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Der Rabbi und das Böse

KATHARINA HÖFTMANN

DER RABBI
UND DAS BÖSE

KOMMISSAR ROSENTHAL
ERMITTELT IN TEL AVIV

KRIMINALROMAN

Aufbau Digital

Impressum

ISBN 978-3-8412-0655-8

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Einbandgestaltung capa design, Anke Fesel

unter Verwendung eines Motivs von Chris Keller/bobsairport

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

KAPITEL 1

»Seid ihr bereit für den Frieden?«

Assaf Rosenthal rollte mit den Augen. Vor ihm wippte Gili mit ihrer roten Lockenmähne auf und ab. Eben hatte Kobi Rubin die Bühne des Friedenskonzertes im Ehrlich-Park in Jaffa betreten. »Atem muchanim le shalom?« Der Kommissar wusste, dass er mit so einer Frage auf einem Konzert, das von der Organisation Peace Now veranstaltet wurde, rechnen musste. Trotzdem. Wie lächerlich! Bereit für den Frieden? Er war seit seiner Geburt bereit dafür, aber der Frieden, der kam ja doch nicht. Kobi Rubin mit seiner schütteren grauen Matte, die ihm wie ein zerfledderter Besen hinterher wehte, sah aus, als sei er seit Jahrhunderten bereit für den Frieden. Assaf erinnerte sich, dass schon aus dem alten knatternden Küchenradio seiner Mutter die Schlager von Rubin dröhnten. Dann hatte der Alkohol den Sänger für eine Dekade aus dem Verkehr gezogen, und nun stand er wieder hier. Wie Phönix aus der Asche. Bejubelt von jungen und alten Israelis, die sich die Hoffnung und den Willen nach Schalom nicht nehmen lassen wollten. Nicht von Raketen, nicht von Terroranschlägen und schon gar nicht von ihrer eigenen Regierung. Immerhin darauf konnte man sich noch verlassen.

Gili griff nach seiner Hand und rief lachend: »Ich sehe dir an, wie albern du das hier findest.«

»Nein gar nicht, buba«, log er. »Alles gut.« Assafs Blick war nun ganz auf seine Freundin fixiert. Er konnte sich nicht satt sehen an ihren Augen, die in der Sonne grün mit einem leichten Gelbstich schimmerten, und an den vielen Sommersprossen, die wie ein perfektes Bild in ihr Gesicht gekleckst waren. Für diesen Anblick ging er sogar auf Pro-Palästina-Konzerte. Und in all die eigenartigen Kunstausstellungen, in die ihn die Galeristin in den letzten Wochen geschleppt hatte. Er hatte sowieso einen Teil seines sechzehntägigen Jahresurlaubs nehmen müssen, da konnte er auch einen Nachmittag für den Frieden opfern. Und zur Belohnung würden sie in ein paar Stunden in ihrem Zelt am Strand sitzen und Zwiebeln ins Lagerfeuer halten.

Auf der Bühne robbte sich Kobi Rubin an seine sexy Backgroundsängerin heran, die allem Anschein nach vergessen hatte, ein Kleid über ihre Reizwäsche zu ziehen, während er mit brüchiger Stimme ins Mikrofon krächzte. Doch die alten Hits, wie Assaf sie kannte, waren das nicht, die aus dem schwächlichen Stimmorgan des Mannes ertönten. Ein DJ, wahrscheinlich ein orientalischer Jude aus Beersheva oder Aschkelon, hatte die Lieder in einen Techno-Remix gepresst und sie damit des letzten Funkens Charme beraubt. Gegen Bass und Beat und diese Zeiten überhaupt ankämpfend, schrie Rubin in diesem Moment verzweifelt die letzten Zeilen seines Hits, mit dem er einst den Grand Prix gewonnen hatte. Das Publikum tobte, und Assaf ließ sich zwischen ihnen zu einem leichten Wippen hinreißen. Gili pfiff begeistert auf zwei Fingern.

Den Jubel genießerisch wie einen Regen in der Wüste abwartend, stand Kobi Rubin wie sein eigenes Denkmal auf der Bühne. Der Applaus verebbte langsam, und der Altstar wurde ernst und sah nun ganz wie ein Versicherungsvertreter aus: »Leute, ich will euch einen besonderen Menschen vorstellen. Er hat mehr für den Frieden in unserem Land getan als wir alle zusammen. Er engagiert sich beharrlich für ein friedliches, gerechtes Zusammenleben zwischen uns und unseren palästinensischen Brüdern und Schwestern. In schweren Zeiten, in denen unsere Regierung uns auf Hass trimmen will, propagiert er Liebe. Er ist Mitglied der Gruppe ›Rabbiner für Menschenrechte‹ und spiritueller Führer der ›Simchat Tora‹-Gemeinde. Er hat arabische Jugendzentren in Hebron und hier in Jaffa aufgebaut. Einen tosenden Applaus bitte für Rabbiner Zvi Ben Avraham aus New York!«

Assaf streckte sich leicht auf die Zehenspitzen und entdeckte einen weißhaarigen Rabbiner im Publikum, auf dem Kopf trug er einen hohen Fedora-Hut mit nach oben gebogener Krempe. Der bärtige Mann, bekleidet mit einem langen schwarzen Gehrock, die unmenschliche Hitze völlig ignorierend, bahnte sich seinen Weg zur Bühne. Seine Peies, die Schläfenlocken, schwangen mit jedem Schritt im Takt. Die Hände hochgestreckt, winkte er dem begeisterten Publikum zu.

