht er mir nicht an, wie baff ich bin. Ich bücke mich nach meinem Rucksack, hole das Päckchen raus und halte es ihm gespielt gleichgültig hin. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass alle uns anglotzen. Als er mir das Päckchen wiedergibt, stopfe ich es in den Rucksack und gehe hinaus. Kaum bin ich auf dem Flur, versuche ich, in der Menge zu verschwinden. Hat er danke gesagt? Ich weiß es nicht, vielleicht, mit einem kleinen Nicken. Und selbst wenn, er hat mich nicht einmal angesehen. Wo geht der rauchen? Auf dem Klo? Im Hof? Keine Ahnung. Zero.

Ich schlendere zu meinem üblichen Fenster und fange an, nicht nachzudenken. Ich starre auf immer denselben Baum, folge den Linien der Äste, betrachte die letzten gelben Blätter: meine Zen-Pause.

25. Oktober

Gabriele Righi alias Zero. Es scheint ihm wirklich scheißegal zu sein, wie wir ihn nennen und was wir über ihn denken. Seit ich mich auf null gestellt habe, finde ich auch, dass es allein im Abseits gar nicht so schlecht ist, und habe nicht mehr das geringste Bedürfnis, über Klamotten, Jungs oder sonstigen Schwachsinn zu reden. Sonia lässt nicht locker und versucht noch immer, mich von meiner einsamen Insel wegzulotsen, sie hat einfach noch nicht begriffen, dass sie mich damit immer weiter in die Flucht schlägt. Doch zu meinem Leidwesen hat sie offenbar beschlossen, dass ich ihre beste Freundin und, seit ich sie meide, auch ihre Mission bin; mit dieser Jeanne d’Arc werde ich es nicht gerade leicht haben.

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