Als Assaf plötzlich Schreie hörte, dachte er noch amüsiert, dass der Rabbi wohl von einigen seiner Jünger wie ein Popstar bejubelt wurde. Dann begriff er, dass etwas nicht stimmte. Der Kommissar streckte sich und hüpfte leicht hoch, um besser sehen zu können. Der Rabbiner war verschwunden, so, als sei er hingefallen. Sicherheitsmänner eilten von allen Richtungen auf die Stelle zu, an der Assaf den älteren Mann vermutete. Das Publikum blickte entsetzt Richtung Bühne. Nun verstanden auch die Menschen um ihn herum, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. Dann schien die Zeit für einen Moment still zu stehen. Eine Frau schrie, offenbar ohne auch nur einmal Luft zu holen, mit schriller Stimme. Und nur die verschiedenen Klangfarben ihres Schreiens waren ein Anzeichen dafür, dass die Welt sich weiter drehte. Wie in Zeitlupe sah Assaf, dass aus dem Gerangel plötzlich jemand entwich: Verkleidet als Weihnachtsmann flüchtete der Mann durch den Pfad, den die Sicherheitskräfte als Notausgang frei geschoben hatten, dabei umschlängelte er die Muskelpakete geschickt wie ein Slalomläufer. Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, hätte es fast lustig ausgesehen, wie der schlanke Weihnachtsmann die gestählten, aber ungelenken Männer einen nach dem anderen hinter sich zurückließ. Kommissar Rosenthal überlegte keine Sekunde und nahm die Verfolgung des fliehenden Weihnachtsmannes auf. Er bahnte sich, laut »Polizei« rufend, den Weg durch die Menge und sah gerade noch, wie der kostümierte Mann um die Ecke der Yefet-Straße in die kleinen Gassen von Jaffas Viertel Ajami verschwand. Assaf sprintete ihm mit angewinkelten Armen hinterher. An der Kurve stieß er fast mit einem Fahrradfahrer zusammen, dessen Fahrradkorb, voll gepackt mit Einkaufstüten, dem Mann die Sicht auf die Straße und den Kommissar versperrt hatte. Assaf strauchelte kurz und folgte dem Weihnachtsmann dann in das Straßengewirr. Er passierte eine Moschee, um die sich gleichmäßig schmale Gänge wie Umarmungen wickelten. Am Ende, genau dort, wo das Minarett begann, führte eine lange, schmale Steintreppe zu der etwas tiefer gelegenen Haivi-Straße. Assaf entdeckte den Flüchtigen, der in diesem Moment die Treppe mit einer gekonnten Bewegung in einem Zug heruntersprang. Dann kletterte der verkleidete Santa Claus die hohe Mauer, welche die enge Straße zur linken Seite begrenzte, scheinbar mühelos, flink wie eine Echse hoch und verschwand hinter ihr. Assaf blieb nicht viel Zeit über die Wendigkeit des Mannes zu staunen. Etwas weniger routiniert, ja im Vergleich zu dem gelenkigen Mann im seltsamen Kostüm geradezu behäbig, lief er die Treppe herunter und erklomm die terracottafarbene Wand ebenfalls. Der Flüchtige war bereits zur Hälfte die schmale, endlos lang erscheinende Straße hinter der Mauer entlanggelaufen. Er drehte sich kurz hektisch um, und Assaf sah, dass er sogar an den Vollbart gedacht hatte, nach dem das Weihnachtsmannkostüm verlangte. In der heißen Augustsonne, die gnadenlos auf Jaffas alte Steine herunterschien, musste der Mann darunter Blut und Wasser schwitzen. Während er die Gasse ebenfalls entlang rannte, überlegte der Kommissar, dass es sich anhand der gelenkigen Bewegungen um einen jüngeren sportlichen Mann handeln musste. Weiter kam er mit seinen Gedanken nicht, denn der Mann hatte nun einen neuen Weg gefunden, ihm zu entkommen. Er hangelte sich pfeilschnell über ein Tor und hüpfte von dort, indem er sich an der Satellitenschüssel hochzog, auf das Dach eines niedrigen Einfamilienhauses. Assaf versuchte es ihm mit einiger Verzögerung gleichzutun, aber ein bedrohlich bellender Schäferhund stellte sich ihm in den Weg.

Als der Kommissar schließlich, nach einigen beruhigenden Worten für den Hund und einem schnellen Satz, ebenfalls auf das Dach gelangte, war der flüchtende Weihnachtsmann längst verschwunden. Assaf legte keuchend die Hände auf seine Knie. Dann stand er auf und sah wie ein Lotse auf Wachposten in alle Richtungen. Hinter ihm bot sich ein geradezu malerisches Bild. Das Mittelmeer strahlte in verführerischem Tiefblau, ein Kirchturm und ein Minarett lagen Seite an Seite in pittoresker Eintracht. Und mittendrin stand der gutaussehende Assaf Rosenthal in seiner schmalen dunkelblauen kurzen Hose, einem bordeauxfarbenen Poloshirt und feinen Wildledermokassins. Das Bild hätte auch – das war die Ironie des Augenblicks – aus einer Modezeitschrift stammen können. Assaf strich sich mit einer schnellen Handbewegung den Schweiß aus dem dunklen Vollbart. Ihm fiel das nah gelegene Parkhaus ein, in dem er manchmal Gilis Wagen parkte. Der Kommissar holte Schwung und landete hart im Vorgarten. Bevor der Schäferhund ihn abermals entdeckte, rannte Assaf bereits die Straße hinunter. Er bog in die Mendes France ein, passierte den Wohnsitz des französischen Botschafters, spurtete durch den Toulouse-Garten und fand sich nun direkt am Meer wieder. Entlang dutzender Baustellen, die vom einzigartigen Bauboom dieser Gegend Jaffas zeugten, gelangte er wenige Minuten später zu dem Parkhaus. Um diese Uhrzeit an einem Freitag war weder in dem Parkhaus noch in der Tankstelle, die sich im Erdgeschoss befand, viel los. Der Kommissar lief durch den niedrigen Eingangsbereich, vorbei an den verwaisten Zapfsäulen. Über ihm hingen rote Metallrohre, die im Falle eines Brandes Wasser über die Tankstelle verteilen sollten. Sie sahen wie eine der abstrakten Kunstinstallationen aus, die Gili so liebte. Das Wärterhäuschen an der Schranke zum Eingang der Garage war leer. Daneben entdeckte Assaf in einem Wassereimer, der dort zur Reinigung der Windschutzschreiben abgestellt worden war, einen Teil der Weihnachtsmannverkleidung: Es handelte sich um den Bart und die Mütze, die der Flüchtige hier entsorgt hatte. Klugerweise hatte der Mann die Sachen ins Wasser geworfen.

Soviel zu möglichen DNA-Spuren, dachte der Kommissar grimmig. Aber immerhin bestand die Chance, dass der Angreifer noch hier war. Und jetzt konnte er sich nicht mehr hinter dem Kunstbart verstecken.

Lautlos eilte Assaf die steile Rampe hoch und gelangte in den ersten Stock der dunklen Hochgarage. Er hielt kurz inne und lauschte angestrengt nach einem Anzeichen dafür, dass der Mann mit seinem Faible für seltsame Kostüme noch hier war. Aber außer einem konstanten Summen, bei dem der Kommissar nicht sicher war, ob es von den Klimaanlagen der Nachbarschaft oder aus seinem erschöpften, schwitzenden Körper kam, konnte er nichts hören. Er stieg über die Treppe in den zweiten Stock des Gebäudes – auch hier konnte er nichts Verdächtiges entdecken. In dem Moment, als er sein iPhone aus der Hose ziehen wollte, um die Kollegen zu informieren, hörte er etwas entfernt ein quietschendes Geräusch, wie es Turnschuhe in Sporthallen machten. Assaf erinnerte sich an den Linoleumboden, über den er kurz zuvor gerannt war. Der Verdächtige musste ein Stockwerk unter ihm sein. Mit einer abrupten Drehung hetzte der Kommissar zurück ins Treppenhaus und rannte die Stufen hinunter. Doch als er unten an der Tankstelle herauskam, sah er nur noch einen knatternden Motorroller von hinten. Auf ihm saß ein schlanker Mann mit blauem Kapuzenpullover, die Kapuze trotz der Hitze weit über den Kopf gestülpt. Auf dem Rücken trug er einen schwarzen Rucksack, dessen Label Assaf auf die Entfernung nicht erkennen konnte. Und ein Nummernschild hatte der Roller nicht.

Assaf versuchte noch, dem Roller zu folgen, aber der Mann war nach wenigen Sekunden hinter einer Ecke verschwunden. Der Kommissar schrie ihm ein paar wüste Verwünschungen hinterher und beendete den Ausbruch mit einem ungestümen Tritt gegen die Bordsteinkante. Dann machte er sich grummelnd auf den Weg zurück in den Park.

Als Assaf zurück zur Bühne kam, hatten sich die wenigen Zuschauer und Demonstranten, die noch geblieben waren, im Park weitflächig verteilt. Von einem der mittlerweile angekommenen Polizisten erfuhr er, dass der Rabbiner schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht worden war. »Der Typ im Weihnachtsmannkostüm hat mehrmals auf den Rabbi eingestochen. Sieht nicht gut aus«, erklärte der Kollege mit hochgezogenen Augenbrauen.

Aber er lebt, dachte Assaf, und damit fiel der Fall nicht in sein Aufgabengebiet. Kommissar Rosenthal berichtete dem Kollegen in kurzen, abgehackten Sätzen von seiner Verfolgungsjagd und zählte die Merkmale auf, die er an dem Flüchtigen ausgemacht hatte. Als der Beamte alles notiert hatte, kehrte Assaf zu Gili zurück, die auf einer Parkbank wartete. Er setzte sich neben sie und umarmte sie behutsam. »Alles okay?«

Sie seufzte und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Wer macht denn so was? Das ist doch krank. Einen Rabbi abzustechen.«

Assaf nickte schweigend.

»Ich habe in der Zwischenzeit mit ein paar Leuten gesprochen, die etwas näher an der Bühne standen. Ich habe sie gefragt, ob ihnen noch was aufgefallen ist ...«, sagte sie.

»Walla. Und?«

»Der Rabbiner ist aus der Menge herausgetreten, und kurz bevor er die Treppe zur Bühne erreichte, kam dieser verkleidete Psycho wie aus dem Nichts auf ihn zugestürmt. Ohne ein Wort zu sagen, stach er auf ihn ein und rannte dann weg. Sein Gesicht konnte niemand erkennen, er trug Bart und Mütze, und es ging ja auch alles so schnell. Aber sie meinten, der wäre auf jeden Fall noch ziemlich jung gewesen. Mann, ich fühle mich so an Rabin erinnert.«

Assaf stimmte ihr nachdenklich zu. Jitzhak Rabin war 1995 ebenfalls bei einer Friedensdemo angegriffen worden. Auf dem Weg von der Bühne hatte ein fanatischer, jüdischer Fundamentalist auf ihren Staatschef geschossen, und Rabin war nach Stunden des Bangens eines ganzen Landes schließlich im Krankenhaus verstorben. Der Kommissar erinnerte sich noch heute an die Worte aus Rabins Rede vor dem Angriff: »Diese Regierung hat sich entschieden, dem Frieden eine Chance zu geben – einem Frieden, der die meisten Probleme Israels lösen wird. Der Weg des Friedens ist dem Weg des Krieges vorzuziehen. Und das sage ich als jemand, der 27 Jahre lang ein Mann des Militärs war.« Das Gefühl von Hoffnung und Zuversicht, das Rabin ihnen damals gegeben hatte, konnte Assaf noch heute spüren. Doch sein Tod lag nun fast zwanzig Jahre zurück, und wieder einmal standen sie dem Krieg viel näher als dem Frieden.

Assaf schüttelte die schweren Gedanken ab, indem er von der Bank aufsprang. »Aber der Priester ist nicht Rabin. Er lebt noch. Und er war nicht unsere einzige Hoffnung auf Frieden«, sagte er schließlich pragmatisch, »Komm, wir gehen.« Er zog leicht an Gilis Arm, bis auch sie sich erhob. Er drückte sie fest an sich, und die beiden küssten sich. Doch anders als sonst konnte der Kommissar die Küsse seiner Freundin nicht richtig genießen. Ein Mann war vor seinen Augen fast ermordet worden. Und es ärgerte ihn zu sehr, wie leichtfüßig ihm der Täter davon gelaufen war.

KAPITEL 2

Assaf beobachtete schläfrig, wie das kleine orangene Polyesterstück über ihm im Wind flatterte. Die Sonne war gerade aufgegangen, und sofort war es brüllend heiß in ihrem Zelt. Das kleine Luftloch an der oberen Seite des Zeltes konnte der Demse nichts entgegensetzen, daher zog Assaf mit einer Hand, möglichst leise, da Gili noch zu schlafen schien, den Reißverschluss auf. Zentimeter um Zentimeter bot sich ihm mehr von dem traumhaften Bild, das er so liebte: Das Meer bäumte sich in kleinen ruhigen Morgenbewegungen auf, um dann wie erschöpft in sich zusammenzufallen. Assaf beruhigte das Meeresrauschen so sehr, dass er sich sogar eine Sound Machine als Einschlafhelfer gekauft hatte, die ihn von seinem Nachtschrank aus mit Meerestönen beruhigte. Allerdings hatte er in den letzten Wochen meistens bei Gili übernachtet, und bei ihr in Jaffa gab es diese Geräuschkulisse umsonst.

Das Meer trug eine sanfte Brise in ihr Zelt, und Assaf atmete die salzige Luft tief ein. Er drehte sich vorsichtig und sah ein anderes Bild, das ihm gefiel. Gili schaute ihn mit weit geöffneten Augen an, in ihrem Blick lag eine Mischung aus Neugierde und Spannung auf den kommenden Tag. Assaf freute sich jeden Morgen auf den Moment, wenn sie die Augen öffnete und ihn mit diesem Blick begrüßte. Seit zwei Monaten sahen sie sich nun regelmäßig. Was als One-Night-Stand begonnen hatte, entwickelte sich langsam zu der ernstesten Beziehung, die er seit Hanna hatte. Gili war einfach anders als die Frauen, mit denen Assaf zuvor zusammen gewesen war. Sein Kumpel Jaron bezeichnete sie, nicht ohne eine Spur von Ironie, als »Freigeist«, aber Assaf wusste inzwischen, dass das nur die halbe Wahrheit war. Zwar legte sie nicht viel Wert auf einen traditionellen Lebensstil, so ging ihr die in Israel unter jungen Menschen verbreitete, hektische Suche nach einem Ehepartner völlig ab, aber gleichzeitig hatte sie ein sehr altmodisches Wertesystem. »Ich erwarte keine Treue von dir. Daran glaube ich nicht, schon gar nicht bei dir, aber Loyalität. Loyalität verlange ich«, hatte sie eines Abends, nachdem Assaf eine ganze Woche lang ununterbrochen bei ihr übernachtet hatte und es langsam klar wurde, dass dies mehr als eine Affäre war, dramatisch bei Kerzenschein zu ihm gesagt. Über Assafs Antwort, dass für ihn Treue und Loyalität zusammengehörten, hatte sie erleichtert gelächelt und ihn dann innig umarmt. Auch wenn sie unabhängig und freiheitsliebend war und sehr klare Vorstellungen von ihrem Leben hatte, merkte Assaf doch, dass sie es genoss, all diese Vorstellungen mit jemandem zu teilen. Auch brauchte sie viel mehr Aufmerksamkeit, als sie selbst von sich dachte. Gleichzeitig ließ sie ihm mehr Freiheiten als andere Freundinnen, die er gehabt hatte. Wenn er lange arbeiten musste, merkte sie es oft gar nicht, weil sie selbst bis spät in die Nacht in ihrer Galerie herumwirbelte. Und wenn sie nach Hause kam, drehte sie entspannt auf ihrer Terrasse einen Joint, den sie sich dann teilten. Auch die vielen Frauengeschichten, die er in der Vergangenheit gehabt hatte und die ihnen immer wieder begegneten, wenn sie zusammen ausgingen, schienen Gili nicht zu stören. Dafür packte Assaf oft genug die Eifersucht, wenn sie mal wieder in einer Bar etliche Männer lachend umarmte.

Gili legte ihren Lockenkopf auf seine Brust. »O Mann, die letzten drei Tage waren einfach ein Traum«, seufzte sie. »Ich will nicht zurück in die Realität. Die böse reale Realität.«

Assaf lächelte verschmitzt. »Na, wir haben ja noch ein paar Tage fürs gemeinsame Nacktbaden ...«

»Natürlich. Das wird dir am eindrucksvollsten im Gedächtnis bleiben – das Nacktbaden.« Sie grinste ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

Statt einer Antwort vergrub er sein Gesicht in ihr Haar. Er atmete tief ein, und gerade als er denken wollte, dass es für immer so bleiben könnte, riss ihn das schrille Klingeln seines Telefons aus den paradiesischen Zuständen.

»Rosenthal«, meldete er sich nach einem kurzen Blick auf das Display. Der Anrufer war der Polizeikollege, der sich um den Angriff auf den Rabbiner gekümmert hatte.

»Kommissar Rosenthal, hier spricht Yoav, vom Revier Migdal Yafo ...«

»Schalom Yoav. Was ist los?«

»Kommissar, Rabbiner Zvi Ben Avraham ist letzte Nacht verstorben. Ich wollte dir nur Bescheid sagen.«

Assaf richtete sich abrupt auf. »Was? Fuck. Im Krankenhaus?«

»Ja, er war zuerst ins Koma gefallen. Aber nun ... Herzstillstand, sagt der Arzt.«

»Herzstillstand«, wiederholte Assaf, und Gili sah ihn fragend und besorgt an.

»Ich weiß nicht, ob du den Fall übernehmen wirst, aber ich dachte, es ist besser, wenn ich dir gleich Bescheid sage.«

»Ja. Danke, Yoav. Ich kümmere mich darum. Wir sprechen uns«, beendete der Kommissar das Gespräch.

»Was ist denn passiert?«, fragte Gili aufgeregt.

»Der Rabbi ... er ist gestorben. Ich muss zurück nach Tel Aviv«, sagte Assaf, aus dessen Gesicht in Sekundenschnelle alle Entspannung gewichen war. »Sorry, buba«, schob er noch schnell hinterher.

Im Auto rief Assaf seinen Chef und den Polizeidirektor Tel Avivs Chaim Wieler an. Wieler war in der Armee sein Befehlshaber gewesen und hatte ihn vor rund einem Jahr zur Polizei geholt. Für Assaf, der zuvor als hochrangiger Offizier an der Grenze zu Gaza gedient hatte, war der Arbeitswechsel nach Tel Aviv bitter nötig gewesen. Er hatte den ganzen Mist, mit dem sie sich in der Spezialeinheit beschäftigen mussten, einfach nicht mehr ertragen. Und nach einigen Anfangsschwierigkeiten hatte er sich in der Mordkommission etabliert.

Während Wieler, der aufgrund seiner Körperfülle immer etwas aus der Puste war, ins Telefon schnaufte, berichtete Assaf ihm von dem Tod des Rabbiners und bat darum, den Fall übernehmen zu dürfen.

»Aber, Rosenthälchen, hast du nicht gerade Urlaub?«

Bevor Assaf antworten konnte, überlegte Wieler laut, dass es natürlich sinnvoll war, wenn er, Assaf, den Fall übernehme, immerhin hatte er, Assaf, die Tat beobachtet. »Also vergiss das mit dem Urlaub«, brüllte sein Chef ins Telefon.

Der Kommissar verstand ihn kaum, hinter ihm lärmte es wie in einem Fußballstadion.

»Chaim, was ist das für ein Krach? Wo bist du denn so früh am Morgen?«

»Frag nicht! Sommerferien. Und die haben meine fünf Enkelkinder bei mir abgestellt. Und obwohl meine liebe Ehefrau gesagt hat, dass sie nur kurz zum Bäcker geht, ist sie seit einer gefühlten Ewigkeit verschwunden, und ich sitz hier mit den Schreihälsen ... Dei, Jonathan, lass das«, maßregelte er wie zur Bestätigung seinen jüngsten Enkel, den Assaf von seinen Besuchen auf dem Revier kannte.

»Äh, na gut, dann viel Glück, ich mache mich auf dem Weg zur Dienststelle.«

»Ich wünschte, wir könnten tauschen«, erklärte Wieler, bevor er ohne Verabschiedung auflegte.

Als Assaf kurze Zeit später auf dem Polizeipräsidium in Jaffa ankam, war es immer noch so früh, dass er einer der ersten in den langen kühlen Fluren war. So kühl es im fensterlosen Treppenhaus war, so heiße Luft schlug ihm aus seinem Büro entgegen. Assaf riss die hohen Panoramafenster auf und setzte dann kurze Zeit später, nachdem sich die schlechte, heiße Luft einigermaßen verflüchtigt hatte, die Klimaanlage in Gang. Er sortierte sich einen Moment, rückte seine Unterlagen zurecht und ging dann seine Aufzeichnungen durch, die er sich nach dem Angriff auf den Rabbiner gemacht hatte. Einige Zeit später hörte der Kommissar, dass Zipi Meier, die Sekretärin seines Teams, angekommen war. Er lief zu ihrem Schreibtisch nebenan, um sie zu begrüßen. So wie er es von ihr gewohnt war, trug die Endfünfzigerin mal wieder ein Outfit, das wahrscheinlich auch ihrer ältesten Teenie-Enkelin gefallen hätte.

»Assaf, was machst du denn hier?«, fragte sie überrascht, als sie den Kommissar entdeckte, »Motek, du hast doch Urlaub. Ist was passiert?« Sie umarmte ihn herzlich. »Hätte ich gewusst, dass du da bist, hätte ich dir was von dem Kuchen mitgebracht, den ich gestern gebacken habe.«

»Der Rabbiner, auf den bei der Friedensdemo vor ein paar Tagen eingestochen wurde, ist heute Morgen im Krankenhaus verstorben.«

Zipi stieß einen lauten Seufzer aus. »Ich habe von dem Fall in der Zeitung gelesen. Schrecklich.«

»Ich war dabei, als es passiert ist. Ich bin dem Angreifer sogar noch eine ganze Weile gefolgt, aber schließlich habe ich ihn verloren.« Er zog die Schultern hoch und sah die Sekretärin kopfschüttelnd an.

»Ich bin sicher, du hast getan, was du konntest«, versuchte Zipi ihn zu beruhigen. Dann klatschte sie in die Hände, zottelte entschlossen ihr kurzes, enges T-Shirt über den drallen Bauch, der hier und da bereits seinen Weg unter dem Stoff herausgefunden hatte, und drückte den Rücken durch, wobei sie ihre großen Brüste herausstreckte. »Ich fordere gleich einmal die Akten von den Kollegen an. Und dann gebe ich dir die Adresse des Krankenhauses, in dem der Rabbiner verstorben ist.«

»Danke dir. Und ich sage Liat Bescheid«, rief Assaf, der bereits auf dem Weg zurück in sein Büro war.

Liat Schapira war die zuständige Rechtsmedizinerin, mit der Assaf auch privat befreundet war. Sie musste den Transport der Leiche in die Rechtsmedizin im untersten Stockwerk des Hauses koordinieren.

Noch während Assaf mit ihr telefonierte – er hatte sie per Handy auf dem Weg zur Dienststelle erreicht –, betrat Zipi sein Büro und legte ihm einen Zettel mit der Adresse des Krankenhauses auf den Schreibtisch.

»Du, Liat, Zipi sagt mir gerade, dass sich die Leiche des Rabbiners noch im Sourasky-Krankenhaus befindet. Kannst du da direkt hinkommen?«

Liat brummte am anderen Ende etwas, das wie eine Zustimmung klang.

Ohne ein weiteres Wort seiner Kollegin abzuwarten, legte Assaf auf. Er sammelte Notizbuch, Handy und Schlüssel in seiner braunen, ledernen Aktentasche zusammen und eilte los. Auf dem Weg zum Parkplatz, wo Assaf seinen Roller abgestellt hatte, stoppte er schlagartig, als plötzlich seine Kommissarkollegin Anat Cohen vor ihm stand. Die beiden begrüßten sich denkbar unbeholfen, und Assaf berichtete, ohne dass sie ihn danach gefragt hätte, warum er seinen Urlaub abgebrochen hatte.

Das Verhältnis zwischen ihm und Anat war nach einigen Küssen, aus denen aber nie so richtig mehr werden wollte, etwas heikel. Mittlerweile schienen sie beide unabhängig voneinander zu dem Schluss gekommen zu sein, dass das mit ihnen nicht funktionieren konnte. Und seitdem Assaf mit Gili zusammen war, hatte sich das Verhältnis merklich abgekühlt. Trotzdem: Er konnte dieses Gefühl, das zwischen ihnen wie eine frisch aufgezogene Gitarrensaite spannte, einfach nicht endgültig abschütteln. Und er spürte, dass es ihr genauso ging. Und so begegneten sie sich mit Unbeholfenheit und tauschten halbherzig Banalitäten aus, um sich gegenseitig zu versichern, dass sie trotz allem gute Kollegen sein konnten. Assaf war erleichtert, als sein Kollege und Partner Yossi Hag dazukam und sich das seltsame Gefühl dank seiner herzlichen Begrüßung in Luft auflöste. Auch Anat schien über die Störung nicht undankbar und nutzte die Gelegenheit, um im Dienstgebäude zu verschwinden.

Assaf besprach sich kurz mit Yossi und bat den Polizeihauptmeister, gemeinsam mit Zipi schon ein paar Informationen über Rabbiner Zvi Ben Avraham zu sammeln. Danach setzte sich der Kommissar auf seinen weißen Roller und fuhr Richtung Zentrum Tel Aviv. Er durchquerte die Stadtteile Shapira und Neve Sha’anan, die in letzter Zeit immer wieder mit ihrer zunehmend afrikanischen Bevölkerung in die Schlagzeilen geraten waren. Seitdem afrikanische Flüchtlinge zwei israelische Frauen vergewaltigt hatten – eine davon über 83 Jahre alt –, war der Hass gegen die Eritreer und Sudanesen deutlich spürbar. Was vorher mit Demonstrationen und zweifelhaften Kommentaren von konservativen Politikern unter dem Deckmantel der zivilisierten Gesellschaft angeschwollen war, brach nun vereinzelt in wahrlosen Angriffen auf Schwarze mit der hässlichen Fratze des Rassismus heraus. Selbst Assaf, der politisch dem konservativen Spektrum angehörte und wahrlich kein Freund der, wie er es nannte, »Gutmenschen« war, die die afrikanischen Wirtschaftsflüchtlinge um jeden Preis im Land behalten wollten, widerte an, was im Süden der Stadt passierte. Von beiden Seiten. Die Afrikaner waren ein Problem, daran hatte er keinen Zweifel. Aber ihre jüdischen Nachbarn auch. Immer öfter begann sich der Kommissar, der selbst überzeugter Patriot, ja Zionist, war, zu fragen, ob sich sein geliebtes Land in die richtige Richtung entwickelte. Manchmal hatte er das Gefühl, dass sie mit all der jüdischen Orthodoxie und den vielfältigen anti-demokratischen Kräften ihren arabischen Nachbarn immer ähnlicher wurden. Er führte diese Gedanken aber nie zu Ende, da er trotz allem immer noch davon überzeugt war, in einem Land zu leben, das sich von den arabisch-muslimischen Staaten, die sie umgaben, grundlegend unterschied. Grundlegend, wie er zu sagen pflegte, »in allem Menschlichen« unterschied!

Assaf bog in die Ibn Gvirol Straße ein und war nun mitten im modernen Tel Aviv, wo sich Restaurants, Boutiquen und Cafés aneinander drängten, als wäre dies die einzige Straße in der Stadt. Nur kurze Zeit später erreichte der Kommissar sein Ziel in der Weizman-Straße und parkte vor dem Sourasky-Krankenhaus. Er passierte zügig den Wärter am Eingang, der die Taschen der Besucher untersuchte und sie dann durch ein Tor mit Metalldetektoren, wie man es von Flughäfen her kannte, schickte, und lief zum Fahrstuhl. Die Abteilung für Innere Medizin befand sich im dritten Stock. Schnell entdeckte er den Empfangsbereich und fragte nach Doktor Noy. Eine ältere Krankenschwester namens Rita, so entnahm er ihrem Namensschild, führte ihn in das Büro des Oberarztes.

Assaf betrat den kleinen Raum, in dessen Mitte ein etwas chaotisch aussehender hellbrauner Schreibtisch stand. Überall in dem Zimmer türmten sich Bücher und Fachzeitschriften. Der Oberarzt selbst, ein kleiner Mann mit schütterem Haar, das eindeutig gefärbt war, hockte hinter den Wälzern fast unsichtbar am Schreibtisch. Er schaute den Kommissar mit wachen Augen an, die über eine schmale Lesebrille hinüberlugten.

»Doktor Noy, mein Name ist Assaf Rosenthal. Ich bin von der Mordkommission.«

»Ah. Kommissar Rosenthal. Deine Kollegin Zipi Meier hat dich bereits angekündigt. Möchtest du einen Kaffee?«, fragte der Arzt freundlich, während er dem Kommissar lasch die Hand schüttelte. Er sprach mit einem leichten russischen Akzent.

Assaf nahm eine Tasse Nes, wie sie den allseits beliebten Instantkaffee nannten, und fragte den Arzt dann ohne Umschweife, was passiert war.

»Wie du sicher weißt, wurde Zvi Ben Avraham bereits vor einigen Tagen bei uns auf der Intensivstation eingeliefert. Er hatte schwere Stichverletzungen im Bauch- und Brustbereich. Einer der Messerstiche hat die Leber getroffen, und der Mann hatte bereits viel Blut verloren, als er eingeliefert wurde. Wir haben Bluttransfusionen gelegt, konnten aber nicht verhindern, dass er ins Koma fiel.« Doktor Noy schaute Assaf an, als überlege er, ob es noch mehr zu sagen gab.

»Und dann?«, fragte der Kommissar schließlich, als der Arzt nicht weitersprach.

»Kammerflimmern. Letzte Nacht. Er hatte einen Herzstillstand.« Der Arzt öffnete die Hände, als wollte er sagen: Was kann man machen?

»Ist das eine normale Komplikation?«

»Im Grunde schon. Der Mann war ja auch schon etwas älter. Die Stiche hatten ihn schwer verletzt.«

»War er seit seiner Einlieferung noch einmal bei Bewusstsein? Hat er vielleicht noch die Chance gehabt, irgendetwas zu sagen. Über den Täter?«

»Nicht, dass ich wüsste, aber wir können natürlich nicht rund um die Uhr am Krankenbett der Patienten sitzen«, stellte der Arzt nüchtern fest.

»Hätte man seinen Tod irgendwie verhindern können? Wenn man früher in sein Zimmer gekommen wäre?«

»Kommissar Rosenthal, in unserem gesamten Krankenhaus arbeiten rund 150 Ärzte und 200 Pfleger sowie ein paar weitere Dutzend Mitarbeiter für Verwaltung, Wirtschaft und Technik. Bei einem Krankenhaus in dieser Größe ist ein vertrautes Arzt-Patienten-Verhältnis schlichtweg nicht möglich. Dafür haben wir einfach nicht genug Mitarbeiter, und die, die wir haben, verdienen nicht das Geld, was sie verdient hätten. Natürlich kann da für jemanden von außen der Eindruck entstehen, dass hier nicht genug für die Patienten getan wird. Das heißt aber nicht, dass wir hier nicht unsere Arbeit machen«, erklärte Doktor Noy kühl und routiniert, so als hätte er diese Rede schon oft halten müssen.

»Das wollte ich auch nicht andeuten. Ich weiß, dass die Situation in unseren Krankenhäusern nicht einfach ist«, beschwichtigte der Kommissar. Er erinnerte sich gut an die Proteste und Demonstrationen des medizinischen Personals gegen die unmöglichen Arbeitsbedingungen. Vor allem die jungen Ärzte mussten oftmals sieben bis zehn Schichten am Stück schieben und dann noch an den Wochenenden neben ihrem normalen Dienst durcharbeiten. Daher hatten mehr als 700 Mediziner in einer einmaligen Aktion gekündigt. Ob die Situation sich danach verbessert hatte, wusste der Kommissar nicht. So war es oft, es wurde demonstriert und protestiert, und irgendwann flaute das ganze Spektakel ab, und kurze Zeit später wusste niemand mehr, ob die ganze Aufregung überhaupt irgendetwas gebracht hatte. Auch die Massenproteste für mehr soziale Gerechtigkeit waren irgendwo zwischen der iranischen Bedrohung und Raketen aus Gaza, die kontinuierlich auf den Süden Israels flogen, untergegangen.

»Hast du sonst noch Fragen? Kann ich noch irgendetwas für dich tun?«, riss Doktor Noy Assaf aus seinen Gedanken.

»Welcher Pfleger hatte denn Dienst, als der Rabbi verstorben ist?«

»Da fragen wir am besten vorne bei der Oberschwester nach. Ich begleite dich.« Der Arzt stand auf und kam auf Assaf zu. Er war einen ganzen Kopf kleiner als der Kommissar.

Sie gingen auf den kahlen Gang, und Assaf folgte dem Mediziner, der in seinem großen weißen Kittel ganz verloren aussah. Gemeinsam traten sie an den Tresen im Eingangsbereich heran, in dem Assaf angekommen war.

»Schwester Rita, Kommissar Rosenthal würde gerne wissen, wer letzte Nacht Dienst hatte«, forderte Doktor Noy die Schwester auf, die Assaf bereits in Empfang genommen hatte. Dann sagte er förmlich an den Kommissar gewandt: »Adon Rosenthal, viel Erfolg bei den Ermittlungen.«

Assaf nickte dankend und schaute dem Arzt, der in den weiß gestrichenen Flur verschwand, kurz hinterher. Dabei fiel ihm eine junge Krankenschwester auf, die ihn, etwas versteckt im Türrahmen, aus einer Entfernung von etwa zehn Metern ängstlich beobachtete. Als sie bemerkte, dass der Kommissar sie entdeckt hatte, ging sie plötzlich los und lief schnellen Schrittes an ihm vorbei. Assaf schaute unauffällig auf das Namensschild, das in ihren Kasack eingenäht war. Ifat, las er, bevor er sich wieder zu der Oberschwester umdrehte.

»Also gestern Nacht hatten Schwester Hagar und Pfleger Itay Dienst.« Die Oberschwester deutete mit ihrem Zeigefinger auf den Dienstplan.

Assaf entdeckte den Namen Ifat neben dem Plan auf den Schwester Rita zeigte. »Und wofür ist dieser Plan?«, fragte er, während er sich unauffällig den Nachnamen der Krankenschwester notierte, die ihn eben so argwöhnisch beobachtet hatte. Sie hieß Abu Najib, und das alleine war schon seltsam. Es kam nicht oft vor, dass eine Frau mit jüdischem Vornamen einen eindeutig arabischen Nachnamen hatte. Die Krankenschwester musste mit einem Araber verheiratet sein, eine solche Verbindung war eine absolute Rarität.

»Dieser Plan ist für die angrenzende Station.«

»Ich würde mir gerne die Daten von den zuständigen Pflegern notieren, damit wir sie bei weiteren Fragen kontaktieren können.«

»Kein Problem, ich schreibe sie dir auf«, erwiderte die Oberschwester entgegenkommend.

Assaf hielt Ausschau, ob er Ifat Abu Najib irgendwo entdecken konnte, aber sie schien wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Vielleicht hatte er sich ihr auffälliges Verhalten auch nur eingebildet. Er bedankte sich bei der Oberschwester für ihre Hilfe. Gerade als er sich umdrehen wollte, klopfte ihm Liat Schapira, die Rechtsmedizinerin, auf die Schulter.

»Na, Assafon, da bist du ja schon wieder. Ich dachte, du hättest Urlaub. Aber war dir wohl zu langweilig mit deiner sexy Braut im Zelt, was?« Die Rechtsmedizinerin charakterisierte nicht nur ihr loses Mundwerk, sondern auch ihre Liebe zu Frauen.

»Sehr witzig.« Assaf lächelte müde. »Und, habt ihr die Leiche abtransportiert?«

»Ja, haben wir. Ich spreche jetzt noch einmal mit dem behandelnden Arzt. Wir sehen uns später auf dem Revier.«

»Sababa«, stimmte Assaf zu und machte sich auf den Weg.

Als er aus dem Krankenhausgebäude trat, hatte die Mittagssonne bereits ganze Arbeit geleistet. Der trockene, dunkle Asphalt auf dem Parkplatz schien unter der Hitze förmlich zu verdampfen. Langsam, wie um wertvolle Energie zu sparen, lief der Kommissar an der Schattenseite des Parkplatzes entlang. Kurz bevor er seinen Roller erreichte, stellte sich ihm ein Mann mit schulterlangem Zopf in den Weg.

»Kommissar Rosenthal?«, erkundigte sich der Typ, der etwa Mitte dreißig, also im gleichen Alter wie Assaf war.

Assaf hörte den selbstgefälligen, gehetzten Klang in der Stimme des Langhaarigen und ahnte sofort, dass es sich um einen Reporter handeln musste. »Ich kann dir noch nichts zu dem Fall sagen«, antwortete Assaf routiniert. Als ehemaliger Grenzoffizier war er einiges gewöhnt. Die Journalisten hatten ihnen nicht selten die Kameras provozierend ins Gesicht gehalten, immer in der Hoffnung, einer der Soldaten würde ausrasten und sie hätten mal wieder etwas über die »verkommene Besatzerarmee« zu berichten.

»Aber was sind deine Vermutungen? Hat der Mord ein nationales Motiv? Immerhin war der Rabbi ein bekannter Friedensaktivist. Vielleicht ging das den Leuten der Aktion ›Preisschild‹ gegen den Strich«, bohrte der Mann mit dem teigigen Gesicht weiter.

»Vielleicht haben sich auch einige Dschihadisten am jüdischen Einfluss in Jaffa gestört ... Tatsache ist, wir wissen es noch nicht. Bisher gibt es keine klaren Motive, nur einen flüchtigen Verdächtigen. Aber keine Sorge, wir werden ihn bald aufspüren. Und mit ihm die Gründe für diese abscheuliche Tat.« Damit ließ der Kommissar den aufdringlichen Mann stehen, stieg schnurstracks auf seinen Roller und raste davon.

KAPITEL 3

Assaf erreichte das Büro und sah, dass Zipi und Yossi emsig an ihren Computern und Telefonen tätig waren. Als Yossi den Kommissar entdeckte, beendete er schnell sein Gespräch und kam dann mit seinen Aufzeichnungen auf Assaf zu. Die beiden gingen in Assafs Büro und bedeuteten Zipi, die mit kleinen Augen noch ganz vertieft an ihrem Bildschirm hing, nachzukommen.

»Und, was hast du bis jetzt herausgefunden?«, fragte Assaf gespannt.

»Soweit nichts Schlechtes, allerdings ungewöhnliche Dinge. Der Rabbiner Zvi Ben Avraham ist im Jahr 2000 mit seiner Frau Sara, geborene Goldstein, nach Israel eingewandert. Sie zogen nach Hebron, und er hat dann dort einige Jahre später arabische Jugendgruppen betreut ...«, Yossi blätterte kurz in seinen Unterlagen, »und er ist Mitglied bei den Rabbinern für Menschenrechte geworden.«

»Also war er erst Siedler und dann Palästinenserfreund?«, fragte Assaf erstaunt. Wenn das so war, konnte der Kommissar sich ausmalen, wie der Rabbiner über Israel geurteilt hatte. Diesen Gedanken behielt er jedoch für sich, er wusste, dass Yossi und er nicht unbedingt einer Meinung waren, wenn es um die Politik ihres Heimatlandes ging. Gelinde gesagt.

»Scheint so ...«, stimmte der Polizeihauptmeister ihm nickend zu. »So richtig habe ich das auch noch nicht verstanden. Auf jeden Fall hat er in Hebron Jugendliche betreut, denen er Alternativen zum Terrorismus bieten wollte. Das ist ja nicht verwerflich. Schließlich ist er vor fünf Jahren mit seiner Frau nach Bet Schemesch gezogen und begann kurz danach, die Gemeinde ›Simchat Thora‹ in Jaffa aufzubauen. Er errichtete auch hier ein Zentrum für arabische Kinder und Teenager und besaß eine Zweitwohnung in Jaffa, in der er sich vor der Friedensdemo aufgehalten hat.« Zeitgleich zum letzten Satz betrat Zipi Meier den Raum.

»Der Rabbi war kein Unbekannter. Wenn er irgendwie angefeindet wurde, ist das vielleicht sogar öffentlich passiert«, bemerkte Assaf nachdenklich.

»Dazu habe ich vielleicht was gefunden«, warf Zipi nun ein. »Gegen den Rabbi lag eine Anzeige wegen Missionierens vor.«

»Walla«, entfuhr es Assaf überrascht. Missionieren galt im jüdischen Staat als Strafbestand. In der Regel waren solche Anzeigen äußerst selten. Wenn überhaupt, richteten sie sich gegen christliche Gruppen, da es im Judentum unüblich war zu missionieren. »Und von wem?«

»Das habe ich auf die Schnelle noch nicht herausgefunden. Ich nehme an, die Anzeige wurde damals anonym erstattet. Aber ich hake da noch einmal nach.«

»Gut, danke. Auf dem Parkplatz des Krankenhauses hat mich übrigens ein Reporter abgepasst. So ein Typ mit Pferdeschwanz und Teiggesicht.«

»Ah, betach Eran Danziger. Der Kriminalreporter von Maariv«, warf Yossi schnell ein.

»Er hat mich gefragt, ob der Mord eine Aktion von ›Preisschild‹ gewesen sein könnte.« Assaf schaute nachdenklich in die Runde. Sie alle wussten, wer die »Preisschild«-Leute waren. Eine Gruppe extremistischer Siedler, die vermehrt alles angriffen, was der Siedlungspolitik entgegentrat. Attacken dieser Art gab es seit 2008, und sie sollten zeigen, dass jeder Angriff auf die Siedler oder ihre Siedlungen einen Preis hatte.

»Aber die greifen doch normalerweise nur in den Gebieten selbst an«, stellte Zipi kopfschüttelnd fest.

»Ah, nicht unbedingt«, unterbrach Yossi die Sekretärin, »vermehrt werden auch Einrichtungen in Jerusalem beschmiert und in Brand gesetzt. Allerdings eher christliche als jüdische. Außerdem waren die Attacken bisher immer eine Reaktion auf bestimmte Entscheidungen der Regierung, die gegen die Siedlerinteressen gingen. Und davon gab es ja nun in den letzten Monaten nicht gerade viele.« Die letzte Bemerkung konnte sich Yossi nicht verkneifen.

»Aber nach Tel Aviv zu kommen, um hier einen Rabbi abzustechen, würde schon eine neue Dimension der Preisschild-Aktionen darstellen«, stellte Assaf fest. »Dann ist es genauso denkbar, dass Islamisten den Rabbiner ermordet haben, weil er zuviel Einfluss auf die muslimische Gemeinde in Jaffa hatte. So ähnlich wie damals bei Juliano Mer-Khamis.« Mer-Khamis, Mutter jüdisch, Vater arabisch, war ein Aktivist im Westjordanland gewesen. Er wurde 2011 vor dem von ihm gegründeten Friedenstheater von einem Terroristen erschossen.

Assafs Kollegen stimmten ihm nickend zu.

»Wie dem auch sei«, sagte der Kommissar langsam, »wir behalten das im Hinterkopf. Hatte der Rabbi neben seiner Frau weitere Angehörige in Israel? Was ist mit den Kindern?«

»Ähm, nicht, dass ich wüsste. Komisch, von Kindern steht hier gar nichts. Die Frau ist bereits vom Krankenhaus informiert worden«, erwiderte Zipi.

»Wo kam der Mann denn überhaupt ursprünglich her? Ich erinnere mich, dass er bei dem Konzert als Rabbi aus New York angekündigt worden war«, überlegte Assaf.

»Genau. Geboren wurde er allerdings 1950 in San Francisco. Und das Rabbinerseminar hat er dann in Brooklyn in den USA absolviert«, berichtete Zipi eifrig.

»Tov. Gute Arbeit ihr beiden. Yossi, wir schauen uns nachher einmal die Zweitwohnung des Mannes an, würde ich sagen. Aber erst einmal muss ich was essen. Ich sterbe vor Hunger.«

Der dunkelhaarige Mann mit den buschigen Augenbrauen warf die zu Bällchen geformten rohen Kichererbsen in das dampfende Öl. Ein lautes Zischen signalisierte, dass die Falafel dort angekommen waren, wo sie hingehörten. Nur kurz ließ der Imbissangestellte die Masse in der Friteuse sprudelnd vor sich hin braten und fischte die Leckereien dann gekonnt mit einem Kellensieb aus dem Topf. »Hummus? Tahini? Amba? Salat? Auberginen? Pommes?«, fragte er den Kommissar routiniert.

»Alles, nur keine Zwiebeln und Amba«, rief Assaf gegen den Lärm der Straße an. Er liebte Amba-Sauce, aber immerhin musste er heute noch ins Büro und wollte seine Kollegen nicht mit seinen Ausdünstungen belästigen. Neben ihm stand sein Freund Jaron, der ganz in der Nähe des besten Falafelstandes der Stadt in einer Großkanzlei arbeitete. Sie beobachteten andächtig, wie die Falafel ihren Weg in Assafs Pita fanden.

»Mann, Assaf, du bist ja komplett abgetaucht. Ich dachte schon, ich sehe dich nie wieder«, sagte Jaron, als die beiden sich auf dem Flohmarkt-Mobiliar niederließen. In seiner Stimme lag keine Spur von ernsthafter Verärgerung. Sie waren so gute Freunde, dass es nichts ausmachte, wenn einer von ihnen mal für eine kurze Zeit weniger verfügbar war. Und immerhin telefonierten sie trotzdem fast jeden Tag.

Assaf grinste spitzbübisch. »Achi, ich hatte eine so gute Zeit mit Gili. Die Frau ist einfach toll.«

Jaron, der seit seiner Scheidung vor ein paar Jahren fast nie über seine Kurzzeit-Freundinnen oder Gefühle zu Frauen im Allgemeinen sprach, sah Assaf schmunzelnd an. »Tov, aber warum hast du dann deinen Urlaub abgebrochen? Gib es doch zu, ein bisschen bist du froh, dass du jetzt mal eine Pause von der Zweisamkeit hast.«

»Wirklich nicht. Wäre ich bei dem Angriff nicht zufälligerweise mehr oder weniger dabei gewesen – keine zehn Pferde hätten mich vom Strand wegbekommen.« Assaf biss genussvoll in seine Pita und schob dann direkt etwas von dem sauer eingelegten Kohl hinterher, den sie zu den Falafelbroten bekommen hatten.

»Na, umso besser«, stellte Jaron mit hochgezogenen Augenbrauen schmatzend fest. »Du übrigens, Assaf, ich habe mir gestern eine neue Wohnung angesehen.«

»Ma ata omer! Wo denn?«

»In Jaffa. Ich sage dir, alle ziehen im Moment nach Jaffa.«

»Hm, Gili wohnt ja auch da und ist ganz begeistert.«

»Ich kenne richtig viele Leute, die da sogar kaufen. Es ist billiger als Tel Aviv, und die Häuser sind neu. Da entstehen komplett neue Viertel.

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